Nr. 65 SONNTAG, 9. Sepi. i9U Aus dem Inhalt: Rote Sturmvögel am braunen Horizont Der ermordete Hitlerjunge im Sack Des Schächters letzter Bluff Ludendorff soll emigrieren Verlag; Karlsbad. Haus„Graphia"— Preise und Bezugsbedingungen siehe Beiblatt letzte Seite Parteitag ohne Partei Die braune Heerschau in Dürnberg Im Lande der unbegrenzten Unmöglich- keiten ereignet sich jetzt der Fall, daß eine Partei, die nicht mehr existiert, ihren Parteitag abhält Die NSDAP ist am 30. Juni samt ihrem eigenen Führer durch Kopfschuß erledigt worden. Als das Ge- BPenst einer Partei wandelt sie jetzt durch die Straßen Nürnbergs. Freilich je toter die Partei ist, desto ■ebendiger sind die höheren Pg. Sie kom- mulieren Aemter und Gehälter und ihre Preßwerkzeuge sind über alle Maßen ge- sUnd. Ihre Begeisterung für das Dritte Paich ist echt. Ihr Wunsch, daß das tau- Send Jahre lang so bleiben möge, ist un- geheuchelt. Sie lieben ihren Führer auf- �chtig, denn sie sind Gesellschafter der großen Hitler- Verwertungs-Ges. m. b. H., aus der Popularität des politischen Wundertäters das größte Geschäft aller leiten gemacht hat. Das Geschäft lebt. Pg-, bis auf einige Ausnahmen, leben auch und gar nicht schlecht. Nur die Par- Wi freilich, die ist tot. P'ie NSDAP ist entstanden wie jede uudere Partei auf dem Boden der Demokratie, von unten herauf wachsend. Sie ?utte zwar kein eigentliches geistiges Leben-_ davon zu sprechen, hieße den Geist eleidigen— aber doch eine gewisse in- Uere Beweglichkeit. Sie hatte einen Führer- der die maßgebenden Beschlüsse ußte und es war keineswegs immer Hit- er> der dort entschied. Kurz die NSDAP war eine Partei. Seit aber die Partei den Staat eroberte, * sie immer mehr in die Rolle des Sol- aten geraten, der seinen Gefangenen nicht Jutbringen kann, weil er ihn nicht losläßt. 'cht die Partei absorbiert den Staat, son- crn der Staat absorbiert die ParteL Die- r totale Staat der Kapitals- und General- crrschaft kann sich das Narrentreiben nes gigantischen Septemberfestes wohl gefallen lassen, aber er kann eine wirk- cbe Partei neben sich nicht bestehen las- Die nationalsozialistische ebensowenig, e irgendeine andere. So wurde der 30. Juni, an dem die Par- �'arinee der NSDAP, die SA, in aller °rin enthauptet und niedergetreten V�fde, zum Höhepunkt einer Entwicklung, e schon nach dem Tage der Machtergrei- �g durch Hitler begann. • p Es kann in Hitler-Deutschland keine s �ci geben, auch keine nationalsozialisti- >pbe. Ea kann Aemterverteilungsstellen, �Tptionsvertfeilungsstellen geben, es Prätorianergarden geben und Mord- J®ffeln zur besonderen Verwendung des u�rers, aber eine Partei kann es nicht ben. Eine Partei kann nur funktionie- im Kampfe mit anderen Parteien, sie T8*® nur funktionieren in Freiheit. So auf � aucb lässig anzusehen sind", können gleichfalls den Ruhestand versetzt werden. Bis Jetzt waren die Kaltstellungen �. liebiger Geistlicher nicht sehr wirksam, es sieht nicht aus, als ob sich das in Zuk1�' ändern sollte. Die Gemeinden geben � Pfarrer nicht preis, wenn die Kinüm®. miGUebigen Predigern verschlossen so werden in Turnhallen und Versammlung sälen gut besuchte Gottesdienste abgehal Also sind die„in Kraft gesetzten" Besten mungen praktisch außer Kraft und das ne Gesetz wird ebenso wenig Klarheit schal wie seine Vorgänger. Damit der Wirrwarr vollkommen wird, ginnt Dr.L. Groß, Leiter des Rasseamtes NSDAP, die antisemitische Theorie des kenkreuzes zu revidieren: er bestreitet in „Deutschen Allgemeinen Zeitung", � � Nationalsozialismus andere Rassen herabse � oder als minderwertig bezeichnen wolle;_ spreche nicht von Minderwertigkeit irg«" welcher fremder Menachengruppen, 8000 lt( lediglich von ihrer Ander sartlgk« und lehne die Vermischung als schädlich beide Teile ab... Also existiert plötzhch vi mehr, was Hitler in seinem Memoirenscbn*� ren von der Minderwertigkeit des Judent � fabelt? Und die„Welsen von Zlon" nicht? Und die täglichen antijüdischen Exzesse der Hltlerschen Pressebengel, der s®11' semitisch besoffene„Stürmer" des Reichsstatthalters Streicher-- das alle! ist plötzlich nicht mehr wahr, n16� mehr da?? Die Konfusion und Verlogen11. des Gangsterstaates wächst mit jedem Priedericos gegen Ludendorff Dem völkisch-nationalistischen Skandalblatt»Fridericus« wurde der Tod Hindenburgs 'hm Anlaß, den etwas in Vergangenheit ge- t�tenen Kameraden des Generalfeldmar- ■challs, den General Ludendorff, aus öer Rurapellcammer der Geschichte herauszuholen, allerdings nur, um ihn etwas abzustauben. Der»Fridericus« schreibt; »General Ludendorff verweigerte anläßlich des Heimganges des Generalfeldmarschalls von Hindenburg jede Trauerkundgebung und jede Ehrenbezeugung. General Ludendorff war es, der am 30. März 1930 in seiner»Volkswarte« einen Aufsatz veröffentlichte, dessen Uebcrschrift»Herr Paul von Hindenburg« lautete. In diesem Aufsatz machte General Ludendorff dem greisen Feldraar- schall die unsachlichsten und ehrenrührig- .;ten Vorwürfe... Ludendorff nahm auch nichts zurück von den Schmähungen früherer Tage. Er bat durch sein Verhalten den toten Fe'.d- herrn und Vorgesetzten geschmäht, wie er, mpathien, ausgenommen in den wohlhabenden Klassen, die aber in Italien viel r eniScr zahlreich sind als in vielen ande- 11 Ländern. Diese Situation des Faschis- �Us hatte sich im Oktober 1922, als er änü berufen wurde, nicht sehr ge- ert. Es war eine kleine Minderheit, die Un» organisiert war, die aber von der s. feueren Masse des Volkes mit Feind- w'gkeit, Mißtrauen oder Gleichgültigkeit rachtet wurde. jjr �cser Unterschied ist sehr wichtig. � �klärt die Verschiedenheit der Lage Entwicklung der beiden Parteien. g Für den Faschismus war es die große �awierigkeit, an die Macht zu kommen, ab1"1 C'a3 bing ausschließlich vom König Okt kS bätte genügt, wenn der König im po 0ber 1922 zur Zeit des Marsches auf ein Dekret über den Belagerungs- Seb-and Unterzeichnet hätte, um den Fa- Sein1SmUs für alle Zeit um Verzicht auf ja® Ambitionen zu zwingen. Er besaß dle Quelle des Prinzipa des Rechts, der Wahrheit und der Tugend«, während ganz selbstverständlich Frankreich das»Prinzip des Bösen« vertrat. Und wenn das nationalsozialistische »Programm« bramarbasiert:»Wir fordern den Zusammenschluß aller Deutschen zu einem Großdeutschland«, so forderte Marwitz anno 1813 schon Aehnliches, als er in einer Denkschrift der Eroberung sämtlicher deutschen Gebiete das Wort redete. Dazu gehörten ihm nicht nur»Hochteutschland«(die Schweiz), »Niederteutschland«(Holland) und das Elsaß, sondern auch Metz, Luxemburg und Namur nnd Städte, die er Mümpelgard, Bergen und Peyssel aussprach, während sie Montböllard, Möns und Lille geschrieben wurden! Nach allem verdient der Junker von der Marwitz eine Büste in der Vorhalle des Braunen Hauses. Ein kleiner Haken ist allerdings dabei. Von seiner Mutter, die, eine geborene � o r v 1 1 1 e, einer französischen Röfugld- Pamllie entstammte, trug der grimme Hasser Prankreichs das Blut des»Erbfeindes« in den Adern, und der so wild gegen die Juden wetterte, hatte einen geliebten Bruder namens Alexander, dessen liebste und vertrauteste Seelenfreundin Rahel L e v 1 n hieß und Auch später als Gattin Varnhagens ihr Judentum nie verleugnete. Karl Max. ftfachl: über Deutschland Nene Schriften über das Dritt« Reich. Zu den bemerkenswertesten publizistischen Neuerscheinungen der letzten Monate gehört Zweifellos das im Verlag Oprecht& Helbing, Zürich, erschienene Buch von Heinrich « g 1 n s,»Dämmerung. Notizen in Deutsch- land«. Es sind zwanglos hingeworfene Gedanken des Verfassers aus den Jahren 1926 bis 1931, deren besonderer Reiz in Ihrer Ungebun- denheit und rücksichtslosen Schärfe liegt. Mit einer Hellsichtigkeit sondergleichen legt �teglus die Triebkräfte und Wurzeln der nationalsozialistischen Konterrevolution bloß, deren Nahen schon In den vorhergehenden Jahren zu spüren war. In der Dämmerung die- Jahre kristallisierten sich ihre Bestandene heraus: die geschlossene Front des Monopolkapitalismus, die der Demokratie und dem Soziallsmus dem Kampf auf Leben und Tod ansagte: der nationalistische Furor, der ANe Leidenschaften des Volkes aufpeitschte; der kleinbürgerliche Massenwahn, der auf der �uche nach einem»Retter« sich gläubig an �nen pathologischen Abenteurer hängte. Alles Bestandteile des Niederganges des Kapitalismus, der seine heiligsten Güter mit fei- Asren Apparaten und furchtbareren Garden tn schützen sucht, als das Mittelalter«a In auf seine Kirchenheiligen tat. fe Konterrevolution hatte ihre wirt- "Ahaftllch-sozialen und ihre geistlg-kulturel- i®1* Wurzeln. Der Aufstieg der deutschen Ar- 1 k�ter klaase hatte die Klassengegensätze un- In Deutschland brauchen zweifelhafte Machtansprüche nur mit philosophisch klingenden Bezeichnungen versehen werden, um alle sittlichen und sozialen Fragwürdlgkelten zu verdecken. Die absolute Monarchie war von Gottes Gnaden, war eine»gottgewollte Abhängigkeit« und alles, was in ihrem Namen geschah, war der Kritik unterstellt. Das Hitler-Regime ist der»totalitäre Staat« und mit diesem Titel gewappnet, soll er mit allem, was dort vor sich geht, unantastbar sein. Der totalitäre Staat, was ist denn Ihm soviel nachzurühmen? Professor Nikolai Hartmann, Ordinarius für Philosophie an der Universität Berlin, hat das jetzt herausbekommen. Der Staats-Hegelianismus sei mit ihm und In ihm vollendet. Zum ersten Male sei die»platonische Idee des Staates« In die Wirklichkeit getreten. Wenn das geschehen sei, so stünde es gut um den Staat. Noch immer habe es sich gezeigt, daß ein Gebilde, das diese Stufe erreicht habe, das reif geworden sei, eine platonische Idee zu vertreten, ewigen Bestand habe. Man ersieht jetzt, warum Hitler so zuversichtlich mit einem tausendjährigen Alter des Dritten Reiches rechnet. Der Professor Hartmann hat es ihm versprochen. Mit der platonischen Idee kann man lange herumhadem. Eine ganze Bibliothek von Streitschriften haben die Fachphilosophen darüber bereits zusammengeschrieben. Man wird wohl allen Auffassungen einigermaßen gerecht, wenn man sie als die aller erfahrbaren Wirklichkeit enthobene, dabei aber diese Wirklichkeit doch erst produzierende Macht jenseits der Einzeldinge beschreibt. Ohne die Idee»Baum« gibt es keinen Baum, ohne die Idee»Menschheit« gibt es keinen Menschen. Die Idee war zuerst da, die Einzelgebilde wurden daraus. Wie weit diese Sondergestalten gelungen oder mißlungen sind, das entscheidet ihr Abstand von der Idee oder ihre Kongruenz mit der Idee. Auch der Staat verdankt seine Existenz solchem Zauber. Um ganz dem platonischen Maßstab zu entsprechen, müsse er total, müsse er nationalsozialistisch sein. Also lehrt Nikolai Hartmann, der einst ein guter Europäer war, jetzt aber nur noch ein braver deutscher Wissenschaftsbeamter ist, zum höheren Ruhm Hitlers an der Universität Berlin. geheuer verschärft, während die heraufziehende Wirtschaftskrise den Boden unterhöhlte, auf dem allein die Arbeiterschaft ihre bisherigen Errungenschaften festhalten und ihre Macht steigern konnte. Zu einer Zeit, wo sich viele noch von der Scheinkonjunktur der Jahre 1925 bis 1929 täuschen ließen, sieht Regius in der zunehmenden Differenzierung innerhalb des Proletariats die Wurzeln der Ohnmacht der deutschen Arbeiterbewegung. »Die regulären ordentlichen Arbeiter befinden Nun sind die regierenden Verbrecher fein heraus. Sie können sich noch so aufdringlich als oberste Matadoren ausgeben, noch so hochtrabend als Staatslenker gebärden, die nur vor der»Geschichte« oder ihrem eigenen Gewissen verantwortlich sind, was sie tun, tun sie im höheren Auftrag des totalitären Staates, der für praktische Haftbarmachung keine faßbare Angriffsfläche bietet, und der Professor Nikolai Hartmann gibt ihnen dazu seinen Segen. In dieser Situation kennen wir uns historisch bereits aus. Die Berchtold und Wilhelm, die Iswolski und d' A n n u n- zio entfesselten den Krieg. Als es galt, die Verantwortung zu tragen, schoben sie ebenfalls allerhand überpersönliche Mächte vor. Imperialistische Zwistigkeiten, rassische Gegensätzlichkeiten, der»natürliche« Eroberungsdrang jugendlicher Völker, nur nicht die Wilhelm und Berchtold sollten den Krieg entfesselt haben. Gewiß, es gab geschichtlich gewordene Kräfte, deren Zusammenstoß zum Kriege trieb. Aber verlieren deshalb die Repräsentanten dieser Kräfte, die gewissenlosen Spielern mit Völkerfrieden und Völkerglück ihre persönliche Verantwortung? Soweit wie die Kriegstreiber von 1914 sind die regierenden Nazis nun auch schon. Sie schieben immer ihren totalitären Staat vor, wenn ihr Hunnenregiment der Kritik unterzogen wird. Der totalitäre Staat gebiete es, daß die Gewissensfreiheit in religiösen Dingen aufhöre, der totalitäre Staat bürde der Wissenschaft das Rasseprinzip auf, setze sich über den Raub an Gut, Ehre und Freiheit der Person hinweg. Der»Liberalismus« möge diese Ansprüche berücksichtigen, der totalitäre Staat sei darüber hinaus. Die platonische Idee mag auf wunderbare Einfälle kommen, Herr Professor Hartmann, verbrecherisch handelt sie nicht. Wer hat die Bartholomäusnacht vom 3 0. Juni verschuldet? Die platonische Idee ist nicht verrückt geworden, wohl aber der nach Deutschland verschlagene Schlawiner, den ein Treppenwitz der Weltgeschichte zum»Reichsführer« gemacht hat. Menschen oder vielmehr Unmenschen formleren diesen totalitären Staat, hinter dem das gemeine Verbrechen steht, aber keine platonische Idee. sich im Gegensatz zu denen, die auch noch heute nichts zu verlieren haben als ihre Ketten. Zwischen den in Arbelt Stehenden und den nur ausnahmsweise oder vielmehr gar nicht Beschäftigten gibt es heute elna ähnliche Kluft wie früher zwischen der gesamten Arbeiterklasse und dem Lumpenproletariat. Heute ruht der eigentliche Druck des Elends immer eindeutiger auf einer sozialen Schicht, deren Mitglieder von der Gesellschaft zu völliger Hoffnungslosigkeit verdammt sind.« 1 Diese Dlff ereozlerang des Proletariats als Folge einer tiefgreifenden Strukturwandlung des deutschen Kapitalismus hat aber nicht allein zur politischen und wirtschaftlichen Schwächung des Proletariats, sondern auch zu seiner geistigen Degradierung geführt. Sie hat den Prozeß verstärkt, der zielbewußt vom Bürgertum gefördert wurde; den Prozeß der kulturellen Degratierung des Proletariats, dessen Aufgabe darin bestand, die unterdrückten und ausgebeuteten Massen an die Ideologie der herschenden Massen zu fesseln. In demselben Maße, wie die wirtschaftliche und politische Stärke der Arbeiterbewegung zurückging und ihre Zerrissenheit wuchs, erlahmte auch ihre geistige Widerstandskraft, schwand die Anziehungskraft ihrer sozialistischen Ideale, öffneten sich auch innerhalb der proletarischen Front breite Lücken, durch die der geistige Zersetzungsprozeß der nationalsozialistischen Konterrevolution In die Massen eindrang. *•* In welchen kulturellen Abgrund der Sieg dieser Kontrerevolutlon geführt hat, zeigt die Schrift von C. Michaelis, H. Michaelis und W. O. Somln»Die braune Kultur« (Europa-Verlag, Zürich) sowie das von den gleichen Verfassern herausgegebene BUder- buch»Der braune Haß«(Verlag Llbralrie Lipschutz, Paris), das die Ausführungen des ersten Buches wirkungsvoll ergänzt. Die »Braune Kultur« ist im wesentlichen eine Dokumentensammlung, die das Wesen des nationalsozialistischen Regimes an Hand der amtlichen Dokumente, der Aussprüche der»Führer«, der Meldungen der nationalsozialistischen Tagespresse sowie der theoretischen Konstruktionen maßgebender Publizisten und Wissenschaftler zu schildern sucht. Alle Seiten des national sozi alle tischen Alltags werden geschildert: Erziehung, Justiz, Stellung zur Religion und Kirche, Stellung der Frau Im neuen Staat, Rassenfrage, Judenfrage, Stellung zum Pazifismus und Soziallsmus, Wissenschaft, Kunst, Literatur, Presse usw. Es ist keine erfreuliche Lektüre, die dem Leser hier geboten wird. Sie Ist aber ungeheuer lehrreich, denn sie zeigt, mit welchen Mitteln der frühere Kulturstaat Deutschland in eine mittelalterliche Despotie verwandelt worden Ist und ein Volk von 65 Millionen, das verheißungsvolle Ansätze einer modernen Demokratie geschaffen hatte, in eine Herde sklavischer Untertanen umgeformt werden soll. Besonders wirkungsvoll sind die Abschnitte, die der nationalsozialistischen Erziehung, der Militarisierung des gesamten Volkslebens und der kulturellen Beeinflussung des Volkes gewidmet sind. Sie zeigen einerseits, in welchen Abgrund der geistigen Verblödung und Verdummung die nationalsozialistischen Führer im Bunde mit ihren käuflichen Trabanten aus dem Lager der»Intelligenz« das Volk hlnednsteuem, sie lassen aber andererseits auch erkennen, daß die mit allen Mitteln der Lüge und des Betruges betriebene geistigseelische Beeinflußung des Volkes auf sehr schwachen Füßen steht und einer starken Gegenströmung, die aus den Schätzen der Menschheitskultur schöpft, nicht gewachsen ist. Publikum. Und es klingt wie ein Recht- �-riigungsversuch, wenn ein faschistischer Kritiker kürzlich in der DAZ versuchte, diese Kachegesinnung mit dem Urgefühlen des »freien Mannes" zu verklären. Der rächende K�tektlv im Kriminalfilm, schreibt der Edle, Erfülle eine Ursehnsucht, die In uns allen "khlurnmere: •.Blutrache gibt es nicht und kann es im Staat der Millionen nicht mehr geben. Aber unser Sinn bleibt hungrig bach dieser verlorenen Staats- ?ewalt des freien Mannes und sel- ®er Sippe gegen den Uebeltäter...." So steile jedes Kinoparkett vor einem prinünalfiim gleichsam eine einige Sippe wie n der Vorzeit dar, die auf privatem Kriegs- Mad zur Vollbringung privater Rache unter- sei: »Blutrache natürlich— darum immer �ielch Mord. Und wehe dem Täter, der a®1 Schluß nicht umgebracht wird! Der ®taat mag Zuchthaus verhängen— der 'rete Mann schlägt, wenn er straft, dem Bösen abschließend den Schädel ein. So Ist das merk- �Jrdige und oft beklagte Interesse allen �bblikums für die Kriminalgeschichte durchaus nicht krankhaft,.. Nein, aber krankhaft und grauenhaft Ist s u �rei�® Wirkung manchen Krimlnal- g. bbdes, das kranke Hitler-Deutschland ist dafür. Die„private Blutrache" wurde � sozusagen in Permanenz erklärt: sie und in Konzentrationslagern, fobt sich nur an Wehrlosen aus und — siehe 30. Juni— gelegentlich auch e der eigenen Blutrachegenossen aus dem Wege, deren„Sippen" dann diese Füsi- laden als gemeinen, rechts- und normwidrigen Meuchelmord und hinterlistigen Verrat bezeichnen. Wir sind damit nur scheinbar vom Thema abgekommen, denn gerade die obige Mord- phllosophle und die sadistischen Exzesse der braunen Gangsterei zeigen, wie sehr Ihre ureigenste Mentalität, ihre Seelenverfassung, ihr falsches Pathos, ihre Art, die Welt falsch zu sehen und unbequeme Realität zu ignorieren— wie sehr dies alles den peinlichen Stempel des gleichen Kitschkinos trägt, aus dem sich Hitlers Anhängerschaft rekrutiert. Deutsche Erde? Nein, die Flimmerkiste von vorgestern ist ihre Heimat. Hitler plus Edgar Wallacc „Auf dem kürzlich abgehaltenen Anthropo. logenkongreß hat H. Poll-Berlin, wie die „Münchener Medizinische Wochenschau" berichtet, den Nachweis geführt, daß man aus den Fingerabdrucken Schlüsse auf die Rassezugehörigkeit ziehen könne." Gewiß. Und aus dem Inhalt der„Münchener Medizinischen Wochenschrift" Schlüsse auf den Geisteszustand im„Dritten Reich"! Umgehend.•. Aus einer Berliner Feuilleton-Plauderei: „Weißt Du, daß Udet am Sonntag eigens aus der Schweiz nach München flog, um im Münchener Hauptbahnhof seine Stimme abzugeben, und dann umgehend nach der Schweiz zurückflog?" Flog er vielleicht so umgehend wieder in die Schweiz zurück, weil ihm bei der„geheimen" Wahl einer zu sehr über die Schultern geguckt hatte?! Kunst nach Kilometern! Im Auftrage der deutschen Funkausstellung 1934 hat der Maler Karl L e i p o 1 d ein Gemälde„Der Kosmos" geschaffen. In der Zeitung„Funk und Bewegung", die gratis verteilt wird, bekommen die Besucher folgende Anleitung zur kunstverständigen Beurteilung dieses erstaunlichen Werkes: „Deutschlands größtes Gemälde auf der Punkausstellung 1934! Wie wir erfahren, ist das von Karl Lei- pold für die Funkausstellung 1934 gemalte Bild„Der Kosmos" das größte Gemälde, das Deutschland Jemals gesehen hat. Es hat eine Höhe von 8 Meter, eine Breite von 9 Meter, mithin eine Fläche von 73 Quadratmeter! Es ist in dem größten Atelier der Welt, nämlich der Halle VTH der Funkausstellung gemalt, die eine Länge von 140 Meter, eine Breite von 83 Meter und eine Höhe von 13 Meter hat. Der Himmel dieses„Kosmos" ist mit sieben Farbtönen Ubereinandergemalt, mit einem Pinsel, der wenig mehr als Daumenbreite hat. Ein Mthematlker hat ausgerechnet, daß zur Füllung dieser Fläche mit den verschiedenen Farbtönen Pinselstriche in einer Länge ausgeführt werden mußten, daß. der Maler inzwischen die Gesamtlinie des Aequators von 40.000 Kilometer hätte anstreichen können." Deutschland hat also nicht nur den genialsten Führer und Staatsmann aller Zelten, nicht nur die vollendetste Demokratie, die saubersten Wahlen, die größten Riesenfeuerwerke und die siegreichsten Arbeltsschlaoh- ten, es besitzt jetzt auch das allergrößte, ungeheuerste und grandioseste Riesenkolossal- monstrumgemälde der ganzen Welt. Da kann man nur gratulieren....! Was ist deutsche Husik? „Auf der deutschen Seite lebt das Innen, die Form mit durchgebildetem Thema, das sich ins Freiheitliche reckt. Diese Haltung ist der Begriff des Deutschen in der Musik". Aus„Was ist deutsche Musik?" Eher-Verlag, München. Die kulturellen Belange „Auf der Bundestagung der deutschen Briefmarkensammler wurde beschlossen, den Umbau der Satzungen nach dem Führerprinzip bis zur gesetzlichen Neuregelung des Vereinsrechtes, zunächst aber für ein Jahr, zu vertagen... Die Organisation der Jugendlichen Sammler stieß, wie auf der Tagung festgestellt wurde, vielfach auf Schwierigkelten, da die Jugend von so vielen Selten in Anspruch genommen wird, daß für die Pflege kultureller Belange kaum Zelt bleibt." So liest man in nationalsozialistischen Zeitungen. Was für„Kultur" übrigbleibt, langt höchstens bis zum Briefmarkensammeln. Dann hört's aber auf' Was ist KS* Sozialpolitik? Betricbslührer 1600 Mk. Monatsgehalt— Bäckergeselle S Mk. Wochenlohn —»Mitleid ist Sünde!« Die Zeitschrift»NS-Sozlalpolitik< untersucht den Begriff Sozialpolitik, um a�is»neuer nationalsozialistischer Blickrichtung heraus« zu erklären, daß Sozialpolitik nicht mehr gleichbedeutend sei mit»Arbeiterpolitik«. Es wird als ein unsinniger Zustand gekennzeichnet, wenn in der liberalistlsch-materialisti- schen Blickrichtimg von früher der Arbeiter im Kampf um seinen Unterhalt die staatliche Sozialpolitik als einen Bundesgenossen« betrachten konnte. »Es ist keineswegs die Rede davon, daß die Sozialpolitik sich nur um die Sicherung des Lebensraums des Arbeiters zu kümmern habe, also nach altem Sprachgebrauch nur Arbeiterpolitik zu sein habe.« Da das gesamte Volk leidet, so müsse die Sozialpolitik in Blickrichtung auf alle Auswirkungen betrieben werden. Diese Umkehrung aller Sozialpolitik, die für den wirt- achaftlich Schwächeren einen besonderen und erhöhten sozialen Schutz zugunsten der Phrase von der Volksgemeinschaft immer wieder verneint, führt zu katastrophalen Wirkungen für die Arbeiterschaft, über die sich die Arbeitsfront des Neureichen Dr. Ley nur hier und dort noch verstohlen äußern darf. So bringt das»Arbeitertum« ein Stimmungsbild aus der Sprechstunde der Rechtsberatungsstelle Köln-Aachen und berichtet über den Fall der fristlosen Entlassung eines Bäckergesellen, der einmal morgens um 4% Uhr das Wecken verschlafen hatte. Bei dieser Gelegenheit erklärte der Geselle vor der Rechtsberatungsstelle, daß er nur 5 Mk. Wochenlohn bezogen habe und daher keine Lust verspüre, auf den Arbeitsplatz zurückzukehren. Erklärung: »Sozialpolitik ist der Teil der gesamten nationalsozialistischen Staatspolitik, der sicherstellt, daß der kulturelle und wirtschaftliche Lebensraum des einzelnen Volksgenossen in der völkischen Lebensgemeinschaft allein von der Leistung und der Rücksicht auf das Gesamtwohl des Volkes bestimmt wird.« Das Mitteilungsblatt der Buchdrucker berichtet in Nr. 35/1934 von einem Berliner Betrieb, der von der Gefolgschaft einen freiwilligen Verzicht der bisherigen Leistungszulage verlangt hat, während der Betriebsführer sein Gehalt von monatlich 1600 Mk. ungekürzt weiter bezieht. Das Blatt meint schüchtern,»daß sich die Betriebsführung keine Einschränkungen und Opfer auferlegen wolle«. Die Existenzsicherung und den wirtschaftlichen AufsUeg des Arbeiters im Dritten Reich spiegelt ein Aufruf der»Frankfurter Zeltung« zum Notwerk der Tabakarbeiter. Der Kreisamtswalter von Lemgo führt aus: »Die Löhne in der Tabakindustrie lägen besonders niedrig. Da die Tarife in den nächsten Monaten nicht kündbar und daher keine Lohnerhöhungen zu erwarten seien (Lohnabbau kann bekanntlich täglich vorgenommen werden. D. R.) die Notlage der Tabakarbeiter aber groß sei, stelle es sich die NS- Volkswohlfahrt zur Aufgabe, hier helfend einzugreifen.« Für die Almosenspender wird beruhigend hinzugefügt, daß nicht alle Tabakarbeiter unterstützt werden sollen, »sondern nur diejenigen, die heute in Ar- beit schlechter ständen, als die bereits vom Hilfswerk betreuten Personen und Fami- . lien.« Der Lohnarbeiter bezieht also noch nicht einmal einen Lohn in Höhe der wahrlich kümmerlichen Wohlfahrtsunterstützung. Dabei sind nach der amtlichen Statistik vom JuU 1934 überhaupt nur 51,55 Prozent Vollarbeiter zu verzeichnen. Erklärung der NS- Sozialpolitik: »Das Objekt der Sozialpolitik ist also größer, umfassender geworden, denn es sind nicht mehr die Arbeiter, sondern es ist das ganze wirtschaftende Volk.« Die NS-Sozialpolitik ist nicht mehr für den Arbeiter, für ihn ist die NS-Volkswohlfahrt. Welch strahlende Arbeiterherrlichkeit nach 1% Jahr Hitleregierung! Dafür werden aber die Lohn- und Gehaltsempfänger getröstet, sich zu gedulden bis erst alle Arbeitslosen untergebracht sind. Dann soll die Lohnfrage in Angriff genommen werden. Für den Kampf gegen die Arbeitslosigkeit hat die NS-Sozialpolltik eine neue Entdeckung gemacht. Die Statistik der Reichsanstalt muß endlich von der unechten Arbeitslosigkeit entlastet werden, um die Zahl der Arbeitslosen weiter zu vermindern. »Die echte Arbeitslosigkeit ist geringer, als es die amtlichen Zahlen zu erkennen geben«, denn sie umfaßt nach Meinung des % Leitartiklers im»Arbeitertum« immer noch Massen von Arbeitsscheuen und Arbeitsunwilligen. »Wie groß die Zahl dieser Elemente ist, deren Grundsatz lautet,»hoch die Arbeit, daß keiner ran kann«, läßt sich nicht ohne weiteres ermitteln... immerhin dürfte sich die Zahl der Arbeitslosen— nur die wirk' lieh Arbeitsuchenden verstanden— beträchtlich vermindern.« Diesen»unechten Arbeitslosen« soll der Geschmack an der Arbeit beigebracht werden und nicht nur durch Erziehung, sondern »man wird zu schärferen Maßnahmen grei fen müssen. Mitleid ist Sünde.« Als Rezept wird der radikale und umfassende Entzug der Arbeitslosenunterstützung angeführt. »Wer sich durch sein Verhalten außerhalb der Arbeit des Volkes begibt, soll auch außerhalb der Volksgemeinschaft arbeiten., für Humanitätsduselei haben wir weder Geld noch Verständnis.« Wenn nach Durchführung dieser Aktion erst genügend»Arbeitsscheue und Arbeitsunwillige« außerhalb der Volksgemeinschaft zu unsichtbaren Arbeitslosen gemacht sind, dürfte bald der letzte Arbeitslose aus der Statistik der Reichsanstalt verschwunden sein. Erklärung der NS-SozialpoUtik: »Jedem erst e i n Arbeitsplatz, dann jedem sein Arbeitsplatz.« Recht aufschlußreich ist schließlich ein ganzes Bündel von Vorschlägen zur Lösung des Arbeitslosenproblems im Buchdruckgewerbe, die der»Korrespondent« als Muster nationalsozialistischen Handelns empfiehlt. Da zugegebenermaßen eine Geschäftsbelebung nicht zu erzielen sei, so müsse eine andere Aufteilung der noch vorhandenen Arbeitsmenge vorgenommen werden. Da wird u. a. vorgeschlagen: Arbeitsdienst und zeitlich begrenzter Arbeitsverzicht: »Der einjährige Arbeitsdienst bis 25 Jahre ist eine Selbstverständlichkeit... Es mutet höchst sonderbar an, wenn Arbeitskameraden 25 und mehr Jahre im Betriebe tätig sind, dazu noch ein Stab Jugendlicher...« Als Forderung nach dem Grundsatz des Führers über Gemeinnutz wird verlangt: »Auswechslung der Arbeitslosen auf wenigstens ein Jahr mit denen, die länger als drei Jahre in Arbelt stehen.« Für die jungen Arbeitskameraden sei der Militär- und Arbeitsdienst sehr zu begrüßen. In gleicher Liebe zur Jugend wird gefordert: »Die Lehrlingseinstellung ist zu stoppen, solange über 10 Prozent aller Berufsangehörigen stellungslos sind.« Während das Organ der Buchdrucker sich bereits damit abgefunden hat, nur noch eine Arbeitergruppe gegen die andere auszuspielen, klagt»Der Deutsche Holzarbeiter« über den Mangel an Facharbeitern und fordert vorausschauende Facharbeiternachwuchspflege. Geradezu klassisch für die faschistische Ideologie in der Arbeitsfront ist der Schrei des»Korrespondent« nach einer Lohnkürzung der Maschinensetzer. Diese durch ausströmende Dämpfe, durch Gas und Bleidünste und fortwährende Hitze im Arbeitsraum besonders bedrohte Berufsgruppe hatte bisher einen unbestrittenen Anspruch auf 20 Prozent Aufschlag zum Tariflohn der Handsetzer. Der Gegensatz Handsetzer— Maschinensetzer müsse nun verschwinden, aber selbstverständlich, indem der höher entlohnten Gruppe der Aufschlag geraubt wird, denn, so lautet der Vorschlag: »Alle Buchdrucker erhalten einen gleichen Wochenlohn.« Jede Arbeitsstreckung geht nur noch auf Kosten der einzelnen beschäftigten Arbeitergruppen, ohne daß das Lohnkonto des Unternehmers belastet werden darf. In der Sprache der Deutschen Arbeitsfront wird den Maschinensetzern die Neuregelung von ihrem Verbandsorgan wie folgt verständlich gemacht: »Es bleibt also zur Begründung dieser Maßnahme(20 Prozent Aufschlag) nur noch(?) die gesundheitsschädigende Luft übrig. Zugegeben das ist richtig... Aber gerade deswegen müßte man den Maschinensetzer weniger Stunden arbeiten lassen, damit er sich auch dann dementsprechend in der frischen Luft erholen kann. Würde man also die Maschinensetzer um diese Differenz kürzen, sie also um diesen Aufschlag weniger arbeiten lassen, dann wäre mit einem Schlage einer ziemlich großen Gesundheit des Arbeiters. Neueinstellungen auf Kosten der noch Beschäftigten schafft Arbeitsplätze, Ausmerzung der arbeitsunwilligen Arbeitslosen vermindert die Zahl der Erwerbslosen und beseitigt die unechte Arbeitslosigkeit. Das sind die Chancen, die det deutschen Arbeiterschaft durch die NS- Sozialpolitik gegetifen werden. Zustände im Arbeitsdienst Von einem Arbeitsdienstler. Ein Arbeitsdienstler schreibt uns; Unglaubliche Zustände herrschen im Ar beitsdienstlager.... Obgleich die Lagerkommandantur die Arbeitsdienstler unerhört schweren Dienst verrichten läßt, setzt sie ihnen ein Essen vor, das schon durchaus so zubereitet ist, wie das Essen während des Krieges. Es gibt immer Reis, Linsen, Graupensuppe und stets ist das Essen nur mit Wasser ohne Fleisch und Fettzusatz zuberei tet. Als Brotaufstrich wird Marmelade verabreicht und nur ganz selten gibt es einmal Margarine. Und dennoch kommen Fett, Speck, Fleisch und Wurst ins Lager. Aber das wird von der Lagerverwaltung zurückbehalten und nur die Vorgesetzten werden damit verköstigt, während die Masse der Arbeitsdienstler sozusagen mit Wasser und Brot gefüttert werden, Eines Tages gab es Linsensuppe als Mittagsmahl, natürlich ohne Speck oder Rauchfleisch. Aber das stand auch schon in großen Buchstaben mit Kreide an der schwarzen Tafel, auf der Bekanntmachungen usw. veröffentlicht werden, geschrieben:„W o bleibt der Speck?" Jeder der Vorgesetzten, auch der Lagerkommandant, hat diese Anschrift, die ein mutiger Arbeitsdienstler rasch angebracht hatte, gelesen. Aber keiner zuckt. Es geschieht nichts. Das Leben im Lager geht seinen üblichen Gang. Früh%5 Uhr aufstehen, runter in den Hof zur Morgengymnastik, dann Waschen,. Stubendienst, schwarzen Kaffee trinken und um 6 Uhr Ausrücken zum Dienst. %2 Uhr einrücken, wäßriges Mittagsmahl dann der Nachmittagsdienst Aber einige Tage darauf bei der Dienstausgabe forderte der Lagerkommandant den zweiten Zug auf, wer unzufrieden sei, solle vortreten. Darauf faßten sich eine große Zahl Arbeits dienstier ein Herz und traten vor. Am anderen Tage waren diejenigen, die man als Rädelsführer vermutete, bereits auf dem Transport ins Konzentrationslager. Die anderen aber, wie der ganze zweite Zug Uberhaupt, sind in andere Arbeitsdienstlager versetzt worden. Unter anderen auch nach M... Dort scheint aber auch das Lagerleben unter allem Hund zu sein. Denn die nach dort hin strafversetzten Arbeitsdienstler haben ihren Eltern geschrieben, daß sie es bis oben hinan satt hätten. In einem solchen Briefe schreibt ein junger Arbeitsdienstler an seine Entern: Liebe Eltern! Bitte schickt mir doch Mark, damit ich mir hier etwas zu essen kaufen kann. Denn ich werde von dem Essen im Lager nicht satt und die 25 Pfennige Löhnung reichen nicht aus, um meinen hungrigen Magen zu befriedigen. Das Essen ist genau so miserabel zubereitet wie in Auerbach und Dienst haben wir ebenso schweren wie dort. Wenn ich wüßte, wie ich mich durchschlagen könnte, würde ich noch heute hier ausreißen. Die Arbeltsdienstler sind bereits heute in ihrer überwiegenden Mehrzahl mit Widerstreben und Abscheu beim Arbeitsdienst. Denn sie sind ja hineingezwungen worden. Es blieb ihnen keine andere Wahl als Unterstützungs- entzug oder Arbeitsdienst, Verlust der Arbeitsstelle und keine Unterstützung oder Arbeitsdienst! Es Ist nicht übertrieben, wenn man als Gesamturteil über den Arbeitsdienst zu der Schlußfolgerung gelangt, daß in den Arbeitsdienstlagern eine sehr starke Keimzelle der Antihltlerbewegung zu sehen ist, die auch durch den rücksichtalosen Machtstandpunkt der Lagerkommandanten und Vorgesetzten nicht ausgerottet, sondern eher noch ungewollt genährt wird. Wer nicht pariert, krepiert! Das Wiesbadener Tagblatt veröffentlicht folgende Notiz aus der Gemeinde Kirchen (Sieg): Zahl von arbeitslosen Kameraden geholfen„Nörgler und Kritikaster stellen ... und auch der Maschinensetzer kann für sich außerhalb der großen Volksgemeinschaft. seine Gesundheit besser sorgen.« Zu ihnen gehört auch der Nachkalkulator aus Weniger Lohn und mehr Luft fördert die| Betzdorf, der sich in letzter Zeit wiederholt in höchst abfälliger Weise über die Regierung geäußert hat. Er wurde von der Polizei von seiner Arbeitsstelle in der Lokomotivfabrik Arnold Jung zur polizeilichen Vernehmung geholt und dann vorläufig(!) wieder auf freiem Fuß gelassen. Die Gefolgschaft seiner Arbeitsstelle weigerte sich(?) weiter mit dem Stänkerer zusammen zu arbeiten, so daß er von der Werksgemeinschaft ausgeschlossen wurde. Die Folgen der Arbeitslosigkeit und vielleicht auch den Verlust der Erwerbslosenunterstützung hat er sich selbst zuzuschreiben." Wie beseitigt man Klassen gegen sätge Durch 6 Tage Arbeitslager! Es gibt in Deutschland wieder eine neue Art von„Führerschule". Sie wurde in Hamburg errichtet, heißt„Gauführerschule V" und dient allen Ernstes der Beilegung des Klassenkampfes. Wie das gemacht wird? Ganz einfach!„Wirtschaftsführer" und„Gefolgsmänner", Unternehmer, Angestellte und Arbeiter werden für 6(in Worten: sechs) Tage in diese Schule gesteckt, die eine Art Arbeitslager ist, und wenn sie wieder herauskommen, sind sie so geläutert, daß alle Klassengegensätze sie nicht mehr zu kränken vermögen. Im Völkischen Beobachter heißt es: Die Unterschiede von Stand und Rang sind hier durch das ganze äußere Leben verwischt. Während des Wehrsports kommandiert jeder die anderen umschichtig. der Arbeiter befiehlt seinem Unternehmer und umgekehrt. Die innere Ueberwindung dieser Unterschiede im menschlichen, das Leben und Reden von gleich zu gleich, von Mann zu Mann, von Du zu Du, ist Ende, Ergebnis und Ziel der Schulung in Rissen. Hier erwächst Wille und Bekenntnis zum gemeinsamen Handeln und zu gleichen Aufgaben — in der Betriebsgemeinschaft. Wenn das Sechstagerennen vorbei ist, weiß der Arbeiter zwar immer noch nicht, wie er von dem Lohn, der häufig die einstmalige Arbeitslosenunterstützung nicht übersteigt, eine Familie erhalten soll, auch das trauliche„Du" dürfte sich der Unternehmer im Betriebe ernstlich verbitten— aber das Bewußtsein, den eigenen Fabrikdirektor einmal kommandiert zu haben, wird dem„Gefolgsmann" sicher über alle Not hinweghelfen. Wer lu Zukunft noch von Klassengegensätzen und von Klassenkampf spricht, ist ein roter Schurke. »Unerlräglich—!« Das„Berliner Aerzte-Journal" will ganze Arbeit mit der Konkurrenz machen. Die bisher durchgeführte Verminderung ge" nügt ihm nicht; es findet auch jetzt noch „die hohe Zahl der jüdischen Aerzte unerträglich" und verlangt sehr unmißverständlich weitere„notwendige Konsequenzen". Schlachtet die Konkurrenz— es lebe da® Geschäft! HeuerDontM 6 biKMcm r f r a H fdi es IDtxdjfnWaH Herausgeber: Ernst Saftler; verantwortlicher Redakteur: Wenzel Horn! Druck:„Graphia": alle in Karlsbad- Zeitungstarif bew. m. P.D. ZI. 1 59.334 /VII- 1?33- Der„Neue Vorwärts" kostet Im Einzelverkauf innerhalb der CSR K5 1.40(für ein Quartal bei freier Zustellung Kö 18.—). Preis der Einzelnummer Im Ausland Kö 2.—(Ke 24.— für das Quartal) oder deren Gegenwert in der Landeswährung;(die Bezugspreise fflr das Quartal stehen in Klammern): Argentinie" Pes. 0.30(3.60) Belgien Frs, 2.-(24.-). Bulgarien Lew 8.—(96.—). Danzig Guld O-S? (3.60), Deutschland Mk. 0.25(3.—). Estland E" Kr. 0.22(2.64). Finnland Fmk. 4—(48.—)' Frankreich Frs. 1.50(18.—), GroBbritannie" d. 4.—(Sh.4.—). Holland Cid 0.15(1.80). Italie« LIr. 1.10(13.20). Jugoslawien Din. 4.50(54.—)' Lettland Lat. 0.30(3.60) Litauen Lit. 0.55(6.60), Luxemburg B. Frs. 2—(24.—). Norwegen Kr- 0.35(4.20). Oesterreich Sch. 0.40(A�O). Palästina P Pf 0.018(0.216). Polen Zloty 0.50 (6.—). 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