IVr. 70 SOWTAG. 14. Okt. 1934 Verlag; Karlsbad, Haus„Graphia"— Preise und Bezugsbedingungen siehe Beiblatt letzte Seite Aus dem Inhalt; Autarkie und Aufrüstung Korruption in den Gemeinden Brauner Geiselmord Der Untergang des Preußentums Uo bleiben die Gelder der ArbeltsM? 54 Millionen Bonzengehälter— Dunkle Bilanz der Arbeiterbank Auf dem Nürnberger Parteitag sagte wiederum, die Gewerkschaften seien ernommen wor�en'*um die politischen Küchenherde dem Feinde zu entziehen, ne daß den Arbeitern Schaden entstünde«. Es sei im alten System so ge- daß sich die Gewerkschaftsfunktionäre machtvolle Positionen mit hohen Ge- ältern auf Lebensdauer zu schaffen ge- n�ült hätten. Er berichtete, daß die Ar- eitafront am 1. März 1934 einen Gesamt- �'tgliederbestand von 17 Millionen hatte. achdem er noch einige Beschimpfimgen er»gierigen Gewerkschaftsfunktionäre« p0n einst von sich gegeben hatte, teüte S- Selzner mit, daß die Gehälter aller Ge- den Tod getrieben tine Frau als Geisel. Seit 18 Monaten wurde die Frau des �grierten sozialistischen Bürgermeisters erch von Langeniesen in Thüringen a 1 s e i s e 1 für ihren Mann in Haft gehalten, 01,4 ihr ihre Tochter. h 1. Oktober wurde Frau Worch von Tochter getrennt und ins Gefängnis n Gräfentonne gebracht. Dort hat sich e. nnglückliche Frau erhängt! Sie ist systematisch in den Tod ge- . ben worden. Das schändliche Verbre- ®®n, eine Frau als Geisel anderthalb ahre in Haft zu halten, Ist zum Mord ge- �orden. P'e volle Verantwortung für dies neue �brechen fällt auf das Haupt der Macht- �ber des Systems! �erkschaftafunktlonäre im Dritten Reich b0oatlich nicht weniger als 4.5 Millionen � d. h. also jährlich 54 Millionen RM. B. dächen. Im viel gelästerten alten Sy- ß 6,1:1 beliefen sich die Gehaltsausgaben n C den letzten Ausweisen des früheren .�Werkschaftsbundes auf jährlich 7.3 Mil- y neü RM. Die Mitgliederzahl in der heu- Sen Arbeitsfront ist etwa doppelt so hoch <�er t�heren Gewerkschaften, was y Irlich nicht bedeutet, daß damit die ���tungstätigkeit der Arbeitsfront p.c ebie Verdoppelung der besoldeten �.yktionäre rechtfertigen könnte. Aber 8t wenn man die Gehaltsausgaben ent- rechend der Mitgliedemmahme heute 12 bis 13 Millionen RM. zuzugestehen Q reit wäre, so zeigt doch die tatsächliche altssumme von 54 Millionen RM., wel- äüf8 �blieben sich die braunen Bonzen j, �osten der dürftig lebenden Beitrags- jj- er im»Staat der Arbeit«, im Staat der bu acbbeit erlauben dürfen. Die Vertrei- b? der gierigen Gewerkschaftsbonzen also kein büliger Spaß. er Generalreiniger Ley hat es aber in b baberg unterlassen, irgendwelche Anga- g e darüber zu machen, wo die übri- MiiJionen der von denAr- ge"tern und Angestellten auf- Seürachten Beitragsgroschen Hj.' i 6 b e n sind. Etwa 40 Mülionen It' boU»Kraft durch Freude« jährlich - ei1- Rechnet man die erwähnte Ge- «in UsSabe von 54 Millionen RM. und 8t* boch geschätzte Summe für Unter- Zungen und Verwaltungskosten von � eren 30 Millionen RM. hinzu, so dürfte gesamte Deutsche Arbeitsfront rund �blionen RM. im Jahre für ihre par,cbe einschließlich der Versorgimg ihrer eianwärter verausgaben. 16 Einnahmen der Arbeitsfront an Beiträgen werden von der»Neuen Züricher Zeitung«, die über eine zuverlässige Berichterstattung verfügt, mit 50 bis 60 Millionen RM. monatüch angegeben. Nach den bis zur Einführung der neuen Einheitsbeiträge geltenden Sätzen der einzelnen Reichsbetriebsgemeinschaften bewegten sich die Beiträge in dem abgelaufenen Jahr in den büligsten Verbänden zwischen 60 bis 90 Pfennig pro Woche, die meisten Berufe hatten Wochenbeiträge von 1.50 bis 2 Mk., die großen Berufsgruppen, wie sie in den alten guten Gewerkschaften vereinigt waren, aber bezahlten in der Arbeitsfront Beiträge von 2 bis 3.50 RM., so daß ein Durchschnittsbeitrag für das hier besprochene Berichtsjahr mit einer Mark keinesfalls überschätzt ist. Rechnet man statt 17 nur 14 Millionen zahlender Mitglieder, so ergibt sich eine wöchentliche Beitragseinnahme von 14 Millionen oder eine Jahreseinnahme von 728 Millionen RM. Es müssen demnach, auch wenn man die verschwenderische Wirtschaft innerhalb der Arbeitsfront in Rechnung stellt, mindestens 600 Millionen RM. jährlicher Beitragsüberschuß verbleiben, über dessen Verwendung auch nicht ein Wort verlautet. Es ist bisher nicht die geringste Abrechnung der Deutschen Arbeitsfront erfolgt. Diese skandalöse und korrupte Wirtschaft der Deutschen Arbeitsfront kommt auch in dem Geschäftsbericht der geraubten Arbeiterbank zum Vorschein. Als die Gangster am 2. Mai 1933 die Arbeiterbank besetzten, lag der Rechnungsabschluß für 1932/33(1. April 1932 bis 31. März 1933) vor. Der damalige Aufsichtsrat konnte in einer Zeit, in der die sämtlichen privaten Großbanken nur noch mit Reichssubventionen geheilten wurden, ein außerordentlich günstiges Ergebnis feststellen. Er hatte deshalb beschlossen, eine Dividende von 5 Prozent zu verteilen, das waren bei 12 Millionen Stammkapital 600.000 RM. Gewinnausschüttung, und es wurden außerdem weit über 300.000 RM. Abschreibungen vorgenommen. Die braunen Retter hatten jedoch nach ihrer Besitzergreifung sofort die Bekanntgabe der Bilanz und des Reingewinnes von fast einer Million Mark unterbunden. Es wurde überhaupt kein Geschäftsabschluß veröffentlicht. Erst im September 1934 hat die inzwischen umgetaufte»Bank der Deutschen Arbeit A.-G.« Berlin eine Zwei- jahresbüanz, also für 1932/33 und 1933/34 gezogen, d. h. den Gewinn des ersten Rechnungsjahres benutzt, um den Verlust des zweiten Rechnungsjahres, des Hitler jahres, zu decken. Nach diesem jetzt veröffentlichten, reichlich dunklen Bilanzbericht schließt die Bank ohne Gewinn und ohne Ver- 1 1 u s t ab. Die gerissensten Büanzver- | schleierer in der Privatwirtschaft sind gegenüber dem neuen braunen Aufsichtsrat der Arbeiterbank die wahren Waisenkinder. Die vom früheren Aufsichtsrat für 1932/33 ausgewiesenen Kreditoren, d. h. die Einlagen der Gewerkschaften, Krankenkassen, Sozialversicherungsinstitute und der Arbeiter-Sparer hatten vor dem Raub der Bank 135.50 Millionen Mark betragen, sie waren nach der frisierten Ley- Bilanz bis Ende 1933/34 auf 140.70 Millionen(31. März 1934) angewachsen und sollen Ende Juni 1934 die Höhe von 245 Mülionen Mark erreicht haben. Selbst wenn man diese letzte Zahl als wahr unterstellt, so hätten die Einlagen der Arbeiterbank, seitdem sie von der Arbeitsfront getragen wird, nur um 100 Millionen Mark zugenommen, während nach der vorher gegebenen Uebersicht zur Finanzgebarung der Arbeitsfront ein jährlicher Ueberschuß von wenigstens sechshundert Mülionen Mark erzielt worden ist. Es steht fest, daß hier Riesensummen, die den Zw&ngsmitgliedern der Arbeitsfront abgepreßt worden waren, weder von der Arbeitsfront verausgabt, noch etwa der, Arbeiterbank als Einlagen zugeführt worden sind. Die Deutshe Arbeitsfront selbst gibt Verändertes Europa Die Sdiusse von Marseille— Der Bürgerkrieg in Spanien Es ist schwer zu sagen, welches von den blutigen Ereignissen der letzten Tage das folgenschwerste sein wird: der Sieg der Reaktion in Spanien, die Ermordung des Königs von Jugoslawien oder der gleichzeitige gewaltsame Tod des französischen Außenministers B a r t b o u. Mehr jedoch als Spanien und Jugoslawien ist Frankreich das HerzstUck Europas, und mehr als ein anderer von den Toten dieser Woche war Barthou eine Hauptfigur der europäischen Politik. Er war der große diplomatische Gegenspieler des Dritten Reiches; ihm war es in wenigen Monaten gelungen, eine Wendung der ganzen Weltlage herbeizuführen. Wüßte man nicht, was Hitler und seine Leute in ihrer Dummheit für Frankreich � getan haben— man müßte Barthou geradezu für einen Hexenmeister halten. In Wirklichkeit war er nur ein geschickter und trotz hohen Alters höchst aktiver Politiker, der die Plumpheit seiner Gegner in glänzender Welse auszunützen verstand. Sein Ziel war, Frankreich durch Bündnisse und Freundschaften so stark zu machen, daß Hltlerdeutschland einen Angriff nicht wagen durfte. Danun hat er den alten Bund mit Rußland wieder erneuert, eine Wiederannäherung Englands an Frankreich bewirkt, die jugoslawisch-bulgarische Versöhnung gefördert und— nach dem 25. Juli, der Mussolini zum wütendsten Gegner des Dritten Reiches machte— an der Erneuerung der Italienisch- französischen Freundschaft erfolgreich gearbeitet. Die italienisch-französische Freundschaft war nur dann wieder herstellbar, wenn die Gegensätze zwischen Jugoslawien und Italien beseitigt, zum mindesten gemildert wurden. Darum mußte Alexander nach Paris, darum wollte Barthou nach Rom. Da krachten die Schüsse des Kroaten. Für Frankreich kann es- keine andere Politik geben, als die von Barthou betriebene — aber wer wird imstande sein, die Politik Barthous ohne Barthou mit dem gleichen Erfolg wie früher weiterzuführen? Daß auch ein kluger Mann viel verderben kann, wenn ihm die außenpolitische Routine fehlt, hat der Fall Paul Boncour gezeigt, der Frankreich, wenigstens bis auf weiteres, den Verlust des polnischen Bundesgenossen brachte. Der Tod Barthous bedeutet für Hltlerdeutschland eine neue außenpolitische Chance. Es besteht andererseits aber auch die Gefahr, daß der Nachfolger Barthous durch überscharfes, nervöses Vorgehen Schaden stiftet und die Aussicht auf Erhaltung des Friedens noch welter vermindert. Aus der Regierung Doumergue ist durch den Tod Barthous das Glanzstück herausgebrochen. Die Regierung erleidet diese Einbuße In einem Augenblick, in dem die Gegensätze im Innern außerordentlich gespannt sind. Ein starker Außenminister konnte auf diese Gegensätze mildernd wirken, er mußte es wohl auch, da ein Minimum nationaler Geschlossenheit für den Erfolg seiner Politik unerläßlich ist. So hinterläßt der ermordete Außenminister auch in der Innenpolitik Frankreichs eine schwer ausuzfüllende Lücke. Die Schüsse des Kroaten, die nur nebenbei und zufällig Frankreich trafen, waren nach Jugoslawien gezielt. Ihre Folgen hat der Schütze weder erlebt noch vorausgesehen. Nichts spricht dafür, daß Jugoslawien ohne den König Alexander freiheitlicher oder föderalistischer sein wird als mit ihm. Die Fortführung der bisherigen Außenpolitik scheint gesichert, solange der Außenminister Jeftitsch im Amte bleibt. Es hat aber freilich auch schon Augenblicke gegeben, in denen man in Paris um die künftige Haltung Jugoslawiens— wie auch. Rumäniens— besorgt war. Jetzt beginnt mit der neuen Regentschaft innenpolitisch und außenpolitisch die Fahrt ins Ungewisse. Die inneren Vorgänge Spaniens haben seit 1870 die Politik Europas nicht mehr ernstlich beunruhigt. Auch jetzt dürfte die Ersetzung Sampers durch Lerroux und die blutige Niederschlagung der gegen die neue Regierung gerichteten Aktion an der außenpolitischen Konstellation nichts ändern. Mit tiefem Schmerz aber sehen alle freiheitlich Gesinnten der Welt ein Land, dessen Uebergang zur Republik sie einst begeistert begrüßten, in die Reaktion zurücksinken. Der Sturz Primo de Ri veras zeigte ihnen die Vergänglichkeit der Diktaturen, seitdem erleben sie nun in Spanien zum dritten Male den FgU einer demokratischen Republik. Früher sprach man von Republiken ohne Republikaner, heute gibt es wohl Republikaner, aber in den meisten Republiken Europas befinden sie sich im Gefängnis, im Konzentrationslager oder auf der Flucht. In Deutschland hängt die noch gläubige Masse ebenso an dem Traum der faschistischen Weltrevolution wie vordem an dem Traum der bolschewistischen. Nun hat der Glaube, daß die ganze Welt in der Richtung zum Faschismus marschiert, durch die spanischen Ereignisse eine neue Stärkung erfahren. So kann kein Zweifel daran bestehen, daß die Ereignisse der letzten Tage für Hitler einen Prestigegewinn gebracht haben. Er kann sagen, daß diese Woche für ihn gut gewesen ist! au(Ii In den Gemeinden! nicht die geringste Abrechnung und die Bilanz der Arbeiterbank läßt in keiner Weise erkennen, welche Einlagen die Arbeitsfront bei ihr gemacht hat. Die»Neue Züricher Zeitung« bemerkt zu dieser Verdunkelung der Büanz: »Bedauerlicherwelse geht aus den Ziffern nicht hervor, welcher Teil der Einlagen auf Guthaben der Arbeitsfront entfällt.« Aber selbst wenn der ganze Einlagenzuwachs auf das Konto der Arbeitsfront entfiele, so bliebe die Frage offen: Wo sind die restlichen Ueberschüsse der Arbeitsfront von einer halben Million Mark hingeflossen? Wo ist das Geld der Arbeiter und Angestellten geblieben? Warum werden die unerhört hohen Beitragsgewinne der Arbeitsfront nicht mehr der Arbeiterbank zugeführt? Die Antwort ist bereits vor einigen Monaten gegeben worden, als die gesamte Rechnungsführung der Deutschen Arbeitsfront ihrem Führer Ley entzogen und dem Reichsschatzmeister der NSDAP, übertragen worden ist. Auch die einzelnen Berufsgemeinschaften unterstehen kassenmäßig nur noch dem Kassierer der Partei. Die Partei aber pflegt mit der Arbeiterbank keine Verbindung, weil sie in ihren Ausgaben keinerlei Kontrolle zulassen will, wie sie immerhin in der Bilanzprüfung der Arbeiterbank noch möglich ist. Mit dem in der Bilanz der Arbeiterbank ausgewiesenen Geld hat sie sich an einer Reihe voil Privatuntemehmungen, wie Deutsche Feuerversicherungs-A.-G., Bau- untemehmen Dyckerhoff und Wüdmann A.-G., Cröllwitzer Papierfabrik, bei einer Absatz-Finanzierungsgesellschaft, bei der Engelhardtbrauerei beteiligt. Der Bericht zeigt also, daß der überwiegende Teil der Beitragsgelder der Arbeiterbank vorenthalten worden ist, während die Bankbestände In»gemeinnütziger Weise« notleidenden Privatunternehmen zugeschanzt werden durften. Aus dem Bericht geht auch hervor, daß mit dem Geld der Arbeiterbank für 1Y2 Millionen Mark eine dem GroS- industriellen Otto Wolff gehörende Villa für Ley erworben worden Ist. Korruption Das braune System hat mit der öffentlichen Kontrolle der Gemeindeverwaltung zugleich die öffentliche Kontrolle der F i- nanzgebarung In den Gemeinden aufgehoben. Nur ab und zu ergeben sich Einblicke, wie die Gemeindetyrannen willkürlich mit den öffentlichen Mitteln schalten und walten. Wir haben vor einiger Zeit an Hand einer Verordnung des preußischen Finanzministeriums gezeigt, wie die Gelder der Steuerzahler für die NSDAP, und ihre Nebenorganisationen verwendet worden sind. Jetzt liegt eine neue Verordnung vor, die nicht minder aufschlußreich ist. Sie beschäftigt sich mit Repräsentations- g e i d e r n und Dispositionsfonds in den Gemeinden, die zur Verfügung des Leiters der Gemeinde und anderer Amtsträger gestellt werden. Die Verordnung mahnt eindringlich zu„gewissenhafter Sparsamkeit, Wirtschaftlichkeit und unbedingter Sauberkel t." Was muß Popitz gesehen haben, daß er so mahnt! Es heißt weiter in der Verordnung: „Bei der Veranschlagung der Ausgaben- j mittel ist gerade heute besondere Zurückhaltung zu üben, damit die möglichste Zweckblndung aller Ausgabemittel nicht durch übermäßige Dotierung der Dispositionsmittel zerstört wird. Als allgemeine Regel wird insoweit zu gelten haben, daß eine stärkere Dotierung der Dispositionsfonds gegenüber dem Durchschnitt einer Reihe früherer Haushaltjahre nicht in Betracht kommen kann. Die Zuführung besonderer Mittel zu Dispositionsfonds von dritter Seite, insbesondere von städtischen Werken usw. kommt nach den geltenden gesetzlichen Vorschriften grundsätzlich in Betracht. Die Bildung sogenannter schwarzer' Dispositionsfonds die außerhalb des Haushaltsplans abgewickelt werden sollen, Ist unter allen Cmstän- den unzulässig. Wo derartige Fonds zurzeit noch bestehen sollten, sind sie umgebend bausbaltsplamnäßig zu vereinnahmen und gegebenenfalls zu verausgaben." Daraus geht hervor: es gibt unter dem braunen System keinen ordentlichen Gemeindeetat mehr. Die Willkür der selbstherrlichen unkontrollierten Gemelnde- Es ist kennzeichnend, daß die sonst so geschwätzige Presse der Arbeitsfront über den Rechnungsabschluß der Arbeiterbank kein Wort zu veröffentlichen wagt. Mit um so größerer Zähigkeit wird an den Villenbesitzer Ley die Frage gestellt und immer wiederholt werden müssen; Wobleibt die Abrechnung der Deutschen Arbeitsfront? Karl Kautsky 80 Jahre all Am 16. Oktober wird Karl Kautsky achtzig Jahre alt. Im Januar 1883 erschien die erste Nummer der»Neuen Zelt«, redigiert von Karl Kautsky. Sie ist zum Instrument geworden, das Marx' Geist zur Macht werden ließ, der die Massen ergriff. Das Eindringen der Marxschen Erkenntnis in die internationale Arbeiterbewegung, ihre Gestaltung zum politischen Programm der deutschen Sozialdemokratie, die Anwendung der marxistischen Methode auf die konkreten Ereignisse der Zeit— das ist die Lebensarbeit von Karl Kautsky. Es ist eine historlache Leistung ersten Ranges. Seine Arbeit hat die Ideologie der deutschen und internationalen sozialistischen Bewegung geformt. In der»Zeitschrift für Sozialismus« widmet Richard Kern der historischen Leistung von Karl Kautsky eine eingehende Betrachtung. Untrennbar miteinander verknüpft ist das Leben von Kautsky mit der Geschichte des Sozialismus und auch heute noch hat der Patriarch dos Marxismus uns vieles zu geben und zu sagen: »Der Krieg und seine Folgen haben die Einheit der Arbeiterbewegung gesprengt. Der Sieg des Bolschewismus scheint eine andere Antwort auf die Frage nach dem Weg zur Macht zu geben und der Art ihrer Anwendung. Das Problem Demokratie oder Diktatur, das bis 1917 sich keiner sozialistischen Auffassung gestellt hatte, findet in den außerordentlichen Verhältnissen der russischen Wirklichkeit seine Lösung in einer Parteidiktatur, die sich immer mehr zur persönlichen einengt. Kautsky nimmt mit aller Leidenschaft den Kampf für den demokratischen Sozialismus auf, er kämpft gegen den Wun- derglauben an die Gewalt, der seit dem Krieg große Teile aller Gescilschaftsschichten erfaßt hat, gegen einen Sozialismus, der statt das Gemeinwesen der sich selbst verwaltenden Freien und Gleichen zu verwirklichen, in Staatssklavarei mündet. Zwar bleibt.. der Kommunismus im Westen Europas in seinem Einfluß beschränkt, aber im Osten und in Italien erleichtert er den Sieg der Gegenrevolution, verbreitert in Deutschland die Spaltung und schwächt in schicksalhafter Weise im historisch entscheidenden Moment des Zusammenbruchs der alten Gewalten die Kraft der Arbeiterklasse. Das Verhängnis nimmt seinen Lauf, die Bücher, aus denen einst die Massen die Erkenntnis ihrer historischen Aufgabe schöpften, die ihr Bewußtsein geformt und sie mit unerschütterlicher Siegeszuversicht erfüllt hatten, werden auf den Scheiterhaufen geworfen... Ungebrochen im Strom gewaltigster Ereignisse und unerschüttert in seiner Ueber- zeugung steht Karl Kautsky. Er tut, was er immer getan, er arbeitet. In zwei großen Bänden Uber die materialistische Geschichtsauffassung schafft er eine systematische Zusammenfassung seiner Soziologie. In weitaua- greifender historischer Darstellung untersucht er den Zusammenhang zwischen Krieg und Demokratie, der für die Gegenwart von so schicksalhafter Bedeutung geworden ist. Und immer wieder greift er in Artikeln und Abhandlungen in den Kampf ein. Und Kautskys parsönllches Geschick? Wir haben es schon erzählt. Diesem Großen in der Geschichte der Arbeiterbewegung ist deren Schicksal das persönliche Erlebnis gewesen. Indem er an der Gestaltung der sozialistischen Bewegung arbeitete, gestaltete er das eigene Leben als Hingabe an die Aufgabe. Das Ist sein Charakter, der so sein mußte, um der Klarheit seines Geistes und der Schärfe seines Verstandes jene Beharrlichkeit und Unbeugsamkeit zu geben, die Kautsky zu seinen Leistungen befähigt hat, Dieser Charakter bat ihm den intellektuellen Mut gegeben, in jeder Situation, in allen Lagen ohne Rücksicht auf die Lockungen geistreicher Originalität oder bequemer Kompromisse nur die Wahrheit zu suchen und die erkannte auszusprechen, überzeugt, daß nur die ganze Wahrheit in all ihrer Strenge und keine Mystik und kein Wunderglaube der großen Sache dienen kaum. Vitam impen- dere vero— das Leben der Wahrheit hingeben, ist die Maxime seines Lebens gewesen und dies ist Jetzt der Dank; Die Erkenntnis der Wahrheit gibt ihm die Zuversicht, daß seine Lebensarbeit fruchtbar gewesen für die Verwirklichung von Freiheit und Soziallsmus, und keine finstere Gegenwart kann ihm das Licht der Zukunft rauben.« tyrannen feiert Triumphe. Der Gemeindo- tyrann macht alles mit dem Dispositionsfonds. Die städtischen Werke sind zu dunklen Zwecken ausgeplündert worden. Zu noch dunkleren Zwecken sind bei den Gemeinden schwarze Dispositionsfonds gebildet worden. Mit einem Wort: Willkür und Korruption herrschen in den Gemeinden. Die Gemeindeaugehörigen haben weder Mitbestimmungsrechte noch Kontrollrechte. Ueberau, wo die Diktatur herrscht, stinkt's! Trost im Korruptionssumpf Der große Korruptionsprozeß in Münster unter Ausschluß der Oeffentlic takelt hat mit der Verurteilung der Angeklagten zu Zuchthausstrafen geendet. Es handelt sich um die Unterschlagung von Geldern der Arbeitsfront. Die Urteilsbegründung ist veröffentlicht worden— natürlich ganz sorgfältig redigiert und frisiert. Sie sagt über einen der Angeklagten namens Uhle, daß er»zeitweise ein Privatleben geführt habe,<)as wie die Faust aufs Auge passe an den Reden, die er vor der Arbeiterschaft gehalten habe.« Trifft das nicht auch auf den Ley, den Baidur v. Schl- rach, den Oörlng und den Oöbbels Im gleichen Maße zu? Eine Stelle der Begründung ist besonders bezeichnend. Sie lautet: »Wenn dieser Prozeß, der an sich gewiß alles weniger als erfrenllch war, doch etwa# Erfrenllches zeitigte, dann Ist es die Tatsache, daß die Suramen, die hier in Frage kommen, doch nicht annähernd so groß sind,»de es gerüchtweise in der Oeffentlichkeit verlautete. Der Prozeß hat diese Summen auf ihr richtiges Maß zurückgeführt.« Die Höhe der unterschlagenen Summen wird also ganz sorgfältig vor der Oeffentlichkeit verschwiegen! Das kennzeichnet das Vertuschungssysteun so gut wie den Korruptionssnmpf! Enthüllend bis zum letz- Köloisdie Zeitung Aus dem Leben der Gleichgeschalteten. Der»Kölnischen Zeitung« hat Bismarck einmal in einem Augenblick, in dem der große Realist den»Imponderabilien«— die er sonst oft genug trotz gegenteiliger Beteuerung ignorierte— gerecht zu werden versuchte, das Lob gewidmet, daß sie ihm»ein Armeekorps am Rhein wert« sei. Hitler hat solche lichte Momente hin und wieder vergeistigter StaatsfUhrung nicht Was die »Kölnische Zeitung« anbetrifft haben er und seine Janitscharen vielmehr alles getan, um jenes»Armeekorps am Rhein« totzu trampeln! Aus Köln a. Rhein erhalten wir jetzt die Nachricht daß der frühere Chefredakteur der »Kölnischen Zeitung«, Dr. Hans Pinkow, freiwillig in den Tod gegangen ist Aus dem Redaktionsverband seines ehemaligen»Welt- blatte#« war er freilich schon seit einem Jahr, seit Oktober 1933, glelchschaltungswegen, ausgeschieden. Was hat ihn, den kaum erst FUnfundvierzigjährigen, Sohn eines hohen Beamten, der in der Reichskanzlei noch unter dem»Eisernen« Dienst tat Kriegsberichterstatter, Balkankorrespondent Chef vom Dienst und schließlich Chefredakteur seines Kölner Verlags Dumont-Schauburg, zu diesem Schritt getrieben?»Von seinem tragischen Leiden, das zu Uberwinden er körperlich und seelisch nicht mehr die Kraft aufbrachte, hat er sich seihst erlöst«— so schrieb sein eigenes Blatt vor einigen Tagen in den Nachruf, den es dem toten Kollegen widmete. Jawohl, ein tragisches Leiden! Die Tragödie des deutschen Journalisten! Der Nationalliberale Dr. Hans Pinkow hat es nicht vermocht im Chor seiner weniger Verantwortungsbeschwerten Kollegen Kniebeuge auf dem Schindanger zu üben, in den— nach seiner Ueberzeugung— die Na- tionalsozi allsten das deutsche Vaterland verwandelt haben. Dr. Pinkow, der glühende Nationalist starb, weil er den Sturz Deutschlands in Hitlerscbmach und Hitlerschande nicht verwinden konnte... Als mit Papen das erste Morgenrot des »Dritten Reiches« heraufzog, war damals Dr. Pinkow noch Feuer und Flamme. Die schwer- Industrielle genährte Mähre der Tagespublizistik sog Morgenluft durch die weit geöffneten Nüstern. Die plebejische Volksherrschaft, die Weimarer Ochlokratie war nun ein für allemal erledigt Zusammen mit seinem Junior-Verleger unternahm Herr Dr. Pinkow damals einen Regnoszlerungsritt durch so ten aber ist der Stoßseufzer der braunen Richter, daß weniger unterschlagen worden ist als das Gerücht behauptete. Das Ist für sie schon erfreulich! So tief steckt das System schon bn Sumpf der Korruption, daß es als erfreulich gilt wenn einer um ein paar hunderttausend Mark weniger unterschlägt! Nächstens werden sie noch Anerkennnngsprämlen zahlen für bescheidene Defraudanten! Eine Propagandaliige verendet Am 9. Mai 1933 erfolgte auf Anordnung des Generalstaatsanwalts beim Landgericht I in Berlin die Beschlagnahme des gesamten Vermögens der sozialistischen Gewerkschaften. Diese Beschlagnahme erfolgte wegen der Strafsache gegen Leipart und Genossen(Aktenzelchen 1, pol. J. 1826/33.) Auf Anfragen gab der Generalstaatsanwalt im Juni 19 3 4 folgende Antwort: „In der Strafsache gegen Leipart und Genossen— 1 pol. a. J. 1826/33— teile ich Ihnen auf die Eingabe folgendes mit: Eine aligemeine gesetzliche Regelung der Verwendung des von mir beschlagnahmten sozialdemokratischen Gewerk- schaf tsvermögens ist wohl demnächst zu erwarten. Diese Regelung dürfte auch Bestimmungen über die Befriedigung der Gläubiger enthalten." Bis Ende September ist diese geeetzliche Regelung nicht erfolgt, ist auch von der Durchführung des Strafverfahrens gegen Leipart und Genossen nichts zu hören gewesen. Aus leicht begreiflichen Gründen— 1 die Anschuldigungen gegen Leipart und Genossen waren niederträchtige Propagandalügen. Heute verspricht sich die braune Propaganda nichts mehr von einem Propagandaprozeß gegen die Führer der freie» Gewerkschaften. Die Korruption in Ley» Arbeltsfront stinkt gen Himmel, die braun* Justiz hat Massenarbeit mit den braunen Korruptlonlsten, und kein Propaganda- geschrei kann die allgemeine Meinung zerstören, daß die Gewerkschaften sauber gewesen sind— die Arbeitsfront aber ein einziger stinkender Sumpf! ziemlich alle von Papen okkupierten Berlin»1' Reichsministerien, Staatssekretariate und Kurialsalons, um den neuen antiparlamentarischen Geist und vor allem die neuen Männer, die ihn vertraten, von Aug* zu Aug* kennen zu lernen. Niedergeschmettert von den qualitativen Eindrücken, die er dabei erhielt— so gestand er selbst später im engeren Kollegenkreis— kehrte er freüich vo» diesem Patroulllenritt heim ins rheinische Heimatrevier. Aber das war alles noch unter Papen! Deutsche Joumalistentragödie? Was Hegt schon daran!? Ihren begabtesten Mitarbeiter. den Genfer Völkerbundsjournalisten Dr. Ma* Beer, wie kaum ein zweiter In der Nachkriegspolitik des Reiches dank seiner persc nellen Beziehungen zu Stresemann, Dufour- Feronce, zu Wirth, zu Briand, Ghamberlal»' Herriot eingeweiht, hat das weiland Weltblatt »Kölnische Zeitung« längst an das—»Neu« Wiener Journal« abgetreten. Dr. Beer i»' aber, weniger sensitiv wie sein Kollege Fi*1' kow, nicht fortgegangen, ohne dem Hitler* regime und damit auch seinen eigenen gleichgeschalteten Kollegen am Rhein den verdi ed* tan Fußtritt zu versetzen. Seine kUrzilob 1° Buchform erschienene Kritik der Hltlerscb*0 Außenpolitik ist so ziemlich die Schonung** loseste Prozedur, die Irgendwo und Irgendwa»11 ein legitimierter Ankläger mit dem Heide'1' Jüngling von Braunau vorgenommen hat B1*" her hat die»Kölnische«, das»Weltblatt«, di*' sem ihrem anklagenden und Rechenscha# fordernden ehemaligen Kollegen noch nlch1 einmal in zwanzig Zeilen Gegenkritik R®*14 und Antwort stehen-wollen oder können. Gewiß, mit allen anderen deutschen 2«»' tungen von europäischer Bedeutung lebt aü0*1 die»ICÖiniscbe« eigentlich nur noch von üir«r Vergangenheit Beinahe wäre sie sogar, � einem Jahr, von ihrer Lokal-Konkurren*, �i�n, Kölner Nazi- Skandalblatt aufgefressen',or' den, wobei freilich— als kostbarerem ßie**1* —• die geldbedürftigen Nozl-Spekulateur* weniger auf die alte und zähe und leder»* »Kölnische Zeitung«, als viel mehr auf ihf6® viel knusperigeren Inserate nableger, d#1 »Stadtanzeiger«, abgesehen hatten. Die»K0' nlache« sollte bei diesem ICaufterrorgesch«1 edgültig pensioniert werden. Das gelang mals. mit den harten Talern einiger, wenil®� gleichgeschalteter Schwerindustriellen, al3'u' wehren. So kriecht man denn, g�eichgeschatt® und auch wieder nicht weiter ins Jooh. ß"1 paar Journalisten bricht freilich dabei H*1� und Leben... Waa liegt daran? Holland in\oi Aua Amsterdam wird uns geschrieben: Eine große Anzahl holländlacher Exporteure, die geglaubt haben, daß man trotz alles Vorgekommenen mit dem Deutschland Schachts Geschäfte wie unter anständigen Kaufleuten machen könnte, läßt jetzt die Köpfe hängen. Ihr Vertrauen zu der Regierung der Gangster wird in durchaus normaler und nicht unverdienter Welse gelohnt; Sie müssen feststellen, daß sie für ihre Lieferungen seit etwa Mal kein Geld bekommen! Wohl sollte die Bezahlung über Sonderkonto der Niederländischen Bank erfolgen. Aber dieses ist in den letzten Monaten so angeschwollen, daß es praktisch eingefroren ist. Nun hat die Holländische Regierung als Gegenmaßnahme— endlich- das Zwangsclearing eingeführt; dieses soll aber in erster Linie, um den niederländischen Export nicht ganz erliegen zu lassen, den Forderungen wegen künftigen Exports zugute kommen. Für die bereits entstandenen Forderungen aus Lieferungen, die im Mal-September nach Deutschland getätigt wurden, werden allein zehn Prozent des Aufkommens aus dem Clearing zur Verfügung gestellt, eine sehr magere Quote, die für die Forderungsberechtigten bedeutet: warten und warten, Dabei erfährt man einen sehr interessanten Grund, dar die Niedrighaltung der Aus- zahlungaquote für ältere Forderungen in erster i-im«. mit veranlaßt hat Der von den Interessenten aufs heftigste angegriffene holländische Handelsminister hat Ihn jüngst verraten: Die früher für Deutschland stark aktive deutsch-holländische Handelsbilanz «•igt seit einigen Monaten stärkste Tendenz, •ich nach der entgegengesetzten Seite zu verzchleben. Die deutsche Einfuhr nach Holland sinkt rapid, während die deutsche Nachfrage nach holländischen Gütern(wenn auch nicht «e Zahlungswilligkeit) unverändert groß bleibt Die holländische Regierung weiß also gar nicht ob sie aus der Zahlungsbilanz mit Deutschland künftig noch ein Plus zu erwarten hat Dieser Zustand ist außerordentlich cha- rakterlstisch für die verderblichen Auswirkungen der deutschen Autaridepolitik. Holland war bisher eines der sichersten Exportländer für Deutschland, die Boykottbewegung hatte hier verhältnismäßig ge- ,tnge Erfolge zu verzeichnen, zeitweilig war der deutsche Export nach Holland In der Hlt- terzelt sogar gestiegen. Damit ist es jetzt aus. Die deutschen Bankrotteurs- öethoden haben scheinbar auch auf kaplta- Ustleche holländische Kreise als kalter Was- •erztrahl gewirkt Auch die neue Clearingsmethode scheint das Vertrauen In den deutschen nicht wieder heben zu können. Die Exporteure als gebrannte Kinder sagen; Waa nützt uns die Versicherung, daß unsere äouen Forderungen vorgehen? Nach ein paar Eooaten hören wir dann vielleicht wieder, daß(Ue Mäher aufgelaufenen Forderungen gegen die nunmehr künftigen zurückgestellt Werden! Ueberau organisieren sich die Geschädig- ten in Komitees usw. Da es sich um eine Abfluß reiche kapitalistische Gruppe handelt, *0 wird die Regierung Uber ihre Beschwerden kaum hinweggehen können. Sie gibt bereits *11. daß das allgemeine Risiko, das in "kn deutschen Verhältnissen liegt unter- "chätzt worden sei. behauptet allerdings, •«Iber mehrfach gewarnt zu haben. Wsa diese Geschichte für Deutschlands Ansehen hier bedeutet braucht kaum gesagt zu werden. Man bedenke, daß es sich hier nicht um Anleihen und alte Schulden aus der »Schmachzelt«, sondern um laufende Han- �elzverpfiichtungen handelt. Im zivilen Leben wird ein Kaufmann, der nach eingetretener Ixtsächlicher Zahlungsunfähigkeit noch Wa- bestellt, wegen betrügerischen Bankrotte« bestraft Genau das aber ist <üe deutsche Handelsmethode unter SchacM- bcireisterte Beamtensdiaft In der»Bcko«. der reiebsdeutsohen Beam- �ckorrespondenz, liest man: »Es ist merkwürdig, welch«fn zähe» Leben die Reaktion in den AmUstubon der öffentlichen Verwaltungen W fütaen gewußt hat... Solche Leute parieren in der Tat nut� wenn sie eine stahlharte Faust am Zügel snüren. freilich ohne daß ne dabei üir» zersetzende Gefährlichkeit verUeren. Draucbt sich doch nur die Zügelführung «fn wenig zu lockern, um die vorher ängst- Üch geduckten Köpfe wieder hochkommen ühd um In diesen Dingen unstreiüg äußerst geschickten Händen bald tier' jene leisen und vorsichtigen vornehmen zu lassen, die so belang erscheinen und die dennoch— wenn auch unauffälligster Weise— nur dem einen Der Weg o. G. London, 6. Oktober 1934. Die Labour Party hat seit ihrem Katastrophenjahr 1931 Jetzt vier Parteitage abgehalten. Der erste diente der Sammlung nach der Desertion der Führer. Der zweite, In Lelcester. brachte einen scharfen Schwung nach links, man kann sagen: erst in Lelcester wurde die Labour Party wirklich zu einer sozialistischen Partei Der vorjährige Parteitag in Ha- stings tagte zwar in gemäßigterer Stimmung als der Parteitag in Lelcester, aber der sozialistische Gehalt der Partei wurde nicht verwässert. Im Gegenteil, Hastlng« brachte den Ausbau dss sozialistischen Wirtschaftsprogramms. Dieses Jahr tagte der Parteitag in South- port, einem westengüschen Badeort. Dort wurde die Arbelt von Hastings fortgesetzt. obwohl die Gesamtsümmung wieder erheblich weiter nach rechts ging. In der Methode ist man reformistisch. In der Sache unbedingt sozialistisch. Der entscheidende Unterschied zwischen dem vorjährigen und dem diesjährigen Parteitag liegt darin, daß In Hastings ein himmelblauer Optimismus regierte, man sah die Partei schon dicht vor der Machtergreifung und hatte Angst, man würde nicht schnell genug mit den Plänen dafür fertig. In Southport war man nüchterner. Zwar hat gerade das Jahr zwischen Hastings und Southport die meisten sensationellen Nachwahlerfolge für die Labour Party gebracht, zwar fiel in diese Zeit die erstmalige Eroberung Londons durch die Partei. Aber spätere Nachwahlen zeigten deutlich, daß noch schwere Hindernisse zu überwinden sind, sie zeigten vor allem, daß das flache Land sehr schwer zu erobern ist(eines der ernstesten Probleme bisher für alle sozialistischen Parteien). In England machen die ländlichen Wahlkreise fast die Hälfte aller Wählkreise aus, obwohl das keineswegs der Bevölkerungazusammensetsung entspricht. Man reformiert in England eben nicht so rasch, was vor 50 Jahren gut war. hält man auch heute noch für gut Der Labour Party wird es wohl eher gelingen, die ländUchen Wahlkreise zu erobern, als eine Reform der Wahlkreiseint alluug zu erreichen. Nun könnte man denken, daß die Agrarfrage im Mittelpunkt des Parteitages gesunden hätte. Weit gefehlt Nur einmal wurde so nebenbei etwas Uber Agrarfragen gesprochen und auch das nur ganz unverbindlich. Der Partei fehlt eine klare AgrarpoU- tik. Sie schwankt zwischen einem recht einseitigen Konsumentenstandpunkt der z. B. im»Daily Herald« vertreten wird und einer aktiven Mitarbeit an den planwirtschaftlichen Experimenten des Landwirtschaftsministers Klllot. �. Im Mittelpunkt dee Parteitages stand auch nicht dar Kampf gegsn den englischen Faschismus. Dieses Problem wurde eigentlich nur in der Eröffnungsrede des Vorsitzenden gestreift Der 30. Juni, der Mord an Dollfuß, der Zank zwischen Hitler und Mussolini, die wirtschaftlichen Nöte der faschistischen Länder, haben für Mosley zweifellos einen Rückschlag gebracht Er hat die Unterstützung dee Rothermere Pressekonzems verloren, seine Kundgebungen sind erheblich schwächer besucht als im Frühjahr, es wird von massenhaften Austritten aus der Partei geredet. Trotz allem, beseitigt ist die s tische Gefahr In England nicht. Das weiß auch die Labour Party. Aber sie steht Wer In einem Dllemma. Soll sie durch dauerndes Reden von der faschistischen Gefahr die Reklame für Mosley machen, die zr in der Presse nicht mehr finden kann? Läuft me nicht andererseits Gefahr, den geeigneten Moment«um Kampf zu verpassen T Herbert Morrison, der immer mehr zum Zwecke dienen, den Willen der politischen Führung umzubiegen, abzubiegen, zu verfälschen... Nichts ist aber mehr geeignet, dem Führer wie auch der Gesamtheit des Volkes ein verfälschtes Bild von der Wirksamkeit der Beamtenschaft zu gehen, als wenn eine versteckte, aber vorsichtig getarnte Reaktion sich namentlich an den einflußreichen Stellen zu behaupten oder gar einzuschleichen gewußt hat.« Sogar funkelnagelneue Meckerer»schleichen sich ein«? Dann ist also die Hitler-Begeisterung in der deutschen Beamtenschaft sichtlich im Wachsen begriffen. Notstandsgebiet Der Oberbürgermeister von Duisburg hat bei der Einführung der Duisburger Rataher- ren in ihre Aemter eine große Rede geredet. Nach dem Bericht des»Völkischen Beobach- der Lab oi eigentlichen Führer der Labour Party wird, hat dies kürzlich offen ausgesprochen. Der Parteitag in Southport hat keinen Ausweg aus diesem Dilemma gezeigt. Er hat es voi- gezogen, anstatt negativ gegen seine Gegner zu kämpfen, die positiven Ziele der Partei auszuarbeiten. Im Mittelpunkt stand das Programm oder Manifest für»Frieden nnd Sozialismus«. Dort wurden die außen-, wlrtschafts- und sozialpolitischen Ziele, die die Partei verwirklichen will, sobald sie die Mehrheit im Parlament hat. entwckelt Eine gleichfalls vom Vorstand vorgelegte Resolution behandelte die innerpolitischen Methoden, mit denen dieses Programm durchgeführt werden soll. Um all diese Fragen setzte ein Ringen ein zwischen dem reformistischen, vor allem durch die G e- wcrkschaften vertretenen Flügel(die Gewerkschaften sind korporativ Mitglieder der Partei) und den radikalen Gruppen, die sich um die von Sir Stafford Gripps geführte Soclailst League sammelten. Stets fand der reformistische Flügel eine überwältigende Mehrheit. In der Außenpolitik stellt rieh die Partei bedingungslos hinter den Völkerbund. Sie ist bereit, Kollektivaktiomm selbst kriegerischer Art, die der Völkerbund gegen einen Friedensbrecher durchführt, zu unterstützen. Die Drohung, auf Krieg mit einem Generalstreik zu antworten, wurde widerrufen, nicht zuletzt unter dem Eindruck der Tatsache, daß ein solcher Generalstreik ja nur den faschistischen Ländern zugute käme, In denen die Arbeiterorganisationen zerschlagen sind. Wenn die Labour Party also auch einen kleinen Schritt vom blutleeren in der Luft schwebenden Pazifismus zu einer reallstiache- ren Betrachtung der Dinge hin getan hat, so Uribt sie doch noch tief im Abstrakten stekken mit ihrem bUnden Vertrauen In den Völ- kerbund, der rieh Mäher noch immer als aktionsfähig erwiesen hat, mit ihrer mangelnden Kenntnis der politischen Methoden des Faschismus, der vollendete Tataachen zu schaffen sucht und rieh dabei nicht an diplomatischen Zwlmfäden stößt Der CrippBflU- gei hat nicht viel Fruchtbares zu der Debatte beigesteuert. Kr forderte an Stelle der Völ- korbundspoUtik«in Zusammenarbeiten mit Rußland, wollte aber gleichzeitig an der Ge- neralstreikparole festhalten und damit den faschistischen Ländern einen Freibrief für jede Gewalttat geben. Daß die außenpoU- üscho Debatte, die mit einer Rede Hendor- sons eingeleitet wurde, hochstehend war, wurde auch in der Rechtapresee zugegeben— aber vielleicht war die Debatte zu hochstehend. um real zu sein. Man sah die Welt, wie man sie sehen möchte, nicht wie sie Ist. Das wirtsohaftspolitische Programm, das Soziallrierang— nicht Verstaatlichung — der wichtigsten Industrien fordert, fand Im Prinzip keinen Widerspruch. Nur Uber eine Frage wurde ausgiebig debattiert, nämUch darüber, ob den Kapitalisten für die enteigneten Industrien eine Kapitalentschädigung gezahlt werden soll oder ob man ihnen nur für eine Uebergangszeit ein gewisses Einkommen garantieren solle. Die große Mehrheit sprach sich für die Kapitalentschädigung aus, well der andere Weg zu einer Panik führen würde, zu einer Kapitalflucht aus dem Lande, zu Msssenabhebungen der kleinen Sparer und damit zu einer wirtschaftlichen Katastrophe. Der Versuch der Linken, die Partei auf ein starres Fünf- jahresprogramm der Soslallsle- rung festzulegen, wurde gleichfalls abgelehnt. Obwohl die konservative Presse täglich Gripps Diktaturabrichten nachsagt ist rieh ter« betonte er, es seien groß« Dinge zum Wohle der Stadt im Werden, so«. B. die Neugestaltung des Bahnhofsvorplatzes, die Verlegung des Museums und der Stadt- bUcherri, die Anlegung eines deutsehen Tierparks.»Was Duisburg fehlt, ist eine große Halle«, so fuhr er fort,»die als Ausstellungs- gebäude und als Raum für große Versammlungen etwa 10.000 Menschen Platz bietet.« Allerdings scheint noch einiges andere zu fehlen, denn der Oberbürgermeister beendete seine Ansprache mit der tröstlichen Versicherung,»die Verwaltung erstrebe, daß Duisburg-Hamborn als die in der schlechtesten Wirtschaftslage befindliche Stadt Westdeutsehlands zum wirtschaftlichen Notstandsgebiet erklärt werde.« Ausgestaltung des Bahnhofsplatzes, Verlegung des Museums, Anlegung eines Tier- ip Party die Partei einschließlich Gripps darüber einig, SuB die Macht auf demokratischem Wege erobert werden muß und daß auch dann die demokratischen Grundsätze der freien Wahl, der Pressefreiheit, der Organisationsfreihedt usw. bewahrt bleiben müssen. Die Frage ist nur, wie man einem durch kapitalistische Sabotage hervorgerufenen Notstand begegnen solle. Hier möchte Gripps, der hervorragende Jurist, schon im voraus alle Gegenmaßnahmen ausgearbeitet wissen, während die Mehrheit rieh damit begnügt, zu erklären, daß jeder Notstand mit den im Augenblick gebotenen Maßnahmen bekämpft werden müsse. Hiermit bat Bich Gripps schließlich elnveratanden erklärt. Auch in der Oberhausfrage wurde ein Kompromiß geschlossen. Gripps wollte, daß eine Labour-Regierung das Oberhaus sofort beseitigen solle. Man einigte sich darauf, daß man das Oberhaus dann sofort beseitigen wolle, wenn ee sich dem WUlen der Volks- mehrholt entgegenstellt Schließlich wurde noch edne Nebenfrage auf dem Parteitag behandelt, die zu der erregtesten Debatte führte. Der Vorstand hat Mitgliedern der Labour Party verboten, zu dem Hilfskomitee für die Opfer des deutschen und österreichischen Faschismus zu gehören, da dieses Komitee eine kommunistische Nebenorganisaüon sei. Lord Mariey, Ellen Wlikinson, Harold Laski und andere bekannte Labourmitglieder hatten in diesem Komitee eine führende Rolle. Sie wehrten rieh leidenschaftlich gegen den Beschluß, der jedoch mit großer Mehrheit vom Parteitag bestätigt wurde. Daß hinter dem Beschluß der Partei nicht etwa Sympathie für Hitler und Feindschaft gegen die Emigranten steckt, wie es die deutsche Nazipresse triumphierend behauptete, braucht wohl nicht erst besonders betont zu werden. Die Parteileitung hatte den Eindruck, daß die Kommunisten dieses Komitee benutzten, um die Labour Party zu zersetzen. Zwei wichtige psraonelie Entscheidungen hatte der Parteitag zu treffen, die Wahl des neuen Vorstandes und die Aufstellung der Richtlinien für die Wahl des neuen Generalsekretärs, der den Posten des zurücktretenden Henderson Ubernehmen soll. In den Vorstand wurden neu gewählt Att- lee, der sich als stellvertretender Fraktion»- fübrer im Unterhaus während der Krankheit I�ansburys große Verdienste erworben hat, und Sir Stafford Cripps, der zwar sachlich auf dem Parteitag unterlag, dem man aber dennoch goldene Brucken baute. Der radikale Pazifist Trevelyan, ein typischer radikal gewordener Liberaler, wurde nicht wiedergewählt In der Sekretärfrage wurde ein aufsehenerregender Beschluß gefaßt. Der neuzuwählende Sekretär darf nicht nur nicht Mitglied einer Regierung werden, er darf auch nicht Abgeordneter sein. Dadurch wird der Posten zu einem reinen Verwaltungsposten und verliert viel, wenn nicht alles, von seiner bisherigen politischen Bedeutung. Herbert Morrison, der viel als möglicher Nachfolger von Henderson genannt wurde, scheidet damit aus, Polltisch freilich ist er auf diesem Parteitag noch mehr in den Vordergrund getreten als bisher. Fast stets war er der Sprecher des Parteivoratandes. Kr und Cripps waren die unbestrittenen Hauptfiguren auf dem Kongreß, neben ihnen spielte nur noch der Gewerkschaftsführer Bevln eine wichtigere Rolle als der Sprecher des Gewerkschaftsblocks. Der Parteitag ist zu Ende, und schon stehen wieder Nachwahlen für das Unterhaus und Im November Kommunalwahlen bevor, die zeigen werden, wie die Wähler auf den Kurs der Partei reagieren. parks, Bau einer Riesen-Versammlungshalle — die Einwohner des Notstandsgebietes werden versuchen müssen, vom Anblick ihrer neuen Luxusanlagen satt zu werden. Sterbende Presse. Die„Weserzeitung" in Bremen hat am 1. Oktober ihr Erscheinen eingestellt. Die„Deutsohe Allgemeine Zeltung" weint darüber:„Es wäre ein Verlust für das neue Reich, wenn in ihm kein Platz mehr sein sollte für solche Zeitungen besonderer Prägung und Eigenart. Es ist nun schon eine lange Liste:„Vossische Zeitung", „Berliner Börsen-Courier",„Deutsche Tageszeitung", in der Provinz neben vielen anderen „Die Könlgsberger Hartungsche Zeitung", „Der Hamburgische Korrespondent" und nun die„Weser-Zeitung". Auf der anderen Seite sind neue Zeltungen entstanden, aber die Zahl der Zeitungslaser in Deutschland bat damit einen Ausgleich noch nicht gefunden." Kampf um Autarkie und Aufrüstung Die nationalsozialistische Wirtschaftspolitik ist in die Zange geraten. Die Devisennot, die sie erzeugt hat, hat die Rohstoffnot bewirkt und bedroht die Wirtschaft mit rascher Verelendung. Eine Umkehr würde bedeuten, den Verzicht auf die inflationistischen Methoden der Arbeitsbeschaffung, auf die Rüstungsausgaben, auf eine Agrarpolitik, die die Lebenshaltung fortgesetzt verteuert und die Wiedereingliederung Deutschlands in die Weltwirtschaft unmöglich macht. Das kann und will die Diktatur nicht, da das sehr rasch die Massenbasis, die sie sich erhalten will, zerstören würde. So geht sie den anderen Weg, unbekümmert um die Kosten den Versuch zu unternehmen, sich von den Rohstoffen des Auslands unabhängig zu machen. Dabei ist die Auswahl bestimmt durch die Kriegswichtigkeit der Rohstoffe. Die Sorge der Diktatur ist das »U eberschreiten der Gefahre n- z o n e«. Gelingt es, außenpolitische Gewaltentscheidungen zu vermeiden, bis die deutsche Aufrüstung gelungen, das Zurückbleiben in den ausgebildeten Reserven, in den Flugzeugen und in der schweren Artillerie überwunden ist, so ist das Schwerste getan. Die neugewonnene militärische Stärke soll Deutschland gefürchtet und zu einem begehrten Bundesgenossen machen. Das militärische, politische; und wirtschaftliche Gewicht wird dann auch wieder groß genug sein, um günstige handelspolitische Zugeständnisse zu erzwingen oder auf dem Wege der Gewalt den»Großraum« zu erwerben, der notwendig ist, um der deutschen Industrie Absatz und Beschäftigung zu sichern. Nicht nur die rein politischen, sondern auch alle wirtschaftlichen Maßnahmen dienen der Aufrüstung und zugleich dem obersten absoluten Zweck: der Aufrechterhaltung der nationalsozialistischen Parteiherrschaft. Sie stärken zudem die wirkliche Basis der Diktatur, den Zusammenhalt mit dem wichtigsten selbständigen Machtfaktor, mit der Militärorganisation und ihrer Spitze, der Generalität. Und die Macht der Diktatur ist stark genug, um diesem Ziel auch die entgegenstehenden Interessen aller Schichten und Klassen unterzuordnen. Die Verselbständigung und Abso- lutierung der Staatsmacht, die das Wesen des totalen Staates ausmacht, besteht eben daxin, daß die Erhaltung und Vermehrung der Macht der Staatsorganisation zum Selbstzweck wird, ihre Eigengesetzlichkeit entwickelt und sich unter Umständen auch entgegenstehenden Klasseninteressen unterwirft. Von daher erhalten die Wirtschaftsmaßnahmen der Diktatur ihren eigentümlichen doppelten Charakter: sie wird nicht allein wirtschaftlich charakterisiert, sondern zugleich machtpolitisch; sie dienen oder entspringen auch wirtschaftlichen Klasseninteressen, sind aber zugleich eingeordnet in das machtpolitische System des Diktaturstaates. Die erste umfassende Maßnahme auf dem wirtschaftlichen Gebiet war die nationalsozialistische Agrarpolitik. Sie suchte nicht nur die unmittelbaren Interessen der landwirtschaftlichen Bevölkerung, eine Hauptstütze der Partei, zu befriedigen, sondern die»Nahrungsfreiheit«, die Unabhängigkeit von der auswärtigen Zufuhr im Kriegsfall, also einem militärpolitischen Zweck zu erreichen, und die Ausgestaltung zur immer lückenloseren Zwangswirtschaft trotz des Widerstandes der Bauern selbst diente gerade diesem Zweck. Jetzt beginnt, beschleunigt durch die Rohstoffnot, aber nicht durch sie allein erzwungen, ein ähnliches Vorgehen auf dem Gebiet der Industrie. Und wieder wird der Anfang gemacht mit einem für die Kriegsführung wichtigsten Rohstoff, den Treibstoffen. Man weiß, welche Rolle das Petroleum im Kampf der imperialistischen Kräfte gespielt hat. Die Entdeckung, aus Kohle Benzin, Oele und andere Treibstoffe herstellen zu können, hat die großen Industriestaaten prinzipiell von der Petroleumzufuhr unabhängig gemacht. Die LG.-Farben, der deutsche Chemietrust, hat längst die Großfabrikation aufgenommen. Freilich, über die Selbstkosten des Leuna-Benzins sind nie genaue Angaben gemacht worden, sicher ist nur, daß sie beträchtlich über denen des Naturbenzins liegen. Deshalb ist der Preis des Benzins in Deutschland durch Zoll und Steuer systematisch in die Höhe gesetzt worden, während der I.G. für die Benzinproduktion in Form von Steuerermäßigung eine Subvention aus Staatsmitteln gewährt wurde. Wiederholt fanden auch Besprechungen mit der I.G. wegen Erweiterung ihrer Anlagen für Benzingewinnung statt Bei der Höhe der in Betracht kommenden Investitionen wurde dabei von der I.G. stets die Forderung gestellt, daß das Reich sich verpflichten müsse, eine bestimmte Höhe 1 des deutschen Benzinpreises aufrechtzuerhalten, wie immer der Weltmarktpreis sich gestalte. Wie die Preise der landwirtschaftlichen Produkte, so sollte auch der Benzinpreis vom»Weltmarkt abgehängt« werden. Die Nationalsozialisten bauen diese Politik, die zunächst aus rein militärischen Gründen von Schleicher gefordert und unter Brüning und Papen begonnen wurde, rasch aus. Trotz ihrer Begeisterung für das Auto und die Motorisierung ward der Benzinpreis hochgehalten. Die deutsche Erdölproduktion wird mit allen Mitteln gefördert, das Reich übernimmt die Kosten für neue Bohrungen auch der privaten Gesellschaften. Aber die natürlichen Möglichkeiten sind sehr begrenzt. So erfolgt jetzt ein neuer, entscheidender Schritt: die Ausdehnung der künstlichen Benzinproduktion, die bisher aus wirtschaftlichen Gründen mit Rücksicht auf die Kosten nicht erfolgen konnte, wird jetzt durch politischen Befehl der Diktatur erzwmngen. Die Kosten dürfen keine Rolle spielen, aber sie müssen aufgebracht werden. Die Finanzen des Reiches, der Kredit der, Notenbank sind bereits bis zum Reißen angespannt Ein neuer Weg wird beschrit-j ten, die Kosten werden unmittelbar der; Wirtschaft auferlegt Eine Verordnung des Wirtschaftsministers schließt alle Unternehmungen, die Braunkohle gewinnen oder über Braunkohlenvorkommen verfügen, zu einer»Pfli chtg em einschaft Braunkohle« zusammen. Diese Pflichtgemeinschaft errichtet eine große Anlage zur Kohlenverflüssigung. Sie bleibt Eigentum der Gemeinschaft, an der die Mitglieder im jeweiligen Verhältnis' ihrer Braunkohlenproduktion beteiligt sind. Die individuellen Kohlenverölungspläne einzelner großer Unternehmungen der Braunkohlenindustrie, die schon lange gehegt worden waren, waren teüs aus technischen, teils aus finanziellen Bedenken nicht vorwärtsgekommen: jetzt macht der Zwang diesen Bedenken ein Ende. Die neue Anlage— ob nur eine oder mehrere errichtet werden, scheint noch nicht festzustehen— soll für die Verarbeitung von 7�2 Millionen Tonnen Braunkohle eingerichtet werden und eine Gewinnung von mehreren hunderttausend Tonnen Benzin gestatten. Es handelt sich um eine Vervielfachung der bisherigen Produktion von Benzin aus Braunkohle, die bisher knapp 100.000 Tonnen jährlich betrug bei einem gesamten Jahresverbrauch an sämtlichen Treibstoffen von rund zwei Millionen Tonnen. Die Kosten der Anlage werden auf 250 Milüonen Mark geschätzt Diese Viertelmilliarde soll aufgebracht werden, indem von jedem Braunkohlenunternehmen zwei Mark Abgabe pro geförderte Tonne erhoben wird.(Die jährliche Förderung betrug 1929 rund 174 j MUlionen, und 1932, dem Jahre des Tiefstandes, 132 Millionen Tonnen.) 1 Die Aufbringung einer so hohen Summe bedeutet natürlich eine Belastung der Braunkohlenindustrie, einer der reichsten und profitabelsten der deutschen Industrien, die erst nach dem Kriege ihren großen Aufschwung genommen, aber auch die Krise am besten überstanden hat. Die Aufbringung wird auch für die kleineren und schwächeren Unternehmungen schwierig sein und die Inanspruchnahme von Krediten bedeuten, die ihnen aber wohl unter Garantie des Reiches oder der Reichsbank werden zur Verfügung gestellt werden. Einzelne Großunternehmungen haben bereits mit dem Verkauf ihrer Effekten begonnen, um sich die notwendigen Barmittel zu verschaffen. Das hat zu einem Kursdruck auf die Börsen geführt, der noch gesteigert wurde durch das Sinken der Braunkohlenaktien selbst, da ja die Aufbringung einer so bedeutenden Summe zunächst eine Belastung und Verminderung der Rentabüität bedeutet. Endgültig wird aber der Erfolg von der Rentabilität des neuen Unternehmens abhängen. J Nun ist die Benzinerzeugung durch Kohlenverflüssigung teuer. Man darf annehmen, daß die Kosten für Kunstbenzin heute viermal so hoch sind als für Naturbenzin. Aber es besteht kein Zweifel, daß das Reich die»Wirtschaftlichkeit«, das heißt den Profit des neuen Unternehmens garantieren und durch Zölle oder sonstige Exn- fuhrregulierung einen so hohen Benzinpreis auf dem inneren deutschen Markt aufrechterhalten wird, daß die Rentabilität der Anlage gesichert bleibt. Andererseits aber werden die neuen Anlagen frühestens erst in zwei Jahren fertig sein. Sie sollen rasch amortisiert werden und deshalb der Ertrag auf das Kapital auf 4 Prozent beschränkt bleiben. Für die Braunkohlen- untemehmungen, die heute zumeist weit höhere Dividenden abwerfen, bedeutet ihre Heranziehung zu dieser Zwangsinvestition jedenfalls eine Minderung des gegenwärtigen Ertrages. Die Gewißheit, daß der Benzinpreis auf solcher Höhe gehalten wird, dürfte auch die LG.-Farben veranlassen, ihre bisher zurückgestellten Projekte zu verwirklichen und ihre Benzinproduktion in Mitteldeutschland erheblich zu erweitem. Der Ruhrkohlenbergbau selbst wird vorläufig nicht herangezogen, aber nach der»Frankfurter Zeitung« beabsichtigt ein Großunternehmen mit einem Kostenaufwand von 50 Millionen ein neues Benzinwerk zur Verflüssigung von Steinkohle zu errichten. Jedenfalls ist also mit einer außerordentlich starken Vermehrung der gesamten deutschen Treibstoffproduktion für die nächste Zeit zu rechnen. Die Ausdehnung der Benzinproduktion ist zwar der bedeutsamste, aber nicht der einzige Schritt zur industriellen Autarkie. Auch für die Produktion zum Ersatz der Faserstoffe, für Vistra, Wollstra usw. werden große und kostspielige Investitionen geplant. Da man für deren Errichtung kaum eine leistungsfähige Industrie heranziehen kann, so werden direkt oder indirekt neue staatliche oder Notenbankmittel zur Verfügung gestellt werden müssen. All diese Maßnahmen werden der deutschen Oeffentlichkeit damit schmackhaft zu machen versucht, daß durch sie eine neue Investitionskonjunktur entstehen werde, die die Minderbeschäftigung infolge des Exportrückganges ausgleichen solL Es handelt sich aber um Fehlinvestitionen. Der Ersatz von Produkten durch andere, die das Mehrfache kosten, bedeutet steigende Unproduktivität der Gesamtwirtschaft, Sinken des Sozialprodukts, des Gesamtergebnisses der Wirtschaft und damit der Lebenshaltung, neue Erschwerung des Exports und infolgedessen Vermehrung der Rohstoffnot. Und diese ist akut, während die Inbetriebsetzung der neuen Anlagen Jahre dauert. Dazu kommt die Schwierigkeit der Aufbringung der großen Kapitalbeträge aus einer schrumpfenden Wirtschaft, die sich immer größeren Schwierigkeiten gegenübersieht, auch nur die normalen Beträge für die Erhaltung und die Erneuerung der Produktionsmittel aufzubringen. Aber die Diktatur hat keine Wahl. Immer aufs neue muß sie versuchen, durch politischen Zwang die ökonomische Vernunft zu vergewaltigen. Das Opfer wird die Wirtschaft und mit ihr alle gesellschaftlichen Klassen. Die Arbeiter waren die ersten und sie leiden am schwersten. Aber sie bleiben nicht die einzigen, die der zunehmende Ruin der Wirtschaft in seinen Strudel herabziehen wird. Dr. Richard Kern. Die Kontrolluhr und die neue Zeit Auf Dr. Leys speziellen Wunsch werden in Deutschlands Fabriken nach und nach die Kontrolluhren verschwinden, da sie»dem Geist der neuen Zeit nicht entsprechen«. Das ist mal ein wirklich sozialer Gedanke, nicht wahr?— Einen Augenblick, nicht so schnell bitte!— Die Kontrolluhren werden abgeschafft, aber an ihre Stelle tritt— ein all- morgendlicher Betriebsappell! Die Kontrolluhr zu bedienen war das Werk eines Augenblicks, zum Betriebsappell gehören Heilrufe, Hackenzusaramenschlagen und womöglich goldene Worte aus dem Munde des »Betriebsführers«. Das entspricht zwar in der Tat der»neuen Zeit«, aber es erfordert auch Geduld. Die Arbeiter werden künftig etwas früher zu erscheinen haben, denn wie käme der Unternehmer dazu, den Appell auf seine Kosten in die Arbeitszeit zu verlegen! So kann man wohl sagen, daß die Arbeiterschaft durch die Abschaffung der Kontrolluhr erheblich gebessert ist. Eine wahrhaft soziale Tat! Das Verhältnis zwischen Betriebsführer und»Gefolgschaft« wird Uberhaupt immer inniger, so innig, daß die Arbeitsfront etwaige Beschwerdeführer aus den Belegschaften, die Gerechtigkeit fordern und nicht vergessen können, was eine Arbeiterorganisation einst für Aufgaben hatte, als Meuterer behandelt und bestraft. Die»Berliner Börsenzeitung« berichtet: »Nach einer Pressemeldung wird in den Veröffentlichungen der Deutschen Arbeitsfront ein grundsätzliches Erkenntnis des Landesarbeitsgerichts Berlin erörtert, das die wichtige Frage der Autorität des Betriebsführers zum tieferen Inhalt hat. Es hatte ein Gefolgsmann einen Bericht über Mißstände in seinem Betriebe aufgestellt und diesen Bericht zur Weitergabe an die Deutsche Arbeltsfront dem Zellenobmann übermittelt. Der Bericht war aber in einer außerordentlich scharfen Form gegen den Betriebsführer gerichtet und enthielt eine stark ehrverletzende Darstellung. Der Gefolgsmann wurde darauf entlassen, und das Landesarbeitsgericht Berlin bestätigte die Entlassung. In den En tscheidungs gründen erklärte es, daß solche Berichte keineswegs dem Aufbau des deutschen Arbeits- und Wirtschaftslebens förderlich seien, sondern nur geeignet sein könnten, das Vertrauensverhältnis zwischen Führer und Gefolgschaft allgemein zu untergraben.« »In dem Kommentar der Deutschen Arbeitsfront«, so heißt es welter,»wird das Erkenntnis grundsätzlich gebilligt.« Aus der vertraulichen Mitteilung eines Arbeiters an seine»Arbeitsfront«— an die lachende Erbin der Gewerkschaften!— wird dem Beschwerdeführer ein Strick gedreht, die Arbeitsfront billigt das»grundsätzlich«— und dafür müssen die deutschen Arbeiter auch noch Beiträge zahlen! I\Teuer Nazi-Mord an der Wa�erkani Wir wir aus zuverlässiger Quelle erfahren, hat die Hitler-Inquisition an der Waterkant ein neues Todesopfer auf dem Gewissen. In Bergedorf bei Hamburg wurde kürzlich bei dem kommunistischen Jugendführer Ferdinand Buhk eine Haussuchung durch die Gestapo vorgenommen. Obschon bei dieser nicht das geringste an Verdachtsmaterial gefunden wurde, nahm man Buhk fest und transportierte ihn Ins Gefängnis. Nach drei Tagen erhielten die Angehörigen die Nachricht, der Gefangene habe sich in seiner Zelle erhängt. Buhk war auch in sozialdemokratischen Jugendkreisen Hamburgs bekannt. Niemand, der dem Jungen Mann näher gestanden hat, ist davon zu überzeugen, daß e* sich wirklich um einen Selbstmord hand'ln könnte, er ist vielmehr einfach den Mißhandlungen erlegen, denen er nach seiner Verhaftung unterlag. Dafür spricht auch die Heimlichkeit seiner Beerdigung. Allein der Inhaber der Firma, in der der junge Mann beschäftigt war, durfte am Grabe ein paar nichtssagende Worte sprechen. Landsknechtsk la�e Die SA— oder vielmehr das HäufcheBi das von der einstigen SA noch übrig blieb— langweilt sich. Die Schinderposten Jn deß Konzentrationslagern hat die SS geschnappt» Saalschlachten gibt es nicht mehr, Uebergrlf" fe auf die Villen der reichen Leute— früher galten sie als Heldentat— sind streng verpönt. Die SA ist enttäuscht In der SA-Beilage der„BauernzeltunH Rhein-Main-Neckar" liest man; „Es Ist nichts mehr, früher war es doch schöner!" So oder ähnlich hört man oft dl® alten Kameraden klagen, die die Zelt de® Kampfes in Jeder Lage vor der Machtergreifung mitgemacht haben. Jawohl, eS war doch anders und schöner. Wie interessant war es doch, zusammenzukommen, u®5 so mehr, wenn es verboten war, und irgendeinen Streich gegen unsere Gegner auszuhecken und dann mit Mühen und Gefahre® zur Ausführung zu bringen. Die Zeitung sucht zwar welter unten dl® alten Kämpen pflichtgemäß zu trösten man sei ja immer noch eine politische Trupp®' man könne Ja Andersdenkende durch M�d® bekehren und sich so die Zeit vertreiben, m®® dürfe sogar gelegentlich ein paar Marxist«® prügeln(„denen, die alles besser wissen••' gehört die Faust aufs Auge!!') und alle® t® allem sei es doch eine ganz nette Zelt. tW bezweifeln aber, daß die braunen Landsknechte sich so leicht bekehren lassen.„Früher war es eben doch schöner", werden 819 sagen. Nr. 70 BEILAGE UmTJocinMs 14. Oktober 1934 iJtäUMt MMl ithtUUM M xltt „Man muß träumen können." (Lenin.) L Welche Rolle das Irrationale, das mit dem Woßen Verstand nicht zu Fassende, in der Politik spielt, hat uns in neuerer Zeit der Faschismus gelehrt. Aus dem Krankheitsboden nothafter Jahre schießen plötzlich Bewegun- gen hervor, die mit scheinbar neuen Phrasen cur so um sich werfen, alle intellektuelle Erkenntnis leugnen, sich an Denkfaulheit und fragwürdigste Meisseninstinkte wenden und trotz aller Armseligkeit und Vemunftwldrig- keit ihrer zusammengeflickten Gedankenwelt Wachsen und herrschend werden. Menschen, (he bis dahin gewohnt waren, der Logik zu gehorchen, pfeifen plötzlich auf kritische Einwände, laufen Rattenfängermelodien nach und geraten in einen Traum hinein, der ihnen ahen Sinn für Tatsachen und Wirklichkelten faubt. Denn Träume bestimmen nicht nur "tas Seelenleben des Einzelnen, sie wirken hoch mächtiger, verwirrender, schöpferischer oder zerstörerischer, wenn sie ganze Gruppen, Schichten, Völker erfassen, und machen einen beträchtlichen Teil des Gefühls- und Gemüts- 'ebens aus. Gewiß sind es in erster Linie das hiaterlelle Sein und die rationalen Erkennt- Ilisse. die das politische Bewußtsein am stärk- aten formen, aber alle sozialen Zielsetzungen beginnen als Visionen, von Sehnsucht und Phantasie erschaut. Und immer wieder steigen aus dem Unterbewußtsein kleiner oder großer Gruppen angestaute Verdrängungen 'n Traumgestalt hervor,.fordern Erlösung, Verwirklichung oder Bändigung und werden 80 durch ihre unterirdische Kraft zu einer �al'tät, die in ihrer Beharrlichkeit sehr oft Jeder greifbaren, beweisbaren Wirklichkeit trotzt n. Pde irrationalste aller Mächte, die Reli- gtoo, stammt aus Furcht und Träumen. k®1, Angsttraum ist so alt wie das Menschengeschlecht Im Schlafe löste sich seit Je vom Urgrund der Menschenseele alles, was an �ebrecken, Gefahren, Not in ihm und um ihn War. und nahm Gestalt an. Diese Lebens- * 11 g s t begleitet ihn von der Wiege bis zur 8abre, von der Urzeit bis in unsere Tage, •tenn die Traumschrecken weichen nicht mit "kr Nacht, sie bleiben, sie wachsen in Not- Zelten, sie kommen aus dem Unerforschlichen doskop der sozialen Massenträume und ihre ideellen Wurzeln zu einem etwas willkürlichen Gemisch wird. Soweit Fülöp-Miller mit seinem historischen Streifzug etwas beweisen will, so die These; alle bisherigen sozialen Strömungen sind darauf ausgegangen, das Schicksal, das Unberechenbare zu , bannen, aber gerade aus dem unberechenbaren Schicksalhaften erwachsen der Menschheit | immer wieder neue Kräfte, es zwingt zum Kampf, zu heroischer Lebensauffassung— und prompt landet er beim Faschismus. Und nun, in diesen letzten Kapiteln, beginnt ein tolles Durcheinander der Widersprüche. Bis dahin waren die großen leitenden Gedanken und Prinzipien einigermaßen klar, weil der Verfasser aus dem vollen Ideenborn der Kulturgeschichte schöpfen konnte, aber sowie er tion oder von Charakter- und Gesinnungsqualitäten entschieden werden. Der Verfasser reklamiert Nietzsche fürs Hakenkreuz und weiß, welche Ohrfeigen der Autor des Ueber- menschen dem Deutschtum, dem Germanenrummel und aller antisemitischen Rassefatz- kerel erteilt hat. Der neue Philosoph Hitlers redet vom Mythos der Nation wie von etwas Bleibendem im ewigen Wechsel aller Dinge und weiß, daß es in der Entwicklung u. a. auch Gesetze gibt, wie die fortschreitende Technik, die Spezialisierung, die Vereinigung der Menschengruppen zu immer größeren Einheiten, daß also zu dem Berechenbaren und Vorauszusehenden die wachsende Hilflosigkeit des Nationalismus gehört, dessen Endlichkeit kein anderer als Mussolini mit seinem internationalen Schrei nach der euro- Steine statt Brot des großen Raumes, sie erwachsen aus der �Ufloslgkelt, die daa Menschengeschlecht vor en wechselnden Gewalten des Schicksals �gte; st« weiten sich auf fortgeschrlttene- fr® Stufen zum ewigen Weltangsttraum und ~�vÖlkem die menschliche Phantasie mit Göt- fn und Teufein, Dämonen und Engeln, Ge- J�Alten de« Lichta und der Finsternis. Alle ebglonen, chillastlschen Bewegungen und '0Plen sind aus dieser ewigen Lebensangst boren; alle suchen sie die Schrecken zu ewrlg brennt die Sehnsucht nach Be- �ttgung dieser Angst, nach Bändigung des sen, Drohenden, nach dem Heiland und frer. Aus dieser Angst vor dem Uner- 0l"schlicheii entstehen Wunschträume �°rn Reich der Glückseligkeit, von der Ueber- �'lung aller irdischen Aengste. Erschütte- �hgen des sozialen Lebens gebären immer 1 Weltuntergangsvisionen, die mit chl- tischen Hoffnungen im Kampfe liegen, u kudern Heilande und Schwärmer, Narren d Führer in den Mittelpunkt des Gesche- Jünger finden sich, Massen folgen 11611 besinnungslos durch dick und dünn, en in Fieberzuständen der großen Erwar- Ihr Hab und Gut von sich, opfern, kreu- ii�en' g®1®6111' töten sich und andere. Und 111 er wdeder versagen Meister der Ver- bogen, immer wdeder zerschellen glühende g b�onen an rauhen Wirklichkeiten, aber die '�oht nach Ueberwlndung der Angst Ihn Und zeugt neue Träume. Manche von genen Verändern die Umwelt, manche erwei- e'ch als Schäume. in. Wunachträumen der Menschheit Pü der österreichische Schriftsteller Ren« g°P-Milier ein Buch gewddmet:„Führer, BnjWärmer und Rebellen"(Verlag 0nrCkttlann' München.) Das Buch wdll sich fsaaa nüchtern erscheinende Gegenwartsziele durch den Appell an die Phantasie zur lockenden Vision zu machen und krankhafte, pathologische Massenstlmmungen sachgerecht zu beeinflussen, zu lenken und zu nutzen, wde etwa der Seelenarzt das Unterbewußtsein des Patienten zu behandeln weiß. Versteht er es nicht, so besorgt es ein Kurpfuscher— die Resultate sind bekannt. Es gehört zu den boshaftesten Witzen der Geschichte, daß sie in Ermangelung wirklicher Führer oft die unmöglichsten Leute in Erlöserrollen drängt: Narren, Schwdndler, Dirnen, Scharlatane— abnorme Leute, vom Zufall auf den Schild erhoben. Keinerlei Enthüllung vermag ihren aus magischem Nichts entstandenen Nimbus zu zerstören. Und es sind gerade die pathologischsten Massenträume, die der Auflösung, der Entlarvung, der Ueberwlndung durch kritische Erkenntnisse am hartnäckigsten trotzen. Wer sich selbst betrügt, hat sich selbst überzeugt, darum besitzt der Selbstbetrug„eine innere metaphysische Wahrheit..." Der Mensch ist nicht nur eine Ver- geßmaschine, sondern auch ein Selbstbetrugsautomat. Das Bedürfnis nach Illusionen, Blendungen und angenehmen Täuschungen ist _ wie alle reaktionären Massenerkrankungen beweisen— mit der fortschreitenden Maschl- nlsierung und Entseelung der Welt nicht geringer geworden. Darum hat es die Wahrheit in der Politik auch meist schwerer als die Lüge und muß ungleich mehr Opfer bringen. Bruno Brandy. T 11111 solchen Situationen beschäftigen,„wo "krx?6 gestaltend auf das Lr"— Menschheit eingewirkt haben", aber r1'«Mchzeltt Uli "�hän. Leben es Zusam- Se geben, wodurch dmi bunte Kaiel- g die philosophischen die Gedankenwelt des Faschismus umreißen soll, beginnt der Nebel, enthüllt sich die ganze Leere dieser Psychosen. Plötzlich um wirbeln uns Begriffe statt Gedanken, umtönen uns Phrasen wie Macht, Willen, Schicksal, Blut, Heroismus, Mythos.... Wir erfahren da, daß der Italienische Faschismus den„Primat des Willens" verkündet und der Nationalsozi all s- mus den„Primat de« Blutes" und daß der eine wie der andere damit der Entpersönlichung entgegen wdrke. So täuscht sich ein Kritiker der sozialen Träume Uber den eigenen Kitschtraum! Einer wie Fülöp-Miller weiß recht gut, d«R die Faschismen aller Arten Uberall einer Zwangsjacke gleichen und daß die Mechanisierung des Menschen in Hitler-Deutschland durch die staatlich organisierte Kasernierung und den ödesten Herdenbetrieb verschärft wird Er behandelt den hakenkreuzlerischen„Mythos der Rasse" als etwas Einheitliches, Festes, dabei weiß er, daß Hitlers Rassetheoretiker noch darüber streiten, ob die Rasse- merkmale vom Blut oder von der Konstltu- pälschen Wirtschaftsverständigung bereits angekündigt hat. Gewalt, Gewalt— zu welchem Ende? Auch Fülöp-Miller weiß darüber nichts auszusagen, und so fehlt uns die Ueber- zeugung. Es ist ein Buch für den hitlerdeutschen Markt, und diese Erörterung lohnte sich lediglich deswegen, weil sich auch an dem Buch dieses Edelfaschlsten zeigt, daß es keine faschistische Theorie, kein faschistisches Weltbild, sondern lediglich eine von überallher zusammengeborgte braunschwarze Phraseologie gibt, die am Ende des kapitalistischen Zeltalters gerade noch zu einem verrückten Nottraum verelendeter und verwirrter Schichten reichte. IV. Wir Soziallsten haben an der machtvollen Mission des sozialistischen Zukunftsstaates erfahren, welche Werbekraft der traumhaften, vorwärtsweisenden Utopie Innewohnen kann, aber die Gefahren wirklichkeitsfeindlicher Massenträume haben wir nicht genügend beachtet. Es sollte zur Kunst sozialistische Politik gehören, auch Vandalismus aus Feigheit Wenn man eben noch mit einem letzten Rest Glaubens an eine gewisse Anständigkeit und Festigkeit der Menschennatur gemeint hat, daß das im Dritten Reich Verbrochene nicht mehr überboten werden könne, straft einen der nächste Tag doch immer wieder Lüge. So wurde hier letzthin von der liebe-' dienerischen Gesinnungslosigkeit der Verleger und Professoren gesprochen, als ob diese nicht mehr zu übertreffen wäre, aber die Tatsachen belehren uns eines anderen: der Verlag Th. Knaur Nachfolger in Berlin vereint in sich die Feigheit seiner Berufsgenossen und die Scheiterhaufenbarbarei Jener professoralen und studentischen Henkersknechte, die die besten deutschen Bücher bespieen und verbrannt haben. Wir wußten von diesem Verlage Knaur schon längst, daß er sein treffliche« kleines »Konversationslexikon A— Z« unmittelbar nach Hitlers Machtantritt aus dem Handel zog, well dort der»FHlhrer« als»Dekorationsmaler« verächtlich gemacht war. Man konnte die Maßnahme immerhin noch mit dem ersten Schrecken entschuldigen, der Uber die Deutschen im März 1933 gekommen war, aber für die neueste Niedertracht des Verlages kann diese Ausrede nicht mehr gelten: er läßt nämlich 3 0.0 00— Jawohl, in Worten: dreißigtausend!— Exemplare der»Geschichte der Kunst« von Richard Hamann einstampfen, weil der»Völkische Beobachter« das Buch verrissen hat! Wie sollte aber auch der»Völkische Beobachter« ein Werk loben, das von der ersten bis zur letzten Zeile ein Meisterwerk ist, geladen mit Originalität, Wissen und wunderbare' volkserzieherischer Kraft? Denn eine solche Kunstgeschichte wie die Hamanns war noch nicht da: an tausend Seit« n stark, mit 1120 zumeist neu aufgenommenen Bildern geschmückt, um den Spottpreis von Mk. 4.80 Jedem Interessierten erreichbar, gibt sie nicht. nach überkommener Art Biographien, Stilbeschreibungen und Stilentwicklung, sondern sie stellt das künstlerische Schaffen mitten in den lebendigen Fluß der europäischen Ge- samtkultur und zeigt immer wieder, wie man die Kunstwerke ansehen muß und was ihren besonderen künstlerischen Wert ausmacht. Sie leitet durch all das zum selbständigen Miterleben und kritischen Erfassen an, wie es noch keine kürzere Kunstgeschichte traf, und das mag in den Augen des»Völkischen Beobachter« ihr eigentliches Verbrechen sein; aber darf es den Mltschöpfer des Buches, den Verleger, der einen imposanten organisatorischen Apparat aufgeboten hat, um diese einzigartige Leistung zustande zu bringen— darf es ihn veranlassen, seine beste Schöpfung In dreißigtausend Exemplaren einzustampfen? Handelt er nicht noch zehnmal unmenschlicher als die Herren Studiosen, ehe unter die Bücherscheiterhaufen die vemich tenden Brände legten? Denn die zerstörten etwas, was sie in ihrer nationalsozialistischen Unbildung nicht kannten und was ihnen ihre eben so unwissenden»Führer« als wahres Teufelswerk hingestellt hatten. Der Verlag Knaur aber überantwortet dreißigtausend Bücher dem Nichts, von denen er weiß, daß sie unendliches Licht und unendliche Freude in zahllose Herzen tragen könnten, er wütet gegen den Geist, den er selber mitschaffen half! Schande Uber ihn! Und die Schande der Geschichte über jene, die das deutsche Volk zu so unsäglichen Ausschreitungen der Feigheit und Gesinnungslumperei fähig gemacht haben! K. Heil Hitler! Ein Arbeiter wundert sich— and wird dafür gerüffelt. Ein deutscher Ruhrarbeiter machte unlängst mit seiner Frau einen sonntäglichen Radausflug. Auf der Heimfahrt kamen sie an einer Gaststätte vorbei und wollten einkehren. Aber siehe— vor der Gaststätte waren lauter unheimlich elegante Automobile aufgereiht— etwa 400 an der Zahl— und fast von jedem wehte ein Hakenkreuzfähnchen. Der Arbeiter und seine Frau fühlten sich unbehaglich In so feudaler Gesellschaft, sie machten kehrt. Daheim setzte sich der Mann hin und schrieb an den»Ruhrarbeiter«, das amtliche Organ der Deutschen Arbeltsfront, Gau Essen, einen Brief, in dem es hieß: »Wir sahen die Menschen, die In ihren Automobilen ankamen. Es kam uns angesichts der vielen Automobile einmal so recht zum Bewußtsein, was für arme Teufel wir sind. Meine Frau fragte mich dann, da sie fast an jedem Auto Hakenkreuzwimpel sah; Karl, meinst Du auch, daß diese Leute alle für Hitler sind, sind das auch Nationalsozialisten?— Ob ich wollte oder nicht. Ich nahm mir all die vornehmen Besucher unter die kritische Lupe und sah das satte und behagliche, ohne Nahrungssorgen lebende Bürgertum, so wie es unser Führer in seinem Buche»Mein Kampf« so treffend geschildert hat...« Und das Organ der Deutschen Arbeitsfront druckte den Brief ab. Aber nicht zum Zeichen des Einverständnisses. Im Gegenteil! Der Arbeiter, der es gewagt hatte, sich zu wundern, der es gewagt hatte. Wort und Wirklichkeit im Dritten Reich zu vergleichen, der Hilfe von der Arbeitsfront erwartete, weil er eich selbst in all den Widersprüchen nicht zurechtfand, bekam einen gepfefferten Rüffel: »Zunächst— wenn unser Freund sich auf das Buch des Führers»Mein Kampf« bezielit und daraus die Abneigung des Führers gegen das Wohlleben des Bürger schlechthin ableiten will, so ist er einem großen Irrtum zum Opfer gefallen. Offenbar will der Führer bei seiner Kritik am liberalen Bürgertum nichts anderes, als die politische Verantwortungslosigkeit des Bürgertums geißeln... Zweitens ist gegen die Ausführungen unseres Volksgenossen einzuwenden, daß das betreffende Lokal, ein gutbürgeriiches Kaffee-Restaurant ist, und In ein Fischgeschäft Im Proletarierviertel tritt ein junger Arbeiter. Früher sah man ihn Abend für Abend unter den debattierenden Kommunisten an der Straßenecke stehen. Damals ging es noch gegen Braun und Seve- ring. »Hell Hitler! Ich möcht'n Rollmops.« Ein anderer Arbeiter, der im Laden steht, kennt ihn und sagt geringschätzig:»Dir ist wohl nicht gut? Hell Hitler— das hast Du hier nötig, was?« Der Junge Mann bekommt seinen Rollmops, wendet sich um und antwortet;»Da hast Du eigentlich auch recht!— Hell Hitler!« Und raus Ist er. * Im Zwickauer Kohlenrevier kommt ein Kumpel in eine Kneipe und grüßt:»Heil Hitler— und den Andersdenkenden ein herzliches Glückauf!« Alle lachen und grüßen;»Glückauf, Schorsch!« • In einer thüringischen Kleinstadtschule läßt der Lehrer die Kinder in der Bibel die Geschichte von Rebekka lesen. Abraham schickt seinen Knecht aus nach seinem Vaterland mit dem Gebot, dort ein Weib für Abrahams Sohn Isaak zu freien. »Also nahm der Knecht zehn Kamele von den Kamelen seines Herrn, und zog hin, und hatte mit sich allerlei Güter seines Herrn, und machte sich auf, und zog gen Mesopotamien, zu der Stadt Nahors. Da ließ er die Kamele sich lagern außen vor der Stadt bei einem Wasserbrunnen, des Abends um die Zeit, wann die Weiber pflegten herauszugehen, und Wasser zu schöpfen.« Dort betet er und bittet den Gott Abrahams um ein Zeichen, welche von den Töchtern der Stadt er für Isaak freien soll. Die soll es sein, die ihm zu trinken geben und seine Kamele tränken wird. »Siebe, da kam heraus Rebekka, Bethuels Tochter, und trug einen Krug auf ihrer Achsel. Und sie war eine sehr schöne Dirne von Angesicht, noch eine Jungfrau, und kein Mann hatte sie erkannt Die stieg hinab zum Brunnen, und füllte den Krug, und stieg herauf. Da lief ihr der Knecht entgegen und sprach: Laß mich ein wenig Wassers au« Deinem Kruge trinken. Und sie sprach: Trink. mein Herr; und eilend ließ sie den Krug her* nieder auf ihre Hand, und gab ihm zu trinken. Und da sie ihm zu trinken gegeben hatte, sprach sie; Ich will Deinen Kamelen auch schöpfen, bis sie alle getrunken. Und eilte, und goß den Krug aus in die Tränke, und lief abermals zum Brunnen, zu schöpfen, und schöpfte allen seinen Kamelen.« Und so welter Im Texte, 1. Buch Mosa Kapitel 24. Nachdem die Geschichte gelesen ist, läßt der Lehrer die Kinder satzweise die Geschichte nacherzählen. Als das Mädel d«e GrUnwarenhändlers Vetterieln an die Reih« kommt erzählt es:»Und da kam Rebekka mit den Eimern an den Brunnen und wollt« Wasser holen. Und da sagte Rebekka:»H«*1 Hitler, Isaak! Du hast wohl mächt'gen Durscht?« Well aber alle, Kinder und Lehrer, schallend lachten, konnte die kleine Vetterieln nicht weitererzählen. Manfred. daß man dort für einen unbedingt annehmbaren Preis eine gute Tasse Kaffee trinken kann... Aber unser Freund ist bei seinen Beobachtungen dem marxistischen Neidgefühl zum Opfer gefallen. Das bloße Neidgefühl hat auf der Welt noch nie etwas Gutes vollbracht Neid ist sein eigener Folterknecht! Neid ist die Schlange, die auf der Erde kriecht und zischt Wenn aber unser Freund beim Lesen dieser Zeilen kleinmütig werden und mit»aber« und »wenn« unsere Argumente aus der Welt zu streiten versuchen sollte, so erinnern wir ihn an das Sprichwort:»Aber, Wenn und Gar sind des Teufels War«. Fast könnte man meinen, es habe sich ein Meckerer In die Redaktion geschlichen, denn mit blöderen Argumenten ist selbst in der Göbbels-Presse selten diskutiert worden. Dennoch muß der Ruhrarbeiter, der den Brief schrieb, sehr vorsichtig sein, denn wenn er nach der erhaltenen Belehrung immer noch ein»Wenn und Aber« hat, läuft er Gefahr, ins Konzentrationslager geschafft zu werden, Vielleicht sogar per AutomobU, damit er künftig nicht mehr behaupten kann. Automobile seien nicht für deutsch© Arbeiter gebaut. Der Führer bevorzugt Seilensttrafien Bestrafte Neugier— und eine»bleibende Erinnerung«. Der Führer scheint nicht ganz davon Uberzeugt zu sein, daß er sein Haupt ruhig in jedes Untertanen Schoß legen könnte. Er nimmt immer mehr die Gewohnheit an, plötzlich aufzutauchen, plötzlich zu verschwinden und die Straßen, in denen er erwartet wird, nicht zu benutzen. Bescheidenheit ist das nicht— was mag es wohl sonst sein? Als Hitler jüngst in Hannover weilte, hieß es Im»Hannoverschen Anzeiger«: Zehntausende standen am Sonntagabend in den Straßen am Oberpräsidium, um den Führer und Reichskanzler willkommen zu heißen. Sie standen und wankten nicht, bis schließlich ein Polizeikraftwagen das Spalier abfuhr und mitteilte, daß der Führer bereits im Oberpräsidium eingetroffen sei. Am Montagmorgen erlebte Hannover das gleiche Bild. Wiederum standen die Menschen an den zum Flughafen führenden Straßen und erwarteten den Führer. Leider erlebten auch sie eins Enttäuschung, die Stunden gingen dahin... bis schließlich die langen Reihen die Nachricht entlang lief, daß der Führer nicht zur Vahrenwalder Heide hinausfahren werde. Allmählich zerstreuten sich dann die Massen. Aber eine Einwohnerin der guten Stadt Hannover wurde doch vom Glück verfolgt und bekam auch noch ein Denkmal In dem erwähnten Blättchen gesetzt; Der Führer verließ Hannover über die Langensalza- und Meterstraße. Auf der menschenleeren Meterstraße standen gegen Mittag zwei Frauen Im Gespräch, als plötzlich mehrere Kraftwagen näherkamen. Die eine der beiden FVauen erkannte im Augen- blick des Vorbeifahrens im ersten Kraftwagen den Führer und rief ihm ein von freudiger Ueberraachung getragenes Heil nach. Der Führer, der Zivil trug, drehte sich um und dankte grüßend. Für die Frau, die schon einige Stunden am Aegi- dientorplatz gestanden hatte, wird diese Uberraschende, ganz unerwartet kommende Begegnung mit dem Führer eine bleibende Erinnerung sein. Das Sammeln»bleibender Erinnerungen« wird in Deutschland immer schwerer. Vor allem mißtrauen viele Leute dem Worte »bleibend«, seitdem sie erlebt haben, wie die Röhra-Freunde um ihre»unvergeßlichen Momente« geprellt wurden, von denen dereinst die Presse soviel Wesen machte. Begeisterung National-Sozialistische Deutsche Arbeiterpartei Ortsgruppe Oelsnltz L V. Oelsnltz 1. V., den U. August IW*- An alle Zellen- und Blockleiter. In letzter Zelt mehren sich die Fülle, vo Parteigenossen glauben, es nicht mehr nötlf zu haben, die Fahnen des 3. Reiches grüßen. Ich mache deshalb zum wiederhol' ten Male darauf aufmerksam, daß«In Nationalsozialist den Fahnen aller Gliederung«® der Bewegung die nötige Achtung erweizt- Das ist so selbstverständlich, wie nur irg«®� etwas. Weiterhin hat sich In erschreckendem Ü«#' fang ein Unterlassen des Grußes>H«'' Hitler« feststellen lassen. Mit diesem heTf liehen Gruß freudig einen anderen Pg. odaf Volksgenossen zu grüßen und zu danken, ist doch jedem Pg. ein Herzensbedürfnis. äH® abgeschmacktes»Morjen«,»Tag« u. ä. wirk' disziplinlos. Hierbei sei auch gleich erwähot daß unser Gruß nicht bloß»Hell« beißt,»00' dem»Hell Hitler«. Jeder politische LeB®® muß sich dessen bewußt sein, daß er ein Vorbild darzustellen hat und sich selbst � durch Korrektheit, Disziplin und vorbildlich«' Benehmen die Achtung aller Vg. erwirbt u®'' erhält. Jeder Blockleiter hat Innerbalb ssU»" Blockes den Parteigenossen hiervon Keantni* zu geben und für Abhilfe der elngeriss«®®® Unsitten in humaner Welse(!) zu s01" gen. Hell Hitler! gez. Unterschrift Stellvertr. Ortsgruppen! elf' Bestandaufnahme Bestände werden aufgenommen Von Hülsenfrüchten, Kaffee, Tee. Man muß doch durch den Winter kommen! Hunger und Autarkie tut weh... Zwar heißt's, es sei für die Statistik. (Muß die Statistik hungrig sein!) Doch auf geölte Rabulistlk Fällt mancher immer noch hinein. Nur dumm, es scheint nicht recht zu langen, — Für braune Bonzen langt es wohl,— Jedoch das Volk ist nicht zu fangen Mit Redeschmalz und PhrasenkohU Drum prüft man ängstlich die Bestände. Ein Raunen geht derweil durch'« Land: Wann geht es wohl mit euch zu Ende, Wie lang hat Hitler noch Bestand? Mucki. Entartetes Publikum In anderen Ländern beginnt die Theatersaison wieder, in Hitler-Deutachland haben verschiedene Theater, die im Frühjahr noch bestanden, vorläufig nicht wieder eröffnet. Was wird von den anderen übrig bleiben? Die Nazipresse hat den Auftrag, stärkeren Theaterbesuch zu erpressen, denn wenn selbst die wenigen noch verbliebenen Theater leer sind, ist das ein zu drastisches Zeichen dafür, wie sehr das deutsche Drama und das deutsche Volk auf den Hund gekommen sind. Und so wird denn die Parole ausgegeben: »Wer dem deutschen Theater lebt, der lebt Deutschland.« So drückts ein gewisser Buchhorn, brauner Gauamtsleiter für Presse und Kunst, in der Gubener Zeitung aus. Nebenbei wirft er den Marxisten vor, daß sie das Publikum verdorben hätten, indem sie»politische Predigt zum Klassen- und Rassenhaß auf die Bühne trugen...« Das wird selbst dem Göbbels zu plump gelogen sein. Wo ist ein einziges Stück der»Systemlinken«, das den Rassenhaß predigt?! Nachdem man in Gangster! en Jeden Menschen von Geschmack mit der Rassenhetze der großen und kleinen Jobste aus dem Theater geeckelt hat— in einem Falle mußte Jobst das Gröbste streichen, weil ausländische Pressevertreter protestierten— ist es wieder der Mamsmus gewesen. So sehen jetzt deutsche Zeitungen aus. Warum, wenn es nun mal im Hitler- Deutschland keine zugkräftigen braunen Autoren gibt, macht man fürs Theater nicht das nach, was jüngst der Malerei geschah? Da gäbe in Dresden eine Ausstellung»Entartete Kunst«. Sie sollte zeigen, was undeutsch Ist. Nicht nur die wildesten Expressionisten von ehedem, sondern auch Künstler, wie Feininger und Nolde hingen dort am Pranger. Keine Kuna tausa tel 1 ung des letzten Jahres war o besucht wie diese! Die Leute atmeten hörbar auf. Endlich sah man wieder einmal echte, freie, unabhängige Malerei, endlich mal eine wirklich künstlerische Abwechslung im monotonen Einerlei des braunen Kitsches. Warum arrangiert man in den deutschen Städten nicht eine Woche»Entartetes Drama« und spielt Strindberg, Wedekind, Shaw. Sternhelm. Kaiser, RÖBIer usw. Rennen würden die Leute: Endlich mal wieder richtiges, freies, lebendiges Theater! Rennen würde das Publikum, weil es so entartet Ist, daß sich selbst die Nazis in den Stücken der Demokratie wohler fühlen, als In denen der Buohhömer. Denn obigpr Gauamtsleiter Buchhorn hat auch eins geschrieben, eine# aus der Schillzelt, was demnächt aufgeführt werden soll— daher sein obiger Artikel fürs knalldeutsche Drama. Einer von den vielen braunen Dilettanten, die Ihren amtlichen Posten mißbrauchen, um den eigenen Mist wehrlosen Direktoren aufzuzwingen! Hoch die Volkskunde! Nieder mit allen, die Volkskunde studiert haben! Die Nationalsozialisten haben weder das Pulver noch die Volkskunde erfunden, so gern sie sich dessen zu rühmen pflegen. Es gab schon lange vor Hitlers Zelten wissenschaftliche Vereine, die sich mit Volkskunde befaßten. Den Mitgliedern dieser ernst gemeinten Vereine sträuben«ich die Haare auf dem Kopf, wenn sie den faustdicken Blödsinn betrachten, der heute unter der Marke„Volksund Rassenkunde" an die Menge zwangsver- filttert wird. Und weil ihnen Ihre Sache am Herzen liegt, bringen sie'g nicht Uber sich, zu schweigen. In Heidelberg wurde kürzlich ein Volkskundetag begangen, dessen Verlauf die neudeutacben Rassisten bitter enttäuscht«. Wo sie Honig zu saugen hofften, wurden ihnen essigsaure Wahrheiten kredenzt. Gleich In der Begrüßungsansprache ging Professor Dr. John Meier, Vorsitzender des Reichs Verbandes dar deutschen Volkskundevereine, kräftig ins Zeug. Er erklärte klar und frei, es � rassenkundiieh unmöglich, von einer geistig*0 Autarkie des vorchristlichen Germanien« � sprechen, vor allem aber sei die blndung der Begriffe„deuts®� und„nordisch" schon seit Jabf'l von der Wissenschaft als unri®11' tlg anerkannt Allerding« wisse J? fügt« der Professor mit bitterer Resgol"* helt hinzu, daß„die Wissenschaft heute ni®11 hoch im Kurs steht" Die anderen Redner, durchweg« anerks®0" Wissenschaftler, hielten gleichfalls nicht term Berge. Professor Koch, Gießen, wag� es sogar, die„bäuerliche Volksfrömmigk®'*' in der die Blubo- Leute einen„köstlic®� Schatz germanisch-nordischen Seelentums" erkennen meinen, als finsteren Abergla®0� abzutun. H Der„Völkische Beobachter" heult natürf! auf wie ein getretener HÖIlenhund; „Uns Wissenschaft wiegt wenn_______________ nicht nötig, sich glelchzuso h�j ten, weil sie schon Volkatumsarbelt Gegenstand hatte, lange bevor sie"uLj« den NationalsozlaUsmus ihre entscheid?0 Wertschätzung erfuhr. Die Innere Ver®, denheit der deutschen Volkskundewi®»� schaft mit dem National»ozlallsmus l3' dauerlich locker." die deutschen rassedurchschwäng®*? Blut- und Bodenreich eine deutliche OpP0� tlonsstellung bezogen haben, entbehrt t® � Tat nicht des Humors. Sie verstehen eh6® Daß kundler ausgerechnet gegen das viel von der Sache— man wird sie Kalt«'*' len oder kaltmachen, wenn sie ihre Ken®*®� nicht an den Nagel hängen. Werkzeug der llnmoral Man braucht gegen das Dritte Reich nicht polemisieren, es richtet sich schon durch seine Tatsachen! Wir reden nicht von den •sMlosen Kriminellen, die die Reihen der »Erneuerer« überschwemmen: wir reden nicht von der Schlammflut der Korruption, in der ganz Deutschland zu ersticken droht. Wir "sglstrieren nur die Tatsache, daß die Justiz zum Werkzeug der Unmoral im persön- Üchsten Leben des einzelnen geworden ist! Vor uns liegt ein Bericht des Mannheimer »Rakenkreuzbanne rc über Verhand- lung des Badischen Sondergerlch- tes. Dieser Brief Ist beileibe nicht oppositionell gedacht, und doch wirken die schlich- ten Tatsachen, die er schildern muß, wie die �ssigste Satire eines genaien Anklägers. Dies ist— nach dem»Hakenkreuzbanner« der Tatbestand: Schiffsführer Friedrich D. aus Kehl lebt in unglücklicher zweiter Ehe. Seine Frau will *lch scheiden lassen, so sucht sie Gründe.»In einem an das Fürsorgeamt in Mannhelm gerichteten Schreiben deutet die Erau»so ganz nebenbei« an, daß»ihr Mann schon verschiedene Male kommuni- ■tlache Druckschriften über die holländische elsässlsche Grenze gebracht habe.« Das Fürsorgeamt reagiert prompt auf öieee niederträchtige Denunziation:»fürsorg- Ich«, wie es ist, beeilt es sich, den Schlffs- Uhrer bei der Gestapo anzuzeigen. Im Mann- �Mmer Hafen wird das Schiff D.'s unter- •ücht, man findet zwar keine»staatafelnd- �en« Schriften, aber die Frau und das Kind •Ihes politischen Flüchtlings, die illegal aus GRAPHIA«, KARLSBAD. Gegenteil zu verkehren. Inzwischen haben auch andere Länder schon eingesehen, daß die Zeit der riesenhaften stehenden Heere vorbei und die gründliche Ausbildung eines Kaders unbedingt notwendig ist. Erst kürzlich hat der Major Röhricht vom Reichswehrministerium in der„Berliner Börsenzeitung" in einem Leitartikel über das Thema„Soldat gestern und heute" u. a. folgendes geschrieben: „Die zahlenmäßige Beschränkung wirkte sich anders aus, als sie von den Urhebern der Bestimmungen beabsichtigt war, in der Richtung der Qualität. Die Güte des zahlenmäßig beschränkten Menschenmaterials und die verlängerte Dienstzeit schufen völlig veränderte Ausbildungsverhältnisse, neue Möglichkeiten. Der Drill konnte immer mehr zurücktreten und auf ein Mindestmaß beschränkt werden, ohne daß die soldatische Straffheit litt. Die sorgfältige Erziehung des einzelnen Mannes wurde bewußt in den Vordergrund gestellt, Kasemenhof und Exerzierplatz verloren an Bedeutung, Je mehr der gewandte, völlig selbständig handelnde Einzelkämpfer als das ausschließliche Ziel der Ausbildung Geltung gewann. Der Kämpfer mit ausgesprochenem Persönlichkeitswert, der Führer nach Maßgabe seiner Fähigkeiten, dieses Ziel bewirkte nicht allein der Militärdienst, auch die Erziehung in den erheblich ausgebauten Hee- j resfachschulen wurde dafür eingespannt. Den gesteigerten Aufgaben des Dienstes entsprachen auf der anderen Seite die hohen Anforderungen, die an das Offizierskorps zu stellen waren und die immer mehr über das rein Militärische hinausgingen..." Drill, Kasernenhof und Exerzierplatz werden mehr und mehr überwunden. Und der Soldat soll eine Persönlichkeit werden! Je» der Soldat eine Persönlichkeit. Das will kaum in unsere Ohren. In einer Zelt, wo die Persönlichkeit ein„liberales Vorurteil" ist, wo Jene, die früher dafür kämpften, heute nichts mehr von diesem Ziel wissen wollen, kommen die deutschen Generäle und machen„Persönlichkeiten! Im modernen Krieg ist der einzelne Soldat völlig auf sich selbst gestellt. Blinder Gehorsam würde Jetzt einfach die Schlacht unmöglich machen und den Sieg gefährden. Der Führer ist oft Meilen vom Soldaten entfernt, der Soldat muß aus eigenem Entschluß handeln, kombinleren, selbst denken und sich im vergasten Gelände zurechtfinden können. Darum verschwindet ParadrlU und Kasemenhofton. Untertanengeist und Kadavergehorsam, darum geht Preußen unter! Die Reichswehr räumt die Kaserne—<0® SA legt die alten Häuser in Beschlag und verhält sich darin, wie es altpreußischem Wesen entspricht. Wie in allem, so liegt auch im Militärischen ihr Ideal im Gestern. Preußen geht unter— und der Kamp' der SA ist der Todeskampf de® alten Preußentums. Freilich, bleiben wird trotz alledem ein Maß von militärischem Zwang, von Drill und Gehorsam, deren V" sache im politisch-sozialen Geschehen m1 suchen ist, gegen die auf die Dauer auch Wehrpsychologie, Psychotechnik und Webr- pädagogik nichts nützen werden. Doch'n diesem Sinne wären alle Länder„preußisch'• So verkehrt die Geschichte Wahrheit in Lüge- Preußen, wer hätte Je geglaubt, daß die Soldaten dich mal überwinden werden! ILuccHnrniMö eejittWcmoProHfcIjcs iDodjcnblatt Herausgeber: Ernst Saltler: verantwortlicher Redakteur: Wenzel HorO' Druck;„G r a p h i a": alle in Karlsbad' Zeitungstarif bew m P D. ZI 159.334/VII-193l'• Der„Neue Vorwärts" kostet im&nze}l verkauf innerhalb der CSR KC 1.40(für Quartal bei freier Zustellung Kf 18.—) Pj®)« der Einzelnummer Im Ausland Kä 2.— 24— für das Quarta!) oder deren in der I.andes Währung-(die Bezugspreise das Quartal stehen in Klammern); Argenfin", Pes 0.30(3.60) Belgien Frs 2—(24.-). � garien l.ew 8.-(96.—). Danzlg Guld"p (3.60) Deutschland Mk 0.25(3.—). 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