Nr.?? SONNTAG, 2. Dez. 1934 (50$ialfomolraKfd)gg tttecfonfrta# Verlag; Karlsbad, Haus„Graphia"— Preise und Bezugsbedingungen siehe Beiblatt letzte Seite Aus dem Inhalt: Geiselhaft und Peitsche für Katholiken Rabbiner im Konzentrationslager Preise klettern in die Inflation Diktatoren des Altertums Zwischen ürins und Frifscli Reichswehr immer noch„Sphynx" zu Der alte Gegensatz zwischen der Reichswehr und dem Nationalsozialismus �urde auch durch den 30. Juni nicht be- reinigt. Dieser Tag brachte der Reichswehr nur einen halben Sieg. Es siegten "och andere unter völlig anderen Ge- •iehtspunkten, was u. a. durch die Er- �hießung Schleichers zum Ausdruck kam. So hat der 30. Juni die Gegensätze eher verschärft. Schwerindustrie, G ö r i n g- Gruppe, Hitler-Blomberg und �«ine besondere Richtung vertretend) auch Gritsch, waren sich zwar einig in der Aktion gegen die SA über Umfang, Ziel "nd Methode bestanden jedoch Differen- ten. Die Reichswehr wollte nicht nur die damalige SA- Führung, sondern die Sanze SA loswerden, sie wollte der SA ge- Sfnüber nicht nur ihren Charakter als die einzigst waffentragende Macht« wahren, ändern nicht einmal SA-Führer und Mannschaften in die Reichswehr aufnehmen. Doch gerade dies wurde nach dem � Juni wieder in verstärktem Maße vergeht. Kämpften die Leute um Röhm g e- 8eu die Reichswehr, um diese zu er- 8efc*n, so kämpfen die Leute um Göring Jj m die Reichswehr, um diese in ihrem zu z e r setzen und als zuverlässiges mstrument ihrer Terrorherrschaft Schern. Diesen Bestrebungen setzen sowohl die preise um Blomberg als auch— und zwar m besonders starkem Maße— jene um ritsch Widerstand entgegen. Die Fragen er Wehrform, der Ausbildung, der Auf- �aben der Wehrmacht usw. spielen in die- 8610 Streit wieder eine große, ja die e n t- 8cheidende Rolle. Hitler steht zwi- �hen Göring und Fritsch, unentschieden Jri® immer. Die Verbindung Blomberg- eitler stellt das Zentrum dar, das bestrebt ■ Nationalsozialismus und Reichswehr riisaramenzuhalten. Aber wenn der Nationalsozialismus seine heutige Herrschaft "eingeschränkt behaupten will, muß er �anz auf die Wehrmacht rechnen kön- m*. was er scheinbar doch noch immer r;cjlt kann. Göring würde aus der Wehracht ein solches Instrument machen. "er nach Auffassung der Gruppe Fritsch ann dieg nur auf Kosten der Brauchbar- e't gegen den»äußeren Feind« gesche- Das Problem ist das: wie ist die in- ere und äußere Funktion der deutschen rinee miteinander zu vereinbaren, ohne ® gegenwärtige Staats- und Wirtschafts- tik aufzugeben? Wie können die Mas- zur gleichen Zeit versklavt und für die geisterte Kriegsführung gewonnen wer- en? Wie sind totaler Staat und totale ilmachung miteinander zu vereinbaren? , Das ist in diesem Staat das entschei- e"de Problem. Rressemeldungen zufolge wurde es kürz- i" einer Denkschrift des Generals von �tsch offen aufgerollt Vielleicht sind W9ifel am Vorhandensein dieser Denk- "hrift berechtigt, denn amtlich ist dar- er nichts bekannt, doch entscheidend ist die Probleme vorhanden sind. j. In dieser Denkschrift wehrt sich die ®lchswehr nicht nur gegen den Totali- �«gedanken der NSDAP, der keinen auin mehr für den Staat im Staate las- t a wül, es wird dort auch von überpar- e' lc�er und gesamtnationaler Jugend- j���nng gesprochen. Die nationalsoziali- � Erziehung reiche nicht aus und Räusche sich eine Stimmung vor, die r.'chkeitsfremd seL Im Moment der e afar könne man sich auf breite Volksschichten nicht verlassen. Selbst gegen die heutige Art der Rüstung nimmt Fritsch Stellung. Er hält sie für verfehlt. Sie erinnern ja auch reichlich an das Flotten- bauprogramm der wilhelminischen Aera. Die Gegensätze werden dadurch verschärft, die Mittel verschleudert. Beides bewirkte ja bekanntlich auch das Flotten- bauprogramm. Bei Kriegsausbruch war das ganze Zeug unbrauchbar. Es war vor allem ein Geschenk an die Rüstungsindustrie, aber auch eine wirkliche Ursache des Krieges!— Es verlautet, Hitler zeige sich den militärischen Einwendungen Fritsch' durchaus geneigt, er müsse anerkennen, daß sie vielfach berechtigt sind. Aber ihre Berücksichtigung würde von solchen wirtschaftlichen und politischen Konsequenzen begleitet sein, daß der Nationalsozialismus davor zurückschrecken muß. Behaupten sich in diesem Schreck die Nationalsozialisten, dann könnte Deutschland von ihneh in einen Krieg hineingetrieben werden, den es nach der Auffassung der Wehrmacht auf keinen Fall erfolgreich führen kann. Behauptet sich die Reichswehr, dann ist die heutige Herrschaftsform wieder stärker bedroht, der Krieg zunächst vertagt. Hitler kann nach beiden Seiten umfallen. Das sind die Herren Studenten! Vom Prager Inslgnienstrelt zum zweUen Weltkrieg? So ist es richtig! WeU die deutsche Universität in Prag einige gelbmetallene Geräte ohne Gebrauchswert an die tschechische Universität abgeben mußte, demonstriert die akademische Lausbubokratie von Berlin und Köln gegen die Tschechoslowakische Republik. Kein Wort über den erledigten Prager Insignlenstreit! Er interessiert uns nicht, wir haben für ihn nicht das geringste Verständnis. Aber was uns interessiert, ist die Tatsache, daß man in Berlin Protestversammlungen unter freiem Himmel und in Köln öffentliche Umzüge halten kann. Welches Glück der Freiheit blüht auf einmal dem deutschen Volke! Protestversammlungen in Berlin, öffentliche Umzüge in Köln— waren? Haben die Herren Studentchen eine Ahnung, warum, weshalb, wofür, wogegen sie Heil und Nieder und Prosit und Pereat brüllen? Kennen sie überhaupt die Welt, in der sie sich befinden? Da stehen sie nun in der Rauchstraße in Berlin vor der tschechoslowakischen Gesandtschaft und singen: Der Gott, der Eisen wachsen ließ, der wollte keine Knechte. Drum gab er Säbel, Schwert und Spieß Dem Mann in seine Rechte. Drum gab er ihm den kühnen Mut, Den Zorn der freien Rede... Wahrhaftig, das singen* sie! Und die Erde öffnet sich nicht, diese Rotte Korah zu verschlingen? Aber nein, Göring schmunzelt gnädig, Göbbels grinst vergnügt über das ganze Gesicht. Hitler hat zum mindesten nichts dagegen einzuwenden. Denn der Zorn der freien Rede, der mit Säbel, Schwert und Spieß droht, gilt ja nicht den Würgern des deutschen Volkes, er güt dem Gesandten der Tschechoslowakischen Republik! In Deutschland werden Menschen, ehrenhafte, angesehene, rechtschaffene Männer und Frauen, wie herrenlose Hunde zusammengefangen, nachts aus ihren Wohnungen geholt, geschlagen, bis das Blut spritzt, in Kerker geworfen, in Konzentrationslager gesteckt und keiner sagt ihnen, wann sie den Tag der Freiheit schauen werden. In Deutschland steckt man öffentliche Gebäude an, um nachher wissentlich unwahr politische Gegner der Brandstiftung bezichtigen zu können. In Deutschland werden Rollkommandos ausgeschickt, um politisch Verdächtige aus dem eigenen Lager oder Deutschnationale oder Katholiken niederzuknallen. In Deutschland werden Ausländer auf der Straße angefallen, bespien, beschimpft, geschlagen, verschleppt-- und wer in Paris, in London, in Brüssel, in Amsterdam, in Prag hält dagegen Protestversammlungen unter freiem Himmel ab, wer veranstaltet dagegen öffentliche Umzüge? Uns ist bekannt, daß der Berliner Gesandte eines Deutschland benachbarten Staates in mehr als 300 Fällen wegen Mißhandlung seiner Schutzbefohlenen zu intervenieren gezwungen war. Von all diesen Fällen Ist so gut wie nichts in der Oeffentlichkeit bekannt geworden. Man hat sie absichtlich verschwiegen. Warum? Weil man auf die Erhaltung freundschaftlich-korrekter Beziehungen Wert legt, weU man den Frieden nicht gefährden will! Aber wenn in Prag eine alte goldene Kette ihren Besitzer wechselt, dann zieht der akademische Haufen vor die tschechoslowakische Gesandtschaft, um seiner Entrüstung über diese nationale Schmach Ausdruck zu geben. Weiter fehlt nämlich dem deutschen Volke zu seiner Ehre nichts, als daß die bewußte goldene Kette auch weiterhin dem Rektor der deutschen Universität um den Hals hängen darf! * Hoffen wir, daß die mittlerweile eingetretene Beruhigung sich von Prag aus auch auf die übrige Welt ausbreiten wird! Hoffen wir, daß sich an diesem grandiosen Insignienstreit kein neuer Weltkrieg entzündet! Hoffen wir, daß über diese lächerliche Geschichte in einer Woche kein Mensch mehr redet! Aber auch dann noch bleibt der Fall interessant und lehrreich, weil symptomatisch. Zeigt er doch, was alles möglich wird, wenn der Menschheit der politische Verstand verloren geht! Zeigt er doch, wie in einer elektrisch geladenen Atmosphäre Funken entstehen und aus ihnen Brände und Explosionen. Ja, der Fall ist lehrreich. So fängt es an. DaSistdietypische Ablenkung nach außen! Erst hat man es mit Judenhetze versucht, dann trieb man einen republikanisch gesinnten Reichsbankrat und Hausbesitzer wegen angeblich unsozialer Gesinnung durch Radau und Gefangennahme zum Selbstmord. Sodann veranstaltete man Lustjagden auf wirkliche oder angebliche Hamsterer. Ist es schon so weit, daß solche Volksbelustig�ungen nicht mehr ziehen, wenn man nicht auswärtige Gesandtschaften zu ihrem Objekt macht? Muß der Volkszorn sich in der Rauchstraße Luft machen, damit er sich nicht noch viel gründücher in der Wilhelmstraße entlädt? • Am Vorabend der Kriegserklärung Ende Juli 1914 demonstrierten nationalistische Studenten in Berlin Unter den Linden gegen den„Erbfeind". An einem Fenster der französischen Botschaft, von einem Vorhang verdeckt, stand der Botschafter, C a m b o n, die Tränen liefen ihm die Wangen hinunter und er sprach:„So wie hier treiben sie es heute in allen Großstädten Europas— und wer kann das Unglück ermessen, das daraus entsteht?" In Berlin demonstrierten damals an demselben Tage auch die sozial- demokratischenArbeiter. Sie brachten— das durften sie damals— Hochrufe auf den Frieden aus und sangen ihr altes Kampflied nach den Klängen der Marseillaise, des Sturmganges der französischen Revolution. Wer darf heute auf deutschen Straßen den Frieden Hochleben lassen, oder die freiheitlichen Ideen von 1789 preisen? Ausgerottet, niedergetreten, in die Katakomben gejagt sind alle Faktoren einer friedlichen und freiheitlichen Entwicklung. Jene Kräfte, die damals zu schwach waren, das Unheil zu verhüten, sie sind heute— oberirdisch sichtbar— überhaupt nicht mehr vorhanden. » Was in diesen Tagen in Prag und Wien, Köln und Berlin aufloderte, war nur ein Tropfen Fegefeuer. Es war. noch nicht die Hölle, es kann noch zum Guten wirken, wenn es als Warnung wirkt. Die Politik der Nichtinter- vention hat ihren Sinn verloren. Zu eng ist dieses Europa, als daß die Menschen in Paris, London oder Prag gleichgültig bleiben könnten gegenüber dem, was den Menschen in Berlin und Dresden, Köln und Breslau widerfährt Ueberau auf europäischem Boden, vor allem aber jetzt auf deutschem vollzieht sich europäisches Schicksal. Es ist für die zivilisierte Welt, für die Welt, die den Frieden will, unmöglich, zwischen den zwei Deutschland, die es heute gibt, dem Deutschland der Unterdrücker und dem der Unterdrückten, noch länger den Neutralen zu spielen. Wenn sie nicht offen für das Deutschland der Unterdrückten, für das um Freiheit und Frieden ringende unterirdische Deutschland Partei ergreift, ist sie verloren! Soll sie zu den Waffen greifen, Krieg gegen Deutschland führen? Nimmermehr!* Gerade wenn sie das nicht wül, muß sie sich ihrer Solidarität bewußt sein mit jenen Deutschen, die gegen eine Verbrecherbande fürDeutschland kämpfen. Und sie soll gegen die verblödeten Sprößlinge der Bourgeoisie, die nur den lautesten, nicht den größten Teil der Studentenschaft ausmachen, die Arbeiter rufen, die für ihre Rechte und für das Brot ihrer Kinder kämpfen, nicht für Ehrenketten und' Szepter, Zöpfe und Perrücken. Nur die deutschen Arbeiter können Europa retten! Helft ihnen zur Freiheit, damit sie es tun! Gewalt Im Klassenkampf Ein paar Bemerkungen mehr parteigeschichtlicher Natur Der Rabbiner im K.*Z. Hellmann und A. T. Wegners Martyrium. Zu den Büchern Uber Hitlers Konzentra- tlonshöllen gesellt sich ein neues; mit ihm 'tritt ein jüdischer Seelsorger vor die Oeffentllchkelt, um Europas Gewissen wachaurütteln. Das Heft ist betitelt:„Juda verrecke" und erscheint in der Druck- und Verlagsanstalt Teplitz-Schönau. Sein Verfasser, Max Abraham, war Rabbiner in Rathenow, wurde am 26. Juni 1983 auf dem Heimwege zweimal von dem 23jährigen Sturmbann- Adjutanten Meiercord angefallen und mißhandelt. Er wehrt den Angreifer das zweite Mal ab, wird deshalb verhaftet — und nun beginnt das furchtbarste Martyrium, das fünf Monate währen sollte und mit einer Gerichtskomödie endet, bei. der das Subjekt Meiercord den Staatsanwalt spielen durfte. Der angegriffene Rabbiner, vom Konzentrationslager zerschlagen und zermartert, wurde zu 6 Monaten Gefängnis verurteilt, floh schließlich und ging Uber die Grenze. Schon bei der Verhaftung setzten die Mißhandlungen ein, in Oranienburg werden sie mit allen Mitteln fortgesetzt. Der Lagerkommandant Schäfer weiß von den sadistischen Quälereien, duldet sie und verfaßt über seine Folterstätte eine Schwarte, in der er das Wort vom„singenden, lachenden Oranienburg�' prägt. Die Führung der Judenkompagnie hat ein gemäßigter SA- Mann: binnen kurzem fliegt er, weil man in Hitlers Höllen nur teuflische Schinder brauchen kann. Zu dieser Judenkompagnie gehören 39 Jungen aus einer BerUner jüdischen Erziehungsanstalt; diese Kinder werden stundenlang auf das grauenhafteste mißhandelt. Der Jüngste von ihnen zählt 13 Jahre. Er wird geschlagen wie die anderen. Der Rabbiner muß die Aborte mit bloßen Händen reinigen, wird als Latrinendlrektor verhöhnt, beschimpft, gemartert, erkrankt an Grippe und wird von SA- Sanitätern mit Rizinusöl traktiert. Von Oranienburg gehts nach Papenburg. Dort regiert SS. Schon auf dem Anmärsche werden die Häftlinge von der betrunkenen Mannschaft gepeinigt. Der bekannte Schriftsteller und Orientforscher Armin T. Wegner sinkt unter der Last seines Gepäcks zusammen, bekommt schwere Kolbenschläge, muß singend weitermarschieren, bricht wieder zusammen, wird mit dem Kolben bis zur Bewußtlosigkeit regallert. Alle„kamen schon blutüberströmt im Papenburger Lager an"— und so ging es welter. Arbeiten im Moor, denen nur wenige gewachsen sind, Schläge auch für Greise, wenn sie nicht weiter können. Der Nationalökonom Thinius, während des Krieges Offizier und Inhaber des EK I, hat durch Kriegsverletzung eine verkrüppelte Hand, kann damit vor Schmerzen kaum greifen, läßt die Sandkarre fallen— und erhält dafür auf die kriegsverletzte Hand unzählige Schläge mit dem Gummiknüppel. Ais er auf seine Kriegsdienste verweist, zerdrischt ihm ein zwanzigjähriger SS-Lump mit dem Koiben den Rücken! Der Rabbiner soll seine Religion in den Dreck treten, soll an einem hohen Feiertage in der Dunggrube predigen. Aber Abraham ist ein tapferer Mensch, er bat sich mehrfach geweigert, kommandierte Gemeinheiten zu begehen, er weigert sich auch diesmal— man schlägt ihn dafür bewußtlos. Am Nachmittag wird er an der Dunggrube vom SS- Scharführer Everllng aufgefordert einen Vortrag über das Judentum und andere Religionen zu halten. Er beginnt tapfer mit dem Bibelsatz:„Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.. Darauf Everllng: „Hör auf, du Schwein, wir werden dir beibringen, was man unter Nächstenliebe versteht!" Und er wird so fürchterlich mißhandelt, daß er unter Krämpfen liegen bleibt. Halb tot landet er in der Kranke nstatlon, nichtjüdische Sozialdemokraten und Kommunisten bemühen sich aufopfernd, seine Leiden zu lindern. Auch Hirtsiefer, der frühere preußische Wohlfahrtsminister, wird seines Glaubens wegen verhöhnt, beschimpft, geschlagen. Hitler aber spielt sich in öffentlichen Reden als Schirmherr der Religion auf. Heilmanns Leidensgeschichte hat der Rabbiner Seite an Seite miterlebt. Heilmanns grauenhafteste Zeit beginnt in Papenburg. Die Schilderungen dieses Augenzeugen bestätigen alle jene furchtbaren Berichte als richtig, die über Heilmanna Marterungen durch die ausländische Presse gingen. Wer diesen Mann kennt, der weiß, daß er alle Zeit ein ungewöhnlich mutiger, tapferer Mensch war. 1915 ging er als Kriegs- frei williger ins Feld; zweimal wurde er ver- Zur Debatte über die Rolle der Gewalt im Klassenkampf möchte ich ein paar Bemerkungen mehr parteigeschichtlicher Natur machen. Zuvor muß ich aber einen Irrtum berichtigen, Schiff hat mit seinem Aufsatz Uber die Lehren des spanischen Aufstandes natürlich nur für seine Person gesprochen und sprechen wollen, nicht für die Partei oder eine Gruppe oder auch nur für einen Freundeskreis. Die Diskussion mit Ihm kann daher nur von Genossen zu Genossen geführt werden, nicht von„Gruppe" zu„Gruppe" oder von„Richtung" zu„Richtung". Ich selber möchte hinter manches Wort Schiffs ein Fragezeichen stellen. Ja, wenn die Politik, das Leben überhaupt, eine Sache j der destilliert reinen Vernunft wäre, dann häte er vollständig recht. Aber da es auch j Gefühle, Leidenschaften gibt, die sich in tragischen Situationen zum Wort melden, geht seine Rechnung nicht ohne Bruch auf. Ich glaube, keiner von uns wird jemals mit dem Problem ganz fertig werden, ob er in entscheidenden Augenblicken richtig gehandelt hat. So viel vorausgeschickt. Und nun ein paar Bemerkungen über die Rolle der bewaffneten Gewalt in der Geschichte der Arbeiterbewegung. Die deutsche Sozialdemokratie des 19. Jahrhunderts hat das Andenken der Märzgefallenen von 1848 und der Kommunekämpfer pietätvoll geehrt. Aber an die Anwendung von Waffengewalt im Klassenkampf hat sie niemals gedacht. Nach Ablauf des Sozialistengesetzes war sie sorgfältig bestrebt, alles zu vermeiden, was Anlaß zu seiner Erneuerung hätte bieten können.„Laßt euch nicht' provozieren, die Reaktion will schießen!" lautete damals die Parole. Der erste, der die Veranstaltung von Straßendemonstrationen im Wahlrechtskampf empfahl, war zufälligerweise der „Vater des Revisionismus" Eduard Bernstein. Zu jener Zeit hörte ich aus dem Munde des bürgerlichen Demokraten Theodor Barth die Worte:„Das preußische Wahlrecht kriegen wir erst, wenn ein paar Tote auf dem Pflaster liegen," worauf Friedrich Naumann entgegenete:„Die deutsche Sozialdemokratie ist blutsebeu." Einer der entschiedensten Gegner von Straßendemonstrationen war Paul Singer. Ich habe ihn in stundenlangen Gesprächen zu bekehren versucht, und ich kann rückblickend nur das hohe Verantwortungsgefühl bewundern, mit dem dieser alte radikale Führer das Problem betrachtete. Schließlich aber sagte er zu mir:„Na, wenn Ihr Revisionisten wundet, zweimal zog er wieder hinaus. Er wehrte sich im KL. gegen all die gemeinen Demütigungen, die seine Schinder ihm auferlegten, aber in Hitlerdeutschlands Folterböllen werden.Körper, Geist und Willen so lange zerschlagen, bis auch der Festeste nur noch ein Schatten seiner selbst ist. Als Ernst HeUmann, schwerverletzt und völlig gebrochen, nicht mehr welter konnte, verließ er seinen Arbeitsplatz, hörte auf keinen Anruf, wollte erschossen sein— der SS- Posten traf ihn erst mit der neunten Patrone. Beinschuß. Regungslos blieb er liegen, kam ins Krankenhaus.„Das war am 29. September 1933", schreibt Abraham. Und wo ist Ernst Hellmann heute? Ungeheuerlich ist das Martyrium dieser Ungezählten, die sich trotz Marter und Demütigimg nicht beugen, ihre Gesinnung nicht abschwören. Alle diese Aufrechten könnten es ja leichter haben, wenn sie die Verräter spielten, wenn sie sich als reuig Bekehrte zeigten und ihre bisherigen Ideale In den Dreck träten. Sie werden wider Recht und Gesetz gemartert. well sie ihrem Glauben treu bleiben, und das Hobelled ihres Heldentums wird in Deutschland gesungen werden, wfenn zwischen Rhein und Oder die Menschlichkeit wieder gesiegt hat. Aber ewig bleibt die Schande, daß das„gesittete Europa" diese Konzentrationslagerschmach mit angesehen hat, ohne sie durch einen allgemeinen Aufschrei des Zornes und des Abscheus hinwegzufegen. Gregor. Hitler unter Zensur Das Land der unbegrenzten Unwahrscheln- Uchkeiten— das ist das heutige Deutschland! Am 18. November hat Hitler dem französischen Frontkämpfer Goy ein Interview gegeben, das im„Matin" abgedruckt war. nichts anderes wollt, darüber läßt sich vielleicht einmal reden." Mit der Steigerung des Wahlrechtskampfes kam die Frage des Massenstreiks aufs Tapet Vorkämpfer des Massenstreiks war der „Revisionist" Ludwig Frank, während der 1 damals„radikale"„Vorwärts" über„revisio- nistische Massenstrelkromanük" spottete. Franks Auffassung wurde von„Revisionisten", die des„Vorwärts" von„Radikalen" lebhaft bekämpft Dann kam der Krieg und der Herbst 1918. Nicht aus blutigem Kampf, aus der jahrzehntelangen Arbeit der Partei und aus dem Zusammenbruch des alten Systems entstand die demokratische Republik. Sie erst wurde von einer ganzen Serie bewaffneter Aufstände heimgesucht die sich alle gegen sie wandten. Zu Weihnachten 1918 meuterte die Volks- m&rinedivision und setzte die Volksbeauftragten In der Reichskanzlei gefangen. Es hat Meinungsverschiedenheiten darüber gegeben, wie die Meuterei zweckmäßig zu bekämpfen war, aber kein Sozialdemokrat hat sie gebilligt. Dann kam der Spartakusaufstand vom Januar 1919, den Rosa Luxemburg vergeblich zu verhindern versucht hat und den selbst Karl R a d e k als eine ungeheuere Eselei bezeichnet hat Kein Sozialdemokrat hat diesen Aufstand gebilligt. Zu einer moralischen Katastrophe für die Veranstalter wurde der mitteldeutsche Aufstand vom Frühjahr 1921. Entrüstet über solch verantwortungsloses Treiben verließen Paul L e v 1 und andere kommunistische Führer ihre Partei, um zur Sozialdemokratie zurückzukehren. Die„Freiheit" wetteiferte mit dem„Vorwärts" in Tönen der allerschärfsten Verurteilung. Die Aera der zentral geführten kommunistischen Aufstände war damit vorüber. Denn der Hamburger Aufstand von 1923 brach Ja nur aus, well die zentrale Abblaseparole die Hamburger Kommunisten zu spät erreicht hatte. Die Zeit der revolutionären Offensivstöße war vorbei. Man war in die Defensive gedrängt. In der Defensive gaben die Kommunisten die Parole des Heckenschützenkrieges aus: „Schlagt die Faschisten, wo ihr sie trefft!" Später haben sie selbst das Verhängnisvolle dieser Parole erkannt und ihren Urheber hinausgeworfen. Die Sozialdemokraten gingen ins R e 1 c fa s- b a n n e r. Das Reichsbanner, das aus Sozialdemokraten und bürgerlichen Republikanern bestand, und das vor intimen Beziehungen zu gewissen Reichswehrstellen nicht zurückschreckte, wurde der Träger einer mllltantefl Ideologie in der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung. Reichsbannerleute waren es, die am 20. Juli 1932 mit dem Gedanken des Los* schlagens spielten. Sie haben ihn nicht verwirklicht, und ich bin auch heute noch der Meinung, daß ein Losschlagen an jenem Tage — gegen die schwerbewaffnete Reichswehr— nur zu einem kurzen Gemetzel und zur völligen Niederlage geführt hätte. Sie taten recht, daß sie nicht losschlugen, sie taten unrecht, nachher zu sagen, sie hätten nicht losschlagen können, denn sie hätten keinen Befehl dazu gehabt. Wer sich selber opfern will— und um etwas anderes als um ein Opfer ohns Aussicht auf Sieg hätte es sich nicht handeln können— braucht dazu keinen Befehl. Nach dem 20. Juli 1032 ist meines Wie- seiS von einem organisierten bewaffneten Widerstand gegen den Faschismus nirgends mehr die Rede gewesen. Auch bei den Kommunisten nicht, die der Meinung waren, erst müsse man den Faschismus kommen lassen, dann erst werde die Zeit für ein Sowjetrußland da sein. Das Karl-Llebknecht-Haus am Bülowplatz fiel den Braunen ebenso kampflos- in die Hände wie das Vorwärts-Haus in der Lindenstraße, und alle sozialdemokratl- sehen und kommunistischen Partei- und Ge- werkschaf tshäuaer in ganz Deutschland. Nach dieser kurzen geschichtlichen Betrachtung sage sich der Leser selbst, ob ei möglich ist, das Problem des bewaffneten Aufstandes oder auch des bewaffneten Widerstandes nach veralteten Richtungsscbablonen abzuhandeln! Das vorläufige Ende der deutschen Arbeiterbewegung vollzog sich unheroisch, und an diesem keineswegs glänzenden Ausgang waren Sozialdemokraten und Kommunisten 1° gleicher Welse beteiligt. Wenn die Kommunisten uns deshalb Vorwürfe machen, lachen wir ihnen ins Gesicht Wer hat sie denn gehindert, in einem letzten Verzweiflungskampf den Heldentod zu sterben? Keiner kann uns etwas vorwerfen, der uns nicht vorg e s t o r- b e n ist! Sollten wir aus diesen Erfahrungen nicht auch für unsere häuslichen Auseinandersetzungen lernen? Wie kann man sagen:..Dle alten Parteien sind zwar tot, aber die alten Richtungen, die leben noch!?" Wir gehen einer ganz neuen Zeit entgegen und ganz neuen Problemen; auch das Problem der£»«* walt im Klassenkampf wird ein neues Gesicht bekommen. Wir alle sollten uns bemühen, unvoreingenommen und unbeschwert von parteigeschichtlichen Irrtümern, von denen ich hier einige zu widerlegen versucht habe, an diese Probleme heranzugehen! Friedrich Stampfer. Seinen Hauptinhalt— einen geradezu flehentlichen Anbiederungsversuch des„Führers" an Frankreich— haben wir hier wiedergegeben. Der deutschen Presse aber wurde verboten, von dieser Unterredung zu berichten. Der stumme und taube Untertan des Dritten Reichs soll nicht erfahren, daß Hitler mit Franzosen spricht, als ob er Stresemann wäre oder einer der Paziflaten. die er in seinen Konzentrationslagern gefangen hält und täglich mißhandeln läßt Wer hat deÄ Abdruck verboten? Hitler selbst? Dann treibt er eine so plumpe Politik der Verlogenheit des doppelten Bodens, daß man das Maß dieser Dummheit nicht mehr fassen kann. In der Tat ist durch das Verbot für Deutschland jeder Wert des Interviews für das Ausland völlig vernichtet worden. Wer hat den Abdruck verboten? Nicht Hitler? Also Göbbels? Das Auswärtige Amt? Steht Adolf I. schon, ebenso wie einst Wilhelm H., unter Zensur? Ist es wieder so, daß in allen Aemtem das große Zittern beginnt wenn eine majestätische Schwätzerei, die man gern verborgen hätte, in die Oeffentlichkeit kommt? Wer ist dafür verantwortlich, daß dem„Führer" zwei Franzosen zugeschickt werden, die in ihrer Heimat nichts bedeuten. und daß durch sie,— Uber die französische Regierung hinweg— Liebeserklärungen an das französische Volk gerichtet werden, die kein Mensch in der Welt ernst nimmt? Wer ist dafür verantwortlich, daß dieses Interview durch ein deutsches Zensurverbot zu einem Objekt des Weltgelächters wird? Verantwortlich ist dafür niemand, well es ja im Dritten Reich Uberhaupt keine Verantwortlichkeit gibt. Die wird erst■wieder beginnen, wenn die blutige Schmierenkomödie zu Ende ist. Rosenberg furditet sich nicht Wenig bemerkt verlief im Oktober 10 Leipzig eine sächsische Lehrertagung. s'e war im Gegensatz zu ähnlichen Veranstaltungen vergangener Zeit schlecht besucht, schlecht organisiert und vom Geiste tiefsf Unlust erfüllt. Hauptredner war Herr Alfrod Rosenberg, der bekannte Kulturspezialist der NSDAP. Als er am Rednerpult erschien, begrüßte ihn kein Beifall. Schon darüber war der große Mann sichtlich erstaunt DaDB sprach er von dem Krieg der Zukunft und behandelte dieses Thema mit jenem heldischen Schwung, der allen Nazirednern gemeinsam ist wenn auch noch um einen Grad lan*' weiliger als die meisten. Natürlich versichert* er, daß das Dritte Reich an dem neue» Krieg ganz unschuldig sein werde. Mit der gleichen Sicherheit aber prophezeite er, daS „wir unsere Feinde auf den Boden zwing®11 würden". Hier setzte der große Mann seine Bede ab, sah sich siegesgewiß um und wartete a*� Beifall. Doch der blieb gänzlich aus. B1* Hörer verharrten in eisigem Schwelgen. B*®" ses Schweigen brachte den großen Man" gänzlich außer Fassung. Er blätterte nervd* in seinem Manuskript herum, noch immer den programmäßig fälligen Beifall warte ud" Schließlich trompetete er mit drohender Stimme in den Saal; „Es macht mir geradezu den EindrO®"' als ob sich die Herren vor dem kommende'' Krieg fürchteten." Alfred Rosenberg fürchtet sich nicht.®r wird den Krieg der Zukunft genau eben** wie den der Vergangenheit Irgendwo im th*' terlande verleben. Amerika spricht Norman Thomas ttber Demokratie nnd Deatschland. »Heute steht Europa, wie allgemein zugegeben wird, am Rande des Krieges«, •*gt Norman Thomas, ein Führer des taierikanischen Sozialismus, in seinem heuen Buch»Faschismus oder Sozialismus?— Wir haben die Wahl«.(George Allen& Unwin.) Er setzt sich mit dem Sturz der alten Ordnung auseinander und 'eigt, was wert ist, darauf gerettet zu werden. Der Verfasser ist sich der Grenzen der politischen Demokratie in der Vergangenheit bewußt, aber er ist auch bemüht, ein vernünftiges Urteil über ihre Möglichkeiten in der Zukunft zu finden. Er sagt; Eine Jener Erscheinungen, die zugleich mit dem Kapitalismus emporwuchsen, war der Glaube an die Demokratie. Dieser Glaube war oft heuchlerisch, entstellt, ein- "eitlg und in der Praxis schlecht verwirklicht. •Aber er ging tief. Heute ist es Brauch in den Kreisen, die unter kommunistischem und faschistischem Einfluß stehen, die Demokratie oder das, was sich heute Demokratie hennt, als ausgesprochen kapitalistische Eln- fiehtung zu verwerfen. Historisch gesehen ist das ein Irrtum. Es ist wahr, daß der Kapitalismus mit •einer Auflehnung gegen jene herkömmliche Einstellung der Menschen, die unter dem Feudalismus vorherrschte, eine erhöhte politische Macht für die Mittelklasse forderte. In seinem Fortschreiten gewährte er auch dem Arbeiter mehr politische Rechte. Es wäre aber ein Irrtum, zu glauben, daß diese Rechte für die Arbeiter ein freiwilliges Geschenk waren, sie waren ein Ergebnis der Arbeiterforderungen und ein notwendiges Zugeständnis. Die Rede-, Presse- und Versammlungsfrei- heit hat nicht nur in den Kriegsjabren an Boden verloren, sondern auch in der Nachkriegszeit. Doch der Lobredner von Kommunismus öder Faschismus, der einige merkliche und bedauerliche Einschränkungen der Freiheit in Amerika als Beweis dafür nimmt, daß un- •er« Demokratie äußerste Heuchelei bedeute hnd daß die Zustände hier die gleichen seien wie in Rußland, Deutschland oder Italien, •edet Unsinn. Von den deutschen Sozlalde- rnokraten sagt Norman Thomas: ..Sie versäumten es, die Monate ihrer wlrk- Hehen Macht nach dem Waffenstillstand für wirksame Propaganda und Erziehung zu gebrauchen. Sie hätten viel lernen können, wenn •• ihnen möglich gewesen wäre, einige von Hitlers Propagandamethoden vorauszusehen. S'e ließen reaktionäre Richter im Amt und hohe Zivilbeamte in Stellungen, wo sie sozla- ktlsche Versuche verhindern konnten. Man muß ihnen zugute halten, daß sie v*rtuchten, eine Verfassung zu schaffen, die •kr höchste Ausdruck einer aufgeklärten und fortschrittlichen Demokratie war. Nur über- 1#8ten sie nicht genügend, welche Anwen- <�Uag sie in den aufgewühlten Nachkriegs- Jahren finden würde.., Von 1930 an be- *hUgte sich die sozialistische Partei mit einer Art Gleichgewicht der Macht und mit der �•hi des kleineren Uebels. Sie brachte aus •Igenem keine starken konstruktiven Pläne keine kräftige Führerschaft hervor. Sie •htschled sich für Hindenburg, weil sie Hit- ler fürchtete und sie erhielt beide. Ihre �ohwäche offenbarte sich endgültig in der Tatsache, Haa Papen vor Hitlers Machter- Talfung fähig war, die sozialistische preußi- *�6 Regierung durch ein Dekret zu beseitigen," Aber der Autor gibt auch zu, daß»die Putsche Sozialdemokratie wirkliche Tu- Keuden hatte, für die die Welt jetzt zu Wenig Würdigung aufbringt. Sie besaß leidenschaftliche Liebe zum Volks- 'fieden, für den sie bereit war, sehr viel opfern. Ihre große Toleranz(nach der Noske-Zelt) entsprang einer Eigenschaft, obae die es nie eine glückliche Welt geben Wird.« Eie deutschen Kommunisten beurteilt <,er amerikanische Sozialist folgender- ötaßen; Niemand kann die Aufrichtigkeit der kom- 'öUnls tischen Opposition gegen die Nazis leug- nei1- Sie bezeugten sie in vielen Straßen- «ftxnpfen vor der nationalsozialistischen H«chtfergrelfung. Dennoch gab es Gelegen- wo diese ärgsten Feinde gemeinsame gegen die Sozialdemokratie machten, 80 B. als die Kommunisten mit den Nazis �»aeinaam einen vergebUchen Sturm unter- ö�bmen. um durch Neuwahlen den Sturz des *0®aÜ8tlschen Preußenkabinetts zu erzwln- so auch bei verschiedenen Streiks. Im Kathollken werden gepeitsdit Der Sohn des früheren bayrischen Ministerpräsidenten Held in der Geiselhaft für seinen Vater— Christliche Gewer kschattssekretäre in Dachau Von katholischer Seite wird uns geschrieben: Endlich ist jetzt auch von authentischer katholischer Seite das Material einigermaßen zusammengestellt und veröffentlicht worden, das über die Behandlung politisch-katholischer Funktionäre vorliegt. Die katholische Zusammenstellung bezieht sich allerdings, der Natur der Sache entsprechend, hauptsächlich auf die Verhältnisse Im bayrischen Lager Dachau: dorthin kamen ja' die allermeisten politisch-katholischen„Staatsfeinde" in jene Zwangserziehung. Die Schilderung befaßt sich auch nur mit der Mißhandlung, die man katholischen Laien zuteil werden ließ. Sicherlich ist es aber ebenso schlimm, als hier an einzelnen Fällen demonstriert wird, auch katholischen Klerikern ergangen. Aus der Materialsammlung, die jetzt auch die„Neue Saarpost", die einzige katholische Zeltung Deutschlands, die sich noch gegen die Hitlerschande wehren kann, publizistisch übernommen hat, sei vor allem der Fall des Sohnes des früheren bayrischen Ministerpräsidenten Held herausgegriffen; „Held, obsch-ui sicherlich alles andere als ein liberaler, marxistenfreundlicher Politiker, hatte noch nach der Machtübernahme Hitlers, well er sich durch die Besonderhelten Bayerns hinreichend geschützt vermeinte, eine scharfe oppositionelle Note gegenüber der am 30. Januar 1933 geschaffenen Tatsache der Auslieferung der Reichsgewalt an den deutschen Faschistenhäuptling angeschlagen. Gegenüber der ersten Praxis der Umstürzler, durch„Kommissare" sich das Ganze gefügig zu machen, fiel Heids bekanntes Wort, daß der erste Hitler-Kommissar, der sich an der bayrischen Grenze erblicken lassen sollte, auf der Stelle dort verhaftet würde. Held mußte aber selbst aus München flüchtig werden. Daß er damit das Richtige tat, zeigt das tragische Los seines Vorgängers von Kahr am 30. Juni 1934. Gegen Held hätten sich die Rachegelüste der Nazis noch viel unmittelbarer gerichtet! Nur well der Vater geflohen war, wurde sein Sohn schon gleich zu Beginn der eigentlichen Nazirevolution nach Dachau abtransportiert. Dieser Held junior ist ein ganz unpolitischer Mensch. Er war zuletzt als Ingenieur bei den Bayrischen Motorenwerke tätig. Durch schwerste Mißhandlungen hat man nun von dem jungen Held herauszubekommen versucht, wo sein Vater sich aufhalte, obschon der Sohn, der gar nicht mehr in der väterlichen Familie lebte, darüber nicht das geringste wußte. Das geschah an Held junior noch bis in die allerletzte Zelt." Den jungen Held und mit ihm einen früheren Bauembundsekretär, den bayrisch-volksparteilichen Landtagsabgeordneten Dr. Hundhammer, hatte sich vor allem die SS- Leibstandarte des„Führers", eine besonders kriminelle Sorte von Schlagetoten in Dachau, zu Objekten ihrer Rohelten ausgesucht. Schon gleich bei der Anlieferung in Dachau werden beide geprügelt. Sie erhielten als besondere Arbeltsmission, eine schwere Straßenwalze dauernd schleppen zu müssen. So standen sie direkt unter dem Kommando des SS-Scharführers der Leibstandarte namens Kantschuster. Am 30. Juni wurden sie im Zusammenhang mit den übrigen Mordtaten totgesagt. Dafür erschien der nationalsozialistische Staatsanwalt Schlumprecht, jetzt Oberbürgerinelster in Hof, persönlich am Lagereingang, wo die Walze lief, photographierte die beiden und Heß es sich von ihnen handscbrlftUch geben, daß sie, merkwürdiger Welse,„immer noch" lebten. Immer wieder wnrde Held Jr. In neuen Verhören mißhandelt, weil er wissen sollte, wo sein Vater sei, den man nicht finden könne. Mit den sozialistischen Gewerkschaftsführern beherbergte Dachau vom Juli 1933 ab auch eine ganze Reihe von Sekretären der christlichen Gewerkschaften Bayerns! Der Lagerverwalter Lutz erwies sich dadurch als besonders geliässlg gegen sie, daß er' sie immer just dann und an der gleichen Stelle zum Prilgelappell antreten ließ, wann und wo der katholische Geistliche zum Lagergottesdienst erschien. Am schlimmsten aber gebärdeten sich grade gegen die eingesperrten Katholiken die nach Dachau abkommandierten Lelb- standarten-Männer. Neben den Gumml- knütteln waren lange, getrocknete Ochsenziemer und Peitschen ihre Lieblingswerkzeuge, Schon wer mit dem katholischen Lagergeistlichen, der übrigens auf Schritt und Tritt von SS-Männern begleitet wurde, einmal etwas länger als gewöhnlich sprach, kam während des härtesten Winters in eisige Betonzellen im Arrest- An katholischer ehemaliger„Dachauer" berichtet in dieser Materialsammlung wörtUch Uber seine allgemeinen Beobachtungen, die auch die gegenwärtige Stimmung im katholischen Bayern zur Hltlerel recht gut kennzeichnen: ,4m Sommer 1933 kamen auch einfache katholische GeseUenvereins-Mitglieder aus verschiedenen Teilen Bayerns nach Dachau, so besonders aus Landsbut, Augsburg, Garmisch-Partenkirchen und München. Der Herbst 1933 aber brachte einen starken Zustrom der Kathollken vom flachen Lande. Da erschien als Gefangener wegen irgend einer belanglosen, nicht von äußerster Begeisterung für das Dritte Reich zeugenden Aeußerung der einfache Bauemknecht, der nie mit einer Partei etwas zu tun hatte, neben dem jungen Angestellten aus der Stadt, der von seiner katholischen Weltanschauung in der SA oder im Arbeitsdienst nicht hatte lassen wollen, der königstreue Viehhändler aus den Alpen, und der katholische Bauer aus Unterfranken, der um seine noch nicht eingebrachte Ernte bangte, oder der frühere katholische Bürgermeister eines kleinen Ortes." Die Zahl der Gefangenen, die wegen ihrer ch r i s 1 11 che n W�l t a n s ch au- u n g eingeliefert wurde, wuchs und wuchs. Und kaum einer von den Angelieferten entging der Auspeitschung im sogenannten Schlageterhäuschen, in das fast jeder Neueingelieferte kam..., Hirtsiefer in Papenburg. Der Schrift von M. Abraham„Juda verrecke"(Druck- und Verlagsanstalt Teplitz- Schönau) entnehmen wir folgende Darstellung; An einem Sonntag. Mitte September, kam ein neuer Schutzhäftling mit Besen und Schrubber in unsere Station, um die Krankenzimmer zu reinigen. Es war der frühere preußische Wohlfahrtsminister Hirtsiefer, ein bekannter Führer des Zentrums. Dicht neben unserer Revierstube lag die Kleiderkammer. Gleich nach der Einlleferung wurden alle neuen Häftlinge hierher gebracht, um Lagerkleidung zu empfangen. Bei dieser „Anprobe" mußten sich die Häftlinge bis auf's Hemd entkleiden und wurden fast ausnahmslos schrecklich mißhandelt. Hirtsiefer wurde in diese Kammer gerufen, PlötzUch hörten wir gellende Schreie. Da die Kleiderkammer unmittelbar gegenüber der Krankenstube lag, konnten wir durch die Fenster alle Vorgänge beobachten. Wir sahen, wie Hirtsiefer sich entkleiden mußte. Er ist ein untersetzter, korpulenter Mann. Mehrere SS-Leute standen um ihn her: um. Sie schlugen mit Gummiknüppeln aus Leibeskräften auf ihn ein. Wir hörten, wie Everllng brüllte: „Hast du Schweinehund heute schon gebetet? — Warst du schon mal beim Papst?— Hast du schon Rosenkranz geleiert?— Du hast Millionen deutscher Volksgenossen betrogen, dazu hat dich der Papst aufgefordert.— Zeige mal, du Schwein, wie man Rosenkcanx betet!" Als Hirtsiefer sich weigerte, vor dieser rohen Meute zu beten, wurde er unausgesetzt weiter geschlagen. Nun kam die„Anprobe". Um Hirtsiefer lächerlich zu machen, zog man ihm eine halbe Hose an, einen kurzen Rock, lange Stiefel und beschmierte das Gesicht mit Stiefelwichse. So wurde er von Station zu Station gejagt, um sich den Mithäftlingen„vorzustellen". Erst spät abends konnte sich Hirtsiefer in seine Kabine begeben. Er war vollkommen erschöpft. Kaum hatte er sich auf die Pritsche gelegt, als mehrere SS-Leute eindrangen. Er wurde von ihnen aufgefordert, die Hand zum Hitlergruße zu erheben. Er gehorchte. Die SS-Leute gaben sich den Anschein, als hätten sie die Bewegung mißverstanden und brüllten:„Was, du Schwein, du willst SS-Leute schlagen." Hirtsiefer versuchte sich zu verteidigen— er hätte nur«He Hand zum Gruß erhoben, wie ihm befohlen worden war. Die SS-Leute:„Nein, du Schwein, du wolltest uns schlagen." Nim wurde Hirtsiefer über seine Pritsche geworfen und aufs neue fürchterlich mißhandelt. Hirtsiefer bUeb acht Tage im Lager. Danach wurde er entlassen. allgemeinen machte es die kommunistische Politik der Demokratie so schwer als möglich, in der Hoffnung,' daß der Kommunismus durch Unsicherheit und Verwirrung gewinnen könne. Solch eine PoUdk kann historisch nur durch den Erfolg gerechtfertigt werden, der von genauer Berechnung der Chancen abhängt, Durch ihre fehlerhafte Berechnung erleichterten die Kommunisten den Nazis ihren Erfolg. Norman Thomas meint trotz alledem, daß die Schwere der Situation eine Einheitsfront mit den Kommunisten rechtfertigt. Gent und Saar Der Völkerbund enttäuscht auch die Bescheidensten. Die Saarfrage sollte am 21. November im Völkerbundsrat zur Sprache kommen. Die Besprechung ist in den Dezember verschoben worden— und am 13. Januar ist Abstimmung! Es ist klar, daß alles, was der Völkerbundsrat in dieser Angelegenheit noch tun kann, zu spät kommen muß. Verwaltungsmaßnahmen haben bis zum 13. Januar eine zu kurze Laufzeit, um sich durchsetzen zu können. Deklarationen können auf«He Abstimmung keinen Anflufl mehr nehmen. Der Völkerbundsrat ist dem Saarvolk eine Erklärung schuldig, nämlich die Erklärung, daß eine Entscheidupg für den Status qtto keine endgültige sein soll. Ane solche Erklärung entspricht dem Sinn des Friedensvertrags, dem Selbstbestimmungsrecht der Völker. Kein Mensch an der Saar will den Status quo für immer; aber eine sehr große Zahl der Saarländer, wahrscheinlich ihre Mehrheit, will den Status quo solange, bis die Herrschaft der braunen Barbarei in Deutschland vorüber ist. Der Entscheidung für den statuta quo müßte daher offiziell der Sinn gegeben werden, daß das Saarvolk durch sie sich seine Entscheidungsfreiheit für die Zukunft vorbehält. Das ist die Erklärung, die der Völkerbundsrat dem'Saarvolk schuldig geblieben ist und die er ihm, mit Aussicht auf tiefgreifende Wirkung, nicht mehr geben kann. Der Völkerbundsrat hat der braunen Pro- paganda das schwerwiegende Argument, die Entscheidung gegen Hitler bedeute ewigen Abschied von Deutschland, nicht aus der Hand geschlagen. Nicht einmal das hat er getan. Daß er den Terror der»Deutschen Front« wirksam abwehrt und denen, die gerne weiter unter dem Schutz des Völkerbundes bleiben möchten, wirklichen Schutz gewährt, erwartet ohnehin von ihm kein Mensch. Der Völkerbund enttäuscht auch die Bescheidensten! � Alte Kameraden Das Große Schöffengericht in Altona verurteilte den Angeklagten E. Böttcher aus Elmshörn wegen böswilliger Verleumdung zu sechs Monaten Gefängnis und zur Tragimg der Gerichtskosten. Das Urteil ist um so härter, als Böttcher einer der SA-Leutä ist, die von ihrem Führer Rohm einst zur alten Garde ernannt wurden. Länger als 5% Jahre hat er sich nach seinen eigenen Angaben Tag und Nacht auf den Straßen für den Nationalsozialismua berumgeschlagen. Seine Begeisterung schwand aber nach Hitlers Machtübernahme. Das Treiben der braunen Bonzokratie empört« ihn so sehr, daß er seinem Aerger in Briefen an alle möglichen Würdenträger und Behörden des neuen Deutschlands Luft machte. In diesen Briefen schilderte er seine Enttäuschung über den Mißbrauch, den namentlich angeführte Nationalsozialisten mit der von der SA eroberten Macht trieben. Die Empfänger dieser Briefe schafften Abhilfe, indem sie die Beschwerden des enttäuschten SA-Mannes— dem Staatsanwalt übergaben, der das oben bezeichnete Urteil gegen den Beschwerdeführer veranlaßte. Wie oft mag Böttcher unter den Klängen des Marsches»Alte Kameraden« in die Saalschlacht gezogen sein. Dank vom Haus« Adolf! KaiepS um die Preise Inflation und Demagogie— Die Nationalsozialisten hatten Zerse�ungserscheinungen im System durchzusetzen.| den Aufbau der für den Krieg benötigten sich; der Brot- und Fettpreise offenbar eingebildet, die„Preisschlacht" Er stieß dabei sofort auf den Widerstand i Ersatzstoffindustrien freimachen. Deshalb mit ähnlichem Elan führen zu können, wie des Reichsnährstands und Herr Darr6 1 ihr Kampf gegen Lohnerhöhungen und Man zögerte nicht, neue Festpreise für Eier und j Preissteigerungen, am J Butter zu erlassen, die für das seinerzeit die„Arbeitsschlacht". konnte sich also auf Siegesbuüetins laufenden Bande gefaßt machen. Es; Reich, also auch für Bayern, gelten. Die scheint aber anders zu kommen. Zwar neuen Preise tragen nur den agrarischen kann man dreimal wöchentlich von ein Interessen Rechnung und bedeuten keines- paar Läden lesen, die geschlossen wurden, wegs eine Ermäßigung. Herr Eissen wollte von irgend einem kleinen Bäckermeister,! sich übrigens besonders populär machen der wegen minderwertiger Qualität oder und kündigte eine Senkung des Bierpreises falschem Brotgewicht angeklagt wird,' von 4 Mark je Hektoliter an. Aber auch aber das alles macht das Kraut nicht fett, damit hatte er nicht viel Glück. Die Kurse Demgegenüber steht ganze| unter Führung Darres jene Richtung, die die Arbeitsschlacht, die Agrarpolitik und die ganze künstliche Inlandskonjunktur mit den bisherigen Methoden der Wechselreiterei fortsetzen will und die von Anfang an die Poütik Schachts bekämpft hat. Sie kämpfen um die Massengrundlage der Partei, um die Erhaltung ihres Einflusses bei den Arbeitern und dem Mittelstand. Der Kampf gegen die Preissteigerung stößt so bei wichtigen und einflußreichen Schichten der Partei auf wachsenden An die Wurzel der deutschen Teuerung der Brauereien erfuhren einen starken kann das Regime nicht rühren. Hat es Rückgang, die Brauereien erklärten, daß doch sc 3t-in einem bisher unerreichtem sie eine Preissenkung in diesem Ausmaß J.' iße die regulierenden Tendenzen der unmöglich tragen könnten und die inzwi-: Widerstand. Sie erinnern sich, wie gut sie P.cis'rih mg durch die freie Konkurrenz sehen ergangene Feststellung, daß nur der es seinerzeit verstanden haben, die Unzu- ausgcsehal'et. Beseitigt man aber die freie Preiskommissar, aber sonst keine anderen I friedenheit des gewerblichen Konkurrenz und läßt gleichzeitig den Pri vatbesitz an den Produktionsmitteln be stehen, so schafft man damit die Bedin- rasch zum Welken gebracht. und händ- Stellen für Preisfestsetzung zuständig lerischen Mittelstandes über die Preisein- seien, hat den Lorbeer des Ministers Esser griffe auszunutzen. Sie sehen nicht ein, gurigen für die Entstehung von die eben beträchtlich Ma-ktpreiscn liegen müssen. Für das nationalsozialistische Regime weshalb der poütisch so viel bequemere Sind so der Aktion praktisch enge Weg der„Kreditausweitung" verlassen Grenzen gezogen, so steigert sich anderer- werden soll. So wächst innerhalb der herr- Monojwlprelsen, über den freien seits die innerhalb des Systems bestehen- j sehenden Kreise der i den Gegensätze. Einigkeit besteht darin, daß unter allen Umständen die Wirtschaft ist nun gerade die Tatsache charakteri-, in den Dienst der Aufrüstung und Kriegs- u t_..,.. stisch, daß es diese Monopolbedingungen Vorbereitung gestellt werden muß. Schacht durch seine Zwangskartellicrungsmaßnah- unn ein Teil der hinter ihm großen Kapijal- schwerindustriellen Kreise— W/derstand gegen Schacht und seine Politik stehenden gemeine Niedergang der Wirtschaft ohne- men nicht nur für die wollen dieses Organisationen hergestellt hat, bei denen �iel erreichen unter möglichster Aufrecht- die staatliche Preiskontrolle wenigsten? erhaltung der alten Wirtschaftsmethoden. theoretisch noch leichter durchführbar ist, Sie fürchten, daß die rücksichtslose Fortsondern es hat durch den Zwangszusam- setzung der bisherigen inflationistischen menschluß des Kleinhandels und des Finanzierung die Grundlagen der Wirt- Handwerks, sowie durch die Sperrung des schaff einer allzu schweren Belastung ausZugangs zu einer großen Anzahl von Be- setzt. Sie wollen deshalb die Arbeitsberufen auch in jenen zahlreichen Wirt- Schaffung, die auf der Ausweitung des Schaftszweigen eine monopolistische Preis- Notenbankkredits beruht, einengen und sie gestaltung bewirkt, die gerade für die möglichst auf die eigentlichen Rüstungs- Kosten der Gegenstände des täglichen Bedarfs ausschlaggebend sind. Die Führer und Unterführer der zahllosen Wirtschaftsgruppen haben von Anfang an trotz aller Mahnungen des.Wirtschaftsministeriums ihre Aufgabe darin gesehen, die neuen Organisationen, die zum Teil die umbenannten alten waren, für die aber jetzt der Beitrittszwang funktionierte, da zu zu benützen, um lückenlose Preisregu ausgaben beschränken. Sie sind also Defaltisten der Arbeltsschlacht. Zugleich stehen sie im Gegensatz zu der Agrarpolitik Darr6s, die den Export hemmt und den Lebensunterhalt immer mehr verteuert Sie wollen eine möglichst große Quote des Nationaleinkommens, des Einkommens nicht nur der Arbeiter, sondern auch der Bauern, des Mittelstandes und sogar der übrigen Industrie für die Akku Maschinen ohne Zukunft Ein Beispiel für die deutsdie Konjunkturlage lierungen zu schaffen und gegen alle Preis- mulation in der Rüstungsindustrie und für unterbietungen in schärfster Weise vorzugehen. Di�„Ehrengerichte" des Handwerks und des Kleinhandels, aber auch verschiedener klein- und mittelkapitalistischer Verbände, haben gar keine andere Aufgabe, als ein billigeres Angebot zu verhüten. Im Gegensatz zu den großen Kapitalorganisationen bandelt es sich hier aber um eine Masse von Betrieben aller Art, deren Ueberwachung natürlich ganz andere Schwierigkelten bietet als die der wenigen großen konzentrierten Unternehmungen. Dazu kommt noch, daß die Preiserhöhungen zu einem Teil gar nicht in direkter Form zu erfolgen brauchen. Das Vorschreiben von strengeren Lieferungsbedingungen oder kürzeren Zahlungsfristen, die Verringerung der Qualität oder der Wegfall von Rabatten führt zum gleichen Ziel. Deshalb geben die offiziellen Preisindlces ja auch nur zum Teil ein wirkliches Bild der tatsächlich eingetretenen Preissteigerung. Eine besondere Schwierigkeit des nationalsozialistischen Regimes ergibt sich noch aus dem Umstand, daß die Inhaber dieser kleineren und mittleren Betriebe bisher zu den wichtigsten Stützen der Diktatur gehört haben. Der Kampf gegen diese Schichten stößt daher innerhalb der natio- nalsozialistischen Partei selbst auf starken Widerstand. Es ist charakteristisch, daß von. der so pomphaft angekündigten Aktion der nationalsozialistischen Partei gegen die Preiserhöhungen kaum mehr ein Wort verlautet. Die Mitwirkung der nationalsozialistischen Parteimitglieder versagt diesmal vollständig. Die'Diktatur muß sich auf den immittelbaren Zwang des Staates verlassen, die ganze Aktion wird beim Wirtschaftsministerium des Dr. Schacht und bei seinem Werkzeug, dem Preiskommissar Goerdeler, zentralisiert Versuche einzelner Landesregierungen, selbständig vorzugehen, wurden wie- de'r unterbunden. Der bayrische Wirt- schaftsminister Esser hatte z. B. vor kurzem triumphierend mitgeteilt, es sei ihm gelungen, in Verhandlungen mit den Vertretern des Handwerks und des Lebensmittelhandels eine wesentliche Ermäßigung dies hervorgerufen hat Deshalb verdient die Aktion Schachts und Goerdelers besondere Beachtung. So gering schließlich ihre ökonomische Wirkung sein wird, so wenig eine von den Behörden verordnete mechanische Preisherabsetzung sich auf die Dauer durchsetzen läßt, so bedeutsam können die politischen Folgen sein, die aus diesem Machtkampf erwachsen. Der Zersetzungsprozeß innerhalb der Diktatur muß eine Beschleunigung erfahren. Denn entweder bleibt es bei der Fortsetzung der Politik Schachts und dann wird die Massengrundlage, die die Diktatur in den Schichten des Mittelstands und des Bauerntums besitzt, weiter erschüttert, oder aber es siegt DanA und sein Kreis. Das aber bedeutet rasche Steigerung der inflationistischen Methoden, deren zerstörende Folgen dann nicht mehr lange verhindert werden können. Dr. Richard Kern. Ein besonders gutes Beispiel zur Verdeutlichung des deutschen Konjunkturbildes bietet der Maschinenbau. Er eignet sich für eine Illustration deshalb besonders gut, weil er 1. einer totalen Kartellierung wegen seines spezialisierten Aufbaus widerstrebt und de«' halb eine verhältnismäßig klare Konjunkturlage aufweist; 2. well er für die Ausfuhr- bescbaffenhelt der deutschen Verarbeitungs- Industrie äußerst charakteristisch ist; 3. weil er vor allen anderen Industriezweigen von dem Aufschwung der Produktion 1933/34 profitleren konnte, wie'dle folgende Tabelle zeigt; 1928 1932 1933 in Millionen Mark Absatz Insgesamt. 3.370 1.440 1.540 Islandsabsatz.•. 2.200 690 1.000 Auslandsabsatz.. 1.740 750 540 Ausfuhr nach Rußland 132 298 138 Ausfuhrquote in Proz. 35 62 35 Die Ausnutzung der Kapazität betrug im Monatsdurchschnitt 1932 30 und im Juni 1934 69. Der Auftragseingang aus dem Inland betrug im Monatsdurchschnitt 1932(wenn man 1928. 100 setzt) 25 und im Juli 1934 83. Der Auftragseingang aus dem Ausland betrug nach derselben Berechnungsart im Monatsdurchschnitt 1932 51, Im Juli 1934 31. Die Nachfrage nach Werkzeugmaschinen und der Hütten-, Stahlwerks- und Walzwerks- bedarf hat im Inland am stärksten zugenommen, während die typischen Maschinenaufträge aus dem Ausland von Monat zu Monat mehr nachlassen. Die Rentabilitätsziffern auf der Grundlage des Inlandsauf schwungs sind sehr gering. Von 35 großen Gesellschaften no- ben für 1933 nur 10 Dividende ausgeschüttet. Durch die Währungsverluste im Auslände fand der erhöhte Verkaufserlös von 10 Prozent keinen Ertragsniederschlag in der Bilanz. Dagegen ist für die 35 Gesellschaften eine Abnahme des Aktienkapitals von 1932 a if 1933 von 111,10 MiU. RM. auf 109,75 MiU. RM. zu verzeichnen. Daß die Produktion für das Inland im Ganzen ein Zuschußgeschäft war. zeigt die Tatsache, daß die Stelgerung des monatlichen Versands um 36 Prozent im Jahre 1934 gegenüber dem Monatsdurchschnitt van 1933 von einer prozentual niedrigeren Ertragsund Gewinnquote begleitet war. Nach den Berechnungen der»Frankfurter Zeitung« ist der Maschinenbedarf der hochindustrialisierten Länder zu etwa zwei Drittel Ersatz- und zu etwa einem Drittel Z u- wachs-Bedarf, d. h. nur ein Drittel d»r nachgefragten Maschinen dient der Erweiterung, zwei Drittel der Erneuerung des maschinellen Produktionsapparates. Für Deutschland folgt daraus, daß in den Jahren 1932 und 1933 ein Ersatzbedarf von 600 Millionen RM. aufgespeichert worden Ist. Bei der amtlich registrierten Höhe der Inländischen Maschinenbestellungen dürfte gegenwärtig der Inländische Maschinenver- schlelß gedeckt sein. »Angenommen, die durchschnittliche In lands-Absatzziffer für das ganze Jahr 1934 und darüber hinaus würde sich auf 78 stellen, so würden in den ersten Monaten 1935 die in der großen Krise aufgespeicherten Maschinen-Ersatzaufträge vergeben sein.«(»Frankfurter Zeitung«.) Entscheidend Ist nun die latsache, daß der Inlandsabsatz nach der Ausscböpfung der vorhandenen Ersatzaufträge scharf zurücksinken muß. wenn sich nicht ein Erweiterongsbednif geltend macht. »Auf alle Fälle scheint eine derartige Berechnung dafür zu sprechen, daß der heutige Inlandsabsatz des Maschinenbaus nur aufrecht erhalten werden kann, wenn über den laufenden und den aufgespeicherten Kr- satzbedarf hinaus in immerhin beträchtlichem Umfange Neuanschaffungen von Maschinen für die deutsche Wirtschaft vorvorgenommen werden.«(»Frankfurter Zeitung«.) Nun muß die»Frankfurter Zeltung«, deren Konjunkturoptimismus nicht bestritten werden kann, selbst eine Reihe von Fakto-cn namhaft machen, die den Erweiterungsbedarf der Maschinenpro duktlon im Inlande sehr stark-n Frage stellen. Es sind erstens die gesetzlichen Vorschriften und Investitionsverbote, die ins Gewicht fallende Neuanschaffungen für wichtige Wirtschaftsgebiete unmöglich machen. Es ist zweitens dl# Einkaufs- und Absatzlage(Rohstoffe und Ausfuhr), die Kapazitätserweiterungen verhindert. Drittens ist es die Vernichtung des Wettbewerbs, die Betriebserwe'te- rungen und-Intensivierungen nicht gestattet — eine Erscheinung, von der die»Frankfurter Zeitung« selbst feststellen muß, daߣi# für den Maschinenbau»von s" h r ernsten Konsequenzen« sein muß. Die»Frankfurter Zeltung« kommt zu dem Schluß: »Wenn der Uebergang zu einer solchen statischen Wirtschaftsgesln- n u n g allgemein und von Dauer würde, müßte wohl ein erheblicher Teil der Maschinenindustrie seine Lebensfähigkeit verliere n.« Gegenwärtig sind im Maschinenbau 400.000 Beschäftigte zu verzeichnen. Aus diesem Beispiel läßt sich mit aller Klarheit herauslesen, auf welchem Stand die normale Konjunktur, die jenseits von Aufrüstung und Arbeitsbeschaffungsmanövern ihren eigenen Gesetzen folgt, sich tatsächl'ch befindet. Entscheidend ist nicht der Stand der Produktion, der in den Ziffern zum A.us- druck kommt— auch wenn diese Ziffern richtig sind—, sondern entscheidend ist allein die Frage, ob im gegenwärtigen Status die Aufbau- und Entwick- lungselemente für eine reale Investitionskonjunktur(Akkumulation auf erweiterter Stufenleiter) enthalten sind. Diese Frage muß, abgesehen von allen anderen Fragwürdigkeiten innerhalb der deutschen Wirtschaft verneint werden. Die Binnenmarkkonjunktur(Rüstung plus Arbeitsbeschaffung) hat bereits zu einer deutlichen Ausprägung statischer Rückbildungstendenzen im Konjunkturahlauf geführt. O. P- Löhne und Dividenden Der Geschäftsbericht der Rheinischen Stahlwerke in Essen für das Jahr 1933/1934 ist ein Dokument der weitestgehenden Förderung der Profitinteressen der privaten Kapitalisten. Es wird darin u. a. mitgeteilt, daß die Löhne und Gehälter, umgerechnet auf eine Tonne Steinkohle, weiter gesunken sind. Lohn ud Gehalt pr® Tonne Steinkohle betrugen im Geschäftsjahr 1933/1934 6.42 RM- im Geschäftsjahr 1932/1933 6.58 RM- im Geschäftsjahr 1931/1932 7.40 RM- Im Geschäftsjahr" 1928/1929 10.— RM- Außer den gewaltigen Einsparungen, die die Rheinischen Stahlwerke an den Löhnen und Gehältern machen konnten, sind ihnen von der Hitlerregierung wie allen anderen Kapitalisten auch die Besizsteuern noch ermäßigt worden. Während Im Geschäftsjahr 1932/1933 3.71 Millionen RM. an Besitzsteuern gezahlt werden mußten, werden im letzten Geschäftsbericht nur 3.15 MUÜ0' r.en RM. unter Besitzsteuern aufgeführt. Dafür konnte in dem Krisenjahr, das g®" rade für die Millionen Arbeitslosen 1° Deutschland eine Verschlimmerung ihrer drückenden soziale0 Lage brachte, die Dividende von 3 auf ZVi Prozent erhöht werden. •' Die E. Lingel Schuhfabrik A. G- Erfurt, hat so hohe Gewinne gemacht, daß sie die Dividende verdoppeln kann. Statt* Prozent im vorigen Jahre werden diesmal 8 Prozent ausgezahlt. Die Münchener Rückversicherungs-GcseH- echaft bringt eine Dividende von 12 Prozent zur Auszahlung. Daß diese neue Welle der kapitalistiscben Rentabilität vorwiegend mit hervorgebracht worden ist durch den Abbau der Löhne und Gehälter, das kann von den Nationalsozialisten selbst nicht bestritten werden. In der letzten Nummer der„Sozialen Praxis", vom Sozialen Bureau herausgegeben wird. heißt es in einem Artikel Uber„Großkampt gegen die Preisstelgerung" über die Löhne- „Um dieses Zieles(Beseitigung der Af' beitsloslgkeit, d. V.) willen hat man den Lohn- und Gehaltsempfägem zugemutet. trotz der Wirtschaftsbelebung die n i 6* drigen Löhne der Krisenzelt beizubehalten und den Neueingestellten. in manchen Fällen zu Löhnen zu arbeiten. die kaum 50 Prozent über den Betrag �ei Unterstützung liegen..." In Wirklichkeit werden nicht nur Löhne ge* zahlt, die kaum 50 Prozent über den Unten* stützungssätzen liegen, sondern in v J« 1 e n Fällen erreichen die Löhne knapP die Höhe der Unterstützungssätze oder bleiben sogar noch darunter. Diese Lohngestaltung findet die volle Bü* ligung der Hitlerregierung, die damit da» Unternehmertum zufriedenstellt. Nr.?? BEILAGE TtelonÄ 2. Dezember 1934 Die»Miliz« ohne Seele Militärische Wirren des Dritten Reichs Jahrzehnte hindurch war die Miliz eine Sozialistische Forderung. Die stehenden Heere wurden als eine Gefahr für den äußeren und inneren Frieden angesehen und unter diesem Gesichtspunkt bekämpft. »Nicht stehendes Heer, sondern Volkswehr!« war der Titel einer Broschüre Bebels und zugleich die Kampfparole der Sozialdemokratie in einer bestimmten Phase der Entwicklung. Heute reden alle Militärs von der»Miliz«. Sie ist zwar um- stritten, aber längst nicht mehr in dem Sinne, wie es früher der Fall war. Füh- fende Militärschriftsteller machen darauf Aufmerksam, daß man sich den»sozialistischen Wehrauffassungen« sehr sichtbar nähere. Ist das wahr? Bei oberflächlicher und nur militärischer Betrachtung erscheint dies richtig. Von Kind auf werden die Staatsbürger in �on Dienst der Wehrhaftigkeit gestellt. Italien steht an der Spitze dieser Bestrebungen. Deutschland folgt. So s�d also die beiden faschistischen Staaten tatkräftigsten Preisfechter sozialistischer Wehrauffassungen? Findet hier der Sroße Gedanke des Sozialismus und des kühnsten Verfechters der»Nation in Waf- f-n«, Jean Jaures, seine Verwirklichung? Ja und nein. Nimmt man für sich allein rein militärisch technische Seite der Sache: ja! Sieht man in der sozialistischen Milizforderung mehr als eine mili- �risch-technische Forderung, �tzt man sie in Beziehung zu den dama- �8en Bestrebungen, zu den Zielen und nein! Es gibt Realen des Sozialismus: keine größere Schändung Jaur&s, als diese, �aß man behauptet, sein Wehrideal habe sich heute erfüllt. Beim für Jaures war die Miliz untrenn- ''Ar verbunden mit dem Geist der fran- 'öslschen Revolution, mit dem vom Fa- "chlsmns verfluchten Liberalismus, mit üem Gedanken der Republik und des Selbstbestimmungsrechtes des Volkes, a|so der politischen Demokratie. Die Miliz war gleichsam der militärische Ausdruck dieser Gedanken. P'ür den Faschismus ist die Miliz in jwter'Linie für den Krieg vorhanden. ür den Sozialismus war die Miliz in erster Linie die Garan- le des Friedens, sie galt vor der Vernichtung kriegs- �sternen Müitarismus, der, seinem eigenen �ch Wer gewicht folgend, seine Bestimmung l�or im Kriegführen sehen muß und 6 andersdenkenden Volksschichten nie- ®rzuhalten bestrebt ist. Durch die Miliz Mite das Volk seinem politischen Recht , Mitbestimmung militärischen Nach- 3 ck Verleihen können. Die Miliz war (j0 dle militärische Ergänzung U® 8 Stimmzettels. Die Entscheidung s nl �1®® U11 Frankreich allein über Wil,a.nltreic h verfügen darf.... t r eniien nur einen Vertrag, den V e r- ag. der uns an das Menschen- Se*chlecht bindet! ieder war es Jaurös! jau ,er Jaures der neuen Armee ohne den nicj?8 a's Gegner des Weltkrieges, das ist kann �er �Malist Jaures, sondern das u, lader Faschist sein. diese beiden Seiten einer großen 86 zu trennen sucht, der verkleinert sie und nimmt dem sozialistischen Miilz- gedanken sein Herz, seinen Geist und seine Seele und hinterläßt ein dürres Knochengerüst, das uns an den Tod, niemals aber an das Leben erinnert. Was sich heute unter dem Deckmantel der»Miliz« vollzieht, das ist die Militarisierung des Volkes, während die Milizforderung von gestern auf die Zivilisierung des Militärs hinauslief. Das eine ist Herrschaft des Müitarismus über das Volk, das andere Herrschaft des Volkes über den Müitarismus und damit Auflösung des Militarismus. Die moderne Entwicklung des Kriegswesens hat den Krieg vom repräsentativen Kampf der Heere zur unmittelbaren Angelegenheit der Volksmassen und der ganzen Nation gelhacht. Jedoch wurde der Krieg zur unmittelbaren Angelegenheit der Volksmassen nur im militärischen Sinne, politisch und wirtschaftlich ist er es weniger denn je. Der totale Staat ist das Eingeständnis dieser Tatsache, er ist die politische Folge der manniggfaltig zerrissenen Nation. So wird die Miliz also zu einer Zeit eine müitärische Notwendgkeit, wo sie politisch und sozial zugleich eine große Gefahr für die Herschenden bedeutet. Nicht nur die Arbeiterklasse steht in Opposition zu vielen Staaten, dasselbe ist heute von weiten kleinbürgerlichen Kreisen zu sagen. Hat doch selbst der Natio- nalsoziahsmus vor seiner Machtergreifung Aeußerungen getan, die von Müitärs als Landesverrat gedeutet wurden. Aus dem heutigen Widerspruch zwischen müitärischer Notwendigkeit und politischer und sozialer Rechtlosigkeit der Massen suchen einzelne Müitärs dadurch herauszukommen, daß sie eine Berufsarmee verboten, die in langjähriger Dienstzeit zur größten Zuverlässigkeit erzogen und die als entscheidende Truppe eingesetzt werden soll, mit dem Ziel, den Krieg durch eine sehr bewegliche Armee (nach Möglichkeit allein durch sie und in der kürzesten Frist) zu beenden. So sehr die Berufsarmee im Sinne des General von Seeckt und anderer die Folge der ungeheuren Komplizierung der Kriegsführung und der damit notwendigerweise verbundenen sehr intensiven Ausbüdung ist, so Richer es ist, daß solche Spezialtruppen wahrscheinlich auch künftig nicht entbehrt werden können, darf doch andererseits nicht übersehen werden, daß ihr in der Seeckt- schen Ausprägung auch die Furchtvor der Masse zugrundeliegt, die nicht nur deshalb geringer bewertet wird, weil sie nicht mehr»die schlachtenentscheidenden Kräfte« besitzt, wie es früher der Fall war, sondern wohl auch, und vielleicht sogar in erster Linie, weü die Masse in ihrer sozialen Struktur heute ganz besonders problematisch ist. Trotzdem kann das Kaderheer dieses Problem und den Zwiespalt zwischen Krieg und Volkswüle nicht überbrücken, weil die Masse so oder so,»an der Front« oder»hinter der Front« doch schlachtenentscheidend bleibt, weil »Kriegsfront und Arbeitsfront« völlig identisch geworden sind«(Jünger). Das Kaderheer an sich raubt der Miliz nicht ihre Seele. Jede Müiz setzt einen Stamm von Ausbüdungspersonal voraus, wesentlich ist nur, ob das Kaderheer selbst irii Geiste der Miliz organisiert ist und funktioniert, ob das Kaderheer die Massen beherrscht, oder die Massen das Kaderheer in ihre Gesetzmäßigkeiten einbeziehen. Im Faschismus abersind a 1 1 e S c h a 1 1 e n s e i t e n des Milizheeres mit denen des Berufsheeres vereint. Die heutige »Miliz« hat mit der Miliz nicht mehr gemeinsam, als der deutsche»Sozialismus« mit dem Sozialismus. Also nichts! F. W. Diktatoren des Altertums Zu Dionys, dem Tyrannen, sdilidi••• Schiller hat in seiner„Bürgschaft" zwar für selbstverständlich gehalten, daß ein ehrenwerter-Mann seine Stadt mit dem Dolche von einem Tyrannen befreien will, gibt aber diesem Selbstherrscher einen großmütigen Zug:„Ich sei, gewährt mir die Bitte, in eurem Bunde der Dritte!" Doch selbst mit dieser Großmut tadelt der Dichter, der sein erstes Werk„in tyrannos" geschrieben hat, alle Tyrannenmacht. Denn eben die bürgerlichen Tugenden der Freundschaft, des Vertrauens, der Verläßlichkeit sind Diktatoren. fremd, mißtrauisch wittern sie in jedem einen neuen Feind, in jeder versteckten Hand wähnen sie einen Dolch und gehen aus Angst über Leichen. Nie gelingt ihnen der große Wurf, eines Freundes Freund zu sein; Raubtiere in Menschengestalt stehen sich gegenüber. Die Anekdote, die dem Schillerschen Gedicht zugrunde liegt, entstammt dem Geschichtsschreiber Diodor von Sizilien, der in seiner„Bibliothek der Geschichte" ausführlich beschreibt, wie dieser Tyrann einer der damals größten Städte des mittelmeerischen Kulturkreises— Syrakus hatte eine halbe Million Einwohner, also zehnmal so viel als jetzt— die Macht errungen und wie er sie behauptet hat. Mehr als diese Anekdote hat heute Gegenwartswert! Syrakus hatte durch die Karthager eine schwere Niederlage erlitten; die Weiterfüh- rung des Krieges sollte neuen Feldherren übertragen werden. Die Entscheidung lag .Gestern sagten Sie doch noch Ihrer Frau, Sie wollten mich ermorden.. „Ach was, die Alte sieht und hört ja nichts!" bei der Volksversammlung. Hier trat Dionysius auf und verleumdete die bisherigen Führer, sie hätten den Staat an den Landesfeind verraten. Dafür wurde er zwar vom Gericht mit einer Geldstrafe belegt, doch der reiche Philistus bezahlte die Strafe für ihn und sagte ihm. er möchte nur ruhig weiter reden wie er woUe, er werde immer die Strafen für ihn bezahlen. So wurde Dionysius immer dreister und erreichte auch, daß er zum Feldherr* gewählt wurde. Nun wandte er alle Geschicklichkeit an, um sich zum Alleinherrscher seines Vaterlandes zu machen. Zuerst mußte er die Männer beseitigen. die mit ihm zugleich zu Feldherrn gewählt worden waren. Zu diesem Zwecke hielt er sich ihren Beratungen fern, vermied auch, mit ihnen sonst irgendwie zusammenzukommen. ließ aber das Gerücht verbreiten, daß sie mit dem Feinde in Verbindung ständen Gleichzeitig versprach er den Soldaten von Syrakus, ihren Sold zu verdoppeln. Gela, die Vaterstadt von Syrakus, jetzt seit zweitausend Jahren vom Erdboden verschwunden. fühlte sich von den Karthagern so bedroht, daß es nach Sykarus um dringende Hilfe schickte. Dionysius zog also in Eilmärschen in das Innere von Sizilien und kam gerade dazu, als in der Stadt, in der vor noch nicht zwei Menschenaltern der berühmte griechische Dramatiker Aeschylos gewirkt hatte, schwere Zwistigkeiten zwischen den augenblicklichen Machthabern und dem Volke ausbrachen. Auf die Wirkung in Syrakus bedacht, ließ er die bisherigen Machthaber hinrichten und ihr Vermögen einziehen, das Volk von Gela aber lobte ihn als den Stifter seiner Freiheit und sandte Abgeordnete nach Syrakus, die dort sein Lob preisen und ihn mit großen Belohnungen beehren sollten. Nun hielt es Dionys nicht mehr In Gela, trotzdem sich die Nachrichten verstärkten, daß die Karthager mit ihrem ganzen Heer den Feldzug zuerst gegen Gela unternehmen würden, und die Gelaer den Feldherrn dringend baten, sie nicht im Stiche zu lassen. Dionys gab ihnen nur das Versprechen, mit einer größeren Macht wiederzukehren. und zog nach Syrakus, ohne auf die Karthager zu warten. Die Syrakusaner fragten bei seiner Heimkehr verwundert nach den Karthagern, doch Dionysius erklärte, er wisse nichts und er bitte um seine Entlassung, er könne nicht mit Generalen zusammenarbeiten, die Landesverräter seien. Wenn er das früher nur vermutet habe, so wisse er es jetzt bestimmt. denn der karthagische Feldherr habe einen Herold an ihn gesandt und fragen lassen, ob er nicht dem Beispiel seiner Kameraden folgen wolle. Diese Verleumdung hatte eine so starke Wirkung, daß Dionysius zum unumschränkten Befehlshaber gewählt wurde. Seine erste Tat war. daß er sein Versprechen einlöste und die Soldaten doppelten Sold erhielten. Um aber noch eine besondere Leibwache zu erhalten, ahmte er den Schwindel des Plsistrates nach, stellte sich, als ob ihm nachgestellt würde, und bewog so das Volk, ihm sechshundert Mann, die er sich selbst auswählen durfte, zu bewilligen. Zu spät merkte das Volk, daß es betrogen worden war. Die Stadt war längst voll fremder Soldaten und außerdem drohten die Karthager mit ihrem großen Heer und Dionysius konnte höhnisch fragen, ob sie durch einen Bürgerkrieg dem Feinde die Tore öffnen wollten. Diodor bemerkt an dieser Stelle elegisch: „So ward also Dionysius aus einem Schreiber und gemeinen Privatmann Alleinherrscher der größten Stadt griechischer Abkunft und behauptete seine Herrschaft bis an seinen Tod, indem er achtunddreißig Jahre regierte." Selbstverständlich ging Gela verloren: als Dionysius jetzt hineüte, war es zu spät, er wurde unter den Mauern der Stadt geschlagen und mußte nach Syrakus helmkehren. In erbarmungswürdigem Zuge begleiteten ihn die Gelaer mit Weib und Kind, da ihnen die Furcht zu zögern nicht erlaubte. Diese erste Niederlage führte auch zu dem ersten Aufruhr gegen den Tyrannen. Es gab Hinrichtungen, die aufständischen syrakusanischen Reiter wurden getötet oder aus der Stadt verjagt. Doch unaufhörlich folgten neue Anschläge auf das Leben des Tyrannen; die Furcht zwang ihn, über seiner Weste eine* eisernen Panzer zu tragen und schon zu Ben Lebzelten wußte man, daß er eine so böse JJacbrede hinterlassen würde, daß sie für alle Zukunft als abschreckendes Beispiel dienen würde. Daran kann heute noch jeder denken, der sich in den antiken Steinbrüchen der Stadt, in denen Tausende von Gefangenen einst geschmachtet haben und auch zu Tausenden niedergemetzelt worden sind, das„Ohr des Dionysius" zeigen läßt. Es ist eine in die Seitenwand des etwa 40 Meter tiefen Steinbruchs gehauene Höhle, deren Geheimnis darin besteht, daß man in ihr von einem bestimmten Punkt auf Grund einer auch heute noch unerklärlichen Akustik auch das leiseste Wort versteht, das Irgendwo in dem weiten Bruch gesprochen wird. Dort stand einst ver- borgen der mächtige Tyrann und horchte voll Angst. Mißtrauen und Blutgier, was seine wehrlosen Gefangenen über ihn sprachen. Zwar schloß Dionysius mit den Karthagern erstmal Frieden, um seine Herrschaft im Innern zu festigen. Doch fürchtete er wiederum, daß die Syrakusaner, da sie nun den Krieg los waren, Muße finden würden, i darauf bedacht zu sein, wie sie ihre Freiheit Wiedergewinnen könnten. Er ließ also an dem festesten Punkte der Stadt mit vielen Kosten eine Zitadelle errichten und befestigen, um bei unerwarteten Zwischenfällen eine Zuflucht zu haben. Außerdem beschenkte er seine Freunde und Unterführer mit Landbesitz, jum sie sich zu verpflichten. Als er mit diesen Arbeiten fertig war, beschloß er zur Ablenkung seiner Untertanen einen neuen Krieg, aber mit einem weniger gefährlichen Gegner als den Karthagern. Er wollte die schwächeren Städte Siziliens unter seine Botmäßigkeit bringen. Doch kaum hatten die Syrakusaner, die diesen Feldzug mitmachen sollten, Waffen in die Hände bekommen, riefen sie auch schon zur BeselUgung des Dionysius auf, der, mit der Belagerung der Stadt der Herbeslaner beschäftigt, schon abwesend war. Der Unterführer des Dionysius wurde von den Freiheitskämpfern erschlagen; sie riefen die Bürgerschaft auf und warben Bundesgenossen in der Umgebung. Dionysius mußte die Belagerung dar Herbeslaner aufgeben und nach Syrakus zurückeilen, das seine Gegner bereits verlassen hatten, uro nicht eingeschlossen zu Werden. Dionysius warf sich in die Zitadelle und mußte sich belagern lassen. Die Gegner setzten durch öffentlichen Ausruf einen großen Preis auf seinen Kopf und steigerten ■eine Angst so, daß er alle Hoffnung aufgab, die Syrakusaner zu bezwingen, sondern nur noch mit der Frage beschäftigt war, welche Todesart er wählen sollte, um seine Herrschaft nicht auf eine zu unrühmliche Welse zu endigen. Sein Freund Heloris machte damals den später berühmt gewordenen Witz: „All elhberr scbaft ist ein schönes Begräbnis!" Demütig bat der Tyrann seine Belagerer, Ihm und den Seinen doch freien Abzug zu gestatten, und die Syrakusaner waren so töricht, die Bitte zu gewähren, als ob damit die Alleinherrschaft schon beseitigt gewesen wäre. Doch Dionysius machte von dieser Großmut gar keinen Gebrauch, denn Inzwischen hatte er in der Ferne Die(Deltaetthichte 100t sich nicht verhitiern Am guten Willen der Herren Alexander von Müller und Peter Richard R o h- den, in dem von ihnen herausgegebenen Sanunelband„Knaurs Weltgeschichte" das ganze Weltgeschehen „von der Urzeit bis zur Gegenwart" zu verhitiern und zu entmarxen, brauchen wir nicht zu zweifeln: denn erstens sind sie reichsdeutsche Universitätsprofessoren in Amt und Würden, was über ilye Steif- nackigkeit und derzeitige Gesinnung alles Notwendige besagt; zweitens ist der Verleger des Werkes jener Verlag Th. Knaur Nachfolger in Berlin, der schon das Lexikon A— Z und die Hamannsche„Kunstgeschichte" dienstbeflissen nach dem Diktate des„Völkischen Beobachters" eingestampft und im nazistischen Geist erneuert hat; und drittens lesen wir gleich draußen auf dam Schutzumschläge:„Ein umfassendes Geschichtsbild aus der großen Tradition der deutschen Geschichtswissenschaft, erfüllt vom lebendigen Geist der Gegenwar t", und noch deutlicher im Vorwort: „Jede große Revolution verwandelt nicht nur das Bild ihrer Gegenwart, sondern auch das der Vergangenheit, Aber diese Umwertung des Erbes der Vergangenheit vollzieht »leb langsamer als die der Gegenwart.., Auf der andern Seite erwecken gerade Zeiten tiefer Umwälzungen wie die unsere das Bedürfnis nach fortlaufender geschichtlicher Selbstbesinnung ungleich stärker und In viel weiteren Kreisen als Zeiten der Ruhe und des Behagens." Nach dieser Vorbereitung möchte man erwarten, daß sich das Drama der Weltgeschichte vor uns als ein einziger Kampf der Rassen abrollt, daß ein Heros nach dem andern auf die Bühne tritt und uns durch sein bloßes Dasein und Wirken den Unsinn der kollektivistischen Geschichtsauffassung vordemonstriert, daß die Herrlichkeit des Krieges, der mythischen Begeisterung und des nordischen Menschen sternhell über allem leuchtet und daß ■ schließlich und endlich(denn wofür werden von Herrn Rust„die Protokolle der , Weisen von Zion" und die Standardwerke j des Hanunerfritsch als klaasische Schullektüre empfohlen?) der„großen Tradition der deutschen Geschichtswissen- j schaff entsprechend die Juden als der böse Geist des ganzen Weltgeschehens nachgewiesen werden. Nun, derartige �olzscbnitt- oder vielmehr jHoizklotzmetboden mögen in den , zahllosen Büchlein und Wälzern am Platze i sein, die für den binnendeutseben Gebrauch ; der Hitlerjungen und Hitlerieken in Rie- senauflagen auf den Markt geworfen wer- ; den, für ein Werk aber, das durch seine j schöne Aufmachung und seinen erstaunlich j billigen Preis in der Welt draußen für den deutschen Buchhandel und den deutschen | Geist von beute werben soll, taugen so | derbe Handgreiflichkeiten nicht Da wird ! die Propaganda für den Krieg wohlweis'ich j den Bildtafeln zugewiesen, die zur guten i Hälfte Feldherren, Scblachteaszenen, Mlli- | tärtypen, Waffen u. dgl. abschildern, und i der Gebrauch der Charakteristik„jüdisch" , wird auf das unentbehrliche Beiwort zum Kapitalismus, Sozialismus und Jpumalis- mus jüngsten Datums beschränkt Wie überhaupt dem Bearbeiter der Gegenwartsgescbichte die Zügel etwas lockerer gelassen werden und er sich saftiger ins Zeug legen darf: einmal vielleicht, weü er Gör in g(aber, bitte, Helmut, nicht Hermann) heißt und der Name Immerhin Respekt fordert; und dann, well ja im Vorwort von der Gegenwart ausdrücklich gesagt wird, daß sich„ihre Umwertung rascher vollziehe". Vor deren Ergebnis bei Herrn Göring freüich mögen einen die Götter behüten: es ist einschließlich der epochemachenden Grundthese, daß das Zusammenwirken, jawohl, das Zusammenwirken von parlamentarischer Opposition und Oberster Heeresleitung und die anschließende„Parlamentarisierung" Deutschlands dessen Zusammenbruch im Kriege verschuldet habe und daß nur ein „autoritäres Regime"(Heß Hitler!) das Reich hätte retten können, das flachste, | schlappschwänzlgste und verlogenste Bild der Jahre 1914 bis 1920, das bisher ein „Historiker" geliefert hat. Ehrlich und gekonnt, weil sie in die Seele des Mannes blicken lassen, wirken höchstens Kraftstellen wie diese:„Die Gewerkschaften mit ihren verderblichen Sekretären" oder: „jener intellektuallstisch-jüdische Flügel der anarchisch-, unabhängigen' Sozialdemokratie, der sich 1917 zur selbständigen Partei erklären konnte, ohne sofort verboten zu werden"(S. 795), oder schließlich:„Darauf waren die hochverräterischen Berechnungen der sozialistischen Parteien eingestellt..(S. 800). Es wäre unbillig, die übrigen Beiträge des Bandes mit dieser auch sprachlich erschreckenden Klitterung auf eine Stufe zu stellen, die wissenschaftliche Fundierung und die Zivilisationsmaske sitzen bei ihnen viel besser. Besonders bezeichnend sind da die von zwei handfesten und sonst gar nicht zimperlichen Hitlerpaladinen, Karl Haushofer und Bolkp von Richthofen, verfaßten einleitenden Kapitel über Raumpolitik und Rasse als Grundlagen der Weltgeschichte, die sich durchaus sachlich und manierlich lesen, die aber den Leitgedanken der hakenkreuzle- rischen Geschichtsauffassung, daß jedem Volke seine geschichtliche Sendung durch die„Gesetze des Bodens und des Blutes" vorgeschrieben, der deutsche„Lebensraum" jedoch„besonders umdrängt, verstümmelt und zurückgeschnitten" sei, sehr geschickt unter die Leute bringen: „Niemehr wird die Anerkennung de» raumpolitischen Einflusses, einmal erfaßt« verschwinden können. Dafür ist die Frag» der Raumverteilung auf Erden zu ernst, dl» furchtbare Liste der Sünden gegen eine Gerechtigkeit nach der Leistung und Entwicklungsfähigkeit der zugeteilten Erdenstück» auf die Völker zu groß, als daß die Mensch- Bundesgenossen geworben, die Uber die gerade durch die demütige Bitte des Tyrannen In Sicherheit gewlegten Syrakusaner herfielen und sie zusammen mit den Belagerern, die einen Ausfall machten, im ganzen Lande zerstreuten. Die Tyrannls war wieder hergestellt. Es gab wieder Hinrichtungen, Verräter sorgten für Opfer und um für die Zukunft größere Sicherheit zu haben, befahl Dionysius, alle Syrakusaner hätten während der Ernte auf den Feldern zu sein. Unterdessen fiel er in ihre Häuser und nahm allen die Waffen weg. Ueber die weitere Entwicklung des Tyrannen berichtet Dlodor;„Er hatte nunmehr schon das Rauhe der Tyrannei abgelegt und sich so gewandelt, daß er sieh billig betrug. seine Untertanen mit mehr Menschenliebe beherrschte und auch niemand mehr hinrichten oder landflücbtig werden ließ, wie er ' es sonst gewohnt war." Denn Dionysius ' wollte nun endlich doch mit den Karthagern ! Krieg fuhren und brauchte dazu die Begeiste- { rung seiner Syrakusaner. Auch deren Ge- I dankengänge schildert Dlodor sehr ansehau- | üch;„Denn eie wünschten den Krieg nicht weniger ale er, erstens aus Haß gegen die Karthager, die damals die Stadt bedroht hatten, als Dionysius die Alleinherrschaft proklamierte, und dann well sie hofften, daß der Tyrann eich dann müder gegen sie betragen würde, da er sonst außer vom Feinde auch noch einen Angriff von den zu hart gehaltenen Untertanen befürchten mußte. Und was das wichtigste war, so hofften sie, wenn sie Waffen in die Hände bekämen und ihnen das Glück eine Gelegenheit darböte, ihre Freiheit wlederzuerringen." Doch auch diese Hoffnung trog. Zwar gelang die Erapörunß während des langwierigen Krieges so weit, daß Theodorus in offener Volksvers ammluaä dem Tyrannen entgegenschleuderte, er sei DUf herzhaft gegen seine Mitbürger, die Feind» aber wage er nicht einmal anzusehen, er ß* nietat allein der Herrschaft unwürdig, sondeni habe tausendfachen Tod verdient, er, der äeß Frieden nicht weniger scheue als den Kritg! doch die verbündeten Spartaner stellten sieh auf die Seite des Tyrannen und so blieb d*» Freiheit wieder ein Traum. Die aufrühr«�* sehen Soldaten aber wurden In der nächste# Schlacht an die gefährdetste Stelle befohlen, wo eie von den Katbagern sämtlich nieder* gemetzelt wurden. Also regierte Dionysius aohtunddrelßlß Jahre... KutuaoW- Braunkäppdien Ehe„NS Lehrer-Zeltung" hat gefordert, daß alle alten deutschen Kindermärchen In natlonnlsedistischem Sinne umzu dichten elnd. Den Vorschlägen der NSLZ folgend hat sich unser Mitarbeiter Max Baldauf umgeschaltet und mit folgendem Beitrag eingestellt; Bs war einmal ein armes, aber sauber gekleidetes Mädchen, das hieß Rotkäppchen und wollte, wenn es groß geworden, in den Bund deutscher Mädchen eintreten. Diesem Kinde händigte sein Vater, ein alter braver Frontkämpfer, einen Korb mit Erdbeeren au« und sagte:„Lauf mal schnell zur kranken Großmutter, mein Kind, und bring Ihr die Erdbeeren" Rotkäppchen nahm den Korb und wie es In den Wald kam, wer begegnete ihr da 7 Natürlich der Wolf. Markt Ihr was? Er hatte eine»ehr krumme Nase und hieß früher natürlich Wolf söhn, Isidor. Der fragte das Kind in fluchwürdiger asiatischer Arglist, wohin es wolle.„Zur Großmutter," entgegnet« das Käppcben,„sie ist krank und Hegt zu Bett."—„So, ao," sagte der Krumm- nasige und dachte; dieses blonde, blauäugige, langscbädüahe Kind muß eine urgermanisebe Großmutter haben, die hat meinem Stammbaum bis jetzt grade noch gefehlt Ein richtiger Schwapp Germanenblut würde mein raleßea Aeußere sofort ein bißchen aufnorden und mein ruchloses Treiben tarnen.„Wo wohnt denn deine Großmutter, mein Töchter- chen?" fragte der Untermensch welter.— „Hinten Im Walde", antwortete das Käppchen und beschrieb Ihm den Weg.„So. so," sagte der Fremdstämmige und trollte sich In besagter Richtung mit dem schrägen, plattfüßl-i gen Gange aller Minderrassigen. Als Rotkäppchen zur Hütte der Großmutter kam. hörte es schon von draußen ein häßliches Schnarchen. Das Mädchen trat ein, sah Großmutter im Bett liegen und sagte: „HeU Hitler! Großmutter, warum schnarchst du so?" „Well Ich mir zur Verbesserung meiner Ahnengalerie soeben eine urarische Oma einverleibt habe," brummte ee vom Bett her. „Großmutter, warum hast du so große Zähne?" „Damit ich besser reffen kann!" „Großmutter, warum riechst du so nach Knoblauch?" „Damit ich euch besser verdauen kann." »prang das Untier aus dem Bett—— und was dann Entsetzliches mit dem blonden Ger- manenklnd geschah, könnt Ihr euch denken. Nickt einmal da« Mützchen blieb übrig. Dann legte sieb Wolfsohn wieder Ins Bett und schnarchte weiter, Dieses aber hörte ein hellhaariger, helläugiger, langschädüchor Jäger« bursch, dessen Ahnen bis zu den friesischen Seeräubern zurückreichten und der gerade, das Horst- Wessellled singend, vorüberging. Er hatte ein braunes Hemd an, mit Hakenkreuz am Aer- mel, trat in die Hütte ein und sah im Bett den dickep Wanst des Untermenschen.„Ha. Verruchter!" zog er sein Messer.„Wieder einmal ist deutsche Biederkeit und Reinheit der mosaischen Tücke zum Opfer gefallen! Nieder mit Dir, marxistischer Raffkel" Wolfsohn wollte aus dem Bett springen, aber schon saß dem Volksschädllng das deutsche Messer In der Kehle und nahezu restlos i gekillt sank er zu Boden. Hurtig schnitt der Braunhomdigs den Leib des Unholds auf, heraus sprangen Oma und Rotkäppchen, umringten den Retter, küßten ihn und sprachen: „Gehe bin, reinige Deutschland, brich die Zinsknechtschaft, errette Germanien vom Jüdischen und marxistischen Untermenschentum, wie du uns gerettet host, dann wird auch die Krise weichen, die Arbeitslosigselt abnehmen und Gottes Segen, nämlich eine neue national Kapitalistische Hochkonjunktur, nicht ausbleiben!" Und wißt Ihr, meine lieben Blondzöpfchen, wer der tapfere Jägersmann wohl war? Ihr werdet es leicht erraten!— Er hängt hinter mir an der Wand, dicht neben dem Christus- büd. Max Baldauf. Heimchen am Herde Deutsche Wände haben Ohren In Breslau hat sich folgendes zugetragen: In einem Haushalte lebten Vater, Sohn und Haushälterin, alle drei treu hitlerisch gesinnt, die beiden Männer seit langem Mitglieder der SA. Elnee Tages ließ der Hausherr bei Tisch ein unvorsichtiges Wort fallen, sprach etwas weniger begeistert als sonst vom Dritten Kelche, erhitzte sich vielleicht über die But- terpreise. Die Haushälterin schwieg zu allem — ging hin und denunzierte den Brotgeber bei seinem SA-Vorgesetzten. Sie wurde fristlos entlassen, und der Fall kam vor das Lan- clesarbei tage rieht In Breslau. Zwar entschied der Richter gegen die Denunziantin, zwar erklärte er die fristlose Entlassung für berechtigt, aber man muß lesen, j in welch blumiger Weise er seine Entscbci' dung entschuldigte. Man spürt ee— wohl war ihm nicht bei der Sache, denn wo kä«8 das Dritte Reich ohne Spitzel und AngsW' bin? Es beißt In der Urteilsbegründung: Nach den geläuterten Erkenntnissen tionalBozIallBtlschen Arbeitsrechte« würde# Führer de« Betriebe« und Gefolgschaft voB einem Bande der Fürsorge und Treue uW schlössen zur Förderung der besonder»# Zwecke dieses Betriebe« und zum gero«10' »amen Nutzen von Volk und Staat. Dt8»8 urdeuUche Auffassung vom sittlichen W* sen de« Arbeltsverhältuissee gelte In n«� weit höherem Maße für dienstiechtUch8 Beziehungen im Schöße der Familie,*0 engste Haus- und TischgemeUcbaft erhöht» Rücksichtnahme und vertieftes Wirken ä1#* Wohle dieser Urzelle menscbUcber ufl staatlicher Gemeinschaft erforderten••' Die fristlose Kündigung wegen gro� Vertrauensbrucbes sei danach berechÜP gewesen. Einem Hausvater könne nicht»u' gemutet werden, such nur einen Tag Uhf ger sich von einer Hausdame betreuen f1 lassen, die harmloses Gerede bei Tisch lieh zum Gegenstand einer hochoffiztäH*' Meldung mache, die für die ganze Fam*1** unabsehbare Unzuträglichkeiten hätte b**' aufbeschwören können. Man siebt; Mit der Idealen BordUöä*" Hausgemeinschaft des Dritten Reiches ee eine schöne Sache, wenn nur nicht ständi» einer vor dem andern zittern müßte, die rer des Hausbetriebes vor ihrer Gefolgs®##*� die Gefolgschaft vor den Führern, die Elt»� vor den Kindern, die Kinder vor den Gescä�* kelt sich die bescheidenen, bisher errungenen Teillösungen und Ausblicke wieder entreißen 'aasen könnte, wenn sie nicht auf Zusammenbrüche in Usber unerhörtem Ausmaß zutreiben, zueilen, zustürzen will, gegen die der «»genannte Weltkrieg ein harmloses Vorspiel war."(S. 42/43.) Man hört das unheimlich drohende Waffengeklirr hinter dem gelehrten Schrei nach„Raum!", man hört die wissenschaftliche These, und nun bedürfte es nur noch de« am ganzen Verlauf der Weltgeschichte erbrachten Beweises, daß die These auch stimmt. Aber merkwürdig, mit dem �ill es nicht so recht vom Fleck, an dem eilen Autoren offenbar aufgetragenen Gebot„objektiv" und zivilisiert zu schreiben, werden alle Lehrsätze des Hitler-Rosen- bergsehen Geistes regelrecht zuschanden. Man atmet ordentlich erleichtert auf, wenn man bei Gelegenheit des Augustus dem FUbrermythos in den Worten begegnet:„Da war er Römer, der, dem Gesetz verpflichtet, sich fügte, als alle Instanzen ihn unausweichlich beauftragten, alles, was dem Souverän eignete, als lein.Sachwalter', als.Vormund' zu betreuen. Augustus wurde Träger alles Wol- itns Roms, Abbild dieses Rom, Rom selbst kus seiner Kraft Eild seines Wesens"(sie; S- 220); wenn die einen greisen Staat verratende Organisationshypertrophie des Diokletian zum Muster des staatlichen Gefolgschaftswesens erhoben Wird: »Bürokratie und Heer waren im Gedanken de« Gehorsams gegen den Befehl des Herrchen, des soldatischen.Dienstes' der Gefolgschaft verbunden- Der Gefolgscbaftsge- danke aus der Kampfzeit wurde hier zu dem de« Heer« der Staatsdiener geweitet"(S. 260); dder wenn der Mord als bewährtes � U» k u n f 1 8 m i 1 1 e 1 der germa- bieehen Politik anerkannt wird; »Daß die Familie(der Merovinger) nicht *U vielköpfig und das Erbe nicht zu sehr zersplittert werde, dafür sorgen Bürgerkriege hod im Notfall der Mord. So sind 524 drei ®hkei Chlodwigs schon als Kinder von ihren Oheimen umgebracht worden, da die Grofl- hiutter«ich weigerte, sie zu Geistlichen •oberen zu lassen, um Ihnen das Leben zu t»tt«n..Lieber tot als ehrlos!' rief sie aus" (8. 305). Wäre„Knaurs Weltgeschichte" schon Vor dem 30. Juni draußen gewesen und hätte Röhm diese heroische Legende gebannt, fürwahr, er wäre heldischer ge- •torben! Sonst aber, von solchen erquicküchen Gasen abgesehen, breitet sich vor uns die äawohnte dürre Steppe der„U b e r a 1 i- •tischen" Geschichtsschreibung mit politischen, wirtschaftlichen Jiüd sozialen Angaben und Ableitungen und bisweilen tauchen Sätze auf, Sätze— nun, �an höre selber; »Die französische Revolution darf nicht •*• ein Ergebnis planmäßigen Wollen» ge- �•Utet, sondern muß aus dem Zusammen- Du nach HenifsUm Ein Lebenslauf in die Folterkammer Die heroische Gemütshaltung läuft| handlanger, Fabrikarbeiter, Frühstücksträger, auf Befriedigung des Besitz- und Schüler einer Handelslehranstalt, Theater- Machtsinns hinaus. Sie ist Religion mit dem Endziel der Plünderung. ' berg und Karlsruhe gewesen. Im Anfang des Waltber Rode; Deutschland ist Caliban. Hinter den nationalen Idealen, denen der Nationalsozialismus zu dienen vorgibt, verbirgt sich In so und so vielen unzählbaren Einzelfällen nichts anderes als die egoistische Spekulation gegen die leistungsfähigere Konkurrenz. Es ist nicht das erstemal in der deutschen Geschichte, daß sich neiderfüllte oder rachelüsteme Interessenhaufen unter der antimandstlschen und antisemitischen Parole sammeln. Aber es ist das erstemal, daß unter dem Vorwand eines politischen Kampfes der Konkurrent den Konkurrenten Im buchstäblichsten Sinne des Wortes in die Folterkammer schickt Nicht in jedem Falle mag dieser Zusammenhang der nationalen Erhebung mit privaten Rache- und Vernich- tungsbedürfnissen an Tatsachen schlüssig nachweisbar sein. Um so wichtiger als aufhellende Beispiele sind Fälle, in denen dieser Nachweis bündig geführt werden kann. Ein solcher Fall soll hier geschildert werden. Es Weltkrieges hat er als russischer Staatsbürger auch einige Wochen im Internierungs- lager Donaueschingen zugebracht. Nun heiratet Max Tabaschnlk— so heißt der junge Mann— eine Augsburgerin, die er schon In Karlsruhe kennen gelernt hat, und macht sich selbständig. Ein Prozeß und zwei llevolyer Seine junge Praxis richtet sich sehr gut ein. Aber er. schon als Jude und Russe exponiert gerät als Freund der Arbeiter, deren Los er solange geteilt hat, in Konflikt mit Nürnberger Führern des Deutschen Schutz- und Trutzbundes, deren üble Machenschaften mit Bestechungsgeldern er erfährt und anzeigt. Es kommt zu einem politischen Beleidigungsprozeß. Der deutsch- völkische Ingenieur Merz ist der Kläger; Streicher, der inzwischen„berühmt" ge- ist ein Lebenslauf, der nach glücklicher| wordene Judenstürmer von Nürnberg, und Ueberwlndung außergewöhnlich schwieriger B r e s s e 1, damals kommunistischer Betriebs- Verbältnisse, nach manchem Abenteuer und endlichem Erfolg ins Konzentrationslager des Dritten Reiches führt— es ist ein Wunder zu nennen, daß das Ende nicht der Tod in der Folterkammer war! Das Vorspiel Im Herbste 1916 richtet in Nürnberg ein junger Zahntechniker seine erste Praxis ein. Er ist erst 26 Jahre alt, hat aber schon ein abenteuerliches Leben hinter sich. Als halbes Kind aus dem von Krieg und Revolution erstmalig erschütterten zaristischen Rußland vertrieben, ist er 1905 nach Deutschland gekommen und im Laufe der Jahre Bauratsvorsitzender der Maschinenfabrik Augsburg-Nürnberg, jetziger Arbeitsfront-Leiter von Nürnberg, treten als Zeugen für Merz auf. Es ist ein merkwürdiger Prozeß; wichtige Zeugen des Beklagten werden überhaupt nicht gehört, Beweisanträge für seine Sache werden ignoriert, die entscheidenden Dokumente, zwei Schecks Uber 5000 und 10.000 Mark aus einem deutsthvölkischen Korruptionsfonds, von Merz ausgestellt und von einem Kriminalbeamten aus den Händen der Empfänger beschlagnahmt, verschwinden auf rätselhafte Weise aus den Polizeiakten; angeblich hat sie eine Militärbehörde„in Verwahrung" genommen, aus der sie nicht wle- „Tabaachnik ja ein anständiger Mensch und sie nicht zu Mördern werden woll- der zum Vorschein kommen. Während de« Prozesses dingt Merz zwei Kumpane, ehemalige Offiziersstellvertreter, die ein Attentat auf Tabaschnlk verüben sollen. Die beiden „Rächer" erscheinen jedoch nach einer durchzechten Nacht bei Tabaschnlk in der Wohnung, legen ihre Revolver auf den Tisch und beichten zerknirscht ihren Auftrag, von dem sie sich lossagen, weil sie erfahren hätten, daß sei" ten. Der Prozeß endet mit der formalen Verurteilung Tabaschniks zu einer Geldstrafe. die von der Berufungsinstanz in eine durch die Bewährungsfrist praktisch aufgehobene Gefängnisstrafe umgewandelt wird. Der moralisch Verurteilte aber ist Merz, der bald nach dem Prozeß nach Berlin fährt und dort Selbstmord begeht. Zwisdiensplel in d«*r Sädisisdien Schweiz Tabaschnlk, dem Nürnberg durch diesen Prozeß verleidet ist, ergreift eine sich bietende Gelegenheit zur Uebersiedlung nach Sachsen. Er läßt sich 1921 in dem Städtchen Hobnstein in der Sächsischen Schweiz nieder. Es ist dasselbe Hohnstein, das später durch die Jugendburg Hohnstein In gutem Sinne und nach der Umwandlung dieser Jugendburg in ein Konzentrationslager des Dritten Reiches in schändlichem Sinne in der ganzen Welt bekannt geworden ist. Ein Jahr später siedelt Tabaschnlk nach der Sommerfrische Krippen an der Elbe Uber. Polltisch ist er weder In Hohnstein noch in Krippen tätig. Da er aber zur Behandlung der Krankenkassenpatienten des Bezirkes zugelassen wird und dadurch Arbeiterkund- sebaft erhält, mit der er sich auch sonst besser versteht als mit den Kleinbürgern in den Sommerfrischen-Villen, findet sich bald wirken verschiedener Tatsachenrelhen erklärt werden, deren wichtigste der wirtschaftliche Aufstieg und der daraus erwachsene Anspruch des Bürgertums ist, die politischen und sozialen Einrichtungen nach seinem Bilde und seinen Bedürfnisaen umzugestalten.-Wie alle Revolutionen, die diesen Namen verdienen, wurzelt also auch die Umwälzung von 1789 in einer bis zur Unerträglichkeit gesteigerten Spannung zwischen den wirklichen sozialen Kräfteverhältnissen und den politischen Institutionen, die die Mitlebenden wie Fremdkörper anmuten"(S. 602). Wenn da nicht der marxistische Ueberbau- und Revolutlons- g e d a n k e geisternd umgebt, wollen wir uns getrost der Merovingischen Großmutter zur weiteren Behandlung anvertrauen, und was noch schwerer wiegt: der Satz ist nicht vielleicht eine zufällige Entgleisung seines Verfassers Rohden, sondern nach denselben Grundsätzen werden Renaissance, Reformation, das Jahr 1848 u. a. dargestellt und in ihrer internationalen, überrassischen und überräumlichen Bedeutung gewürdigt, die marxistische Art der Geschichtsbetrachtung Ist also offenbar ein nicht mehr auszuschaltendes Element jeder einigermaßen sachlich vorgehenden Geschichtsschreibung geworden. Wundert man sich da noch, wenn der getreue Eckart des Dritten Reiches, Alfred Rosenberg, neuerdings vor den Münchner nationalsozialistischen Studenten erklärte, daß es„eine objektive Geschichtsschreibung nicht gebe und daß es an der Zeit sei, eine deutsche Geschichtsschreibung anzumelden"? Und wenn er die„nationalsozialistische Bewegung eine Naturerscheinung" nannte,„wie sie in der Geschichte der Völker vereinzelt vorkommt? Sie ist vergleichbar mit den gewaltigen Erruptlonen, die einst die Gebirge entstehen ließen und die man nicht.ablehnen' oder.annehme»* kann. Sie sind einfach da und man hat steh mit ihnen abzufinden". In der Tat, Meister Rosenberg, nur noch als„Natur erschei- nung" ist die Hakenkreuzlerei wissenschaftlich zu„retten", als geschichtliche Größe aber unterliegt sie jenem Gesetze, das auch die„vom lebendigen Geist der Gegenwart erfüllte" Knautsche Weltgeschichte nicht aus der Welt zu schaffen vermag und das historische Mißbildungen an der„zur Unerträglichkeit gesteigerten Spannung zwischen den wirklichen sozialen Kräfteverhältnissen und den politischen Institutionen" zugrunde gehen läßt. A, K. ■tarn und jeder vor«ich selbst und«einem �orgMeUten. Traute« Helm, Glück allein! Blnes mag die Geplagten trösten: oben in •kr FUhrerfamilie geht es nicht besser zu, �•a könnte nicht nur Röhm bezeugen. Zulässig— unzulässig lUirerköpfe nur getrennt Im Handel Gw„Deutsche Reichsanzeiger" veröffent- regelmäßig die Entscheidungen, die auf apund des„Gesetzes zum Schutze der natlo- Symbole vom 19. Mal 1933" gefällt �den, da« heißt, er gibt bekannt, welche T�hmackloglgkelten erlaubt und welche ver- «Ind. Aus der letzten Nummer erfährt «. B., daß Laubsägefiguren, SA- und SS- •BUlner darstellend, sowis Laubsägevorlagen, /•'•teilend den Kopf des Führers und Relchs- •�"zlers, von Eichenlaub umgeben, als zu- j*4*1* gelten. Viel Interessanter ist aber die ul:)rik, die den Titel„unzulässig" trägt. Unzulässig sind: »Ansichtspostkarten, darstellend den • Führer und den Gauleiter Julius Streicher." ist zu verstehen. Hitler duzt sich mit Welcher, Hitler gesUttet dem Streicher, wie irrsinniger zu wüten, Hitler duldet wohltuend die blutige Mordhetze, die bestiall- Gemeinheit des Strelcherschen Pogrom- '•ttea.«ber seinen Kopf neben Streichers 'W in Jedes Untertanen Schoß zu legen, •"h selbst dem Kanzler nicht zugemutet trekm. Unzulässig sind welter: »Bildnisse, darstellend die Herren Reichs- Präsident von Hlndenburg, Reichskanzler Hitler, Ministerpräsident Göring, �cha ml nister Dr. Göbbels." Diese Maßnahme soU, wie uns glaubhaft versichert wird, von Göring und Göbbels In seltener Eintracht verfügt worden sein. Seit dem 30. Juni lassen sie ihre Köpfe nicht mehr gern mit Hitlers Portrait vereinigen, Sie sind abergläubisch geworden. Dietrich über Klusserl Unfall des Reichspressechefs Wenn ein Nazi gebildet tut, glbts Immer ein Malheur. Es war aber, vom Rassestand- punkt aus gesehen, schon eine Katastrophe, wenn sich der Reichspressechef Dietrich neulich In Köln folgendermaßen vernehmen Heß: „... der deutsche Philosoph Edmund Husserl hat In einem Schreiben an den 8. Internationalen Philoeophenkongreß die drohende Gefahr des Absterben« der Philosophie am besten zum Ausdruck gebrmcht..." Ist es dem Reichspressechef Dietrich völ- Ug entgangen, daß Edmund Husserl ein in der Tschechoslowakei geborener Jude Ist, also sozusagen einer der„Weisen von Zlon", die sich gegen das germanische Volk so fürchterlich verschworen haben T Und dar soll Über die Gefahr des Absterbens der Philosophie, das nirgends größer ist als im Dritten Reich, das Beate geschrieben haben? Streicher Uber dir! Der neue Frontgeist Heil Regenschirm 1 Wenn deutsche Geechäftsleute in dieser Zelt für Haferflocken oder Kragenschoner, für Pulswärmer oder Bettvorleger Reklame machen wollen, dann sagen und schreiben sie nicht;»Eßt unsre Haferflocken, wärmt eure Pulse mit unaern WollstraraUffchen!", dann predigen sie in ganz, ganz andern Tönen. Zum Beispiel so: „Getragen von dem großen Verantwortungsbewußtsein. für Ihren Teil am wirtschaftlichen Wiederaufstieg Deutschlands mitzuarbeiten, unternimmt es.... Wer unternimmt? Der Reichstag? Die Arbeitsfront? Die Brauemschaft? Aber nein „unternimmt es die deutsche Schirmbranohe sich mit einem Preisausschreiben an das gesamte deutsche Volk zu wenden. Wir wenden uns Insbesondere an alle denkenden Schirmfreunde..." usw. usw. Dieses Zitat Ist wörtlich einem von Karstadt, BerUn, herausgegebenen Sonderdruck entnommen, und das ganze heißt: „Preisausschreiben der deutschen Schirmfront". Schirmfront? Wir lauschen. Ja dann allerdings! Eine„Front", das ist schon etwa«, eine„Front" berechtigt zu den schönsten Hoffnungen, für eine„Front" Ist kein Pathos gewaltig genug. Hoffentlich hat die Schirmfront nicht verabsäumt, Adolf Hitler zum obersten Schirmherren zu ernennen. Es eröffnen sich ungeahnte Möglichkeiten. Bei der Schinnfront darf und wird es natürlich nicht bleiben. Wir sind begfistert, wir schlagen Neugründungen vor und hoffen, daß unsere Stimme im Propagandaministerium nicht ungehört verhallen wird. Wie wäre es mit einer deutschen Pantoffelfront? Man denke, welche Aussichten sich hier ergeben! Die Pantoffeln können handge- stlokte Hakenkreuze, Elchenkränze oder Führerbilder tragen, abertausend Stickerinnen bekommen lohnende Beschäftigung, von den Babuschenmachem gar nicht zu reden. Die, Pantoffelfront wäre wiederum in eine Dachorganisation— etwa in die„deutsche Haussegenfront"— einzugliedern, der sich gleichzeitig andere Fronten anzuschließen hätten, z. B. die NS- Wärmflaschenfront, die NS- Wandspruchfront, die Sofaschoner-, die Nippes-, die Kaffeewärmer-, die Vertiko- und die Handarbeitsfront, Gruppe Kreuzstich, Es ist im Dritten Reich an Front-, Bund- und Gruppenbildung, an Um-, Zwischen- und Eingliederung, an Neu- und Ueherorganlsa- tlon schon allerhand geleistet worden— aber Größeres bleibt noch zu tun übrig. Frontheü der Regenschirmfront! Sie hat neue Wege gewiesen. Pfui Schiller! „Ein Wesenszug begegnet uns zunächst, worin wir dem heutigen Schiller wesentlich ferner stehen; Ea ist seine scharfe Trennung der geistlg-wHlensgemäßen und der sinnlich- triebhaften Natur des Menschen und die damit verbundene Hochwertung des Geistig- Vernunftgemäßen. Aus„Schiller und die Gegenwart" von Walter Linden in der Zeltschrift für„Deutsch- Kunde". Immer feste druff! In den>Schlesl8chen Monatsheften«, Blätter für nationalsozialistische Kultur des Südostens, findet sich folgender Kernspruch; »Wer Gott vertraut und um sich haut hat wohl gebaut.« So ähnlich wird Christus es wohl auch gemeint haben. ein Anlaß für die'mißgünstige Konkurrenz, Ihn als„Roten" zu verschreien und Ihm die bürgerlich gesinnte Kundschaft abzutreiben. Das Sdilußkapitel beginnt in Pirna Dreißig Pfennig Stundenlohn! Jahreslohn des Tabak arbeiters 1931— 13S5 Mark, 1934— 720 Mark Sieben Jahre lebt er In dem kleinen Ort. Im Jahre 1929 verlegt er seihe Praxis nach der alten Elbestadt Pirna. Auch hier wieder wird Ihm die Behandlung der Kassenpatienten zugesprochen. Seine Praxis geht gut; bis zu vierzig Patienten täglich vertrauen sich seiner Behandlung an. Neidische Kollegen beobachten das mit scheelen Augen, und sie arbeiten nun daran, den Juden aus der Zulassung zur Kassenpraxis zu verdrängen, wobei sie sich zu unrecht auf die Nichtzugehörigkeit des unbequemen Kollegen zu\hrem Verband berufen. Aber das Oberversicherungsamt entscheidet zugunsten Tabaschniks j und gegen die KonkurrÄiz, die jedoch weiter gegen ihn arbeitet und ihn, den sie ein andermal Arbeitern gegenüber als angeblichen „Wrangel-Russen" verdächtigt, in bürgerlichen Kreisen als„Roten" verlästert. T'.n heißes Elsen Von Tabaschniks„politischer Vergangenheit" und.der Nürnberger Affäre weiß man In Pirna nichts; das sind vergangene und vergessene Geschichten. Tabaschnik aber, von rechtlichem Empfinden getrieben, faßt ein anderes heißes Eisen an: er tritt gegen die korrupten Praktiken gewisser Kollegen auf. Und hier beginnt jener Abschnitt seines Lebenslaufes, der geradewegs in die Folterkammern der SA führt. Die Schulzahnpflege wird zu dieser Zelt In Pirna von den Zahnärzten Dr. Drescher und Dr. F 1 ö s s e 1 versehen. Ihre �von der Stadt bezahlte Aufgabe ist es, vorhandene Zahnschäden bei den Schülern festzustellen. Die nötige Behandlung vornehmen zu lassen Ist dann Sache der Eltern. Weil ihnen aber von den Lehrern aus nahegelegt wird, die Schulzahnärzte für ihre„uneigennützige", tatsächlich aber honorierte Tätigkeit zu unterstützen, fallen diesen beiden Zahnärzten etwa 80 Prozent der von ihnen als nötig bezeichneten Zahnbehandlungen zu. Dr. Drescher ist Vorsitzender des Verbandes Sachsen der nationalsozialistischen Zahnärzte. Er schwärmt seinen Patienten gegenüber von Hitler und gibt ihnen den „Völkischen Beobachter" zu lesen. Er Ist enorm verschuldet: an manchen Tagen steht sein Name mehrmals am schwarzen Brett des Amtsgerichts In der Reihe der zur Leistung des Offenbarungseides Geladenen. Dr. F 1 ö s s e I ist damals noch der Freund des ersten Bürgermeisters Dr. G a 1 1 s c h, der nach der Machteroberung Hitlers abgesetzt und darüber wahnsinnig geworden ist. Dr. Flössel aber ist heute noch Schulzahnarzt und läßt die Schüler bei seinem Eintritt ins Schulzimmer stramm stehen und mit„Heil Hitler" grüßen. Sdiulzahnärzte, die nicht zahlen können Bei diesen" beiden Schulzahnärzten fällt es immer häufiger auf, daß sie bei ihren Untersuchungen Schäden vermerken, die gar nicht vorhanden sind. Das wird von Zahnärzten und Dentisten wiederholt festgestellt, die eitlen Teil der Schüler in Behandlung bekommen. Sie schrecken jedoch vor einer Anzeige zurück, weil sie sich durch die Verbandsstatuten zu„kollegialem Verhalten" verpflichtet fühlen. Schließlich wenden sich mehrere Eltern an Tabaschnik. Er untersucht einige der von Dr. Flössel betreuten Kinder noch einmal und stellt fest, daß Dr. Flösse! einem Jungen vierzehn Plomben verschrieben hat, bei' dem nur drei nötig sind. Bei einem anderen Schüler, der soeben erst zahnärztlich behandelt worden ist, vermerkt Dr. Flössel sieben Plomben als erforderlich. Bei den anderen Kindern ist der Befund ähnlich. Für Kinder mit völlig gesunden Zähnen sind sieben und acht Plomben vorgemerkt. Tabaschnik teilt dieses Ergebnis seiner Untersuchung zwei Stadträten mit und erstattet Anzeige beim zweiten Bürgermeister Scheufler, dem das Schulwesen untersteht. Dieser Scheufler Ist auch eine Zierde der Stadt. Ganz Pima kennt ihn nicht nur als Bürgermeister, sondern auch als notorischen Säufer, und es geschieht nicht selten, daß er des Nachts, manchmal auch am • Tage, sternhagelvoll auf der Gasse aufgelesen und nach Hause geschleppt werden muß, so daß schließlich der Stadtrat sich genötigt sieht, dem zweiten Bürgermeister der Stadt unter Androhung der Pensionierung ein Trinkverbot aufzuerlegen. Dieser Scheufler also läßt die Anzeige zu Protokoll nehmen und verspricht die weitere Verfolgung der Angelegenheit. Schon am nächsten Tage erfährt Tabaschnik, daß die betreffenden Kinder zur nochmaligen Untersuchung zu Dr. Flössel bestellt seien. Er verlangt nun vom Bürgermeister Scheufler, daß Zu den Arbeiterkategorien, die unter der Zuchtrute des Dritten Reiches am schwersten leiden, gehören die Tabakarbeiter. Noch am 12. November 1934 mußte der Reichsfachgruppenleiter für Tabak Pg Altvater auf einer Kundgebung in Mannheim das Lohnelend dieser Berufsgruppe zugeben, indem er ausführte: „Nach der Machtübernahme wurde dann das Tarifierungsamt geschaffen, das in mühseliger Arbeit an Hand von tausend Prüfungen feststellte, daß 60 Prozent der Zigarren zu niedrig tarifiziert waren. Bei einer in diesem Monat stattgefundenen Prüfung von 32 Betrieben hat sich herausgestellt, daß nur 17 davon tarifliche Sätze bezahlen. Die außerordentlich niedrigen Einkommen durch diese in großem Maße stattfindende untertarifliche Bezahlung hat dazu geführt, daß bei tausenden Tabakarbeiterfamilien das Winterhilfswerk einspringen mußte." Was sagt der Sondertreuhänder für das Tabakgewerbe zu diesem Jammer der ihm! Schutzbefohlenen. Großspurig erklärte ein Re-' ferent auf der großen Gemeinschaftstagung der Pfalz, an der die Tabakarbeiter beteiligt waren:„Die Aufgabe des Treuhänders ist. das höchste Gut, die Arbeit zu verwalten. Zur Erfüllung seiner Aufgaben hat der Treuhänder besondere Vollmachten." Wie dieser Ausbeuterknecht, genannt„Treuhänder für das| Wirtschaftsgebiet Südwest als Sonder-Treu-; händer für die deutsche Zigarrenherstellung" das Arbeiterelend von Staats wegen verewigt, dafür spricht folgende Verordnung: „Karlsruhe den 19. Oktober 1934. „Als Soödertreuhänder der Arbelt für die Zigarrenindustrie erlasse ich gemäß § 32, Abs. 2, des"Gesetzes der nationalen Arbeit vom 20. Januar 1934 nach Beratung ia#dem Sachverständigenaüsschuß zur Behebung der auf Grund der Lohnerhebung festgestellten gröbsten Mißstände folgende Vorläufige Ergänzung der geltenden Reichstarif Ordnung für die deutsche Zigarrenherstellung; Mit Beginn derjenigen Lohnwoche, die nach dem 1. November 1934 beginnt, beträgt der Mindestakkordverdienst für Zurichter, Wickelmacher, Roller und Sortierer 30 Rpf. in der Stunde. Auf diesen Mindestlohn haben alle vollerwerbsfähigen Gefolgschaftsleute Anspruch." Es braucht nicht besonders erläutert zu werden, daß dieser Mindestlohn von dreißig Reichspfennig pro Stunde gleichzeitig als Normal lohn änzusehen ist. Denn die Fabrikanten, die durch den Sondertreuhänder zu diesem Lohnsatz gezwungen werden mußten, sind nicht bereit das Niveau der Tarifordnung des Dritten Reiches zu überschreiten. Mit Hohn und Sportt bemerkt der Pg Altvater: „So ergeht heute nach der Ergänzung der Tarifordnung durch den Sondertreuhänder an dich deutscher Zigarrenarbeiter der Ruf zur Erhaltung und Erhöhung deiner Leistung..... ein Verräter an der Let- stungs- und Volksgemeinschaft aller Schaffenden aber ist der, der in seiner Leistung zurückgeht, weil ihm der Mindestlohn sicher ist." Selbst wenn man acht Stunden Tagesarbeit zugrundelegt, was heute keineswegs allgemein besteht," so ergibt sich ein Tagesverdienst von 2.40 Mk. oder 14.40 in der Woche. Die Lohnstatistik der Arbeitsfront zeigt, daß im Durchschnitt für den Tabakarbeiter noch keine 14 Mk. Wochenlohn erreicht werden konnten. Bei 300 Arbeitstagen käme der Vollarbeiter auf ein Jahreseinkommen von 720 Mk., während der frühere Deutsche Xabak- arbeiter-Verband für 1931 ein Jahresdurchschnittseinkommen von 1385 Mk. feststellen konnte. Einst waren die Zigarrenmacher Pioniere der deutschen Arbeiterbewegung. Aus ihren Reihen waren hervorragende Führer der Sozialdemokratie hervorgegangen, sie hatten frühzeitig die Notwendigkeit solidarischen Handelns erkannt. Nach dem Krieg hatte die Tabakarbeitergewerkschaft das Lohnelend durch Reichstarifverträge gebannt. In den Jahren nach der Inflation hatte der Verband 1927 eine Riesenaussperrung von 90.000 Arbeiterinnen und Arbeitern erfolgreich abgeschlagen, und heute darf im Hitler-Deutschland ein„Treuhänder der Arbeit" die ihrer Gewerkschaft beraubten Tabakarbeiter mit dreißig Pfennig Stundenlohn beglücken. Der Relchsfachgruppenl elter aber ruft den versammelten Tabakarbeitem Im Rosengarten In Mannheim zu: „Wir erwarten, daß diese Neuregelung bei unseren Gefolgschaftsmitglledern ein Ansporn zu größerer Leistung ist." Wir erwarten, daß diese Schande den Arbeitern ein Ansporn sein wird, den Nazismus, diesen Treuhänder des arbeiterfeindlichen Großkapitalismus, im siegreichen Kampf zu überwinden. Frühere Angeslelhe sollen verhungern diese Untersuchung nur im Beiseln des Anzeigeerstatters und eines Dritten vorgenommen werden dürfe. Daraufhin werden die Kinder nach der Dresdner Schulzahnklinik geschickt, die die beanstandeten Untersuchungsergebnisse Dr. Flösseis zu etwa 70 Prozent als falsch feststellt, beim Reste der falschen Angaben jedoch„Irrtümer" für möglich hält. Trotz dieser Feststellungen bleiben die beiden Schulzahnärzte In Ihrer Funktion. Die Stadtverordneten beschäftigen sich wiederholt mit der Angelegenheit, können aber nicht entscheiden, weil der erste Bürgermeister Dr. Gaitsch aus Freundschaft für Dr. Flössel die Entscheidung im Stadtrat immer wieder zu vermelden weiß. Beirogen ist audi verdient Nach den Vereinbarungen zwischen dem Verbände der Ortskrankenkassen und den Organisationen der Zahnärzte und Dentisten wird für bestimmte zahnärztliche Leistungen auf die Einzelsätze ein sogenannter Silikatzuschlag für Verwendung besseren Materials gewährt. Trotzdem berechnen gewisse Zahnärzte ihren Patienten noch Extrasätze für die gleiche, schon von der Kasse honorierte Leistung. Dr. Drescher hat diese Ueber- forderungen in einigen Fällen sogar gerichtlich einzuklagen versucht, dann aber doch lieber die Klagen zurückgezogen, wenn die Beklagten sich als Uber den rechtlichen Sachverhalt aufgeklärt erwiesen. In anderen Fällen werden die Krankenkassen dadurch geprellt, daß ihnen zahntechnische Arbeiten berechnet und von ihnen honoriert werden, die gar nicht oder nicht in der berechneten Ausführung gemacht worden sind. Auch da ist Herr Dr. Drescher mit dokumentarisch beweisbaren Manipulationen beteiligt, Auch der Dentist Wiesenborn in Heidenau bei Pirna, der als nationalsozialistischer Redner auftritt, hat die Kasse wiederholt auf solche Weise betrogen. Er hat z. B. Plomben berechnet bei Patienten, die gar keinen Zahn mehr im Munde hatten. Er bat die Anfertigung künstlicher Gebisse berechnet bei Leuten, die noch vollständig ihre eigenen Zähne hatten. Daraufhin ist Ihm schließlich auf Antrag der Ortskrankenkasse Heidenau und durch Beschluß des Oberver- sicherungsamtes Dresden die Zulassung zur Kaasenpraxls überhaupt entzogen worden— nach dem Umsturz"aber hat der Herr das Recht zur Behandlung von Kassenpatienten prompt wiedererhalten! »Das Erteil ist sdion gefällt4* Immer wieder, durch Jahre hindurch tritt Tabaschnik besonders im Interesse der Kran- I kenkassen und Ihrer Patienten gegen die be- ) trügerischen Praktiken dieser noblen Kolle- 1 gen auf. Das hat natürlich eine grenzenlose Feindschaft gegen den„Störenfried" zur Folge und die Rache ist Ihm längst geschworen. Die erlauchten Spitzen dieser beleidigten Konkurrenz warten nur auf die Gelegenheit. Schon lange bevor sie sich bietet, erklärt der Plmaer Dentist Lommatzsch, auch ein NSDAP-Funktionär, Dritten gegenüber, daß über diesen Tabaschnik das Urteil schon gefällt sei! Ein halbes Jahr vor dem Umsturz wird Tabaschnik in einem Schreiben der Pirnaer Ortsgruppe des Dentistenverbandes an die Pirnaer Ortsleitung der NSDAP als „ganz links stehend" denunziert und dementsprechend zur Vormerkung empfohlen. In der Hölle von Königstein Endlich ist der langersehnte Tag der Rache da! Am 5. März 1933 siegt Hitler— am 6. März wird In Tabaschniks Wohnung die erste Haussuchung vorgenommen. Sie verläuft natürlich völlig ergebnislos. Aber das macht nichts;„das Urteil ist schon gefällt". Am 25. März wird Tabaschnik verhaftet und In die sogenannte„Fronveste" In Pirna gesperrt. Am 5. Mal 1933 wird er Ins Konzentrationslager Königstein überführt. Das ist die Hölle, in der furchtbar, mit unausdenkbaren Martern gerächt wird, was der Außenseiter„verbrochen" hat. Vierfache„Schuld muß er büßen: er war der mißliebige Kollege, der sich nicht stillschwelgend und mittuend der holden Eintracht skrupelloser Verdiener einfügte; er hatte sich als„Roter" verdächtig gemacht; er ist staatenloser Russe; er ist Jude! Was er als„Schutzhäftling" in Königstein erlebt und erlitten hat, erzählt Max Tabaschnik in dem Buche„Konzentrationslager", das als dokumentarische Tatsachen- schUderung aus acht Konzentrationslagern des Dritten Reiches In der Verlagsanstalt Graphia In Karlsbad erschienen Ist. Könlg- steln war die Hölle, erduldet bis zum Selbstmordversuch. Mit den Narben der Pulsaderschnitte an den Handgelenken lebt Tabaschnik In der Emigration. Staatenlos, heimatlos, existenzlos. Seine Feinde rufen„HeU Hitler!" Der unbequeme Widersacher Ist gründlich vernichtet: es lebe das Dritte Reich! Und In der Praxis Tabaschniks in Pirna sitzt heute — Herr Dr. Drescher! Manfred. Vor dem Spruchsenat der Arbeitslosen-Versicherung kommen immer wieder Fälle zur Verhandlung, in denen frühere Angestellte auf die Gewährung von Arbeitslosenunterstützung klagen. Im Relchs- arbeitsblatt wird ein Fall berichtet, in dem ein früherer Abteilungsleiter einer Allgemeinen Ortskrankenkasse den Anspruch auf Ar- beitslosenverrfcherung geltend machte. Der Spruchsenat hat den früheren Krankenkassenangestellten mit der Begründung abgewiesen, daß er nicht angestelltenverslcherungspfllchtig war, weil er Pensionsanspruch hatte. Dieser Pensionsanspruch Ist ihm aber auf Grund des berüchtigten Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums, das die Nationalsozialisten kurz nach der Machtübernahme herausgaben, genommen worden. Der Angestellte ist mit vielen tausend anderen damals fristlos aus seiner Stellung herausgeworfen worden, um den nationalsozialistischen Krippenjägem Platz zu machen. — So verstanden die Nationalsozialisten die „Wiederherstellung des Berufsbeamtentums". Fristlos entlassen, ohne Erwerb, ohne Pen- sionsanspruch, ohne Aussicht, In absehbarer Zelt Stellung zu erhalten, wollte dieser Angestellte wie viele seiner Kollegen wenigstens den Anspruch auf Arbeitslosenunterstützung zugebilligt erhalten. Die Gerichte des Dritten Reiches verweigern den Angestellten dieses Recht! Das Urteil bedeutet, daß dieser Angestellte und alle, die von dem gleichen Schicksal betroffen wurden, dem Verhungern ausgeliefert sind, obwohl er einmal hohe Beiträge für die Angestelltenversicherung und Pensionskasse gezahlt hat. Das Ist„soziale Fürsorge" im Dritten Reich! Die Eltern von Göbbels sind in das Konzentrationslager gekommen, weil sie den Josef so»mies gemacht« haben. <5oiial4emoFraHfci)*0 iDodjcnblalf Herausgeber: Ernst Sattler; verantwortlicher Redakteur; Wenzel Horn: Druck:»Graphia«; alle in Karlsbad. Zedtungstarif bew. m. P. D. ZI. 159.334/Vn-1933- Der»Neue Vorwärts« kostet im Einzelverkauf innerhalb der CSR. 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