Nr. 82 SONNTAG, 6. Jänner 1935 Verlag: Karlsbad, Haus„Graphia"— Preise und Bezugsbedingungen siehe Beiblatt letzte Seite Aus dem Inhalt: Retter am laufenden Band: „Heroen" und Herostraten Segers Feldzug in USA. Tragödie der Diktatur Eine neue„Sieges"-Legende Hitler ruft nach dem Reiter! Die Wandlung in der Wirtschaftsdiktatur Von Anfang an hat die nationalsozialistische Diktatur in ihrem Streben nach Totalität, nach Unterordnung aller gesellschaftlichen Beziehungen unter die absolute politische Leitung, sich die Wirtschaft 2u unterwerfen gesucht. In diesem Bestre- kcn war sie dadurch begünstigt, daß bei �er Machtübernahme bereits ein bedeutsa- •uer Teü der deutschen Wirtschaftsmacht Uamentlich infolge der Wirkungen der Kre- ditkrise in unmittelbarer Verfügung der Staatsmacht war. Die wichtigsten Großbanken waren praktisch verstaatlicht Und das bedeutete bei der Entwicklung des Finanzkapitals in Deutschland, daß ein Sroßer Teil der Industrie, der Schiffahrt bnd des Großhandels in weitgehende Ab- nängigkeit von der Staatsgewalt geraten �aren. Diese Entwicklung wurde durch den Portgang der Krise weiter verschärft. �roße und entscheidende Teile der deut- achen Wirtschaft— die Handel s- 'chiffahrt, die Werften, die Wag- Sonindustrie, der Erzbergbau, � nur einige zu nennen— konnten, sa- 'Uert oder unsaniert, überhaupt nur noch bui staatlicher Hilfe, mit Subventionen "der öffentlichen Aufträgen, weitergeführt »erden. Plese Abhängigkeit weiter Wirtschaftsgebiete vom Staate, die das bedeutsamste fb�lologische Ergebnis der Wirtschafts- f�lae gewesen ist, vervollständigte nun die �|ktatur sofort nach ihrem Machtantritt jbll außerordentlicher Energie durch poli- ■kehe Maßnahmen. Die Unternehmungen er(len in den für sie lebenswichtigen Fra- �eu der Arbeitsbedingungen un- er die Kontrolle der von der Diktatur einsetzten Treuhänder gestellt, die Irtschaftsorganisationen werden gleichgeschaltet, das heißt unter die unum- 'ehränkte Führung der von der Diktatur �gesetzten Leiter gebracht Dabei verrät r® Hitlerdiktatur bereits ihren angeblich /�U-len Charakter, indem die Organisatio- der Arbeiter in ihren sozialen und �flschaftlichen Funktionen völlig vernich- die Untemehmerorganisationen aber, Teil unter den alten Leitern, im we- btlichen erhalten werden, während der 'Jb�naenhalt und die Funktionen der �"arischen Organisationen unter rein na- sozialis tischer Führung eine außer- �dentliche Steigerung erfahren. �stes Ziel- Stärkung der Hitlermacht w Hie Hitlerdiktatur verfügt auf diese sise über eine größere Wirtschaftsmacht .8 Je ein kapitalistischer Staat vor ihr und �le geht daran, diese für die E r h a 1- J111?. Befestigung und Ausdeh- .llI1g ihrer politischen Macht �setzen. P" Denn dieses politische wUv � das primäre für die wirtschaft- wii6 Y�baltimgsweise jeder Diktatur. Sie ihrer Stellung die>Arbeits Massengrundlage Schi n- Dazu dient U-LD den der Versuch, die Arbeitslosen in Art ��tlonsprozeß einzureihen, den nn(jeitenden ihre Arbeitsstätte zu sichern 80 die gewaltsam niedergeworfene Ar- 'un erscllaTt durch materielle Besse rstel- Ven 11111 dem Regime, das über sie den iny Ust der Freiheit und des Selbstbestim- söjj gSrechts gebracht hat, wieder auszu- ilac,en- Zugleich bestimmt der Zweck der den j Verniehrung je länger um so mehr offe �elt des Arbeitsprozesses, der immer ���btücher auf die Aufrüstung dp��btet wird, zum Unterschied von ßw- �eitsbeschaffungsprogrammen unter und Papen. Sqj:.e,rn gleichen Zweck dient die national- 18tiache Agrarpolitik. Darr6 proklamiert die Herauslösung der Landwirtschaft aus dem kapitalistischen Machtzusammenhang. In Wirklichkeit reduziert sich sein System auf einen Ueberpro- tektionismus und auf Festsetzung monopolistisch hoher Preise, zu deren Durchsetzung ein immer lückenloseres System der Zwangswirtschaft durchgeführt wird. Der Großgrundbesitz bleibt trotz des Drängens eines radikaleren Flügels unangetastet, die kostspielige Entschuldungsaktion wird fortgeführt, das Siedlungswerk gerät ins Stocken. Diese beiden Hauptmaßnahmen werden ergänzt durch Stützungsversuche für den städtischen Mittelstand. Die Neuerrichtung von Handelsbetrieben wird verboten, der Zugang zum Handwerk wird unterbunden, dem Hausbesitz die Hauszinssteuer zum Teü geschenkt, für den Umbau von Wohnungen Subventionen gewährt, die jüdische Konkurrenz— mit Ausnahme der Banken— in steigendem Maße aus der Wirtschaft ausgeschaltet, usw. Der Bankrott der braunen Pläne Die Wirtschaftspolitik der Diktatur gerät rasch in Widerspruch zu den ökonomischen Gesetzen und insbesondere zu den Grundbedingungen der deutschen Wirtschaft, wie sie ihr durch ihre Verflechtung in die Weltwirtschaft gesetzt sind. Die Arbeitsschlacht wird mit inflationistischen Methoden finanziert. Trotz fortschreitender Lohnreduktion bewirkt das Hineinpumpen von etwa fünf Milliarden neu geschaffener Geldmittel eine Steigerung der Einfuhr. Die Preise der Lebensmittel und der agrarischen Rohstoffe werden durch die Agrarpolitik, die industriellen Preise durch Begünstigung der großkapitalistischen Kartelle und kleinkapitalistischen Monopolbildungen in die Höhe getrieben. Die Gesamtwirtschaft wird unproduktiver, die E x p o r t f ä h ig k e i t vermindert sich. Zugleich zerstört die hochprotek- tionistische Handelspolitik, von der Agrar- seite her begonnen, immer mehr die Außen- handelsbeziehungen Deutschlands. Der bisherige Außenhandelsüberschuß verschwindet, die Handelsbilanz wird passiv, der Goldbestand der Reichsbank fließt ab, die Zahlungen für die ausländischen Kredite können nicht mehr geleistet werden. Die Rohstoffversorgung ist gefährdet und der Mangel an Rohstoffen droht der künstlich angefachten Binnenkonjunktur ein Ende zu setzen. Die Nationalsozialisten hatten darauf vertraut, daß, wenn nur einmal der Staat mit seinen Mitteln die Wirtschaft»angekurbelt« hätte, die kapitalistischen Unternehmer schon das Uebrige besorgen würden. Im Frühjahr 1934, als er sich nicht genug Vorschußlorbeeren winden konnte, hatte Hitler erklärt: »Die Initiative, die der Staat bei der Arbeltsbeschaffung ergriff, hatte immer nur den Zweck und die Absicht, die wirtschaftliche und private Initiative zu erwecken und damit das wirtschaftliche Leben langsam wieder auf eigene Füße zu stellen.« Aber gerade das ist nicht eingetreten und konnte bei der exportzerstörenden, die Gesaratwirtschaft immer unproduktiver machenden Wirtschaftspolitik auch gar nicht eintreten. In seinem neuesten Vierteljahrsbericht konstatiert das Institut für Konjunkturforschung, das die staatliche Wirtschaftsankurbelung sonst nicht genug rühmen konnte, genau dasselbe: »Sowohl In der Industrie als auch in der Landwirtschaft beschränkte sich die Investitionstätigkeit in der Hauptsache— gefördert durch Steuerbegünstigungen für Ersatzinvestitionen— auf Instandsetzung von Gebäuden und Ersatzbeschaffungen abgenutzter Maschinen. Wie die einer Beobachtung zugänglichen Bilanzen von industriellen Aktiengesellschaften erkennen lassen, halten sich hierbei die Aufwendungen nach wie vor unter den laufenden Abschreibungen.« Das heißt mit dürren Worten, daß, soweit eine Mehrbeschäftigung der deutschen Wirtschaft überhaupt zu verzeichnen war, sie sich auf den Verbrauch der staatlichen Mittel beschränkte, daß darüber hinaus aber eine Steigerung der Produktion nicht stattgefunden hat Oder wie es kürzüch der Preiskommissar Goerdeler ausgedrückt hat: »Auf Gebieten, wo die öffentlichen Aufträge eine geringere Rolle spielen, ist schon Wadisender Terror Im Saargebiet Der nationalsozialistische Terror an der Saar steigert sich von Tag zu Tag. Die »Deutsche FYont« bemüht sich, die Abstimmung ganz unter den Druck des Terrors zu stellen. Die Lage ist heute schon so, daß man mindestens die Parallele mit der Wahl vom 5. März 1933 ziehen muß. Zwar wird das Wahlgeheimnis durch die Abstimmungskom- mlssion geschützt zwar werden keine dreisten Fälschungen bei der Auszählung stattfinden können, aber gegen die Einschüchterungs- methoden schützt weder Regierungs- noch Abstimmungskommissar noch die internationale Truppe. Wir kennen diese Metboden zur Genüge. Wenn Terrorbanden durchs Land ziehen, wenn Versammlungsredner niedergeschlagen werden, wenn Schüsse durch die Fenster in die Wohnungen krachen— und das alles angestiftet von den Handlangem der Hitlerregierung. dann weiß man, daß die beste formale Sicherung der Abstimmung noch keine freie Abstimmung bedeutet! Die Reglerungskommission hat zwar ausgerechnet für die entscheidenden Tage des Abstimmungskampfes die»Deutsche Freiheit« verboten, weil sie eine Hit- lerkarikatur aus dem Pariser Blatt»Le rire« wiedergegeben hat— aber sie hat nicht verhindern können, daß der katholische Arbeiterführer I m b u s c h durch eine organisierte Naziterrortruppe in einer Versammlung niedergeschlagen und schwer verletzt wurde. Die braunen Terroristen sind nicht verhaftet worden— wohl aber ein Chauffeur, der sich gegen sie zur Wehr setzte! Das nennt man Objektivität und Sicherung der Abstimmungsfreiheit! Es sind schwerste Tage, die dem Saargebiet noch bevorstehen. Von Deutschland aus werden die Anhänger des Status quo systematisch als Separatisten beschimpft. Gegen sie wird eine Mordhetze inszeniert, die die bisherige noch übertrifft. Pläne zur Errichtung von Konzentrationslagern im Saargebiet sind unlängst enthüllt worden. Es ist kein Zweifel, daß in den letzten Tagen der braune Tenor auf den Höhepunkt steigen wird. Mit um so größerer Zähigkeit werden unsere Freunde den Kampf führen. Sie wissen, daß der Terror der Sorge des Hitlersystems vor der Niederlage entspringt, und sie werden alles tun, um dem System die Niederlage zu bereiten! Severing für Hitler? Eine plnmpe Fälschung. Mit Geweilt und Lüge arbeitet die sogenannte»Deutsche FYont« an der Saar für Hitler. Dabei bedient sie sich auch einer angeblichen Erklärung, die Severing einem Vertreter der Kölnischen Zeitung gegeben haben soll, und die folgendermaßen lautet: »Ich wünsche auf das dringendste nach wie vor, daß der Tag der Abstimmung eine Imposante Mehrheit für die Rückgliederung des Saargebietes an Deutschland ergeben möge. Jetzt wird die Entscheidung für oder gegen Deutschland getroffen und ich wünsche dringend, daß sie für Deutschland lauten möge. Das sage ich niemandem zuliebe und niemandem zuleide, sondern einzig und allein Im Interesse des Landes, dem die vier Jahrzehnte meiner Betätigung Im öffentlichen Leben gewidmet waren. Auch heute noch und gerade heute bin ich der Meinung, daß im Zusammenwirken zwischen Deutschland und Frankreich der Schlüssel zum Frieden Europas liegt. Aber wer diese Zusammenarbeit wünscht, der muß auch wünschen, daß die Saarfrage die Lösung erfährt, die sie ihres Charakters eines ständigen Zankapfels ent-, kleidet.« i Severing lebt in dem großen Gefängnis Deutschlands fern von jeder Möglichkeit, sich politisch zu betätigen. Es ist das Aeußerste an menschlicher Gemeinheit, wenn man ihn durch Erklärungen, die ihm wahrheitswidrig in den Mund gelegt werden, an den Karren der braunen Gefangenenwärter zu spannen versucht. Vor der letzten sogenannten Volksabstimmung in Deutschland, wurden die Namen bekannter Persönlichkeiten dutzendweise unter hitlerfreundliche Aufrufe gesetzt, ohne daß jene Persönlichkeiten vorher befragt wurden, und ohne daß nachher die Möglichkeit für sie bestand, gegen die Fälschung zu protestieren. Auch Severing wird sich öffentlich nicht wehren können, obwohl die Fälschung in seinem Fäll offenkundig ist. Sie wird in jenem Satze sichtbar, in dem zum Ausdruck gebracht wird, daß die Fintscheidung für den sofortigen Anschluß im Sinne Hitlers eine »Entscheidung für Deutschland« sei. So kann nur ein Dummkopf sprechen und ein Dummkopf ist Severing gewiß nicht. Da die Hitlerregierung in der nächsten Zelt wahrscheinlich noch mit einigen anderen mehr oder weniger gut nachgeahmten Sprechpuppen arbeiten wird, sei grundsätzlich folgendes bemerkt: Sozialdemokraten und überhaupt anständige Menschen besitzen heute in Deutschland keine Möglichkeit der öffentlichen Meinungsäußerung. Sprechen können sie nur so und so viel wie das System ihnen erlaubt. Darum dürfen sie sich durch nichts dazu verleiten oder zwingen lassen, Erklärungen abzugeben, die den gegenwärtigen Macht- habem genehm sind. Für die Oeffentlichkelt außerhalb Deutschlands haben solche Erklärungen, gleichviel ob sie erpreßt oder gefälscht sind, keinen Wert. Auch die Saarländer werden sich durch sie nicht betrügen lassen. heute(!) das Versagren der Kaufkraft deutlich erkennbar.« Schacht als Retter Dieser Bankrott der nationalsozialistischen Wirtschaftspolitik hat nun aber für das Gefüge der Diktatur selbst weittragende Folgen. Wohlgemerkt, wir sprechen gar nicht davon, daß die Ziele dieser Politik, die Stärkung der Massengrundlage und damit der Diktatur, verfehlt worden sind, daß die Unzufriedenheit in allen sozialen Schichten außerordentlich zugenommen hat. Aber die Diktatur selbst hat eine Wandlung erfahren. Die völlige persönliche Unfä- higkeit und sachliche Unerfahrenheit der Diktatoren hat sie angesichts der Verschärfung der Wirtschaftssituation gezwungen, die Führung der Wirtschaft immer mehr aus der Hand zu geben, sie den Exponenten der alten Mächte zu überlassen. Die Wandlung der Diktatur zeigt sich in der gewandelten Stellung von Schacht. Als Reichsbankpräsident ist er zunächst gleichgeschaltetes, dienendes Glied der Diktatur. Er macht die Infla- täonspolitik, die Zerstörung der Außenhandelsbeziehungen gehorsam mit bis zur Katastrophe der Reichsbank. Dann nützt er die Situation aus, um sich der Wirtschaft zu bemächtigen. In den letzten Wochen hat er seine persönliche Machtstellung auf doppelte Weise außerordentlich befestigt. Die Neuorganisation der Wirt- schaft bedeutet einmal die unmittelbare Gleichschaltung der Organisationen von Industrie, Handel und Gewerbe nicht mehr mit Hitler, sondern mit Schacht. Dieser ist es, der alle entscheidenden Kommandostellen, unfer Aus' Schaltung der alten, noch einen Rest von Selbständigkeit beanspruchenden Unter' nehmer, wie Krupp usw., mit seinen Kreaturen besetzt und damit seine bisherige, ihm von Hitler verliehene, Machtstellung organisatorisch unterbaut hat Er hat zweitens durch die Neuordnung des Bankwesens nicht nur das private, sondern auch das öffentliche Kreditwesen und die Sparkassen völlig seiner Macht unterworfen. Das bedeutet aber, daß die Finanzierung der Staatsbedürfnisse, d. h. die Finanzierung der Diktatur, seinen Entscheidungen unterliegt Jede Diktatur, zumal die einer so herrschsüchtigen und ehrgeizigen Person, strebt aber nach Expansion, nach Vermehrung ihrer Macht und deshalb hat die Nachricht sehr viel Innere Wahrscheinlichkeit daß Schacht neben der Leitung der Reichsbank, des Reichswirtschaf tsmlniate- riums und des Außenhandels, die er bereits inne hat, jetzt auch die Unterstellung des Ernährung»- und des Arbeitsministeriums fordert, die ihm die Gewalt über den Reichsnährstand und die Agrarwirtschaft sowie die Uber die Arbeitsfront und die gesamte Sozialpolitik ausliefern würde unter Kaltstellung oder Beseitigung der Darre und Ley. Pluralismus der Diktaturen Schachts Anspruch ist um so weittragender als seine Politik so ziemlich das Gegenteil der nationalsozialistischen wäre. Haben die Nationalsozialisten durch die »Krediterweiterung« getaufte Inflation eine künstliche Binnenkonjunktur(mit den bereits geschilderten Folgen) schaffen und aufrechterhalten wollen, so will Schacht eine Politik der»Deflation«, tun der Inflationskatastrophe zu entgehen. Der Agrarpolitik sollen Schranken gezogen werden, Goerdeler soll die Preise halten, die Kreditschöpfung soll eingeschränkt Werden. Die alten Arbeitsbeschaffungsprogramme sind bis auf den Bau der Automobilstraßen nahezu erschöpft. Neue will Schacht ebensowenig bewilligen wie neue Ehestandsbeihilfen, Wohnungsbausubventionen oder die Kosten für den obligatorischen Arbeitsdienst. Aber das alles bedeutet Einschränkung der Staatsaufträge, Schluß der Wirtschaftsankurbelung in demselben Moment, wo die Privatwirtschaft so wie je damiederliegL Also Verschärfung der Krise im dritten Jahr des Hitl ersehen Fünfjahresplanes, Abbruch der Arbeitsschlacht und vermehrte Arbeitslosigkeit nach Verbrauch der letzten Wirtschaftareserven. Die Wirtschaftsdiktatur Schachts steht so im Gegensatz zu den unmittelbaren Parteiinteressen der Nationalsozialisten. Aber deren Verwirklichimg würde zu einer vermehrten Inflation und damit unmittelbar zu der Gefahr einer akuten Wirtschaftskatastrophe führen. Demgegenüber erscheint Schacht noch als Retter und daraus erklärt es sich, daß Hitler ihm die Diktatur überläßt. Es ist der gleiche entscheidende Vorgang, der sich auf politischem Gebiete vollzieht. Vor die Wahl gestellt, seine eigene Bewe- Der Abbau der SS Während die SA noch röchelt, sausen schon bedrohliche Schläge auf die SS nieder. Wie vor dem 30. Juni Röhm, so hält beute Himmler solcherlei Reden, daß die SS die Waffenträgerin der nationalsozialistischen Revolution sein müsse. Zusammen mit der kastrierten SA versucht die SS ihre Existenz zu erhalten. Aber die militanten Kräfte des Natlonalsoziallsmua sind ebenso in der Defensive wie die weltanschaulichen, die wirtschaftlichen und kulturellen. 70.000 SS-Leute, die kaserniert und teilweise als Hilfspolizisten beschäftigt waren. sind bereits entlassen. Die Entwaffnung der schwarzen Elitetruppe schreitet fort. Eine Reorganisation der Polizei steht bevor. Nach Meldungen der»Reichspoet« sollen die führenden Stellen dort allmählich unter den Einfluß der Reichswehr gelangt sein. Die Hißstimmung in der SS wächst. Anzeichen einer Einheitsfront der abgebauten SA- und SS-Leute sind hier und dort sichtbar, die Differenzen zwischen der plebejischen SA und der akademischen SS schwinden. Wie seinerzeit bei der SA, so geht es auch heute in erster Linie um den Aufbau der deutschen Armee. Wenn die SS auch besseres Menschenmaterial aufzuweisen hat als die SA, so ist sie als Ganzes und in ihrer heutigen Form doch nicht die geeignete Ergänzung und Form der Miliz für die Reichswehr. Wie es im Kampf gegen Röhm nicht um. Sexualprobleme ging, so geht es heute nicht nur um Macht und Prestige an sich. Hinter dem Kampf, den die Reichswehr gegen die SS führt, steht eine militärische Idee: das hochgeschulte, aus bestem Menschenmaterial bestehende Elltaheer. Nach wie vor herrscht in der Reichswehr der Geist des General von Seeckt. Die Reichswehr ist der organisatorische Ausdruck Seecktscher Gedanken. Sie kämpft um ihre Form und steht darum gegen SA und gegen SS. International sehen wir die Abkehr von den alten Massenheeren, die weder zeitgemäß genug zu bewaffnen, noch gründlich genug auszubilden sind. Die Massenheere sind militärisch nicht nur relativ wertlos, sondern sie sind auch furchtbar teuer. Hier dürfte die Einheitsfront Schacht-Reichswehr ihre Hauptursache haben, nicht, wie so oft angenommen wird, in dem gar nicht vorhandenen revolutionären Geist der SS. Trotzdem unterscheidet sich der Kampf gegen die| SS sehr von jenen gegen die SA. Die SS ist sehr eng mit dem alten Staatsapparat verbunden, wichtiger Beständteil insbesondere der Gestapo. Es geht hier zweifellos um nationalsozialistische Machtpositionen, vor allem auch um die Machtmittel Göringa, dem die Reichswehr auch das Luftministerium nehmen will. Eis soll von der SS nur noch eine Leibwache für Hitler verbleiben, die mit den Reichswehrplänen heute wie am 30. Juni einverstanden sein dürfte. Einer alten Vereinbarung nach, sollte die SS stets ein Zehntel der SA-Stärke betragen. Da muß also noch reichlich abgebaut werden! Gegenwärtig gibt es noch 700.000 SA-Leute, aber 300.000 SS. Also 230.000 müßten entlassen werden, 70.000 sind es bis jetzt. Aber: nachdem die Reichswehr keine pazifistische Abrüstungspolitik betreiben will und kann, müßte sie diesen negativen Schritten in der Wehrpolitik positive folgen lassen. Sie muß sich also dann um so intensiver um die Jugend, den Sport, den Arbeitsdienst usw. kümmern. So zieht eine Maßnahme die andere nach sich. Neue Gegensätze, neue Machtkämpfe werden heraufbeschworen. F. W. SA marsdiiert o• o Wehe ihr, wenn sie es nicht tut! Wie es heute in Wirklichkeit mit dem vielgerühmten»Geist der SA«, ihrer Dienstfreudigkeit und»Hingabe an den Nationalsozialismus« aussieht, wird treffend Illustriert durch einen Geheimbefehl der SA-Brigade Mitte: SA der NSDAP Gruppe Mitte. Br. B.Nr. F. 1.2159/34. Betr. Dienstbeteiligung. Magdeburg, den 4. November 1934. An die Elinheiten der SA! In zunehmendem Umfange habe ich in der letzten Zelt die Beobachtung machen müssen, da es in der SA Männer gibt, die In ihrer Dienstauffassung und der Erfüllung' ihrer durch das SA-Treue-Gelöbnis auf den Führer Adolf Hitler eingegangenen Pflichten gegenüber der SA eine völlig abwegige und in jedem Fall untragbare Eänstellung erkennen lassen. Diese findet darin Ausdruck, daß die Betreffenden es nicht für nötig halten, den an sie ergangenen SA-Dienstbefehlen die erforderliche sowie gebührende Beachtung entgegenzubringen, da sie anscheinend glauben, die Teilnahme am SA-Dienst in ihr freies Ermessen und persönliches Belleben stellen oder aber eine solche als für sie Uberhaupt bedeutungs- und interesselos betrachten zu Können. Ich weiß, daß diese Männer nur in geringem Ausmaß anzutreffen sind. Umso schärfer und unnachsichtiger gegen die Launen und Drückeberger einzuschreiten, ist daher erforderlich. Ich ordne infolgedessen hiermit an: 1. Wer in Zukunft dem ordnungsgemäß angesetzten SA-Dienst ohne Entschuldigung fem bleibt, oder aber sein Fehlen nicht stichhaltig und einwandfrei begründen kann, ist zunächst eindringlich zu verwarnen und darauf hinzuweisen, daß im Wiederholungsfälle eine Bestrafung und beim dritten Mal der Ausschluß bei der SA gemäß Ziffer 7 b und c der ADO erfolgt. Jeder einzelne Mann, der auf diese Welse aus der SA ausgeschlossen wird, ist mir namentlich zu melden, und Uber sein Verhalten, das die Entfernung aus der SA erforderlich machte, eingehend zu berichten. Ich werde sodann über die Oberste SA-Füh- rung dafür Sorge tragen, daß den Betreffenden dadurch zugleich auch die Zugehörigkeit zu jeder der anderen natlonal- sozlallstlschen Gliederungen versperrt wird. 2. Entlassungsgesuche aus der SA sind nur dann zu genehmigen, wenn die Begründung der nachgesuchten Entlassung eine in jeder Beziehung stichhaltige und einwandfreie ist. Mit den Männern, die trotz Ablehnung ihres Antrages dem SA-Dienst fernbleiben, ist sinngemäß zu verfahren, wie ich das unter Ziffer 1 angeordnet habe. Dieser Befehl ist bei den nächsten Sturm- bezw. Trupp-Appellen in aller Nachdrücklichkeit bekanntzugeben. F. d. R. Der Stabsführer der Brigade R. 37 m. d. W. d. G. b. gez. Herbst, Obersturmbannführer. gung fortzuführen und ihren Machtanspruch restlos im Staate durchzusetzen, hat Hitler der Reichswehr die Diktatur der Waffe überlassen aus Furcht vor den Massen der eigenen Partei. Das Gleiche vollzieht sich jetzt auf dem Gebiet der Wirtschaft Im Gegensatz zu den anderen Diktaturländern ersteht in Schacht ein Wirtschaftsdiktator neben dem politischen Diktator. Die Totalität der Diktatur zerfällt in rivalisierende Diktaturen, deren Gegeneinander die nächste Dynamik der deutschen Entwicklung und die fortschreitende Zersetzung des Dritten Reiches bestimmen wird. Dr. Richard Kern. Segers Feldzug in USA Genosse Oerhart Seger setzt seinen Feldzug gegen die Hitlerbande mit größtem Erfolg fort. Er hat auf einer Veranstaltung der Foreign Pollcy Association in New York Uber das Thema gesprochen:»Hitler sollte von der ganzen Welt als öffentlicher Feind Nr. X angesehen werden«. Seine Bede wurde von der National Broadeaststation übertragen.(Das Ist gewissermaßen der amerikanische Bundfunksender.) An der kalifornischen Küste sprach Genosse Seger am 10. Dezember in O a k I a n d, am 18. Dezember im Dreamland-Anditoriom von San Franzlsko vor etwa 4000 Zuhörern. Eine kleine Gruppe von Nationalsozialisten versnobte zu stören, zog damit aber nur die allgemeine Entrüstung auf sich. Am 14. Dezember sprach er vor dem Commonwealthclub. Das tot die Vereinigung der höchsten Spitzen der San Fran- ziskoer Oeffentllchkeit, die maßgebenden Anwälte, Bichter, Journalisten, Begierungsmitglieder, kurz, alles, was Bang und Namen hat, gehört dazu. Diese Beden wurden per Badlo für die ganze Westküste Ubertragen. Es war ein günstiges Zusammentreffen, daß vierzehn Tage vor Seger am selben Pult des Commonwealthclub Botschafter Dr. Luther gesprochen hatte. Er konnte so Luther eine gebührende Antwort erteilen. Seger sprach vor doppelt so viel Zuhörern wie Luther und die Klubleitung hatte— ohne sein Zutun— seinen Vortrag angekündigt als»Die Wahrheit über Hitler«, während Luthers Vortrag überschrieben war:»Die deutsche Bevolution beendet, der Wiederaufbau schreitet vorwärts«. Seger wurde viermal von demonstrativem Beifall unterbrochen und hatte am Schluß einen Applaus, Uber dessen demonstrativen Charakter kein Zweifel war. Hitlers IVeujahrsplatte Wenig Interesse an der Partei Die In Deutschland noch immer zahlreichen freiwilligen und unfreiwilligen Pgs. erwarteten am Neujahrstag an ihren Rundfunkapparaten eine Botschaft des»Führers«. Sie mögen nicht wenig enttäuscht gewesen sein, als ihnen anstatt dessen eine Schallplatte geboten wurde, aus der Görings blecherne Stimme ertönte. Hitler hatte sich nicht selber die Mühe genommen, an das Mikrophon zu treten oder auch nur eine Platte zu besprechen: er hatte auch nicht seinen Stellvertreter Rudolf Heß mit der Uebermittlung seiner Neujahrsgrüße beauftragt, sondern dieses Geschäft Göring überlassen, der sich seiner recht und schlecht entledigte. Die von ihm verlesene Botschaft des Führers war nicht nur, was schon viel sagen will, die inhaltloseste Kundgebung, die der»Führer« jemals erlassen hat, sondern auch die ledernste und langweiligste. An die Stelle des früher beliebten Gefühlsüberschwangs tot eine steife geheimrätliche Korrektheit getreten— so, als ob man einer lästigen Pflicht genügen wolle und weiter nlchs. Will man nicht annehmen, daß es geradezu die Absicht Hitlers war, der Partei zu zeigen, wie wenlä ihm an ihr noch gelegen ist, so muß mao aus der Ton- und Inhaltslosigkeit diese' Kundgebung schließen, daß die nationalsozialistische Führerschaft den ungeheuren Katzenjammer, der sie erfaßt hat, nicht mehr verbergen kann. Ueber dem Eingangstor des Jahres 1935 steht für die NSDAP die Inschrift: Zum Teufel ist der Spiritus, Das Phlegma ist geblieben. Perspektiven des Kirdienkampfes! Im Laufe des Januar sollen die Verhandlungen im protestantischen Kirchenstreit fortgesetzt werden. Obwohl die Opposition, Se' führt von Bischof Mahrarens, ihre Loyalität gegenüber dem System auf das stärkste betont, sind die»Deutschen Christen« und ihre Freunde im Amt Jetzt weniger komprotniß' bereit als zuvor. Der Grund ist einfach: nie war es unklarer, wer oder was eigentlich das System ist! Die»Deutschen Christen« sind Jetzt noch ein Teil des Systems, aber sie haben nicht mehr die Polizelgewalt zur Verfügung. ZiUto System in seiner ersten Phase gehörte die Aneignung der kirchlichen Pfründen durch nationalsozialistische Parteigänger. Werden diese Pfründen In ihrem Besitz bleiben, wenn ein Kompromiß zustandekommt? Was wird aus der Totalität der nationalsozialistischen Propaganda, wenn der Evangelischen Kirche unter Führung der Glaube na bewegung Press« und Rundfunk freigegeben, uneingeschränktea Versammlungsrecht gewährt wird? Was wird aus der Nazipropaganda in der Schule, und was wird vor allem mit der Jugendbewegung? Gegenüber allen diesen Fragen wissen die »Deutschen Christen« nur eine Antwort: dl« starre Verteidigimg ihres Machtanspruchs und ihres Monopols. Gegenüber den Wandlungen des Systems ist jedoch diese Haltung beinahe schon antiquiert. Angesichts dieser Schwierigkelten machen sich in einflußreichen Kreisen Neigungen bemerkbar, auf eine volle und absolute Trennung von Kirche und Staat loszusteuern und das öffentliche Leben von der Religion � trennen. Gegen diese Tendenzen wendet sich wieder die katholische Propa' g a n d a, und bezeichnenderweise mit Hl''4 eines Artikels, den Mussolini im Pariser Figaro und im Osservatore Romano veröffen1* licht hat, und der die These vertritt, daß bell® Kampf gegen die Religion der Staat inun«r den kürzeren ziehen müsse. In Wahrheit hat das»Totale System« iB Deutschland bereits den kürzeren gezog6®' Der Korruptionsschwindcl. Der württet®* bergische Landesbischof Wurm war bei sfs' ner Absetzung der Unterschlagung von Eir* chengeldem beschuldigt worden— nach öe bequemen Methode der Göbbelspropaganö»- Jetzt ist das Gerichtsverfahren gegen ihn«i®4 gestellt worden, Tragödie der Diktatur >Jawohl: Diktatur!.., Aber diese Diktatur muß das Werk der Klasse und nicht einer kleinen führenden Minderheit im Namen der Klasse sein, d. h. sie muß auf Schritt und Tritt aus der aktiven Teilnahme derMasse hervorgehen, unter ihrer unmittelbaren Beeinflussung stehen, der Kontrolle der gesamten Oeffentlich- k e 1 1 unterliegen, aus der wachsenden politischen Schulung der Volksmassen hervorgehen.« Diese Sätze, die Rosa Luxemburg im September 1918 im Gefängnis zu Breslau In ihrer— von den Kommunisten auf den Index gesetzten— Broschüre»Die russische Revolution« niederschrieb, gewinnen heute, angesichts der rätselhaften Vorgänge in Sowjetrußland, erneut aktuellste Bedeutung. Noch ist es nicht möglich, die inneren Zusammenhänge der dort sich abspielenden tragischen Ereignisse in allen Einzelheiten darzulegen, da die Sowjetgewalt eifrig bemüht ist, die hermetische Abgeschlossenheit Rußlands vom Auslande noch zu verstärken, die Oeffentllchkelt unter stärksten Druck zu setzen und nur ihre eigenen, durch keinerlei Beweise erhärteten Darstellungen nach außen hin gelten zu lassen. Aber dennoch lassen sich die äußeren Umrisse der Tragödie— die eine Tragödie der Diktatur ist— deutlich erkennen und mit den tiefgreifenden Wandlungen, die die europäische Politik durchmacht, in Zusammenhang bringen. Die erste Version, die nach dem Attentat auf Kirow von den Sowjetorganen aufgebracht wurde: daß es sich hier um eine konterrevolutionäre Verschwörung weißgardistischer Terroristen handle, die Uber Finnland, Lettland, Polen usw. in die Sowjetunion»eingedrungen« waren; ist von, ist von der Sowjetregierung selbst fallen gelassen worden. Uebrlg geblieben ist nur die unmittelbar nach dem Attentat erfolgte Aufhebung der letzten Reste der Rechtsgarantien durch das Zentral- exekutivkomltee und die summarische Verurteilung und Erschießung von 114 Personen in Leningrad, Moskau, Kiew, Minsk, Alma Ata und Samarkand, ohne daß von offizieller Seite auch nur der geringste Zusammenhang dieser Meissenexekution mit der Ermordung Kirows festgestellt wurde. In der Liste der Erschossenen finden wir neben einigen blutjungen »Jungkommunisten«, die vor anderthalb Jahren wegen»verschwörerischer Umtriebe« von der GPU verhaftet, aber wegen ihrer Harmlosigkeit nur zur Gefängnishaft, bezw. zur Verbannung verurteilt wurden, einige oppositionelle bulgarische Kommunisten, den alten Sozialrevolutionären Schriftsteller P. W a s- s 1 1 J e w, der schon im November verhaftet worden war, zwei frühere Funktionäre der »Tscheka«, B i s m o n d und N e f e d o w, usw. Es wiederholte sich also die vom 30. Juni her bekannte Erscheinung, daß bei der Ab- schreckungs- und Elnschüchterungsaktion der Diktatur die verschiedensten Elemente, deren man habhaft werden konnte, zu Ehren der Diktatur im abgekürzten Verfahren abgeschlachtet wurden. Die zweite, Jetzt geltende offizielle Version besteht darin, daß das Attentat gegen Kirow angeblich von einer illegalen Organisation vorbereitet wurde, die den oppositionellen Kreisen um Sinowjew, Kamenew und Trotzki angehörte. Auf Grund dieser Anklage, deren Stichhaltigkeit auf das stärkste angezweifelt werden muß, sind außer dem Attentäter Nikolajew 13 weitere Personen verurteüt und erschossen worden. Sinowjew und Kamenew sollen auf administrativem Wege verbannt werden, da»die Untersuchung bisher kein genügendes Material für eine gerichtliche Strafverfolgung ergeben hat.« Trotzki ist— glücklicherweise— im Exil, es verlautet jedoch, daß die Moskauer Regierung die Absicht habe, die französische Regierung um seine Ausweisung aus Frankreich zu ersuchen, weil er in das Attentat auf Kirow mitverwickelt sei. Dies alles liest sich wie ein Stück aus dem Tollhaus, es beherrscht aber zur Zelt die öffentliche Meinung der Sowjetunion— soweit im Lande der Diktatur überhaupt von einer»öffentlichen Meinung« gesprochen werden kann. Hier zeigt sich die Innere Verwandtschaft aller Diktaturländer, ob sie Rußland, Deutschland oder Italien heißen: Von oben her befohlene Entrüstung, uniformierte Meinung, kochende Volksseele, blutrünstige Resolutionen, Verhlmmelung des »Führers«— aber keine Möglichkeit, die wahren Hintergründe des Geschehens aufzudecken, da die öffentliche Kontrolle fehlt, die Entscheidungen nur im engen Kreise der reglerenden Halbgötter getroffen werden, und das Volk nur als Staffage aufmarschiert, um alles gutzuheißen. »Wir sind bereit, uns auf die Feinde des proletarischen Staates zu stürzen«, schrieben die Baltischen Matrosen zwei Tage nach der Ermordung Kirows in einer Kundgebung in der»Prawda«.»Gegen wen soll sich unsere Empörung richten?«— Die Sowjetregierung hat nach zweiwöchigem Schwanken die Antwort gegeben: Gegen die Opposition innerhalb der Kommunistischen Partei, gegen»den Abschaum der ehemaligen antlparteülchen Sinowjew-Gruppe«, die gemeinsame Sache mit dem Klassenfeinde gemacht hat! Es wird jetzt des langen und breiten in der Sowjetpresse dargelegt, daß Sinowjew und Kamenew schon im November 1917 die bolschewistische Revolution verraten hätten und daß Trotzki sich dem westeuropäischen Kapitalismus verkauft habe. Daß diese Männer vor und nach der Revolution zu den engsten Mitarbeitern Lenins gehörten, daß Trotzki der Schöpfer der Roten Armee war und Sinowjew acht Jahre lang Vorsitzender der Kommunistischen Internationale, ist vergessen. Heute werden ihre Namen verflucht, denn es gilt, die letzten Reste der Andersdenkenden im Apparat der kommunistischen Partei auszurotten, um die Gloriole des Alleinherrschers Stalin und seiner Getreuen um so heller erstrahlen zu lassen. In den letzten Monaten hatten sich, in Verbindung mit der Neuorientierung der russischen Außenpolitik und einer leichten Besserung der wirtschaftlichen Verhältnisse, Ansätze zu einer Lockerung des Diktaturregimes gezeigt, die in manchen sozialistischen Kreisen die Hoffnung wachriefen, daß Sowjetrußland zu einer Demokratisierung seines Reglerungssystems bereit sei. Diese Hoffnungen sind jetzt zuschanden geworden. Der jetzige Rückfall in eine schrankenlose Blutjustiz, die sich auch gegen die. Angehörigen der herrschenden Partei richtet, zeigt, daß die Diktatur, zum Regierungssystem erhoben, Ihre eigene Logik hat. Sie wird aus ihrem Beharrungsvermögen, aus ihrer Selbstvergottung, aus ihrem nackten Machtstreben heraus zur Fessel, die den Aufstieg der Arbeiterklasse zur Freiheit im Sozialismus hemmt und sie zum Objekt der Herrschaft einer kleinen Minderheit macht. Retter am laufenden Band Ludendorff gegen Hindenburg. Wilhelm n. machte einmal die alberne Bemerkung— die von der bürgerlichen Presse in schuldiger Ehrfurcht wiedergegeben wurde—, es sei merkwürdig, daß die großen Deutschen immer paarweise aufträten:»Schüler und Goethe, Bismarck Und Moltke, Hindenburg und Ludendorff«. Das war in der Zeit, in der die beiden uiilitäri sehen Halbgötter ölgedruckt in allen Wirtsstuben hingen und das gläubige Volk vertrauensvoll zu ihnen emporblickte. Damals waren sie die Retter. Später, nach der Niederlage, sah man im Untersuchungsausschuß des Reichstags anstatt der mit größter Spannung erwarteten Feldherrn nur zwei Feldwebel, einen gutmütig brummenden und einen nervös schnauzenden, und man war versucht, ein zu Tode zitiertes Wort variierend, auszurufen:»Du weißt nicht, mein Sohn, mit Wie wenig Verstand Weltkriege geführt Werden!« Vor dem Reichstag aber und in den Wandelgängen selbst stand eine nach vielen Tausenden zählende Menschenmenge,-die unaufhörüch Hochrufe auf Hindenburg und Ludendorff ausbrachten. Da schleuderte der lange Bethmann mit einer Geste, der Wut und der Verachtung seine Zigarette auf den Teppich, warf sich in einen Klubsessel und brach in ein bitteres Gelächter aus. Das gläubige Volk aber empfand nichts desgleichen, sondern schrie weiter»Hoch« Und»Hurra«. Noch immer— zwei Jahre Uach der Katastrophe— glaubte es, die Generäle hätten ihre Sache großartig gemacht, und wenn es zum Schluß doch schief gegangen wäre, sei nur das schäbige Zivü daran schuld gewesen. Dann aber trennten sich die Dioskuren. Her eine trieb Unsinn, und der andere Überhaupt nichts. Ludendorff lief 1920 begeistert mit Kapp nach Berlin und stolperte, durch Erfahrung unbelehrt, dann auch noch in den Hitlerputsch von 1923. Her andere saß daneben und verzehrte in Buhe seine Pension. So kam es, wie es kommen mußte, zwischen beiden zum Brach: der eine war zu aufgeregt und der uudere zu phlegmatisch. Nach Eberts Tod im Jahre 1925 sah sich das gläubige Volk wieder nach einem Better um— und siehe da, es präsentierten sich Ihm gleich zwei: Hindenburg und Ludendorff! Da die Verfassung nur einen Belchspräsldenten vorsah, mußte sich das gläubige Volk entscheiden, und es entschied sich mit ungeheurer Mehrheit gegen Ludendorff für Hindenburg. Warum eigentlich? Zunächst, weü hinter Hinden- burg die großen Rechtsorganisationen standen und hinter Ludendorff nur die kleinen völkischen und nationalsozialistischen Gruppen, dann aber auch, weü Hindenburg Generalfeldmarschall war und 'ücht bloß General und weü er den schöne- '"cn Schnurrbart hatte. Die Plakate, auf denen der charakteristische Kopf des Feld- marachalls mit der schlichten Unterschrift *Der Retter« zu sehen war, hatten durchschlagende Wirkung. Heute, wo diese Dinge neun Jahre hinter uns liegen, kann man zweierlei mit Bestimmtheit sagen: Erstens war die Volks- Wahl des Reichspräsidenten ein furchtbarer Unsinn. Mit Recht hatte man ge- �agt, daß die Wahlkreise nach dem Verhältniswahlrecht viel zu groß waren, die Wähler konnten ja diejenigen, die sie Wählten, gar nicht kennen. Bei der Präsidentenwahl aber bildete das ganze Reich Sozusagen einen einzigen Wahlkreis, und die Kandidaten verschwanden den Wäh- -— trotz Kino und Funk— erst recht m nebelhafter Ferne. Außerdem hätte man aus der Geschichte der beiden Na- Pcleone gelernt haben müssen, daß das Plebiszit den Punkt darstellt, an dem die ai1' die Spitze getriebene Demokratie in 'hr Gegenteil, die Diktatur, umschlägt. Zweitens kann man sagen, daß die Prä- "entierung Hindenburgs der niederträchtigste Mißbrauch war, der mit einer Institution der Demokratie getrieben werden konnte. Es war eme bewußte Spekulation auf den Unverstand der Massen, daß man ih" das verantwortungsvollste politische Amt im Staat einen berufsmäßigen Unpoli- tjker vorschlug. Im allgemeinen ist die olksbildung soweit fortgeschritten, daß man zur Vornahme einer Blinddarmoperation uicht gerade einen Violinvirtuosen holt und uaß man mit dem Bau einer Eisenbahn- brücke nicht einen klassischen Phüologen �auftragt Nicht begriffen wurde in eutschland bisher, daß auch die Aus- ubung eines politischen Amtes ganz be- i stimmte Fähigkeiten und Kenntnisse voraussetzt, die man auf dem Exerzierplatz und im Offizierskasino am allerwenigsten erwirbt. Gegen den Wunderglauben kam jedoch kein Verstand auf. Das gläubige Volk wollte seinen„Retter", und es bekam ihn. Kaum aber, daß es ihn hatte, tauchte auch schon der neue„Retter" auf. Diesmal war es kein General, sondern ein erfolgreicher Versammlungsredner— erfolgreich deshalb, weü er mit dem Ungebüdesten seiner Versammlungsbesucher in jeden Wettbewerb der Roheit und Unwissenheit eintreten konnte. Von diesem Retter Nr. ü haben wir dann gehört, daß die vierzehn Jahre seit dem Sturz des Kaiserreichs die schmachvollsten und erbärmüchsten der deutschen Geschichte gewesen seien— und dabei hatte doch in nicht weniger als acht dieser vierzehn Jahren der Retter Nr. I regiert! Die lange Dauer seiner Regierung und seine schließliche Wiederwahl lassen sich in der Tat nur damit erklären, daß seine passive Natur nicht dazu neigte, besonderen Schaden anzurichten. Schließlich aber wurde er willenloses Werkzeug In der Hand einer verbrecherischen Clique. Ergebnis: Retter Nr. I kapitulierte vor Retter Nr. II. Ueber den„Staatsmann" Hindenburg sind die Akten geschlossen. Eis hat ihn nie gegeben. Aber c�er Feldherr Hindenburg, dessen Ruhm aüe Weltteüe erfüllte und der nach seinem Tode von seinem Nachfolgeretter zu den Helden von Walhall versetzt wurde? Nun, auch von ihm hören wir jetzt, daß er niemals existiert hat! Er war nur Mythos, Legende, bloß stoffliche Figur, aber von der Persönlichkeit, die das gläubige Volk anbetete, war keine Spur vorhanden. Wer uns das sagt? Kein Geringerer als der zweite von dem— nach WUhelm Et.— immer paarweise auftretenden großen Deutschen; Hindenburgs Alterego von 1914, sein Mitretter, Mitdiktator, richtiger der eigentliche Diktator der Kriegszeit; Erich Ludendorff! In seiner neuen Schrat: „Dirne Kriegsgeschichte" hat er den Kriegsruhm des Retters und Walhallgenossen Hindenburg so zerfetzt und zerpflückt, daß auch nicht der kleinste Splitter und Elitter davon übrig bleibt. Der tragische Ausruf des konservativen Führers von Heydebrand am Schluß des Krieges:„Wir sind belogen und betrogen worden!" bekommt jetzt einen neuen Sinn. Und wenn auch Ludendorff den großen Volksbetrug der Hindenburglegende nur deshalb entlarvt, weil er eine neue Legende, die Ludendorfflegende, schaffen will— nun wohl, auch diese Legende ist nicht mehr ganz neu und auch von ihr wird nicht viel übrig bleiben. Hindenburg, sagt Ludendorff, war kein Feldherr. Der Violinvirtuose, der zur Blinddarmoperation berufen wurde, konnte gar nicht Geige spielen, der klassische Philologe, der die Eisenbahnbrücke bauen j sollte, verstand kein Wort Latein! Die militärischen Verdienste, um derentwülen Hindenburg zum Reichspräsidenten gewählt wurde, waren nicht die seinen! Das ist die Geschichte vom Retter Nr. I. Aber es ist auch die typische Geschichte des Retters überhaupt Sie wird einmal von Hitler noch ganz anders, noch viel krasser erzählt werden, aber im Grunde wird es dasselbe sein. Der Retter ist stets die Verbindung eines Phantasieprodukts mit einem mehr oder weniger zufälligen Menschen. Er entspringt nicht der Wirklichkeit, sondern dem Hingabe- und Anbetungsbedürfnis hierzu besonders prädisponierter Massen, er ist das Geschöpf einer Welt, die betrogen sein will, die die Illusion zum Leben braucht wie Göring das Morphium. Holte sich gestern die wun- dersüchtige Menge einen Feldmarschall, dessen Brust mit unverdienten Orden bedeckt ist, so drängt sie sich heute, vor einem Hysteriker niederzusinken, der sie mit Gebrüll betäubt und mit Phrasen berauscht Die Retterlegende ist der letzte Trumpf im Spiel der herrschenden Mächte. Mit „Hindenburg schafft es!" und„HeU Hitler!" haben sie den Pöbel gegen das Volk aufgerufen, den Mob gegen das Proletariat, die unpoUtische Barbarei gegen die proletarische Kultur. Es Ist ihr letzter Trumpf, wenn er nicht mehr sticht, sind sie verloren. F. St Marx war gar nldit dumm! Eine wissenschaftliche Entdeckung. In einem Aufsatz der Zeitschrift»Der deutsche Werkmeister« findet man, vorne und hinten mit allerlei vorsichtigen»Wenn« und»Aber« bepackt, immerhin doch folgenden Satz; »Denn darüber wollen wir uns nicht täuschen, dasjenige, was Karl Marz schrieb, ist nicht etwa dummes Zeug, sondern Karl Marx ist derjenige Theoretiker, der am tiefsten hineingeleuchtet hat in die bewegenden Kräfte des p r o f i t k a p 1 1 a 1 1• stlschen Produktionsprozesses.« Dieser Satz hat Innerhalb des Dritten Reiches die Bedeutung einer revolutionären Erkenntnis. Bis jetzt galt es nämlich als ausgemacht, daß es Hitler sei, der am tiefsten in die bewegenden Kräfte des kapitalistischen Produktionsprozesses hineingeleuchtet hat. oder, wenn nicht er selbst, dann doch sein großer Lehrer in der Nationalökonomie, der weltberühmte»Brecher der Zinsknechtschaft« Gottfried Feder. Und nun stellt sich heraus, daß die Welt die tiefsten Einblicke in den kapitalistischen Produktionsprozeß dem Juden Karl Marx verdankt!? Wenn sich nun einige der bisher so erfolgreichen Marxlstentöter durch diese Empfehlung dazu verleiten ließen, Marx wirklich zu lesen, ja, wenn sie ihn am Ende sogar auch verständen— die Folgen wären gär nicht abzusehen! Maul halten! Auf dem Kreisgartenbautag der Obst- und Gartenbautreibenden des Kreises Zauch-Bel- zlg rief ein Bauer nach den offiziellen Reden: �Na, dürfen wir jetzt auch einmal reden, zu dem Gesprochenen Stellung nehmen und unsere Wünsche vortragen?" „Was zu sagen ist, haben wir bereits alles gesagt. Solche demokratlsch-liberallstlsche Allüren müßt Ihr Euch abgewöhnen!" erwiderte der Versammlungsleiter. Darauf kam es zu solchen Lärraszenen, daß die Veranstaltung geschlossen werden mußte. Igranten diskutieren Es ist nicht daran zu zweifeln, daß unsere Zeit eine Reihe ganz neuer, ganz unerhörter Probleme aufgeworfen hat, deren Lösung die tiefstgehende Erkenntnis der Gegenwart und ihrer Eigenart voraussetzt. Doch gleichzeitig weist unsere Zeit eine Reihe von Zügen auf, die sie mit anderen, früheren Perioden einer Gegenrevolution gemeinsam hat Um sich über diese Seite der Ggenwart klar zu werden, tut man am besten, sich mit den entsprechenden Erfahrungen der Vergangenheit vertraut zu machen. Wer von der heutigen Generation das tut, kann ganz leicht dahin gelangen, daß er zu seinem Erstaunen entdeckt, die Dinge, über die er sich am meisten den Kopf zerbricht, seien gar nichts Neues, noch nie Dagewesenes, sondern»olle Kamellen«, um mit Fritz Reuter zu reden. Und gar mancher, der wähnt, uns ganz neue Errungenschaften revolutionären Denkens aufzutischen, wird zu seiner Betrübnis entdecken, daß er nur sehr alten Kohl frisch aufwärmt. Daran wurde der Schreiber dieser Zeilen erinnert, als er wieder einmal nachlas, was Friedrich Engels vor sechzig Jahren im»Leipziger Volksstaat« (26. Juni 1874) über die Blanquisten schrieb, die an der Erhebung der Pariser Kommune 1871 teilgenommen hatten und nach ihrer Niederschlagung in London lebten. Sie waren der Internationale beigetreten, von Marx freundschaftlich begrüßt, doch bald in Zwist mit ihr geraten und hatten sie im Oktober 1872 wieder verlassen, weü sie»der Revolution aus dem Wege gehe«. Sie organisierten sich als eine besondere Gruppe, die sich»die revolutionäre Kommune« nannte. Diese entwickelte in einer Proklamation ihr Programm, das Friedrich Engels auf den Plan rief. Dem Artikel, den er darüber schrieb, gab er den Titel»Flüchtlingsliteratur«. Er beginnt ihn mit folgender Schüderung: »Nach jeder gescheiterten Revolution oder Konterrevolution entwickelt sich unter den ins Ausland entkommenden Flüchtlinge eine fieberhafte Tätigkeit. Die verschiedenen Parteischattierungen gruppleren sich, klagen sich gegenseitig an, den Karren In den Dreck gefahren zu haben, beschuldigen einander des Verrats und allermöglichen Todsünden. Dabei bleibt man mit der Heimat in enger Verbin- dung, organisiert, konspiriert, druckt Flugblätter und Zeitungen, schwört darauf, daß es in vierundzwanzig Stunden wieder losgeht, daß der Sieg gewiß ist und verteilt in Hinblick darauf schon die Regierungsämter. Natürlich folgt Enttäuschung auf Enttäuschung und weil man diese nicht den unvermeidlichen historischen Verhältnissen, die man nicht verstehen will, sondern zufälligen Fehlem einzelner zuschreibt, so häufen sich die gegenseitigen Anklagen und das Ganze endet in einem allgemeinen Krakeel. Das ist die Geschichte aller Flüchtlingsschaf ten von den royalisti- schen Emigrierten von 1792 bis auf den heutigen Tag... Die französische Emigration nach der Kommune ist diesem unvermeidlichen Schicksal ebenfalls nicht entgangen.« Engels erörtert dann den Austritt der Blanquisten aus der Internationale und charakterisiert Blanqui, der damals noch lebte und in einer französischen Festimg gefangen saß. Erst 1879 wurde er freigelassen und starb 1881. Engels sagt 1874 von ihm: »Blanqui ist wesentlich politischer Revolutionär. Sozialist nur dem Gefühl, nach, mit den Leiden des Volkes sympathisierend, aber er hat weder eine sozialistische Theorie noch bestimmte praktische Vorschläge sozialer Abhilfe. In seiner politischen Tätigkeit war er wesentlich»Mann der Tat«, des Glaubens, daß eine kleine, wohlorganisierte Minderzahl, die im richtigen Moment einen revolutionären Handstreich versucht, durch ein paar erste Erfolge die Volksmasse mit sich fortreißen und so eine siegreiche Revolution machen kann.« Engels weist darauf hin, daß diese Versuche stets mißlingen und fährt fort: »Daraus, daß Blanqui jede Revolution als den Handstreich einer kleinen revolutionären Minderzahl auffaßt, folgt von selbst die Notwendigkeit der Diktatur nach dem Gelingen, der Diktatur wohlverstanden, nicht der revolutionären Klasse, des Proletariats, sondern der kleinen Zahl derer, die den Handstrelch gemacht haben und die selbst schon Im voraus wieder unter der Diktatur eines oder einiger Wenigen organisiert sind.« »Man sieht, Blanqui ist ein Revolutionär der vorigen Generation.« Engels konnte nicht voraussehen, daß ein halbes Jahrhundert später Revolutio- Von*** näre dieser Art als solche der j ü n g s t e n Generation auftreten würden, und zwar als die einzig wahren Marxisten. Diese Erscheinung ist allerdings nicht allzu verwunderlich, denn seit dem Weltkrieg ist die Gesellschaft ein wunderliches Gemisch modernster und primitivster, barbarischer Gebüde geworden. Flugzeug und drahtloses Femsprechen sind eme alltägliche Erscheinung geworden und gleichzeitig entwickelt sich immer mehr ein primitiver Tauschverkehr wie unter Waden. Da können auch in sozialistischen Reihen Anschauungen von Revolutionären, die vor einem Jahrhundert herrschten, beute wieder als neueste und höchste Weisheit gepriesen werden! Engels fährt fort:. »Auch bei unseren Londoner Blanquisten geht der Grundsatz durch, daß Revolution überhaupt sich nicht selbst machen, sondern gemacht werden; daß sie gemacht werden von einer verhältnismäßig geringen Minderzahl und nach einem vorher entworfenen Plan, und endlich, daß es jederzeit bald losgeht.« Mit solchen Grundsätzen ist man natür- Uch sämtlichen Selbsttäuschungen des Flüchtlingslebens unrettbar preisgegeben und muß man sich aus einer Torheit in die andere stürzen.« Engels zeigt dann, daß das Pariser Proletariat,»namentlich nach dem furchtbaren Aderlaß der Maitage 1871 eine geraume Zeit der Ruhe nötig hat, um wieder Kraft anzusammeln und daß jeder verfrühte Versuch einer Erhebung nur eine neue, noch furchtbarere Niederlage zur Folge haben kann.« Die Blanquisten allerdings seien anderer Ansicht. Weü die Ueberaeugung sie erfülle, daß es gleich morgen wieder»losgehe«, verkündeten sie ihr Programm, n diesem hieß es, sie seien 1. Atheisten, 2. Kommunisten, 3. Revolutionäre. Dazu bemerkt Engels; »Unsere Blanquisten haben mit den Bakunisten das gemein, daß sie die am allerwel- testen gehende, extremste Richtung vertreten wollen.« Darum genüge es ihnen nicht, zu konstatieren, daß sie selbst Atheisten seien. »Der Atheismus ist so ziemlich selbstverständlich bei den europäischen Arbeiterparteien.« Um radikaler zu sein, verlang ten die Blanquisten:»Jede reügiöse Kund- gebung, jede religiöse Organisation muß verboten werden.« Das, meint Engels, sei das Dümmste, was man tun könne;., »So viel ist sicher: der einzige Dienst, den man Gott heutzutage noch tun kann, ist der. den Atheismus zum zwangsmäßigen Glaubensartikel zu erklären und die Bismarckschen Kirchenkulturkampfgesetze durch ein Verbot der ReUgion überhaupt zu" übertrumpfen.« Das güt, wie von den Blanquisten von 1874 so von der Gottlosenbewegung der Bolschewiki unserer Tage. Diese haben übrigens selbst schon ein Haar in dieser Suppe gefunden. Nun aber der Kommunismus. Auch er muß bei den Blanquisten von 1874 eine besonders radikale Note erhalten, die ihn von der Sozialdemokratie unterscheidet: »Wir sind Kommunisten, weil wir bei unserem Ziel ankommen wollen, ohne uns in Zwischenstationen aufzuhalten, an Kompromissen. die nur den Sieg vertragen und die Sklaverei verlängern.« Darauf entgegnete Engels; »Die deutschen Kommunisten(damit meinte er die Sozialdemokraten) sind Kommunisten. weil sie durch alle ZwischenstaUo- nen und Kompromisse, die nicht von ihnen, sondern von der geschichtlichen Entwicklung geschaffen werden, das Endziel klar hindurchsehen und verfolgen; Die Abschaffung der Klassen, die Errichtung einer Gesellschaft, worin kein Privateigentum an der Erde und an den Produktionsmitteln mehr existiert. Die Dreiunddreißig(die das blanquistische Manifest unterzeichneten) sind Kommunisten, weil sie sich einbilden: sobald sie nur den guten Willen haben, die Zwischenstationen und Kompromisse zu überspringen, sei die Sache abgemacht, und wenn es, wie ja e3 e dieser Tage»losgeht« und sie nur(nun.) ans Ruder kommen, so sei übermorgen der om munismus eingeführt.« Wenn das nicht sofort möglich, sind sie also auch keine Kommuni- sten. »Kindhche Naivität, die Ungeduld als einen theoretisch überzeugenden Grund anzuführen.« Leider imponiert auch heutzutage diese Ungeduld nicht nur naiven Neulingen, son- dem auch manchem reifen Denker a � druck einer revolutionären Gesinnung. Endlich aber, fährt Engels fort, sind jene dreiunddreißig Blanquisten nicht bloß Atheisten und Kommunisten, sondern auch »Revolutionäre«. »In diesem Fach ist nun, was die dickaufgeschwollenen Worte angeht, bekanntlich von den Bakunisten schon das Menschenmögliche geleistet: trotzdem aber haben unsere Blanquisten die Pflicht, sie noch zu übertreffen.« Wie das erreichen? Die ganze Internationale hatte sich 1871 mit der Pariser Kommune soüdarisch erklärt Aber sie hatte nicht jede einzelne ihrer Handlungen gutgeheißen. Darin, meinen die Blanquisten, müsse sich der wahre Revolutionär von den übrigen Sozialisten unterscheiden. Diese anderen Sozialisten meinten, manche Akte, wie das Anzünden von Häusern oder das Erschießen von Geiseln würden wohl erklärlich durch die fieberhafte Erregung der von einer unbarmherzigen Soldateska gehetzten Kämpfer der Kommune in der Zeit ihrer letzten Zuckungen. Aber bei richtiger Ueberlegung müsse man alle derartigen Vorkommnisse bedauern und wünschen, sie wären unterblieben. Die Blanquisten dagegen glaubten es ihrer revolutionären Gesinnung schuldig zu sein, jede Brandstiftung, jede Hinrichtung einer Geisel als vorbüdlich zu preisen. Dagegen wendet sich Engels: � � »Welcher Mangel an Kntik hegt dann, die Kommune geradezu heiUg zu sprechen, sie für unfehlbar zu erklären... Heißt das nicht dasselbe wie von der ersten französischen Revo- lutlon sagen: jedem einzelnen Geköpften ist recht geschehen, zuerst denen, die Robespierre köpfen ließ und dann dem Robespierre selbst? Zu solchen Kindereien führt es, wenn im Grunde ganz gutmütige Leute dem Drang, haarsträubend zu erscheinen, freien Lauf las- S6I1.C Zu Engels Zeiten war die abgeschmackte Einteilung der Sozialdemokraten in Revo; lutionäre und Reformisten noch nicht erfunden, die heute in manchen Parteikreisen Mode geworden ist. Aber diejenigen, die als Revolutionäre so geringschätzig auf die armseügen Reformisten herabsehen, sind die richtigen Nachfahren der Blanquisten von 1874. Auch sie haben den Drang,»haarsträubend« zu erscheinen und alle»Zwischenstationen und Kompromisse« zu überspringen. Das ist es, was sie von den»Reformisten« unterscheidet. Das Endziel streben diese ebenso an wie jene, sonst wären sie nicht Sozialdemokraten. Und kein Sozialdemokrat, wie reformistisch er sein mag, wird es ablehnen, ohne Zwischenstationen und Kompromisse sofort ans Endziel zu kommen, wenn dies möglich ist, das heißt, wenn die historische Situation es erlaubt Wer einen Unterschied zwischen Revolutionären und reformistischen Sozialdemokraten macht, kann als Revolutionäre nur jene Genossen bezeichnen, die vermeinen. die Revolution sei stets möglich. Wenn sie nicht komme, so liege es bloß an der Feigheit oder dem Versagen der refor- mis tischen Führer. Wie lächerlich diese Auffassung, zeigt uns wieder Friedrich Engels. Bekannt ist es, daß er sich im gleichen Sinn in seiner letzten Kundgebung aussprach, eine Vorrede zu den Marxschen»Klassenkämpfen«. Sie wurden im Jahre 1895 abgefaßt, von einem 75jährigen totkranken Mann. Da hat mancher gemeint, die Engelssche Auffassung von damals stehe eine Alters- und Krankheitserscheinung dar, die für uns nicht maßgebend sein dürfe. Nun sehen wir, daß schon mehr als zwei Jahrzehnte vorher, zur Zeit der ersten Internationale Engels und natürlich auch der mit ihm eng verbundene Marx zu derselben Anschauung gekommen waren, also noch in der Voll kraft ihres Lebens. Dabei würde man jedoch Engels sehr verkennen, wenn man ihn als Flaumacher bezeichnen wollte. Revolutionäre Ungeduld beseelte, ihn bis an sein Lebensende. Nur lehrten ihn seine Erfahrungen, sich nicht von ihr beherrschen zu lassen. Wenn er 1874 darauf hinwies, daß eine neue erfolgreiche revolutionäre Erhebung in Frankreich nicht möglich sei, so sprach er so nicht, weü er eine solche nicht wünschte, sondern weil ihm seine Sachkenntnis diesen Wunsch als eine Illusion erscheinen ließ. Er hat recht behalten. Und doch spielte auch ihm seine revolutionäre Ungeduld manchen Streich. Er wußte, Revolutionen lassen sich nicht machen. sie kommen nur von selbst, aber sein revolutionärer Drang ließ ihn mitunter manche Erscheinungen als Anzeichen einer kommenden Revolution überschätzen. Vor Irrtümern dieser Art bleibt keiner von uns sicher. Die sozialen Verhältnisse sind viel zu kompliziert und, namentlich bei fehlender Demokratie zu undurchsichtig, als daß es möglich wäre, in jedem Moment die Kräfteverhältnisse im Staate genau abzumessen. Wir Marxisten haben oft geirrt in der Abschätzung des Tempos einer kommenden Entwicklung, nicht aber in der Vorausbestimmung ihrer Richtung. Das soll uns zur Lehre dienen. Unsere marxistische Ueberzeugung zeigt uns, daß dem Proletariat und der Demokratie die Zukunft gehört, trotz alledem. Aber es ist ganz unangebracht, sich den Kopf darüber zu zerbrechen, wann wir so weit kommen, uns durchzusetzen. Namentlich in einer so unruhigen Zeit, wie der heutigen, müssen wir auf die größten Ueberraschungen gefaßt sein. Möglich, daß die Diktaturen sich stabüisieren und sich noch lange behaupten. Aber nicht minder möglich, daß sie morgen schon in ihren Grundfesten wanken. Darauf müssen wir unser politisches Dasein einrichten. Wir haben es so zu gestalten, daß wir in der Lage sind, lange Zeit durchzuhalten, ohne zu ermatten und den Mut zu verlie« r e n, gleichzeitig aber stets darauf gefaßt sein, sofort in eine Volksbewegung einzugreifen und ihr die zweckmäßigsten Formen zu geben. Vor Illusionen aber müssen wir uns stets unter allen Umständen ebenso hüten, wie vor Versuchen, die für uns zu langsam verlaufende historische Entwicklung künstlich durch vorbereitete Erhebungen anzukurbeln. Davor hat uns Engels vor sechzig Jahren gewarnt. Die seitherigen Erfahrungen sprechen eindringlich im gleichen Sinn. Stimmt das nidit? Der jüdische Lebensmittelhändler Simon in Rheydt besitzt nicht nur die Frechheit, daselbst in der Joseph-Göbbels-Straße zu wohnen, sondern noch eine andere, die der»Stürmer« in seiner bekannten stürmischen Weise scharf anprangert, womit er gerade das erreichte, was der Lebensmittelhändler Simon bezweckte. Dieser Simon hat auf seinen Geschäftstüten den Papst Julius III. zu Wort kommen lassen. Von Lorbeeren umrahmt schmückt folgender Ausspruch die wertvollen Tüten: »Weißt Du denn nicht, mein Sohn, mit wie wenig Verstand die Welt regiert wird?« Der Streicher hat sowohl den Papst Julius als auch den Lebensmittelhändler Simon sofort und ganz richtig verstanden. Streicher war nicht klug genug, um zu schweigen, sondern tobt wie wild und prangert die jüdische Frechheit an,»in versteckter Form der Staatsregie* rung des Dritten Reiches zu sagen, was er, der Jude, von dieser Reichsregierung hält«- Natürlich wird diese Feststellung mit der Aufforderung zu einem Pogrom begleitet. D61" Streicher merkt oocb alles. Und is der Jud® nlch Jut? Die armen Opfer Im Leitartikel der»Deutschen Bergwerk*" Zeitung« vom 8. Dezember 1934 liest man: »Ist es zu verwundem, daß gerade Wi deutschen Unternehmertum, das in erste' Linie das Opfer des Klassenkampfes war, die Sehnsucht nach innerem Frieden unu Volkagemednschaft besonders lebendig war?« Darum hat ja auch der»Sozialist« Hille' diesen Opfern des»Klassenkampfes«*** »Volksgemeinschaft« verholfen. Zur Volkh" gemeinschaft des Lohnabbaus! Billige Volksgemeinschaft Die Allmentationsklage eines ITJährig'®11 Mädchens, das von der»Landhilfe« schwang6' nach Berlin zurückkam, wurde vom Gerich abgewiesen. Der Beklagte war ein SA-GrupPen* f ü h r e r. In der Begründung des Gericht®" entscheids heißt es, daß der Beklagte in sein6' wirtschaftlichen Lage... nicht gefährdet wC* den dürfe! Freie Bahn dem einflußreichen Grupp60 führer! Stolpernde Pädagogen Im»Schwäbischen Schulanzeiger« man; »Der Leser wird mit Staunen(!) auf � sammenhänge aufmerksam gemacht, übe' er tagtäglich hinwegstolpert,« Das vorbildlich sinnlose Deutsch di :hulanzelgers« ist vollendet glelchges6�- »Schulanzeigers« ist vollendet gl tet! Das Inserat des Tages Inserat in einer Breslauer Zeltung »Jüdisches Ehepaar sucht schwe Mädchen.« Achtung! Der Feind hört mit! rhörfä®8 Nr. 82 BEILAGE 6. Jänner 1935 PeMtiven des„unbelionnten Hitlerdeutsciien" wälzung, eines Zusammenbruches des bisherigen Weltgebäudes von gewaltigstem Umfange. Nur sind die Urheber nicht die russischen Bolschewisten mit ihren anarchistischen Ideen, sondern die deutschen Heerführer, das deutsche Heer, die deutschen Frauen und Kinder, das deutsche Volk insgesamt, das durch seine ungeheueren Kriegsleistungen im Entwerfen großer Schlachtpläne, in tapferen Waffentaten und im Entbehren und Hungern die Feinde gezwungen hat, sich zu überanstrengen, sich zu erschöpfen, so daß nun ihr Zusammenbruch folgt." Dieses böse Ende der„Morphiuminjek- tionen" gilt es bloß abzuwarten, dann wird das ewige Gesetz der Geschichte wieder in Kraft treten, daß„jedes Volk und jedes sehen Gebäude zusammenstürzen. W e 1 1- revolution! Nicht mit den Radikalen, anarchischen Kräften, sondern mit den Kräften der deutschen Volksseele, des deutschen Geistes in ihrer ganzen Klarheit, unter deutschen Führern, die voll und ganz auf dem Grunde des deutschen Volksempfindens stehen. Der letzte Kampf!" Ohne„Führer" geht es natürlich nicht und so hat sich denn im Volke„ein ganz richtiger Masseninstinkt offenbart, der die schwache(Parteien-) Führung, die nicht imstande war, das Volk zu führen und gegen seine Feinde zu schützen, abschüttelte, alle schwachen Teile ausschied und den starken Führern die Bahn ebnete." Nur Die Geschichtskulisse, welche die beamteten Vordergrundakteure der deutschen Politik Hitler, Heß, Neurath, Ribbentrop Usw. im trauten Verein mit den Goy und Pothemere augenblicklich aufziehen, ver- diant viel weniger Beachtung als das, was roan sich hinter dieser Kulisse unter deutscher Geschichte und deutscher Zukunft vorstellt. Denn nur noch da, im intimen Kreise, tut s'ch der wahre Wunsch und �hle de; Drahtzieher unverfälscht, weil Unkontrolliert kund, und wie der ungefähr aussieht, können wir einer mit großem Apparat, u. a. durch Verlegerrundbriefe an tausende Adressen(auch ich erhielt einen), Vertriebenen Broschüre entnehmen:„Vor Eroßen Katastrophen. Der deul- 8che Aufsüeg und die germanische Zeit" (Berlin, Kulturpolitischer Verlag). Ein wil- ste3 Sammelsurium von Aufsätzen, die ein Herr Wilhelm Geliert seit zirka fünf- Zehn Jahren in allerhand nationalistischen Zeitungen und Zeitschriften veröffentlicht «at, muß sie den Gewaltpolitikern an allen Stammtischen, in allen Redaktionen und Kegünentsstäben ganz nach dem Munde geschrieben sein, denn sie hat sich bereits his zum fünfundzwanzigsten Tausend em- Pe'rgeturnt— und dieser breite Erfolg eben gibt uns das Recht, aus ihr die tat- aächiieh wirksamen, d. h. die in den Mas- aenkaders des Regimes lebenden hitler- ueutschen Geschichtsperspektiven von heu- ** abzulesen. Was zuvörderst staunen macht, ist die geradezu berückende Genialität der Albern- hait, mit welcher das von den Militärs ins geworfene Schlagwort:„Im Felde Unbesiegt" zum Bürgen des Zukünftiges genommen wird. Wie vernünftige "ansehen, legt Herr Geliert dar, sich zur Verdienten Ruhe begeben, nachdem sie ihre Aufgabe geleistet haben, unvernünftige aber durch unaufhörliche Morphiumein- *Pritzungen ihre letzten Kräfte anstacheln, ann aber endgültig und für immer zu- a�nrnenklappen, so haben im Weltkrieg ch die Völker benommen: ..Das deutsche Volk hat die Rolle des klu- Ü Menschen, die feindlichen Mächte die '0!le des nichtklugen Menschen gespielt. In eeem furchtbaren Ringen hat sich die eine Umstößllche Tatsache herausgestellt, daß das deutsche Volk als das *ark8te Volk der Welt erwiesen hat, Ü"ker als jedes der feindlichen Völker, ja j rker als z. B. Rußland. Frankreich und Ugland zusammengenommen. Erst der Hln- bltt aller möglichen anderen Völker, �Ufatruppen und Hilfsmittel hat das Een dann zu unseren Ungunsten ent- ®den. Aber zu wessen Gunsten? Zu- �"«ten des feindlichen Bündnisses! Ein � udnls aber Ist ein wandelbarer Begriff. kann jeden Augenblick sich auflösen. Löst ® Ulese Verbindung und stehen wir den eln-
Meln Pentateuch«, aus denen sich Gegenteiliges folgern Ueße, hiermit feierlich zu widerrufen. Zur Erklärung der bedauerlichen Entgleisungen meinerseits sei folgendes bemerkt: Bei Niederschrift der Bibel befand Ich mich In einer schweren Psychose. Bekanntlich wurde ich im Lande Aegypten während einiger Zelt von dem System Pharao steckbrieflich verfolgt, well ich einem Aegypten, der einen jüdischen Pflichtarbeiter arg mißhandelt hatte, einiges zu kosten gegeben habe. In begreiflicher Aufregung über die Ungerechtigkeit dieser Behandlung, und well mich ferner die Art verdroß, In der die Kinder Israel von dem System Pharao zum A r- beitsdlenst herangezogen wurden, habe Ich einige Stellen niedergeschrieben, die ich heute bei objektiver Würdigung bedaure. Ich erkläre ausdrücklich, daß die von mir gewählte Bezeichnung Aegyptens als eines »Hauses der Knechtschaft« in den zehn Geboten nur als ein Lapsus meinerseits aufzufassen Ist, entsprungen meinem Aerger über den Einsatz des jüdischen Arbeitsdienstes beim Pyramidenbau. Ebenso habe ich mir nichts Böses gedacht bei den diversen Plagen, die ich über Aegypten habe kommen lassen. Die Aegyp tische Finsternis nehme ich hlemlt auf Ehrenwort zurück und behalte mir Ihre Einführung an meinen gleichgeschalteten Universitäten vor. Ganz besonders bedaure leb den Untergang Sr. Majestät des hochseligen König Pharao im Roten Meer. Ich betone mit äußerstem Nachdruck, daß kein Angehöriger meiner Nation aktiv an dieser frevlerischen Tat Irgendwie mitgewirkt hat. Attentate auf fremde Staatsoberhäupter, In welcher Form auch immer, zu fördern, lehnen wir grundsätzlich ab. In diesem Fall kann man uns überhaupt nichts beweisen. Unsere, leider von mir aus meine damalige Stimmung beschriebene Feier des Ereignisses mit Zithern, Gesang und Tanz besagt nicht das mindeste Uber eine Beteiligung unsererseits an der durch Gottes Ratschluß verhängten Katastrophe. Ich habe dafür Sorge getragen, daß»Mein Pentateuch« in neuer, gereinigter Auflage erscheint. Jene mißverständlichen Stellen über Aegypten, die In den bisher erschienenen 2.000,000.000 Exemplaren einen Leben eines Kämpfers Das Lebensbild Ihres Mannes, das jetzt Paula Walliscb im Verlage der Deutschen sozialdemokratischen Arbeiterpartei der C3R herausbringt,(»Ein Held stirbt.«— Von Paula Wallisch) wird innerhalb der freiheitlichen Arbeiterschaft sehr bald zu den ge- lesensten Büchern gehören. Denn von seiner aktuellen Bedeutung abgesehen, hat hier das Schicksal ein heldisches proletarisches Stück Leben geformt, das von Kindesbeinen an bis zum Tode bunt, bewegt, abenteuerlich und doch in allen Phasen einheitlich im Strome sozialistischer Befreiungsarbeit verläuft. In der Viervölker- Ecke Südwestungams geboren. kennt Koloman Wallisch nur eine Heimat: die Arbeiterbewegung: sie wird seines Daseins Inhalt, sein Glück, sein Schmerz und sein Tod. An diesem Leben geht kein Zug daneben, alles treibt von Anbeginn In einer Richtung: alle Kraft bis zum Letzten und in jeder Stunde für die sozialistische Sache. Man kann es In kurzen Stichworten kennzeichnen: Mit 15 Jahren in der Bewegung, mit 16 Jahren auf der schwarzen Liste der helmischen Unternehmer. Wanderjahre. Mit kaum zwanzig in der Leitung der Bauarbeiterorganisation in Tri est. Soldatenjahre in Szegedin, nebenbei— in der Batalllonskanzlel — sozialdemokratische Parteiarbelt. Weltkrieg. Kriegstrauung. Garnisondienst In Szegedin. Nebenbei geheimer sozialdemokratischer Parteisekretär. Prozeß wegen Hochverrat und Meuterei. Zum Frontdienst verurteilt. L�ngarische Revolution und Gegenrevolution. Kopfpreis auf Walllsch und seine Frau. Von Versteck zu Versteck. Flucht nach Jugoslawien. Verfolgungen In Jugoslawien. Auf nächtlichen Schleichpfaden nach Steiermark. Parteisekretär In Bruck. Unsichtbar stand über Wallischs Dasein das Nietaschewort:»Immer in Gefahr leben...< Wie einem Matteotti, so war auch ihm die heroische Phrase völlig fremd. Sein stärkster Hang galt im Gegenteil der organisatorisch-sozialen Arbeit bis ins Kleinste. Aber die Gefahr reizte ihn, wenn es dabei um seine Sache ging. Mehrere Attentate heckte die Heimwehr gegen den»Bolschewiken« aus— er gab In seinem Kampfe keinen Zoll breit nach. Die Geschichte eines solchen Mannes wird immer auch zur Geschichte der Frau, die an seiner Seite steht. Wie Paula Wallisch dieses aufreibende Dasein mit» durchgehalten, wie sie sich an der Seite des ewig Gejagteh bewährt hat, wie sie seine Arbelt weiterführte, wenn ihm die Hände gebunden waren, ihre abenteuerliche Suche nach ihrem Mann, als der weiße Schrecken über Ungarn hereinbricht— das macht sie zum Vorbüd sozialistischer Frauen schlechthin. Immer wieder hat dieses Arbeiterkind von vorn anfangen, immer wieder mit neu aufbauen müssen, sowohl ihren Hausstand wie in der Bewegung. Immer wieder verliert sie Heimat und Eigentum, aber nie den Mut, und ein Wallisch ist ohne eine solche lebenstüchtige Frau wohl nicht gut denkbar. Die Gegner haben ihr diese Tapferkeit mit reichlichen Beschimpfungen vergolten. Zu den trübsten Selten des Buches jedoch gehören wohl die, auf denen die Frau des Gemordeten über die kommunistische Hetze berichtet. Selbst dieser Kämpfer, dessen ganzes Vorleben ein einziges Opfer für die Bewegung war, wurde von kommunistischen Funktionären jahrelang als Verräter, Sozialfaschist und verkalkter Bonze »entlarvt«. Ihm, der nahezu so arm starb wie er war, als er 1920 in Steiermark ankam, dichteten kommunistische Skribenten einige VUlen im Ausland an,»damit er ausreißen kann, wenns kracht...« Die Heimwehr- Reptile brauchten diese Verleumdungen nur nachzudrucken und sich nicht sehr um eigene Lügen zu bemühen. Die ganze Tragödie der Arbeiterbewegung unseres Jahrzehnts weht aus diesen Episoden; auch hier sind die Wurzeln des Faschismus! Dafür wollten die kommunistischen Lügner den toten Märtyrer zum Schwurzeugen Ihre Parteiküche machen und seine letzten Worte verdrehen. Mit einigen Sätzen der Verachtung geht Genossin Wallisch über diese Schändungen hinweg. Die Jämmerlichkeit kleiner Demagogen versinkt hinter der Größe der letzten Kapitel, dieses heroischen Kampfes der Schutzbündler um die Freiheit, dieses nervenzerreibenden Marsches hungernder, munitionsloser Kämpfer durch vereistes Gebirge, die Trennung der letzten Getreuen, diese Flucht zu Dritt Ins Nichts, diese Gefangennahme dicht vorm körperlichen Zusammenbruch, dieses letzte große Aufrecken vor den Richtern, denen er hätte entfliehen können, wenn er seine Kameraden verlassen hätte... Noch In der letzten Stunde war seine Frau bei Ihm und hielt sich aufrecht, wie sie zwanzig Jahre hindurch alles, alles aufrecht mit ihm trug. Sein letzter Ruf unterm Galgen galt der Sozialdemokratie und der Freiheit. Und wie jegliches reaktionäre Gelichter aufjubelte, so trauerten und schluchzten Millionen Menschen, als sein Tod verkündet wurde. Der Henker aber, der Wiener Fleischhauer Spitzer, verbeugte sich am Sarge und höhnte:»Herr Wallisch, bei ihnen war es mü ein ganz besonderes Vergnügen...« Und so stellte diese Stunde die ausgeprägtesten Vertreter zweier Lager einander kraß symbolhaft gegenüber, zweier Welten, von einer Kluft getrennt, über die kein Vogel fliegt' drüben das gültigste Sinnbild des Faschismus, die Bestie mit Henkerfresse— hüben der sozialistische Held und Märtyrer, das Stärkste, das die sozialistische Arbeiterschaft Mitteleuropas In den letzten fünfzig Jahren»h Kraft, Mut, Treue und politischer Tüchtigkeit hervorbrachte, noch im Tode verfolgt vom Haß einer faulenden Welt, die entsetzt fühlt. daß aus solchen Gebeinen die Heerscharen unerbittlicher Rächer erstehen müssen. Bruno Brandyfalschen Eindruck meiner Gesinnung erweckt haben, sind darin getügt. Die neue Auflage ist zur ausschließlichen Verbreitung In Aegypten bestimmt. Ich bedaure, daß die Bibel, Infolge meines ungünstigen Nervenzustandes bei ihrer Niederschrift, fast dreitausend Jahre lang In mißverständlicher Fassung erschienen ist. Immerhin wird man diesen Umstand entschuldigen, angesichts der Tatsache, daß die Bibel eines anderen großen Volkes nach kaum zehnjähriger Existenz In grundlegenden Passagen von ihrem Schöpfer hat bereinigt werden müssen. Künftigen Bibelverfaasern gebe ich den dringenden Rat: Schreibt Eure Bibeln niemals während einer Psychose.« Moses, Führer. (Mitgeteilt von Muclü.) Krhik— verboten Im»Berliner Acht-Uhr- Abendblatt« ist eine zahme Polemik gegen einen Schriftleiter des»Angriff« geführt worden. Das»Acht- Uhr-Abendblatt« hat sich gegen den Angriff folgendermaßen verteidigt: »Da weist Herr Schwarz van Berk nach, daß die»Bürgerlichen« zwar nationalsozialistisch tun, aber nicht handeln würden: »Wenn zum Beispiel ein Beamter seine Pflicht nicht tun und die Kampfpresse ihn zur Ordnung ruft,-- dann, ja dann ist in Stromlinien-Bahnen(der bürgerlichen Presse) nicht der kleinste Luftzug zu spüren.« Herr Schwarz van Berk! Uebcmehmen Sie die Hauptschriftleitung des»Acht-Uhr- Abendblattes« und versuchen Sie dann, einen Beamten zur Ordnung zu rufen. Man wird Sie sehr deutlich darauf aufmerksam machen, daß das nicht Ihre Aufgabe sei. Das wissen Sie und es entspricht nicht ritterlichen Kampfregeln, 80 zu tun, als wüßten Sie es nicht.« Dieses leise Weinen eines gleichgeschalts- ten Journalisten verrät alles: die Lüge, unter der die Untertanen des Dritten Reiches lebehi die Schimpflichkeit des journalistischen Handwerks in Deutschland, die Niedertracht der Patentnazis, und vor allem— das Fehl®0 jeder öffentlichen Kontrolle u'ld Kritik an der Verwaltung. Kein Problem de« In der Deutschen Juristenzeitung Dr. Carl Schmitt, Berlin, lesen wir; »Die»Verfassungsfrage« erhebt sich naeW und mehr in den Staaten der Gegenwari- In Deutschland dagegen ist sie kein blem mehr.« j Denn Probleme pflegt man In Deutschland eine einfache Art zu erledigen- man ersci jeden, der von Ihnen zu sprechen wagt. hli� Neu jähr s�ruß< an die brannen Henker DeutKifalands Empfangt hier meine Neujahrsgrüße! Ich hab sie möglichst kurz gefaßt Und schleudre sie Euch vor die Füße Als eine unwillkomm'ne Last. Wenn ich euch alle vor mir sehe, Wie ihr sadistisch feixt und grient, So wünsch' ich Schicht, daß euch's ergehe Im neuen Jahr, wie Ihr's verdient. Es soll euch nur vergolten werden, — Nicht wahr, das ist nicht inhuman?— Das Leid, der Jammer, die Beschwerden, Die anderen ihr angetan! t Vielleicht noch die bescheld'ne Bitte, Daß manchem von euch schon der Schluß Des Jahr's fall' auf des Jahres Mitte Zum Dreißigsten des Junius. Damit halt Ich mich schon empfohlen, Ich form' den Neujahrswunsch;»Grüß Gott, Ihr Herrn, der Teufel soll euch holen, Und vor dem Teufel das Schafott!« Muckl. Homocord 4— 2293 Die Straße steigt steil hinauf in den Wald. Die Pfützen auf der Straße spritzen unter den Reifen. Alles ist naß, der Wald, jeder Zweig, die braunen Wiesen. Das ganze Gebirge Ist wie ein vollgesogener Schwamm, den eine Riesenfaust zusammenpressen und triefend ausdrücken könnte. Zwischen den Stämmen schwebt milchiger Dunst, der sich höher hinauf immer mehr verdichtet und schließlich zum undurchdringlichen Nebel wird. Die Fichtenwände stehen längs der Straße wie Kulissen, eine hinter der anderen, scharf gezackt von den Fichtenzweigen, wie ausgesägt, naßgrtln, matt blaugrün, rauchfarben und die letzte nur als blasser Schemen. Schatten tauchen auf, plötzlich, werden zu Häusern und sinken zurück Ins Nichts. Hundegebell klingt, als dringe es unter Kissen hervor. Und dann ist nichts zu sehen als milchiger Nebel. Zwei, drei Ebereschen vor uns— zwei, drei Ebereschen hinter uns, kahl, windschief. vom Sturme verrenkt, mit siegellackroten Beeren. Und sonst nichts als Nebel. Der Wagen stößt in kurzen Kehren hoch; im steten Wechsel der Schaltungen klingt es, als ob der Motor angestrengt schlucke vor neuem Anlauf in die Raumloslgkelt. Hinter dieser Nebelhülle liegt Deutschland. Die Straße fällt. Der Nebel wird lockerer. Der Waldboden leuchtet naßbraun vom Buchenlaub, das ihn wie lackierte Schuppen bedeckt. Häuser Uuchen auf, einzeln, niedrig, mit Schindeldächern, wie Wetterkapuzen bis zum Grashang herabgezogen, weiß gekalkt. als stünden sie Im Hemde unter der Kapuze in der Nässe. Nun drängen sie sich zur Doppelreihe zusammen. Das Grenzdorf. Stopp— noch einige hundert Meter hin steht der bunte Grenzpfahl, davor das Zollhaus. Man kann es nicht sehen; die Straßenbiegung verbirgt es. In der Gaststube ist es kalt und kahl. Es riecht nach Wasser und Seife. Ein Fenster steht offen. Die nasse Luft weht herein. Es wird geschlossen. Im eisernen Ofen knattert Holz. Allmählich breitet sich die Wärme in Wellen in der Gaststube aus. Durch die kleinen Fenster sieht man über das enge Tal hinweg. Jenseits steigt eine unbestimmte Schattenwand auf: Wald. Im Durchblick zwdschen zwei Häusern wirkt er wie ein graugrüner Vorbang. Dahinter Hegt Deutschland. Das braune Deutschland— das Dritte Reich. Abgeschlossen von der Welt. Verkrampft, betäubt und betrogen. Erfüllt vom Lärm der Propagandareden und Lautsprecher, vom Gedröhn der Hellgesänge und Kommandostimmen und dem Gerassel der Sammelbüchsen, erfüllt von raunendem Flüstern, von helmlichen Flüchen und Seufzern, gequält, wartend, grollend in unterirdischen Tiefen. Kein Laut dringt herüber. Stumm steht die graue Wand. Dahinter liegt Deutschland... Wir warten. Aus diesem Grau, triefend vor Nässe, in schwerer Faltung ins Tal herabhängend, soll ein Bote kommen. Ein Genosse von drüben. Wir sind mit unseren Gedanken bei ihm. Hinter diesem Grau, auf verborgenen Wegen. Ein nasser Zweig streift ihn rauschend. Er bleibt stehen und wartet, späht. Nichts regt sich. Nur der Wald raunt verhalten. Ein Grenzstein schimmert. Noch ein paar Schritte— jetzt Ist er hüben, geborgen. Schwerer wird der Rückweg sein— well es der Rückweg Ist Aber jetzt Ist er da! Lachen, Händeschütteln, Fragen, Freude über das Wiedersehen. Sein ehrliches, mutiges Gesicht strahlt. Und aus seinen Augen blicken uns die Gesichter aller Freunde<�' an; er kommt In Ihrem Namen... So war es jedesmal. Und heute..■* Wir warten. In der Gaststube tickt eh� AU«* . die alte Uhr mit lautem, steifem Pendel. halben Stunden schnarrt ein Rädchen Uhr»hebt aus« und schlägt: halb— halb— um... Wir warten. DS* Schräg gegenüber steht ein Baum- � Gewirr der kahlen, aufstrebenden Zwed?® wegt sich, vom Winde gewiegt hin und Es sieht aus wie ein Netz von lauter kl®1® Scheren, die das ungewisse Grau zerscbnel möchten. j Hier weiß niemand, wer wir sind, v,'orä.j wir warten. Für die Kellnerin, wiUiätirl�| Gästen gefällig zugetan| bereit, ihnen � Geld aus der Tasche zu lächeln, 9ind � einige Herren auf einer Autospritztour. � bißchen fideler könnten sie sein«, wir.j, denken. Sie schmeichelt uns eine Krone � der anderen ab; fürs Grammophon. Es sP� und singt Filmschlager, Foxtrotts, T»0" einen schmachtenden Englischen Wslzer- Wir horchen auf jeden Schritt drii � auf der Schwelle, auf das Klirren des eis® � Füßabstreichers. Wir sehen die Kliölte � wenn sie von außen niedergedrückt nejn, es ist nur ein Gast. � Nach zwei Stunden Ist es klar: äer �e0. nosse kommt nicht! Wir sehen durchs � ster gegen den grauen Waldvorhang, � er sich vor unseren Augen teüen und 81 werden müßte, was dahinter vorgebt- � Was kann geschehen sein? Es bri�t\nz- Grenzen würden schärfer bewacht, dl®' py wege seien gesperrt. Vielleicht streif®0
Naziprofile aus Pommern Graf tod der Gol� Rindenburg hatte— man schrieb Februar 23— vor Hitler kapituliert. Deutschland erwachte und sah sich den Raub- und Mordban- oen des braunen Messias ausgeliefert. Damals �elt Rüdiger Graf von der Goltz zu Stettin km Oderstrand eine große Siegesfestrede. Die Diktatur stand in ihrer Jugend Sündenblüte, es war ihren Jüngern noch erlaubt, ja geboten, mit»sozialistischen«: Ideen zu kokettle- ten. Und so verkündete der Herr Graf denn, von Heilrufen um braust, die Revolutionäre von anno 18 hätten nur halbe Arbeit geleistet lad eben das sei ihre Todsünde, sie wären nach Haus gegangen und hätten sich schlafen gelegt. Jetzt aber sei die Stunde gekommen, da die sozialistische Sehnsucht sich erfülle. »Ein zweites Mal wird die Nation nicht nach Hause gehen!...« Sie welkten schnell dahin, die Sieges- kränze und Zukunftsphrasen. Hitler beeilte •ich, den Scheinkampf wider das Kapital zu liquidieren, er tilgte das Wort Soziallsmus(es ja nur ein Wort) aus seinem Vokabular hnd wehe dem, der es heut wagen wollte, den »Führer« an sein Programm zu gemahnen. Der Graf Goltz aber, der einst schwor, dicht nach Hause zu gehen, ist jetzt von Herrn Schacht heimgeschickt worden. Nun 'dag er wieder die Anwaltsrobe vom Nagel kolen und nur, wenn vorm Stettiner Amtsge- dicht Frau Müller gegen Frau Schul tze wegen Beleidigung klagt, wird er seinem Rede- «uß noch freien Lauf gewähren dürfen. Ach wie bald schwindet Schönheit und Gestalt... Goltzens Praxis in Stettin war In den Jah- fen vor der»nationalen Revolution« zur Gold- grube geworden. Der Mann hatte als Jurist �war keinen allzu guten Rufi aber er hatte dnen guten Namen, nämlich einen schwer- •üllgen. Welch Hochgefühl für den Kleinbürger. einen waschechten Grafen zum Advokaten zu haben! Dazu kam seine Betätigung •is politischer Phrasendrescher, die ihn in kilen»nationalen« Kreisen populär machte, �c'tz erwarb erst sehr spät das braune Parteibuch, denn er war darauf bedacht, seine öeutschnatlonale Junkerkundschaft nicht zu Verlieren. Solange es irgend ging, kannte er keine Partelen, sondern nur Klienten. Aber "ik ließ sich eines Tages ein gewisser Stuck- kkrdt in Stettin nieder, Rechtsanwalt, blut- Jung und unbegabt, aber einer von der»alten ®krde«. Die Nazis wurden angehalten, ihn 2)1 bevorzugen, und was blieb dem Grafen wollte er der Konkurrenz nicht erlle- nun anderes übrig, als— der Not gehor- chend, nicht dem eignen Triebe—»Pg.« zu Werden und sich ausdrücklich für den brau- "•n Soziallsmus zu begeistern. Die Deutschnationalen mieden fortan seine Hknzlei und der Herr Graf konnte slchs nun �kten, ihrem altmodischen Patriotismus einen •'•ganten Fußtritt zu versetzen. Dieses Putsch! and— so erklärte er 1032 öffentlich ' Werden wir im Falle eines Krieges nicht ••rteldlgen, wir werden die Waffen gegen das •Tschende»System« kehren und erst nach dessen Beseitigung uns wider den äußeren Feind wenden! Ein Staatsanwalt der den Goltz wegen Landesverrats angeklagt hätte, fand sich natürlich nicht und auch Hitler durfte sich ungestraft— in seiner»berühmten« Lauenburger Rede— die Auffassung seines neuen Vasallen zu eigen machen. Tragödie einer RepubUk!... Als Jurist war der gräfliche Advokat nie eine große Leuchte. Er hat auf Kosten seiner Mandanten sich so manchen schweren I�apsus geleistet. Aber seine politischen Plädoyers waren berühmt. Nicht, weil sie geistvoll und überzeugend gewesen wären, sondern weil in ihnen die unverblümte Dreistigkeit so tolle Triumphe feierte, daß den Leuten vor Staunen der Verstand stille stand. Tatsachen, Beweisaufnahme— solche Lappalien pflegte der Herr Graf zu ignorieren. Er hatte seine eigene Methode, die immer nur darauf hinauslief, Richter und Schöffen zu beschimpfen, zu verhöhnen, zu bedrohen. Und man muß leider sagen, daß er damit so manches Mal Erfolg hatte. Als einmal ein Richter monierte. daß ein Angeklagter in SA-Uniform erschienen war, meinte der Graf:»Der Herr Vorsitzende wünscht wohl, daß mein Mandant sich eine Reichsbanneruniform* anzieht...« Die Folge war ein schwächlicher Protest des Richters und der Jubel der braunen Galerie, die die Rüpelei als Heldenmut feierte. Nach Hitlers Machtantritt wurde Goltz Treuhänder der Arbeit, hoher Wirtschaftsfunktionär und Präsident des pommerschen Provinziallandtages. Als zum letzten Male Sozialdemokraten in diesem Parlament erschienen und unser Genosse Passehl eine tapfere Rede hielt, gab Goltz das Zeichen zum»Losschlagen« und ließ Passehl aus dem Saale prügeln... Goltz hat immer eine feine Nase für Konjunktur gehabt. Darum schloß er sich schon recht bald nach dem»Aufbruch der Nation« dem rechtesten konservativen Flügel der Partei an und benutzte seine Aerater unverblümt zu Handlangerdiensten für die Großindustrie. Trotz alledem hatte er kein Glück. Schacht, der auf Hitlers Wunsch das Regime von Nazis reinigt, hat für den wackeren Edelmann nichts weiter übrig gehabt) als... den blauen Brief. WilheJm Karpensiein Fast keiner von denen, die in Pommern die Nazipartei gemanagt haben, ist heute noch in Amt und Würden. Der erste, der verschwand— im Frühjahr 33 schon— war der Ortsleiter von Stettin, der Konditor Czir- nlok. Jahrelang hatte die Linkspresse ihm nachgesagt, daß er mit Parteigeldern dunkle Geschäfte treibe. Zornentflammt hatten die Braunen diese»Verleumdung« eines ihrer besten und ältesten Kämpfers zurückgewiesen. — ohne sie allerdings widerlegen zu können. Aber bald nach dem Umsturz kamen sie selbst dem Czimlok auf die Sprünge. Die Sache wurde in aller Stille erledigt. Der Konditor wurde vom Schauplatz seiner»Taten« weggeholt und durfte fern vom Schuß in irgend einer untergeordneten Funktion weiter vegetieren. Damals gab es freilich allerhand Leute, die wissen wollten, daß der Mann, der Czir- niok gestürzt und seine Sünden aufgedeckt hatte, der pommersche Gauleiter Wilhelm Karpenstein, selbst in die ganze Affäre tief verstrickt gewesen sei. Er habe sich als Richter und Rächer nur aufgespielt, um den Verdacht von sich fortzulenken... Sei dies wie es sei: kurz nach Czirnioks Verschwinden konnte Karpenstein noch einmal im Zenith seines»Ruhmes« stehend, seinen Geburtstag feiern. Es war der dreißigste (!!) und dieser denkwürdige Tag wurde in Pommern mit lautem Trara festlich begangen. In langen bebilderten Leitartikeln»würdigte« die Nazipresse das heldische Lebenswerk dieses kaum dem Jünglingsalter Entwachsenen, als gelte es, einen vollbärtigen Jubelgreis zu feiern... Karpenstein(der Name klingt nicht sehr arisch) ist 1903 geboren. Als der Krieg begann, war er elf Jahre. Das hat ihn später nicht gehindert, in seinen Reden das Front- kämpfertum als Lebensideal zu preisen, so daß es klang| als habe er selbst vier Jahre im Schützengraben gelegen. Er hat Jura studiert und ku�e Zeit in Greifswald als Anwalt praktiziert. Dann wurde er Gauleiter, bezog ein Heldengeld und sauste in eleganten Auto in der Provinz herum, befehlshaberisch den Parteigeneral markierend. Er trieb eine tolle Günstlingswirtschaft. Alle paar Monate entdeckte er einen neuen Liebling, den er zu seiner rechten Hand machte und dann, wenn er seiner überdrüssig war, flugs wieder in der Versenkung verschwinden ließ, und— der nächste Favorit hatte freie Bahn. Bei alledem wurde der junge Schweren- nöter— gleichsam über Nacht— schwerreich. Mit seinem Privatkapital wurde 1932 die»Pommersche Zeitung« gegründet, deren Impressum ihn als Herausgeber nannte. Er war der Chef des Unternehmens und die Redakteure, seine Tintenkulis, mußten ausgiebig das Lob ihres jungen Arbeitgebers singen, um nur ja dessen Gunst und Gnade nicht zu verscherzen. Als das Dritte Reich ausbrach, war Karpenstein(nun auch preußischer Staatsrat) ein gemachter Mann. Im vornehmsten Viertel Stettins ließ er sich eine hochherrschaft- llch-komfortable VUla bauen und konnte nun von seines Daches- Zinnen auf das von ihm beherrschte Pommern zufrieden hinabsehen.. Aber ach. auch das wahre Märchen vom armen Advokaten Karpenstein, den der Zauberer Hitler— eins, zwei, drei— in einen großmächtigen Herrn verwandelte, beginnt mit:»Es war einmal...« Es kam der 30. Juni. Und wenn Herr Karpenstein auch nicht, wie sein pommerscher Mitregent v. Heydebreck vor die Revolver der SS geschleppt wurde| so ward er Dru � Dritte Reich hat Angst vor •kschriften, die dem Volke die Wahrheit jj*n' 128 hat Angst vor diesem kleinen Mm 6 ,n dem£lx'ßen na8Sen Walde. Er aber st 8:ar"icht gegangen sein. Auf der Zoll- (jr* hann er nicht herüber, und wenn die HejWe®'e sind, weiß auch er das. �afu 80 Feht er ihnen nicht ins Garn. r ist er zu klug, zu besonnen. �•nn er aber doch...? ging er zurück. Im strömenden ttri v<>n beschwerlichen Wegen aufgehal- errejU"d Verspätet. Aber er muß die Station Bio A � es fährt nur noch dieser eine Zug! den Utobus taucht auf. Der Chauffeur sieht Hcjj. �"hkaden Wanderer im Scheinwerf er- tnjtn''m Hegen, und hält.»Können Sie mich ein y rn'!n?<— Meinetwegen.— Er steigt über nd 316111 slch elner SA-KapeUe gegen- lJetzt