Nr. 84 SONNTAG, 20. Januar 193S (Soslotoemolraftfcfos SDocfonfrlo# Verlag; Karlsbad, Haus„Graphia"— Preise und Bezugsbedingungen siehe Beiblatt letzte Seite Aus dem Inhalt: Julius Deutsch, Reise in Amerika Lehren von der Saar Hitler— einmal ehrlich Alldeutsche Bekenntnisse Lehren von der Saar Die Saar ist verloren— wir kämpfen um Deutschland I Fahnen über Deutschland! Fackelzüge, Freudenfeuer verkünden einen Sieg Hitlers. Das Saargebiet hat fast genau so abgestimmt, als ob noch Wilhelm Marx 0der Hermann Müller Reichskanzler fräre. »Nim laßt die Glocken von Turm zu "hTn durchs Land frohlocken im Jubel- «turm«. Die Freude der Nazi ist verständlich. Der Verlust, den sie erlitten haben— 8,4 Prozent— ist viel geringer, als sie selbst erwartet hatten. Er ist erschütternd gering! Die Weltgeschichte ist um einen der �•elen Siege, die Gewalt und Unverstand über Menschlichkeit und Vernunft gewon- "öö haben, reicher. Viele von uns sind um �ne Illusion ärmer. An dieser Stelle ist noch vor der Ab- sbmmung so deutlich wie es damals mög- hch war, gesagt worden, daß mit einer Niederlage gerechnet werden muß. Der Kampf, der an der Saar geführt wurde, �ar unvermeidlich, aber er war schon ver- oren an dem Tage, an dem er begann. Dreizehn Jahre lang hatten wir Sozial- °eöiokraten für die Rückkehr der Saar Mutterlande gewirkt. Wir hatten von �kreich eine Vorverlegung des Termins � erlangen versucht, Frankreich bestand dem Buchstaben des Vertrages. Eine ««•Verlegung des Termins wäre eine große •f�te der Versöhnung gewesen und für die eutsche Republik ein großer Erfolg. Man at der Republik damals den Erfolg nicht Sfcgönnt— und so kann heute Hitler den �eger spielen. Daß wir der sofortigen Rückkehr der � zu Deutschland widersprechen könn- dieser Gedanke wäre uns noch vor 1 zusehen, in solcher Größe hat sie aber I kaum jemand erwartet. Auch pessimi- ' stische Prophezeiungen gingen über die 1 erreichten 8,4 Prozent weit hinaus. In dey Tat war schwer vorauszusehen, daß die Opposition am 13. Januar 1935 an der Saar schwächer sein würde, als sie im Innern Deutschlands schon am 19. August 1934 gewesen ist. Das Saarland konnte die Wahrheit erfahren. Es wußte von den Marxisten- und Judenhetzen in Deutschland, es wußte auch von der Verfolgung der katholischen Kirche, von den ruchlosen Morden an Klausener und seinen Schicksalsgenossen, von der Einkerkerung katholischer Geistlicher, von den Greueln des Columbia- Hauses und der Konzentrationslager, vom Raub am Arbeitereigentum, von der Vernichtung der Arbeiterrechte, von der Zerschlagung nicht nur der freien, sondern auch der christlichen Gewerkschaften. Trotzdem hat sich das Saarland, dessen Bevölkerung zum größten Teil aus Arbeitern besteht und in dem bei früheren Wahlen eine sichere Zentrumsmehrheit einer sozialdemokratisch-kommunistischen Minderheit gegenüberstand, mit einer Neunzehntelmehrheit für den Anschluß an das ! Reich entschieden, in dem sich solche 1 Dinge zutragen, solche Zustände herrschen!? Wie war das möglich? Was war es, daß den Sieg des Feindes und unsere Niederlage entschied? Das war wohl vor allem die alles niederwerfende, alles niederwalzende Gewalt ten *Vvei Jahren geradezu aberwitzig erschie- ,eri- Die schäbigste Bürgerblockregierung, e schwärzeste Reaktion hätte uns nicht yf11 vermocht Erst als das Uhgeheuer- che geschah, daß eine Verbrecherbande 'cl1 des Reiches bemächtigte, als Mord, «"andstiftung und Raub zu Maximen deut- Ner Staatskunst geworden waren, da erst kam auch das Saarproblem für uns ein �eues Gesicht. Rückkehr zum Reich be- futete jetzt Versinken auch der saarlän- schen Arbeiter in die abscheulichste Ski . averei, Auslieferung der weltanschau- , ksn und rassischen Minderheiten des **** an viehische Folterknechte. Die 6 Ostverständlichkeit von gestern war die � Möglichkeit von heute. Weü kein an- erer Weg sichtbar war, aus der Verzweif- nS heraus, kam die Parole des Status Quo. Die Parole des Status quo hat nicht ge- a«iet, denn sie wurde nicht verstanden. ® War falsch formuliert, denn niemand Zu �<�e Verewigung des gegebenen Standes, niemand fand an dem Status � 0 ttit einem englischen Gouverneur, tto®r französischen Bergwerksdirektion � einer englisch-italienisch-holländisch- Di iscllen Militärbesatzung Gefallen. 16 Parole des Status quo war eine jjP�he Parole des kleineren e 1 s, Und gjjjg paroie auf Zeit Wirklichkeit bedeutete sie nur, daß der ty112 selbstverständliche naturnotwendige v"�eranschluß des abgetrennten Gebietes -�'"schoben werden sollte bis zu dem ka e' 115<�em Deutschland wieder ein zivi- �lertcr Staat sein wird. Was vorgeschla- �an War' war ein Provisorium, und wer ® sich für ein Provisorium begeistern? la �nit soll die Bedeutung der Nieder- tj.«6 an der Saar nicht verkleinert werden. �ar unvermeidlich und leicht voraus- des Nationalgefühls. Wer an dieses Nationalgefühl nicht glaubt und nicht mit ihm rechnet ist ein schlechter Politiker. Unser Freunde an der Saar waren sich der Kraft dieses Gefühls durchaus bewußt. Immer wieder haben sie— vollkommen richtig und wahrheitsgemäß— versichert, daß die Entscheidung für vorläufige Beibehaltung des Status quo eine Entscheidung nicht gegen, sondern für Deutschland sei, aber ihr Gedankengang war viel zu kompliziert, als daß er auf Massen hätte wirken können. Die Massen hörten nur»für Deutschland!« gingen hin und stimmten— für Hitler. Die meisten haben wahrscheinlich diese Wirkung durchaus nicht gewollt, sie haben für den sofortigen Anschluß gestimmt, nicht wegen Hitler, sondern trotz Hitler. Dieser kann trotzdem den Gewinn für sich buchen. Es war aber wohl nicht das Nationalgefühl allein, das an der Saar entschied, es war auch das Gefühl einer gewaltigen, unwiderstehlichen Macht gegenüberzustehen. Dieses Gefühl wurde durch die braune Propaganda auf das Geschickteste gefördert und gesteigert. Macht zieht Massen an. In der Masse ist jeder einzelne ein Erfolganbeter. Der Erfolg imponiert zunächst, er entschuldigt in den Augen vieler auch die Abscheulichkeit der angewandten Mittel. Der Blutgeruch, der einem Regime anhaftet, wirkt lange nicht so abstoßend, wie wir Sozialdemokraten— unentwegte Gläubiger des Humanitätsgedankens— anzunehmen pflegen. Die Ernüchterung kommt später. Daneben haben natürlich ordinärer Terror und niederträchtige Lüge ihre Rolle gespielt Man hat sich nicht geschämt den gefangenen Thal mann mit gefälschten Flugblättern vor den braunen Propagandakarren zu spannen. Man hat noch in letzter Stunde Aufrufe angeblicher sozialdemokratischer und kommunistischer Organisationen produziert, in denen unter heftiger Verfluchung aller Emigranten und Separatisten der sofortige Anschluß an das Hitlerreich gefordert wurde. Alle diese gemeinen und schmutzigen Mittel hätten aber nicht verfangen, wenn nicht breite Massenströmungen der braunen Propaganda zu Hilfe gekommen wären. Niederlagen sind dazu da, daß man aus ihnen lernt. Der nun abgeschlossene Kampf an der Saar hat manche Dinge in einem neuen Lichte gezeigt. Auch denen, die bisher in der Bildung einer sozial- demokratisch-kommunistischen Einheitsfront das große Zaubermittel erblickt haben, das alle Proletarierherzen gewinnt, und alle Kerker des Klassenstaates sprengt, mag er zu denken geben... Ihr aber, tapfere Freunde an der Saar, Kopf hoch! Der Kampf, in �em ihr ehrenvoll unterlagt, war keine Entscheidungsschlacht, sondern nur ein Gefecht auf einem Nebenkriegsschauplatz! Die Saar ist verloren— auf, kämpfen wir u m Deutschland! Wer wird Vizekanzler? Der Kampf um die Madit— Sdiadit gegen Göring Aus Berlin wird uns geschrieben: Die Wahrscheinlichkeit einer Ernennung Schachts zum Mitdiktator und Vizekanzler hat in den Kreisen um Göring die größte Bestürzung hervorgerufen. Seit langem hat Göring darauf hin gearbeitet, selbst der Nachfolger Papens zu werden,— wenn möglich In Verbindung mit einer Ernennung zum Wehrminister! Weder fRtler, noch Heß oder Göbbels haben diese Bemühungen unterstützt. Hitler nicht, weil er begründete Furcht vor dem sich zeitweilig seltsam äußerndem maßlosen Ehrgeiz Gö rings hat, wozu nicht wenig der offen ausgesprochene Wunsch der Göring- Clique beigetragen haben mag, daß der Lamettahermann mit Hilfe der Monarchisten und der Reichswehr den zögernden Hitler ablösen möge; Heß und Göbbels nicht, weil sie aus Gründen der persönlichen Sicherheit eine allzu starke Stellung Görings verhindern müssen. Wobei außer acht gelassen ist, daß zeitwellig besonders Heß den lebhaften Wunsch hatte, Vizekanzler zu werden, um auf diese Welse die verlorene Verbindung der Partei mit der Regierung wieder herzustellen. Nach dem Sturz Papens hatte Hitler erklärt, daß der vakante Posten des Vizekanzlers unverzüglich wieder besetzt werden sollte. Das war auch offenbar seine Meinung gewesen; aus den angeführten Gründen unterblieb jedoch die Ernennung. Heute ist die Stellung Schachts so stark geworden, daß seine formelle Ernennung zum Vizekanzler nur den gegebenen Tatsachen Rechnung tragen würde. Er darf sich offen der völligen Uebereinstimmung seiner polltischen Absichten mit denen des Blomberg- flügels der Reichswehr rühmen; er führt die breite Front und duldet gerade noch, daß an den abgelegenen Seitenfronten die Nazi ihre Dummheiten weiter machen dürfen; er kommandiert und dirigiert und läßt die Nazi reden. Jetzt wünscht er eine auch nach außen sichtbare Beleuchtung seiner überragenden Stellung und begegnet hierbei nicht nur den Wünschen der Reichswehr, sondern auch denen— Hitlers! Hitler weiß, daß er zu wählen hat zwischen Göring und Schacht. Er weiß auch, daß ihm Schacht unter Umständen sehr gefährlich werden kann. Trotzdem wird er sich für den Wirtschaftsdiktator entscheiden. Nicht nur, weil er dadurch Göring in der gewünschten Dlssanz halten kann, sondern vor allem, um sich gelegentlich des sehr selbständigen Schlicht am bequemsten entledigen zu können. In der Naziführung ist man sich durchaus darüber klar, daß die Popularität der Nazipartei und der Regierung rapid im Schwinden begriffen ist. Die Entfremdung zwischen Volk und Partei, Volk und Regierung ist fast hoffnungslos. Das Schlimmste ist, daß Hitler nicht mehr die Macht hat. den Kurs zu ändern, selbst wenn er den WUlen dazu hätte. Die Not wächst, die Unruhe steigt, die Unzufriedenheit wird täglich größer. Dazu kommt noch die um sich greifende Opposition in den eigenen Reihen! Der Kredit Hitlers geht langsam aber sicher verloren — und darum braucht man einen Sündenbock! Man braucht ihn dringend,, denn wer weiß denn, wie lange die gegenwärtige Form des Zusammenbruches noch anhält? Aus den Reihen der prominenten Parteiführer aber darf und kann der SUndenbock nicht genommen werden; Schacht jedoch kann und soll es sein! Wenn der politische Zustand die persönliche Bloßstellung eines hervorragenden Regierungsmitgliedes notwendig machen sollte, dann wird es Schacht sein müssen. Ihm werden Hitler und die Nazi alles aufbürden, was das Volk belastet; er wird der allein Verantwortliche sein.— So glauben sich die Nazi noch einmal aus der gefährlichen Schlinge ziehen zu können. Der Plan ist gut; sein Vater heißt Göbbels. Er hat nur einen Fehler: die Pläne von Schacht sind besser! Der Wirtschaftsdiktator denkt nicht daran, Hitler aus der Verantwortung zu lassen. Er wird solange in der Rolle des»bescheidenen Zweiten« verharren, wie der unbescheidene »Erste« noch gebraucht wird— also bis Hitler rettungslos verloren ist. In dem Augenblick, da Hitler seinen Sündenbock brauchte, wird seine eigene Stellung ohnmächtig sein. Der Wirtschaftsdiktator besitzt nicht nur den entscheidenden Apparat der Wirtschaft und Finanzen, sondern auch den der bewaffneten Gewalt. Hinter Schacht stehen Blomberg and die entscheidenden Stellen der Reichswehr. Ueber Hitler und den Nationalsozialismus siegt die Diktatur des honetten Finanzkapitals, und manch einer wird darüber klagen dürfen, der heute noch im Besitz großer Macht wähnt Als Cesare Borgia vor Sinigaglia die rebellischen Kondottieri Italiens umzubringen gedachte,» sagte er zu Machiavelli:»Die Eisenfresser wissen genau, was sie von mir zu erwarten haben; sie wissen, daß ihr Kommen Tod heißt Aber sie werden trotzdem kommen, sie werden rennen! Ihr Charakter und der Himmel wollen es so.« Darauf Ma- chiavell:»Sehr wahrscheinlich, sehr wahr- ■cheinlich... diese Leute werden toll genug •ein, es zu tun...« Der Radfahrer Aus Berlin wird uns geschrieben: Man glaubt nicht was aus belanglosen jungen Menschen werden kann, wenn sie so strebsam und char aktertüchtig sind, wie jener junge Mann, der uns vor etwa 30 Jahren Im Scherischen Redaktionsbetrieb vorgestellt wurde. Er kam frisch von der Akademie, sah reichlich langweilig aus, und knallte vor allem, was wie Vorgesetzter aussah, die Hacken zusammen. Er wurde im lokalen Teil ausprobiert, erwies sich als talentlos und der jüngste unstudlerte Volontär schlug ihn mühelos. Es kam ja auch gar nicht darauf an, er hatte gute Verbindungen, sollte dann anderweitig Karriere machen und wäre in nichts aufgefallen, wenn das mit dem Hackenknallen nicht gewesen wäre. Die Kollegen vom Lokalen rangen die Hände, es ging ihnen auf die Nerven, täglich standen sie vor der Frage: Wie lockert man das Kerlchen ein bißchen auf, er blamiert ja die ganze Innung.»Mensch«, sagte ihm eines Tages der Ressortchef,»dieses Strammstehen haben Sie doch gar nicht nötig. Wozu die Anstrengung, lassen Sie doch die Stiefelabsätze in Ruhe.« »Jawohl«, dienerte der gewesene Korpsstu dent— und knallte die Hacken zusammen. Es war nichts zu machen. Aber was unter ihm stand, das konnte er kaum eines Grußes würdigen. Nach einigen Monaten verließ er uns, sein Pressepensum war abgedient; wir hörten, daß nun das Bankfach drankam. Ein Jahr später — leb war nicht mehr in der Zeitung— sah Ich unaern ehemaligen Volontär wieder. Im Portal einer großen Bank. Dort war er avanciert und konnte kaum aus dem Stehkragen gucken. Einen Moment sah er mich, dann glitt sein Blick stolz an mir vorbei.»Hallo, wir kennen uns«, sage ich lächelnd— er tippte kaum an den Hut, weg war er. Das brauchte uns nicht mehr, das mußte jetzt die Absätze vor anderen zusammenknallen. So hat ers gehalten sein Leben lang— es war der Radfahrer Dr. H j a 1 ra a r Schacht... Heute reißt er die Knochen vorm obersten Führer zusammen.\ Wie lange noch, dann tritt Hjalmar auch nach dieser Seite. Er ist der typische deutsche Untertanenführer, bedeutet rechtens ein Kabinettstück der Hitlerschen Mamelukenregierung und wird sich In Bälde ganz nach Oben gedienert und getreten haben. Denn beim deutschen Bürgertum hat noch immer der höchste Kragen die höchsten Chancen. Die neue Litanei Bei Augsburg erscheint der»Christkönigsbote«, das Blatt einer katholischen Vereinigung. In der Folge 57 wird eine neue Für- hittlitanei zitiert und empfohlen. Sie beginnt: »Vater Im Himmel, der Du willst, daß uns nichts fern ist, was Deinem Vaterherzen nahe...« Deshalb wird um Gnade für alle gebeten, die der Hilfe bedürftig seien; sie werden in Gruppen angeführt. Unter denen, deren sieb Gott besonders erbarmen solle, werden alle Verfolgten angeführt: »Alle Juden... alle Kommunisten,.. alle Anarchisten... alle Revolutionäre... alle Volksfremde und Anders rassige, erbarme Dich ihrer...« Diese Litanei ist eigentlich nur eine aktuelle Abwandlung christlicher Gebote, die der deutschen Reichsverfassung nach noch immer gesetzlich geschützt sind. Das hindert verschiedene Naziblätter nicht, die Schale ihres Zorns Ober dieses Gebet zu ergießen. Hier zeige sich, wie verjudet und antinational diese Idrchc sei, wie verneinend sie zum Nazi-Staat stehe. Der Saarkampf sei vorUber, die Abrechnung mit der Kirche müase folgen... Sterbende Zeltungen Die Nachrichten vom Sterben reichsdeut- scher Zeltungen werden immer häufiger. Es ist eine Epidemie ausgebrochen, die anatek- kend wirkt. Bin Sterbender zieht den anderen nach sich. Wenn»Der Deutsche«, das Organ Leys, sein Erscheinen einstellt, so bedroht sein Ende auch das trotz emsiger Gleichschaltung nicht mehr lebensfähige »BerUner Tageblatt« und die Existenz des gesamten Mosse-Verlags. Und eines Tages kann L e y selbst hinterdreinrutschen. Dar rä muß gehen und mit ihm verschwinden die »Deutsche Zeitung« in Berlin und die »Ostpreußische Zeitung« in Königsberg, wo schon die»Königsberger Hartung- sche Zeitung« ins Grab gesunken ist. In Köln zählt die»Kölnische Zeitung« ihre Tage, in München die»Süddeutsche Zeitung«, in Breslau die»Schlesische Zeitung«, In Chemnitz die»Chemnitzer Allgemeine Zeitung«. Auch um die»Deutsche Allgemeine Zeitung« schwebt Todesahnung. In München hat die älteste deutsche Zeltung, die 1609 gegründete»M ünchen-Augs- burger Abendzeitung« mit dem SU- vester 1934 ihr Erscheinen eingestellt, nachdem ihre Auflage im Laufe dieses einen Jahres von 34.000 auf 9000 gesunken war. Wenn es dabei eine Genugtuung gibt, so ist es die, daß der braune Tod auch jene Zeitungen holt, die wie die»Chemnitzer Allgemeine Zeitung«, das nationalsozialistische Gift gegen Geist und Kultur fleißig haben verbreiten helfen und die gewaltsame Vernichtung der marxistischen und demokratischen Presse frenetisch bejubelt haben. Des Sterbens ist kein Ende. Was heute noch scheinbar lebensfrisch nach Druckerschwärze riecht, kann einen Monat später schon im Zeitungs-Massengrab liegen. Bereits im Oktober 1934 bezifferte H. Traub In der Berliner Zeitschrift»Gebrauchsgraphik« die reichsdeutscben Blätter, die unter Hitlers Regime ihr Erscheinen einstellen mußten oder durch Zusammenlegung mit anderen Zeltungen verschwunden sind, auf rund 1000 Titel. Und auch die»Deutsche Reichspost« gibt Einblick In diese Verlustliste, wenn sie, in ihrem im November 1934 veröffentlichten Geschäftsbericht für das Rechnungsjahr vom 1. April 1933 bis 31. März 1934 feststellen muß, daß In diesem Jahre die Gesamtzahl der durch die Post beförderten Zeitungen gegenüber dem Vorjahre von 1622 Millionen Stück auf 4 1476 Millionen Stück gefallen ist, während in der gleichen Zelt — trotz fortwährender Verbote und Konfiskationen— die Zahl der aus dem Auslande eingeführten Zeitungen von 7.7 Millionen auf 8.3 Millionen Stück gestiegen ist. Ein verheerendes Sterben sucht die Deutsche bürgerliche Presse heim. Aber auch die nationalsozialistische Presse profitiert nichts vom Tode der Konkurrenz. Ihr hat weder die Vernichtung der sozialdemokratischen, der kommunistischen und bürgerlich-demokratischen Presse genützt, noch führt ihr das Absterben der gleichgeschalteten Presse Abonnenten oder auch nur Leser zu. Das geht aus genauen Zahlen aus dem Bereiche des nationalsozialistischen»Freiheitskampf«, dem von Mutschmann geleiteten Organ der NSDAP für Sachsen hervor. Im Bezirk Ostsachsen, der den 23. Reichstagswahlkreis mit den Amtshauptmannscbaften Dresden, Pirna, Dl- poldiswalde, Freiberg mit Sayda, Meißen, Großenhain, Kamenz, Bautzen, Löbau und Zittau umfaßt und rund 1,380.000 Wahlberechtigte zählt, betrug der Abonnentenstand des»Freiheitskampf« im September 1934 genau 27.245, im Oktober 25.859, im November 24.290 Exemplare. Allein in der Amtsbaupt- mannschaft Pirna, der an Gebiet größten Amtsbauptmannschaft Sachsens, die am Weichbilde Dresdens beginnt, die ganze Sächsische Schweiz und Randgebiete des Erzgebirges und der Lausitz mit den Städten Pirna, Berggießhübel, Glashütte, Gottleuba, Königstein, Schandau, Sebnitz, Hohnstein und Stolpen umfaßt, sank die Abonnentenziffer vom August bis November 1934 von 7600 auf 6593 Exemplare. Also Abstieg auf der ganzen Linie! Wie wenig es dem braunen»Freiheitskampf« gelungen ist, die Arbeiterschaft als Leser zu gewinnen, wird anschaulich, wenn man In Betracht zieht, daß allein im Bezirk Ostsachaen, wo der»Freibeitskampf« jetzt nur noch rund 24.000 Abonnenten mustern kann, bis März 1933 folgende sozial-, demokratische Tageszeitungen erschienen: die »Dresdner Volkszeitung«, In einer Stadt- und Landauflage, die als ihre Kopfblätter erscheinenden drei Volkszeitungen für Pirna, Freital und Fredberg, die selbständige»Volka- zeltung« In Meißen und die täglich in zwei Ausgaben erscheinende»Volkszeitung für die Oberlausitz«. Außer diesen sozialdemokratlachen Zeitungen gab es noch die ebenfalls täglich erscheinende kommunistische»Arbel- terstlmme«. Der»Freiheitskampf« hat also trotz großen Hoffnungen und noch größeren Anstrengungen, trotz dem Druck, der In den Betrieben angesetzt und teilweise auch brutal ausgeübt wurde und sich bis In die einzelnen Haushaltungen erstreckte, weder von dem sinkenden Abonnentenstand der bürgerlichen Presse profitiert, noch die Ihrer Zeitungen beraubte Arbeiterschaft gewonnen. Die Arbeiter verzichten lieber auf Jede Zeitung, ehe sie ihre Groschen dem Mutschmann-Blatt geben. Und er hat nicht nur nicht gewonnen, sondern muß zusehen, wie seine Auflage von Monat zu Monat sinkt— auch er bat den tödlichen Bazillus Im eigenen Leibe, mit dem das braune Regime alles vergiftete. • Nach neuerlichen verläßlichen Mitteilungen Ist die Auflage des»Freiheitskampfes* im Dezember weiter auf rund 21.000 gesunken. Dieser ständige Schwund ist wahrscheinlich der Grund, daß man eine Namensänderung erwägt.»Freiheitskampf«— man meint wohl, daß dieser Titel unter den heutigen Verhältnissen manchen Ohren zu proletarisch. zu radikal und revolutionär klingt. Denn utn welche Freiheit gilt es beute zu kämpfe11- wenn nicht um die soziale und politische Freiheit des von der Diktatur geknechteten Volkes! Und so ist es möglich, daß das Mutscb- mannblatt eines Tages unter einem andere» Titel erscheint und— weiterschwindet.•• richtig! Die Masken fallen Alldeurisdier Kongreß in Hannover Der Anpfiff Der Oberbürgermeister der Stadt Krefeld- Wardlngen hat der»W estdeutschen Zeltung«, Krefeld, mitgeteilt: »Da Sie in verschiedenen Wochenplau- derclen Versuche unternommen haben, die sachliche Aufbauarbeit durch eine„böswillige Kritik" zu stören, werden sie mit sofortiger Wirkung von den Presse- besprechungen der Stadt ausgeschlossen.« Der Ton in der neudeutschen Zeitungskaserne ist guter alter Preußenschliff! Kusch, Kuli, oder krepier! Der Alldeutsche Verband wird wieder aktiv. Er bat unter dem Vorsitz des Justizrats C 1 a s s einen Kongreß in Hannover abgebalten, zu dem zahlreiche Delegierte aus allen Teilen des Reiches erschienen waren. Der Alldeutsche Verband und die geistig in seinen Bahnen wandelnden Militärs bildeten vor dem Weltkrieg die ausgesprochene Kriegspartei in Deutschland. Sie predigten den Angriff, den Präventivkrieg, die Weltmlasion Deutschlands zur Weltbeherrschung, den Rassenkampf. Ihnen verdankt die nationalsozialistische Partei den Kern ihrer Ideologie. Sie begrüßten den Weltkrieg mit dem Satze:»Die Stunde, die wir ersehnt haben, die beilige Stunde bat geschlagen.« Diese Männer treten wieder hervor. Es sind unter ihnen Nationalsozialisten und alte Deutschnationale. Auf dem Kongreß in Hannover sprach Professor von Freytagh- Loringhoven. Als Tlrpltz sein Flottenbauprogramm durchführte— so führte er aus— mußte Deutschland eine Gefahrenzone durchlaufen. Jetzt müsse es wieder eine ähnliche Gefahrenzone passlerenl Der Verlust der alten Beziehungen zu R u ß- 1 a n d und Italien habe zu pessimistischen Betrachtungen geführt, während die neuen Freundschaften mit Polen und S U d s I a- w 1 e n skeptisch angesehen würden. Aber die Furcht der Völker auf der einen Seite und das Kindersterben Deutschlands auf der anderen Seite erfülle sie mit Vertrauen. Die Zelt arbeite für Deutachland. Frankreich habe den Zeltpunkt zum Zuschlagen versäumt. Es habe dazu 1933, noch 1934 eine Chance gehabt, aber beute sei Deutschland nicht mehr für einen militärischen Spaziergang offen. Im Jahre 1813 hätte Deutschland für seine Freiheit gekämpft, 1870 für die Einheit, 1914 für seine Größe. In den letzten beiden Jahren sei dieser Kampf In einer neuen Form wieder aufgenommen worden. Nach dieser aufschlußreichen Rede sprach Dr. Hennig aus Düsseldorf über die N o t-' wendigkelt von Kolonien für Deutschland. Der Jubelfeier an der Saar würden Jubelfeiern In den früheren deutschen Gebieten In Afrika folgen, wenn sie zum Reiche zurückkehrten. Die Rückforderung der Kolonien würde auf viel geringeren Widerstand stoßen als man gemeinhin annehme. Es ist bezeichnend für die allgemeine Lage, daß die Vorkämpfer des deutschen Imperialismus die Stunde bereits gekommen glauben, wo der Schritt von der Politik der Macbtsammlung zur Politik der Auswertung und Anwendung der Macht getan werden kann. Jetzt wird die deutsche offizielle Außenpolitik wieder von Verständigung und Frieden reden— aber schon werfen ihre geistigen Väter die Maske ab! Kritik— vogelfrel Die»Frankfurter Zeitung« Nr. 15/16 hat das»Gesetz gegen heimtückische Angriffe auf Staat und Partei« besprochen, das kurz vor Weihnachten erlassen worden Ist. Die juristischen Ausführungen der»Frankfurter Zeltung« kennzeichnen die völlige Recbtsunsicherheit und die Unmöglichkeit jeder sachlichen Kritik. Die»Frankfurter Zeitung« schreibt: »Dieser Grundsatz: die Frage der Verfolgung politischer Delikte an eine Vorprüfung der höchsten Instanzen oder ihrer Beauftragten zu binden, zeigt sich noch deutlicher bei der zweiten Bestimmung. Sie bringt Im Vergleich mit der früheren Verordnung vom 21. März 1933 zunächst eine erbebliche Verschärfung. Bedroht sind hier nämlich öffentlich gehässige, hetzerische oder von niedriger Gesinnung zeugende Aeußerun- gen über leitende Persönlichkelten des Staates oder der NSDAP, über ihre Anordnungen oder die von ihnen geschaffenen . Einrichtungen, wenn sie geeignet sind, das Vertrauen des Volkes zur politischen Führung zu untergraben. Man könnte sagen, daß in der Zusammenfügung der Merkmale„gehässig"—„hetzerisch"—„von niedriger Gesinnung zeugend" mit dem Gesichtspunkte der ,;Vertrauensschädlgung" der Versuch unternommen worden sei, sachliche Kritik im einzelnen, die auch weiterhin als erlaubt gilt, von einer Opposition(für die der Einzelfall nur ein Mittel ist) strafrechtlich zu trennen. Darin dürfte auch der Grund zu suchen sein, aus welchem diese Vorschrift noch nicht in der Verordnung des 21. März 1933 enthalten war, denn damals gehörte die oppositionelle Betätigung noch in den Bereich de« Legalen. Insofern hat sich also inzwischen eine gesetzgeberische Abrun- dung des Totalitätsgedankens vollzogen, und zwar sowohl strafrechtlich als auch— wie das aus den zur Kennzeichnung gewählten Begriffen hervorgeht— in der moralischen Bewertung: der„Oppositionelle" ist zum „S t a a t• f e I n d" geworden. AHerdln�* Ist ein solcher Versuch der allgemck1' gültigen Scheidung zwischen erlaubte* Kritik und verbotener Opposition eminent schwierig. Und zwar der V tur der Sache nach, denn die(jrenieS sind an sich durchaus flüssig. Dementsprechend Ist mit voller Abelcht dl® Vorschrift so weit gefaßt worden, daß als„möglicherweise strafbs*' mehr umgreift, als tatsächlich bestr*»* werden soll. Man hat den Ausweg gewählt, die Heb' terliche Entscheidung mit dem Erm®®' sen der hohen politischen atei len zu verbinden: Taten dieser Ari können nur auf Anordnung des Reichs* justlzminlsters und— wenn sie sich leitende Persönlichkeiten der NSDAP ten— Im Einvernehmen mit dem Sle)lv''T treter des Führers der NSDAP verfoiP werden. Damit ist auch für das Strafverfab1"®® In diesem Teilabschnitt eine Aenderuns von grundsätzlicher Bedeutung erfolgt: äe Uebergang vom„Legalitätsprinzip" „Oppositionsprinzip".« In diesen Sätzen ist die»Rechtslage« eih' deutig beechrieben. Jeder Kritiker rlskie1� daß seine»erlaubte Kritik« als»verböte»® Opposition« gewertet wird. Jeder Kritiker � rechtlich vogelfrei! Man Uberlege, was di® für die Wissenschaft In Deutscbl*»'� bedeutet. Es bietet sich sofort ein Hlust1®� UonsfaU für die Auawirkung solcher G«®®� dar. Professor Schmalenbach, Berlin, a» 8»- ei»®f perte für Betriebswirtschaft, hat In Neuauflage seines Werkes»Selbstkosten1*®� nung und Preispolitik« das ganze Schi U kapitel gestrichen. Er beg1�11 diese Streichung wörtlich folgendermaß®»' »Ich hätte In diesem Kapitel vi®' gatives sagen müssen, z. B. übet � � Beseitigung der Wlrtsch» 1 1B f r e i h e 1 1 da, wo die Wirtschaft fr®* yf darf und frei sein sollte. Ob man negativer Kritik nicht den Punkt» J, schreitet, wo die erlaubte Kritik® hört and als anerlaubte Nörg®�,,, gilt, weiß man im Einzelfalle nicht, ter diesen Umständen versteht man.. r) ein ordentlicher StaatsbUt�� der die Gesetze zu halten wünscht, g t, örterung von Problemen unter' � bei denen die gesetzlichen Grenz«» p,. Kritik nicht deutlich wahr»® bar sind.« r fll® Damit Ist ein furchtbares Urteil llW deutsche Literatur gesprochen. Dl®£V Deutsche Kämpferin«, Berlin, abgedniokt. Man sieht: Die Kriegrsfreiwilligen-Ze4t- Mhrift wurde verboten, jedes Blatt, das deutsch ru schreiben wagt, riskiert sein Leben— aber das Gemecker dringt bereits aus allen Poren der gleichgeschalteten Presse. Schon helfen keine Verbote, keine Zauberformeln mehr. Wenn es nicht gelingt,«he deutsche Nation Uber Nacht'und durch Hexerei in ein Analphabetenvolk zu verwandeln, so werden wir bald tagtägUch das heiterste Gemecker und die munterste Miesmacherei schwarz auf weiß genießen können. »Yierfüßiger Stoffwahn" Selbst deutschen Antisemiten von ältestem Schrot und Korn wird vor den neudeutschen Rassereinigern und ihrer Gottäbn- lichkelt bange. Da ist z. B. Artur Dlnter. Niemand wird ihm nachsagen wollen, er sei ein»Märzgefallener«, hat er doch schon unter Wilhelm die Sünde wider das Blut entdeckt Dieser Dinter gehört natürlich auch heute zu den strammsten Blubo-Leuten und möchte»die rein arisch-heldische Lehre Jesu zur alleinigen Grundlage einer neuen deutschen Volkskirche machen.« Aber selbst diesem Dinter steigt gelegentlich ein Brechreiz in der Kehle empor. Vor kurzem entfuhr ihm in einen Vortrag, gehalten für den Gau Grofl-Berlin seiner»Deutschen Volkskirche«, die folgende Wahrheit(und sie entfuhr ihm nicht nur, er druckte sie auch in seiner Zeitschrift nach): »Das, was den Anlaß gibt, uns Deutsche zu nennen, das gleiche Blut, die gleiche Heimat, die gleiche Sprache, das alles haftet ohne sittlich religiöse Vertiefung an der Oberfläche. Die Vergottung von Blut und Rasse. Volk und Vaterland, der man heute allenthalben begegnet, ist nichts als platter, vlerfüßiger Stoffwahn(Materialismus) und meist nur ein sehr bequemer Vorwand zum Ausleben der eigensüchtigsten Instinkte... Würde eine solche stoffsüchtige(materialistische) Verflachung in der nationalsozialistischen Weltanschauung siegen, so wäre das auf die Länge der Zeit gleichbedeutend mit dem Untergang des nationalsozialistischen Volksstaates. � Und diese vierfüßige Verflachung hat schon gesiegt. Endgültig. Wenn bereits die allertreusten und ältesten Hofantisemiten seiner Majestät derartige Kassandrarufe ausstoßen— was kann man dann von den Neugebackenen verlangen? Der gestrichene Jude In Deutschland ist vor kurzem der Film »Peer Cynt« herausgekommen, der auch im Ausland gespielt wird. Ein wörtliches Zitat aus dem 4. Akt des »Peer Cynt« wird in diesem Film Uber- Bommen: »Das Glück, von dem Ihr schon erführet, verdanke ich Amerika, Die wohl gefüllten Bücherschränke den jüngeren Schulen Deutschlands schuld ich. Frankreich mit Kleidern mich versah, mit Witz, Esprit und auch Zynismus. Von England lernt ich, wie man denke, Arbeit und etwas Egoismus. Vom Juden, wie man sei geduldig«. Diese Schluß zeile fehlt im Film. tlloktkitoikä Der Philosoph und Pädagog Theodor Litt, Unlvsrsitätsprofesaor in Leipzig, ist vor kurzem wegen eines Vortrages Uber Hegel auf die Denunziation eines Studenten hin gemaßregelt worden. Genauer gesagt, gemaßregelt worden ist sr wegen der kritischen Randbemerkungen Uber Wissenschaft und totalitären Staat, die er in seinem Vortrag Uber Hegel eingeflochten bat. Seine Vorlesungen wurden zeitweilig eingestellt, ein Verfahren gegen ihn Ist anhängig. Ein Ereignis, das aus der Kulturrolle des Dritten Reiches herausfällt, ist diese neueste Maßregelung nicht Das Hitlerregime bat immer noch keinen Respekt vor der geistigen Autorität noch immer keine Ahnung von der moralischen Einbuße und Schwächung seiner politischen Macht durch solche Attacken gegen repräsentative Gelehrte. Es hat nur Furcht vor Forschern mit Charakter und Zivilcourage. Der Fall Litt zeigt andererseits aber auch die beschämende Zurückhaltung der Kollegen. Die deutschen Undveraitätsprofessoren bilden zu gut 60 Prozent einen Oppositionskreis gegen den Nationalsozi aliamus. Trotzdem hat bisher noch kein Kollegium den Mut aufgebracht gegen die Maßregelung von Berufsgenossen zu protestieren. Die Professoren haben den Corpsgeist bis zur Uebersteigerung gepflegt, aber noch immer versagt ihr Corpsgeist bei würdigem Anlaß. Dem Beispiel der Pfarrer und Dirigenten wagen sie einstweilen noch nicht zu folgen. Aber erhebend dennoch, unter dieser Schar von Aengstlichen von Zeit zu Zeit einen Mutigen aufstehen zu sehen, einen Mutigen, der hinausschreit und hinausklagt, daß der totalitäre Staat bei der Handhabung des Nationalsozialismus die Grabschaufel der Kultur ist. Professor Litt hat sich schon einmal mit dem nationalsozialistischen System als scharfer Kritiker auseinandergesetzt. Im Sommer 1933 wurde er aufgefordert, anläßlich des pädagogischen Kongresses in München einen Vortrag über den akademischen Unterricht im neuen Staat zu halten. Die Kongreßleitung hatte ursprünglich diese Aufgabe Professor Spranger zugedacht, aber Spranger war gleich nach der Machtergreifung Hitlers in Differenzen mit der Regierung geraten und hatte keine Lust, sich neue zuzuziehen. Litt schickte sein Manuskript dem Vorsitzenden des Kongresses ein, erhielt es aber bald mit der Begründung zurück, daß die Kongreßleitung die Verantwortung für seine Ausführungen nicht übernehmen könnte. Litt ließ darauf den Vortrag unter dem Titel: »Die Stellung der Geisteswissen- aebaften im Nationalsozialistischen Staat« als Broschüre im Verlag Quelle und Meyer in Leipzig erscheinen. Zu Beginn der Broschüre steht der Vermerk, daß kein Wort vom beabsichtigten Vortrag gestrichen, keines ihm hinzugefügt wurde. Der Verkauf der Broschüre scheint schon längere Zeit verboten zu sein. Mehrfache Bestellun- Juidd 0 V WMF WWWWWWWW gen beim Verlag btisben bisher unbeantwortet. Die Schrift Utts gehört dem Gebiet ge- schichtsmethodologischer Untersuchungen an. Als solche ist sie vielleicht die tiefste und wuchtigste Abhandlung seit Windelbands berühmter Rektoratsrede»Naturwissenschaften und Geschichte« und Georg Simmeis»Grundprobleme der Geschicbtsphilosophie«. Darüber hinaus ist sie ein Pamphlet vornehmsten Stils, würdig neben Lassallee Gerichtsrede »Wissenschaft und Arbelt« erwähnt zu werden. Bei aller doktrinären Gründlichkeit ist sie eine geradezu hinwegfegende Erledigung der nationalsozialistischen Ansprüche, von der Politik aus der Forschimg Prinzipien aufzuerlegen. Die Geechichtsmetbodologie will die verknüpfenden und erklärenden Begriffe der historischen Tatsachenermittlung und Tatsachendarstellung aufstellen und, falls solche schon da sind, auf ihre sachlich-logische Berechtigung prüfen. In der Geschichtsforschung ändert sich darin von Zeit zu Zelt, durch Zuwachs oder Beseitigung von Grundbegriffen, viel. So hat Karl Marx geradezu revolutionierend gewirkt, als er die reine Hof- und Staatshistorie unter»idealistischen« Gesichtspunkten durch die Lehre vom historischen Materialismus zwang, die ökonomische Perspektive mitaufzunehmen. Da ist nun unlängst der Nationalsozialismus auf den Plan getreten, um als abschließende Weisheit geschichtücher Betrachtung ihr sein Rassenprinzip zugrunde zu legen. Alle Geschichte sei die Geschichte von Rassenkämpfen und Rassenleistungen. Hat der Nationalismus auf diese Weise Geschichte konstruiert, so wird er hinterher nach dem bekannten Verfahren der Einschmuggelung von unbewiesenen Voraussetzungen in die Beweisführung(petitio prineipü) sehr leicht zeigen können, wie prachtvoll sich die Rassenidee in der Geschichtsforschung bewährt. Mit diesem Versuch, den Rassenbegriff der Geschichte als findendes und erklärendes Mittel aufzuerlegen, setzt sich Litt in seiner Broschüre auseinander. Es gäbe, sagt er, gar keine Geschichte, wenn, was historisch vermerkt werde, bloß eine Abwicklung von Rassenangelegenheiten wäre. Die einzig bestehende Größe im geistig-seelischen Bereich wäre dann eben die Rasse und alles Historische nur eine Ableitung und Einkleidung dieser Realität Rasse. In unzähligen Variationen hätte Geschichte immer nur dieselbe Weisheit zu belegen, das jene und diese Rassen die eigentlichen Tatbeteiligten seien und die historischen Personen nur als ihre Strohmänner aufträten. Aus der Geschichte würde eine fatalistische Theorie. Alles sei vorausbestimmt durch die Rasse. Ein Geist, der alle Qualitäten der Rassen kenne und dazu die historische Lage einer Zeit, wüßte, wenn die Theorie richtig wäre, von diesen beiden bekannten Größen VfnktäMH w ir vw wv vdw' aus zu errechnen, was war und was«ei# wird; die Freiheit von Personen, auf gegebene Verhältnisse und Zustände mit der Eigenheit eines sittlich-vernünftigen Charakter» W handeln, wäre unmöglich. Was aber geschichtliche Aufstellungen und Erklärungen von Grund aus verderben, das sei die Konstanzforderung der Rassisten. So wie die ursprünglichen Abstammungseinheiten eintreten in ihr historisches Dasein, so seien, körperlich und geistig, ihre Nachkommen bis auf den jüngsten Geschichtstag, sollten sie auch noch so viel erleben. Wenn das stimmt, könnte kein Historiker begreiflich machen, kein Mensch verstehen, wi* Revolutionen und Evolutionen aus den Völkern im Laufe der Zeiten einen anderen Menschenschlag mit ganz anderen Lebensverhältnissen erschaffen und selbst Ausdruck dieser Veränderung sind. Mit dem Rasseprinzip ist also keine Geschichte zu begreifen. Das würde aber noch kein Beweis gegen den Bestand der Rasse im Sinne der Nationalsozialisten sein, gäbe es sonst Tatsachen zur Unterstützung dieser Annahme. Aber diese Tatsachen existierten eben nicht, derartige Behauptungen seien reine Diktate der Nazi-Politik. Mit dem Versuch, politische Forderungen ih die Geisteswissenschaften einzuschmuggeln, geht Litt am schärfsten ins Gericht. E18 Gelehrter, der solcher Bestrebungen entgegenkäme, habe den Anspruch auf wissenschaftliche Sauberkelt verwirkt. Das sagte Litt noch 1933. Man versteht, weshalb dieser Mann gemaßregelt wurde! Nordischer oder osfischer Blinddarm T Auf einer Tagung des NSD-AerztebundeS in Königsberg-Preußen hat, wie die»Deutsch« Medizinische Wochenschrift« mitteilt, ö«r Stellvertreter des Reichsärzteführers, Df' Bartels, den Typus de» neuen Arztes»formuliert«. Er ist der Meinung, daß es für<0* Aerzte keine Spezialisierung der einzelne® Grundrassen geben dürfte, für sie gelte nuf die Frage deutschstämmlg oder fremdrassig, denn die Aerzte hätten kein Verlangen nach einer Zerreißung des deutschen Volkes l® verschiedene Grundkeime, die doch schließlich alle gemeinsam der deutschen Erde entwachsen. Man fragt sich erstaunt; was ist hier vorgegangen? Wenn die Aerzte es so entschieden ablehnen,»das deutsche Volk l® Grundkeime zu zerreißen«, muß doch an von irgendwoher die Aufforderung ergange® sein, solches zu tun. Und was heißt in sem Falle»Spezialisierung« T An höchster Stelle scheint man zu wünschen, daß oti' baltische Mandelentzündungen anders behandelt werden als dinarische, nordische B11B<1* darmrel Zungen anders als fälische. Und der ahnungslose Goethe legte seine® Mephisto die Worte in den Mund:»Der Oef* der Medizin ist leicht zu fassen!« Harmloser Kinderreim Dreht Euch nicht um! Der Klumpfuß geht um. Er scheint und schillert, Er lockt und trillert, Er funkt und zuendelt, Er schwatzt und schwindelt, Er wippt und schaukelt, Er glänzt und gaukelt, Bläst durch die Nase 'ne Seifenblase. Doch macht Ihr Euch bei,— Schwupp,— ist sie entzwei! Dreht Euch nicht um! Der Klumpfuß geht um. Dreht Euch nicht um! Der Klumpfuß geht um. Er lobt und preist, Verspricht, verheißt Arbelt und Lohn, Und führt Buch in Fron! Mit viel Gekreisch Macht er auf Fleisch Euch wässrig den Mund.— Und gibt's zur Stund Nur magere Knochen, Hat nichts er versprochen! Dreht Euch nicht um! Der Klumpfuß gebt um. Jetzt dreht Euch um! Die Wahrheit geht um. Auf leisen Sohlen Naht sie verstohlen, Schleicht unerkannt Im Bettlergewand, Zwängt sich durch Ritzen Auf Zehenspitzen, Auf dünnen blättern, In kleinsten Lettern. Nehmt sie in Hut, Und lest sie gut! Jetzt dreht Euch um! Die Wahrheit gebt um. Muckl. Verwandlung Von Bruno Brandy. Der Primaner Rolf war auf dem Heimwege. Die Schultasche baumelte wie verloren in seiner Hand, der Kopf hing nach unten. Ebne Stimme dröhnte noch in ihm, groß und schwarz drohte die Figur des Professors dahinter:»Heroisches Wollen ist bewegende Kraft unseres Daseins. Unergründ- bar waltet das Schicksal Uber uns und fordert heldisches Denken. Wir müssen wieder lernen, blutmäßlg-gennanlsch zu fühlen, im Blutopfer den Sinn unseres Lebens zu sehen...< Auswendig kannte Rolf die Litanei. Täglich hörte er das in der Schule, im Rundfunk, in der Nazlpresee. Da» dröhnte und dröhnte und betäubte im Anfang, aber allmählich wurde der Schall der neuen donnernden Worte matter; Fragen stürmten dagegen an. Heroismus: wo, wann, wozu? Heldisch denken, nun gut, aber dabei mußt« Raum sein für irgendeine notwendige Tat, sonst ging es einem wie dem kleinen Ramisch, der seinen Kameraden im kindlichen Streit ein Messer in den Bauch rannte, weil er ein Held sein wollte. Aber das verbot doch wohl einfach die Polizei! Wofür also Blutopfer? Für den»Kampf ums Dasein«, um Poeten, Stellung, Gehalt? Merkwürdig, wie das alles komisch wurde, wenn man darüber nachdachte. Wieso »Volksgemeinschaft«, Harmonie der Klassen und Stände, völkischer Gemeinschaftsgeist, wenn dieses Leben ein Kampf sein sollte?! Oder meinte man den Krieg? Aber da dröhnten wieder andere Worte dazwischen: Frieden, Friedenspakt, Freundschaft mit den Nachbarn... Rolf blieb an der Ecke stehen. Bier mußte der Professor vorbei. Er sollte Rede und Antwort stehen, einmal mußte es heraus: Warum blutiger Heldengeist, wenn ihr an die Volksgemeinschaft glaubt?! Warum Heroismus, wenn ihr mit Polen und Franzosen Friedenspakte schustert?! Was ist Wahrheit? Ich möchte ein Held sein, ich möchte heroisch leben! Wen soll ich töten? Ich habe keinen Feind und wenn ich einen hätte, schützten ihn eure Gesetze. Wer kann mein Blutopfer brauchen! Heraue mit der Sprache, Herr Professor, ich halte diese Spannung nicht mehr aus! Wenn du aber keine anderen Worte weißt, als die bekannten vom»Mythos de» unergründlichen Schicksals«, dann schwelg... Ueber die Straße hinweg schlurfte der Professor, dunkel, groß und erstaunt, als sein Schüler plötzlich neben ihir) ging. Hastig, in der Furcht, jäh unterbrochen zu werden, sprudelte Rolf seine Fragen heraus. Dann schwieg er und wartete wie auf ein Ungewltter. Der Professor war stehen geblieben, sein Hut wuchs an der Laterne empor. Hlnf seinen Augengläsern mischten sich KumW*r und Empörung.»Knabe, Knabe«, sagte**' »Du bist Uberallstisch verseucht. Du will*� durch rationails tische Vernünfteiel ergri18' den, was Dir nur der Mythos des Blute* offenbaren kann! Dir fohlt das Wichtig*1®' Dir fehlt der völkische Instinkt! Du er®*®' gelst des blutmäßig rassischen Erleben»•■■* Nahm die Hand von Rolfs Schulter und Ii®® ihn stehen. Der verwunderte sich nicht lange, d"10 solche Worte hörte und las er täglich. A«®* alle» um ihn her war so schwer, so fr®® so neblig! Traurig ging er nach setzte sich vor das Bücherbrett des Vater* griff einen schmalen Band heraus und i®*' »...Wer Wahrheit nicht einfach sagen k»8®* weiß nichts von ihr. Und sei immer trauisch gegen Menschen, die bUnden ben fordern. Wer nicht denken will, haß' Freiheit des Geiste». Die aber Ist der Höchstes, ohne sie gibt es kein Aufßr\ und keine Menschheit Wenn du den eines Staates messen willst*o frage ihn, er für die Menschlichkeit tat---* Er Ueß das Buch sinken. Welch Worte! Von weither kamen sie, au» e"1. Lande, das er einmal gekannt hatte. BeH11 »am streichelte Rolf Uber den Lei® �7 Bande». Welch glückliche, welch weis« � ten, in denen solche Bücher wuchS«8 Seine Stirn brannte, er zog den Hut da?"'1** und stieg wieder zur Straße hinab..-*77 Wort hatte sich festgebissen hinter � Stirn... Der Mittagestrom glitt durch die Ein Trupp brauner Uniformen stapft« 11 Didriung nadi Zentnern Will Vesper, der seit Je die Konkurrenz baßt. ob sie ostisch oder nordisch Ist, klagt In der Januarnummer seiner»Neuen Literatur« darüber, daß die bösen Ausländer den neudeutschen Dichtergenies nicht die nötige Bewunderung zollen. Er schreibt; »In vielen Ländern findet zur Zeit nur die jüdische Emigrantenliteratur als»deutsche Literatur« Aufnahme und Beachtung, z. B. in Italien!... Die Völker handeln mit unsrer Dichtung wie jemand, der den Apfelbaum und seine Früchte nicht mehr ■ achtet, well der Gärtner das Schmarotzergewächs. die Mistel, ausschnitt,« Den»Völkern« scheinen jene braunen Dichteräpfel eben bedenklich nach Roß- äpfeln zu schmecken. Aber Will Vesper, der Ja keinem Volk der»Wechsler und Händler« entstammt, ist mit einem originellen Vor- •chlag bei der Hand: »Wir müssen diesen Ländern deutlich machen, daß wir es solange gleichfalls ohne ihre Literatur aushalten, wie sie die unsre aussperren... Eine der wichtigsten Aufgaben für die Reichsschrifttumkammer scheint mir eine Art geistiger Planwirtschaft gegenüber und im Einverständnis mit dem Ausland, eine Art geistiger De-, vlaenkontrolle zu sein, die es verhindert, daß andre Völker sich geistig gegen Deutschland absperren und wir doch ihre Literaturen aufnehmen. Hier hätten auch die deutschen Gesandtschaften und Konsulate eine wichtige Aufgabe zu erfüllen.« Na, bravo! Gerade das hat noch gefehlt. Wir empfehlen die Aufstellung von Austauschlisten nach folgendem Muster: Ein Doppelzentner Will Vesper gegen einen Zentner Pirandello Ein Zentner Blunck gegen zwei Zentner Shaw Zwanzig Pfund Baldur von Schirach gegen zehn Pfund Galsworthy Zehn Gramm Göbbels gegen ein Gramm Sinclair Lewis. Und wenn die verdammten Ausländer die Oöbbels'schen Dichtwerke nicht schlucken Wollen, dann sollen sie sich ihre Lagerlöf, tbren Unamuno, ihren H. G. Wells, ihren Dos Passos in Gottes Namen behalten! UdgA iim UShstlttHtttidti »Unzulängliche Ausbildung« Selbst In der»Deutschen Juristenzeitungc, die nach der Kaltstellung ihres ehemaligen Herausgebers, des Senatspräsidenten a. D. Baumbach, brav nach der Regierungspfeife tanzen pflegt, beklagt sich Prof. Dr. Hlsch, München, In einem Aufsatze über Zivilprozeß-Reform, daß die Ausbildung der Jimgen Juristen immer mangelhafter werde. Br achreibt: »Eine Tatsache muß ernste Besorgnis hervorrufen. Die Relchsjustlzauablldungs- ordnung hat es für richtig gehalten, die •Anforderungen der L Staatsprüfung auf' 'He„Grundsätze des Verfahrensrechts" zu' beschränken. Die bevorstehende Studienordnung scheint demgemäß das Verfah- fenarechts im akademischen Unterricht stark zurückdrängen zu wollen. Werden aolche Pläne verwirklicht, so Ist zu befürchten, daß letzten Endes unsre künfti- Jen Richter und Rechtsanwälte auf dem für die Volksnähe des Rechtes so Uberaua Ueberau, auf allen Stationen ruft der Mensch den Namen der Station. Selbst des Nachts, wo sonst nur Diebe munkeln, hört man: Kötsachenbroda, Hchrlmm, Kamenz, siebt man Augen, Knöpfe, Fenster funkeln; kein. Statiönchen ist so klein— man nennt's!... Christian Morgenstern: Palmström. „Kötzschenbroda, Stadtgemeinde mit 17.500 Einwohnern, an der Elbe bei Dresden in der sogenannten„Lößnitz" gelegen. Wein-, Obst- und Gemüsebau, Erdbeer- und Spargelhandel." In der Geschichte taucht sein Name nur einmal auf: im August 1645 wurde hier der erste Waffenstillstand des Dreißigjährigen Krieges abgeschlossen. Die Schweden unter Torstenson und Banör hatten den wettim- schen Kurfürsten dazu gezwungen. Der Neutralitätsvertrag von Kötzschenbroda befreite Kursachsen von der tätigen Teilnahme am Kriege, räumte aber den Schweden Leipzig und Torgau ein und gab ihnen das Land für den Durchmarsch nach Böhmen frei; die Belagerung von Brünn durch Torstenson 1646 und die Eroberung der Prager Kleinseite durch den schwedischen General Königsmark 1648 war dadurch möglich geworden. Kötzschenbroda, Im Volksmunde kurz „Kötzschbr" genannt, ist slawischen Ursprungs; die Sorbenwenden haben zwischen dem 6. und 10. Jahrhundert im Elbtal gesiedelt. Der Name soll„Ziegenfurt" bedeuten. Das ist schon möglich; die Sprache der Wenden ist dem Tschechischen nahe verwandt und auf tschechisch heißt Ja koza= die Ziege und brod= die Furt, also: kozi brod= Ziegenfurt. Ist das der Grund, daß heute ein Krieg um Kotzschenbroda entbrennt? Kötzschenbroda hat sozusagen keine arische Großmut- tert. Aber das ist es nicht allein, denn sonst müßte man ja in Sachsen, in der Mark und in anderen Gegenden Deutschlands massenhaft Orte umtaufen, deren Namen alle auf slawischen Ursprung zurückgehen. Gegenüber von Kötzschenbroda liegt zum Beispiel Cossebaude. Auf tschechisch beißt kosa(mit s zum | Unterschied von koza)= die Sense und bouda= die Bude, die Hütte; tatsächlich hausten in Gosebudi, wie der Ort in alten Urkunden geschrieben steht, die slawischen Schnitter, die nach der germanischen Eroberung dem Burgwart von Woz, dem heuti- 1 gen Weißtropp, hörig waren. Soll sich Cossebaude seiner nichtarischen Herkunft weniger ! schämen müssen als Kötzschenbroda? Also. wenn schon, denn schon— wie wäre mit einer Austreibung aller slawischen Ortsnamen aus Deutschlands Gauen? Es gäbe einen Riesenspaß für die ganze Welt! Tatsächlich soll der Name Kötzschenbroda getilgt werden. Das hat noch einen anderen Grund. Der Name klingt nichtsächsischen Ohren ulkig; wenn die Komiker nicht Pose- mukel sagen wollen, sagen sie der Abwechslung halber Kötzschenbroda, und sogar dem Dichter Christian Morgenstern kam der Name für einen Spaß gelegen. Und darum, wirklich darum soll der slawische Name verschwinden; Kötzschenbroda soll mit der unmittelbar benachbarten Stadtgemeinde Radebeul zusammengelegt werden und künftig mit ihr gemeinsam diesen Namen tragen. Radebeul— der Zusammenhang mit dem germanischen Worte Rodung ist handgreiflich: aber beul?— bilä= die weiße Rodung? Auf dem weißen Elbsande? Das wäre ja wieder slawisch! Tatsächlich gibt es im Böhmischen, bei Leitmeritz eine Radebeule; Raobil heißt der Berg auf tschechischen Karten. Man hats nicht leicht in Wotans Reich. Jedenfalls war die Verschmelzung beider Stadtgemeinden unter dem Namen Radebeui schon zu gut wie beschlossene Sache. Die braunen Stadtvertretungen waren sich einig. Die Meldezettel für das Adreßbuch 1935 trugen schon die Uebergangsbezeichnung: Radebeul, Ortsteil Kötzschenbroda. Und auch sonst war alles schön in Ordnung. Der Jetzige erste Bürgermeister von Kötzschenbroda, Dr. Bnm- ner, soll nach der Vereinigung zweiter Bürgermeister werden— er ist der studierte Jurist, also ein Intellektueller. Der jetzige erste Bürgermeister von Radebeul, Severit, soll erster bleiben— er ist Weinreisender. Aber er ist mehr: er ist ein Duzfreund Mutscbmanns! Nun meckern die Kötzschenbrodaer: die vorgesehene Rangordnung habe nichts mit dem Parteibuch zu tun; das sei nur so geplant, well der erste Bürgermeister doch bei Empfängen, Festlichkeiten usw. repräsentieren müsse und ein Weinreisender sicher trinkfester sei. Doch es blieb nicht beim Meckern. Die Kötzschenbrodaer Lokalpatrioten ergrimmten. Sie wollen nicht von Radebeul verschluckt werden. Ihre Stadt ist die ältere; sie„bat Geschichte"— siehe 1645. Und sie ist die größere— Radebeul hat nur 12.400 Einwohner. Allerdings: es hat Karl Mays Villa „Shatterhand" mit dem Indianermuseum, und wenn man bedenkt, daß Karl May der Lieb- Ungsautor des„Führers" ist, so fällt das schwer ins Gewicht; es wiegt die schäbige Urkunde von 1645 um ein Vielfaches auf. Doch die Kötzschenbrodaer Patrioten meutern trotzdem. Sie führen einen emsigen Frosch- Mäusekrieg um ihre Existenz als Kötzschenbrodaer und haben sogar eine Deputation gewählt und nach Berlin geschickt, die bis zum „Führer" vorgedrungen sein soll. Erfolg: die Sache ist an dem Reichsinnenminister Friek verwiesen und die Entscheidung ist einstweilen bis zum 1. April dieses Jahres vertagt worden. So ist es zunächst zum zweitenmale in der Weltgeschichte zu einem Waffenstillstand von Kötzschenbroda gekommen, und vorläufig rufen die Schaffner noch immer „dank des Dampfs verbindender Tendenz" den Namen der Station: Kötzscbenbroda...! Wohl der Stadt, die Gott tut so belohne»; nicht im Stein nur lebt sie, auch im t6b! Täglich vielmals wird sie laut verkündet und dem Hirn des Passagiers verkündet. Manfred. wichtigen Gebiet des Prozesses eine völlig unzulängliche Ausbildung erfahren.« Der Professor greift sich ein Gebiet heraus — er könnte mit demselben Recht verallgemeinern. Nicht nur das Verfahrens recht wird im akademischen Unterricht zurückgedrängt, sondern der ganze akademische Unterricht schrumpft immer mehr zu einem Anhängsel des militärischen, pcrfl tischen und rassistischen Drills zusammen. Kandidaten der Jurisprudenz berichten, daß in den Prüfungen die verrücktesten Fragen an der Tagesordnung sind, daß z. B.— im juristischen Examen!— das Thema:»Warum sind wir Antisemiten?« sehr beliebt ist und oft gewählt wird. Nicht nur den Professor Kisch erfüllt »ernste Besorgnis«, sondern alle wissenschaftlich ernst zu nehmenden Lehrer und Professoren sind längst zu der Ueberzeugung gekommen, daß der Weg der Jugend in Unwissenheit, Sturheit, Rohheit und Verderbnis führt, wenn mit der» na tionalaozias tischen Pädagogik« nicht bald aufgeräumt wird. Täfflich Brot mit Vorschuß Arthur Dinter, altbewährter Antisemit, gegenwärtig der Gründer und Leiter einer Sekte, die sich„Deutsche Volksklrcbe" nennt, hat das Vaterunser gereinigt, und druckt das aufgenordete Gebet in seiner Zeitschrift an. Die vierte Bitte überrascht durch Originalität, sie lautet: „Unser Brot für morgen gib uns heute.' Vorsichtige Leute sind das! Sie haben von den Führern gelernt, daß es in Jedem Fau besser ist, beizeiten in die Scheuern zu sammeln und das eigene Schicksal nicht zu sehr in Gottes Vaterband zu legen. Die grosse Angst Die»Reichsstelle für deutsches Schrifttum« hat eine Verfügung an die Leihbüchereien erlassen, in der es beißt: »Nationalsozialistische Sehriften und Bieber sind nach der Rückgabe durch dft Kunden auf Randbemerkungen nachzusehe»; Jeder Verleiher handelt nachlässig und soft sich unter Umständen großen Unannehmlichkeiten aus, wenn er das nationalsozialistisehe Schrifttum seiner Bücherei nicht unter strenger Kontrolle hält und nicht verhütet, daß herabsetzende Bemerkungen weiter verbreitet werden.« Die armen Leihbibliotheken-Besitzer! Wieviel tausend Seiten sie täglich zu durchschnüffeln haben, um den»herabsetze odsn Bemerkungen« auf die Spur zu kommen. Pflaster und sang ein Lied von Blut und Tod. Da plötzlich stand ein Jüngling auf- ßereckt am Rande der Straße und rief:»Es �'»e die Menschlichkeit!« Die Menge staute •eh, die Menschen reckten verwundert die ein Wunder am hellichten Tag war •tischen ihnen, hunderte Augen blickten er- •ch rocken und aufgerissen— noch einmal noch einmal rief der Junge Mensch das •"»erhörte Wort. Aber da sprangen auch •c�on braune Uniformen durchs Gewühl, deckten den Rufer, schlugen ihn, er schlug 0111 aller Kraft zurück, bis ihm der Blick dunkel wurde. Als er aus der Betäubung erwachte, sah w graue Wände und ein vergittertes Fenster. Kopf schmerzte. Blut rann unter einem Verbände hervor. Eine Stunde später stand •Uch sein Professor in der Zelle, verschränkte 5le Arme und sagte:»Knabe, Knabe, was "••t Du getan!« »Ich habe für ein großes Wort gekämpft. Icl» habe heroisch gehandelt, wie Sie es mich Wehrt.« »Ein Unwürdiger bist Du! Das Wort der PWfi8ten hast Du ausgerufen, den neuen 8Uat hast Du verhöhnt... Unterbrich mich �t! Hüte Dich vor diesem Wege, er führt *Urch Kerker und Konzentrationslager, er zum Galgen!« Hie Augen des Jungen glommen hell auf. 'Mao sind die Heroischen heute gefangen, sind p Kerker, werden gefoltert, also ist es die ü8e und die Feigheit, die uns regiert, dachte *r und wollte sich auf den Lehrer stürzen. Belle und dunkle Ringe tanzten um Rolfs �ugen-- und ja geschah die Verwand- •"»gi Kleiner und kleiner schrumpfte der Andere zusammen, wischte Schweiß mit einem großen Tuche, seine Augen zwinkerten, seine Nase wurde schiefer, die Lippen mümmelten hilflos, der Zwicker überschattete das fliehende Gesicht, die Beine knickten sacht in den Knieen, so winzig wurde er, daß Rolf lachen mußte— und so, in sich verkrochen und ängstlich, schwand das Männchen durch die Tür. Die huppende Großmuttfer Keine Sorge, diesmal ist nicht von Groß- mütterleina Rasse die Rede. Ueber die hier in Frage stehende Großmutter haben bereits unsere Mütter gelacht; denn sie ist eine zwar bemitleidenswerte, gleichwohl nicht ernsthafte Person. Erkundigt Buch nach ihr bei den Salonkomikern, die in vergangenen harmlosen Zeiten ein noch harmloseres Publikum. koste es was es wolle, zum Lachen zu bringen hatten. Hängt mich, falls einer von ihnen diese Großmutter nicht auf dem Repertotr hatte, die blinde Greisin, die vom kleinen Enkel Uber die Straße geführt wird. An Jeder Bordschwelle mahnt der Knirps:»Großmutter, hupp!«,— und dl« Oreisla huppt Dem Bengel macht das Vergnügen und er läßt die Großmutter all« paar Schritt huppen, auch wenn keinerlei Hindernis im Weg liegt. Dann taucht die Moral auf in Gestalt eines scheltenden Erwachsenen, aber der Bengel erwidert keck: Lieber Herr, ach, sein Sie still, Denn die Großmutter, die is meene, Die kann ich huppen lassen, wann ich will! Ein harmloser Scherz! Ganz harmlos doch nicht Die rohe Verulkung einer Blinden wird nur gerade erträglieh, weil ihr Urheber ein Kind und die Wirkung unbedeutend ist. Würden wir mit Lachen reagieren, wenn ein Erwachsener eine Blinde ins Wasser springen ließe? Das deutsche Volk ist seit zwei Jahren blind gemacht worden. Es darf nichts mehr mit eigenen Augen sehen. Es ist hilflos auf das angewiesen, was seine»Führer«— kann es eine bessere Charakteristik der Blindheit eines ganzen Volkes geben als diese Titulatur »Führer«— ihm sagen. Die rufen, wenn ihnen irgend ein Hindernis auf der Bahn ihrer Politik begegnet:»Großmutter, hupp!«— Das ist das Signal für die Nation, um in Cntsetzliob« moralische Entrüstung zu geraten. Nur weiß man nie, ob wirklich ein Obstakulum auf dem Weg gelegen war. Die Führer rufen verdächtig oft:»Großmutter, hupp!« ImOroßen wie im Kleinen. Die Volksseele muß pflichtschuldigst Uber einen Reich- bankrat ins Kochen geraten, der bartherzig einen Mieter wegen drei Mark exmittiert habe: nur lag in Wirklichkeit der Fall ganz anders. Doch die blinde Großmutter huppt und wirft dem Bösewicht die Scheiben ein. Führer der SA und SS werden gekillt; »Großmutter, hupp, es waren homosexuelle Schweinehunde!«— Großmutter huppt. Am gefährlichsten ist das Spiel in der Außenpolitik. Man läßt Großmütterlein Volksseele huppen gestern gegen Polen, heute für Polen, heute gegen Frankreich, morgen für Frankreich, gestern für Italien, heule gegen Italien. Die blinde Großmutter sieht nichts, sie huppt gehorsam, wie man'« ihr sagt. Gestern waren die Franzosen ver- negerte Bastarde, gestern galt es als Schande, mit»Polacken« an einen Tisch gesetzt au werden,— heute sind diese Bundesgenossesi, mit Jenen möchte man's werden. Großmütterlein huppt wie gebeißen. Wegen der Saarabstimmung wird man vielleicht einen großen Entrüstungsrummel inszenieren, vielleicht wird man abwiegeln. Das blinde Großmütter- letn weiß nur, was man ihm zu sagen für gut befinden wird, und dementsprechend wind es huppen,— in den Frieden oder— den Krieg! Blindes, huppendes Großmütterlein Deutschland. was bist Du doch eine tragische und — dreimal lächerliche Figur! MueM. Deutsch' and lacht An der Nordsee wird eine neue große Textilfabrik gebaut. Man bat ein Verfahren zur textilen Verarbeitung des Seetangs erfunden.»Tangstra« wird der neue Faserstoäf genannt Es sollen Tangstra-Oewebe in drei Qualitäten erzeugt werden: 1. Hirngespinst 3. Lügengewebe. S. Leichentuch. Lächle« Betrogener! Ein Inserat in deutschen Blättern lautet: »Auch Sie lachen Tränen beim neuesten Unterhaltungsspiel: Kleiner Mann— was nun?« Gewiß, die Bonzen werden Tränen lachen! Der kleine braune Mann indessen weint sie— trotz dieses»neuesten Unterhaltungsspiels«. Wankende Arbeitsfront Hergherren-OrgaiiisatioB besieht weiter Während der Ley noch auf Reisen Ist, um Betriebsappelle zu proben, wird zu Hause seine Arbeitsfront in Ordnung gebracht. Br selbst war erst kürzlich vom Führer und Stabsleiter der DAF zum Reichsorganisationsleiter hinabbefördert worden. Jetzt läßt Schacht— im Namen von Ley— verlautbaren, daß der bisherige Führer des Reichsstandes des deutschen Handwerks und des deutschen Handels, Dr. Adrian von R e n t e 1 n, zum Stabsleiter der Arbeitsfront avanciert ist. Diese Berufung eines der Agitatoren des»Kampfbundes für den gewerblichen Mittelstand« an die Spitze der Arbeitsfront sollte auch bei den naivsten Nazis jeden Zweifel über die Art der im Gang befind- lichen Reorganisation beseitigen. Seit Beginn 1935 bat auch die Deutsche Angestell- tenschaft, deren Auflösung ihr Leiter A 1- bert Forster, früherer Geschäftsführer des Deutschnationalen Handlungsgehilfenverbandes, vergeblich zu verschleppen gesucht hatte, aufgehört zu bestehen. Die Tageszeitung des Ley,»Der Deutsche«, geht diesen Monat gleichfalls ihrem Ende entgegen. Aber auch die Fach- und Berufszeitschriften der einzelnen Reichsbetriebsgemeinschaften, die immer noch gelegentlich ein Wort über Unternehmerausbeutung gewagt haben, werden entwaffnet. Alle Einzelverlage der aus den früheren Gewerkschaften in die Arbeitsfront übergegangenen Arbeiterzeitungen werden in einem Zentralverband der DAF konzentriert. Die Redaktionen der Berufsblätter werden in einem zentralen Presseamt zusammengefaßt, dessen Leitung Herr Bialla vom»Arbeiter- tum« übernimmt. Ein»Informationsdienst« soll für die Uniformierung aller Arbeiterzeitschriften und der- Werkszeitungen sorgen. Das Rauschen im Blätterwald der Arbeitsfront hat also die längste Zeit gedauert. Das Organ der Reichsbetriebsgemeinschaft Bergbau,»Deutscher Bergbau«, vom 5. Januar 1934 singt noch einen Schwanengesang gegen den Verein für die bergbaulichen Interessen. Der»Deutsche Bergbau« stellt fest, daß sich der Durchdringung der Betriebe mit dem neuen Geist der Gemeinschaft»immer wieder irgendein gewisses, undefinierbares Etwas hindernd in den Weg gestellt habe. »Wir sagten uns aber, es gibt doch keine Arbeltgeberverbände mehr, die sind doch samt und sonders aufgelöst. Aber dennoch mußte eine Stelle da sein, die regelmäßig den einzelnen Werken Informationen und Tips angab---- was ganz und gar dem Geist des Gesetzes zur Ordnung der nationalen Arbelt widerspricht____ daß solche Bestrebungen vom Verein für die bergbaulichen Interessen, Sitz Essen, ausgeben könnten, kam uns vorderhand nicht in den Sinn.« Dieser Verein sei, so meint das Blatt, nur deshalb nicht aufgelöst worden, well es sich bei ihm»nicht um einen Arbeitgebe nrer- band, sondern um eine Vereinigung handelte, die wissenschaftlichen Interessen des Ruhrbergbaues dienen sollte.« Das Blatt der Bergarbeiter im Dritten Reich sagt verwundert, m hätte dem Verein für die bergbaulichen Interessen nie zugetraut, daß er sich»auf Seitenwege begeben und in liberalistische Tendenzen zurückfallen könnte«. Wie aus allen Wolken gefallen, frägt der»Deutsche Bergbau« hinsichtlich der wissenschaftlichen Forschungsarbeit auf dem Gebiete der Bergbautechnik und Kohlenveredlung: »Was hat zum Beispiel das Rundschreiben Nr. 139 vom 2. November 1934 der oben erwähnten Vereinigung mit Wissenschaft zu tun, wenn man sich mit der Beitragseinziehung der Arbeitsfront befaßt.« Dann wird auf das furchtbare Unglück auf der Schachtanlage 45 der Gewerkschaft Vereinigte Constantin der Große in Herne verwiesen. Durch Schweißen unter Tage, das man auf dieser Anlage ohne Wissen der Bergbaubehörde betrieben hatte, waren bei einer Schlagwetterkatastrophe neun Bergleute ums Leben gekommen. Der zuständige Be rghauptm arm von Dortmund hatte dann auf Grund eingehender Untersuchungen eine Verfügung an die Bergrevierbeamten erlassen. die sich gegen die Verwendung von Schweißgeräten und Lötlampen unter Tage richtet Da diese Verfügung»den Herren vom Verein für die bergbaulichen Interessen nicht in den Kram zu passen schien«, gaben sie am 16. November ein Rundschreiben gegen den Dortmunder Bergbauhauptmann heraus, das im»Deutschen Bergbau« im Wortlaut abgedruckt Ist. Es wird darin erklärt, daß das Verwendungsverbot von Schneidbrennern, Schweißgeräten und Lötlampen unter Tage Schwierigkeiten bereiten würde, dann heißt es wörtlich: »Es ist deshalb notwendig, dem Oberbergamt den Nachweis zu erbringen, daß zu manchen Arbeiten die Schneid-, Schweiß- und Lötgeräte nicht entbehrt werden können, wenn Betriebsunterbrechungen vermieden werden sollen.« Dann werden in einem Fragebogen Angaben über die Streckenlänge der geschweißten Schienen, die Länge der geschweißten Niederdruckleitungen usw. verlangt. Das Rundschreiben und die ganze Erhebung haben den Zweck, die Verfügung des nationalsozialistischen Aufsichtsbeamten schnellstens wieder zu beseitigen. Es ist den Grubengewaltigen völlig gleichgültig, ob die Gefahrenquellen, die ihren Bergsklaven immer wieder das Leben kosten, weiter bestehen, die Hauptsache bleibt, daß der Profit nicht durch bergbau- polizelliche Vorschriften nicht geschmälert werden darf. Das Nazi- Be rga rbei terorgan bezweifelt den wissenschaftlichen Charakter solcher Aktionen der bergbaulichen Vereine und schreibt; »Wissenschaft hat nur dem Wohl des Volke« zu dienen. Wenn sie jedoch dazu da sein soll, einseitigen Interessen zu dienen, kann man nicht mehr von Wissenschaft sprechen, sondern höchstens noch von„wissenschaftlich verbrämtem Egoismus".« i Die braunen Arbelterverräter sollten es auf- ' geben, noch länger ihre Unzufriedenheit mit ' solchen Vorkommnissen zu äußern. Es war vorauszusehen, daß die ganze Bergbaupolizei i machtlos sein wird, wenn auf Arbeiterselte keinerlei Organisationskraft mehr vorhanden i ist, die für die Innehaltung der Sicherheits- | Vorschriften Sorge trägt. Der»wissen- | schaftliche« Verein für die bergbaulichen I Interessen, d. h. für die Unternehmerinteressen, pfeift auf das Leben der Bergsklaven, | wenn der Profit in Frage steht. Jetzt, nachdem die Bergleute schutzlos solch vermeidbaren Grubenkatastrophen aus- ' geliefert sind, wirft die Reichsbetriebsgeraein- schaft die Frage auf, ob es überhaupt»recht ist«, daß sich der bergbauliche Verein um wirtschaftliche Dinge kümmert, er sollte sich auf seine wissenschaftliche Forschungsarbeit beschränken. Jetzt, nachdem Adolf Hitler der Gefangene der Schwerindustrie geworden ist, schreibt der»Deutsche Bergbau«: »Bedenkt man weiterhin, daß durch die Verordnung unseres Führers vohi 24. Oktober 1934 der Deutschen Arbeitsfront die Klärung aller sozialen Fragen übertragen wurde, dann bleibt unter Berücksichtigung dieser Umstände für den V. f. d. b. J. nur noch die rein wissenschaftliche Arbeit übrig... Wir glauben anneümen zu dürfen, daß diese Sachlage den einzelnen Ver antwortlichen bislang kaum zum Bewußtsein gekommen ist, so daß kern böser Wille vorlieget.« Die unverantwortlich Verantwortlichen im Dritten Reich haben nur den einen Willen, willige Lakeien des Großkapitals zu sein. Ob das ein guter oder böser Wille ist, werden die Amtswalter der Reichsbetriebsgemein- schafj Bergbau wahrscheinlich erst begriffen haben, wenn sie selbst und ihre nationalsozialistischen Bergrevierbeamten vom»wissenschaftlichen« bergbaulichen Verein gänzlich zum Teufel gejagt sind. Ihre Berufung auf die Sozialverfassung Adolf Hitlers vom 24. Oktober 1934 zeigt nur, daß die Bcrg- herren»den Führer« besser kennen, als Nazifunktionäre in der Arbeitsfront, die noch vom Arbeitsschutz faseln. Solche Irrtümer in der Beurteilung des Führerwillens und der guten Absichten des Vereins für die bergbaulichen Interessen dürften freilich dem»Deutschen Bergbau« in Zukunft nicht mehr unterlaufen. Das neue Presseamt der Deutschen Arbeitsfront unter Leitung Adrians von Renteln wird für die ausreichende Einheitlichkeit in der Wahrnehmung des neuen Gemeinschaftsgedankens zu sorgen wissen. Yerllwdite MensdiHdikeit Die Niedertracht der Juden kennt keine Grenzen. Der biedere ehrliche»Friderlcus« de* Herrn F. C. Holtz ist soeben einer neuen semitiachen Ruchlosigkeit auf die Spur gekommen. In Hamburg an der Elbe lebt ein alter wetterfester lettischer Seemann, der zeitlebens auf englischen Schiffen gefahren war. Er war in keiner Krankenkasse, in keiner Invaliden- und Unfallversicherung. Eines Tages passierte dem lettischen Seemann ein Malheur. Er zog sich ein Bruch- leiden zu. Der Arme, der wegen seines Leidens nicht anmustern konnte, lief von Pontius bis Pilatus, um sich den Bruch wegoperieren zu lassen. Aber da er kein Geld hatte, wurde er sanft, aber eindringlich aus jedem Krankenhaus hinauskomplimentiert. Er bettelte, er flehte— umsonst. Man zuckte die Achseln, rief zackig»Heü Hitler!« und bedeutete dem Letten, daß es wider den Sinn der Volksgemeinschaft sei, Ausländer kostenlos zu behandeln. Er solle sich gefälligst an seinen Konsul wenden. Der arme Matrose ging endlich zum Jüdischen Krankenhaus. Dort warf man den mittellosen lettischen Proletarier nicht etwa kurz angebunden hinaus, man hat ihn vielmehr operiert, gut verpflegt und völlig wieder hergestellt, ohne auch nur einen roten Heller von ihm zu verlangen. Diese Untat kommentiert der»Fridericus« nun mit folgenden klassischen Sätzen: »Seitdem läuft dieser lettische Seemann überall umher und erzählt, was die Juden für außerordentlich gute Menschen seien, während die Hilfsbereitschaft der Deutschen sehr zu wünschen übrig lasse. Höchstwahrscheinlich hätten die Juden den Seemann nicht umsonst behandelt, wenn nicht von den deutschen Krankenkassenanstalten eine kostenlose Behandlung abgelehnt worden wäre... Man sollte Mittel und Wege finden, eine derartige jüdische Propaganda zu unterbinden!« Daß aber der»Fridericus« die Staatsgewalt dazu auffordert, gegen»diese Art« der jüdischen Propaganda einzuschreiten, sagt Uber das moralische Klima Hitlerdeutschlands alles. »Schlagt sie tot, sie weigern sich, Barbaren zu sein!« so also lautet die neue Variante des Antisemitismus. Pierre. TreuhHnder— aber für wen? Im Gesetz zur Ordnung der nationalen Arbelt ist die Einrichtung der Treuhänder als Beschwerdestelle für den Betriebsführer und seine Gefolgschaft verankert worden. Für alle Streitfälle, die sich nicht im Betriebe beilegen lassen, soll der Treuhänder die Entscheidung herbeiführen. Es war von Anfang an kein Zweifel darüber, daß diese Treuhänder zuverlässige Schützer der privatkapitalistischen Interessen sein würden. Das kam schon in den für diese Posten berufenen Personen zum Ausdruck, unter denen sich u. a. auch der Schwerkapitalist Thyssen befindet. Bestätigt wird diese Auffassung durch die Bekanntgabe, daß bisher nur 61 Anklagen bei den Treuhändern eingereicht worden sind. Davon richteten sich 56 gegen den Unternehmer, der im nationalsozialistischen Jargon»Betriebsführer« genannt wird, 5 Anklagen gegen Arbeiter, von denen drei Vertrauensräte oder Betriebsobleute waren. In den Anklagen wurde in 22 Fällen wegen Beleidigung, häufig sogar mit Körperverletzung verbunden, und in 15 Fällen wegen unbilliger Ausnützimg der Arbeitskraft Beschwerde geführt. Natürlich hätten die Arbeiter, die früher vor den Arbeitsgerichten mit Hilfe ihrer gewerkschaftlichen Vertrauensmänner ihre sozialpolitischen und arbeitsrechtlichen Ansprüche durchfechten konnten, im Dritten Reich der Entrechtung und der verschärften Ausbeutung viel mehr Grund, sich gegen die kapitalistische WillkUr zu wehren. Aber da ihre Stellung in einem solchen Streitfall von vornherein hoffnungslos ist, verzichten sie in den meisten Fällen auf Abwehr und ertragen stumm den maßlos gesteigerten Druck. So kommt es, daß sich auch nur 5 Klagen der Unternehmer gegen die Arbeiter richten. Die Treuhänder haben 13 Urteile gefällt; 48 Anklagen sind demnach unerledigt geblieben. Unter den unerledigten befinden sich nicht die 5 Anklagen gegen die Arbeiter. Gegen sie wurde in zwei Fällen Entfernung von ihrem bisherigen Arbeitsplatz ausgesprochen, während in den anderen drei Fällen auf Verwarnung oder Verweis erkannt wurde. Außerdem wurde noch gegen 2 Unternehmer auf Verwarnung oder Verweis erkannt, gegen fünf Unternehmer Geldstrafen bis zu 1000 Mark ausgeworfen und in drei Fällen die Aberkennung der Betriebsführerrechte ausgesprochen. Diese Urteilspraxis der Treuhänder zeigt ganz deutlich, daß sie sich zuerst und in voller Schärfe gegen die Arbeiter wendet und daß sie bestenfalls nur dann einen Unternehmer trifft, wenn dieser dem nationalsozialistischen Parteiregime abwartend oder gar ablehnend gegenübersteht, j FtMk der GenossensÜNiftoil Die Erdrosselung des Genossensohaft* wesens, vor allem der Konsumgenossenschaften, nimmt ihren Fortgang. Belegt wird das durch die Feststellung der Forschungs- stelie für den Handel, die den Anteil der Genossenschaften am gesamten Umsatz des Einzelhandels in den letzten Jahren bekannt macht. Demnach betrug der prozentuale Anteil der Verbrauchergenossenschaften am Einzelhandelsumsatz 1930... 4,4 Proasot 1931... 4,5 1932... 4,2 1933... 3.4 (1. Halbjahr) 1934... 2.7 Fast im gleichen Umfang ist der Anteil der Waren- und Kaufhäuser zurückgegangen. Zu einem TeU drückt sich in dem Antail«- rückgang der Verbrauchergenossenschaften auch der stille Boykott der Genossenschaftler gegen ihre von den Nationalsozialisten g«- raubten Unternehmungen aus. Es war nichts! In dem»Wirtschaf tsplan« des Dr. Schacht spielt die Förderung der Inländischen Rohstoffproduktion eine bedeutsame Rolle. Eine besondere Unterstützung hat im letzten Jahre die Erdölgewinnung erfahren, für die die Reichsregierung viele Millionen Mark zur Verfügung stellte, um neue Oelfelder in Deutschland zu erschließen. Der Erfolg let außerordentlich mager. Zwar ist nach den Angaben des Instituts für Konjunkturforschung die Erdölgewinnung von 20.000 t im Monat 1933 auf 29.000 t im Monat 1934 ge* stiegen. Aber für den deutschen Rohöl- und Treibstoffbedarf bedeutet das so gut wie nichts. Das Institut für Konjunkturforschung selbst bemerkt zu diesen Ziffern: »Aus 29.000 t Rohöl gehen, wenn man<8® Sätze der Treibstoffausbeute beim Kracken und der Vordestillation zugrunde logt, rund 12.000 t Benzin und 2200 bis 2800 t Gasöl hervor. Bei einem Verbrauch von monatlich rund 100.000 t Benzin und 50 bis 60.000* Gasöl beträgt der AnteU der aus deutschem Erdöl erzeugten Brennstoffe, also nur 12 bezw. 4 Prozent. Am gesamten Treibstoff- verbrauch des Jahres 1934 dürften die au* deutschem Erdöl gewonnenen Treibniittel mit etwa 6 bis 7 Prozent beteiligt sein gegenüber 6 Prozent im Jahre 1933 und 6 Prozent im Jahre 1932.« Da kann man schon von einem glatten Mißerfolg sprechen, wenn für die vielen Millionen Reichsmark nur eine Steigerung der Treibmittelgewinnung aus deutschem Erdöl von nicht einmal 2 Prozent erreicht werden konnte! Wobei außerdem nicht vergessen werden darf, daß die Produktionskosten naglelcb viel höher sind als für die auetändlschen Treibmittel. Herausgeber: Ernst Sattler; verantwortlicher Redakteur: Wenzel Horn. Druck:»G r a p b i a«; alle in Karlsbad. Zeitungatarif bew. m. P. D. ZI. 159.334/VII-1933, Der»Neue Vorwärts« kostet Im EinW1* verkauf innerhalb der CSR. Kö 1.40(für Quartal bei freier Zustellung KC 18.—). der Einzelnummer Im Ausland Kö 2.— 24.— für das Quartal) oder deren Gegenwerf in der Landeswährung(die Bezugspreise fü* das Quartal stehen In Klammern): Argentinien Pes. 0.30(3.60), Belgien Frs. 2.—(24.—), garien Lew 8.—(96.—), Danzig Guld. 03. (3.60), Deutschland Mk. 0.25(3.—), Estlan0 E. Kr. 9.22(2.64), Finnland Fmk. 4.—(48.—'' Frankreich Frs. 1.50(18.—). Großbritannien d 4.—(Sh. 4.—), Holland Gld. 0.15(1.80). W®! lien Lir. 1.10(13.20), Jugoslawien Dln. (54.—). Lettland Lat. 0.30(3.60), Utauen 450 Ut- 0.55(6.60), Luxemburg B. Frs. 2.—(24—'' Norwegen Kr. 0.35(4.20), Oesterreich 0.40(4.80). Palästina P. Pf. 0.018(0.21®� Polen Zloty 0.50(6.—), Portugal Esc.•• (24.—). Rumänien Lei 10.—(120.—), Sa»* gebiet F. 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