ivacn aar noimsKauon zweite nunage \p.87 SOIViVTAG, iO. Februnr 193S (SostatogmflImKfcfos ü>od)cnt>latf Verlag; Karlsbad. Haus„Graphia"— Preise und Bezugsbedingungen siehe Beiblatt letzte Seite Aus dem Inhalt: Was gelten Pakte mit Hakenkreuz-Siegel? Mehr Autos! aber— weniger Brot! Hitler in USA! Was wird aus den Saar- Emigranten? 1 Das Londoner Abkommen und der verhandlungsbereite Hitler Die finanziellen und die militärischen �Stimmungen des Vertrages von Versailles haben gerade dazu gereicht, die deutsche Republik zugrunde zu richten. Nachdem sie diese Funktion erfüllt haben, sind 8'e zu nichts mehr nütze. Alle diese Ar- �el über Reparationen, Okku- tstlonen, Kontrollkommissio- �enund Sanktionen, die die Staatsmänner der Republik zur Verzweiflung hieben, deren Ausführung Putsche, Auf- 8�ände und Attentate hervorrief, sind heu- m ohne jede Bedeutung. Das gilt ganz besonders für den Teil V des Vertrags, der <�e Bestimmungen über die Land-, See- "nd Luftstreitkräfte enthält Jetzt haben •mh Frankreich und England darauf ge- «migt. seine»Abänderung« ins Auge S11 fassen. Man kann aber nicht»abändern«, was nicht mehr existiert. Kampf gegen den Vertrag von Verlies ist von allen deutschen Regierungen geführt worden, und immer war es so, daß S'uckliche Nachfolger ernteten, wo unglückliche Vorgänger gesät hatten. Wenn unter Brüning die Besetzung ver- �bwand, so war das ein Erfolg Hennann 1 1 1 e r s. Wenn unter Papen der Young- P'mi außer Kraft gesetzt und eine Schluß- �'ung von drei Milliarden vereinbart �ürde— die natürlich auch nicht geleistet �frden ist— so war das ein Erfolg r Ü n i n g s. Wenn unter Schleicher die Prinzipielle Gleichberechtigung auch auf militärischem Gebiet erreicht wurde, so das wiederum ein Erfolg aller frühe- Regierungen, ganz besonders Hermann ü Hers, der im Jahre 1928 in Genf närfer als irgend ein deutscher Kanzler oder nach ihm für Deutschlands richberechtlgung eingetreten war. Der entscheidende Stoß gegen die mill- �"chen Bestimmungen des Vertrags war Jj®1"»chon viel früher geführt worden, "ämiich Im Jahre 1925 In Locarno. v arna's wurde der entscheidend wichtige v erte Abschnitt außer Kraft gesetzt, der 0n den Interalliierten Kontrollkommissio- 611 handelt. In der ersten Zeit war es so •Thesen, daß Kommissionen von Einten te- fizleren durch ganz Deutschland rei- ü. überall Untersuchungen anstellten � ü Anordnungen �rafen. Dann kam der ührkrlegi und von da ab waren der- Kontrollfahrten, die an die Selbst- /m�Plin des deutschen Volkes die härte- Kiß0 �«lenmgen stellten, nicht mehr glich. In Locarno vereinbarte man so- daß an die Stelle des Kontrollrechts Entente das sogenannte»Investigations- des Völkerbundes treten v � Untersuchungen waren nur noch .'zunehmen, wenn der Völkerbundsrat sie . �hloß. Ein Jahr später saß Deutsch- � selbst im Rat! 0n da ab hing es lediglich vom guten ladas amerikanische Repräsentantenhaus hat bekanntlich im Vorjahre(unter dem Vor- des Abgeordneten Dlcksteln) einen Ausschuß eingesetzt, der die Nazi-Umtriebe in USA. feststellen und aufdecken soll. Die Ar- heit dieses Ausschusses ist—» obwohl man sehr eifrig und ganz unbürokratisch bei der ist— noch immer nicht beendet Sie stößt immer wieder auf enorme Schwierigkeiten: Es sind die bekannten Hindernisse 'ter Sabotage durch Sympathisierende oder gar Mithelfer. Noch hat die Dicksteln-Kom- ■nission nicht ein abschließendes Wort gesprochen und doch weiß man schon, daß Ihre bisherigen Ermittlungen bereits sensationelle Ergebnisse hatten: Mit der gleichen Skrupel- �•slgkeit und Demagogie, mit der die Nazis ''nat daheim den Staat unterminierten, sind sie auch jetzt in Amerika dabei, sich überall zerfressend und unterwühlend einzunisten und fort einzudringen, von wo aus man auf tausend Wegen zum Ziel gelangen kann. Geld steht ihnen offenbar noch Immer in großen Mengen zur Verfügimg. fo wachsam die USA.-Behörden Im letzten Jahr auch waren, ist es doch Göbbeis gelun- gau, ein Riesenheer von Agenten In das Land einzuschmuggeln und über alle Staaten zu Verteilen. Eigentlich hat es schon nach dem ersten Wahlsieg der Nazis im Jahre 1933 begonnen. Eereits damals erschienen Abgesandte der �SDAP in Amerika, Oberhaupt der Propa- ganda war zu jener Zelt ein gewisser Ernst Eüdecke, ein— wie sich später heraus- * bellte— vielfach Vorbestrafter, was Ihn Wlerdings qualifizierte, Korrespondent des '.Völklachen Beobachters" zu sein und sich überall als zukünftigen deutschen Botschafter �zuspielen. LUdecke gelang es. einige Begehungen zu gewinnen. So zum Beispiel die Abgeordneten Mac Faddan von Pennsylvanien foö Banton von Texas, die In der Folge aus bbren Sympathien für Hitler keinen Hehl "fochten, Lüdecke mußte, da man sich mit foihem Vorleben etwas näher zu beschäftigen t>*gana, 1933 aus Amerika versehwinden. Sein Nachfolger Im Oberbefehl wurde ein gewto- 4er— unseren Leeern nicht mehr unbekann- �— Hein« Spanknöbel aus Detroit, foh» dann von der Berliner Propaganda-Zen- jfoi« noch ein Doktor Nieland aus Hamburg, Eaiter der natlonalsoriallstlschen Auslands- �belt, als Aufseher beigegeben wurde. Beide �Ogen nun— Inzwischen war Ja Deutsch- fohd Beute de« Hltlerlsmus geworden— mit Mitteln, die Ihnen In reichstem Maße Jv* der Retchskasae zuflössen, an«He Arbeit. New York wurde zunächst«In großartiges �telbüro errichtet und«In Organ„Das neue ütachland" geechaffen. Amerikanische Jour- �foten, die Lust zu einer Reise nach "bschland verspürten, brauchten sich nur ab dieses Büro wenden: Dann bekamen sie f''np Grattsrelae nach Deutschland In E'ucuskabinen der Hapag- oder Lloyd- �cblffe und einen mehrwöchigen OraUs- Aof enthalt jA Deutschland, natürlich zu„Studlenzwek- j®®• Die deutsch-amerikanischen Unterneh- fogen und die Deutsch-Amerikaner wurden unter stärkstem Druck gesetzt. Span- Agenten drohten, mitunter sogar In *r Oeffenthchkelt, jeder Deutsch- Amerlka- � der nicht für das neue Deutachland sei, '�■e damit rechnen, daß etwaige Angehörl- j®* die noch In Deutschland leben, dort Ina �Jozehtrationalager kommen würden. EpenknöbcU Agenten arbeiteten mit einem �•�douren Aufwand von Geld. Sie versuch- J®® überaOl Zellen und Ortsgruppen zu bilden. Atsächiich entstanden allml,h|i"h große Orts- �PPen nicht nur In New York, auch In gfofogo, Cenclnnaü, Detroit, San Francisco. Loma. Boston, Mllwaukec, BalUmore, Phl- v elPbla usw. Bs wurde ein regelrechtes Netz " Nazi-Organisationen aufgebaut, das sich sehe Waren bilden und außerdem würde man die Deutseben in Amerika dazu aufrufen müssen, ihre Waren nur noch von solchen Firmen zu beziehen, die für das neue Deutschland Sympathie hegten. Diese Erpressung wirkte. Es wurde ein Finanzierungsausschuß geschaffen, dem der amerikanische IG.-Vertreter, der i New Yorker Hapag-Direktor Scheurer und | auch einige amerikanische Herren beitraten. | Wenn auch die Erpressung das Ergebnis hat- | te, daß viele amerikanische Exportfirmen j Beiträge zur„Abwehr der Boykottbewegung" i— die natürlich nichts anderes war als ein Ausbau der Nazi-Organlsatlonen— so reich- | ten dennoch die Gelder nicht für die gerade- I zu verschwenderischen Methoden der Nazi- | Propaganda aus. Vor allem deshalb nicht, weil unter raffiniertester Tarnung unausgesetzt neue Scharen von Nazi-Agenten ins Land strömten. In den deutschen Konsulaten allein wurden über 300 Angestellte neueingestellt. An gewisse amerikanische Publizisten wurden für Artikel Uber das neue Deutschland Riesen-Honorare gezahlt: der Dickstein- Ausschuß I ist im Besitz von Material, aus dem hervor- ; gebt, daß diese Zahlung von dem Kassierer des deutschen Generalkonsulats in New York, L o e p e r, ausging. Eine New Yorker Rekla- i mefirma erhielt von dem Propagandamlnlste- ! rlum den Auftrag, ohne Rücksicht auf Kosten einen pompösen Reklamefeldzug für das [ neue Deutschland durch mehrere Wochen durchzuführen. Es erschienen In Amerika Redner, deren Namen drüben guten Klang hatten, so der Graf Luckner und auch Colin Roß. der— wie man sich erinnern wird— 1919 einer der rötesten war und später seine Gesinnung an die Nazis ebenso verkaufte wie in den Konjunkturtagen der Weimar-Republik seine Reiseberichte an den demokratischen Ullstein-Verlag. Man begnügte sich aber nicht damit, das Land mit einem Propaganda-Netz zu überziehen; sondern ging nun nach heimatlichem Muster auch dazu über, neben den Ortsgruppen und Zeilen allenthalben SA-Formationen zu schaffen. November 1933 landete auch ein gewisser Georg Schmitt in New York und legitimierte sich bei der deutschen Zentrale mit einem Ermächtigungsschreiben der Stahlhelm-Leitung, die deutschen Frontkämpfer In Amerika zu organisieren und sie den allmählich beginnenden Nazl-Formatlonen zuzuführen. Es wurden, ganz wie wenn man Im Dritten Reiche wäre. Uberall Rekruten für die SA-Formatlonen geworben, überall herrscht selbstverständlich stramm-militärische Disziplin und das Führe rprinzlp. Um das absolut militant« Treiben zu tarnen, wurde ein„Bund der SUberhemden" geschaffen. Dieser Bund steht zwar nach außenhln unter hundertprozentig amerikanischer Leitung, ist aber In Wirklichkeit nichts anderes als die Im Aufbau begriffene amerikanische SA. Das Hauptquartier befindet sich Über ■Amtliche Städte und Staaten der USA. »«-mvoic ouauue uuu"—— e fokt Und zwar wurden große und feste ."«Punkte errichtet In bisher 19 Großstäd- ö Und 27 Staaten. (8panknöbel gelang es auch, etwa drelhun- foutache Vereine in New York zu Uber- g�P�ki und überall Nazi- Freunde In die Vor- su bugsleren. Im Juni 1933 trommelte q■ehlrelche Großkauf leute Im deutschen wj�mikonsulat in New York zusammen, er- (l�rt<5 Urnen, sie seien die Hauptinteressenten Abwehr der antideutschen Boykottbewe- üud müßten daher zur Abwehr das er- ßUxn? Ve � erÜche Geld zur Verfügung stellen. Falls 'W** 016111"Aten. würde sich In Deutsch- "Ufo Boykottbewegung gegen amerikanl- In Ashevllle. Alles was die SA für Ihre Ausrüstung brauchte, erhielt sie aus Deutschland geliefert. Die Dlcksteln- Kommission hat ermittelt, daß nahezu jedes In den New Yorker Hafen einlaufende deutsche Schiff Waffen, Munition""<1 Ausrüstung für die SA mitbrachte(und vielleicht Jetzt noch mitbringt). So sehr auch die Nazi-Agenten Ihre Tätigkeit tarnten, wurde sie doch allmählich den amerikanischen Behörden ruchbar, zumal sich die Oeffenthchkelt Uber das Immer unverschämter werdende Treiben zu beschweren begann. Min benutzte einen Zwischenfall, bei dem man schwerbelastendes Material gegen Spanknöbel fand, um gegen diesen einen Haftbefehl zu erlassen. Offenbar war er aber rechtzeitig gewarnt worden. Jedenfalls war er plötzlich verschwunden und die amerikanische Polizei konnte ihn nicht mehr erwischen. Nun Ubernahm ein gewisser O I s s 1 b I die Oberleitung und er Ist jetzt noch Immer der Osaf der amerikanischen Nazis. Glsslbl begann nach neuen Tarnungsmethoden zu suchen. Um der Verfolgung zu entgehen, wurde die alte NSDAP aufgelöst und in eine „Liga der Freunde Deutschlands" umgewandelt Aber sei batverständlich blieben die Führer aller Ortsgruppen die gleichen. Ebenso wenig änderte sich etwas an der Organisierung der SA, die nach wie vor allwöchentlich mindestens einmal zu Uebungen Tii 371,134.000 Mk. 1933/1934... 357,972.000 Mk. Steigende Riesenumsätze und fallende Löhn« und Steuern, das sind die Zeichen„nationaler Erneuerung" Im Zigaretten trust. Aber Hitler hat auch schon zu früherer Zelt die Unabänderlichkeit seines Programms in der Frage der Verstaatlichung nur In Massenversammlungen erklärt. Im engeren Kreise hatts er schon früher Verständnis für die Bedürfnisse der Aktionäre. Die Zlgarottentrustbarone haben sich dl« „nationale Erneuerung" etwas kosten lassen. Sie haben einer Partei zum Aufstieg verhelfen, die nach erfolgter Machtergreifung&19 willfähriges Instrument der kapitalistischen Geldgeber den ganzen Staatsapparat ruf' Wahrung einseitigster großkapitalistischer Interessen zur Verfügung stellte. Das G*" schäft war richtig. Sldiibare und unslditbare Arbeitslosigkeit Schon bei der Besprechung der Arbeitslosenstatistik für den November haben wir darauf hingewiesen, daß die Zahl der Beschäftigten rascher sinkt als die statistisch zugegebene Zunahme der Arbeltslosen anzeigt. Im November war die Arbeitslosenzahl um 86.000 auf 2,354.000 gestlegen. Nach der Krankenkassenstatistik verminderte sich aber die Zahl der Beschäftigten einschließlich der Landhelfer und Notstandsarbeiter von 15.637 auf 15.476 Millionen, also um 161.000. Die wirkliche Zunahme der Arbeitslosigkeit betrug fast das Doppelte der Zahl, die die Arbeitslosenstatistik ausweist. Im Dezember stieg die Arbeitslosigkeit welter um 252.000 auf 2,604.000. Aber die v:ahi der Beschäftigten ging im Dezember um nicht weniger als 604.000 zurück. Die Belastung des Arbeitsmarkts Ist also weit größer als sie die Arbeltslosenstatlstik erkennen läßt Und dabei muß noch die Vermehrung der Reichswehr von 100.000 auf 300.000, die Zahl der Landhelfer, der ArbeltsdlenstpfUch- tlgen und Notstandsarbeiter berücksichtigt werden. Diese Arbeiter in»zusätzlicher Beschäftigung« hatten vorher keine besondere Rolle gespielt. Es handelte sich damals hauptsächlich um Notstandsarbeiter und Ihre Zahl schwankte zwischen 30.000— 100.000. Mit der Einführung des Freiwilligen Arbeitsdienstes begann die Zahl anzuschwellen: sie stieg unter der Diktatur bald auf eine halbe Million und überschritt im März und April 1934 bereits die Million; Im Oktober und November waren es 600.000, die in dieser»zusätzlichen« Beschäftigung untergebracht waren. Dieser Zwangsarbeitsdienst der»Landhelfer« und In den Legem trägt natürlich wesentlich dazu bei die statistischen Auswelse weiter zu verschönern. R.& Die Tochter seiner Ma|estil� Die„Dame", eine der mondänsten Ze"' Schriften des Dritten Reiches, bringt In Ihi"*' neuesten Nummer ein Bild: Helga, die U teste Tochter des Propagandaministers Dr. Göb" bels, wird von Prof. Mlcballow gemalt. E*4* etwa siebenjährige Prinzeßchen trägt nlch etwa die Kluft des„Bundes deutscher htäd" chen"— o nein, sie Ist In ein langes P010 pöses Seidenkleid gehüllt, genau wie früh«� die Töchter der Majestäten. Auf der danebeh stehenden Leinwand sieht man sie, stark B*" schmeichelt, zum zweiten Male, und der bäf tlge Professor steht, von seiner Nichtig**1 durchdrungen, bescheiden beiseite. Auf dl«5* Weise tragen die Spitzen des Reiches Rufe nach„neuer deutscher Schllcbth« Rechnung. Die Idee � In der Nazipropagandaschwarte Ende einer Parole« von Hermann Ok1*� Hanseatische Verlagsanstalt Hamburg. 1*a� wir: »Verwundete stöhnen, Blut fließt.•■" Hünen fegt ein Tischbein die Zähne 1° � Gurgel. Furchtbar wüten zehn, rWftI�L Stuhlbeine im Gleichtakt zwischen dl« � lonnen der Kommune. Gegen diese Waff* � bewährte Saalschlachttaktik übrigens—- kein Widerstand... Letzter Sieger � Immer die bessere Idee sein.«. Die»bessere Idee« des besseren stu/� bdns. Fast könnte man meinen, daß sich Rowdys über sich selbst lustig machen! Nr. 87 BEILAGE UcutfTIomÄ 10. Februar 193� Im Banne des Soldatentunis Ein Hymnus auf die deutsche Misere Der deutsche Militärschriftsteller Major] � D. Dr. Kurt Hesse, Lehrer für Kriegs- Keschichte an den Waffenschulen des Reichsheeres und Privatdozent an der Universität Berlin, hat seinem letzten Werk, einem»Um- der Geschichte des preußisch-deutschen Heeres seit 1653« den bezeichnenden Titel »Im Banne des Soldatentums« gegeben. Der Reichswehrminister Blomberg hat diesem Buch ein Geleitwort vorausgeschickt, das man sehr vielseitig deuten kann, Major Hesse aber verfolgt einen Gedanken, der sehr deutlich ausgesprochen wird:»Der Soldat ist der batürliche Mittelpunkt des Staates«. Er aeist auf, wie er das in Deutschland immer �at und sagt bereits in seinem Vorwort; »Es wird zu zeigen sein, wie sich durch die Preußisch-deutsche Geschichte letzter drei Jahrhunderte ein roter Faden hln- burchzieht, der soldatische G« 1 s t«. Franz Mehring hat in der preußlsch- beutschen Geschichte auch einen»roten Faden« gesehen. In einer Arbeit:»Der rote Faden sich es gestern, sie sind Q wl__ am-schaft des Militarismus eine Kraft, derte allmählich zivilisierte. Mit Liebe spricht er insbesondere von den Reformen nach Jena. Der Weltkrieg schließlich hat jede gesellschaftliche Funktion militarisiert und dadurch umgekehrt das militärische Leben zivilisiert. Volk und Armee verwuchsen zur Einheit. Hesse sagt es nicht, aber es steht dennoch in seiner Geschichte des preußischen Heeres,-daß sich die deutsche Misere, welche die Grundlage der Vorherrschaft des Soldaten war, nunmehr gegen das Soldatentum selbst richtete. Die soziale Struktur Deutschlands schwächte die Wehrkraft, Streiks setzten ein, der seelische Rohstoff ging aus, die Gegensätze werden immer schärfer, der soziale Frieden war kämpf denn auch die führende Stellung.« Aber Hesse nennt die reaktionären Mächte der Gegenwart nicht, die— wie damals- den Modemisierungsbestrebungen im Wege stehen, er kann die Ursachen des Sturzes Schleichers nicht klarlegen, denn er scheint zu jener Gruppe um Blomberg zu gehören, die den Führer in das Soldatentum der Reichswehr hineinführen und von den anderen Bundesgenossen, wenn auch unter Konzessionen, loslösen will. Aber er deutet es immer wieder an, daß die totale Mobilmachung als Aufgabe vor Deutschland steht und läßt klar durchblicken, daß das nach ihm Notwendige noch nicht geschieht. Diplomati«che« Experiment in der preußischen Geschichte« schrieb er unter anderem:»Politisch hat es die deut- »the Bourgeoisie nicht verwunden, daß sie nicht selbst emanzipiert hat, sondern Jnrch ausländische Hilfe emanzipiert worden Deshalb ist der deutsche Bürgersmann slch nie ein Freier geworden, sondern immer '''ü" ein Freigelassener, dem die zerbrochene �eIte bei jedem Schritt mit verräterischem Jplrien nachschleift. Anders die französische �brgeoisie, die sich zwar auch— wie es im �«sen aller Bourgeoisie Uegt— die Kasta- j�n von anderen Leuten aus dem Feuer ho- en ließ, aber sie wenigstens selbst verzehrte,| gesegnetem Appetit das feudale Elgen- �Ul0 vertilgte und damit die Wurzeln der| feudalen Gesellschaft auarottete«. Mehring sieht also einen anderen roten fbJen als Hesse. Dennoch ist es, genauer �brachtet, derselbe. Denn die Größe des Stachen Soldatentums ist nur die andere i dieser von Mehring aufgezeigten deut- �en Misere. Hesse hat als Soldat alle Ver- *1�A®aung. dieser Misere einen Hymnus zu *1... hinaus mit den Mördern der deutschen Seele! Wir können keinen Erlöser brauchen, der jammert, statt zu schwelgen, wie es ci" Held tut Wir Deutschen erlösen uns selbst, und was wir Unedles tun und denken, das tragen wir als Männer. Kein Gott und kein Mensch kann es"c verzeihen, wenn es geschehen ist.... So Ist Allvater. So wollen auch wir sein.« Neben dem unfreiwilligen kommt auch der freiwillige Humor zu seinem Recht So wenn Wittekind nicht gerade durch die Blume erklärt, der Heilige Vater könne ihm---. Das Wotanspublikum und die deutschen Christen zollen diesem fabelhaften Witz frenetischen Beifall, wie das Kölner Katholikenblatt bitter bemerkt Das Unbekümmertste aber an Geachlcbtafälachung Ist jene SteUe, In der Witte klnd seinen Uebertritt zur Kirche erklärt»um 60.000 Sachsenfrauen und Mädchen zu retten«, die in Karls Sammellager entführt und dort von Mlnderrassl- gen—»Juden, Griechen, Italienern und Mohren« geschändet werden sollen, damit Ihr Blut verderbe. Der Mann hat Streichern mit Erfolg gelesen und ohne KZ. kann sich der richtige Nazi dichter auch die Germanzeit nicht denken! Aber die Rache läßt nicht auf sich warten, der Hauptschuldige, der Vertreter der Kirche, wird erdolcht Von Helge, Wittekinds Gellebte. Den Dolch hält sie schelmiscn lächelnd unter Maiglöckchen verborgen — die Kersbach, die dem Formls kokettierend nahte, kann sich also schon auf dichterische Vorbilder des Dritten Reiches stützen. Das Stück wurde von einem Teile des Publikums ausgepfiffen, vom anderen Teile mit Beifall belohnt, es gab den ersten richtigen Theaterkrach und man schimpfte einander Römllngc, Religlonaschänder, Geschichtsfälscher etc. Eän herrlich es Bild der Volksgemeinschaft— nach zwei Jahren»totaler Staatsführung«. Die Kölnische Volkszeitung widmete dem Krawall mehrere Nummern und schreibt: Daß Hagen ausgerechnet In den Tagen, da die Saar zum deutschen Vaterlande helmkehrt, zu dieser Uraufführung griff und zu dem Werk sich In einer repräsentativen Festaufführung am 3 0. Januar öffentlich bekannte, tat der deutschen Sache keinen guen Dienst. Und wo doch die katholische Kirche an der Saar die Parole für Hitler ausgegeben bat! Undank Uber Undank! Aber auch In der Nazipresse reißt das germanische Schauerdrama wilde Klüfte auf: hüben(he völkischen Allvaterleute, drüben che Altchristen. Das Essener Naziblatt wendet sich von dem allzu offenen braunen Dichter ab und spricht zornig von»Gottlosenpropaganda mit veränderten Vorzeichen...« Denn das braune Blatt bat eine beträchtliche Zahl gläubiger Kathollken unter seinen Lesern. In Wirklichkeit geht's jedoch gar nicht um ein paar saftige Dialogbluten, sondern der Kircbenkrleg des Dritten Reiches Ist einfach auf(he Bühne geraten, und das Hagener Stadttheater samt dem Stücke- schreiber kann sich auf verschiedene Oberbonzen berufen. Das Kiß'sche Schauerstück bedeutet nichts, als eine samraelsuriöse Widerspiegelung offiziöser haken- kreuzlerischer Geschieh tsverballhornung und Reilglonsv ermansche rei. Der biblische Christus wird als undeutsch und verjudet von den na H�naiartTnaiiafi sehen Wotansleuten bis zu den Deutschen Christen abgelehnt, und deren Müller Ist noch Immer Reichs- b 1 s c b o f. Wozu also der Streit 7 Wäre(he jüdische Rasse so verderblich, wie Hitler fabelt, dann hätte K1S mit seinem Zorn s� »<üe Nazarener« gar nicht so unrecht, f4 Kirche hat mithin Ihre Beschwerde eich? gegen den oder jenen braunen Dilettanten sondern gegen Hitler zu richten, der fünfzehn Jahren zu den Obersten chesef hlmrlsalgen Rassenhetze und dieser »Gottlosenpropaganda« gehört. Er wird, w«0® es sein muß, Gott zum Zeugen anrufen, ds® er es so nicht gewollt hat— aber»ein �er' bluboter Regierung» rat Klß kann zur elgeh*0 Entlastung auf all(He braunen Paladine*e5" weisen,(he Ihren Oberosaf auch so verst*®* den haben. Gregor. „Sinndeule** Deutsche Ehe, von der Flamme nrntsn�" Das Dritte Reich hat mancherlei Neuen®5' gen gebracht Nicht nur(he Konzentration*' lager und das Columbiahaus, den 8tr�etiet als Respektsperson und den Göbbels Pressodiktator, sondern auch, vom Lohnabh*� abgesehen,(he„Neuheldnische Ehe weih»' Die Ist so schön, daß sie der Mythoej®®*' Alfred Rosenberg selbst erfunden hfth®0 könnte. Sie Ist wie alles Nationalistiso® „Revolutionäre", ein leicht komischer B**4 des Spießbürgers, eine Kreuzung rwtsch»0 Marli tt und Wotan gleichsam. „Der neue Weg", das Organ für mäße Eheweihen, berichtet ausführlich 15 h»* das Ritual der neuen Gemeinschaft Und Beispiel hat man auch gleich zur Hand.® „erhebende" Eäienwelhe, die kürzlich(he zlger Ortsgemeinde veranstaltete. „Drei Tannenbäume", so lesen wir, WinterhüSe— wie sie wirklidi aussieht Man schreibt uns aus Zwickau: Innerhalb des Wirtschaftsbezirkes Zwlk- kau gab es bereits in der Zeit des den Nazis verhaßten»Systems« für die Wintermonate Verbilligte Kohlen für die Arbeitslosen und Invaliden. Diese Kohlen wurden ständig zu �nem erheblich verbilligtem Preise abgege- ben, im Herbst 1932 waren die Kohlen mit 10 Mark pro Karren(10 Zentner) ver- anschlagt. Damals machte die sozialdemokratische Fraktion einen neuen Vorstoß, um eine weitere Verbllllgung � erreichen. Und es gelang ihr auch, diese Arbeitslosenkohlen auf 8 Mark pro Kar- r e n herabzudrlicken. Die Kommunisten allerdings brachten einen ihrer Reklameanträge ein, demzufolge die Kohlen umsonst abgegeben werden sollten. Auch den Nazis war aus agitatorischen Gründen die Ermäßi- Shng noch zu niedrig. Nun kamen die Nazis ia am 30. Januar 1933 zur Macht und hatten im Herbste 1933 reichlich Gelegenheit, ihre FUr- ■ofge den Armen gegenüber zu beweisen. Aber wie sab da die Praxis aus? Dieselbe Menge Steinkohlen, die in der Weimarer Republik dank der Tätigkeit der Sozialdemokraten nur 8 Mark kosteten, verteuer• len die Nazi im Herbst 1933 auf 1 3.4 0 Mark! Schon Im ersten Begierungsjahr der Nazi mußten die Arbeltslosen und Invaliden 3.40 Mark mehr bezahlen. Doch in diesem Jahre haben sich die Nazis Doch Tollerds geleistet. Die Verbllllgung die- Ser Kohlen ist gänzlich in Wegfall gekommen. Auf den Kohlenscheinen, die an die Arbeitslosen und Invaliden ausgegeben wurden, Meht in schlichter deutscher Sprache geschrieben: Das Wohlfahrtsamt kann den Hilfsbedürftigen dieses Jahr Kohlen zu einem verbilligten Preis nicht abgeben. Der nene Preis beträgt für einen Karren Hei Haus Würfel I 1&50 Mark. Die Kohlen sind also gegenüber denen des Weimarer»Systems« gerade um über 100 Prozent teuerer geworden und kosten damit den Im Handel üblichen Preis. Darüber iüDa.us aber wird noch wie folgt verfahren; Hilfsbedürftige, die diese Kohlen nicht Dchmen wollen, weil säe ja keine Hilfe für die Hotleidenden darstellen, wird gedroht, daß keine Kohlen aus dem Winterhilfswerk ehalten, und daß für sie Uberhaupt Zuwel- •bDgen aus dem Winterhilfswerk In Frage stehen, wenn diese Kohlen nicht abgenora- "mn werden. Wer Jedoch 2 Karren dieser Hohlen nimmt, erhält einen Gutschein über I Zentner Kohle aus dem Winterhilfswerk, Wer dagegen nur 1 Karren oder gar keine �mmt, bekommt keinen Gutschein. Ebenso erhalten solche, die zwar zwei 7arr®D nehmen, sich diese aber selbst auf e® Schachte holen wollen, um die Fuhr- 0sten zu ersparen, keine Wlnterhilfsgut- sohelne über 1 Zentner Steinkohle. Also zusammenfassend: Wahrend Im Jahre 1932 die Hilfsbcdtlrf- »Elnfälttgkelt und Besdiränktheit.•. unfaßbar groß« In Dresden gab es einen Stadtschulrat Dr. Hartnacke— heute ist er nach anfänglichem Stolpern auf der Treppe zur erstrebten Macht sächsischer Volksbildungsminister. Diese Würde hat er sich verdient als Tambour der Schulreaktion. Er war bekannt und berüchtigt wegen der unbelehrbaren Hartnäckigkeit— nomen est omen—. mit der er sein Auge, geistlos und mit leichtem Anflug von Basedow, auf die von ihm erfundene und verfochtene These gerichtet hielt, die These nämlich, daß die Kinder begüteter Eltern von Geburten begabter seien als die Kinde r ml n de r b e ml t te 1 1 e r oder gar proletarischer Eltern. Das suchte er zu beweisen unter Verwendung von Prüfungsergebnissen, soweit sie Ihm gelegen kamen, wobei es ihn nicht störte, daß es sich dabei oft um Prüfungsfragen gehandelt hatte, deren flüssige und lückenlose Beantwortung auch mancher mit allen Weihen der höheren Schulbildung ausgestatteter»Gebildeter« schuldig geblieben wäre. Aber selbst wenn ein Begabungsvorsprung bei den Kindern begüterter Eltern wirklich nachweisbar wäre, hätte diesen Stadtschulrat auch die Erwägung nicht irre gemacht, daß ein solcher Vorsprung doch wieder nur das Ergebnis eines Bildungsprivilegs, einer jahrhundertelang betriebenen Bevorzugung eben dieser Kinder bei der Verteilung der Bildungsgüter im Klassenstaate sein könne— eine Ungerechtigkeit, die man dann eben schleunigst beseitigen müsse! Wenn wirklich die Kinder begüterter Eltern dank des durch Generationen hindurch geübten Schuldrills mit einer höheren L e r n- begabung In die höhere Schule eintreten, so galt das für Dr. Hartnacke als ein unumstößliches Naturgesetz, aus dem nur zu folgern sei, daß es welter so bleiben müsse und aus dem er den Anspruch der begüterten Klasse auf das Bildungsprivileg auch für alle Zukunft herleitete. Für Ihn handelte ee sich um die These, um das Postulat seiner reaktionär ren Gesinnung. Was zu Ihr paßte, trug er mit pedantischem Eifer zusammen. Was ihr widersprach. Ignorierte er mit sturer Beharrlichkeit Und von dieser These aus führte er überall, im Stadtparlament im Schulausschuß, in philologischen Zirkeln, in Büchern, Broschüren und Zeitungsartikeln seinen hartnäckigen Kampf gegen alles, was mit den Bestrebungen modern gesinnter Schulreformer zusammenhing. Er kämpfte gegen die Hochschulbildung der Volksschullehrer, gegen die Versuchsschulen, gegen die Begabtenklassen und Hilfsklassen der Volksschulen, gegen den Aufstieg der unteren Volksschichten auf ein höheres Bildungsniveau überhaupt Als schon lange vor 1933 die NationalsoziaUsten die unter sozialdemokratischer Mitarbeit ausgebaute Dresdner Volkshochschule zu sprengen trachteten, stand wiederum Dr. Hartnacke, getarnt dirigierend, im Hintergrund. Nun ist Dr. Hartnacke sächsischer Volksbildungsminister. Nun hat er die Zügel In der Hand. Alles, was auf dem Gebiete der Schulreform erreicht worden war, das haben die braunen Erneuerer bis auf den Grund b e- seitigt abgebaut, zerstört. Es ist alles wieder wie in der»guten alten Zelt«, In die zurück Dr. Hartnacke seine Knopfaugen immer gerichtet hielt. Die Volksschule Ist In ihr früheres Aschenbrödeldasein zurückgedrängt, die Versuchsschulen, Begabtenklassen, Hilfsschulen sind verschwunden. Die Volkshochschule ist zerschlagen. Die Volksschullehrerbildung, die In Sachsen der Hochschulbildung schon angegliedert war, ist wieder herabgedrückt zum Drill von DriUrael- stern. Und die Hochschulbildung selbst Ist für ein Semester Ins Arbeitsdienstlager verlegt worden. Die Scbulreaktion triumphiert. Der bayrische Kultusminister S c b e m m, ehemaliger Volksschullehrer,»alter Kämpfer«, Hitlers und Hartnackes eifriger Streitgefährte, hat auf einem Kongreß der ostpreußischen Lehrer das Bildungsideal der braunen Reaktion proklamiert:»Adolf Hitler Ist der größte Erzieher aller Zeiten. Er ist die Synthese des Pädagogen Pestalozzi und des Philosophen Fichte.« Genau so werden sich die Beiden die Synthese Ihres Wirkens vorgestellt haben! Und ganz In diesem Sinne singt die Hitlerjugend:»Wir sind die fröhliebe Hitlerjugend. Wir brauchen keine christliche Tugend. Denn unser Führer Adolf Hitler ist unser Erlöser, ist unser Mittler.« Dr. Hartnacke könnte zufrieden sein. Ist er es? Nein— erstaunlicherweise nicht! Geht ihm vielleicht doch ein Licht auf Uber die Verheerung, die der braune Schulbetrieb anrichtet? Haben ihn die Klagen der noch nicht völlig verblendeten Schulmänner über die geistige Verrottung der Schuljugend, Uber die heillosen Folgen der»Ertüchtigung« der Jugend bei Nachtfelddienstübungen stutzig gemacht? Hat er etwas gehört von den Sitten im»Bunde deutscher Mädchen«, den die männlichen Hitlerjugendkameraden vielsagend »Matratzensturm« und»Schlüpfergorde« nennen? Jedenfalls hat das sächsische Volks- büdungsminlsterium vor einiger Zelt zum ersten Male sämtliche Oberprimaner vor dem Abiturientenexamen einer Vorprüfung nach einer neuen psychologischen Methode unterzogen. Und das Ergebnis dieser Prüfung war so erschreckend, daß der sächsische Volksbildungsminister Dr. Hartnacke dazu selber erklärt, daß es »eine Fülle von Geistern selbst In den obersten Klassen der höheren Bildungsanstalten gibt, deren Einfältigkeit und Beschränktheit an diesem Orte schwerste Besorgnis erregt. Der Unterschied zwischen der besten Leistung und der geringsten Leistung erwies sich als geradezu unfaßbar groß, und zwar Uberwogen die Minderleistungen.« Der Herr Minister ist bestürzt? Ja, das ist verständlich. Denn diese notgedrungene Feststellung baut Ihm ein mächtiges Loch In seine schönste Pauke. Und sie donnerte doch so forsch an der Spitze der Schulreaktion, an der Herr Dr. Hartnacke marschierte, die er zum Siege führen half. Und nun macht sis ganze Arbelt Nun bat sie die Bildung, die er als Privileg der reichen Leute bewahrt wissen wollte, überhaupt verpönt und auf den Exerzierplatz gejagt. Dorthin, wo nachselnem leise revoltierenden Geständnis des Organs der Hitlerjugend, das unter dem Titel»Wille und Macht« erscheint»die barmlosesten Unterführer sich erst dann wohlfühlen, wenn sie mit einer Reit- oder Hundepeitsche In der Hand auftreten können.« Manfred. tigen für einen Karren Kohle 8 Mark, für zwei Karren IS Mark In Wochenraten von 1 Mark zahlten, müssen sie jetzt Im Herbst 1934 für die gleichen Mengen, 16.30 bezw. SS Mark In wöchentlichen Katen von 1 Mark bezahlen. Früher waren sie In 16 Wochen mit der Bezahlung fertig, doch unter Hitlers Reglm brauchen die Hilfsbedürftigen 33 Wochen dazu. Und wer sich weigert, wer etwa gar sich erlaubt die lOOprozentlge Verteuerung der Winterfeuerungsmittel der Aermsten und Hilfsbedürftigen öffentlich anzuprangern, der wird sofort abgeführt und kommt wegen Volksaufwiegelung hinter die schwedischen Gardinen! Stimmung— noch sdilediter! Einem Bericht aus Baden entnehmen wir; Die Stimmung gegenüber dem System ist bei allen Bevölkerungskreisen noch schlechter geworden als bisher. Es mehren sich die Zusammenstöße mit den ausgesprochenen Parteigängern Hitlers. Meistens spielen sie sich ohne wesentlichen politischen Hintergrund ab, so etwa In der Form von Wirtschaftsraufereien an den Sonntagen und Insbesondere In den Wohnhäusern unter den einzelnen Bewohnern. Die Versammlungen und Aufmärsche werden immer schlechter besucht Ina besonder* wirkt sich dies bei der bäuerlichen Bevölkerung aus. Brücknerstrafie wird Totenweg Wie aus Glatz mitgeteilt, hat die Helmut- Brücknerstraße nach einer Zelt des namenlosen Interregnums jetzt ihren neuen Namen erhalten—: sie Ist In Totenweg umgetauft worden. Eine nette Symbolik! Ist es mit Helmut ßrückner schon so weit? ton Hintergrund für einen rotbehangenen auf dem die Flamm enschale stand." nicht nur die mysteriöse Flammenachale 1111111 Ihr mystisches Licht leuchten lassen, mmh ein Schübe rtsch es Streichkonzert wird t�rt, das„Innig und einmalig deutsch" das �«Uiepaar an den Ort des Verhängnisses bereitet Der Singekreis der Ortsgemeinde tut sein um die Feierlichkeit zu erhöhen. In- em er das Lied„Wach auf. meines Herzens Schö; De", anstimmt Dann erklingt das Flam- »Denued; •»Göttlich? Unbegreiflich! Du, der Stern und Sonnen Blut Weltenherzens ew*ge Glut Bist uns Schild und Fahne! Dkhtgestalt Du, zeltenlos. Mach den sinn uns frei und groß, Würdig Deiner Klarheltl" Barauf hält der„Ortagemelndevorsteher" �m«rad FlurscbUtz die Weiherede. Der deut- Elgengiauben sei endUch erwacht so er- � er, und diese deutsche Ehe, die beute ''otl der Flamme singend um tanzt" werde, ®ln Wurf Uber sich selbst hinaus.-." Milch diesem Schlußsatz entsteht eine Pause des Schweigens, worauf, so heißt »örtlich,„der Bräutigam der Braut Ihren chenschtnuck nimmt". � vor allem flammenumloderten Volk, gewiß Geschmackssache! (j��Ahn folgt nach einem neuen Chorgesang sichtlich animierten Brautführertn- erste„symbolische Mahl", Brot und r*er. wozu Kamerad Flurschütz dem �Uckii, •Priict' Cl1 geweihten Paar noch einen„Kernais„eheliches Weggelelt" mitgibt So etwas Ist heute Hunderttausenden In Deutschland eine blutig ernste Angelegenheit Das„symbolische Mahl" jedoch— Wasser und Brot— scheint uns das Symbol des Dritten Reichs schlechthin und das Schicksal der Millionen Opfer des braunen Katastrophenregimes zu sein. Pierre. IVeue Romane Kunlak Ist ein westpreußischer Landarbeiter, der mit Familie Ina Ruhrgebiet auswandert und seine Knochen den Grubenherren verkauft Wie er und seine Vorfahren bereit waren, die junkerliche Weltordnung als etwas Gegebenes hinzunehmen, so würde er das neue Joch gern»i« etwas Unabänderliches tragen, wenn es nur für Ihn und seine Familie etwas Raum zum Leben ließe. Aber je mehr er sich rackert desto mehr kommt er herunter, und von dem Kampf ringsum kapiert er nur die elementarsten Schlagworte, Er erlebt Inflation, Ruhrbesetzung, Verhaftungen, Erschießungen und findet weder Sinn, noch Zii«AnnTy> Anhang» Um seine Seele ringen Völkische und Sozialdemokraten, Separatisten und Anarchisten, Gewerkschaften und A-A.V. — er begreift die Gegensätze nicht recht Er will ehrlich und rechtschaffen leben und kein Lumpenkerl sein, aber er gerät oft auf die Seite des Unsinns, well er sich In den Widerstreit der Parolen nicht hineinfindet und Immer dort steht wohin Ihn der Zufall des Augenblicks treibt Dieses tragikomische Seelenbild des primitiven Indifferenten, der gegen sein Wollen in den Strudel stürmischer sozialer Auseinandersetzungen gerät, wird von Hans Marcbwltza In seinem Roman »Die Kunlak s«(BUchcrgllde Gutenberg) gezeichnet Das Martyrium des Grubenproleten, seine Not und sein Leiden untertags sind selten so packend, eindringlich und aus eignem Erleben geschildert worden wie in diesem Roman. Achtzehn Jahre seines Lebens hat B 1 a s- co Ibanez der rätselhaften Persönlichkeit des Chris tobal Colon gewidmet der als Christoph Kolumbus In der Geschichte welterlebt Unbekannt Ist sein Geburtsort, unbekannt sein Grab, unbekannt aus welchen Gründen er seine Herkunft verschleierte. In einem Roman»Die Suche nach dem Groß-Kban« hat Ibanez einen Ausschnitt aus dem Dasein dieses ehrgeizigen Entdeckers gegeben. Die BUchergUde Gutenberg bringt das Buch in einer Uebersetzung von Otto Aibrecht und Elisabeth van Better heraus. Rings um Kolumbus lebt darin ein Stück Spanien von damals, die Inquisition und die Judenverfolgung. Einige Biographen nehmen an, daß der Entdecker Amerikas jüdischer Herkunft war und deshalb seine Vergangenheit In eine Dunkelheit hüllte, die schließlich diabolisch über andre Perioden seines Erdenwallens hinweg spielt Vier Seereisen führten Ihn zu dem fremden, unbekannten Erdteü— er aber starb in dem Wahne, den kürzesten Seeweg nach Indien gefunden zu haben. Der Kolumbusroman von Ibanez ist nicht sein stärkster, aber bestimmt eine lebendige Schilderung von Kolumbus' erster Fahrt gen Westen und In seinen übrigen Teilen eine Anklage gegen den Rassenwahn. B. Br. Antarklstisdies aus Hamburg Immer wieder klagen die deutschen Hafenstädte, allen voran Hamburg und Bremen, daß ihnen die autarkls tischen Phantasien des Nationalsozialismus das Lebenslicht auszulöschen drohen. Auf Export angewiesen, weitbürger- llch denkend, hat Hamburg nie etwas von Autarkie gehalten. Und doch herrschen In dieser Stadt neuerdings Zunftvorstellungen, wie ein aufschlußreiches Gerichtsverfahren zeigt. Ein Hamburger Geschäftsmann wurde bestraft, weil er ein junges Mädchen aus Mecklenburg als Haustochter für seinen Haushalt engagierte, und sich nicht an daa Zuzugsverbot hielt. Als die Behörden Um darauf aufmerksam machten, daß dies gesetzwidrig sei, schickte er das Mädchen wieder zurück, bekam Hann aber nicht viel später»Besuch«. Und deshalb wurde ar bestraft! Denn Hamburg Ist In der Versorgung mit Arbeitskräften autark. Immer wie mans braucht! Rassische Studien..• Inserat in der Zeltschrift»Der Photograph«, Berlin: Achtung! Zu rassischen Studien werden folgende, nur scharfe BUder gesucht. 1. Juden am Strand und beim Tanz. 2. Juden und Arier (Mischpaare und Mischlinge). 3. Farbige und Andersrassige mit arischen Mädchen und umgekehrt. Hier sucht der Rasse-Günther oder ein sonstiger»Wissenschaftler« Material für Konjunkturliteratur. Totale YersklaTnng des Arbeiteps Illegale schreiben über Arbeitsrecht und Lohnpolitik Am 23. Januar 1934 wurde im„Relchsge- setzblatt" das„Gesetz zur Ordnung der nationalen Arbeit" verkündet. Dieses Gesetz führte den„Herrn-lm-Haus-Standpunkt", das„FUh- rerprinzip" im Betriebe ein. Hinter den Betriebsführer schart sich die folgsame, aber rechtlose Gefolgschaft, Eis ist das Prinzip des preußischen Kasernenhofs, übertragen auf die Wirtschaft: Kompagniechef und ausgerichtete Muskoten. Nach den Durchführungsbestimmungen zu dem neuen Gesetz mußten bis zum 1. Oktober 1934 die neuen Betriebsordnungen vom „Führer" des Betriebes festgesetzt sein. Mit dieser für die Zukunft praktisch wirksamen Ausstrahlung des Gesetzes ist der Rahmen innerhalb dessen sich der Arbeiter bewegen kann, gezogen. Wie sieht Jetzt die arbeitsrechtliche Lage des deutschen Arbeiters aus? Das Ergebnis einer aufmerksamen Lektüre von etwa 250 solcher neuen Arbeitsordnungen zeitigte nachstehende Erkenntnisse. Bei den Einzelheiten der Ordnungen ergeben sich etwa ein halbes Dutzend verschieden nuancierter Normen, von denen Beispiele hierher gesetzt seien. So heißt es beispielsweise in der Betriebsordnung eines großen Werkes in H... im Abschnitt II über die Zusammenarbeit: „Quertreibereien, Mißgunst und Nörgeleien haben in der Betriebsgemeinschaft keinen Baum." lieber die Einstellungen„entscheidet der Führer des Betriebes unter Mitteilung an den Vertrauenrat.... Die Eignung wird durch ärztliche und psychotechnische Untersuchung festgestellt. Der Abschnitt V dieser Ordnung enthält die Verpflichtung:„Jeder Mitarbeiter ist verpflichtet, zeitweise auch andere Arbeiten zu verricht�i, als diejenigen, für die er eingestellt worden ist." Gegen früher besteht nur der sehr erhebliche Unterschied, daß heute der Arbeiter ohne weiteres den niedrigeren Lohn einer schlechteren Arbeit bekommt, während früher der Arbeitgeber erst kündigen und die Kündlgungazeit einhalten mußte, ehe er bei einer solchen Arbeitsversetzung einen minderen Lohn zahlen konnte. Ganz Im Rahmen des nationalsozialistischen Totali- tätsbegriffea liegt auch die Bestimmung, daß „Sammlungen der Genehmigung der Betriebs- j leltung bedürfen." Dieses Recht behält sich die Betriebsleitung vor, damit nicht eines Tages die Arbeiter aus solidarem Empfinden heraus einem verfolgten Proleten helfen könnten. Wie es arbeitsrechtlich aussieht, besagt der Satz aus Abschnitt VH:„Bei Eintreten besonderer betrieblicher Verhältnisse kann die regelmäßige Arbeltszeit nur nach Rücksprache mit dem Vertrauensrat bis zu einer Höchstdauer von 10 Standen täglich ausgedehnt werden." Die Formulierung sagt schon, das es auf eine Zustimmung des Vertrauensrates gar nicht ankommt. Ueber die Erfolge der von den Nazis angekündigten Beseitigung der Akkordarbelt unterrichtet folgender Satz:„Ein gerechter Akkord, bezw. eine gerechte Mengenprämie setzen zunächst eine zweckmäßige Gestaltung des Arbeitsplatzes voraus. Der Akkord baut sich Hann auf der Grundlage einwandfreier Zeit- und Mengenmessungen auf. Eis ist deshalb notwendig, alle Arbelten, die In der Firma geleistet werden, seien es kaufmännische, verwaltungsmäßige oder technische und handwerksmäßige Arbeiten, zu messen...." Offenherziger und deutlicher noch ist, die Betriebsordnung für sämtliche Betriebe einer anderen großen Firma, die am 5. September 1934 In Kraft trat:„Wer der Betrtebsgemeln- schaft angehört, muß Innerbalb und außerhalb der Betriehe national Sozialist! seh handeln". Auf gleicher Linie Hegt die Verquickung der Zugehörigkeit zu einer N azl-Organisation als Voraussetzung für die Zuerkennung eines Arbeltsplatzes. Hierüber sagt die Betriebsordnung,«isk der neueinzustellende Arbeiter nicht nur sein Arbeltsbuch, Steuerkarte und Quittungskarte der Invaliden- oder Angestell- tenversieberung abzugeben hat, sondern gleichzeitig wird von Ihm verlangt, das M 1 1- glledsbuch der Deutschen Arbeitsfront vorzulegen und an Hand des Arbeltspasses nachzuweisen, daß er sein vorgeschriebenes Dienstjahr beim „Freiwilligen Arbeltsdienst" abexerziert hat Die Uebert ragung der Kasernenhofmetho- den auf die Wirtschaft unterstreicht noch der erste Satz des§ 2:„Die Arbeltszelt Ist als Dienst aufzufassen." Sätze wie: „TJ eberstunden sind nicht gestattet Ausnahmen hiervon bedürfen der ausdrücklichen Genehmigung des Betriebsführers oder de« stellvertr. Betriebsführers" sind bittere Ironie. Was arbeita rechtlich dahintersteckt sagen folgende Worte:„Als Ueberstunden gilt nur die Arbeitszeit die über eine 48stündige wöchentliche Arbeitszeit hinausgeht Ueberstunden, welche in einer Woche erforderlich werden sollten, sollen möglichst in der folgenden Woche durch verkürzte Arbeitszeit ausgeglichen werden." Hier wird der Beweis erbracht daß über Arbeitszeit und Bezahlung allein der Unternehmer mit demselben Absolutismus zu entscheiden hat, wie im Altertum der Sklavenbesitzer Uber seine Sklaven. Die Ironie schimmert wieder durch, wenn dann Lohnzuschläge für Ueberstunden genannt werden, die zwar niedriger als früher sind, aber keine Bedeutung haben, weil sie nie bezahlt zu werden brauchen. Von früheren Verpflichtungen, daß Kurzarbelt oder Betriebseinschränkungen erst nach innegehaltenen Kündigungsfristen möglich sind, ist nichts mehr gebheben:„Aenderungen der Arbeitszeit werden mindestens einen Tag vorher vom Betriebsführer oder den stellv. Betriebsführem oder den Fülalleitern oder Leiterinnen bekanntgegeben. Die Einführung von Kurzarbeit bedarf der Fühlungnahme(!!) mit dem Vertrauensrat der betreffenden Betriebsstätte, jedoch behält die Entscheidung über die Einführung von Kurzarbeit der Betriebsführer oder dessen Stellvertreter....." Tarifverträge hat es einmal gegeben. Um die Arbeiter über ihre heutige Rechtslage hinwegzutäuschen, wird manchmal noch von ihnen gesprochen, dann aber immer in so unverbindheher Form, daß eine bindende Verpflichtung zur Einhaltung der Tarifsätze für den Unternehmer nicht abgeleitet werden kann. So lautet der§ 4 dieser Ordnung:„Die Sätze für Stücklohn und Akkordlohn werden für jede einzelne Arbelt mit dem betreffenden Arbeitnehmer schriftlich vereinbart. Die gesetzlichen Bestimmungen und Tarifverträge sind dabei zu berücksichtigen." Das Recht des Unternehmers, ohne Rücksicht auf Kündigungsfristen den Arbeiter in eine schlechter besoldete Arbeit zu stecken, ist natürlich auch In dieser Ordnung verankert:„Der Be- triehsführer und seine Stellvertreter sind berechtigt. jedem Mitglied der Gefolgschaft andere Arbelt zu übertragen, als bei der EHn- stellung vorgesehen war. Die Bezahlung erfolgt nach dem hierfür In dem jeweils zuständigen Tarifverträge vorgesehenen Bestimmungen." Die Verfilzung des Partei- und Staatsapparates mit dem Unternehmertum, die ständige Drohung mit dem Schlag auf den Magen, illustriert auch folgender Satz aus dem t 10: „Als Grand zur fristlosen Entlassung gelten n. a.:... Ausschluß durch das Parteigericht ans der NSDAP. Ausschluß durch die zuständigen Dienststellen aus der SA, SS, NSBO oder der Deutschen Arbeltsfront." Lediglich der Vollständigkeit halber sei hinzugefügt, daß von einer durch die Nazipropaganda seit Jahren angekündigten Beseitigung des Kontrollsystems keine Rede Ist Der entsprechende Satz dieser Ordnung sagt:„Jedes Mitglied der Gefolgschaft hat beim Betreten und Verlassen der Betriebsstätten die vorhandenen Kontrolleln- richtungen selbst zu benutzen." Die Betriebsordnung für die gewerblichen Betriebe einer Firma verdient wegen eines recht plumpen Tricks In der Urlaubsfrage besondere Beachtung. Diese Firma ist Deutschlands größte Konservenfabrik. Die Ehnlel- tungaformeln Ihrer Betriebsordnung unterscheiden sich kaum von denen der übrigen Arbeitsordnungen. Doch Im§ 1 wird Uber das Arbeltsverhältnis gesagt:„Nach 260 Arbeltstagen gebt das Verhältnis eines zur vorübergehenden Beschäftigung oder zur Aushilfe Eingestellten von selbst in ein ordentliches Arbeltsverhältnis über." Und nach der Erfüllung dieser 260 Arbeltstage verspricht diese Betriebsordnung dem Beschäftigten Urlaubszelten, die wesentlich höher als die früheren sind. Also ist es an der Zeit, die sozialpolitischen Erfolge der Nazis zu preisen? Welt gefehlt! Der Kernpunkt Ist daß «He Arbelt In der Konservenfabrik ein Saisongewerbe Ist und daß In diesem Fach eine Jahreaarbeltslelstung von 260 Tagen ganz einfach nicht erreicht wird! Die günstige Regelung der Urlaubsfrage ist also nichts anderes als ein zu nichts verpflichtendes Versprechen. Welche Willkür auf dem Gebiete des Lohnes herrscht belegt der Abschnitt 3:„Die Löhne richten sich nach den durch Tarifvertrag vereinbarten Lohnsätzen." Wie wenig das stimmt zeigt die Tatsache, daß augenblicklich die immer noch geltenden Lohnsätze aus dem alten Tarifvertrag um etwa 35 bis 35 Prozent unterschritten sind. Doch dieser Satz Ist Ja nur die unwesentliche Einleitung des Abschnittes 3. Der weitere Text ist offener und läßt die Beseitigung der Tarifverpflichtungen viel besser erkennen:„Für erhöhte Leistungen einzelner Betriebsangehöriger kann der Be tri ebsf Uhrer die Lohnsätze erhöhen. Von dauernd minderleistungsfähigen Gefolgschaftsmltglledem können sie mit Zustimmung des Vertrauens- ratea entsprechend geregelt werden." Der Abschnitt 4 dieser Ordnung enthält nicht nur die Verpflichtung zur Leistung von Nacht-, Sonntag- und Feiertagsarbeit, sondern nennt auch die dafür von der Firma zu leistenden Ueberstundenzuschläge. Diese bewegen sich mit 12 Prozent für Ueberstunden und 20 FTozent für Sonntags- und Feiertagsarbeit in der Zelt vom 1. Mal bis 1. November um etwa 50 bis 100 Prozent unter den früheren Ueberstun- denzuschlägen. Allerdings wird für Sonn- und Feiertagsarbelt In der Zelt vom 2. November bis 30. April ein Zuschlag von 30 Prozent versprochen, denn In diesen Monaten gibt ea in der Konservenindustrie keine Ueberstunden!. Auch diese Ordnung enthält natürlich die Verpflichtung zur Akkordarbeit. Der Abschnitt 6 besagt, daß zu spät geltend gemachte Forderungen bei falscher Lohnberechnung als verfallen gelten. Dieser Verfall tritt bereits am 2. der Lohnzahlung folgenden Arbeitstag ein. Mit dieser Bestimmung wird eine wesentlich günstiger lautende Regelung des Betriebsrätegesetzes beseitigt. Der Abschnitt 12 legt dann u. a. noch fest, daß im Falle ganzer oder teilweiser Betriebsstillegungen keine Kündigungsfrist eingehalten zu werden braucht und Lohn nicht bezahlt wird. Die Betriebsordnung einer weiteren Firma sagt, daß die Gefolgschaftsmitglieder„den Arbeitsfrieden im Betrieb zu pflegen und zu fördern" haben. Eis sei nur noch hinzugefügt als Kuriosum, was die Firma unter„Grundsätzliches" über die Art ihres Betriebes zu sagen hat:„Unser Betrieb stellt im wesentlichen getragen« Kleidungsstücke und andere Textillen durch chemisches Reinigen oder Umfärben wieder her, die sonst nicht mehr oder nicht mehr lange verwendungsfähig geblieben wären. Wir tragen daher zur Erhaltung des Volksvermögens und zur Ersparnis von— meist ausländischen — Rohstoffen bei." Die Verwaltungen von zwei Betrieben der Montanindustrie leiten Ihre Betriebsordnung mit den Worten ein;„Führer und Gefolgschaft verbinden sich zu einer NS- Betriebegemeinschaft." In der Betriebsordnung der Deutschen Gasolin A. Q. finden wir folgende Perlen: „Die Betriebsgemeinschaft Ist eine Einheit, die sich auf dem Begriff der„Sozialen E3ire" aufbaut" Welter:„Unbegründetes Nörgeln an den Anordnungen des Be triebst Uhrers, üble Nachrede... sind grobe Verstöße gegen die Betriebsgemeinschaft" Solche Verstöße werden mit dem Ausschluß aus der Betriebsge- melnscbaft bestraft Dagegen:„Diejenigen Angestellten und Arbeiter, die der Betriebs- gemeinschaft gegenüber getreulich Ihre Pflicht getan haben, dürfen der Fürsorge des Betriebs- führers sicher sein." Rechte haben auch sie nicht die getreuen Fürsorgezöglinge, aber der„Fürsorge des Betriebsleiters" dürfen sie sicher sein... Für Einstellungen bei dieser Firma gilt: „Die Mitgliedschaft In der Arbeitsfront Ist aber auf jeden Fall nachzuweisen." Ueber die Geldbußen, die den Arbeltern belt Verletzung der„Sozialen Elhre" abgezogen werden, wird bestimmt:„Die In Geld verhängten Bußen werden bei der Gehalts- und Lohnzahlung einbehalten und der NS-Gem einschaft„Kraft durch FYeude" zugeführt" Der Berliner sagt dazu:„Mumm durch Fez!" Auf welche Welse diese Gemeinschaft sonst noch zu Geld kommen soll, sagt die Firma Im Abschnitt 9: „Im Fälle unbegründeten Fernbleibens vom „Dienst" verwirkt ein Angestellter das Anrecht auf bis zur Hälfte eines Brutto- Monatsgehalts, der Arbeiter einen Betrag bis zur Höhe elnee Brutto-Wochenlohnes." Die Beispiele lassen eine Norm erkennen. Ea gibt aber auch Variationen. So beginnt eine andere Firma in H...:„Deutsches Leberi ist Arbeit Alle Arbeit für Deutschland." Auch hier der Satz:„Quertreiberelen, Mißgunst und Nörgelei haben in der Betriebsge- m einschaft keinen Raum." Noch zwei Beispiele aus den Arbeltsordnungen von Kaufhäusern(denen die Nationalsozialisten immer die Vernlchung androhten), die sich damit dem Nationalsozialismus wie eine alte Dirne anbieten. Dl« „Epa", Einheitspreis-Aktiengesellschaft Berlin, schreibt:„Der Sinn unseres Lebens ist Arbelt am deutschen Volke, und zwar an dem Platz, an dem jeder gestellt Ist— Nichtnationalsozialistisches Verhalten, d. h. ehrloses und gemelnschaft- felndliches Verhalten, wie z. B. Verleumdung und böswillige Verhetzung der Betriebsgemeinschaft begründet selbsttätigen Ausschluß aus der Betriebsgemeinschaft."— Die Betriebsordnung der„D e f a k a". Deutsches F a m i 1 i e n k a u f b a u s, GmbH., Hannover, sagt:„Führung und Gefolgschaft verbinden sich im Betrieb zu einer nationalsozialistischen Betriebsgemeln- schaft" Und am Schluß:„Aufgabe eines jeden Betriebsangehörigen muß sein, Auf- und Ausbauarbelten im Sinne nationalsozla- Us Uscher Wlrtschaftsgestaltung zu leisten. Deutsches Leben Ist Arbeit Alle Arbelt für Deutschland." Und aller Gewinn den Kapitalisten! Yolksenlsdieid Alfred Rosenberg hat kürzlich versichert, Deutschland sei gegenwärtig»das freiest« Land der Welt«. Meie Leute Im In- und Ausland haben sich die Köpfe zergrübelt was er wohl damit meinen könnte. Selbst Paradoxe pflegen doch Irgendeinen Sinn zu haben, mag er auch noch so weise versteckt sein. Das freleste Land der Welt? Eis gibt keine Presse-, keine Rede-, keine Wahlfreiheit Es gibt anstatt dessen Zeitungsverbote, KonzentraUons- lager, Terror, Spitzelwesen, Denunziantentum und an jeder Elcke einen staaUlcb besoldeten Aufpasser. Das freleste Land der Welt? Was meint er? Jetzt kommt aus Leipzig In Sachsen dl« befreiende Lösung des Rätsels. In diesem Orte, Im Herzen von Mitteldeutschland gleichsam, wird In aller nächster Zelt eine frei« Volksbefragung— jawohl, eine völlig straffreie und unbeeinflußte Volksbefragung veranstaltet werden. Die Leipziger Volksgenossen aollen über eine hochwichtige Frage gao« allein und ohne Bevormundung entscheiden— sollen darüber entscheiden, ob für die kommende Sommersaison die Straßenbahnwagen ihrer Stadt rot oder blau zu streichen seien! Und nun soll noch einer behaupten, es gebe keine Freiheit Im Dritten Reiche! Goilolfomofrattfd)» ü)od)fnt»Iatt Herausgeber: Ernst Sattler; verantwortlicher Redakteur: Wenzel Horn: Druck:»Graphia«; alle In Karlsbao- Zeitungstarlf bew. m. P. D. ZI. 169.334/VII-1933' Printed In Czecho-Slovakia. Der»Neue Vorwärts« kostet Im Einzelverkauf innerhalb der CSR. Kö 1.40(für e"1 Quartal bei freier Zustellung Kö 18.—). Pr®rJ der Einzelnummer Im Ausland Kö 2.— 24.— für das Quartal) oder deren Gegenwert in der Landeswährung(die Bezugspreise das Quartal stehen In Klammern): Argentinien Pes. 0.30(3.60), Belgien Frs. 2—(24.—), garien Lew 8.—(96.—), Danzig Guld. 03b (3.60), Deutschland Mk. 0.25(3.—), Estlan0 E. Kr. 0.22(2.64), Finnland Fink. 4.—(48.—'• Frankreich Frs. 1.50(18.—), Großbritannien d 4—(Sh. 4.—), Holland Cid. 0.15(1.80). Uen Ur. 1.10(13.20), Jugoslawien Dtn. (64.—), Lettland Lat. 0.30(3.60), Litauen UJ" 0.55(6.60), Luxemburg B. Frs, 2.—(24—'' Norwegen Kr. 0.35(4.20), Oesterreich S®, 0.40(4.80), Palästina P. Pf. 0.018(0.216'' Polen Zloty 0.50(6.—), Portugal Else. 2-— (24.—), Rumänien Lei 10.—(120.—), Sa&f, gebiet F.'Fr. 1.50(18.—), Schweden Kr. 6� (4.20), Schweiz Frs. OßO(3.60), Spanien P6* 0.70(8.40), Ungarn Pengb 035(4.20). 0.08(1�—). Einzahlungen können auf folgend« schockkonten erfolgen: TBchechoalowsk«1' Zeitschrift»Neuer Vorwärts« Karlsbad. P�® 46.149. Oesterreich:»Neuer Vorwärts« Ka""' bad. Wien B- 198.304. Polen;»Neuer Vorwärt» Karlsbad. Warschau 190.163. Schweiz:»N«"e' Vorwärts« Karlsbad. Zürich Nr. VlU H-69 j Ungarn: Anglo-Cechoslovaklsche und Credltbank. Filiale Karlsbad. Konto>f'eUn, Vorwärts« Budapest Nr. 2029. 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