Nr. 89 SONNTAG, 24. Februar 1933 6iHia*tettt0lraKfd)g0 tttocfoiMoff Verlag: Karlsbad, Haus„Graphia"— Preise und Bezugsbedingungen siehe Beiblatt letzte Seite Aus dem Inhalt; Hitleropfer in Holland Lob der Demokratie in Moskau Gott spricht wie Hitler Die Saaremigranten in Süd- trankreich Wie man Oberbürgermeister wird Frauenköpfe rollen Die große Spionage-Affäre in Berlin In Berlin sind am vergangenen Montag zwei Frauen geköpft worden, die im Dienste eines polnischen Spions gestanden haben sollen. Es war der Benita v. B e r g, geschiedene v. Falkenhayn, geborene Zollikofen, und ihrer Schicksal- fefährtin der Renate v. Natzmeran der �iege nicht gesungen worden, daß sie einmal ein solches Ende nehmen würden. Sie wie die dritte Verurteilte, Irene v. Jena, die mit lebenslänglichem Zuchthaus davonkam, waren Töchter adeliger Offiziere, wie überhaupt in der ganzen Affäre kaum ein deutscher Name auftaucht, der nicht dem �ten preußischen Militäradel angehört. �ar Mann selbst, der drei adelige Frauen kufs Schafott und ins Zuchthaus gebracht bat, ist ein polnischer Adeliger und ehemaliger österreichischer Kavallerieoffizier. dieser Herr von Sosnowskl ist zwar gleichfalls zu lebenslänglichem Zuchthaus Verurteüt, es besteht aber kein Zweifel daran, daß er bald als ein im Austausch �«gelassener Deutschland in einem Ab- teü l. Klasse verlassen wird. Die Berliner Spionageaffäre ist ein ungeheurer Skandal jener Gesellschaft, die beute noch, heute mehr denn je als die 8üte gilt Der polnische Kavalierspion und 'eine deutschen Gehilfinnen konnten sich freundschaftlicher Beziehungen nicht nur zu Hohenzollemprinzen rühmen, sondern auch zu nationalsozialistischen Führern. bk ist kein Zufall, daß G ö r i n g vor kurzem sein Begnadigungsrecht an Hitler �kgeben hat Göring wollte nicht Damen böpfen lassen, denen er noch vor nicht zu langer Zeit die Hand geküßt hatte, Mög- ucherweise hat er, der erst neulich in Warschau war, es auch nicht für klug ge- balten, die neue polnisch-deut- *�be Freundschaft im blutigen Schein einer grauenhaften Henkerszene er- sfrahlen zu lassen. Hitler setzte sich über diese Bedenken hinweg. Hitler und Göring haben seit zwei Jah- kfn viele Menschen töten lassen, ohne die Gründe dafür anzugeben. Auch über die Gründe der neuen Schlächterei erfährt nur wenig. Wenn es wahr ist, daß die Verurteilten Frauen als Beamtinnen des f�chswehrmlnlsteriums Verrat geübt ha- eni wird niemand ihr Verhalten entschuldigen. Bei dem gegenwärtigen Zustand der deutschen Rechtssicherheit kann sich aber �cb niemand dafür verbürgen, daß die �kebuldigungen, die gegen sie erhoben Wurden, zutreffen. Gerade Landesverrats- Prozesse hqh�n sich ihrer besonderen igenart wegen als eine unerschöpfliche Quelle von Justizirrtümern erwiesen: siehe d�a Fall Dreyfus in Frankreich, die Fälle rkchenbach und Bullerjahn In Deutsch- laild. Waren solche Fälle auch bei relativ kormalen Zuständen möglich, um wieviel 'Achter können sie sich dort ereignen, wo j�d® geordnete Rechtspflege aufgehört hat! .k3 sogenannte»Volksgericht«, das am ,o- Februar die beiden Todesurteile fällte, ®in nationalsozialistisches Parteigericht, uach politischen Gesichtspunkten ent- t�det Es hat gar nicht die Aufgabe, p�bt zu sprechen, es hat im Interesse der krtei zweckmäßig zu handeln. r, Aber auch, wenn die vom sogenannten Olksgericht schuldig gesprochenen wirk' ch ün Sinne des Gesetzes schuldig ge- k a 611 Sein sollten, so war ihre Tötung 55, 111 Akt des Rechts. Das deutsche Straf, >,-gesetz kennt für Landesverrat im—-----—•—. oden keine Todesstrafe. Erst die jetzt) der Antrittsaudienz des neuen japanischen herrschende Gesellschaft, die sich das Recht angemaßt hat, den Deutschen Gesetze zu geben, hat diese Strafe eingeführt. Die Taten, die heute in Deutschland mit dem Tode bestraft werden, mögen noch so verwerflich sein— sie stehen in gar keinem Verhältnis zu den Verbrechen, die die heute Herrschenden auf dem Gewissen haben. Mögen die beiden hingeschlachteten Frauen auch für Liebe oder Gold Verrat begangen haben, sie mögen noch so tief gesunken sein, sie hatten noch nicht das Niveau jener Edith Kersbach erreicht, die den abtrünnigen Nationalsozialisten Formis an sich lockte, um ihn von ihren Spießgesellen ermorden zu lassen. In einem Lande, in dem diese Edith Kersbach und ihre Spießgesellen Schutz und Förderung genießen, gibt es keine»Hinrichtung« mehr im Sinne irgendeines Rechts. Dort gibt es nur noch Abschlach- tung und gemeinen Mord. Gegen die Abschlachtung der beiden Frauen im Gefängnishof von Plötzensee empört sich jedes normale menschliche Empfinden. Kann man sich vorstellen, daß Deutschland noch vor fünf Jahren einen Reichskanzler hatte, der ein Gegner der Todesstrafe war? Als Hermann Müller sein Amt antrat, richtete er an die deutschen Länderregierungen die Aufforderung, keine Todesurteile mehr vollstrecken zu lassen, solange nicht der Reichstag über Beseitigung oder Beibehaltung der Todesstrafe endgültig entschieden hätte. Schon zuvor waren in der Republik nur etwa 10 Prozent der Todesurteüe vollstreckt worden gegen 40 Prozent in der Monarchie. Hitlers erste Tat aber war die Verkündung eines sogenannten Gesetzes, das neben dem Köpfen auch das Hänge n als Todesart vorsieht. Braungelbe Kriegstreiber Berlin— W arschau— Tokio Aus dem Gewirr der diplomatischen Verhandlungen und militärpolitischen Umgruppierungen der letzten Monate treten immer deutlicher die Umrisse der deutsch-polnisch- japani- schenlnteressengemeinschaft hervor, die ihre Schatten auch auf die im Flusse befindlichen Verhandlungen über die Schaffung eines europäischen Sicher- heitssystems wirft. Lassen wir die Tatsachen sprechen: Zum Jahrestag des deutsch-polnischen Freundschaftsvertrages vom 26. Januar 1934 empfing Hitler den Korrespondenten des polnischen offiziösen Organs»Gazeta Polska«, um in einem Interview die außerordentliche Bedeutung dieses Vertrages zu unterstreichen. Die gleichen Lobpreisungen äußerte um dieselbe Zeit der polnische Außenminister Beck gegenüber dem Korrespondenten des»Völkischen Beobachters«. Kurz danach weüte Göring im besonderen Auftrage Hitlers in Polen, wo er vom Marschall Pilsudski empfangen wurde. Sicherem Vernehmen nach galten die Verhandlungen der Herstellung eines gemeinsamen Operationsplanes Deutschlands und Polens gegenüber dem Ostpakt und dem mitteleuropäischen Pakt. Darüber hinaus soll aber auch über ein gemeinsames Vorgehen gegen die baltischen Staaten und gegen die Sowjetunion verhandelt worden sein. Die polnische Oef- fentlichkeit verfolgt mit großer Sorge die immer enger werdenden deutsch-polnischen Beziehungen, die unter den Auspizien der »autoritären« Regierung zu einer abenteuerlichen Katastrophenpolitik zu führen drohen. Bei den jüngsten Debatten im Außenausschuß des polnischen Sejms sind diese Besorgnisse in nachdrücklichster Weise von den Vertretern der polnischen Sozialisten wie der Nationaldemokraten zum Ausdruck gebracht worden. Auf deutscher Seite dagegen überschlägt sich die Presse In Freudenausbrüchen über die Sekundantendienste, die Polen der deutschen Politik leistet, während gleichzeitig in Rundfunk und Presse gegen Litauen gehetzt wird, das als nächster Gegner mit polnischer Hilfe zur Strecke gebracht wer den soll. Von großer demonstrativer Bedeutung war die Ansprache, die Hitler anläßlich Botschafters Graf Mushajoki am 7. Februar hielt. Er unterstrich die enge Verbundenheit, die in politischer und wirtschaftlicher Beziehung zwischen Japan und Deutschland herrsche, und gäb dem Wunsch nach einer noch engeren deutsch-japanischen Zusammenarbeit Ausdruck. Einige Tage vorher war der Führer der japanischen Flottendelegation, Ad- miral Yamamoto, auf der Rückreise von der Londoner Flottenkonferenz in Berlin, wo er von den Regierungskreisen ostentativ gefeiert wurde. Diese Kundgebungen sind der äußere Ausdruck einer ständig enger werdenden Zusammenarbeit zwischen deutschen und japanischen Regierungskreisen. Zur Zeit weilen mehrere japanische Militärmissionen in Deutschland, die die wichtigsten Werke der Rüstungsindustrie studieren, die Ausländem sonst unzugänglich sind. Deutsche Flugzeuginstrukteure führen die Japaner in die Geheimnisse der Fliegerei ein, deutsche Flugzeugwerke werden mit Bestellungen für Japan überhäuft, deutsche Wirtschaftsverbände suchen engen Anschluß an Japan, um wichtige Rohstoffe von dort zu beziehen, die insbesondere für die Rüstungsindustrie in Frage kommen. In ähnlicher Weise machen sich neuerdings auch in Polen enge Beziehungen zu Japan bemerkbar. In der polnischen Presse wurde die alte Geschichte ausgegraben, daß Pilsudski, damals noch Führer der Polnischen Sozialistischen Partei, während des russisch-japanischen Krieges 1904 in Tokio weüte und der japanischen Regierung die Unterstützung seiner Partei gegen die Zarenregierung antrug. Schon im vorigen Jahre haben verschiedene japanische Militärmissionen Polen besucht. Neuerdings hat der japanische Miütär- attachd in Warschau die Erlaubnis erhalten, die wichtigsten müitärischen Einrichtungen in Polen zu inspizieren. Diese Tatsache ist umso auffälliger, als er vor dem Antritt seines Warschauer Postens Chef der ersten Sektion des japanischen Generalstabs gewesen war und dann noch höhere militärische Posten bekleidet hatte. Die sich anbahnende militärische Zusammenarbeit mit Japan wird ergänzt durch die intensive Tätigkeit des Sohnes des polnischen Präsidenten Moscicki, der als polnischer Gesandter in Tokio sowohl in Japan wie in Mandschukuo eine eifrige politische und wirtschaftliche Werbearbeit entfaltet. Es ist unverkennbar, daß die polnischjapanische Zusammenarbeit die Aufgabe hat, den Boden für die Schaffung eines deutsch-polnisch- japanischen Bündnisses vorzubereiten. Welche Ziele werden von den einzelnen Partnern dieser neuen Interessengemeinschaft angestrebt? Sie ergeben sich aus der Expansionspolitik, die jeder von ihnen betreibt: Hitlerdeutschland braucht die Hilfe Polens, um über Litauen hinweg gegen das Baltikum und Sowjetrußland vorzustoßen und gleichzeitig durch Druck auf die Tschechoslowakei und Rumänien den östlichen Pfeiler des französischen Sicherheitssystems in Mitteleuropa zu erschüttern. Es braucht Polen als Sprungbrett nach der Ukraine hin, um im Falle ostasiatischer Verwicklungen den Traum Alfred Rosenbergs nach Schaffung »deutschen Siedlungsraumes« im Osten zu verwirklichen. Polen fördert diese Politik einerseits aus seinem Gegensatz zu Litauen heraus, andererseits, weh Pü- sudski noch immer hofft, den Vorstoß nach der Ukraine hin, der ihm im Jahre 1920 im polnisch-russischen Kriege mißlang, zum siegreichen Ende führen zu können. Japan schließlich, der stärkste Partner im Bunde, arbeitet planmäßig und zielbewußt darauf hin, nach der Losreißung der Mandschurei, die in den Vasallenstaat Mandschukuo verwandelt worden ist, in die äußere Mongolei einzudringen, um von dort aus die Position Sowjetrußlands in Oatsibirien und Turkestan zu bedrohen. Unter dem Druck des ständig vordrängenden japanischen Imperialismus hat sich die Sowjetunion vor kurzem genötigt gesehen, die Ostchinesische Bahn, die müi- tärisch nicht zu halten war, zu einem Spottpreis an Japan zu verkaufen und zur Sicherung ihrer Grenzen große Verteidigungsanlagen in Ost- und Mittelsibirien zu schaffen. Es muß aber dennoch gewärtig sein, daß Japan einen Konflikt vom Zaune bricht und sich der ostsibirischen Provinzen zu bemächtigen sucht, insbesondere wenn es der Unterstützung Polens und Deutschlands sicher ist, die einen Krieg in Ostasien benutzen könnten, um vom Westen her die Sowjetunion anzugreifen und ihre imperialistischen Bestrebungen im Baltikum und in der Ukraine zu verwirklichen. Die einflußreiche japanische Zeitung»Asachi« hat vor kurzem mit aller Bestimmtheit versichert, der deutschpolnische F r e u n d s ch a f ta v e r- t r a g enthalte die Geheimklausel, daß im Falle eines Krieges zwischen Japan und Rußland die Deutschen und Polen gemeinsam in die Sowjetunion einmarschieren würden. Die Konstellation, die sich hierauf für die europäische Politik ergibt, ist ohne weiteres klar: Nach den Beschlüssen, die in den letzten Wochen in Rom und London gefaßt wurden, steht der Abschluß des Ostpaktes sowie des mittel- europäischenPaktes, durch die die Grenzen im Osten und Südosten Europas garantiert werden sollen, im Vordergrunde der internationalen Politik. Deutschland, des sich dem Abschluß der Luftkonvention mit England nicht abgeneigt zeigt, um England von seinen Verbündeten zu trennen, ist keineswegs geneigt, die beiden anderen Pakte zu unterzeichnen, weil es nach Osten und Südosten hin nicht die Hände binden will. Das diplomatische Spiel, das es, offenbar mit Hilfe Polens, treibt, ist jetzt darauf gerichtet, Frankreich von seinen östlichen Verbündeten zu trennen, um dann gemeinsam mit Polen und Japan gegen die Sowjetunion, gleichzeitig aber auch gegen die Kleine Entente und den Balkan vorstoßen zu können. Es spekuliert darauf, daß einflußreiche Kreise in England, die sich um Lord Rothermere und i Deterding gruppieren, die englische Regierung dahin zu beeinflussen suchen, sich auf die Luftkonvention zu beschränken und im übrigen dem aufgerüsteten Deutschland freie Hand im Osten zu geben. Ebenso spekuliert Japan darauf, daß dieselben konservativ-imperialistischen Kreise in England ihm aus Konkurrenz gegen die Vereinigten Staaten und aus Haß gegen die Sowjetunion ihre Unterstützung bei einem Vorstoß gegen Sowjetrußland nicht versagen würden. Noch im Dezember vorigen Jahres schrieb der Londoner»Economist«, es gäbe in England eine kleine, aber einflußreiche Minderheit, die offenbar darauf hinarbeitet, daß»England die Rolle einer Hyäne neben dem japanischen Löwen« spielen solle, eine Rolle, die ebenso schmachvoll wie unzulässig vom Standpunkte der britischen Interessen sei Noch bedeutsamer ist aber, daß General S m n t s, einer der Führer der Südafrikanischen Union, in einem vielbeachteten Artikel in der Londoner»Times« vom 12. November 1934 die englische Regierung davor warnte, Japan Konzessionen zu machen, da sonst die Dominions genötigt sein würden, Hilfe bei den Vereinigten Staaten zu suchen. Die angeführten Tatsachen dürften wohl genügen, um die enge Verbundenheit zwischen den jetzt geführten Paktv er hand- lungen und den großen weltpolitischen Problemen aufzuzeigen. Die in Bildung begriffene deutsch-polnisch-japanische Interessengemeinschaft hat diese Verhandlungen aus dem engen Rahmen Europas herausgehoben und sie in Verbindung gebracht mit den gewaltigen Problemen, die an den Küsten des Stillen Ozeans der Lösung entgegenreifen. Hier wie dort liegt die Entscheidung bei England. Es könnte unter dem Einfluß kurzsichtiger eigennütziger Interessentenkreise geneigt sein, Hitler freie Hand in Osteuropa zu geben, um ihn von Westeuropa abzulenken, ebenso wie es geneigt sein könnte, einen stillschweigenden Akkord mit Japan zu schließen, um dessen Expansionskraft nach Ostsibirien abzulenken und seine indischen Besitzungen zu sichern. Diese Spekulationen wären aber das sicherste Mittel, um den Weltkrieg, den England vermeiden möchte, zu entfesseln. Sie wären das sicherste Mittel, um den Abfall der englischen Dominions vom Mutterlande herbeizuführen und die Weltmacht Großbritanniens zu zerstören. Wenn etwas klar erkannt werden muß, so ist es die Tatsache, daß derFriede unteilbar ist und daß jede Konzession, die an Hitlerdeutschland in Europa oder an seinen japanischen Bundesgenos- ��0 üi Asien aus opportunistischen Gründen gemacht wird, automatisch den Weltkrieg auslösen würde. Die braungelbe Interessengemeinschaft, die jetzt über die polnische Brücke hinweg aufgebaut wird, ist keine Gemeinschaft der Friedenssicherung, sondern eine Gemeinschaftder kriegerischen Aggression. Sie durch gemeinsamen politischen Druck zu unterbinden, ist erste Voraussetzung jeder Politik, die den Frieden der Welt sichern will. Me SaaremigFanten o in Südfrankreidi Und die Reichsemigranten in Straßbnrg Aus Saarbrücken wird uns geschrieben: Viele in den ersten Tagen nach der Saar- ahsthnmung emigrierte Saarländer haben inzwischen Ober ihre Erlebnisse in Frankreich nach Hause berichtet. Soweit es sich um Briefe von geschulten organisierten Arbeitern handelt, sind sie mutig und voller Vertrauen auf die Möglichkeit, sich im fremden Lande eine neue Existenz zu schaffen. Man ist sich freilich auch darüber im Klaren, daß dies meistens ohne Berufswechsel nicht gehen wird. da die französische Industrie nur in seltenen Fällen Arbeitskräfte aufnehmen kann und nationalistische Kreise Frankreichs sich heftig dagegen sträuben, ausländischen Arbeitern Möglichkeiten zur Betätigung zu geben. Es scheint, daß viele Saaremigranten zur Landwirtschaft werden übergehen müssen, was natürlich nicht ohne eine gewisse schlecht bezahlte Lehrtätigkeit möglich sein wird. Die spätere Ansiedlung. ob nun in Südfrankreich oder In Kolonien, ist eins finanzielle Frage. Lord Marley und Lord Cecü haben Im britischen Oberhause auf die Pflicht des Völkerbundes hingewiesen, finanzielle Mittel für die Saaremigranten bereitzustellen. Diese Forderung wird von allen Arbeiterorganisationen und sozialistischen Parlamentsfraktionen der ganzen Welt kräftig unterstützt werden müssen. Die Saaremigranten haben ihre Heimat verlassen müssen, weil sie sich für ein Völkerbundsland an der Saar geschlagen haben, und es müßte den Kredit des Völkerbundes bei den Arbeitern in allen Ländern auf den Nullpunkt bringen, wenn er sich nun um das Schicksal der emigrierten Saarländer nicht kümmern würde. Man wird insbesondere von Sowjetrußland, das nun dem Völkerbunde angehört, erwarten müssen, daß es eine energische Initiative zu Gunsten der Saarflüchtlinge entfalten wird. Die Saaremigranten sind auf zahlreiche Orte vom Mittelländischen Meer über Toulouse bis nach Lourdes in den Pyrenäen verstreut. Die Art ihrer Aufnahme hängt nicht zuletzt von dem politischen Charakter der Bevölkerung ab. In einigen Orten sind die Emigranten von den örtlichen sozialistischen Organisationen empfangen und gefeiert worden. Der Gemeinderat von Tarbes in den Pyrenäen hat beschlossen, den Saaremigranten dieselben Zuwendungen zu machen wie den eingesessenen Erwerbslosen, eine weitherzige Regelung, die allerdings bisher auf diese Stadt beschränkt geblieben ist. Die Gäste aus dem Saarland sind je nach den in den einzelnen Orten zur Verfügung stehenden Möglichkelten in Sammellagem, Baracken, Kasernen, Fabriksgebäuden usw. untergebracht. Die Verpflegung ist etwa nach der Art des französischen Militärs geregelt In einigen Fällen werden die Mahlzeiten durch katholische Schwestern zubereitet und verteilt Die sfld- französische Kost ist natürlich ungewohnt und hat bei manchen Emigranten vorübergehende Krankheitserscheinungen hervorgerufen. Es besteht vielfach der Wunsch, daß man den Emigranten erlauben möge, die Küche im Rahmen der zur Verfügung stehenden Mittel selbst zu führen. Ein besonderes Pech haben die Saaremlgranten Insofern, als In Südfrank- rerch eine Kältewelle herrscht, wie seit vielen Jahren nicht mehr, und die Unter kun/tsmög- lichkeiten für den Schutz gegen Eis und Schnee nicht recht eingerichtet sind. Unsere Freunde und noch mehr ihre Frauen und Kinder sehnen sich danach, daß die vielbesungene Sonne des Südens nun endlich durchbricht und den Frühling bringt von dem sie in den ersten Tagen nach ihrer Ankunft bei milden Wetter einen Vorgeschmack hatten. Erfreulich ist mit welcher Strenge die politischen Kämpfer der Emigration über die wenigen dunklen Elemente urteüen, die sich in den ersten Tagen der Massenabwanderung aus dem Saargebict unter die Flüchtlingen zu mischen verstanden haben. Man büligt durchaus, daß die französischen Behörden solche Leute, die im Saaigebiet niemand im politischen Lieben gesehen hat aussondern und abschieben. Entsprechend ihrer gewohnten sozialistischen Schulung verlangen die Emigranten von jedem Leidensgenossen Disziplin, Ordnung, Anpassung an die neuen Verhältnisse, Respektierung des Gastlandes, Verständnis für die fremde Bevölkerung und ernstliches Bemühen, sich das schwere Los gegenseitig erträglich zu machen. Mit Stänkerern und Nörglern will man nichts zu tun haben. Die französischen Behörden sind gut beraten, wenn sie ihre Maßnahmen im Einvernehmen mit den Vertrauensleuten der organisierten Arbeiter treffen. Da und dort ist es leider zu starken Gegensätzen zwischen»Kommunisten« und Sozialdemokraten gekommen. In Toulouse haben sich»Kommunisten« derart benommen, daß die Sozialdemokraten bei der Stadtverwaltung beantragt haben, nach Parteien getrennte Unterkünfte einzurichten. Sozialdemokraten, die bettelarm aus dem Saargebiet flüchten mußten und übrigens auch im Saargebiete keine Partei- oder Gewerkschaftsstellung Innehatten, werden als»Bonzen« beschimpft und schikaniert. Man mag zur Entschuldigung anführen, daß die politische Ueberzeugung dieser»Kommunisten« durchweg erst sehr jungen Datums ist, woraus sich wohl auch erklärt, daß manche Kommunisten sich in Südfrankreich bei den Behörden als Sozialdemokraten ausgeben, weil Ihnen das vertrauenswürdiger zu sein scheint. Diejenigen Emigranten, die nicht Saarländer sind, sondern Im Laufe der beiden letzten Jahre aus dem Reiche In das Saargebiet flüchteten, werden gesondert behandelt Nur einigen davon Ist es gelungen, sich Transporten nach Südfrankreich anzuschließen. Dl« allermeisten wurden in ein Sammellager nach Straßburg gebracht, wo sie sich nun seit einigen Wochen aufhalten, und zwar in voller Ungewißheit über ihre Zukunft Da Straßburg Festung ist und Ausländem die Niederlassung in den französischen Ostdepartements grundsätzlich verweigert wird, leben die Reichsemigranten in Ihrem Sammellagsr zu Straßburg unter wesentlich strengeren Bestimmungen als die Saaremigranten in Süd- f rankreich. Es hat auch Beschwerden Uber das Essen gegeben. Entsprechende Interventionen durch französische Sozialisten, aber auch durch englische Quäker, sind erfolgt. Einige jüngere Emigranten haben sich zur Fremdenlegion gemeldet jedoch muß nachdrücklich festgestellt werden, daß Irgendwelche Werbung für den Eintritt nicht«r' folgt. Sehr entbehrt wird Uberall Lesestoff- Insbesondere sehnt man sich nach dem»Neuen Vorwärts« und der leider einstwellen durch die Niederlage im Saargebiet auf der Streck* gebliebenen»Deutschen Freiheit«. Wer de« Saar- und Reichsemigranten mit Leeestoff helfen Hill, sende ihn sofort an die Flücht- lings-Beratunggs teile in Forbach(Moeelle)t Rue nationale 4L Diese Stelle, die von einig*« relchsdeutschen Emigranten In enger Verbindung mit den zuständigen französischen Behörden geführt wird, leistet sehr wertvoll* Arbeit Aus dem Saargebiet treffen nur noch vereinzelt Flüchtlinge an der französische« Grenze ein, denn es ist einstweilen eine g*" wisse Beruhigung eingetreten. Ob sie e"' halten wird oder ob mit dem offiziellen Rückgliederungstage am L März und dem f*i*r* lieben Einzüge des»Führers« so um den 10. März die nächste Woge des Naziterror« auf' braust ist ungewiß, und unsere Freunde auf schlimme Dinge gefaßt MSßwirtsdiaft In den Gemeinden Phantasie-Etat ohne Kontrolle. In Guben(40.000 Einwohner) haben(he Nazis einen alten, versoffenen Seeoffizier a. D., Schmiedicke, zum Oberbürgermeister gemacht Er ist Gauleiter ehrenhalber geworden mit der Berechtigung zum Tragen der Uniform. Er hat vor einiger Zeit die Bevölkerung durch einen neuen Etat überrascht der mit Mark 76.000.— Ueberschuß abschloß. Während der Etat nur In den Abacbluß Ziffern in den Zeitungen veröffentlicht wurde, gelang es einem früheren Wirtschaftsparteiler, den Etat im einzelnen nachzuprüfen. Dabei stellte sich heraus, daß dar Ueberschuß nur dadurch zustande gekommen war, daß einfach ein großer Ausgabeposten als Einnahme eingesetzt war. Der Wirtschaftsparteiler ging zum Oberbürgermeister und machte ihn darauf aufmerksam. Der warf ihn kurzerhand hinnn» mit den Worten;»Lassen Sie sich nicht einfniion weiter Uber die Sache zu reden. Ich stelle den Etat auf, und niemand hat mir etwas hineinzureden. Wenn Sie hier miesmachen wollen, wissen Sie, was Ihnen passieren kann.« In Teltow(8000 Einwohner) wurde der sozialdemokratische Bürgermeister Steffen von dem P g. Billig abgelöst. In kurzer Zeit entstanden 8 4.0 0 0 RM Unterbilanz im Etat, während bis zur Ablösung Steffens alle« in Ordnung war. Bürgerliche Stadtverordnete, die von Billig Auskunft haben wollten, erhielten die Antwort;»Für die Finan- zen bin ich verantwortlich, und Ich würde das Dienstgeheimnis verletzen, wenn ich über das Defizit nähere Auskunft geben würde.« Die Antwort der Bürgerschaft besteht in schweren Schimpfereien gegen die NSDAP. Die städtische N otstandsküche wurde bisher von Spenden des größten Teltower Spinnerei betrlebee finanziert. Die Zahlung wurde eingestellt mit der Begründung:»Solange diese Schweinewirtschaft weiter besteht, werten wir kein Geld mehr in diesen Topf ohne Boden hinein.« Darauf hat Billig die städtische Küche schließen lassen. In Duisburg-Hamborn ist der Oberbürgermeister Dr. Kelter angeblich auf seinen Wunsch in den Ruhestand versetzt worden,»um sich wieder seiner Wissenschaft liehen Tätigkeit widmen zu können«. In Wahrheit ist er abgesetzt worden, weil im Rechnungsjahr 1933/34 ein Defizit von 29 Millionen entstanden ist. Sein Vorgänger Jarres hatte für 1932/33 nur ein Defizit von 13 Millionen. In Pirmasens(43.000 Einwohner) beschloß der Stadtrat allen städtischen Haus- beeitz zu veräußern. Ueber die städtische Finanzlage wurde berichtet daß sie sehr gespannt sei und gemäß dem Willen der Regierung zur Auf rech �erhalUing einer ordnungsgemäßen Betriebs- und Verwaltungsführung nur gesetzliche und vertragsmäßige Leistungen erfüllt werden könnten. Der Schuldenstand war am 1. Oktober 1933 RM 7,018.152.— und am 1. Oktober 1934 RM 7,453.473.—. Wie man Oberbürgermeister wird In Prcnzlau wurde der deutsch nationale Land rat von Lettow- Vorbeck durch den Nazi Dr. Conti ersetzt Während der frühere Landrat Verwaltungsbeamter war, ist Dr. Conti Parteisoldat der NSDAP und verdankt seine Stellung einem Verwandten, der Ministerialrat ist Der erste Bö1"" germelster Dr. Meyer aus Prenzl«0 fand aber noch rechtzeitig den Anschluß � der Hltlcrgarde und wurde SS-Mann- »diente« so dem Vaterland. Der SS-Sturö1' bannführer Heldrieh war allerding« gut auf den System bürgermedster zu spr** chen. Das wußte auch der Landrat, der«" der Stalle von Dr. Meyer zu gern seih*0 Schwager gesehen hätte. Deshalb K* � Heddrich, der für alle Korruptionsersch� nungen Verständnis aufbrachte, ins Vertrau*® und beide beschloeeen, den ersten Biirg*1" meister von seinem Posten zu verdr*®' d*« gen. Große Saufgelage sorgten für nötigen Mut um bei den höheren Partei- offenes Ohr für den P1*® wurde erster Bürg*®" Staatastellen ein zu finden. Plötzlich iö> meister Dr. Meyer seines Posten» dienstlichen Interesse enthoben. � schien der Weg für den Verwandten Nazilandrats frei. Doch Dr. Meyer giog nen Widersachern energisch zu Leib* � drohte mit der Veröffentlichung T® Skandalaffären, die selbst dem driiekeberger und jetzigen Oberpräsiden Man als � ein e» K u b e sehr ungelegen waren. schließlich keinen anderen Ausweg, Dr. Meyer als Schweigegeld-. noch besseren Posten zu geben- J ist er Oberbürgermeister in hausen(Thüringen) mit einem b<'deU höherem Gehalt als er in Prenzlau c � Der SS-Führer Heidrich und der Landrat � Conti aber sind glücklich, daß der ihn*11 � noch vielen anderen Bonzen gefährlich* � Meyer aus Prenzlau verschwunden tst noch dazu geschwiegen hat. Die" ,, lauer Bevölkerung aber ist seit diese® � schenspiel sehr hellhörig geworden u�-ug* Arbeiterschaft wird ein wachsame* haben. Kbert zum Gedädiinis Zu seinem 10. Todestag. Am 28. Februar 1925 starb der, erste Reichepräsident der Deutschen Republik, Friedrich Ebert. Dieser deutsche Arbeiter und Sozialdemokrat war sechs Jahre �or an die Spitze des Staates getreten, hachdem die Diktatur Ludendorffs im Kriege zerbrochen war. Gemeinsam mit seinen Parteigenossen und den sehend gewordenen Po- Ütikern des Bürgertums stellte er sich die Aufgabe, dem deutschen Volke die innere Freiheit zu geben und ihm den gebührenden Flatz unter den Völlcern der Welt wieder zu verschaffen. Diese Aufgabe schien zunächst Unlösbar, Versailles und Londoner Finanz- Ultimatum, Poleneinbruch und Ruhreinmarsch. Spartak usauf stand und Separatistentreiben, Kapp- un33tauerei 2000 SJU.;(Sc nniicnidjaft JJresbncr Sörje 1000 9JIL; Äarl SBintler,(5. m. b. 1000 Stfif.; Dtcsbner 3lU(fncii.«3I.»(5. 2000 Söll. Sa d) b t c n I i dj e Mitteilungen über ben SScrbleib ber 35icbes» beute erbittet bos Äriminolantt nnd) 3'nt, mer 86." An die Unterschlagung von Geldern der Winterhilfe hat man sich im Dritten Reiche schon so ziemlich gewöhnt. So oft geschehen sie. Daß aber das Kriminalamt soeben erst gesammelte Gelder von vornherein schon als Diebesbeute bezeichnet und sachdienliche Mitteilungen Uber deren Verbleib erbittet, das erschien den Lesern doch als ein Anfall von Offenherzigkeit, an den sie kaum zu glauben vermochten. Bei näherem Zusehen fanden sie denn auch, daß dieser Wortlaut der Notiz nur durch ein Versehen beim„Umbruch' durch verkehrtes Aneinanderfügen der Zellen verschiedener Notizen zustande gekommen war. »Trampelt sie nieder!« „Wenn Deutschland uns sendet die Nazis, Trampelt sie nieder! Wir werden mit Schlägen und Fausthieben arbeiten, Trampelt sie nieder! Und um Ihnen den schönsten Dienst zu erweisen, Trampelt sie nieder! Gehen wir auf den Brenner mit heiligem Knüppel!" So tönte— laut Bericht der„Rheinisch- Westfälischen Zeltung"— der Sprechchor der italienischen Jungfaschisten In Bozen zu Ehren des Italienischen Kronprinzenpaares. Die Folgen Der Berliner Bischof Dr. Bares wendet sich In einem Aufruf gegen den„unheimlich steigenden Alkoholver brauch" in Berlin, der „immer mehr Straftaten und Unfälle" zur Folge habe. Siemens waen# yop Sdiadit Dem Siemens-Konzern, der seinen Geschäftsbericht für das Jahr 1933/34 vorlegt, ist das Dritte Reich nicht schlecht bekommen. Allerdings ist es dem Unternehmen bei allen äußeren Zeichen des Wohlhefinden» nicht ganz wohl zu Mute. Die Siemens& Halske A.G., die vorwiegend das Schwachstromgebiet bearbeitet, kann, wie im Vorjahr, so auch diesmal, wieder eine Dividende von 7 Prozent ausschütten, mehr den Aktionären zuzuwenden, ist ihr von der Gesetzgebung des Dritten Reiches verboten. Der wirkliche Ueberschuß hätte aber die Ausschüttung einer viel größeren Dividende gestattet. Die Siemens-Schuckert-Werke weisen seit einigen Jahren bilanzmäßiger Verluste zum ersten Mal einen Reingewinn aus. Es ist aber der Leitung dieses Weltkonzerns sehr wohl bewußt, daß diese Blüte nur eine Scheinblüte ist. Denn Siemens, der über eine Art Weltmonopol verfügt, kann auf die Dauer nicht gedeihen, wenn er von den mit Pump finanzierten Bestellungen des Dritten Reiches abhängig ist, umsomehr als auch dieser Konzern gezwungen ist, einen beträchtlichen Teil seines Ueberschusses 1 n Hitlers Pumpwirtschaft anzulegen. Der Bestand von Wertpapieren hat sich im letzten Geschäftsjahr bei Siemens& Halske um 30 Millionen erhöht. Kein Zweifel, daß es sich dabei überwiegend um die faulen Anleihen des Dritten Reiches handelt. Der Wertpapierbestand kommt mit mehr als 80 Millionen einem Betrage gleich, der vier Fünftel des Aktienkapitals ausmacht. Herr von Siemens weiß, daß diese Pumpwirtschaft nicht endlos fortgesetzt werden kann, sondern früher oder später gestoppt werden muß. Er ist also dringend daran interessiert, dafür vorzusorgen, daß der Abbau der Staatsaufträge dann durch Erhöhung des Exports ausgeglichen werden kann. Damit sieht es aber trübe aus. Es wird im Geschäftsbericht ausgeführt, daß die Umsatzsteigerung gegenüber dem Vorjahr im wesentlichen auf das Inland beschränkt geblieben ist Der Auslandsumsatz ist bei Siemens& Halske zurückgegangen, bei Siemens-Schuk- kert war der Anteil der Ausfuhr am Gesamtumsatz von 42 auf 30 Prozent gesunken. Das Ventil des Exports ist aber durch Schachts Waren- und Devisensperre verstopft. Die »Rheinisch-Westfälische Zeitung« spricht in ihrer Betrachtung über den Siemen sabechluli; von»nahezu unüberwindlich werdenden Schwierigkeiten des Ausfuhrgeschäftes«. Die Gefahr ist so groß, daß Herr von Siemen« sich entschließen mußte, Geschäftsbericht und Generalversammlung zu einer an Schachts Adresse gerichteten Warnung zu benutzen. In der Generalversammlung sagte er, daß»z". dem bekannten Kampf nach außen noch der Kampf nach innen, nämlich gegen die umfassenden Devisen- und sonstigen Beatimmungen hinzugekommen« sei. Im Geschäftsbericht warnt er davor,»die deutsche Ausfuhr unnatürlich dadurch zu erhöhen, daß zu niedrige, der Weltmarktlage nicht entsprechende Preise verlangt würden. Die anderen Länder würden bald wirksame Gegenmaßnahmen ergreifen«. Herr von Siemens scheint zu wissen, daß Schacht plant, den Export nicht durch Lockerung seiner Zwangswirtschaft, sondern durch Verschärfung der Grenzsperre und Abbau der Löhne zu forcleren. Er hat ja auch angekündigt, daß da« deutsche Volk sich damit abfinden müsse, noch zehn Jahre lang Entbehrungen zu erdulden. Es hat also nur zu sehr den Anschein, daß die Warnungen des Herrn von Siemens ungehört verhallen, und daß weiter nach den kriegswirtschaftlichen Rezepten Schachts regiert wird. Eine niditgehaUene Vorlesung Aber eine gute Lektion. Der schwedische Krebsforscher Professor Soederblom sollte in Heldelberg vor einem auserwfihltem Publikum einen Vortrag halten. Er stellte aber die Bedingung, daß auch Nichtarier mit eingeladen werden müßten. Däs wurde ihm zugesagt. Als jedoch jüdische Aerzte erschienen, wurden sie nicht in den Saal gelassen. Das erfuhr Soederblom. Er kam und hielt einen Vortrag von zwei Minuten. Sein Inhalt war ungefähr: man habe seinen Wunsch auf Zulassung von Nicht- ariern gebilligt, aber nicht erfüllt nach seiner Meinung hätten auch Nichtarier gute Arbeit auf dem Gebiet der Krebsforschung geleistet weshalb er es ablehnen müsse, nur vor Ariern zu sprechen. Eine Demonslra für Angelernte 68.1 und 68.3 Pfg., für Hilfsarbeiter 62.1 und 62.2 Pfg. Die Löhne der weiblichen Facharbeiter und Angelernten blieben mit 51.6 stabil, die der Hilfsarbeiterinnen stiegen von 43.3 auf 43.4 Pfg. Selbst die geringfügige Aenderung von ein Zehntel und ein Fünftel Pfennig beschränkt sich nach der amtlichen Statistik auf die metallverarbeitende Industrie, das Holzgewerbe, das Bauge* werbe in Städten unter 50.000 Einwohner und auf Reichsbahn und Reichspost. Diese Statistik belegt also eindeutig, daß die Stelgerung der Produktionskonjunktur für die deutschen Arbeiter und Angestellten nicht einmal die bescheidenste Aufbesserung ihrer in den schlimmsten Krisenjahren erbeh" lieh herabgesetzten Löhne und Gehälter zur Folge gehabt hat. Den ganzen Gewinn aus dem im wesentlichen durch die Rüstungsaufträge und die öffentlichen Aufträge hervorgerufenen Aufschwung nimmt demnach der „Volksgenosse" Kapitalist für sich allein 1° Anspruch. Treu dem Aiifsidiisrat Das Landesarbeitsgericht in FrankfuT1 hatte über die Klage eines fristlos entlasse nen Prokuristen zu entscheiden, der Weitet" Zahlung des Gehaltes für drei Monate for" derte. Die Klage wurde jedoch abgewiesen mit der Begründung, jener Prokurist hab* versucht, die Belegschaft des Werkes g6?611 den neu eingesetzten Auf sichtsrat auf zu wie" geln. Auch der Aufsichtsrat sei ein Aufslchts organ der Gesellschaft und auch gegen ihn habe der Angestellte seine Treuepfllcht � erfüllen. Dem Betriebsführer, dem Aufsichtsrat« jedem Vorgesetzten, wer immer er sei, � der Arbeiter, ist der Angestellte zur»Treuei verpflichtet. Umgekehrt gilt nicht das Gleich* — Untergebene dürfen jederzeit getreten wer* den. Außerdem hört auch die Treuepfü®11 des Arbeitnehmers da auf, wo die Konegia-" tät anfangen sollte. Wer einen Arbeltskolie� gen bespitzelt, denunziert und politisch dächtig macht, steigt nicht nur in Achtuh* und Stellung, er vollbringt sogar eine hatk'' nale Tat. Das ist die Volksgemeinschaft, sich die feinen Leute von je erträumt hah und die ihnen nun das Dritte Reich gewährt, hatte weg®0 Greuelnachrichten Vor dem Schnellrichter in Hannover sich ein Bürger zu verantworten, der we® t. Verleumdung der„Deutschen Arbeitsfcc � angeklagt war. Der Mann hatte die Jede � beweisbare Behauptung aufgestellt, daß � j der„DA"„nach Korruption geradezu Die Führung des Beweise« wurde � geklagten selbstverständlich nicht Das Gericht belegt ihn mit einer Gefäng0� strafe von drei Monaten. ffi" In Kassel wurde das Geschäft eines seurs wegen Gefährdung der Kunden Ubergehend geschlossen.... Aua der„Frankfurter Zeitung* vof Nr. 89 BEILAGE IteUmuMs 24. Februar 193� £c4 Aet dmoktoüe m Htoslm Aenderung des russisdhea Wahlredits Auf dem Allrussischen VIL Sowjetkongreß. der Anfang Februar im Moskauer Kreml tagte, gab es eine Sensation, Laut Beschluß des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei wurde der Vorsitzende •ies Rates der Volkskommissare, M o 1 o- fow, während der Tagung des Kongresses beauftragt, einen Entwurf zur weiteren Demokratisierung des Wahlsystems im Sinne eines Ersatzes der nicht vollkommen gleichen Wahlen durch gleiche, der viel- stufigen durch direkte und der offenen �urch geheime einzubringen. Einige Tage danach begründete Molotow in einem ausführlichen Referat die beantragten Vor- Schläge, die einstimmig vom Kongreß angenommen wurden. Gleichzeitig wurde beschlossen, dem Zentralexekutivkomitee der Sowjetunion die Wahl einer Verfassungskommission vorzuschlagen, die den Text �er Verfassung entsprechend ändern und ÜTe Vorschläge dem Zentralexekutivkomitee zur Bestätigung vorlegen soll. Die Nächsten ordentlichen Wahlen der Organe üer Sowjetmacht sollen auf Grund des f'euen Wahlsystems durchgeführt werden. Bei der Begründung seines Entwurfes uhte Molotow— ungewollt— eine scharfe Kritik an dem bisher in der Sowjetunion gültigen Wahlsystem. Sein Refe- r®t war ein einziges Plädoyer für die Vorige des allgemeinen, gleichen, direkten geheimen Wahlrechts, das bisher von aüen»linientreuen« Kommunisten als 'Gipfel des Sozialverrates« angesehen ��e. Ueber Nacht ist das nun plötzüch Loders geworden, und Molotow durfte in seinem Referat darlegen, daß das viel- �spöttelte»vielschwänzige Wahlrecht« Geitaus besser sei als das bisher ange- �üdte.»Die Sowjets— erklärte er— �en und bleiben die Grundlage unseres ystems. Aber das, was am Pariamen ta- besser war, nämlich die direkte, Reiche und geheime Wahl der Vertreter üf die Organe der Staatsverwaltung bei �umfassender Beteiligung aller Werktäti- wie es die Sowjetverfassung verlangt, �uß in(jgj. Sowjetunion jetzt vollkommen durchgeführt werden.« p. Dn einzelnen begründete Molotow die "�Setzung der bisher drei- und vierstufigen uhlea durch direkte damit, daß dadurch ® Autorität der Organe der Sowjetmacht . ht und die Verbindung dieser Organe � den breiten Massen der Werktätigen mehr verstärkt werden würde. Fer- � � die Ersetzung der nicht vollkom- v 611 gleichen Wahlen durch gleiche(bis- Wurde in den Städten ein Delegierter je 25.000 Wählern und auf dem fla- ea Lande einer von je 125.000 Einwoh- den1 ��khlt) dadurch notwendig gewor- • daß man der Bauernschaft nach der � großen Teil durchgeführten Kollektivierung der Landwirtschaft die gleichen Arlw6 müsse wie der städtischen .�ierschaft Am wesentlichsten ist je- j der Uebergang von den offenen Wah- �r geheimen Wahl. Er würde, so er- Molotow, eine der wichtigsten For- s® für die Kontroüe der Festigkeit des Wjetsyatems und seiner Verbundenheit j., deT Masse der Werktätigen sein. Die £rei»ie Wahl werde dabei helfen»einige "Wache Gebiete in unserer Arbeit ra- Sc� auf zudecken«, sie würde»einen IjJr8® gegen die bürokratischen Elemente« Reuten und eüie>nützliche Aufrütte- für sie sein. traut seinen Augen kaum, wenn Ta»(�aae Begründung liest. Bis zu dem Vom' Wo der Vorsitzende des Rates der SoWi«.n0mniiSSare si® vo11 der Tribüne deS UUr. 0ngrea8es verkündete, hätte auch w®1De entsprechende Andeutung genügt, 'Ahttf� Scüuldigen unter die Anklage der üant Chung in sozialverräterische Ge- zu bringen. Selbst Trotz- Vor seiner Vertreibung aus der g«Beb+�0n diesen Anschuldigungen aus- 1%* gar nicht zu reden von den An- gen 80 zialdemokra tischer Auffassun- Jöoir Wegen ihrer Forderung der De- 8?8t ati8iernng des Sowjets- Vert> J m 3 111 die Gefängnisse und in die S"«»g geschickt wurden. nun die jetzt angenommenen J Beschlüsse des Sowjetkongresses einen radikalen Bruch mit der Vergangenheit und eine Wendung zur Demokratisierung des Sowjetsystems dar? Hier sind starke Zweifel geboten. Zunächst hängt die konkrete Durchführung der jetzigen Beschlüsse von der Entscheidung des Zentralexekutivkomitees der Sowjetunion ab. Ferner werden die neuen Wahlvorschriften erst bei den nächsten Sowjetwahlen, •also voraussichtlich nach vier Jahren, zur Anwendung gelangen. Dann ist nach dem Wortlaut der Beschlüsse und ihrer Begründimg anzunehmen, daß die Kommunistische Partei auch nach der Demokratisierung des Wahlrechtes das Monopol der einzigen bestehenden Partei beibehalten und daß es in der Praxis nur eine von den Regierungsbehörden bewüligte Kandidatenliste geben wird. Das wichtigste aber ist; ohne Koalitions- und Versammlungsfreiheit, ohne Freiheit des Wortes und der Schrift bedeutet auch ein formell gleiches, direktes und geheimes Wahlrecht noch kein freies Wahlrecht. Gerade die Praxis in Hitlerdeutschland hat gezeigt, daß beim Fehlen der wichtigsten Voraussetzungen der politischen Freiheit auch das allgemeine, gleiche und geheime direkte Wahlrecht in ein Mittel zur Vornahme von Abstimmungskomödien verwandelt werden kann, denen gegenüber die Plebiszite Napoleons IIL als ein harmloses Kinderspiel erscheinen. Und dennoch bedeuten die jetzt angenommenen Beschlüsse— möge ihre praktische Verwirklichung noch so problematisch sein— einen gewaltigen Sieg jener Ideologie des demokratischen Sozialismus, die von den Kommunisten in allen Ländern auf das Wütendste bekämpft wird. Hier scheidet von vornherein die Frage aus, ob man mit demokratischen Mitteln eine revolutionäre Umwälzung durchführen kann, da dies in einen ganz anderen Fragenkreis gehört. Hier handelt es sich vielmehr darum, ob der Aufbau eines sozialistischen Gemeinwesens möglich ist, wenn die Demokratie ausgeschaltet ist und eine kleine Minderheit selbstherrlich über das werktätige Volk regiert. Bisher wurde diese Frage von den Kommunisten eindeutig in dem Sinne beantwortet, daß jede Konzession an die Demokratie einen»Verrat an die proletarische Revolution« bedeute. Nach' der Begründung, die jetzt Mo 1 o t o w für die Notwendigkeit der Demokratisierung der Sowjetverfassung geliefert hat, kann dieser Standpunkt nicht mehr aufrecht erhalten werden. Die Auseinandersetzung zwischen dem demokratischen und dem diktatorischen Sozialismus kann jetzt auf einer ganz anderen Ebene geführt werden, ganz unabhängig davon, ob und in welchem Maße die Demokratisierung des Wahlrechtes in der Sowjetunion durchgeführt wird. „Gott spricht wie Hitler•••" Pfäf fische« aus N eu-By zanz—»Gottesworte sind Hitler-Worte«. Es ist ja nichts Neues. Ob Wilhelm II. oder Adolf I.: Sofort sind die Gottesdiener mit dem Gottesgnadentum zur Stelle. Aber man muß zugeben, daß Wilhelms Gottesgnadentum geradezu taktvolle Bescheidenheit war neben dem Größenwahn der Gottanbetung, die Hitler um sich herum Inszenieren läßt Daß er persönlich»der gottgesandte Führer« sei, ist noch das Gelindeste; ebenso, daß»Deutschchristen« in ihren Häusern Altäre mit Hitler-Bildern errichten und vor ihnen regelrechte»Gottesdienste« zelebrieren. Grotesker ist jedoch das Treiben vieler sogenannter ] GeistUcher. die— man braucht nur einmal die Berichte vom flachen Lande zu hören tatsächlich von den Kanzeln herab ihren Kirchenschafen eintrichtern, daß Hitler»der wahre Gott der Deutschen« und statt Jesus zu verehren sei, denn Hitler werde Deutschland durch Heldentum erlösen... Wie verheerend sich diese geistige Verwirrung in dem heutigen Deutschland ausdehnt, zeigt eine Schrift, die jetzt erschienen ist. Da sie in HlUer- Deutschland vertrieben werden soU, also in dem großen braunen Zuchthaus, stammt sie durchaus angemessen von dem»Christlichen Schriftenvertrieb der Gef angenenmls- slon«. Ein frommer Pastor, Johannes Loh mann, ist der Verfasser. Für ihn ist Hitler der»Meister des Lichts und der Wahrheit auf dieser Erde, der wahre Messias«. Was tut ein Messias? Er spricht wie Gott. Nein, das ist bei Lohmanns Messias anders: »Gott spricht wie Hitler«. Folglich ist die ganze Schöpfungsgeschichte verkehrt. Ohne Hitler also ein Gott undenkbar. Mit dem ganzen Rüstzeug seiner Theologie beweist Lohmann die Innige Verwandtschaft zwischen Gott und Hitler. Fürwahr: Da gibt es keinen Hitler-Gegner, der diesen Argumenten noch länger widerstehen könnte! Ist es nicht etwa stärkster Beweis für Lohmanna These, wenn es in der Bibel heißt:»Gott schied das Licht von der Finsternis«. Denn mit dem»Licht« war selbstverständlich kein anderer als ausdrücklich Hitler gemeint. Wenn Jesus gesagt hat; »Wer nicht mit mir ist, der ist wider mich« oder:»Wer Vater oder Mutter mehr hebt, dann mich, der ist mein nicht wert«— so hat er dem wahren Erlöser Hitler nur das Wort aus dem Munde genommen, der da sprach:»Wer mir nicht bünd folgt, der kehre sich ganz von mir ab« oder;»Wer nicht mit mir geht, der ist gegen mich«. Jesus sagte: »Wer nicht mit mir sammelt, der zerstreuet«, _ darauf sprach Hitler:»Wer nicht den deutschen Menschen für das deutsche Volk erobert, ist ein Schädling«. Jesus sagte zu den Seinen:»Ihr seid's, die Ihr beharret habt bei mir, und ich will Euch das Reich bescheiden«, — worauf Hitler kündete;»Hätten sich damals nicht die ersten Zweitausend zu mir gestellt und wären sie nicht mit mir gegangen, ich stünde heute nicht hier, und um uns wäre nicht das heutige Reich«. Schmerzlich nur, daß Lohmann Moses als Kronzeugen heranziehen muß.(Man sieht; Auf einen Pastor ist doch nie rechter Verlaß.) Ja, der Moses war doch ein Mann von Format, von hltlerschem Format. Er hat doch gesagt; »Her zu mir, wer dem Herren angehört— und sie nahmen das Schwert und rotteten dreitausend Götzendiener aus«. Worauf Hitler mit vollem göttlichen Rechte sprach;»Den Schädlingen ist auf allen Gebieten unseres öffentlichen Lebens ein unbarmherziger Kampf angesagt.« Und da nahm er seine SA und ließ von ihr mehr als dreitausend Anhänger eines anderen Gottes töten. Hat nicht Moses im helligen Zorn über die Schmach des Volkes Israel beim Tanz ums Goldene Kalb die Gesetzestafeln zerbrochen—— wie es Hitler in tiefer Empörung über die vierzehnjährige Schande des deutschen Volkes unter der Zinsknechtschaft mit der Verfassung tat? Ja, wenn dem so ist, muß Moses wohl ein Arier gewesen sein, weshalb auch die Juden dauernd gegen ihn hetzten und nicht seinen Befehlen folgten. Da Lohmann das Neue Testament bis in die fernsten Winkel durchleuchtet hat. findet er auf Schritt und Tritt Aussprüche von Jesus, die natürlich auch von Hitler stammen. Heißt es:»Das alles von Gott, der uns mit ihm selber versöhnt hat durch Jesus Christus«, so ist das pfeügrad das, was Hitler gesagt hat:»Der einzige Weg, in einer Revolution Erfolg zu haben, besteht dann, daß man seine Gegner faßt, indem man sie überzeugt.« Ja, noch mehr kann der Lohmann beweisen: er kann es aus der Helligen Schrift und aus Hitlers Reden zur damaligen »Volksabstimmung« mit zwingender Helligkeit beweisen. Hitler hatte einmal gesagt: »Wir haben vierzehn Jahre lang nie um Stimmen gebettelt, Jetzt brauche ich Euch. Jetzt bitte ich Euch, gebt mir Euer Ja...< und ein paar Tage drauf:»Nicht für mich braucht Ihr zur Wahlurne zu gehen, sondern für Euch selbst. Nicht ich bedarf gestützt zu werden, ich bin stark und fest genug«. Was ist das? Das ist, nach Lohmann, die»Proklamation Gottes an die Menschen«. Denn: »Gott sagt wie Hitler; Nicht für mich brauche ich Euer Ja. Nicht ich bedarf gestützt zu werden, ich sitze fest im Sattel. Braucht Gott Dein Ja für sich? Er hat es durch die Ewigkeit nicht gebraucht. Braucht Gott, der Himmel und Erde geschaffen hat. Dein Ja im Kampf gegen eine aufrührerische Menschheit?.... Gott sagt wie Hitler:»Gebt mir Euer Ja«, er bedarf dessen nicht, aber wir sind ohne dies Ja verloren, wie jeder in Deutschland verloren ist, der Hitler nicht sein Ja gibt. Gott sagt wie Hitler:»Ich habe Euch nie um etwas gebettelt, jetzt bitte ich. Wie ergreifend war dies Bitten! Wie griff es an die Herzen! Gottes Bitte nicht viel mehr? Gott ringt um Dein Ja nicht um seinetwillen... also bat Gott die Welt geliebt, daß er seinen eingeborenen Sohn gab! Erst gibt Gott sich ganz uns. damit wir ganz uns ihm geben. Unserem Volke und uns selbst kann nur geholfen werden, wenn wir einzelnen und unser Volk im Herzen diese Bitte Gottes vernehmen, wie wir die Sitte Hitlers vernommen haben, und wenn wir ein entschlossenes, ganzes Jahr auf diese Bitte Gottes haben. Ist Gott keine achtundneunzig Prozent wert??« . Es kann also, seitdem diese fundamentale Aufklärungsschrift Lacht in das Dunkel gebracht hat, kein Zweifel mehr darüber bestehen, welcher der wahre Gott ist. Natürlich der deutsche Gott, der das Eisen wachsen läßt, well er keine Zinsknechte haben will. Zirkus Mensch Ein braver, unbescholtener SA-Mann in Undau, über den außer umgelegten Marxisten und Juden nichts Vorteillges bekannt geworden war, wollte heiraten. Das Ist nicht so einfach für einen SA- Mann, wie der gewöhnliche Sterbliche in zivilisierten Ländern annehmen dürfte. Erst muß er ein»Gesuch« um Heiratserlaubnis an die zuständige»Kommandoatelle« richten- Der SA-Mann tat das und noch ein Uebriges. Er diente mit einem Kilo Papier, alles prima Gutachten und Zeugnisse, in denen er erschöpfend die eigene Rassereinheit und die der Braut bis zur vorchristlichen Generation nachwies. Doch der SA-Mann denkt(allerdings nur ganz zeitweilig) und das»Rassensiedlungsamt« lenkt. Ja, das Rassensiedlungs- amt! Es Ist schließlich nicht umsonst geschaffen worden und will auch sein Vergnügen haben! So setzte sich denn einer der Rassensiedler hin und diktierte folgenden Entscheid in die Schreibmaschine: »Herr XTZ in Lindau. Werter Parteigenosse. Das Rassensiedlungsamt ersucht sie um die Beibringung eines fachärztlichen Zeugnisses Uber die Beckenmaße Ihres Fräulein Braut, damit ihre Geburtsfähigkeit nachgeprüft werden kann. Erst tim Hutmeit Jküuäd Adelsrecht aus Blut und Boden � Besdiäftigung für 1000 Jahre Mit der Arbeitsbeschaffung Im Dritten Reiche steht es faul. Feste, Aufmärsche, Feuerwerke ziehen nicht mehr recht, aber für Zeitvertreib muß um jeden Preis gesorgt werden, sonst besteht die Gefahr, daß gar zu viele Untertanen es mit dem Denken versuchen. Beliebt sind Antisemitismus, ESntopf- guckerei und Miesmacherjagden, beliebt ist gleichermaßen die Familienforschung. Seit einiger Zeit werden an das»alteingesessene Bauerntum« pompöse Ehrenurkunden vergeben, die mit der Eintragung in das »Buch des Bauernadels« verbunden sind. Da könnt« nun der Laie denken, so ein Alteingesessener ginge einfach hin und bäte— vielleicht mit den urgroßelterlichen Geburtsscheinen bewaffnet— um Aufnahme in das Adelsbuch. Eine kindliche Vorstellung! Der Bauer gebt, wie einem Aufsatz in der»Hildesheimer Allgemeinen Zeitung« zu entnehmen Ist, nicht nur einmal zu Irgend einer zuständigen Stelle, er wandert vielmehr wochen-, monatelang ruhelos umher, setzt ein paar Dutzend Beamte In Bewegung, studiert sich den Schädel heiß, gerät in's Spintisieren, findet am Ende, wenn er Pech hat. eine Lücke in der Ahnenreihe, entdeckt das Fehlen irgendeines alten Kirchenbuches und muß ungeadelt nach Hause gehen. Wir halten uns bei der folgenden Schilderung streng an die Ausführungen des Hildesheimer Blattes und erfinden nicht eine einzige Komplikation. Wie wir zunächst' lesen, muß der Alteingesessene den Nachweis erbringen, daß der Bauernhof sich seit 200(in Worten: zweihundert) Jahren im Besitz seiner Sippe, beispielsweise der Familie Kula- weit, befindet. Herr Kulaweit— oder wie er sonst heißen mag— geht also zunächst zum Standesamt— zum eignen und zum benachbarten, das für die Großeltern mütterlicherseits zuständig ist. In den Registern findet er aber nur die»erforderlichen Feststellungen von XS74 ab«. Also auf zum Pfarramt und mit einem Hechtsprung mitten In die Kirchenbücher!»Lieber Herr Kulaweit«, sagt der Pfarrer— und sagt die Hildesheimer Allgemeine—»die mmmehr aufges teilte Ahnenreihe genügt noch nicht für den Nachweis, daß die in ihr aufgeführten Bauern immer den gleichen Hof besessen haben und daß dieser sich stets vom Vater auf den Sohn oder auf die Tochter vererbt hat. Sie müssen den Nachwels für jede Generation gesondert erbringen!« Herr Kulaweit— dem vielleicht inzwischen eine Kuh krank geworden ist und der wahrhaftig besseres zu tun hätte— läßt am nächsten Tage anspannen, fährt von seinem Landnest nach der nächsten Stadt— in unserm Falle Hildesheim— und begibt sich aufs Grundbuchamt, das in den Mauern des Amtsgerichts vergraben liegt. Allerdings gehen die Grundbücher im Landkreis Hildesheim nur bis etwa 1890 zurück. Von 1840 bis 1890 wurden die Eintragungen In Hypothekenbüch em gemacht, die in anderen Räumen des gleichen Gebäudes ihr verstaubtes Dasein fristen und von einem(oder ein paar) anderen Beamten durchwühlt werden müssen. »Kommen Sie in einer Woche wieder, Herr Kulaweit! Wir können nicht hexen, es liegen achtunddreißig weitere Anträge vor!« Nach einer Woche spannt Herr Kulaweit wieder ein, setzt auch— wenn er großes Glück bat— seine Sache durch. Nun hält er aber erat bei 1840, bis 1735 muß er unbedingt vordringen, und wenn inzwischen außer der einen noch drei weitere Kühe verenden. Zurück zum Pfarramt! Dort müssen noch Abgaben- und Zinsbücher liegen. Nein— sie müßten da liegen, aber sie tun's nicht. Einspannen— zum dritten Mal nach Hildesheim fahren. In der Bvertnschen Bibliothek duftet es nach zerfallendem Altpapier, der Bücherdrache holt schnaufend die amtlichen Land- und Wiesenbeschreibungen der fürstbiachöflichen Aemter in Ruthe, Steuerwald und Marienburg herzu. »Auch im Hildesheimer Stadtarchiv«, verrät das lokale Intelligenzblatt,»wird sich in manchen Fällen etwas finden lassen«. In manchen Fällen! In Herrn Kulaweita Falle leider nicht. Der Alteingesessene trinkt den Becher bis zur Neige, setzt sich auf die deutsche Reichsbahn— Arbeitsbeschaffung!— und fährt nach Hannover, um auch noch die Beamten des Staats archiva in Bewegung zu setzen. Hier werden die Unkosten schon empfindlicher. Die Inanspruchnahme des Archivs kostet je Tag 2.50 Reichsmark, wöchentlich 12 und monatlich gar 30 Mark. Herr Kulaweit läßt nicht locker, er gräbt und gräbt wie ein Maulwurf. Wochenlang. Mag die Wirtschaft daheim Inzwischen verrotten! Endlich— ah! Er Ist bei 1735 angelangt, die Sache stimmt! Aber nein, sie stimmt nicht Das Hildesheimer Blatt erhebt seine warnende Stimme und rät:»Den Erbhofbauem wird empfohlen, die Forschungen nicht abzubrechen, wenn die Mlndest- besitzzeit von 200 Jahren nachgewiesen Ist; vielmehr soll Jeder Erhhofbauer versuchen, seinen Besitz so weit als möglich zurückzu verfolgen. In der Ehrenurkunde wird auch das frühest nachgewiesene Besitzjahr genannt Zurück zum Pfa 3r! Zurück zum Standesamt! Zurück zum Stadtarchiv! Und wenn Herr Kulaweit in der Zwischenzeit nicht verrückt wird, erlebt er den großen Tag der Erfüllung. Was ist die Erfüllung? Er darf— Traum vieler Deutscher!— ein Familienwappen annehmen. Das stickt Mutter in die Wäsche, das steckt sich der Sohn Gustav statt des Gamsbartes an den Hut, das hängt sieb die Tochter Amalie an einem Samtband um den Hals, das wird unter Glas und Rahmen In der guten Stube aufgehängt— dicht neben der bewußten Ehreourkunde— das kriegen sogar die Schafe m den Pelz gebrannt. Ehe es aber soweit ist, muß das bewußte Wappen noch geprüft, muß noch festgestellt werden, ob es»heraldisch richtig gezeichnet ist«. Und diese Prüfung wird vom Kreisauflschuß veranlaßt. Man überlege, was für einen Beamtenapparat Herr Kulaweit im Lauf der Wochen in Bewegung gesetzt hat, man bedenke weiter, daß im deutseben Reiche viel* hundert solche Kulaweits von Standesamt zu Standesamt, von Archiv zu Archiv, von Bibliothek zu Bibliothek laufen. Ob, es gibt Beschäftigung genug im Dritten Reiche. Und wenn die Einwohner sich vom Hunger nicht stören lassen, können sie auf diese Weise die viel genannten tausend Jahre glatt Uberstehen, ohne Langeweile zu bekommen. Denn auch die alteingesessenen Bäcker, Fleischer, Aerzte, Rechtsanwälte, Kneipenwirte und Schnapsfabrikanten werden alsbald auf ihrem Adelsrecht bestehen. dann kann über Ihr Gesuch entschieden werden. Das Rassensiedlungsamt.« Die Rassensiedler wollen es ganz genau wissen! Und so wird dem heiratslustigen SA- Mann aus Lindau nichts anderes übrig bleiben, als bei seinem Fräulein Braut Beckenmaß nehmen zu lassen und den Befund den Rasse nsledlem einzuschicken, denn der Mensch Ist bekanntlich ein vernunftbegabtes Wesen und das unterscheidet ihn angeblich vom Tier. Das Rassensiedlungsamt pfeift auf Vernunft und Menschenwürde, aber es giert nach den Beckenmaßen der SA-Bräute, denn die Frau ist Im Dritten Reich eine Gebärmaschine und der Führer Hitler braucht für den nächsten Krieg viele Soldaten. Es gibt einen Roman des»Nordländers« Aage Madelung»Zirkus Mensch«. In diesem grotesk-utopischen Roman, in dem es Mutterhäuser und befruchtende Muttermänner gibt, sah man vor einem Jahrzehnt die geistvolle Ausgeburt eines abstrusen Gehirns. Aua der Utopie des»Zirkus Mensch« ist die grausige Wirklichkeit des»Zirkus Hitler« geworden. In dem die Frauen sich die genügende Gebärwelte Ihrer Becken bestätigen lassen müssen, um lieben zu dürfen. Pierre. Befriedungspolitik Der nationalsozialistische Pfarrer Pfefferkorn, der kürzlich erklärt hatte, die braune® Bataillone würden das dänlflche Schleswig mit der Geschwindigkeit eines Blitzes obern, und der deshalb von der dänische® Presse scharf angegriffen worden war, 1®* jetzt zum Kreisleiter der Naüonalsozlall«tischen Partei für Tondern-Süd avanciert. Di* Ernennung bat in Dänemark größtes Aufsehen erregt, Agent 14 Von Karl Rothe. Er fiel durch nichts auf, war mittelgroß, 22 Jahre alt und brünett. In der kaufmännischen Abteilung des großen Hannoverschen Industriewerkes verrichtete Walter Sch. seine Arbelt zur Zufriedenheit seiner Vorgesetzten, wie es später Im Gerichtsbericht hieß. Er störte niemanden, er belästigte keinen, er trat bescheiden auf— bis zu Jenem Novembertage 103\ da er mit wichtiger Miene an den Abteilungsleiter heranschritt und um einige Stunden Urlaub bat. Dabei ließ er eine Auswelskartc der Gebeimen Staatspolizei sehen.„Agent 14". stand drauf. Mit. Lichtbild. Unterzeichnet: Görlng. Mit diesem Tage begann in diesem Betriebe eine neue Aera. Ueberschrift: Unter Kontrolle der Gestapo. Bis dahin hatten nur die Arbeiter geflüstert, jetzt ging das Flüstern bis in die höchsten Sphären der Direktion. Wo Walter auftauchte, stockte jegliches Gespräch. Ließ er sein bis dato so harroloses Auge auf einem Angestellten ruhen— und er tat es jetzt so oft, daß In seiner Nähe keiner mehr aufzuschauen wagte — so Uberkam den Betroffenen ein leises Zittern. Der ganze Betrieb atmete auf, wenn Walter ab und zu einen Tag Urlaub faßte. »Im Interesse des Staates«, wie der Ressortbulle jedesmal hören mußte. Man zahlte(fiese Tage gern aus. Kam Walter zurück, so fand er Blumen auf seinem Platze,Neu, Vorwärts« Karlsbad. Zürich Nr. Vm 14.697' Ungarn: Anglo-Cechoalovakische und Pra8®l Creditbank. Filiale Karlsbad. Konto»N«ue, Vorwärts« Budapest Nr. 2029. Jugoslawin®' Anglo-Cechoslovakische und Prager Cre®' bank, Filiale Belgrad, Konto»Neuer VoX' wärts«, Beograd Nr. 51.005. Genaue Bezd®® nung der Konten ist erforderlich.