Nr. 90 SONNTAG, 3. Marz 1935 (SoiioCdemolraHfc�as tttecfrgnfrta# Verlag; Karlsbad, Haus„Graphia*— Preise und Bezugsbedingungen siehe Beiblatt letzte Seite Aus dem Inhalt; Der feine Besuch Unter dem roten Talar Hinter den Göbbels-Kulissen Reichsbischol Müllers Glück und Ende Kinder im Gefängnis KtittsvoiMioß auf Pump Das neue Etatjahr des Dritten Reiches Fünf Zeilen nenn' Ich Euch inhaltsschwer: »Der Reichsminister der Finanzen wird ermächtigt, im Wege des Kredits Mittel zu beschaffen, deren Höhe der Führer und Reichskanzler auf Antrag des Reichsministers der Finanzen bestimmt.« So stehts im Reichsgesetzblatt Nr. 16 roin 20. Februar mit den Unterschriften: �er Führer und Reichskanzler Adolf Eitler. Der Reichsminister der Finan- 2en Graf Schwerin von Krosigk. Fünf Wochen trennen uns vom Beginn des neuen Etatjahres. Mit einiger Spannung sah man dem neuen Budget entge- Sen, aus dem man die Antwort erraten Rollte, wie denn das Gleichgewicht in eiDem Staatshaushalt hergestellt werden bellte, der mit Hunderten von Millionen für Einlösung der Steuergutscheine, von Schatzscheinen und Arbeitsbeschaffungs- Wcchseln vorbelastet ist. Schätzte doch vor kurzem der Reichsfinanzminister die Vorbelastung und Fehlbeträge, die in den Etatjahren von 1935 bis 1939 zu decken Wären, auf nicht weniger als 6 M i 1- fiarden Reichsmark. Der Hitler-Minister hatte damals auch �hlärt: natürlich haben wir uns das Geld gepumpt! Und jetzt erfahren wir: es Wird welter gepumpt. Es ist die- aefhe Finanzwirtschaft wie unmittelbar vor ?er großen französischen Revolution, nur 111 einem quantitativ enorm vergrößerten Ausmaß! Aber was einzigartig ist, ist die völlige Kontrollosigkeit der Fumpwirtschaft, die jetzt zum Arsten Male in einem europäischen Staat ri's Gesetz verkündet wird. Die Gewäh- �"g von Kreditermächtigungen und die Festsetzung ihrer Höhe büdete nicht nur das wichtigste Grundrecht aller Verfas- Sutlgen; die Kontrolle der Kreditaufnah- rrien und die Kenntnia ihres Umfanges Slnd die unumgängüche Vorbedingung für Jede Beurteüung der öffentlichen Wirt- �haft Noch im letzten Etat Adolf Hit- *rs waren die Kreditennächtigungen zur Deckung des Defizits von 1933 und zur Jonveraion der Reichsanleihe von 1929 genau umschrieben. getzt erfolgt eine Kreditermächtigung In Unbekannter Höhe, und unbe- stmunt bleibt es, ob und wann die Oef- fentlichkeit über den Umfang der aufgenommenen Kredite je Genaues erfah- '«n wird. . Mit der neuen Maßnahme wird freiheh Finanzpolitik nur auf die Spitze gegeben, die in Wirklichkeit schon seit Be- ann der Hitlerdiktatur in immer größerem �fnng praktiziert worden ist. Der Finanz- |!~ister veröffentlicht zwar die Angaben die Einnahmen, hüllt sich aber J'bcr die Ausgaben in undurchdring- hes Schweigen. Damit ist die Finanz- Seharung in Wirklichkeit völlig undurch- ichtig geworden. Triumphierend teilt das �üüsterium mit, daß die Einnahmen den oranschlag übertroffen und die Steige- voraussichtlich am Ende des Etat- �hres eine Milliarde Reichsmark errei- •ih!11 wird- � Einnahmesteigerung ist \ r ganz selbstverständlich. Denn wenn J*? Reich viele Milliarden zusätzlich in die Petschaft hineinpumpt und die Steuer- fostung wesentlich mehr als ein Drittel dann muß die Steuereinnahme �gen. Wahrscheinlich bleibt die Steige- l�g hinter dem Betrag, der durch die rie- Ausgaben bedingt ist, noch erheblich zurück, so daß der Steucreingang aus dem Teil der Wirtschaft, der nicht direkt durch die Staatsauagaben angekurbelt ist, noch ungünstiger ist als in den Vorjahren. Das Entscheidende ist aber, daß die Ausgaben kaum zu übersehen sind. Das gilt schon für die eigentliche Budget- gebarung. Denn trotz der steigenden Einnahmen und trotz der auch während des Laufs des Etatjahres immer weiter gedrosselten sozialen Ausgaben ist bis jetzt ein Defizit von über 200 Millionen Reichs m,a rk entstanden. Mit anderen Worten: bis zum Schluß des Etatjahres werden die Ausgaben den Voranschlag um mindestens 1.3 Milliarden Reichsmark überstiegen haben. Aber die im Etat vorgesehenen Ausgaben sind ja nur ein Bruchteil der wirklich geleisteten, die in ihrer Höhe möglichst verborgen gehalten werden und auf dem sattsam bekannten Weg der Schatzscheinbegebung und Wechselreiterei finanziert werden. Wir hatten bisher die Ausgaben für »Arbeitsbeschaffung«, in denen ein großer Teil der Rüstungsausgaben enthalten sind, auf zirka 5 b i s 6 Milliarden Reichsmark geschätzt. Die Schätzung wird bestätigt durch neue Angaben des Instituts für Konjunkturforschung, das die für Arbeitsbeschaffungszwecke bereit gestellten öffentlichen Mittel auf 5518 Millionen Reichsmark angibt. Davon entfallen auf das Reich 3026 Millionen, auf andere öffentliche Stellen (Reichsbahn, Reichspost usw.) 2492 Millionen. In diesem sind enthalten 550 Millionen für den Bau der Reichsautostraßen als Baurate für 1934, während die gesamten Kosten auf 3.5 Milliarden veranschlagt sind, Ausgaben, die zuletzt ebenfalls auf das Reich zurückfallen, und 553 Millionen der Reichsanstalt für Arbeitslosenversicherung, die durch den Raub der Unterstüt- zungen erzielt worden sind. Dabei blieben aber eine ganze Reihe anderer Maßnahmen unberücksichtigt, wie die Zuschüsse für Umbauten und Wohnungsinstandsetzungen, die Steuererleichterungen für Ersatz- und Neuinvestitionen, Ausgaben oder Mindereinnahmen, deren Höhe über eine Milliarde hinaus geht Nun finden wir in der»Neuen Züricher Zeitung« vom 22. Februar eingehende Angaben, die bei der Zuverlässigkeit dieses rechtsbürgerlichen Blattes und seiner mehr als objektiven Einstellung zum deutschen Regime größte Beachtung verdienen. Das Blatt beziffert zunächst die Ausgaben für die eigentliche Arbeitsbeschaffung auf 3.5 Milliarden Mark, berücksichtigt also nur die unmittelbar auf das Reich entfallenden Summen und fügt hinzu, daß darin natürlich auch Rüstungsausgaben enthalten waren. Dann aber fährt es fort: »Für wirtschaftliche Rüstungen sind nach den Schätzungen wohlinformierter Finanzkreise bisher 7 Milliarden Mark ausgegeben worden. In diesem Betrag sind inbegriffen die Ausgaben von 1% Milliarden für die planmäßige Verlagerung der Industrie, soweit sie für die militärische Rüstung von Bedeutung ist, ans den von einer eventuellen feindlichen Invasion bedrohten Gebieten in das Innere Deutschlands. Diese Verlagerung der Industrie, hauptsächlich aus dem Rheinland und übrigen Westdeutschland nach Mitteldeutschland, ist unter den wirtschaftlichen Rüstungen des Reiches ein Vorgang, der sich an äußerlich sichtbaren Symptomen beobachten und verhältnismäßig leicht feststellen läßt. Ein Beispiel dafür sind die für Rüstungszwecke arbeitenden Krupp-Gruson-Werke in Magdeburg. denen eine Flugzeugfabrik von Opel angegliedert worden ist. Ein Symptom für die Konzentration eines Teiles der Rüstungsindustrie in Mitteldeutschland ist das rapide Wachstum der Stadt Dessau, deren Bevölkerung im Jahre 1934 von 73.000 auf 86.000 Einwohner gestiegen ist. Die Zunahme erklärt sich 2mm Teil aus der starken Ausdehnung der Flugzeugwerke von Junkers, die Anfang Oktober 10.000 Arbeiter beschäftigten; Hitlers geheime Sorge Hitler hat seit langer Zeit wieder eine Rede gehalten. Er hat die Gründungsfeier der NSDAP in München benutzt, um abermals das tausendjährige Reich der Nazis zu proklamieren: »Die Parteien sind nicht mehr. Die Parlamente sind nicht mehr, die Demokratie, sie ist nicht mehr, der Parlamentarismus, er ist nicht mehr und die Presse der Parteien, sie existiert nicht mehr. Die damaligen Männer sind nicht mehr unter uns, sie setzen heute ihre Tätigkeit außerhalb Deutschlands fort. Sie haben sich nicht geändert. Man soll sich nicht einbilden, daß unsere Kraft In 25 Monaten erschöpft sei, im Gegenteil, was wir schufen, ist erst die Ankündigung dessen, was sein wird. Ich bin oft ein Prophet gewesen und will heute wieder einer sein und euch (im Ausland) sagen, Ihr kehrt niemals zurück. Wir haben die Voraussetzungen beseitigt für den Wiederbeginn des Spiels In den nächsten Jahrhunderten.« Nichts erreicht, aber wenigstens viel ruiniert— das ist auch ein Trost. Die Laste von dem, was nicht mehr ist, ist nicht komplett; es gibt kein Naziparteiprogramm mehr, keine Brechung der Zinsknechtschaft, keinen Rohm und keinen Feder. Aber es gibt noch die»d a m a 1 i- gen Männer« und sie haben nicht zu wirken aufgehört, so wenig, daß Hitler nicht mehr reden kann, ohne an sie zu denken! »Ihr kehrt niemals zurück«— das ist keine Prophezeiung, das ist eine Beschwichtigung der eigenen, geheimen, stetig anwachsenden Sorge. Es ist das Geständnis, daß es eine Opposition gibt, deren Wirken durch keinerlei Terror aufgehalten werden kann. Das System verhaftet und prozessiert. Die Gefängnisse sind überfüllt, die Geheime Staatspolizei kommt nicht zu Atem— aber das oppositionelle Feuer schwelt weiter! Das System erlebt keine Freude an den Prozessen, die es gegen die illegale Opposition führt. Die Richter des Systems können auf die Verfolgten langjährige Zuchthaus- und Gefängnisstrafen niederschmettern— aber sie schaffen damit nicht die mannhafte Gesinnung, die Gesinnungstreue, die Zähigkeit und die Aufopferungsbereitschaft im Kampfe für die Freiheit aus der Welt. Die Freiheit ist nicht mehr? Sie lebt im Herzen der zahllosen, namenlosen Kämpfer gegen das System! Sie haben die äußere Form zerbrechen können, aber nicht mehr! Die Parteien sind nicht mehr? Aber die sozialdemokratische Partei lebt in Deutschland, nicht nur als Idee, als Bewegung, sondern auch in neu werdender organisatorischer Form. Sie wissen es genau, und kein Wüten des Terrors, keine Großmäuligkeit, keine von geheimer Sorge getragene Prophezeiung schafft die Tatsache aus der Welt. Sie mögen sich noch so oft versichern, daß ihr Reich Jahrhunderte dauern werde, sie mögen sich noch sehr Kraft zusprechen— dahinter steht nichts als die Sorge vor der werdenden kommenden Macht! Das System verlangt ein Saaropfer Unbezahlte Ueberstunden der Arbeiterschaft. Das System hat lärmende Festlichkeit für die BUckgliederong des Saargebiets veranstaltet. Nach dem Fest kommt immer der Katzenjammer. Das System hat einen Plan in Vorbereitung, der diesem Katzenjammer das rechte Ausmaß geben wird. Man hat sich entschlossen, die deutsche Arbeiterschaft zur Aufbringung der Mittel heranzuziehen, die für die B e- Zahlung der Saargrnben an Frankreich erforderlich sind. Die Arbeiter sollen diese Mittel durch eine unbezahlte Ueberstnnde für eine gewisse Zeit anfbringen. Die Reichsregierung wird zur gegebenen Zeit sich mit einem Aufruf an die Arbeiterschaft wenden. Die Arbeiter müssen zahlen— die Rü- stnngsindostrie verdient. Unbezahlte Ueberstunden hier— steigende Dividende dort. Das ist der Patriotismus, wie dr,s System ihn auffaßt! Der Krankenkassen« Skandal Er wächst dem System über den Kopf. Die Biesenkorruption bei den Krankenkassen beschränkt sich nicht allein auf die Allgemeine Ortskrankenkasse in Berlin, Uber die wir letzthin berichtet haben. Der Skandal hat vielmehr ein solches Ausmaß erreicht, daß das System sich zu allgemeinem Eingreifen entschließen mußte. In der vorigen Woche erhielten alle preußischen Krankenkassen eine Verfügung der preußischen Regierung, worin sie aufgefordert werden, sofort Ihre Geld- und sonstigen Vermögensreserven anzugeben und sofort zwei Drittel der Reserven an die zuständigen Regierungshauptkassen abzuführen, da die Verwaltung dieser Gelder ab sofort der Staat übernehmen werde. Man fürchtet, daß die braunen Räuber in den Verwaltungen sonst nichts mehr übrig lassen! Eine Bilanz Im Sachsenwerk in Niedersedlitz bei Dresden, das stark mit Rüstungsaufträgen beschäftigt ist und in seinem Geschäftebericht von einem guten Umsatz berichten kann, ist die Belegschaft seit dem Vorjahre nahezu verdoppelt worden. Die ausgezahlte Gesamt-Lohnsumme aber Ist von 4,160.000 RM. auf 3,170.000 RM. zurückgegangen! ss älnd aber auch von anderen Mstungsflr- men stilliegende Fabriken in der Umgebung von Dessau aufgekauft und in Betrieb gesetzt wor den. Dieser klar am Tage liegende Vorgang wird hier wie in anderen Gegenden Mitteldeutschlands offiziell mit Siedlung a- politischen Zwecken motiviert.« Das Blatt gibt dann eine Reihe interessanter Einzelheiten über die Produktionssteigerung von namentlich angegebenen Firmen, die schwere Geschütze, Tanks, Flugzeugmotoren usw. herstellen. Als pikante Einzelheit erwähnt es die gute Beschäftigung der Emailleindustrie»mit der Herstellung von Kinderspielzeug, worunter man u. a. Granaten ansieht.« Ueber die wirtschaftliche Seite dieser Rüstungsansgaben werden folgende Schlußfolgerungen gezogen; .An den oben genannten 7 Milliarden Mark für wirtschaftliche Rüstungen tot als einer zuverlässigen Zahl immerhin festzuhalten. Da die Autarkiebeatrebungen aufs engste mit den militärischen Erwägungen verbunden sind, gehören auch die für den Ausbau der Rohstoff- und Roh- �toffersatzindustrlen aufgewendeten 1% Milliarden in diesen Zusammenhang, und mit den 3% Milliarden für die»eigentliche« Arbeitsbeschaffung und einer Milliarde für die Subventionierung des Exports kommt man auf Ausgaben von etwa 13 Milliarden Mark, die in der Hauptsache durch die Aufnahme neuer schwebender Schulden, d. h. durch Ausgabe von Wechseln finanziert wurden.« Ueber die bisherige Finanzierung werden dann noch folgende Angaben gemacht: »Wie die zur Finanzierung der riesigen Aufwendungen für Arbeitsbeschaffimg, die direkt oder indirekt mit den wirtschaftlichen und militärischen Rüstungen zusammenhängt, ausgegebenen Wechsel untergebracht worden sind, kann man zum Teil nur vermuten. Dabei darf man aber mit Bestimmtheit davon ausgehen, daß 80 bis 90 Prozent der bei den Banken liegenden Wechsel Irgendwie mit öffentlichen Aufträgen zusammenhängen und Uberwiegend der Rüstung dienen. Bei der Reichsbank waren es am Jahresende 3 und 4 Milliarden Mark Wechsel, bei den siebzig größten Kreditbanken rund 2 Milliarden und bei den Groß- zentralen und Staatsbanken von den ausgewiesenen 2.05 Milliarden knapp 2 Milliarden. Schließlich sind die verschiedenen dem Reich gehörenden Sonderinst 1- tute zu erwähnen, wie die Oeffa, die Bau- und Bodenbank, die Verkehrskreditbank, Ren- tenbankkredltanstalt, die Ende 1933 ein Kreditvolumen von 2.7 Milliarden Mark hatten, das seither natürlich bedeutend gestlegen tot. Das ergibt schon eine hohe Milliardensumme, ohne daß bereits sämtliche HilfsInstitute erwähnt worden wären.« Rüstungsausgabe�, Ersatzstoffanlagen usw. sind aber unproduktive Ausgaben, die keinen Ertrag abwerfen, die Einfuhr steigern und die Ausfuhr verringern. Diese Art Arbeitsbeschaffung ist keine Ankurbelung der Wirtschaft: die Beschäftigung würde sofort zurückgehen, die Arbeitslosigkeit rasch steigen, sobald diese Ausgaben gedrosselt werden. Nun ist nach der Angabe des Instituts für Konjunkturforschung das Volumen der industriellen Beschäftigung seit dem Juli 1934 nicht mehr gestiegen. Die wirkliche Zunahme der Arbeitslosen beträgt in der Zeit von Anfang November bis Mitte Februar sicher nicht weniger als eine Million Menschen. Sie beruht zum Teil auf Saisonursachen, aber auch auf einer von Schacht erzwungenen Verlangsamimg des Tempos der Arbeltsbeschaffung. Hier ist die Diktatur an einem Kreuzweg angelangt. Politisch: solange der Gang der anßenpolltischen Verhandinngen ihr noch Zeit läßt, muß sie alles daran setzen, Ihre Aufrüstung mit aller Macht zu beschleunigen, namentlich nm das Programm der Lnftrtlstnng für 1985 durchzuführen, das Ihr die Ueberlegenhelt über die vereinte französische, englische und Italienische Flotte sichern soll.»Hundert Meter vor der Errelchnng des Ziels« der Wiederherstellung der militärischen Souveränität, ein Ziel, an dessen Durchsetzung die Diktator angenbücklich(est glaubt, das Rüstungstempo zu verlangsamen, dazu kann keine wirtschaftliche Erwägung die Diktator bewegen. Wirtschaftlich: Der Zusammen- bruch der»Arbcitsschlacht« im Beginn des Dritten Jahres der Hitlcrdiktatur, zu einer Zeit schwerer außenpolitischen Spannung ist für das Regime ebenfalls nicht zu ertragen. Der ferne Besudi Sir John Simon fährt nach Berlin Der englische Außenminister Sir John Simon wird am 6. März nach Berlin fahren, um mit Hitler über den Gesamtkomplex des englisch-französischen Abkommens von London zu verhandeln. Er will feststellen, wie weit in Deutschland die Bereitwilligkeit vorhanden ist, nicht nur dem Schutzpakt gegen Luftangriffe beizutreten, wozu man sich schon bereit erklärt hat, sondern auch einen Ostpakt abzuschließen, die Unabhängigkeit Oesterreichs anzuerkennen, in den Völkerbund und zur Abrüstungskonferenz zurückzukehren. Um alle diese Fragen zu klären, sind die drei Tage, die für den englischen Ministerbesuch vorgesehen sind, eine sehr kurze Zeit. Simons Besuch war in Berlin gewünscht worden und man hat nach Ueberwindung sehr naheliegender Bedenken diesen Wunsch erfüllt, weil man hofft, dadurch dem Frieden zu dienen. Dieses Motiv des Besuches muß man anerkennen, seine Zweckmäßigkeit darf man bezweifeln. Auch wenn irgendwelche Verträge zustande kämen, so würden sie dem gegenwärtigen deutschen Regime ebensoviel wert sein, wie z. B. die Verfassung von Weimar oder die 25 Punkte des nationalsozialistischen Parteiprogramms oder der Schuldschein eines ausländischen Gläubigers. Aber das Verhandeln ist dem Regime eine Lust, erstens weil man dem Volk zeigen kann, wie man umworben wird— die feinsten Leute kommen zu Besuch!— und zweitens weil das Verhandeln zur fortgesetzten Wiederaufrüstung die angenehmste Begleitmusik liefert. Man spricht in Berlin immer wieder von Gleichberechtigung, meint damit aber etwas ganz anderes als was sonst in der Welt darunter verstanden wird; nicht die Gleichberechtigung von Volk zu Volk, sondern die international anerkannte Gesell- schaftafähigkeit der heutigen deutschen Machthaber. Das sind aber zwei ganz verschiedene Dinge. So gewiß das deutsche Volk als gleichberechtigter Partner in die Gesellschaft der Völker gehört, so wenig gehören seine gegenwärtigen Beherrscher in die Gesellschaft anständiger Menschen. Es ist gewiß für einen Ehrenmann wie John Simon ein großes Opfer, nach Berlin zu fahren und soviel blutige Hände zu drücken, er glaubt, dieses Opfer dem Frieden bringen zu müssen. Man muß fürchten, daß es vergeblich gebracht sein wird. Denn was man auf der einen Seite durch Verhandlungen zu gewinnen hofft, verliert man auf der andern Seite bestimmt. Jede moralische Stärkung der deutschen Despotie vennehrt die Kriegsgefahr. Nur ihre Schwächung und ihr schließlicher Sturz sichern den Frieden. - I Ein LegraHtätsmanöver Die illegalen Formationen der nationalso- ziaüs tischen Partei In Oesterreich haben sich freiwillig aufgelöst. Ihre Führer haben sich den Behörden gestellt, sie haben angeblich sogar die SA-Waffen ausgeliefert. Kapituliert Hitler in Oesterreich, entsagt er seinen Expansionsplänen nach Südosten? Es tot nichts als ein Manöver. Die Aufgelösten gehen in, die Reserve, an ihre Stelle werden neue geheime Organisationen aufgezogen. Hitler aber kann einen Internationalen Legalltätsschwur ablegen. Er wird während der kommenden Verhandlungen um die Legalisierung der deutschen Rüstungen mit großer Geste darauf hinweisen, daß er Oesterreich gegenüber friedlich und freundnachbarlich gesinnt sei— so friedlich, daß eine vertragsmäßige Bindung völlig überflüssig sei. Es wird kein Land geben, das so friedfertig tot wie Hitler- deütschland— solange die Verhandlungen laufen! T. G. Masaryk Zu seinem 85. Geburtstag. Am 7. März wird T. G. Masaryk 85 Jahre alt. An diesem Tage wird die Tschechoslowakische Republik ihrem Staatsoberhaupt, die Kulturwelt einem der erleuchtetsten Geister der Zeit ihre Huldigung darbringen. Man hat Masaryk etwas elegisch den letzten Demokraten Europas genannt, das ist er gewiß nicht. Aber unter den Verteidigern der Demokratie ist er derjenige, dessen Stellung weltanschaulich am tiefsten fundiert ist. Masaryk ist der große Philosoph der Humanität.-Humanität aber heißt in ihrer Anwendung auf die Außenpolitik Frieden, auf die Verfassung Demokratie, auf die Wirtschaft Sozialismus. In diesem dreifachen Sinn hat der Staatspräsident der Tschechoslowakischen Republik in seinem Vaterlande und weit über dessen Grenzen hinaus gewirkt. Als vornehmster Repräsentant seiner Kation ist er zugleich auch ein internationaler Wert, an dem die geistig höchststehenden Schichten aller Nationen ihren Anteil haben. Auch in Deutschland fühlt sich der beste Teil des Volkes einem Masaryk unendlich näher, als irgendeiner jener Gestalten, die augenblicklich an der Spitze des Deutschen Reiches stehen. Im Namen dieses großen und wahrlich nicht schlechtesten Teil des deutschen Volkes gratulieren wir dem großen Weisen auf dem Präsidentenstuhl, dem Apostel der Menschlichkeit, T. G. Masaryk. zu seinem 85. Geburtstag. Yolkerredit— überflüssig An den ausländischen Universitäten wird von den Rechtsfakultäteri ein besonderer Wert auf das Vorhandensein von guten Lehrkräften für das Völkerrecht gelegt, wie überhaupt das Völkerrecht als Fachstudium bei ihnen einen hervorragenden Platz einnimmt. Bis zum Ausbruch des Dritten Reiches und dem dann erfolgten»Neuaufbau« galt beides auch für Deutschland. Unbestreitbar sind von Deutschen in den vergangenen Jahrzehnten die wertvollsten Beiträge zur Völkerrechtswissenschaft beigesteuert worden und deutsche Völkcrrechtslehrer, wie z. B. Schücking, haben unbestrittenen Internationalen Ruf. In Hitler-Deutschland wird das Völkerrecht seine Kenntnis und seine Weiterentwicklung für überflüssig gehalten. In der vor einigen Monaten erlassenen neuen Justizausbildungsordnung wird unter den Gebieten, die für das Fachstudium erforderlich sind, und auf die sich die erste juristische Staatsprüfung erstreckt, das Völkerrecht nicht genannt Eine inzwischen erschienene»im amtlichen Auftrag erläuterte Ausgabe der neuen Justizausbildungsordnung beseitigt jeden Zweifel darüber, daß Völkerrechts- kenntnls in Deutschland heute unerwünscht und für die Rechtastudenten nicht mehr erforderlich tot Es heißt In Ihr, daß »andere Gebiete, so z. B. Kirchen- und Völkerrecht Finanz- und Steuerrecht in der Absicht fortgelassen sind, den ohnebin stark angeschwollenen Stoff der Wissenschaft zu vermindern und den Studenten zu entlasten«. Warum sollen sich auch die künftigen Richter und Träger der deutschen Rechtswissenschaft mit der Kenntnis und der Mit- Freilich bedeutet die Festsetzung dieser ungedeckten Ausgabenwirtschaft eine große Gefahr und die immer ausgedehntere latente Inflation kann in eine offene umschlagen. Freilich bedeutet diese Politik eine immer stärkere Drosselung der Fjnfuhr lebenswichtiger Güter, um die Einfuhr des Rüstungsbedarfs aufrecht erhalten zu können. Aber für die Diktatur sind nicht Erwägungen der wirtschaftlichen Vernunft entscheidend, sondern ihre Machtinteressen. Und deswegen steht sie am Kreuzweg nicht zaudernd still. Sie geht den Weg nach dem Gesetz, nach dem sie angetreten, den Weg ins Wirtschaftselend, weü es der Weg zur Macht zu sein scheint Versteht man jetzt den Sinn der neuen Ermächtigung? In dem offiziösen Kommentar wurde zunächst davon gesprochen, daß neue kreditpolitische Maßnahmen zur Konsolidierung der schwebenden Schulden getroffen werden sollen. Nun, der Versuch der 500-Millionen-Anieihe bei den deutschen Sparkassen hat deutlich gezeigt, daß alle solche Versuche eitel sind. Die Sparkassen haben eben ihre Schatzscheine und Arbeitsbeschaffungswechsel zur Reichsbank gebracht und mit dem dafür erhaltenen Reichsbankgeld die Anleihe gezeichnet. Es ist ein reiner Umbuchungsvorgang gewesen. Deshalb wurde die erste Erklärung, die allgemein als Ankündigung neuer Anleihen aufgefaßt wurde, rasch widerrufen. Das Ganze habe nur— formalrechtliche Bedeutung! Nicht dementiert wurde aber die andere Angabe, daß Aufwendungen für den Ausbau der deutschenRohstoffwirtschaft entstehen werden. In der Tat bestehen ja Projekte für Neuanlagen zur Ersatzproduktion, die sich auf viele hundert Millionen belaufen, und wir haben nie daran gezweifelt, daß die Kosten für diese unproduktiven Ausgaben nicht von den Unternehmern, sondern vom Reich werden getragen werden. Aber all das ist nicht das Wesentliche. Es handelt sich in Wirklichkeit um die gewaltige Steigerung der Rüstungsausgaben unter Ausschaltung jeden Einblicks in ihre Finanzierung, in der Hoffnung, daß das Geheimnis, die Unterbindung jeder Kritik, dem deutschen Volke das Vertrauen weiterhin erhält, das bisher die Sparkasseneinlagen steigen, die Rentenkassen sich behaupten und die Mark im Inland ihre Geltung behalten ließ. Die Ermächtigung bedeutet deshalb nichts anderes als: die Entwicklung der deutschen Finanzpolitik von der Bilanzverschleierung zum betrügerischen Bankrott. arbeit am Völkerrecht belasten? Die Diktatoren erkennen es Ja sowieso nicht an und sehen in Ihm doch nur ein Hindernis für ihr« verschiedenen nach außen zielenden Pläne! Y ertr auen sra<-W ah'en Ein Parteimanöver der KPD. In den nächsten Wochen finden in Dentoch- land die Wahlen der Vertrauensräte In den Betrieben statt. Das Zentralkomitee der KFD hat dem Sozialdemokratischen ParteivoT- stand vorgeschlagen, für diese Wahl»paritätisch zusammengesetzte Komitees« zu bilden,»einheitliche Kandidatenlisten« aufzustellen, einen»gemeinsamen Anfrnf«*u erlassen und gemeinsame»Betriebsversammlungen« einzuberufen. Wer die Bedingungen des illegalen Kampfes kennt und wem es um die Sache und um den Erfolg zu tun tot, der weiß,«faB hinter diesen Vorsehlägen der Kommunistischen Parteileitung weder der Wille noch die Möglichkeit steht, sie durchzusetzen. Der Sozialdemokratische Parteivorstand hat sie deshalb abgelehnt. Die sozialdemokratischen Arbeiter ebenso wie die Mitglieder der ehemals freien Gewerkschaften in Deutschland sind sich ihrer Aufgabe bei den bevorstehenden BetrieW* rat« wählen Im Kampf gegen den Faschismus selbst vollständig bewußt. Die Einheit der Arbeiterschaft in den Betrieben war von Jeher der oberste Grundsatz und das stet« verfolgte Ziel der von der Sozialdemokratischen Partei und den freien Gewerkschaften geleisteten Erziehungsarbeit Eine Aufforderung zur Bildung gcmelnsa» mer Komitees von Sozialdemokraten und Kommunisten aus Anlaß der bevorstehenden Betriebsratswahlen lehnt der Parteivorstond ebenso ab wie die Herausgabe eines gemeinsamen Aufrufs. Sie liegen weder im Wille« noch Im D1" teresse der illegalen deutschen Arbeiterbewegung. Verelnfadiung In einer Versammlung in Hannover kündigte der Gauwalter der Deutseben Arbeitsfront, Carl us. an. daß künftig die Unternehmer als Amtswalter In die Arbeitsfront eingereiht würden. Sie soilen Kassierer der Arbeitsfront in ihren elga* nen Betrieben werden. Das übersteigt sicherlich die kühnsten gelben UnternehmerträiBne! Yölklsche VerbundenheU »Seine Tollität Prinz Karneval, der rheinische Großfürst unbeschwerter Frohsinnetage, schwingt sein mutwilliges Szepter- Wer verstünde dieses Fest würdiger uD<' schöner zu feiern als die Domstadt � Rhein? Die Tatsache, daß Landeshauptms1111 Haake die Schirmherrschaft übemonun®11 hat... stellt das Bekenntnis zur großen volK' liehen Verbundenheit und zur Erkenntnis ü«1" volkstümlichen Werte des Karnevals dar-" In ihm prägt sich gleichsam in einem Scherzwort der große und gewaltige Ernst aus---* Aus der Rheinisch-Westfälischen Zeitung* Hinter den Göbbels-Kullssen Weitere Presse-Instruktionen des Reichs- Propagandaministeriums, Anfang Februar. „Es ist unerwünscht, daß sich die Zeitungen so viel mit Nachrichten über bevorstehende Zinskonv ersio■ nen. innere Anleihen, neue Kreditschöpfung usw. beschäftigen. da hierdurch Vertrauen des Volkes zu den wirtschaftlichen Maßnahmen der Reichsregierung gefährdet wird.1' „Es wird den Redaktionen nahegelegt. über ein Verfahren gegen den Weimarer Staatstheaterintendanten Dr. Ziegler wegen Vergehens gegen § 17 5, StGB, möglichst nichts zu berichten." „Es ist unbedingt untersagt, über eine Zusammenkunft zwischen dem Polnischen Außenminister und Reichswehrminister von Blomberg in einem baltischen Hafen Zu berichten," .• „T)ic deutsche Presse möge bei dem Auftreten Pola Negris in einem polnischen Freundschaftsfilm bedenken, daß die Produktionsfirma Cine-Allianz, obwohl ihre Inhaber Dr. Rabinowicz und Preßburger N ichtarier sind, der deutschen Wirtschaft allein in den letzten Monaten ca. 2 Millionen Mark Exportdevisen zugeführt hat." „Es wird den W irf schaf tsredaktio- uen der Zeitungen zur Kenntnis gebracht, daß die deutschen Exporteure zwar keine S er ips mehr erhalten. jedoch wird ihnen bei Abliefe- rung der Exportdevisen der Verlust ersetzt, den sie durch die aus Exportgründen niedriger gehaltenen Preise erleiden. Biese Differenz wird Urnen bei Abliefe- rung der Exportdevisen und gegen ent- sPrechenden Nachweis von der Reichsbank in bar ausgezahlt werden. Den Wirtschaftsredaktionen wird dies lediglich zur Orientierung mitgeteilt. jedoch weder zur Kommentierung noch zur y eröffentlichung." # „Falls zu gewissen Beschwerden aus Brasilien Stellung genommen wird, ist folgendes zu sagen: Auf Grund des deutsch-brasilianischen Bandeisvertrages ist der brasilianische Kaffee-Exporthandel verpflichtet, an Bentschland Kaffee zu besonders billigen Preisen zu verkaufen. Es sei daher Beutschlands gutes Recht, diesen brasi- ijanischen Kaffee in nordamerikanischen Bäfen zu Preisen abzusetzen, die mittler unter den Preisen liegen, die der brasilianische Kaffeehandel von seinen bordamerikanischen Kunden fordert. Beutschland müsse das Recht zugebil- ugt werden, seinen Außenhandel auf jede geeignete Weise zu fördern." « „Gegenüber dem LondonerV er- bandlungsangebot soll die deutsche Presse nach wie vor möglichst Zu- Bjckhaltung üben und nicht durch vorlüge Kommentare die planvollen Erwägungen der Reichsregierung stören. Hinweise auf deutsche Verhandlungsbereitschaft immer wieder erwünscht, im Vordergrund jedoch Anführung deutscher Unsicherheit angesichts bedroh- uch anwachsender Wehrstärken der bnderen Mächte, insbesondere Sowjet- Rußland. Betrachtungen über deutsche Mindestforderungen zunächst unzuläs- *8, Erörterung dieses Punktes erst auf Pätere ausdrückliche Anordnung." • •Balis in der ausländischen Presse 'Vachrichten über angebliche deutsch- polnische militärische Bin- jungen auftauchen sollten, bezw. Uber angeblich bereits bestehendes aeutsch-polnisches Militärabkommen Puch nicht in Form eines Dementis davon Kenntnis nehmen, ehe nicht An- 0rdnnng erfolgt." .„Es entspricht nicht den Staats- Weressen, Nachrichten über gewisse Polnische Unüberlegtheiten gegenüber Zugehörigen der deutschen Min- aerheit in Ostoberschlesien ?// allzu starker Betonung zu ver- �entliehen, insbesondere nicht mit Alimentären, die jedesmal kein günsti- |es Echo in einer gewissen polnischen Hresse finden." Reidisblsdiof Müllers Glück und Ende ..„Die nugend Handelsredaktionen werden ersucht, ihre Betrachtungen Im protestantischen Kirchenstreit bahnt sich eine interessante Entwicklung an. Sowohl die Reichsregierung als auch die nationalsozialistische Partei bemühen sich, den Kirchenstreit einschlafen zu lassen und ihren Frieden mit der Opposition, d. h. mit der alten Kirchenverwaltung zu machen, die faktisch heute schon das Heft In Händen hat. Die Machtverschiebung zwischen der Opposition und dem Reichsbischof ist In den letzten Monaten soweit gegangen, daß Reichsbischof Müller organisatorisch so gut wie nichts mehr hinter sich hat und daß alle seine Bemühungen, sich neue Organe In Gestalt von Kirchensenaten etc. zu schaffen, ergebnislos geblieben sind. Bei diesen Bemühungen hat er keinerlei Unterstützung vom Reichsinnenministerium erhalten. Der Angriff der Bekenntniskirche gilt dem Reichsbischof Müller. Das Haupt der provisorischen Verwaltung der oppositionellen Bekenntnisbewegung ist der Bischof Marahrens von Hannover. Dieser hat eine Art Ultimatum an den Reichsinnenminister Frick gerichtet. In dem er den Rücktritt Müllers, die staatliche Anerkennung der Verwaltung der Bekenntniskirche fordert und Reorganisationspläne unterbreitet. Daraufhin sind die Führer der »Deutschen Christen« zusammengetreten. Sie haben beschlossen, daß von einem Verbleiben Müllers im Amt nichts mehr zu erhoffen sei und daß er deshalb zurücktreten solle. Aber Müller, der sich so von seinen eigenen Leuten verlassen sieht, will nicht zurücktreten. Er klammert sich daran, daß er nach wie vor das Vertrauen Hitlers besitze. Es geht Ihm wie so manchem aus dem System, der so lange an Freundestreue und Loyalität geglaubt hat, bis er am Boden lag. Seine eigenen Leute sind skeptischer in dieser Frage — sie haben ihm achselzuckend geraten, er möge sich bei Hitler selber vergewissem, wie es mit diesem Vertrauen und mit seinem Anspruch stehe. Sie haben allen Grund zur Skepsis: denn erst vor kurzem hat Frick dem Reichsbischof mitgeteilt, daß er ihm nicht länger die im Budget für die Reichskirchenregierung vorgesehenen Gelder auszahlen könne, da diese Kirchenregierung nicht mehr auf gesetzlicher Grundlage ruhe! Aber was ist der Sinn dieser Opferung des Reichsbischofs? Es existiert ein Brief aes Reichsinnenministers Frick an den Pfarrer Hossenfelder aus dem September 1934. Hossenfelder gilt als einer der radikalen Treiber bei den»Deutschen Christen«. Diesem Mann schrieb Frick: »Ich habe Ihnen bei unserer letzten Unterredung in Weimar ausdrücklich erklärt, daß vorläufig der gesarate Kampf für eine deutsche Nationalkirche ausschließlich auf rein kireb- lichera Gebiet zu führen ist; je weniger dabei von Politik die Bede ist, um so besser. Die führenden Geistlichen müssen wissen, daß es heute vor allem gilt, die Massen reif zu machen für den Gedanken, der von uns angestrebten wahrhaft deutschen Einheitskirche, die ihrem Wesen nach natürlich weder in Rom noch auch In Wittenberg verankert sein kann. Es ist deshalb dem Staat im jetzigen Augenblick durchaus nicht gedient, wenn man gläubige Kreise, die ihrem Wesen nach zu uns gehören, durch ein Vorprellen über die taktische kircbenpolitische Linie hinaus kopfscheu macht. Erst im Laufe des Jahres 19S5 werden auch hier die entscheidenden Maßnahmen getroffen werden könne n.« Die taktische kirchenpolitische Linie von heute ist der Auagleich mit der protestantischen Opposition— was aber werden die»entscheidenden Maßnahmen« von 1935 sein? Wollen Frick und die Seinen im Bunde mit den protestantischen Kräften auf eine deutsche Einheitskirche lossteuern, wollen sie eine allgemeine Bewegung unter der Parole:»Los von Rom« entfesseln? Die Verhandlungen mit der Kurie über che Ausführungsbestimmungen zum Reichskonkordat haben immer noch nicht zum Abschluß geführt, dagegen sind in Bayern neue Reibungen zwischen der NSDAP, und den Katholiken, vor allem dem Kardinal Faulhaber entstanden. Der Kampf ist dort vor allem um die Bekenntnisschule geführt worden. Schule und Ju- gen-Organisation sind aber gerade die Punkte, an die sich die katholische Kirche mit ihrer ganzen Macht klammert! Klnoler Im Gefängnis Der gute fromme Bürger soll hin- füro ruhiger schlafen können— das will die Regierung mit löblichem Elfer bewirken. Aber warum soll er nicht etwas weniger schlafen? Heinrich Heine. In Darmstadt wurden Einbrecher bei einem Kellerdiebstahl ergriffen. Als die Polizei ihren Fang bei Licht besah, mußte sie feststellen, daß sie keine alten, gewitzten Unterweltler, sondern— Halbwüchsige vor sich hatte. Halbwüchsige, die darauf aus gewesen waren, Lebensmittel zu erbeuten. In der vergangenen Woche standen diese Jungen Burschen vor dem Richter, und die deutschen Zeitungen melden zufrieden; »Anführer war der 17jährige Erwin Müller, der vor zwei Monaten erst aus der Haft kam und jetzt wieder auf zwei Jahre ins Gefängnis wandert.« ... wieder auf zwei Jahre ins Gefängnis wandert. Wenn er herauskommt wird er neunzehn sein. In den vierzehn»Jahren der Schmach« ■wurde— neben anderen unmenschlichen und verwerflichen Einrichtungen— auch ein Jugendgerichtsgesetz geschaffen. Dieses Gesetz verfügte, daß jugendliche Sünder bis zu 18 Jahren nicht mit gleichem Maß gemessen werden dürften wie erwachsene Rechtsbrecher. Sie kamen vielmehr vor den Jugendrichter, der Erfahrungen in der Jugendpflege haben mußte und der darüber entschied, ob an Stelle einer Strafe etwa Erziehungsmaßregeln ausreichend seien. Konnte von einer Strafe nicht abgesehen werden, so wurde Immer das jugendliche Alter des Angeklagten in Betracht gezogen und das Strafmaß entsprechend niedrig gehalten. Wer Je Gelegenheit hatte, Jugend- gcrlchtsverhandlungen beizuwohnen, der über Höhe und Umlauf der Arbeitsbeschaffungswechsel einzuschränken und sich an die Mitteilungen von zuständiger Stelle zu halten." * „Die Handelsredaktionen werden dringend ersucht, mehr Berichte über die positiven Wirtschaftserfolge der neuen Staatsfühnmg zu veröffentlichen." * „Entgegen tendenziösen Ausstreuungen in der Auslandpresse über die Vorgänge im Zentralgebäude der Deutschen Arbeitsfront am Engel-Ufer wird lediglich zur Kenntnisnahme mitgeteüt. daß sich ca. 1300 Betriebsangestellte der Deutschen Arbeitsfront durch die notwendige Anordnung eines Abteilungsführers provoziert fühlten und durch einige Hetzer dazu verleiten ließen. Disziplinwidrigkeiten zu begehen. Es haben die gewöhnlichen polizeilichen Maßnahmen genügt, um den Arbeitsfrieden wieder herzustellen. Die Deutsche Presse braucht sich mit diesem unerheblichen Vorkommnis nicht weiter zu beschäftigen." weiß, daß die Kinder in den weitaus meisten Fällen durch unglückliche Lebensbedingungen, durch Armut oder Zerrüttung der Familie, häufig auch durch Verführung auf falsche Wege getrieben wurden und daß die Gemüter der jungen Menschen selten verhärtet, daß diese Heranwachsenden gewöhnlich formbar waren. Es genügte oft der Eindruck, den die Verhandlung hinterließ, es genügte manchmal selbst in schwereren Fäl1 len eine Strafe mit Bewährungsfrist, vor allem aber die Entfernung aus der bisherigen Umgebung, um für die Zukunft vorzubeugen. So barbarisch verfuhr man In den viel geschmähten vierzehn Jahren. Das hat sich nun gründlich geändert. Der siebzehnjährige Lebensmitteldieb, den man In Darmstadt zu einer ungeheuer harten Strafe verurteilt hat, sitzt nun schon wieder hinter den Mauern, die er eben erst verließ. Die erste Strafe schon hat sichtlichen»Erfolg« gehabt; keine acht Wochen vergingen bis zum nächsten Rechtsbruch. Wenn der heute Siebzehnjährige In zwei Jahren das Gefängnis verläßt, wird er aller Voraussicht nach der menschlichen Gesellschaft, In die er zurückkehrt, noch verständnisloser, ja feindseliger gegenüberstehen. Vielleicht stellt er's dann vorsichtiger an, vielleicht findet er im Gefängnis genug ältere, erfahrenere Krimi nailehrer, die seine Erziehung vollenden. Es kann auch sein, daß er aufs neue ertappt wird, aufs neue ins Gefängnis wandern und endlich als »gefährlicher, unverbesserlicher Gewohnheiteverbrecher« in Sicherungsverwahrung genommen wird. Dann Ist ein Leben beendet, das noch gar nicht begonnen hatte, dann wird das Gefängnisurteil, das jetzt in Darmstadt gefällt wurde, sich nachträglich als— Todesurteil erweisen, denn wer als»unverbesserlich« zum Abfall geworfen wird. Ist für die Gesellschaft, ist für die sogenannten ehrbaren Staatsbürger tot. Auf alle Zelt. Was bedeutet dieser Seelenmord an einem siebzehnjährigen Kinde? Wem wird mit einer solchen Art»Rechtsprechung« geholfen? Dem Verurteilten nicht, denn Gefängnisse, vor allem die nach barbarischen Prinzipien geleiteten Gefängnisse des Dritten Reiches, sind keine Erziehungs-, sind einzig und allein Folterstätten, Abschreckung? Es hat sich herausgestellt, daß die Anzahl der Vergehen mit Milde oder Schärfe der Strafgesetzgebung recht wenig zu tun hat, daß in Ländern mit modernem, humanen Straf recht die Kurve der Verbrechen keineswegs steigt, daß sie bei strenger Handhabung barbarischster Gesetze keineswegs fällt. Aber selbst wenn ein Regime der Abschreckungstheorie anhängt— ist es nötig, sie an siebzehnjährigen Opfern zu demonstrieren? Muß man gerade Kinder dazu mißbrauchen, um anderen Hungrigen die Gefährlichkeit von Lebensmitteldiebstählen vor Augen zu führen? Bleibt die Vergeltung. Der junge Rechtsbrecher hat keinen Menschen hinterrücks erschlagen— wie viele»Vorkämpfer« des Dritten Reiches, die heute als Helden geehrt werden—, er hat keine ihm anvertrauten Armengelder unterschlagen— wie unzählige gutbesoldete Hakenkreuzbeamte, die heute noch auf ihrem Posten sitzen—, er hat versucht, sich mit unerlaubten Mitteln gegen den Hunger zu wehren. Dafür wird nun„Vergeltung« geübt, dafür rächt sich eine Gesellschaft, die bisher keinen Weg gefunden hat, die heranwachsende Jugend menschenwürdig zu nähren und zu kleiden. Nein— das ist keine Vergeltung, das Ist blanke Barbarei, ist mörderischer Sadismus. Das Darmstädter Urteil, so hart es ist. steht durchaus nicht allein. Es entspricht den neuen Strafmethoden, die auch gegen Jugendliche jederzeit angewandt werden. Hitler.- hat unlängst In einer Rede gesagt: »Die Parteleo sind nicht mehr. Die Parlamente sind nicht mehr, die Demokratie ist nicht mehr...« Er hätte hinzufügen können; Die Rechtsprechung ist nicht mehr. An ihre Stelle ist legalisierte Menschenquälerei getreten. Zwei Meldungen... i. ..... In der Beilage„Köln am Sonntag" ... bringen Sie einige Ausführungen, die sich mit dem Film„Ich für dich, du für mich" befassen. Sie nehmen Anstoß daran, daß der Film Stellen enthält, die für das Gewissen des katholischen Erziehers schwer erträglich sein sollen... Es ist... eine starke Anmaßung. aus Spiel und Dialog eines Films, der von den staatlichen Stellen als jugendfrei erklärt wurde und die höchste Auszeichnung„staata- poll tisch und künstlerisch besonders wertvoll" erhalten hat, Schäden für die heranwachsende Jugend herleiten zu wollen.... Hell Hitler!" Aus einem Brief der Reichspropagandaleitung der NSDAP, Abteilung Film, an die Kölner Katholische Kirchenzeitung. n. „Der Reichaunterrichtsmi nister bat angeordnet, daß der Film„Ich für dich, du für mich" in den Schulen nicht mehr vorgeführt werden darf. Der Besuch de« Films wurde den Schülern untersagt." Aus der Frankfurter Zeitung. In Sdiu�hafi..• Hessische Zeitungen melden: »Die beiden ehemaligen höheren Kasseler Polizeibeamten, Polizeipräsident a. D. S c h 6- ny und Polizeioberat a. D. Schulz hielten sich seit einigen Tagen in Kassel auf. Sie wurden auf der Straße erkannt, worauf sich erregte Ansammlungen bildeten. Ein Polizeibeamter, der eingreifen wollte, war der Menge gegenüber machtlos und wurde abgedrängt. Die beiden Beamten wurden in Schutzhaft genommen, wo sie zur Zeit ohne ernstliche Verletzungen sitzen.« »Ohne emstliche Verletzungen«— hissiger könnte kein Todfeind de« Regimes diese sorgfältig einstudierte Mordaktion charakterisieren! Hie Strafe als Fundament der Diktatur Gestützt auf erpreßte Kundgebungen möchte der totale Staat der Welt vorspiegeln. von der Zustimmung der Regierten getragen zu sein. Der Schwindel entlarvt sich selber: Je mehr innere Sympathie ein Staatswesen in der Bevölkerung genießt, desto leichter kann es auf Zwang und Strafe verzichten. Noch nie aber ist das System der Strafen ruckartig so erweitert worden wie in Hitlers nationalsozialistischem Staat. Untersucht man den Gebietszuwachs des Strafrechts unter Hitler, so muß man vor allem beachten, daß neben dem amtlichen und kontrollierten Strafrecht, obwohl es allein schon an Umfang und Auswirkung erheblich zugenommen hat, noch ein mindestens ebenso umfangreiches inoffizielles Strafrecht in den verschiedensten Abstufungen besteht. Das inoffizielle Strafrecht hat u. a. eine erheb- liche Anzahl jener mittelalterlichen Strafmethoden für sich usurpiert, die der offizielle Staat aus Prestigegründen einzuführen sich scheut: Prangerstehen, Folter. Marterung, Prügel usw. Die bekannteste inoffizielle Strafart, keineswegs die einzige, ist das Konzentrations- lager. Sie kann durch die berüchtigten barbarischen Behandlungsmethoden weit über die Schrecken aller offiziellen Strafen gesteigert werden. Im normalen Zuchthausbetrieb treten geistige Störungen bei den Inhaftierten erst nach vielen Jahren Haft auf. Im KZ. werden Menschen oft in ein paar Wochen oder Monaten in den Wahnsinn getrieben. Ein gerichtlich verurteilter Mensch hat tatsächlich unter den heutigen»Rechts«- zuständen ein erträglicheres Los als der dem inoffiziellen Strafrecht AusgeUeferte. Im inoffiziellen Strafrecht hat man die Spitze der Strafenpyramide, die Todesstrafe, durch die Hinrichtungsart des Hängens noch weiter zugespitzt. Alle Stockwerke, zumal die oberen, sind erheblich ausgebaut worden. Dazu kommt ein System von ergänzenden > Sicherungsmaßnahmen«, die praktisch nichts als Strafverschärfungen sind. Wir nennen die Kastration, mit der das mittelalterliche Verstümmelungssystem wieder Eingang ins Strafrecht gefunden hat, die Sterilisation, die unbegrenzte— bis lebenslängliche•— Siche- rungsverwahrung usw. Dazu kommt als weitere, sehr fühlbare Strafverschärfung die Verschlechterung des Strafvollzugs durch Beschränkung aller leiblichen und geistigen Notdurft auf das eben noch Aushaltbare. Die immense Vervielfältigung der Strafen für»poliUsche« Deükte braucht hier nur gestreift zu werden. Immerhin ist sehr beachtenswert, daß eine Reihe von Handlungen, die selbst unter dem absoluten Königtum gestattet waren, das Ueben von Kritik usw. im Dritten Reich bei schweren Freiheitsstrafen verboten sind. Das inoffizielle Strafrecht durchzieht fast alle Sphären des Daseins. Der Arbeitsdienstler z. B. steht unter einer Reihe von Diszipiinarstrafvorschriften, die ihm Lohn, Ausgang, Urlaub, Freiheit usw. entziehen können. In schwereren Fällen wird er in ein Konzentrationslager abgeschoben, wo das Damoklesschwert noch viel grausamerer Disziplinarstrafen(Auspeitschen, Dunkelarrest usw.) über ihm hängt. Doch ist das nur ein kleiner Ausschnitt des inoffiziellen Strafrechts. Es gibt ein besonderes gegen die bevorrechtigte Schicht. Um in ihr eiserne Disziplin zu halten, gleichzeitig aber auch, um jeden unerwünschten Engnff ziviler Gerichtsbehörden auszuschließen, unterstehen SA und SS eigener>G€- richtsbarkeit«, deren Ausdehnungsfähigkeit der 30. Juni 1934 gezeigt hat. Das zivile Parteimitglied ist von der»Uschla« bedroht, deren Spruch ihn die bevorrechtigte Stellung und alle damit verbundenen Vorteile kosten kann. Da im totalen Staat jede Stellung, jeder simple Arbeitsplatz zu einem Privilegium geworden ist, so rückt die Möglichkeit ihrer Entziehung auch die wirtschaftliche Existenz in den Bereich des inoffiziellen Strafrechts. Die»Sozialen Ehrengerichte«, mit denen Ley das Proletariat bedacht hat, bedeuten praktisch nichts anderes als die Unterstellung des gesamten Arbeitsverhältnisses unter besondere strafrechtliche Aufsicht. Die Abschnürung der Möglichkeit, sich wirtschaftlich zu betätigen, ist zu einer sehr verbreiteten Strafmethode geworden. Das Wesentlichste des inoffiziellen Strafrechts ist seine gänzliche Unkontrollierbarkeit. Niemand weiß genau, wie weit die Verbote, wie weit die Vorschriften, 1 wie weit die Strafen gehen. Er soll es auch gar nicht wissen! Die Angst vor nichtabzu- sehenden Folgen soll ihn auch von den zahmsten und einwandfreiesten Regungen von Selbständigkeit abhalten. Nach dem Grundsatz»sicher ist sicher« soll er alles unterlassen, was ihn auch nur von ferne in Unannehmlichkeiten bringen könnte. Besonders deutlich zeigt sich der erpresserische Charakter der unbestimmten Strafdrohungen, die über jedermanns Haupte schweben, bei den»freiwilligen« Sammlungen und Spenden.—»Wieviel muß ich mindestens geben, damit mir nichts passiert?« Nach diesem Maßstab bestimmen sich die Höhen der Spenden. Im ganzen läßt sich sagen: Ein ähnlich lückenloses und engmaschiges Strafsystem wie das des Dritten Reiches hat die Weltgeschichte noch nlcht ge- k a n n t. Es kombiniert fast alle Strafarten des Altertums, des Mittelalters und der Neuzeit, ohne auf eine einzige zu verzichten. Es hat fast alle Körperschaften in seinen Dienst gestellt: Tötung in verschiedenen Stufen der Grausamkeit, Verstümmelung, Züchtigung, Folterung. Der Freiheitsstrafe hat es eine der antiken Sklaverei nahe kommende Methode, das Konzentrationslager, beigefügt. Es hat die Geld- und Wirtschaftsstrafen zum Entzug jeder wirtschaftlichen Betätigungsmöglichkeit gesteigert. Es hat jede Auflehnung gegen den Kadavergehorsam eines in allen Sphären militarisierten Daseins zum straffälligen Verbrechen gestempelt. Kein Zweifel: Dieses raffinierte, ins Unendliche gesteigerte Strafsystem erzeugt Furcht und löst Folgsamkeit der Eingeschüchterten aus. Aeußerllch gesehen funktioniert es tadellos. Trotzdem führt es zu einer gewaltigen Selbsttäuschung der Regierenden: Der Mensch, der aus Furcht vor Strafe einen Diebstahl unterläßt und der andere, der aus Innerem Anstand nicht stehlen kann, tun, bezw. unterlassen äußerlich scheinbar genau das gleiche, innerlich tun sie etwas Grundverschiedenes. Furcht vor Strafe erzwingt ein bestimmtes tatsächliches Verhalten, nie ein sittliches Handeln. Gegen alle Sklavenhalter und Fronvögte sind wir auch heute noch des festen Glaubens, daß alle menschliche Kultur von sittlichem Handeln, nicht von erzwungenem Verhalten erzeugt worden ist und auch in Zukunft erzeugt werden wird. Jedes System, das sich mit erzwungenem Verhalten glaubt begnügen zu können, verfällt dem Kulturtod. Die Angst vor Strafe duckt die Geduckten noch tiefer, läßt Begabten ein Verbleiben in der anonymen Masse rätlicher als die Entfaltung ihres Könnens erscheinen. Aber noch nie hat die Furcht vor Strafe eine große Leistung, eine kulturelle Tat ausgelöst! Justinian. Ilm den legten Abonnenten! Die tote Presse soll ersdilagcn werden— Qualität Ist Terwerllifh einen Teil der Bewegung, Es hat im Dritten Reiche wiedermal ein „Feldzug" eingesetzt. Diesmal geht's mit gezücktem Säbel gegen die sogenannte bürgerliche Presse— die es in Wahrheit gar nicht mehr gibt. Die deutschen„bürgerlichen" Blätter unterscheiden sich von den andern hauptsächlich nur dadurch, daß sie keinem nationalsozialistischen Verlage gehören und daß ihre Einnahmen deshalb nicht in die Taschen des herrschenden Klüngels fließen. Nun rechnen die parteioffiziellen Verleger so: wir machen Defizit, und die bürgerlichen machen auch Defizit. Wären wir allein auf weiter Flur, so bliebe uns vielleicht ein netter Ueber- schuß. Damit ist auch schon die Parole gegeben; die Reste der Nicht-Parteiblätter müssen verschwinden. Die erste Werbewoche liegt bereits hinter den deutschen Zeitungslesem. Ein Trommelfeuer ist auf sie niedergegangen, das selbst ihre abgestumpften Nerven in Aufruhr brachte. Zu der üblichen Behauptung, daß jeder gute Deutsche einzig und allein nationalsozialistische Parteiblätter lesen wolle, solle und dürfe, gesellten sich unverhüllte Drohungen, die etwa besagten, die Leser der bürgerlichen Presse seien erkannt und nur eine baldige Umbestellung könne sie vor größten Unannehmlichkeiten bewahren. Der„Völkische Beobachter" druckte am 8. Februar einen Aufsatz des Präsidenten der Reichspressekammer, Max Amanns, der den futterneidischen Naziverlegern kräftig die Stange hielt Amann erklärt, es gebe noch immer zu viele Zeltungen, es müsse endlich abgebaut werden. Verlagshäuser, die sich von „geschäftlich-konjunkturellen Erwägungen" leiten lassen, seien auszuschalten. Es wird eine neue Säuberungsaktion unter den Journalisten und Redakteuren angekündigt. Nur echte Nationalsozialisten, die Gesinnung über das Prinzip der Leistung und Qualität stellen, seien berufen, durch das Instrument der Presse den Volkswillen zu beeinflussen.— Die Journalisten werden sich also bemühen müssen, noch linientreuer zu sein und ein noch schlechteres Deutsch zu schreiben, wenn sie nicht brotlos werden wollen. In Magdeburg behauptete der Kreisleiter in einer— von SS besonders reichlich„geschützten"— Volksversammlung, die bürgerliche Presse fordere die nationalsozialistischen Zeitungen ungestraft mit Provokationen heraus und trage durch Ii beralls tische Methoden ständig Verwirrung und Unruhe in die Oef- fentlichkeit Den Lesern, die andre als die offiziellen Parteiblätter lesen, stellte der Redner in aller Form das Zeugnis politischer Un- zuverlässigkeit aus. Und die parteioffizielle „Westfälische Landeszeitung" gar, die von der„Hattinger Zeitung", einem gleichgeschalteten Kleinbürgerblatt, gerichtlich belangt wurde, wandte sich mit einer dröhnenden öffentlichen Erklärung gegen die Konkurrenz, die es wage, zwei Jahre nach Hitlers Machtergreifung eine nationalsozialistische Gauzeitung, also zu verklagen. Man sieht— das Gemetzel ist In vollem Gange. Und aus seiner Heftigkeit läßt sich vor allem eines erkennen: wie klein die Weidegebiete geworden sind, wie erheblich der Kreis deutscher Zeitungsleser seit dem März 1933 zusammengeschrumpft ist. Der lärmende Feldzug, der eben erst begonnen hat und wohl viele Wochen lang weiter toben wird, krankt übrigens an einer grundverkehrten Planung. Selbst wenn ein sogenannter Sieg errungen würde, selbst wenn alle„bürgerlichen" Blätter von der Bildfläche verschwänden, wäre dem deutschen Zeltungswesen finanziell nicht geholfen. Die letzten Leser der bürgerlichen Blätter würden das tun, was aber tausend Arbeiterleser ihnen vorgemacht haben: sie würden gar keine Zeitung mehr halten und sich die nötigsten Informationen anderwärts— z. B. durch den Funk, im Kaffeehaus oder durch Entleihung des Parteiblattes vom Nachbarn— verschaffen. Der Sieg des Futtemeldes hätte also nur die Folge. daß-wiederum viele tausend Arbeiter und Angestellte im Reich, die bisher bei gleichgeschalteten Zeitungen arbeiteten, brotlos würden. und sozialen Neuordnung der Agrarverhältnisse verpaßt-wurde, viel zu leicht genommen. Es kann geschehen, daß sich das aus Kurzsichtigkeit und Schwäche Versäumte an Staat und Gesellschaft noch einmal bitter rächt." Auch die Mantilla, die die Wahl der spanischen Bourgeoisie zurechtschneidert, paßt der deutschen wie angegossen. „Die spanischen Wirtschaf takreise sind zwar für Subventionen, aber nicht für gute Ratschläge des Staates empfänglich. Sie rufen bei jeder Gelegenheit nach seiner Protektion, verbitten sich aber seine Einmischung in ihre Angelegenhelten. Man befürchtet von jedem Eingreifen des Staates eine Lahmlegung der privaten Initiative..•" Interessant ist auch«In„Futterkrippe- oder Volksstaat?" Uberscbrlebenes Kapitel. Und wie bekannt klingt uns der Abschnitt „Gesetze auf dem Papier": „Die Arbeiterschaft nimmt dieses plötzlich erwachte Interesse an ihrem Schicksal und das Werben um ihr Vertrauen kühl und mißtrauisch auf. Denn jene Bestrebung® fallen mit Reaktionserscheinungen zusammen, die sich immer heftiger gegen die wenigen sozialen Errungenschaften der Republik wenden.... In dem Moment, da der veränderte Regierungskurs dem Druck der Reaktion nachgab, wurde auch die Sozialgesetzgebung wieder, was sie früher schon gewesen war,— Papier... In den Arbeitermassen schwillt der Geist der Ün- botmäßigkeit bedrohlich an. Die Arbeitgeber kehren vielfach nun erst recht einen überalterten Herrenstandpunkt heraus, setzen sich über Vorschriften der sozialen Gesetzgebung hinweg und rebellieren gegen behördliche Anordnungen. Bürgerliche Blätter, auch einsichtige Organe des Großkapitals, müssen immer wieder einzeln« Kreis® des Unternehmertums zur Ordnung ruf® und ihnen vorhalten, wie sehr sie mit ihrem üblen Beispiel die soziale Ordnung untergraben helfen." So können wir in der eindeutigsten Weise die Geschichte der bürgerlichen Revolution einerseits und den Sieg der deutschen Reaktion andererseits sehr schön in dieser durch | und durch„liberalistlschen" und daher sy®* pathischen Broschüre nachlesen. Wie famos dieser Mann, obwohl In Spanien lebend, die deutsche Geschichte bis W Gegenwart geschildert hat. Und obendrein kommt nicht einmal der Name Adolf HiÜ® vor. Das Ganze heißt: Spanien, ein Land in Gärung. Und selbst das stimmt! Wiedepsehen In Spanien Ein Land in Gärung. Der Korrespondent der„Frankfurter Zeltung". Fritz Wahl, hat ein kleines Büchlein Uber Spanien herausgebracht, bei dessen Studium man oft nicht weiß, ob von Deutschland oder von Spanien die Rede ist. Dieser Repräsentant eines großkapitalistischen Zei- tungsuntemehmens läßt in seinem Büchlein einen Haß auf den spanischen Großgrundbesitz zum Durchbruch kommen, der so urwüchsig ist, daß er unbedingt aus dem deutschen Erleben stammen muß. Vieles liest sich so sympathisch, daß man es zweimal liest. Zum Beispiel dies: „Manche Herren haben ihre Güter, die sie nach Laune bestellen oder nicht bestellen, nie gesehen. Aber sie denken nicht daran, auch nur einen Fußbreit abzutreten, selbst nicht einmal gegen Entschädigung. Höchstens wenn sie ganz überschuldet sind, bieten sie dem Institut für Agrarreform heruntergewirtschafteten Besitz zu einem Preise an, den sie im freien Verkauf niemals zu fordern wagen..." Die von der RepubUk angestrebte Agrarreform wurde von den Feudalen rücksichtslos sabotiert. Wahl verbreitet sich darüber recht ausführlich und fährt fort: „Die spanische Agrarwirtachaft schleppt sich trotz mancher auf Erneuerung gerichteten Anstrengungen mit der Rückständigkeit von Jahrhunderten hin. Noch wird das, was an Gelegenheiten zur wirtschaftlichen Hamsterei und Teuerung Die»Steigerung« der Einzelhandelsmimätt*' Nach den Angaben der Forschung* stelle für den Handel betrugen Umsätze im deutschen Einzelhandel im Jak1* 1934 insgesamt 23.75 Milliarden Reichsmark- Im Jahre 1933 hatten sie nur die Höhe v0,, 21.2 Milliarden RM. erreicht. Die Steigerung beträgt demnach gegenüber dem Vor jähre 12 Prozent. Daß aber diese Steigerung der Eih2®1 handelsumsätze nicht auf eine Steigerung �eI" Lebenshaltung der breiten Volksschichten � rückgeht, wird klar, wenn man � Anteil der einzelnen Branchen des EÜ112� handels an der Vermehrung der Umsätze ö®" trachtet Da hat z. B. der Umsatz an AU mobilen eine Steigerung von 45 Proz®� erfahren, während die Uhren- und Ju �® lengeschäfte ihren Umsatz um 21 Prtrotz Aufforderung« auf seinem Stuhle sitzen blieb. In den deutschen Gesetzen kenne sich einer aus! Der Staatsbürger darf— wie es in München Sitte ist— vor den Wohnungen katholischer Priester pfeifen, fluchen und spucken. Der Staatsbürger darf Gottesdienste aller Bekenntnisse stören. Der Staatsbürger darf— wie es in Frankfurt a. M. geschah— aus Konkurrenzgründen und ohne obrigkeitliche Zustimmung SA-Wachen vor jüdischen Geschäften aufstellen, um die Kunden fernzuhalten. Der Staatsbürger darf nicht sitzen bleiben, wenn andere aufstehen, er darf den Arm nicht unten lassen, wenn andere ihn hochheben. Es gfibt also einen groben und einen staatlich genehmigten Unfug, der auch grob ist und sein darf. Bestraft wird nur der erste. Hikd edet Hutst/menfewek Warum gehen Mädchen In die Schule?<— Warum werden sie nicht Soldat? Deutsche Hühner an die Front! Der Dresdner Anzeiger berichtet über eine Deutsche Rassegeflügelschau 1935 in Essen, wo„der Ehrenpräsident der Reichsfachgruppe Schachtzabel die größte aller bisherigen Schauen eröffnete." Der Anzeiger versieht seinen Bericht mit der stolzen Ueberschrift„D e u t s ch e s R a s- segeflügel führt" und schwärmt: „Weltkongreß 1933, Reichsschau 1934, Deutsche Rassegeflügelschau 1935: drei Etappen des Sieges, drei ungeahnte Erfolge, die nur eine einmütige Züchtergemeinschaft hervorbringen konnte. Die deutschen RassegeflUgelzücbter haben seit ihren großen Erfolgen in Rom weitergearbeitet und stellen erneut unter Beweis, daß die deutsche Rassegeflügelzucht ihre führende Stellung in der Welt welter behauptet." Es ist doch ein Glück für die Hühner, daß sie nicht lachen können— sie würden sich totlachen. Politischer Karneval In einem Flugblatt von gleichgeschalteten Heilkundigen heißt es gegen die Schulmedizin: »Die Schöpfer der modernen medizinischen Wissenschaft Rudolf Vlrchow, Robert Koch, Paul Ehrlich, Emil von Behring, Nelßer und Wassermann waren alle vom gleichen Geist beseelt, nämlich vom jüdischen... denn alle ihre Lehren gipfelten darin, dem deutschen Blut irgendeinen artfremden, giftigen Stoff... zuzuführen.« Das Gemeinste aber ist, daß die so infizierten Leute auch wirklich gesund worden sind! Im Februarheft des»Deutschen Volkstums« wagt endlich einmal ein Mitarbeiter, an der Mädchenschulung des Dritten Reiches recht deutliche Kritik zu üben. Er gibt— allerdings In vorsichtiger, blumiger Schreibweise— zu verstehen, der Phrasen seien nun genug gedrechselt, man müsse sich endlich so oder so entscheiden. Entweder die Frau gehöre ins Haus, dann solle man ihr eine Schul-, eine Allgemeinbildung Uberhaupt nicht angedeihen lassen, oder sie stehe gleichwertig neben dem Mann, dann müsse man ihr auch das Waffenhandwerk erschließen. Wörtlich heißt es: »Das uns aufgegebene Entweder-Oder ist in dem Augenblick gestellt, in dem das sechsjährige Mädchen Hand und Schutz der Mutter verläßt, um dafür die Volksschule einzutauschen. Hier begegnet es zum ersten Mal einer typisch männlichen Ordnung... Das Mädchen, das durch die Volksschule auf den Weg der Männer gesetzt wird, endet notwendigerweise in der Mannschaft. Der Volksschule folgt die höhere Schule und der höheren Schule die Hochschule. So erschließt sich eine männliche Form nach der andern, und es wird sich den Frauen auch die letzte männliche Daseinsweite erschließen: der kriegerische Kampf auf Leben und Tod.« Der Autor selbst enthält sich geflissentlich der Stimme. Kinderzimmer oder Kaserne, Beschränkung der Frau aufs Haus oder männlich-soldatische Schulung— alle Zwischenstufen erklärt er für Halbheit, die Wahl zwischen den beiden Extremen überläßt er dem Führer. In keinem Falle habe die berufstätige Frau einen Anspruch auf männlichen Schutz, sie solle sich selbst verteidigen. Die im»mütterlich geordneten Raum« verbleibende Frau indeß müsse auf jede geistig-abstrakte BUdung verzichten, um sich auf das Kind und nur auf das Kind zu konzentrieren. »Ist es noch fraglich, daß die angemessene Ordnung erst da an ihrem äußersten Zipfel angepackt wird, wo man das sechsjährige Mädchen von der Volksschule erlöst? Das dem Frauenge- schlecht bei urts vorgestellte Ziel ist das mütterliche Herdgehege. Geburt, Aufzucht und Gesundheit des jungen Lebens machen den Inhalt des»Reiches der Frau« aus. Ihm gehört an— fern der Volksschule und ihren Disziplinen— die schulmäßige Aufzucht des Mädchens für seine Ordnung... Auch die Tätigkeit der Kinderärztin braucht z. B. weder Universität noch theoretisches Wissen usw. vorauszusetzen. Statt dessen aber praktisches Vermögen.« Uebrigens befindet sich nach Meinung des Autors eine Kinderärztin schon im»Grenzgebiet« der Frauenschaft. Ob die Wesen In den Grenzgebieten aber noch als Frau anzusprechen sind, ob man ihnen nicht vielmehr den Verzicht auf Liebe und Mutterschaft anbefehlen sollte, erscheint dem Schreiber durchaus erwägenswert. Er meint: »Es wäre der Weisheit der Staatsmänner anheimgegeben, Frauen in solch exponierten Tätigkeitsgebieten der Frauenordnung auf ein zöllbatäres Leben zu verpflichte n.« Folge man den hier gegebenen Rezepten, so sei die»viel berufene Berufsnot und die Berufskonkurrenz der Geschlechter beendet.« »Aber es. ist nicht anzunehmen, daß die den kriegerisch-kameradschaftlichen Formen nachgebildeten Frauen- und Mädchenorganisationen gerade diesem Ziele zu marschieren.« Das ist ungefähr der Inhalt des Aufsatzes. Wichtigeres steht zwischen den ZeUen. Müßte der Autor sich nicht vor dem Zensor fürchten, er schrieb etwa; Ich finde mich nicht mehr herein. In den offiziellen Parteischriften steht zu lesen, die Frau gehöre In's Haus und nirgend anders hin. In den gleichfalls offiziellen Frauenversammlungen von»Kraft durch Freude« wird gesagt, niemand wolle die Frauen aus ihren Berufen verdrängen. In Wirklichkeit werden immer mehr Frauen aus Fabriken, Kontoren, Schulämtem, Behörden, wissenschaftlichen Arbeitsstätten hinausgeworfen. In Propagandaschriften und Werbefilmen des Dritten Reiches erscheint die Frau als züchtiges Weib, das wie Werthers Lott- chen den Brotlaib ums Herz drückt und Stullen für die Kinderchen schneidet— draußen auf der Straße marschieren die Hitlermädchen in ihren braunen Kletterwesten unter militärischen Marschklängen vorbei, helmlich machen sie sogar Schießübungen, und in den Arbeitsdienstlagern exerzieren sie wie weiland Friedrichs des Großen lange Kerls. Was soll sich da der Bürger des Dritten Reiches denken? Hier muß der Führer Ordnung machen. Entweder Kinderklapper oder Maschinengewehr— aber dieses Durcheinander muß endlich mal aufhören. Zum Donnerwetter! Und nicht nur der Mitarbeiter des»Deutschen Volkstums« ist dieser Meinung. Auch die Frauen, vor allem die sogenannten nationalen Frauen mit geistigen Ansprüchen werden immer unruhiger und immer erboster.»Wohl auf keinem Gebiet«, heißt es im letzten Heft der»Deutschen Kämpfe r i n«,»ist gegenwärtig die Begriffsverwirrung erschütternder und tiefgehender als auf dem der sogenannten Frauenfrage, die in Wahrheit die Volksfrage ist«. Hier irrt die»Kämpferin«. Die Begriffsverwirrung ist auf den meisten Gebieten gleichermaßen erschütternd, die Begriffsverwirrung istgeradezu ein Kennzeichen der deutschen Diktatur und wird erst mit dieser Diktatur verschwinden. Von dieser Begriffsverwirrung gibt ja auch der oben zitierte Aufsatz hinlänglich Zeugnis. Jedem denkenden Menschen ist es klar, daß zwischen Kasemenhof und Kinderzimmer für die Frau ein unendlich weites Arbeitsfeld liegt, daß die Frau durchaus das »mütterliche Gehege« verlassen kann, ohne in die»Mannschaft«, ohne In ein un weiblich- soldatisch es Dasein einzutreten. Allerdings läßt sich leicht begreifen, wie der Autor zu seinem Fehlentschluß kam. Die nicht- militärische Zone wird im Dritten Reich immer kleiner. Wissenschaft, Fürsorge, Gütererzeugung— ja selbst die»schönen Künste« werden nach und nach soldatischen, kriegerischen Erwägungen unterworfen. Damit verengert sich das Gebiet weiblicher Mitarbeit von selbst, denn im Waffenhandwerk kann und will die Frau mit dem Manne nicht konkurrieren— trotz Kletterweste und braunen Mädchendrill. So werden wir es vielleicht wirklich erleben, daß im Dritten Reiche an die Stelle der Mädchenschule wieder eine Art— erweiterter—• Spinnstube tritt. Werden dann die»nationalen« Frauen mit dem Reich zufrieden sein. das ohne ihren Stimmzettel nie zustande gekommen wäre? Wir zweifeln. Um Göring Aus Anlaß des»Staatsbesuches«, den Gering am 10. Februar der Stadt Dresden anstattete, hatte man die(übrigens noch unter dem»alten System« erbaute) große Wagenhalle des Straßenbabnhofes Waltherstraße m Dresden-Friedrichstadt als Festhalle hergerichtet. Das Gros der Teilnehmer an dieser Feier in der»Halle der 24.000« bestand aus kommandierten Mannschaften der Polizei. Post, Straßenbahn, Feuerwehr usw. Als Göring das sah, fragte er den neben ihm sitzenden Oberbürgermeister Zömer verdrossen:»Was soll denn die Feuerwehr hier?« Auch für die entsprechenden Vertretungen aus den Betrieben war gesorgt worden. Und nun fragt man in Dresden, warum dl« Feier gerade in der Straßenbahnwagenhall® abgehalten worden sei. Antwort; Wegen der»A n b ä n g e r«. Ein Apparat tagt ' Die deutschen Zeltungen melden; »Vom 8. bis zum 10. Februar fand 10 Weimar die Tagung des agrarpolltl' sehen Apparates der NSDAP statt.« Anderwärts tagen Menschen, tagen Gruppen und Verbände, in Deutschland tagt ein Apparat. Er wird vor der Tagung aufgezogen, schnurrt während der Tagung 1° vorbestimmter Welse ab, und wartet nach der Tagung auf weitere Befehle. Wehe, wenn einmal der Schlüssel verloren geht— dann steht das ganze Werk still. Die Zukunft Gebrochenes Recht und gebogenes Recht, das Ist Herrenrecht und Gesetz. Was sie tun, das Ist gut, was Ihr tut, das Ist schlecht. Ein Befehl ist Befehl, Ein Befehl ist gerecht. Wie könnt ihr die Freiheit lieben— Die Wahrheit ist falsch und die Falschheit Ist wahr und das Leben Ist schwarz weißrot— braun. Was ihr sagt, das ist Lüge, was sie sagen, ist klar. Nur Schweigen ist sicher und Reden Gefahr. Wie könnt ihr die Wahrheit lieben— Jede Lüge erlöscht, jede Drohung verbrennt, in der ewig hinrollenden Zelt. Wer den Tag dann nicht liebt, wer die Sonne nicht kennt, wer den Weg dann nicht weiß, wer die Straßen nicht nennt, den wird die Zukunft nicht Ueben! Kurt Doberer. Neue Romane »Ich erzähle euch ein Märchen, das kein Märchen ist, sondern Wirklichkeit...« So beginnt der tschechische Schriftsteller Johann Petrus den Lebensroman Masaryks, jetzt in deutscher Uebersetzung von Friedrich Goldmann erschienen im Nordböhmlschen Verlag, Reicbenberg. Das Buch ist für die Jugend bestimmt, beißt»Von der Pike auf« und bringt damit den Werdegang des tschechischen Staatsgründers auf die kürzeste Formel. Von Jugend auf leuchtete über dem Haupte dieses Proletarierklndea der immer gleiche Stern: Dienst an der Wahrheit, Freiheit und Gerechtigkeit— und bestimmt unentrinnbar all die Kämpfe, In die Masaryk verwickelt wurde. Mit nachtwandlerischer Sicherbelt geht er seinen Weg, wird sich auch dort nicht untreu, wo beträchtliche Teile seiner Nation in die Irre streben und gegen ihn stehen. Die nationalen Forderungen seines Volkes waren die der Menschüch- kelt und da er ihnen während des Krieges daheim nicht mehr dienen kann, gebt er ins Exil. Als der Emigrant Masaryk einer Versammlung In Frankreich mitteilt, daß er soeben von der österreichischen Regierung wegen Landesverrats zum Tode verurteilt worden sei und die Zuhörer fragt:»Soll Ich In das Land der Barbaren zurückkehren und mich aufhängen lassen, um diesen Wilden deutlich zu zeigen, daß ich imstande bin, für meine Ideen das Leben darzubringen«,— da antwortet die ganze Versammlung mit Nein! Man darf sagen, daß erst durch Masaryks vierjähriges zähes Wirken in der Emigration die Unabhängigkeit seiner Nation durchgesetzt wurde. Nicht jeder allerdings erntet so wie er den Erfolg eines langen Kampfes noch am späten Abend seines Lebens; selten auch ist das Dasein eines Staatsmannes so gradlinig, so logisch und so ohne falsches Pathos verlaufen. Und man kann eine Nation glücklich preisen, die in den Wahnsinnsbrandungen der Gegenwart einen solchen Repräsentanten europäischer Geistigkeit und kämpferischen Vernunftdenkens an ihrer Spitze hat. Romanschriftsteller, die den Schauplatz ihrer Werke nach Asien verlegen, nach China oder Japan oder Indien, mühen sich gewöhnlich, das»Andere«, das dem Europäer Fremde zu betonen und in leuchtenden Farben zu malen. Wolf Harten, dessen Japan-Roman »Feuer im Osten« soeben im Verlag der Büchergilde erschien, geht andere Wege. Er zeigt: Osten oder Westen, Pazifik oder Atlantik, zu Füßen des Fushl-Yama oder des Montblanc— der Mensch unserer Tage ist Uberall er selbst, wird Uberall hineingerissen In den Strudel einer untergebenden Epoche, bedient sich Uberall der gleichen Mittel, um des Nebenmenschen Herr zu werden oder die Macht des Herren, der Ihn peinigt und aussaugt, zu brechen. Vielleicht prallen im Osten, im Reich des Götterberges Füshi-San, gestern und heute, heute und morgen, die Gegensätze noch härter aufeinander, vielleicht lösen sich dort die Massen noch schwerer aus der Umklammerung hergebrachter Vorurteile — aber die Herren des Reichtums der Erde bedienen sich dort wie hier der gleichen brutalen Mittel, um ihren wankenden Thron zu behaupten, um eine brüchige Wirtschaftsordnung mit den Leibern menschlicher Tragtiere zu stützen. Dort wie hier drücken sie Jungen Menschen, ihren blinden Opfern, Mordwerkzeuge in die Hand und schicken sie aus, um mißliebige Gegner hinterrücks zu Uberfallen und umzubringen. Der Mord an dem Japanischen Ministerpräsidenten Inukal— und etwa der Mord an dem deutschen Emigranten Formis, sie wurden von den gleichen Kräften angestiftet, ob auch der eine Im Land der Chrysanthemen, der andere im Herzen Mitteleuropas geschah. Mitten unter die revolutionären Student«® Tokios führt uns Hartens Buch, zu den AT* heitern in den Munitionsfabriken, die sich fil' eine Handvoll Reis die Seele aus dem Leib« werken, zu den Textilarbeiterinnen, die an«f® Maschinen geschmiedet sind, bis sie entkräftet zusammenbrechen. Viele begehren auf-* in unklarem Drang noch manche, aber doch schon ahnend, wo der Feind steht. Brüderlich fechten sie gemeinsamen Kampf. Tzu* sende aber lassen sich auch vom Rüstunä*- fleber ihres Landes anstecken, werden vo® den patriotischen Fanfarenklängen gepackt- Eine fremde Sonne steht Uber diesem Kampf' buntfarbige Kimonos der Geishas schweb«® durch die Zeilen, leuchtende Sonnenschin»*' Kirschblüten. Licht, das durch papierene Zü®* merwände fällt, dumpf zitternde Gongschleä®' blaue Wolken der Rauchopfer— aber nlch1 abseits liegt das seltsame Land, nicht 10 einem andern Jahrhundert leben seine M«®' sehen. Schläge, die sie treffen, treffen un»' und der.wankende Bau unsrer Weltordnunä wird, wenn er stürzt, auch ihre Herrscher u®'1 Herren, auch Ihre Götter und Götzendlen«r begraben. Eine Heimkehrertragödie erzählt T&f*1 C a p e k in seinem Roman»Hordub»'* (Büchcrgllde Gutenberg, deutsch von Ottfl Pick). Ein Amerlkafahror kehrt, etwas Z1" spartes in der Tasche, nach acht Jahren la sein slowakisches Dorf zurück. Aber Frau hat einen jungen Knecht genomre«11' fremd Ist ihr der Mann geworden, kein A®»' weg wird sichtbar. Das Ende ist ein mlnalfall: der Knecht hat den Bauer ermordet. FSn einfacher Stoff, aber blutvoU" Das Sdiweln von Könlgsbriidc Beliebt ist der Spendezwang für die Winterhilfe drüben nicht, das weiß jeder, die Geber so gut wie die Nehmer. NSV.— das bedeutet:»Nationalsozialistische Volkswohlfahrt«. Die Leute aber zeigen auf ein Ränd- aäen des Daumennagels und sagen:»NSV. — nicht so viel!« Sie wissen auch warum. Das Geld verschwindet immer wieder, ehe es zu denen kommen kann, für die es gegeben wird. Erst jetzt wieder sind in Dresden-Striesen fünf nationalsozialistische»Vertrauensleute«, dar- nnter der Ortsgruppenleiter, wegen Unterschlagung von Winterhilfsgeldern verhaftet worden. Ganz regelmäßig erscheinen Noti- 2611 über Verhaftungen wegen solcher Unter- Whlagungen sogar in den Zeitungen, wobei wahrscheinlich die schlimmsten Fälle verschwiegen werden, um die Leute nicht kopfscheu zu machen. Einiges aber muß man ®>geben, denn es spricht sich ja doch herum, �afür sorgen schon die»Meckerer«, und so "caß man den Anschein erwecken, als würde »durchgegriffen«. Auch Pakete werden gesammelt. Bisher wurden sie einfach Stadtteil- und straßenweise an den Wohnungstüren in Empfang ge- hemmen, ohne daß die Spender notiert wur- ten. Das hatte Genossen in einem Dresdner Stadtteil auf einen guten Gedanken gebracht. Es gab dieser und jener irgend ein eingepacktes Wäschestück oder sonst etwas als Spende her. Vorher aber hatte er illegale Literatur hineingepackt. So half die Winter- bllfe um Weihnachten herum sehr wirksam hnd eifrig das marxistische Gift verbreiten. f�ann aber ist die Sache ruchbar geworden, hhd seitdem werden bei solchen Sammlungen die Pakete gleich vor der Wohnungstür und bh Beisein des Spenders durchgesehen. Einen besonderen Spaß hat sich ein Bauer ih einem Dorfe bei Königsbrück in der dresdener Gegend geleistet. Der hundertpro- ««ntig gleichgeschaltete Dresdner Anzeiger hat den Fall berichtet, natürlich empört und als abschreckendes Beispiel. Der Bauer hatte der Wlnterhllfssamraelstelle mitgeteilt, daß er bereit sei, für die Winterhilfe ein ®chweln zu stiften. Baljl fuhr auch ein geräumiger Wagen vor dem Gehöft des ®auern vor, um das Schwein abzuholen. Der ®auer hielt Wort und brachte— ein Meer- •chwelnchen! Mit dem Erfolg, so beachtet der Anzeiger, daß der Bauer gleich dhf demselben Wagen mitgenommen und dann ins Konzentrationslager Sachsenburg gebracht wurde. Dem Bauern freilich wird d«r Spaß teuer zu stehen kommen. Aber bei alIem Mitleid mit ihm— die Lacher hat er doch auf seiner Seite. Und derer sind mehr, ala sich der Dresdner Anzeiger träumen ließ. Sonst hätte er wahrscheinlich die Geschichte deber gar nicht erzählt Manfred. kniet de* eoieu tdoe! Deutsche Spionage-Prozesse— einst und je�t! Der»Führer« hat die Berliner Aristokratinnen Benita von Berg-Falkenhayn und Renate von Natzmer durch den hochnotpeinlichen Ritus der Strafjustiz des Dritten Reiches,— also durch Handbeil, Hackklotz und Henker in weißen Handschuhen hinrichten lassen, weil sie in die Spionageaffäre des polnischen Obersten Sosnowski verwickelt waren. Der Herr Oberst Sosnowski, der Haupttäter und eigentliche Verbrechenanstifter und Nutznießer(die Frauen waren ja nur, auch wenn man ihnen das Böseste zutraut, mißbrauchte Opfer dieses»Patrioten«) hat»nur« lebenslängliches Zuchthaus erhalten. Davon wird er aber kaum mehr als ein paar Wochen verbüßen. Der Gentleman wird nach Warschau»ausgetauscht« werden. Damit ist für den Kavalier eine prickelnde Episode seines Erdenwallens mit einigem Anstand zu Ende gegangen! Seine deutschen Gretchen aus bestem Haus sind unterdessen verscharrt. Der»Gerechtigkeit«, nehmt alles nur in allem, wäre also wieder einmal Genüge getan. Ein Spionageprozeß klassischer Prägung war das! Bis auf die verschämte Geheimnistuerei, die nichts mehr scheut als das Licht und das Mitwissen des Bürgersmannes. »an der Quelle« erlebt haben, um zu wissen, bis zu welchem Grade der Schändung Paragraphen hier mißbraucht werden können. Das Ungeheuer Staatszweck labt sich hier an rituellen Sprüchlein und unter Abgesang aller Weisheit der Brahmanen... Klassenjustiz?! Wie naiv-unschuldig sind auch ihre schlimmsten Auswüchse unter irgend einem kleinen Assessor Wehrhahn gegen jenes forensische Szenarium, wo der Moloch Patriotismus und das Ungeheuer nationaler Egoismus irgend ein Menschenfutter verlangt! Da war— wir erinnern uns noch genau — kurz vor dem Krieg der Prozeß gegen einen armseligen Italienischen Gipsfigurenhändler vor dem Spionage- Senat des Reichsgerichts, der mit seinem Handkorb voll von gegossenen Amouretten und Bismarcks irgendwo an der damaligen preußisch-russischen Grenze, bei Gumbinnen, tagsüber gute Geschäfte gemacht hatte und abends in einer Kneipe, in der auch die Unteroffiziere eines in der nahen Stadt garnisonierenden Dragonerregimentes verkehlten, ein Teil dieses seines Tageserlöses Gambrinus geopfert hatte. Der Italia- no(und Bundesgenosse im seelig entschlafenen Dreibund!) war schließlich, in allgemel- Solche Prozesse, die alles mit der Staats- j ner Besoffenheit, mit an den Tisch der Hop- raison, nichts mit einer auch nur mit Gänse- 1 Uten geraten. Um Mitternacht offenbart ihm füßchen einherstolzierenden Gerechtigkeit zu auf dem Pissoir ein Unteroffizier, mit dem tun haben, hat die Welt in allen Ländern mit er gerade Brüderschaft getrunken hat, daß dem Sosnowskis sicherlich nicht den ersten er kein Geld habe, um die Zeche zu bezahlen, erlebt. Im verpreußten, militaristischen Deutschland nur, mit seiner besonderen Form gewalttätiger Staatszweckbestimmung und verkrampften Patriotismus, hatten sie freilich immer ihre ganz besondere Form. Früher war bei uns das Reichsgericht— der vierte Strafsenat— das Tribunal für diese staats- exzessale Kasuistik. Heute hat das sogenannte Volksgericht seine Rolle übernommen. Wie gesagt— es war der vierte Strafsenat des Reichsgerichts zu Leipzig, der vor dem Krieg— und noch nach ihm bis zu Hitler, obsebon er in der Republik oft nicht ganz so konnte, als er wohl immer gewollt hätte,— die Spionage roch. Die Richter in roten Talaren am breiten Tisch-Halbrund. Flatterbärte knistern Uber dicken Aktenbündel; hinter Brillengläsern tränen müde und gleichgültig Juristenaugen. Drüber hängt der Kruzifixus. Der Herr Oberreichsanwalt trommelt mit dem Bleistift den Ra- detzkymarsch auf der Sessellehne, während sein Amtagehilfe für den Staat— keine Person, sondern irgend einen in jedem Falle grausamen Begriff— plädiert. Da geht es um Tod oder Leben, um qualvoll physische und seelische Vernichtung im Sarg der Zucht- hauazelle oder um goldene Freiheit— aber die Menschen, die an der Szene beteiligt sind — die Beschuldigten ausgenommen— sind nicht viel leidenschaftlicher, wie bei einer Aufsichtsratssitzung, in der Uber die Dividenden beraten wird. Man muß Spionage-Prozesse sozusagen und er will den Händler um fünf Mark anpumpen. Aber der ist ein Geschäftsmann sozusagen, kein Krieger: Er will das Geld geben, aber nur gegen ein Pfand. Bekommt er auch; der Unteroffizier schnallt seinen Dienstrevolver ab: Morgen will er die Waffe in der Kneipe wieder abholen und das Geld mitbringen. Aber am andern morgen früh um sechs ist Schwadronsappell. Wer keinen Revolver hat, ist der Unteroffizier. Erzählt er die Geschichte nun dem Rittmeister, wie sie sich wirklich verhält, ist du halbes Jahr Dunkelkahn mindestens fällig. Ein Soldat, der seine Waffe versäuft... Die Idee rettet allein, daß ihm die Waffe von einem »verdächtigen Individuum«, das sich In sein Vertrauen eingeschlichen« hat, unter grobem Mißbrauch dieses Vertrauens abgeluxt worden ist! Der Italiener wird verhaftet. Der Armeerevolver war in seinem Besitz. Seine ganze hundertprozentige Ahnungslosigkeit, seine bedauernswerte Unbeholfenheit im Deutschen, die Versicherung, daß er doch vor allem auch»schöne Bismarcks« an die traute deutsche Familie verkaufe, hilft ihm nichts. Auch nicht, daß der Armeerevolver Irgend ein achtziger Jahrgang war und daß jedes Konversationslexikon viel bessere und modernere Waffen der gleichen Sorte in Text und Bild haargenau vorführt. Jetzt, nach einem halben Jahr Untersuchungshaft, vor dem Reichsgericht! Im Gerichtsvestibül ist die Belastungszeugenschaft angetreten; die Dragoner-Unteroffiziere im Ordonanzanzug. Der Rittmeister instruiert sie nochmals mit markiger Stimme, wie sie drinnen, bei den »Zivilisten«, auszusagen haben, damit die Ehre der Schwadron nicht leidet. Ergebnis; Acht Jahre Zuchthaus für den Italiener. Als er abgeführt wird, sieht's man ihm deutlich an: Er hat gar nicht verstanden, wie ihm geschehen. Und er wird's in den acht Jahren Zuchthaus auch nicht in einer einzigen Viertelstunde fassen! Vierzehn Tage darauf wieder der vierte Strafsenat! Wieder derselbe Vorsitzende mit dem Silberbart. Wieder ein Spionagefall— und dieses Mal ein ganz großer! Dieses Mal kam der fremde Späher geschickt von den ehrenwerten»Vettern« drüben, aus dem nebeligen London. Kein Gipsfigurenhändler! Englischer Hochadel! Hat in Indien und Südafrika gestanden als Kavalleriestabsoffizier! War mit seiner Motorjacht nach Kiel gesteuert und hatte alles von oben bis unten und von unten bis oben photographiert. Da fehlte kein Detail an allem Wichtigen: an Geschützständen, Munitionsschuppen, Mlnenabsperrvorrich- tungen im Hafen. Die Platten lagen sämtlich, ein großer Haufen, vor dem Sessel des Vorsitzenden. Der Lord leugnet auch gar nicht, meint sogar im Verlaufe der Verhandlung, noch bevor die Oeffentlichkeit im Interesse der Staatssicherheit ausgeschlossen wird: daß er sehr stolz auf das sei. was er getan habe; das sei seine vaterländische Pflicht als Engländer und er würde die Tat wiederholen, und dann mit besserem Erfolge, wenn er es könne. Nein, das war wirklich kein Gipsflgurenhänd- ler, kein verdächtiges Subjekt, sondern ein »Patriot«. Schade— aber nur von anderer Kouleur als der des Vorsitzenden. Aber grade darum weiß der auch, was sich hier gehört! Höflich sein rotes Barett lüftend beginnt er: »Good morning, Sir! How do you do?!< Es heißt zwar in der deutschen Gerichtsverfassung, die insbesondere für das höchste Gericht eigentlich Geltung hätte, daß die Gerichtssprache deutsch sei. Aber wer wird sich an solchen Kinkerlitzchen in einem Falle wie diesem stoßen?! Ergebnis hier: Fünf Jahre Ehrenhaft, abzubüßen in einer preußischen Festung. Nach einem halben Jahr begnadigt Majestät den Gentleman-Spion, wie ihn die Presse nannte. Das sind so die Spionage-Prozesse! Im Falle Sosnowski hatte Herr Hitler — übrigens auch Staatsraison, wenn auch nur die seines Dritten Reiches— wieder einmal die beste Gelegenheit, dem deutschen Lumpenproletariat zu zeigen, welch wackerer Mann er ist, der eben auch»ganz oben« zupackt... Etwa dieselbe Situation im Kleinen wie am 30. Juni; der»Führer« nutzt sie wacker und was liegt schon an dem Leben von ein paar adeliger Flippchen! Jetzt Krawuttke, Bürger des Dritten Reiches, zu Babucke, ebenfalls mit dieser Würde behaftet;»Siehste woll, der Hitler Is doch knorke; der kooft sich och die Jrossen!« Herr Hitler aber wieder tut nichts, was die Reichswehr nicht billigt... F. K. Roth. �bapp erzählt und voll dramatischer Span- �bg. Der harte Kampf des kleinen Bauern �bi sein bißchen Existenz, sein zähes lang- 'bbaes Denken und slowakisches Leben be- �banen die erdhafte Farbe des Buches. Bin Konstruktionsfehler scheint uns zu sein, daß �oser Hordubal trotz acht Jadire Amerika 5�8elbe Bauer blieb, als der er ging und seine �*u weder zur Rede stellen, noch zum Re- 'kn bringen kann. B. Br. •n neues»Konkordat« fcn Dezemberheft der»Europäischen Rc- 1®cnblatf Herausgeber: Ernst Sattler; verantwortlicher Redakteur: Wenzel Horn. Druck:»Graphia«; alle in Karlsbad. Zeitungstarif bew. m. P. D. ZI. 159,334/Vn-1933' Printed in Czecho-Slovakla. Der»Neue Vorwärts« kostet Im Elnz�" verkauf Innerhalb der CSR. Kö 1.40(für Quartal bei freier Zustellung Kö 18.—). der Einzelnummer im Ausland Kö 2.— 24.— für das Quartal) oder deren Gegenwer in der Landeswährung(die Bezugspreise»w das Quartal stehen in Klammem): Argentinien Pes. 0.30(3.60), Belgien Frs. 2.—(24.—). garien Lew 8.—(96.—), Danzig Guld. 0J. (3.60), Deutschland Mk. 0.25(3.—), Estlan» E. Kr. 0.22(2.64), Finnland Fmk. 4.— i*8', J Frankreich Frs. 1.50(18.—), Großbritannien d 4.—(Sh. 4.—), Holland Gld. 0.15(1.80). lien Lir. 1.10(13.20), Jugoslawien Din. (54.—), Lettland Lat. 0.30(3.60), U tauen WJ' 0.55(6.60), Luxemburg B. Frs. 2.—(24---'' Norwegen Kr. 0.35(4.20), Oesterreich 0.40(4.80), Palästina P. Pf. 0.018 Polen Zloty 0.50(6.—), Portugal Esc.*■ (24.—), Rumänien Lei 10.—(120.—), �5 gebiet F. Fr. 1.50(18.—). 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