ütochciürtaW \r. 92 SOXYTiG, 17. März 1935 Aus dem Inhalt: Fall Höfeid— ein Justizmord! Deutschland und Rußland Steigende Rüstung— gedrosselter Konsum Geheimnisse der Zensur Verlag; Karlsbad, Haus„Graphia*4— Preise und Bezugsbedingungen siehe Beiblatt letzte Seite UetttOsten- und m weiter? Regierungssieg im Unterhaus— Die Problematik der Labourpolitik tet Unter anderen Umständen, als erwar- worden war, wurde am 11. März im �güschen Parlament die große Debatte nber die nationale Verteidigung eröffnet. 's man diesen Termin festsetzte, nahm �nn an, daß der englische Außenminister ann von seinem Besuch in Berlin schon Zurückgekehrt sein und über den Verlauf �richten würde. Inzwischen jedoch war das Weißbuch erschienen, das me englischen Rüstungen unverhohlen mit er materiellen und moralischen Auf- �ustung des Dritten Reichs begründete, , Uer hatte seine diplomatische Krankheit 101 Halse bekommen, und Sir John Simon War abbestellt worden. Die Arbeiterpartei der oppositionelle Flügel der Liberalen �bnaen das Weißbuch— besonders wegen Seme3 Erscheinens unmittelbar vor dem �gekündigten Besuch in Berlin— zum �u'aß, an der Außenpolitik der Regierung ®aldwin-MacDonald heftige Kritik zu ü�sn. Die Ankündigung neuer hoher Ausgaben für militärische Zwecke in einer �eit, in der die wirtschaftliche Erholung erst langsam einsetzt, rief starke Auf- �gung hervor. Die Arbeiterpartei be- Sch|oß. ein Tadelsvotum einzubringen und 63 von Major Altlee begründen zu lassen. Nun hat die große Debatte am letzten ontag stattgefunden und einen Ausgang Sauommen, der bei der bekannten Kräfte- �Heilung im Hause nicht überraschen ann. Nachdem Major Attlee, Sir Stafford "PPS und— viel ruhiger auch der Li- �ale Herbert Samuel— die Regierungs- °atik angegriffen, Baldwin, Austen bamberlain, Sir John Simon sie verteidigt atten, wurde die Tadelsresolution Attlee l1 �24 gegen 79 Stimmen abgelehnt und t 412 gegen 78 eine Billigungsresolution amberlain angenommen, die besagt: >T�eu den Verpflichtungen, die das Land Sßgenüber dem Völkerbund übernommen bat, muj von jjgjjj Wunsch erfüllt, die Be- Sfenzung der Rüstungen und eine internationale Vereinbarung zu sichern, e r- 1 Hakenkreuz über Afrika Sdbaditrede für Kolonien Die Rede des deutschen Wirtschaftsdiktators Schacht auf der Leipziger Messe, die in der Forderung nach der Rückgabe der deutschen Kolonien gipfelte, war als eine Ouvertüre zu dem erwarteten und nun wieder abbestellten Besuch Sir John Simons in Berlin gedacht. Ihre Bedeutung wurde durch die Erklärung des Redners unterstrichen, daß alles, was er sage, die Billigung des Führers habe. Das ist eigentlich nichts Neues. Auf dem Speisezettel Hitlers stehen schon längst neben der Aufrüstung, der Einverleibung Oesterreichs und dem Vorstoß nach Litauen, der ersten Etappe des gigantisch ausgedachten Ostmarsches, die einstigen deutschen Kolonien Darüber hinaus aber soll das Hakenkreuz über einem alten, nie preisgegebenen Barbarossa-Traum des deutschen Kolonialimperialismus aufgehen: über einem gewaltigen zentralafrikanischen Reich, das von Ozean zu Ozean greift Schon wimmelt es in den afrikanischen Besitzungen und Protektoraten Frankreichs und Englands von Nazimissären, die zunächst einmal das Flugfeuer des Aufruhrs anfachen und hierbei im besonderen die religiösen Gegensätze, vor allem die panmohammedanische Idee mißbrauchen. Als erster Schritt soll, so grotesk es klingen mag, für die einst deutschen Gebiete Afrikas, für Kamerun, Togo, Südwest- und Ostafrika, die V o 1 k s- abstimmung gefordert werden, Man beruft sich jetzt in Berlin darauf, daß, als bekannt wurde, der Versaüler Vertrag wolle Deutschland die Kolonien absprechen, weite Kreise der europäischen Welt sich solchem Vorhaben widersetzten. An erster Stelle der jetzige engüsche Ministerpräsident Macdonald. Nun ist es zutreffend, daß Macdonald, damals noch Führer der englischen Arbeiterpartei, wiederholt sich gegen die Fortnahme der deutschen Kolonien gewandt hat. Am deutlichsten wohl auf der Internationalen Arbeiter- und Sozialistenkonferenz zu Bern, im Februar 1919. Dort sagte er, unter Berufung auf einen früheren Beschluß der Arbeiter- und Sozialistenparteien, daß die Rückgabe der deutschen Kolonien kein Hindernis für den Frieden sein dürfe. Kurze Zeit darauf, als der Mandatsgedanke zur Diskussion stand, fügte er hinzu, daß selbstverständlich auch Deutschland ein Anrecht auf Vormundschaftsmandate habe, die ihm bei seinem Eintritt in den Völkerbund nicht vorenthalten werden können. Macdonald stand mit solcher Meinung nicht allein, er befand sich in Ueberein- stimmung mit allen maßgebenden Vertretern der europäischen Arbeiterparteien. Und das eben ist dieScham- losigkeit d e r Na z i d i p 1 o m a t i e, daß Hitlerdeutschland, das die Sozialisten schändet und mordet, auf deren demokratische Gerechtigkeit spekuliert, wenn es die Krallen für einen beispiellosen Raubzug schärft. So fordert es die Zeit, klarzulegen, wie 1919, als der militarisierte Imperialismus der Sieger aufschäumte, die sozialistische Arbeiterschaft Europas es verstanden haben wollte, wenn sie sich der kolonialen Annektionspolitik der Clemenceau und Lloyd George entgegenstellte. Nicht, daß sie Deutschland für besonders geeignet und würdig hielt, koloniale Völker zu regieren, vielmehr weü sie keinen Unterschied zu sehen, noch zu machen vermochte zwischen den kolonialen Ausbeutungssystemen der kapitalistischen Imperien, einerlei welche Nationalflagge sie auch hissen. Grundsätzlich jede Kolonialpolitik der Herrenländer ablehnend, Wollte die sozialistische Internationale nie- m andern ein Privileg der mehr oder weniger verbrämten Sklaverei zubilligen. Vielleicht mag ein wenig auch die Erwägung mitgesprochen haben, daß der jungen deutschen Republik nicht verweigert werden könne, was die kapitalistischen Kolonialstaaten für sich als selbstverständlich be- snspruchten. Kein Zweifel kann darüber bestehen, daß alles, was damals auf den mannigfachen Konferenzen der Arbeiterparteien und in deren Äesse zugunsten deutschen Kolonialbesitzes geäußert worden ist, einerseits die ausbeuterische Tendenz jeder kapitalistischen Kolonialpolitik kennzeichnete, andererseits die Wirtschaft des neuen deutschen Volksstaates, zu dem ein gewisses Vertrauen bestand, nicht schlechter als die der übrigen Länder stellen wollte. Hierfür lassen sich beliebig viel Beweise geben. So heißt es In der Amsterdamer Resolution vom April 1919!»Die Internationale Konferenz verurteüt die Unterdrük- kung aller Völker, sie verwirft die Idee, daß diese Völker als ESgentum irgendwelcher Staaten angesehen und zugunsten seiner egoistischen Interessen verwaltet werden. Die Konferenz erhebt Protest gegen eine Politik, die Deutschland seiner Kolonien berauben will, und betrachtet diese ihre Haltung im Einklang stehend mit den sozialistischen Prinzipien, die allen Völkern die gleichen Rechte zugestehen.« Und die Resolution der internationalen Konferenz von Luzern fordert: »Da jedoch das Kolonialsystem aufrecht erhalten bleibt, hätte der Friedensvertrag Deutschland die Kolonien nicht wegnehmen sollen.« Was beweisen diese Zitate? Sie beweisen, daß es in einer Zeit tiefster Not des deutschen Volkes eine Stelle gegeben hat, die für die Gleichberechtigung Deutschlands eintrat. Das war die von Hitler in irrsinniger Wut geschmähte Sozialistische Arbeiterinternationale! Auf sie sich zu berufen, hat er kein Recht Denn das Deutschland, dessen Ansprüche bei der Sozialistischen Arbeiter- internationale Verständnis fanden, das Deutschland der Freiheit, des Friedens, der sozialen Kultur besteht zur Zeit nicht mehr. Daß aber die imperialistischen Mächte stärkere Neigung zeigen werden, die hitlerdeutschen Kolonialwünsche zu erfüllen, ist zum mindesten sehr unwahrscheinlich. Die imperialistischen Mächte kennen die irrsinnigen Afrikapläne der Nazis und werden schwerlich bereit sein, ihnen Vorschub zu leisten. Schachts Kolonialrede auf der Leipziger Messe, unmittelbar vor— damals noch erwarteten— de�n Eintreffen des englischen Unterhändlers in Berlin war eine der landesüblichen diplomatischen Plumpheiten. Das reglerende Alldeutschtum steckt alles in die Tasche: Rußland und Afrika nebst allen umliegenden Ortschaften. Aber freilich tut es das bloß mit dem Maul und erreicht weiter nichts, als daß sich die ganze Welt zur Abwehr zusammenschließt Btttune tkäUessmnästtiaft Wir erhalten aus Berlin folgende Zuschrift: Die bevorstehende Hochzeit des preußischen Ministerpräsidenten, Chefs der geheimen Staatspolizei, Reichsoberjägermeisters, Luftfahrtministers, Fliegergenerals Hermann G ö- r i n g mit der Schauspielerin Eva Sonnemann erregt hier allgemeine Neugier. Vor allem in den Kollegenkreisen der Braut wird viel herumgerätselt Man fragt sich z. B., in welcher Tracht Karins Witwer wohl bei seiner zweiten Hochzelt erscheinen wird. Neue Uniform, rechte Hälfte schwarz, linke Hälfte weiß, teils Gedenk-, teils Freudenkleid? Gewandung eines mittelalterlichen Minnesängers? Manche tippen auf Lotsenanzug, weil er die Eva erst von Weimar ans Berliner Schauspielhaus und in den Hafen der Ehe gelotst hat(nachdem die Aussteuer zehnfach verdient ist). Andere wollen wissen, daß eine mehrfache Umkleidung bevorsteht und daß sämtliche Theater ihre Kleiderkammem zur Verfügung gestellt haben. Rasse-Standesamt; Bärenfell mit Speer, Brautzug: Lohengrin- rüstung, Kirche: Büßergewand Heinrichs IV., Festmahl: Tracht eines Oberküchenmeisters, Hochzeitsreise: je nach dem Fahrzeug— Stationsvorsteher, Rennfahrer, Deckeffizier und Stratosphärengeneral. Die Phantasievollsten versteigen sich zu noch kühneren Behauptungen, sie faseln etwas von schlichtem Zivil. Diese unsinnige Verdächtigung soll aber bereits dementiert worden sein, auf ihre Verbreitung steht Konzentrationslager. Noch eine zweite pikante Seite hat die Der Streit um den Vortritt Brunhild-Emmi und Kriemhild-Magda Angelegenheit: bis jetzt war Frau Magda G ö b b e 1 s unbestrittene Reichsdirektrice. Jetzt taucht plötzlich eine neue Anwärterin auf, und wenn sich schon die beiden Männer stündlich Pest und Verderbnis an den Hals wünschen, wenn schon sie sich mehr Knüppel zwischen die Beine werfen als der deutsche Wald liefern kann— wie wird es erst mit den Weibern werden, so fragt man sich. Wieder sind es Eva Sonnemanns Kollegen, die einen Streit an der Kirchentür, treu nach Hebbels»gehörntem Siegfried« prophezeien. Ganze Textvorlagen werden hinter den Kulissen geflüstert. Hier eine davon.(Was nicht von Hebbel stammt, ist eingeklammert): K r i e m h 1 1 d: Wie redest du! Mein edler Gatte ist nur viel zu mild, sonst hätt er seinen Degen schon längst zu einem Szepter umgeschmiedet und über die ganze Erde ausgestreckt. (Was ist denn deiner? Er nimmt Morphium, säuft.) Brunhild:(Und deiner?) Ein Vasall! (Ein Klumpfuß, erbuntüchtig wie nur einer. Er fiel im Juni eben noch zur richt'gen Seite und zog die Tarnkapp über sein Gehirn, sonst wär er zu Röhms Vätern längst versammelt.) K r i e m h i 1 d: Sei stolz und frech, ich bin aus Mitleid stumm(Brandstifter hat man einst in schwere Ketten geschlossen und am Markt gepeitscht). Brunhild: Legt sie in Ketten! Bindet sie! Sie rast! Und so weiter. Die Frage ist nur, wer wird wen ausstechen, wer wem unterliegen? Der Führer soll die Magda mehr schätzen als die Eva, und so kann es leicht geschehen, daß Frau Göbbels den Hoheitsvogel abschießt. Beneidet wird die künftige Reichsjägermeisterin jedenfalls von keinem— nicht einmal von ihren ehemaligen Kolleginnen. Den Professoren überläßt man es, darüber nachzudenken, ob hochgradige Morphinisten erbgesunden Nachwuchs zeugen können. Dagegen werden beute schon Wetten abgeschlossen, wer zur Hochzeit erscheinen, wer nur ein Telegramm und wer Uberhaupt nichts senden wird. Nur einer Sache ist man sicher— und wenn von dieser Seite des Hermann-Sonnemann-Bundes die Rede ist. hören alle Witze auf, werden die Gesichter ernst—: der Skandal, der im zweiten Reich unweigerlich fällig gewesen wäre, wird unterdrückt werden. Man stelle sich vor, welches Geschrei in nationalsozialistischen Kreisen und Blättern ausgebrochen wäre, wenn ein auf vorgeschobenen Posten stehender Staatsmann der deutschen Republik die ihm anvertraute Macht dazu mißbraucht hätte, seine schauspielernde Freundin von einer kleineren Bühne wegzuholen und sie mit einer Rieeengage an das Berliner Staatstheater zu engagieren. Oeffentllche Versammlungen gegen das »Schandsystem«, gegen die»ungeheuerliche Korruption und Mätreasenwirtschaft der ver- judeten Bonzen und Schieber« wären einberufen worden, alle Zeitungen wären der Entrüstung voll gewesen, das ganze Land hätte gedröhnt. Und die Schreier hätten sogar ausnahmsweise Punkt für Punkt recht gehabt, denn Mätressenwirtschaft nennt man so etwas. Nun— im zweiten Reich hat es ähn- 44 De* liet untoi Hku,.. 44 Ein katholischer anti-nazistischer Hirtenbrief Ton besonderer Schärfe Der katholische Bischof von Danzig-, Eduard, hat jetzt einen Hirtenbrief feierlich von allen ihm unterstellten Kanzein verlesen lassen, der selbst In dem von Ungewöhnllch- keiten strotzenden relchsdeutschen Kulturkampf zweiter Auflage ein Dokument darstellt, das verdientes Aufsehen erregt. Sowohl die Verhältnisse, unter denen dieses Hirtenwort zustande gebracht worden ist, sind außergewöhnlich wie auch seine Form und Sprache enthalten Invektlven von einer so besonderen Deutlichkeit, daß man vielleicbt von einem Vorboten kommender, auf offenen Kampf eingestellter Dinge im Verhältnis Ro m— D r 1 1 1 e s Reich sprechen kann. Ungewöhnlich ist der Hirtenbrief des Bischofs Eduard wegen der Gelegenheit, unter der er herausgegeben wurde. In Danzig bereitet sich zur Zelt ein neuer Wahlkampf vor. Das Zentrum hält in der Freistadt seinen eigenen Partei-Anspruch gegenüber dem To- taUtätaprlnzlp der Naüonalaozlaliatcn aufrecht, sich als eigene Vertretung der politischen Interessen der Katholiken zu erhalten — ähnlich wie die Sozialdemokratie, die auch auf die Abdankungswünsche der braunen Terroristen mit lebhafter, freilich von den augenblicklichen Machthabem trotz eines Hohen Völkerbundskommlssars mit Polizeischikane und SA-Terror bedrohten eignen Agitation unter der Arbeiterbevölkerung antwortet. Zu dem— der Danziger Bischof Eduard hat unmittelbar vor Erlaß seines Hirtenbriefes eine Audienz beim Papst i n R o m gehabt. Er würde seinem Bischofswort sicherlich eine andere Form gegeben haben, wenn er nicht aus seinen unmittelbaren Erfahrungen im Vatikan wissen dürfte, daß die höchste kirchliche Stelle ihn in der Angriffsbereitachaft auf das ganze System innerlich stützt, In Form und Inhalt ist der Hirtenbrief deshalb ungewöhnlich und sehr unterschiedlich von manchen Dokumenten des hohen katholischen Klerus im Hitlerreich selbst, die eine viel diplomatischere Sprache anzuwenden belieben, als in ihm die nationalsozialistische Partei direkt apo- stropiert und genannt wird, während sich bisher der Kampf der innerdeutschen katholischen Bischöfe auf die»Neu-Hei- den«, die> Deutschem oder»Nordische Glaubens bewegung* beschränken wollte, die zwar ohne Zweifel Formationsgebilde des Nationalsozialismus darstellen, aber doch auch formal nicht gerade identisch sind mit der Partei als solcher; dadurch blieb sowohl für die Nazis die Möglichkeit, stets offen diesen Teil ihrer Schlachtordnung preiszugeben, wenn es so opportun erschien, und andererseits konnte den Kritikern im christlich-katholischen Dar ger nicht viel passieren, da sie sich ja nlcHt am Allerhelligsten der Partei selbst vergriffen. Diese Unterscheidungspraxis, die sich allmählich aus der beiderseitigen Diplomatie und Taktik beider miteinander ringender Machtkomplexe herausgebildet hat, verwirft der Danziger Hirtenbrief ziemlich brüsk. Man muß es schon auf die NatlonalsozlaUsüsche Partei direkt beziehen, wenn es darin beißt; »Und all die Lästerungen und alle diese Angriffe und alle diese Lügen werden durch eine machtvolle Organisation, in Büchern, Zeltungen und Schulungskursen in Mllllo- aien von Köpfen bis ins letzte Dorf und Haus getragen. Wohl wird immer versichert, daß der Aufbau auf dem Boden des positiven Christentums errichtet werden soll. Aber« warum, wenn es ernst damit ist, trage ich, läßt man solche antichristliche Machenschaften gewähren, ja sie von Parteigenossen fördern? Es ist deutlich zu erkennen, daß hier der Angriff aus der Deckung In der Kirche eines Gebietes, das dem braunen Machtanspruch aus internationalen Bindungen heraus noch nicht ganz unterliegt— für Eduard liegen also die Dinge etwas anders und günstiger als etwa für Schulte oder Faulbaber— sich unmittelbar die nationalsozialistische Partei als Ziel aussucht. Auf die bloßen»Neu-Heiden< als Organisation treffen die blachöfUcben Charakterisierungen ja auch gar nicht zu. Aber die Danziger Eminenz wird noch viel deutlicher und robuster, wo sie sogar die Sprache des Apostels selbst zitiert, um Hitlers geistige und politische Stellung in der Welt ganz allgemeingültig in die moralisch vernichtende Betrachtungsweise des Diener Gottes einzu beziehen. Der Hirtenbrief zitiert nämlich das berühmte Wort aus der Heiligen Schrift: »Ihm(dem Tier) ward Macht verliehen über alle Geschlechter, Sprachen und Völker und die ganze Welt sah dem Tier verwundert nach...« Vielleicht, wenn die Ketzerei erlaubt sein sollte, kann dieses kühne prophetische Wort der Apokalypse als Initiale bei künftigen Abrüstungsverhandlungen zwischen deutschen und anderen Diplomaten Uberhaupt dienen—?, üches, bat es entfernt Vergleichbares niemals gegeben. Aber im Dritten Reiche gibt es das, und kein deutscher Hahn wagt zu krähen. Was bisher nur Gerücht war——— ein Gerücht, dessen Verbreitung unweigerlich Konzentrationslager nach sich zog — hat sich bestätigt: Eva Sonnemann, von Hermann Göring nach Berlin berufen und aus den Taschen der deutschen Steuerzahler überreich dotiert, war schon zur Zelt ihrer Beförderung die Freundin des hoben Gönners. Die Untertanen des Dritten Reiches sind starke Stücke, sind riesige Korruptions- und schamlose Protektionsskandale gewöhnt— aber die Bestätigung des längst von Ohr zu Ohr getuscbelten, von den Hakenkreuztreuen bisher nicht geglaubten Göring- Sonnemann- Fallea hat doch hörbar eingeschlagen. Denn so sichtbar ist der Geist, ist der Geschäftsgeist des Führerklüngels selten ans Licht getreten. Hier zieht auch nicht das altbewährte Schlummerlied:»Der Führer weiß es nicht, der Führer will es nicht.« Der Führer weiß das— wie jeder im Lande es weiß—, die Korruption bat sich vor seinen Augen vollzogen, und er ist nicht dagegen eingeschritten, bat sie geduldet und gebilligt. Göring» Hochzeit, so sagt man, schadet dem braunen Führestabe und seinem Anseihen mehr, als tausend Feuerwerke und Rundfunkreden nützen können. Es wird gespart Die»Soziale Praxis«, Heft 9, 1935, bringt einen Auszug aus dem Gutachten des deutschen Sparkommissars Dr. Saemlsch. Darin heißt es; ... Der Reichssparkommissar hat auch z. B. im Mannheimer Gutachten gegen die Fortführung der Beratungsstellen für Schwangere. Säuglinge und Kleinkinder nichts einzuwenden, meint jedoch, daß des Guten etwas zuviel getan wird. Aehnllch stellt er sich zur Schulgesundheitspflege der Stadt Mannheim. Sie habe ihr eine UberdurchschnlttUche Förderung ■ngedeihen lassen und müsse sich nun auf einen gewissen Abbau einrichten. Die Untersuchungen in den Volksschulen könnten vermindert und die schulärztliche Tätigkeit in den höheren Lehranstalten auf Schul Sprechstunden beschränkt werden. Die Kindererbolungsfürsorge kann nach Dr. Saemlsch in Mannheim, wo sie von einer Arbeitsgemeinschaft mit starker städtischer Beteiligung betrieben wird, ebenfalls eingeschränkt werden, wenigstens was die Entsenderfürsorge anlange. Die Entsendung ganz einzustellen, kann man wahrscheinlich bei der großen Arbeitslosigkeit in Mannhelm nicht verantworten. Wenn Saemlsch»wahrscheinlich nicht« sagt, meint er»wahrscheinlich doch«, denn dafür ist er Sparkommissar. Dagegen bekommt»die hallesche Stadtverwaltung ein besonderes Lob, weil sie das Aufgabengebiet Ihres Gesundheitsamtes auf die Rasse- Gesundbeltspflege ausgedehnt bat.« Denn für Rassewahn und»Wehrhafügkeit« ist nach wie vor genug Geld vorhanden, fließen nach wie vor die staatlichen Zuwendungen in Strömen. Wie allerdings die»Rasse« gedeihen soll, wenn das Volk verelendet, danach fragt niemand. Die städtischen Krankenhäuser möchte Saemlsob am liebsten ganz beseitigen, weil sie angeblich»teurer« arbeiten. Er emnfiehlt, lieber den Bau privater Anstalten zu subventionieren(damit die Aufnahme unbemittelter Kranker mehr als Wohltätigkeltsveranstal- tung frisiert werden kann). »Die Betten eines vollwertigen Krankenhauses dürften unbedingt nur vor Akut- und Schwerkranken belegt sein, chronisch Kranke gehörten in billigere Sonderanstalten. Auch die Hauskrankenpflege sei zu fördern. Die Abkürzung der Verpflegungsdauer sei das Entscheidende. Sie lasse sich bei den Krankenkassen- und Fürsorgepatienten durch befristete Einweisung erreichen.« Vor allem sind den Herren die freien Schwesternschaften ein Dom im Auge. Hier verlangen Ja Menschen für ihre aufreibende Arbeit angemessene Bezahlung. Das muß geändert werden: »Oberbürgermeister Dr. Goerdeler hat in seiner Beschreibung des Mannheimer Gutachtens den Schluß gezogen, daß die Städte bei der Berufung ihres Pflegepersonals zu den bewährten Einrichtungen zurückfinden müßten, die dem Gedanken des Aufgebens im Dienste der Nächstenliebe entsprungen wären... Das Personal, namentlich das Wirtschaftspersonal, wird vielfach noch verringert und der Aufwand für Pflege- und Wirtschaftspersonal herabgesetzt werden können.« Deutlicher ist es noch niemals zugestanden worden; für soziale Zwecke ist im Dritten Reich kein Geld da. Wir sehen ein Ereignis wiederkehren, daß sich vor mehr als hundert Jahren schon einmal vollzog: als man in der Frühzeit des Kapitalismus Rekruten ausheben wollte, zeigte es sich, daß ein beträchtlicher Teil der proletarischen Jugend zum Militärdienst untauglich war: schwach, krank, körperlich zurückgeblieben. Damals, als sich der Militärs taat In seinem Lebensnerv getroffen fühlte, wurde das erste Sozialgesetz erlassen— man verbot 14- und löstündige Arbeitszeiten für Kinder und Frauen. Wenn Saemischs Vorschläge durchgeführt und noch einige Zeit dahingegangen ist, wird eines Tages im Dritten Reiche etwas Aehn- llches eintreten; es wird an»erbgeeundem«, d. h. waffentüch tigern Nachwuchs mangeln. Da dann die empfindlichste Stelle des Dritten Reiches verletzt Ist, wird man sich viel- lecht besinnen, wird einlenken wollen und wird finden, daß zehnfache Aufwendungen nötig sind, um annähernd wieder gutzumachen, was heute versäumt wir dl Der Uebep-MStürmer" In der letzten Nummer der unter Förderung des Reichspropagandaministerium» erscheinenden Zeltschrift»Der Judenkenner«, liest man; »Geile Judengier nach deutschen Frauen« »Schweinlache Rassenmoral« »Geschändete Erzieherinnen« »Vergewaltigung mit dem Revolver« »Judenweiber sielen sich auf Butter- klössen« »Der Judenfinger« »Die geheime Judenhand« Göbbels kann stolz sein— er hat selbst den Streicher geschlagen! Ein alter Bekannter Im Herbst war Kurt aus dem KZ. entlassen worden. Nim saß er vor uns, einen Zug stummer Verbissenheit im Gesicht, und erzählte. »Und dann, wißt ihr, wen ich dann noch im Lager traf? Auch ein alter Bekannter, aber einer von den Lagerbonzen. Ihr kennt Ihn auch, eine Type von 1918. Er wollte damals durchaus in den Soldatenrat.... Sozusagen seinetwegen kriegte ich im KZ. ein paar mit dem Gummiknüppel. Der alte Bekannte mußte uns ab und zu bimsen, Exerzieren beibringen, am Spaten Griffe kloppen, wie anno dazumal.« Als ich den Kerl das erste Mal sab, habe ich gegrübelt und gegrübelt: Wo bist du dem begegnet, diesem Menschen mit dem starr zurückgelegten Kopf, mit der gemacht strammen Haltung, mit der fordert schneidigen Stimme... Aber sowie man ins Nachdenken kommt, gibt» den Stoß In die Sedte und du hörst die SA-Wache schnauzen:»Hier wird nicht geschlafen!« Und dann schaufelt man weiter, rings herum nicht» wie das Gewürge der Spaten, Hacken, Schippen, und in den Handtellern wachsen die Wasserblasen. Nachmittags: Antreten zum Exerzieren. Kehrtwendungen, Marschieren, Laufschritt und dann im nassen Dreck auf und nieder, bis ein paar erschöpft umsinken. Zum Schluß erscheint der Herr Oberleutnant, beinahe stellvertretender Lagerkommandant, nimmt den Parademarsch ab, wir können kaum noch gerade stehen, dann kommt die Rede, keiner hört drauf, bloß ein paar Brocken prasseln aus ii* Ohr:».... Moralische Erneuerung... großer Führer.... der Marxismus hat seit jeher das Vaterland verraten... die Sozialdemokratie ist schuld am Zusammenbruch « von 1918.... Schützengrabengemeinschaft ... Hell Hitler! Wegtreten!« Schützengrabengemeinschaft, höre ich, und da fiel der Groschen. Natürlich, 12. Infanterieregiment, Oberleutnant Müller. 1917 hielt er uns draußen andere Reden. Da waren wir die Retter des Vaterlandes, nie dürften unsere Opfer wieder vergessen werden. Jeder von uns sei Ehrenbürger Deutschlands geworden... Da waren wir in Zeitungsartikeln die stolzen Krieger, die Helden, die Ueber- menschliches und Unvergeßliches leisteten... Und dann war das dicke Ende da, der Zusammenbruch, wir wankten ja schon wie die Leiclftn umher. Der November kam, Soldatenräte wurden gewählt und Oberleutnant Müller wurde mit uns sehr volkstümlich, er hätte zu gern in unserem A.- und S.-Rat gesessen. Besinnt ihr euch nicht mehr auf den mit dem roten Gesicht, der sich in der Kaserne wählen ließ und vom A.- und S.-Rat abgelehnt wurde?---- Jawohl, wir besannen uns. Dieser Oberleutnant war ja nur einer unter vielen Offizieren, die uns damals um den Bart krochen. Sie alle boten der Demokratie beflissen ihre Dienste an. Da kam der General von B. und bat, ihn nicht zu pensionieren. Seine Familie sei arm, seine Töchter besäßen nicht einmal Heiratsgut und sozial habe er immer gedacht. Majore und Hauptleute rannten uns die Türen ein, bewarben sich um Offizierastellen bei der roten Sicherheitswehr und versicherten uns: Wenn sie bisher monarchistisch gewesen seien, so hätten sie doch viel umgelernt. Da wurden wir von den Offizieren in die Kasernen gebeten, weil»Spartakus« unter den Soldaten umginge. Da lauschten die Herren zustimmend unseren Worten, mit denen wir die soziale Demokratie als einzige Rettung Deutschlands verfochten. Da baten sie uns nach Jeder Kasemenrede ins Offizierskasino, wir lehnten ab, aber sie fanden den Weg zu unseren Büros, um uns ihre Schmerzen zu klagen. Ach, sie alle standen mit ihrem Ehrenwort zur neuen Ordnung und zur Demokratie und konnten nicht genug betonen, welch großes Verdienst sich die Sozialdemokratie ums Vaterland erworben habe. Kaum retten konnten wir uns vor Komplimenten, Bitten und Loyalitätsscbwüren. Damals begann unser großes Staunen über die Elastizität mancher Offiziersehrenwörter. Oberleutnant Müller war nur einer unter vielen und mit ihm rollt der KZ.-Film weiter. Sobald unser Genoase) den Mann erkannt hatte, verdoppelte sich der Grimm. Alles in ihm rebelliert, er kommt den Kommandos der braunen Schinder nur unwillig nach. Der GummiknUppel wird auf ihn losgelassen... Kurt spie aus und erzählte weiter: »Mit verbundenem Kopfe liege ich im Lazarett und brenne drauf dem braunen Häuptling einiges von früher zu erzählen. Ein bißchen Fieber war auch dabei. Ich höre, wie die Kameraden draußen im Hofe reihum gehen. Da erscheint er mit einem Male im Türrahmen. Will inspizieren oder sowas. Ein Stück vor meinem Bett bleibt der»alte Kamerad« stehen und schnarrt:»Jetzt werden sie wohl endlich ein bißchen Disziplin fassen, wie? Wir sind hier nicht zum Spaß da! Hier herrscht nationale Ordnung; Marxismus wird auagerottet---.« Da habe ich mich im Bett ein bißchen empor geschoben und ihn mal Ins Auge gefaßt;»Herr Oberleutnant, wir sind alte Bekannte. Erinnern sie sich? 1917. Inf.-Reg. Nr- 12... Wir waren damals die Helden, denen nie genug gedankt werden könne... Und dann, im November 1918, da waren wir wieder die Retter...« Ihm ging das Maul nicht ganz zu,»ein» Augen wurden kleiner und kleiner, das Genick schien ein bißchen lockerer, dann riß er sich wieder hoch:»Interessiert mich nicht in» Geringsten, ob sie mich kennen, verstanden? Wenn sie sich hier mausig machen, sind sl« ein erledigter Mann!«— Und hinaus war«r, wie weggekehrt. Er ist dann nicht mehr lange in unsere® Lager gewesen und wenn ich ihn sah. sohle» es immer, als wäre sein Genick ein Quentchen bewegücher geworden... Ja, das w»r also die ewige Schützengrabengemelnschaft und wie viele mag es beute unter den braun«» Schindern geben, die uns im Felde ewig* Dankbarkeit und in den Zeiten nach dem November ewige Treue verhießen!« M. B- Dank an Napoleon III. Hätte er wie Hitler gehandelt.... Auf der Jahresauasteilung des Pari»®'' »Salon« von 1803 ereignete sich ein peinlich»'' Skandal: Napoleon III. war zur Eröffnuoß erschienen. Von einem Bild wandte sich d»' Monarch ab und verließ den Saal, worin"» hing, nachdem er seiner Entrüstung über UnaitUichkeit des Gemäldes Ausdruck gög» ben. Sein Hofstaat, mit dessen SlttenstreBß* es in der Praxis wirklich nicht weit her wsf» dib foU tiSidd-£4H I bewegt«, sprang er auf und schlug sie halb tot. Außerdem entzog er ihr gelegentlich die Nahrung und schloß sie ein, um sie zu hindern, auszugehen und sich Essen zu kaufen. Nach der Geburt zweier Mädchen ging es erst recht so weiter, denn sie wurden ähnlicher Zucht, in die anscheinend auch Unzucht hineinspielte, unterworfen. Es hagelte bei Jeder Gelegenheit Prügel, und auch die Arrest- und Gefängnisstrafen kamen in Anwendung. Aber die Furcht, in der sie aufwuchsen, hinderte die Kinder gegen ihren Vater Klage zu führen, und auch die Mutter wagte es nicht. Während der gemeinsamen Spaziergänge befehligte Höfeid die Familie, kommandierte von Zeit zu Zeit: Halt! und Rieht" euch! Wehe, wenn es nicht klappte! Sofort wurde Kehrt gemacht, heimmarschiert, und zu Hause ging ein Gewitter von militärischen Strafen über die»Verbrecher« nieder. Hildegard insbesondere mußte sich wegen geringfügiger Vergehen ganz entkleiden und niederknien. und wurde dann mit einer Peitsche so lange geschlagen, bis sie bewußtlos liegen blieb. Und eines Tages erklärte der Vater:»Für Hilde ist es jetzt Zelt, aus dem Leben zu gehnc,, zwang sie, einen Abschiedsbrief zu schreiben, damit der Seibetmord offenbar würde, und führte sie zur Mainbrücke, von der sie in den Fluß springen mußte! Gegen diesen Mann und seine Ehefrau warf das Gericht je fünfzehn Jahre Zuchthaus aus. Und ist das etwa kein schmählicher Justizmord? Wieso Zuchthau«? Und wieso überhaupt Strafe? Besäße Höfeid klassische Bildung, durfte er seinen Richtern zurufen:»Statt das ihr mir den Giftbecher reicht, müßte ich auf dem Prytanedon gespeist werden«. Denn niemand hat besser als dieser strammstehende und andere zum Strammstehn zwingende Untertan des»Dritten Reichs« begriffen, daß die Substanz der Hakenkreuz-Herrschaft au« dem Herrenwahn verrückt gewordener Kleinbürger, aus Sadismus und Kommiß- Ungeist schauerlich gemischt ist. Da ist da« »FUhrerprinrip« bis in seine letzten Konsequenzen getrieben: Hitler im Staat. Höfeid im Hause! Da ist der Begriff der familienväterlichen Autorität, wie sie das Nazi-Idol, Friedrich Wilhelm I. von Preußen, praktizierte; tyrannisch, despotisch und barbarisch zuschlagend! Daist die Mllitarislening des weiblichen Nachwuchses, wie sie der BDM betreibt! Da ist die»Ertüchtigung« zu»heldischer« Gesinnung, die in den gemeinsamen Ausmärschen wie den Mißhandlungen zum Ausdruck kommt! Da sind die Foltermethoden, wie sie in den Konzentrationslagern zur höheren Ehre Braun-Deutschlands an wehrlosen Gefangenen angewendet werden! Da ist die Anmaßung des Richte ramtee über Tod und Leben: Hitler am 30. Juni gegen einige hundert Mißliebige. Höfeid am 5. Dezember gegen die eigene Tochter! Und da ist endlich die feige Maskierung eine« kaltblütigen Mordes als Selbstmord, für die das Vorbild gledch- fails aus den Marterkamm em de«»Dritten Reiches« stammt! Wahrlich, nur Rieht«- von verwerflicher »liberalistischer« Gesinnung, die allerdings in der»Judenstadt« Frankfurt a. M. nicht auffallen, konnten diesen Wackeren für so»artrechtes Handeln« ins Zuchthaus schicken, statt ihn unter Absingung de« Horst-Wessel- Lied ee zum Ehren-Nazi ä la auite des»Columbia-Hauses« auszurufen. Aber der edle»Führer«, der auch die vertierten Mörder von Po- tempa aus Kerker und Banden befreit und als »Kameraden« an seine Brust gedrückt hat, wird wissen, was er im Fall Höfeid zu tun hat. Marabu. Kain and Abel In arisch Der böse Bruder Schückelgruber. Es ist bekannt, daß Adolf Hitler ursprünglich Adolf Schückelgruber geheißen hat. Ee hängt das mit der doppelten Verehelichung seiner Mutter zusammen. In die Geschichte als unsterblich war bisher(auf seine Weise) nur der erstere Name eingegangen. Aber dem letzteren mit dem etwas gemütlicheren Klang ist jetzt dasselbe gewährt worden! Herr Adolf Kitler hat nämlich als»Führer und Rdchskanzler« kürzlich dem ehemaligen Kommandanten der Saarpolizei, dem englischen Major Henneasy, die schwere Menge vorgejammert, wie Oesterreich, seine Heimat, so rachsüchtig sei, daß man dort seine sämtlichen Verwandten im Kerker des faschistischen Staates schmachten ließe. Das hat nun den gewaltigen Zorn des derzeitigen Wiener Regierungsblattes, der frommen»Reichspost«, «regt. Sie hat in Sachen der Verwandtschaft Hitlers die Polizeiakten des Herrn Fey bemüht und so— mit amtlicher Unbezweifel- barkeit— festgestellt: Gewiß habe ein echter Vetter des deutschen Herrn»Führers und Reichskanzlers«. ein Mann namens Anton Schmied, kürzlich wegen verbotenen Waffenbesitzes eine Arrests träfe von sechs Wochen zudiktiert erhalten. Dahingegen sei»einer der nächsten Verwandten Adolf Hitlers«, Herr Johann Schückelgruber,»aktiv an der Niederwerfung des nationalsozialistischen Futsches vom 25. Juli beteiligt« gewesen... Johann Schückelgruber, das ist der leibhaftige Bruder Adolfs, nur, daß er den nicht ganz so romantischen Namen noch seines Erzeugers trägt. Brüder pflegen sich mit einander auszukennen. Johann wird also gewußt haben, warum er sich so tatkräftig und lobenswert gegen Jede Hitlerel zur Wehr gesetzt hat Und so registriert der Chronist wieder einmal; Es geht mit dem Ruhm des deutschen»Führers« ähnlich wie mit dem Wert einer Vorstellung im Kientopp. den der Osaf ja so liebt— man darf sich nicht zu nahe heransetzen! Die vaierlandslosen Gesellen Wir lesen in denn berühmten Werk des großen liberalen Schweizer Kulturhistorikers Jakob Burckhardt»Die Kultur der Renaissance In Italien«: »Vollends aber hat die Verbannung, die etwas so Häufiges war, daß man förmlich zwei Klassen der Bewohner, die augenblicklich in der Stadt Weilenden und die zeltwellig Verbannten, unterschied, die Eigenschaft, daß sie den Menschen entweder suf reibt oder auf das Höchste ausbildet. Petrarca betrachtet die Verbannung geradezu als eine Ehre... Der Kosmopollüs- mus, der sich In den geistvollsten Verbannten entwickelt, Ist eine höchste Stufe des Individualismus. Dante findet eine neue Heimat. in der BUdung und Sprache Italiens, geht aber doch auch darüber hinaus mit den Worten:»Meine Heimat Ist die Welt Uberhaupt!«— Und als man Ihm die Rückkehr nach Florenz unter unwürdigen Bedingungen anbot, achrieb er zurück:»Kann Ich nicht das Licht der Sonne und der Gestirne Uberall schauen? Nicht den edelsten Wahrheiten überall nachsinnen, ohne deshalb Vor dem Schwurgericht in Frankfurt a. M. lief während einer ganzen Woche ein Prozeß gegen den früheren Eisenbahnrangierer Wilhelm Höfeid und seine Frau Min«, beide angeklagt, ihre vierzehnjährige Tochter Hildegard nach unmenschlichen Mißhandlungen zum Seibetmord gezwungen zu haben; nur durch einen glücklichen Zufall wurde das Mädchen den eisigen Fluten des Mains entrissen, in die das Machtgebot ihres Vaters sie zu springen hieß. Zur Verhandlung erschien der Angeklagte in einer alten Militäruniform, stand In strammer Haltung vor seinen Richtern und antwortete auf die Fragen In schneidigem, um nicht zu sagen in zackigem Ton. Die Vernehmung ergab, daß er in jungen Jahren von einer vermögenden Engländerin als Gigolo ausgehalten worden war und später wegen Ubier Geschichten aus dem Eisenbahndienst ausscheiden mußte. Witwer geworden, heiratete er 1017 die jetzige Frau. Die»Bilder aus dem deutschen Familienleben«, die sich dann entrollten, übertreffen bei weitem alles, was der grausame Stift eines Th. Th. Heine aufs Papier geworfen hat. Das Leben in der Ehe wurde der Frau vom ersten Tag an zur Hölle. Fast täglich mißhandelte Höfeid sie mit der Reitpeitsche. Er zwang sie, stramm zu stehen, wenn er mit ihr sprach, und verurteilte sie, wenn sie seinem Befehl nicht sofort nachkam, zu militärischen Strafen, Stubenarrest, strengem Arrest oder Gefängnis, die sie entweder auf dem Abort oder dem Speicher zu verbüßen hatte. Als sie das erste Kind unter dem Herzen trug, nötigte er sie mehr als einmal, nur mit einem Hemd bekleidet und ohne Decke auf dem nackten Fußboden zu schlafen. Zuweilen mußte die Arme auch stundenlang stramm stehen, und er legte aicb zu Bett, Indem er sie scharf beobachtete. Sobald sie sich ruhmlos, ja schmachvoll vor dem Volk und der Stadt zu erscheinea?«..... Uobri- gens ist der Kosmopolitismus ein Zeichen jeder Bildungsepoche, da man neue Welten entdeckt und sich in der alten nicht mehr heimisch fühlt. Er tritt bei den Griechen sehr deutlich hervor nach dem peloponne- sischen Kriege: Piaton war, wie Nlebuhr sagt, kein guter Bürger und Xenophon ein schlechter; Diogenes proklamierte vollends die Heimatlosigkeit als ein wahre« Vergnügen und nannte sich selber einen Stadt- losen...< Da Hitler, den Spuren Wilhelm II. folgend, anderer Meinung ist und bekanntlich immer recht hat bleibt der gegenwärtigen deutschen Emigration nichts anderes übrig. als im geistigen Bunde mit Petrarca, Dante, Piaton, Xenophon und Diogenes Im Irrtum zu verharren. Undankbare Frauen Eine Anzahl nationalsozialistische Frauen. Sophie Rogge-Boerner, Irmgard Reichenau, Dr. Mathilde Kelcher u. a. sind unter die Meckerer gegangen. Sie führen in ihrer nationalsozialistischen Frauenzeltschrift erbitterte Beschwerde, daß jetzt In Deutschland ein reines Männerreglment aufgerichtet wird, daß die Frauen aus allen leitenden Stellungen verdrängt, völlig an die Wand gedrückt werden. Wir finden die braunen Ladys reichlich undankbar. Eben erst hat Hitler in seiner überströmenden Herzensgüte den Frauen die äußerste Gleichberechtigung verschafft. eine Gleichberechtigung, um die sie die Weimarer Republik In vierzehn Schmachjahren glatt betrogen hat,— er hat der Frau das Recht verschafft, gleich dem Manne auf dem Block hingerichtet zu werden. Und damit seid ihr ehr- und artveigeasenen Weiber immer noch nicht zufrieden? M. Nidit gleidiberedbtfgt »Die Vermutung spricht stets gegen die Gleichberechtigung der Juden.« Oder; die Gleichberechtigung muß durch Gesetz ausdrücklich begründet sein; nicht aber bedarf es des Gcsetzdfc, um«He Gleichberechtigung der deutschen Juden auszuschlie- Ben.« Aus»Jugend und Recht«. Organ der nationalsozialistischen Jungjuristen. Eine symbolische Geschichte Die spanische Inquisition hatte in den ultraroten Strahlen einen wichtigen Gegenspieler gefunden. Wir lesen darüber: Als strenge Zensoren haben im 16. Jahrhundert die spanischen Inquisitoren in Büchern, deren Inhalt ihnen nicht genehm war. große Stellen durch darübergemalte Farbe unleserlich machen lassen. Durch die ultraroten Strahlen wurden aber die gestrichenen Stücke wieder vollkommen leserlich. Die Farbe, mit der die beanstandeten Sätze überstrichen wurden, besteht aus organischen Bestandteilen durch welche die ultraroten Strahlen hindurchdringen. Die Druckerschwärze jedoch enthält Ruß, der dem ultraroten Licht den Durchgang verwehrt. Herr Göring, Herr Göbbels, auch ihre Scheiterhaufen werden sich nochmals als vergeblich herausstellen. rauscht« in moralischer Empörung hinterdrein.. Das anstößige Bild stellte eine Gruppe von Menschen dar, die bei einem Picknick im Walde saßen. Zwei Männer, an ihren saloppen, immerhin vollständigen Kostümen als Künstler kenntlich, unterhielten sich angeregt miteinander, eine Frau««s daneben und hörte zu, aber— ob Schande!— war nackt, da sie «neben, wie eine Gefährtin im Hintergrund, äebadet hatte. Der Kaiser hätte zwar nur nach dem Louvre hinüberzugehen brauchen, um auf klaasischen Gemälden, die aber zur Zeit ihrer Entstehung sicher auch»modern« gewesen Waren, Mengen nackter Frauen zu sehn. Aber an erdeiyi Vergleiche dachte niemand. Man schrie Zeter Uber den unsittlichen Maler,— In Wahrheit freilich nicht wegen der nackten Prau, sondern well er als kühner Neuerer seine Gestalten nicht im AteUer modelliert Üöd durm in die Landschaft gesetzt, sondern tatsächlich im Freilicht— en pledn air— gemalt und damit alle akademischen Traditionen über Bord geworfen hatte. Zwei Jahre darauf gab es bei einem neuen Sild des gleichen Malers einen ähnlichen Skan- dal: Das Publikum ging mit Stöcken und Schirmen auf die nackte Frauengestalt los, � to dezentester Weise auf einem welßüber- logenen Ruhebett lag, mit einer Negerin und schwarzen Katze als Kontrastumgebung. Zum Glück schrieb man erst 1866. Das »öberalistische« Zeltalter färbte sogar auf "•in« Tyrannen ab. Napoleon kam nicht«n- "t*1 der Gedanke, die anstößigen Bilder verachten zu lassen. Ganz Frankreich hätte die P®rted des Malers ergriffen. Ee bedurfte erst eines durch und durch geistesfeindlichen Staatswesens wie des Dritten Reiche«, damit im erleuchteten Jahre 1036 durch die Gestapo 63 Bilder der besten modernen deutschen Maler beschlagnahmt und vernichtet wurden. Alles, was das zentrale Lügeninstitut, Propagandaministerium genannt, zur Diffamierung der zerstörten Kunstwerke anführt, hätte natürlich Napoleon auch geltend gemacht:»Kunstbolschewl- stisebe Darstellungen von ausgesprochen pornographischem Charakter..... schamlose, das gesunde Sittlichkeitsempflnden tlef- verietztende Machwerke...... Mißbrauch des Begriffs der Kunst...... Bilder, die nur durch gerissene Händlermache einen Scheinwert erhalten..... usw. usw. Napoleon— welche Charakterisierung der braunen Machthaber liegt In der Feststellung! — hat die Bilder, obschon er sie nicht begriff, am Leben gelassen, und so kommt ee..... .... so kommt es, daß M a n e t s»Dejeuner sur I"herbe« und»Olympia« heute die Glanzstücke der modernen Abteilung des Louvre sind. Der deutsche Kulturrückschritt bemißt sich nach Jahrhunderten! M. Didrierlsdher Nachwuchs Wenn man erfahren will, was für Talente beute dem deutschen Volk als Dichtemacb- wuchs empfohlen werden, so muß man gelegentlich die»Proben aus neuen Büchern« in den führenden braunen Uteraturzeitschriften lesen. Zu diesen führenden gehört z. B. Will Vcspers»Neue Literatur«. Sie veröffentlicht In ihrer letzten Nummer Uterarische Ergüsse eines— offenbar Jungen— Reimschmiedes namens Herbert Böhme(rein arischer Abstammung. politisch durchaus zuverlässig). Im allgemeinen sehen die epochemachenden Strophen so aus; Fülle ganz mit deiner Kraft über Nacht das Blut. Pflug und Schwert und Leidenschaft, Gott sei ihnen gut. Oder so: Hurtig ihre Rosse, es knallt der Peitsche launiger Bogen und in den Rädern dröhnt schon die bezwungene Zeit. Das kommt einem alles, Schüler und Goethe sei's geklagt, etwas bekannt vor. Aber Herbert kann auch modern, und dann wird's prachtvoU: Der Führer Eine Trommel gebt In Deutschland um und der sie schlägt, der führt, und die ihm folgen, folgen stumm, sie sind von ihm gekürt. Sie schworen Ihm den Fahnenschwur, Gefolgschaft und Gericht. er wirbelt ihres Schicksale Spur mit ehernem Gesicht. Er schreitet hart der Sonne zu mit angespannter Kraft. Seine Trommel, Deutschland, das bist du! Volk, werde Leidenschaft! Wie man Spuren mit ehernem Gesichte wirbelt, wissen wir zwar nicht, aber das auf Deutschland— und auf den deutschen Lesern — hinlänglich herumgetrommelt wird, stimmt. Auch früher reimten deutsche Gymnasiasten und geistig Gleichaltrige im Frühling, aber ihre»Werke« wurden weder verlegt, noch von ernst sein wollenden Zeitschriften zitiert. Jetzt verbrennt man Heinrich Heine und druckt Herbert Böhme,(In Leinen 2.80 EM.)»Die Trommel Deutschland, das bist du!« Aidas Aufnordnng »Mit Recht wurde allgemein die Aufführung der Oper»AI da« anerkannt. Schließlich ist ja diese Oper In ihren heldischen Gedanken durchaus geeignet, dem deutschen Menschen wirklich etwas zu geben. Vielfach haben sich aber die Theaterbesucher den Kopf darüber zerbrochen, weshalb man die Aid* und ihren Vater regelrecht auf Neger mit möglichst dunkler Haut und Wollhaar aufmachen mußte. Hätte nicht im Gegenteil der deutseben Empfindung Rechnung getragen und nordische heldische Menschen auf die Bühne gestellt werden müssen?...< Aus dem Berliner Theater-Tageblatt. Man nenne die AJda Thusnelda, pappe ihrem Vater eine Hitlerlocke auf und gebe Vater und Tochter eine Hautfarbe, so weiß, wie die Unschuld Göring«(am Reichstagsbrand) und die Vemordung Aidas wäre geschafft! Adolf als Spielzeug Die»Braunscbweiger Landeszeitung« erzählt: »Ein Nürnberger Spielzeugfabrikant bat die Erlaubnis erhalten, den Mercedeawagen des Führers als Kinderspielzeug nachzubilden. Da fehlt aber auch tatsächlich nichts... Das Schönste aber ist. daß es auch eine Figur des Führers gibt, an der man sogar den rechten Arm zum Gruß bewegen kann. Auch von Ministerpräsidenten Göring ist eine solche vorhanden, und außer dem Führer gibt es auch noch SS-Männer, so daß also alles richtig ist...« Hitler als Kindesspielzeug— wäre er es doch nur immer geblieben! JjßMS Pt'frfii'filHfHf'fdf Ußkt Jßö&k Treuhänder stellen überall untertarifliche Bezahlung fest Der dritte Leiirg-ang' der vom Propagandaamt der Deutschen Arbeitsfront aufgestellten »Rednerkompagnien« und»Rednerbataillone« schloß am 23. Februar in Leipzig mit einer programmatischen Rede von Ley. Er hielt, wie die Presse der Arbeitsfront berichtet, »eine gründliche Abrechnung mit dem kollektivistischen Denken der Vergangenhe it«. Ley beklagte, daß die Massen tagtäglich noch in diesem Kollektivismus denken und handeln. »Wir sind diesem kollektiven, von diesem massenwürdigen Denken noch nicht frei«. Und er beschwor seine geduldig zuhörenden Redner bataillone: »Wenn dem aber so ist, dann durften wir in der Arbeitsfront niemals dulden, daß Verbände vorhanden waren, die Menschen zusammenfaßten, um die Interessen dieser Menschen zu verteidigen.« Die Tarifpolitik der früheren Gewerkschaften ist für Ley»wahnwitzig« gewesen und er redete über die Frage, wie finde ich einen gerechten Lohn. »Entlohnung ist für uns jetzt nicht mehr der Begriff»bezahlen«, sondern die Anerkennung für die Leistung des Menschen.« Die Anerkennung des Leistungslohnes wird dann mit den üblichen Phrasen erläutert, wie; Der Mensch hat an seiner Arbeit Freude, der Mensch hat seinen Arbeitsplatz und nicht nur einen Arbeitsplatz, Gedanke der Gemeinschaft, Gemeinschaft und Kameradschaft, Auslese der Menschen für die Arbeit, Menschenführung und soziale Ehre. Aus all diesen Redensarten hat zwar kein Arbeiter erfahren können, wie nun Ley die Frage nach dem gerechten Lohn beantwortet, aber dafür tröstete ihn der Instruktor der Arbeitsfront, daß alle Arbeit einen gemeinsamen sittlichen Nenner habe. »Dieser Nenner kommt nicht aus der sozialen Schichtung, sondern kommt allein aus der gemeinsamen Rasse und dem gemeinsamen Blut und heißt Disziplin.« Während sich so der Ley abmühte, seine Lohntlraden im Geiste der»Betriebs- und Volksgemeinschaft« loszulassen, waren die Treuhänder der einzelnen Wirtschaftsgebiete bereits genötigt, scharf gehaltene Erlässe gegen die»Kameraden Betriebsführer« herauszubringen, die nach der Abschaffung des kollektivistischen Denkens noch nicht einmal bereit sind, die neuen sogenannten Tarifordnungen innezuhalten. So erklärt der Treuhänder für das Wirtschaftsgebiet Nordmark, Dr. D e r- lien, Hamburg, daß die Unternehmer die Bedeutung einer Tarifordnung immer noch nicht erkannt hätten. »Dies bedeutet, daß die Tarifordnungen nicht erlassen worden sind, um geschäftstüchtigen Betriebsführem und findigen Be- triebssyndikem Gelegenheit zu geben, sich klassenkämpferisch zu betätigen. Kaum ist eine Tarifordnung erlassen, so wird sie..... daraufhin durchsucht, was dabei auf Kosten der Gefolgschaft herauszuschlagen ist.« Und während der Ley in seiner Programmrede versichert, daß 99 Prozent des Volkes den gemeinsamen sittlichen Nenner der Arbelt bereits gefunden hätten, versichert der Hamburger Treuhänder, daß die Mißachtung der Tarifordnungen durch die Unternehmer nicht scharf genug gebrandmaltet werden könne. Die Tarifordnungen seien nur Mindestbedingungen und die Unternehmer müßten darüber nachdenken, wie zur Erfüllung des Leistungsprinzips bessere Arbeitsbedingungen möglich wären, als sie in der Tarifordnung vorgesehen sind. »Wenn es in einer Tarifordnung heißt, daß Angestellte die ersten 20 Ueberstunden ohne Bezahlung leisten, so ist dies eine auf die schwächsten Betriebe abgestellte Mindestregelung.« Der Treuhänder, der der Praxis des Arbeitslebens näher steht als der Ley, stellt in seinem Erlaß fest, daß die Tarifordnungen die Lohn- und Arbeitsbedingrungen auf der niedrigsten Stufe nivelliert haben und die Erfüllung des sogenannten Lel- stungsprinzipa ausgeblieben ist. Wenn also Ley in der ülusioQ lebt, daß ein kapitalistischer Unternehmer»sein Glück nicht auf den Trümmern des Glücks seines Nachbarn(des Arbeiters) aufbauen will«, so mag er»ch von seinen Treuhändern darüber belehren lassen, daß im Dritten Reiche das Unglück der arbeitenden Menschen zum Glück der Betriebsführer wird. Im Augenblick der großen Leipziger Kundgebung des Ley wendet sich auch der Treu- händer für Westfalen mit einem Erlaß gegen die zahlreichen Tarifunterschreitungen in seinem Wirtschaftsgebiete. Einen ähnlichen Aufruf erläßt gleichzeitig der Treuhänder für das Wirtschaftsgebiet Hessen. Eine weitere Meldung, die fast durch die ganze Presse der Arbeitsfront geht, berichtet von den Betrugsversuchen, die an den Heimarbeitern vorgenommen werden. Die Treuhänder haben festgestellt, daß die Unternehmer von ihren Heimarbeitern Empfangsbestätigungen über Entgelt-Nachzahlungen herauspressen, die diese gar nicht oder nicht in der bestätigten Höhe erhalten haben. Die Heimarbeiter wurden zunächst untertarifmäßig bezahlt und nachträglich wurde ein Eingreifen der Treuhänder durch die erpreßten unrichtigen Empfangsbescheinigungen vereitelt. Dieser Betrug an den Heimarbeitern zeigt besonders deutlich, wie die Volksgemeinschaft»Deutschlands ärmsten Söhnen« ihre Treue vergolten hat. Ley verurteilt die SPD, denn sie»organi- »Die Vorfälle im Berliner Zentralhans der Deutschen Arbeitsfront am 24. Januar, bei denen es zu Ausschreitungen gegen einen Abteilungsleiter wegen provozierender Aenßernngen gekommen ist, dürfen keinesfalls als eine»Meuterei« bezeichnet werden; möglichst nur untergeordnete, lokale Bedeutung betonen.« »... wird lediglich zur Kenntnisnahme(!) mitgeteilt, daß sich ca. 1300 B e t r i e b s a n ge s t el 1 1 e der Deutschen Arbeits- front durch die notwendige (!) Anordnung eines Abtei- lungsführers provoziert fühlten und durch einige Hetzer(!) dazu verleiten ließen. Disziplinwidrigkeiten zu begehen. Es haben die gewöhnlichen(!) polizeilichen Maßnahmen genügt, um den Arbeitsfrieden wieder herzustellen. Die deutsche Presse braucht sich mit diesem unerheblichen(!) Vorkommnis nicht weiter zu beschäftigen.« (Aus den Geheiminstruktionen des Propagandaministeriums von Ende Januar und Anfang Februar.) Diesen beiden Meldungen liegen folgende interessante Vorgänge zugrunde, die sich im Zentralgebäude der Deutschen Arbeltsfront in Berlin am Engelufer(d. L das Haus des ehemaligen Gesamtverbandes) abgespielt haben. Das gesamte Unterstützungswesen der zerstörten Gewerkschaften wurde von der DAF am 1. Oktober 1934 unsinnig zentralisiert. Unterstützungen werden seit dieser Zeit, wenn überhaupt, nur noch gezahlt, wenn die Berliner Zentrale des »Amtes für Selbsthilfe« nach Prüfung der Berichte der örtlichen Stellen der DAF den Antragsteller für»bedürftig« hält Selbstverständlich ist eine derartige Zentralisierung praktisch undurchführbar. Die Berliner Zentrale entscheidet vom grünen Tisch aus über Millionen von Fällen und über Verhältnisse, die sie in keiner Weise überschauen kann, da die meisten Antragsteller außerhalb Berlins wohnen. Trotzdem das»Amt für Selbsthilfe« allein in der Zentrale, dem sogenannten Haus der»Kameradschaft der Tat«, über 800 Personen beschäftigt, ist die Erledigung der laufenden Anträge auf Unterstützung außerordentlich schleppend. Für jedes Mitglied der Arbeitsfront muß eine besondere Kartothekkarte angelegt werden. Am 1. Februar 1935 lagen fast 120.000 unerledigte Anträge auf Unterstützung vor, die zum Teil schon seit September 1934 eingereicht waren. Die Beschwerdebriefe häuften sich zu Bergen. Die lokalen Funktionäre der DAF mahnten immer ungestümer. Schließlich konnte sich die Leitung der DAF dieser Quelle dauernder Unzufriedenheit nicht mehr schließen. Sie mußte etwas tun und sie— inspizierte. Bankdirektor Müller, nicht nur Leiter der Arbeiterbank, sondern auch der Konsumgenossenschaften und aller übrigen wirtschaftlichen Unternehmungen der DAF, erklärte der Inspektion mit Nazidünkel, daß sein Zentralisationssystem sierte die Interessengegensätze und den Eigennutz der einzelnen Menschen«. Er schwindelt: »Es ist erreicht worden, daß die Menschen den Blick von den Dividenden, dem Profit und den Zahlen abwenden und zu den Menschen, die sie zu betreuen haben, hinlenken.« Der Satz ist aber noch nicht ausgesprochen, da verkünden seine Treuhänder, daß die Unternehmer-Menschen ihre Gefolgschaften um des Profits willen um die kärglichen Löhne aus der Tarifordnung zu bringen wissen. Ley zitiert in Leipzig das Wort eines unbekannten Ausländers, der gesagt haben soll: »Ich sehe ein, daß Deutschland das einzige Land ist, wo der Sozialismus tatsächlich einen Triumph über den Kapitalismus davongetragen hat« Seine Treuhänder aber müssen berichten, daß die kapitalistische Ausbeutung Triumphe feiert! über jeden Tadel erhaben sei. Sein Stellvertreter, Dr. Reiners, der eigentliche Abteilungsleiter, schob selbstverständlich die Schuld auf die Angestellten. Sie seien»faul und unfähig, man müsse mit der Unudepcitsche drein- schlagen«. Dann klappe alles. Hochbefriedigt zog die Kommission von dannen. Die kleinen Angestellten hatten seit Wochen unbezahlte Ueberstunden leisten müssen. Ihre Gehälter wurden abgebaut, während die Amtsleitung nach wie vor ihre hohen Bezüge einstrich. Die Drohung mit der Hundepeitsche brachte das Faß zum Ueberlau- fen. Die Erregung erfaßte auch 600 Angestellte der DAF, die im gleichen Hause arbeiten. Als nach der Inspektion, dem 24. Januar, der Abteilungsleiter Dr. Reiners und sein Stellvertreter Wittmann im Büro erschienen, lag auf ihrem Schreibtisch eine Hundepeitsche. Wutentbrannte Angestellte, alle seit Jahren Mitglied der NSDAP, der SA oder gar der SS, forderten die nationalsozialistischen»Betriebsführer« auf, Mut zu beweisen und ihre Drohung in die Tat umzusetzen. Erschreckt stammelten die Amtsleiter einige Entschuldigungen. Aber die empörten Angestellten ließen sie nicht gelten. Die»Betriebsführer« Dr. Beiners und Wittmann wurden von der»Gefolgschaft« nach allen Regeln der Kunst mit der Hundepeitsche verdroschen. Dem Pg. Wittmann wurden,»damit er nicht immer so bissig sei«, gleich noch einige Zähne ausgeschlagen. Beide wurden so übel zugerichtet, daß sie noch in der dritten Februarwoche im Staatskrankenhaus in der Schamhorststraße lagen, und zwar zunächst in»Schutzhaft«. Den kleinen Angestellten aber hat die bewaffnete SS die Grundsätze nationalsozialistischer Volksgemeinschaft beigebracht Die Behörden billigten die Provokation des Abteilungsleiters, und zum 1. März ist der gesamten Belegschaft gekündigt worden. Man kann verstehen, daß den Nazis diese Vorgänge so unangenehm sind, daß Herr Göbbels seinen ganzen Propagandaapparat aufbietet, um die Wahrheit über die Vorgänge am 24. Januar in der DAF zu verschleiern. Aber die Hunde: peitsche als Wahrzeichen für die DAF ist in jeder Beziehung so symbolisch, daß ihre Propagandawirkung alle Schranken Göbbelsscher Lüge durchbricht. Gegen die Störung des Familienlebens Nach der Weimarer Verfassung wurde die Ehe als Grundlage des Familienlebens und damit der Erhaltung und Vermehrung der Nation unter den besonderen Schutz der Verfassung gestellt Im Dritten Reich scheint dieses Familienleben außerordentlich gelitten zu haben. Das wird einmal dadurch bewiesen, daß die Geburtenziffer ständig im Sinken begriffen ist trotz strengster Verfolgung aller Indikationen, und vor allem dadurch, daß der Stellvertreter des Führers, Rudolf Heß, eine A n- ordnung herausgegeben hat, die sich gegen die Störung des Familienlebens wendet. Zwar werden für diese Störungen der zu, I häufige Dienst in den einzelnen Gliederungen der Partei angegeben, und man beweihräuchert den Zerfall der Familie damit daß man sagt, Mann, Frau und Kinder seien seit Jahren unermüdlich für die Durchsetzung der nationalsozialistischen Gedankengänge im ganzen Volke tätig. Aber aus den kommentierenden Absätzen ist klar erkennbar, welch« wahren Gründe zu der Anordnung gegen die Störung des Familienlebens geführt haben. Da heißt es; »Alle politischen Leiter und Unterführer der Partei müssen sich stets vor Augen halten, daß deutsche Frauen und Mütter allein schon dadurch Opfer für den Sieg des Nationalsozialismus und dadurch für unser ganzes Volk gebracht haben und auch fernerhin bringen, daß sie ihre Männer und Kinder immer wieder klaglos in den Kampf ziehen ließen und die manchmal müde Werdenden immer wieder aufrichteten.« Dann geht es vieldeutig weiter: »Aus gesundem Familienleben erwachsen, sich stets ergänzend, deutschen Männern und Jünglingen die Kräfte zur Erfüllung der deutschen Aufgabe unter dem Banner des Führers.« Damit in Zukunft jede unnötige Störung des Familienlebens verhindert wird, sollen nunmehr jeden Monat zwei dienstfreie Sonntage, zwei dienstfreie Wochentage dafür sorgen, daß, sich stets ergänzend, die Kräfte zur Erfüllung der deutschen Aufgabe auf der Basis eines gesunden Familienlebens erwachsen mögen. Diese Anordnung, die noch vielsagend in dem Organ des»Reichsvereins für Sippenforschung« veröffentlicht wurde, stellt nur eine Mindestforderung dar. Tatü, tata! Der Führer braucht Soldaten! Geistige Blütezeit Aus dem Jahresbericht der Preußischen Staatsbibliothek geht hervor, daß die Benutzer und Besucherzahlen neuerdings um 23 Prozent zurückgegangen sind. Gegen 31.377 bestellte und benutzte Werke im Jahre 1933 stehen im vergangenen Jahre 1934 nur noch 19.331.(Also rund 62 Prozent weniger!) Wobei nicht zu vergessen ist, daß schon im Jahre 1933— verglichen mit den Zeiten der Republik— ein erheblicher Rückgang zu verzeichnen war. Man sieht, die Mißachtung des Geistes hat so rasende Fortschritte gemacht, daß nächstens Zwangsleser aufgetrieben werden müssen, wenn die Lesesäle, die noch vor zwei Jahren überfüllt waren, nicht leer stehen sollen. Ein unerhörter Aufschwung! Löffelt die eingebrockte Suppe aus! »Die Gauführung des Winter-Hllfs-Werkes in Kurhessen Uberreicht am 13. Januar jeder Familie, die eine angemessene Eintopfspende gibt, einen Holzlöffel, der im Notstandsgebiet der Rhön von arbeitslosen Holzarbeitern hergestellt wurde.« So eine Zeitungsnotiz. Man munkelt, daß es an Löffeln gerade nicht gefehlt hat. Mit dem Eissen sind weit schlimmere Probleme verbunden. Immerhin, eine Suppe wurde allen eingebrockt. Dazu der Holzlöffel! IkitfUocraMs (50}ial6emofraHfcf>e0 ITodjcnblaH Herausgeber: Ernst Sattler; verantwortlicher Redakteur: Wenzel Horn; Druck:»Graphia«; alle in Karlsbad. Zeitungstarif bew. m. P. D. ZI. 159.334/VII-1933. Printed in Czecho-Slovakia. Der»Neue Vorwärts« kostet im Einzelverkauf Innerbalb der CSR. KC 1.40(für ein Quartal bei freier Zustellung Kö 18.—). 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