\p. 94 SONNTAG, Sl. März 1935 (5<�ial6cmolralifd)gg U>od>mMall Verlag; Karlsbad, Haus„Graphia"— Preise und Bezugsbedingungen siehe Beiblatt letzte Seite Aus dem Inhalt: Was kostet die deutsche Aufrüstung? Was nicht bei Hitler steht Es ist verboten! Ein nationales Mädchen für alles Die Mörder Europas Wer wagt, sie anzuklagen Der englische Besuch in Berlin ist vorbei, und neue diplomatische Besprechungen stehen bevor. Ein umfangreiches, wohl in- »änander verzahntes Verhandlungsprogramm wird heruntergespielt, in dessen Rahmen auch eine außerordentliche Tagung des Völkerbundsrates vorgesehen ist. Aber wer wagt mit bestem Glauben zu behaupten, daß Europa nach der Erledigung dieses Programms dem Frieden näher sein wird? Man mag verhandeln, so viel man will,— die Tatsache läßt sich damit nicht aus der Welt schaffen, daß die Existenz des Hitlersystems die Verewigung der Kriegsgefahr in Europa bedeutet Die politischen Konstellationen mögen sich ändern: aber die angriffslustige, kriegerische Tendenz des neuen deutschen Militarismus Wird sich nicht ändern. Er hält es nicht mehr für nötig, seine Ziele zu verbergen, das ist die Lehre der Berliner Besprechungen. Seine Ziele sind die militärische Vorherrschaft, die Freiheit der Expansion nach Osten und Südosten. Es geht ihm nicht mehr um die Rüstungsfreiheit; denn diese besitzt er. Er wird sich nicht durch Verträge fesseln lassen, und wenn er seine Unterschrift unter einen Vertrag setzt, wird dieser durch die Unterschrift wertlos werden. Wir verweisen nicht auf den Versailler Vertrag, sondern auf die Tatsache, daß der deutsch-russische Vertrag, der ein Friedens- und Freundschaftsvertrag sein sollte, formell immer noch in Kraft ist, obwohl ihn der neue deutsche Militarismus zerrissen hat Die Erklärungen, die Hitler Sir John Simon gegenüber in Sachen Rußlands abge- gelien hat, und die alle Lautsprecher des Systems in unzähligen Variationen wiederholen, sind die Ankündigung einer zukünftigen Kriegserklärung des Hitlersystcms an Rußland. Es ist kein Zweifel, daß jene extreme Linie der nationalsozialistischen Außenpolitik, die durch Hitlers Buch»Mein Kampf« und durch Rosenbergs Konzeptionen bezeichnet wird, den offiziellen Kurs der Reichspolitik bestimmt. Die Propaganda, die diese aggressive Außenpolitik begleitet, schlägt der historischen Wahrheit wie aller Logik ins Gesicht. Sie besitzt bereits die Qualitäten der Kriegspropaganda. In der Tat ist die Mentalität des Hitlersystems die reine Kriegsmentalität. Im geistigen ist der Krieg bereits im Gange. Diese innere Bejahung des Krieges durch das Hitlersystem wirkt auf die in der Verteidigung begriffenen Staaten zurück. Immer klarer treten die Linien künftiger Militärbündnisse hervor. Müitärbünd- nisse sind gleichbedeutend mit Kriegsbünd nissen. Sie sind noch nicht gleichbedeutend mit dem Kriege selbst. Auch dann noch, wenn sich militärische Bündnisgruppen gegenüberstehen, geschieden in Angreifer und Verteidiger, ist die letzte Entscheidung über Krieg und Frieden von historischen Zufällen abhängig. Aber die Unsicherheit, die stete Drohung, das ist das Elend, aus dem es kein Entrinnen gibt, wenn Europa erst einmal in dieser Form gespalten und neu organisiert ist! Ein Anfall von politischem Alkoholismus kann dann die Bombe zum Platzen bringen— und der neue deutsche Miütarismus mit Hitler an der Spitze, das ist der politische Alkoholismus in ein System gebracht. Alle Verhandlungsketten können die Tatsache nicht mehr erschüttern, daß ganz Europa in eine Vorkriegsperiode hineintreibt, in eine Aera des Wettrüstens und der Furcht, die eine Lämung des Willens zum Aufstieg auf wirtschaftlichem und kulturellem Gebiet mit sich bringt und Verfall in jeder Hinsicht bedeutet. Die Vernunft als Regulator des politischen Handelns wird heute schon hinreichend verachtet— sie wird dann endgültig zum Teufel gejagt werden. Aengstlich, zwi sehen Furcht und Hoffnung schwebend, verfolgt man den Gang der immer wiederholten Verhandlungen— alter worauf hofft man eigentlich, wenn man sich nicht klar machen will, daß die Existenz des Hitlersystems ist, die einer vernünftigen Neuord- nung Europas im Wege steht? Die Schuld Europas an dieser Entwicklung liegt in der Furcht vor dem Augenscheinlichen und in der Trägheit des Herzens. Wie kann man der Organisation des Kopenhagener Wohnung der Opfer eingebrochen ist. Er hat dort n. a. die Akten dieses internationalen Gewerkschaftsverbandes gestohlen. Dieser Menschenräuber und internationaler Spion hängt der deutschen Regierung an den Rockschößen, sie kann ihn nicht abschütteln! Es sind nicht weniger als drei Länder, die von der abscheulichen Arbeit dieser verbrecherischen deutschen Organisation getroffen worden sind: die Tschechoslowa- sei im Fall Formis, die Schweiz und Dänemark. Alle drei Länder sind Mitglieder des Völkerbundes. Werden sie den Mut besitzen, vor dem Forum des Völkerlundes Anklage zu erheben gegen diese intematio- Deutsdiland verweigert Annahme von Reidismark Eine Anweisung an deutsche Exporteure den, bei Abschlüssen mit dem Ausland die Zahlung von Reichsmark auszuschließen. Es liegt selbstverständlich im Retoheinteresse, nur fremde Valuten hereinzubekommen und nicht Reichsmark. Ein offenes Annahmeverbot der deutschen Beichsmarknoten würde aber eine Entwertung und vielleicht sogar einen schweren Stoß gegen die Währung bedeuten. Es ist daher erforderlich, daß die deutschen Exporteure nationale Disziplin halten und die Annahme von Reichsmark aus dem Ausland ablehnen. Die Reichswirtschaftskammer ersucht die WirtschaftsredaktJonen der deutschen Presse um wiederholte Hinweise, daß noch immer im großen Umfange deutsche Ausfuhrgnthaben im Auslande durch von dort brieflich nach Deutschland versandte Reichsbanknoten beglichen werden. Es kann—- so heißt es in der Mitteilung— sich dabei lediglich um Noten handeln, mit deren Hilfe Vermögensver- schlebnngen nach dem Ausland durchgeführt worden sind. Die deutschen Exportfirmen müssen durch Appelle in der Presse immer wieder dazu aufgefordert wer- Kriegsverbrechens entgegenwirken, wenn man sich nicht einmal zu moralischer Gegenwirkung entschließt gegen die internationale Organisation des Verbrechens des Mordes und des Menschenraubs, die von Hitlerdeutschland ausgeht? Wir stellen fest, daß die Entführung des Journalisten Berthold Jacob ein weiteres Echo gefunden hat als der Mord an dem Rundfunkingenieur Formis. Aber was fruchtet persönliche Empörung, was vorübergehendes zorniges Aufflammen, wenn ea nicht zum Entschluß der moralischen Gegenwirkung führt? Im Falle Jacob ist einer der Täter verhaftet und damit ein Zipfel des Geheimnisses der deutschen Feme- und Mordorganisation gelüftet worden. Dieser Wesemann, ein moralisch verkommenes, charakterloses Subjekt, hat seine Tätigkeit in Dänemark, in Holland, England, Frankreich, der Schweiz betrieben. Die Durchleuchtung seiner Person und seiner Methoden hat ein zweites Verbrechen des Menschenraubs zutage gefördert, das in Dänemark begangen worden ist Am 30. Januar 1935 hat dieser Wesemann einen aus Deutschland geflüchteten Gewerkschaftsbeamten, der in Kopenhagen die Funktion des internationalen Sekretärs einer Gewerkschaft begleitete, nach Deutschland gelockt. Das Opfer ist spurlos verschwunden. Darnach hat Wesemann die Friui des Opfers Uber die Grenze gelockt. Die deutschen Behörden, die die Frau verhaftet haben, haben die Schlüssel der Kopenhagener Wohnung der Opfer dem Wesemann ausgeliefert,. der mit ihrer Hilfe In diese nale Verbrecherorganisation? Werden sie die diplomatischen Fiktionen und Bräuche zerreißen, hinter denen sich die Organisatoren dieser Verbrechen decken? Diese Länder würden eine moralische Pflicht erfüllen, wenn sie gemeinsam ihre Stimme erheben würden, sie würden damit dem Recht und dem Frieden einen besseren Dienst erweisen als andere Länder mit langwierigen diplomatischen Verhandlungen. Jawohl, dem Frieden! Denn der Geist, der diese Verbrechen geboren hat ist derselbe barbarische Geist, der den Frieden Europas bedroht, der Geist, dem Gewalt vor Recht geht, der sich höhnend über alle Bindungen der Menschlichkeit, der Moral, des Rechts, der Verträge hinwegsetzt. Es ist der angriffslüsteme Militarismus, der die Mörder ausschickt Wer heute noch an der Fiktion festhält, daß die Verantwortung für die internationale Feme nicht auf die deutsche Regierung falle, der ist mit Blindheit geschlagen! Wir beschwören altermals— und oft genug haben wir es bereits getan!— den Geist von Potempa. Damals hat Hitler die feigen Mörder, die ihr Opfer in Potempa in Oberschlesien zertrampelten, seine Kameraden genannt Damals hat er eine wüde Propaganda gegen ein gerechtes Urteil entfesselt, der Regierung Papen die Begnadigung der Mörder abgetrotzt, die heute Ehrenämter in seiner Partei bekleiden. Heute wieder entfesselt er eine wilde Propaganda gegen den Spruch des litauischen Kriegsgerichts, das vier nationalsozialistische Fememörder im Memelland zum Tode verurteilt hat Der Spruch hat feige Mörder getroffen, die nach braunen Fememethoden einen Menschen verschleppt und abgeschlachtet haben. Der Spruch gegen die Verschwörer, den das litauische Gericht gleichzeitig gefällt hat, ist hart— aber welches Recht hat ein System zur Beschwerde, das seinen innenpolitischen Gegner aufs Schafott schickt, das sie in Konzentrationslagern zu Tode quält, das nicht nach Recht, sondern nach WUlkür urteilen und hinrichten läßt! Die Blutschuld ruht auf jenen, die den Fememord zur politischen Methode gemacht haben. Sie haben den Geist der Verschwörung und des Mordes gezüchtet und nun antworten sie auf den Spruch der Justiz mit offener Kriegshetze. Sie drohen mit Vernichtung der staatlichen Existenz Litauens, weü Litauen es wagte, gegen die Mörder einzuschreiten. Muß man an den 25. Juli 1934, an die Ermordimg Dollfuß' erinnern? Hier lassen sich Mord und Politik nicht mehr trennen, hier fließen Aufrüstung und Kriegswille, Militarismus und Feme, Eroberungslust und Verlrechen in Eins zusammen. Das ist der Feind! Das ist der Geist, der den Frieden Europas bedroht und der mit aller Macht lekämpft werden muß. Oder sollen seine Verbrechen zum stillschweigend geduldeten europäischen Gewohnheitsrecht werden? Der Fall Esser Der Sittlichkeitsverbrecher als Minister. Der bayrische Wlrtschaftsmlnlster Esser ist seines Amtes enthoben worden. Seine Lumperelen haben ihn gestürzt. Er war von Anfang an ein korruptes Subjekt Seine moralische Verkommenheit war kein Hindernis für seine Laufbahn in der NSDAP, um so weniger, da der Parteichef selbst Nutzen daraus gezogen hat. Hitler hat sich im Jahre 1923 über Esser geäußert: »Ich weiß, daß Esser ein Lump ist. Aber stellen Sie mir einen anderen her! Esser ist ein Schwätzer und Lügner, dabei eitel und von sich eingenommen. Seine beste Eigenschaft ist die Feigheit.« Gregor Strasser kennzeichnete Esser folgendermaßen: »Sein Lebenswandel ist unmoralisch, seine Handlungsweise eigennützig und unvölkisch; wer, wie Esser, einen Brief seines Führers zu Fälschungen benutzt, betreibt polltische Falschmünzerei. Sein Verhalten am 9. November und die nachfolgenden Tage war feig und eines wahren Nationalsozialisten unwürdig.« Dies Subjekt gehört zu den Gründern der NSDAP! Hitler hat ihn aus persönlichen Gründen zum Chefredakteur des»Illustrierten Beobachters« gemacht, er hat ihn zum bayrischen Minister gemacht, er hat seine Verbrechen gedeckt! Jetzt, wo Esser sich an einem minderjährigen Mädchen, der Tochter eines in. München angesehenen Mannes, vergriffen hat, als der Skandal sich nicht mehr vertuschen ließ, mußte er ihn fallenlassen. Warum hat er ihn bisher gehalten, obwohl er die moralische Verkommenheit des Esser bis in die Einzelheiten kannte? Wie viele der Hitlerschen»Paladine«— vor allem Streicher — werden aus ähnlichen Gründen gehalten, trotz gleicher Qualifikationen wieJSsaer? Ihr Stolz »Die Rede Gö rings, wie des Reichserziehungsministers Rust vor dem Preußischen Staatsrat hat wieder gezeigt, wie tief der Umbruch ist, den der Nationalsozialismus auf dem Gebiet der Erziehung gebracht hat. Man muß weit zurückgehen, um ein Beispiel zu finden- vielleicht nicht weniger als vierhundert Jahre.« »Der Mittag«, Düsseldorf. Uüs k&sM die diätstke Auftisbutfl 8 bis 10 MSIIiarden Mark— Das 4usland muß bezahlen Harmadies Schwaiiengesang Gleichzeitig' mit dem bayrischen Wirtschaftsminister Hermann Esser Ist auch der sächsische Voikabildungsminister Dr. Wilhelm Hartnackc aus seinem Amte entfernt worden. Und zwar hat ihn, wie es ausdrücklich heißt, der Führer und Reichskanzler auf Vorschlag: des Reichsstatthalters entlassen. Das zeitliche Zusammentreffen beider Ausbootungren ist zufällig, die Gründe aber sind verschiedener Art. Dr. Hartnacke, mit dessen reaktionärer Vergangenheit als Dresdner Stadtschulrat und Vorkämpfer für das Bildungsprivileg der begüterten Klassen wir uns erst kürzlich in Nr. 87 des N. V. beschäftigt haben, mußte wegen sachlicher Differenzen in seinem Ressort gehen. Er mag als ausgesprochener Typ des höheren Berufsbeamtentums sich doch nicht die Zufriedenheit seiner braunen Auftraggeber erwoiben haben. Wenn er auch den Grad der Schulbildung nach dem Geldbeutel des Vaters bemessen wissen wollte, so verstand er doch darunter eben immer noch Bildung, und er mag sich mit dem stupiden Drill besonders der höheren Schüler auf vorwiegend»soldatische Tugenden« nicht so leicht abgefunden haben. Das klang schon aus der Kritik heraus, mit der er als sächsischer Volksbildungsminister von Mutschmanns Gnaden das klägliche Ergebnis einer Prüfung sämtlicher Oberprimaner der sächsischen staatlichen Studienanstalten vor dem Abiturientenexamen kommentierte und in der er erklärte, daß es»eine Fülle von Geistern selbst in den obersten Klassen der höheren Bildungsanstalten gibt, deren Einfältigkeit und Beschränktheit an diesem Orte schwerste Besorgnis erregt; der Unterschied zwtschen der besten und der geringsten Leistung erwies sich als geradezu unfaßbar groß, und zwar überwogen die Minderleistungen.« Vielleicht hat ihm diese Kritik den Hals gebrochen und sie wäre dann sein Schwanengesang gewesen; vielleicht hat sogar ihre Gloasierung im N. V. zu seinem Sturze beigetragen. Jedenfalls: solche Auffassungen vertragen sich nun einmal nicht mit dem BUdungsideal der braunen oder reichswehrgrauen Herren der Situation. Und angesichts der plötzlichen und sang- und klanglosen Entlassung Dr. Hart- naekes wirkt es wie ein Kommentar, wenn jetzt, zu genau gleicher Zeit, bei einer Abiturienten-Entlassungsfeier im Dresdner Kö- nlg-Georg-Gymijasium der Oberstudiendlrek- tor Dr. Kretschmar in seiner Entlassungsrede sagte:»Das Tun eines jeden sei geadelt, gleichviel wo er stehe, wenn er nur dabei die Tugenden entfalte, die uns den soldatischen Menschen als Vertreter höchsten Mannestums erscheinen lassen.« Dr. Kretschmar— den Namen wird man sich merken müssen; vielleicht taucht dieser tüchtige Mann eines Tages auf den Sessel des sächsischen Volksbildungsministers auf, um energischer noch als bisher die Volkserziehung vom Geiste weg zum Ideal des soldatischen Menschen hinzulenken. Wer das nicht hundertprozentig mitmacht, ist nicht zu gebrauchen. Und wer trotzdem an dem alten»Bildungsfimmel« festhalten will, ist bald ein gewesener Mann, mag er sich sonst durch reaktionäre Tugenden auch noch, so verdient gemacht haben. Manfred. Die deulsdie Gefängnlshöllc Ein Holländer berichtet. Der holländiacha Genosse Spansier, der in Deutschland wegen Verbreitung der»Freien Presse«— auf holländischem Gebiet!— zu zwei Jähren Gefängnis verurteilt worden war, ist rund fünf Monate vor Ablauf seiner Strafzeit von den deutschen Behörden entlassen und nach Holland ausgewiesen worden. Seine Schilderungen geben ein Bild der deutschen Gefängnishölle, obwohl Spansier als Ausländer noch einen gewissen Vorzug in der Behandlung genossen hat. Bei setner Verhaftung, die während einer Reise— wohl auf Grund einer Denunziation — in Kleve stattfand, wurde Gen. Spansier von der SA mit Faustschlägen Ins Geeicht bearbeitet, um zu einem Geständnis gezwungen zu werden. Sein blutbeflecktes Hemd mußte er dann vor dem Verhör unter einem Leitungshahn auswaschen. Es wurde ihm gedroht: Wir werdep dafür sorgen, daß Du nicht mehr lebendig nach Deutschland zurückkommst. «Im Untersuchungsgefängnis wohin Spanier nach vielfachen Bedrohungen und Mißhandlungen kam, bestanden zwei Abteilungen: eine für politische und eine für kriminelle Gefangene. Spansier kam in die kriminelle Abteilung, was aber für ihn als Ausländer eine Vergünstigung war! In der politischen nämlich wurde unbarmherzig geprügelt, In einem merkwürdigen Moment veröffentlicht das gleichgeschaltete Konjunkturinstitut eine neue Zusammenstellung über die Rüstungsausgaben der Welt. Die verächtlichen Lakaien der Nationalsozialisten offenbaren einen erfreulichen antimilitaristischen Geist und geben ihrer Ueberzeugung von der schädlichen Unproduktivität der Rüstungsausgaben erfrischenden Ausdruck. Von rund zehn Milliarden Reichsmark im Jahre 1913 sollen naöh den(sehr zweifelhaften und tendenziösen) Berechnungen des Instituts die Rüstungsausgaben der Welt auf 15 Milliarden im Jahre 1929 gestiegen sein und werden im Jahre 1935 auf mindestens 24, nach einer anderen Berechnungsart sogar 31 Milliarden Mark erreichen. Sie werden also um die Hälfte höher sein als 1929 und den Stand vor dem Weltkrieg um das Anderthalb- bis Zweifache überschreiten. Das Institut ist entrüstet: »Was diese Ziffern ökonomisch bedeuten, kann an wenigen Beispielen gezeigt werden. 30 Milliarden sind mehr als die gesamte jährliche Nettoproduktion der deutschen oder britischen Industrie, mehr als die gesamte Einfuhr Europas an Rohstoffen, Halbstoffen und Fertigwaren, annähernd doppelt so viel wie der Goldbestand der Vereinigten Staaten.« Berücksichtigt man den Preisrückgang auch für Kriegsgeräte seit Beginn der Wirtschaftskrise, so wird man ohne Uebertrel- bung sagen dürfen, daß die Welt im laufenden Jahr ungefähr dreimal soviel an Arbeits- und Kapitalnutzung für Rüstungen einsetzen wird wie am Vorabend des Weltkriegs. Dieser Leistungseinsatz würde nach früheren Erfahrungen ausreichen, um den gesamten Zuschußbedarf der Industrieländer an Rohstoffen und Nahrungsmitteln zu decken.« Natürlich ist dieser nationalsozialistisch- amtliche Pazifismus auf das Ausland beschränkt. Mit vollem Recht. Denn während die anderen Länder, und an ihrer Spitze Sowjetrußland, unaufhörlich aufgerüstet haben, hat doch Deutschland völlig abgerüstet. Während Rußland die Riesen- summe von 6.5' Milliarden Rubel ausgibt, Prankreich angeblich 11.3 Milliarden Frcs., Japan über 1 Milliarde Yen, hat Deutschland ja nach den unwiderleglichen Angaben in seinem Etat nur 900 Millionen Mark für Rüstungen verbraucht Deutschland ist eben das Paradies des Pazifismus. Denn es ist das einzige Land, das 1934 »«inen weit geringeren Prozentsatz seines Volkseinkommens für Wehrkosten ausgab alsvor dem Kriege... Wenn Deutschland etwa ebenso viel für Rüstungen ausgeben wollte(!) wie sein Nachbar Frankreich, so hätte der deutsche Wehretat im letzten Jahre statt 0.9 Milliarden Reichsmark über 4 Milliarden betragen müssen«. Den dienstbeflissenen Burschen ist ein kleines Malheur passiert. Ihr Bericht war fertig und kam zur Versendung unmittelbar bevor die Tatsache der vollzogenen deutschen Aufrüstung offiziell proklamiert wurde. Daß die Schaffung einer der stärksten Luftflotten der Welt, daß die Aufstellung eines Heeres von 36 Divisionen und seine Ausstattung mit dem notwendigen Material an Uniformen, Waffen, schwerer Artillerie und Tanks nicht mit den armseligen 900 Millionen des Etats, die kaum der alten Reichswehr genügten, bestritten worden ist, ist klar. In Wirklichkeit ist der größte Teil der mindestens 8 bis 10 Milliarden Reichsmark betragenden ungedeckten Ausgaben für die deutsche Aufrüstung innerhalb der letzten 18 Monate ausgegeben worden nnd der Aufwand übersteigt bei weitem den aller anderen Mächte. Es ist eine zum Angriff bereite und zum Angriff bestimmte Kriegsmaschine geschaffen worden und es ist die deutsche Offensive, die im Verein mit der japanischen Rußland und Frankreich in erster Linie, bald auch alle anderen Staaten zur Erhöhung ihrer Verteidigungsausgaben zwingt. Ausmaß und Tempo der deutschen Aufrüstung, in deren Dienst die gesamte Wirtschaftspolitik gestellt ist— denn die deutsche Wirtschaft ist seit der Machtergreifung Hitlers vor allem Kriegswirtschaft, und deren Gesetze beherrschen jede einzelne Maßnahme— erklären ja auch zur Genüge den deutschen Konjunkturablauf: Herunterdrückung der Konsumrate zugunsten der Investitionsrate in dem ausgedehnten Bereich der modernen Rüstungsindustrien; deshalb gesteigerte Beschäftigung der schweren Industrien mit rasch steigenden Kriegsgewinnen und Zurückbleiben der Konsummittel Industrien, also steigende Disproportionalität der Industriezweige und völlige Abhängigkeit des Beschäftigungsgrades der Industrie von der Erteilung der Staatsaufträge. Steigende Einfuhr namentlich aller Rohstoffe der Rüstungsindustrien bei sinkendem Export, und deshalb immer erneute Versuche zur Autarkie für die Bedürfnisse der Aufrüstung und dann des Krieges ohne Rücksicht auf die Kosten. Hier stößt diese Politik auf bestimmte wirtschaftliche Schranken. Nur darf man sich darüber keine Illusionen machen, daß diese Schranken elastisch, daß die Möglichkeit des Herabdrückens des Lebensstandards für das Gewaltregiment der Diktatur groß, daß die Manövrierfähigkeit bei einer so völlig in der Hand der Herrschenden befindlichen Wirtschaft zunächst noch ausreichend ist. Das gilt auch für den schwächsten Punkt der deutschen Wirtschaft, für ihre A u ß e n h an d e 1 sbeziehungen. Wieder zeigt der Februarausweis Im Ganzen eine Schrumpfung des Außenhandels. Bekanntlich hatte der Januar zwei Rekorde gebracht; einen bisher unerhörten Tiefstand der Ausfuhr mit 299 Millionen; die Ausfuhr war also fast auf ein Viertel des Monatsdurchschnitts von 1929 herabgesunken. Und das Defizit der Handelsbilanz erreichte in diesem einzigen Monat den Betrag von 105 Millionen, denn die Einfuhr hatte mit 404 Millionen ihren relativ hohen Stand behauptet. Im Februar hat die Ausfuhr mit 302 den vorher nie erreichten Tiefstand vom Januar kaum überschritten. Und das Bedenklichste dabei ist, daß die Fertigwarenausfuhr auf ihrem Tief stand b e h a r r L Dagegen ist die Einfuhr mit 359 Millionen um 45 Millionen oder 11% niedriger als im Januar. Zu dieser Verringerung der Einfuhr hat auch die Rückgliederung der Saar bereits etwas beigetragen, da das Reich in der letzten Zeit mehr Waren(Eisen!) aus der Saar bezogen hat als es dahin lieferte. Dieser Einfuhrüberschuß verschwindet jetzt aus der Statistik. Das Defizit der Handelsbilanz beträgt im Februar also 57 Millionen. Es war, vom Januar 1935 und vom April 1934 abgesehen, größer, als in allen vorausgegangenen Monaten. Die beiden ersten Monate des Jahres ergeben also schon ein Passivum von nicht weniger als 162 Millionen gegenüber einem solchen von 284 Millionen im ganzen Jahre 1934! Das Ziel, das Schacht bei der Verkün- 1 düng seines»Neuen Planes« verkündete, das Gleichgewicht in der Handelsbilanz herzustellen und womöglich einen Exportüberschuß zu erhalten, ist also keineswegs erreicht Aber das öffentlich verkündete Ziel war ja auch nicht die wahre Absicht. Schacht verfolgt zwei Zwecke: einmal die Zufuhr der Rohstoffe für die Rüstungsindustrie zu sichern und zweitens die Gläubiger um ihre Zinsansprüche zu prellen. Den ersten Zweck erreicht er durch die Manipulierung der Einfuhr— er teilt weniger Devisen zu für die Einfuhr von Lebensmitteln usw. und reserviert die Devisen für die Einfuhr der Kriegsrohstoffe — den zweiten, indem er die Einfuhr aus den Gläubigerländem eine Zeitlang begünstigt. Dann wachsen auf den Verrech- rechnungskonten die ausländischen Forderungen an Deutschland, für deren Befriedigung die Devisen fehlen. Sollen die Gläubiger dann doch befriedigt werden, so stehen den Ländern nur zwei Auswege offen: entweder sie müssen ihre Ausfuhr nach Deutschland zum Schaden ihrer Industrie drosseln oder sie müssen mehr deutsche Waren abnehmen. Auf diesen Druck rechnet Schacht, es ist einer der Wege, eine Steigerung des deutschen Exports zu erzwingen. Bisher aber hat er das Defizit der Handesbilanz einerseits durch Nichtbezahlung der Gläubiger, andererseits durch Nichtbezahlung der Warenschulden— die rückständigen Schulden belaufen sich auf über eine halbe Milliarde, übersteigen also bei weitem das Handelsdefizit— gedeckt. Es ist also ganz klar, daß bisher die Aufrüstung außer durch Herabd rückung des deutschen Massenkonsums vom Ausland finanziert worden ist— durch Einwilligung in die Nichtzahlung der Zinsen und durch die Lieferung nicht bezahlter Waren. Und Schacht versteht es, durch Manipulierung der einzelnen Außenhandelsbilanzen immer neue Länder in den Kreis der unbezahlten Lieferanten einzubeziehen. Wie lange das noch fortgehen kann, ist unbestimmt. Daher das Bemühen, andere Wege der Exportsteigerung, das heißt des Devisenerwerbs für Rüstungszwecke, ausfindig zu machen. Dazu gehört die Ausdehnung des direkten Exportdumpings. Industrien mit guten Inlandsabsatz, z. B. die Motoren- und Automobilindustrie, werden zusammengeschlossen und müssen einen Teil ihres Inlandserlöses an eine Exportkasse abliefern, die den Export mit Prämien subventioniert. Und Schacht trägt sich mit Plänen, diese« System auszudehnen— in aller Heimlichkeit, um Gegenmaßnahmen zu vermeiden. Daneben werden die autarkischen Bestrebungen trotz aller Ableugnungen weiter gefördert. So groß aber all diese wirtschaftlichen Schwierigkeiten sind und so falsch es wäre, sie zu unterschätzen, sie sind für die Frage der Aufrüstung nicht entscheidend. Denn bei der Wiederaufrichtung des deutschen Militarismus handelt es rieh um die Lebensfrage der Diktatur. Ihre Gewalt ist zunächst stark genug, die Steigerung der Rüstungen auch um den Preis der weiteren Verelendung der deutschen Wirtschaft und des deutschen Volkes durchzuhalten. Und mit dem neu geschliffenen Schwert glaubt sie zuletzt doch aller Schwierigkeiten Herr zu werden! Dr. Richard Kern. und wenn einer von den kriminellen Häftlingen sich schlecht betrug, kam er in die politische Abteilung hinüber, damit sie ihn dort»klein kriegten«. Ein Häftling fand den Tod durch Sturz aus dem Fenster. Daß er, wie behauptet wurde, selbst hinausgesprungen wäre, glaubte keiner der Gefangenen. In Essen kam Spansier in eine Mörder- -«lle, ein gepanzertes Verließ, wo er fünf Monate verblieb. Eine Beschwerde über den langsamen Gang seiner Sache mußte er zurückziehen auf die Drohung des Untersuchungsrichters, daß es sonst noch länger dauern würde. Acht Tage vor der Verhandlung erhielt Spansier die Zustellung, daß seine Sache vor das' Volksgericht In Berlin käme, einen(!) Tag vor der Verhandlung bekam er seinen deutschen Pflichtverteidiger zu sehn,— sein holländischer Verteidiger wurde nicht zugelassen. Die Verhandlung dauerte 3(4 Stunden. Der Verteidiger Spansiers begann seine»Verteidigung« mit der Versicherung, daß er als Nationalsozialist den Angeklagten nur gezwungen verteidige. Die Verurteilung erfolgte prompt nach dem Antrage des Staatsanwalts. Nach dem Urteil kam Spansier in das Gefängnisse Tegel. Das Essen war dort so ungenügend, daß Spansier vollkommen abmagerte. Sein Antrag auf Zusatznahrung wurde dahin abgetan, daß der Gefängnisarzt ihn fragte, was er früher gewogen habe. Auf Spansiers Antwort brummte der Arzt»viel zu viei« und drehte ihm den Rücken. Das war alles. Als dagegen einmal eine englische Kommission die Berliner Gefängnisse Inspizierte, bekamen die Gefangenen Besen, wie sonst in der ganzen Zeit, selbst zu Weihnachten nicht! Gen. Spansier zog sich eine Mittelohrentzündung zu, die Ihn ins Lazarett bracht«. Nachher war er von dem tägliche� Straf- exerzieren befreit, das in Deutschland Jet«1 an die Stelle der früheren Spaziergänge hu Gefängnis getreten ist. Seine Zelle war ungenügend erwärmt, er konnte vor Hunger und Kälte vielfach nicht schlafen. Seine vorzeitige Entlassung ist wahrscheinlich erfolgt, um sich nicht durch schwerere Haftschadigungeu ausländische Komplikationen zuzuziehen. Man kann sich danach etwa ausmalen, wie es deutsche Strafgefangene haben, hinter denen niemand steht. Es ist Terboten Neue Geheiminstruktionen des Keichs- propagandaministeriums an die Deutsche Presse, erste Märzwochen. „Es war nicht erwünscht, daß in verschiedenen Zeitungen darüber berichtet worden ist, der preußische Ministerpräsident G dring habe dem Staats- Schauspieler Eugen Klopfer zu dessen Geburtstag einen Mercedes-Wagin geschenkt." ,Xs ist dringend verboten, über V erfehl an g e n des bayrischen Wirtschaftsministers Esser zu berichten. Ebenso darf darüber nicht berichtet werden, daß Esser sich von der bayerischen Industrie Geldmittel für einen- Kampffonds hat geben lassen, über den er weder der Reichsregierung noch der Parteileitung Mitteilung gemacht hat. Gerüchte, daß Esser sich bei dem Münchener Karneval der Tochter des Besitzers des Hofbräuhauses unziemlich genähert habe und von dem hinzukommenden Vater deswegen mißhandelt worden sei, dürfen unter keinen Umständen erwähnt oder dementiert werden." * „Es ist nicht erwünscht, daß anläßlich des Todes des bayerischen Ministers Schemm erwähnt wird, daß dieser für seinen Privat gebrauch zwei Sport- flugzeuge besessen habe." ♦ „Ueber die Aufnahme von T ank- Eabrikation in dem früher stillgelegten Werk Marienfelde der Daimler- Benz A. G. darf auch im Wirtschafts- teil nicht berichtet werden." * „Zur Information: Das Deutsche Apotheken wesen soll innerhalb von zwei Jahren ent jud et werden. Jüdische Apothekenbesitzer, die bis zu diesem Termin ihr Geschüft nicht verkauft haben, sollen zugunsten arischer Bewerber enteignet werden." * „Gerüchte über eine Ernennung des Herrn von Ribbentrop zum Staatssekretär im Auswärtigen Amt an Stelle von Biilow sind nicht zu verzeich nen." * „Die Reichsregierung erwartet von der gesamten deutschen Presse, daß sie die bedeutsamen außenpolitischen Ereignisse der nächsten Wochen absolut unter einheitlichem Gesichtswinkel betrachten wird. Es wird nochmals ernstlich darauf hingewiesen, daß jede Andeutung über zu erwartende Beschlüsse der Reichsregierung, sowie Betrachtungen über Notwendigkeiten, aus denen die Verhandlungsgegner gewisse Folgerungen ziehen können, unter allen Umständen zu unterbleiben haben. Es werden den Zeitungen fallweise geeig nete Richtlinien zugehen." * „Es erweist sich als notwendig, die Handclsredaktionen mit allem Nachdruck und unter Erinnerung an gewisse Konsequenzen darauf hinzuweisen, daß bei der Besprechung der deutschen Börsenvorgänge immer wieder die Belange der nationalen Wirtschaft zu wenig berücksichtigt werden. Es ist festgestellt, daß verschiedene Börsenberichte der letzten Zeit in manchen Bevölkerungskreisen Inflationsbefürchtungen hervorgerufen haben. Derartige Erscheinungen sind unter allen Umständen zu vermeiden. Es kann auch nicht Aufgabe der Handelsredaktionen sein, jede Kursschwanhmg an den Börsen als einen wichtigen Vorgang darzustellen." „Im Zusammenhang mit der geplanten Luftschutzübung sind erneut Gerüchte über sogenannte T od esst ra h l e n, mit deren Hilfe man feindliche Flugzeuge aus der Luft holen könne, verbreitet. Ohne daß die deutsche Heeresleitung dazu Stellung zu nehmen wünscht, würde sie es lieber sehen, wenn derartigen Gerüchten und auch Kombinationen über Möglichkeiten kein Raum in der Deutschen Presse gewährt wird." * „Meldungen ausländischer Blätter, daß die Dan zig er SA mit Infanterie- sewehren und scharfer Munition ausgerüstet werde und ebenso die Schutz- Polizei. sind unter keinen Umständen zu veröffentlichen, auch nicht zu dementieren." lll&SMitld Jim WolHe Frankreich 1933 marschieren? Den Aufruf, den Hitler am 16. März zur Begründung seines internationalen Staatsstreiches»An das deutsche Volk« erließ, ist in vielen Organen des Weltpresse scharf kritisiert und zurückgewiesen worden. Besonders interessant ist der Artikel, den Karl Radek in den Moskauer»Iswe- stija« vom 20. März gegen den Aufruf richtet.»Dieses Manifest— schreibt Radek— verbirgt die grundlegende Tatsache, daß das deutsche Monopolkapital die Faschisten an die Regierung ließ, um Deutschland bis an die Zähne zu bewaffnen und den Kampf für eine Neuaufteilung der Welt zu beginnen. Das Manifest des Herrn Hitler verbirgt die sache auch internationale Anerkennung finden. Es sei auch nicht notwendig, die Genfer Abrüstungskomödie bis ins Endlose mitzumachen. Es genüge, den Willen Frankreichs, nicht abzurüsten, vor der ganzen Welt klarzustellen, um dann die Konferenz mit dem Bemerken zu verlassen, daß damit der Friedensvertrag von Versailles von den Signatarmächten selbst verletzt sei und Deutschland sich vorbehalten müsse, daraus unter Umständen die entsprechenden Konsequenzen zu ziehen. Gleichzeitig müsse man auch die Einheitsfront der Sagnatarmächte zu verhindern suchen und insbesondere einen Keil zwischen England und Frank- Monate vor Einzelheiten Tatsache, daß die faschisüsche Regierung im| r e i c h treiben. Man sieht: die Taktik, die Verlauf von zwei Jahren mit eiserner Konse- zwei Jahre lang von Hitler getrieben wurde, quenz das Programm verwirkhehte, mit dem" bis er am 16. März den Versailler Vertrag es an die Macht gelangt war.« j » Radek verweist auf ein früheres Manifest Hitlers, das zum Verständnis seiner jetzigen Proklamation unerläßlich sei; auf den»Offenen Brief« Hitlers an Papen vom 16. Oktober 1032(auf den schon Leo Trotz- ki im vorigen Jahr in einem viel beachteten Artikel hingewiesen hat). In diesem Offenen Brief, der am 21. Oktober 1032 Im»Völkischen Beobachter« veröffentlicht wurde, suchte Hitler seinen damaligen Gegenspieler Papen dadurch zu diskreditieren, daß er dessen Taktik In Genf herunterriß. Hiebei deckte er unvorsichtigerweise die Grundlinien jener Politik auf, die er selber nach der Machtergreifung Zug um Zug verwirklichte. »Im allgemeinen— heißt es im Offenen Brief— werden auf Konferenzen niemals tiefgehende Veränderungen bestehender Zustände geschaffen, sondern Immer bereits vollzogene Vorgänge ratifiziert. Die Kräfte, die das Leben wirklich gestalten, treten nicht am Konferenztisch In Erscheinung. Das Leben schafft einen bestimmten Tatsach en- zustand und Konferenzen verwandeln Ihn höchstens in einen formalen Rechtszustand.« Zur Frage der Abrüstungsverhandlungen Ubergehend, erklärte Hitler weiter, daß der Bankrott der Abrüstungskonferenz unvermeidlich sei, da sich Frankreich niemals freiwillig mit der Aufrüstung Deutschlands einverstanden erklären würde. Deshalb müsse das Bemühen der deutschen Diplomatie darauf gerichtet sein, die Schuld an dem Bankrott der Abrüstungsverhandlungen Frankreich zuzuschieben. Man müsse immer wieder d 1 c Abrüstung Frankreichs fordern, und dürfe keinesfalls auf der Konferenz mit der Forderung der Aufrüstung Deutschlands hervortreten: »Nicht In Lausanne oder Genf wird aufgerüstet, sondern letzten Endes in Deutschland. Und nicht In Genf kann eine solche Aufrüstung auf die Zustimmung der anderen Nationen rechnen.« Wesentlich sei, fährt Hitler fort, daß die Umwelt vor eine vollendete Tatsache gestellt werde. Erst dann werde diese Tatzerriß, ist von ihm schon vier der Machtergreifung in allen dargelegt worden. Nach der Machtübernahme war Hitler von panischer Furcht beherrscht, daß sein taktischer Plan durchkreuzt werden könnte. Besonders groß war seine Angst vor einem Präventivkrieg, den Frankreich und seine Bundesgenossen inszenieren könnten. Dr. Otto Krlegk hat in seinem Buche»Das Ende von Versailles«(Berlin 1034) die starken Beklemmungen geschildert, die die Hitlerrcgierung in den ersten Monaten ihrer Herrschaft durchmachte. Aus Paris seien Nachrichten gekommen, daß der französische Generalstab Vorbereitungen zu einem Einmarsch In Deutschland treffe. Im Mal 1933 habe man in Paris mit allem Emst an die Besetzung einer Reihe westdeutscher Städte gedacht. Das war die Lage am 16. Mai 1033, deshalb habe Hitler am 17. Mai in seiner- Reichstagsrede ein»Friedensprogramm« entwickelt, daß die militärischen Pläne Frankreichs zerschlug und England auf die Seite Deutschlands brachte. Hermann Stegemann bestätigte in seinem Buche »Weltwende«(Berlin 1034), das vom deutschen Propagandaminlsterium angelegentlichst empfohlen wird,. diese Darstellung Kriegks. Auch die»Deutsche Allgemeine Zeitung« hob nach dem Tode Hindenburgs in einem Artikel vom 12. August 1034 den ungeheuren Emst der damaligen Situation hervor und veröffentlichte als Beweis das(nebenstehende reproduzierte) Fak» simile eines Briefes Hindenburgs an Staatssekretär Meißner vom 16. Mai, in dem er erklärte:»Ich bin in dieser Zeit natürlich Tag und Nacht zu sprechen.« Radek faßt das Ergebnis seiner rückschauenden Betrachtung in folgenden Sätzen zusammen; »Wir wissen nicht, ob die deutschen Behauptungen, daß Frankreich Westdeutschland und Polen Ostpreußen besetzen wollte, den Tatsachen entsprechen. Fest steht aber jedenfalls, daß Deutschland das befürchtete, und um Zeit zu gewinnen, eine»Friedensoffensive« eröffnete, deren Ziel es war, die französischen Verbündeten von Frankreich zu trennen und eine Brücke nach England hin zu schlagen. Erst nachdem Deutschland die Ueberzeugung gewann, daß Polen nicht nur nicht die Absicht hatte, gegen es aufzutreten, sondern zu einem Kompromiß geneigt war; und erst nachdem Deutschland sah, daß England sich den Anschein gab, daß es das deutsche Spiel nicht verstünde, beschloß Hitler, den Völkerbund und die Abrüstungskonferenz zu verlassen und das Tempo seiner Kriegsvorbereitungen zu beschleunigen. Noch einmal erwies sich Deutschland in einer Gefahrenzone, als im Juli 1034 Dollfuß ermordet und der von Deutschland aus geleitete Aufstand der österreichischen Faschisten unterdrückt wurde. Aber auch dieser Sturm ging ohne Folgen vorüber, die ernster gewesen wären, als die italienische Demonstration gegen den deutschen Versuch einer Okkupation Oesterreichs. Als im November 1034 der Sondergesandte Hitlers, Herr von Ribbentrop, die Bereitschaft der englischen Regierung feststellte, die deutschen Rüstungen zu legalisieren, wußte Deutschland, daß die erste Tour seines t Kampfes ohne besonderes Risiko gewonnen werden könnte. Unter der Zusicherung, sich über alle strittigen Fragen zu verständigen, veranlaßte es die englische Regierung, einen Druck auf Frankreich auszuüben. Und nachdem es die prinzipielle Anerkennung der Möglichkeit der Aufhebung des Teiles V. des Versailler Vertrages im Kommunique vom-, 3. Februar 1035 erlangte, sagte sich Deutsch-» land; Jetzt kann man ohne jegliches Risiko handeln. Wenn Europa sich an die deutschen Rüstungen so sehr gewöhnt hatte, daß es lediglich um den Preis für ihre Legalisierung feilschte, so brauchte man ihm auch diesen Preis nicht zu zahlen, sondern konnte durch einen einseitigen Akt die Aufrüstung offen proklamieren«. »Dies ist,— schließt Radek— die geschichtliche Wahrheit, die im Aufruf Hitlers nicht zu finden ist. Berlin feiert seinen Sieg und es hat ernste Gründe dafür. Aber dieser Sieg bedeutet eine gewaltige Verschärfung der Lage in Europa und rückt die Frage der Organisation der europäischen Sicherheit in ihrem ganzen Umfange in den Vordergrund«. „Nur zur Information an die Handelsredaktionen, Veröffentlichung verboten: Die Arbeit erbank hat in letzter Zeit große Käufevon Daimler-Aktien vorgenommen, insgesamt 2 Millionen von 26 Millionen. Offenbar soll Erwerb einer sogenannten Sperrminorität(10 Prozent des Kapitals) erreicht werden. Um dem vorzubeugen, wird Daimler eine Kapitalerhöhung von 6 Millionen vornehmen, was durch große Aufträge seitens des Reichswehrministeriums möglich. Reichswehrministerium wünscht unter keinen Umständen Einfluß der Arbeiterbank auf Daimler." « „Medizinische Kommentare zur Erkrankung des Führers sind unerwünscht." * „Es wird daran erinnert, daß jede Berichterstattung über militärische Neuerungen, soweit sie das deutsche Heerwesen treffen, unerwünscht ist. Im Interesse der Reichspolitik ist es aber, die deutsche Oeffent- lichkeit dauernd über die militärischen Vorgänge bei den Nachbarn aufzuklären.", • „Es ist nicht erwünscht, bei der Erörterung der außenpolitischen Zielsetzung der Reichsregierung gewisse territoriale Fragen, wie sie durch die Versailler Klauseln geschaffen worden sind, anzuschneiden. Die von der Reichsregierung in Erwägung gezogenen Maßnahmen gestatten nicht, daß die außenpolitische Vorbereitung durch Presseerörterung gestört werden. Die Reichsregierung wird dem ihr geeignet erscheinenden Augenblick bestimme n." * „Gegen die Leiterin der nationalsozialistischen Aktion„Mutter und Kind" mußte eine Untersuchung wegen angeblicher Unterschlag nn- gen eingeleitet werden. Es ist bis zum Abschluß der Untersuchung nicht darüber zu berichten." sechs Monaten dem Konzentrations- 1 a g e r Dachau zugeführt, weil er sich eigenmächtig von der Baustelle entfernt und grundlos die Arbeit verweigert hatte.« (Aus der»NSZ-Rheinfront«.) Die Wchrpflidit der Müllkästen »Selbst auf der deutschen Straße ist der neue Geist zu spüren... Die Müllkästen sdnd so stramm auagerichtet, als hätten sie Haltung eingenommen.---'—*■ Aus einem deutschen Zeitungs-Feuilleton. Deutsehlands Welistellung Die Sklaverei »Ein Arbeiter in Frankenthal«, dem Arbeit zugewiesen worden war, wurde in Schutzhaft genommen und auf die Dauer von »So, nun bleib still sitzen, Liebling. hast deine Ehre wiedergewonnen!« Du (Populaire.) Bli«k In die Wodie In der rheinischen Stadt Siegburg wurden dieser Tage neun mehr oder minder>alte Kämpfer« Adolf Hitlers wegen Meineids zu Strafen zwischen 13Vi und 15 Monaten Gefängnis verurteilt. Einem der sittlichen Erneuerer wurde nachgewiesen, daß er sieben seiner Kameraden unter Terror zum Meineid gezwungen hat. Das Gericht schloß aus Gründen der Staatssicherheit die Oeffent- lichkeit aus und erklärte sich im übrigen für Begnadigung der Verurteilten, denn sie seien wackere Männer, die aus ehrenhaften Motiven gehandelt hätten. Sonderbar genug, daß man sie unter dem Druck einer noch immer nicht bis zur Höhe der Hitlermoral emporgestiegenen Bevölkerung überhaupt angeklagt hat, denn sie haben sich um das Dritte Reich wohl verdient gemacht. Durch ihre, wie man sieht, im Interesse der Staatssicherheit geleisteten Meineide, sind im September 1933 die Sozialdemokraten Klett, Sattler, Schulz, Dick, Lemmer und Schröder zu insgesamt 61 Jahren Zuchthaus verurteilt worden. Nur! Denn es wurde ihnen durch jene Eide vorgeworfen, sie hätten bei der Verteidigung des sozialdemokratischen Volkshause s in der Nacht zum 15. Februar 1933 den SS-Mann Müller erschossen, einen als Krawallbruder treu erprobten Gefolgsmann Adolf Hitlers. Daß das Volkshaus von Schüssen und Steinwürfen der Belagerer zahllose Spuren aufwies, die zeigten, wer angegriffen hatte, kam bei der Uiteilsfindung nicht in Betracht. Es genügt für die Verhängung von 61 Jahren Zuchthaus, daß einer der Sozialdemokraten in höchster Not einen Schreckschuß abgegeben hatte. Auch daß die Schußverletzungen und die Lage des Müller auf der Straße die Vermutung fast zur Gewißheit werden ließen, er sei absichtlich oder bei der nervösen Schießerei unabsichtlich von seinen Kumpanen getötet worden, blieb außer Betracht, Glücklicherweise brachten die meineidigen Kerle das von der Bevölkerung gleich geforderte Wiederaufnahmeverfahren gegen die unschuldig im Zuchthaus ihrer Heimatstadt eingekerkerten Sozialdemokraten auf echte Naziart selber in Gang. In der Partei und in der Verwaltung befördert, soffen und hurten, die Banditen, daß es ein öäentlicher. Skandäl wurde. Einer der Brüder, Büfgöf-" meister von Siegburg geworden, wurde mitsamt seinem PoUzeiinspektor wegen schweren Amtsmißbrauchs, gerichtlich verurteilt und aus dem Amte gestoßen. Die verurteilten Sozialdemokraten, bis auf den einen, der den Schreckschuß abgegeben hat, wurden aus dem Zuchthaus in Untersuchungshaft überführt. Das Wiederaufnahmeverfahren wurde schon vor Monaten beschlossen. Es kam und kam aber nicht vom Fleck. Nun wird es der große Nazi-Meineidsprozeß vielleicht etwas mehr in Gang bringen. Ob aber ein Gericht die durch Nazi-Schufte schuldlos ins Zuchthaus gebrachten Sozialdemokraten freizusprechen wagt, steht noch dahin, von einer Entschädigung für die unschuldig erlittene Strafe und für die bittere Not ihrer Frauen und Kinder und die seelischen Qualen gar nicht zu sprechen. Ein Einzelfall?' Die Nachprüfung der in den letzten beiden Jahren ausgesprochenen Urteile durch unparteiische und nicht vor Angst bibbernde Richter würde ergeben, daß ungezählte Jahre Kerker auf Meineiden beruhen wie in Siegburg, und wer weiß, wie viele sozialistische und Arbeiter den Kopf unter Qörings Henkerbeil legen mußten, weil Parteigänger Hitlers falsch geschworen haben— ans»ehrenhaften Motiven«. •«• Der Reichswehrminister Blomberg hat im»Völkischen Beobachter« einigen Aufschluß über die noch ausstehenden Einzelbestimmungen der allgemeinen Wehrpflicht gegeben. Die Dürftigkeit seiner Darlegungen läßt vermuten, daß man vielleicht mit dem neuen Wehrgesetz hinter dem Berge halten will, bis sich das Unwetter, das über die europäische Diplo- matie hereingebrochen ist, ewas verzogen hat. Aber eine wichtige Innerpolitische Mitteilung hatte Blomberg zu machen, und die ist selbstverständlich»sozialistisch«; das Einjährige wird abgeschafft. Wäre dem so, nur eine alte sozialdemokratische Forderung wäre damit erfüllt. Leider bewegt sich aber der Reichswehrminister in nur sehr ungenauen und absichtlich verschleierten Ausdrucken. Er deutet an, daß auch die neue Armee Bevorzugungen in der Dienstzeit und in der Beförderung kennen wird. Nur soll die Schulbildung— angeblich— außer Betracht bleiben. Was Wunder, da es den allermeisten Nazibonzen, wie Hitlers Beispiel zeigt, bei allem guten Willen und ausreichendem Geldbeutel ihrer Eltern nicht möglich ist, die Sekundareife zu erreichen. Man-wird also andere Wege suchen und finden, das Avancement für diejenigen zu erleichtem, die der regierenden Naziclique und ihrer Reichswehr angenehm sind. Jeder, der selbst oder von seinen Eltern her im Verdacht der Unzuverlässlgkeit steht, wird die allgemeine Dienstpflicht als Gemeiner zu absolvieren haben, ohne auch nur den Rang des deutschen»Führers«, also des Gefreiten zu erreichen. Die Gemeinen werden von den Unteroffizieren aus dem braunen Bonzenstande und erst recht von der Offizierskaste streng geschieden sein. Es wäre eine lächerliche Illusion, anzunehmen, daß in einem Staate, der in allen seinen Funktionen auf dem Führerprinzip oben und auf der Duckmäuserei unten beruht, ein■wirkliches Volksheer kommen könnte. Die großen Gedanken eines Volkes in Waffen für die Wahrung seiner Inneren und seiner äußeren Freiheit leben in der sozialistischen Tradition von Friedrich Engels über August Bebel zu Jean J a u r ö s und sind im Erfurter Programm und seinen Erläuterungen klassisch formuliert. Sie werden Wirklichkeit werden in einem Deutschland sozialistischer Freiheit. *** Es gibt in Deutschland keine Klassen mehr. Eine einige und einzige Volksgemeinschaft lebt, die nun stets zum Schutz und Trutz brüderlich zusammenhält. So versichert uns täglich die nationalsozialistische Presse, und ihr Führer predigt es in allen seinen Reden, aber das Einkommen dieser deutschen Brüderschaft ist so unbrüderlich wie nur möglich verteilt, 65 v. H. aller erwerbstätigen Deutschen bleiben unter einem Monatslohn von 125 Mark, und weitere 25 v. H. erreichen auch nur bis zu 250 Reichsmark monatlich. Die NS-Kultur- gemeinde scheint von diesen Einkommensverhältnissen noch nichts erfahren zu haben; sie scheint nur noch die Nazibonzokratie zu kennen. Darauf läßt die jüngst in Berlin eröffnete Ausstellung»Kultur im Heim« schließen, die den Deutschen mit proletarischem Einkommen zumutet ihre Häuslichkeit mit Stehlampen zu 100 Mark, mit Obstschalen zu 30 Mark, mit Teppichen zu 175 Mark, mit Sesseln zu 145 Mark und Schränken zu 1000 Mark zu schmücken. Das Ehestandsdarlehen mit 1000 Mark, das jetzt auch nur noch zögernd gegeben wird, reicht gerade aus, einen solchen Schrank zu kaufen. Die Ausstellung beweist daß den nationalsozialistischen Wohlfahrtsdamen, wie es bei ihren bürgerlichen und feudalen Vorgängerinnen stets der Fall war, der Sinn für eine Wohnungskultur, die den breiten Volksschichten dient vollkommen fehlt Die Produktions- und Erziehungsarbeit die für den Bau und den Schmuck gesunder einfacher Wohnstätten von der marxistischen Arbeiterbewegung geleistet wurde, ist seit zwei Jahren abgebrochen, und die auf persönliche Bereicherung und üppige Lebensform bedachte nationalsozialistische Bonzenschicht hat für die Massen keinen Ersatz zu bieten. ♦ Der Hauptschriftleiter der»Kölnischen Zeitung« und ihres»Stadt- Anzeigers« Dr. Schäfer war für einige Tage eingesperrt, weil er gewagt hatte, an der parteiamtlichen Kontrolle über den Bezug bestimmter Zeitungen sanfte Kritik zu üben. Daß er rasch wieder frei kam, verdankt er wohl nur dem Umstände, daß sein Blatt eine der zwei oder drei deutschen Zeitungen Ist, die im.Auslande noch beachtet, und die daher vom Reichsaußenministerium im Rahmen seiner schwachen Befugnisse etwas geschützt werden. Immerhin ist ein- Ehrengerichtsverfahren gegen ihn anhängig mit dem Ziel der Streichung aus der Berufsliste, also der Existenzvernichtung. Mehr als das interessiert an dem Falle dies: der sündige Schriftleiter befand sich in dem schönen Wahn, die Kontrolle über den Bezug bestimmter Zeitungen durch die Parteistellen, also der brutalste geschäftliche Terror auf Bezieher und Inserenten sei nicht mehr zulässig. Demgegenüber wird feierlich erklärt, der Präsident der Reichspressekammer, Reichsleiter A m a n n, als Geschäftsführer des»Völkischen Beobachters« und des zentralen Parteiverlags ein Hauptinteressent, habe nach wie vor angeordnet, daß die Kontrolle, welche Zeitung ein Staatsbürger beziehe, eine wichtige Aufgabe der NS-Presse sei. Die»Kölnische Zeitung« gibt kleinlaut zu, daß sie unrichtig informiert worden sei und fügt sich, wie so viele andere deutsche Zeitungen mit ihr, in das Schicksal allmählich ruiniert zu werden. Sik hiädtUm pk Zcpptelinomamc und KriegspsydiOKe— Herr Doktor Eckencr hat es wieder einmal gesdiafft Es wäre ganz unbegreiflich gewesen, wenn im chaotischen Finale der hitlerdeutschen Kriegsvorbereitungen eine deutsche technische Errungenschaft, über deren Wert sich die Problematiker und che Praktiker der Aviatik bisher nicht haben einigen können— wenn nicht der»Zeppelin« mit allen militärpsychologischen Drum und Dran dabei mitwirkend gewesen wäre. In der Tat ist vierundzwanzig Stunden nach Verkündung des Bruchs, den Deutschland hinsichtlich der Militärbestimmungen des Versailler Vertrages unternommen hat, unter Vorsitz des frischgebackenen»Fliegcrgenerals« Gering eine Luftschiff-Verkehrsgesellschaft mit dem Sitz Berlin gegründet worden, die sich auf neun Millionen Mark vom freigebigen Reich gestifteter Kapitalsgrundlage stützen darf und bei der als Aufsichtsratsvorsitzender— nun, wer könnte es schon anders sein?!— Herr Dr. Ecke- n e r fungieren wird. Im übrigen hat Göring seine treuesten blonden und blauäugigsten Mamelucken, so den Commodore Christensen, einstigen Führer der längst wieder vergessenen, technisch ganz verkorksten Do X, den er schon zum Polizeipräsidenten avancieren ließ, dort, bei den geduldigen neun Millionen, zur Zivilversorgung untergebracht. Wer es einmal unternehmen sollte, die Geschichte des neupreußischen Militarismus zu schreiben, und von ihm eine Art Psycho- Analyse zu geben— von diesem Gemisch von vulgarisiertem kategorischem Imperativ, Technomanie, uniformierter Verstofflichung, Zahlenwahn und Kraftpsychose— der kann nicht an den deutschen Zeppelinen und ihrer beinahe grotesk-tragischen Geschichte vorbei. Was hieß und wog bei dieser Psychose das ernste Grundproblem der Aviatik»leichter« oder»schwerer als die Luft«?! Wir, einzig wir, hatten sie ja doch, die schimmernden Elefanten des Aethers, vor denen einmal England, das perfide, im bisher unerreichbarem Inselraum, erzittern sollte! Das war so die Grundstimmung ums Jahr 1914 herum... Das Kurioseste war, daß sich sogar anfangs die kühlen Engländer tatsächlich dadurch bange machen und bluffen ließen. Dann kam die große Probe aufs Exempel. Am Ende stand— nach einer Hekatombe schauerlich geopferter Menschen und nach Verwüstimg des letzten moralischen Kredits Deutschlands — das absolute Urteil aller militärischen Sachverständigen der ganzen Welt: die Zeppeline sind für die Kriegsführung völlig unbrauchbar; ihr eventueller Nutzen steht In gar keinem Verhältnis zu den Kosten ihrer Konstruktion und den Opfern ihrer Unterhaltung. Noch nicht einmal für den bescheidenen»Aufklärungsdienst«— bei der einzigen Entscheidung, die damals zur See, bei Ska- gerak, fiel, waren sie tauglich verwendet worden. Das Wichtigste aber, daß Militärdeutschland jahrelang seine Mittel in den formldablen Traum des schwäbischen Grafen gesteckt hatte und dafür das brauchbare Instrument moderner Kriegsführung, das Flugzeug, fast ganz vernachlässigt hatte, begriff das Volk der Dichter und Denker auch noch nicht, als das militärische Todesurteil an der Zeppelinitls schon vollstreckt war. Nichts ist bezeichnender für den Geist, der wieder in Deutschland umgeht, als daß die»Wieder- wehrhaftmachung« der Deutschen nicht abgeht, ohne daß jetzt das technische Proble- matikum, das der kritiklosen Masse nun einmal imponiert, wieder, koste es, was es wolle, eine militante Rolle spielen muß. Wer wundert sich, daß bei diesem halb tragischen, halb belustigenden Spiel der knorke Regisseur Dr. Eckener an vorderster Stelle das Händchen mit aufhält?! Ist dieser EclÄher nicht ein Typus des Deutschen, wie er nicht sein soll, im WUhelminia- mus aber so gezeugt und geformt wurde, daß nur an diesem Typus das weltgeschichtlich unerhörte Clownsexperiment der,»Gleichschaltung« möglich war? In der»Frankfurter Zeitung« hatte Herr Eckener einmal jahrelang die Zeppeline als technisch im Prinzip verfehlt bekämpft. Nichts hinderte ihn später, als die Reichszuschüsse nach Millionen zu zählen anfingen, mit beträchtlichstem Gebrauch des Ellenbogens eines strebsamen Mannes den goldenen Ruhm der deutschen Luftschiff-Autorität für sich einzuheimsen, Von der Sache selbst verstand er weniger als seine Bordmonteure; aber dafür bedurfte die Zeppellnltis eines nach amerikanischen Begriffen ausgefuchsten Geschäftsmannes... Herr Eckener wurde— natürlich ein sehr entschiedener Republikaner als die Republik kam. Gegen Herrn Hitler schwang er noch bei der letzten Präsidentenwahl zwar nicht seinen Speer, aber seinen Füllfederhalter. Nun ist er ganz»alter Kämpfer« im Dritten Reich! Ein nordischer Typ, was, dieser Eckener? So etwas von einem Wikinger hat er an sich, nicht wahr? Nur das mit dem gutgefütterten Bankkonto, das hat es zu Osafs Zelten freilich noch nicht gegeben. Krieg und Geschäft, Patriotismus und Busineß— wo wäre die beliebte Mischung aromatischer als hier! F. E. Roth. »» Volksgemeinschaft" an der Saar Aus Saarbrücken schreibt man uns: Wie der saarländischen Presse aus den jüngsten Tage zu entnehmen war, hat das neuerrichtete»Büro des Reichskommissars für die Rückgliederung«, also Seine braune Hoheit Herr Bürckel selbst, folgende Verfügung erlassen: »Die Stahlhelm-Ortsgruppe Sulzbach hat es für notwendig gehalten, ein Telegramm des Redchamini- sters Seldtezu verbreiten, in welchem dieser den Führer des saarländischen Stahlhelms angewiesen hat,, sofort mit dem Reichskommissar Gauleiter Bürckel in Verbindung zu treten und den Stahlhelm mit den alten Kameraden neu zu organisieren. Die Verbreitung dieses Flugblattes stellt eine Auflehnung gegen das erlassene Verbot dar. Das Verhalten des Stahlhelms am Befreiungstage, an welchem diesem sowie allen anderen Verbänden aus grundsätzlichen Erwägungen eine Beteiligung am Vorbeimarsch an dem Führer verboten wurde, liegt auf der gleichen Linie. Damit das Verbot umgangen werden konnte, hatte man eine AbteUung Stahlhelm aus Stuttgart kommen lassen, die sich sodann am Vorbeimarsch beteiligte. Um auch den letzten Zweifel zu beseitigen, wird erklärt, daß es bei der al le rs t r e n g s t e n Durchführung des erlassenen S t ah 1 h e 1 m v e r- b o t e s bleibt. Der Flugblattverteiler bezw. der Urheber der Verbreitung befindet sich in Haft. Die zwischen dem Reichskommissar Gauleiter Bürckel und dem Stahlhelmführer für den 2. Mai 1935 angesetzte Aussprache ist auf Grund des Vorkommnisses auf den 2. Juni 1935 verschoben worden.« Die»Saarbrücker Zeitung« vom 24. März bringt dieses Bulletin des regierenden braunen Tyrannen in Fettdruck auf Seite 2. Auf Seite 4 aber verabschiedet sie die nunmehr beendigte Tätigkeit des»Bundes der Saar-Vereine«. Bei einer Wiedersehensfeier, welche die»Bundeskameraden« sich in Saarbrücken gegeben haben, sagte der Hauptredner Vogel(nach dem Bericht der Zeitung): »Wir sind stolz darauf, daß wir unsere überparteiliche Linie niemals verlassen haben und den Gedanken nationaler Volksgemeinschaft in unserer Saarvereins-Arbeit verwirklichten, wie er heute im nationalsozialistischen Staat seine höchste Vollendung gefunden hat.« Es gehört, wenn man von dem bösartigen Konflikt dieser beiden Rivalen, Stahlhelm und Nazis, soeben Kenntnis genommen hat, doch wohl eine ganze Portion Mut dazu, an diese Behauptung die entsprechende Druckerschwärze zu verschwenden. Wie mag es übrigens um die»nationale Volksgemeinschaft in der Vollendung« beim Reichskabinett selbst aussehen, wenn ein Telegramm eines immer noch amtierenden Reichsministers die Empfänger mit dem Kittchen des nationasozialistischen Staates bekannt macht? Aber das mögen am besten die Saarländer selbst beantworten, von denen neunzig Prozent es ja so gewollt haben! Freizehpflege In einer Hildesheimer Zeitung finden sich unmittelbar nebeneinander folgende Ankündigungen: Schlachtefestfahrt nach Lechstedt, Hauptschriftleiter des S t ü r m e r' Karl Holz, spricht, er leuchtet hinein in die Geheimnisse des Judentums. Bund deutscher Mädel: Antreten! Quetschkommode mitbringen! Militärkonzert: 2. Teil Armeemärsche. großer Zapf enstrelch mit Gebet, Nur ein paar nebensächliche Bekanntmachungen, aber Hitlers ganze Gefolgschaft, w*6 sie brüllt und haßt, schießt und betet taucht vor uns auf. Nr. 94 BEILAGE 31. März 1933 Per Heilige Thomas Horns Am 1. April 1935 tritt im Vatikan das Konsistorium zusammen, um im Jahre seines vierhundertjährigen Todestages die Heiligsprechung des einstigen englischen Lordkanzlers Thomas Moore und des mit ihm zugleich auf dem Schafott verbluteten Londoner Bischofs Fisher zu beschließen. Diese Kanonisation bedeutet nicht nur eine Verlängerung des endlosen Verzeichnisses katholischer Heiliger, sondern auch eine Verneigimg vor einem Manne, dessen schriftstellerisches Werk im Kampfe um die Befreiung der unterdrückten Klassen eine nicht nur auf seine Zeit beschränkte Wirkimg gehabt hat Karl Kautsky hat ihm eine Schrift gewidmet, Max Beer behandelt sein Werk in seiner »Allgemeinen Geschichte des Sozialismus und der sozialen Kämpfe« sehr ausführlich, und wenn die Worte»Von der Utopie zur Wissenschaft« aus einem Buchtitel zu geflügelten Worten geworden sind, ist auch das ohne Moore nicht denkbar, denn er hat das Wort Utopia oder Utopie erst geschaffen. Es war im England der Regierung Hein- richs Vm., jenes jugendlichen Frevlers auf dem Thron, der seine politischen und persönlichen Schwierigkeiten jeweils durch den Scharfrichter zu beseitigen pflegte. Wirtschaftlich war diese Epoche durch das Emporsteigen des englischen Handelskapitals gekennzeichnet, das die alten Dorfgemeinschaften zertrümmerte, um die Bauern von ihren Ländereien zu vertreiben und den Grundherren die Möglichkeit zu geben, Schafzucht zu treiben und sich am Wollhandel mit Flandern zu bereichem. Politische Despotie und wirtschaftliche Verelendung des Volkes ergänzten sich, wie so oft in der Geschichte der Menschheit, zu gemeinsamem Unheil. Thomas Moore, der seinen Namen nach damaliger Humanistensitte in Morus lateinisierte, entstammte nicht den darben- ben Schichten des englischen Volkes, Sein Vater war Richter, der Sohn erhielt eine vorzügliche Erziehung, besuchte auch die berühmte Universität von Oxford und studierte neben der Rechtsgelehrheit, innerem Antriebe folgend, Theologie und Philosophie. Schon in jungen Jahren war er ein weit über die Grenzen Englands hinaus berühmter Gelehrter und als seine juristische Tätigkeit ihn auch zum höchsten Beamten des Königreiches, zum Lordkanzler, emporsteigen ließ, konnte er als eine der reprä- sentabelsten Persönlichkeiten Englands in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts geifertet werden. Wir haben heute, in dieser ungeheuren Wirtschaftskrise, um so mehr Veranlassung, uns seiner zu erinnern, als er, seiner Zeit weit voraus, der erste war, der, nach einer fast zweitausendjährigen Pause, wieder wie Plato, die Auffassung vertrat, daß das Glück der Menschheit eine radikale Aenderung der Eigentumsverhältnisse voraussetze, und diesen Stand- Punkt eingebend begründete. Morus sah, wie er in dem ersten, sozialkritischen Teil seiner»Utopia« ausführt, daß in einem Lande, in dem die Adeligen, Bankiers, Wucherer und Hofleute die größten Belohnungen und Gebühren erhalten, während für die Bauern, Landarbeiter, Schmiede, Tischler, Bergleute und andere Arbeitsleute, ohne die das Gemeinwesen gar nicht bestehen könnte, gar kei- he Vorsorge getroffen wird,— daß es in einem solchen Lande keine Spur von Recht Und Gerechtigkeit geben könne. Das Schicksal der Arbeitsleute sei sogar schlimmer als das der Arbeitstiere; Armut sei Ihr Lohn, so lange sie kräftig genug seien, beschäftigt zu werden, und Elend, wenn Alter und Krankheit sie arbeitsunfähig �achten. Die Gesetze seien stets gegen sie, 'he bestehende Ordnung nur eine Ver- ■�chwörung der Reichen, um ihr eigenes Wohlergehen zu sichem. Infolge der erschütternden Erfahrun- Sen, die Morus mit dem Aufkommen der Feldwirtschaft und der Verdrängung her Naturalwirtschaft machte, sah er •he Wurzel allen Uebels im Gelde �bst. Seiner Meinung nach würden •hie Verbrechen aufhören, wenn man die hhurichtung des Geldes beseitigte. Sogar hie Armut, die doch scheinbar aus Mangel � Geld entstehe, würde verschwinden, �erm das Geld verschwände. Bevor Morus dann seine Ideen über eine bessere Organisation der Menschheit auseinandersetzt, befaßt er sich mit dem heute noch genau so- aktuellen Problem Reform oder Revolution, ohne sich allerdings eindeutig zu entscheiden. Er bringt Gründe für und wider, zitiert Plato, der es als zwecklos abgelehnt habe, Gesetze für ein Land zu machen, in dem Sondereigentum herrscht, meint aber auch, man dürfe sich Reformen in einem kapitalistischen Staate nicht entziehen, denn»man darf das Schiff inmitten eines Sturmes nicht deshalb aufgeben, weil man nicht imstande ist, den Sturm zu beherrschen.... man muß vielmehr klug zu Werke gehen und die Sache diplomatisch behandeln, so daß, wenn man nicht in der Lage ist, das Beste zu erreichen, man wenigstens das Schlimmste verhütet« Um den praktischen Schwierigkeiten auszuweichen, die sich aus der ungelösten Frage nach dem besten Weg zu einem gemeinwirtschaftlichen Staat ergeben, läßt Morus seinen Helden Utopus eine rauhe und regenlose Halbinsel erobern und sie durch seine politischen, wirtschaftlichen und sozialpolitischen Maßnahmen zu einer Wohnstätte der Glückseligen(auf Griechisch Eutopia) entwickeln. So kann der Verfasser, ohne Rücksicht auf widerstrebende Kräfte nehmen zu müssen, organisieren und braucht sich um den Zwiespalt Reform oder Revolution nicht zu kümmern, denn es ist noch nichts vorhanden, das revolutioniert oder reformiert werden könnte. Er wird neu gebaut, wie es im Leben nirgends möglich ist, und so entsteht das, was man seit Morus eine Utopie nennt. Trotzdem bleibt in vielen Punkten interessant, wie sich Menschen vor vierhundert Jahren eine bessere Organisation vorgestellt haben, und es ist ein besonderer Ruhmestitel Moores, daß er in seiner Denkarbeit vor der Verneinung des geheiligten Privatbesitzes nicht zurückgeschreckt ist. Seine in Aussicht genommene Heiligsprechung verdankt er allerdings nicht diesen wahrhaft revolutionären Gedanken, sondern dem Märtyrertod, den er dafür erlitten hat, daß er es mit seinem katholischen Gewissen nicht glaubte vereinbaren zu können, einer der Ehescheidungen seines königlichen Herrn nachträglich seine Zustimmung zu geben. Morus hat in seiner Konstruktion nicht etwa schon die 250 Jahre später proklamierten Menschenrechte vorweggenommen. Der spätere englische Lordkanzler sieht keine Möglichkeit, äeine Gütergemeinschaft zur Grundlage des Staates zu machen, wenn es nicht doch Leibeigene für die schmutzigen und beschwerlichen Arbeiten gibt, und es ist für unser heutiges Empfinden ein schwacher Trost, daß er die Leibeigenschaft auf Sträflinge und landfremde Arbeiter beschränken wül, auch darin Piatos Spuren folgend, dessen gesellschaftspolitische Grundsätze auch nur für eine Oberschicht gedacht sind, die sich durch Sklaven- und Ausländerarbeit ernährt. Doch ist Moores Staat immerhin schon als demokratischer Bund autonomer Kreise gedacht, mit Präsidenten an der Spitze, die auf Lebenszeit gewählt werden und nur abgesetzt werden können, wenn begründeter Verdacht besteht, daß sie nach der Tyrannei streben, es herrscht allgemeine Schulpflicht(in Europa hat es noch Jahrhunderte gedauert, bis es so weit war) und Religionsfreiheit, allerdings nur innerhalb des Bekenntnisses zu Gott, eine Toleranz, wie sie mehr als 200 Jahre später Lessing noch immer vergeblich fordern mußte, der Krieg galt als grob und grausam, aber die Landesverteidigung wurde bejaht, und vieles andere mehr, an dem wir Menschen des 20. Jahrhunderts noch immer herumdoktern, da eben Morus nicht vermocht hatte, seine utopischen Ideen in europäische Wirklichkeit umzusetzen. Die Bedeutung der»Utopia« wird durch diese Feststellung nicht geschmälert Sie leitete eine endlose Reihe utopischer Romane ein, die den Menschen bessere Welten— mit und ohne Privateigentum— vorführten, sie stand an der Wiege der praktischen Versuche Owens und ist schließlich die Mutter aller modernen Parteiprogramme, im besonderen aber jener, die sich die Befreiung der Menschheit durch Ueberwindung des Privatkapitalismus zum Ziel gesetzt haben. Grenzen der Mystik Die Intellektnellen und das Dritte Reich. »Freiheit Gleichheit und Brüderlichkeit« waren für das in die Geschichte tretende Bürgertum keineswegs»betrügerische Parolen«, sieht man von dem in ihnen enthaltenen Selbstbetrug ab. Vielmehr ging es u. a. darum, die allgemeinen Voraussetzungen der kapitalistischen Entwicklung zu schaffen. Wenn nun heute der Geist des liberalen Bürgertums kaum noch vorhanden ist und sich auf allen Gebieten grundlegende Wandlungen vollziehen, so muß man doch beachten, daß dieser Entwicklung gewisse Grenzen gesteckt sind. Die Diskussion um die Stellung der Wissenschaft im Dritten Reich liefert ein interessantes Beispiel für diese Behauptung. Der aufsteigende Kapitalismus brauchte die freie Wissenschaft, die Schule und die Bildung, ohne sie wäre er nicht denkbar. Aber er braucht sie auch noch heute, wie auch andere Kreise sie nicht mehr entbehren können. Das führt nicht nur dazu, daß jene mit der wissenschaftlichen Forschung auf Tod und Leben verbundene Geselischaftsschichten sich gegen die Bedrohung der Wissenschaft durch das Rasseprinzip wenden, sondern bringt es auch mit sich, daß Vertreter der entwickeltsten Bourgeoisie In den verschiedensten Formen gegen die nationalsozialistische Mystik ankämpfen müssen, die für die Forschung und damit für die kapitalistische Produktion selbst eine große Gefahr darstellt Die nationalsozialistische Geisteshaltung ist nicht die des Großbürgertums, sondern— im Großen gesehen— die des versinkenden und darum in die Mystik sich flüchtenden Kleinbürgertums, das keineswegs im selben Maße auf die Wissenschaft angewiesen ist wie das moderne Großbürgertum. Ist auch dieses auf vielen Gebieten mystischen Ideologien zugänglich, so ist es doch andererseits gezwungen, weitaus realer und nüchterner zu denken als andere Schichten. Das Laboratorium der L G. Farben z. B. kann nicht den Geist von Rosenberga Mythos atmen. Und darum finden wir in der»Frankfurter Zeitung« stets große Artikel gegen«He heutige Mystik. Und umgekehrt Angriffe der Mystiker gegen sie und die DAZ. Die genannte Zeitung fragte z. B. in einem großen Artikel auf der ersten Seite ihres Blattes:»Intellektuell.— ein Aergernis?« und beklagte sich darüber, daß man in Deutachland nicht den feinen Unterschied zwischen »intellektueü« und»intellektualistisch« macht, wie es die Engländer tun. Freilich, heißt es welter, gibt es Menschen, die Uberschätzen die Möglichkelten des Verstandes. Aber das sind eben die»Intellektualisten« und für die normale Gedstestätigkeit habe der Engländer die Bezeichnung»Intellektuell«. In Deutschland aber, so wird geklagt, ist mangels Differenzierung jeder InteUektuelle der Gefahr ausgesetzt, ein Aergernis zu sein. »Das bat leider dazu geführt, daß — der Sicherheit halber— alle Intellektuellen zur Zeit in einen unangenehmen Ruf gekommen sind. Das tut uns Deutschen auf die Dauer nicht gut« Eine sehr interessante Erkenntnis! Ob der Verfasser dieses Artikels an die SA-Methoden in den Konzentrationslagern gedacht hat, als er schrieb:»So wenig man die Kraft verachten wird, well sie mißbraucht werden kann«, ist nicht klar ersichtlich, aber aus der Portsetzung dieses Satzes könnte man das entnehmen. Denn sie lautet:»... so wenig sollte man den Intellektuellen schmähen, weil es einen Mißbrauch geistiger Fähigkeiten gibt« Die die Kraft mißbrauchen, sind nämlich— gerade darum! — genau dieselben, die ihren Mangel an geistigen Fähigkeiten dadurch erträgüch tna- Au f er stehung ViiiiSiiiiitkd JU&it j&MsS � lr IrW w w wWW�r�r�r Wenn in Hltlerdeutschland geboxt"wird! chen, daß sie dleae als ein öffentHcbw Acrger- nis kennzeichnen. Andererseits sieht die F. Z. aber auch sehr richtig:, daß die Intellektnel- len in Deutschland darum in ein schlechtes Licht g:erieten, weil viele>anstatt in Würde ihre geistige Position zu wahren, eilfertige Bekenntnisse gemacht haben, deren Echtheit niemand glauben konnte.« Nicht etwa, daß alle»gegen den übermächtigen Strom hätten schwimmen« sollen, nein, nein, etwasmehrWUrde, das hätte schon genügt. Aber nun erhebt sich die nachdenkliche Frage: wo war die Würde des Herrn Kircher von der»Fkf. Ztg.« beim Anbruch des Dritten Reiches, und wie würde es um seine Würde heute stehen, wenn nicht hinter seinem Blatte großindustrielle Kräfte stünden? Was isf ein Emfer? Die Fremdwortvertilgung—»Deutscher rede deutsch«— wird im Dritten Reiche wieder einmal mit Volldampf betrieben, man, fühlt sich an die schönsten Kriegszeiten erinnert. In der»Deutschen Handelsschulwarte« z. B. erschien ein Aufsatz von Werbwart Weidmüller mit der Ueberschrift:»Der Anbietempfänger als ein Schlüsselbegriff für den Werbunterricht«. Anbieteempfänger ist offenbar, wer eine Anbiete empfängt. Aber unser»Werbwart« gibt sich mit seiner sprachlichen Neuschöpfung nicht zufrieden. Ein Begriff, der etwas auf sich hält, muß sich im Dritten Reiche abkürzen lassen, also verwandelt der Autor seinen Anbietempfänger in einen»Emfer« und versichert seinen jugendlichen Lesern, man könne als Kaufmann sehr viele»Emfer« bestreuen. Wenn die Emfer bestreut werden sollen, müssen sie zunächst in Kolonnen ausgerichtet sein, deshalb teilt er sie in nichtbezielte, nichtwerbgemeinte und Trcffemfer ein, in Anbietsucher und Nichtsucher. Für die Anbietsucher wiederum gibt es eine besondere Art von»S u c h- michworbsache n«. Die Handelsschüler und Leser der»Deutschen Handelsschulwarte«, eines durchaus schuloffiziellen Blattes, werden ihre armen Köpfe gewaltig anstrengen müssen, um ja keinen Emfer zu überspringen. Wie sagt man in Deutschland?»Unsere Schüler lernen bei ihren Lehrern zwar nichts— aber das lernen sie gründlich.« Das private Konzentrationslager Auf einem Schulungsabend des»Relchs- verbanda der deutschen Presse«, Landesverband Niedersachsen, sprach in Hannover der Chefredakteur des»Angriff«, Schwarz van Berk. Er nannte seinen Vortrag»Geständnisse eines Journalisten—.< Und er gestand wirklich sehr viel. Er begann damit, daß er den anwesenden Kollegen so etwas wie journalistischen Exerzienmte nicht gab. Unfreiwillig war wohl die Ironie, die in seine»Geständnisse« strömte. So sprach er davon, daß die deutsche Presse,»noch nicht recht eingeübt« sei und deshalb manchmal»falsche Griffe gemacht« würden. Diese »Uebungsfehler« gülte es,»auszuschei- Als der amerikanische Boxer Hainas In der Hamburger Sporthalle von dem Deutschen Schmeling knock-out geschlagen worden war — die Nase des Bürgers der Neuen Welt war zuletzt nur noch ein blutiger Fleisch- und Knorpelknoten, das eine Ohr war angeschlagen und wir worden sehen, daß auch»sein Gehirn gründlich durcheinandergerüttelt« war, wie es das offizielle Schlachtbullettn nicht verbergen konnte— so registrierte die Politik nach chesem»Ereignis der Fünf- undzwanzigtausend« auf jeden Fall folgende Wesentlichkeiten: Erstens: Max Schmeling bezeichnete es als sein größtes Glück, nach vollbrachtem Werk, daß der»Führer« selbst ihm beleg raphisch seine Huldigung übermittelt habe. Und zweitens: Mr. Hamas erhielt die Einladung, auf dem hohen Salzberg, auf des»Führers und Reichskanzlers« Landgut, in acht oder in vierzehn Tagen Nase, Ohr und Gehirn wieder auszukurieren. Bei dieser Mischung des Sportlichen und des Politischen ist es in jedem Falle lehrreich, wenn auch vielleicht trostlos, am einzelnen Falle zu studieren, in welche Niederungen einerseits sich etwa der Nationalismus führen läßt, ohne daß sich die Haare der Miterlebenden einzeln sträuben(im Gegenteü, jene tun mit heiser geschrieenen Kehlen und mit Im Krampf gestreckten Aenneln mit) und bis zu welchem hohen Grade andererseits eine geschundene menschliche Nase oder ein leicht blau geschlagenes Auge idealisiert und ins Transzendentale, überführt werden können. Lesen wir(in der offiziellen und glelchge- den«. Die Regierung, so sagte der journalistische Vertrauensmann des Propagandaministeriums,»habe gar nichts dagegen, wenn die Presse ihr eigenes Gesicht zeige«. Sie müsse aber vor allem dafür sorgen, daß die Leser »herausgerissen würden aus dem privaten Konzentrationslager der geistigen Gleichgültigkeit—!« Ein sehr interessantes Geständnis. Das deutsche Volk befindet sich, allen richtigen und falschen Gewehrgriffen der einexerzierten Joumaleska zum Trotz, Im»privaten geistigen Konzentrationslager der Gleichgültigkeit«. Gleichgültigkeit— dem terroristischen System gegenüber bedeutet aber innere Ablehnung. Dieser van Berk dürfte einmal die Wahrheit gesprochen haben. «.Ehret die Frauen!** In den»Eisernen Blättern«, München, klagt eine Frau von R.: »Als Frau empört es mich, was„über das Weib, das nicht geboren hat", heute überall gesagt wird. Alle weiblichen Wesen, die Gesundheit und Leben einsetzen, um Kinder, Kranke und alte Menschen zu betreuen, erscheinen ja danach einfach„als unehrenhaft".« Ja, der Ehrenkodex des Dritten Reiches ist schalteten Fachzeitung dem Berliner»Der Boxaport« aus acht oder neun vollen Spalten, die alle nur dem Ereignis gewidmet sind) das Wesentliche darüber: So fängt's an: »FUnfundzwanziigtauaend Menschen waren für 35 Minuten eine einzige zusammengeschweißte Einheit, die spontan zum Sleg- Heil kam, die ebenso spontan das Deutschlandlied anstimmte. Und von dieser halben Stunde zehren sie, leben von Ihr, begeistern sich an ihr.« Wie kurz und bündig Ist doch hier in ein paar Sätzen das ganze Geheimnis des Dritten Reiches eigentlich enthüllt! Was nun das Deutschlandlied angesichts der geschundenen Vorderfassade des Amerikaners anbetrifft— so ging das nach unserem Gewährsmann aus dem»Boxsport« folgendermaßen vor sich: »Als Schmeling zum Sieger ausgerufen wurde, da brach plötzlich hinten Im Parkett das Deutschlandlied auf. Alle standen sie auf und mit erhobenen Armen sangen sie die erste Strophe unserer Nationalhymne. Sie feierten damit nicht Max Schmeling, sondern den Boden, auf dem dieser»Sohn des Vaterlandes« aufwuchs.« So lyrisch kann ein braunes Schmöck- chen werden! Denn worum geht es? Bitte—: »Die dritte und größte Bedeutung dieses Kampftages aber liegt nun eininal auf politischem Gebiet. Deutschland voran! Das größte Stadion der. Welt ist im Entstehen begriffen, die größte Halle der Welt ist fertig. Immer mehr setzt sich Deutschlands Name in der Welt an die Spitze. Aber nicht Rekordfexerei eigener Art. Hat doch da jüngst ein Arzt beim Präsidenten des»thüringischen Landesamtes für Rassewesen« angefragt, ob ein 27- jähriger, kinderlos verheirateter Mann sterilisiert werden solle, der fürchtet, dem Nachwuchs eine in seiner Familie häufig auftretende Gaumenspaltung zu vererben. Der Rassepräsident Professor Doktor Astcl antwortete unter anderem: »Eis ist zunächst festzustellen, ob die Ehefrau erblich so beschaffen ist, daß ihr Wunsch nach einem Kind berechtigt ist. Wenn ja, käme unter Umständen die Verheiratung mit einem andern Manne in Frage. Luther empfiehlt in solchen Fällen den Zeugungshelfer.-- — Er fühlt und denkt hier wie unsere gesunden germanischen Vorfahren, bei denen die Inanspruchnahme des Zeugungshelfers rechtlich und sittlich begründet war.« Wie sagte Hitler?»Wir haben der deutschen Frau die Ehre wiedergegeben.« Und dem deutschen Volke die Freiheit. Ehre und Freiheit wie die Braunen sie verstehen— die Geschenke gleichen einander aufs Haar. »Männlidi harte Zucht« Die»Soziale Praxis« meldet; »Den Aerzten ist eine unerwartete Aufgabe dadurch entstanden, daß aus einem oder Spitzensucht ist es. die dazu treibt, solche Wunderdinge der Technik und Baukunst zu schaffen, wie es der schnellste Zug der Welt, die gewaltigste Lokomotive, das größte Hebewerk.<äe längste Autobahn ist. Eis ist der Wille des gesamten Deutschland, wieder voranzukommen, den Rückstand langer Jahre nachzuholen, wieder mitzuspielen im Konzert der Völker«... Da« letztere durch Kinnhieb und Magenhaken! Das Ganze ist ein bißchen unlogisch. Aber ist das nicht eben das Wesen der Sache?! Ehnscbiießlicfa des»Dritten Reiches« seihet?! Und wie ungefähr sich»im Konzert der Völker« Hitler sein Deutschland vorstellt— hailoh, hier die genaue dem Leben nachgezeichnete Momentaufnahme: »Der Amerikaner selbst blickte verzweifelt in ein kaltlächelndes, In seiner Ruhe unmenschlich grausam wirkendes Gesicht: das von Max Schmeling, der minutenlang auf eine einzige Chance für einen neuen Kernschuß wartete.« Eis geht das so acht oder auch neun Spalten lang! Man hört nichts weiter als»Jib ihm Maxe!« und»Punsh him, boy!<; man ist von blutuntcrlauf enden Augen, ausgespuckten Zähnen, im Schmerz sich krümmend«! Leibern förmlich um wirbelt Dazwischendurch das Deutschlandlied: Von der Maas bis a n d i e Me m e 1... Oh ja massenpsycho- logiscb ist die große Zeit ganz wieder da.« Genauer gefragt: War sie überhaupt je in den letzten zwanzig Jahren verschwunden? F. E. Floth. falsch verstandenen Ideal männlich harter Zucht heraus viele Unterführer des Jungvolkes und der Hitlerjugend es duldeten, daß Jungens und Mädchen mitten im Winter Ihre Fahrten und Uebungen in nahezu sommerlicher Tracht unternahmen. Da die Anordnungen verschiedener Hitlerjugend- Gebietsführer dieser Unvernunft offenbar nicht in genügendem Maße zu steuern vermochten, hat jetzt der Jugendführer des Deutschen Reiches den eindeutigen Befehl erteilt, daß an den betreffenden Veranstaltungen im Winter nur teilnehmen darf, wer winterlich angezogen Ist.« Wenn solche Mißstände schon öffentlich zugegeben werden, kann man sich vorsfelTeh,' wie' unverantwortlich gegen die Gesundheit der Kinder gesündigt worden ist. Die Beschwerden der Entern und Aerzte— die noch immer bergewedse eingehen— waren offenbar doch nicht länger zu überraschen. Allerdings dürfte sich nicht allzu viel ändern. Ausreichende winterliche Kleidung können bei weitem nicht alle Eltern beschaffen, zumal alle Sachen bei den militärischen Kinderübungen stark strapaziert werden, und das Zuhausebleiben wird übel vermerkt. So werden sich auch in Zukunft die schweren Krankheitsfälle mehren, so wird auch in Zukunft die Erstarkung der Jugend fortschreiten. N l>as Pensometer (Nach Christian Morgenstern.) Palmström, schon seit langem auf der Fasse, Wie er Vortritt dem Gemeinnutz lasse Vor dem eig'nen, schuf ein Instrument, Das er schlicht das»Pensometer« nennt. Dies Modell, aus staatlichen Belangen Künftig einem jeden umgehangen, Trägt sich so, daß man ein Zifferblatt Sichtbar mitten auf der Stirne hat, Abwärts laufen Drähte in Spiralen. Und rmn liest auf unterteilten Skalen. Wie das Hirn, das dieser Kopf enthält, Innerlich zu Hitler eingestellt. Greifbar tritt, zwecks Augenschein— Gewinnung, An die Oberfläche die Gesinnung. Was Verrat und Heuchelei verschweigt, W'lrd auf Milligramme angezeigt. Palmström, ein Erfinder von Meriten, Eilt, sein Kunstwerk G ö b b e I s anzubieten. Dieser aber— seltsam!— weiß wie Schnee, Winkt verlegen ab und stammelt: Nee...« Mucki. Kinder die Hälfte? In einem Filminserat der»Hildesheimer Allgemeinen Zeitung« heißt es: »Weltkrieg in seinen Höhepunkten— die menschenmordende Verdunschlacht— die Schlacht der Millionen: Somme— Gas- und Bombenangriffe, Flieger-Kämpfe und Tankschlachten— Kinder halbe Preise.« Wenn es ernst wird, dürfen auch Kinder wieder den vollen Preis bezahlen— wie einst bei Lange marck. Europäischer Friede In den letzten zwei Jahren habe Ich meinen großen Tourenkoffer mindestens ein halbes dutzendmal eingepackt und wieder ausgepackt. Seit zwei Jahren will ich eine Reise unternehmen und komme nicht dazu. Die internationale Lage erlaubt es nicht. Wenn es sich um eine Vergnügungarelse handelte, käm's nicht drauf an. Aber es dreht sich um eine Geschäftsreise, alte Kundschaften besuchen, neue gewinnen, durch die Donauländer, Schweiz, Italien, Frankreich. Ich habe vier Kinder— wer begibt sich leichten Herzens in internationale Gefahren? Und die reißen seit zwei Jahren nicht ab. Gleich nach dem 5. März spürte man die allgemeine Zuspitzung, meine Aelteste stand gerade vor der Verlobung. Würde sich Frankreich das Hitlerregime und seine Rüstungen bieten lassen? Eis ließ sie sich bieten, che Verlobung lag auch hinter uns— da begannen in Oesterreich die Naziböller zu krachen und die Böllerei hörte das ganze Jahr nicht wieder auf. Wer sollte da mit Ruhe durch's MUrztal fahren? Im Januar 1934 schien es sich etwas beruhigen zu wollen. Meine Tochter heiratete, da muß man dabei sein, der Schwiegersohn übernimmt eine Firma, Leder und Gummi, wissense, war nicht schlecht. Also konnte man wohl Im Februar fahren... Ja, Kuchen! Da kam der Dollfuß-Fhitsch, die Flinten der Schutzbündler knallten. Abwarten hieß es, wie das neue Regime aussah. Wer tätigte unter so unsicheren Verhältnissen irgendwelche Ahechlüsse? Die Böller krachten wieder. Vom 30. Juni bei uns zu Hause will ich gar nicht reden. Wer von uns konnte damals im Ausland Geschäfte machen! Na, schön, denke ich, einen Monat abwarten, muß ja nun bald mal Ruhe geben, auch in Oesterreich— da wird plötzlich Dollfuß abgeschossen, italiem- scher Aufmarsch am Brenner, deutscher Aufmarsch läpgs der bayrischen Grenze, soll einer Lust haben was zu unternehmen. Wo man hin kam, wurde geflüstert: Krieg, der Führer kann's nicht länger erbremsen, muß doch mal anfangen an irgendeiner.Ecke, die Rohstoffe werden alle, welchen Sinn soll's denn haben. In Vlatra rum zu laufen?! Aerger mit der Ael testen hatte ich auch. Der Mann taugte nicht viel, wissense. So einer, der sich einbüdet, er kann's machen wie in der hohen Politik, er braucht nicht zu zahlen. Egal Skandale. Setze auch alles aufn Krieg. Ein Bankrotteur. Blieb nix, wie schnelle Scheidung. Mit einem Male war der Herbat da, schöner Herbst, schien ja auch alles noch eine Wedle zu gehen, Friedensredem hüben und drüben— da knallt das Doppelattentat dazwischen: Barthou und König Alexander... Hochspannung zwischen Jugoslawien und Ungarn, alles hängt wieder in den Kniekehlen. Kaum hat sich der Dampf verzogen, zieht der Saamimmel mächtig an. Französische Aufsicht oder internationale? Verschiebung oder Wahlen am 13. Januar? Putsch der SA? Handstreich an der Saar? Allgemeines Kriegagerede. Wieder den Koffer auspacken. Der Scheidungsanwalt machte auch allerhand Späne. Schuldnachweis nötig, Sie verstehn, nlch? Na, die Sache lief noch mal gut ab, ich meine die Saarabstimmung, mußte ja auch, wo doch Frankreich die Wähler mit dem Zaunspfahl merken ließ, daß es mit der Saar nichts mehr zu tun haben wollte. Bahn frei war jetzt, denken Sie? Bewahre. Jetzt kam erat mal die 10-Mark-Sperre. Also schnell die Unterlagen beschaffen, daß und wieso meine Rundreise wirtschaftlich notwendig war. Mußte mich ja auch vor dem Schwiegersohn a. D. vorsehen. Hätte mir gern ein Denunziatiönchen geliefert. Devisenvergchn und so. Gut befreundet mit der SS. Nicht leicht heute in Deutschland, ein Geschäftsmann zu sein, wenn che Branche nicht gerade mit der Rüstungakonjunktur zusammenhängt.• Also schön, die Devisen waren parat, der Himmel schwächer bewölkt— da geht's wieder Schlag auf Schlag. Erat das italienische Gewürge in Abessinien. Achtung, sagt raein Schwager, Japan greift ein, wenn Japan eingreift, greift Rußland Im Osten an, Deutschland nicht faul, drauf! Der Krieg kann noch vor Martha's letztem Scheidungstermin im Gange sein... Bierbankpolitik, sagen Sic. Machen Si« mal was, Verehrtester, wenn die ganze europäische PoUUk seit 5. März wie Bierhank im Quadrat aussieht... Nach Abessinien explodierte Griechenland. Bulgarien mobilisiert, Türkei dito, Venizeios wird mit Bulgarien den Balkanbund sprengen, dann kriegt Deutschland Luft, drauf! Aber auch das kam anders. nur eins blieb: Das Kriegsgerede an allen Stammtischen. Luftalarm in Berlin, Rüstungen in Frankreich, Martha geschieden, was tut Polen, geheime Nachrichten aus Berlin— so schwirrte es um mich rum. Können Sie sich denken, wie einem da vor den Augen flimmert! Man gewöhnt«ich schließlich dran» Koffer gepackt, los endlich, die Kundschaft rennt davon, man wird doch endlich vier Wochen fahren können, ohne in einem Intcr- W Wlfwwwi� WWWW&tmr*r Volksbildung die nicht-arischen Hoclischul- lehrer aus den Prüfungskommissionen entfernt worden sind. Sollte«a wirklich nocli dozierende jüdische Professoren dennoch hier oder da gegeben haben.? Wie dem auch sei, die»DozentenachafU hat Herrn Hust für seine Verfügung ihren untertänigsten Dank ausgesprochen. Wer schreibt wohl einmal die Satire der braun gestrichenen deutschen Alma Mater? Wie es, was den praktischen»Sozialismus der dummen Kerle«, den Arierwahn und die antijüdische Pogrom- Disposition angeht, heute an deutschen Hochschulen zugeht, zeigt lehrhaft und drastisch illustrativ folgendes Elaborat, das wir der nationalsozialistischen »Schlesischen Tageszeitung« in Breslau, erschienen in diesen letzten Tagen, entnahmen: »Eine westdeutsche Zeitung hat unter der Ueberschrift»Verjudete Zustände an der Universität Breslau« Ausführungen gemacht, die ein falsches Bild von den Breslauer Hochschulen zu groben geeignet sind. Der Gauamtsführer der schlesischen N S D-S tudentenschaft hat dazu eine Erklärung abgegeben, in der es u.a. heiQt:»Die Studentenschaft der Universität hat es unter Führung des NSD- Studentcnschaftsbundes in schwerstem Kampfe erreicht, daß der größte Teil der in dem Artikel genannten Juden längst vom Katheder verschwunden ist. Von den aufgezählten jüdischen Professoren' Fränkel, Jeßner, Winterstein, Fuchs. Preußnitz, Rießer, Taubmann ist nur noch Professor Jeßner tätig. Alle anderen sind schon längst auf Drängen der NSD-Studentenbundos aus dem Lehrkörper der Universität ausgeschieden. Ebenso ist es unrichtig, daß der NSD-Studentenbund eine Schutzwache für einen jüdischen Professor gestellt hat. Vielmehr hat der NSD-Studentenbund dafür gesorgt, daß kein artvergessener deutscher Student an den Vorlesungen der betreffenden Herren teilgenommen hat. Die schlesischen Studenten sind auf der Hut, wo es gilt, ihre Hochschulen von volksfiem- den Elementen zu reinigen...« Das kann man. nach alledem, wohl sagen! Der Zynismus, mit dem hier zugegeben wird, wie eine Schar halberwachsener Rohlinge eine ganze ehrwürdige Stätte wissenschaftlicher Arbeit unter Terror und Boykott setzen darf, ohne daß von den deutschen»Männern des Geistes« auch nur einer mit der Wimper zuckt, dieweilea das amtliche und zur Zeit regierende Deutschland diese Lausbüberei noch protegiert und animiert, ist selbst für Leistungen ähnlicher Art im Dritten Reich bisher noch nicht überboten. Das sind so die Trümmer einer Stätte, wo ehemals»das Volk der Dichter und Denker« wandelte! Stre�dieps Rezept Hie sich das Volk»helfen« soll. Unter der Ueberschrift»Bestrafter Mädchenschänder. Das Volk weiß sich zu helfen« erzählt der»Stürmer« eine Geschichte, die er im Elsaß vor 1900 spielen läßt; Lange Jahre hatte der alte jüdische Viehhändler es so getrieben und unzählige arme Mädchen in Schande und Unglück gebracht, da verbreitete sich eines Tages die Nachricht von einer»schrecklichen Judenverfolgung«. Er war spät abends von einem seiner Handelsraubzüge mit der Bahn angekommen und hatte aäch nach seinem Hause begeben wollen. Dort war er aber nicht angekommen. Nach einigem Suchen fand man ihn an der Landstraße im Straßengraben liegen. Hände und Füße waren ihm gebunden, Im Mund hatte er einen Knebel, der ihn am Schreien hinderte, sonst war ihm nichts geschehen bis auf eine Kleinigkeit. Die beiden Körperteile, mit denen er so lange gefrevelt hatte, fanden sich, s aü b e r In Seidenpapicr eingewickelt, techts und links in seinen beiden Westentaschen. Selbstverständlich wurde eine große Untersuchung eingeleitet. Es kam aber nichts dabei heraus. Der Jude war auf dem stark begangenen Wege vom Bahnhof zum Dorfe von einigen jungen Burschen angehalten worden, die geschwärzte Gesichter hatten und die nicht viel Worte machten. Die Operation war, wie sich zeigte, sehr sachverständig vorgenommen worden. Der Schnitt und die saubere Abbindung ließen eine geübte Hand erkennen, die wohl an Ebern, Farren und Hengsten die nötige Erfahrung gewonnen hatte. Uebrigens hielt es die jüdische Presse selbst für besser, kein großes Aufsehen von der Sache zu machen, nachdem sie die Volksstimmung, die mit ihrem Beifall für das Ereignis nicht zurückhielt, kennen gelernt hatte. So verlief die Untersuchung im Sande. Die deutschen Mädchen in den Juden- häusem der Gegend aber hatten von da ab Ruhe vor den semitischen Gelüsten und mancher hat nur bedauert, daß die Operation nicht einige Jahrzehnte früher vorgenommen worden war, wodurch viel Kummer und Schande vermieden worden wäre. Das ist die neueste Leistung des Mannes, zu dem neulich Hitler eigens nach Nürnberg- fuhr, um ihm zu seinem 50. Geburtstag zu gratulieren. Fludit der Auslandsstudenten Seit der nationalen Erhebung ist an allen deutschen Hochschulen ein starkes Zurückgehen der ausländischen Studierenden festzustellen. Dabei hat sich das Regime besonders bemüht, den Auslandsstudenten gewisse Vergünstigungen zu gewähren und auch sonst eine intensive Werbung des Ausländerstu- diums in Deutschland betrieben. Die ausländischen Studenten sind schon allein dadurch bevorzugt, daß sie die»nationalsozialistische« Schulung nicht mitmachen müssen. Und auch hieinngslager zu landen— da schlägste früh, einen Tag vor der Abfahrt, die Augen auf und liest: Allgemeine Dienstpflicht. Allgemeine Aufregung im Ausland. Die Börse stockt.•. Schlecht, um die Zelt zur ausländischen Kundschaft zu kommen! Alles eingefroren. Wieder warten... Das sind so meine zwei Jahre totaler Staat Dem zweiten 30. Juni, das japanische Gewürge in Mandschukuo, dreimal Grippe in der Familie, Zahlungsschwierigkeiten und den Schluß krach mit dem Schwiegersohn a.D. babe ich gar nicht mit gerechnet. Und wenn»Ich die ausländische Kund- schaft beruhigt hat so in vier Wochen— was Platzt da wieder?? Nein, nein.Verehrteeter, es ist heute für einen deutschen Kaufmann Weht leicht zu disponieren! (Nacherzählt von Bruno Brandy) Kriegestheater Es fehlt Göbbels Theatern an Stücken, die Weht nur harmlose Unterhaltung bringen, ändern auch so etwas wie Gesellschaftskritik vMt4u8chen. Da wirkliche Kritik verbo- ist kann sich jeder denken, was dabei berauskommt Typisch für diese Versuche ist baa neue mißratene Stück de» Lustspiel- autora J. Berstl. Zur Erstaufführung In �fesden schreibt das dortige Naziblatt: »Wir brauchen gar nicht die Person des Verfassers und die Wahracheinlich- b e i t seiner nichtarischen Abstammung allzu stark in den Kreis unserer Betrachtung einzubeziehen(obgleich all das •ehr zu denken gibt)— Es blieb ein Schwank, der, well er in der sattsam bekannten Konjunkturmethode gewisser an- Der»Aufbruch der Nation« hat einen weithin sichtbaren Meilenstein In diesen Tagen hinter sich gebracht Es ist gelungen, so ziemlich den letzten jüdischen Dozenten an einer deutschen Hochschule zur Strecke zu bringen. Bs handelt sich um die Entziehung der Lehrbefähigung für Professor Kronfeld an der Berliner Universität, den bekannten Psychiater und Neurologen. Daß man so spät mit Ihm fertig wurde, lag lediglich daran, daß der Gelehrte— Gott sei es geklagt— Frontkämpfer ist und darum unter den diesbezüglichen Schutz des Berufsbeamtengesetzes ursprünglich fiel. Aber eine neue Habilisatlonsordnung, die Herr Rust dieser Tage erließ, stolpert wahrlich nicht Uber die sentimentale These: »Der Dank des Vaterlandes Ist Euch gewiß«; Herr Kronfeld durfte, wie andere Juden auch, zwar für die deutsche Heimat die gesunden Glieder hinhalten, aber um heute als Hablll- tierter anerkannt zu werden, fehlt Ihm eben der erforderliche Spritzer im Blut. Allerdings — man kann ja auch der Meinung sein, daß alle Psychiatrie sowieso im Dritten Reich sinnlos ist... Auf jeden Fall wird in einer Mitteilung der»Deutschen Dozentenschaft« berichtet, daß durch Erlaß des Herrn Reichsministers für Wissenschaft, Erziehung und die jüdischen Auslandsstudcnten werden, wie man berichtet,»zuvorkommend« behandelt. Nun legt die Berliner Technische Hochschule, die stets einen außerordentlich guten wissenschaftlichen Ruf in der Welt genoß, einen Statistik über die Auslandsstudcnten im Sommersemester 1934 vor, die im nachfolgenden mit den entsprechenden Zahlen für 1925/26 vorglichen sei. Danach wurden an der Technischen Hochschule immatrikulierte ausländische Studenten gezählt: Besonders wird dieser Schwund der ausländischen Studenten an der Technischen Hochschule beklagt, weil die deutsche Wirtschaft in früheren Jahren sehr viel daraus profitiert hatte, daß die jungen Auslandsstudenten, die in ihre Heimat zurückkehrten und dort zum Teil leitende Stellungen erlangten, die wirtschaftliche Verbindung mit der deutschen Industrie sehr stark pflegten. Nun ist das vorbei. Die Auslandsstudenten wissen zu gut, daß man die besten deutschen Profee- passungssüchtigcr, geschäftstüchtiger Literaten auch vor der Ausschlachtung nationalsozialistiachen Ideengutes(wie etwa der Bekämpfung des Standesdünkels und der Ethik der ehrlichen Arbelt) nicht zurückschreckt, alles andere als Befriedigung und Freude hervorruft.« »Nationalsozialistisches Ideengut«— wieso gehört die Ethik der Arbeit den Nazis?— dürfen nur Peges ausschroten, bei anderen ists unlauterer Wettbewerb. Der durch den verflossenen Saarkampf gesteigerte Befreiungsrummel schwemmt über die Bühnen. Erbfeind-Stoffe aus der Neuzeit wagt man noch nicht, also ist die Gegend um 1813 Trumpf. In Kassel wurde eine Volksoper»Die hellige Not« uraufgeführt. Man liest in der gleichgeschalteten Presse: »Die heilige Not« ist ein Ausschnitt aus der vaterländischen Geschichte und spielt im Jahre 1813 in einer deutschen von den Franzosen besetzten Stadt In sechs Bildern wird der Kampf des»Bundes der Treuen« um die Befreiung der Heimat vom welschen Joch dramatisch geschildert... Wenn auch dieser im besten Sinne nationale Stoff in seiner geschickten dramatischen Gestaltung nicht die letzten Voraussetzungen zur Schaffung einer wahrhaft volkstümlichen Bühnenhandlung erfüllt, so sind in dem Werk doch Ansätze nach dieser Richtung vorhanden.« Man ist schon für Ansätze dankbar, wenn der Erbfeind dabei elend abfährt Etwa so, wie im»Rebell an der Saar«, kürzlich uraufgeführt in Mannheim. Volksstück von dem braunen»Grcnzlandkämpfer« August Ritter von Eberlein. Spielt 1793, in den Tagen soren von den Lehrkanzeln vertrieben nat. Nun versucht das Kultusministerium durch Gewähiung ganz besonderer Vergünstigungen, wie z. B. durch Erleichterung der Aufnahmebedingungen(bei Ausländem soll In Zukunft überhaupt von jeder Aufnahmeprüfung abgesehen werden) die Auslandsstudcnten heranzulocken. Vielleicht wird man den Ausländem noch zuzahlen, daß sie in Deutschland studieren. Soweit ist es mit den deutschen Hochschulen, einstmals unumstritten die bedeutendsten der Welt, gekommen! 0«