Mr. 95 SOWTAG, 7. Apri' 1935 Aus dem Inbalt; Dr. Ridiard Kern Deutsdiland ohne Eiai (Seite 4) Warnung vor Lockspitzel Europa gegen Hitlerdeutschland Verlag; Karlsbad, Haus„Graphia"— Preise und Bezugsbedingungen siehe Beiblatt letzte Seite Mr, HenscMuber, lodtspltzel Abwehr gegen die Verbrechen des braunen Systems An Alle! Der Fall Berthold Jacob hat ein grel- Licht auf die Menschenjägermethoden "es braunen Systems geworfen. Die ganze �ivUisierte Welt, jeder anständige Mensch r1' ein Interesse an der öffentlichen yfandmarkung und Bekämpfung dieser Methoden. Der beste Schutz für die Be- öfohten, die sicherste Art des Kampfes ist �•e schonungslose Aufhellung �cser abscheulichen Nethoden, die Brand- •toarkung der Werkzeuge und der Hinter- 'üänner. Wir wissen, daß das braune System t,n Heer von Spitzeln in allen Ländern nn- �rhält. Wir haben bisher nahezu 500 �eser Subjekte festgestellt, wir haben in "ttndschreifccn und Mitteilungen vor ihnen Sewarnt. Das Subjekt W e s e m a n n ist ejner dieser gefährlichen SpitzeL Wir be- Mtzen Mitteilungen über seine zum Teil yerhängnisvolle Tätigkeit in Dänemark, '■'Holland, InEngland und Frank- 'eich. Wir ersudien alle, die Einzelheiten und Zusammen- hänge Uber die TätigUeit Wesemanns und seiner �litarbeiter kennen, uns Umgehend genaue Mitteilung darüber zugehen zu lassen. Auch an sich belanglose Mitteilungen können auf wichtige Spuren führen. Auch �'e kleinste Einzelheit kann wichtig sein. �er sie verschweigt, muß sich vor Augen kalten, daß durch bloßes Verschweigen ein Kämpfer gegen das System an Freiheit ■■n PPWMBHBgl Hit deutschem Gruß! Meyer S techn.Vcrfa�s-Byclibafodtarig Bodenbach*. Eibe CeKfiÄfls�tM.. Bejiia / Deuisdie StpeifliAter Von der Saar*- Emigration Im Saar gebiet, wo die Sozialdemokratie erst nach dem Kriege und auch dann nur organisatorlach schwach vordringen konnte, fehlte der Masse des Arbeltsvolkea die langjährige polltische und gewerkschaft Uche Schulung, deren realisüsche Nüchternheit zwar von den politischen Romantikern nie verstanden wird, die sich aber In kritischen Situationen immer wieder In einer unerhörten Treue zu den sozialistischen Idealen offenbart. So wie auch jetzt wieder die sozialdemokratischen IllegaJen inmitten der nationalistisch-faschistischen Stürme im Reich unerschüttert ihre Pflicht tun. Die saarländische Emigration im Süden Frankreichs zeigt außerhalb des kleinen sozialdemokratischen Funktionärkörpers den großen Mangel an politischer Erziehung. Zahlreiche Mitläufer der überstürzten Emigration im Januar 1935 brechen seelisch zusammen, obwohl sie bisher dank der Fürsorge französischer Behörden Mangel nicht zu leiden haben. Eine gewisse Rückwanderung dieser Art Emigranten Ins Saargebiet bat eingesetzt Manche lassen sich durch Briefe. Insbesondere von weiblichen Verwandten, denen die Nationalsozialisten die beruhigendsten Versicherungen geben, zur Rückkehr bewegen. Die echte sozialdemokratische Emigration läßt die Schwächlinge gern und In Frieden ziehen. Von einigen, die den Beteuerungen der Agenten des»Dritten Reiches« trauten. liegen allerdings schon bitter enttäuschte Briefe vor, und etUche können überhaupt nicht berichten, well sie Inzwischen Im Gefängnis oder Konzentrationslager gelandet sind. Am 22. März Ist In Darmstadt ein junger Mann zu 2% Jahren Zuchthaus verurteilt worden, well er Im Saargebiet an einer Versammlung für den Status quo teilgenommen bat. Man sollte das Urteil In den saarländischen Emigrantenlagern plakatieren, damit jeder weiß, was Ihm droht, wenn er sich zur Rückreise entschließt. Der Prozeß von Siegburg. Dem Melneldsprozeß gegen die SS- und SA-Ueute In Sieg bürg, die vor zwei Jahren durch beeidete Lügen sechs Sozialdemokraten für 81 H Jabr. Ins Zuchthaus gebracht haben. Ist nun doch auf dem Fuße der neue Prozeß für unsere damals verurteilten Freunde gefolgt Das Gericht- die rheinischen Richter scheinen Ihre alte Tradition noch nicht ganz vergessen zu haben— hatte den Mut die Sozialdemokraten Im Wiederaufnahmeverfahren nun freizusprechen. Merken wir welter an, daß ein alter Kölner Bürger, der Waffenhändler Kettner, taper genug war, durch sein Gutachten nachzuweisen, daß der erschossene SS-Mann Müller nicht durch ein Geschoß von den Verteidigern des Volkshauses mithin also durch eine Kugel seiner Freunde gefallen Ist Schon vor zwei Jahren hat Kettner aufrecht diese Meinung vor Gericht vertreten. Nun bat er durch seine Unbeugsamkeit zur RehablUtierung unserer Kameraden beigetragen. Das Gericht hat Ihnen übrigens das Recht zugesprochen, rieh als wehrhafte Männer gegen den Angriff der SA und der SS ru verteidigen. Von riner Entschädigung Uest man freilich und es bleibt auch dabei, daß die meineidigen Schufte In der Uniform Adolf Hitlers»aus ehrenhaften Motiven« falsch geschworen ha- ben und deshalb durch das Gericht zur Begnadigung eingegeben werden. Ohne diesen Schutzschild haben auch die Rlcbtervon Bonn am Rhein nicht gewagt den Sozialdemokraten eine verspätete und ungenügende Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, im übrigen bleibt abzuwarten, ob und wie die nun ehrenvoll Fretgespro- ebenen sich Ihrer Freiheit erfreuen dürfen. Die Sozialdemokratie Jedenfalls hUckt auf die Männer von Sieg- bürg, die ungebeugt das Zuchthaua verlassen, mit Stolz. Hlldburghausen. Hildburghausen, ein altes, zwerg- staatüches Reridenzatädtchen am Südabhang de« Thüringer Waldes, ist vor etlichen Jahren m die Weltgeacblchte eingegangen als der tische Innenminister DriFrick smnen Partelcbef Adolf Hl t l«r. � � tcrüos. zum Pollzellnspektor vonHlld- burghausen ernannte, um Ihm auf diesem wirklich etwas imgewöhnUchen Wege wr Staatsbürgerschaft eines deutschen Daudea und damit zur Möglichkeit einer Kaudldatur zur Reichspräridentachaft zu verhelfen� Die Sache ging unter einem Gelächter. mit dem über den Hauptmann von Köpenick verglichen werden kann, ganz und gar schief. Europa gegen Hltlerdeu isdilan«! Die Folgen der Hasard-Politik »Wenn wir von diesem Gesichtspunlrt aus Ausschau halten wollen nach europäischen Bundesgenossen«— so heißt es in Hitlers Buch»Mein Kampf«(Volksausgabe Bd. n, S. 699)—»so bleiben nur zwei Staaten übrig: England und ita lien«. Nach diesen Richtlinien ist die Außenpolitik des Hitlersystems vorgegangen. Heute steht sie vor einem Fiasko dieser Konzeption. Es besteht eine Parallele zwischen der Begegnung Hitlers mit Mussolini in V e- n e d i g und der Begegnung mit Sir John Simon in Berlin. Beide bezeichnen einen unzweideutigen Bruch. Die Begegnung von Venedig wurde zum Ausgangspunkt einer Entwicklung, die die Hoffnung auf den italienischen Bundesgenossen völlig illusorisch gemacht hat Die Begegnung von Berlin scheint eine ähnliche Entwicklung der deutsch-englischen Beziehungen einzuleiten. Beide Male ist das Fiasko der Hit- lerschen Außenpolitik auf die mangelnde persönliche Qualifikation Hitlers zurückgeführt worden, damals auf das hohle Geschwätz, das Mussolini unerträglich fand, jetzt auf den sieben Stunden dauernden Monolog. Mag auch die Person Hitlers eine Rolle spielen— den entscheidenden Ausschlag hat jetzt wie damals die Tendenz gegeben. Es ist nicht bekannt, wie weit Hitler aggressive kriegerische Methoden hat erkennen lassen. Mit Notwendigkeit aber mußte er den W i 1- lenzur militärischen Hegemonie Deutschlands in Europa offenbarem Bei Mussolini ist er damit auf den festen Entschluß gestoßen, den italienischen Faschismus nicht zum Werkzeug und Vasallen des Hitlersystems werden zu lassen, bei Sir John Simon auf die Erkenntnis, daß das Hitlersystem nicht zum Glied eines ruhenden Gleichsrewichts- zustandes gemacht werden kann. Der Wille zur militärischen Hegemonie ist in Hitlers Programmbuch scharf und eindeutig ausgesprochen. Er hat ihn als »politisches Testament« bezeichnet »Duldet niemals das Entstehen zweier Kontinentalmächte In Europa. Seht In Jeglichem Versuch, an den deutschen Grenzen eine zweite Militärmacht zu organisieren, und sei es auch nur In Form der Bildung eines zur Militärmacht fähigen Staates einen Angriff gegen Deutachland und erblickt darin nicht nur das Recht, sondern die Pflicht, mit allen Mitteln, bis zur Anwendung von Waffengewalt die Entstehung eines solches Staates zu verhindern, beziehungsweise einen solchen, wenn er schon entstanden, wieder zu zerschlagen.«(»Mein Kampf«, Bd. II, S. 754.) Hitler muß sich nahe am Ziel geglaubt haben. Die allgemeine Stellung der englischen Politik in der europäischen Konstellation, die Inneren Schwierigkelten der »nationalen Regierung« in England, die besondere Haltung der englischen Opposition, der Labour Party— alles war Ihm günstig. Er hatte in Besprechungen mit zwei konservativen Lords sich Einfluß in Presse und Parlament In England verschafft, seine angeblich friedfertigen Absichten wurden von einem dieser Lords im englischen Parlament vorgetragen. Die englische Regierung hat an dem Berliner Besuch festgehalten— trotz der Erklärung der allgemeinen Wehrpflicht— sie hat Hals über Kopf, über den Kopf Frankreichs hinweg, ihre Note abgesandt, in der sie um neue Einladung geradezu bat Als aber offen gesprochen werden mußte, war alles entzwei Noch sind die Informationsreisen und Besprechungen im Gang. Soviel aber ist sichtbar: die Verteidiger der »Gleichberechtigung« in England haben einen kalten Wasserstrahl über den Kopf bekommen, als Hitler erklärte, was e r unter»Gleichberechtigung« versteht Die Dinge sind aus dem luftigen Reich der Ideologie auf den Boden der harten Tatsachen zurückgekehrt Dazu gehört, daß der neue Versuch des braunen Systems, sich der engüschen Politik als Landsknecht gegen Sowjet- r u ß 1 a n d anzubieten, dem System eine schallende Ohrfeige eingetragen hat Der dritte Hauptpunkt der Hltlerschen Außenpolitik ist der Eroberungskreuzzug gegen Sowjetrußland: »Wir stoppen den ewigen Germanenzug nach dem Süden und Westen Europas und weisen den Blick nach dem Land Im Osten. Wenn wir aber heute In Europa von neuem Grund und Boden reden, können wir in erster Linie nur an Rußland und die ihm Untertanen Randstaaten denken.«(»Mein Kampf«, Bd. n, S. 742.) Die Besprechungen in Moskau zwischen Stalin und Litwinow und Lord Eden waren trotz ihrem informatorischen Charakter eine einzige große Demonstration gegen einen solchen Versuch der Weltbrandstiftung. Sie haben das Fiasko der Berliner Besprechungen unterstrichen. Es scheint, daß sehr ernsthafte Besprechungen zwischen Sowjetrußland und England über die Fragen des mittleren und fernen Ostens in Gang kommen werden, die eine Stärkung der Friedenstendenzen in der Welt bedeuten können. Eine solche Entwicklung wird auch die letzte Hoffnung der Hitlerpolitik auf die Gewinnung Englands als Bundesgenossen für expansive Pläne zerschlagen. Das System hat haaardiert Es hat geblufft. Es hat das Spiel verloren. Nun beginnt das Gegenspiel Unbeschadet der bevorstehenden Besprechungen sind die Linien klar. Der französische Ministerpräsident spricht von dem Bündnissystem Frankreich- Kleine Entente- Sowjetrußland als von einer unumstößlichen Tatsache. Dies Bündnis ist noch nicht formell abgeschlossen, aber es ist politisch heute schon wirksam. Auf die arrogante Forderung;»duldet keine zweite Kontinentalmacht« antwortet die Bildung einer mächtigen kontinentalen L i g a, zu der außerdem Italien In freundschaftlichen Beziehungen steht. Der Wille zur Rüstung innerhalb dieser Liga ist unverkennbar. Es scheint, daß die letzten Hemmungen gefallen sind, daß keine englische Einwirkung, keine Wunderhoffnung auf ein kollektives Friedenssystem mehr dieser Entwicklung Einhalt gebieten kann. Wo immer man auch Uber die außerdeutsche Politik zwischen 1919 und 1933 denken mag, dieser Zerfall Europas in zwei Krlegslager ist die unmittelbare Folge der Hltlerschen Außenpolitik. Die volle Verantwortung für die Zerstörung und für die Bc* drohung des Friedens ruht auf dem Hitlersystem. Die erste Strafe dieser Politik gegen den Frieden liegt in der nahezu völligen außenpolitischen Isolierung. H33 System mag diese Isolierung gewünscht haben, um ungehindert rüsten zu können. Aber das politische Gesicht dieser Isolierung, so wie es sich heute darstellt, sollte selbst für die verblendetsten braunen G®* waltpolitiker abschreckend sein. Militärisch stark, aber überall mit unverhohlenem Mißtrauen betrachtet, beinahe überall mit Selbstverständlichkeit als Verkörperung der Kriegsgefahr angesehen, ohn« wahre Freunde, überall Haß und Mißtrauen erzeugend, so steht dies System da, und es ist nur gerecht, daß Hitler selbst nach den Berliner Besprechungen als die Verkörperung dieses Systems erscheint, als der Mann, auf dessen Schultern die furchtbare Verantwortung ruht Er selbst hat noch im Herbst 1932 ein Gefühl dafür gehabt, welche Niederlage und welche Gefahr in solcher außenpolitischen Isolierung liegt Er hat damals an Hindenburg ein Schreiben gerichtet, h1 dem es hieß: »Nach nunmehr sechsmonatiger Regierung Ist— wie von mir vorausgesagt— das Kabinett Papen In eine rettungslose Isolierung nach innen, Deutschland In eine ebensolche nach außen geraten. Das allgemeine Vertrauen Ist auf den Nullpunkt gesunken.« Der Mann, der damals Papen die außenpolitische Isolierung Deutachlands zum Vorwurf gemacht hat, hat Deutschland in die wirklich absolute Isolierung geführt! Die Männer seines Systems mögen sich leichtherzig Uber diesen Erfolg ihrer Politik hinwegsetzen. Sie mögen in dieser Isolierung die wahre Freiheit und Souveränität erblicken— die Freiheit von rechtlichen Bindungen und die Souveränität für das Kriegsverbrechen. Wir vermögen aber nicht zu glauben, daß die Gesamtheit des deutschen Volkes ihnen lärmend und verblendet auf die Dauer beipflichtet und sich an der Mauer des Mißtrauens, des Haßes, der Verachtung ergötzt! Denn es ist das deutsche Volk, das für die Verbrechen des Systems bezahlen muß. so wie es einst für die Politik des Wilhelminismus mit Blut, Tränen und unnennbaren Leiden zu zahlen hatte. Dl® Verbrecher werden einst flüchten— aber das Volk bleibt da, es ringt um Achtung und Geltung, um Leben und Arbeit Heute sind die Ergebnisse einer friedlichen, maßvollen Politik von mehr als einem Jahrzehnt restlos zerstört, und ohne Krieg erhält die Lage des deutschen Volkes verzweifelte Aehnllchkelt mit der des Herbst 1918. Wie müßte die Lage nach einem neuen verlorenen Kriege sein? Ist es nicht ein wahnwitziger Gedank«- daß dieses verbrecherische System geduldet, ungestört, ungestraft das deutsch« Volk in Vernichtung, Europa und die Welt in eine düstere Aera der Kriegsdrohung' des Wettrüstens, der wirtschaftlichen Zerstörung und des Unglücks, vielleicht>n einen neuen Weltkrieg reißen darf? und Hitler mußte als Reglerungamt In Braunschwelg untergebracht werden, um starten zu können. Besagtes Hildburgbausen verdient nun rühmlicher genannt au werden. In dieser deutschen Kleinstadt— vernehmt es, Größen deutscher Kultur von Hauptmann bis Furt- wängler— gibt es einen Bürger, der«Ine für Hltlerdeutschland unbegreifliche Eigenschaft besitzt: er Ist ein Mann! Er hat als hospitierendes Stadtratamltglied einem Nationalsozialisten gegenüber den lächerlichen Hit- lergruß so verachtungsvoll behandelt wie diese Kinderei es verdient, und ee abgelehnt, diese jungenhafte Geste aus der Nad-Rekru- tenscbule als»deutschen Gruß« zu Ubernehmen. Aufgefordert, freiwillig aus dam Stadtrat auszuscheiden, antwortete er mit Götzens von Berllchingen urdeutschem alten Gruß! Um den Mann, der den rechten Arm nicht beben wollte, loszuwerden,«teilten alle nationalsozialistischen Stadtverordneten ihre Mandate zur Verfügung und so wurde der Stadtrat aufgelöst Kein bedeutende« Ereignis, denn so oder so werden die Gemeinde- Vertreter nach der neuen Relchsgemelndeord- nung nur nickende Hanswürste sein. Wichtig Ist nur dies: In einer Stadt die nächst Coburg zu den früheren Hochburgen des Nationalismus gehört«, hat In dar Hochflut des Taumels Uber die allgemeine Wehrpflicht wie Um alle deutschen Zeltungen melden, dieeer politische Zwischenfall sich ereignen können, ohne daß der Rebell von der Bevölkerung totgeschlagen oder auch nur geächtet worden wäre. Bs leben noch Männer In Deutschland, und selbst das Spießbürgertum achtet ale, wenn sie sich rühren. Hauptschriftleiter, SA-Mann und Sittlidhkeifsverbrecher In der Relchsbauerrmtadt Goslar war ein Dr. Otto GlUon Hauptachrlftleiter der Gos larschen Zeltung, welche bekanntlich auch Publikationsorgan dee Daxrtschen Reichsnährstandes ist Dr. GUIen war der Schwiegersohn des Eigentümers der Goa Larschen Zeitung, Karl Krause. Dr. Gilien war aber nicht nur SA-Mann und Hauptschriftleiter, sondern hatte auch In der Ortsgruppenleitung der Goslaer NSDAP ein wichtiges Wort zu bestimmen und war welter Leiter der Nari-Kulturorganlsation. Selbstverständlich ist daß Dr. Glllen vor dem Umstui* gegen die In dem reaktionären Goslar auf schwerem Posten kämpfende sozialdemokratische Harzer Volkszeitung und deren Redakteur mit allen Mitteln und Lügen hetzte. Was für eine»Blüte« des»Dritten Reiche«« aber dieeer Dr. Otto Glllen war, zeigte Jetzt ein Gerichtsprozeß vor der großen Strafkammer In HUdesheira. Dr. Gilles hatte sich im vorigen Jahre auf der Steinbergwiese 18 Goslar nachmittags um 5 Uhr an zwei schulpflichtigen Mädchen im Alter von 9 und Jahren vergangen und außerdem durch Vornahme unzüchtiger Handlungen öffentlich Aergernis erregt. Nach der Ee weisauf nahm® beantragte der Vertreter der Anklage Df- Glllen zu einer Zuchthausstrafe von 1 Jahr H Monate zu verurteilen. Das Gericht verurteilte den Angeklagten zu einer Gefängnisstrafe von 1 Jahr 6 Monaten, unter Anrechnung der Untersuchungshaft. So Ist dies® Zierde der Reichs bauerns Ladt Goslar und der Nazl-Reichspressekammer In die Brüche gegangen. während die früher verlästerten Marxisten Immer mehr Ansehen und Achtung in der Oeffentlichkeit finden. Wiederkehp des Gleldien von Mobilmachung die Bede Ist, kann Lndendorff nicht fehlen. das Regime bereits verschiedene Nichte •kr langen Messer hinter sich hatte und alle 'Halen oppositionellen Kräfte schon zum "chwelgnn gebracht waren, erregte«in Mann und ein Organ noch Immer Aufsehen: Lndendorff mit seiner>V o l k« w a r- In Arbeiterbezirken lächelte man«Ich halWegal zu;>na. der gibt es ihnen aber!« Hier und dort wurde ernsthaft über Luden- torffs Ansichten diskutiert, und so sehr man seinen Wotanismus lachte, so sehr beachtete man seine Verstaatllchungsforderun- gen usw. Viele schienen sogar vergessen zu haben, was sie nach dem Zusammenbruch 1918 über Ludendorff sagten und dachten. Manche hofften ja auf die Feinde von gestern. Fanun nicht einige auch auf Ludendorff? »Nationale Erhebung«.»Erwachen der Frontsoldaten?« Und Ludendorff nicht dabei. »ondern dagegen? Er hat das alles anders gesehen. Er ließ sich nicht so blenden. Er �iißte, mit wem Adolf Hitler marschiert und Wer Ihm zu seiner Macht verhalf.»Wiederherstellung der Privatinitiative!« Er weiß schon, was das heißt. Er Ist jedenfalls dage- Ren. Schrieb er nicht in seinen Erinnerungen lang und breit darüber, daß der Krieg Verloren ging, weil alle Vorbereitungen da- iür unterblieben?»Die Unterlassungssünden S'is der Zeit vor dem Kriege, die mangelnde wirtschaftliche Vorbereitung auf Ihn und � das sich hieraus ergebende Fehlen jeder großen Reserve vor seinem Beginn— waren nicht wieder gut zu machen.« Hat er sich nicht schon in seinen Erinnerungen dazu be- har.nt, die Stlckstoffabrlkatlon usw. in Staats- nnternchmungen zu verwandeln, nebenbei such mit der Absicht, die Macht der Kar- klle und Banken zu brechen? Auch boden- nsformerische Pläne hatte er. Und dies alles •nhoffte er vom Nationalsozialismus. Darum sog er 1923 mit In den Münchner Putsch. »Der Rausch der Stunde verfliegt. Zucht hn<3 Einsicht müssen an diese Stelle treten«, ssgt er in seinen Erinnerungen. Er kennt ja den Schlamassel, schließlich ist er durch dieses Problem etwas verrückt geworden. Das "Bommeln allein imponierte ihm nicht. Er Wußte besser, worauf ee ankommt. Und er •Prach es In der»Volkswarte« aus— Wa sie verboten wurde, sein»Taimenbergbund« dazu. Ludendorff hat— Im Gegensat« zu Binden bürg— nicht nur Bücher geschrieben, er kät sogar welche gelesen. Seine Regsamkeit ■Prtcht dafür, daß er bedeutender war als Mindenburg. Solange Hlndenburg lebte, durf- t* man den Mythos nicht serstdren, möglich, daß ee mal geschieht, wenn sieb das Bedürf- "is nach einem lebendigen Ersatz für Hlndenburg als sehr dringend erweist. Luden- dorff« Herausstellung durch Blomberg dürfte schon In diese Richtung weisen. Ansonsten scheint die Reichswehr Jedoch nicht die Kraft su sein, die Um so aufdringlich empfiehlt, d«nn über moderne Strategie und TakUk hat Ludendorff nicht mehr recht nachdenken kön- ben. Alte Menschen leben von Erinnerungen Und die sind Vergangenheit General Füllers These, rfaa alle leistungsfähigsten Generäle Um die 40 herum waren und sein müssen. hat gewiß etwas für sich. Ludendorff ist nun fast schon 70, und der nahend« Geburtstag macht dem Regime einig« Sorge. Ludendorff will gefeiert werden. Er schreibt »Am helligen Quell deutscher Kraft«: »Ich mußte soeben wieder von maßgebender Seite her, wenn auch völlig den Tataachen widersprechend, hören, daß die Vermutung vorliege, der Tannenbergbund treibe verbotene Tätigkeit Da dort, wo Ich hin. In der Tat»Tannenberg« und noch viel«« andere Ist so könnte durch diese In München geplante und in meiner Gegenwart abgehaltene Feier diesen nicht wahren Behauptungen neue Nahrung zugeführt werden. Weitere unwürdige Lügen wären die Folge. Vor diesen muß ich aus Selbstachtung nicht minder freie Deutsche •chützen.« Zuweilen hat es den Anschein, als sei der Kampf für und wider Ludendorff ein Kampf um bestimmte militärische Konzeptionen. Ludendorff steht jedenfalls noch auf dem Moden dee alten Vorkriegsheere e, üas auch Hlerl vertritt Hlerl feiert Luden- üorff als seinen ersten Führer, Hitler kommt *r«t an zweiter Stelle. Hlerl hat ja auch üen»Tannenbergbund« in Süddeutschland or- Ranis! ert und geführt Sein Programm ähnelt wie übrigens auch In mancher Hinsicht der Charakter— sehr dem Ludendorffs und '*t ein Programm der totalen Mobilmachung. Mier bestehen gewisse Zusammenhänge. Wo von Mobilmachung die Rede Ist kann Luden- üorff nicht fehlen. Hakenkreuzzauber In Brasilien Neger und Nazis— Die Heudielei der Rassenfanatiker ------ S. Paulo, Im März 1935. Vor einiger Zelt hat das Ministerium des Innern in Karlsruhe ein In Ettlingen erscheinendes katholisches Kirchenblatt»zunächst für drei Monate« verboten, weil es einen Brief aus einem braslllaniachen Kloster abgedruckt hatte, in dem darauf hingewiesen wurde, daß sich in Brasilien »Schwarze und Weiße, Gelbe und Rote« gut vertrügen. Das wurde'm Zusammenhang mit einer anderen Bemerkung Uber das deutsche Neuheddentum als»d i e Ehre des deutschen Volkes schändlich verletzend« bezeichnet. In Deutschland stellen sich die Nationalsozia- listen demnach an. als verstoße ein Friede zwischen den verschiedenen Rassen gegen die tiefsten Gefühle des gegenwärtigen Regimes selbst dann, wenn es sich um ein so fernes Land wie Brasilien handelt. Und wie sieht es in Brasilien unter den deutschen Nationalsozialisten aus? Benehmen sie sich genau so, wie es in Deutschland vorgeschrieben wird? Beweisen sie Mut genug, dort, wo es wirklich darauf ankommt, sich zu ihren rassischen Auffassungen zu bekennen und sie in der Praxis durchzuführen? Ein Beispiel, von hunderten, die zur Verfügung stehen: Die Firma Scheringie Verdrängung der Frau aus dem deut- Schen öffentlichen leben macht Fortschritte. 1111 vorigen Jahr erhielten 14.218 männliche tnd nur 1761 weibliche Abiturienten die Hoch- "chul reife. 80 Prozent der Studentinnen stu- The Re- cord« nach Berechnungen des Hamburger Universitätsprofessors Dr. Karl von Tyszka, daß im Jahre 1934 insgesamt 3% Milliarden Mark als Entlohnung ausgezahlt worden sind, während 1933 an Arbeitsentgelt 5% Milliarden RM festgestellt worden ist. Das Blatt weist darauf hin, daß also in der Zeit, in der die Neueinstellungen von 43 Prozent auf 75 Prozent gestiegen sein sollen, die Lohnsumme um 1.5 Milliarden oder um% gesunken ist. Um diesen Lohnraub zu verbergen, verlangt Dr. Zahn vom Bayrischen Statistischen Landesamt eine Neuordnung der Lohnstatistik. Er will die laufende Feststellung der insgesamt ausgezahlten Lohnsumme des sogenannten Lohnvolumens und sieht in den Feststellungen des Instituts für Konjunkturforschung wertvolle Ansätze für die Reform der Statistik. »Hätte Deutschland in den letzten Krisenjahren«, so schreibt Zahn in der Sozialen Praxis,»über eine zuverlässige Statistik der Lohnsumme verfügt, so wäre die konjunkturpolitische Erkenntnis, daß das gesamte Lohnvolumen längst zurückging, als die Tariflohnsätze immer noch weiter stiegen, vielleicht rechtzeitig Gemeingut der maßgebenden Stellen geworden. Eine Lohnsummenstatistik kann ein Wamungssignal sein, die Lohnpolitik vor Uebertreibungen zu bewahren.« Eine Lohnsummenstatistik hat es bekanntlich auch vor Hitler gegeben, sie wurde aber ergänzt durch die Statistik der tariflichen, tatsächlichen Löhne und Gehälter. Heute dagegen soll das deutsche Lohnvolumen unter Verschweigung der Einzellöhne über das Elend der Arbeiterschaft im Dritten Reich hinweglügen. Schloß mit Berichten über Mißstände! Durch neue Anweisungen soll die Berichterstattung über das Elend der deutschen Arbeiter endgültig unterbunden werden. In den Amtlichen Mittellungen des Treuhänders der Nordmark wird die einseitige Darstellung von Mißständen in Betrieben als eine Gefahr bezeichnet, die für die Gefolgschaften verhängnisvoll werden müßte, denn, so klärt der Treuhänder seine Schutzbefohlenen auf, solche Mitteilungen könnten von der Konkurrenz im Kundenkreis verbreitet und ausgenutzt werden. Auch müßte das soziale Gemeinschaftsgefühl durch diese Berichte leiden. Die sozialen Mißstände werden demnach nicht als Störung des sozialen Gemeinschaftsgefühls angesehen, nur das Aussprechen der Wahrheit wirkt störend. Man beogt vor Es ist zu begreifen, daß die Nazigewaltigen bei der hoffnungslosen Lage der Arbeiter den Vertrauensratswahlen mit banger Sorge entgegensehen. Das Sozialamt der DAF hat deshalb diesmal besonders umfangreiche Vorbereitungen getroffen, damit bei der Listenauf Stellung keine Fremdkörper eingeführt werden können. Durch eine(es ist die zehnte) Durchführungsverordnung des Reichsarbeitsministers ist für die Listenaufstellung neben dem Betriebszellenobmann nun auch noch der Betriebswalter der DAF eingeschaltet. Es soll weiter der Gefolgschaft die Möglichkeit gegeben werden,»die Charaktereigenschaften der Kandidaten gebührend zu berücksichtigen«. Neben den zahlreichen im Gesetz bestimmten Voraussetzungen müssen die Vertrauensmänner der Deutschen Arbeitsfront angehören, durch vorbildliche menschliche Eigenschaften ausgezeichnet sein, die Gewähr dafür bieten, daß sie jederzeit rückhaltlos für den nationalen Staat eintreten. Es ist auf alle Fälle dafür gesorgt, daß der Treuhänder einen Grund hat, unbequeme Kandidaten abzuberufen. Die spaltenlangen Bedingungen, die an das Amt des Vertrauensrats geknüpft werden, vermeiden es, eine Voraussetzung für den Kandidaten auszusprechen, nämlich, daß er das Vertrauen der Belegschaft hat. Parade der Arbeitsfront. Am 25. März ist in Leipzig die Reichstagimg der Arbeitsfront zusammengetreten, Schacht war höchstpersönlich erschienen, um der Deutschen Arbeitsfront zu eröffnen, daß sie künftig auch alle deutschen Unternehmer- Organisationen geschlossen in sich aufzunehmen hat. Dadurch wird die DAF zu einer neuen gemeinsamen Unternehmer- und Arbeiterorganisation,»die von beiden Seiten auf gleicher Basis geleitet wird«. Nach diesem Erlaß, der nicht von dem Ley, sondern von Dr. Schacht verkündet wurde, ist mit Hitlers Einverständnis zwischen Schacht, Ley und Arbeitsminister Seldte eine Einigung zustandegekommen. Die Gruppen der deutschen Arbeitsfront und die Organisationen der gewerblichen Wirtschaft werden zum Reichs- arbeits- und Wirtschaftsrat zusammengeschlossen. In allen Organen der Arbeitsfront sollen die Unternehmer in gleicher Zahl an der Führung beteüigt sein. Dieser Erlaß erweckt zunächst den Anschein, als wolle sich das Regime nun doch an das Korporationssystem Mussolinis anpassen, und für die gesamte Wirtschaft eine paritätische Organisation errichten. Dem ist aber in der Praxis nicht so. Seit Oktober 1934 besteht eine autonome Organisation der gewerblichen Wirtschaft, die ausschließlich von den Unternehmern getragen wird und in der sich kein einziger Arbeitervertreter befindet. Sie bleibt auch nach dem neuen Erlaß unverändert bestehen. Die Arbeitsfront erhält auch keine wirtschaftlichen Aufgaben übertragen. Dagegen wird die DAF von unten bis oben paritätisch besetzt und erhält eine Spitze, in der Dr. Ley seinen bisherigen Führercharakter verliert. Er muß sich mit Schacht in die Führung teilen. Die Arbeitsfront bleibt lediglich als Einziehungsapparat für die Beiträge selbständig. Der Erlaß ist also praktisch gesehen die Unterordnung der Arbeitsorganisationen unter den Wirtschaftsdiktator Dr. Schacht. Der bisherige Reichsorganisationsleiter Ley hat lediglich die Aufgabe, die Arbeiter und Angestellten einzuexerzieren und er hat auch bereits in Leipzig erklärt: »Durch unsere organisatorische Form werden wir jeden Tag und jede Stunde die Menschen zusammenfassen und sie zwingen, wenn sie nicht freiwillig wollen, diese Gemeinschaft zu exerzieren um der Existenz unserer Nation wülen...« Schacht kommandiert, und die Arbeiter exerzieren»Gemeinschaft«. Ais ein solches Gemeinschaftsexerzitium sind auch die Ver- trauensratswahlen gedacht. Was sich da vollzieht, ist, wenn der Ausdruck erlaubt ist, die Muschkotisierung der Betriebe. Sie wächst, es wächst aber auch der Protest gegen sie. Man erwartet ein Ergebnis, das dem braunen Regime noch weniger gefallen wird als das vom vorigen Jahr. Ob es aber veröffentlicht werden wird, ist eine ganz andere Frage. Müstimgsgewtnne und Ihre Verwendung Dem deutschen Großuntemehmertum bekommt die Aufrüstungskonjunktur ganz ausgezeichnet, wenigstens soweit man seinen Gesundheitszustand nach den Gewinnziffern der Bilanzen beurteüen darf. Das zweite Pebruarheft von»Wirtschaft und Statistik« enthält eine Darstellung der im zweiten Vierteljahr 1934 veröffentlichten Abschlüsse deutscher Aktiengesellschaften. Um diese Zeit werden die Bilanzarbeiten meistens abgeschlossen und ihr Ergebnis publiziert. Allerdings sind von dieser Statistik nur die größten Gesellschaften erfaßt, deren Aktienkapital mehr als eine Million beträgt und deren Aktien an der Börse gehandelt werden. Die Jahresgewinne sind von 38,4 auf 66 Millionen Mark, also um 70 Prozent gestiegen, die Verluste dagegen von 18.6 auf 5,7 Millionen, also um 70 Prozent gesunken. Die in der Bilanz ausgewiesenen Gewinne bleiben natürlich weit hinter den wirklichen Gewinnen zurück. Das ist nicht erst im Dritten Reich so üblich geworden, es besteht jetzt aber ein besonderer Anlaß, die der Oeffentlichkeit gezeigten Ueberschüsse aufs Aeuß erste zu begrenzen. Nach dem Gesetz dürfen Dividenden, die einen bestimmten Prozentsatz übersteigen, nicht ausgeschüttet, sondern müssen als»Anleihe- stock« in den minderwertigen Anleihen des Dritten Reiches angelegt werden. Die Begrenzung der bilanzmäßigen Gewinne ist also ein Mittel, sich diesem Opfer für die erwachte Nation zu entziehen. Davon wird reichlich Gebrauch gemacht. Der Betrag der ausgeschütteten Dividenden hat sich zwar von 30 auf 41 Millionen Mark erhöht, aber von den 200 erfaßten Gesellschaften brauchten nur 8, also nicht mehr als 4 Prozent einen An- leihestook zu bilden, der insgesamt die dürftige Höhe von nur 900.000 Mark erreicht hat, das ist der zwanzigste Teil eines Prozentes von dem 1,7 Milliarden betragenden Aktienkapital dieser 200 Gesellschaften. Man muß allerdings zugeben, daß es auch andere Mittel gibt den Unternehmungen die faulen Hitleranleihen aufzuzwingen. »In den verarbeitenden Industrien haben sich«, schreibt»Wirtschaft und Statistik«, »die Gewinne beträchtlich erhöht und die Verluste stark vermindert«. Ein Jahr vorher waren die bilanzmäßigen Gewinne noch hinter den ausgewiesenen Verlusten zurückgeblieben. Diesmal ist es umgekehrt. Der Verlustsaldo von 0h Prozent hat sich in einen Gewlnnsaldo von 4.2 Prozent verwandelt. Bei den Grundstoffindustrien ist der Ueberschuß des Jahresgewinnes über den Jahresverlust von 1 Prozent auf 4,4 Prozent des Eigenkapitals gestiegen.»Vor allem haben sich die Geschäftsergebnisse bei den mit Metallgewinnung verbundenen Werken gebessert.« Das sind die Betriebe, die die Metalle erzeugen, durch die die Metalleinfuhr ersetzt werden soll. Bisher gehörten sie zu den unrentabelsten, jezt gehören sie dank Schacht, zu den rentabelsten Unternehmungen. Die Osnabrücker Kupfer- und Drahtwerke A.-G. hatte im Vorjahr einen Verlust von 700.000 Mark, jetzt hat sie einen Gewinn von 2,1 Millionen Mark. Das schöne Bild hat aber doch eine weniger schöne Rückseite. Es wird in»Wirtschaft und Statistik« festgestellt, daß»kein Bedarf für größere Neuinvestitionen besteht«. Die Unternehmungen nehmen also Neuanlagen im allgemeinen nicht vor, wenn sie ihnen nicht vom Dritten Reich bezahlt werden. In diesem Geständnis der amtlichen Statistik kommt die Unecht- heit dieses Aufschwungs deutlich zum Ausdruck. Kein Wunder, daß die Geld- Überschüsse wachsen, wenn kein Geld, oder doch nur geschenktes für Neuanlagen gebraucht wird. Tatsächlich sind auch die Anlagen in den Bilanzen um fast 5 Prozent niedriger bewertet als im Jahre vorher. Offenbar ist mehr auf die alten Anlagen abgeschrieben worden, als die neuau wert sind. Wie sind aber die Im eigenen Betrieb nicht verwendbaren Geldüberscbüsse angelegt worden? Zum Teil sind damit alte Schulden zurückgezahlt worden, aber die langfristigen Schulden sind nur um 11 Prozent, die kurzfristigen um noch nicht 1 Prozent kleiner geworden. Erwähnt sind nur die Ruhrchemie A.-G. die ihre sämtlichen langfristigen Schulden in Höhe von 6 Millionen Mark zurückgezahlt hat. Andere Industriegruppen, besonders die Maschinenindustrie hat ihre kurzfristige Verschuldung stark erhöht Man könnte annehmen, daß höhere Umsätze größere Geldmittel erfordern, daß die Bärmen Kredite in Anspruch nehmen müssen, tarn selbst höhere Warenkredite einräumen zu können. Tatsächlich ist aber ein erheblicher Teil der neuaufgenommenen Schulden und der letztjährigen Ueberschüsse nicht produktiv, sondern sehr unproduktiv in übergroßen Warenvorräten und In den faulen Hitlerpapieren angelegt und festgelegt worden. Die Rheinische Metallwaren- und Maschinenfabrik A.-G. war die einzige Fabrik, die auf Grund des Versailler Vertrages Geschütze herstellen durfte, sie ist auch heute noch einer der größten deutschen Rüstungsbetriebe. Es ist bemerkenswert, daß dieses Unternehmen 10 Millionen Mark neue kurzfristige Schulden gemacht hat, um seine Vorräte an Rohstoffen und Halbfabrikaten um 4,4 Millionen Mark erhöhen zu können. Im ganzen hat sich der Wert von Rohstoffen usw. um 17 Prozent erhöht Bei dem zweifelhaften Wert dieser Uebervorräte dürften die Warenlager weit unter ihren wirklichen Wert in die Bilanz eingesetzt sein und die V orratam engen zweifellos noch weit stärker angewachsen sein als ihr Bilanzwert. Gleichzeitig sind die Vorräte j an Fertigwaren um 6 Prozent gesunken. Dt* Vorratsausammlung entspringt also einer ganz anderen Sorge als der, der steigenden Nachfrage einer sich verbessernden Konjunktur gewachsen zu sein. Noch mehr als die Vorräte von Rohstoffen haben die Unternehmungen ihren Vorrat au Hitleranleihen erhöhen müssen. Die Wertpapiere haben um fast 50 Prozent zugenommen. Die Werft Blohm& Voß hat von ihrem Bankguthaben 4 Millionen abgehoben, um damit Wertpapiere kaufen zu können. Im Laufe des Jahres 1934 haben sich dann, sowohl die Anhäufung von Warenvorräten wie die Ueberfütterung mit Hitleranleihen noch bedeutend verstärkt. So werden die Großunternehmungen gezwungen, einen guten Teil dessen, was sie an der Knegsrüstung verdienen, wieder in der Kriegswirtschaft anzulegen. Die Einführung der allgemeinen Wehrpflicht mag sie von einem Teil ihrer unverkäuflichen Vorräte befreien, aber die Hitleranleihen werden gerade dadurch um so wertloser. Führers Ende... Die niederländischen Mussert-Faschisvjn sind, obwohl sie sich der Protektion des großen deutschen Bruders erfreuen, nicht offl- ziel! antisemitisch, da der Rassewahn in Holland noch viele Menschen abstößt. Gegen sie hatte sich nun vor einiger Zeit eine Konkurrenz aufgetan, die den Antisemitismus offen auf ihre Fahnen schrieb. Ihr»Führer« war der Major Kruyt. War..., nicht ist: denn der Herr Führer wurde dieser Tage von seiner eigenen»Gefolgschaft« abgesetzt, weil man einem Verbrechen auf die Spur gelangt war. Er hatte seiner Frau einen Pelzmantel(Pelzmantel?— Ja, Bauer, das ist ganz was anders!), also: er hatte seiner Frau einen Pelzmantel 1h einem jüdischen Geschäft gekauft. Und da Major Kruyt noch nicht in der glücklichen Lage der braunen Bonzen Deutschlands ist die in solchen Fällen der Presse einfach verbieten, über den Vorfall zu berichten, wurde der Fall publik, und Kruyt flog in hohem Bogen. Seitdem wird ein Führer gesucht.•. Ein Opfer von Dachau Wir haben aus München folgende verbürgte Mitteilung erhalten:»Richard Scbeiü 1s tot am 7. März 1935 erwürgt worden in Dachau. Vorher hatte man ihn geschlagen, weil er rächt sagen konnte, woher � Geld geschickt bekam. Dann wurde er üo Dunkelarrest umgebracht. Er war 58 Jahr« alt! Nachdem man ihm Mitte Dezember 193* ■wieder verhaftet hatte, kam er 36 Tage in den Dunkelarrest, wurde aber dann wieder lu9 Lager entlassen, wo er ganz zusammengebrochen erschien. Richard Scheid war von 191® bis 1924 Stadtrat und ursprünglich auch Bürgermeisterkandidat der USP in München, h»1 aber dann fredwillig auf die Wahl verzieh td- Vorher war er Bibliothekar der freien Gewerkschaften. In den letzten Jahren leitete er ü* München das Büro des Moskauer»Intourist*- Politisch hat er sich seit langer Zeit nlch' mehr betätigt.« Ikiec'üüfmflrfe GoitalöcmofraHfct)» iDochmbldtt Herausgeber: Ernst Sattler: verantwortlicher Redakteur: Wentel Horn. Druck:»Graphia«; alle in Karlsbad- Zeitimgstarif bew. m. P. D. ZI. 159.334/VII-l®3 Printed in Czecho-Slovakia,. Der»Neue Vorwärts« kostet im EHn®®' verkauf innerhalb der CSR. KC 1.40(für � Quartal bei freier Zustellung Kö 18.—)• der Einzelnummer im Ausland Kö 2.— 24.— für das Quartal) oder deren Gegenwerj in der Landeswährung(die Bezugspreise das Quartal stehen in Klammem): Argentlnl® Pes. 0.30(3.60), Belgien Frs. 2.—(24.—). � garien Lew 8.—(96.—), Danzig Guid-", (3.60), Deutschland Mk. 0.25(3.—). Estlan0 E. 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