Haus„Graphia"— Preise und Bezugsbedingungen siehe Beiblatt letzte Seite Hitler In Dmizli Sachlagen Die Opposition behauptet sich trotz Terror und Fälschung. Eine Mahnung an den Völkerbund und die europäische Demokratie Nr. 96 SONNTAG, 14. April 193S odxnHaW Verlag; I Aus dem Inhalt: Vom Schachtwechsel zum Bodensatzwechsel Göbbels Geheimnisse Berauschtes Deutschland Görings Bluthochzeit Das Hitlersystem hat in Dan zig eine Niederlage erlitten. Die Wahl zum Dan- ziger Volkstag sollte den Nationalsozialisten mehr als 75 Prozent der Stimmen und Mandate bringen. Sie sollte ihnen d 1 e Macht über die Danziger Verfassung geben, sie sollte ein Plebiszit gleich dem Saarplebiszit werden. Im Besitze des Staatsapparats haben die Nationalsozialisten ein Höchstmaß des Terrors aufgeboten. Sie haben die propagandistische Kraft des Reichs eingesetzt. Sie haben Görlng, Göbbels, Streicher nach Danzig gerufen. Sie haben die elende Praxis der Wahlfälschungen betrieben. Das Ergebnis: noch nicht 60 Prozent der Stimmen, Stimmenzuwachs von Sozialdemokraten und Zentrum. Hier ist das Wahlergebnis: Das bedeutet: Die Nationalsozialisten beherrschen Danzig, ohne eine Mehrheit des Volkes hinter sich zu haben! Sie haben mit Terror und Fälschung eine Parlamentsmehrheit erschlichen— aber die Luge von der Volksge- meiusohaft unter dem Hakenkreuz ist zersprungen. Die Sozialdemokratie, gegen die sich der Terror mit besonderer Wucht gerichtet hat, hat trotzdem Stimmen gewonnen! Demokratie und Nationallsmus Nach dem Saarplebiszit hat die nationalsozialistische Propaganda aufgejubelt: nur weiter so! Nach der Saar Memelland, Danzig, Sudetendeutschland, Oesterreich! Wählt, wählt, das Volk ist für Hitler-Deutschland! Unser ist die Waffe der plebiszitären Demokratie, der Stimmzettel geht dem Schwert voran, er legitimiert es. Ueber die Reichsgrenzen hinweg spricht der deutsche Rundfunk, in den Grenzgebieten stehen die geheimen Kampfabteilungen in der Uniform der deutschen Irredenta, es wirbt die Macht des Reichs, die Anziehung seiner wachsenden militärischen Kraft Unwiderstehlich ist die werbende Kraft des braunen Nationalismus in den Ländern deutscher Zunge— über alle Parteigrenzen hinweg fallen ihm die Massen zu! Danzig war die Probe aufs Exempel! Das Saarplebiszit war eine Erschütterung und eine Täuschung. D a n- z i g ist eine Klärung und eine Mahnung. Vom Saarplebiszit ging ein tiefer Pessimismus in der europäischen Demokratie aus, ein Pessimismus für den Frieden und für die Zukunft der Demokratie. Er nährte die geheime Sorge, daß der Nationalismus die Idee der Demokratie und der Freiheit niedergewälzt habe. Hoffnungslos wandten sich viele jenseits der deutschen Grenzen vom deutschen Volke ab, weil sie es restlos dem braunen Nationalismus, dem Geiste des Militarismus und der Gewalt verfallen, weil sie die Einheit von System und Volk für gegeben glaubten. Die Danziger Wahl widerlegt diesen Pessimismus. Sie sollte ein zweites Saarplebiszit werden.»Heim ins Reiche— so hieß die Parole der Nationalsozialisten. Sie hatten alles für sich; die Macht, den Terror, die einseitige Propaganda, die Beispiel- Wirkung des Saarplebiszits, den Appell an das Nationalgefühl, die Diffamierung der politischen Gegner als Landesverräter. Und dennoch dieses Ergebnis. Sie haben keine Vo 1 k s m e h r h ei t in Danzig! Sie sind eine Minderheit, die mit verbrecherischen Mitteln und angemaßter staatlicher Macht die Mehrheit terrorisiert! Das ist eine Klärung, das zerreißt die Täuschung, die durch das Saarplebiszit geschaffen worden ist Das ist ein Ergebnis von weittragender Bedeutung! Das Hitlersystem ist die Verkörperung des brutalsten Nationalismus. Es hat mit grausamem Terror, mit der Vernichtung der Demokratie die These aufgestellt: der Nationalismus ist die wahre Demokratie. Es hat eine freiwillige Volksgemeinschaft vorgetäuscht, wo nur eine Gemeinschaft des Leidens und des Zwanges ist. Es legitimiert seinen Kriegswülen, seine Eroberungspläne mit dem Wülen des Volkes— den es fälscht und unterdrückt. Es behauptet, demokratisch zu sein— aber es zeigt die Züge einer plebiszitären Demokratie, der verfälschtesten, widerlichsten Form der Massenherrschaft Und selbst diese Züge täuscht es nur vor; denn wenn der Terror fällt bricht selbst dieser Schein zusammen. Mit diesem Schein maskiert es seine Expansionspläne, mit diesem Schein wälzt es seine Verbrechen von den eigenen Schultern auf die Schultern des deutschen Volkes, lenkt es den Haß Europas von sich auf das deutsche Volk! Zieht den Terror ab, und dann wollen wir sehen, was von der Einheit vom System und Volk übrig bleibt! Der Terror hat auch die Danziger Wahl überschattet Aber die Verfassung, vom Völkerbund garantiert, doch nicht geschützt, tausendfach durchlöchert und verhöhnt, gab der Opposition eine Möglichkeit; Gegenkandidaten aufzustellen. Die Werbung für sie, formell zugelassen— aber verboten, verboten, verboten! Die Kandidaten der Opposition: bedroht, verfolgt Man hat ihnen unter Todesdrohungen parteiamtliche Auffordenm- gen ins Haus geschickt sich zurückzuziehen. Der Knüppel und der Dolch haben gewütet Und dennoch; dies minimale Recht, parteimäßig Gegenkandidaten aufzustellen, hat genügt, um den siegessicheren Nationalsozialisten diese Niederlage zu bereiten! Nein, die Demokratie, die wahre Demokratie ist keine Waffe für den braunen Nationalismus, sie ist eine Waffe gegen ihn! Schon dieser letzte blasse Schimmer, diese Andeutung einer parlamentarischen Wahl hat sich als Waffe gegen ihn erwiesen. Das ist die Klärung. Das ist zugleich die M a h n u n g. Zunächst für den Völkerbund. Er hat die Danziger Verfassung garantiert. Hilferuf auf Hilferuf ist an ihn ergangen. Er hat nicht wirküch geholfen. Er hat geduldet, daß unter schamloser Verhöhnimg der Verfassung die Kräfte der Demokratie terrorisiert worden sind. Er hat darüber hinweggesehen, daß esdieKräftedes Friedens sind, die dem Terror unterlagen, Diese Wahl sollte ein Schlag gegen ihn sein, gegen den Garanten der demokratischen Verfassung der Freien Stadt Danzig. Die Männer, denen er nicht seinen ganzen Schutz gegeben hat, haben diesen Schlag gegen ihn abgewehrt Wird er mm sich daran erinnern, daß ihre Sache die Sache des Rechts, und damit die Sache des Friedens ist? Die Unerbittlichkeit im Schutze des Rechts darf nicht darunter leiden, daß ein Land klein ist, und daß es weit im Osten üegt! Die Mahnung gilt auch für die Kräfte der europäischen Demokratie. Welche Anteilnahme hat der Saarkampf noch erweckt— aber auf welche Gleichgültigkeit ist die Danziger Wahl gestoßen! Es ist wahr, daß Danzig im Osten liegt, daß es nicht zum unmittelbaren Blickfeld der westeuropäischen Demokratie gehört. Aber ist das eine Entschuldigung? Die Männer und Frauen, die diesen Kampf durchgehalten haben, die nicht unter der Wucht des Terrors zusammengebrochen sind, die ein so schönes Beispiel des Muts und des Widerstands gegen ein übermächtiges terroristisches System gegeben haben, sie haben so allein und verlassen gestanden wie selten eine Kämpferschar. Wenn es Resignation war, die diese Haltung der europäischen Demokratie bestimmt hat, dann rufen wir ihr zu: befreit euch von der gefährlichen Täuschung, daß der kriegerische Nationalismus des Hitlersystems alle Kräfte der Demokratie und des Friedens zermalmt hat! Es ist eure Sache, für die in Danzig gekämpft wurde, es ist die Sache des Friedens, für die dort und in ganz Deutschland gerungen wird! Jawohl, in Deutschland! Es war G ö- ring, der in Danzig sprach; Danzig, ein Spiegel von Deutschland! Es ist ein Spiegel von Deutschland. Sie haben in Danzig eine Wahl veranstaltet wie vor Hitlers Machtergreifung im deutschen Lande Lippe. Sie haben in ein kleines Gebiet, kleiner als ein deutscher Reichstagswahlkreis, ihre ganze Kraft geworfen, sie haben Macht und Terror aufgeboten— und sie haben es nicht erreicht, ihre Gegner zu zerschmettern, sie haben es nicht verhindern können, daß ihre Gegner gewonnen haben. Gebt Deutschland nur diesen letzten Schatten eines wirklichen Wahl rechts, gebt ihm nur das Recht, Parteikandidaten gegen nationalsozialistische Parteikandidaten zu stellen, und die Lüge von der Totalität des Volkswillcns wird zu Ende sein! Danzig, ein Spiegel von Deutschland,— nun gut, das heißt: die nationalsozialistische Partei ist in Deutschland in der Minderheit, sie beherrscht mit terroristischen Mitteln die Mehrheit. Auch in Deutschland wird gekämpft. Die unsichtbare illegale Oppositionsarbeit, in ihrem wahren Umfang eher dem Feind als dem Freund erkennbar, mag den Kräften der europäischen Demokratie, die an offene Wahlschlachten, an offen überblickbare Organisationen gewöhnt sind, weniger sagen als eine Wahlziffer. Aber es ist eine Täuschung, daß darum ihre Bedeutung geringer sei. Hinter ihnen stehen gewissermaßen virtuelle Wahlziffem. Hinter ihnen steht die gefesselte deutsche Demokratie, hinter ihnen steht die Feindschaft eines großen Teils des deutschen Volkes gegen das System, die Feindschaft gegen den Krieg, die Ablehnung des Völ- kerhasses und Rüstungswahns, der von dem braunen System gepredigt wird. Es gibt eine Friedenspartei in Deutschland. Es ist nicht wÄr, daß der Nationallsmus des deutschen Volkes, daß der Kriegs- und Expansionswille des deutschen Volkes die Welt bedroht: es ist nicht Nationalismus und WUle des Volkes, sondern des terroristischen Systems. Es ist die teuflische Methode der Verderber des deutschen Volkes, System und Volks als eins erscheinen zu lassen. Wehe der europäischen Demokratie, wenn sie dieser Suggestion unterliegt, die sich gegen sie selbst kehrt! Seht auf die Kämpfer von Danzig! Es ist euer Kampf, den sie geführt haben. Es ist euer Kampf, der in Deutschland gekämpft wird! Neues Reidispleblszlt? Das Propagandaministerium hat den Redaktionen der gleichgeschalteten Presse vertraulich mitgeteilt, daß die Relchsregie- rung erwäge, über Ihre außenpolitischen Ziele eine neue Volksbefragung zu veranstalten, die den einheitlichen Willen der Nation bekunden soll. Diese vertrauliche Information an die Presse ist vor der Wahl von Danzig ausgegeben worden. Die Stimmung in Berlin Gemachte Begeisterung— Zurückhalten der Bevölkerung Wir erhalten das folgende Stimmungsbild aus Berlin: »Die gesamte Berliner Arbeiterscliaft steht selbstverständlich stark unter dem Eindruck der Regierungsverkündung betreffend allgemeine Wehrpflicht. Da die Arbeiter in richtiger Einschätzung des Wertes aller gegenwärtigen Presserzeugniase auf die Lektüre einer Zeitung Überhaupt verzichten, bilden sich vor den Filialen der Berliner Tageszeitungen starke Ansammlungen, die interessiert die Fensteraushänge lesen. Da sich nur selten einer zu einer Bemerkung hinreißen läßt, da jeder in seinem lieben Mitmenschen neben sich einen Denunzianten und Spitzel vermutet, geht es in den leoenden Gruppen sehr still zu. Bin M einungsaustausch oder eine Diskussion wie früher ist ein Unding. Auch ein Beweis dafür, wie es in Wahrheit um die Volksgemeinschaft bestellt ist. Das gleiche Bild in den Lokalen und Verkehrsmitteln. Jeder versucht ängstlich seine wahre Meinung zu verbergen, meldet seinen Mitmenschen, schaut scheinbar desinteressiert drein oder redet— wenn aus Höfllchkelts- gründen nicht anders möglich— belangloses Zeng. Steigt ein Fahrkartenkontrollor in die Straßenbahn ein oder löst ein BYK- Schaff- ner»einen Kollegen mit einem mehr oder weniger lauten oder verechämten»Heil Hitler« ab, dann gibt es immer ein verwundertes Auf- und Dreinschauen der Fahrgäste, bei einigen wohl auch©in Beobachten der Gesichtszüge der anderen und manchmal ist ein ironisches Lächeln nicht zu verkennen. Von der Begeisterung, die jene zweihundert Prozent Gesinnungs- und Gemütsathleten in Braunhemd und Arbeitsdienstuniform Im Sportpalast bei der Verkündung durch Goh- bels aufbrachten, ist im Straßenblld nichts, in den Betrieben und Büros schon gar nicht zu spüren gewesen.« Weitere Mitteilungen berichten über die Kundgebungen aus Anlaß des Urteiles Im Memeilandprozeß. Diese Kundgebungen sind amtlich und in der Presse als spontane Kundgebungen des Volkszornes bezeichnet. worden. In Wahrheit handelt es sich um b e- fohlene, sorgsam organisierte Demonstrationen. Die Organisationen, die dafür in Bewegung gesetzt worden sind, sind die Arbeitsfront, der Luftschutzverband und die NS-V o 1 k s w o h 1 f a h r t. Die NS- Volkswohlfahrt wird überhaupt mit Vorliebe für ähnliche Zwecke verwendet. Durch Handzettel und Hausanschläge waren Ort und Stunde der Kundgebung, sowie Anmarschwege bekannt gemacht worden. In vielen Betrieben wurden die Arbeiter verpflichtet, an der Kundgebung teilzunehmen. Ea wurden Kontrollkarten ausgegeben. So kamen diese»spontanen« Kundgebungen zustande. Trotz aller Vorbereitungen ist ihr Umfang erheblich hinter ähnlichen befohlenen Demonstrationen zurückgeblieben. Die Bevölkerur�j- verfolgt die außenpolitischen Dingo eher mit Apathie, als mit wirklicher innerer Teilnahme. �trelflldiier aus dem Dritten Deich Frauentragödie Zum Tode von Mathilde Wurm und Dora Fabian IB der vergangenen Woche sind in Ihrer Wohnung in London die Genossinnen Mathilde Wurm und Dora Fabian, seit Jahren trotz großen Altersunterschieds Innig befreundet, tot aufgefunden worden. Sie sind freiwillig aus dem Leben gegangen. Mathilde Wurm stand Im 01. Lebensjahr. Ein Leben voller Arbeit lag hinter ihr. Vor fast fünfzehn Jahren starb ihr Mann Emanuel Wurm. Jahrzehntelang war er als Kampfgenosse von Karl Kautsky In der Redaktlo>n der»Neuen Zeit«, wo man Ihn wegen seiner besonderen Eignung als Theoretiker und Praktiker zugleich sehr schätzte. 1018 wurde er Staatssekretär für das Ernährungswesen, nachdem er während des Krieges die Einführung der Brotkarte durchgesetzt hatte und damit verhinderte, daß die Lebensmittelversorgung zusammenbrach. Sein Wahlkreis Gera, mit dem er seit 1800 auf das Engste verbunden war, erwählte Mathilde Wurm zum Nachfolger, nicht aus Dankbarkelt für Emanuel Wurm, sondern aus Anerkennung wegen der von Ihr selbst geleisteten Arbelt Ununterbrochen gehörte Mathilde Wurm bis 1033 dem Reichstag an, wegen ihres Fleißes allgemein bei Freund und Feind geschätzt Erst Im Mai 1038 verließ sie Deutschland wegen ihrer propagandistischen Arbeit In den Monaten März, April und Mal von den Häschern Hitler» verfolgt und gehetzt Ohne Wohnung brachte sie die meisten Nächte auf der Elsenbahn zu. Mit welchem Hasse die HlUerschergen die wehrlose Frau verfolgten, zeigt daß man sie zwar nicht ausbürgerte, aber bestahl. Ihr Eigentum: eine kleine Wohnungseinrichtung, der wertvolle Rest der Bibliothek Ihres Mannes und einige hundert Mark Spargeld wurden sofort beschlagnahmt. Erst jüngst veröffentlichte der»Relchsanzel- ger« eine amtliche Bekanntmachung, daß man eine»Holzlaube« In Wannsee, In der sie Ihre wenigen Freistunden verbrachte, enteignet habe. Im Auslande setzte Mathilde Wurm die Arbelt fort, die Ihr Immer Lebensinhalt gewesen war, nämlich die Sorge für andere. Ihre Briefe enthielten nie ein Wort der Klage, selten kurze Bemerkungen über Ihr persönliches Leben. Dafür aber war jeder Brief voller Anteilnahme und voller Hilfsbereitschaft für die unzähligen Opfer des Faschismus. Ihre guten Beziehungen zu Männern und Frauen der englischen Oeffentllchkelt benutzte sie, um Ihr Interesse für die Opfer des Faschismus, aber auch Ihren Zorn und Ihre Empörung für die daran Schuldigen zu wecken. Mit Dora Fabian verband sie eine besondere Freundschaft. Als Tochter des ausgezeichneten sozialdemokratischen Juristen Hugo Heinemann, der besonders Im Königsberger Geheimbundprozeß 1907 sein glänzendes Können bewies, war Dora Fabian von Jugend auf mit der sozialistischen Bewegung Furcht vor dem Volke Je mehr sich der außenpolitische Horizont verfinstert um so aufdringlicher beteuern die Redner der nationalsozialistischen Diktatur, daß sie und das deutsche Volk eins seien. Hitler und sein Parteiapparat seien getragen von der vertrauensvollen Hingabe der ganzen Nation. Daß das nicht ganz stimmt, beweisen die harten Urteile, die täglich vor vielen deutschen Gerichten nicht nur gegen Illegale, sondern auch gegen harmlose Kritiker gefällt werden. Wie tief hinter den Fahnen und Girlanden und dem Volksjubel bei den Spitzen der deutschen Diktatur das Mißtrauen insbesondere gegen die proletarischen Massen sitzt, beweisen Pläne zum raschen Niederwerfen von Revolten, Pläne, die vom Reichswehrministerium und Reichswehrkommandos Im Einklang mit der Gö- rlngsschen Polizei ausgearbeitet worden sind. Einer der teuflischsten davon ist, Städten oder Stadtteilen, In denen sich Auflehnungen gegen das Regime, sei es auch nur In der Form von größeren Streiks zeigen, das Wasser abzusperren. Frauen und Kindern soll nach dem Beginn der Regierungsaktion das Recht zum ungehinderten Abzug gewährt werden. Ebenso sollen diejenigen Männer Gnade finden, die sofort dem Befehl der Reglerungsautorität sich fügen. Allen anderen aber soll nur die Wahl bleiben zwischen dem Tode des Verdurstens und den Standrechtskugeln oder den Kerkern der mitleidlosen Machthaber. Die Pläne sind neuerdings Im Hinblick auf einen drohenden Krieg Uberarbeitet worden. Sollte er ausbrechen, so würde jeder Versuch, Im Innern des Landes geistige oder materielle Sabotage zu treiben, mit einer Erbarmungslosigkelt unterdrückt werden, die In der Geschichte kaum ihres Gleichen kennt. Jeder, der In Kriegszeiten nicht willenlos dem Kommando der Regierung folge, habe sein Leben verwirkt. Das habe früher nur für die Soldaten gegolten, jetzt müsse es auch auf die Zivilisten Anwendung finden. Aus Gobbels Heimatstadt Die Stadt Rheydt am Niederrhein, vor hundert Jahren Wiege der deutschen Textilindustrie, hat vor zwei Jahren im ersten Ueberschwang der nationalsozialistischen Gefühle, den In ihren Mauern geborenen D r. Joseph Oöbbels zum Ehrenbürger ernannt. Stieg er in den dann folgenden Monaten Im teuersten Hotel der Stadt ab, um Mutter und Freunde zu besuchen, so konnte er sich vor begeisterten Demonstrationen kaum retten. Das Ist lange vorbei. Er kann jetzt nach Rheydt kommen, wann er will, ohne daß seine Mitbürger sich In Unkosten stürzen. Im vorigen November hatte Rheydt sogar eine auffallend hohe Zahl von Neinstimmen. Das war immerhin nur eine Rebellion in der Wahlzelle. Was aber In der ehemaligen rheinischen Hochburg des Nationalsozialismus auch öffentlich schon möglich ist, dafür liefert die Nr. 12 der katholischen Kirchenzeitung einen Beweis. Sie rühmt, daß Kathollken und Protestanten gemeinsam eine nationalsozialistische deutschgläubige Versammlung in der Rheydtcr Stadthalle gesprengt haben. Als die Nazis Zwischenrufer hinausbefördern wollten, stimmten die Kathollken den Ambrosianischen Lobgesang an»Großer Gott wir loben Dich«. Ihnen folgten die Protestanten mit»Eine feste Burg ist unser Gott.« Die Kirchenzeitung spottet:»Es war das Gescheiteste, was die Polizei tun konnte, daß sie wenige Minuten nach diesem Auftritt die Versammlung auflöste, denn die gläubigen Kathollken und Protestanten Rheydts haben mit einer nicht mißzuverstehenden Deutlichkeit gezeigt, daß sie nicht länger gewült sind, die Schmähungen einer christusfeindlichen Welt hinzunehmen.« Die katholische Kirchen- zeltung geht noch welter. In kaum noch verhülltem Hohn weist sie darauf hin, daß der Führer und Reichskanzler zwar des öfteren betont habe, die nationalsozialistische Bewegung stehe auf dem Boden des positiven Christentums, aber seine Presse mache für die Deutschgläubigen Reklame. Die Empörung der Katholiken im Rbeinlande wird nicht wenig geschürt durch die Hinterhältigkeit gegenüber dem Jesuitenpater Spieker in Köln. Er sollte auf der Kanzel politisch gehetzt haben. Das Sondergericht mußte ihn freisprechen, da der einzige Zeuge, ein Studienrat, versagte. Darüber hat die deutsche Presse berichtet. Was sie aber verschwieg, ist die Tatsache, daß die Geheime Staatspolizei den freigesprochenen Jesuitenpater sofort wieder»In Schutzhaft« genommen hat. Von der Brücke zum Bollwerk Immer wieder verblüfft, mit welcher Frechheit die Nationalsozialisten die Leistung anderer als ihr Werk In Anspruch nehmen und im Auslande lassen sich nicht wenige Gutgläubige dadurch täuschen. In Köln hat dieser Tage der Relchsblldungsmlnl- sterRust gemeinsam mit dem Oberbürgermeister Dr. Riesen, einst Prokurist bei dem Bankjuden Louis Levi-Hagen die großen neuen Unlversltätsgebäud® eingeweiht. Der neue Rektor Dr. v. Habereer predigte mit der Verlogenheit und mit der Schweifwedelei. die das deutsche Professoren- tum schändet, wie»die verantwortlichen Männer de» neuen Deutschland« sich für die Erhaltung und den Ausbau der Kölner Universität eingesetzt hätten. Natürlich Ist das Schwindel. Die Kölner Universität dankt der Revolution von 1918 ihr Entstehen. Sie wurde damals möglich durch die Zusammenarbeit von drei Männern: dem sozialdemokratischen Kultusminister Haenlsch, dem sozialdemokratischen Abgeordneten Meerfeld, erster Ehrendoktor der Universität, der jetzt Irgendwo im Reiche ein dürftiges Alter fristet, und dem Oberbürgermeister Adenauer, der. vom Jetzigen Regime geächtet, Köln nicht mehr betreten darf. Auch der jetzige Bau Ist noch in der Weimarer Republik bewilligt, finanziert und zum größten Teile fertiggestellt worden. Nur das Verdienst der Einweihung und der Reden kommt den neuen Herren zu und noch etwas, das freilich alles andere als ein Verdienst ist: sie rufen die Kölner Universität als»ein Bollwerk« im Westen aus, während ihre Gründer diese deutsche Hochschule im Gegenteil als eine Brücke zwischen Westeuropa und Mitteleuropa, zwischen Frankreich und Deutschland sich dachten. Es gibt gerade Im Rheinlande deutliche Anzeichen dafür, daß wachsende Teile der studentischen Jugend es satt haben, die deutsche Hochschule mit dem Kasernenhof verwechseln zu lassen, und den Wunsch nähren, die Wissenschaft wieder auf die weltweiten Höhen zu erheben, auf denen sie stand, als sie noch nicht zum Frondienst in den nationalsozialistischen Parteibollwerken hinabgezwungen war. Hannes Wink. Zur Feier Ton Görlngs Hochzeit Am Morgen von Görings Hochzeitstag, der in Berlin mit ekelerregendem Gepränge gefeiert wurde, sind im Berliner Gefängnis Plötzensee die Kommunisten Epstein und Ziegler mit dem Beil hingerichtet worden. Als der Zuhälter Horst Wessel von dem Zuhälter und Berufsverbrecher Höhler Im Januar 1930 In seiner Wohnung erschossen wurde, hatten die beiden auf der Straße gestanden. Der Täter Böhler hatte sechs Jahre Zuchthaus erhalten. Das Urteil gegen die beiden war ein Justtc- verbrechen, die Hinrichtung ein glatter Mord. Der Henker mit dem Handbeil, mit Blut bespritzt, war zur Verschönerung der Döring- Hochzelt unentbehrlich. Sie hätten Ihn neben der ganzen Verbrecherbande mit In den Dom nehmen sollen. Er wäre ein würdiger Trauzeuge gewesen! verbunden. Ein sicherlich eigenwilliger Mensch, aber auch ein Mensch mit Fähigkelten und Leidenschaften, dessen Weg unter den besonderen Umständen der Nachkriegszelt politisch nicht Immer geradlinig verlief. Die tiefere Schuld an dem Tode von zwei wertvollen Menschen liegt bei Adolf Hitler. Er raubte ihnen die Heimat, er raubte Ihnen die Existenz. Er zerstörte ihren Lebensfaden, der In der Verbindung zu ihren Genossen In der Heimat lag. Er trieb sie Ins Exil, wo auch die stärksten Menschen nicht Immer Uber Jene Kräfte verfügen, die Ihnen In anderen Umständen einen sicheren Halt für die Ueberwlndung aller Schwierigkeiten geben. Spionage und Verbrechen Die Lügen der braunen Die Behörden des braunen Systems haben sich im Falle Jacob auf schamloses Lügen verlegt. Sie haben Uebung darin. Der Tatbestand schlägt alle Lügen zu Boden. Wir haben am 3. Februar 1935 Im Zusammenhang mit der Ermordung des relchs- deutschen Ingenieurs Formte auf tschechoslowakischem Boden folgende Fragen gestellt: 1. Wer wählt die Mörder ans, instruiert ele und versieht sie mit Geld und Waffen T 2. Wem melden die Mörder»Befehl ausgeführt« und wer belohnt sie? 3. Wie Ist das Verhältnis zwischen der Reichs- re gierung und Jener Behörde, die solche Morde beschließt nnd durchführen läßtf 4. Gibt es eine prinzipielle Billigung des Reichskanzlers für diese mörderische Aktivität jenseits der deutschen Grenzen? Die Tatsache, daß jetzt das Auswärtige Amt bewußt falsche Behauptungen aufstellt, daß es eine Untersuchung im Falle Jacob ablehnt, daß es Verbrecher deckt, Ist genügend Antwort auf die Fragen 3 und 4. Auch die Frage nach der Spezialorganisation ist hinreichend beleuchtet. Wer versieht die Mörder mit Geld und Waffen? Es war das Büro des Norddeutschen Lloyd in London, das dem Verbrecher Wesemann die Silberlinge fUr seine Spitzeldienste geschickt hat. Es war ein Kapitän des Norddeut- Bebörden im Fall Jacob sehen Lloyd, Manz, der die Gangsterbande befehligt hat. Hier wird ein Teil einer umfassenden Organisation sichtbar. Die großen Schiff ahrts- gesellschaften mit Ihrer halbstaatlichen Stellung, mt Ihrer engen Verbindung mit Regierung und militärischer Leitung sind traditionell die Träger der Agentenwirtschaft und der Spionage im Frieden wie im Kriege. In den Büros der Scblffahrtagesell- schaften wie der großen Speditionsunternehmen sitzen die Unterchefs der Spionage. Das Ist eine international ebenso gut bekannte wie wütend bestrittene Tatsache. Wir behaupten auf Grund des Materials Uber den Fall Berthold Jacob, daß die braune Militärspionage Im engen Zusammenhang steht mit den Mord- und Entfühnmgsver- brechen. Gegenwärtig herrscht Spionagehochbetrieb. Die Hltlerreglenmg folgt alter Tradition, wenn sie die Einrichtung der Spionage wie die Taten Ihrer Agenten mit kaltem Hohn leugnet. Es Ist bekannt, welche Haltung die deutsche Regierung unter dem Reichskanzler BUlow zum Fall Dreyfuß eingenommen hat: sie hat kaltlächelnd zugesehen, wie sich Frankreich Uber diesen Fall zerfleischte, obwohl sie die Wahrheit, den wahren Spion, alle Zusammenhänge kannte. Sie hat geleugnet aus Prinzip: aus einem unehrlichen, unmoralischen, hundsgemeinen Prinzip. Die deutsche Regierung von heute handelt nach dem alten Prinzip. Sie»wahrt da» Gesicht«. Aber es besteht Hoffnung, daß ihr diesmal die Maske heruntergerisBen wird, Sozialdemokr. Wahlerfolge Im Schweizer Kanton Basel-Stadt haben Wahlen zur Regierung des Kantons stattgefunden. Diese Wahlen haben eine sozialdemokratische Mehrheit ergeben. Die Regierung setzt eich nun aus vier sozialdemokratischem und drei bürgerlichen Regierungsräten zusammen, während die frühere Regierung fünf büxgerliche und zwei sozialdemokratische Mitglieder zählte. Die Stadt Basel liegt unmittelbar an der deutschen Grenze. Ihre Sprache Ist deutsch, ihre Beziehungen zu Deutschland sind stark — aber der Wahnsinn des Dritten Reiches bleibt ohne Einfluß auf die Baaler Bürger..• Wo der Terror nicht hinkommt, hat der braune Wahnsinn keine Chance. Deutischer Bundfunk (Prawda, Leningrad.), England, Rußland und der Ferne Osten genügen, um den Frieden am Stillen Ozean zu erichem.« Daa Vordringen Japans hat selbstverständlich auch In der Sowjetunion die stärksten Besorgnisse und entsprechende Gegenmaßnahmen hervorgerufen. Noch vor wenigen Tagen schrieb der Chefredakteur Bucha- r 1 n in den Moskauer»Iswestija« in einer Betrachtung über die Probleme des Friedens: »Wo liegen augenblicklich konkret die wahrscheinlichsten Herde des Krieges? Bis vor kurzem war der Ferne Osten ein sehr gefährlicher Kriegsherd. Die japänl- sche Angriffslust In China, die Okkupation der Mandschurei, die weitgehenden Pläne weiterer Eroberungen, darunter Pläne, die sich auf das Gebiet der Sowjetunion bezogen, eine ganze Reihe von militaristischen Aktionen auf der Ostchinesischen Bahn usw. bedeuteten eine ungeheuere Gefahr für den Frieden. Wie war demgegenüber die Haltung der Sowjetunion? Es war die Haltung des Kampfes um den Frieden, selbst um den Preis von Konzessionen. Der Verkauf der Ostchinesischen Bahn auf Anregung der Sowjetunion und ihre äußerste Nachgiebigkeit bei den Verhandlungen ist eine Tatsache, die keinem Zweifel unterliegt. Wie war die Haltung Deutschlands? Es war und Ist die Haltung einer Unterstützung des gefährlichsten Feuers Im Fernen Osten. Keine einzige europäische Macht hat im Femen Osten so sehr das Feuer geschürt, wie es Deutsch- , land getan hat. Auch das ist eine unwiderlegliche, historische Tatsache.« Die weiteren Ausführungen Bucharins lassen es verständlich erscheinen, weshalb die Sowjetunion das Schwergewicht ihres Abwehrkampfes gegen die Kriegsgefahr nach dem Westen verlegt hat. Die Gefahr, die ihr vom neuerstandenen deutschen Militarismus droht, erscheint ihr größer und brennender, als die im Femen Osten. Gegenüber der explosiven Gefahr des von Hitler geführten neudeutschen Imperialismus gilt es, alle Kräfte der Abwehr und der Friedenserhaltung zu sammeln, um nicht nur den Osten, sondern auch den Westen Europas von dem Feuer des Krieges zu bewahren. Wo liegt da» Schwergewicht aller Bemühungen um die Erhaltung des Friedens? In England, antwortet Karl Radek in zwei Instruktiven Artikeln in den Moskauer »Iswestija«. England hat, o führt er aus, mit seiner traditionellen Spekulation auf das »Gleichgewicht der Kräfte« Im Femen Osten wie In Europa Schiffbruch erlitten. Im Fernen Osten hat es durch seine jahrelange Schaukelpolitik zwischen den Vereinigten Staaten und Japan nur die Macht des japanischen Imperialismus gesteigert und dadurch die Existenz seiner indischen Besitzungen und der englischen Dominions am Stillen Ozean gefährdet. Jetzt muß es sich entscheiden. welche Haltung es gegenüber der japanischen Gefahr einnehmen soll. Ebenso hat die englische Politik durch ihre wohlwollende Haltung gegenüber Hitler die gegenwärtige Machtverschiebung zugunsten des neudeutschen Militarismus gefördert und dadurch nicht nur seine eigene Sicherheit gefährdet, sondern auch das Gleichgewicht der Kräfte in Europa über den Haufen geworfen. Radek umreißt die drei polltischen Strömungen, die gegenüber den bestehenden Kriegsgefahren In England bestehen. Es ist erstens die Richtung der sogenannten»Isolationisten«, geführt von der Presse Lord Beaverbroks. Diese Richtung verlangt, daß England sich weder In Europa noch In Asien In die dort bestehenden Gegensätze und Konflikte einmischt, sondern sich darauf beschränkt, die wirtschaftlichen Verbindungen mit den Dominions und den Kolonien auszubauen, und die Verteidigungsmittel des Empire zu verstärken. Diese Richtung, die gewisse Berührungspunkte mit den pazifistischen Strömungen In den Volksmassen hat, Ist unreal, da sie die Tatsache Ubersieht, daß England mit seinen weltumspannenden Interessen nicht außerhalb eines Weltkonfliktes bleiben kann, sondern früher oder später in ihn hineingezogen werden würde. Die zweite Richtung, deren Sprachrohr die Presse Lord Rothermer6s Ist und die mit dem Finanzkapital eng liiert ist, will die Kriegsgefahr bannen, Indem sie den deutschen und den japanischen Imperialismus auf andere Staaten ablenkt. Die Folge wäre; Einerseits freie Hand für Hitler im Osten und Südosten Europas, und andererseits freie Hand für Japan im Femen Osten! In beiden Fällen wäre die Entfesselung eines Weltkrieges gewiß, bei dem letzten Endes auch das englische Weltreich in die Brüche gehen würde. Die dritte Richtung endlich, die in der Presse von Wickham Steed und G a r- v 1 n, und Im Parlament von Austin C h a m- b e r 1 a 1 n repräsentiert wird, und die sich auf die einsichtsvollsten Kreise der konservativen Bourgeoisie stützt, lehnt die Illusionen der beiden ersten Richtungen ab und erkennt, daß der Krieg, wenn er einmal ausbricht, nicht lokalisiert werden kann. Das bezieht sich ebenso auf Europa wie auf den Femen Osten. Deshalb bildet In Europa der Friede ein unteilbares Ganzes, das durch ein Zusammengehen mit Sowjetrußland gesichert werden muß, und deshalb kann auch der Friede im Femen Osten nur durch ein Zusammengehen Englands mit den Vereinigten Staaten(und natürlich auch mit Rußland) geschützt werden. Zieht man die hier skizzierten politischen Strömungen in Betracht, so erscheint das Wechselspiel, das heute die englische Politik bietet, um vieles verständlicher. Eis ist die schwankende Politik eines Landes, das sich nur schwer von der traditionellen Linie der »balance of power«, der Aufrechterhaltung eines politischen Gleichgewichtes, loslösen kann, mit deren HUfe es über hundert Jahrs lang die Gegensätze zwischen den anderen Staaten ausnutzte und seine Weltmacht aufrichtete. Auch jetzt noch hoffen einflußreiche Kreise der konservativen Bourgeoisie und des Finanzkapitals diese polltische Linie fortsetzen zu können. Sie spekulieren hierbei auch auf den tiefverwurzelten Friedenswillen der englischen Arbeiterschaft und glauben hierbei auch der Labour party bei den bevorstehenden Wahlen den Wind aus den Segeln zu nehmen, wenn es ihnen gelänge, durch Konzessionen an.Hitlerdeutschland und an Japan, wenn auch nur für einige Zelt einen Scheinfrieden herzustellen. Doch mit Recht wenden sich selbst einsichtige konservative Wortführer gegen diese Illusion, die den Krieg nur um so sicherer heraufbeschwören würde. So schreibt G a r- v 1 n im»Observer« klipp und klar: »Eis bleibt Friede, wenn England stark ist und zu handeln versteht Eis kommt zum Krieg, wenn es schwach ist und sich überspielen läßt... Wenn wir Im Juli 1914 einiger und entschlossener gewesen wären, wäre damals ein Weltkrieg verhindert worden und vielleicht hätte er niemals stattgefunden.« Für den FVieden der Welt wäre es gut, wenn die englischen Staatsmänner In S t r e- s a diese Warnung beherzigen würden. Enthüllte Geheimnisse Nene Geheiminstrnktionen des Relchs- propagandaministerinms an die deutsche Presse, letzte Märzwochen. „Es ist unerwünscht, daß sich in deutschen Zeitungen immer wieder Nachrichten finden, daß im abessi- uischen Heer deutsche Instruktionsoffiziere und Ingenieure tätig sein sollen. Es ist keinesfalls gestattet, zu berichten, daß der Siemens- Konzern 25 Ingenieure nach Abessinien entsendet hat." * „In Erörterungen über die Auf ia s- s an g Polens in der deutschen Wehrpflicht frage auf die Ruhe hinweisen, mit der Polen den deutschen Schritt aufgenommen hat. Stärkere Betonung des deutsch-polnischen Einvernehmens wäre zweckmäßig, insbesondere darauf, daß Polen in vollster Loyalität von Deutschland immer unterrichtet wird. Dagegen nicht gestattet, zu berichten, daß Polen über die Wiedereinführung der Allgemeinen Wehrpflicht bereits bei dem Besuch von General Göring davon verständigt worden ist." * „Die von der Reichsschrifttumskammer eingeleiteten Maßnahmen zur E n t- fernung aller nichtarischen Mitglieder aus dem Reichsverband deutscher Schriftsteller werden zunächst etwa 1500 N ichtarier betreffen. Die Auskämmimg soll planmäßig fortgesetzt werden. Es ist jedoch nicht erwünscht, diese Maßnahmen allzu sehr in den Vordergrund zu rücken." * „Die Ueberwachungsst eilen für Rohstoffverteilung teilen den Handelsredaktionen zur Orientierung und ziu- häufigen Verwendung in nationalwirtschaftlichen Aufsätzen mit, daß versucht werden müsse, neue Wege der Roh- sto ff beschaff ung zu ermitteln, da das bisher im Handelsverkehr mit den meisten.Ausländern übliche Clea- rtngsystem möglicherweise eines Tages aufhören kann, da in den Gläubigerstaaten die Abneigung wächst. Das Reichs- Wirtschaftsministerium prüfe zur Zeit verschiedene neue Vorschläge zur Rohstoffbeschaffung." « „Bei Erörterungen über die Aktivität des Deutschtums im Auslande darf nie erwähnt werden, daß und welche Zeitungen eine Deutschland freundliche H alt ung einnehmen." „Die DD- Bank beabsichtigt, eine Reihe von Provinzfilialen und D espositenkassen innerhalb Berlins zu schließ en. Nachrichten darüber dürfen nicht veröffentlicht werden." * „Es ist der Deutschen Presse streng untersagt, in der Frage der Wiedereinführung der W ehr pflicht irgendwelche Einzelheiten und Informationen zu veröffentlichen, die nicht ausdrücklich die Genehmigung des Reichswehrministeriums besitzen. In allen Kommentaren Beobachtung der amtlichen Richtlinien unerläßlich, immer wieder Betonung defensiven Charakters erwünscht. Nachrichten über Ausgestaltung des Wehrgesetzes nach wie vor verboten, solange nicht neue Ausführungsbestimmungen zum Wehrgesetz vorliegen. Anläßlich Rückkehr General S e e c kt s darauf hinweisen, daß dieser ständig mit der deutschen Heeresleitung in Fühlung gestanden und infolgedessen die besonderen Belange der deutschen Armee gründlich kennt. General Ludendorff ist dagegen seit IS Jahren ohne jede Verbindimg mit der Deutschen Heeresleitung." * „Nachrichten, daß der Arbeitsdienst in der W ahner H eide nahe bei Köln zur Durchführung bestimmter Arbeiten eingesetzt worden ist, dürfen nicht veröffentlicht werden, da es sich um Arbeiten in der sogenannten entmilitarisierten Zone handelt." * „Die Handelsredaktionen werden dringend ersucht, die Ausweise der deutschen Sparkassen mit Die Auffassungen, von denen gegenwärtig die russische und die englische Außenpolitik beherrscht wird, weisen eine wichtige Divergenz auf: In Rußland wird zweifellos die Lage ernster angesehen als in Großbritannien. wo einflußreiche politische Kreise noch immer von der Illusion beherrscht sind, durch ein zu nichts verpflichtendes Schaukelspiel die heraufziehende Kriegsgefahr bannen zu können. In Rußland jedoch herrscht die Auffassung vor, daß es zur Zeit zwei große Gefahrenherde für den Weltfrieden gibt: Deutschland und den Fernen Osten. Fla ist bemerkenswert, daß diese Auffassung auch im Londoner»Economist« zum Ausdruck gelangt;»Unsere Aufmerksamkeit — heißt es dort— wird durch die niederdrük- kenden Aussichten in Europa in Anspruch genommen. Inzwischen legen die Japaner eine immer größere Aktivität an den Tag. In den letzten Wochen haben die Anzeichen zugenommen, daß Japan in nächster Zeit j einen weiteren Schritt im Fernen Osten unternehmen wird. Eis unterliegt keinem Zweifel, daß das zeilliche Zusammenfallen der kritischen Momente in diesen beiden Teilen der Welt keineswegs zufällig ist. Offensichtlich schaffen die Schwierigkeiten Europas für Japan eine günstige Gelegenheit... Wenn wir diese Dinge richtig einschätzen, so erkennen wir, daß Japan die gegenwärtige Lage ausnutzen will, um China in die Tasche zu stecken.« Der Alarmruf des angesehenen englischen Finanzblattes kennzeichnet in durchaus zutreffender Weise die zunehmende Spannung im Femen Osten. Seit der Aufrichtung des Hitlerfaschismus sucht das mit ihm befreundete Japan in beschleunigtem Tempo den Kurs fortzusetzen, den es 1931 durch den Raub der Mandschurei eingeschlagen hat. Das Bestreben Japans geht dahin, die Hegemonie über China an sich zu reißen und durch Schaffung einer panasiatischen Monroe-Doktrin den östlichen Teil des asiatischen Kontinents unter seine Herrschaft zu zwingen. Diesem Ziel dient auch die Annäherung zwischen Japan und Tschiang-Kai-Tschek, dem ehemaligen Führer der nationalrevoluOonären Partei Kuomintang, der infolge finanzieller Schwierigkelten geneigt zu sein scheint, sich dem japanischen Imperialismus in die Arme zu werfen. Die Erstarkung der japanlochen Position In China hat naturgemäß ein starkes Echo bei allen im Femen Osten interessierten Mächten ausgelöst. In den Vereinigten Staaten wächst die Befürchtung, daß durch die offen proklamierte Hegemonie Japans die »offene Tür« In China für den auswärtigen Handel geschlossen werden könnte. Außerdem ist man um das Schicksal der Philippinen besorgt, die bei der erstarkenden Macht Japans ihm leicht zum Opfer fallen könnten. Ebenso wächst die Angst Großbritanniens, Frankreichs und Hollands um das Schicksal Indiens, Australiens und der Südseeinseln. Bezeichnend ist der Alarm ruf General S m u t s, eines der Führer der Südafrikanischen Union, der ein Zusammengehen Englands und der Vereinigten Staaten zur Abwehr der japanischen Gefahr fordert:»Wüßte Japan,— so erklärte er vor einigen Wochen in einer Rede— daß zwischen der englischen und der amerikanischen Gruppe wenn auch keine Vereinbarung, so jedenfalls eine tatsächliche Zusammenarbeit besteht, so würde das wahrscheinlich größter Rücksicht auf finanzpolitische Notwendigkeiten zu besprechen." * „Nachrichten und Gerüchte, daß die nach dem Versailler Vertrag geschleiften Festungen im Zuge der deutschen Gleichberechtigungsmaßnahmen wiederhergestellt werden sollen, dürfen nicht veröffentlicht werden. Auch Dementis unerwünscht." » „Es ist verboten, über die Rückkehr deut scher Kriegsschif- f e aus dem Stillen 0 z e a n zu berichten und ebenso über deutschfeindliche Kundgebungen im Hafen von San Franziska bei der Landung deutscher Seeleute." * „Die Deutsche Presse hat in letzter Zeit mehr als im wehrpolitischen Interesse liegt über gewisse Umlagerun- gen in der deutschen Industrie und über ihre Verlegung ins Reichsinnere berichtet. Es wird den Schriftleitungen dringend nahegelegt, diese Vorgänge überhaupt nicht zu erwähnen, da sie in den Rahmen der Na- tionalverteidigung gehören." ♦ „Die deutschfreundliche Propaganda bedient sich in zunehmendem Maße der in der Deutschen Presse veröffentlichten Wirtsc haftsstatistiken um Deutschlands Wirtschaftskredit im Auslande zu untergraben. Es ist daher Pflicht der nationalbewußten deutschen Schriftleitungen, bei der Veröffentlichung von statistischen Angaben sich nur auf solche zu beschränken, die der gegnerischen Propaganda keinen Stoff bieten." * „Das Auswärtige Amt läßt die deutschen Schriftleitungen ersuchen, in der Angelegenheit des verhafteten Berthold Jacob Solomon gegenüber der schweizerischen Regierung keine scharfen Polemiken zu gebrauchen. Es ist sogar erwünscht, im allgemeinen bei der Berichterstattung über diese Angelegenheit sich nur auf die amtlichen Aeußerungen zu beschränken." * „Nicht erwünscht ist die Mitteilung, daß während der Verdunkelungsaktion in Berlin besonders in den Arbeitervierteln eine starke illegale Propaganda festzustellen war." u sin. pw* X Der Friedensengel Die QesäaiMQigkeiUH det Häe�swiäsdutft Vom Kellerwedhsel über den Schachfwechsel zum Bodensaffwechsel �Betrogene Hausbesitzer Zu den Schichten, die das nationalsozialistische Regime neben den Agrariern und Rüstungsindustriellen am meisten wirtschaftlich begünstigt hat, gehören die Hausbesitzer. Diese sind in den deutschen Städten zumeist Angehörige des Gewerbes und des Handels und stellen eine wichtige und einflußreiche Gruppe der städtischen Mittelständler dar, auf deren Rücken die Nationalsozialisten zur Macht emporgeklettert sind. Seitdem fielen den Hausbesitzern in reichem Maß staatliche Subventionen und steuerliche Entlastungen.zu. Da gab es Zuschüsse für Reparaturen, die Beiträge tu. den Umbaukosten, die zwangsweise Senkung der Hypothekenzinsen, umfangreiche Steuererlässe und schließlich die Senkung der Hauszinssteuer bis zu ihrem künftigen völligen Wegfall. Da die Mieten trotz der fortwährenden durch den Staat auf Kosten der Allgemeinheit erfolgten Steigerung des Einkommens der Hausbesitzer nicht herabgesetzt worden sind, ist der Ertrag aus dem Hausbesitz gestiegen. Infolgedessen ist der Wert der Häuser seit etwa zwei Jahren von durchschnittlich dem Viereinhalbfachen auf das Sechsfache der Friedensmiete gestiegen. Die Hausbesitzer waren zufrieden. Aber die Diktatur ringt mit großen finanziellen Schwierigkeiten. Schacht ist weder willens noch imstande, den Milliardenausgaben für die Rüstungen Einhalt zu tun und so sucht er wenigstens MUlionen an der nicht militärischen Arbeitsbeschaffung zu sparen. Er kann nicht die Vermehrung der schwebenden Schulden um Milliarden zur Bestreitung der Aufrüstung verhindern, und so sucht er wenigstens einige Millionen durch Zwangsanleihe n zu konsolidieren. Und die Bedrängnis ist doch schon so groß, daß er zu immer krampfartigeren Maßnahmen greifen muß, um das künstliche Gebäude aufrechtzuerhalten,— Maßnahmen, die auch die politischen Grundlagen der Hitlerherrschaft schwächen müssen. Am 1. April sollte die Ermäßigung der Hauszinssteuer um 25 Frozen t in Kraft treten. Aber die Diktatur hat die Hausbesitzer, ihre treuesten Anhänger, in den April geschickt. Am 30. März wurde plötzlich ein»Gesetz zur Förderung des Wohnungsbaues« erlassen. Es bestimmt, daß die Hausbesitzer in den Rechnungsjahren 1935 und 1936 die Steuer in dem bisherigen Ausmaß an das Reich abzuführen haben werden. Mit der 25prozentigen Ermäßigung, die bereits gesetzlich festgelegt war, ist es also zunächst nichts. Der Bruch des Versprechens wird allerdings beschönigt. Die Hausbesitzer bekommen für 25 Prozent der in der alten Höhe abgeführten Steuer eine verzinsliche Anleihe. Die näheren Bedingungen sind noch nicht bekannt, doch dürfte die Verzinsung kaum mehr als 4 Prozent betragen, also kaum einen Kurs von 80 Prozent erreichen. Aber es ist noch gar nicht sicher, ob die Anleihe zum Handel an den Börsen oder zur Lombardierung bei den Banken zugelassen wird oder nicht, vielmehr auf einige Zeit gesperrt bleibt. Es läßt sich noch nicht absehen, in welchem Ausmaß oder ob Uberhaupt die Hausbesitzer sich durch den Verkauf der Anleihe werden Geld verschaffen können. Jedenfalls muß es am 1. April bei den Pg-Hausbesitzern eine nette' Aufregung gegeben haben, als sie erfuhren, daß sie statt der Steuersenkung eine Zwangsanleihe, wie sie im Buche (des Staatsbankrotts) steht, von ihrem geliebten Führer beschert bekommen haben und sich davon überzeugen mußten, daß es sich um keinen Aprilscherz gehandelt hat. Da die Hauszinssteuer zuletzt etwa 900 Millionen Reichsmark gebracht hat, so machen die 25 Prozent 225 Millionen aus— die Zwangsanleihe für die beiden Jahre beträgt also 450 Millionen,— eine ganz respektable Summe. Die Hauszinssteuer sollte am 1. April 1937 um weitere 50 Prozent des ursprünglichen Jahresbetrages gesenkt und nach weiteren zwei Jahren völlig aufgehoben werden. Jetzt legen sich die Betrogenen die bange Frage vor, wie es ihnen.dann ergehen soll, wenn sich die Etat- und Schuldenlage erst recht verschlechtert haben wird. Die Hauszinssteuer— das war ja die kalte Sozialisierung des Hausbesitzes, das war ja die verfluchte Expropriation durch die Sozialdemokraten. Sie hatten Hitler gewählt, weil die Nazis ihnen die völlige Beseitigung in kürzester Frist versprochen hatten. Und jetzt statt Steuerbeseitigung die Zwangsanleihe... Was für Esel sind wir gewesen! Aber sie flüstern es nur, wenn sie unter sich sind. Alles für die Rüstung! Schacht war zu seinem Streich gegen die Treuesten der Hitler-Treuen gezwungen, denn sonst wäre der Wohnungsbau völlig zum Erliegen gekommen. Denn während das verfluchte Weimarer System jährlich 2 bis 3 Milliarden Reichsmark Tür den Bau von Wohnungen zur Verfügung gestellt hatte, stand im dritten Jahr Hitlers nichts mehr bereit Schon 1934 waren nach einer Schätzung der Bau- und Bodenbank für Neubau und Umbau nur zirka 230 Millionen aus öffentlichen Mitteln zur Verfügung gestellt. Für 1935 war nichts mehr da. Das Versiegen der Wohnbautätigkeit hätte aber nicht nur schlimme Folgen für den Arbeitsmarkt gehabt. Die Wohnungsnot macht sich überhaupt sehr stark bemerkbar. Einmal weil die Ehestandsbeihilfen zu vermehrter Eheschließung geführt haben, während die Neubauten stark zurückgegangen sind. Dann aber— wie könnte es im Hitlerreich anders sein— aus Gründen, die unmittelbar mit der Aufrüstung im Zusammenhang stehen. Es werden in großem Umfang Büstungs- betriebe aus den Grenzbetrieben In das Innere verlegt oder dort neu errichtet. Und für diese Umlagerung ist auch die Anlage neuer Wohnsiedlungen nötig. Ihre Errichtung kann natürlich nicht den Rüstungsfabrikanten zugemutet werden, dazu müssen öffentliche Mittel her. Aus dem Etat konnte sie Schacht nicht nehmen; hätte es sich nur um Wohnungen für gewöhnliche Arbeiter gehandelt, so hätte er den Hausbesitzern vielleicht noch das Leid erspart. Aber Wohnungen für Arbeiter der Rüstungsindustrie müssen eben unter allen Umständen gebaut werden. Die 225 Millionen, die der Hausbesitz für 1935 zu den Zwecken der»Kleinsiedlung und des Kleinwohnungsbaus« zur Verfügung stellen muß, werden noch um 50 MUlionen vermehrt, die an der Gewährung von Ehestandsdarlehen eingespart werden sollen. Diese seinerzeit mit solchem Tamtam angepriesenen Unterstützungen, die die Ehen und das Wirtschaftsleben in gleich ungeahnter Weise befruchten sollten, betrugen ursprünglich 500 Millionen jährlich. Jetzt waren sie für das Etatjahr nur mehr mit 150 Millionen angesetzt und Schacht verringert sie neuerdings um ein Drittel! Selbst für diese Lieblingsidee der Nationalsozialisten mangelt das Geld! Die Produktion des Kanonenfutters wird verlangsamt, vorläufig reichen die vorhandenen Vorräte. Vom Kellerwechsel zum Schachtwechsel Aber Schacht, der in kleinem so solid ist, daß er Zwangsanleihen neuem Pump vorzieht und unbarmherzig alle sozialpolitischen Ersparnisse aufs Aeußerste treibt, er wird sofort großzügig und vergißt alle guten finanziellen Vorsätze, wenn es sich um das Rüstungskapital handelt Und zur Rüstung gehört auch die Selbstversorgung mit Rphstoffen oder die Produktion von Ersatzstoffen. Da ist jetzt in Berlin eine»Gesellschaft zur Förderung der deutschen Rohstoffversorgung m. b. H.< gegründet worden. Das Unternehmen ist zunächst nur mit dem bescheidenen Kapital von, 100.000 Reichsmark ausgestattet worden. Aber es hats in sich... Sein Zweck ist die Finanzierung von Unternehmungen, die sich mit der N e u e i n- richtungoderErweiterungvon Anlagen zur Gewinnung von deutschen Rohstoffen befassen. Geschäftsführer sind zwei Herren der DresdnerBank,, die bekanntlich dem Reich gehört Mit diesem Instrument soll die Finanzierung der neuen deutschen Kunst- faserproduktion durchgeführt werden. Die Pläne sind sehr weitgehend. Nach den Angaben der»Neuen Züricher Zeitung« sollen dafür nicht weniger als 2 4 0 Millionen aufgebracht werden; 160 Millionen soll ein Bankenkonsortium zur Verfügung stellen, dem unter Führung der Dresdner Bank sämtliche Großbanken angehören, femer die Preußische Staatsbank, die Deutsche Girozentrale(mit ihren Spar- kassengeldem!) und die Bank der Deutschen Arbeit(mit ihren gestohlenen und erpreßten Gewerkschaftsgeldern!!) 80 Millionen sollen die beteiligten Industrieunternehmungen aufbringen. Die Finanzierung sieht so aus; Das Bankenkonsortium erhält Wechsel; diese Millionenwechsel versieht das nur dazu gegründete 100.000-Mark-Untemehmen mit seiner kostbaren Unterschrift und die neuen Kunstfaserstoffproduzenten akzeptieren sie. Sie sollen sie aus den künftigen Gewinnen auch einlösen. Dafür übernimmt das Reich die Garantie, die aber erst 1946 wirksam werden soll. Das heißt, die Wechsel haben unter Umständen eine mehr als zehnjährige Umlaufszeit. Man sieht, der finanzielle Fortschritt im Dritten Reich macht enorme Fortschritte; Vom Kellerwechsel zu m S c h a c h t w e c h- sei... Bankrott hier- Bankrott da Mit dem»Wechsel« ist aber den Produzenten nicht geholfen; sie brauchen Bargeld. Also müssen sie die Wechsel bei den Banken diskontieren. Die Banken können so langfristige Anlagen nur machen, wenn sie sicher sind, daß die Reichsbank sie ihnen jederzeit bei Bedarf rediskontiert, ihnen dafür ihren Notenkredit zur Verfügung stellt Die Reichsbank ist diese Verpflichtung auch eingegangen, aber sie will diese Rediskontzusage nur für den Fall machen, daß die Banken ihre anderen Rediskontmöglichkeiten erschöpft haben. Das ändert natürlich nichts daran, daß die ganze Finanzierung in letzter Linie auf dem Notendruck der Reichsbank aufgebaut ist, nur daß diese Wechsel erst nach den Steuergutscheinen, Schatzscheinen und Arbeitswechseln drankommen sollen. Deshalb heißen diese Schachtwechsel jetzt auch— Bodensatz-Wechsel! Die erste Anwendung der neuen Finanzierungsmöglichkeit haben die Vereinigten Glanzstoff-Fabriken gemacht. Sie gründen eine neue Stapelfaserfabrik in Kassel, deren Kosten 22% Millionen Reichsmark betragen. 15 Millionen wird das Bankenkonsortium auf dem Schachtwechselweg bereitstellen, während die restlichen 7% Millionen Glanzstoff beibringt Als Rohstoff wird deutsches Fichtenholz dienen; die Produktion wird Binde 1935 aufgenommen werden. Andere Fabriken sollen in Sachsen bereits im Bau sein und auch der Ausbau anderer Rohstoff- und Ersatzindustrien geplant sein. Mit der Schaffung dieser teueren und qualitativ schlechteren Ersatzproduktion bezeugt Schacht, daß seine Hoffnung durch die Zwangsmittel seines»Neuen Plans«, die Rohstoffversorgung zu sichern, nicht in Erfüllung gegangen ist Den Bankrott an der einen Stelle verdeckt er, indem er durch neue Wechselreiterei den Bankrott an einer anderen vorbereitet Aber das sind so die Gesetzmäßigkeiten der deutschen Kriegswirtschaft Dr. Richard K�ern. Braune Ritualmordhe�e Die»Preußische Zeitung« in Königsberg, ein offizielles Partei- und Amtsblatt veröffentlicht in großer Aufmachung und unter der Ueberschrift»Zwölfjähriges Mädchen von Juden geach ächtet« ein Ritualmordmärchen der ekelhaftesten Sorte. Ort und Handlung: Litauen. Eime Probe aus dem niederträchtigen Hetzartikel sei hier wiedergegeben: Kürzlich kam ein 12jähriges Bettelmädchen aus Kedainie nach Tauroggen und wurde dort In das Haus des Pferdejuden Segall gelockt, der in der Schillale-Gatve wohnt. Eine Frau war sehr verwundert darüber, daß die Jüdin immerfort leise sang. Zwischendurch war aber vernehmlich Wimmern zu hören, das aus dem Keller des Hauses drang. Erschreckt lief die Frau zur Polizei, die mit mehreren Beamten in den Keller drang und dort den Juden Segall mit einigen Rassegenossen fand. In ihren Klauen befand sich das Mädchen aus Kedainie, dem sie die Halsadern geöffnet hatten und es so langsam ausbluten ließen. Die Juden wurden verhaftet und das Mädchen in das Tauroggener Krankenhaus geschafft, wo es gestorben Ist Was ist in Wahrheit geschehen? Ein Dienstmädchen hat ihr uneheliches Kind getötet, die Polizei hat die Täterin verhaftet und mit allen Mitteln versucht gegen die sofort beginnende— von nationalsozialistischen Agitatoren entfachte und geschürte— Ritualmordhetze einzuschreiten, hat auch verschiedene Aufwiegler In Haft genommen. Die »Preußische Zeitung« schildert das so: »Die litauische Polizei griff sehr scharf ein, um den Aeußerungen der Volkswut einen Riegel vorzuschieben.... Die Darstellung der Polizei war bindend für sämtliche Staatsbeamten, die stets so tun, als ob sie daran glauben. Im übrigen ist aber streng verboten, über den Ritualmord zu sprechen.« Durch dieses Verbot haben sich die bezahlten Agenten des Dritten Reiches offenbar nicht abhalten lassen, weiterzulügen, weiter ihr Gift auszustreuen. In der zitierten Zeitung liest man: »In der Nacht wurden in Tauroggen Aufrufe angeklebt, auf denen zu lesen war, daß sich die Litauer auf diese Weise an ihren Präsidenten wenden, und ihn darum bitten, den Juden ihren Einfluß zu nehmen .... Die Frauen sind sehr aufgeregt und fühlen sich als Freiwild der jüdischen Mordsucht. Es hat schon manchesmal in dieser Gegend ungeklärte Morde gegeben, bei denen das eine und andere für einen Ritualmord sprach. Der ungeheure Einfluß der Ostjuden verhindert stets die Aufklärung. Die Agenten erreichten es denn auch wirklich durch ihre schändliche Hetze, daß »Seminaristen und junge Leute aus der ganzen Umgegend vor das Krankenhaus zogen und verlangten, daß der Mord gesühnt werde. In Tauroggen wurden den Juden straßenweise die Fenster eingeworfen.« Auch dieser künstlich entfachte Aufruhr ist natürlich eine Antwort auf das Kownoer Urteil gegen einige des Mordes angeklagte Nationalsozialisten, Es ist nicht leicht, der braunen Moral beizukommen: Weil nationalsozialistische Verbrecher, die einen brutalen Mord begangen haben, von dam Gericht eines andern Staates abgeurteilt wurden, hetzt man die Bevölkerung dieses Staates mit gemeinsten und schmutzigsten Mitteln gegen die dort ansässigen Juden auf, verbreitet unter der Hand das Gerücht, die Staatsmänner steckten mit diesen Juden unter einer Decke, und versucht so, der Regierung Schwierigkeiten zu bereiten. Der Weg führt— wie alle Wege der Nationalsozialisten— Uber die Dummheit und Leichtgläubigkeit betrogener Massen. Und die Juden sind willkommene Opfertiere, die dem künstlich erzeugten Volkszorn geschlachtet werden. - i ZiTilistische Seitenblicke Englische Zeitschriften berichten Jetzt von einem sehr amüsanten Vorfall, der sich anläßlich des Besuches von Sir John Simon in Berlin zugetragen hat. Als Simon auf dem Tem- pelhofer Flugplatz landete, ertönte ein weithin schallender Knall. Der Kommandeur der»Leibwache de» Führers«, die als Ehrenwache auf dem Flugplatz angetreten war, ging mit gezogenem Degen auf den englischen Minister zu, um ihm»Meldung zu erstatten«. Der weithin schallende Knall aber war vom— Zusammenschlagen der Hacken des Kommandeur« entstanden. Die Korrespondenten der englischen Zeltungen bemerken, daß Sir Simon bei dem Hackenzusammenschlagen und bei der»in schroffstem militärischen Ton erstatteten Meldung« des Kommandeurs»sichtlich erschrocken zusammengefahren« sei und»tief verwundert ausgesehen« habe, Sir Simon faßte sich jedoch bald und ging lächelnd von dannen,»nicht aber, ohne vorher einen sehr zivilistischen Seitenblick auf die In Waffen starrende Ehrenwache getan zß haben...< Nr. 96 BEILAGE IciKcUomwcfe 14. April 1935 diktolot Moäd Hudut.,. vr wwWfrwWWI�Wr*wwWv&WwW wWWW f WWWwWwW�r 9 9 9 Eine Bilanz der»geistigen Erneuerung« im Dritten Reich. Um der böswilligen Welt die Segnungen des Dritten Reiches zu beweisen, wird immer wieder aus dem Propaganda-Ministerium verkündet: Wenn es nna schlecht ginge, wäre eine solche Kulturhausse zu verzeichnen? Wären dann in den großen Großstädten die Theater und Kinos immer ausverkauft, die Konzerte stets gut besetzt, der Buchhandel glänzend beschäftigt, der Absatz von Radioapparaten und Schallplatten» ständig im Steigen und ebenso die Zahl der Radiohörer? Die Lage der Theater Mitunter zieht dieser Bluff noch. Wenn man sich aber die sogenannte Kulturhausse im Hitlerland auf ihre Echtheit und Ursachen genauer ansieht, erkennt man sehr schnell den Schwindel. Nehmen wir einmal sogar als wahr an, daß die Theater ausverkauft sind. Weshalb wohl? Seit dem glorreichen Anbruch des Dritten Reiches sind weit über die Hälfte der deutschen Theater zusammengebrochen und geschlossen worden. In Berlin allein sind es neun Bühnen. Kein Wunder also, daß die wenigen noch in Betrieb verbliebenen Bühnen durchschnittlich leidlichen Besuch haben, obwohl die Gesamtziffer der Theatergäste gegen 1932 um zirka 40 Prozent zurückgegangen ist, ganz zu schweigen von dem katastrophalen Schwund der Theatereinnahmen. Welche Unsummen an Subventionen die Aufrechterhaltung der wenigen Bühnen verschlingt, kann man sich kaum vorstellen. Göring allein läßt sich, z. B. sein Berliner Staatstheater, jährlich mehr als drei Millionen Mark kosten. So ist es ausnahmslos in jeder Stadt und in jedem Land; kein Theater mehr, das sich, wie einst unter dem verruchten jüdisch-marxistischen System, aus eigener Kraft erhält Von den wenigen Theatern sind tatsächlich außerdem nur noch wenige wirklich gut besucht, und zwar nur jene, die sich ganz hoher Protektion erfreuen und daher bei den Gagen aus dem Vollen wirtschaften können. Es ist schon gesagt worden, daß Göring seine preußische Staatstheater nicht knapp hält, schon allein, um seinen Rivalen, den Reichspropagandaminister, auf seinem preußischen Kulturreservat auszustechen. Man hat von fernher die teuersten Künstler herbeigerufen, gibt ganz große Starvorstellungen. Sogar Schacht hat von seinem Devisenbestand eine erkleckliche Summe opfern müssen, um die Gastspiele Benjamin Giglis und Jan Kiepuras in der Berliner Staatsoper zu ermöglichen. Gustaf Gründgens, ein sauberer Märzgefallener, heute Staatstheater-Intendant und '• Staatsschauspieler von Gö rings Gnaden, hat einen Fünfjahresvertrag mit einer Jahresgage von 100.000 Mark. Ueberhaupt: Bei den von Göring patronisierten preußischen Staats theatem merkt man sehr Wenig von»nationalsozialistischem Kultur- Wollen«; um die für nationalsozialistisches Kulturgut sich immer noch herzlich wenig begeisternden Zuschauer in die preußische Staatstheater zu bringen, hat man für sie die»Prinzipien aufgelockert«. Wenn man etwa das Ensemble des preußischen Staatstheaters betrachtet, findet man es aus Namen zusammengesetzt, die in den Zeiten des jüdisch-marxistischen Kulturbolschewismus die prominenten Rollen gespielt haben. Man zieht die Schüler der jüdischen Regisseure Reinhardt, Jeßner Und Barnowsky seltsamerweise doch dem nationalsozialistischen Talentnachwuchs vor. Nicht anders ist es in der Staatsoper, Wo jüdische und jüdisch-versippte Dirigenten, Sänger und Sängerinnen die Berliner Und Fremde in Ränge und Parkett locken. Dafür hat G ö b b e 1 s in seiner C h a r- lottenburger Oper unter dem Intendanten Rode ein reinrassiges Instrument nationalsozialistischen Kulturwollens. Wie kürzlich, und dies sogar an einem Glanzabend, ganze 180 Eintrittskarten für die Charlottenburger Oper verkauft worden sind. Das ist ungefähr der Kassendurch- Schnitt Die Krippenwiptsdiaft Zur Flucht aus dem vom»nationalsozialistischen Geiste« geleiteten Theatem trägt nicht nur bei der absolute Mangel erfolgreich, beweist die Tatsache, daß erst an zugkräftigen und auch nur einigermaßen sehenswerten Stücken— wen kann man noch mit der ewigen Dramatisierung und Glorifizierung aller, auch der läppischsten Einzelheiten aus der blutigen Geschichte des preußisch-deutschen Militarismus anlocken?— es ist nicht nur diese geistige Leere, sondern es ist auch das absolut unzulängliche und minderwertige Spiel nichtskönnerischer Darsteller. Denn man kann sich kaum einen Begriff von der Protektions- und Krippenwirtschaft machen, die jetzt an den deutschen Bühnen herrscht Wenn für einen Pg. gar keine Beschäftigung mehr zu finden und wenn er selbst zum Amtswalter zu dumm und zu unfähig ist, wird er einfach irgendwo in ein Theaterensemble gesteckt Selbstverständlich, daß die höheren Herren Pgs. vor allem ihre Maitressen beim Theater unterbringen. Der Intendant der ehemaligen Berliner Volksbühne am Bü- lowplatz(jetzt Horst-Wessel-Platz) ist Graf Solms, intimer Freund des Göbbels- Adjutanten Prinz Lippe. Der edle Graf hat seine Freundin, die frühere kleine Statistin Saal, sofort zum ersten Star seines Theaters avancieren lassen. Seitdem heißt die Volksbühne im Berliner Volksmund»Saalbau am Horst-Wessel-Platz«.— Zusammenfassend kann man über die Entwicklung des Theaters im Dritten Reich nur das treffende Wort wiederholen, das irgendein brauner Großwürdenträger während der sogenannten»Reichstheater-Festwoche« gelassen ausgesprochen hat:»Die deutschen Theater stehen geschlossen hinter Adolf Hitler.« Dep ruinierte Film Beim deutschen Film sieht es bekanntlich nicht anders, wenn möglich noch schlimmer aus. Die darin wohl zuverlässige Essener»Nationalzeitung« hat kürzlich geschrieben, Göbbels habe nun endgültig die »diplomatischen Beziehungen zum Film abgebrochen«. Er hatte damals, in den Maientagen des Dritten Reiches, den deutschen Filmproduzenten kommandiert, nunmehr eine deutsche und nationalsozialistische FUmkunst zu schaffen. Wo immer in deutschen Kinos Filme auftauchten, deren Inhalt aus der»nationalsozialistischen Gedankenwelt« geschöpft war, ergriff das Publikum vor ihnen die Flucht und sie mußten binnen kurzem von den Spielplänen abgesetzt werden. Vor allem waren sie im Ausland völlig unverkäuflich, so daß schließlich kein deutscher Filmproduzent— mit Ausnahme der aus der Reichskasse unterhaltenen Ufa— mehr von derartigen Stücken etwas wissen wollte, sondern seine Zuflucht nahm zu dem bewährten»Kitsch der marxistisch- liberalistischen Epoche«. Trotzdem aber gelang es der deutschen Filmbranche nicht mehr, die deutschen Lichtspieltheater so zu füllen, wie sie ehedem voll waren, als es noch keinen Arierparagraphen, keine Schachtsche Devisendrosselung und keine Blubo-Kunst gab. Der Reichsfümkammer- Präsident Dr. Scheuermann hat jüngst zwar behauptet, daß die Kammer die deutsche Filmwirtschaft vor dem Zusammenbruch gerettet habe, und daß die Besucherzahlen in Fümtheatern um zwanzig Prozent gestiegen seien. Merkwürdig nur, daß genau vier Tage später die»Rheinisch- Westfälische Zeitung« feststellte, in Rheinland-Westfalen allein sei der Kinobesuch um 22 Prozent zurückgegangen. Dasselbe Blatt berechnete den Rückgang des Erlöses aus der Filmausfuhr von 20 auf 10 Millionen Reichsmark und erklärt, daß die Gesamtlasten der deutschen Filmwirt- schaft über die reinen Filmh erstellungs- kosten bereits enorm hinausgehen. Tatsache ist, daß lediglich einige ausländische Filme, wie»Maskerade«,»Königin Christine« usw. volle Kinokassen gemacht haben. Die meisten ausländischen Filme, die in aller Welt monatelang die Kinokassen füllen, dürfen ja nicht dem deutschen Publikum gezeigt werden, entweder weil ihre Tendenz dem Herrn deutschen Kulturdiktator Göbbels nicht paßt, oder weü in ihnen— schrecklich!— ein Schauspieler mit einer nicht garantiert reinarischen Großmutter auftritt. Daß die deutsche Filmindustrie langsam am Blubo verendet, kümmert die neudeutschen Kulturpäpste nicht; wenns gamicht mehr weiter geht, wird eben wieder einmal ein Griff in die Reichskasse helfen müssen. So sieht es mit den»überfüllten Kinos« von heute aus. Das Kabarett Daß in dem Reich der humorlosen Gangster das einst so hochwertige deutsche Kabarett völlig verödet ist, versteht sich von selbst. Es gilt ja heute schon als eine Heldentat, wenn sich ein Kabarett-Künstler— wie es kürzlich auf einer Berliner Kleinkunstbühne geschah— den Witz erlaubt:»Gib mir doch mal die Baseler Nachrichten' her, ich will mal sehen, was es in Berlin Neues gibt!« Man kann sich also vorstellen, was an »Witz« dem heutigen Kabarettpublikum geboten wird und wie es, durch solche verhedßungsvollo Programme angelockt, in hellsten Scharen in die Kleinkunst-Theater strömt. In Berlin werden, besonders für die Fremden, die Kabaretts durch allerlei dunkle Geschäfte mit dem Reichspropagandaministerium noch Uber Wasser gehalten(wenn auch zwei von den früher so florierenden Kleinkunstbühnen geschlossen sind) aber in der Provinz, wo sich vor Hitler schon eine sehr beachtliche Kleinkunst entwickelt hatte, sieht es geradezu trostlos aus. In den meisten deutschen Großstädten sind die Kleinkunstbühnen allmählich geschlossen worden, teils freiwillig, teils gezwungen; dort, wo sie bestehen blieben, sind sie zu ordinären Nepp- und Amüsieretablissements herabgesunken. Das Sdiidcsal des deutsdhen Biufaes Die angebliche Belebung auf dem Büchermarkt könnte, wenn sie stimmte, damit zu erklären sein, daß die Menschen im heutigen Deutschland aus dem Alltag fliehen wollen. Letzteres stimmt zwar, aber wie sieht die gewaltige Konjunktur in Wirklichkeit aus? Deutschland, das vor Hitler auf dem Gebiete der internationalen Buchproduktion jahrelang zuerst an erster, dann an zweiter Stelle stand, ist seit der Herrschaft der braunen Kulturmacher in die sechste Reihe abgerutscht Es werden zwar in Nazi-Deutschland von allen möglichen Händen viele Bücher zusammengestoppelt, aber wer liest sie? Massenauflagen, wie sie einst Emil Ludwig, Feuchtwanger usw. erzielten, gibt es ja nicht mehr. Daß dem deutschen Volk durch Zwang verordnete Buch Hitlers »Mein Kampf« wirft dem deutschunkundigen Verfasser zwar alljährlich immer noch Riesensummen ab, weil es eben als Prämien, Festgeschenke und vorgeschriebene Literatur gekauft werden muß. Aber die »Werke« der übrigen Führer, soweit sie nicht zwangsweise verordnet werden, gedeihen nie über kümmerliche Reklameerfolge hinaus. Der deutsche Leser kauft heute nur unpolitische Bücher, Romane und Novellen idyllischen Inhalts, er flüchtet sich zu den wenigen von früherher verbliebenen Autoren und Autorinnen. Sehr gesucht sind auch Uebersetzungen ausländischer, namentlich englischer Romane. Vor allem aber fragt man in den Buchhandlungen und LeihbibUotheken immer wieder nach historischen Werken, offenbar, weil man sich ein eigenes Urteil über die Quellen deutscher Geschichte büden wül. Einer der stärksten Beweise für dieses Bedürfnis ist der lebhafte Absatz einer Danzi�er Wettersturz Heim ins Reidi! neuen Biographie Karls des Großen vu Wahl, in der völlig im Gegensatz zu der von den Nazis beliebten Darstellung dee »Sachsenschlächters«: der Gründer des deutschen Kaiserreiches objektiv gewürdigt wird. Ein interessanter Beitrag zu diesem Kapitel ist beispielsweise die Tatsache, daß ein Buch über den Vater der Homöopathie, Hahnemann, schon in der zweiten Woche nach dem Erscheinen ohne jede Reklame einen Absatz von 3000 Stück hatte. Die Abkehr von der Tagespresse tritt deutlich in Erscheinung bei der Nachfrage nach unpoütischen Zeitschriften. Auch hier ein bezeichnendes Schlaglicht: Das Amtsblatt des Bistums Berlin, früher wahrscheinlich nur von einigen interessierten Mitgliedern des Berliner Klerus gelesen, hat heute eine Auflage von 66.000 Exemplaren! Auch andere Kirchen- hlättcr, soweit sie natürlich nicht in den Händen gleichgeschalteter Hitler-Missionare sind, haben ungeheuren Zuspruch. Der Rundfunk . Die Anzahl der Rundfunkhörer lat sich kaum wesentlich verändert, obwohl doch immerhin im Laufe von zwei Jahren sie sich durch das Heranwachsen von Jugendlichen und den naturgemäßen Zuwachs von Eigenheimen hätte vermehren müssen. Daß die Zahl der Rundfunkhörer nicht abgenommen hat, obwohl das Rundfunk-Abonnement vielen finanzieU und auch sachlich immer schwerer fällt, liegt nur daran, daß für viele Hunderttausende der Rundfunk immer noch eine Zuflucht aus der deutschen Zeitungswüste ist. Schon allein dadurch, daß man ausländische Stationen abhören und über die deutschen Zuchthausmauem hinaus einen Blick in die wahre Welt tun kann. Tatsache ist, daß sich vielfach ganze Hörgeraeinden zusammenfinden, um für gemeinsame Rechnung einen Radioapparat tu kaufen, bei dem man nicht mehr auf die Marschmusik des Deutschlandsenders usw. angewiesen ist. Um es zusammenzufassen: Man sieht, daß das Geschäft mit deutscher Kultur keineswegs so rosig ist, wie die deutschen Propaganda-Apostel es überall darzustellen belieben. Man weiß, daß Göbbels unglückliche liebe die deutsche Kultur ist, aber sie zeigt sich ihm spröde, wenn er auch mit noch soviel Geldgeschenken sie zu ködern versucht Man bedenke beispielsweise nur, welche Geld- und Druckmittel die Parteiverlage der Nazis zur Verfügung haben und auch anwenden, um für ihr« Blätter Leser zu bekommen. Aber auch das gelingt ihnen nicht Der»Völkische Beobachter«, repräsentativstes Organ einer Partei, deren Mitgliederziffer auf 4.5 Millionen angegeben wird, hatte am Jahresende im ganzen deutschen Reich eine Auflage von nur wenig mehr als 300.000! Es bedarf wahrhaftig nicht weiterer Beweise, um den ganzen Göbbelschen Schwindel von einer Kulturhausse in Deutschlaad zu entlarven. Bßtü&sädes Bßulstldßkd HfWWTVWIFWwWWIrU V V VW w WP W«W h■' mur Das System gegen die Nüchternheit Zu den Organisationen, die der Nationalsozialismus zerschlug, gehören auch die Verbände der sozialistischen Alkoholgegner. Kein Wunder, beruhte doch ihre Arbeit auf der Erkenn tnla, daß der trinkende Arbeiter nicht denkt und der denkende Arbeiter nicht trinkt, und war doch Ihr Ziel die alkoholisierte Gemütlichkeit zu Überwinden, um zu einer Gemütlichkeit freier Menschen zu gelangen. »Nieder mit der Gemütlichkeit!«, das war schon der Schlachtruf Viktor Adlers, dem großen Vorkämpfer gegen den Alkohollamus. »Es Ist die höchste Zelt, daß wir endlich ungemütlich werden«, das war der Inhalt seines alkoholgegnerischen Kampfes. Nicht Askese, sondern wahre Lebensfreude, nicht Verneinung der Irdischen Genüsse, sondern gerade ihre volle und bewußte Bejahung war Inhalt und Ziel sozialistischen Antlalkoholis- mus. Besonders durch die Jugendbewegung, dann aber auch durch die allgemeine Hebung der Arbeiterbewegung und der wirtschaftlichen Verhältnisse nach dem Kriege und der Inflation, sowie durch die allgemeine Wandlung in der Ernährung nahm der Alkoholkonsum beträchtlich ab. Auch der Sport hatte seinen Anteil dabei, obwohl dieser zunächst sehr eng mit dem Alkohol verbunden war, was teilweise noch heute der Fall ist. Im Ganzen aber trat eine sichtbare Ernüchterung ein. In den Abstinenzorganisaüonen der Arbeiterschaft ließ das Leben beträchtlich nach, viele waren der Meinung, die neuere Entwicklung habe die sozialistischen Alkoholgegnerorganisationen eigentlich schon entbehrlich gemacht, denn klednliche Glasguckerel liege ja nicht im Wesen sozialistischer AJko- holbekämpfung. So weit waren wir! Und jetzt? Der Alkoholkonsum steigt an! Aus den Reihen des Bürgertums, besonders der Hygie- rdker und Sozlalpolltlker, Erzieher und Fürsorger kommen kritische Betrachtungen. Der Rausch zeltigt seine verheerenden Wirkungen. Aber niemand sagt, warum der Alkoholkonsum steigt. ESjen dies war stets die Aufgabe der sozialistischen Alkoholgegner. Sie wurden mundtot gemacht, sie müssen schweigen und können der menschlichen Gesellschaft ihr eigenes Elend nicht bewußt machen. Im steigenden Alkoholkoneum drückt sich das steigende Elend im Dritten Reich aus. Nackt und bloß, von Bundesgenossen enttäuscht, vom geschwächten Kampfwert seiner eigenen Organisationen Überrascht, wie umgekehrt von der noch immer bedeutenden Kraft des Kapitalismus verblüfft, steht das Proletariat da. Niemand weiß, ob der Freund von gestern noch der alte ist, keiner kann aufrecht zum anderen reden, jeder trägt seine Leiden mit sich selbst herum, die Sprache hat ihren wunderbaren Sinn, den der Selbstverständigung. den der Mitteilung, verloren. Sie ist nicht mehr für die Vertiefung und Ver- innerlicbung menschlicher Beziehungen, sie ist \ nur noch zur Demagogie, zur Vertiefung da. Das, was in kritischen Zeiten trotz aller notwendigen Kritik Kraft und Mut gab, ist zerstört Die selbstbewußte Demonstration, die nicht nur anderen, sondern auch sieb selbst die große Zahl der Arbeiter zeigte und von der etets ein Strom von Kraft und Macht ausging, sie ist nicht mehr. Leere Paraden, erzwungene Appelle, demütiges Ducken vor den eigenen Feinden, von der Peitsche bedroht, in die Bunker geworfen, von den braunen Halunken getreten und den schwarzen Banden gefoltert so lebt das Proletariat Im Moment. Gemednschaften werden aufgelöst, zerrissen, von Spitzeln durchsetzt, selbst die erotische Sphäre menschlichen Daseins wurde verstaatlicht selbst die Liebe wird bespitzelt und verdreckt. Vor was haben diese Halunken denn noch Ehrfurcht? Unter all dem leidet das Proletariat. Zugleich aber fühlt es, daß es im Moment nicht zum Sturz des Systems schreiten kann. Zwangsläufig entsteht das Bedürfni«, diese Welt wenigstens in der Illusion und vorübergehend verlassen zu können. Rausch, Rausch, Rausch! Das Regime braucht Ihn, es lebt davon. Nüchtern ist es nicht zu ertragen. So hetzt es die Massen in die Kirchen und In die Kneipen hinein. Das gewaltige Anwachsen der Kirchenopposition muß man auch als einen eigenartigen dialektischen Prozeß betrachten. Vom Nationalsozialismus enttäuscht, den»Bolschewismus« fürchtend, oder den Soziallsmus noch zu weit entfernt sehend, profitiert derselbe religiöse Gedanke vom Nationalsozialismus, der zugleich sein schlimmster legaler Feind Ist. Rausch. Rausch, Rausch! FUhrerrausch, religiöser Rausch, alkoholischer Rausch. Seufzer der bedrängten Kreatur! Gemüt einer herzlosen Welt! Verfallserscheinungen einer barbarischen Gesellschaft, die Troika, die ins Verderben reitet. Ganz Beutschi and Ist auf der Flucht, auf der Flucht vor sich selbst. Alles ekelt sich vor seinem eigenen Dasein. Das ist das größte Elend, das uns der Rausch offenbart. Aber wie verteidigen die Sklavenhalter und Führer dieses Elends den Rausch? Der Reichsfinanzhof hat eine Entscheidung gefällt, wonach»Alkoholgenuß keine Gefahr für die Erhaltung der Raase oder für die Vererbung schädlicher Anlagen In sich berge.« Wie sehr aber diese Entscheidung von den Interessen der Schnapsjunker und des Alko- bolkapitals sowie dem Regime diktiert ist, ist aus dem folgenden Satz ersichtlich: »... andererseits wäre die notwendige Folge die gänzliche Vernichtung einer großen und wertvollen Industrie, der Brauindustrie, die Beseitigung der wirtschaftlichen Grundlagen für nicht unwichtige Zweige der Eodenbe- bauung, des Wein- und Hopfen-Baues. Schon hieraus ergäbe sich, daß die Bekämpfung dee Alkoholismus In jeder Form auch vom neuen Staat nicht begünstigt oder gar vorgeschrieben worden könne, von einem Staat, der sich u. a. ja gerade auch die Aufgabe gestellt habe, die deutsche Wirtschaft In Ihrer Gesamtheit zu erhalten und zu beleben.«(Zitiert nach»Bremer Nachrichten« vom IL 1. 35.) Einige Wochen später wurde ganz In diesem Sinne ein Urteil gegen einen Abstinenzverein gefällt.»Ein Verein, dessen satzungsmäßiger Zweck darauf gerichtet ist, das Volk zur vollständigen Enthaltung vom Alkoholgenuß zu erziehen, kann auch im heutigen Staate nicht als ein« ausscbließ- lieh gemeinnützigen Zwecken dienende Körperschaft anerkannt werden.« In der Begründung werden dann genau dieselben Argumente ins Feld geführt, die der Reichsfinanzhof anzuwenden sich nicht genierte. Wie besorgt man hier um»die Wirtschaft« und»die Existenzen« ist. Ausgerechnet hier, sonst kennt man keine Schonung. Würden die paar tausend Junker nicht so sehr ihre Existenz, sondern wirklich die der Gesamtheit bedenken, sie hätten dazu mehr Gelegenheit als andere. Aber welche Logik ist es denn Im Übrigen? Wird hier nicht der ganze Sinn der menschlichen Arbeit auf den Kopf gestellt? Soll man die Verbrecher nicht schützen, well sie sonst ihre Existenz verHeren, soll man nicht den Krieg propagieren, well der Friede die in der Rüstungsindustrie Beschäftigten bedroht, soll der Arzt hoffen, viele Menschen mögen krank werden, damit er stets In Anspruch genommen wird, und soll sich der Henker recht viele Görings wünschen, damit er nicht seinen Beruf verüert? Ja, ja, es ist genau die Logik derer, die sie verachten, das Denken der Gedankenlosen, die Rücksicht der RUcksicbtsloeen. Sozial drapiertes Verbrechen 1 Die Wahrheit ist: das Regime braucht die Schnapsjunker und Brauindustriellen als Bundesgenossen. Es braucht den Weingeist, weil es geistlos Ist. Das Regime hat den Alkohol so nötig wie der Soldat der Monarchie ihn brauchte. Die Arbeiter aber werden um so eher ihre Freiheit erobert haben, je mehr sie nüchtern bleiben. Noch ist es leider wahr, daß Arbeiter ihre Wut und ihren Schmerz herunterspülen, um dann, mit gelockerter Zunge und von Hemmungen befreit, dleee Wut und diesen Schmerz um so hemmungsloser herausschreien— und dann vor das Schnellgericht oder ins Gefängnis kommen! Die Nüchternheit ist In Deutschland zu einer politischen und kämpferischen Notwendigkeit geworden! Wer war es? Die Lehrerin betrat das Klassenztmmer. Auf dem Katheder angelangt, entbot sie Ihren Schülerinnen den»deutschen Gruß«. Nachlässig in der Handbewegung, undeutlich, be- tonungslo«, verschmiert In der Auasprache. Bei dieeen Schülerinnen konnte sie es sich erlauben. Da« waren noch zumeist Mädchen aus der Zeit der Karl-Marx-Schule, würdig ihrer ehemaligen Erziehung zur Freiheit und Vernunft. Dl« anderen, unter Hell-Hltler-Drlü aufgezogen, waren so in der Minderzahl, daß sie unter dem Druck der Majorität sich zu keiner Opposition, selbst nicht einmal zur Denunziation entschließen konnten. Uebrigens war ee Fräuleins letzte Unterrichtsstunde; als Lehrerin der ehemaligen Karl-Marx-Schule mußte sie nun doch den Dienst quittleren. »Meine Heben Schülerinnen« begann sie. »Heute in der letzten Geschichtsstunde wollen wir uns nicht besonders anstrengen. Ich will Euch wahrheitsgemäß etwas von einem mächtigen Tyrannen erzählen, der in der Geschichte als bösartiger Menschenschl&chter mit starkem Einschlag zum KomöcHantentum und zum Größenwahn fortleben wird. Dir sollt mir nachher sagen, um wen es sich handelt. Mehrere Mädchen schrien dazwischen; »Das wissen wir jetzt schon, das Ist Nero, das kann gar kein anderer als Nero sein.« »Nero? Nun ja, der war das alles.— Was war sein größte« Verbrechen?« Schülerin Hilda antwortete: »Er hat Rom, also sozusagen sein eigenes Haus, angezündet und für sein Verbrechen tausende von Unschuldigen martern lassen.« Die kecke Lotte mußte sagen, worin sein KomöcHantentum bestand. »Ueber alle Kunstangelegenheiten wollte er Bescheid wissen, dabei wußte er Uber nichts so recht Bescheid. Er behauptete, eine gute Stimme zu haben und im Theater wollte er sich auch auskennen. Auch da hat er nichts Rechtes verstanden.« »Und sein Größenwahn?« Ein Mädel meinte, daß der Kaiser die Leute zwang, ihn mit Ave Cäsar, soviel wie Heil Nero zu begrüßen, und daß könne mir ein Größenwahnsinniger verlangen. Die Lehrerin winkte ab. »Nun ja, aber über Nero möchte ich doch nichts erzählen. Hört mich an:« »Der Tyrann, von dem ich spreche, Ist eigentHch aus Zufall In die PoUtik geraten. Ursprünglich war er ein Handwerksgeselle. In seinem Beruf taugte er nichts. Der Lehrherr war mit ihm unzufrieden, er mit dem Lehrherm. Er hielt sich für viel zu gut, um ein redliches Handwerk zu erlernen. Er redete immer davon, daß er zu etwas Höherem geboren sei. Was dieses Höhere war. sagte er nicht. Es scheint aber, daß er an eine große Kunstleistung gedacht hat. Er hat dann auch In mehreren Kunstfächern, als Zeichner, als Maler, vielledcht auch als Poet herumprobiert. Kein Hahn kräht mehr nach diesen Anfertigungen, obwohl der Mann später sehr berühmt wurde.« Die Klasse horchte auf. Ein paar Mädels kicherten, zwinkerten sich zu, ein paar wurden rot vor Aerger. Die Lehrerin fuhr fort: »Es kam ein Krieg, ein furchtbarer Krieg. Für viele Jünglinge In der Lage unseres Unbekannten ein erwünschter Ausweg. Sie hatten bisher nicht gewußt, wozu sie eigentlich lebten, jetzt glaubten sie zu wissen, wozu sie da seien. Ein Taugenichts im Frieden kann im Krieg vleileicht noch ein brauchbarer Mensch werden. Viele von ihnen«türmten als Freiwillige zu den Fahnen. Unser Unbekannter tat das auch. Was er als Soldat geleistet, hat man amtllcherseits niemals festgestellt, wenigstens nicht so, daß man bestimmte Auskünfte erteilen konnte. Er selbst rühmte«ich, ein Held gewesen zu sein. Viele glaubten es Ihm, auch als er später Räubergeschichten von seiner Tapferkeit und seinen Kriegserfolgen erzählte.« Die Mädels konnten kaum noch das Lachen zurückhalten, ein paar kaum noch die Tränen. Die Lehrerin setzte fort: »Unser Mann besaß in sedner Art bedeutende Rednergabe. Er war sozusagen der geborene Redner für vulgären Geschmack. Er hatte ein alles ttberdröhende Stimme; stundenlang schrie oder Jammerte er im unaufhörlich gesteigerten- Fortlssimo. Seine Reden hatten die Jahre hindurch den gleichen Inhalt: Die politischen Gegner allesamt Verbrecher, er und seine Anhängerschaft auserkorenes Edel mensch emtum; die Gegner allesamt flaue Patrioten und Verräter, er und die Anhängerschaft die berufenen Tempelhüter des Vaterlandes: die Gegner miteinander Stümper und Allesv erderber, er der erleuchtete Genius der Menschheit. Dieser verkorkste Handwerksgeselle war machtgierig bis zu Besessenheit. Damals hatte das Volk die Macht zu vergeben; aus der Demokratie heraus und durch die Demokratie wollte er die Diktatur aufrichten. Um möglichst viele Stimmen zu gewinnen, versprach er allen Verzweifelten,«He es in jenen schlechten Zeiten gab, die restlose Erfüllung ihrer Wünsche. Er hatte natürlich viele Gegner. Sie haben ihn bei jeder Gelegenheit als Marktschreier, Faxenmacher und gewissenlosen Lügner entlarvt. Er bekämpfte sie mit seiner verlogenen Agitation und mit dem Terror seiner fanaüsi orten Anhänger. Von sich selbst war er unendlich eingenommen. Wiederholt sagte er es glatt heraus, daß er mit göttlicher Eingebung handle und er meinte dabei, daß er als Werkzeug und Stellvertreter Gottes wirke. Seine Anhänger glaubten es und als es der Irregeführten und derjenigen, die auf joden Schwindel eines Mark tschrel er« hereinfallen, gar zu viele waren, geschah das Unerhörte; dieser Mann wurde Staatsoberhaupt und Diktator.« »Wen meint das Fräulein bloß?« Die Frage stellte ein strammes Hltlermä- del. Sie tat sehr beleidigt. Ein paar ander« waren es auch. Einige Schülerinnen witterten Unheil. Donnerwetter, dl« Lehrerin bat aber Mut. »Als Staatsoberhaupt« fuhr Fräulein fort »ist er kaum anders gewesen als vorher. Er redete nach wie vor von den verbrecherischen Gegnern, von Stümpern, korrupten Ausbeutern, Vaterlandsfeinden. Gegen sie setzte*r jetzt die Machtmittel des Staates ein. Di« alten Anhänger bildeten teilweise eine private Terrorgruppe. Und um Ja aller Gegner b»�' haft zu werden, bildete er eine eigene Denuh' ziantenorganisatlon. Am empftndUchsten wa*" er gegen Angriffe der Satire und des Humor*- Ein Emporkömmling ohne Erweiterung«eine« geistig-sittlichen Horizonts kann niemals den Spott vertragen. Gegen Leute, die heimlich Gorlngs Hochzeit Deutsches Volk, freue Dich! Dein dri ttg-cwaJ tigHter Koloß (Oder Ist e» gar der zweitgewalUgvtaf Wer kennt sich unter den Kolossen aus?) Feiert Hochzeit. Eine ungeheure, Eine epochale Angelegenheit! (Neben der ein neuer Weltkrieg kaum eine Rolle spielt.) Sogar noch epochaler — Es braust ein Ruf wie Karinhall— Als die Ueberflihrung der Gattin Nummer eins, Der Unvergeßlichen. Die von nun ab pflichtgemäß zu vergessen ist. Deutsches Volk, freue Dich: Ein Monstreschauspiel steht Dir bevor. E® werden an i h m vorbei zichn (Alles für unser Geld) Fackelträger. Fahnenschwenker, Blastrompeter, Arschkriecher, Domestiken vom Oberbürgermeister abwärts. Alles wirst Du— durch SA-Ketten abgesperrt— Gratis sehn Dazu 1 h n und eine ziemlich mäßige Provinzschauspielerin. E r in höchsteigener Person, Durch mehrere Ampullen aufgepullt, Majestätischer noch, als er damals Den wehrlosen Dimitroff anbrüllte, Nach Galgen für den Unschuldigen schrie Und überhaupt Dem Psychiater sehr interessante Einblicke bot, Der Erbrecher(seiner Wut),— Also E r per Flugzeug holt Ein motorisierter Lohengrin Seine Elsa ab. >Nie sollst Du mich befragen...« (Mit Bezug auf den Reichstagsbrand) Dann rieht er die elf Uniformen, Die er zur Feier des Tages Uberelnanderge- aogen, Eine nach der andern aus, Macht sich noch eine Einspritzung und Während zwanzig Militärkapellen den Zapfenstrelch blasen,• Während eine mit Margarinebrötchen bewirtete Masse jauchzt, Während zehntausend SS-Leute jeden Winkel bewachen, Während Extraausgaben der gleichgeschalteten Presse verkauft werden, Während In Oranienburg ein Gefolterter den letzten Atemzug tut, Während Hans Mors, der Weltkriegsgott, seine Hippe wetzt,— Feiert Göring Hochzelt. M u c k i. Wie Karlchen sich die Weltgeschichte vorstellt, so wird sie In Gangsterien gelehrt Bruno Brandy. Man muß schon den braunen Rassewahnsinn ab und zu ritleren, um zu zeigen, was heute in Deutschland als Geschichtswissenschaft auf das Volk losgelassen wird. Die Schrift, der wir das Folgende entnehmen, ist »Die Sonne«, eine völkische Monataschrift, an der eine Reihe Naziprofessoren, der Präsident der Rdchsschrlfttumkammer D r. Blunk, Graf Reventlow und der Präsident des Reichsgesundheitsamtes besonders mitwirken. Wir zitieren aus einem Artikel, der rassisch durchaus nicht verkorkster Ist als riemlich alles, was In solchen völkischen Schwarten heute erscheint. Der Autor schildert»Die nordische Seele im Kampfe.« Die anständigen Waffen hat der nordische Mensch erfunden, die gemeinen dagegen der westlsch-vorderaslatische, wobei wir uns nicht darüber aufhalten wollen, daß Griechen, Perser»Frührömer« und Gallier fröhlich und unbekümmert zu den Norden gerechnet werden. Den Streitwagen, der das gerade, lange Schwert verlangte, hat natürlich der Norde erfunden: »... auf dem Ochsenwagen führte der nordische Auswanderer Weib, Knecht, Magd, Vieh und sonstige Habe mit, ja nicht zu vergessen das nordische Schwein— nach D a r r ä—, dem man keine weltweiten Märsche zumuten darf. Gerade der Streitwagen scheint dem nordischen Kämpfer das Uebergewicht verliehen zu haben; natürlich nahmen Assyrier, Syrer, Juden, Aegypter diese nordische Erfindung auch später an. Aber sie nahmen sie an— der aus einem Pharaonengrabe zutage getretene Streitwagen erweist sich durch die Bewik- kelung seiner Naben mit Birkenbast als nordisches E 1 n f u h rs t ü c k.< Fehlt nur noch der Zusatz, daß die Metallteile von einer germanischen Fa. Krupp geliefert wurden und daß die zur Zeit der Assyrier unbekannten Germanen schon damals ein bis heute verheimlichtes Kulturreich mit beträchtlicher Ausfuhr errichtet hatten. Doch plötzlich bleiben die blauen Augen des Rassehistorikers auf den modernen Tanks haften; »Merkwürdig genug, daß in der Jetztzelt der Streitwagen wieder auftaucht, wo ein nordisches Volk auf andere Weise gar nicht zu Uberwältigen war und e i n anderes, nordisches Volk zu diesem Mittel griff, das nur durch nordische Erfindungsgabe und Werkfertigkeit mit Einsatz unendlicher Mittel in der erforderlichen Masse und Vollkommenheit herzustellen war. Als Rassen- for scher sagt man sich unwillkürlich, daß dabei ein altes Erberinnern der Rasse durchgebrochen sein muß.« Vor ollem liebt unser germanische Vorfahre samt den verwandten»fälischen« Griechen den»kommentmäßigen Zweikampf«. Wie darüber die hinterhältigen westischen Vorderasiaten denken, beweist der Zweikampf zwischen David und Goliath, welch letzterer ein Held der»fälischen Philister« ist: »David legt auch erst die gleichen Waf- fen an, fühlt sich aber durch sie beengt und beschwert und greift lieber zur gewohnten Schleuder. Ihm ist der feierliche Kampf mit gleichen Waffen etwas ganz Gleichgültiges, der Wanderhirte denkt, »List muß mit der Stärke streiten«, Anstandsgefühl hat er nicht.« Und es ist für nordische Art»kennzeichnend. daß nun die Philister trotz dieser un- kommentmäßlgen Kampfeswclse den Rückzug antreten...< Feig und ehrlos sind diese Westischen, wie der»ostische Konsul V o r• ro«, der sich nicht einmal das Leben nahm, als er die Schlacht von Kannae verloren hatte: »In unseren Tagen hießen solche Leute Eberl oder Erzberger— auch hier stimmen Seele und äußere Erscheinung übercin...« Sucht nicht nach logischen Zusammenhängen, man müßte diese Art Literatur fälschen, wenn man einen Schein logischer Beweisführung hineinbringen wollte. Nur noch ein Pröbchen aus römischer Geschichte; »Ist das wirklich das Reich Gottes, das der Nazarener predigte? Er trug nordische Lehre in den semitischen Pfaffenstaat und wurde dafür von dessen Pfaffenschaft gekreuzigt. In seine Lehre legte der Rassejude Pau- 1 u s das Kuckucksei und eine neue, vorderasiatisch-mittelländische Pfaffenschaft brütete dieses zur»Kirche« aus.« Hier ist doch Christus endlich mal wieder ein Norde, in welchem Punkte sich Revent- lows Richtung von Dinters und Ludendorffs Gruppe unterscheidet... Dieses Treiben von Idioten und Verrückten geht wie gesagt unter Patronanz von Reichsschrifttumspräsidenten und anderen braunen Großwürdenträgern vor sich, greift auf einen beträchtlichen Teil der Presse über, dringt in die Schule ein. Die Popularisierung der germanischen»Runensprache« wird bereits von Vereinen betrieben, wie wo anders Esperanto, und man kann in einer Schulzeitschrift des Teubnerschen Verlags lesen: »Daß der Obersekundaner nicht nur mit dem Runenproblem an sich vertraut gemacht wird, sondern auch die Runen selbst lesen lernt und sie nicht weniger gut kennt als die Buchstaben des griechischen oder lateinischen Alphabets, Ist nicht zu viel verlangt.« Deshalb sollen baldigst germanische Ru- r. enstunden eingelegt werden, denn; »Deutsche Geschichte ist germanische Geschichte, deutsche Kultur Germancnkul- tur, und die Geschichte Europa« ist vielfach nichts anderes als eine Auseinandersetzung zwischen Germanen und Nicht- germanen.« Zum Beispiel könnten wir anführen, der dreißigjährige Krieg, in dem die echten Norden, nämlich die Schweden, gegen die deutschen Schrumpf- und Nichtgermancn kämpften. Aber so, wie oben, wird in deutschen Schulen heute Geschichte gelehrt! Um 1890 gabs in einem Schullesebuch einen Satz, der mir immer unvergeßlich bleiben wird:»Des Negers liebste Beschäftigung sind Jagd und Krieg, mitunter betreSbt er auch Fischfang...< Schon in der zweiten Klasse I achten wir über diese Blüte. Das war vor vierzig Jahren. Auf der Höhe dieses denkwürdigen Satzes, der für Karlchens Horizont berechnet war, steht heute die offizielle Rassenkunde und Geschichtswissenschaft des Volke« der Dichter und Denker. Gregor. Stimmen aus der Leserschaft Der Briefkasten als Meckerccke. Für deutsche Redaktionen Ist es heutzutage gefährlich, die Leser zur Mitarbeiter- schaft aufzufordern. Sobald die Untertanen Uberhaupt den Mund aufmachen, fangen sie unwillkürlich zu meckern an. In den»Dresdner Nachrichten« z. B. erkundigte sich unlängst ein Frager beim Briefkastenonkel, was zu geschehen habe, wenn man den Hut in einer, ein umfangredchee Paket in der anderen Hand trage und die Hakenkreuzfahne vorbeigetragen werde.»Erst den Hut aufsetzen und dann grüßen? Oder das Paket in den Schmutz legen und grüßen? Oder das Paket und den Hut wegwerfen...« usw. usw. in allen denkbaren Kombinationen. Und an die»Preußische Zeitung«, Königsberg, gelangen— wie aus den Veröffentlichungen ersichtlich Ist— fast nur noch geistreiche Fragen folgender Art: Worin und seit warm besteht der Antisemitismus und was will er? Wie erhält man die Haare am besten blond? In die»Preußische« dürfen aber auch Witze aus der Leserschaft eingeschickt werden, und die sehen dann so aus: Die Stauer stehen am Packhof und warten auf einlaufende Schiffe. Ein vorübergehender Volksgenosse bemerkt den Ihm bekannten M.»Was fehlt dir, du hast ja so ein dickes Genick?«»Ja, ich hab mich den ganzen Tag nach Arbeit umgesehen, und da ist mir vom viel Kopfverdrehen das Genick angeschwollen.« Manchmal müssen die Anfragen geradezu staatsgefährlich sein, denn die Hildesheimer Allgemeine Zeitung z. B. sieht sich in ihrer Nummer 82 genötigt, einem Einsender zu antworten; F. N. Auf Grund der bestehenden Vorschriften können wir Ihnen die gewünschte Angabe nicht machen. Wenn das so weiter geht, wird der Beruf eines Briefkastenonkels bald gefährlicher sein als der eines politischen Redakteurs. Der Aprilscherz Die»Pommersche Zeitung« hatte kürzlich mitgeteilt, daß sämtliche Zeitungaverleger Pommern« beschlossen hätten, In Zukunft keine jüdischen Inserate mehr aufzunehmen. Die Nazipresse nannte diese Mitteilung einen »Lichtblick der erlabend wirke.« Nun berichtet die»Pommersche Zeitung«, daß sie mit.ihrer Mitteilung einem»Aprilscherz zum Opfer gefallen sei.« Jüdische Inserate würden»nach wie vor angenommen.« Witze auf ihn machten, verfuhr er ganz besonders grausam. Tyrannen sind immer mißtrauisch. Besonders mißtrauisch sind sie gegen ehemalige Freund«, die vielleicht einmal anders denken und anders wollen als er selbst. Es kam au privaten Aktionen des Tyrannen, hei dem er Freunde von ehemals und alte Feinde umbringen ließ.« »Wen meint das Fräulein bloß?« »Beruhige Dich, Emma, ich bin gleich fertig, dann müßt Ihr selbst darauf kommen.« »Wir wissen doch schon« jubelten einige Mädel—»das kann ja gar kein anderer als ••..« »Na vorläufig weißt Du es wahrscheinlich "och nicht. Also Geduld.« »Der Tyrann versicherte bei jeder Gelegenheit, daß Staat und Volk, seitdem er es führe, hesser und besser ergangen sei, daß es besser ünd Immer wieder besser werden würde. Dabei Verschllmmerte sich die Lage so, daß die Gegner trotz aller Gefahren helmlich und sogar halb öffentlich zu meckern wagten. Die Sache Sing bei zeitweiliger Scheinblüte katastrophal aus. Athen hat durch ihn seine politische Welt- Seltung auf immer verloren.« »Athen?« »Ach nun habe ich mich versprochen, ich lch durfte Euch ja nicht sagen, daß es sich Urn Athen handelt. Jetzt wißt Ihr wohl alle, öaß ich von dem Gerber Kleon gesprochen habe.« Die Mädchen schauten sehr verdutzt drein. Altkluge meinte; »Fräulein will wohl auch sagen, daß alles hon einmal dagewesen ist? Ea platzten die Mädels lachend los; ein fühlten ach gekränkt und heulten. Die Lehrerin vermerkte weiter: »Wenn Ihr mal älter geworden seid, werdet Ihr das in Thukydidas„Geschichte des Pe!e- ponesischen Krieges" lesen können. Vielleicht wollen sich einige von Euch noch näher mit dem Gerber Kleon befassen. Die können Franz Bmmingers Werk„Der Athener Kleon" studieren. Ihr werdet sehen, daß Zug um Zug meiner Charakteristik mit vielen Beispielen belegt worden ist.« Anhaltende Heiterkeit, verhaltener Jubel; bedeppt und bestürzt die paar anderen. »Dieser Gerber Kleon hat mustergültig für alle Zelten einen Typ in der Politik geschaffen. Man nannte ihn einen Demagogen. Das bedeutet eigentlich Volksführer. So hat er«ich vermutlich selbst genannt und befehlswedse nennen lassen. Als man sah, was er angerichtet hatte, gab man dem Wort die Bedeutung Volksverführer. Alle politischen Charlatane mit großem Karrier-Erfolg, besonders diejenige®, die solche Erfolg« mit den verwerflichsten und ordinärsten Mitteln erzielen, nermt man bis auf den heutigen Tag Demagogert gleich Volksverführer.« Eine Vorlaute fragte:»Und wie dachten die Athener über Kleon nach seinem Tod?« »Die Blendung wich, aber sie hörte noch nicht völlig auf. Der große Satiriker und Ko- mödien dichter Aristophanea hat gegen ihn dos Theaterstück„Die Ritter" geschrieben. Die Schauspieler weigerten sich noch mehrere Jahre nach Kleons Tod, die ihm zugedachte Rolle zu übernehmen. Schließlich hat das Aristo- phanes selbst getan.« »Damals gab es doch« fragte eine andere Schülerin»große Philosophen wie Sokrates und Plato. Was sagten die dazu?« »Die zerbrachen sich den Kopf, wie es möglich war, daß dleeer Schreier, Hetzer, Lügner und größenwahnsinnige Rennomlst Staatsoberhaupt werden und als eine Art Messias gefeiert werden konnte. Das Rätsel ist niemals gelöst worden. Wo dieses Unerklärliche doch Tatsache wird, spricht man von einem Treppenwitze in der Weltgeschichte. Der Fall Kleon ist bisher einer der ungeheuerlichsten Treppenwitze der Weltgeschichte geblieben.« Diese Hände »Richard Strauß führte dem Führer die von ihm komponierte»Olympische Hymne« vor. Der Führer war begeistert und ergriff ostentativ des Komponisten Hände.« (Aua einer deutschen Zeitung.) Eine Drohung gegen Basscrmann Albert Bassermann hat den Ifflandring, den er seit dem Jahre 1911 trug, dem verstorbenen Moissi mit ins Grab gegeben. Der Ifflandring wird seit vielen Generationen vom Träger dem jeweils besten Schauspieler weitergegeben. Baasermann hat damit eine schöne und bedeutende Geste getan. Die nationalsozialisUache Presse, die Moissi als Juden mit Schmutz bewirft, greift Bassermann an.— So die»Westfälische Landeszeitung«: »Und über die Frage, ob Molssi der größte deutsche Schauspieler gewesen sei, brauchen wir gar nicht zu disputieren. Aber der lebende Albert Bassermann wird steh noch hierorts für seine Handlungsweise, die einen Affront gegen das neue Deutschland darstellt, zu rechtfertigen haben.« Bassermann lebt im Ausland. Diese Zellen klingen wie eine Drohung, ihn mit Gewalt nach Deutschland zu schleppen! Die Affäre Jacob Ist diesen Burschen gerade gut genug, um damit zu prahlen! Oller Marxist »Sie dürfen ihr Kind, auch wenn es noch so gesündigt hat, nicht»oller Marxist« nennen. So etwas vergißt ein empfindliches Kind sein ganzes Leben nicht.« (Briefkastennotiz in einer deutschen Zeitung.) Der politisdie Ja»dsdiein Göring hat eine Ausführungsverordnung zum Reichsjagdgesetz erlassen, in der es u. a. heißt: »Sämtliche zur Zeit gültigen Jagdscheine, auch die für mehrere Jahre ausgestellten unentgeltlichen, werden mit dem 1. April 1935 ungültig. Die Jagdbehörden haben sich darüber zu unterrichten, wem der Jagdschein zu versagen ist. Zu den Versagungsgründen gehört auch die nachgewiesene polltische Unzuverlässigkeit des Antragstellers.« Politisch unzuverlässige Leute dürfen nicht mal mehr auf Spatzen schießen. Dafür sind sie im Besitz eines passiven Jagdscheines: es darf auf sie geschossen werden. Der feuertet ährlidie Führer »Der Führer sah der Künstlerin nur für Sekunden tief in die Augen. Sie wurde ganz blaß, so, als ob der Blick sie ver- sengt hätte.....« (Aus einem»Stimmungsbild« in einer Nazi-Zeitung.) die Uiästkeftsemee des DtiUea Meiches Die Organisation der Kriegswirtschaft vollendet Der Wirtschaftsdiktator Schacht hat befohlen, daß die Arbeitsfront des Herrn Ley in seinem»Aufbau der gewerblichen ■Wirtschaft« aufzugehen habe. Um die Bedeutung dieses wichtigen Aktes der Gesetzgebung des Dritten Reichs zu verstehen, muß man wissen, was dieser»Aufbau der gewerblichen Wirtschaft« eigentlich darstellt. Der»organische Aufbau« ist eine Zu sammenfassung alles dessen, was es bisher an organisatorischen Zusammenfassungen des Unternehmertums gegeben hat. Die alten, jetzt in Zwangsverbände umgewandelten Unternehmerverbände, werden mit den neugebildeten Fachschaften und den Industrie-, Handel s- ünd Handwerkskammern zusam- Inengetan. Es werden also bisher private Verbände mit staatlichen oder halbstaatlichen Körperschaften verbunden. Die Gliederung ist zugleich fachlich und räumlich, sie erfolgt zugleich nach Sachgebieten und nach Bezirken. Fachlich ist das Gewerbe in sechs Reichsgruppen aufgeteilt. Industrie, Handwerk, Handel, Banken, Versicherungen und Energiewirtschaft. Die Reichsgruppen sind untergeteilt in Wirtschaftsgruppen, die Wirtschaftsgruppen in Fachgruppen, die Fachgruppen in Fachuntergruppen. Die organisatorisch von einander getrennten Fachgruppen sind räumlich in Bezirksgruppen zusammengefaßt, die Bezirksgruppen mit den Industrie-, Handels- und Handwerkskammern zu Wirtschaftskammern zusammengefaßt, die in der Reichswirt- Bchaftskammer ihre Spitze erhalten. Dieses komplizierte Ineinander und Nebeneinander von fachlichen und räumlichen Teilungen und Unterteilungen ist ein höchst künstliches Gebilde und alles andere als organisch. Aber wichtiger noch als die Frage nach der Form dieses Aufbaues ist die Frage nach seinem Zweck. Man könnte meinen, daß Herr Schacht mit seiner Organisation der gewerblichen Wirtschaft ein Gegengewicht gegen die starre Organisation von DarrSs Reichsnährstand schaffen wollte. Inzwischen hat sich ja aber Schacht und sein Beauftragter Goerdeler zu einer Art Vorgesetzten Darres befördern lassen, so daß es dazu eines so komplizierten Apparates nicht bedurft hätte. Man könnte auch meinen, Schacht sei bestrebt, die Dekretwirtschaft des Dritten Reiches dadurch zu lockern, daß er sie durch eine Art von Selbstverwaltungskörpern ergänzt, den Dekretismus durch einen halbdemokratischen Ständeordnungsersatz zu mildem sucht. Das würde voraussetzen, daß der Aufbau das wirklich ist, als was er im Gesetz bezeichnet wird: ein Selbst- yerwaltungskörper. Das ist er aber keineswegs. An der Spitze jeder der Gruppen steht ein Leiter. Die Leiter haben nach dem Gesetz»die Gruppe im Sinne des nationalsozialistischen Staates zu führen. Der Leiter ist der Gruppe und den Leitern der übergeordneten Gruppen für die ordnungsmäßige Führung der Gruppe verantwortlich«. Die Leiter werden nicht von den Mitgliedern gewählt, sondern von den Leitern der nächshöheren Gruppen ernannt und der höchste vom Reichswirtschaf tsmini s t er höchstselbst Jedem Leiter ist ein Beirat zugeordnet, aber auch dieser wird ernannt und nicht gewählt und seine Ernennung ist an die Zustimmung des Leiters der der Gruppe übergeordneten Gruppe gebunden. Der Leiter bestimmt diktatorisch mit der Satzung seiner Gruppe zugleich seine eigene Rechtsstellung innerhalb der Gruppe und gegenüber ihren Mitgliedern. Der organische Aufbau ist also alles andere als ein Selbstverwaltungskörper und alles andere als ständisch. Mit ihm ist vielmehr der Gedanke der Ständeordnung, der das Ueber- gewicht des Großunternehmertums verhindern soll, endgültig zu Grabe getragen. Herr Schacht hat sich mit dieser Hierarchie der mit autoritärer Kommandogewalt ausgestatteten und nur ihm verantwortlichen Leiter ein Instrument geschaffen, mit dem er auch den letzten Unternehmer seiner Befehlsgewalt und Kontrolle unterwerfen kann. Diese Hierarchie ist ein Böhrensystem, durch das Informationen von unten nach der Spitze und Weisungen von der Spitze nach unten auf raschestem und wirksamstem Wege geleitet werden können. Das ist die Form, was aber ist ihr Inhalt? Darüber finden wir reichen Aufschluß in einer Diskussion über das»Organisationsproblem in der deutschen Wirtschaft«, die von der Zeitschrift»Der deutsche Volkswirt« veranstaltet worden ist und worin die gewichtigsten Vertreter von Schachts Organisation zu Worte kommen. Dr. C. Ungewitter, Hauptgeschäftsführer der Wirtschaftsgruppe Chemische Industrie, äußert sich sehr eindeutig darüber, wie hier der»Grundsatz der Selbstverwaltung« zu verstehen ist: »Bs handelt sich also bei der Selbstverwaltung nur um die Uebertragung einer selbständigen Kommandogewalt in bestimmtem Rahmen. Es handelt sich um eine Mittlerstellung zwischen Staat und Privatwirtschaft, welche dem Staat Anregungen und Informationen weiterleitet und vom Staat her Befehle übermittelt und die Industrie im Sinne des Gemeinschaftsgeistes betreut und erzieht.« Wer sind nun diese Leiter, die unter Schachts Oberbefehl Kommandogewalt ausüben? Der Leiter erfüllt seine Aufgabe ehrenamtlich und ist gleichzeitig und hauptberuflich in der Industrie tätig. Er kann»sehr eingehende Einblicke auch in solche geschäftliche Vorgänge und Tatsachen nehmen, deren Geheimhaltung für den Betrieb lebenswichtig ist«. Daraus ist zweierlei zu entnehmen: erstens, daß der organische Aufbau die Organisation ist, mit der sich Schacht einen vollkommenen Einblick in und einen Ueberblick über alle Tatsachen und Vorgänge des Wirtschaftslebens beschaffen kann. Femer: die Leiter der Gruppen werden selbstverständlich überwiegend Trustmagnaten oder doch zum mindesten Großunternehmer sein, weil ihre Bedeutung für die Aufrüstung entscheidend ist. Der Leiter muß, meint Dr. Ungewitter,»in seinem Betrieb ein anderer sein, als er es ist, wenn er die Leitung der Wirtschaf tsgruppe ausübt«. Zwei Seelen wohnen, ach, in seiner Brust. Damit sie miteinander nicht in Streit geraten, ist es am zweckmäßigsten, sie miteinander zu verschmelzen. Mit der Befehlsgewalt und der unbeschränkten Kontrolle über seine Konkurrenten wird das ökonomische Ueber- gewicht der als Leiter bestellten Trustgewaltigen maßlos gestärkt. Sie sind zugleich die Berater des Reichswirtschaftsministers und die Vollstrecker seiner Befehle. Schachts Wirtschaftspolitik wird also im wesentlichen von ihnen bestimmt. Im modernen Krieg ist die Wirtschaft ebenso sehr ein Teil der Armee wie das kämpfende Heer. Betrachtet man den organischen Aofbau näher, dann fällt auf, wie sehr seine Gliederung der Organisation der Armee gleicht. Wie die Wirtschaft fachlich zugleich und räumlich, so ist die Armee nach Truppengattungen und zugleich nach ihren Standorten gegliedert Der Fachgruppe entspricht die Truppengattung, der bezirksmäßigen Zusammenfassung der Fachorganisationen die Truppenformationen. Es kommt hinzu, daß auch die Kartelle in den Aufbau eingegliedert oder Kartellfunktionen den Fachgruppen übertragen werden sollen. Danach wäre Schachts Wirtschaftsorganisation ein Mittel, die Gesamtwirtschaft, Produktion wie Marktwesen, einem einheitlichen Kommando zu unterwerfen. In der Verordnung vom 4. September 1934 ist dem Reichswirtschaftsminister eine Ermächtigung erteüt, deren § 1 lautet: Der Reichawlrtachaftamtnlßter wird ermächtigt, den Verkehr mit Waren zu überwachen und zu regeln, Insbesondere Bestimmungen Uber deren Beedhaffung, Verteilung, Lagerung, Absatz und Verbrauch zu treffen. Damit ist Schacht eine unbeschränkte Vollmacht zu jeglichem Eingriff in die Privatwirtschaft erteilt. Sie ist bis jetzt noch nicht voll zur Anwendimg gekommen. Aber diese Ermächtigung wird dann wirksam werden, wenn auch die Stunde für den organischen Aufbau geschlagen hat Schacht ist der künftige Oberbefehlshaber der kämpfenden Wirtschaft wie Blomberg oder Seeckt oder wer sonst vom Hitler dazu ernannt wird, der Oberbefehlshaber der kämpfenden Truppen sein wird. Die Organisation dieses organischen Aufbaues ist ebenso ein Teil der Vorbereitung des künftigen Krieges wie die eigentliche Aufrüstung. Mit dem Verzicht auf einen TeU seiner Verfügungsgewalt verzichtet das Unternehmertum keineswegs auf die Vertretung seiner Interessen. Im GegenteU: Schacht hat mit seiner Organisation dafür gesorgt, daß sie so wirksam vertreten werden können, wie das im Rahmen einer kämpfenden Wirtschaft möglich ist In dieser Situation hat Schacht zwar das Kommando, aber die großen Industriemagnaten die Leitung. Schacht herrscht, aber die Konzemgewal- tigen regieren. Gerade damit sie regieren können, müssen sie darauf verzichten, allein zu herrschen. Sie verzichten auf einen TeU ihrer Verfügungsgewalt, um die Verfügung behalten zu können. Auf der Leipziger Messe hat Schacht verkündet, daß auch Leys Arbeitsfront in Schachts Wirtschaftsarmee einzuschwenken habe. Die Arbeitsfront hat damit aufgehört, eine äußerlich selbstän» dige Organisation zu sein und Herr Ley den Führer zu spielen. Bisher schon hatten in der Arbeitsfront die Arbeiter am allerwenigsten und nur die von Ley als Führer eingesetzten Nazibonzen etwas zu sagen. In Zukunft wird es auch damit vorbei sein. Ley ist Schachts Kommando unterstellt und hat selbst nichts mehr zu bestellen. Die Arbeitsfront wird ein Teil der Wirtschaftsorganisation Schachts und, da in Zukunft jeder Unternehmer auch Mitglied der Arbeitsfront sein muß, praktisch zur Unternehmerorganisation. Das reibungslose Funktionieren des Apparates der deutschen Kriegswirtschaft kann durch eine wirksame Vertretimg von Unternehmerinteressen nur gefördert, durch Arbeiterforderung so unzureichend sie auch von Herrn Ley vertreten worden sind, nur gestört werden. Die Kriegswirtschaft des Dritten Reiches ist um der Wirtschaftsführer willen da, nicht um der Gefolgschaft wülen, die in der Wirtschaftsarmee des Dritten Reiches nicht mehr Rechte hat, wie die Söldner des Alten Fritz und die sich mit der Ehre begnügen muß, sich stillschweigend zugleich als Kanonenerzeuger wie als Kanonenfutter gebrauchen und verbrauchen zu lassen. G. A. F r e y. »Unternehmerpsydioiogiea Einen interessanten Kommentar zur Rede des Dr. Schacht, in der er so stark die Notwendigkeit des Exports betonte, liefert»Der deutsche Volkswirt«. Diese Wirtschaftszeitschrift, der man zugestehen muß, daß sie die Interessenwünsche der Industriellen In der offenen Form von Forderungen an die Regierung im Dritten Reich vertritt, rühmt Dr. Schacht nach, daß er »Sehr ernste Worte sowohl über die Umstellung der Unternehmerpsychologie, wie über die überflüssigen Hemmungen fand, die dem tüchtigen und fleißigen Industriellen noch immer zum Schaden der Allgemeinheit bereitet werden. In Anbetracht dessen, daß das Vertrauen zur absoluten Rechtssicherheit In der Unternehmerpsychologie dne sehr große Rolle spielt, und ohne dieses Vertrauen von keinem Betriebaführer im Kampf um den Export irgendwelche Leistungen erwartet werden können, ist in diesem Zusammenhang das offene Wort Dr. Schachts über die Drohung mit Ehrengerichtsentscheidungen u. dergleichen ebenso zu begrüßen, wie der bemerkenswerte Erlaß seines Kollegen Dr. Frick über die Verhängung und Durchführung der Schutzhaft, der ihre Anwendung auf Grund irgendwelcher wirtschaftlicher Maßnahmen ausdrücklich untersagt.« Man muß wissen, daß die vereinzelte In- schutzhaftnahme von Unternehmern von den Nationalsozialisten als Ausdruck der im Dritten Reich waltenden»sozialen Gerechtigkeit« hingestellt worden ist und außerdem als Beweis dafür, daß Hitler eben auch die Kapitalisten zur Raison bringe. Das Ehrengericht gar wurde als Clou der sozialen Gesetzgebung gefeiert. Es konnte dem Unternehmer die Eigenschaft als Betriebsführer absprechen, ihn also als Unternehmer— auaschalten. Nicht, well er die Arbeiter ausbeutet und Profite einheimst— für diese Möglichkeit hat Hitler ihnen ja größere Sicherheiten gegeben, als sie vorher hatten, sondern well er irgendwie gegen die Moral des Dritten Reiches verstoßen hatte. In den wenigen Fällen, in denen die Ehrengerichte bisher die Betriebaführereigenschaft aberkannt haben, handelt es sich denn auch nicht um Großkapitalisten, sondern in der Mehrzahl um kleine Handwerksmeister und Bauern. Dennoch haben die Nationalsozialisten mit dem Plunder der Ehrengerichtsentsohel- dungen die Täuschung der Arbeiter betrieben. Nach der Rede Dr. Schachts und nach der Interpretierung, die der ihm so nahestehende »Deutsche Volkswirt« gibt, wird es mit der ganzen Ehrengerichts-Rechtsprechung gegen Unternehmer bald ganz vorüber sein. Die unsichtbare Armee Es gibt in Deutschland eine unsichtbare Armee der Unzufriedenen, Enttäuschten, Betrogenen und Verängstigten. Sie zählt viele Millionen. Selbst nach einigen Offensiven der Natlonalsoziallaten gegen sie ist sie nicht geringer geworden. Die Erneuerer Deutschlands fühlen sich von ihr überall umzingelt und sind gezwungen, täglich gegen die unsichtbaren Millionen vorzustoßen. In Leipzig haben sie Anfang März ein Flugblatt gegen die Hamsterer und Meckerer zur Verbreitung gebracht, in dem die langst bekannten Beruhigungsphrasen Hitlers und Dr. Schachts wiedergekaut sind. Die Erklärungen der Männer des heutigen Staates, so wird darin gesagt, seien von ehrlicher Offenheit und»wer trotz dieser Offenheit immer nur nörgelt und miesmacht, beweist, daß er ein unverbesserlicher Meckerer ist.« Der Führer und seine Clique können noch so»offen« erklären— die Ursachen der Unzufriedenheit, der Enttäuschung und des Gefühls des Betrogenseins beseitigen sie damit bei den Millionen tyrannisierten Menschen doch nicht Sie sind sich darüber selbst im klaren, denn sie begnügen sich nicht mit der gütlichen Beeinflussung. In Leipzig läßt sich in letzter Zeit öfters die Beobachtung machen, daß Amtswalter in Zivil in einfache Gaststätten und Kneipen gehen, in denen vorwiegend Arbeiter und Kleinbürger zu verkehren pflegen, um die Gäste auszuhorchen und zu provozieren. An dem unsauberen Handwerk beteiligen sich meistens gleichzeitig mehrere. Sie kommen nicht auf einmal in die Gaststätten, und setzen sich auch nicht an einen Tisch, sondern in der Nähe verteUL Während der eine oder mehrere provozieren, beobachtet ein dritter, ob jemand auf die Provokationen hereinfällt. Geschieht das, so wird die sofortige Festnahme des Opfers durch die Polizei veranlaßt. Durch diese Methode soll die Bevölkerung kirre gemacht und der wachsende passive Widerstand gebrochen werden! leutfloatörfef (5ojiülöemofratifd)cs iDod>enbkiH Herausgeber: Ernst Sattler; verantwortlicher Redakteur: Wenzel Horn; Druck:»Graphla«; alle in Karlsbad. Zeitungstarif bew. m. P. D. ZI. 159.334/Vn-1933. Printed in Czecho-SIovakia. Der»Neue Vorwärts« kostet im Einzelverkauf innerhalb der CSR. Kö 1.40(für ein Quartal bei freier Zustellung Kö 18.—). Preis der Einzelnummer im Ausland Kö 2.—(Kö 24.— für das Quartal) oder deren Gegenwert in der Landeswährung(die Bezugspreise für das Quartal stehen in Klammem): Argentinien Pes. 0.30(3.60), Belgien Frs. 2.—(24.—). 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