Nr. 9? SONNTAG, 21. April 1935 SPocfottfrta# Verlag: Karlsbad, Hans„Graphia*— Preise nnd Bezugsbedingungen siehe Beiblatt letzte Seite Aus dem Inhalt: Die Hochzeiten des Dritten Reichs Wegräumung Polens Wolken am braunen Wirtschaftshimmel Hitlers geistiger Nährvater Welturteil gegen Hitler Das System isoliert— Sammlung der Gegenkräfte Die brutale Machtpolitik des Hitler- systems hat zu einer moralischen Verurteilung Deutschlands geführt. Der Völkerbundsrat hat einstimmig die von den drei Locamomächten vorgelegte Resolution angenommen. Diese Resolution ist ein furchtbares Dokument Sie schleudert Beschuldigung auf Beschuldigung gegen die Regierung des Dritten Reiches, sie endet mit der Bekundung des Entschlusses gegen weitere Vertragsbrüche und Angriffe mit Sanktionen vorzugehen. Sie zeigt die Regierung des Dritten Reiches als den von allen mit Mißtrauen beobachteten voraussichtlichen Angreifer im nächsten Weltkrieg. Die Isolierung ist vollkommen. Wohl geht das diplomatische Spiel weiter, wohl kann die Konstellation sich ändern, aber die Wucht einer solchen feierlichen Verurteilung prägt sich dem Gedächtnis der Völker ein und entschwindet daraus nicht von heute auf morgen. Die Regierung des Dritten Reiches hat, indem sie diese Beurteilung provozierte, ein Verbrechen am deutschen Volke auf sich geladen, das vielleicht unter der Wucht dieser Anklage noch leiden wird, wenn das Hitlersystem schon der Geschichte angehört. Sie mögen nun wieder, wie im Weltkriege, in Deutschland sagen:»Feinde ringsum, mag es sein!« Sie mögen in ihrer blinden Anbetung der nackten Gewalt sich über die Bedeutung eines solchen Urteils hinwegsetzen und meinen, daß sie nun erst recht die Politik der grenzenlosen Rüstung ohne Rücksicht auf den Weltfrieden fortsetzen können und müssen— aber das Volk wird es büßen müssen, wenn der Tag da ist, den sie entgegensteuern. Sic dürfen sich keinen Illusionen mehr darüber hingeben, wie die Welt aussehen wird, wenn dieser Tag da sein wird! Die drei westlichen Großmächte, England, Frankreich und Italien, stehen geschlossener als jemals zuvor seit dem Austritt Deutschlands aus dem Völkerbund. Die politische Konzeption der Hitler und R o s e n b e r g, die Spekulation auf die Gewinnung Italiens und Englands als Bundesgenossen, hat eine Probe aufs Exempel erfahren. Mussolini— einst der Heros der Nationalsozialisten— ist heute eine treibende Kraft für die Machtsammlung gegen Deutschland, und die englische Politik hat erkennen lassen, wo und wie sie im Emstfalle stehen wird. Nim erheben sich in Deutschland Stimmen der Wut und der Verblüffung, nun ertönt das Stichwort»Neue Kriegsschuldlüge«, nun zeigt sich wilde Empörung gegen die englische Politik— wie im August 1914. »Neue Kriegsschuldlüge«— dieser Aufschrei ist der Ausfluß des bösen Gewissens. Sie fühlen es jetzt, daß sie nicht mit dem Evangelium der nackten Gewalt die Welt überrennen können, sie schreien auf unter der Stigmatisierung, die auf einer Wahrheit beruht, die ein gewaltiger Weltbund anerkennt. Neue Kriegsschuldlüge und alte Kriegsschuldlüge— es ist wahr, daß 1914 das deutsche Volk den Krieg nicht gewollt hat, aber es ist tausendmal wahr, daß eine wahnwitzige, großmäulige, mit dem Säbel rasselnde Politik der kaiserlichen Regierung, die immer mehr dem alldeutschen Einfluß verfiel, der ganzen Welt das Bild eines bösartigen, Gewalt über Recht setzenden Angreifers geliefert hat. Und heute ist es tausendmal schlimmer! Dies System, das mit Gewalt das Volk niederhält, ist die Verkörperung der wildesten alldeutschen Tendenzen, die Anbetung der nackten Gewalt Sein Wirken ist eine einzige Bereitstellung aller Kräfte des Volkes für den Krieg. Militärmacht und Krieg sind die obersten Lebensziele der Männer des Systems, vor denen alles versinkt. Dies System— das ist der Krieg! Und so groß wie sein Verbrechen gegen den Frieden ist, so groß ist auch das Verbrechen, daß es nun wieder zugleich seine Schuld und sein Verbrechen auf die Schultern des unglücküchen deutschen Volkes wälzt Es hat genug Beschlüsse des Völkerbundes gegeben, die Papier geblieben sind, es existieren viele Verträge, die heute so mißachtet werden, daß sie vielleicht nicht mehr das Papier wert sind, auf dem sie stehen. Aber wir warnen eindringlich, die Bedeutung dieser einstimmigen Verurteilung Deutschlands durch den Völkerbundsrat zu unterschätzen. Sie hat heute moralisch isolierende Kraft— aber ihre ganze große Bedeutung würde erst hervortreten. wenn unglücklicherweise alle Bemühungen zur Erhaltung des Friedens versagen sollten! Dieser Beschluß des Völkerbundsrates hat nicht nur moralische, sondern unmittelbar praktische Bedeutung. Gegen die Fortsetzung der Politik des Dritten Reiches, vollendete Tatsachen zu schaffen, steht nun die Drohung mit Sanktionen und darüber hinaus noch die Drohung, die in der feierlichen Bekräftigung des Loc arnopaktes durch seine Garanten liegt. Es gibt auf dem Gebiete der deutschen Aufrüstung immer noch Dinge, die vertragsmäßig ver boten und dennoch von großer Bedeutung für die Vollendung der deutschen Rüstung sind: die Verlegung von Truppen und Flugzeugen in die entmilitarisierte Zone am Rhein, die Befestigung der linksrheinischen Brückenköpfe und der Schwarzwaldhöhen. Wird hier der Versuch der Fortsetzung der Politik des 16. März unternommen, so ist nun durch feierlichen internationalen Beschluß den Bedrohten das Recht zur Abwehr zugestanden! Die Niederlage des Dritten Reiches in Genf hemmt zugleich seine Hoffnung, durch die Demonstration seiner militärischen Kraft die Konstellation zu sprengen und Bundesgenossen an sich heranzuziehen. Das Verhalten des polnischen Bundesgenossen ist überaus lehrreich. Seine Abstimmung gegen Deutschland ist ein Ausdruck der Stärke des Weltbundes gegen das Dritte Reich, ein Zeugnis für die Kraft und Bedeutung der moralischen Verurteilung. Wenn England und Italien, Frankreich, Sowjetrußland und die Kleine Entente einig sind, steht dem Dritten Reich eine vernichtende Uebermacht gegenüber, die auch bei stärkster Rüstung und verzweifeltester militärischen Anstrengung des Hitlersystems ihm keinerlei Siegeschancen läßt. Daß Dänemark sich der Stimme enthalten hat, ändert das GesamthUd in nichts. Das kleine Land will sich nicht auf Grund seiner Abstimmung deutschen Repressalien aussetzen, aber mit welchen Gefühlen seine sozialdemokratisch geführte Regierung dem Hitlersystem und seiner Kriegsvorbereitung gegenübersteht, daran ist nicht der mindeste Zweifel. Es haben mit den Großmächten gestimmt, Spanien und Australien, wie die südamerikanischen Staaten. Es ist ein Welturteil— ein Urteil gegen Hitler und die Grundgedanken seiner Politik und seines Systems. Nun steht das Dritte Reich da in seiner Kriegsrüstung, die es sich unter Vertragsbruch gegeben hat— aber das ist nicht die wahre, die allein selig machende Stärke, die Stärke, die Glied einer friedlichen Ordnung ist, ea ist die Stärke, die mit dem Mißtrauen und dem Haß der Völker, mit der völligen Isolierung bezahlt wird! Es ist die Demonstration des reaktionären Charakters eines Systems, das mit dem Glück und der Zukunft des deutschen Volkes, wie mit dem Frieden der Welt unvereinbar ist. Eis ist eine ewige Kriegsdrohimg, die erst mit dem Sturz des Systems endgültig gebannt sein wird. Der diplomatische Kampf wird weitergeben. Alle Fragen der europäischen Po- ütik werden in den nächsten Wochen berührt werden; Donaupakt und Balkanpakt, und schon zeigt sich, daß die Fragen des nahen Ostens, so die Dardanellen-Frage, hineinspielen. Der Weg für den wirklichen Ostpakt, der dem Expansionsdrang des Dritten Reiches nach Osten einen Riegel vorschieben wird, scheint nun frei zu sein. Noch ist die Gefahr nicht gebannt und die Politik def> Dritten Reiches wird alles an alles setzen, um aus der Erstarrung wieder in die Bewegung zu kommen, um die Klarheit der Situation zu trüben, um im Trüben fischen zu können. Aber eine ungeheure Warnung ist erteilt, eine Warnung vor allem an das deutsche Volk: Mit diesem System geht es einem neuen Kriege, und in einem neuen Kriege einer neuen Niederlage entgegen. Neue Niederlage bedeutet den Untergang, Rettung liegt nur im Sturz des Systems! Wegräumung Polens Rosenberg zum östlichen Nichtangriffspakt* Hitler hat seine Bereitwilligkeit erklärt, einem östlichen Nichtangriffspakt beizutreten, auch dann, wenn einige Teilnehmer dieses Paktes unter sich besondere Abkommen schüeßen sollten, in denen sie sich zur gemeinsamen Abwehr eines Angreifers verpflichten. Grundsätzlich Neues enthält diese Bereitwilligkeitserklärung eigentlich nicht. Denn Deutschland hat schon seit Rapallo und dem Berliner Vertrag ein Freundschaftsabkommen mit Sowjetrußland, es hat schon in Lo- carno einen Nichtangriffspakt auch mit Polen geschlossen, der von Hitler durch einen neuen Nichtangriffspakt verstärkt worden ist. Andererseits hatte(oder hat?) Polen einen müitärischen Bündnisvertrag mit Frankreich, der es auch ohne neue Pakte verpflichten könnte, gemeinsam mit der kleinen Entente gegen einen Angreifer im Osten vorzugehen.- Der praktische Wert aller dieser schon bestehenden oder nicht mehr bestehenden oder noch ungeborenen Verträge läßt sich schwer abschätzen. Wahrscheinlich ist er auch nicht viel größer, als der Wert des Teil V des Vertrages von Versailles, der von der deutschen Abrüstung handelt. Wichtiger und interessanter als diese Pakte, die wie Wolkengebilde am Himmel entstehen, ineinanderfließen und wieder verschwinden, sind die großen politischen Strömungen, die diese himmlischen Erscheinungen zum Entstehen und wieder zum Verschwinden bringen. Darum verdient eine zu Unrecht verschollene Schrift des führenden Außenpolitikers der NSDAP Alfred Rosenberg heute besonderes Interesse. Sie heißt »Der Zukunftsweg einer deutschen Außenpolitik« und ist im Jahre 1927 im offiziellen Parteiverlag von Franz Eher Nachfl. in München erschienen. In ihrem Aufbau und in ihren Ausführungen stellt sie eine eindrucksvolle Ergänzung der außenpolitischen Richtlinien dar, die Hitler in seinem Buch»Mein Kampf« vorgezeichnet hat. Grundlegend wie bei Hitler ist der Gedanke, daß Deutschland die Bundesgenos- senschaft Englands und Italiens gewinnen muß, um den französischen Todfeind zu vernichten. Auch für Rosenberg ist aber die Vernichtung Frankreichs nicht Selbstzweck, sie ist nur Sicherung des Rückens bei der Lösung der eigentlichen deutschen Aufgabe Raumim Osten zu gewinnen. So heißt es gleich am Anfang der Schrift; »Mit der Erkenntnis, daß das deutsche Volk, will es nicht In des Wortes wahrster Bedeutung untergehen, eigenen Grund und Boden für sich und seine Nachkommen braucht, und mit der zweiten nüchternen Einsicht, daß dieser Boden nicht mehr In Afrika erobert werden» kann, sondern In Europa, In allererster Linie im Osten erschlossen werden muß, mit dieser Erkenntnis ist die organische Einstellung einer deutschen Außenpolitik für Jahrhunderte gegeben. Denn aus diesen Erkenntnissen ergibt sich die grundlegende Frage, welche Mächte stehen einer stärkeren Ausweitung, z. B. nach Polen, feindlich gegenüber? Und wessen Staats- Interessen werden durch diese deutsche Raum- ersch ließung nicht berührt, vielleicht sogar mit gefördert? Auf die erste Frage gibt es nur eine Antwort: Frankreich und Polen (Rußland ist ein Problem für sich). Die zweite Frage läßt sich mit England und Italien beantworten.... Da man in Paria in Erkenntnis seiner Inneren Schwäche Bundesgenossen braucht, so Ist auch Polens Sache seine ureigenste Angelegenheit, wie die Bewaffnung Rußlands vor dem Kriege war.« Den Wert Polens als Bundesgenossen schätzt Rosenberg allerdings äußerst gering ein; »Einen aktuellen Kampf gegen Rußland möchte Polen natürlich— mit dem Ziel der Einverleibung Weißrußlands— gerne führen, doch Ist man sowohl In Warschau wie In London sich darüber Im klaren, daß Im Ernste mit diesem politischen Völkergemlsch kein wirklicher Krieg gefUhrt werden kann.« Ueberflüssig zu sagen, daß Rosenberg in jedem Versuch, eine Besserung des deutsch-polnischen Verhältnisses herbeizuführen, eine gefährliche und landes verräterische jüdisch-marxistische Machenschaft erblickt. Dem»halbjüdischen Demokrateint Schiffer macht er es zum schwersten Vorwurf, daß er nach der Teilung Oberschlesiens erklärt habe, nun sei die Zeit für Verständigung mit Polen gekommen. Der Vertrag von Locarno ist ihm nicht nur ein »Verrat am Elsaß«, sondern auch— eben weil er das Prinzip des Nichtangriffs auch für Deutschland-Polen festlegt— besonders verwerflich; »Seit Jahren verwendet Frankreich Millionen über Millionen dazu, um das polnische Heer wieder Instand zu setzen und den Polen behilflich zu sein, neue Festungen an der ostpreußischen Grenze zu errichten und andererseits Ist das gleiche Frankreich bestrebt, nach dem Westlocamo Stresemann auch In ein Ostlocamo hineinzuziehen, obgleich In Wirklichkeit dieses Weatlooarno bereits ein Ost- locarno darstellt, da Deutschland offiziell verzichtet hat, gewaltsam irgendwelche Grenzbeiichtigon- gen zu begünstigen. Diese offizielle Anerkennung bedeutet bereits einen Erfolg Frankreichs und Polens.« Auf gewaltsame Grenzänderung will aber Rosenberg auf keinem Fall verachten. Um sie durchsetzen zu können, sucht er die Hilfe Englands; »In dem Kampf zwischen Moskau und London hat Deutschland sich klar zu entscheiden und je nach Möglichkelten Zwischenlösungen zu schaffen We zur endgültigen Freiheit nach dem Osten, d. h. bis zur Raumgewinnung für deutsches Volkstmn in östlicher— polnischer Stoßrichtung.« Man kennt aber Alfred Rosenberg schiecht, wenn man glaubt, daß er sich mit Kleinigkeiten, wie den Korridor, Oberschlesien und Posen, begnügen wollte. Sein Ziel ist die Kolonisierung der Ukraine, mit der Deutschland in unmittelbarem räumlichen Zusammenhang gebracht werden muß. Er rechnet damit, daß die Ukraine sich eines Tages gegen Sowjetrußland erheben werde. Dann sei es notwendig,»Mittel und Wege zu finden, die ukrainisch-nationale Revolution gegen das bolschewistische Moskau zu unterstützen, bezw. mit vorzuarbeiten, um Verhältnisse zu schaffen, die Deutachland Raum, Freiheit und Brot gewährleisten.« Der alldeutsche Weltkriegstraum vom »Brotfrieden mit der Ukraine« feiert so in Rosenbergs Theorien feierliche Urständ. Allerdings bleibt dabei noch eine Kleinigkeit zu bereinigen. Wie ein Blick auf die Landkarte zeigt, liegt zwischen Deutschland und der Ukraine ein Staat namens Polen. Auch über seine Zukunft äußert sich Rosenberg mit grundsätzlicher Klarheit Nachdem er eine geschichtliche Darstellung der Kämpfe der Ukrainer gegen Russen und Polen gegeben hat fährt er fort: »Deutschland hat auf diese ganze Entwicklung ketaem Einfluß gehabt, ist aber jetzt um so mehr daran intereeaiert, sich für den Fall eine* ukrainischen Siege* künftige Bündnlsmögllchkedten mit Kiew offen zu halten. Ausschlaggebend wäre hier die naturgegebene Todfeindschaft zwischen Ukrainern und Polen. Wie im siebzehnten Jahrhundert, so werden die Ukrainer auch Im heutigen polnischen Staat unterdrückt, ihr* Schulen geschlossen, die Abgeordnetenimmunität gebrochen, Ja, es wind ihnen sogar verboten, sich Ukrainer au nennen. Haben wir nun begriffen, daß die Weg- räumong des polnischen Staate* das allererste Erfordernis Dentseblands Ist, so wird ein Bündnis zwischen Kiew und Berlin und die Schaffung einer gemeinsamen Grenze zu einer völkischen und staatlichen Notwendigkeit für eine künftige deutsche Politik.« Man wird zugeben, klarer, deutlicher und konsequenter kann man sich überhaupt nicht ausdrücken. Nur zweierlei Ist möglich; entweder haben die Rosenberg und Hitler ihre grandiosen außenpolitischen Ziele dem deutschen Volk bloß vorgeschwindelt, um sie dann nach der Machtergreifung als die lächerlichen Phantas- magorien, die sie stets waren, endgültig zu begraben, oder aber die Rosenberg und Hitler haben das, was sie vor einigen Jahren gepredigt haben, selber geglaubt, und glauben es auch heute noch. Ist aber das zweite der Fall, dann kann sich jedermann leicht ausrechnen, was Westlocamo, Ostlocamo, Rapallo, Berliner Vertrag und deutsch-polnischer Freundschaf tsvertrag wert sind, und was ein neuer östlicher Nichtangriffsvertrag wert sein würde, wenn er unter der gütigen Mitwirkung des Dritten Reiches zustande käme. Deutsche Streifllditer Auch jahrelange Gleichschaltung schützt vor lichten Augenblicken nicht. Im stillen Kämmerlein mögen sie vielen kommen. Vereinzelt fließen vernünftige Gedanken manchmal auch elegisch gleichgeschalteten Schrift- stellam In die Feder, und sie erscheinen dann wie harmlos Im Feuilleton. So. wenn Herr Friedrich Sleburg in der»Frankfurter Zeltung« Nr. 123 und 124 Uber »Schrifttum, Elite, Nation« rund um die französische Akademie philosophiert. Da liest man denn an die Adresse der jede selbständigere Regung ausschließenden Reichsschrifttumkammer und an die noch höhere Anschrift des Verfassers eines schundlltcrarischen Schmarrens,»Mein Kampf«, folgende Bosheiten: »Tive la France« »Ein Franzose, der ein gutes Buch verfaßt hat, hat damit eine nationale Leistung vollbracht und dem nationalen Gedanken geholfen, ganz abgesehen davo n, welche Ideen und Grundsätze er im einzelnen nun vertreten mag. Eine mllltÄrlsche, wirtschaftliche, politische oder verwaltungsmäßige Leistung bleibt Immer eine Funktion. erst die literarische Leistung drückt die ganze Persönlichkeit aus und trifft damit in den Kern des nationalen Lebens. Erstdurch den Geist wird In Frankreich die Leistung wesentlich... Und selbst ein Marschall Franchet d'Esperey wird nicht behaupten können, daß die Armee im Mittelpunkt der Idee steht, die Frankreich von sich selbst hat, und daß die Bevölkerung in dem Waffenträger ein Symbol Ihrer selbst sieht... Alles das ist Literatur, und die Akademie ist mehr als Literatur. Sie ist eine Realität, in der die drei Elemente. Schrifttum, Elite und Nation geheimnisvoll und doch klar zusammenwirken, um das Schicksal des Geistes untrennbar mit dem des Volkes zu verbinden. Dadurch wird sie zum vollgültigen Ausdruck eines Landes, indem die Eule der Minerva ihren Flug unternimmt wenn die Sonne am höchsten steht« So schildert der hitlerdeutsche Schriftgelehrte Frankreich. Und wie mag er das Land sehen, in dem die literarische Leistung auf Schelterhaufen verbrennt 1 Ertappte Lügner Zynische Note über den Fall Jacob. Die deutsche Regierung hat die Auslieferung des Journalisten Berthold Jacob endgültig abgelehnt Sie gesteht nach anfänglichem Leugnen, daß Jacob mit Gewalt vom schweizer Gebiet auf deutsches Gebiet gebracht worden Ist, aber sie leugnet nach wie vor jede Beteiligung deutscher Behörden. Die schweizer Regierung hat einwandfrei die Beteiligung deutscher Behörden nachgewiesen. Das Leugnen der Hitlerregierung gehört Ins Gebiet jener offenkundigen diplomatischen Lügen, in denen die braune Politik besondere Uebung hat. Der Fall wird nun das Internationale Schiedsgericht im Haag beschäftigen. Die Prozedur Jedoch erfordert Zelt, und es besteht die Gefahr, daß der Spruch erst erfolgt, wenn Jacob bereits nlchtmehramLebenlat. Er wird vor das berüchtigte»Volksgericht«, das heißt vor das Tribunal der Systemkreaturen geschleppt werden, dessen Aufgab« ea Ist, Morden an politischen Gegnern den scheinlegalen Segen zu geben. Die erste Aufgabe der Schiedsinstanz müßte darin bestehen. Sorge zu tragen, daß nicht ihr Spruch In der Form durchgeführt wird, daß das braune System eine kopflose Leiche ausliefert, Die Vertrauensräte- Wahlen Was das System bisher zugibt. Am 12. und 13. April haben In den deutschen Betrieben die Vertrauensrätewahlen stattgefunden. Das System bat eine verzweifelte Propaganda eingesetzt, am den Eindruck der Niederlage zu verwischen, den die vorjährige Wahl hinterlassen hat. Es sind rund 77.000 Betriebsversammlungen mit Ministerreden abgehalten worden. Man hat befohlen, bei der Aufstellung der Kandidaten vorsichtig vorzugehen und keine prononcierten Nationalsozialisten aufzustellen. Es sollten im Betrieb angesehene Leute gewählt werden, damit das System ihre Wahl als eine Wahlentscheidung für das System ausschreien könnte. Das System hat ferner Vorsorge getroffen für die Fälschung und Frisierung eine* ungünstigen Wahlergebnisses. Die Aulstellung von Gegenkandidaten war nicht gestattet. Immer wieder hat der Rundfunk mitgeteilt, daß ungültige Stimmen als nicht abgegeben betrachtet nnd nloht gezählt werden. Als letzte Reserve bleibt dem System das Verschweigen der Ab- stlmmnngs Ziffern und die einfache Erklärung, daß die Kandidaten gewählt sind. Die Ergebnisse, die bisher In der Systempresse mitgeteilt worden sind, sind einzelne ausgewählt« Ergebnisse, die obendrein nach verschiedenen Methoden mitgeteilt werden. Man erfährt z. B.: Daimler- Benz 878 Ja, 595 Nein; Zelß-Ikon-Goerz: 989 Ja, 662 Nein; Kemplnsld: 080 Ja, 439 Nein; Leuna-Werke: 10.891 Ja, 5182 Nein; Blohm und Voß(Hamborg): 8978 Ja, 2000 Nein. Bei allen diesen Ergebnissen fehlt die Angabe über die Stärke der Belegsebaft, über die Zahl der nngältigen Stimmzettel. Dennoch lassen sie erkennen, daß dem System beim Ergebnis dieser»Wahl« nicht wohl ist. Andere Ergebnisse werden summarischer mitgeteilt: Bochumer Verein 98 Prozent Ja, Bergbau AG. 96 Prozent Ja, Krupp 90 Prozent Ja. Dies* Angaben sind ohne Jeden Wert. Wovon Ist der Prozentsatz der Jastimmen berechnet? Im vergangenen Jahre hat es erhebliche Zelt gedauert, Ws auf Illegalen Wegen ein TTeberbllck über das all gemeine Ergebnis geschaffen werden konnte. Auch In diesem Jahre wird das der Fall sein. Eins aber Ist sicher: trotz aller Vertuschung» manöver und aller statistischen Fälcherktinststttcke wird die Wahrheit durchdringen. Ein Radieverbot in Danzig Unterdrückung der Danziger Volksstimme. Die Danziger Behörden haben unmittelbar nach der Danziger Wahl unser Parteiorgan, die»Danziger Volksstimme«, auf fünf Monate verboten. Das Verbot ist ein Rache- und Willkürakt der Enttäuschten. Die»Danziger Volksstimme« wird beschuldigt, falsche Nachrichten über den Wahlakt verbreitet zu haben. Vor uns liegt die Nummer der Zeitung, die das Verbot hervorgerufen hat. Sie zeigt das Gesicht eines Blatte«, das unter terroristischem Druck erscheint und zur vorsichtigsten Zurückhaltung gezwungen ist. Unsere Danziger Genossen hätten allen Anlaß gehabt, ihrer stolzen Genugtuung Ausdruck zu geben— sie haben sich benügt, objektiv und zurückhaltend festzustellen:»Der Vorstoß der NSDAP gescheitert.« Sie haben in einem kleinen Stimmungsbild gezeigt, wie in der Wahlnacht die Menge die Ergebnisse entgegennahm, halblaut, murmelnd, scheu, unter dem Druck des Terrors, wie sie ihre Schlüsse zog aus dem plötzlichen Abbrechen der Nachrichten. Dazu noch einige Berichte über blutige Terrorakte, Das war alles, was zu einem Verbot für fünf Monate geführt hat. Dies Verbot Ist ein neuer Verfassungsbruch. Der Zeitung steht das Recht zu, Klage beim Völkerbund zu führen. Es müßte eine Ehrenpflicht für den Völkerbund sein, schleunigst diesem Verfassungsbruch ein Ende zu machen, der ein Hohn auf Pressefreiheit und Wahlfreiheit ist Danzig darf nicht wieder aus der europäischen Oeffentlichkeit verschwinden; denn der Kampf in Danzig geht weiter. Alle Oppositionsparteien haben Proteste gegen Wahlbeschränkungen und Wahlfälschungen eingelegt— es Ist kein Zweifel, daß die Nationalsozialisten in Danzig eine Mehrheit nur zusammengefälscht haben, daß sie in Wahrhet keine Mehrheit besitzen. Dieser offenkundigen Mlnderheitsdikta- tur muß auf die Finger gesehen und auf die Finger geklopft werden. Vom deutschen Kampfe Sozialdemokraten verurteilt. Am 38. und 39. März, wurde vor dem Oberlandesgericht Karlsruhe gegen eine Reihe von Sozialdemokraten verhandelt Die Anklage warf ihnen Hochverrat vor. Unter anderem• wurde den Angeklagten ein Befreinngsversuch für den im Konzentrationslager befindlichen ehemaligen sozialdemokratlscbeo Reichstagsabgeordneten Mierendorff vorgeworfen. Die Oeffentlichkeit war ausgeschlossen »wegen Gefährdung der Staatssicherheit«. Das Urteil lautete: Henk 30 Monate Gefängnis Ralvie 20„„ Altertum 14 n„ Gräber 13>.» Neurenther 8»„ Jattschott 8» m Laier /8 M Der Angeklagte Sommer-Mannheim wurde freigesprochen. Allen Verurteilten wurden fünf Monate der Untersuchungshaft angerechnet. Sie können uns nicht unterdrücken! Für jeden gefangenen Kämpfer stehen neue auf! Opfer eines Verräters Der Waldenburger Hochverratsprozeß. Im April 1934 wurde in Waldenburg eine Reihe von ehemaligen Sozialdemokraten verhaftet Diese Genossen sind inzwischen abgeurteilt worden. Ueber den Prozeß hat die deutsche Presse folgendes berichtet: »Großer Hochverratsprozeß. In mehrtägiger Verhandlung hatten«ich vor dem Ersten Strafsenat de« OberlandeegerichU Breslau 19 Angeklagte aus dem Waldenburger Bergland zu verantworten. Acht der Angeklagten wurden freigesprochen, elf wurden wegen Vorbereitung zum Hochverrat verurted 1t und zwar die Angeklagten Flnke und Strlesa zu Je vier Jahren Gefängnis, der Angeklagte Förster zu drei Jahren Gefängnis, die Angeklagten Beler, Fehat, E 1 c b n er und Raupach zu je zwei Jahren Gefängnla, vier Angeklagt« erhielten Geifängnlsstrafen von einem Jahr drei Monaten bis zu einem Jahr secha Monaten. Die Untersuchungshaft wird eämtllchen Angeklagten auf die Strafe angerechnet. Die beschlagnahmten Flugblätter werden eingezogen.« Einige der Angeklagten sind nach der Verhaftung schwer mißhandelt worden. Die VerurteUten sind einem Verräter zum Opfer gefallen. Dieser Schuft ist der frühere Lehrer Siroka-Mathke In Waldenburg. Auf seine Denunziation bei der Gestapo hin sind nicht weniger als 80 Leute verhaftet worden. Fniformschnelder in die Front Viele tausende Zivilschneider sind in Deutschland arbeltalos, denn die Zivilisten gewöhnen Ich das Anzugtragen allmählich ab. Immer mehr werden sie zu einem nur halb- wertigen Bestandteil der arisch-germ anlachen Rasse, höchstens geeignet, den uniformierten Kdelmenschen zu dienen. GlUcklicherwels* bleibt ihnen da noch viel zu tun. Uniformen sind«he nationale Forderung des Tages. Die allgemeine Wehrpflicht kurbelt auch dl« Scheren und Nadeln der Schneider an. In Berlin, Hamburg. Köln, München und Dresden werden die Zivilschneider in Militärscbnelder umgeschult. In einem halben Jahre sollen so etwa D00 Uniform-Maßschneider ausgebildet sein. Offenbar genügt das noch nicht, um die Arbedtaloslgkeit Im Schneidergewerbe auszurotten. Eine weitere Heeresvermehrung Ist also unerläßlich, wenn die Erwerbslosigkeit noch besser bekämpft werden soll. Erst wenn der letzte Deutsche In Uniform auf dem Kasernenhof marschiert, wird das Dritte Reich auf dem Gipfel der Vollkommenheit angelangt sein. Hannes Wink. De« Führer» Gnade. Zum ersten Male wird bekannt, daß Adolf Hitler von seinem Begnadigungsrecht Gebrauch gemacht hat Er begnadigte den durch das Schwurgericht in Gels zum Tode verurteilten Paul Stiller zu 15 Jahren Zuchthaus. Paul Stiller hat eine Frau ermordet. Das Wunder von Danzig »Donnerwetter! Wie hat sie denn das noch fertig gebracht?«(Aus dem»Populalre«-) UdkiH m% JtuuMk Die Rüstung verschlingt die Wirtschaft Der neue Viert eljahrsbericht des In- Btituts für Konjunkturforschung ist ein kurioses Gestammel. Zwar beginnt er mit dem üblichen vorgeschriet-enen Dithyrambus; Die Besch&ftigung nimmt immer mehr zu. Die Zahl der Industriearbeiter wächst, ebenso die der Angestellten und die der »zusätzlich« im Arbeitsdienst, Landhilfe, bei Notstands- und Fürsorgearbeiten Beschäftigten. Dabei erwähnt das Institut nicht einmal die halbe Million neuerlich »zusätzlich« für die Wiedergewinnimg der verlorenen Ehre und für die künftige Eroberung neuen Bodens— produktiv in der wiedererstandenen Armee Tätigen. Aber Senkung der Kaufkraft für Verbrauchsgüter hat der Raub der Sozialrenten bewirkt, die Herabdrückung der Arbeitslosen- und Wohlfahrtsunterstützungen unter das Existenzminimum, die Reduktion der Bezüge für die»zusätzlich« Beschäftigten auf diese Arbeitslosenunterstützung und schüeßlich die ständige Herabdrük- kung der Löhne. Eben veröffentlicht der Chemietrust, die IG-Farbenindustrie, ihren Geschäftsbericht. Der Trust gehört zu dem in der nationalsozialistischen Kriegswirtschaft begünstigten Konzernen; für seine Munitionserzeugung, Giftgasbereitung, Ersatzstoffproduktion, Stickstoff- und Ben- nachdem der Tribut an den von oben be- zinherstellung herrscht Hochkonjunktur. fohlenen Optimismus geleistet, geht es So ergab sich 1934 gegenüber 1933»eine mit gedämpftem Trommel-: Steigerung der Gefolgschaft des Konzerns klang weiter, und es lohnt sich schon das• um 18 Prozent auf 134.677 gegen 112.571 ausführlich wiederzugeben. j und damit um 45 Prozent gegenüber dem »Die Saisonbelebung setzte sich In dieeem Tiefstand im Oktober 1934. Wobei aller- Jahre jedoch unter anderem Bedmgungen dings die Fortdauer der Fünftage-Woche durch als In den beiden Vorjahren. Einmal(und damit die Verkürzung des Einzeleinsed zu bedenken, daß die Auftriebs- Bommens um ein Sechstel!) eine Rolle kräfteallgemeinumso schwächer spielte«. Während sich aber die»Gefolgwerden, einen je höheren Stand die Wirt- schaft« um 18 Prozent vermehrte, stie- echaftstäügkedt bereite erreicht habe. An die gen die Personalkosten nur um 13 Pro- Stelle des stürmischen Aufschwunges in den zent auf 209.59 Millionen gegen 185.67 Mil- Vorjahren sei z. T. ein 1 a n g s a m e r e s An- üonen. Das bedeutet also eine L o h n- wachsen getreten. Die Gesamtbewegung reduktion um 5 Prozent in einem von der Wirtschaft löse sich umso mehr in Ein- der Sonderkonjunktur am stärksten be- zelschwingungen auf, je weiter die günstigsten Unternehmen! Danach kann Belobung fortgeschritten sei. man sich von dem Lohndruck in wenig be- Dde Sonderemtwicklung(!) bei den V e r- Hmatigten Betrieben ein Bild machen! brauchsgütern bleibe auch für die kom-, Und dabei mehren sich die'Anzeichen, daß menden Monate von Bedeutung. Mit dem Ab- ia nächster Zukunft mit einer neuen ebben der Hamsterwelle sei das Geschäft Lohnsenkung zu rechnen ist, um dem im Einzelhandel ziemlich ruhig darniederliegenden Export einen neuen geworden. Das zeige sich auch in der V e r- � geben brauchsgüterproduktion. Die Erzeugung, die bis Mitte 1934 außerordentlich Sinn0nliOn|Unktur nilP In rasch gewachsen war, sei seither g e s u n k e n. i JeP RUstiinffsIndustrie! Der gegenwärtige Produktionsstand würde aber ungefähr dem laufenden Verbrauch ent-;.. Wie 68 in Wirklichkeit mit den Konsum- spreohen. Verbrauch und Produktion würden SÜterindustrien steht, wie es sich da nicht, »ich auf neuem Stand stabilisieren.(!): � das Institut beschönigend sagt, um und mit Zunahme der Einkommen 1ml Stabilisierung«, sondern um eine wirkhehe ganzen erneut steigen. Aber in der Pro-'Krise, handelt, haben wir kürzlich an dem duktlonsgüterlndustrle sei die Er- Beispiel der Schuh- und Leder-, sowie der zeuguag welter gewachsen. Im M a s o h 1- Mobeündustrie gezeigt. Wie steht es um aenbau freilich könnten die Inlandsbeetel- �i® Textilindustrie und die Kon- lungen in den nächsten Monaten zwar etwas j f e k t i o n, eine der wichtigsten der Kon- nachlassen, w«U viele Käufer aus Grün- sumlndustrie mit etwa 2 Millionen Arbeiden der Steuerbefreiung für Ersatzbeschaf- ter? Di® Uniformnachfrage, dann die Ham- fungen Ihre Bestellungen vor Jahresschluß sterwelle, hatten eine kurzdauernde aber 1934 aufgegeben hätten. Aber auch in diesen 3ehr intensive Belebung gebracht. Doch Industriezweigen sichere ein hoher Auftrags-®®it dem letzten Herbst hat sich das BUd völlig gewandelt. »Der Absatz«, schrieb vor kurzem die »Frankfurter Zeitung«,»stockt. Die L ft- ger in Geweben und wei terverarbelteten Waren sind Ubervoll. Die Annullierung von Aufträgen, che Hinausschiebung der Lieferfristen, Ist an der Tagesordnung. Der Zahlungseingang hat sich verschlechtert, in der Beschäftigung zehren die Spinner, also die erste Produktionsstufe, und tellwelae auch noch die Weber, von den Aufträgen aus der Haussezelt, Die Nachfrage nach Garnen, und zwar besonders nach Baumwollgarnen, Ist sogar nach wie vor lebhaft, so daß die Spinnereien die Stockung noch nicht zu upüren bekommen haben. Im übrigen ist man aber in der Brteilungneuer Aufträge jetzt ebenso zögernd wie man früher kühn war. Am deutlichetan ist die Stagnation im Einzelhandel und Konfektion. Sie hat nicht nur das Geschäft in Winterware beeinflußt, sondern erstreckt sich auch auf Dlspoaitlon für den Sommer. Die hohen Lager und die damit verbundene Beanspruchung der Betriebsmittel bilden ein natürliches Hemmnis gegen neue Blndeokungon auch da, wo sie aus Saison- oder Modegriinden wichtig wären... Aber auch dann bleibt eine starke Kredltunaloberheit beetehen, denn In der Bonität der Abnehmer haben sich, Je nachdem sie ihre Gesch&ftspoUUk in der letzten Zelt eingerichtet haben, so große Verschiebungen ergeben, daß eine Beurteilung schwerer ist als so. Das Bild ist gleichzeitig voller Widersprüche. Der Vorrataan- häufunglm Handel, in der Konfektion und teilweise auch in der Weberei, steht ein starker Lagerverzehr In Rohstoffen und halbfertiger Ware gegenüber.« Dazu kommt nicht nur die wachsende Schwierigkeit der Versorgung mit den Rohstoffen, sondern auch ihr für Deutschland erhöhter Preis. Die durch die komplizierten Kompensationsgeschäfte hereingebrachte Baumwolle kostet nach den Feststellungen der »Frankfurter Zeitung« im Durchschnitt 20 bis 25 Prozent mehr, als»De- bestand günstige Beschäftigung.« Macben wir hier einmal Halt! Es ist zunächst schon recht interessant, daß das Konjunkturinstitut eine Abschwächung in der Maschinenindustrie prophezeit, einer Produktionsmittelindustrie also und noch dazu derjenigen, die unter dem Rückgang ihres Exports besonders grausam gelitten hat. Es ist eben auch mit der Maschinen- industrie so wie bei allen anderen. Ihre vorübergehend vermehrte Beschäftigung für den Binnenmarkt, der aber den Exportausfall bei weitem nicht ausgleichen konnte, ist auf staatliche Sondermaßnah- men zurückzuführen, in diesem Fall auf die Steuerfreiheit für die Ersatzanschaffungen und die Steuerbegünstigungen für die Abschreibungen. Sobald die staatlichen Hilfsmaßnahmen sich erschöpfen, ist auch die durch sie angeregte Sonderkonjunktur vorüber und die Industrie verfällt wieder in ihren Marasmus.»Einzelerscheinungen«, sagt dann Sprachkünstler Wagemann. Stabilisierung— im Elend! Aber für die so wichtige und umfangreiche Gruppe der Verbrauchsgtiterindu- strien ist es doch schon nach dem eigenen Geständnis des Instituts mehr eine»G e- 8amtschwingung.« Da erhofft es »ur noch»Stabilisierung«, auf dem — wohl gemerkt— bedeutend gesunkenen Stand. Natürlich werde In einer unbestimmten Zukunft die Produktion mit der Zunahme der Einkommen steigen. Warum soll auch Wagemann keine Schachtwechsel auf die Zukunft ausstellen? Aber mit dieser Zunahme der Einkommen edeht es trotz aller Schönfärbereien recht traurig aus. Denn einmal bedeutet Unausgesetzte Stelgerung der Preise für Nahrungsmittel und Kleidung eine ständige Senkung des Reallohns, eine Hebertragung des Einkommen der Arbeiter ünd Angestellten auf das Einkommen der Agrarier und zum Teil— wie das Steigen dcr Dividenden in der Textilindustrie trotz reduzierter Produktion beweist— auch auf das der Unternehmer. Eine weitere visenbaumwolle«, obwohl sie qualitativ oft nicht einmal gleichwertig ist. Die stoßweise Art, in der die deutsche Nachfrage auf den Rohstoffmärkten sich geltend macht, bewirkt zudem sofort Preiserhöhungen, zumal da die Käufe je nachdem die Devisenstellen Devisen zur Verfügung stellen, oft in ungünstigen Zeitpunkten vorgenommen werden müssen und die deutschen Importeure in der Auswahl der Ein- kaufaländer nicht frei sind und sich nach den behördlichen Vorschriften richten müssen, die sich nach dem Stand der Verrechnungsabkommen mit den einzelnen Ländern und nicht nach den büligsten Einkaufsgelegenheiten richten. So kommt es, daß Deutschland 1934 für seinen Tex- üleinfuhrüberschuß— auch wegen des höheren Anteils verarbeiteter Waren— 687 Millionen Reichsmark zahlen mußte, gegen 611 Millionen im Vorjahr, obwohl die Menge abnahm— eine nette Wirkung des»Neuen Planes« auf den der Schacht so stolz ist. Dabei bedeutet der zunehmende Zwang zur Ersatzstoffbenutzung nicht nur Verschlechterung, sondern auch Preissteigerung.»Die Beimischung der Stapelfaser zur Baumwolle ergibt eine recht erhebliche Verteuerung und auch bei der an sich rentableren Mischung mit Wolle, ist z. B. die Einfärbung kostspieliger als sonst«, konstatiert die»Frankfurter Zeitung«. Die viel gepriesene Binnenkonjunktur existiert also nur für die R ü- stungsindustrie und ist genau so zu beurteil etn wie die Kriegskonjunktur. Sie bedeutet nicht vermehrte Produktivität der Wirtschaft und steigende Lebenshaltung, sondern Verzehr an Produktionskräften im Dienste der Aufrüstung, gespeist aus den Mitteln, die aus der Verringerung des Realeinkommens von der Diktatur erpreßt werden. Exportsorgren— Zwangsdumping Aber der Stillstand der Konsumgüterindustrien ist nicht das einzige, was dem Institut Sorge bereitet. Nach wie vor bleibe der Außenhandel zurück. Die Einfuhr bleibe verhältnismäßig hoch, die Ausfuhr sei aber noch nicht gestiegen. Die Lösung der Außenhandelsfrage sei nicht nur für die Rohstoffversorgung von Bedeutung, sondern es entstehe die Frage, wie weit eine Steigerung der Ausfuhr zur besseren Ausnützung der industriellen Kapazitäten beitragen könne. Das Exportproblem rückt in der Tat immer näher in den Vordergrund und Schacht hat es sogar kürzlich die»Schicksalsfrage für die deutsche Wirtschaft« genannt, von der alles weitere abhängen werde. Zur Slcheretellung der Versorgung der deutschen Wirtschaft bedarf es nach der offiziellen Rechnung einer Einfuhr von 4.8 Milliarden Reichsmark; 1934 wurde für 4.45 Milliarden eingeführt. Da der Export 1934 nur 4.2 Milliarden betrug, muß die Ausfuhr um 600 MUlionen im Jahr gesteigert werden. Legt man das ungünstige Januar- und Februarergebnis zugrunde, so bedürfte es sogar einer Steigerung von 1.2 Milliarden. Für diesen Zweck soll ein Zwangsdumping großen Stils organisiert werden. Nun war schon bisher die deutsche Ausfuhr in hohem Maße Dumping-Ausfuhr. Denn ein Teil wurde nicht mit Devisen, sondern mit Sperrmark, deutschen Auslandsbons und Scrips(das sind die Zinsscheine, die die Auslandsgläubiger an Stelle von Barzahlung erhalten haben) bezahlt. Dadurch konnten die Gläubiger, wenn auch mit Opferung der Hälfte und mehr ihres Kapitals ihre festgefrorenen Kapitalien zurückziehen. Gerade das will ja Schacht nicht, er will die Zwangsanleihe behalten. Deshalb sucht er das industrielle Dumping durch ein direktes zu ersetzen. Es soll in sämtliche Industriegruppen, aber auch Handel, Banken und Verkehr zu »Exportgemeinschaften« zusammengefaßt werden. Die Mitglieder sollen einen bestimmten Prozentsatz ihre« Inlandsabsatzes zahlen; man denkt an 2 Prozent, und das würde, da die deutsche Industrieproduktion 1934 auf 60 Milliarden geschätzt wird, 1 Milliarde Reichsmark bedeuten, diese würde der Subventionierung des Exports dienen. In einzelnen deutschen kartellierten Industrien ist ja ein solcher Dumping-Export auf Kosten des deutschen Verbrauches nichts neues. Es ist die alte Praxis des Kohlensyndikats, durch eine Umlage vom Inlandsabsatz eine Schleuder- konkurrenz im sogenannten bestrittenen Gebiet zu treiben und ähnlich verfährt von jeher das deutsche Eisenkartell. Auf Drängen von Schacht- hat das System unterdessen eine weitere Ausdehnung erfahren. Im Oktober 1934 hat die Autoindustrie eine Exportausgleichskasse errichtet, durch die ein Prozent des Erlöses des Inlandsabsatzes von der beteiligten Industrie und dem Handel zur Unterstützung des Exports aufgebracht wird. Vor kurzem folgte die Tafelglasindustrie, wo die Produzenten 5 Prozent des Inlandsabsatzes zu zahlen haben. Ebenso haben die Zement-, Kunstseiden-, die Beklei- dungs-, die Metallindustrie und das Brauereigewerbe Ausgleichskassen errichtet. Der Betrag von 1 Milliarde würde zwar eine Subvention um etwa 25 Prozent, auf die letztjährige Ausfuhr berechnet, bedeuten; trotzdem hält man diesen Betrag für zu niedrig, um wirklich die Steigerung um 600 Millionen zu erzielen. Zudem ist es klar, daß eine neue Steuer auf den Inlandsabsatz eine Verteuerung des inländischen Preisniveaus und damit eine neue Erschwerung des Exports herbeiführen müßte. Jedenfalls birgt der neue, aus der Verzweiflung geborene Plan Schachts, einmal die Gefahr einer neuen Schrumpfung der»Binnenkonjunktur«, besonders der ohnehin in prekärer Lage befindlichen Konsumindustrie, dann aber auch die andere von Gegenmaßnahmen des Auslandes gegen das neue Dumping, der zugleich auf Kosten der Industriellen und seiner Gläubiger geht, die ihre gesperrten Guthaben noch weniger verwenden können als bisher. Daß der Plan vor allem der Sicherung der für die Aufrüstung nötigen Rohmaterialien dient, versteht sich natürlich von selbst. In der Industrie ist bisher der Plan Schachts auf Widerstand gestoßen, da scheint man eine allgemeine Lohnkürzung für das bessere Mittel zu halten. Trotzdem wird man damit rechnen müssen, daß die neue Dumpingorganisation und damit der vermehrte Ausverkauf deutscher Wirtschaftssubstanz durchgeführt werden wird. Notwendigkeiten der Kriegswirtschaft! Tollhaus Europa Einen kleinen Erfolg aber hat das Regime erzielt. Die abscheulichen B o 1 s c h e- w i k i haben sich herbeigelassen, mit Deutschland ein neues Handelsabkommen zu schließen. Bekanntlich sind die lohnenden Lieferungen nach Rußland in den letzten Jahren rapid zurückgegangen. Die deutsche Ausfuhr nach Rußland betrug nach der russischen Statistik 1932 noch 327.7 Millionen Rubel; sie fiel 1933 auf 148.6 Millionen und 1934 gar auf 28.7 Millionen. Nunmehr hat Deutschland den Russen einen durchschnittlich fünfjährigen Bankkredit von 200 Millionen Reichsmark eingeräumt, obwohl der Heß erst kürzlich verkündet hatte, man könne mit den Russen keinen Vertrag schließen, da sie ihr Wort nicht halten. Die Zinsen betragen 2 Prozent über den Bankdiskont, also zur Zeit 6 Prozent, der zugleich den Höchstsatz darstellt; die Bedingungen sind viel günstiger als sie die Russen bisher irgendwo erreichen konnten. Deutschland verpflichtet sich, 1935 um einen Betrag, der 150 Millionen Reichsmark übersteigen muß, Waren aus Rußland zu beziehen, andererseits wird dieses etwa 60 Millionen Reichsmark im laufenden Geschäft bestellen. Auf den Abschluß des Abkommens hat insbesondere Kaganowitsch, der neue Leiter des russischen Eisenbahnwesens, bestanden. Der schwache Punkt der russischen Rüstung ist der rückständige Zustand seines Transportsystems. Der Bezug von Eisenbahnmaterial ist also vom strategischen Standpunkt aus dringend. Andererseits: Rußland liefert für Deutschlands Aufrüstung sehr nützliche Rohstoffe: Flachs, Hanf, Manganerze, Erdölprodukte... Wie sagte Baldwin kürzlich so richtig: Europa gleicht immer mehr einem Tollhaus! Dr. Richard Kern. Die Pogrom-Welle In Köln kam es zu schweren antiaemi- t lachen Ausschreitungen. Die Scheiben einer großen Anzahl jüdischer Geschäfte wurden eingeschlagen. »Am 11. April gegen 9 Uhr wurden in verschiedenen Stadtteilen Aliensteins die Schaufenster von Geschäftsläden eingeschlagen. Die Polizei wurde sofort eingesetzt, es war nicht möglich... die Täter festzustellen.« (Aus der»Allensteiner Zeitung«.) Die Hodizeiten des Dritt enReidis »Ich verlange insbesondere vom SA- Führer, daß er ein Vorbild In der Einfachheit und nicht im Aufwand ist.«; »Ich wünsche nicht, daß der SA-Führer kostbare Diners gibt oder an solchen teilnimmt.« »Ich verbiete insbesondere, daß Mittel der Partei, der SA oder der Oeffentlich- keit für Gelage und dergleichen Verwendung finden. Es ist unverantwortlich, von Geldern, die sich zum Teil aus den Groschen unserer ärmsten Mitbürger ergeben, Schlemmereien abzuhalten.« »Ich will Männer als SA-Führer und keine lächerlichen Affen.« (Hitler, am 30. Juni 1934.) Seit dem 30. Juni 1934— dem Tage des Hitlerschen Kameradenmords— ist nahezu ein Jahr verflossen. Die Hitler, Gö- ring und Göbbels, die sich mit dem Blute der Landsknechte, die sie hochgetragen haben, Macht, Stellung, Vermögen und Einkommen gesichert haben, sitzen fest auf der Spitze der gesellschaftlichen Pyramide. Für sie gibt es keine deutsche Not, keine Wirtschaftskrise. Sie sitzen im Genuß, in Prunk und Verschwendung. Sie sind die Verkörperung des gröbsten Genußmaterialismus. Keine untergehende Ge- sellschaftsschicht der Vergangenheit hat so zynisch wie diese Männer nach dem Prinzip gelebt: Nach uns die Sintflut! Sie führen jetzt dem Volke andere Schauspiele vor als das Blutschauspiel vom 30. Juni. Sie feiern jetzt— Hochzeiten. Sie spielen die Legende von der Liebe und Treue des deutschen Mannes, von der ehelichen Treue, sie führen die Großen des Systems vor mit glückstrahlenden Bräuten in Schleier und Kranz an der Seite. Sie haben es nötig! Geht nicht ein Weg vom 30. Juni 1934 zu der Göringhochzeit vom 11. April 1935? Damals haben sie ihr politisches Verbrechen maskiert mit dem Rufe; Nieder mit den 175em, heute zeigen sie: seht, wir heiraten sogar, richtige deutsche Frauen! Hochzeiten des Dritten Reiches— auf dem Hintergrund des männer- bündischen Charakters der Hitlerverschwörung. Es ist ein schauerliches Schauspiel. Diese Göringhochzeit in Berlin war eine Demonstration des Parasitentums der fuhrenden Schicht des Systems— zugleich eine schonungslose Zurschaustellung der Schande des deutschen Volkes, der Verderbnis und Verkommenheit, der moralischen und geistigen Verrottung des Systems. Durch die Hochzeiten des Systems schreitet»der Führer« hindurch. Er segnet sie, wie er die Morde des 30. Juni gesegnet hat. Er ist mit den Seinen im gleichen Boot— beim Mord wie bei der Hochzeit. Er wird am Tage der Abrechnung mit ihnen in der gleichen Verdammnis sein. Die Hochzeit des Karl Ernst Er hat die Hochzeit des Karl Ernst gesegnet, des ehemaligen Obergruppenführers der SA in Berlin, Dieser Mensch, ein korruptes Subjekt, ein Emporkömmling des Dritten Reiches, wie alle seinesgleichen ein Parasit am Volkskörper, ist eine Ehe eingegangen wider seine widernatürliche Veranlagung. Diese Ehe war eine Lüge, bestimmt, die Veranlagung dieses Mannes zuzudecken, seine Hochzeitsfeier ein Schaustück für das Volk, ein Betrug, der den stinkenden Sumpf des Systems zudecken sollte. Bei diesem Betrug hat Adolf Hitler als Schwur- und Trauzeuge gedient. Er hat sich mit diesem Subjekt und der Frau, die als Werkzeug einer Propagandalüge diente, gemeinsam photographieren lassen. Karl Emst und Adolf Hitler Seite an Seite! Wenige Wochen darauf hat diese Lüge ein grausames Ende gefunden— Adolf Hitler hat Karl Emst von der Hochzeitsreise wegholen und erschießen lassen. Der Fall Terboven Die Hochzeiten des Dritten Reiches sind von einer ganz besonderen Atmosphäre umgeben. Es ist nicht nur der Gestank des Sumpfes, der moralischen Verwesimg. Es mischt sich in die Verwesungsatmosphäre der Geruch von vergossenem Blut. Am 28. Juni 1934 feierte der Gauleiter und Staatsrat Terbovenin Essen seine Hochzeit— tagelang, mit ungeheurem Gepränge. Dieser Bursche, blutjung, ohne Kenntnisse, ohne Bewährung, ein Emporkömmling und Korruptionist des Dritten Reiches wie alle anderen, unterschied sich von Subjekten wie Emst und Konsorten nur dadurch, daß er unbedingt sich mit dem Hitlerwinde drehte. Er hat wie alle anderen seinen Emporstieg benutzt, um sich mit irrsinnigem Luxus auf Kosten der Oeffentlichkeit zu umgeben, angefangen vom Luxusauto bis zur geschenkten Luxusvilla. Die private Geldwirtschaft dieser Subjekt© ist völlig undurchsichtig. Aus vielen öffentlichen Quellen fließen ihnen gewaltige Mittel zu— und dennoch sind diese Mittel nicht gewaltig genug, nm ihren Lebensaufwand zu decken. Alle diese Männer haben eines gemeinsam: sie kaufen und bezahlen nicht, sie erhalten»geschenkt«, nnd— sie nehmen. Es ist nie darüber berichtet worden, wer die gewaltigen Mittel bereitgestellt hat, die dies Hochzeitsgepränge verschlungen hat. Städtische und staatüche Mittel fluß seines Wahnsinnes gebrandmarkt worden ist, ist zugleich Symbol der ungeheuren Verachtung der Männer des Systems gegenüber dem Volke, sind Mittel, um ihm eine schauerliche Popularität bei den gedankenlosen Massen zu verschaffen, die dem System nachlaufen. Es ist der Glanz für jene Bevölkerungsschicht, die das Glück dieser Parasiten gemacht hat. Vor der Mache dieser Hochzeitsszenerie verblassen selbst die Schaustellungen des wilhelminischen Systems. Diese Hochzeit ist Monarchie-Ersatz. Das wilhelminische System war berüchtigt wegen seiner Stillosig- keit, seinem barbarischen Prunk, wegen der Mischung aus Brutalität und äußerem Gepränge, wegen seiner Kulturlosigkeit. Das System Göring hat alle diese Züge noch ins Gigantische gesteigert. Und doch Die Göring-Hochzeit; Hitler beim Festessen im Kaiserhof. sind es nicht allein gewesen, die dabei vergeudet worden sind. Eine ganze Provinz ist zur Tributleistung gezwungen worden. Alle Behörden und Organisationen wurden zum Schaustück wie zum»Geschenk« gezwungen, von den Schulkindern angefangen bis zum Oberbürgermeister. Glockengeläute und Spaliere, Kirchenrummel und Wagenfahrt, Heürufe und»Volksjubel«, und dazu»der Führer«. Er brachte ein sinniges Angebinde mit zu dieser Hochzeit; Den Entschluß zum Kameradenmord. Diese Hochzeit wurde verschönt durch das Blut der Röhm und Ernst und Heines, aber auch der Klause- ner, der Schleicher, der Frau Schleicher. Als Hitler die Hände des Terboven und seiner jungen Frau drückte, sah er im Geiste schon seinen Freund Röhm tot vor sich liegen. Göbbels hat es beschrieben, das Nachspiel zu dieser Hochzeit, wie sie am Rhein Idylle spielten, süße Nachtluft, Gläserklang, weiche Nachtmusik— und dann auf zum Kameradenmord nach München! Förster Das ist der Gauleiter von Dan zig, Hitlers Prokonsul in der»Freien Stadt«, neben dem Verfassung, Senat und Senatspräsident nur Schemen sind. Auch er ein Plünderer öffentlicher Mittel, ein schmarotzender Parasit. Auch er hat vor kurzem geheiratet und daraus ein öffentliches Schaustück mit fürstlichem Gepränge gemacht, umwittert vom Gestank der Korruption. Er hat seine Quittung dahin in Gestalt der Danziger Wahlniederlage der Nationalsozialisten, die nur mit Mühe und Not in eine Mehrheit umgefälscht worden ist. Er hat nun die Abrechnung gegenüber seinen Oberen zu fürchten, daß er nicht genug terrorisiert und gefälscht hat, und wer weiß— vielleicht wird auch hier das Blut nicht fehlen! Der Fall Göring Der Fall Göring faßt alles in sich zusammen. Göring ist die Zentralfigur des Systems, der oberste der Bluthunde wie der Oberste der parasitären Schmarotzer. Er ist der Monarch-Ersatz der Diktatur, das Aushängeschild, mit dem das System auf die Instinkte des niedrigsten Pöbels spekuliert. Sein Aufwand, sein Gebaren, seine Uniformen, seine Orden, sein Sadismus, seine Schaustellungen, alles, was so oft von den Feinden des Systems als Auskann aller Glanz den Leichengeruch nicht verdecken, der von diesem System ausgeht. Am widerlichsten ist der Byzantinismus, den er hervorgebracht hat,— ein erzwungener Byzantinismus, Speichelleckerei und Bauchrutscherei aus Furcht Das Wort Friedrich Wilhelms L, des Vaters des Dritten Reiches, steht über diesem Schaustück: »Lieben sollt ihr mich, ihr Hunde!« So, wie bei dieser Hochzeit, ist die deutsche Presse nicht einmal vor Wilhelm auf dem Bauche gekrochen. Aber das sind nur die äußeren Erscheinungen. Es stinkt von innen her.., Es stinkt nach Korruption. Der Herr preußische Ministerpräsident und General der Flieger hat sich zu seiner Hochzeit beschenken lassen— von Behörden und Privaten, von Städten und öffentlichen Anstalten, von Großkonzernen und Wirtschaftsverbänden. Meisterwerke der Kunst, Porzellan und Silber, Wisente, Wildschweine und Madonnenfiguren, Gobelins und Schränke, goldene Schwerter und Radioapparate, Servietten mit Bildern von Parsifal, in die er sich das Maul wischen kann, Hochseeyachten und Jagdhäuser, alles bunt durcheinander. Er hat von allen genommen! Er hat sich bezahlen lassen— von den einen für die Dividende, die er ihnen verschafft hat, von den anderen für die Furcht, die sie vor ihm haben! Er steht im Mittelpunkt der deutschen Aufrüstung, an der di e S c h w e rindus t ri e verdient— die Schwerindustrie erweist sich erkenntlich, indem sie ihm Geschenke macht, die Hunderttausende von Mark wert sind. Es sind Millionenbeträge, die ihm insgesamt in Gestalt von Geschenken zugeflossen sind. Hier enthüllt sich die korrupte Gesinnung dieses Mannes, zugleich aber auch die moralische Verkommenheit der deutschen Großbürger, die diesen Mann an den neuen Vor- kriegsgewinnen teilnehmen lassen. Ihnen gehört der Reichtum in Deutschland, ihnen der goldene Segen der Kriegsrüstung, sie schmarotzen gemeinsam an der Not des Volkes. Für die Vorkriegsgewinnler sind die Männer des Systems tätige Teilhaber am Rüstungsgeschäft, die ihre Tantieme in jeder Gestalt beziehen müssen. Es ist die zynische Zurschaustellung einer auf Korruption gegründeten Ordnung. Dieser Mann Göring, der sich jetzt in einem irrsinnigen, unnützen, unverwendbaren Luxus wälzt, ist ins Dritte Reich hineingegangen als einer jener verschuldeten Abenteurer, die an die Macht mußten, weil sie einem schmählichen Bankrott ins Auge sahen. Er ist heute vielfacher Millionär. Die Knechtung der Freiheit, die Zerstörung des Friedens der Welt hat sich für ihn gelohnt Man nennt diesen Mann als künftigen deutschen Reichswehrminister. Es gehört zur Legende des deutschen Militarismus, daß sein Offizierkorps hoch in gesellschaftlichem Range, aber arm an irdischen Gütern gewesen sei, durch den Begriff der Offiziersehre geschützt vor allen korrupten Einflüssen. Die Legende fällt: der Göringgeist als Geist der neuen Armee, das heißt d i e Raffkegesinnung als Grundzug des ganzen Systems! Wer bezahlt? Es bezahlt das Volk—■ nicht die Geber!»Der Führer« hat seinem Freunde Göring ein Bismarckbild von Len- bach geschenkt Dieses Büd hing in den Räumen des ehemaligen Bundesrates im Reichstagsgebäude. Es war Reichs- e i g e n t u m. Gehört dem»Führer« alles, was dem Reiche gehört? Die Stadt Berlin hat die Kosten für ihr Hochzeitsgeschenk aufgebracht, indem sie Lohnabzüge bei den städtischen Arbeitern und Angestellten vorgenommen hat! Drastischer ist wohl noch niemals der Raubcharakter einer Diktatur hervorgetreten. Die Unternehmer und Untemehmerverbände haben die Löhne ihrer Arbeiter gedrückt— sie geben einen Teil des Mehrwerts an den Göring ab. Das Volk hungert, und Göring wird immer reicher. Es ist ein einfacher Tatbestand. Es ist der Tatbestand, der Sinn und Wesen dieser Diktatur ausdrückt. Die Hochzeiten des Dritten Reiches sind Raubzüge. Sie sind zugleich das Blendwerk zur Verd eckung des Raubcharakters. Wenn der Pöbel das mit Brillanten und Saphiren geschmückte Diadem bewundert, das Göring seiner Frau Emmy geborene Sonnemann aufsetzt, schreit er ach! und oh! und vergißt mit offenem Munde, daß er es bezahlen muß. Es ist eine Methode der Massenbeherrschung, Die Regie ist überall sichtbar, aber was fragen danach die Männer des Systems. Jetzt hat das System eine zweite mit Flitter behangene Puppe, mit der es auf Pöbelinstinkte spekuliert, zum L a- metta-HermanndieBrillanten- E m m y. Es war im Zweifel, wie es sie dem Volke vorstellen sollte. Es wollte sie zunächst als Königin Luise kostümieren— aber da griff ein anderer Regisseur ein; der Reichswehrminister Blomberg. Er hat sie vorgestellt als Minna von Barnheim, die Soldatenfrau. Armer Lessing! O, sie verstehen es, auf Sentimentalitäten zu spekulieren! Erst die Komödie mit der Leiche von Karin, der Frau mit dem gebrochenen Herzen, nun Emmy-Minna, die Soldatenfrau. Je blutiger ihre Hände sind, umso rührseliger sind ihre Gesten. Und richtig: das Blut hat auch nicht gefehlt. Epstein und Ziegler, zwei Opfer des deutschen Justizverbrechens, sind am Morgen von Gö- rings Hochzeitstag zu Ehren der Horst- Wessel-Legende geschlachtet worden. Es ist eine teuflische groteske Komödie. Sie spielt auf dem Hintergrunde der europäischen Kriegsgefahr. Sie ist ein Stück jener Methode, die das deutsche Volk in einen besinnungslosen Wahn reißen soll, in dem alle Vernunft, alle Kultur, alle Gesittung versinkt, in dem nichts bleibt als eine willenlose Herde, die sich von boshaften Verbrechern zur Schlachtbank führen läßt Das deutsche Volk ist ein tief unglückliches Volk. Aber wir hoffen, daß der unbändige Zorn aus dem Herzen der Nüchternen und der gerecht Denkenden um sich greifen wird, und daß der Tag kommen wird, an dem das Volk die Schande nicht mehr erträgt, in die es von diesen Verbrechern gestürzt worden ist! Mutige Jungen. In der Nähe von Bremen ist der katholischen Jugend ein Heim in Schepsdorf gestohlen(»enteignet«) und der Hitlerjugend Ubergeben worden. Acht katholische Jugendangehörige holten In der Nacht ihr Eigentum ab und zerstörten das Haus bis auf den Grund. Die braunen Bonzen toben. Nr. 97 BEILAGE 21. April 1935 Hitlers geistiger Hahr vater Der Pflegevater des Dritten Reiches in Mundien gestorben Nur ganz trocken und ohne jede feierliche Zutat registrierte die Presse In Deutschland dieser Tage die Nachricht, daß In München der Verleger Julius Friedrich Lehmann gestorben sei— derselbe, der ob seines siebzigsten Geburtstages im Dezember vorigen Jahres noch den»Adlerschlld des Deutschen Reichs« erhielt und von den Universitäten München und Erlangen zum Doktor medicinae et philosophiae honoris causa promoviert wurde. Herr Lehmann dürfte nicht ganz in Frieden mit dem Dritten Reich verschieden sein, obwohl er sein Pflegevater schon zu einer Zeit war, da das»tausendjährige Reich« noch absolut in den Windeln lag. Wäre es anders gewesen, so hätte man Ihm sicherlich einen ähnlich solennen Totenschmaus bereitet, als es der sächsischen Spezies seiner Denkart, dem»Hammer«- Fritsch seiner Zeit in Leipzig mit SA-Parade und Fahnenaufgebot und Monumental-Grab- stein am Tage seines Begräbnissee und nachher geschah. Auf eine kurze Formel gebracht: Julius Friedrich Lehmann war an der Isar das in Loden und mit dem grünen Hut mit dem Gamsbart, was Erich Ludendorff in Generalswichs mit der Hurrahtüte immer noch ist! Auf ihrer beiden geistigen Mistbeeten ist das Dritte Reich gewachsen wie der Radi im Lenz. Als es aber dann praktisch wurde, war hier wie dort Enttäuschung, Schmollen, Krach und Stank die Folge... Lehmann war freilich dem Münchener Boden zum Unterschied von Ludendorff schollenverhaftet, trotz seines Namens, der ja freilich mehr in die Flichtung Hoyerswerda- Stendal weist Er vertrat ein durch Bajuva- rismus gewürztes und geselchtes Alldeutschtum! Inhaber eines nicht unbedeutenden deutschen, auch wissenschaftlichen Verlages, dessen reguläre Einnahmequelle vor allem die Edition der»Münchener Medizinischen Wochenschrift« ist, war er es zeitweilig fast allein Im Reich, der das Vaterland Jahrzehntelang mit wüsten Uterarischen Dokumenten des Antisemitismus und eln?a germa- nomanen Größenwahns überschwemmte. Die meisten alldeutschen und antisemitischen Offizinen waren irgendwelche Winkelangelegenheiten: Lehmann war gewissermaßen dagegen Verleger- Bourgeois in teutonisch. Fast alle schmählichen Ausbrüche des >Gott-strafe-England!«-Geiste3 im Weltkrieg, wenigstens fast alle bekannteren und»berühmteren«, kamen aus der Lehmannschen Druckerei. Er war sicherlich auch der erste der alldeutschen Rassenpropheten, der hach der schauerlichen Niederlage der Idee ha Jahre 1918 den ersten Chok überwand, der damals auf der Berliner Kreuzzeitung etwa noch so stark lastete, daß sie immer hoch ohne ihr traditionelles Eisernes Kreuz über dem Titel erschien, als Lehmann schon Wieder längst einen frisch-fröhlichen Manuskript- und Traktätchen-Krieg gegen die hiandsüschen»Volksverräter« und»Rasse- »chänder« führte. Was aus seinem Verlag herauskam, weigerte sich konstant. In den Franzosen etwas anderes als»weiße Neger«, in den Engländern anderes als»perfide Heuchler«, in den Russen anderes als»Step- penaslaten« und Nachkommen Timur Taber- 'ana zu erblicken. Die Dolchstoß-Legende 'habesondere fand an dem Ins Politische ver- "hhlagenen und mißratenen Weißwurscht- Hinarier einen so unermüdlichen Verkünder, üaß endlich unserem Parteiblatt an der Isar, �er»Münchener Post«, der Geduldsfaden riß, üaa die Redfiktion durch Zweckpublikationen Iber die»Dolchstößler« gerade des Leh- •hannschen Kreises einen großen Zivilprozeß ehzwang und In diesem die ganze ungeheuer schmutzige und widerliche Schändung der Heachlchte durch ein klassisches Zeugen- und �hveratändlgen- Aufgebot, bei dem auch die Unmittelbar am Debakle beteiligten deutschen Offiziere und Generalstäbler wie etwa <36r General von Kühl, nicht fehlten, ad ab- �rduxn und für jeden, der guten Willeme sein WoUte. der öffentlichen Verachtung zuführte. Wie stand dieser alldeutsche Poltergeist Ochmann zu Hitler, der doch sicherlich gerade s 6 i n e Ideen zu einem erheblichen Teil �Ute verwirkücht hat? Sicher ist, daß Leh- '"anns mehr aus räsonierendem Bajuvarismus cutspringende Weltanschauung erst dann pragmatische Kraft bekam und aus bloßer Literatur schlimme Realität im Staatsgeschehen wurde, als München das Emigrationsasyl des bankrotten preußischen, vor allem ostpreußischen Militarismus wurde und sich in der»Ordnungszeüe« an der Isar Ludendorff, der General, zu dem Stammtischlöwen Lehmann gesellte. Sicher ist auch, daß Adolf Hitler nicht nur seine ersten Welshelten als existenzloser Boulevardbummler in Münchens Straßen vor dem Kriege gerade aus dem Lehmannschen literarischen Kochherd frischbacken bezogen hat, die er nachher in seinem»Kampf« dann wieder ausspie, sondern daß er auch ursprünglich die ersten finanziellen Subventionen für seine angehende Rolle als Missionar All-Deutschlands bei Lehmann fand. Freilich, Herr Adolf Hitler zeigte sich auch schon damals, etwa um das Jahr 1919, als der höchst unzuverlässige Zeitgenosse, der er ist! Er Das Rasse-Gesdiäft Der Ausweg der deutschen Verleger Im Kriege handelt der deutsche Handelsmann— das hat er in»großer Zeit gelernt — eben mit„Ersatz".« Im Dritten Reich ist das nicht anders! Eine deutsche Literatur gibt es so gut wie nicht mehr; der Führer kann nämlich die»Intelligenz« nicht leiden und das Ist der schwache Punkt in seinem System. Aber statt wirklicher Literatur, etwa statt Thomas Mannscher Romane, Oncken- scher Forschung, Kerrscher Kritik gibt es eben»Ersatz«! Rohstoff zur Fabrikation bietet der ungeheure Rasseechwindel der Hlt- lerd aus urheimischem Boden ja in unerschöpflicher Fülle. Der Erlangener Professor P rat Je, der jetzt in der deutschen ärztlichen Fachpresse Uber die neueste deutsche »Literatur« auf dem Gebiete der Rassenforschung und Rassenpflege eine Art Gutachten erstattet, lüftet hinsichtlich dieser merkantilen Erscheinung, die so ganz klassisch den Ungeist des Dritten Reiches bloßsteüt, ein bißchen den Schleier. Pratje schreibt näm- üch; »Auf dem Gebiete der Rassenkunde, der Rassenpflege und Vererbungslehre ist in den letzten drei Jahren eine wahre Hochflut von Büchern und Schriften erschienen. Denn da der Nationalsozialismus die große Bedeutung der Rassenpflege für unser Volksganzes erkannt und betont hat und verfügt hat, daß die Fragen der Erblehre, Rassenkunde und BevölkerungspoUtlk in Lehrgängen aller möglichen Verbände und vor allem in den Schulen erörtert werden, ist im deutschen Buchhandel eine Unzahl von größeren und kleineren, teils bessseren, teils weniger brauchbaren Schriften erschienen, die sich zum Teil in wirklich ernstem Bemühen mit diesen Fragen auseinandersetzen, zum Teil aber auch nur aus Geschäftsinteresse verlegt werden.« So tief steckt also der verfluchte»libera- listische« Krämergeist noch im Volk der Nibelungen, daß selbst das Allerheiligste das Dritten Reiches, der Rassewahn dazu herhalten muß, um mindestens auf die Geschäftsspesen zu kommen. Pratje freilich ist Wissenschafter und kein Geschäftsmann, der mit Literatur-Ersatz lukrativen Handel treiben möchte. Aber fragt nicht, wie auch bei diesem Mann der Wissenschaft diese Wissenschaftlichkeit aussieht, wenn das Rassetheorem— und das ist ja zugleich im Dritten Reich ein Politikum— zur Debatte steht! In seinem Gutachten über die neuesten deutschen Rasse-Editionen bespricht der Herr Professor auch den Beitrag, setzte, sobald er konnte, dem Lehmannschen Laden mit alldeutschem Patriotismus und germanischem Rasse- Weihrauch seinen eignen Eh ersehen Konkurrenzverlag an Ort und Stelle selbst auf die Nase. Den biederen und ein bißchen cholerischen Herren, der mit den Leichen von Skagerak, mit den Toten von Notre Dame de Lorette, mit den blonden Haaren der Wikinger und mit dem blitzenden Adlerauge von Fridericus Rex so gern und so umfangreich Geschäfte machte, mußte das mit Recht verdrießen. Lehmanns Verlag verblieb so leider nur in der Rolle einer Nabelschnur des Dritten Reiches... Gewiß, sein eignes braunes Kind konnte Julius Friedrich Lehmann nicht verleugnen, auch wenn es später diese Vaterschaft immer wieder aus Hitlerschcm Portemonnaie-Interesse heraus verleugnete! Wäre das Leidig- Geschäftliche nicht gewesen, Lehmann wäre als einer der Unsterblichen des Dritten Reiches jetzt von uns gegangen. Immerhin; Hitlers Staat war doch mm schon sein Ideal!!! Man braucht nur Buchtitel von vom Verlag Lehmann noch in letzter Zelt herausgebrachter Rassephantasien zu überfliegen— der wunderschöne Imperativ»Gedenke, daß Du ein deutscher Ahnherr bist!« ist noch nicht einmal von dieser Sorte der klassischste — um zu wissen, daß es eigentlich nur Lehmanns Welt war, die Hitler im Januar 1933 aufrichtete. Wie gesagt, er gab auch eine in der wissenschaftlichen Welt anerkannte medizinische Fachzeitschrift heraus. Als er darin vor einigen Monaten beispielsweise einen MUnchcner Polizeibericht abdruckte, in dem registriert wurde, daß ein paar kleine Kaufleute, die Hellmittelschwindel getrieben und Schmierseife als antirheumatisches Mittel verkauft hatten, in Haft gekommen und ins Konzentrationslager gesteckt worden seien, brach der alldeutsche Gemütsmensch so heftig begeistert bei Julius Friedrich durch, daß er der Trockenheit des polizeilichen Rapports ein aus tiefster Brust quellendes»ad multoe annos«, ein»auf viele Jahre!«— für die armseligen Schächer von Schmierseifenbetrüger nämlich— hinzusetzte. Das in einer streng wissenschaftlichen Fachschrift...! Ja, so war er! Das Konzentrationslager war ihm schon der Inbegriff beinahe kosmischer Vernunft. Ins Konzentrationslager hätte er sie am liebsten alle eingesperrt— und zwar ad multoe annos selbstverständlich— die er haßte, die»perfiden Briten« ebenso wie die »vemegerten Franzosen«, so die»landesverräterischen Marxisten« wie die»Plattfüßler Zlons«. Lehmann ist nun tot. Aber wie viele andere Lehmänner mögen wohl in All- Deutschland noch rüstig weiter leben und wirken--- TI F. E. Roth. den ein Herr Bavlnk in einer Fachschrift zum Thema beigesteuert hat. Pratje schreibt: »B. Bavlnk spricht Uber Eugenik und Weltanschauung in von hohem sittlichen Ernst getragenen Ausführungen, vom Standpunkt des evangelischen Christen. Aus dem Buche kann man manche Anregungen entnehmen, wenn es natürlich auch nicht dem Standpunkt des NationalsozlalismuB entspricht. Bezeichnend ist z. B., daß das Wort Rasse in dem Buch kaum vorkommt. Zur Propaganda des Nationalsozialismus ist es also(!) nicht geeignet!« Der Herr Professor und Buchkritiker hält sich für einen wissenschaftlichen Geist. Schon deshalb müßte es ihm eigentlich sehr begreiflich und sympathisch erscheinen, daß da ein Mann in Hitlerdeutscbland noch den Mut findet, zu sehen, welcher Unfug mit der ganzen Nebulosität des Rassebegrif f es getrieben wird und schon deshalb, gerade aus streng wissenschaftlichen Erwägungen heraus, auch nur den Gebrauch des entsprechenden Wortes meidet. Aber der hitlerdeutsche Herr Professor sieht natürlich, indem er zu einem wissenschaftlichen Problem Stellung nimmt, nichts welter als die Ungeeignethelt»für«He nationalsozialistische Propaganda...« In der Tat: Das ist auch die einzige Daseinsberechtigung, welche diese Sorte von Wissenschaft für sich noch anzugeben hat! Es sind das immerbin die Leute, die auf den Lehrstühlen der Mommsen, der Virchow, ja auch nur der Treitschke heute sitzen... Vom deutschen Gemüt I Die deutschen Zeitimg-en veröffentlichen einen Gerichtsbericht aus Tilsit, In dem fol gende sonnig' humorvolle Schilderung zu lesen ist: »Eine sonst kaum bekannt gewordene auch nicht gerade empfehlenswerte Methode, eine uninteressant gewordene Braut in neuer Liebe für sich zu entflammen, wandte der 45j8hrige Gustav Poldßus aus i Ußainen, Kreis Niederung, an. Berta, seine Braut, hatte ihn bereits im Oktober»abgebaut«. Gustav ärgerte die geplatzte Verlobung maßlos. Als Berta eines Tages Im Stall mit einem andern Knecht schäkerte, platzte bei Gustav die Bombe... Seine einstige Braut konnte in dem Strafverfahren gegen Gustav bereits frisch und munter als Zeugin auftreten.« Wir haben die Stelle ausgelassen, die von Gustavs Rache handelt. Wir möchten dem Leser raten lassen, was er dem Mädchen wohl getan haben kann. Schlimm wird es nicht gewesen sein, wird jeder denken, es wird sich ärgstenfails um einen etwas gro- PMitodütfi Mkd BedkßU Uu&t Wirklich etwas Unheimliches, die Gestalt des Generalquartlermeiaters Ludendorff. Er hat den Weltkrieg verloren und durch dla Verzögerung des Friedensschluaaes verschuldet, daß der Friede unter so katastrophalen Bedingungen geschlossen wurde. Dem Mann hätte man anderswo den Prozeß gemacht, aus dem er für ewig in die selbstgewählte Verbannung verschwunden wäre. Der Prozeß wurde ihm auch gemacht, er stellte«He Richtigkeit aller Anklagen fest, aber gerade von diesem Verfahren ging Ludendorffs Reha bllltatlon aus. Der General kehrte in die Politik, die er den ganzen Krieg Uber schon dirigiert hatte, zurück und spielte in München unter der erstarkenden Reaktion die Hauptrolle. Es wurde eine Komödie, die abermals in einem Prozeß, in den Münchner ben Scherz gehandelt haben, denn sonst wäre der Bericht wohl in anderem Tone verfaßt. Putsch-Prozeß Hltler-Ludendorff auslief. Hln- Nun, der Scherz sah so aus: »Er ergriff eine Axt und versetzte seiner ehemaligen Braut mit der Schneide drei Hiebe gegen den Kopf, von denen zwei bis auf die Knochen gingen, während der dritte, der wuchtigste, aus der Schädeldecke ein Stück schlug und das Gehirn freilegte.« Die deutschen Zeitungen überschreiben das Ganze mit den Worten:»Liebe, die mit der Axt eingetrichtert werden sollte.« Und auch der Gerichtshof hat sich offenbar der allgemeinen Heiterkeit nicht verschließen können, denn»er ging bei der Urteilsfällung mit einem Monat unter die beantragte Strafe herunter« und verurteilte den Kerl zu— neun Monaten Gefängnis. Man vergleiche dieses Urteil mit den Zuchthausurteilen gegen sozlsJ demokratische Flugblattverteiler, man vergleiche den Ton des Presseberichtes mit der Berichterstattung, die in zivilisierten Staaten üblich ist. Grinst einem hier nicht das»neue Deutschland« In seiner Schönheit entgegen? ganzen terher stürzte er sich mit ganz klaren Anzeichen klinischer Krankheitsmerkmale— Größenwahn und Verfolgungswahn— in die Publizistik. Man dachte damals auch polltisch noch normal und so wurde diese Ludendorff- sche Publizistik die alles historische Geschehen aus Verschwörung und Verrat hemschbeses- sener»Ueberstaatamächte«, erkennbar an einer konfusen Zahlenmagie, erklären wollte, als Zeichen dafür genommen, daß ein zerstörter Geist, maßlos gekränkt, seltsame Signale inA Iter Nationalsozialist, niedrige Mitgliedsnummer, im Kampf gegen das System bereits im Gefängnis gewesen, seit zwei Jahren arbeitslos, sucht Stellung.« Das»alte System« scheint dem Mann mit der niedrigen Mitgliedsnummer besser bekommen zu sein als das neue. Seit sein»Führer« im Sattel sitzt, ist er arbeitslos. HöflidikeH Die»Neueste Zeitung«, Frankfurt, schreibt: »An säumige Steuerschuldner kommt die gebührenpflichtige Mahnung, der früher nach Ablauf einer festgesetzten Zahlungsfrist der Gerichtsvollzieher zur Zwangsvollstreckung auf dem Füße folgte. Jetzt schicken die Frankfurter Finanzämter ihren säumigen»Kunden« vor der Zwangsvollstreckung noch einmal einen höflichen Brief..., in dem darauf hingewiesen wird, daß eine Liste der säumigen Steuerzahler aufgestellt und öffentlich ausgelegt werden soll, die von jedermann eingesehen werden kann und jedenfalls auch veröffentlicht werden wird.« Es soll Leute geben, denen die Grobheit von früher lieber war als die Höflichkeit von heute. Rassische Atmung Das»Deutsche Volkstum«, Hamburg, gibt folgende, in einer Lebensreformer-Zeitung erschienene Anzeige wieder: Sonntag, abends 8 Uhr, Guttempler- Saal: arische Zwerchfell- und Resonanzmeisterin, Verbreiterin der völkischen Atemwettkämpfe. Auch Jugendliche haben Zutritt Ein arisches Zwerchfell erkennt man daran, daß es nicht einmal durch Inserate solcher Art zu erschüttern ist. Iku&löPÄfe (So|ialAcmpPraHfd>M ffhxljCnblaH/ Herausgeber: Ernst Sattler; verantwortlicher Redakteur: Wenzel Horn: Druck:»Graphia«; alle in Karlsbad. Zeitungstarif bew. m. P. D. ZI. 159.334/VII-1933. Printed in Czecho-Slovakia. Der»Neue Vorwärts« kostet im Einzelverkauf innerhalb der CSR. Kö 1.40(für ein Quartal bei freier Zustellung Kö 18.—). Preis der Fänzelnummer im Ausland Kö 2.—(Kö 24.— für das Quartal) oder deren Gegenwert in der Landeswährung(die Bezugspreise für das Quartal stehen in Klammem): Argentinien Pes. 0.30(3.60). Belgien Frs. 2.—(24.—), Bulgarien Lew 8.—(96.—), Danzig Guld. 0.30 (3.60), Deutschland Mk. 0.25(3.—), Fistland E. Kr. 0.22(2.64), Finnland Fmk. 4.—(48.—), Frankreich Fi«. 1.50(18.—), Großbritannien d 4.—(Sh. 4.—). Holland Gld. 0.15(1.80), Italien Ldr. 1.10(13.20). 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