\r. 101 SONNTAG, 19. Mal 193S 60$ialfomograKfcfog SPocfrgiMoÄ Verlag: Karlsbad, Haus„Graphia"— Preise und Bezugsbedingungen siehe Beiblatt letzte Seite Aus dem Inhalt; Die Yertrauensratswahlen Internationale und Kriegsgefahr Ein großer Emigrant Blamierte Menschenräuber Hitler verstirkt die ROfliM Innere Kämpfe Im braunen System Es wird Immer dentlicher, daß die Nichtveröffentlichimg des deutschen Etats, an sich eine vielsagende Tatsache, nicht nur auf den Grund zurückzuführen ist, daß man In- und Ausland die genaue Höhe der Milliardenausgaben für die Rüstungen verheimlichen will, sondern auch darauf, daß die Diktatoren miteinander über die Gestaltung des Budgets und die Finanzierung nicht einig werden können. Schweizer Zeitungen berichteten kürzlich, daß der bisher so gefügige Beichs- finanzminister Schwerin-Krosigk dem Hitler erklärt hat, die durch das Ar- beitsbeschaffungsprogramra(lies; Bü- stungsprogramm) heraufbeschworene Finanzkalamität nehme derart zu, d a ß er die Verantwortung dafür je länger je weniger tragen könne. Die Reichsbank drohe unter der Last der zu diskontierenden Arbeitsbeschaffungswechsel zu ersticken. Die letztere Tatsache ist sicher richtig. Von den zirka 3% Milliarden Wechsel, die sich im Portefeuille der Reichsbank befinden, sind heute kaum mehr 300— 400 Millionen echte Handelswechsel, der Rest besteht aus Arbeitsbeschaffungs- und sonstigen Finanzwechseln. Soweit gute Handelsbeziehungen in Zirkulation sind, behalten sie die Banken selbst und geben die Arbeitsbeschaffungswechsel der Reichsbank, die damit immer mehr jede wirkliche Kontrolle über den Geldmarkt verliert. Dabei ist es wesentlich, daß diese riesige Kreditausweitung nicht, wie es nach der(falschen) Theorie ihrer Befürworter der Fall sein sollte, zur Ankurbelung der Privatwirtschaft und zur Ueberwindung der Krise führt, sondern überall,— z. B. in den Vereinigten Staaten ebenso wie in Deutschland— zur Ingangsetzung einer»Staatskonjunktur« die durch die inflatorisch finanzierten Aufträge ausgelöst wird, die aber sofort zusammenzufallen droht, sobald die Kreditausweitung aufhört. So entsteht eine geradezu gegensätzliche Entwicklung zwischen Staatskonjunktur und Konjunktur der privaten Wirtschaft. Die»Frankfurter Zeitung« schilderte das kürzüch ganz richtig: »Gewiß sind In der Privatwirtschaft erhebliche»Sekundärwirkungen« der staatlichen Anregung festzustellen, aber Erweiterungen und Neuin veatitionen scheinen dabei ziemlich gering zu sein, wenn man von den durch die Rohstoffknappheit hervorgerufenen Bauten(namentlich Benzin und Faserstoffe) absieht— die Aufwendungen hierfür dürften vorläufig über einige wenige 100 Mill. nicht hinausgehen. Sie sind es auch dort, wo eine nahezu vollständige Kapazitätsausnutzimg gegeben ist, offenbar weil diese Industrien einen großen Teil der Aufträge für mehr oder weniger einmalig ansehen. Der überwiegende Teil der Industrie nimmt wohl kaum Kapazitätserweiterungen vor, sondern nur Ersatzbeschaffungen für Maschinen usw., die z. T. laufend erfolgen, z.T. wohl auch Nachhol ungsbedarf aus der Krise darstellen. Es kann kein Zweifel sein, daß die im Gang befindliche Neuverteilungder Exportlasten, über die noch zu sprechen sein wird, diese relative Zurückhaltung der Privatwirtschaft zunächst noch verstärken muß. Daß diese Zurückhaltung besteht, zeigt sich . deutlich auch im Spiegel der Bankbilanzen. Diese lassen nach wie vor ein U e b e r- wiegen der Schuldrückzahlungen erkennen bei gleichzeitigem Ansteigen der Wirtschaftseinlagen, ein Zeichen dafür, daß die Industrie die aus der Verkleinerung der Vorräte und der Erhöhung der Gewinne eingehenden Mittel nicht völlig zu Lagerergänzungen und Anlage- investitionen verwendet. Infolgedessen macht bei den Banken die Verflüssigung noch immer Fortschritte und befähigt sie damit, in wachsendem Umfange mittelbare und unmittelbare Staatspapiere zu erwerben, also zur Finanzierung der»Staatskonjunktur« beizutragen.« Aber auch die»Frankfurter Zeitung« versteht und spricht es sogar offen aus, daß die immer weitere Finanzierung der Produktion von Munition, Kanonen, Tanks, Schlachtschiffe usw. allein durch den Notenbankkredit nicht in alle Ewigkeit fortgehen kann. Aber das ist eben das Dilemma: wird die bisherige Finanzierung gestoppt, dann bedeutet das Einschränkung der Rüstungen und rasch steigende Arbeitslosigkeit; wird sie fortgesetzt, wird der Notenbankkredit immer mehr ausgeweitet, so wird einmal die Bobstoffknappheit vermehrt, zweitens die offene Inflation immer unvermeidlicher. Dies wollen Schacht und Krosigk vermeiden, scheinen aber in diesem Konflikt mit den nationalsozialistischen Arbeitsbeschaffern, der Reichswehr und den Rüstungsindustriellen unterlegen zu sein. Zwar hat Schacht alles versucht, um Hitler für seine Auffassung— Verlangsamung der Arbeitsbeschaffungsfinanzierung, also des Rüstungstempos, wofür auch der Außenminister Neurath aus Furcht vor der zunehmenden Isolierung Deutschlands eintritt— zu gewinnen. Kürzlich schifften sich Hitler und Schacht am frühen Morgen in Bremerhaven auf einen Dampfer des Norddeutschen Lloyd ein und die ohne Zeugen geführte Unterhaltung dauerte bis in die Nacht hinein. Schacht wies wieder einmal auf das»gefährliche Treiben gewisser nationalsozialistischer Unterführer« hin und schilderte das Anwachsen der wirtschaftlichen Schwierigkeiten ziemlich ungeschminkt. Aber offenbar ohne Erfolg. Denn Schwerin-Krosigk ist in einem Krankheitsarlaub, er soll einen Nervenzusammenbruch erlitten haben und man bezweifelte, daß er aus seinem Urlaub so bald nach Berlin zurückkehren wird, Man glaubte an seine bevorstehende Demission und nannte bereits den Nachfolger— den preußischen Finanzminister P o p i t z. Der frühere Staatssekretär des Demokraten Reinhold und des Marxisten Hilferding ist aber eine weit weniger fügsame Natur als Krosigk und hat wohl kaum vergessen, daß er seinen Sturz als Staatssekretär Herrn Schacht zu verdanken hatte. Er steht in seinen Anschauungen dem Leiter des Konjunkturinstituts nahe, und Wagemann gehört zu den entschiedensten Verfechtern der Konjunkturausweitung... Zwar ist Schwerin-Krosigk inzwischen wieder in seinem Amt aufgetaucht— unter sanftem Zwang, aber die sachliche Spannung bleibt,— Jedenfalls weiß die ausländische Presse zu berichten, daß Hitler sich gegen Schacht und Krosigk auf die Seite von Görin g, Blomberg und den»Generalrat der Wirtschaft« gestellt hat, in dem die Führer der Rüstungsindustrie sitzen, die Krupp und Thyssen, Diehm und Vogler. Das R U s t n n gs t e m p o soll nicht vermindert, sondern gesteigert werden. Die Diktatur will es! Schacht wird nichts übrig bleiben, will er nicht Krosigk in die Wüste folgen— und das ist dem Ehrgeizigen ein unvorstellbarer Gedanke— als wider besseres Wissen auf dem bisherigen Weg der inflatorischen Finanzierung weiter zu schreiten. Vorläufig sucht er noch, sich zu wehren. Er hat seinem D r e y s e einen neuen Vorstoß anbefohlen, während er sich selbst allerdings in vorsichtiges Schweigen hüllt. Der Vizepräsident der Reichsbank stößt einen neuen Alarmruf aus. Bisher sei die Vorfinanzierung mit kurzfristigem Kredit erfolgt »Daß aber hier nicht Hemmungslosigkeit die Parole sein kann, weiß nicht nur die Reichsbank, sondern ebenso die Reichsregierung. Beide wissen auch, daß Rüstungen nichts nützen, deren Herstellung ihrem Träger keine Kraft mehr läßt, die um den Preis des finanziellen Zusammenbruchs geschaffenen Waffen zu führen und zu erhalt en.« In so scharfer Weise, mit so drohendem Unterton ist bisher noch nie die Gefahr der»Hemmungslosigkeit« betont, noch nie in so direkter Weise gegen Umfang und Tempo der Rüstungsvermehrung Stellung genommen worden. Die für das nationalsozialistische Regime so ungewöhnlich deutliche Sprache kennzeichnet die Tiefe und Schärfe des Konfliktes. Schacht wird freilich alles daran setzen, Auswege zu suchen, die ihm einerseits seine Stellung erhalten und andererseits die drohende Katastrophe hinausschieben. Daher die Versuche, die kurzfristigen Kredite durch langfristige Anleihen zu fundieren. Wie er vor einiger Zeit die Sparkassen gezwungen hat, eine halbe Milliarde Anleihe zu übernehmen, so verhandelt er seit Wochen mit den Versicherungsanstalten, um ihnen eine Anleihe von 750 Millionen aufzuhängen. Aber ob der Versuch nun gelingt oder nicht, am Wesen der Sache wird nicht das geringste geändert. Sparkassen, Banken, Versicherungsanstalten usw. waren ja ohnehin schon gezwungen, einen großen Teil ihrer Mittel in den»Arbeitsbeschaffungswechseln« oder in sonstigen Staatspapieren anzulegen. Daß der Das rote Berlin Im Kampf 234 Jahre Zudithaus und Gefängnis gegen Berliner Sozialdemokraten Die illegalen Kämpfer gegen die Hitlerdiktatur können nicht öffentlich über den Umfang und den Erfolg ihrer Arbeit berichten. Im Dunkel der Verschwiegenheit und unter der stärksten Sicherung jedes Mitarbeiters gegen Verrat oder Leichtfertigkeit müssen die Ideen der Freiheit und des Rechts im Volke verbreitet und gestärkt werden. Keine Zeitimg, kein öffentlich geschriebenes und gesprochenes Wort gibt Kunde von dem beispiellos mutigen und zähen, aber auch gefahrvollen und opferreichen Kampf, den die besten TeUe des deutschen Volkes nun schon seit zwei Jahren mit unverminderter Energie gegen den Barbarismus der Hitlerdiktatur führen. Vor uns liegt eine Liste von mehr als 100 Groß-Berliner Sozialdemokraten; Männer und Frauen, junge und alte, Arbeiter und Intellektuelle, Name an Name, und jeder einzelne dieser Liste sitzt heute hinter den Kerkermauern des Dritten Reiches. Sie waren alle des gleichen Verbrechens angeklagt, sie alle wurden für»schuldig« befunden; denn sie warben im Reich des »Volkskanzlers« Hitler für die Ideen der Freiheit und des Sozialismus. Unsere Liste ist sicher nicht vollständig; aber sie spricht Bände für die Lebenskraft des sozialdemokratischen Berlins und für die Schreckensherrschaft seiner heutigen Herrscher. Unsere Liste enthält die Namen von 107 Sozialdemokraten, die seit Mai 1934 wegen illegaler sozialdemokratischer Arbeit verurteilt wurden. Gegen diese Männer and Frauen verhängte die Justiz des Dritten Reiches nicht weniger als 114 Jahre und 3 Monate Zuchthaus und 119 Jahre und 9 Monate Gefängnis. Mit 234 Jahren Freiheitsstrafe glaubten die Richter von Hitlers Gnaden das »Verbrechen« dieser 107 Männer und FVauen aus einer einzigen deutschen Stadt sühnen zu müssen, damit der Bestand des tausendjährigen Reiches nicht gefährdet wird. Diese Liste Berliner Sozialdemokraten ist eine E h r e n I i s t e. In das heiße Mitgefühl mit den Opfern der Hitlerjustiz mischt sich der Stolz auf diese Männer und Frauen und auf die Bewegung, für die sie in den Kerker gingen. Die Beerdigung Husemanns 2000 Teilnehmer.— Verhaftungen. Die Ueberführung des Genossen Hasemanns vom Polizeigefängnis in Bochum nach Papenburg erfolgte angeblich am 11. April 1935. Am 14. April erhielt Frau Ku- semann durch einen Polizeibeamten die Nachricht, daß ihr Mann auf der Flucht erschossen worden sei. Am Tage der Beisetzung auf dem Friedhof in Bochum wurde ein Kranz mit roter Schleife niedergelegt, welcher die Aufschrift trug:»Von Deinen Freunden gewidmet«. Ungefähr 2000 Menschen nahmen an der Beisetzung teil. Die Gestapo aller umliegenden Städte war dort vertreten, um die Teilnehmer zu mustern. So wollte jede Ortspolizei die Teilnehmer ans ihrem Ort kennen lernen. Beim Verlassen des Friedhofs wurden 8 Genossen, darunter mehrere aus der früheren Hauptverwaltung des Bergarbeiterverbandes, verhaftet. Sie wurden für die eindrucksvolle Trauerkundgebnng und Trauerfeier verantwortlich gemacht. Deutsdie Streiflldhiter Staat, schreibtW estdeutsche Beobachter« In Köln, eines der größten nationalsozialistischen Provinzblätter, für den der Kölner Oberbürgermeister Riesen das August-Bebel- Haus gestohlen hat, beginnt jetzt eine Rubrik »Feinde des Dritten Reichs« einzurichten. In dieser Spalte werden die Photographien von Leuten veröffentlicht,(He beim Betreten oder Verlassen jüdischer Geschäfte geknipst worden sind. Uebrigens gab es bei der Streicher- Versammlung In Köln einen schweren Zwischenfall. Als Streicher aufforderte, die jüdischen Schacherer mit Peitschen aus dem Lande zu jagen, hatte ein katholischer Priester den großen Mut zu dem Zwischenrufe, die Peitsche gehöre gegen solche Reden angewendet. Der Geistliche wurde aus dem Saale geworfen und erlitt durch die Mißhandlungen schwere Verletzungen. Jagd auf Heimkehrer Der»Völkische Beobachter« gibt in einem Aufsatz, der mit»Jüdische Kapitalverschiebungen« überschrieben ist, zu, daß zurückkehrende Emigranten eingesperrt werden. Um die rein rachepolitische Maßnahme zu verschleiern, wird sie antikapitalistisch und rassistisch ausgeschmückt So, als handele es sich um Rückwanderer, die man wegen Steuerflucht zwiebeln müsse, und mit denen man, wenn es wirklich so wäre, kein Mitleid zu haben brauchte. Die Wahrheit ist natürlich anders, und auch die amerikanische Hearst-Presse, die das Material des»Völkischen Beobachters« zu benutzen scheint könnte allmählich wissen, daß der Nationalsozialismus ohne lügnerische Diffamierung nicht Politik treiben kann. Es ist in Wirklichkeit so, daß auf alle Heimkehrer Jagd gemacht wird, die in den letzten Jahren, und sei es aus noch so unpolitischen Gründen, Deutschland verlassen haben. Man steckt Studenten und Studentinnen, die sich zu Sprachstudien im Auslande aufgehalten haben, in»Schulungslager«. Das gleiche Schicksal trifft junge Kaufleüte und Handwerker, die im Auslande Arbelt gefunden hatten, ohne daß sie als politische Emigranten aus dem Reiche fortgegangen wären. Ja, man hat sogar Leute, die seit Jahren im Auslande ansässig sind und sich nur zu einer Urlaubsreise nach Deutschland begaben, in das»Schulungslager« gebracht mit der Begründung, sie bäten sich dem richtigen Deutschland so entfremdet, daß es unbedingt erforderlich sei. sich in die Weltanschauung des Nationalsozialismus einzuarbeiten, ehe man sie wieder in das Ausland reisen lassen könne. Mehr noch: man hat unpolitische deutsche Reichsangehörige, die durchaus legal aus rein privaten Gründen, ihren Wohnsitz ins Ausland verlegen wollten. einem»Schulungslager« zugewiesen. Kein Reichsdeutscher im Auslande, der»heim«- kehrt, und kein Reichsdeutscher, der auswandern möchte, ist vor dem Schulungslager sicher. Der»Völkische Beobachter« gebraucht für die Institution mit dem pädagogischen Namen das Wort»Internierung« und kennzeichnet damit den reinen Zwangscharakter. Es ist nur eine Umschreibung für die anrüchigen Konzentrationslager, aber aus Erfahrung wissen wir, daß gutgläubige Ausländer auf den neuen Schwindel hereinfallen. Ablehnende Mütter Am 12. Mai war deutscher Muttertag. Er bestand schon, ehe ihn die NS- Frauenschaft in ihre Obhut nahm. Damals war er gefördert von den konfessionellen Frauenvereinen und begrüßt von der Geschäftswelt, die ihn zur Reklame für Geschenkkäufe benutzte. So bleibt es auch »im Dienste des nationalsozialistischen Aufbauwerks«; nur mit dem Unterschiede, daß auch die treuesten Söhne und Töchter aus den breiten Volksschichten den Müttern nur noch ärmliche Spenden geben können. Eine Rede, die Frau Scholtz-Klink als Reichsleiterin der NS-Frauenschaft zum Muttertag hielt, ist bemerkenswert durch ihren Mangel an der üblichen nationalsozialistischen Großsprecherei und ihren elegischen Tom. So gibt die Dame an, von dem ganzen riesenhaften Mütterschulungswerk mit allem Drum und Dran von Lehrgängen des staatlichen»Reichsmütterdienstes« seien alles In allem bisher 100.000 Mütter erfaßt worden. So sagt die gewiß nicht bescheidene Relchs- führerin, und es ist eine besonders verdächtige allzu runde Ziffer. Es scheint, daß die Mütter recht wenig von der Bewegung wissen wollen, die ausgerechnet die Familie vor der»marxistischen Zersetzung« bewahren wollte. Zu diesem Widerstand tragen nicht nur die Religionskonflikte bei, sondern mehr noch die sittliche Verwilderung, die überall in den hitleriscben Jugendorganisationen herrscht und nicht minder in der»Landhilfe« und in allen ähnlichen Einrichtungen, die aus der Fäulnis und dem Sumpf des Hitlerismus kommen. Mehrfach schon haben sich Eltern geweigert, ihre Söhne oder Töchter verschicken zu lassen, weil sie aus lausenden von Mund zu Mund getragenen Berichten wissen, daß die jungen Leute draußen nationalsozialistischen Lüstlingen schutzlos preisgegeben sind. Väter haben erklärt, daß sie lieber das Konzentrationslager auf sich nehmen würden, als ihre Töchter noch einmal als Landhelferinnen gehen zu lassen, und in dieser Ablehnung sind kirchliche und marxistische Familien sich einig, so weit auch sonst Ihre Ansichten Uber JugenderziehiOTg auselBaMdergehefir■ Die Widerstandsphalanx gegen die Hitlerpest verstärkt und vertieft sich. Nicht zuletzt ist es aus den Reden der Hitlerbonzen zu spüren. Hannes Wink. Görlng— ausgelacbi Aus einer südfranzösischen Großstadt schreibt man uns: Ein kleines Vorstadt-Kino verlockte mich in diesen Tagen zum Besuch. Unter bunten Plakaten mit helbmeterbrelten Porträts der Stars las ich beim Passleren eine Inschrift, daß man hier die»Noce« des Herrn Gö- r 1 n g sehen könnte. So weit vom Schauplatz des denkwürdigen Ereignisses, mitten unter Franzosen des lebhaften Midi: Diese Szenerie wollte ich mir nicht entgehen lassen. Ich saß auf einer harten Bank unter kleinen Leuten, Angestellten, Arbeitern, Liebespaaren, als das Programm zur Wochenschau überging. Zuerst wurden belgische Gold- Hochzelter gezeigt, bescheiden gekleidete Leutchen in irgendeinem Stift, denen ein« hart erarbeitete Glückseligkeit aus den Augen strahlte— bei einem Tänzchen im Freien. Plötzlich aber heftige Militärmusik, Berlin, Marschkolonnen, und endlich Göring, mit seiner Frau eine Prunktreppe herab- schreitend. Sie schlank in Weiß, er, den dicken Oberleib auf zu kurzen Beinen mit einer unvorstellbaren Menge von Bändern und Orden besät.— Das Publikum? Einer fing an zu lachen. bald lachten drei, bald eine ganze Bank und schließlich war der ganze Raum von Gelächter erfüllt, das noch fortdauerte, als Göring schon wieder entschwunden war. Es war kein galliges, kein höhnisches Lachen, sondern einfach eine Angelegenheit fröhlicher Belustigung— aus einem gewissen Bezirk, wo Infolge des Widerspruches zwischen äußerlichem Gepränge und der allzu sichtbar werdenden Menschlichkeit hinter der Kulisse Lächerlichkeit unbedingt tödlich wirkt. Eis ist durchaus denkbar, daß man sieb in Berlin von der verfilmten Hochzeit Gört ngs eine faszinierende Wirkung auf die Welt vorgestellt hatte. Aber mit diesem Schwanenritter und seiner mlnnlgllch et* kürten Elsa kann das Propagandaministerium auf dem gesamten Kosmos nur Heiter- keitsausbrüche erzielen. Blam Serie Mensch enrliubep Deutschland muß den entführten Outzeit zurücksenden. In der Entftthnmgssache Gntzeft hat die holländische Begiemng die Anfrage des liberalen Abgeordneten Boon beantwortet. Der holländische Außenminister erkennt in seiner Antwort die Richtigkeit der Tatsachen an, wie sie in der Anfrage dargelegt(nnd In Ueberelnstlm- mung damit In Nr. 100 des»N, V.« mitgeteilt) wurden. Auf Grand des ernsten Vorfalls, so fährt die Antwort fort, hat am 4. April die holländische Gesandtschaft in Berlin sich im Auftrage ihrer Regierung an die deutsche Regierang gewendet, sie ersucht, eine Untersnchung einzuleiten und das Geschehene durch Znrttcksendnng von Gntzeit nach Holland in seinen Folgen nngeschehen zn machen. Die holländische Regierang kann nun mitteilen, daß die deutsche Regierang sich bereit erklärt hat, Gntzeit in Freiheit zn setzen nnd ihm die B Ii c k- kehrnach Holland zn erianben. Die ertappten Mcn sehen ränber sind also de- und wehmütig zu Kreuze gekrochen, Offenbar lag den braunen Macht- habern daran, den für sie äußerst peinlichen Fall mit so geringem Aufsehen als möglich zn erledigen. War doch über das protokollarische Geständnis dos deutschen Kriminalkommissars Krnschwitz, der für die Entführung Gntzeis hundert Mark an den Entführer, einen Holländer, gezahlt hat, nicht hinweg zn kommen. Ob die deutschen Untertanen zu Hitlers Zeiten etwas von dieser grenzenlosen Blamage Ihrer Regierung erfahren werden, die durch die bedingungslose Rücklieferung Gutzeits selber ihre Methoden des Menschenraabs nach Gangstermanier eingestanden hat?— Man wird die Schäflein über dies Detail der braunen Außenpolitik genan wie über ihren Gesamtcharakter bis zur Katastrophe weiter in Blindholt halten. Der braune Be Man schreibt uns aus Dan zig: Die Abwertung des Dsnzlger Golden wird ganz allgesnetn mit größtem Mißfallen aufgenommen. Die Stimmung der Bevölkerung Ist sehr schlecht für die Nationalsozialisten. Alle empfinden die Abwertung kurz nach der Wahl als einen glatten Betrag. Die Preise sind sofort bis zn 70 Prozent in die Höhe geschnellt, die reinen Lebensmittelpreise sind am 20 Prozent gestiegen. Eine allgemeine Warenknappheit ist eingetreten, Schuhe z. B. sind in ganz Danzig kaum noch zn haben. Löhne and Gehälter sind der Prsisstoigernng nicht gefolgt, die Be- glenmg hat vielmehr strenge Anweisung gegeben, keine Lohnerhöhnngen stattfinden zn lassen. Arbeiter, Angestente und Beamte haben also die Kosten der Abwertung in erster Linie zu tragen. Die Danzlger Bevölkerung hat schon ein starkes Gefühl dafür gehabt, daß es früher unter sicheren rechtlichen Verhältnissen besser war— sie emp- »Redit und Freiheit« Vor kurzem ist eine Sondernummer des amtlichen Organs der deutschen Rechtspflege,»Die deutsche Justiz«, das vom Reichsjustizminister Dr. Gürtner herausgegeben wird, erschienen. Diese Sondernummer enthält neben Beiträgen hoher und höchster Justiz beamter eine Anzahl deutscher Rechtsprichwörter, von denen wir folgende anführen: »Alle Gewalt ist Unrecht«. »Wo Gewalt herrscht, schweigen die Rechte«. »Freiheit geht über alles Gut«. »Freiheit ist über allem Reichtum«. »Hehler, Stehler und Befehler sind drei Diebe«. »Wo große Missetat, da ist auch große Pein«. trug In Danzig findet jetzt auch im Wirtschaftlichen den Unterschied von einst und jetzt! Schon die Wahl vom 7. April, deren wahres Ergebnis durch den Terror und die Fälschungen verzerrt worden ist, bat gezeigt, wie stark die Nazis in der Bevölkerung an Boden verloren haben. Jetzt ist die Stimmung für sie noch viel ungünstiger. Die Sozialdemokratische Partei hat beim Obergericht das Wa h I e r g e b- nis angefochten. Sie fordert weiter in einer Petition an den Völkerbund die Nachprüfung der Wahimethoden. Weitere Eingaben an den Völkerbund wenden sich gegen das verfassungswidrige Preßgesetz und gegen die Rechtsunglelchheit. Ferner ist Beschwerde erhoben wegen des willkürlichen Verbots der Danziger Volksstimme. Die Stimmung der Danziger Sozialdemokraten ist gut and aktiv. Der Erfolg der Wahl vom 7. April war für sie ein Ansporn, nun erst recht den Kampf um die Entmach- tung der Nationalsozialisten aufzunehmen. »Unduldsam sind dem Mann vier Worte: Mörder, Diebe, Räuber und Mordbren- ner«, »üntreue ist auch Dieberei«. »Den Meineidigen hängt man über alle Diebe«. »Gnade ist besser denn Recht«. »Man muß die Aemter mit Personen, nicht die Personen mit Aemtern versehen«. Eis gibt wohl keine bessere Brandmarkung der Rechtszustände im Dritten Reich als diese Sprichwörter, die das Organ des Reichsjustizministeriums herausbringt, Spotten ihrer selber und wissen nicht wie. Die RUstnngssieuer Die deutschen Zahnärzte haben eine Zwangsleistung für(He Luftrüstung aufbringen müssen. Es werden davon zwei Flugzeuge bezahlt. aUüüek pk HMit- heute iftut Die Wahrheit ober die Yertrauensrätewahlen Das System ist über«De Tertranens- ratswahlen sehr rasch stille geworden. Es wollte sie zu einer allgemeinen politischen Vertrsaensknndgebnng gestalten— aber dieser Versach ist gründlich fehlgeschlagen, so daß Göbbels and Genossen auf eine propagandistische Auswertung verrichten. Es ist plötzlich keine Bede mehr von dem Vertrauen der Arbeiter für Hitler. Der Ausgang der Wahl erklärt aach das Fiasko der diesjährigen braunen Maifeier. Ueber die Vorgänge bei der Wahl, die nach dem Aufruf Leys angeblich»die freieste, die die Welt kennt«, sein sollte, and über die tatsächlichen Ergebnisse, soweit sie bekannt geworden sind, anterrichten nachstehende Mel- dangen, die ans aas Deutschland zugegangen sind: Berlin: Die Ergebnisse der Vertrauensratswahlen wurden in den meisten Betrieben nicht veröffentlicht. Es erschien einfach am schwarzen Brett ein Anschlag: Die Liste ist gewählt. In vielen Fällen mußte aber der Vertrauensrat vom Treuhänder eingesetzt werden, was beweist, daß die notwendige Mehrheit nicht erzielt worden ist. Soweit Einzelergebnisse bekannt geworden sind, kann man feststellen, daß die veröffentlichte hohe Wahlbeteiligung unter keinen Umständen stimmt. Bei dem Berliner Konsumverein z. B. haben von 1800 Beschäftigten nur 900 abgestimmt, ähnlich bei Ullstein. Wiederholt konnte beobachtet werden, daß da, wo ehemalige Gewerkschafter auf die Liste gesetzt worden waren, die meisten Stimmen abgegeben wmrden. Die Arbeiter haben in der stillen Erwartung fUr diese Kandidaten gestimmt, daß sie doch mehr für sie tun würden als die NSBO- Leute. Dagegen haben bisherige Vertrauensräte, die zum zweiten Male aufgestellt wurden, überall die wenigsten Stimmen bekom- men. Bei dem Berliner Konsumverein z. B. hat der bisherige■- Obmann des Vertraueus- ratea nur die Hälfte der Stimmen erhalten. die ein früherer Gewerkschaftler auf sich vereinigen konnte. In verschiedenen Betrieben haben sich große Teile der Arbeiterschaft überhaupt der Abstinunung entzogen. Bei einer Flugzeugbaufirma lehnte eine Abteilung geschlossen, und eine andere Abteilung zum Teil eine Beteiligung an der Abstimmung ab. Von annähernd 500 Stimmberechtigten wurde nur etwas über 350 Stimmen abgegeben. Die größte Stimmenzahl, . 1244 63,38. Deutsche Werft... 2500 70,0 Hapag Kaibetriebe.. 1025 70,0 Commerz& Privatbank 531 70,0 In Schleswig-Holstein sind bisher in keiner Zeitung Einzelresultate über den Ausfall der Vertrauensratswahlen veröffentlicht worden. Vor der Wahl wurde in einer längeren Abhandlung mitgeteilt, daß in Schleswig- Holstein rund 3000 Betriebe mit 18 0.0 00 Wahlberechtigten zu wählen hätten. Nach der Wahl am(17. April) erschien eine ganz kurze Notiz in der Presse. Diese lautete:»Das Ergebnis der Vertrauensratswahlen in Schleswig-Holstein brachte nach den bisher vorliegenden Meldungen mit 89 Prozent Ja-Stimmen bei 1 2 2.9 7 6 Wahlberechtigten und 2060 Betrieben in Schleswig-Holstein der Deutschen Arbeitsfront einen überwältigenden Erfolg.« Nr. 101 BEILAGE IkttcUönnmfe 19. Mai 193* Ein großer Emigrant Zum fünfzigsten Todestag Victor Hugos Er ist der große Dichter eines großen Volkes. Wie groß— darüber ku orakeln, kommt auf Stäubchensieberei heraus. Jede Nation hat ihren eigenen Maßstab literarischer Größe, und wenn sehr begeisterte Franzosen ihren Victor Hugo höher stellen als Goethe und Shakespeare, bleibt es nationalsozialistisch verbohrten Oberlehrern überlassen, darüber die Nase zu rümpfen. Jedenfalls werden, wenn vieles von dem, was sich heute in der Literatur aufplustert, längst vergessen ist, noch die »Oden und Balladen«, die»Herbstblätter«, »Die Betrachtungen« und»Die Kunst, Großvater zu sein« Menschenherzen in Freud und Leid bewegen; immer wieder werden Romane wie»Die Elenden«,„Die Arbeiter des Meeres« und»Der lachende Mann« dankbare Leser finden, und mögen Dramen wie»Cromwell«,»Hernani« und »Ruy Blas« nur mehr wenig gespielt werden, so bedeuten sie doch einen sehr wichtigen Einschnitt in der Geschichte der französischen Bühne. Als Victor Hugo am 22. Mai 1885 gestorben war, rüstete ihm die Nation ein Leichenbegängnis, wie es kaum je ein Kaiser oder König gehabt hatte. Unter dem Triumphbogen wurde der tote Dichter aufgebahrt, und Hunderttausende und wieder Hunderttausende füllten die Plätze und säumten die Straßen, durch die, dem letzten Wunsch des Poeten entsprechend, der Armenleichenwagen den Sarg führte. Aber Victor Hugo brauchte nicht den Tod abzuwarten, um zur Sonnenhöhe des Ruhms emporzusteigen. Schon zu den Füßen des Jünglings, der die Welt durch die Vollendung seiner Strophen überraschte und entzückte, schichteten sich die Lorbeerkränze; mit neununddreißig Jahren zog er in die Akademie ein, die sich sonst nur Greisen öffnet, und bald danach wurde er um seiner literarischen Verdienste willen in die Pairskammer berufen. In den letzten anderthalb Jahrzehnten seines Erdenganges gar wurde er nicht wie ein Monarch, sondern wie ein Gott gefeiert, War er wirklich, wie man ihm nachsagte, eitel, so konnte der Weihrauch, der tagtäglich vor seinem Bild aufwirbelte, auch der ausschweifendsten Eitelkeit genügen. Dennoch bildet den Höhepunkt dieses langen, an Erfolgen und Ehren fast überreichen Lebens die Periode, da der soviel Gefeierte ein Geächteter war: die fast zwanzig Jahre, die Victor Hugo fern der Heimat verbrachte, ein politischer Flüchtling unter politischen Flüchtlingen, ein großer, ein unsterblicher Emigrant Dem Poeten, der sich von der Nation absperrt und in seinem Elfenbeinturm einschließt, hatte er nie gleichen wollen; er fühlte sich, ein politisches Temperament, berufen, mit der weithin tönenden Stimme seiner Poesie zu den Massen und für die Massen zu sprechen. Aber fanden seine ersten Gedichte, ehe er den Bann seiner Erziehung abschüttelte, den Beifall der Roya- listen und Katholiken, und stammte er darnach seine Harfe zum Preis des ersten Napoleon, so hatte er doch schon früh einen Nerv für das soziale Elend und den Kampf gegen die Barbarei der Todesstrafe nahm er auf, als er noch im Lager der Rechten zu stehen schien. Die Julirevolution von 1830, mit der das Volk in Bluse und Hemdärmeln wieder als aktiver Faktor in die Weltgeschichte eintrat, gab ihm einen inneren Ruck; langsam entwickelte er sich unter dem Königtum Ludwig Philipps zur Linken und bekannte sich freudig als Republikaner, nicht als die Februarrepublik von 1848 Aemter und Würden zu vergeben hatte, sondern als sie von den Reaktionären bespuckt, unterhöhlt und bedroht wurde. In die Kammer von 1849 wurde er noch als sozusagen Konservativer gewählt und ließ sich sogar für die Präsidentschaftskandidatur Louis Bonapartes einfangen, da er von ihm Einlösung seiner sozialen Versprechungen erhoffte. Aber als er mit bitterer Enttäuschung gewahrte, daß nichts als ein kleiner und schäbiger Despot ins Elysee eingezogen war, erhob er sich im Parlament wie ein zürnender Löwe zur Verteidigung der republikanischen Freiheiten. Dann kam der Staatsstreich des 2. Dezember 1851, der die Gewalt über Frankreich einem halben Dutzend frecher und trüber Abenteurer in die Hände spielte. Victor Hugo war gewillt, alles an alles zu setzen, diese Schmach abzuwehren. Von den hundert Bänden Prosa und Poesie, die er hinterließ, sind vielleicht das Erhabenste die wenigen ZeUen, die er im Fieber jener Dezembertage entwarf und die bald im Druck an den Mauern erschienen: An das Volk. Louis Bonaparte ist ein Verräter. Er hat die Verfassung verletzt. Er ist meineidig geworden. Er steht außerhalb des Gesetzes. Die republikanischen Abgeordneten erinnern Volk und Heer an die Artikel 68 und 1X0:»Die Konstituante vertraut die Verfassung und die Rechte, die sie verbürgt, dem Schutz und dem Patriotismus aller Franzosen an.« Das Volk, das, jetzt und immerdar im Besitz des allgemeinen Stimmrechts, keines Prinzen bedarf, der es ihm zurückgäbe, wird den Meuterer zu züchtigen wissen. Tue das Volk seine Pflicht! Die republikanischen Abgeordneten marschieren an seiner Spitze. Es lebe die Republik! Zu den Waffen! Gezeichnet: Victor Hugo— und die andern. Der Dichter fehlte auch keineswegs dort, wo die Barrikaden aus dem Boden wuchsen und die Kugeln pfiffen, aber da Massen für eine Republik, die sich selbst entwürdigt und aufgegeben hatte, nicht auf die Beine zu bringen waren, mußte er sich vor den Häschern des Staatsstreichlers versteckt halten; am 11. Dezember verließ er Paris und entkam nach Brüssel. Im Exil war Victor Hugo sich bewußt, daß er im moralischen Sinn eine europäische Großmacht darstelle, und vom ersten Augenblick an entschlossen, das Gewicht seines Namens gegen den gekrönten Banditen in die Waagschale zu werfen. Im ersten Jahr noch erschien sein»Napoleon der Kleine«, ein Buch, nein, ein glühendes Eisen, das dem Dezembermann das ver-, diente Brandmal des Galeerensträflings auf die Schulter preßte. Ein noch gewalti-| geres Strafgericht brach über den Schä-! eher in den Tuilerien mit Hugos Gedichtsammlung»Les Chätiments«,»Die Züch-, tigungen«, schlagender»Die Geißelhiebe«,' herein. Wie hier der eidbrüchige Gewalt-, täter samt seinen feilen Kreaturen ge- j stäupt wurde, war unerhört durch die Ge-, walt des Dichterwortes, die Kühnheit des i Tons und die Leidenschaft des verletzten Rechtsempfindens; O weint, die Freiheit ward erschlagen, Ein Dolchstoß hat sie umgebracht. Doch jetzt ist keine Zeit zum Klagen, Der Bräutigam steigt in den Wagen, Der Cäsar feiert Hochzeitsnacht. Singt Brautgesänge, ihr Kamönen, Dem Mörder, der um Frankreich freit... Laßt heut von Notre-Dame die Totenglocke tönen, Morgen dräut Sturmgeläut! Fast jede Zeile des Bandes ist, auf einen anderen Vergewaltiger eines großen Volkes bezogen, heute mit neuem Leben erfüllt. Aber auch fürder ließ der Dichter von hundert Gelegenheiten nicht eine vorüber, den Schinderhannes, der den Cäsar spielen wollte, zu treffen; was kümmerte Rurt Doberer: Legende So starb er, wird er sterben, starb er schon. Der Sand, der Sanduhr Ewigkeit, zeigt die Jahrzehnte gleich. Der Tag ist nicht— ist keine Zeit. So bricht, so brach er— und mit ihm sein Reich. Zuerst sah es ein Henkersknecht, der kannte Färb und Zeichen gut. Doch tat er so, als sah er schlecht und schwieg. Man spricht nicht gern von Blut. So ging der Cäsar, König, Führer, Herr, noch seinen Weg und war schon tot und wüßt es selbst nicht, ging, aß, schlief, nur eben— was der Henker sah— sein Schatten war schon rot. Gran war er nicht, nicht schwarz, nicht ohne Licht, nicht Nacht. Und immer, wenn ein Opfer fiel, dann trank der Schatten neue Macht. Und niemand sah es, bis zum Tag, da er vor allem Volk in einem Mai die Sonne und die Freiheit höhnen ging, da war er tot und glaubte, daß er lebend sei. Groß fiel sein Schatten hin vor allem Volk, und alle sahen, daß er blutig war. Das war der Tag, die Zeit war reif und von Erfüllung schwer in diesem Jahr. Blnt zog der Schatten aus der braunen Erde. Millionen Augen sahen es und klagten an. Er zitterte, als er die Hand hob, schlecht war die Gebärde, und dreht sich um, blickt auf den Weg, auf dem er kam. Und niemand weiß, warum er strauchelte und sank. Er wankte, fiel, fiel aufs Gesicht. Ob Blei ihn traf, ob Stahl Ihn stach, ob Gift ihn brach—- Er sank. Wann und warum, man weiß es nicht. Er fleL Fiel in den eignen Schatten, fiel in ein Meer, in warmes Blnt. Sein fauler Atem blies die frische Erde an und brodelnd schäumte sie zu Lava und zu Glut. Voll Ekel wich ein Stück der Stein zurück, als er zerschmelzend aus dem Erdleib drang. Er wich zurück und kochte auf, voll Haß und Zorn und sprang den Hingefallnen an. Sein Maul ward voll von aller Toten Blut. Ihm graute, wie so sehr sein Atem stank. Er wandte von sich selbst sieh sterbend ab und stöhnte und ertrank. ihn, daß die»gleichgeschaltete« Pariser Presse ihn einen elenden Landesverräter schimpfte, weil er der mexikanischen Republik, gegen die»Napoleon der Kleine« einen ruchlosen Krieg führte, seine guten Wünsche entbot, den unerbittlichen Scheidestrich ziehend zwischen Frankreich und dem System, das es vergewaltigte. »Es gibt zwei Trikoloren, die der Republik und die des Kaiserreiches. Diese, nicht jene ist es, die sich gegen euch erhebt.« Von all den Unbüden des Exils blieben Victor Hugo die wenigsten erspart. Heimweh nagte an seinem Herzen. Seine Frau starb in der Verbannung, und da sie in französischer Erde bestattet ward, konnte er sie nicht einmal zu Grabe geleiten. Die Rechtlosigkeit des Geächteten im fremden Lande erfuhr auch er. Napoleon HI. war eine Macht, und daß»dieses Individuum«, wie im englischen Unterhaus Hugo genannt wurde, es wagte, gegen diese Macht schonungslos anzugehen, fiel den Regierungen auf die Nerven. So wies ihn Belgien aus, wo er zuerst eine Zuflucht gesucht hatte, und vier Jahre später mußte er auch die britische Insel Jersey, wo er unerwünscht war, gegen das benachbarte Eiland Guernsey vertauschen; nur ein Sturm der öffentlichen Meinung in England verhinderte, daß man ihn zwang, auch dieses Asyl zu verlassen. Schlimmer war, was ihm der Wind aus dem Vaterland zutrug; der Siegestaumel der anrüchigsten Elemente, die Plebiszite eines verstummten und verdummten Volkes, die Würde- losigkeiten und Speichelleckereien der Ueberläufer. Auch mancher, von dem man anderes erwartet hätte, wurde schwach und machte seinen Frieden mit den Machthabem des Tages, Victor Hugo nicht. Dabei hätte man ihm goldene Brücken gebaut; der Bonaparte war gescheit genug, zu wissen, welch ein moralisches Kapital für ihn der Gewinn des Nationaldichters bedeutet hätte. Aber Hugo kannte keine vollendeten Tatsachen, er kannte nur das Recht, und über die Amnestien, Köder, ausgeworfen, gerade die berühmtesten Flüchtlinge zurückzulocken, blickte er verächtlich hinweg. Er hatte sich zugeschworen, bei denen auszuharren, die ihren Idealen Treue wahrten bis zuletzt: Slnd's tausend nur, mich wird man drunter sehn, Slnd's hundert nur, ich trotz dem falschen Cäsar: Nein! Ich bin der zehnte, bleiben nur noch zehn. Und bleibt ein einz'ger, werde ich der eine sein! Aufrecht erhielt ihn auch in der Periode, da er schmerzlich feststellte»Nacht über Europa«, der unerschütterliche, der fast religiöse Glaube an die Demokratie, an den Sieg der demokratischen und sozialen Republik, an den Triumph der Freiheit und Menschlichkeit— trotz allem erspähte er am Horizont den ersten zagen Lichtschein, der den Anbruch eines neuen Weltentags, der Vereinigten Staaten von Europa, ankündigte. Und zu einem guten Teil wenigstens ließ ihn sein Glaube nicht zuschanden werden: der 4. September 1870 kam, der die historischen Rollen vertauschte. Da das Kaiserreich zerschmettert am Boden lag, kehrte der Dichter umjubelt und bekränzt ins Vaterland zurück, und sein erledigter Gegenspieler ging nach England in die Verbannung, nur daß sie ehrloser und unwiderruflicher war. Der eine, im Glanz der Krone und des Throns, hatte alles für sich gehabt, eine Armee von Soldaten, eine Armee von Gendarmen, eine Armee von Spitzeln, den gesamten Staatsapparat vom Präsidenten des Obersten Gerichtshofes bis zum Feldhüter des letzten Dorfes, Flinten zum Töten, Gold zum Bestechen, Zeitungen zum Belügen, und der andere, der Emigrant, hatte nur die Macht der Idee und die Wucht des Wortes— und war Sieger geblieben. Darum begeht nicht Frankreich allein den fünfzigsten Todestag des großen Dichters. Auch alle, die, so wie einst er, um erhabener Menschheitsideale willen leiden, grüßen in diesen Tagen die hell lodernde Flamme auf dem Altar der Freiheit, die Victor Hugo heißt. Karl Max. Der roie Hahn Unter dem Protektorate von Ottiing Das deutsche Propagandaministerium hat neue Plakate und neue Reiseprospekte herausgegeben. Sie empfehlen den Besuch der »Volksschau fUr Feuerschutz und Rettungs wesen« In Dresden und hängen an den Litfaßsäulen sowie in den Reisebüros des In- und Auslandes zur Schau. Sie sehen so aus: Vor brandgerötetem Himmel wölbt sich eine Kuppel, aus deren Seiten lodernde Flammen schlagen. Vielleicht soll's die Kuppel der Dresdner Frauenkirche sein, jedenfalls sieht sie der Redchstagskuppel zum Verwechseln ähnlich. Im Vordergrund hantleren zwei Feuwehrleute, düstre Silhouetten gegen bedrohliches Brandrot, mit Spritze und Beil. Darunter liest man auf blutigem Grund die tiefschwarze, ins Auge springende Inschrift: Schirmherr: Reichsminister Görlng. Drüber lockend und groß der Titel jener Volksschau;»Der rote Hahn«. Das ist ganz offensichtlich ein verspätetes Hochzedtsgeschenk des Josef Göbbels für seinen lieben Freund und Brandstifter Göring! Tor dem Kirdienbaim Wie lange wird der Vatikan das Dritte Reidi nodi tolerieren? Gereinigtes Eheleben Das Reichsgericht hat jüngst entschieden, daß»eine schwere Beleidigung des Führers und Reichskanzlers durch den einen Ehegatten für den anderen Ehegatten grundsätzlich einen Scheidungsgrund bilden kann, wenn sie sich nämlich so ehezerruttend auswirkt, daß dem anderen Ehegatten die Fortsetzung ier Ehe nicht zuzumuten ist.« Daraus ergeben sich ungeahnte Möglichkeiten für eine weitere Reinigung des deutschen Ehe- und Familienleb�is. Wer seinen Ehepartner loswerden will, well er seiner überdrüssig oder anderweit verliebt ist, der tut von nun an gut daran, dem nicht mehr Geschätzten kompromittierende politische Aeußerun- gen zu entlocken. Man stellt dem Gespons zum Beispiel bei jeder unmöglichen Gelegenheit das leuchtende Vorbild des Kanzlers vor Augen, ob es sich nun um ungeputzte Stiefel, um angebrannte Suppen oder um einen verzechten Abend handelt. Wenn das Maß voll ist, bringt man sich am besten einen Zeugen mit, der den längst fälligen Ausruf:»Ich pfeif auf den Führer!« mit anzuhören und in seinem Herzen zu bewahren hat. Das weitere erledigt sich von selbst. Nur eine Frage wird das Reichsgericht noch zu klären haben; Gelten fuhrerfeindliche Aeußerungen, die im Schlafe getan werden, gleichfalls als Scheidungsgrund? Dann kann man nur hoffen, daß Göbbels und Göring ihre Träume gut beobachten, sonst könnten Magda und Emmy eines Tages mit ihren Gatten kurzen Prozeß machen. Kauisky— Engels Im Orbis-Verlag, Prag XH,, ist erschienen: Karl Kautsky, Aua der Frühzeit des Mandsmus.(Briefwechsel Kautsky— Engels.) Brosch. Kö 70.—, gebunden Kö 80.—. Man schreibt uns: Entscheidende Veränderungen in den Beziehungen zwischen der katholischen Kirche und dem Dritten Reich kündigen sich an! Sie können alierdinga nur für den eine Ueberraschung bilden, der angesichts der bisherigen diplomatisch- opportunistischen Haltung des Vatikans zum nationalsoriali- atlschen Regime geflissentlich Ubersehen hat, welche echte und tiefe, im Grunde un- überwindbare Gegensätzlichkeit in den Grundfragen zwischen dem Wesen des Nationalsozialismus und dem der alten Kirche besteht Der von sehr weltlichen Erwägungen geleitete Opportunismus der Kurie war — das wird heute auch von katholischer Seite außerhalb des Reiches freimütig anerkannt— von mannigfachen Illusionen über das Wesen des Systems diktiert. Wie Papen selbst der hitlerdeutsche Unterhändler bei den damaligen Konkordatsverbandlungen. mag das Kardinalstaatssekretariat im»deutschen Faschismus« nichts weiter als den Versuch der reaktionär-konservativen Kräfte des Landes gesehen haben, das Rad der deutschen Geschichte nach der»Novem- berrevolte« von 1918 wieder nach rückwärts zu drehen und gegenüber dem marxistischen »Gewerkschaftsstaat oder dem llberalisti- schen Gebilde parlamentarischer»Intelligenzler« wieder einen Machtstaat alter bürgerlicher»Ordnung« und Obrigkeitsgefühls wieder herzustellen. Man hielt so den Terror der braunen Mörder- und Brandstifterbanden, der sich ja auch gegen katholische Politiker, gegen katholische Gesellenhäuser und Zeltungen ebenso wie gegen die Sozialisten richtete, nur für die unentbehrlichen, aber auch wieder bald verschwindenden Geburtsschmerzen einer jeden geschichtlichen Restauration. Dabei übersah man, daß weder das italienische noch erst recht das österreichische Beispiel auf das überindustrialisierte Deutschland angewandt werden konnte. Man schloß also in einem Rekordtempo einen felerlicben Modus vivendi ab, merkte aber schon nach Tagen, daß das Allermeiste von dem, wofür sich die Kirche vom neuen Reich Brief und Siegel hatte geben lassen, geduldiges Büttenpapier blieb. Mehrfache Versuche während des ganzen Jahres 1934, durch nähere Ausführungsbestimmungen zu dem interpretationsfähigen, improvisiert zusammengestellten Konkordatstext die Rechte der Kirche stärker zu sichern und die Garantie auch der regierenden Partei für die Durchführung des Vertrages zu erhalten, scheiterten in ihrem letzten Stadium. Der Grund dafür war nicht zuletzt darin zu suchen, daß die Kirche hoffte, durch eine den Gesichtspunkten der hitler- deutschen Außenpolitik in der Saarfrage Rechnung tragende Gesamthaltung eine für sich günstigere Verhandlungslage erringen zu können. Unter dem Vorwand, daß der Kanfinalstaatseekretär am Eucharis tischen Kongreß in Südamerika teilnehmen müsse, wurde im November 1934 die letzte Ausgabe dieser Konkordats- Ausführungsverhandlungen auf unbestimmte Zeit vertagt; sie sind seitdem nicht mehr aufgenommen worden. Mittlerwelle aber hat sich vieles ereignet! Und wirklich nicht nur die Erfahrung von der Saar, mindestens eben so wichtig ist, daß der Glaube des Vatikans, das Hitler-System als einen im Moralischen gleichwertigen Faktor bebandeln zu können, dem man nach alter Uebung mit dem do ut des beikommen kann(macht übrigens gegenwärtig England nicht denselben Denkfehler und sein tragisches Resultat durch?) gerade nach diesem Saar-Ereignis völlig getrogen hat! Nach der Saar-Episode ist der braune Kulturkampf mit neuer Schärfe entbrannt. Dafür zwei Beispiele: Erst dieser Tage hat der Leiter der »Deutschen Arbeitsfront«, Dr. Ley, erneut versichert, daß eine Doppelmitgliedschaft bei der Arbeitsfront und bei den katholischen Arbeiter-Vereinen nicht geduldet werde.— Zur selben, allerjüngsten Zeit erfolgte der neue Schlag der Hitlerei gegen die katholische Presse. Zeitungen mit»konfessionellem Sonderinteresse« werden von jetzt ab im Dritten Reich nicht mehr.geduldet! Soweit freilich hier auch die große katholische Tagespresse zunächst mit betroffen war. hat der Presse-Diktator Amann einen Rückzug antreten müssen. Allerdings — und gerade das ist so unendlich charakteristisch für die Zustände!— nicht etwa auf die Vorstellungen der Bischöfe hin, die hier ihre im Konkordat verbrieften Rechte hätten vorweisen können, sondern infolge des Druckes der— Papierfabrikanten, die sich hinter dem großen Schacht verschanzt hatten und im Verbot der katholischen Tagesblätter eine schnöde Schmälerung ihrer Dividende erblicken mußten. Aufrecht erhalten ist aber aus der neuen Verfügung das Verbot für alle katholischen Kirchenblätter, in die— bei der Gleichschaltung ihrer eigentlichen Tagespresse— sich der Widerstand des Katholizismus gegen die Hitlerei, soweit es sich um religiöse Dinge handelte, in den letzten Jahren immer mehr zu flüchten versucht hatte und die dadurch eine weit über ihre frühere publizistische Bedeutung hinausgreifende Rolle in den Auseinandersetzungen zwischen Soutane und Braunhemd erhielten. Von der anderen Seite— um auch hier nur das eine zu vermerken— erregte die letzte Friedensbotschaft des Papstes an die Völker, die, abgegeben bei Gelegenheit der Wiedereinführung der allgemeinen Wehrpflicht durch Deutschland, in der beschwörenden Form eines feierlichen, oberhirtlichen Anathemas den Fluch Gottes gegen die Völker zitierte,»die den Krieg wollen«.— Das Berliner Kirchenblatt, das diese päpstliche Adresse an die Völker im Wortlaut bringen wollte, wurde sofort beschlagnahmt. So treibt denn der Kirchenkampf in Deutschland einer ganz neuen Situation zu, in der auch die Kirche nicht mehr die alte Stellung, ihr vom traditionellen Opportunismus in allen politischen Fragen zugewiesen, halten kann. Aufsehen erregend ist, daß die Kirche diese große, unmittelbar bevorstehende Aenderung ihrer bisherigen Politik jetzt auch offiziell ankündigt. In der Wiener»Reichspost«, die jetzt der Vatikan gern für deutsche Angelegenheiten als sein Sprachrohr benutzt, wird in auffälliger Form (Ausgabe vom 9. Mai) folgende Note veröffentlicht: Rom, 9. Mai. Von wohlinformierter Seite geht uns folgende Mitteilung zu: Im Kardinalstaatssekretariat ist ein ausführlicher Lagebericht des Berliner Apostolischen Nuntius Mon- signore Orsenigo eingegangen, der die Unterlage für die weitere kirchliche Politik des Vatikans Deutschland gegenüber bilden wird. Insofern darf man sagen, daß die Beziehungen Deutschland- Vatikan, als Spiegel der inneren kulturellen Beziehungen zwischen Kirche und Staat in Deutschland, vor''einer nenen und entscheidenden Entwicklung stehen. Es wird dabei nicht verhehlt, daß eine Spannung und Zuspitzung eingetreten ist, die eine kirchenpolitisch Uberaus ernste Zukunft erahnen läßt. Infolge der Verhältnisse, beziehungsweise bereite als Zeichen der immer schwerer zu erreichenden Ueber- einstimmung selbst in Einzelpunkten ist nach römischer Auffassung auch mit einer raschen Neubesetzung des bischöflichen Stuhles von Berlin nicht zu rechnen, da e« die Berliner staatlichen Stellen sind. welche politische Einwendungen erheben.« Das anscheinend unmittelbar aus dem Kardi nalstaatasek retariat stammende Bulletin zählt dann im einzelnen die neuen Formen der Verschärfungen des Kulturkampfes der Nazis gegen die katholischen Lebensinteressen auf und schließt mit der offiziellen Ankündigung, daß man über die Orse- nigosche Denkschrift hinaus noch weiteres Materiad aus Deutschland abwarte, um damit eine bereits beschlossene und in Vorbereitung befindliche Protestaktion des Vatikans in Berlin zu begründen. Das ist die immer noch recht vorsichtige Sprache der Kirche unmittelbar vor dem Sturm: um beim preußischen Kriegskatechismus verbaltechnisch zu bleiben— noch nicht die Kriegserklärung und die Mobilmachung selbst aber doch die»Erklärung der drohenden Kriegsgefahr« und damit der eigenen Kriegsbereitschaft! Die unendlidie Mark Palmström, wie er niemals sich läßt lumpen, Wirft mit Macht sich auf Finanzprobleme Und erfindet eine sehr bequeme Möglichkeit um unbegrenzt zu pumpen. Durch Diskont durch Rediskont, Lombarden Zaubert Kapital er aus dem Nlchtse. Jede Summe, die er braucht— er krichtse, Tausende, Millionen, selbst Milliarden. Einer leäht dem andern und zurücke, Dieser dem, der Jenem— bis unendlich. Jedes Darlehen stopft— wie selbstverständlich— Die vom andern aufgerissne Lücke. Nun wird noch ein Schuldpapier behändigt, Das der Gläubiger bei der Bank beleihe. So statt Jeder Mark entstehen zwede, Alaobald die Transaktion beendigt. Leih-Akt wird am Ledh-Akt nun gekoppelt Jeweils mit vermehrten Kapitalien; Schwupp— am Ende eines jedesmaligen Umschlags ist das Kapital verdoppelt! In Potenzen geht's, in Fakultäten Aufwärts, wie mit jenem Weizenkorne Auf den Schachbrettfei dem. Die Moneten Fließen wie aus einem Wunderhome. Mit dem Aberglauben der Altvordern Ist bei der Methode nur zu brechen: Niemand— Grundsatz!— darf sich je erfrechen, Das Geborgte auch zurückzufordern. Im Besitze des Arkanums wandelt Palmström strahlend zum Reichsbankgebäude, Wo Schachts Hohngelächter stört die Freude, Welcher längst nach der Methode handelt! Christian Abendstem. Banden und Banditen Als der Krieg zu Ende ging und in Deutschland ein Neues beginnen sollte, lungerten im ganzen Reiche, in den großen Städten, in den Landorten, auf den Gütern des deutschen Ostens junge Menschen umher, die sich vom Kriege nicht trennen konnten. Sie ließen angefangene berufliche Arbeit bald wieder liegen, weü es sie nicht nach nüchterner Pflichterfüllung verlangte, sondern nach kriegerischen Heldentaten, nach geheimnisumwittertem V erschwörertum nach— wie sie es nannten—»nationaler« Märtyrerschaft. In Bünden schlössen sie sich zusammen, marschierten hinter den Fahnen der schwarzen Reichswehr, hinter den Bannern des Wehrwolf, der Brigade Erhardt— und später hinterm Hakenkreuz. Ueberau wo Landsknechtsarbeit gebraucht und geschätzt wurde, überall wo"is" Verschwörungen gegen die Republik schmiedete, überall wo es Attentate gab, wo randaliert und geschossen wurde, waren sie dabei, Kleinbürger- und Bürgersöhne, Studenten ohne Geld, Leutnants ohne Zukunft, Handwerkerkinder ohne Liebe zum Handwerk, Bankbeamte mit dem Hang zum»Besseren«, Entgleiste aus allen Schichten. Einer von diesen Bandenkämpfern,' die unter verschiedensten völkischen Abzeichen gegen die deutsche Republik und(he sozialistische Arbeiterschaft kämpften, hat jetzt in einem Pariser Verlag(Editions Du Carrefour) ein Erinnerungsbuch herausgegeben»Söldner und Soldat«. Der Verfasser Bodo Uhse schloß sich als junger Mensch einem jener Bünde an,(he nach und nach von der Hltlerbew�ung aufgesogen wurden.»Wir lebten in einer Atmosphäre, gemischt aus Verschwörertum und Spielerei«, sagt Uhse in seinem Buch, das er fälschlich Roman nennt und das nur eine Aneinanderreihung erlebter Aufmärsche, Putsche. Saalschlachten, Straßenkämpfe, Verschwörungen und Raufereien ist. In der Verlängerung wird Banditentum daraus. Uhse hat viele von jenen,(he heute Deutschland brutalisieren, in ihrer Frühzeit, in ihren »kleinen Anfängen« gekannt. Hitler und Göring, Rosenberg und Frick, Göbbels und Feder tauchen als wendige politische Spekulanten auf, einer wie der andere von Beginn an bereit, sich selbst und die Idee an den Meistbietenden zu verkaufen. Uhse wandte sich der Opposition um Straßer zu, wurde auch dort enttäuscht und erlebte den Ausbruch des Dritten Reiches schon bei den Kommunisten. Dies wird nicht seine letzte Wandlung sein, denn er gehört, wie seine ehemaligen Führer, zu jenem barbarischen_ Lager, dem die Idee nichts und(he Gewalt alles ist. Pate stand der Weltkrieg. * Auf einen südöstlichen Schauplatz des Banditentreibens führt der Roman Orient- Expreß(Querido-Verlag). Sein Verfasser A. den Doolaard ist ein holländischer Schriftsteller, der Mazedonien gut kennt. Was er auf seinen Streifzügen über die Kämpfe der serbischen und bulgarischen Komitadschts erfuhr, macht den Inhalt seines umfangreichen Romans aus. So entsteht ein Stück dichterisch gesehener Geschichte der mazedonischen Freiheitsbewegung, einsetzend In der Türkenzeit, mündend in(he Gegenwart. Was einst als Kampf gegen Unterdrückung der nationalen Minderheiten begann, entartet nach Verjagung der Türken, nach der südslawischen Einigung von 1918 und der Aufteilung Mazedoniens sehr bald in Verschwörertum Putachismus und Cliquenkämpfen- Es kommt dem Autor nicht so sehr darauf an. ob er diese oder jene führende Komita-Gestalt richtig gesehen und gewertet hat, sondern auf die epoehafte Darstellung eines Freiheitsgedankens und seiner tragischen Verzerrungen. Heute, im Zeitalter der Balkanverständigung, mutet das jahrzehntelange Blutvergießen um Mazedonien sinnloser an denn je- Da Doolaard ein Dichter ist, so ersteht unter seiner Feder nicht nur ein belebtes Geschichtsbild, sondern balkanisches Leben in brennender, bunter Echtheit, B. Br. Das gefährliche Ladies Das Deutschland der Vorhltlerzedt pflegt® das literarische Kabarett. Neben Jener faden, pointenlosen»Kleinkunst« die sich mit ver kitachter Erotik begnügte und, ohne künstlerische Ambition, und allein Dienerin eines zweifelhaften Amüsements war, gab 08 besonders in Berlin ein zeitnahes, sozial und polltisch interessiertes Kabarett, dessen A5® ressivität einer zweckvollen, satirischen Durchdringung des Alltags gewidmet war. Dieses Kabarett war weit mehr als Pro?4 ganda, es war Literatur, gesprochene, g® sungene. gemimte Literatur, geschaffen un dargestellt von jungen Menschen, die sich n» Kindermord Die modernste deutsche Aufbauschale In Berlin-Neukölln, die>KarJ- Marx-Schule«, hatte für kurze Zeit unter der Republik einien Lehrer Schwedtke, der sich besondere modern und republikanisch gebürdete, aber bald wegen Unfähigkeit entlassen werden mußte. Wie alle krummen Seelen, rächte sich der Schwedtke. Er ging zu den Nazis, lieferte die erforderlichen Verleumdungen gegen die Schule und ihre Lehrer, die dann auch im»Angriff« des Göbbels entsprechend verwendet wurden. Hitler kam, die Karl-Marx-Schule wurde das Kaiser-Friedrich-Real-Gymnasium und der Direktor wurde natürlich der Verleumder Schwedtke. Er hatte sein Ziel erreicht Dieser Nazi-Schulbonze ärgerte sich weidlich über manche Schüler und Schülerinnen, die ihn, anscheinend bereits geistig überlegen, häufig in Schwierigkeiten brachten. Wahrscheinlich aus einem solchen Anlaß machte er in die Schulakten der klugen Sonja Bauer den Vermerk:»politisch nicht einwandfrei und vorlaut.« Der Schwedtke Ist längst verflossen, seine Unfähigkeit war sogar Im Dritten Reich aufgefallen, aber seine Handlungen wirken weiter. Sonja Bauer, das»politisch unzuverlässige und vorlaute« Kind, war inzwischen sechzehn Jahre alt geworden, hatte nach Abschluß der Untersekunda die mittlere Reifeprüfung mit Auszeichnung bestanden und wollte nun ins Leben hinaus. Am 29. März 1935 bekommt sie Ihr Abgangszeugnis, ihre Leistungen sind hervorragend, aber da steht die ominöse Bemerkung:»Politisch nicht einwandfrei und vorlaut.« Sie wendet sich deshalb an ihren Klassenlehrer, der die Eintragung lebhaft bedauert, aber er habe es leider nicht verhindern können, denn auf einen Konferenzbeschluß sei der Aktenvermerk in das Abgangszeugnis übertragen. Dadurch erfährt Sonja die schäbige Handlung des Schwedtke. In ihre Empörung, die von den Mitschülerinnen geteilt wird, mischt sich tiefste Niedergeschlagenheit, denn sie ist klug genug, die Wirkungen dieser Eintragung abzuschätzen auch ohne die hämische Bemerkung eines Nazi-Lehrers:»N a, Fräulein, mit diesem Zeugnis werden Sie wohl keine Stellung im Dritten Reich bekommen.« Dem lebensfrohen, in der Schule so tüchtigen Mädchen, stürzt eine ganze Welt mit ihren Hoffnungen und Verheißungen zusammen. In ihrer furchtbaren Erschütterung sieht sie anscheinend keinen Ausweg und am Tag darauf, am 30. März 1935, macht sie ihrem jungen Leben durch Erhängen ein Ende. Schwedtke ist ihr Mörder und ebenso schuldig sind die Nazi- Lehrer an der Schule, schuldig an dem Tod dieses Kindes ist das ganze undeutsche, schändliche System. Am 3. April 1935 wurtfe die Leiche im Krematorium Wilmersdorf eingeäschert. Sehr viele Schulkameradinnen hatten sich heimlich klassenwedse verabredet und kamen zu der Trauerfeier, von den schändlichen Mördern hat sich niemand sehen lassen. ÜM titiMet MHUkl «Sorge und ernstes Bedenken«— Wer hat die Verantwortung? Am vorigen Sonntag war nicht nur Mattertag— es wurde auch gleichzeitig in Düsseldorf die Reichsausstellung»Frau and Volk« eröffnet. Rührseligere Reden als in dieser Woche sind selbst im Dritten Reich selten gehalten, sentimentalere Artikel, schmachtendere Gedichte, süßlichere Bilder selten veröffentlicht worden. Ueberhaupt wird in keinem Lande der Erde gegenwärtig der Mutterkult so aufdringlich und lärmvoll betrieben wie in Deutschland— und doch ist die Mutter in keinem Lande der Erde so entrechtete, erniedrigt und beiseite gestellt als eben im Reiche des Adolf Hitler. Bezeichnend ist ein im Zentralorgan des Bundes nationalsozialistischer deutscher Juristen erschienener Aufsatz des Direktors Dr. Webler vom Deutschen Jugendarchiv, Berlin. Es werden darin Vorschläge zur Neuformulierung der Erziehungsrechte im nationalsozialistischen Staat gemacht Das Recht der Eltern an der»Aufzucht« der Kinder, so versichert der Schreiber, werde zu einer in unbeschrankter Verantwortung übernommenen Pflicht im Auftrag des Volkes und unter Aufsicht des Staates. Ebne Gleichstellung beider Eltcrn- teile in dieser Frage während des Bestehens der Ehe widerspräche nationalsozialistischen Grundsätzen, nach denen der Vater als Oberhaupt der Familie alle ihre eng miteinander verflochtenen Rechte einheitlich wahrt. Also erst kommt der Staat, dann der Vater— und wenn siehe um eine neue Jacke für den Jungen handelt, darf vielleicht auch die Mutter ein Wörtchen mitreden. Ueber die Rolle des Staates wurde an dieser Stelle schon oft geschrieben, mehr als einmal wurde ausführlich geschildert, in welcher Weise die Hitlerjungen und die BDM-Mäd- chen ihren Elternhäusern entfremdet mit welcher Planmäßigkeit sie seelisch verdorben, geistig verdummt und körperlich geschädigt werden. Heute geben wir einer deutschen Mutter das Wort, einer völkischen Mutter sogar, die mit dem günstigsten Vor- urteU den Entwicklungsgang der Hitlerjugend verfolgte und die heute unter der Not ihrer und anderer ICinder derart leidet daß sie in einer reichsdeutschen Zeitschrift zu protestieren wagt. Und das will viel heißen. Telia Erdmann schreibt in der »Deutschen Kämpf arin«, Verlagsort Berlin, unter der Ueberschrift:»Wer hat die Verantwortimg für die Jugend?«: »Die deutschen Frauen and ausgezeichnete Mütter«, stellte kürzlich wieder eine Aerztin fest. Und wenn seit längerer Zeit ein starker Rückgang der Säuglingssterblichkeit zu verzeichnen ist wenn überhaupt die Menschen gesünder geworden sind, so ist das nicht zuletzt ein Verdienst der Mütter... Es kann also nicht auf dem Vorwurf mangelhafter und ungenügender Leistungen beruhen, wenn den heutigen Müttern gerade auch die körperliche Pflege und Fürsorge für ihre Pünder zum TeU über den Kopf weggenommen and ihrer Verantwortung und Gewalt entzogen wird. Es ist wahrhaftig nicht bloßer Machttrieb, nicht ein Ressentiment über verlorengehende Herrschaftsgebiete, wenn jetzt soviele Mütter mit großer Sorge den staatlichen Jugendorganisationen und ihrem Anspruch auf die Jugend gegenüberstehen. Sondern gerade das Verantwortungsgefühl für das Ganze, für die Zukunft unseres Volkes, also unserer Jugend, ist es, was die Herzen der Mütter in Sorge und ernstem Bedenken dem zusehen läßt, was die Jugendorganisationen speziell auf gesundheitlichem Gebiet mit ihren Kindern anfangen. Ich möchte hier aus leicht verständlichen Gründen auf das Anführen konkreter Beispiele verzichten... Worauf es mir ankommt, ist das Grundsätzliche, die Frage nach der Verantwortung für das gesunde Heranwachsen unserer Jugend. Wer soll diese tragen? In einem ministeriellen Erlaß wurde ausgeführt, daß Schule, Elternhaus und Hitlerjugend jede ihre besonderen Aufgaben und ihre besondere Verantwortung hätten, aber alle auch zugleich eine gemeinsame. Das klingt sehr schön und klar; aber es ist trotzdem nur theoretisch. Der junge Mensch ist ja nicht auch dreigeteilt; er Ist eine Ganzheit, und wenn einer der auf ihn einwirkenden drei Faktoren in gesundheitlicher Beziehung(und nur von dieser soll jetzt die Rede sein) Fehler macht, dann wird der ganze Mensch geschädigt, und kein Entgegenwirken der teilverantwortlichen anderen Erzieher kann diese Schädigung wieder gutmachen. Konkreter gesagt: wenn z. B. unsere jungen Mädchen etwa durch allzulanges Stehen— das im Entwicklungsalter ja sehr bedenklich sein kann—, oder durch längeres Liegen auf feuchtem oder kaltem Erdboden einen gesundheitlichen Schaden davontragen, dann nützt es nichts mehr, wenn die Mutter zu Hause sie hinterher ins Bett steckt. Oder wenn z. B. ein zartes Mädchen, das gerade ein Bedürfnis nach Schonung empfindet, trotzdem am Staatsjugendtag größeren körperlichen Anstrengungen unterworfen wird, weil»Ausnahmen nicht gemacht werden«, dann hilft es nichts, wenn sie andrerseits in der Schule zeitweilig vom Turnunterricht befreit ist. Dasselbe gilt natürlich auch für Knaben, die etwa auf langen Fußmärschen überanstrengt werden. Diese großen Märsche sind vielleicht für sehr kräftige Pünder keine Ueberlastung; aber gerade Menschen der nordischen Rasse sind häufig im jugendlichen Alter von zarter und anfälliger Konstitution und wachsen sich erst nach den Entwicklungsjahren zu gesunden, zähen und leistungsfähigen Menschen aus. Mit Abhärtung und Training ist es hier nicht getan; es ist auch Schonung und Berücksichtigung der besonderen körperlichen Anlage nötig. Und hier muß eben das Elternhaus eintreten, aber es muß auch eintreten dürfen.« Und daß es nicht eintreten darf, dafür sorgen die Führer der Hitlerjugend mit brutaler Gewalt. Hier klagt eine Mutter aus gut bürgerlichen PCr eisen, eine Mutter also, die durch kräftige Kost und andere häusliche P�ege die Schäden des Landsknechts- lebens an ihren Pündern wenigstens einigermaßen wettmachen kann. Weiche Verheerung wird erst in der proletarischen Jugend angerichtet, der ein solcher Ausgleich von den Eltern, die selber Not leiden, gar nicht oder nur mangelhaft gewährt werden kann! Im übrigen betont die Verfasserin immer wieder, es solle hier nur von der gesundheitlichen Gefährdung des deutschen Nachwuchses die Rede sein. An einer Stelle gleitet sie aber unwillkürlich auf das Gebiet seelischer Schädigung über. Sie schreibt; »Von selten erfahrener Führer der Hitlerjugend wird der Einwand geltend gemacht: wenn die Bestimmung über Beteiligung oder Nichtbcteiligung an den allgemeinen Unternehmungen der Jugendverbände vorbehaltlos in die Hand der Mutter gelegt wird, dann reißt Willkür und Disziplinlosigkeit ein. Die Pünder haben öfter einmal keine Lust, zu den angesetzten Veranataltungen zu erscheinen und stecken sich dann hinter die Mutter, die ihnen bereitwillig einen Entschuldigungszettel schreibt. Das ist natürlich nicht wünschenswert. Aber hier liegt der Fehler nicht allein an den allzu nachgiebigen Müttern. Eis ist Sache der Jugendorganisationen. ihre Unternehmungen so zu gestalten und ihre Glieder so zu erziehen, daß Ihnen die Teilnahme an den gemeinsamen Veranstaltungen nicht als Zwang erscheint— durch Drohungen unterstützt und ungern auf sich genommen—, sondern als EYeude und Ehre.« »Durch Drohungen unterstützt und ungern auf sich genommen«... soweit ist es also, Auflehnung gegen den brutalen Drill setzt ein, die kindlichen Seelen wehren sich, den feiner besaiteten Jugendlichen graut es vor dem Landsknechtsdasein, das man sie zu führen zwingt. Davon ist freilich in den offiziellen Jugendzeitschriften nichts zu lesen. Eis ist(Uesen Anklagen und Warnungen einer deutschen Mutter nichts hinzuzufügen. Daß die maßgebenden Stellen sich nicht darum scheren werden— dessen sind wir sicher, denn die Pünder gelten ihnen, genau wie die erwachsenen Menschen im Dritten Reich, nur als Figuren im Machtspiel dar Diktatoren. Heute Exerzierplatz-, morgen ICanonenfutter. Aber Müttertage werden gefeiert pomphafter und rührseliger denn je. Und über allen Veranstaltungen zu EUiren der»deutschen Frau und Mutter« thront als Schutzpatronin— die Lüge. Friedensnobelpreis. In London sind gegenwärtig Bestrebungen im Gange, den Friedensnobelpreis für dieses Jahr dem noch immer in einem Konzentrationslager gefangen gehaltenen deutschen Schriftsteller Carl v. Ossietzky zuzuerkennen. Seine Kandidatur hat, wie man hört die Unterstützung mehrerer früherer Nobelpreisträger erhalten, und sie scheint in England auch bei den Leuten Anklang zu finden, deren Stellungnahme bis zu einem gewissen Grad den Ausschlag geben dürfte. allen lebendigen ICräften der Zeit verbunden fühlten. Die Autoren und auch die Darsteller nahmen kein Blatt vor den Mund, und so manches böaaige politische Bonmot das dann seine Runde durch die Millionenstadt Berlin machte, ist auf einem kleinen Kabarett- Podium geboren worden. Dann kam die Diktatur der Mythoshym- mker und Konzentrationalageranbeter,• der Anü-Kulturellen und Humorlosen. Das politische Kabarett verschwand und machte primitivstem patriotischem Tingeltangel Platz. Uebcr ein Jahr lang herrschte im deutschen Kleinkunstbetrieb die Pürchhofsruhe des natlonalsoziaUstischen»Umbruchs«. Vor dniger Zelt nun begannen in zwei Kabaretts schüchterne Tastversuche zu einer kabarotti- 'tischen Gesinnungsllteratur. Die»K a t a k o m h e«, ein PCa bereit mit guter Vergangenheit, und»D as Tingcl- tangel« ließen, wenn auch getarnt und aus der Perspektive freier Menschen gesehen, unendlich harmlose polltische Pointen in die Oede des reglementierten Programms einfließen. Die beiden Bühnen hatten riesigen Zulauf. Die höhere nationalsozialiatische BU- tiJkratie, das oppositionelle»arische« Bürger- tiim, Studenten, ein paar noch nicht völlig �unnatichlge Intellektuelle füllten die Häu- scr, die Abend für Abend ausverkauft waren. Sie machten das sehr behutsam. Folgen- �rinaßen zum Beispiel: Der Konferender tiitt auf und sagt:»Unser Programm wlrd durchgeführt!« Große Heiterkeit im Zuschauerraum. In der PCatakombe Wurde die an sich ja so sanfte Zahnarzt- ®2ene zu einer Berliner Sensation. Ein Mann kommt zum Zahnarzt. Oeffnet aber den Mund nicht. Gütliches Zureden ist vergeblich. Da wird der Zahnarzt ungeduldig und schreit: »Zum Donnerwetter, so öffnen Sie doch endlich den Mund!«»Ich werde mich hüten—« wehrt der Patient entsetzt ab. Und das Tingeltangel brachte die»Ballade vom blechernen Hermann«. Nicht ohne Anspielungen auf den Morphiumdiktatoren. Das alles hat nun mit einem Schlage ein Ende genommen. Die Kabaretts wurden geschlossen, beide Ensembles vollzählig in Haft genommen und wie amtlich mitgeteilt, am letzten Samstag in ein Konzentrationslager geschafft, um»endlich einmal solide und ehrliche Arbeit kennen zu lernen.« Sie sollen den »neuen Staat vor Juden verächtüch gemacht« haben. Die PCatakombe ist gcscbloesen— Schauspieler, Schauspielerinnen und Regisseur reinigen unter Aufsicht der SS Konzentrationslagerlatrinen. Aber Streicher wird Berlins Polizeipräsidejit. Das ist der»Humor des Dritten Reiches.« Pierre. Zwangs-Theater »Mit Befremden muß eine neuerliche Ueberfremdung des Spielplans der deutschen Bühnen festgestellt werden. Vielfach zeigt sich ein Mißverhältnis in der Zahl der ausländischen und der deutschen Autoren. Dieser Zustand steht im Gegensatz zu den Absichten paHrmniartoMiigfineher Kulturpolitik. Vor allem wird lebenden Autoren oft mit ängstlicher Scheu aus dem Wege gegangen. Um diesem Uebel zu begegnen, wird angeordnet, in Zukunft das Verhältnis zwischen Stücken deutschen und ausländischen Ur- ßprunga mindestens 4: 1 betragen muß.« (Amtlicher Erlaß an die reichsdeutschen Theater.) Da wird sogar Joseph Göbbels auf che Bühne kommen müssen! Literaturbetraditung•••• »Alexander Dumas, ein Halbneger, hat eine Jüdin geheiratet; Dumas Sohn ist also eine raffinierte Mischung aus Juden-, Neger- und Franzosenhlut. Seine Werke spiegeln deutlich die Spuren dieses Gemisches. Zola stammte aus Dalmatien und ist ein Konglomerat der ostischen, jüdischen und westi- echen Rasse. Sein brutaler Naturalismus... ist ebenfalls das Ergebnis seiner Herkunft.« (Aus dem»Illustrierten Beobachter«.) Automobil und Klassenkampf Auf der Berliner Tagung der Association Internationale des Automobil-Clubs Recon- nus hat Adolf Hitler eine Rede geredet und — nach deutschen Zeltungsberichten— die großen Worte gesprochen: »In dieser Zeit großer Umwälzungen werde auch das Automobil zu einem Werkzeug der Ueberwindung der Püaasengegensätze werden.« Nun— braune Reichsbonzen, Staatsbonzen, Ober- und Unterbonzen, die vor dem Umsturz keinen Pfennig Vermögen besaßen, haben sich seither die feinsten und schnittigsten Automobile angeschafft. Wenn Hitler das»Ueberwindung der Klassengegensätzen nennt, dann hat er in der Tat die Wahrheit gesprochen. Sind sie sdion so weit? Aus der»Nationalsozialistischen Polizeikorrespondenz«: »Der Gau Aualand des NS-Juriatenbundes hat eine Weltkartei aller arischen Rechtsanwälte, Notare, Patentanwälte und Wift- schaftsrechtler eingerichtet Diese Weltkartei wird es in einigen Monaten ermöglichen, in allen Erdteilen im nationalaozialistiachen Sinne geeignete Rechtswahrer namhaft zu machen und Juden... auf dem Gebiet des Rechts auszuschalteru« Die Herren der Welt——! Die unanständigen Anständigen »Der Ekel packt mich, wenn ich das Wort vom»anständigen Juden« höre. Der anständige Jude ist der schlimmste! Er vergrößert nur die Verwirrung.« (Aus dem»Stürmer«.) Die Juden haben nun einmal die Pflicht, von Stürmers wogen unanständig zu sein. Betrunkenes Land Die Aprilnummer der»Stadtmiasion«, Berlin, berichtet; »Leider müssen wir konstatieren, daß die Trunksucht wieder im Steigen begriffen ist. Die Zahl der notorischen Trinker ist erschütternd. Nach der Statistik ist von 1933 auf 1934 der Alkoholkonsum um 15 Prozent gestiegen. Im Jahre 1934 wurden über drei Milliarden vertrunken.« Je mehr der Plausch schwindet, desto schneller nehmen die Räusche zu, mit der Not wächst die Sehnsucht nach Betäubung. Aber das Erwachen und der Katzenjammer sind unvermeidlich. »lolksnalies Redit« Der Einbrudi der Barbarei ins St rairecht Wenn das Intensive Tempo, mit dem man au dem braunen Straf recht unter der Leitung des Reichsjustizministers Dr. Gürtner, jenes Bajuvaren, der sich 1923 seinem»Führer« in seiner Eigenschaft als bayrischer Justiz- minister gefälig erwiesen hatte, so weiter arbeitet, so wird im Herbst 1935 ein neues Strafrecht in Deutschland das Licht der Welt erblicken. Das Strafgesetzbuch vom 15. Mai 1871, welches von dem sogenannten römischen Recht beeinflußt ist, wird einem neuen, braunen Strafrecht, welches Gürtner ein»volksnahes Recht« nennt, weichen müssen. Wurde 1871 verkündet, daß nur der zurechnungsfähige Täter bestraft werden soll, wenn ihm die Tat nachgewiesen ist, so steht das neue braune Strafrecht auf dem Standpunkt, daß künftig eine Tat auch dann unter Strafe fallen soll, wenn»der buchstäbliche Inhalt irgendwelcher Gesetze« auf diese nicht zutrifft. Es genügt den Herren im»braunen Talar«,»wenn die Strafwürdigkeit sich aus dem gesunden Volksempfinden ergibt und wenn der Rechtsgedanke, daß zu strafen Ist, sich irgendwie in anderen Gesetzesanalogien findet.« So verkündet es Gürtner selbst anläßlich der Beendigung der Lesung des»besonderen« Teiles des kommenden Strafrechts. Man paßt hiedurch das Strafrecht den durch den nationalen Umbruch gänzlich veränderten Voraussetzungen an. Also»volksnah«!? Herr F r e i ß 1 e r, Staatssekretär im Justizministerium, war deutlicher, als er bei der Behandlung des allgemeinen TeUes sagte, daß das Gesetz»in erster Linie und deutlich erkennbar ein Spiegelbild des nationalsozialistischen Weltbildes sein« müsse. Das ist es denn auch! Man geht nicht zu weit, wenn man behauptet, daß es sich bei diesem Strafrecht nicht so sehr um ein Willensstrafrecht, wie Freiß- ler es nennt, sondern um ein Gesinnungsstrafrecht handelt.»Es gibt keine anständigen Verbrecher». Darum schaffte man die Festungshaft ab, darum verschärfte man die Strafen. Den Richtern wird auf den Weg gegeben, daß sie nicht mehr wie früher in die »früher viel beklagte kraftlose Haltung« zurückfallen. Das kommt bei dem Strafrahmen voll zur Geltung. Alles ist getan, um die Gefahr einer Verweichlichung zu vermelden. Interessant ist, daß Freißler bescheiden von »sozialistischen Tendenzen« im neuen Strafrecht spricht. Darunter versteht er zum Beispiel die Zersetzung des völkischen Arbeitswillens, der Arbeitsdienstverweigerung, der Störung der Betriebsaicherhedt, und er nennt es selbst, was wir alle erraten, Streik. Die Herren Vogler und Krupp werden mit diesen sozialistischen Tendenzen durchaus zufrieden sein. Das ist das»volksnahe« Straf recht! Wenn Gürtner selbst erklärt, das Palladium »keine Strafe ohne Gesetz« sei fallen gelassen, so kann man einigermaßen erfassen, bedenkt man, daß auch die strafprozessualen Vorschriften zu Ungunsten des Angeklagten reformiert worden sind, was es bedeutet, vor einem nationalsozialistischen Richter unter diesem Gesetze zu stehen. Schon jetzt ist erwiesen, daß Gesinnungstaten, wie zum Beispiel das festhalten an der sozialistischen Idee und ihre Propagierung, jede andersgeartete Tätigkeit unter barbarische Strafe auf Grund der von der Hitler-Regierung bis zur Einführung des neuen Strafrechts erlassenen Verordnungen stehen. So hat denn die Strafrechtskommission den aufgezeigten Weg fortgesetzt, wenn sie entsprechend dem klaren Willen der Regierung(he neuen Begriffe des»V o 1 k s v e r- rats«,»Volksverleumdung«, »Volksbeschlmpfun g«,»Beschimpfung völkischer Vergangenheit« und»nationale Symbole«, Entweihung von Ehrenmalen und Beschimpfung deutschen Brauchtums« in das neue Strafrecht aufgenommen und unter harte Strafe gestellt hat. Das Rich- tertum ist im Strafen nur nach unten begrenzt, kann also seinen Mut beinahe willkürlich an den»Volksschädlingen« kühlen. Was wäre anders zu erwarten, daß auch im kommenden Strafrecht die Angriffe auf die Wehrkraft und(He geistige und seelische Haltung des Volkes und auf seine Wirtschaftskraft unter Strafe gestellt werden.»Angriffe auf(he geistige und seelische Haltung? Wie will man solche juristisch erfassen? Wo sind che Tatbestandsmerkmale für einen Angriff auf eine metaphysische Unbestimmtheit? Immer wieder wird erklärt, das neue Strafrecht stellt nicht die Rechtssphäre des Einzelnen in den Vordergrund, sondern läßt sie gegenüber dem Rechtsschutz und den Interessen der Allgemeinheit zurücktreten. Die Volksgemeinschaft müsse geschützt, ein neuer Begriff der Volksehre festgelegt werden. Es ist der Sinn jedes Strafgesetzes, die Gemeinschaft vor dem Rechtsbrecher zu schützen. Selbst in den von den Nazis so verlästerten Erklärungen der Menschenrechte wird immer das Allgemeinwohl vor das Einzelwohl gestellt. Der besondere Teil des neuen deutschen Strafrechts, der jetzt verkündet wird, aber unterscheidet sich grundsätzlich von allen Strafgesetzen der Welt darin, daß es(he neuen Strafrechtsbegriffe geschaffen hat, um die Gesinnung unter Strafe und das Strafrecht in den Dienst der nationalsozialistischen deutschen Arbeiterpartei zu stellen. In dem jetzt in der deutschen Presse über das neue Strafrecht veröffenlichten Artikeln wird immer wieder gesagt, daß der unter dem alten Geheimrat Kahl geschaffene Entwurf für ein neues Strafrecht allen nur denkbaren Sonderinteressen diente. Es sei nicht aus einem Guß gewesen, es hätte dem Verbrechertum, gewollt oder ungewollt, Vorschub geleistet, es hätte zum Beispiel(he Mutterschaft nicht geschützt u. a. m. Wer aber jene Debatten der Strafrechtskommission des Reichstages der vergangenen Weimarer Republik verfolgt hat, wird bezeugen können, daß alle Arbeit darauf gerichtet war, dem allgemeinen Wohl zu dienen. Der zustande gekommene Entwurf war daher auch das ungefähre Spiegelbild der Auffassung des ganzen deutschen Volkes und nicht nur einer Partei. Mit Recht hat man sich aber gegen die Einräumung des freien Ermessens bei einer dem Volke so wenig verbundenen Richterschaft gewehrt. Wie konnte dieses freie Ermessen auch eingeräumt werden, wenn der deutsche Richter nicht(he soziologischen Ursachen einer Tat begriff oder begreifen wollte. Daß wir mit dieser Auffassung Recht haben, beweist, abgesehen von den barbarischen Verurteilungen der Gesinnungstäter, aucn die Strafmaße bei den Kriminellen. Es soll ihnen Hören und Sehen vergehen, das ist die Tendenz des»volksnahen Strafrechts« im Dritten Reich. Warum ein Angeklagter gestohlen hat, ob aus Not oder anderen Gründen, ist gleichgültig. Eigentlich gibt es überhaupt kein Mittel mehr, der Justizmaschäne zu entrinnen. Die politischen Verbrecher haben nicht einmal das Recht der freien Verteidigungswahl. Der Richter aber kann, wenn alle Stränge reißen, immer sagen, daß(he Tat auf Grund des gesunden Volksempfindens strafbar ist, und brauchte daher beinahe Uberhaupt kein Strafgesetzbuch mehr. Es ist klar, daß bei solchem Vorgehen eine starke Rechtsunsicherheit einsetzt. Betroffen wird in dem Kapitel»Volksverrat« zum Beispiel nicht nur der deutsche Staatsbürger, sondern ausdrücklich jeder Ausländer, wenn er die Wehrmacht oder die Volkskraft des deutschen Reiches angreift. Hochverrat ist im totalen Staat gegen das Wohl des Volkes gerichtet, ehrenwerte Motive sind bei ihm undenkbar. Landesverrat wird immer mit dem Tode bestraft, ein Ausländer kann zu lebenslänglichem Zuchthaus verurteilt werden, abgesehen von einzelnen Ausnahmsfällen, Selbstverständlich kann das Gericht auf Verlust der Staatsangehörigkeit erkennen, das Vermögen einziehen, und unter dem neuen Strafensystem ist mindestens der symbolische Pranger,(he Aechtung beabsichtigt. Ueber(he Prügelstrafe ist man sich noch nicht einig, sie dürfte mindestens als Hausstrafe in den Zuchthäusern ihren Einzug halten. Die Rassenehre steht unter Strafschutz. Ausdrücklich heißt es, daß die Todesstrafe,(he im übrigen durch das Handbell vollzogen wird, an erster Stelle des Strafeinsystems steht Ihr folgen(he Zuchthaus- und Gefängnisstrafen. Von kurzfristigen Strafen verspricht man sich nichts. Der Strafvollzug ist diesen Gedankengängen angepaßt. Von einer Erziehung des Rechtsbrechers ist keine Rede mehr, der Strafvollzug steht analog dem neuen braunen Strafrecht im Zeichen der Vergeltung. An dem gleichen Tage, als Herr Gürtner und Herr Dr. Freißler ihr»volksnahes Strafrecht« verkündeten, wurde mitgeteilt, daß im August in Berlin von der Internationalen Strafrechts- und Gefängniskommission in Bern der 11. internationale Strafrechts- und Gefängniskongreß stattfindet. Präsident dieses Kongreßes wird Herr Reichsgerichtspräsident Bumke sein. Im Mittelpunkt der Erörterung werden(he Fragen der Gesetzgebung auf dem Gebiete des Strafrechtes und des Strafvollzuges stehen. Wird diese in der Welt Uberall gehörte Instanz den Mut finden, sich mit dem Einbruch der Barbarei in das deutsche Strafrecht zu beschäftigen? Hermann Walter. HtUkk JWiSA Midd£Hk6tÜ£tCk> Deutsdie Rüstung ist ein besseres Ge�diäft Herr Schacht hat der Welt zwar gezeigt, wie man kauft, ohne zu bezahlen. Das Verfahren hat aber den Nachteil, daß es sich nicht beliebig oft wiederholen läßt und daß die Geprellten sich gegen die Prellerei schließlich doch einmal zur Wehr setzen. Der Trick Schachts besteht darin, die Wareneinfuhr aus den Lieferländern dermaßen die Ausfuhr dahin überschreiten zu lassen, daß die Bezahlung nur mit Devisen mögüch gewesen wäre und, da diese nicht vorhanden waren, unterbleiben mußte. In solchen Fällen mußten Abkommen getroffen werden, bei denen die ausländischen Gläubiger sich damit abfinden müßten, auf einen Teil ihrer Forderungen zu verzichten, um nicht das ganze einzubüßen. Aber auch diese Abkommen, die den Zweck hatten, die ausländischen Guthaben abzubauen, wurden nicht eingehalten. Schachts Ueberwachungsstellen hatten dafür gesorgt, daß durch Mehreinfuhr mehr neue Forderungen entstanden, als alte beglichen wurden. So hat Holland(he schmerzliche Erfahrung machen müssen, daß die rückständigen deutschen Zahlungen trotz dem Abkommen sich nicht vermindert, sondern vermehrt haben, weil zwar alte Rückstände abgebaut worden, aber noch mehr neue hinzugekommen sind. Vor die Wahl gestellt, eine Erhöhung der deutschen Ausfuhr zuzulassen oder(he Einfuhr nach Deutschland einzuschränken, hat Holland sich für das letzte entschieden. Den Ueberwachungsstellen, die die Instrumente zur Durchführung von Schachts Devisentricks sind, stellt die holländische Regierung staatliche Monopole für die holländische Ausfuhr von Lebensmitteln nach Deutschland, der deutschen Einfuhrkontrolle eine holländische Ausfuhrkontrolle gegenüber. Anfang April ist ein staatliches Ausfuhrmonopol für den Export von Obst und Gemüse nach Deutschland, Ende April für Molkereierzeugnisse, sowie für Schokolade, Backwerk, Oelkuchen usw. errichtet worden. Ohne amtliche Bewilligung dürfen diese Waren nach Deutschland nicht ausgeführt werden, solange, bis die rückständigen Zahlungen durch deutsche Warenlieferungen ausgeglichen sind. Gemüseknappheit in Deutschland Ende April war das von der Regierung festgesetzte Kontingent für(he Ausfuhr von Salat und Spinat nach Deutschland erschöpft und die Erteilung neuer Genehmigungen eingestellt. Da Deutschland bisher 90 Prozent der holländischen Erzeugung von Salat und einem beträchtlichen Teil der Gemüseproduktion abgenommen hat, ist die Einschränkung der Ausfuhr eine schwere Schädigung der holländischen Landwirte. Die holländische Regierung ist aber gezwungen, sie zum Schutz der Landwirte selbst und zum Schutze ihrer Währung durchzuführen. Die Kosten von Schachts Prellerei haben aber nicht nur die ausländischen Lieferanten, sondern vor allem auch die deutschen Verbraucher zu tragen. Schon zeigen sich auf den Märkten die Folgen. Die deutschen Marktverhältnisse sind kaum besser als in den Hungerjahren des Krieges! Prohibitive Offerten Die Schweiz hat in diesen Tagen ein Verrechnungsabkommen, nicht das erste, mit Deutschland abgeschlossen, das auf eine Schädigung der schweizerischen Gläubiger hinausläuft. Sie müssen sich damit abfinden, anstatt baren Geldes zweifelhafte Gutscheine anzunehmen und auf ihre Einlösung zu warten, bis die deutsche Einfuhr nach der Schweiz ausreichend gestiegen ist. Das Abkommen hat nach der»Neuen Züricher Zeitung« weit über den Kreis der unmittelbar betroffenen Pinanzgläublger hinaus in der Schweiz Enttäuschung und Erbitterung verursacht.« Eis wird ein enger Zusammenschluß der Besitzer deutscher Anleihen gefordert zur Abwehr dessen, was eine Zuschrift an die»Neue Züricher Zeitung« das Faustrecht in der Wirtschaft nennt. Gegenwärtig betreibt Schacht die intensivste Propaganda für eine Export- Schlacht. Aber aus Zuschriften an die »Neue Züricher Zeitung«, in denen sich die Entrüstung der Schweizer Industriellen und Kaufleute über die»Torpedierung« der alten Verrechnungsabkommen durch Schacht Luft macht, geht hervor, daß die deutsche Industrie an der Hebung des Exports gar nicht interessiert, sondern eher bemüht ist, ihn zu verhindern. So schreibt ein Einkäufer für die technischen Einrichtungen, Maschinen, Werkzeuge usw. einer der führenden schweizerischen Maschinenfabriken, er beobachte seit Monaten, wie»die deutschen Lieferanten mehr und mehr durch prohibitive Offerten jeden Import aus Deutschland verunmög- Uchen.«»Der schweizerische Edelstahlverbrauch stellt sich zur Zeit ganz auf englisches Material um, während früher Deutschland der Hauptlieferant war.« Eis heißt dann weiter: »Ein deutscher Fabrikant von Werkzeugmaschinen erklärte mir kürzlich anläßlich eines Geschäftsbesuches, als ich ihn auf diese Ehe portmüdigkeit aufmerksam machte;»Ja, jetzt muß das Ausland eben einmal warten lernen, jetzt kommen zuerst wir selbst dran.« Nach zahlreichen Beden des Herrn Dr. Schacht ist es bekanntlich »das Ausland«, das durch Boykott deutscher Waren Deutschland verhindert, seinen Zahlungsverpflichtungen nachzukommen. Die Firma Krupp lieferte früher meiner Firma in erheblichem Maße große Stahlgußstücke. Seit letztem Herbst wurden die Preise derart erhöht, daß die Offerten völlig prohibitiv wirken.« Auf dem Weltmarkt muß man sich mit Weltmarktpreisen begnügen, für Hitler- deutschland spielt die Höbe der Rüstungskosten und der Rüstungspreise keine Rolle, denn es kommt hier nicht auf die Billigkeit, sondern vor allem auf die F'ixigkeit an. Die deutsche Industrie, zum mindesten aber der Teil, der die Aufrüstung besorgt, ist also an der Steigerung dieser weit mehr als an der Förderung der Ausfuhr interessiert. Braune Inflation Aus Graudcnz wird uns geschrieben: Die Abwertung des Danziger Guldens hat ungeheure Erregung in Danzig und auch hier hervorgerufen. Die Danziger Geschäfte schlössen zeitwellig ganz und verkaufen nur geringe Mengen. Handel und Industrie setzten Erhöhung der Preise durch, die Landwirtschaft wird folgen. Geschädigt sind die Sparer, die Arbeiter, Angestellten, Hausbesitzer. Seit mehr als einem Jahr haben Danziger Firmen nach hier nur nach Zlotywäh- mng verkauft. Sehr viele Sparer von hier und sehr viele Betriebe, die ständig nach Danzig geliefert haben, sind außerordentlich schwer geschädigt. Auch wenn die Berechnung gegen Zloty erfolgt ist, werden die Danziger ihre Zahlungen nicht erfüllen können. Von zuverlässigen Seiten wird berichtet, daß der Lebensmittelschmuggel von hier nach Danzig»gigantische« Formen angenommen hat. ItecUürmnrfe (SoihüdemcrraHfcfjtt«Dodjmfclolf Herausgeber: Ernst Sattler; verantwortlicher Redakteur: Wenzel Horn; Druck:»Graphia«; alle in Karlsbad. Zeitungartarif bew. m. P. D. ZI. 159.334/VII-1933. Printed' in Czecho-Slovakia. Der»Neue Vorwärts« kostet im Einzelverkauf innerhalb der CSR. Kö 1.40(für ein Quartal bei freier Zustellung KC 18.—). Preis der Einzelnummer im Ausland Kö 2.—(Kö 24.— für das Quartal) oder deren Gegenwert in der Landeswährung(die Bezugspreise für das Quartal stehen in Klammern); Argentinien Pes. 0.30(3.60). 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