IVr. 402 SONNTAG, 26. Mai 1935 6o$ialdgmofraKfd)gg SDocfrgnfrta# Verlag; Karlsbad, Haus„Graphia"«— Preise und Bezugsbedingungen siehe Beiblatt letzte Seite Aus dem Inhalt: Braune Luftflotte— startbereit Fortwursteln— wie lange noch? Hakenkreuz in der T schechoslo wakei Kinder fürs Messer Europa eine Uer-Despotle! Die Ziele des hitlerdeutschen Militarismus Wenn Wilhelm II. auf die Tribüne des Reichstages gestiegen wäre, um seine Außenpolitik aus eigenem Munde darzulegen, so würde er wie Hitler gesprochen haben— mit gleichen Gesten, gleichem Machtwahn, gleicher Verblendung. Aber mit größerer Ehrlichkeit! Hitler hat der Welt abermals den pazifistischen Nationalismus gepredigt. Das Trugbüd des pazifistischen Nationalismus, eine Kriegslist, bestimmt, die Völker Europas zu täuschen, ist längst an seiner inneren Unwahrhaftigkeit gestorben. Die Gaukelei der Hitlerrede vom 17. Mai 1933 ist verflogen. Die Welt klirrt in Waffen, Deutschland ist eine einzige Kriegsfabrik geworden, der Grundton der Volkserziehung in Deutschland ist der Krieg, nichts als der Krieg, sein Schatten verdüstert das Leben aller europäischen Völker— und nun hüllt sich Mars in das weiße Gewand des Friedensengels, er tritt vor die Völker hin, beklagt die Schrecken des Krieges und spricht: Fürchtet Euch nicht.... Ihr müßt ihm auf die Fäuste sehen, nioht aufs Maul! Der Mann, der vom Frieden spricht, aber zum Kriege rüstet, der die Kulturauffassung des Westens, die Grundsätze der Moral und der Humanität in Anspruch nimmt, aber mit blutigem, aller Menschlichkeit ins Gesicht schlagendem Terror in Deutschland despotisch herrscht, dieser Mann darf nicht nach seiner mit höllischer Demagogie vorgetragenen Dialektik gewertet werden, sondern nach seinen Taten und seinen wirklichen Zielen. Diese Rede, bestimmt den eisernen Ring der Isolierung zu sprengen, war berechnet auf alle, die noch nicht erwacht sind, auf alle, die noch in Glauben und Vertrauen ruhig schlafen, weü sie noch nicht den grausamen Zügen unserer Zeit ins Gesicht sehen. Sie zielte auf den Mißbrauch aller ab, die guten Willens sind, für die Zwecke derer, die vom bösen Willen erfüllt sind. Darum muß das Wesentliche getrennt werden von der Demagogie, darum darf man sich nicht verlieren in die Nebenwege, die Lockungen, die Scheinzugeständnisse. Jetzt wird das künftige Geschick Europas bestimmt. Wer nicht versteht, die deutsche Machtpolitik samt ihren Zielen und die diplomatischen Kampfmittel dieser Politik streng auseinanderzuhalten, der wird zu ihrem Objekt werden. Was ist der Inhalt der 13 Punkte, die Hitler von der Tribüne des braunen Scheinreichstags aus verkündet hat? Es ist der»deutsche Friede«, es ist die pax barbarica für Europa! Er schließt vier wesentliche Punkte ein: 1. Die Entwertung des europäischen Vertragsrechts. Auf eine kurze Formel gebracht, lautet das Hitlerprogramm: Verträge werden gehalten, solange unsere Vertragspartner sie auch halten. Db aber unsere Vertragspartner sie gehalten haben oder nicht, darüber entscheide ich, kraft meines eigenen ungeteilten Willens unter Berufimg auf das höhere Lebensrecht der• Nation. Das ist der Rückfall vom Recht in die flacht. Es entwertet vollkom- Uien die Bekräftigung des Locarnopaktes, und wie es gemeint ist, zeigt Punkt 3 der hitlerschen Deklaration über die entmilitarisierte Zone auf das Deutlichste. Hier tritt die erschütternde Unsicherheit zutage, die künftighin über allen feierlichen Verträgen liegen würde, wenn diese Prinzipien allgemein akzeptiert werden würden. Jeden Tag und jede Stunde könnte unter beliebigem Vorwand der Locarnopakt von Hitier einseitig zerrissen werden, wenn die Partner sich dem Anspruch Hitlers unterwerfen, daß die Entscheidung über die Gültigkeit des Paktes allein bei ihm ruhen soll! Was für den Locarnopakt güt, güt gleichermaßen für alle Verträge und Bindungen, in denen Hitlerdeutschland steht, und die es fernerhin eingehen würde. Bei solchen Grundsätzen ist kein Vertragsrecht mehr möglich, an seine Stelle tritt die reine Oportunitäts- entscheidung der Machtpoütik. 2. Die Auslieferung der Nachbarstaaten Deutschlands an die Willkür der braunen Machtpolitik. Nichtangriffspakte mit den Nachbarstaaten, aber kein allgemeines System; an die Stelle des kollektiven Schutzes für den Angegriffenen soll nicht nur die Isolierung des Angreifers, sondern auch dielsolierungdesAngegrif- fenen treten! Der Kriegsherd soll lokalisiert werden. Das ist der schärfste Gegensatz zu der These vom unteilbaren Frieden, es ist der Wille zur Rückkehr zu einem System, das den Schwachen der Gnade des Mächtigen ausliefert. Es ist im Prinzip ein Versuch, die Gemeinschaften der Schwachen aufzulösen zugunsten der Starken, das offene Eingeständnis der Tendenz, die kleineren Nachbarstaaten Deutschlands unter dem Druk- ke der braunen Militärmacht dem Willen des deutschen Despotismus gefügig zu machen. Es verwandelt die Nachbarstaaten Deutschlands in deutsche Einflußsphären, in ausgelieferte Pufferstaaten. Der braune Despotismus entsagt feierlich allen Eroberungen? Hat er sie bei solcher Gestaltung der Verhältnisse in Mitteleuropa noch nötig? Wenn die braune Müitärmacht ein kleineres Nachbarland überfällt, sei es nun auf dem Wege der Erpressimg, sei es mit offener Gewalt, dann soll der Schwache alleinstehen, das Hitlergesetz, das Europa auferlegt werden soll, soll aüe verpflichten, Nachbarn, Freunde, Bundesgenossen, rechtliebende Völker, den angegriffenen Schwachen allein zu lassen! Das ist die völlige Verneinung der europäischen Konstellation von heute, es ist die Errichtung der Terrorherrschaft über die kleinen Staaten. 3. Die Freiheit für imperialistische Machtpläne. Hinter dem Wort von der»geregelten Vertragsentwicklung« und den»vertraglichen Revisionen« verbergen sich die territorialen Ziele des braunen Systems. Sein Ziel ist ein»Gleichgewicht der Kräfte«, das immer wieder zugunsten der Machtstellung des braunen Despotismus in Europa revidiert werden soll. Es ist die Methode eines jeden aktivistischen Nationalismus, in langsamer Bewegung unter ständigem Machtdruck zu wirken, bis eines Tages das Gefüge zusammenbricht und mit ihm der Frieden— wenn nicht die Umwelt resigniert und das Opfer der Macht seinem Schicksal überläßt. Hier stoßen unvereinbare Gegensätze aufeinander. Warnend hat erst vor kurzem Lord C e- eil im englischen Oberhaus erklärt: »Man muß sich indessen daran erinnern, daß es Staaten in Europa gibt, deren gesamte Existenz auf dem Vertrag von Versailles beruht, und daß im Augenblick, wo eine Aendenmg vorgeschlagen werden würde, diese Staaten in Waffen stehen würden.« 4. Die Feind- Er klärung gegen Sowjetrußland. Noch niemals ist in so provokatorischer Form eine internationale Feind-Erklärung gegen einen großen Staat erlassen worden, eine Erklärung, die nach Form und Inhalt von vornherein schon eindeutigdasbrauneSystem als Angreifer gegen Sowjetrußland bestimmt! Aus kleinlichster, verlogener Parteidemagogie wird der unerhörte Versuch hergeleitet, eine Dauerfeindschaft zwischen dem deutschen Volke und Sowjetrußland aufzurichten. Das ist böswilliger Angriff, böswillige Friedensstörung, ganz ohne Maske, und die Böswilligkeit wird nur noch übertroffen von der Lächerlichkeit des Versuchs, ganz Europa und vor allem England in die gleiche Dauerfeindschaft gegen Sowjetrußland hineinzureißen. Das braune System braucht für seine Rüstungen, für seine Erziehung des Volkes zum Krieg einen Feind. Seine willkürliche Wahl ist auf Sowjetrußland gefallen, aber ganz Eine Mahnung für Europa Deutschland ist ein westliches Land von alter Zivilisation, seine Bevölkerung war seit Jahrhunderten daran gewöhnt, rechtmäßigen Regierungen zu gehorchen. Die Rückkehr zur Gleichsetzung des Rechts zum Befehlen mit dem Besitze der Macht, die die barbarischen Epochen charakterisiert, muß notwendig mächtige Widerstände hervorrufen. Man kann sie vielleicht nicht sehen, well sie unterdrückt werden, aber sie existieren und sie. sind eine Kraft. Das hat sich bereits unter dem ersten Kaiserreich in Prankreich gezeigt, das die erste Regierung dieser Art in der Geschichte des Abendlandes darstellte. Man solte mehr an diese verborgenen Kräfte denken, sie ahnen, auf ihre Aktion rechnen und im entscheidenden Falle sie e r- mutigen. Sie ermutigen, indem man sich daran erinnert, daß Europa seit mehreren Jahrhunderten in das Zeitalter der rechtmäßigen Regierungen eingetreten ist, deren Macht durch ein Rechtsprinzip gerechtfertigt wird, und die allein die Ordnung und das Gleichgewicht sicher stellen können. Das Gleichgewicht zwischen soviel so verschiedenen Staaten die nicht Isoliert voneinander leben können, dieses äußere Gleichgewicht, das seit drei Jahrhunderten die Geschichte Europas bestimmt, ist nur möglich, an dem Tag, an dem a U e Regierungen einen genügenden Grad des Inneren Gleichgewichts erreicht haben werden. Dank dem rechtmäßigen Charakter ihrer Regierungen. Die Qual unserer Epoche ist, daß sie das Gleichgewicht wieder errichten will zwischen Massen, die im Innern' aus dem Gleichgewicht geworfen worden sind durch jene Leidenschaften und Illusionen, die die usurpatorischen Regierungen zur Behauptung ihrer Macht brauchen. In Frankreich und In England gibt es noch hohe Tribünen, von denen aus diese einfachen und heilsamen Wahrheiten über ganz Europa hingerufen werden können. Wenn sie proklamiert wären, würde man die Wirkung konstatieren können. Aber diese hohen Tribünen verharren im Schweigen! Guglielmo Ferrero. Brauner Pazifismus Heft 12 der»Nationalsozialistischen Bibliothek«, herausgegeben von Gottfried Feder, trägt den Titel:»Grundlagen einer deutschen Wehrpolitik«. Es ist die Wiedergabe eines Referats, das der jetzige Reichsarbeitsdienstführer, Oberst a. D. Konstantin H i e r 1, im Jahre 1928 auf dem Parteitag der Nationalsozialisten in Nürnberg gehalten hat. In seinem Vorwort sagt Feder zur Bedeutung dieser Schrift; »Wie draußen der Vorbeimarsch der braunen Armee das eindrucksvollste Ereignis der Tagung war, so drinnen die von höchster Sachkenntnis getragenen Darlegungen von Oberst Hlerl über die»Grundlagen einer neuen deutschen Wehrpolitik.« »Die Ausführungen von Pg. Hierl waren hier so bedeutungsvoll, daß sie als programmatische Erklärungen der NSDAP in die »Nationalsozialistische Bibliothek« aufgenommen werden mußten zur dauernden Verbreitung in weitesten Kreisen.« Zu den programmatischen Erklärungen der NSDAP, die Oberst Hierl hier aussprach, gehört nicht nur der gesperrt gedruckte Satz: »Die Aufgabe, vor die uns der Welt- krieg gestellt hat, besteht fort«; zu diesen programmatischen Erklärungen gehören nicht nur die Worte: »Der Befreiungskrieg steht zwar am Ende einer Widerstandspolitik, ihr Anfangsziel aber kann nur sein: allmählich wieder die Macht und die Kraft zu gewinnen, die nötig ist, um unsere Ketten vollends zu sprengen«; sondern zu diesen programmatischen Erklärungen der NSDAP sind besonders folgende, die heutige deutsche Außenpolitik treffend charakterisierenden Sätze auf Seite 6 dieses Heftes zu rechnen: »Es gibt zwei Arten von Pazifismus, einen echten Pazifismus, der aus schwächlicher, kranker Veranlagung oder Verblendung entspringt, aber ehrlich gemeint ist, und einen geheuchelten Pazifismus. Dieser letztere ist ein politisches Kampfmittel und dient geradezu der Kriegsvorbereitung. Indem er den Gegner mit Friedensphrasen einschläfert, sucht er ihn zu veranlassen, seine Rüstung zu vernachlässigen. Der einschläfernde Dunst, den er dem Gegner vormacht, ist dann auch geeignet, die eigenen Rüstungen zu vernebeln.« Hier ist aus dem Munde eines einflußreichen nationalsozialistischen Führers das Rezept der heutigen deutschen Regierung für die Außenpolitik angegeben. L- Europa r>-nß wissen, daß mit der gleiche ii Gewissenslosigkeit und Willkür die Drohung sich gegen jeden richten kann! Die Illusionen, die von starken Annäherungstendenzen gegenüber Sow- jetrußiand im Hitler-Deutschland wissen wollten, sind gründlich zerstört. Die Ostpläne Rosenbergs sind nach wie vor bestimmend für die Tendenz der braunen Machtpolitik. Das ist der Friede, wie ihn das braune System sich vorstellt. Eine gewissenlose, hemmungslose, auf nichts vals die Macht pochende Despotie im Herzen Europas— ihr gegenüber alle anderen Staaten schwach, vereinzelt, ausgeliefert; die Entscheidung über das Geschick Europas in die Hand Hitlers gelegt, mit dessen Wort sich ganz Europa abfinden muß. Es ist eine Orgie des Machtwahns, es ist die Uebertragung der braunen Despotie vom Innern Deutschlands auf ganz Europa. Ganz offen schlägt Hitler England eine Teilung der Weltmacht vor: Britannien die See, Deutschland den Kontinent! Hit- lerderHerrundSchiedsrich- ter Europas, das ist der Preis, der für den Frieden gezahlt werden soll, wie Hitler ihn auffaßt! Und will er nicht ganz Europa von der Demokratie zur Despotie'zurückführen? Will er nicht, wie Punkt 12 seines Programms zeigt, die Stimme der Völker selbst, das lebendige geistige Leben der Nationen, die Freiheit des Urteils und der öffentlichen Meinung ersticken, will er nicht die Völker zu reinen Objekten der Machtpolitik des Nationalismus herabdrücken, steht neben dem Ruf nach Unterdrückung des freien Wortes in Wort und Schrift, Film und Theater nicht unausgesprochen acr Ruf nach der Vernichtung der Freiheit der demokratischen Parlamente, nach der Uebertragung des Systems Göbbels auf ganz Europa? ' Hier die Beschlüsse von Stresa und der Beschluß des Völkerbundes— dort der hitlersche Anspruch auf die Vorherrschaft in Europa. Hier das französisch-russische, das tschechoslowakisch-russische Abkommen— dort die Feinderklärung Hitlers gegen Sowjetrußland. Hier der Bund der kleineren Mächte-dort der hitlersche Wille zur Isolierung der Schwachen: Das ist das Gesicht Europas von heute. Den französisch-russischen Vertrag zu sprengen, England gegen ihn zu gewinnen, die Kleinen einzuschüchtern und zu terrorisieren, die werdende Machtkoaütion zu zerstören, damit die Despotie der braunen MUitärmacht über Europa aufgerichtet werden kann, das ist da? Ziel des deutschen Despotismus. Wehe der Freiheit in Europa, wehe den Völkern der demokratischen Staaten, wenn sie vor dem deutschen Despotismus kapitulieren! Eine IUenschenfalle für englische Gäste Ein deutsches Reiseunternehmen führte eine Gruppe von englischen Aerzten durch deutsche Städte. In Wiesbaden wurde der Führer der Reisegesellschaft, ein in London lebender O Österreicher, namens Rohme, im Hotel verhaftet und im Schnellverfahren zu 18 Monaten Gefängnis verurteilt unter der Beschuldigung, daß er herabsetzende Auskünfte über Hitler und Uber die deutschen Frauen gegeben■ habe. Den englischen Aerzten wurde mitgeteilt, Rohme habe bei früheren Reisen— die falsche Sorte englischer Aerzte nach Deutschland gebracht, Die deutschen Behörden versuchten, von einigen englischen Aerzten Aussagen gegen Rohme zu erpressen. Das vollzog sich folgendermaßen. Einige der Aerzte wurden zum Kaffee in eine Privatwohnung gebeten. Während sie Kaffee tranken, in der Meinung, daß es sich um eine private Höflichkeitseinladung handle, wurde einer der Aerzte Ins Nebenzimmer gebeten. Er sah sich dort einem Gerichtshof gegenüber mit einem Richter, einem Ueber- setzer und einem Diktaphon. Er sollte über Bemerkungen von Rohme aussagen. Als er protestierte, wurde ihm mit einem Zeugniszwangsverfahren gedroht. Er verlangte den britischen Konsul zu sprechen. Schließlich wurde er entlassen, an seiner Stelle wurde ein zweiter Arzt in das Zimmer geführt. Etwa 50 Londoner Aerzte, die an dieser Reisegesellschaft teilgenommen haben, haben beschlossen, bei Hitler wegen dieser Vorfälle vorstellig zu werden. Dk kltddek in du Ijsdnukosl. lUfdittik Am 19. Mai haben in der Tschechoslowakischen Republik Wahlen stattgefunden, die nicht nur für die Entwicklung des tschechoslowakischen Staates, sondern auch für die Beurteüung der europäischen Situation von Bedeutung sind. Das Ergebnis dieser Wahlen ist im tschechoslowakischen Lager ein eindeutiger Sieg der Demokratie über alle faschistischen Tendenzen, ein achtunggebietender Erfolg der Sozialisten, eine Bekräftigung des demokratischen Grundcharakters des tschechoslowakischen Volkes und Staates. Im deutschen Lager aber ist es eine Niederlage der Demokratie gegenüber hitlerfaschistischen Totalitätstendenzen. Von rund 1.8 Millionen deutschen Stimmen hat die Henlein-Partei, eine tschechoslowakische Spielart des deutschen Nationalsozialismus, rund 1.2 Millionen erhalten. In den Rest teüen sich drei deutsche Parteien, davon hat die Deutsche sozialdemokratische Partei rund 300.000 Stimmen erhalten gegenüber 506.000 bei der letzten Wahl im Jahre 1929. Die Tschechoslowakische Republik ist ein Nachfolgestaat des alten Oesterreich mit seinen erbitterten Nationalitätenkämpfen. Das Verhältnis der Nationalitäten ist heute umgekehrt: herrschendes Staatsvolk sind die Tschechen. Die große Aufgabe bestand in der Versöhnung der Nationalitäten im Geiste der Demokratie. Im tschechischen Lager haben geistige Führer von hohem Rang an dieser Aufgabe gearbeitet, im deutschen Lager hat sich vor allem die Deutsche sozialdemokratische Partei darum verdient gemacht, die seit 1929 gemeinsam mit den tschechischen demokratischen und sozialistischen Parteien die Regierung gebildet hat. Dieser Prozeß der Zusammenfassung von zwei Kulturnationen in einem Staat, der Ueberwindung des Machtnationalismus ist durch zwei Ereignisse gestört worden: durch die große Wirtschaftskrise und durch den Sieg des Hitlerfaschismus in Deutschland. Davon hat das zweite Moment das Ueber- gewicht. Der direkte und indirekte Einfluß des Hitlersystems auf das sudetendeutsche Gebiet hat die deutsche Bevölkerung in Masse abgelenkt von ihren kultumationalen Bestrebungen. Es sind durch Propaganda in Göbbels-Hitlerstil Illusionen erweckt worden, die weder im Rahmen des tschechoslowakischen Staates noch ohne schwerste Störung des europäischen Friedens verwirklicht werden können. Es hat zu den geheimen Parolen dieser sudetendeutschen Partei Henlein gehört, daß eine Saarabstimmung in Böhmen auch Saarfolgen haben werde. Alle Schmerzen und Nöte, alle Krisensorgen, alle Verbitterungen sind eingefangen worden in einem besinnungslosen, ziellosen Nationalismus, in einer Illusion, für die es keine Antwort gibt, wenn die Frage gestellt wird: was nun weiter? Hitler in Deutschland hatte die Perspektive der Eroberung der ganzen Macht, aber welche Perspektive kann eine so extrem nationalistische Partei in einem Nationalitätenstaat haben? Das Organ der Deutschen sozialdemokratischen Partei hat mit Recht darauf verwiesen, daß Sieg und Macht für die Henlein-Partei niemals identisch sein können. Es bleibt aber die Demonstration der verheerenden Einwirkung des braunen Nationalismus auf die Besinnung und die politische Vernunft der deutschsprechenden Bevölkerung an Deutschlands Grenzen. Unzweifelhaft hat der Teil der Bevölkerung, der Henlein gefolgt ist, einen Schlag gegen seine kultumationalen Interessen zugunsten einer unerfüllbaren Machtillusion geführt. Aber die Demokratie bleibt gesichert— durch den demokratischen Grundcharakter des tschechischen Volkes! Kein staatlicher Terror läßt die Bevölkerung in diesem Fieberzustand erstarren und nun beginnt nach einem Wort von Beneä im deutschen Lager der Kampf um die Demokratie. Die deutsche Bevölkerung der Tschechoslowakischen Republik bleibt durch die demokratischen Kräfte von jener furchtbaren Erfahrung verschont, die ein Volk durchmachen muß, das sich einer totalitären Despotie ausgeliefert hat. Der Weg zur Besinnung geht hier durch Erfahrungen milderen Charakters als durch Blut und Tränen. Dieser Kampf um die Demokratie, der nun erst recht beginnt, ist bisher von der Deutschen sozialdemokratischen Arbeiterpartei nahezu allein geführt worden. Sie hat sich dem gewaltigen Einfluß des Hitlerfaschismus entgegen geworfen, dessen Opfern sie eine herrliche Solidarität bewiesen hat, sie hat den schweren Schlag entgegengenommen, aber sie kann mit Stolz sagen, daß die Tat bewiesen hat, daß das sozialistische demokratische Ideal den besten Schutz gegen die geistige Infektion des alldeutschen Machtwahns darstellt. Sie wird von neuem den Kampf aufnehmen und führen, der um viel mehr geht als um die Behauptung ihrer Parteistellung. Denn man sollte sich jenseits der Grenzen der Tschechoslowakischen Republik klar machen: hier kämpft ein Vorposten im Kampfe gegen den alldeutschen Machtwahn, im Kampfe um die geistige Wiedergesundung der deutschen Nation im weitesten Begriff, im Kampfe um die demokratische Gesinnung, die allein die wahre Bürgschaft des Friedens ist Raub oder Recht? Der Dauzlger Gewerkschaftssfreit- ein internationales Rechtsproblem Vor dem Danziger Obergericht wird in der nächsten Zeit ein Prozeß verhandelt der für die Rechtsprechung auf dem Gebiete des internationalen Privatrechts von großer Bedeutung ist. Es bandelt sich um prinzipielle Rechtsfragen, che durch die gewaltsame Auflösung der Gewerkschaften in Deutschland und die Entziehung ihres Vermögens im Mai 1933 entstanden sind. Ein in Danzig wohnender Vertrauensmann der nationalsozialistischen Partei Deutschlands glaubte sich auf Grund von Vollmachten dazu berechtigt infolge der Vorgänge in Deutschland sämtliche Funktionäre der gewerkschaftlichen Ortsverbände In Danzig zu entlassen, ihnen jede gewerkschaftliche Tätigkeit für diese Verbände zu untersagen und alle in ihrem Besitz befindlichen Vermögensstücke an sich zu nehmen. Das Gericht stellte sich in erster Instanz auf den Standpunkt daß durch die revolutionären Vorgänge in Deutschland neues Recht entstanden sei, das auch die Danziger Gerichte binde. Dabei läßt das Urteil alle maßgebenden Grundsätze des Internationalen Privatrechts außer Betracht, vor allem aber auch den Grundsatz der Danziger Verfassung, wonach Enteignungen nur gegen Entschädigung auf gesetzlichem Wege stattfinden dürfen. Das Obergericht wird auf die eingelegte Berufung hin darüber zu entscheiden haben, ob Danzig, das durch den Friedensvertrag und die Völkerbundssatzung staatsrechtlich von Deutschland getrennt Ist, an die Grundsätze des Internationalen Privatrechts, die für alle Staaten gelten, gebunden ist, namentlich auch, ob es sich über die Bestimmungen seiner eigenen Verfassung hinwegsetzen kann oder nicht. Es sind ähnliche Fragen, wie sie vor einem Jahrzehnt den kommunistischen Enteignungen in Rußland gegenüber in allen Kulturstaaten aufgeworfen worden sind und bei deren Behandlung gerade auch Deutschland die Wirksamkeit von nur revolutionären Akten in Rußland abgelehnt und den Schutz des Eigentums gegen revolutionäre Eingriffe auf Grund des»ordre publice(d. h. des Grundsatzes, wonach Aktionen im Ausland, die den Grundgesetzen des eigenen Landes widerstreiten, für die heimische Rechtsprechung unter keinen Umständen bindend sind) vertreten hat. Die an der Internationalen Rechtsprechung Interessierten Kreise werden dem Ausgang dieses Prozesses mit großer Spannung entgegensehen, weil durch ihn Prinzipienfragen entschieden werden, die auch auf anderen Gebieten als denen des gewerkschaftlichen Streits praktische Bedeutung haben. Der Imperialist der' neuen Sachlichkeit Professor Hoetzsch quittiert seinen Dienst im Dritten Reich. Der Berliner Historiker, Universitätsprofessor Dr. Hoetzsch, Leiter des Osteuropa-Instituts der retchshauptstädtiscben Universität, ist jetzt seinem größeren Kollegen Oncken in jene Versenkung gefolgt, die das Dritte Reich für alle, auch die Nationalsten der Nationalen, bereit hält, die als nicht hundertprozentig System- und parteibuchtreu gelten können. Bisher war der Aakademische Senat seines Lehrkörpers für den Gelehrten, der als entschiedener Monarchist galt, eingetreten. Nun hat ihn Herr Rust, der»braune Reichserziehungsminister« zwangsweise dem Ruhestand zugeführt, obwohl Hoetzsch noch keineswegs die Altersgrenze erreicht hatte. Professor Hoetzsch ist ein Menschenalter hindurch— ein unermüdlich fleißiger, nüchterner, freilich auch ein wenig phantasieloser und philiströser Gelehrter— literarisch und re thorisch dem deutschen, nach Osten gerichteten Imperialismus ein nie versagender Sachwalter gewesen! Die Zahl seiner wissenschaftlichen Arbeiten über das Ostproblem ist nicht leicht feststellbar. In Korrespondenz, Zeitschrift, Buch verfolgt er— ein Deutschritter der neuen Sachlichkeit gewissermassen — seine Mono-Ideologie mit Rohrbach, Jhäck und tuttl quanti. Im Weltkrieg war er der gerade für»Ober-Ost« entscheidende Sachverständige und Gutachter. In der Ukraine- Politik der obersten Heeresleitung realisierten sich gerade Hoetzschsche Theorien; er war der wissenschaftliche Hausgeist sowohl der Kiewer Botschaft unter Mumm und Dircksen (anno 1918) wie auch des benachbarten, freilich ein wenig mit der»pazifistischen Zivilistenpartei« der diplomatischen Vertretung auf Kriegsfuß lebenden Generalkommandos Eichhom-Kirchbach, das— nach dem Attentat des Sozialrevolutionärs auf den höchsten Träger der preußischen Militärmacht— im evakuierten Mittelpunkt der Metropole hinter starrendem Stacheldrahtverhau und argwöhnischen Wachtkommandos an allen Ziugangastraßen residierte. Adolf Hitler hat eigentlich in seinem »Kampf« nur die trockenen Hoetzschschen Statistiken und Wirtschaftsenqueten in das Deutsch der Jahimarktbü�e'übeisetzt. Warum er— oder doch sein System— nun gerade ihm grollt? Das ist nur verständlich, wenn man sich erinnert, daß der Militarismus des »Führers« auch an anderen Stellen, eigentlich Uber»siebzig und einundsiebzig« und die Potsdamer Wachtparade noch nicht hinausgegriffen hat. Hitler ist der olle Wrangel in plebejisch und proletarisch. Er Hebt In seinem Spezlal-Fußballplatz der Phantasie, dem»Ritt gen Ostland«, nicht Mitspieler, die ihm aachlich überlegen sind. Die der Zeit angepaßte Nüchternheit des Herrn Professor zum Beispiel hätte ihm klar machen können, daß er die Polen nicht zu wirklichen Freunden kriegt, auch wenn Herr Göring noch so viele Hirsche im Bialystocker Forst ruhmreich schließt, und auch, wenn der verstorbene Marschall Pilsudski— Augenzeuge und Leidtragender der brutalen prew Bischen Militärmacht anderer Form, wenn sie losgelassen wird— noch so respektvoll von Seeckt, weniger freilich sicherlich von dem »Führer« oder gar seinem Propagandarainl- ster, der jenen ja auch einmal am Bart zu krabbeln versuchte, dachte. F. E. Roth. Gin sdiauerliches Spiel Die braunen Menschenräuber haben den aus Holland entführten Emigranten Gutzelt an die holländische Grenze zurückgebracht. Dort erklärte Gutzelt, er wolle nloht nach Holland, sondern In Deutschland bleiben. Was hat er befürchtet? Eine Kugel in den Rücken— oder schlimmer noch, die Folterung von Frau und Kind, die in Deutschland leben? Oder, am all erschltmmsten, hat er braunen Versprechungen getraut? Dann wird er stille verschwinden, man wird von ihm nie wieder hören. Werden nach dieser Schaustellung, deren Hintergründe man nur ahnen kann, die braunen Menschenräuber nun behaupten. Jacob und Lamper sberger wären aus eigenem freien Willen In Deutschland? Man flüstert Bei der Reichsbank wird wieder neu gebaut,.Man flüstert, es handle sich um eine»Devisengedächtnisstelle«. * Die»Deutsche Stunde« im Rundfunk wurde auf»Klumpfüßchens Märchen- ukrainischenstunde« umgetauft. Hierl in der DefensiTe Die Eünfühmng der aUgem einen Wö»r- pflicht macht dem Regime auch einige Sorgen. Hierl hat wohl geahnt, daß ee mm auch ihm an den Kragen gehen kann und hat dämm gleich nach der Verkündigung dee neuen Qe- setzes eine Erklärung an die Prease gegeben, wonach der Arbeitsdienst von der neuen Wehrmaß nähme nicht berührt werde. Seine Verteidigung des ArbeitadieDttoe ist höchst interessant. Hier! meint;»Leute, die den Sinn des nationalsozialistischen Arbeitsdienstes nicht erfaßt haben, oder nicht erfassen wollten, haben den Arbeitsdienst als Ersatz der bisherigen fehlenden allgemeinen Wehrpflicht, als getarnten Teil der Wehrmacht angesprochen, Arbeitsdienst und Wehrdienst sind aber verschiedene Dinge, die sich nicht gegenseitig ersetzen lassen.»Wie Röhm während seiner Defensive sagte: Wehrmacht nach außen, SA Garant des Nationalsozialismus, und wie Himmler diesen Vers in seiner Notlage wiederholte, so sagt auch Hierl heute: »Die Wehrmacht ist dazu berufen, den deutschen Lebensraum nach außen zu schützen, der Arbeitsdienst als praktisch angewandter Nationalsozialismus ist der Garant dafür, daß unser Volk i m I n- n e r n nie wieder durch Klassengegensätze zerrissen wird...c Resigniert stellt Hierl in einem Artikel fest: »Die Erziehung in der Wehrmacht war ausschließlich auf die militärische Ausbildung eingestellt. Der junge Arbeiter, der als Sozialdemokrat in die Armee eintrat, verließ die Armee zwar als gut ausgebildeter Soldat, war a b e r S ozl a 1 d e m o- kratgeblieben...« Der Arbeitsdienst soll hier nun nach Hierls Wünschen als Kitt wirken, er»oll das Wunder vollführen, aus Sozialisten und Friedensfreuden Chauvinisten und Kriegsbegeisterte zu machen. Er soll in der Sphäre von Propaganda und Erziehung die Sünden der Schacht und Co. also die kapitalistisch, bedingten Gegensätze Uberbrücken. Schacht sollte froh darüber sein, er ist es scheinbar doch nicht, denn gerade aus den Kreisen der Wirtschaft werden lebhafte Bedenken gegen die Beibehaltung des Arbeitdienstee geäußert. »... wie lange kann man die freiwillige Zeithergabe des jungen Menschen fordern, wenn man nicht durch die beiden Volksdienstpflichten seine doch andererseits in einem Volk von Qualitätsarbeitern unerläßliche Berufsschulung gefährden will? Die Zeit ist auf jeden Fall begrenzt, und in sie müssen sich dann eben Wehrpflicht und Arbeitsdienst teilen. Voran geht dabei die Erhaltung dessen, was wir haben, also die notwendige Ausbildungszeit für die Wehrmacht...< So schreibt der»Deutsche Volkswirte und gibt der Meinung Ausdruck, daß der Arb«ta- dienst also nicht unberührt bleiben kann. Daß dies auch Kostengründe sind, wird natürlich verschwiegen aber das hatte Schacht früher schon geäußert und die Reichswehr mdnt das Geld besser verwenden zu können, ganz wie sie es seinerzeit von den Millionen der SA behauptete. Hierl hat wohl schon immer gewußt, daß er viele Feinde hat. Deshalb sagte er auch einmal; »Das Ziel steht unverrückbar vor meinen Augen. Es ist denkbar, daß ich auf dem Wege zu ihm falle, ausgeschlossen ist es aber, daß ich vor irgendeinem Gegner oder irgendeinem Widerstand kapituliere...« Interessanterweise findet Hierl mit seiner Auffassung die völlige Billigung Ludendorffs. den Hierl seinen ersten Führer nennt.»Wir hatten die allgemeine Wehrpflicht schon einmal,« sagte Ludendorff, trotzdem aber verloren wir den Krieg, weil das Volk nicht seine ganze Kraft der Wehrmacht gab, nicht in Geschlossenheit hinter ihr stand, ja, Zersetzung aus dem Volke in das Heer dringen konnte.« Unfähig zu begreifen, daß der Zusammenbruch nicht das Resultat schlechter Pädagogik, sondern des preußischen Regimes und der sozialen Gegensätze war, bilden sich diese Leute ein, sie schippen die gewaltige Kluft zwischen den Klassen mit der Arbeitsdionat- »c Kippe zu. Und wenn Hierl nun in seinem Kampfe unterliegen wird, so wird er die nächste militärische Niederlage Deutschlands auf die Verkennung seines Spatens zurückführen, wie Ludendorff nachweisen wird, daß der Zusammenbruch kam, weil man die arteigene Göttlichkeit seiner Mathilde nicht zu schätzen wußte. Heber dem lolalen Staat: »Der Staat darf nicht fordern, was er nicht erzwingen kann. Wsa aber die Liebe gibt und der Geist, das läßt sich nicht erzwingen. Das lasse er unangetastet; oder man nehme sein Gesetz und schlage es an den Pranger! Beim Himmel, der weiß nicht, Was er sündigt, der den Staat zur Sittenschule machen will! Immer hat das den Staat zur Hölle gemacht, daß ihn der Mensch Zu seinem Himmel machen wollte.« Friedrich Hölderlin(Hyperion). Deutsdie Streifllditer Entgegenkommen gilt als Schwäche Die Abteilung für ölige Ethik im Rcichs- kabinett und in der Reichsführung der NSDAP verwaltet der Stellvertreter des »Führers«, Pg. Rudolf Heß. Ihm werden die Ausländer, zumal aus den angelsächsischen und skandinavischen Ländern zugeführt, die mit religiösen Bedenken gegen die rauhen Sitten des»Dritten Reichs« nach Deutschland kommen und sich gerne überzeugen lassen möchten, daß auch der göttliche Funke noch in nationalsozialistischen Menschen lebt. Für sie hält Rudolf Heß seine Begabung und Neigung zu sentimentalen und frömmelnden Predigten bereit. Ihnen schildert er seinen Gönner Adolf Hitler als den asketischen Vegetarier und Abstinenten. als den verkannten Heiligen, in dem das lautere Feuer eines sittlichen und keineswegs ökonomischen Sozialismus glühe. Gewiß, es gebe auch böse und rohe Menschen im Nationalsozialismus, aber Hitler und sein getreuer Fridolin Rudolf Heß gehören nicht dazu. Dabei steift fest, daß dieser Stellvertreter des»Führers« und Reichskanzlers seine politische Laufbahn, wie übrigens auch in »Mein Kampf« in kaum verbrämter Form nachzulesen ist, als Schlagetot im Münchener Radauversammlungen begonnen hat. Hinter seiner geschauspielerten Sanftmut stecken die Brutalität und die Lüge jedes echten Nationalsozialisten. Er hat dieser Tage in Stockholm gesprochen, wo er als deutscher Reichsminister übrigens auch vom König empfangen worden ist Wie»Social-Demokraten« berichtet hat Rudolf der Friedfertige die deutschen Sozialdemokraten als gewissenlose Subjekte bezeichnet, die an dem deutschen Unglück schuld seien. Das schwedische Partei- und Regierungsblatt wundert sich über diese Frechheit da die Kameraden dieser deutschen Sozial dem ok raten immerhin das Land regieren, in dem Herr Rudolf Heß Gastfreundschaft in Anspruch nahm. Schweden sei allerdings ein freies Land, wo er sich so etwas erlauben könne, aber bilde man sich etwa ein, daß ein schwedischer Sozialdemokrat in Berlin ähnlich über die Nazi sprechen dürfe? Niemand wird sich das vorstellen, können. es sei denn, der Schwede habe die Absicht. die Folterräume der Braunen Häuser und der Konzentrationslager von innen kennen zu lernen oder wünsche durchaus, auf der Flucht erschossen zu werden. Im Auslande empfindet aber auch niemand richtig, wie die liberale Gastlichkeit in demokratisch regierten Ländern auf die Burschen wirkt, die daheim auch die sachlichste und zahmste Kritik buchstäblich erwürgen. Die Heß und Hitler und Göring und Konsorten empfinden das Entgegenkommen von neutralen»Ländchen«, wie Göring in einer wilden Rede zu Freiburg die Schweiz nannte, als Angst und Schwäche vor dem großmächtigen nazistischen Deutschland, und wenn sie nach Hause kommen, machen sie sich Uber die schlappen Kerle da draußen lustig. Solchen rüden Burschen imponiert nur, wenn man sie so behandelt, wie sie es verdienen. Kann man sich dazu nicht entschließen, so sollte man wenigstens In jedem einzelnen Falle eines Auftretens wie das des Heß in Stockholm in kürzester Frist einem führenden deutschen Sozialdemokraten Gelegenheit zu geben, auf die gegen einen nach wie vor großen und kulturell hochstehenden Teil des deutschen Volkes geschleuderten Angriffe in sachlicher Entschiedenheit dort zu antworten, wo die rednerischen Ausschreitungen begangen worden sind. So sollten es Recht und politische Vernunft gebieten. »*• Frei, war die Saar Es ist eine Schmach, daß man es als Deutscher zugestehen muß; aber Tatsache ist, daß im Rheinlande jetzt nicht selten Vergleiche zwischen der militärischen Besatzung durch die Entente von einst und der feindlichen Okkupation durch die Hitlermili- zen jetzt gezogen werden und das Urteil zugunsten der fremden Soldaten, einschließlich der Marokkaner und Anamiten ausfällt. Die Bevölkerung fühlte sich sicherer. Wilde Strafexpeditionen gab es nicht,»Schulungslager« auch nicht, und gegenüber den ausländischen Militärrichtorn konnte man sich durch Dolmetscher verständlich machen, während die Nazibonzen für freie deutsche Auffassungen und deutsche Kultur kein Gehör haben. Den Unterschied zwischen einer Völkerbundsregierung, die als»Fremdherrschaft« diffamiert wurde, und einer Nazidiktatur erlebt jetzt das Sa&rgebiet. Was nicht nazistisch ist, wird verboten, Gerade jetzt vor Hettufäsm und RetksftmiumQ Einmal Strafe— einmal Gnade In Wuppertal-Elberfeld lebte ein 53jäh- riger, führerfrommer Mann, der hatte schon oft gehört, daß man Klagen und Beschwerden über nationalsozialistische Beamte nicht »feige« von Ohr zu Ohr tuscheln, sondern ohne Scheu bei der zuständigen Stelle vorbringen solle. Als sich nun das Material gegen den Kreisleiter Feick, gegen den Wasserwerksdirektor Seegert, sowie gegen verschiedene Amts- und sonstige-Walter der Partei in Wuppertal häufte, als Erpressungen, Anschaffung luxuriöser Automobile, Abhaltung feudaler Gastgelage, Verschacherung wohlbezahlter Posten immer zur lieben Gewohnheit— und gleichzeitig zum helmlichen Stadtgespräch wurden, da setete er sich hin und schrieb � n Göring, schrieb an Göbbels, man solle nicht länger dulden, daß solche Kerie die Bewegung bloßstellen. In der vergangenen Woche beschäftigte sich das Wupportaler Gericht mit dem Fall. Bs verurteilte— wen? Den Kreisleiter? Den Wasserwerksdirektor? Die Amtswalter? Nein, es verurteilte den Ankläger, der die Briefe verfaßt hatte, zu einem Jahr Gefängnis. »Abschließend betonte der Gerichtsvorsitzende«(so heißt es im Bericht),»daß das, was der Angeklagte getan habe, sich als-Machwerk charakterisiere, bei dem Unverstand, Klatschsucht und böser Wille Paten gestanden haben. Aus diesem Grunde sei das Gericht nicht willens gewesen, ihm die Wahrnehmung berechtigter Interessen zuzubüligen.« Den braunen Korruptionisten aber wurde bestätigt, sie seien rein wie Neugeborene es nicht sind. Was Urteile und»Rechtfertigungen« solcher Art zu bedeuten haben, weiß man. Noch wenige Tage, ehe Röhm abgeschossen und vom Führer in aller Oeffent- lichkeit zum Lumpen ernannt wurde, schickten deutsche Gerichte ein paar Angeklagte ins Gefängnis, die des Führers späte Erkenntnis vorweggenommen hatten. Indes bedarf es keiner aus der Vergangenheit geholten Beweise, um die deutsche Rechtsprechung zu beleuchten. Um die gleiche Zeit, da die Wuppertaler Richter sich die Köpfe zerbrachen, wie ein Ankläger gegen das braune Korruptionssystem am besten zu bestrafen sei, saßen die Rochtshüter der großen Strafkammer zu Köln am Rhein vor einem weit unangenehmeren Fall. Hier galt es nämlich, nationalsozialistische Ehrenmänner herauszupauken, deren Schuld ganz offen und unverhüllbar zutage lag. Der Vorsitzende, Landgerichtsdirektor von Löben, hörte voller Angst und Entsetzen die Anklagerede des Staatsanwalts an, die besagte, der Kölner Untergauleiter der deutschen G 1 au b e ns b e w eg u n g habe mit Hilfe seines selbstgewählten Kassenführers in wenigen Monaten etwa 5000 Mark veruntreut. Einen Teil davon zahlte er ganz kaltblütig auf das Sparkassenbuch seines Sohnes ein. Die Summe war eigentlich noch höher als 5000 Mark, denn außerordentlich umfangreiche Reisespesen, die zwar verbucht, aber nicht glaubhaft waren, kamen zu den nachweislich unterschlagenen Geldern hinzu. Außerdem fand man bei der Auflösung des Gaues zwar für 8000 Mark unbezahlte Rechnungen, aber nur 1500 Mark flüssige Mittel vor. Alle Beweise waren vorhanden, die Bücher lagen zur Einsicht bereit, an der belastenden Aussage des Revisors war nicht zu drehen und nicht zu deuteln. Der Staatsanwalt beantragte für jeden Angeklagten 10 Monate Gefängnis.»Da gingen die Berater zu den Richterstühlen«--- und nach etwa 114 stündiger Sitzung wurde das Verfahren auf Grund des Straffreiheitsgesetzes eingestellt. Wenn in Zukunft ein Bürger der Stadt Köln behaupten wollte, daß die beiden Angeklagten die Kasse der Deutschen Glaubensbewegung um einige Tausend Mark erleichtert hätten, so müßte er gewärtigen, Ina Gefängnis zu wandern. Denn die»Wahrnehmung berechtigter Interessen kann nicht zugebilligt werden«, wenn es sich um die Bloßstellung brauner Verbrecher handelt. einem Jahre marschierten(Ee katholischen Organisationen von Saar und Mosel in Saarbrücken zu einer riesigen Kundgebung auf. Kein Völkerbundaminister hinderte sie. Nun wollte zwei Monate nach der großen Saarbefreiung der konfessionelle Verband»Neu- Deutschland« einen Aufmarsch in Saarbrük- ken veranstalten. Der Reichskommissar Bürckel bezeichnete das ihm eingereichte Programm, obwohl es nur katholische Lieder enthielt, als eine Provokation und hat nicht nur die eine vorgesehene, sondern auch»alle weiteren Kundgebungen« des Verbandes untersagt.»Deutsch ist die Saar«— aber frei ist sie gewesen. »»* 669 hoch bezahke Schweiber Am 21. Mai war der Reichstag einberufen, um eine Hitlerrede anzuhören. Eine der Hauptforderungen des oppositionellen Nationalsozialismus war, die Zahl der Reichstagsabgeordneten zu verringern. Es sind jetzt«69, im Jahre 1930 waren es noch 577. Zur»Korruption« des Parlamentarismus, wie ihn die Nazis verleumdeten, gehörten die Diäten. In den bekannten vierzehn Jahren »marxistischer Mißwirtschaft« mußte für die Aufwandsentschädigung in vielen Ple- nar- und Kommissionssitzungen gearbeitet werden. Wer schwänzte, erhielt pro Fehltag 20 RM abgezogen. Wie ist das jetzt? In achtzehn Monaten hat der Reichstag ganze fünf Sitzungen mit insgesamt etwa acht Stunden Arbeitsdauer abgehalten. Dafür hat jeder der 669 Abgeordneten monatlich 600 RM 10.800 RM ausgezahlt erhalten. Schweigen ist Gold! Man sollte das alte deutsche Sprichwort über das Hauptportal des Reichstagsgebäudes setzen, denn die Inschrift»Dem deutschen Volke« ist lange schon nicht mehr wahr. Wo bleiht die katholische Solidarität? Die Prozesse gegen Mitglieder katholischer Orden wegen Devisenvergehen haben begonnen. Es handelt sich um etwa 80 bis 90 Angeklagte, von denen etwa die Hälfte auf die Diözese Münster i. W. entfallen. Die ersten Urteile bringen jahrelange Zuchthausstrafen und hunderttausende Mark Geldbußen. Alle Verhandlungen sollen in Berlin stattfinden, weil die Stimmung in den katholischen Gebieten so gereizt ist, daß man Ausbrüche des katholischen Volksteiles befürchtet. Die Tatsache der Devisenvergehen steht fest. Juristisch dürften sich die meisten Angeklagten schuldig gemacht haben, allerdings handelt es sich in nicht einem einzigen Falle um persönliche ; Bereicherung. Die deutschen Klöster haben charitative Verpflichtungen gegenüber außerdeutschen Mutterhäusern ihrer Orden und ähnliche Transaktionen erfüllt. In den katholischen Kreisen Deutschlands wird weniger das gerichtliche Vorgehen selbst verurteilt als die Art, wie die Gestapo vorgegangen ist. Die Ueberfälle auf(Ed Klöster erfolgten in der beliebten»schlagartigen« Form. Die Folge waren schwere Nerven- erschütterungen bei den meist schon älteren Klosterfrauen. Von einer in Berlin-Reinickendorf betroffenen Gruppe, die als eine der ersten ihrer Aburteilung entgegensieht, fiel eine Schwester bei dem Eindringen der Polizei tot zu Boden, eine andere Schwester ist im Gefängnis gestorben. Auffallend ist die geringe Anteilnahme, die den Verfolgungen des Katholizismus durch die Nazis Im katholischen Auslande entgegengebracht wird. Einige Berichte und lahme Artikel, das Ist alles. Wie ganz anders hat der internationale Katholizismus beispielsweise gegen die antiklerikale Politik in Mexiko mobil gemacht, von Rußland ganz zu schwelgen. Man stelle sich den Riesenlärm in der ganzen Welt mit dem Papst an der Spitze vor, wenn etwa eine Regierung Ebert-Scheidemann auch nur einen bescheidenen Teil der Maßnahmen durchgeführt hätte, die jetzt in Deutschland alltäglich sind, und die zahllosen wilden Exzesse gegen einzelne Priester und Laien sind noch hinzuzurechnen! Hannes Wink. Triumphe... »Die Synagoge In Sickenhoven bei Baianhausen(Hessen) ist in ein Heim der Hitlerjugend umgewandelt worden.«(Aus einer hessischen Zeitung.) IVeues Geflüsler Deutsche, eßt deutsches Schweinefleisch! Ihr unterstützt damit die deutsche Sauwirtschaft. Fortwursteln* wie lange nodi? Es wird inflationistisch fortgewurstelt. Das ist das österreichisch- braunausche Kompromiß, mit dem der Konflikt zwischen den draufgängerischen und den vorsichtigen Inflationisten vorläufig beigelegt zu sein scheint. Daß es sich nur um eine provisorische Lösung handelt, liegt nicht nur in der Natur der Sache, sondern wird auch durch einen Artikel im»Angriff« vom 16. Mai bewiesen, der einen bedeutsamen Vorstoß der nationalsozialistischen Befürworter der Währungsverschlechterung darstellt. Der Artikel stammt von einem Mitglied des Stabes des Stellvertreters Hitlers, des Reichsministers Heß. Daß der Erfolg der binnenwirtschaftlichen Wirtschaft die Aufrechterhaltung einer festen Währung erfordere, wird als ein verderblicher Irrglaube bezeichnet und behauptet, daß diese falsche Auffassung nur noch bei einem kleinenTeil dermaßgeben- den Stellen herrsche. Dieses offene Eintreten für die Wäh- rungsabwertung von so prominenter nationalsozialistischer Stelle hat heftige Beunruhigung ausgelöst und ist an der Börse trotz der Gegenerklärung der Reichsbank sehr ernst genommen und mit einer richtigen Sachwerthaussee beantwortet worden. Namentlich internationale Akten erzielten Bekordkurse. Die Unruhe ist umso größer, als das Vertrauen in die Auskunftsmittel des Herrn Schacht auch bei seinen bisherigen Anhängern immer mehr schwindet, jeder Einblick in die Finanzgebarung immer unmöglicher wird und die Wirtschaftslage sich immer offensichtlicher verschlechtert. Schacht scheint ja endlich mit seiner Schröpfung der privaten und Sozialversicherungsanstalten etwas weiter gekommen zu sein. Freilich muß er viel Wasser in seinen Wein schütten. Ursprünglich sollten die Versicherungsgesellschaften eine Anleihe von 750 Millionen übernehmen. Jetzt wird gemeldet, daß man sich zwar über die Bedingungen der Anleihe geeinigt habe—, es handelt sich um eine viereinhalbprozentige Anleihe mit einem Begebungskurs von 98 � Prozent und 2 Prozent Tilgung, was eine TUgungsdauer von 26% und eine Effektivverzinsung von 4.65 Prozent bedeutet— aber die Höhe der Summe steht noch nicht fest und sicher scheint nur zu sein, daß sie 500 Millionen nicht erreichen wird. Die Versicherungsgesellschaften setzen sich mit aller Kraft zur Wehr, und das aus triftigen Gründen. Denn für sie bedeutet diese erzwungene Anleiheübemahme nur, daß sie gute Kapitalanlagen, soweit es solche in Deutschland noch gibt, gegen das schlechte Staatspapier austauschen müssen. In der Tat haben die Versicherungsinstitute auch schon den Beschluß fassen müssen, ihre Käufe von Anleihen und Pfandbriefen einzustellen und keine Anträge auf Gewährung von Hypotheken entgegenzunehmen. Um eine Kündigung schon gewährter Hypotheken zu vermeiden, hat sich Schacht dazu verstehen müssen, besonders lange Ein- zahlungstermine zuzugestehen und die so- fortigeWiederbeleihung der Anleihestücke bei der Reichsbank zuzusagen. Davon wird vor allem die Reichsversicherungsanstalt für Angestellte Gebrauch machen müssen, der Schacht nicht weniger als 100 Millionen aufzwingt. Denn sie hat bis jetzt auch die Posten Reichsbahnaktien und Umschuldungsanleihe, die ihr der Reichsfinanzminister vor einiger Zeit angehängt hat, noch nicht verdauen können und einen Teil davon noch heute bei der Reichsbank lombardiert. Der Schwindel ist offenbar! Um einen Teil der bei der Reichsbank eingefrorenen Arbeitsbeschaffungswechsel loszuwerden, die im ganzen heute mit rund drei Milliarden etwa 80 Prozent des Reichsbankportefeuilles ausmachen, zwingt sie Schacht in Form von Anleihestücken den Versicherungsinstituten auf. In demselben Umfang aber müssen die Institute ihre Ausleihungen an Hypotheken, ihre Käufe an Pfandbriefen und Anleihen unterlassen. Schacht vermindert also die neue Arbeitsbeschaffung, die die Gewährung von Hypotheken und der Kauf von Pfandbriefen ermöglicht. Volkswirtschaftlich bedeutet die ganze Transaktion also nur, daß Schacht die Institute an neuer Arbeitsbeschaffung hindert. Er reißt neue Lücken auf, um alte zu stopfen. Er will seinen Reichsbankausweis verschönern, er ändert aber nicht das geringste daran, daß auch diese neue Zwangsanleihe in letzter Instanz nur durch den Notenbankkredit finanziert ist. Daß solche Methoden selbst in Deutschland immer weniger Eindruck machen und die Aussicht, daß schließlich eine Geldabwertung nach Danziger Muster unvermeidlich werden wird, rasch an Verbreitung gewinnt, ist natürlich genug. Der zurückbefohlcne Krosigk Dieser Glaube wird noch gefördert durch die schwache Abwehr, die der zurückgekehrte Krosigk den Devalvationsanhängern in einer Rede über»Oeff entliche Finanzen und Wirtschaft« entgegen- gesetzt hat. Der Minister fürchtet nur eines: die Gegenmaßnahmen des Auslandes gegen ein neues Valutadumping. Daß die Geldabwertung Enteignung der Sparer und neuen Lohnraub bedeutet, wie das Exempel in Danzig erneut beweist, das kümmert die NationalsoziaU- sten wenig. Wie lange aber das Argument noch verfängt, ist umso zweifelhafter, als Gegenmaßnahmen auch gegen den neuen Plan Schachts, durch direkte Subventionierung der Ausfuhr das Dumping zu steigern, zu erwarten sind. Die Rede Krosigks ,war auch im übrigen eine Enttäuschung. Ueber die wirkliche und allein entscheidende Frage, wie denn nun die ungeheuren Rüstungsausgaben finanziert werden sollen, sagte dieser merkwürdige Finanzminister auch nicht ein Wort! Der neue Etat bleibt weiter im Dunkeln, die Höhe der Ausgaben wird verheimlicht und nur in einem Punkt ist Krosigk bestimmt: Lo h n e r h ö hu n g e n d ü r f e n nicht erfolgen. Dem L e y mit seiner Ankündigung, den»gerechten Lohn« ab 1. Mai 1936 zu verwirklichen, wird wieder einmal bedeuten, daß sich die»Arbeitsfront« um die Lohnfrage nicht zu kümmern hat.! Ebenso wie Lohnerhöhungen bezeichnet Krosigk auch Steuersenkungen für unmöglich. Die schönen Versprechen der Nationalsozialisten haben sich gründlich verflüchtigt. Sehr pessimistisch, fast wahrheitsliebend, wurde Krosigk, als er auf den »dunklen Punkt«, den Export, zu sprechen kam. Es würden nur mehr 12 Prozent der industriellen Produktion exportiert. Infolge des Ausfuhrrückgangs würden zurzeit 1% Millionen Arbeiter weniger beschäftigt als 1928. Diese Situation sei aber bedrohlich, nicht nur wegen der Verschärfung des Arbeitslosenproblems— hat nicht der Ley am 1. Mai verkündet, daß es innerhalb eines Jahres keine Arbeitslosen mehr in Deutschland geben werde?— sondern auch wegen der Rohstoffversorgung. Ungünstiger Außenhandel In der Tat zeigt der Außenhandel im April wieder ein ungünstiges Bild. Er weist ein Defizit von 19 Millionen auf. Das ergibt für die ersten vier Monate des laufenden Jahres schon ein Defizit von 181 Millionen Reichsmark gegen 284 Millionen im ganzen Jahr 1934. Gegenüber dem Vormonat hat die Einfuhr mit 359 Millionen um 9 Millionen zugenommen, während die Ausfuhr von 365 auf 340 Millionen, also um 25 Millionen zurückgegangen ist Die Hoffnung, daß sich aus den zunehmenden Kompensationsgeschäften eine Steigerung der Ausfuhr ergeben werde, hat sich demnach bisher nicht verwirklicht. Wieder betrifft der Rückgang der Ausfuhr am stärksten gerade die wichtigste Gruppe, die der Fertigwaren, mit rund 17 MUlionen. Am meisten betroffen sind Textilfertig- waren und chemische und pharmazeutische Erzeugnisse einschließüch Farben. Dagegen hat die Einfuhr erneut zugenommen, während sie vor einem Jahr unverändert geblieben und 1933 um rund 11 Prozent gesunken war. Zugenommen hat vor allem die Einfuhr von Rohstoffen, sodaß der Monatsdurchschnitt des Vorjahres erneut überschritten wurde. Bezeichnend ist die Zunahme der Einfuhr von Eisenerz (+2.3) und Aluminium(+2.1), also von Rohstoffen für die Rüstungsindustrie, trotz der namentlich bei Aluminium sehr stark gestiegenen Inlandserzeugung. Das Defizit der Handelsbilanz ist seit der Erschöpfung der Goldvorräte bekanntlich im wesentlichen auf zweierlei Weise gedeckt worden: einmal durch die fortschreitende Verweigerung der Zinszahlungen, zweitens dadurch, daß die eingeführten Waren zum Teil nicht bezahlt wurden. Jetzt scheint aber die Grenze erreicht zu sein. Während des ersten Vierteljahres 1935 hatte sich im Verkehr mit den europäischen Ländern statt des normalen Ausfuhrüberschusses zum erstenmal ein Ein- fuhrüberschuß ergeben. Denn Schacht hatte systematisch die Einfuhr aus diesen Ländern erhöht. Dadurch hatte er ihren Forderungsanspruch an Deutschland zum Verschwinden gebracht, und auf den Verrechnungskonten ergäben sich nicht nur keine Ueberschüsse zur Bezahlung der Zinsen, sondern ein erheblicher Ted der ge- üeferten Waren blieb unbezahlt. Jetzt scheinen aber die Gegenmaßnahmen der betroffenen Länder wirksam zu werden. Sie haben die Ausfuhr nach Deutschland auf das Maß gedrosselt, das ihnen die Zahlung sicherstellt. Jedenfalls zeigt die Aprilbilanz, daß die Bezüge Deutschlands aus den europäischen Ländern zurückgegangen sind. Diese bestehen jetzt auf barer Zahlung. Will Schacht also die Einfuhr in dem für die Aufrüstung nötigen Maß aufrechterhalten, so muß er um jeden Preis den Export steigern. Deshalb besteht er auf der Exportabgabe, die ihm in großem Umfang das Dumping ermöglichen soll. Die Industrie hat aber bis jetzt ihren Widerstand aufrecht erhalten, und erst die nächsten Wochen werden zeigen, wie und in welchem Umfang Schacht die neue Belastung der deutschen Produktion durchsetzen kann. Blnoenwirtfsdiaftilciie SdiwierigkeHen Der Exportrückgang fällt zusammen mit einer Abschwächung der Konjunktur in all jenen Wirtschaftszweigen, die nicht unmittelbar von Rüstungsaufträgen leben. Das gilt vor allem für die Textilindustrie. Während es noch vor kurzem in den Handelskammerberichten hieß, daß sich von der Weberei an bis zur Konfektion eine zunehmende Verlangsamimg des Geschäfts geltend mache, aber die Nachfrage nach Garnen aller Art sehr lebhaft sei, hat jetzt die Krise auch auf die Spinnereien übergegriffen. Nach den Berichten der deutschen Baumwollindustrie für April hat die Nachfrage nach Baumwollgarnen nachgelassen, während bisher der Bedarf so groß war, daß er nicht befriedigt werden konnte. Insbesondere sei das Interesse für Mischgespinste wesentlich zurückgegangen— eine Angabe, die besonders bedeutungsvoll in einer Zeit ist, in der Schacht die Errichtung neuer Anlagen für diese vom Konsum offenbar abgelehnten Erzeugnisse erzwingt. In der Vigogne- und Zweizylinderspinnerei habe der Neueingang von Aufträgen und der Abruf auf bestehende Kontrakte nachgelassen. In der Baumwollspinnerei sei stellenweise der Auftragseingang nicht unbedeutend zurückgegangen. In der Rohmaterialbeschaffung ergeben sich Schwierigkeiten und die Ausfuhr leide nach wie vor. Was für die Textilindustrie gilt, gilt aber auch für einen großen Teil der Konsummittelindustrien überhaupt. Das beweist die Entwicklung der Einzelhandelsumsätze, die im März einen Rückgang um 8 Prozent zu verzeichnen hatten, ebenso, wie die Klagen über den schlechten Ausfall des Ostergeschäfts und des Inventurausverkaufs. So gesellen sich zu den immer schwieriger werdenden Problemen des Außenhandels, mit denen die Fragen der Rohstoffversorgung und der Aufrechterhaltung der Währung in engster Verbindung stehen, auch zunehmende binnenwirtschaftliche Schwierigkei ten, die die sozialen Gegensätze im allgemeinen steigern müssen und rückwirkend die bestehenden Konflikte innerhalb des Regimes verschärfen. Dr. Bichard Kern. Ersa�prodtiktiou und Kriegszweck Die industriellen Rohstoffe, die in Deutschland der strengsten Zwangswirtschaft unterliegen, sind die Metalle. Die Ueber- wachungsstellen bestimmen die Höhe der Einfuhr, der Preise und der Gewinnspannen, kontrollieren die Verarbeitimg der metallischen Rohstoffe und ihre Vorräte. Als Zweck dieser straffen Staatswirtschaft wird die Ersparnis von Devisen angegeben. In der deutschen Metallwirtschaft kann nichts geschehen was die Ucberwachungsstellen nicht wissen und wollen. Wenn also ihr angeblicher Zweck nicht erreicht wird, sondern das genaue Gegenteil, so beweist das, daß dieser Zweck gamicht erreicht werden sollte, sondern nur vorgetäuscht ist. Man müßte annehmea, daß die Steigerung der Erzeugung heimischer Metalle den Anteil der vom Ausland eingeführten vermindern müßte. Aus den letzten Vierteljahraheften des Instituts für Konjunkturforschung erfahren wir aber überraschender Weise, daß an der Gesamtversorgung mit Metallen der Anteil der vom Auslande eingeführten nicht sinkt, sondern steigt. Der Anteil der Einfuhr war 1934 gegenüber 1933 gestiegen von 53,8 auf 60,4, bei Blei von 14,3 auf 23,1 Prozent und nur bei Zink war er wenig, und zwar von 57 auf 53 Prozent gesunken. Der Sinn der Ueberwachungsstellen ist also nicht die Ersparnis von Devisen, sondern die Anhäufung von Vorräten, sie sind nicht Instrumente zur Verbesserung der Zahlungsbilanz, sondern Instrumente der Kriegswirtschaft. Das IVcIn der ArbeHer Nun liegt ein offizielles Eingeständnis der Nationalsozialisten über den miserablen Ausfall der Vertrauensratswahlen vor. Der Berliner Stadtr. Engel hat in einer Versammlung im Berliner Sportpalast(Frankfurter Zeitung Nr. 251) u. a. gesagt: Maßgeblich für das schlechte Abschneiden bei den Wahlen sei durchaus nicht so sehr die Lohnfrage als vielmehr die Art der Behandlung der Gefolgschaft. Es werde Aufgabe der nächsten Zeit sein, die Betriebe, dieam schlechtesten abgeschnitten hätten, genauer unter die Lupe zu nehmen und ein ernstes Wort mit den meist abseits von der eigenen Belegschaft stehenden Betriebaführem zu reden, denen offenbar nationalistische Schulung sehr not tut. Wenn es da und dort auch u n- ter der Gefolgschaft noch sehr böse aussehe, so eröffne sich damit ein reiches und wichtiges Betätigungsfeld für die Vertrauensmänner, die danach trachten müßten, sich durch das gute Beispiel das immet nur sauer erkämpft werden könne, zu erwerben. Ueber die Vertrauensmänner, denen hier Engel eine so große Aufgabe zuweist, kursiert in den Betrieben eine Scherzfrage. Was ist der Unterschied zwischen einem Hundekuchen und einem Vertrauensrat? Antwort: Der Hundekuchen ist für den Hund, und der Vertrauensrat für die Katz! Schließlich soll Engel nicht so tun, als wüßte er nicht, was die Opposition bei den Vertrauensratswahlen bedeutet: In 140.000 Betriebsversammlungen hat man sie als eine große politische Vertrauensfrage für das Regime aufgezogen, und die Antwort von Millionen und aber Millionen Arbeitern war: Nein! In diesem Nein aber steckt zugleich das Ja für den Sturz der Nazidiktatur, für sozialistischen Aufbau und sozialistische Freiheit! Befohlene Huprascbreier Nächst dem arischen Volksgott Hitler, der durch die staatliche Propaganda längst über Menschenmaß hinausgeschoben ist, werden die größten Ehren für Göring befohlen, der sich jetzt auf seinen Fahrten durchs Land wie ein Cäsar feiern läßt. Stundenlang— in Bonn war es jüngst so— müssen die Schulkinder und das sonstwie befohlene Publikum auf das Eintreffen des großen Hermann warten. Nie ist ein Kaiser mit soviel Vor- und Nachtrab, mit so großem Gefolge, mit solchem Tamtam eingezogen wie Göring, der mehr und mehr zum Gespött der Hitleriken wird, die einen strahlenden Lohengrin erwarteten und einen grinsenden Dickwanst vorüberfahren sahen... Der Nazipartei In Freiburg verdankt man den dokumentarischen Beweis, wie in Deutschland Volkskundgebungen für die gellebten Führer zustande kommen. Dort erschien in der Presse folgende befehlsmäßige Drohung: Im Benehmen mit der Polizeidirektion und den übrigen Dienststellen ergebt folgender Aufruf: Bei dem Empfang des Ministerpräsidenten General Göring anläßlich seines Frei- burger Besuches am 10. Mai 1935 muß eine umfassende Teilnahme der Bevölkerung ermöglicht und di e al 1 g e m e i n e Freude nach außen bekundet werden. Es ergeht deshalb das dringende Ersuchen an die in Frage kommenden Bevölkerungskreise, an diesem Tage in der Zeit von 15 bis 17 Uhr sämtliche offene Verkaufsstellen(Ladengeschäfte), alle gewerblichen und industriellen Betriebe, sowie sämtliche Gast- und Schankwirtschaften zu schließen. Ausgeschlossen können Arbeiten bleiben, die zur Aufrechterhaltung und zur Fortführung industrieller Betriebe unbedingt notwendig sind. Es darf darauf hingewiesen werden, daß die Bevölkerung in der Außerachtlassung dieses Aufrufes eine gegensätzliche Haltung und Einstellung erblicken müßte. NSDAP-Kreispropaganda-Leitung. Schreit Hurra oder Ihr werdet eingesperrt. Das ist hier das Entweder— Oder. IteltoSrfs 26. Mai 1930 Die„fliegende Nation" Enthüllungen über die den Mit Recht sagt Dorothy Woodman über diese Vemebelungsversuche der Hitlerregierung: »So wie die Hitlerregierung in Sachen der deutschen Luftrüstung gelogen hat, so hat nooh kaum eine Regierung die Regierungen anderer Länder belogen, mit denen sie äußerlich In freundschaftlichen Beziehungen lebte.« Diese Tatsache zwinge eine Folgerung auf, die man bisher im Auslande nicht immer gezogen habe: »die Folgerung, daß die Welt von der Hit- lerregierung Ueberraschungen zu erwarten hat, die nur von einer Regierung kommen können, die skrupellos ihre räuberischen Eroberungsinteressen verfolgt und entschlossen ist, mit ihrer gewaltigen Kriegsmaschine brutal alles niederzutrampeln, was sich ihr an Hindernissen in den Weg stellt.« Solange daher die Hitlerregierung nach den in der übrigen Welt geltenden Begriffen beurteüt werde, solange betrüge man sich selbst; das gelte im allgemeinen ebenso wie für die Aufrüstung und im besonderen für die Aufrüstung der deuschen Luftfahrt. Ueber den Umfang und die Methoden der Luftaufrüstung gibt Dorothy Woodman sehr eingehendes Material, das in einzelnen TeUen aus den Publikationen in der Tagespresse wohl bekannt ist, aber erst in seiner Zusammenfassung und historischen Güederung eine richtige Vorstellung über den Stand der Dinge liefert. Zunächst ist die Feststellung wichtig, daß die Luftaufrüstimg, ebenso wie die übrigen Teile der deutschen Aufrüstung, keineswegs von der Hitleregierung aus dem Boden gestampft tsdie Lufiaufrüstung wurde, sondern daß sie nur die Vollendung der Aufrüstungsarbeit darstellt, die von den in der Reichswehr verschanzten traditionellen Trägem des deutschen Militarismus seit Jahr und Tag systematisch betrieben wurde. Speziell in der Aviatik knüpfte die Aufrüstung an die Vorarbeiten an, die unter dem Deckmantel des Verkehrsflugwesens geleistet worden waren. Der Riesenkonzera der»Deutschen Lufthansa« war einer der wichtigsten Faktoren im Expansionsstreben des neudeutschen Imperialismus und seiner militärischen Aufrüstung. Er schuf die Möglichkeit sowohl für die Tarnung der Luftaufrüstung wie für die Schaffung eines engmaschigen Netzes von Fluglinien mit der dazu gehörigen Bodenorganisation. Ein weiterer Faktor der Aufrüstung war der Militärflugzeugbau, der in anderen Ländern, im»Exil«, betrieben wurde. Nach der Machtergreifung Hitlers setzte die Rückwanderung dieser Müitärflugzeug- werke nach Deutschland ein. Zum Teü bilden aber die Auslandsbetriebe noch heute die erweiterte Basis der hitlerdeutschen Flugzeugindustrie. Daneben sind aber auch noch zahlreiche ausländische Firmen für die deutsche Luftaufrüstung tätig. Die Aussagen vor dem Untersuchungsausschuß des Bundessenates in Washington im Herbst 1933 haben unwiderlegliches Material darüber geliefert. Am wesentlichsten ist jedoch der ans Phantastische grenzende Ausbau der deutschen Flugzeugindustrie selbst, die sich heute bereits in mobüem Zustande befindet Außer den alten Flugzeugfabriken haben eine Reihe großer Das im verflossenen Herbst erschienene Buch der Sekretärin der englischen Union für demokratische Kontrolle, Dorothy Woodman,»Hitler treibt zum Krieg«, hat überall verdiente Beachtung gefunden und viel dazu beigetragen, daß das Ausland über den Stand der deutschen Aufrüstung unterrichtet wurde. Die nach der Proklamierung der allgemeinen Wehrpflicht in Deutschland offiziell bekanntgegebenen Daten haben zu einem großen Teü die Angaben von Dorothy Woodman bestätigt. Jetzt erscheint in der Edition du Carrefour, Paris, ein neues Werk derselben Verfasserin»Hitlers Luftflotte startbereit«(182 Seiten, Preis Frcs. 15.— oder Kc 20.—), in dem an Hand eines reichhaltigen Tatsachenmaterials, das zu einem großen Teil der Fachliteratur entnommen ist, der derzeitige Stand der deutschen Luftaufrüstimg dargestellt wird. In der Einleitung unternimmt die Verfasserin den Versuch, die Vertuschungspolitik der Hitlerregierung durch ihre Ver- nebelungsversuche auf dem Gebiete der Luftaufrüstimg dokumentarisch nachzuweisen. Am 15. Februar 1934 gab G ö- ring dem Sonderberichterstatter der »Daily Mail«, Ward Price, in einem Interview folgende Erklärung ab: »Die gesamte deutsche Luftfahrt verfügt nur über rund 300 Flugzeuge, einschließlich der veralteten Typen... Ein militärisch brauchbares Flugzeug gibt es in Deutschland nicht.« Zwei Monate später, Anfang April, Wurde der deutsche Etat für 1934 publiziert, aus dem hervorging, daß für Luftfahrt und Luftschutz Ausgaben in Höhe von 210 Millionen Mark, 134 Millionen mehr als im Vorjahr, angesetzt waren. Auf einen gehamischten Protest der englischen Regierung erklärte Außenminister Neurath, am 27. April vor deutschen Pressevertretern: »Alle Behauptungen, als ob wir uns nicht nur auf die Vorbereitung einer defensiven Ausrüstung mit Angriffswaffen eingestellt hätten, verweise ich auf das Entscheidendste in das Reich der Fabel,« Am 20. Dezember 1934 empfing G o- ring den Korrespondenten des Reuter- Büros und erklärte ihm feierlich, alles, was Deutschland tue, diene nur dem zivüen Flugverkehr und dem passiven Luftschutz. Eine militärische Aviatik existiere in Deutschland nicht. Wörtlich setzte er fort; »Natürlich haben wir einige Versuchsmaschinen. Aber davon zu sprechen, daß Deutschland Hunderte von Militärflugzeugen habe, ist einfach lächerlich.« Knappe drei Monate später, am 10. März 1935, erklärte G ö r i n g dem Berichterstatter der»Daily Mail«, Ward Price, daß ab 1. April 1935 Deutschland eine militärische Luftflotte haben werde in einer Stärke, die ausreiche, jeden Luftangriff, gleichgültig in welchem Augenblick, erfolgreich abzuschlagen. Diese Erklärung, im Lichte früherer offizieller Aeußerungen, verriet, daß die deutsche Luftflotte eine Stärke von weit über 1000 Flugzeugen besaß. Der Schleier wurde vollends gelüftet durch die Rede G ö r i n g s vor dem Verein der ausländischen Presse zu Berlin am 2. Mai 1935. Hier gab Göring mit zynischer Offenheit zu, daß die Hitlerregierung bisher die Oeffentlichkeit bewußt angelogen habe. Wenn die Auslandspresse in früheren Monaten behauptet habe, daß in verborgenen Fabriken Tag und Nacht gearbeitet Wurde, so habe sie dabei zum Teil Recht gehabt. Göring gab offen zu, daß er es abgelehnt habe, den Weg einer langsamen, allmählichen Aufrüstung zu beschreiten. Er habe vielmehr»die technischen und industriellen Möglichkeiten bis zum Aeußer- sten ausgebaut, die es dann gestatteten, schlagartig die Luftwaffe zu schaffen«. Wie Göring, so verfuhr auch Hitler. Während des Besuchs Sir John Simon in Lerlin, erklärte ihm Hitler, die deutschen Luftstreitkräfte seien nahezu denen Großbritanniens gleich. Wenige Wochen später konnte das britische Luftfahrtministerium feststellen, daß die deutsche Luftflotte, im Oegensatz zur Behauptung Hitlers, bereits doppelt so stark sei wie die englische. Seeckt kehrt heim An die Rückkehr Seeckta nach Deutsch- land werden eine Reihe von Vermutungen geknüpft, die Zumindestens mit Vorsicht aufgenommen werden müssen. Hier und dort glaubt man gerade durch die Einführung der allgemeinen Wehrpflicht Seeckts Sympathien für das Dritte Reich, dem er stets sehr kühl gegenüber stand, gewonnen zu haben. Bemerkenswerter Weise ist nun aber gerade der General von Seeckt Gegner der allgemeinen Wehrpflicht, da er die großen Massenheere dieser Art für militärisch überholt ansieht. Daß ihm die Reichswehroffiziere zum größten Teil ein außergewöhnliches Vertrauen entgegenbringen, dürfte sicher sein, wie die Meldungen, wonach die Nationalsozialisten lebhafte Bedenken gegen Seeckt äußern, ebenfalls recht unglaubwürdig sind. Im Jahre 1923 unternahmen völkische Kreise ja sogar ein Attentat auf Seeckt, der sich dem Hitlerputsch entgegenstellte. Seeckt hatte sich auch den Zorn der Freikorps zugezogen, die er zunächst benutzte, dann aber, als die Reichswehr ihre eigentliche Entstehungszeit erlebte, die Angehörigen der Freikorps nicht in die Reichswehr einzugliedern bereit war, da ihm diese für ein modernes Heer nicht qualifiziert genug erschienen. Schließlich hat Seeckt manchen heute führenden Nationalsozialisten aus der Reichswehr herausgedrängt, was auch nicht dazu beigetragen haben wird, den General heute jauchzend zu empfangen. Vor allem aber ist Seeckt in seiner außenpolitischen Zielsetzung weit vom heutigen Kurs entfernt. Schon aus diesem Grunde ist nicht anzunehmen, daß Hitler sich darum bemüht hat, Seeckt heranzuholen. Seekt war bei den Friedensverhandlungen ein Gegner des General Hoffmann und hat sich in der nachfolgenden Zeit stets um die besten Beziehungen zu Rußland bemüht. Auf russischem Boden wurden in der Aera Seeckts bekanntlich deutsche Munitionsbetriebe errichtet, und der kommunistische Aufstand 1923 wurde mit Granaten niedergeschlagen, die in Sowjetrußland gedreht wurden. Selbstverständlich hat sich Seeckt nicht verpflichtet gefühlt, seine Sympathien für Rußland auch die deutschen Kommunisten spüren zu lassen. Dennoch haben die Kommunisten alles getan, um die besten Beziehungen zu Seeckt zu unterhalten. Recht aufschlußreich ist die Zuschrift eines Offiziers an die»Rote Fahne«, die unter dem Titel»Vom Rücktritt Seeckts« ohne jedes Kommentar am 6. Juni 1925 veröffentlicht wurde. Es heißt dort u. a.; »Wie bekannt, ringen im Reichswehrministerium schon seit längerer Zeit zwei Strömungen miteinander. Die eine, weitaus mächtigere und bedeutendere, kann als östlich orientiert betrachtet werden. Zu ihr war seit längerer Zeit schon der General von Seeckt zu rechnen. Sie erstrebte die Aufrüstung des neuen deutschen Heeres auf dem Wege über eine Allianz mit Rußland und der im Bunde mit diesen beabsichtigten Zerschlagung Polens... Im schroffen Gegensatz zu dieser Strömung stand eine andere Gruppe, die sich hauptsächlich in der näheren Umgebung des Reichswehrministeriums festzusetzen verstanden hatte. Diese westlich orientierten Offiziere erwarteten das Heil von einem Zusammengehen mit den Westmächten gegen Sowjetrußland, Einige wenige treue Anhänger Ludendorffs im Offizierskorps der Reichswehr bildeten diese Richtung im Bunde mit denjenigen Offizieren, die zwar gegen Ludendorff eingestellt waren, aber trotzdem die Westlösung bevorzugten____« Im gewissen Sinne dürften solcherlei Differenzen heute noch bestehen, wenn der Kreis der Ostorientierung und also der Seeckt-An- hänger auch beträchtlich gewachsen sein wird. Seeckt hat noch nach dem Sieg der Nationalsozialisten eine Broschüre geschrieben, in der er klar und ausführlich aufzeigte, daß Deutschland nur im Bunde mit Sowjetrußland bestehen kann. Nach den Niederlagen der Ro- senbergschen Außenpolitik wird sich diese Konzeption wieder um so lebhafter durchzusetzen suchen. Seeckt und Rosenberg sind also zweifellos nicht miteinander zu vereinbaren. Die Widersprüche sind mannigfaltiger Art, und daraus resultieren wohl auch die sich widersprechenden Meldungen, wonach bald Ludendorff bald Seeckt Chef des Generalstabes werden soll. Hier ringen verschiedene Gruppen auf außen- pohtischem wie militärischem Gebiet, und wer sich in dieser oder jener Frage behaupten wird, das ist nicht getrennt von der allgemeinen Entwicklung in Deutschland zu betrachten. Das Tier »Wenn es noch ein Tier gäbe, das dem Menschen an Kräften überlegen wäre, und sich zuweilen ein Vergnügen daraus machte mit ihm zu spielen, wie die Kinder mit Maikäfern, oder sie in Kabinetten aufspießte wie Schmetterlinge, so würde es wohl am Ende ausgerottet werden, zumal wenn es nicht an Geisteskräften dem Menschen sehr weit überlegen wäre. Es würde ihTn unmöglich sein, sich gegen die Menschen zu halten; es müßte ihn denn verhindern, seine Kräfte im mindesten zu üben. Ein solches Her ist aber ■wirklich der Despotismus, und doch hält er sich noch an so vielen Orten. Bei der Geschichte des Tieres muß aber auch angenommen werden, daß es den Menschen nicht wohl entbehren kann.«(Georg Christoph Lichtenberg.) Werke die Flugzeugproduktion aufgenommen, neue Fabriken wurden errichtet, Flugzeuge und Flugzeugmotoren werden am laufenden Band fabriziert, die Lager und Schuppen der geheimen Militärflugplätze bersten von demontierten und startbereiten Flugzeugen, in den deutschen Flugzeugfabriken, die bereits auf Kriegsleistung gebracht und gehalten werden, wird meist in mehreren Schichten gearbeitet, und der Bedarf an geschulten Facharbeitern ist so gewaltig, daß sie stellenweise sogar aus den Konzentrationslagern herangeholt und eingeteilt werden. Ueber die Ziele dieser Aufrüstung gibt die Fabrikation selbst Aufschluß. Das Hauptgewicht wird auf den Bau solcher Maschinen gelegt, die nur Angriffszwecken dienen. Neben den Kampf- maschinen, die teils als Jagd-, teils als leichte Bombenflugzeuge Verwendung fiqj den, wird vor allem der Bau schwerer Bombenflugzeuge beschleunigt. Auch schwere Verkehrs- und Frachtflugzeuge werden gebaut, die als schwere Bombenflugzeuge Verwendung finden können. Diese teclinische Vorbereitung stehen in engster Verbindung mit der in den deutschen Militärkreisen vorherrschenden Ideologie, daß die Luftwaffe für einen überraschenden Ueberfall ohne Kriegserklärung eingesetzt werden müsse, um dem deutschen Vorstoß gegen die anderen Mächte den Erfolg zu sichern. Daß man es bei der deutschen Luftauf- rüstung mit einer Offensivwaffe zu tun hat, geht auch aus der Bodenorganisation, d. h. aus der Lage und Beschaffenheit der Flughäfen, Gefechtslandeplätze, Flugplätze usw. hervor, über die Dorothy Woodman zum erstenmal eine zusammenfassende Darstellung veröffentlicht. Nach ihren Angaben, die im einzelnen belegt werden, verfügt Deutschland über 261 Flughäfen, und zwar über 127 Flugplätze der Deutschen Lufthansa, 107 Neuanlagen bezw. Umbauten früherer Militärflugplätze und 27 Sport- und Segelflugplätze. Die ausgebauten und neu angelegten Flugplätze haben meist unterirdische Hangars, Werkstätten, Unterkunftsund Munitionsräume. In der Zahl und im Ausbau der Flugplätze besitzt Deutschland einen schwer einzuholenden Vorsprung vor seinen Nachbarstaaten und»Erbfeinden«. Auch aus ihrer Anlage geht deutlich die Offensivabsicht der Hitlerregierung hervor. Dem Buche von Woodman sind genaue Skizzen der Angriffsbasen beigelegt, die gegen England, Frankreich, Belgien, Italien, die Tschechoslowakei und den Osten gerichtet sind. Es sind aber nicht allein die technischen Vorbereitungen, die in dem Buche geschildert werden, es werden auch die ideologischen Beeinflussungsmethoden und die organisatorischen Maßnahmen dargelegt, mit deren Hilfe das deutsche Volk für einen offensiven Luftkrieg vorbereitet werden soll. Das jetzt in Gang gebrachte Schlagwort von der»fliegenden Nation« drückt den Willen der Hitlerregierung aus, alle ideellen und materiellen Kräfte auf den Ausbau der Luftwaffe zu konzentrieren. Die Luftwaffe ist die Waffe, die offensive und zerstörende Kraft in höchster Potenz vereinigt. Mit ihrer überraschenden Anwendung gegenüber den Nachbarstaaten hofft die Hitlerregierung jene machtpolitischen Ziele durchsetzen zu können, die ihr als der Willensvollstreckerin des neudeutschen Imperialismus vorschweben. Die Darstellung, die Dorothy Woodman über den Ausbau der deutschen Luftwaffe liefert, ist eine erneute Warnung an alle Nachbarstaaten Deutschlands. Sie legt sich bei ihrer Darstellung eine bewußte Reserve auf und bleibt sogar bei ihren Angaben über die Stärke der deutschen Luftflotte, die Kapazität der Flugzeugindustrie und die finanziellen Aufwendungen für die deutsche Aufrüstung hinter den in der Fachpresse gemachten Feststellungen zurück. Um so mehr sollten die politischen S c h 1 u ß f o I ge r u n- •gen beachtet werden, die sie in ihrem verdienstvollen Werk zieht. Heimat mit Erlaubnisschein Das Dritte Reich reglementiert alles. Rasse, Blut, Boden und Volksbräuche! Das j-Brauchtum« wird eingereiht in Aktenfaszikeln und Jodeln darf einer im Lande der Bürokratendiktatur nur noch mit amtlichen Erlaubnisschein. Der Präsident der Reichstheaterkammer hat jetzt gemeinsam mit dem Präsidenten der Reichsmusikkammer eine Anordnung»betreffend die bayrischen Volksbräuche« veröffentlicht. Im Berliner»Theater- Tageblatt« kann man sie nachblättern. Sie lesen sieh wie eine Parodie und sind doch ganz ernst gemeint. Der Ukas wendet sich gegen das»Treiben von Unbefugten«, die sich das Beiwort»bayrisch« zulegen, ohne bodenmäßig dazu genügend legitimiert zu sein. Personen, die bayrische Volksmusik, Volks- s&nge, Sitten und Gebräuche bei Veranstaltungen, die für den allgemeinen Besuch bestimmt sind, darbieten, müssen im Besitz einer Zulassungsurkunde sein... dem Gesuch wird nur stattgegeben, wenn der Antragsteller die ... erforderliche Zuver.�ßigkeit und Eignung besitzt...« Eine neuartige Definition. Nicht das Land deiner Geburt, sondern die Nummer deines Parteibuches ist deine Heimat. Nur eine polltisch zuverläßige Kreatur, die pogromgeeicht und arbeitermordtrainiert bei Streicher und Göring gleich gut angeschrieben ist, darf sich hinfort Bayer, Thüringer oder Preuße nennen. Für die anderen, die mit Charakter und C�sinnung, mit Menschlichkeit und ethischen Ueberlegungen schwer belasteten, hat man anscheinend einen geographischen Sammeltitel erfunden: Untermenschenland! P— e. Der Unstern Aus der»Nationalsozialistischen Landpost.« »Ueber den Spielplan einiger Berliner Theater waltet ein Unstern. Gute Schauspielkräfte werden an unmöglichen Stücken vertan. Es mangelt den Privattheatem immer noch an der Sicherheit der weltanschaulichen Einordnung und an der zuverlässigen Dramaturgie nach kulturpolitischen Gesichtspunkten...« Der Unstern, den man hier bejammert, ist das Hakenkreuz, gegen dessen»Verblödungs- Dynamik« kommt ein noch»eingeordneter« und zuverlässiger Dramaturg nicht auf. tHcses Heil, soaidislistitei Auoslel Aufbruch der Uniformen Das Amt für Berufserziehung der Deutschen Arbeitsfront hat die Umschulungsaktion zur Heranbildung tüchtiger Uniformschneider, die zunächst in fünf deutschen Städten begonnen wurde, auf 25 weitere Städte auagedehnt. Musik Generalfeldmarschall von Mackensen in einer Rede in Stuhlweißenburg: »Für mich war der Durchbruch von Przomysl der letzte Tag, wo Kriegsführen noch Musik war.« Massensterben der anderen— eine Musik! Wirklich originelle Töne! »Die deutschen Sozialisten wissen alles! Aber sie können nicht handeln. Sie verstehen aufs vorzüglichste die Kunst, den Körper unserer Gesellschaft zu sezieren, ihre Oekonomle zu entwiokeln und ihre Krankheit darzulegen. Aber sie sind zu materialistisch, um den Schwung zu besitzen, der elektrisiert, der das Volk hinreißt. Sie haben den nebelhaften Standpunkt der deutschen Philosophie mit dem engen und kleinlichen Standpunkt der engüschen Oekonomle vertauscht. Seit ich weiß, was ich will, habe ich auch eine größere Vorliebe für Goethe und Heine als für Schiller und Börne; aber well ich auch will, was ich weiß, bin ich mehr Apostel als Philosoph.« Moses Heß(1851). Dieses Zitat mutet uns seltsam modern an. Es könnte von einem der zahlreichen Kritiker geschrieben sein, die die tieferen Ursachen der Machtverschiebung vor 1933 vor das Forum der Geschichte ziehen. Der allzu betonte»Materialismus«, die Stärke in der Analyse der Oekonomie, zuviel Philosophen, zu wenig elektrisierende Apostel: Alles das hat man in den vergangenen Jahren der deutschen Sozialdemokratie unzählige Male vorgehalten. Nichtsdestoweniger stammt jedoch dieser Satz von einem Manne, der vor sechzig Jahren in der Familiengruft auf dem alten jüdischen Friedhofe zu Köln-Deutz beigesetzt wurde, von Moses Heß, den messi- anischen Soziallsten und Menschen-Erlöser, den Freund und den Widersacher von Karl Marx und Friedrich Engels, dessen Gestalt aus dem Werden der modernen Arbeiterbewegung und des Soziallsmus nicht fortzudenken Ist. »Kommunisten-Rabbi« hat ihn einmal spöttelnd der Junghegelianer Arnold Rüge genannt. Moses Heß, 1812 als Kaufmannssohn in Bonn geboren, Wanderer von Rousseau zu Spinoza bis zu Marx in bewegten Jahrzehnten, hat viele dergleichen Bezeichnungen ertragen, ohne an seiner Menschengläubigkeit jemals irre zu werden. Man kann Ihn nicht verstehen, wenn man nicht von seiner betont jüdischen Abkunft auageht. In seinem ganzen Leben und in allen seinen Schriften standen sich Judentum und Sozialismus in seltsamen Thesen und Antithesen gegenüber. Eduard Bernstein, der immer sehr warmherzig für Heß eingetreten ist, attestierte Ihm, daß er die theoretische Leistung von Marx besser gewürdigt habe als irgendeiner der sozialistischen Gegner und wahrscheinlich auch mit größerer Sachkunde als die größere Mehrzahl der sozialistischen Freunde von Karl Marx. Aber auoh die Zionisten erblicken in ihm einen ihrer großen Pioniere, der von seinem Frühwerke»Rom und Jerusa- 1 e m« an für die Wiedergewinnung des jüdischen Vaterlandes durch den Freiheitskampf der Juden eingetreten ist. Wäre Moses Heß eben nicht Jude gewesen; wer weiß, ob nicht auch die modernen Rassepropheten sich auf ihn berufen hätten! Es gibt in seinen Schriften zahlreiche Stellen, worin er die Bedeutung der Nation, repräsentiert durch eine bestimmte Rasse, als eine Dominante der Geschichte betonte. Er sah in den sozialen Lebenseinrichtungen und in den geistigen Lebensanschauungen typische und ursprüngliche Rassenschöpfungen, wobei er immer wieder auf seine patriarchalischen Stammväter verwies. Der Lebensweg von Moses Heß reichte vom Vormärz bis zur kapitalistischen Hochblüte Europas. Es hat darin viele Wandlungen und Verwandlungen gegeben. Die Linie einer klaren geistigen Entwicklung wie etwa bei Marx ist bei ihm schwer zu ziehen. Bereits zu Beginn der vierziger Jahre sah er die sozialen Kontraste und die damit verbundenen gesellschaftlichen Umgestaltungen beinahe noch deutlicher als Marx, der als Chefredakteur der»Rheinischen Zeitung« noch im Kreise des polltischen Radikalismus der Junghegelianer stand. In den ersten Bänden der »Rheinischen Zeitung« von 1842 findet man Artikel und Berichte von Moses Heß mit stark kommunistischer Tendenz,— in dem Sinne, was man damals unter Kommunismus verstand. Später wurde Heß Pariser Korrespondent des Blattes, nach dem Verbot der»Rheinische Zeitung« Vertreter der»Kölnischen Zeitung« in Paris. 1845 gab er mit Friedrich Engels bis zum Verbot 1% Jahre lang den »Gesellschaft s-S p i e g e 1« in Eberfeld heraus, eine Fundgrube zur Erkenntnis des sozialistischen Werdens. Dann ist er in Brüssel Vorsitzender des Deutschen Arbeiter- BUdungsvereines, schon ganz in Abhängigkeit von Marx, der zu dieser Zeit das Kommunistische Manifest zu entwerfen begann. Aber Moses war ein versöhnlicher Menschenfreund mit ethisch-sozial-revolutionärer Grundhalten. Der Sozialismus war für ihn eine Missionsidee. Er predigte die»Philosophie der Tat« und bezeichnete seine Anschauungen als den»Wahren Sozialismus«. Dafür verspottete ihn, ohne ihn zu nennen, Marx im Kommunistischen Manifest, Erkenntnismäßig und persönlich wuchs die Kluft zwischen den beiden so verschiedenartig veranlagten, ihre sozialistischen Erkenntnisse so grundlegend anders motivierenden Männern. In Paris wurde Heß 1848 Präsident des»Deutschen Arbeitervereins. Nach seiner Ausweisung arbeitete er in Genf, 1852 trieb ihn ein Stockbrief nach LUttlch, dann nach Holland, wieder nach Paris. Mehrere Schriften erscheinen in diesen Jahren. Er verkündet eine Art von sozialistischem Monismus; eine Verknüpfung des komischen, organischen und sozialen Lebens im humanistischen Endziel. Immer wieder wies er zugleich dem jüdischen Volke die Aufgabe zu, durch seine eigene Befreiung an der Menschheitsbefreiung mitzuwirken. 1863 ist er in Köln Bevollmächtigter des Lassalleanischen Arbeitervereins. Er wirkt öffentlich für das allgemeine und direkte Wahlrecht, für Produktiv-Assoziationen und schreibt Propagandabroschüren, die Lassalle benützt. Aber dann resigniert er wieder und kehrt nach Paria zurück. Er hält das deutsche Proletariat, Im Gegensatz zum westlichen, für unfäftlg. Irgendeine politische Entscheidung durchzusetzen.»Ich kann mir keine Illusionen mehr machen.« Er predigt erneut kosmische Ideen und will die Weltharmonie in der sozialen Sphäre zur Gründung des wahren Gottes- redches verwirk liehen. Aber dann ist er 1870 wieder für kurze Zeit in der Realpolitik. Er nimmt bei Ausbruch des Krieges scharf gegen Deutachland Stellung. Als Bebel, Liebknecht und Hepner 1872 in Leipzig unter Hochverratsanklage stehen, da verteidigen sie sich unter Berufung auf eine Studie von Moses Heß Uber das Wesen der sozialen Revolution, die 1870 im»Volksstaat« erschienen war. Mit Marx versöhnt er sich vollends:»Was Darwin für die Oekonomle der Natur, hat Marx für die soziale Oekonomie wissenschaftlich konstatiert. Es ist das große Verdienst der beiden Forscher, in Natur und Geschichte das Gesetz der fortschreitenden Entwicklung entdeckt und dasselbe auf den Kampf um die Existenz zurückgeführt haben.« Nun verwarf er, ganz im Gegensatz zu seiner eigenen Frühzeit alle Versuche gewaltsamer Wirtschaftsänderungen als wirkungslose Utopisterei. Aber nun hat Heß die Sechzig überschritten. Er versteckt sich erneut hinter seine Studien, die ihm zukunftsgläubigen Trost spenden. Die Einheit der Welt, des sozialen Daseins: In allem ist Gott. Heß beschließt sein Leben in Paris als Spinozlst. Auf seinem Altersbilde sieht man den von weißen Locken umwehten Kopf mit den visionär in die erträumte Ferne blickenden Augen. Er hat noch einige Schriften hinterlassen. Seine Frau gab sie im Selbstverlage heraus. Heß ist so arm gestorben wie er Immer gelebt hatte. Er gehört nicht zu den Großen In der Geschichte des Soziallsmus, aber er war einer der Türmer, die ihre Kraft und ihr Leben für die humanitäre Neuordnung der menschlichen Gesellschaft haben, immer stärker im Lieben als im Hassen. Der Leichenzug vom April 1875 In Paris, der seine sterblichen Ueberreete zum Zuge nach Köln brachte, wurde von Revolutionären begleitet, die dem Sozialisten, Juden und Ethiker Moses Heß Worte der Treue und der Dankbarkelt nachriefen. Paul Kernten schrieb am 28. April 1875 im Leipziger»Volksstaat«: »Er wirkte für das Volk und wurde verfolgt. Weil er der Schlange der Niedertracht, der Verdummung, der Unterdrückung den Kopf zu zertreten bemüht war, mußte er ruhelos flüchten von Land zu Land und er ist gestorben In fremder Erde. Deine Schriften, Dein Handeln sichern Dir ein ewiges Gedächtnis. Du Sohn und Kommentar der Revolution. Kein Schwert legen wir Dir auf den Sarg. Nein, nur die Blumen der Natur, aus welcher Du geschöpft und uns getränkt, an welche Du allein geglaubt und der wir jetzt zurückgeben, was von Dir sterblich ist.« Andreas Howald. Btidier der Zelt Im Vorwort seines neuen Buches»In der Zwischenzeit«(Albert de Lange, Amsterdam) spricht Alfred Polgar von der Not des deutschen Schriftstellers, der sein Wort überflüssig und ohnmächtig fühlt In einer Zeit,»deren grausige Musik jeden ihr unterlegten Text verschlingt« und den Wert des Erachteten mindert. Das trifft zweifellos für die gesamte literarische Produktion Hltlerdeutschlands zu, insofern sie an der Zeit und der Wahrheit vorbei reden muß, es gilt vlenelcht auch für manche In aktuellem Drang und materieller Not allzu flüchtig hingehauene Bücher der Emigration. Polgars Skizzen und Betrachtungen indessen werden den anspruchsvolleren Leser immer wieder Interessieren, weil es wenige so verstehen wie er, im scheinbar Kleinen das Große zu spiegeln, im Vergänglichen das Ewige. Er ist ein Meister der Kunst, scheinbar Harmonisches in seine Widersprüche aufzulösen, und in seiner geistvollen Ironie steckt mehr Ernst als im vollendeten Pathos anderer. Er steht über den Dingen, die er betrachtet. Das ist seine Stärke und manchmal seine Schwäche — auch in diesem witzigen, bunten Buch der neuen»Vorkriegszeit«. • Einen Frauenroman kömAe man den stattlichen Band nennen, den Hermynla zur Mühlen im H umanltas- V erlag, Zürich, herausgibt. Er spielt In der Welt des österreichischen Adels und heißt»Ein Jahr im Schatte n«. In diesem Schatten lebt eine kultivierte Frau, die von ihrem Mann verlassen wurde und auf seine Rückkehr wartet. ESn seltener idealer Fall, diese verarmte Gräfin: leidend mit allen leidenden Menschen, großherzig und in ihrem sozialen Empfinden das Abbild der sozialistischen Dichterin. Menschen und Milieu sind flott gezeichnet, der Ausbruch des Dritten Reiches mit seiner Barbarei ragt drohend herein, färbt das Buch aktuell und verbindet das Schicksal der Hauptfigur mit der Not aller freiheitlichen Menschen. Ein Buch der Güte; Macht den Menschen das Dasein menschlich und sie sind es... • Einen großen Stoff behandelt Alfred D ö b 1 i n in seinem, neuen Werke»Pardon wird nicht gegeben«(Querido- Verlag). Die Geschichte eines entwurzelten Bauem- sohnes, der in der Großstadt unter den Einfluß eines revolutionär-anarchistischen Freundes gerät, durch die Mutter ins Bürgerliche zurückgerissen wird, zum Industriellen emporsteigt, in schwere Krisen jeder Art gerät, in jeder Beziehimg bankrott macht und zum Schluß wieder In die revolutionäre Gärung seiner Jugend zurückgeschleudert wird. Er fällt bei einem Streikaufstand. Der Roman nimmt Anlauf zur großen Gesellschaftskritik. leuchtet die Brüchlgkeit kapitalistischer Wildwirtschaft, den Verfall der bürgerlichen Ehe und Familie ab, er kommt jedoch Uber den Anlauf zum großen Zeitgemälde nicht hinaus. Die Milieuzeichnung schwankt unbestimmt zwischen Vor- und Nachkriegszeit, die anarchistischen Revolutionäre sind romantisch übertüncht, Bedeutung und Kampf der»Organisierten« gegen die Indifferenz sind überhaupt nicht gesehen. Ein breites Bespiegeln vieler Erscheinungen. Manche Gestalt hebt sich plastisch heraus, aber der große Zusammenklang bleibt aus, der mächtige Stoff zersplittert. • Am 23. Dezember 1932 wurde im Deutschen Theater zu Berlin ein historisches Drama von Julius Hay aufgeführt: Gott, Kaiser und Bauer. Die Frommen und die Völkischen sorgten für einen Theaterkrawall, denn das Stück war revolutionär, wandte sich gegen die kirchlichen wie die weltlichen Machthaber, gegen Herrentum und Machlavelllsmus, verspottete die Kirche und betonte die übernationale Verbundenheit der Unterdrückten aller Länder. Nach einer Woche schon— der Reichstagsbrand warf seine Schatten voraus— wurde es gewaltsam abgesetzt. Das Schauspiel Ist jetzt Im Verlag Oprecht u. Helbing, Zürich, erschienen. Ein hinreißendes Schauspiel der großen Form, nannte es Herbert Ihering, der es heute als marxistisches Machwerk verfluchen müßte. Die Kirche aber würde heute in Deutschland sonst was drum geben, wenn gegen sie nur Stücke aufstünden, die so wie dieses bei der historischen Wahrheit blieben und wenigstens den Wert der reinen Lehre Christi gelten ließen. B. Br. Krippe und Rasse Kampf um Sinekuren Der Asphaltliterat Will Ve s p e r legt in seiner Zeitschrift wieder einmal gegen einige teils jüdische, teils angeblich juden- genössische deutsche Verlage loa: S. Fischer, Cassirer, Rowohlt, Zsolnay. Ebenso gegen die Deutsche Verlagsanstalt Stu ttgart, der das Malheur passierte, daß sie ein Buch von Friedrich Wolf»Die Natur als Arzt und Helfer«(1932) unter die Leute zu bringen suchte. Das Buch ist zwar unverboten, aber Wolf ist Marxist. Auch fiel Will Vesper plötzlich ein, daß früher mal in dem Verlag einige Bücher von Kästner erschienen sind. Pointe: »Und darum sind wir nicht derAnsicht, daß ein so einflußreicher Verlag länger unter einer Leitung bleiben darf, die bis 1933, bis zur letzten Möglichkeit, die Macht des Verlages für die kulturbolschewistischen Werke von Kästner, Wolf uew. einsetzte, und die auch heute noch, wo sie sich' unbeobachtet glaubt, das gleiche Gift verbreiten läßt. An die Spitze der deutschen Verlagshäuser gehören die saubersten und zuverlässigsten Männer unseres Volkes, nicht Schrittmacher und Freunde der Kulturbolschewisten von gestern und heute.« In der Deutschen Verlagsanstalt erschein1 nämlich die-von früher her angesehene Zeitschrift»Die Literatur«, das auagesprochene Konkurrenzblatt von Vespers Zeitschrift.. Wie gut auch dieser braune Kulturwart sein Geschäft versteht, zeigt eine Notiz In den Dresdner Nachrichten: »Die Stadt Meißen(Sachsen) hat dem Dichter Will Vesper, der seit mehr als 1® Jahren mit seiner Familie in der Stadt seinen Wohnsitz hat, eines der schmucken Weinberghäuschen In den Städtischen Weinbergen auf Lebenszeit als freie\Vohnung zur Verfügung gestellt« So erpressen sich diese Hitlerschen Hof' Schreiber,' die im freien Wettbewerb der D®" mokratie klein und bescheiden blieben, ihr® Sinekuren. Der rasende Urahn Innerhalb der braunen Konkurrenz tobt der Kampf um die Ahnen. Je länger und Wer wird begnadigt? Nur an wenigen Tagen geht die Sonne über Deutschland auf, ohne daß Ihre«raten Strahlen sich Im BeD de« Henken spiegeln. Es wird geköpft, geköpft, geköpft— gnadenlos und wahlloe. Vor einigen Wochen allerdings wurde zum ersten Male ein Gnadenakt des Führers bekannt. Während sonst, selbst auf Indizienbeweise hin, vor allem aber politischer Vergehen wegen unerbittlich hingerichtet wird, verwandelte Adolf Hitler in diesem einen Falle die Todes- in eine fünzehnj ährige Zuchthausstrafe. Der Begnadigte hatte— eine Frau ermordet. Inzwischen ist ein Monat vergangen. Es wurde weiter geköpft. Frauen, junge Burschen und alte Männer starben unterm Beil, die Mauern der deutschen Gefängnisse sahen furchtbare Schreckensszenen. Jetzt aber berichten die reichsdeutschen Blätter über einen zweiten Fall, der vor des Kanzlers Augen milde Gnade fand. Und wieder ist es der Mord an einer Frau, für den die Todesstrafe dem Führer zu hart erschien. Die Meldung lautet: Der Führer und Reichskanzler hat die vom Schwurgericht in Aurich gegen den 21jährigen Eppo Tammen wegen Mordes erkannte Todesstrafe im Gnadenwege In lebenslängliche Zuchthausstrafe umgewandelt. Tammen hatte die 26jährige Haustochter Gerda Klingenberg, die von ihm ein Kind erwartete, ermordet. In der Begründung heifit es, der Mörder habe die Tat>aus einer durch die Getötete herbeigeführten seelischen Bedrängnis heraus begangen«. Man liest, aber man begreift nicht ganz. Wie denn— ein Kerl bringt seine Geliebte um, weil sie von ihm ein Kind erwartet, und die Schuld wird der Ermordeten zugesprochen? Wie denn— ein junger Mensch, der eine werdende Mutter erschlägt, soll weniger schuldig und weniger strafwürdig sein, als ein Gleichaltriger, der seiner polltischen Ueberzeugung getreu, den neudeutschen Despotenstaat bekämpft? Und Gleichaltrige, die solches taten, sind in grollär Zahl hingerichtet, ermordet, zu Tode gepeinigt worden. Warum finden gerade die Frauenmörder Gnade? Denn es kann doch kein Zufall sein, daß die einzigen Begnadigungen, die bisher bekannt wurden, das gleiche Vergehen betreffen, gerade hier Milde waltet, während die übrigen Gnadengesuche eines nach dem anderen verworfen werden? Es Ist kein Zufall. Der Muttertag wurde mit viel Tamtam und vielen grollen Worten gefeiert. Aber die wahre Gesinnung der deutschen Führerschaft ist aus den beiden Gnadenakten weit besser erkenntlich. Verachtung der Frau, Abscheu, ja Feindseligkeit äußern sich darin. Und man spürt: die krankhafte, irregeleitete, verdorbene und entartete Sadistensexualität ist mit den Morden des 30. Juni nicht ausgerottet worden. Sie feiert noch immer Triumphe und findet sogar ihren Ausdruck in— der Rechtsprechimg. Kinder fürs Messer Auswüchse der SterSlislerunggswut Dem Protokoll über die Verhandlungen der Berliner Medizinischen Gesellschaft über ihre Februarsitzung, die rieh mit der Sterilisationspraxis des Dritten Reiches ausführlich beschäftigte, entnehmen wir noch folgende Aufzeichnung eines Disputes unter braunen Medizinern. »Bessau: Als Kinderarzt möchte ich die Aufmerksamkeit darauf lenken, daß In dem Sterilisationsgesetz die besonderen Belange des Kindes nicht genügend berücksichtigt worden sind. Dem Gesetz würde mancher seiner Härten genommen werden können, wenn auf die Meldungen kleiner Kinder(!) verzichtet werden würde. Warum gerade diese Meldungen unpopulär sind, bedarf keiner näheren Begründung. Ein Verzicht würde meines Erachtens unbedenklich sein, weil alle Kinder generellen Durchprüfungen unterzogen werden anläßlich der Impfungen, Schuluntersuchungen usw.) und bei diesen Gelegenheiten die notwendigen Erhebungen gemacht werden können. Wenn der Gesetzgeber auf die Meldungen von Kindern nicht verzichten zu können glaubt, sollte dem meldenden Arzt die Gewähr gegeben werden, daß die Eltern nicht vorzeitig beunruhigt werden und die behördlichen Nachforschungen nicht vor dem Alter vorgenommen werden, in dem die Sterilisationsfrage akut wird. Linden: Ich bemerke zu den Ausführungen Bessaus, daß nach den Vorschriften des Gesetzes auch erbkranke, unter zehn Jahre alte Kinder den Kreisärzten gemeldet werden müssen. Es ist selbstverständlich nicht notwendig, daß die Kreisärzte hinsichtlich des gemeldeten Kindes etwas veranlassen, bevor das Kind an die für die freiwillige Sterilisation festgesetzte Altersgrenze herangekommen ist. Notwendig Ist es aber, sich zu vergewissern, ob in der Familie des gemeldeten Kindes nicht in geschlechtsreifem Alter befindliche Erbkranke vorhanden sind. Aus letzterem Grunde kann von der Meldepflicht für Kinder nicht abgesehen werden.« Der Sinn dieses fachärztlichen Disputes ist ganz klar. Fest steht, daß die Manie, mit der rieh die gleichgeschaltete Medizin mit der devoten Gesinnung von Lakaien auf die abstrusen Aphorismen des»Führers« zum Rassebegriff und zu den Möglichkeiten seiner »Veredelung« geworfen hat, in ihrem Ueber- eifer selbst vor dem Heiligsten nicht Halt macht, das der Mensch kennen sollte; dem Verhältnis von Mutter und Kind. Mit dem Gespenst einer Operation, Uber derem letztes insbesondere und typisches Ergebnis sich noch gar nicht— mindestens nichts gutes— sagen läßt, muß die Mutter schon Ihr unmündiges, an sich schon krankes Kind aufschrek- ken lassen. Sie hat in der jahrelangen Gewißheit zu leben, daß der Staat in vollendeter Grausamkeit einmal sein angebliches Recht sich mit dem Messer an i b m nehmen wird. Btoimet Moiemikmm Das braune System gibt rieh so idealistisch, als wolle ee vor Idealen platzen. Der Marxismus wird mit»Materialismus« gleichgesetzt, wobei der philosophische mit dem historischen in einen Topf geworfen wird. In Wirklichkeit gibt es keine soziale Richtung in der Gegenwart, die das Leben materialistischer auffaßt als das braune System. Das ist auch auf dem Gebiet von Liebe und Ehe zu beobachten. Die moderne Entwicklung hat aus der Sexualität(he Liebe gemacht, die als solche höchstpersönlich ist und im Menschen die wertvollsten Seiten entwickeln hilft. Indem der Mensch immer mehr Persönlichkeit wurde, begnügte er rieh nicht mehr damit, mit irgendeinem Menschen zusammen zu sein, sondern suchte er einen ganz bestimmten Menschen, der seinem Wesen und' seiner Sehnsucht entsprach. Der »materialistische« Marxismus hat darin den höchsten Ausdruck der Entwicklung gesehen. Das braune System bat keinen Respekt vor diesen Resultaten menschlicher Kultur, wie ihm kaum etwas anderes Ehrfurcht abringen kann als die Macht an rieh. Er macht eine Ehepolitik, die nur Mittel seiner Machtriche- rung ist.»Marsch ins Ehebett« sagt Mussolini und»3 0 0. 000 Ehen sind nachzuho- 1 e n« stellt die Preußische Zeitung fest, als seien die intimsten menschlichen Beziehungen irgendwelche materiellen Produkte, die terminmäßig herzustellen sind. Aus solchen Erwägungen spricht eine ekelhafte Kulturlosig- keit. Aber wie wird sie erst gesteigert, wenn zwei sich liebende Menschen von so verkommenem Subjekten wie Streicher eines ist, gewaltsam auseinandergerissen werden, weil die liebe stärker ist als die Rasse, der materiali- sttache Faschismus es aber anders haben will. Hat doch soeben erst wieder, wie der»Stürmer« triumphierend verkündet, der 26 Jahre alte Alfred Ruhen aus Karlsruhe erleben müs- sen, daß Ihn die Polizei in Schutzhaft nahm, weil er als Jude ein arisches Mädchen liebte. Nicht genug damit: die taktlosen Lumpen haben Name und Adresse des Mädchens im »Stürmer« veröffentlicht, schließlich wurde das arme Mädchen in ein Zufluohtsheim gebracht und ihre Mutter obendrein festgenommen und In das Gefängnis eingeliefert, da sie sich angeblich der Kuppelei schuldig gemacht hat, weil sie die beiden jungen Menschen in ihrem Hause duldete. Wer jemals im Leben ein wirkliches lie- besverhältnia gehabt hat und fähig ist, rieh in diese jungen Menschen einzufühlen, der kann hier die unmenschliche Ungeheuerlichkeit dessen ahnen, was rieh als che»nationale Erneuerung Deutschlands« ausgibt. Materialistischer und seelenloser kann man das Gesohl echtsieben einfach nicht auffassen. Selbst die Schweine dürfen hier mehr Kultur haben als dieses dekadente Gesindel, das einer Lebensäußerung wie die Liebe ist, einfach nicht fähig ist. Es ist ein unbeschreiblicher Jammer, daß die Sprache, die so wunderbare Hymnen auf die individuelle Liebesehe kennt, in so furchtbarer Weise zum totalen Gegenteil ihrer selbst gemacht werden kann. Ingenieur Franz Wolf Eine zwangsläufige Folge der Diktatur ist die Knechtseligkeit, das rückgratlose Krie- chertum. Es gibt viele, die mit den stärkeren Bataillonen gehen, es gibt viele, che stets mit den Wölfen heulen. Um so höher ist die Charakterfestigkeit, die menschliche Stärke jener einzuschätzen, die, allem Terror zum Trotz, sich selbst und ihrer Ueberzeugung treu bleiben. In Nürnberg lebt der Ingenieur Franz Wolf. Ein Mann, der sich, obwohl nie politisch organisiert, stets als entschiedener Republikaner bezeichnete. Die Diktatur der Barbaren kam, er stellte rieh nicht um. Anfangs ließ man Wolf ungeschoren. Dann kam eines Tages der nationalsozialistische Blockwart und sagte, ee sei unangenehm aufgefallen, daß er rieh durch demonstratives Nicht- fiaggen bei allen gebotenen Anlässen selbst aus der Volksgemeinschaft ausschließe. Ob er, der Blockwart, ihm gleich eine Fahne des neuen Staates verkaufen könne?... Ingenieur Wolf winkte kurz ab.»Das Flaggen«, so sagte er dem Blockwart,»würde in mednem Fall völlig rinnlos sein. Ich bin kein Nationalsozialist und werde keiner werden!« Eier Blockwart ging. Aber eine Woche später warf man Wolf die Scheiben ein, belästigte und beschimpfte ihn auf der Straße. Beschmierte seine Wohnungstür mit unflätigen Schmähungen. Und dann kam wieder ein Beauftragter der Partei und bot ihm konkurrenzlos billig eine prima Parteifahne an. Ganz freundschaftlich, gleichsam nichtsahnend... Der Ingenieur war nicht mürbe geworden und lehnte sehr bestimmt ab. Nicht ohne Hinweis auf seine frühere Erklärung. Einige Zeit später überfiel ihn des Nachts auf dem Nachhauseweg ein Trupp junger Leute und mißhandelte ihn schwer. Die Täter verschwanden nach vollbrachter Untat schleunigst Im Dunkel der Nacht; kein einziger konnte je ermittelt werden. Trotzdem zeigte Wolf auch beim nächsten Flagg-Befehl keine Hakenkreuzfahne. Jetzt wurde der Tapfere in Schutzhaft genommen, weil er, wie amtücherseits mitgeteilt wird,»beharrlich seine Mißbilligung des nationalsozialistischen Regimes dadurch zum Ausdruck brachte, daß er keine Flaggen heraushing.« Das ist das Schicksal des Ingenieurs Franz Wolf und aller jener Männer, die Aas Wort»Deutschland« mit ihren Leiden davor bewahren, in Schmutz und Schandö unterzugehen. blubohafter die Ahnenredhe, desto zuverlässiger das germanische Erberinnem. In der Literatur wird der Kampf der Autoren von dem der Urgroßvater wedtorgeführt, die noch im Grabe für die Qualität des Enkels zeugen müssen. Dem Schwindel sind tausende Jahre rückwärts keinerlei Grenzen gezogen. Ab und zu stöhnt einer auf, dessen Urväter von denen anderer KoUegen»nachweisbar« um einige Jahrhunderte überrundet worden. Unter die Ueberschrift»Ahnenreihe« macht der Reichs- chchterfübror und Großverdiener Friedrich B 1 u n k seinem gepreßten Herzen In der Kölnischen Volkseeitung Luft und erzählt von einem jungen Freund,»der gewöhnt ist, lange Ahnenreihen aufzustellen« und rieh»über Ahnenlinie und Abstammung breit ereifert.« Was sind tausend Jahre?— fragt Blunk mit umflorter Feder. Ich, Blunk, entstamme einer Landschaft, die in ihren Hünengräbern noch ältere Urväter birgt.»Wenn aber man schon die Ahnen vor tausend Jahren ehrt, warum nicht die vor fünftausend?« Dabei spürt der Mann gar nicht, welch groteskes Büd der neuen Schmerzen Gangsteriens er In diesem Feuilleton entroUt, und es bliebe nur die logische Frage: Warum denn bei 5000 Jahren Halt machen, warum nicht zurück zum Neandertaler oder zum Affen? Dort hören die Konkurrenzmanöver neidischer Kollegen endgültig auf; Blunk läuft dabei höchstens Gefahr, feststellen zu müssen, daß wir alle dasselbe Urblut in den Adern haben wie die»minderwertigen« Orient- und Mittel- meer-Raasen. Trauer und Skandinavien In gleichgeschalteten Blättern berichtet der»Geschäftsführer des Sachsen- Kontora der Nordischen Gesellschaft«(das gibts auch!) über artfremde Kulturpropaganda im Norden. Gerade in den stammverwandten skandinavischen Ländern, so klagt er, gerade dort hat die»Jüdisch-marxistische Hetze« gegen uns Boden gewonnen und damit das»Werden einer germanischen Kultur« gestört. »In welchem anderen Volke als dem deutschen haben die Werke des großen Norwegers Henrik Ibsen solche Verbreitung und solchen Einfluß erlangt! Und nicht anders ist es mit großen dänischen Geistern: Andersen Märchen sind uns so lieb geworden wie die deutschen Märchen der Brüder Grimm. Björnsen, Sven Hedin, Nansen, Knut Hamsun sind uns in ihrem Werk so wert und nahe wie Menschen unseres Volkes; denn es begegnet uns hier die gleiche geistige Haltung.« Wir vermissen zwei wichtige Namen: Sigrid U n d s e d und Selma L a g e r 1 ö f, die schlechthin die zwei bedeutendsten Dichterinnen nordischer Art sind und deren Bücher in Deutschland gewaltige Massenauflagen erlebten. Aber rie' dürfen dort nicht mehr genannt werden, denn Selma Lagerlöf hat den Ertrag eines Werkes zwecks Unterstützung politischer Flüchtlinge zur Verfügung gestellt, und Sigrid Undsed wandte rieh erst jüngst wieder in einem Buche scharf gegen Rassenhetze, Antisemitismus und Wotangeist. Die Werke der beiden großen Nordinnen, die die Geschichte ihrer Völker schilderten, wie keine anderen Federn vor ihnen— rie verschwinden aus den Schaufenstern der deutschen Buchhandlungen. Dafür dürfen diese Sven Hedin auslegen, den Halhjuden, dessen Geist »uns nahe ist«, wie auch das teutonische Sachsen-Kontor meint. Der schwedische Mischling auf Hitlers Freundschaftsliste, die größten germanischen Dichterinnen gegen die Hitlerei— das Hakenkreuz hat Pech in Teuts Urheimat. Gregor. Deutsdies Flnanzlcxlkon Anleihe— was nicht zurückgezahlt wird. Anleihe, garantierte— was garantiert nicht zurückgezahlt wird. Betrug— s. Bilanz. Bilanz— s. Betrug. Converrion— Nichtzahlung in Raten. Defizit— das Unsichtbare, Devisen— saure Trauben. Ehrlichkeit— s. Bilanz. Finanzminister— einer, der seiner Zeit weit voraus ißt(die Einnahmen). Garantie des Staates— zwei Ertrinkende halten sich aneinander. Gläubiger, ausländischer— komische Figur. HUquide— Normalzustand einer Notenbank. Inflation—»Wer darf das Kind beim Namen nennen?« Kapital— Produkt konsequenten Schulden- machens. Kredit—»Ich besaß doch einst...« Lombard— Methode, die eigenen Schulden zu beleihen. Münzen— Scheiben aus minderwertigem Metall. Notendeckung— des Königs neue Kleider (Märchen von Andersen). Obligationenrecht— Römisches Rechtrinsrti- tut, ungermanisch. Parität der Mark— o. rühret, rühret nicht daran! Publikum— die Hineingefallenen. Quartal— s. Termin. Rate— womit man rückständig ist. Raub— unzarte Bezeichnung nationaler Flnanzm e thoden. Sanierung— Verwandlung von Schulden in Anleihen. Schacht— lotrecht nach unten führend. Sparkassenpolitik— s. Raub. Statistik— modernes Färbemittel. Termin— Zeitpunkt, zu dem nicht gezahlt wird. Unanständig— der Gläubiger, der sein Geld fordert. Versprechen— gleich»rieh versprechen«. Wechsel— geduldiges Reittier. Wechsel(Arbeitsbeschaffungs-)— schnell sich vermehrendes Ungeziefer. Zinsen— schlägt man zum Kapital, s. u. »Anleihe«. Zusammenbruch— Schluß dieses Lexikons. M u c k i. Engel oder Frontsoldat In einem Aufsatz des Führerorgans der nationalsozialistiscben Jugend—»Wille und Macht«— heißt es: »Es kommt vor, daß die katholische Bevölkerung in dem Aberglauben lebt, jedes gestorbene kleine Kind sei ein Engel. Diese religiöse Einstellung führt notwendigerweise dazu, daß ein toter Säugling als Engel mehr geschätzt wird, als ein gefallener Frontsoldat.« Ehe Jugendjoumalisten scheinen der Auffassung zu huldigen, daß ein Eieutscher entweder als Säugling oder als Frontsoldat sterben müsse. Und wenn das Dritte Reich noch lange bestehen bleibt, werden rie wohl recht behalten. Ifil Jk jdit Sosd&iMtMik MÜtiH Das EhrenbreD für Betriebsführer In der Presse der Arbeitsfront häufen sich in letzter Zeit anonyme Briefe der»g-ewerbs- mäßigen Meckerer«, die angesichts ihrer großen Zahl bereits in Aufsätzen generell beantwortet werden. So schreibt der »G rundstei n«;»Eine Leistung aber wäre es gewesen, wenn diese denkenden Bauarbeiter sich einmal der Mühe unterzogen hätten, warum die Löhne auf den Baustellen so niedrig sein müssen...« Gegen einen anderen Meckerer heißt es:»Wer das Handwerk und den Hausbesitz mit einer Partei verwechselt, der ist zu alt, um unsere Zeit zu verstehen...« Um diesem Unfug gründlich zu steuern, soll die Kritikasterei in der Zeltschrift überhaupt abgeschafft und statt dessen die Belobigung der sozialen Betriebsführer eingeführt werden. In einem soeben veröffentlichten Aufruf heißt es: »Was wir nicht mehr hören wollen, sind jene netten Ueberschriften»Unsozialer Betriebsführer am Pranger«,»Leuteschinder vor dem Ehrengericht« usw.« Künftig sind alle Berichte vom Betriebswalter der DAP zu unterzeichnen. Um künftig die»positive Seite« der neuen Volksgemeinschaft zu betonen, muß»ein von glühendem Ehrgeiz der Betriebsführer befeuerter edler Wettstreit« einsetzen. »Um diesem Wettstreit einen entsprechenden Ansporn zu geben, hat sich der »Grundstein« entschlossen, ein besonderes »Ehrenbrett des Betriebsführers« einzurichten, auf dem alle Betriebsführer vermerkt werden, die sich durch besondere 1 Leistungen ihrer Gefolgschaft gegenüber' hervortun.« Durch solche Gedenktafeln für»Sozialismus der Tat« wird die soziale Frage im Dritten Reich endlich gelöst werden. Der soziale I Horizont ist außerdem durch einen Aufruf Leys »D er Weg zum gerechten Lohn« hell erleuchtet worden. Ley sieht zwar ein, daß»das Lohnniveau noch das alte, viel Not und Elend noch in unseren Reihen ist«, aber »wir freuen uns, den Lebenswillen wieder gewonnen zu haben. Ley legt seine»unerschütterliche Verpflichtung in zehn Geboten nieder, deren erstes bereits alles andere besagt: es heißt: >1. Wir grüßen den Führer am Morgen und danken ihm am Abend dafür, daß er uns Lebenswillen und Lebenshoffen neu geschenkt hat. Das 9. Gebot lautet; »Man darf sich niemals auseinanderraufen, sondern immer zusammenraufen.« Die Entwicklung der Sozialversicherung Die Ehrenbretter für die Betriebsführer, die sich an diesem edlen Wettstreit um den gerechten Lohn beteiligen werden, dürften ganze Wälder verbrauchen. Ob sich ein denkender Arbeiter findet, der ein Brett vor dem Kopf haben möchte, ist aber ungewiß. Da die Begeisterung der Arbeiterschaft für den gerechten Lohn nicht genügend stark eingesetzt hat, glaubte Ley, mit einer umfangreichen Veröffentlichimg über die Entwicklung der Sozialversicherung seit Hitlers Machtantritt nachhelfen zu sollen. Als Haupterfolg wird die Sanierung der Invalidenversicherung hingestellt. Die bekannt gewordenen Zahlen zeigen aber nur zu deutlich, daß die finanzielle Bereinigung der JV lediglich durch einen brutalen Abbau der Leistungen erreicht worden ist. Ueber die Relation zwischen den vereinnahmten Beiträgen und den Rentenleistungen mögen folgende Zahlen sprechen: Beiträge Renten Heilverfahren 1930 986,4 905,8 93,5 1934 843,8 674,5 39,5 Hier ist unschwer zu erkennen, auf wessen Kosten die Ersparnisse in der JV gemacht worden sind. Die Invalidenrentner sind allerdings nicht ganz so schonend behandelt worden, wie die Nazibonzen in der Verwaltung der JV. Die Verwaltungskosten zeigen nach der letzten Veröffentlichimg folgende Entwicklung; 1932. 30,9 MiH. Mark 1933.■ 29,5„ 1934... 32,0 Es geht in den Verwaltungsausgaben schon im zweiten Hitlerjahr wieder munter aufwärts. Bei den Beitragseinnahmen gibt die Verteilung auf die einzelnen Lohnklassen einen Einblick in das deutsche Lohnelend. Im Jahre 1934 verteilen sich die vereinnahmten Wocbenbeiträge folgendermaßen. Von 1000 Wochenbeiträgen entfallen auf; Lohnklasse I II m IV V 39 240 188 153 114 Lohnklasse VI VH VHI IX X 95 80 91—— Die Eingliederung der Arbeiter in die Beitragsklassen der JV gibt ein Spiegelbild des sog.»Leistungslohnes«. In den Lohnklassen I und H, das sind Versicherte bis höchstens 12 Mk. Wochenlohn, waren 28 Prozent, in den Klassen I, II, in bis 18 Mk. Wochenlohn 46.7 Prozent oder nahezu die Hälfte der Beschäftigten. In den Beitragsstufen IV und V (Löhne von 18 bis 30 Mk wöchentlich etwas über ein Viertel der Arbeiter. Die Klasse IV 30 bis 36 Mk., umfaßte noch nicht ein Zehntel, die Klasse VH(über 36 Mk.) etwa ein Sechstel. Es kann nach dieser Statistik des Reichsversicherungsamtes kein Zweifel mehr sein, daß die Neueinstellungen ausschließlich auf Kosten der Löhne vor sich gegangen sind. Das Vermögen der JV, das im Jahre 1931 noch 1.5 Milliarden betragen hat, war Ende 1934 auf 1.4 Milliarden gesunken. Die Angestelltenversicherung ist infolge der noch kurzen Zeit ihres Bestehens mit Rentenansprüchen weniger in Anspruch genommen und verfügt über das größte Vermögen, nämlich 4.7 5 Milliarden Mark. Dabei darf, wie es im Bericht heißt, nicht vergessen werden, »daß große Teile des Vermögens nicht flüssig gemacht werden können, weil sie in Grundslücken und beweglicher Einrichtung angelegt sind, auch sind außerordentliche Abschreibungen, wie sie entsprechend der Lage des Grundstücksmarktes für nötig gehalten werden, nicht vorgenommen.« Diese Bemerkung soll heißen, daß die Versicherungskapitalien der Angestellten überwiegend in Hypotheken für zahlungsunfähige Junker in Ostelbien und IndustrieUe weggegeben wurden. Das sog. Anwartschafts- deckungsverfahren, wie es unter Adolf Hitler für die JV und AV vorgeschrieben worden ist, hat also zur Beitragserhöhung herhalten müssen, während andererseits die Anwartschaften in Wirklichkeit nicht sichergestellt werden, denn das Versieherungskapital ist durch eine leichtfertige Kreditgewährung an die Großlandwirtschaft festgefroren. Die finanzielle Lage der gesamten Sozialversicherung wird um so katastrophaler werden, je mehr das Regime dazu übergeht, kraft der durch Ermächtigung an sich selbst erteilten unbeschränkten Anleihe- Vollmacht den Versicherungsträgern Hunderte von Millionen zur Unterbringung von Reichsanleihen zu entziehen. So soll jetzt, kaum daß die Sparkassen um 500 Millionen geschröpft worden sind, eine weitere Anleihe von 750 Millionen ausschließlich bei der Sozial- und Privatversicherung untergebracht werden. Die Invaliden- und Angestelltenversicherung hat das Verfügungsrecht über ihre Kapitalien zum Zwecke der Rentengewährung verloren, sie ist nur noch der Bankier des Reiches zur Bestreitung maßloser Rüstungsausgaben. Vertfrauensräte-Scfa windel Die deutsche Arbeiterschaft hat dem Regime bei der Vertrauensrätewahl auf seine Bankrotteurwirtschaft eine Antwort erteilt, die am Ehrenbrett des Deutschen Sozialismus nicht bekanntgegeben wird. Das Gesamtergebnis dieser Wahlen wird jetzt in einer »Uebersicht« zusammengefaßt, die von den verschiedenen voraufgegangenen Veröffentlichungen wiederum abweicht. Danach sollen von den 23,000.000 Mitgliedern der DAF nur 7.147 Millionen wahlberechtigt gewesen sein, eine auffallend niedrige Quote. Von diesen 7.1 MUlionen Wahlberechtigten hätten nach dieser Göbbels- Statistik 5.296 Millionen mit Ja gestimmt. Also selbst nach dieser gemachten Statistik haben nicht, wie bekannt gegeben, 84 Prozent, sondern nur etwas über 70 Prozent der Wähler mit Ja gestimmt. Die deutsche Arbeitsfront bringt eine Anzahl nervöser Abstimmungsbetrachtungen. Um dem Uebel abzuhelfen, ist eine große Schulungsaktion der Vertrauensräte eingeleitet, die neben der weltanschaulichen Erziehung künftig zusätzlich der Erläuterung nationalsozialistischer Sozialpolitik cüenen soll. Die NSBO wird auf den ihr zur Verfügung stehenden Schulen monatlich 450 geeignete Parteigenossen schulen, die als Lehrkräfte für die Vertrauensräte zu fungieren haben. »Das kommende Jahr muß ein weiterer Schritt in der Verwirklichimg der wahren Betriebegemeinschaft sein.« Der Ley vergißt bei seinen neuesten Schu- lungsmänövem, daß die deutsche Arbeiterklasse ihre politische und gewerkschaftliche Schulung von gestern nicht vergessen hat. Wieder einer betrogen! Brasilien wehrt sich— Schacht sucht neue Dumme In die Bucht, die die Meeresufer im Umkreis der Stadt Santos umspült, sind schon viele MUlionen Ballen Kaffee versenkt worden, aber das Meer bleibt so unersättlich wie der Kaffee unverkäuflich. Alle Anstrengungen, Ordnung in den Kaffeemarkt zu bringen, versagen, die unverkäuflichen Lager werden immer größer und der Kaffeepreis immer niedriger. Er ist vom März 1934 bis April 1935 in New York von lOVz auf 3 Dollar, also um 70 Prozent gefaUen. Schon trägt man sich mit dem Plan, um den Preissturz aufzuhalten, das Meer aufs Neue mit einigen Millionen Sack Kaffee zu füttern. Kein Wunder, daß brasilianische Pflanzer nach Wegen suchen, sich von dem verlustreichen Kaffeeanbau abzuwenden oder doch sein allzu großes Risiko durch Anbau anderer auf dem Weltmarkte verwertbarer Erzeugnisse abzuschwächen. Deshalb forciert man seit einiger Zeit in Brasilien die bis dahin stark vernachlässigte Baumwollkultur. In den Vereinigten Staaten ist man bemüht, durch planmäßig'e Einschränkung der Baumwollproduktion die Preise hochzuhalten. Die Baumwollpolitik, die die amerikanische Regierung zugunsten der Baumwollfarmer treibt, gibt der brasilianischen Baumwolle eine Chance, die ihr bisher wegen ihrer minderwertigen Beschaffenheit nicht beschieden war. Allein im Jahre 1934 ist der Anteil der USA an der Versorgung der Welt mit Baumwolle hauptsächlich zugunsten Brasiliens von 55 auf 45 Prozent gesunken. So seltsam es klingt, es ist, abgesehen von Sonne, Luft und Bewässerung, vor allem die Pleite des Dritten Reiches, die die brasilianische Baumwollkultur hat gedeihen lassen. Hitlerdeutechland muß seine Rohstoffe dorther beschaffen, wo man bereit ist, sie anstatt mit Devisen mit Waren bezahlen zu lassen. Daher die Abwendung von der nordamerikanischen zur brasilianischen Baumwolle, obwohl diese wegen ihrer Kurz- faserigkeit jener nicht gleichwertig ist. Noch Mitte 1934 betrug der Anteil der brasilianischen Baumwolle an der deutschen Baumwollvorsorgung weniger als 1 Prozent. Anfang dieses Jahres lieferte Brasilien bereits ein Viertel, USA nur noch ein Fünftel des deutschen Baumwollverbrauches gegen mehr als 50 Prozent im Jahre 1934 und 70 Prozent 1933. So wurde Brasilien wie Hitlerdeutschland ein unverhofftes Glück zu teil. Dieses konnte seine Baumwolleinfuhr ohne Devisen hochhalten, jenes konnte hoffen, sich für seine Verluste beim Kaffeegeschäft einigermaßen durch Gewinne beim Eaumwollexport schadlos zu halten. Die beiderseitige Freude war aber nur von kurzer Dauer. Schacht ist in diesen Tagen durch eine Verfügung der brasilianischeil Regierung peinlich überrascht worden, daß Deutschland brasilianische Waren in Zukunft mit Devisen bezahlen muß. Es besteht seit vorigem Jahre zwar ein deutsch-brasilianisches Abkommen, daß den gegenseitigen Handels- und Zahlungsverkehr regelt, es ist aber von keiner der beiden Parteien unterzeichnet worden. Die brasilianische Regierung sieht sich aber nicht nur deshalb berechtigt, das Abkommen als nicht bestehend zu betrachten, sondern auch, weil Schacht seine Voraussetzung, die Bezahlung der brasilianischen Einfuhr mit deutscher Ausfuhr, beseitigt, also nach bewährter Methode versucht hat, die Brasilianer um die Bezahlung ihrer Waren zu prellen. 1934 hatte Deutschland aus Brasilien für 77 Millionen Mark eingeführt und nach Brasilien für 74 Millionen Mark ausgeführt. Im ersten Vierteljahr 1935 hatte der Wert der aus Brasilien importierten Waren den Wert der Ausfuhr dahin bereits um 50 Prozent überschritten. Brasilien hat also die Erfahrungen mit Schachts Betrugsmanövern erst jetzt gemacht, die andere länder längst hinter sich haben. Selbstverständlich wendet Hitlerdeutschland auch in diesem Falle das altbeliebte Verfahren an, sich als verfolgte Unschuld aufzuspielen. Es beantwortet die Maßnahme Brasiliens, das nicht mehr verlangt als die Bezahlung seiner Lieferungen, mit Boykottdrohungen. Noch am 14. April hatte die »Frankfurter Zeitung« geschrieben, Deutschlands Kaffeeversorgimg sei durch Austauschgeschäfte mit Brasilien auf Jahre hinaus zuungunsten anderer Erzeuger gesichert, die infolgedessen kaum noch Absatzmöglichkeiten nach Deutschland hätten. Jetzt, am 16. Mai, schreibt die»Rheinisch- Westfälische Zeitung«: »Was insbesondere den brasilianischen Kaffee anlangt, so ist er ohnehin nicht von hervorragender Qualität und das deutsche Publikum bevorzugt schon seit Jahren in steigendem Maße die mittelamerikanischen Kaffeesorten, diejenigen von Guatemala, Costorica usw.« Daß man bisher auf den Geschmack des deutschen Publikums bei der Kaffee-Einfuhr so wenig Rücksicht nehmen konnte, hat Devisengründe. Hitlerdeutschland wird indes froh sein, wenn es den brasiliamschen Kaffee auch in Zukunft ohne Devisen bekommen kann. Weit wichtiger als Kaffee ist die Baumwolle, auf die Schacht trotz forcierter Produktion von Ersatzstoffen nicht verzichten kann, ohne den Export von Geweben noch weiter sinken lassen. In diesen Tagen hat eine Besprechung über die künftige Gestaltung der deutsch-brasUianischen Handelsbeziehungen stattgefunden. Wie man hört, ist Brasilien bereit, Kompensationsgeschäfte in Kaffee, Kakao usw. in bescheidenem Umfange zuzulassen, gerade aber das für Deutschland entscheidend wichtige Rohprodukt Baumwolle soll nicht unter diese Regelung fallen, für sie verlangt man bare Zahlung, die aber Schacht eben nicht leisten kann. Er ist aber sehr findig: bei der Absatznot die in der Welt für alle Waren besteht, die nicht mit dem Wettrüsten zusammenhängen, wird sich schon jemand auftreiben lassen, der es riskiert, bei den Geschäften mit Schacht der Dumme zu sein. Jedoch das Beispiel Brasilien zeigt, daß die Dummen, dem Sprichwort zum Trotz, allmählich doch alle werden. G. A. Frey. Gesdiiditssdireibun� Der»Mittag«, Düsseldorf, veröffentlicht einen Aufsatz, betitelt»Der Prager Friede vom 20. bis 30. Mai 1635.« Wir entnehmen dem» Artikel, der vom Anfang bis zum Ende eine einzige Hetze gegen Frankreich darstellt, als Kostprobe folgende Stelle: Frankreichs militärische Macht wuchs von Jahr zu Jahr, so daß es imstande war, nach weiteren dreizehn Krisenjahren, die Deutschland an den Rand des Abgrundes brachten, den Westfälischen Frieden nach seinem Ermessen zu diktieren. Er stellt noch heute, vor allem durch die bewußte Zerschlagung Deutschlands, für die Franzosen das ideale Verhältnis zwischen Frankreich und Deutschland dar. Es gab schon einmal eine Zeit, da geschichtliche SSeitungsartikel in deutschen Blättern genau denselben Stil und genau denselben Geist atmeten. Das war von 1914 bis 1918. Heute sind wir so weit, noch ehe wir soweit sind. Aber die verlogenen Friedensreden im Rundfunk erfahren dadurch keinen Abbruch. IwarlaoöÄ (5o|iaWemoPraHfcI)CO IDocijcnbiaU Herausgeber; Ernst Sattler; verantwortlicher Redakteur: Wenzel Horn; Druck;»Graphia«; alle in Karlsbad. Zeitungstarif bew. m. P. D. ZI. 159.334/Vn-1933. Printed in Czecho-Slovakia. Der»Neue Vorwärts« kostet im Einzelverkauf Innerhalb der ÖSR. Kö 1.40(für ein Quartal bei freier Zustellung Kö 18.—). Preis der Einzelnummer im Ausland Kö 2.—(Kö 24.— für das Quartal) oder deren Gegenwert in der Landeswährung(die Bezugspreise für das Quartal stehen in Klammem): Argentinien Pes. 0.30(3.60). Belgien Frs. 2.—(24.—), Bulgarien Lew 8.—(96.—), Danzig Guld. 0.30 (3.60), Deutschland Mk. 0.25(3.—), Estland E. Kr. 0.22( 2.64), Finnland Fmk. 4.—(48.—), Frankreich Frs. 1.50(18.—), Großbritannien d 4.—(Sh. 4.—), Holland Gld. 0.15(1.80), Italien Ur. 1.10(13.20), Jugoslawien Din. 4.50 (54.—), Lettland Lat. 0.30(3.60), Litauen Lit. 0.55(6.60), Luxemburg B. 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