Xp. 103 SOWTAG, 2. Juni 1935 Aus dem Inhalt: Das deutsche Millionenheer Belogenes Volk Rassenwahn und Rassenkunde Danzig vor dem Völkerbund SPocfonMoff Verlag; Karlsbad, Haus„Graphia"— Preise und Bezugsbedingungen siehe Beiblatt letzte Seite KriHttefahr- Dfluerzustand! Die Diktatoren zerrütten den Frieden Es gibt immer noch Illusionisten in Europa. Sie nehmen diplomatische Haltungen und Reden für die Wirklichkeit. Sie klammern sich an das, was die Diplomaten sagen, um nicht die Dinge selbst sehen zu müssen. Diese Illusionisten haben fieberhaft die Texte der Hitlerrede durchstöbert, um Worte vom Frieden und von der Entspannung zu finden, um sich damit die Sorgen vom Leibe zu halten. Ein einziger Blick auf Deutschland selbst müßte ihnen genügen, um den wahren Wert dieser Worte kennenzulernen. In Deutschland toben sich neue wilde Verfolgungen gegen die g e- heime Opposition aus wie gegen alle Kreise, die morgen oppositionell werden könnten. Brutale Ausbrüche des pogromwütigen Antisemitismus und Antikatholizismus, Verfolgung der evangelischen Kirchenopposition, ein Durcheinander der Maßnahmen kennzeichnen die Lage. Dazu der Interessentenkampf im System und um das System herum, Jagd nach Profit, Beraubung der Konkurrenz. Die Instrumente der dirigierten Meinung werden hin- und hergeschoben. Die Deutsche Allgemeine Zeitung wechselt nominell ihre Unterhalter, andere große Zeitungen sind umstritten. Das Drängen der inflationistischen Kräfte wird immer stärker und damit der geheime Streit zwischen den Männern an der Spitze des Systems. Nach außen hin will das System erscheinen als ein großer homogener Block, als eine Ausrichtung aller inneren Kräfte auf den Willen des Führers, der allein die Fäden in der Hand hält und souverän dirigiert— in Wahrheit aber ist es ein wildbewegtes System, das bei aller augenblicklichen Stabilität nicht auf granitnem, sondern auf fließendem Untergrund steht Die innere Wildheit seiner unmittelbaren Anhänger, die Brutalität seiher Methoden, die Vernichtung alles Sin- hes für Ausgleich und Gerechtigkeit, das Fehlen alles Sinnes für eine Verantwortlichkeit über den reinen Machtwahn hinaus macht es zu einer Quelle des immerwährenden Mißtrauens, zu einem Element, das unbegrenzte Ueber- raachungsmöglichkdten in sich birgt Wer hüchtem den Zustand Europas prüft, darf daran nicht vorbeigehen; die innere Dynamik dieses Systems ist eine ständige Drohung, nicht nur für jeden einzelnen Deutschen, sondern für jeden einzelnen Europäer. Denn darüber dürfte sich inzwischen hoffentlich jedermann in Europa klar geworden sein, daß das Schicksal der Einzeihen mit dem Gesamtschicksal unlösbar verbunden ist! Immerhin wird die Zahl der Illusionisten immer geringer, und die letzte Hitler- rede hat daher nicht jene Wirkungen her- Vorgerufen, die man in Berlin auf sie gesetzt hat Man wird wieder verhandeln— wann hätten je Diplomaten nicht verhandelt Aber, und das ist das ent- �heidende: kein Mensch in Europa denkt �s�an, für die unsicheren Aussichten und Zweideutigkeiten dieser Verhandlungen such nur um ein Tüttelchen abzugehen von deh Politik der Rüstungen und der auf Rüstungen beruhenden Bündnisse. Geradezu typisch für die� allge- Umine Entwicklung ist die Verände- r u h g � der Stimmung der engli- schen Diplomatie wie des eng- 'Ischen Volkes. Wohl verliert die Sprache der englischen Diplomatie wieder 411 Schärfe— aber auf der anderen Seite steht das entschlossene Vorwärtstreiben des englischen Rüstungsprogrammes für den Luftkrieg, für die Bereitstellung der Industrie auf alle Eventualitäten. Die Stimmung des englischen Volkes wendet sich immer mehr ab von einem absoluten, auf dem Gefühl der Sicherheit und des Unbeteiligtseins ruhenden Pazifismus zu einer Bejahung der Stärkung der nationalen Verteidigung hin. Dieser Stimmungswandel hat auch die Labour Party und ihre Anhängerschaft erfaßt Noch hat sie dem englischen Luftrüstungsprogramm opponiert— aber ihre Opposition ist ganz anders nuanciert als noch wenige Monate zuvor. Die Möglichkeit, daß eines Tages harte Notwendigkeit über die Theorie des Friedens hinwegschreiten könnte, wirft ihre Schatten voraus und zwingt sie heute schon, dafür Sorge zu tragen, daß sie den Boden der Wirklichkeit nicht unter den Füßen verliert. Das ist das Geschick, das sich nicht an ihr allein, sondern art fast allen sozialistischen Parteien Europas vollzieht, und nun gar erst an den kommunistischen! Diese Entwicklung signalisiert über alle diplomatischen Temperaturechwankungen hinweg einen überaus gefährlichen Dauerzustand Europas. Wenn Gewöhnung an diesen Zustand eintritt, so wird die Gefahr nicht geringer, sondern größer; denn mit dieser Gewöhnung schleichen sich Kriegsrüstungen und Kriegsgefahr, und damit schließlich der Krieg selbst als ein unabänderliches Faktum in das Denken der Völker ein. Jeder diplomatische Szenenwechsel, jede Schwankung in der Kräfteverteilung kann zu einer Quelle unmittelbarer Gefahr werden, wenn erst die innere Widerstandskraft der Völker gegen den Krieg geschwächt ist. Das ist genau der Zustand, in dem sich Europa vor dem Ausbruch des Weltkrieges befand! Das Wuchten mit der Absicht, die ge-. genwärtige Kräfteverteilung aus den Angeln zu heben, ist voll im Gange. Wie anders sieht die Welt aus als jene meinen, die an Hitlers Friedenswillen glauben! Während Bemühungen im Gange sind, um die Zweideutigkeiten und Hinterhältigkeiten der 13 Punkte Hitlers aufzuklären, sucht die Hitlerdiplomatie den Ring zu sprengen. G ö r i n g besucht die Verbündeten Deutschlands aus dem Weltkriege, U n- g a r n und Bulgarien. Die Wirkung seiner Reise ist in Budapest unmittelbar in die Erscheinung getreten. Gömbös rasselt mit dem deutschen Schwert. Er will Ungarn bis an die Zähne aufrüsten. Er träumt laut von einem Block Warschau, Budapest, Wien, Rom, Berlin. Auch in Jugoslawien soll ein neuer Versuch unternommen werden, und schließlich auch in Rom. Mussolini aber, der andere Diktator in Europa, spielt ganz offensichtlich mit dem Gedanken, die Festigung der Kräfteverhältnisse nach Stresa und nach dem Abschluß der französisch-russischen und französisch-tschechoslowakischen Pakte wieder aufzulösen. Seine Politik wird unbestimmter, sie beginnt wieder in allen Farben zu schillern. Sein abessinisches Abenteuer, seine Verhandlungen um den Donaupakt, seine Anbetung der Rüstung aus Prinzip— alles zeigt den Willen, sich wieder in den Vordergrund zu schieben. Damit wird der Zustand Europas noch labiler, als er ohnehin schon ist. Aber die Labilität aller politischen Beziehungen, die Aufrechterhaltung der Kriegsvorabendstimmung, die allgemeine Unsicherheit, das ist es, was die Diktatoren brauchen, das ist ihr Lebenselement, Sie übertragen die Gefahren und die Unsicherheit aus dem Innern ihrer Machtbereiche auf ganz Europa, sie sind eine Kraft für den Krieg, niemals für den Frieden. »Ganz klar ist Deutschland der Feind der Sicherheit und des Friedens«— so heißt es in der Prawda vom 23. Mai nach der Hitlerrede—»Hitlers Programm ist nicht ein Programm des Friedens, sondern des Krieges im Westen wie im Osten Europas.« Die deutsche Diktatur arbeitet unermüdlich, um den europäischen Abwehrwillen gegen die deutschen Herrschaftsgelüste zu schwächen. Es gibt keinen Frieden und keine Stabüität in Europa, solange Diktatoren, die um ihrer Existenz wülen den Krieg und die Kriegsgefahr brauchen, den europäischen Völkern das Gesetz der Rüstung zum Kriege aufzwingen können! Im Dlensie der Freiheit Am 17. Mai wurden in München 11 Sozialdemokraten prozessiert. Drei von ihnen wurden freigesprochen. Es wurden verurteilt: Heinrich Stütze! aus Landau 2 Jahre 3 Monate Zuchthaus, Oskar Tremmel und Friedrich Kirn aus Lndwigshafen 1 Jahr 8 Monate Gefängnis. Weitere fünf Angeklagte erhielten Gefängnisstrafen von 7 Monaten aufwärts. Die Freigesprochenen wurden i n Schutzhaft genommen. Pas deutsdie Mllllonenheep Stärker als die Armee Sowjetrußlands Durch den Mund des Hitlerbyzantiners Reichenau, dem reaktionärsten Militär der deutschen Reichswehr, der Göring verhitn»- melt und Schleicher über dessen Tod hinaus verfluchte, wurden der deutschen Presse Erläuterungen über das neue deutsche Wehrgesetz gegeben. Sie sind darnach. Mit dem neuen Wehrgesetz wird das Wehrgesetz des Jahres 1921 hinfällig, welches— den Forderungen des Versal Uer Vertrages folgend— die allgemeine Wehrpflicht abschaffte. Deutschland Ist zum System der alten preußischen Armee zurückgekehrt, nach dem jeder männliche Bürger zwischen 17 und 45 Jahre Waffendienst zu versehen hat, Die Länge der Dienstzelt ist gesetzlich bisher nicht geregelt. Sie wird jeweils vom Reichskanzler festgesetzt, beträgt aber nach den Mitteilungen Reichenaus ein Jahr. Freiwilliges Längerdienen ist möglich, und zwar im Heer ein zweites, in Kriegsmarine und bei der Luftwaffe ein drittes und viertes Jahr. Das Flottenpersonal der Kriegsmarine sowie die Fliegertruppe sollen ausschließlich aus längerdienenden Freiwilligen ergänzt werden. Den traditionell altpreußi- schen Gegensatz zwischen Mannschaft und Führung bringt das Regime u. a. daduren zum Ausdruck, daß es einzelnen Juden eventuell noch gestattet, Heeresdienst auszuüben, nicht aber höhere Chargen zu bekleiden. Im ifrieg schließt man vermutlich Frieden mit ihnen. Hitler, der im Kriegsfälle näheres darüber zu verfügen hat, wird bombastisch verkünden:»Ich kenne keine Juden mehr, ich kenne nur noch Deutsche.« Durften die Juden im Hitlerdeutschland auch nicht leben, so dürfen sie doch im Kriegsfälle dafür sterben— wenn sie bis dahin nicht schon totgeschlagen sind. Von der Wehrpflicht nicht erfaßt werden die wegen»staatsfeindlichen Verhaltens« gerichtlich Abgeurteilten, die sich sonst als »wehnin würdig« erwiesen haben. Was sich die Herrschaften eigentlich einbilden, wie gern die Kämpfer gegen dieses Regime von den neudeutschen Kommiastlefeln getreten werden. Zuerst wird der Jahrgang 1914 eingezogen. Jahrgang 1915 macht zunächst ein Jahr Arbeitsdienst ab. In Ostpreußen wird außerdem der Jahrgang 1910 gemustert Die Jahrgänge 1910— 1913 können sich freiwillig melden. Im übrigen ist für diese Jahrgänge nur eine kurze Schnellaus- tildung von zwei Monaten vorgesehen, sie sind nur Ersatzreserve. Jahrgang 1914 Das Regime verfährt mit seiner Wehrpflicht poütisch sehr vorsichtig. Die Herren haben sich sehr gut überlegt, welche Schichten relativ am ungefährlichsten sind. Jahrgang 1914 weiß nichts mehr vom Grauen des Krieges, diese Jungens wurden geboren, als der Krieg ausbrach. Als er beendet war, waren sie vier Jahre alt. Zusammenbruch, Revolution und Neuaufbau erlebten sie nicht als bewußte Menschen. Sie kennen die Vergangenheit nicht, wissen daher nicht zu schätzen, was sich nach dem Kriege verändert hat und vor allem sind sie sehr der Legendenbildung zugänglich. Major Hesse sagt über das geistige Bild dieser Jugend sehr richtig: »... außerordentlich geringes Wissen, der Mangel an intellektuellem Willen und an innerer DiszipUn, ein einseitiges Tages- Interesse mit Betonung einiger weniger Dinge, eine starke Ueberschätzung der eigenen Persönlichkeit und eine entsprechende Unterschätzung der Vergangenheit und ihrer Generation.« Alles dies ist die Folge der Kriegs- und Nachkriegsjahrc, was leider nur den Betrachtern dieser Jugend, nicht aber der Jugend selbst bewußt geworden ist. Eben aus all diesen Gründen konnte der Nationalsozialismus auf diese Jugend zunächst einen gewissen Einfluß erlangen. Die körperliche Beschaffenheit dieser Jungen ist günstiger. Aerztliche Feststellungen haben ergeben, daß sich die Not der Kriegs- und Inflationszeit kaum noch auswirkt,(nach Hesse) und der ungeheure Aufschwung des Sportes nach dem Kriege viele Schäden wettgemacht hat. Wesentlich ist, daß diese Menschen zu denken begannen, als die Krise hereinbrach. Etwa um diese Zeit verließen sie die Schule und standen vor der Wahl eines Berufes. Seither haben sie nichts anderes als Krise erlebt. Vielfach berufslos, abhängig von den Eltern, schikaniert vom Arbeitsamt, enttäuscht von allem, werden sie in der Wehrpflicht vielleicht etwas Neues zu finden glauben, wie diese Jugend vielfach für den Arbeitsdienst eintrat und nicht die schlechtesten gerade von ihm den großen Umbruch der Zeit erwarteten. Freilich, die gegenwärtige Praxis des Arbeitsdienstes hat nicht mehr mit dem Idealen dieser Jugend zu tun, dennoch hat diese Jugend wahrscheinlich die meisten Illusionen von allen, die eine Zeitlang auch noch militärisch für das Regime umzumünzen sind. Dieser Jahrgang 1914, der nun in die Kasernen gesteckj wird, ist 5 6 0. 0 0 0 Mann stark. Die Militfirtauglichkedt ist in Deutschland vorläufig zweifellos noch sehr hoch— geht man nur von den körperlichen Voraussetzungen aus. Die amtlichen Bestimmungen über die Tauglichkeit zum Heeresdienst sind zwar dermaßen streng und die Voraussetzungen daher nur von einem so kleinen Teil erfüllbar, daß man nur mit einem sehr niedrigen Prozentsatz Tauglicher zu rechnen hätte, aber nach diesen Bestimmungen wird man gar nicht verfahren können, soll die Wehrpflicht wirklich eine allgemeine sein. Hier äußern sich offenbar nur Wünsche anderer militärischer Richtungen als der heute voll zum Durchbruch gekommenen nationalsozialistischen. Am besten geht das wohl aus der Meinung hervor, daß man Von den 560.000 Angehörigen des Jahrganges 1914 350.000 bis 450.000 einzuziehen gedenkt. Deuisdie Yorkriegsarmee und Rußlands jetjsgen Stand über troffen! Zusammen mit der Musterung des Jahrganges 1914 fällt die Einberufung des Jahrganges 1915 zum Arbeitsdienst. Der Jahrgang 1914 hat diese Schule ja zu einem großen Teile durchgemacht, abgesehen von anderen Jahrgängen, Die Arbeitsdienstpflicht ist also Jetzt offiziell das erste Jahr der zweijährigen Dlenst- Pflicht in Dentschland. Durch den Arbeitsdienst erhöht sich also nicht nur die Dienstzeit, sondern auch der Truppenbestand, Berechnet man nun die Reichswehr ein und berücksichtigt man die Freiwilligen, die sich unabhängig von dem im Moment eingezogenen Jahrgang, in die Armee eingliedern können, rieht man ferner in Betracht, daß in Ostpreußen auch noch der Jahrgang 1910 gemustert wird, dann ergibt sich daraus, daß Deutschland heute zahlenmäßig weit die Friedensstärke des kaiserlichen Heeres übertrifft. Diese betrug 1913/1914 725.149 Mann. Heute übertrifft Deutschland auch die russische Armee, die 940.000 Mann zählt. Zum ersten Mal in der Geschichte ist die deutsche Armee zahlenmäßig der russischen überlegen. Immer war Rußland ungefähr doppelt so stark. Hitlers Rede, Roeenbergs Pläne und die auffallende Tatsache, daß In Ostpreußen noch ein weiterer Jahrgang eingezogen wird, lassen klar erkennen, um was es zunächst geht, »Die Sdmle der Nation« Mit dem Wehrgesetz zusammen fällt die Aenderung des Reichsministergesetzes. Dadurch wird den aktiven Soldaten die Ministerbefähigung zugesprochen, eine interessante Illustration für die>unpolitische Armee«, die nirgends politischer war als in Deutschland. Auch das Aufgreifen der alt- preußischen Bezeichnung»Kriegsministerium« ist auffallend. Die Formen des alten reaktionären Preußentums erneuern sich. Unfähig, eine Ordnung zu schaffen, die vom Volke innerlich bejaht wird, müssen Drill und Kommando an die Stelle der Ueberzeugung und der freiwilligen Einsatzbereltschaft treten.»Schule der Nation« sagen die Blomberg und Göring, die Hesse und all jene, die nicht nur militärische, sondern vor allem ökonomische und polltische Interessen zu wahren haben. Es ist ja doch eine Tatsache, die selbst von Hesse, Oertzen und anderen Militärschriftstellern Deutschlands eingestanden werden muß, daß— um nur ein Beispiel zu nennen— vor dem Kriege gerade von der reaktionären Garde, In erster Linie den Junkern, gegen die Erweiterung des Heeres Stellung genommen wurde, well dadurch bürgerliche Offiziere an die Spitze des Heeres gekommen wären. Ludendorff und andere führen darauf sogar den Verlust der Marneschlacht zurück.»Schule der Nation« hieß diese»Erziehung«. Hesse enthüllt deutlich die reaktionäre Seite der neuen deutschen Wehrpflicht: »Vor unseren Augen taucht leuchtender als je zuvor, das Bild der alten Armee und mit ihm des Staates der Ordnung auf. Wir erkennen, was 14 Jahre ohne allgemeine Wehrpflicht für die Entwicklung der jungen Generation bedeutet haben, wie vieles ihr verlorengegangen und was ein älteres Geschlecht ihr vorausgehabt hat... Zu jung war das Reich, zu widerstrebend in sich die Kräfte des Individualismus und des Partikularismus, zu verschieden der deutsche Mensch In seiner Struktur, als daß es nicht eiserner Klammern bedurft hätte, ICaiMpS dem Ibraimen TerFOF! Internationale Proteste gegen das Nazi-System Die Ausschußsitzung des Internationalen G e w e r k s c h af t s b u n- d e s in Kopenhagen hat eine Resolution beschlossen, in der sie den steigenden braunen Terror in Deutschland brandmarkt. Sie stellt fest, daß Tausende von Gewerkschaftern in Konzentrationslagern der brutalsten Behandlung unterworfen werden und fährt fort: »Der Generalrat des IGB lenkt die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit auf diese Tatsache. Eingedenk der kaltblütigen und feigen Ermordung des Arbeiterführers Husemann muß sich die ganze zivilisierte Welt zum Protest gegen die Nazidiktatur und ihre Methoden erheben, die selbst die Waffe des heimtückischen Mordes als Instrument der Politik einschließen. Der Generalrat fordert alle freiheitliebenden und demokratisch gesinnten Menschen zu verstärkter Opposition gegen die Nazidiktatur auf, zur Ausbreitung und Verstärkung des Boykotts und zur Sammlung aller Kräfte im Kampf um die Befreiung der Opfer des Faschismus. Zu diesem Zwecke fordert der Generalrat des IGB, daß eine internationale Kommission zur Untersuchung der Nazi-Greuel efngesetzt wird.« Eine Gnippe von Abgeordneten der Labour Party hat im englischen Unterhaus den folgenden Antrag eingebracht; »Das Haus ist der Ansicht, daß durch Sr. Majestät Regierung Schritte unternommen werden sollten, um der deutschen Regierung die Gefühle des Widerwillens zum Ausdruck zu bringen, die durch den in Deutschland jetzt herrschenden Massea- terror erzeugt werden, worunter die geheime Verhaftung und Einkerkerung von Arbeitern zu verstehen ist, ihre Einschließung in Konzentrationslagern, die Verwendung der Folter zur Erpressung von Geständnissen, das Prügeln und Verstümmeln wehrloser Gefangener und pseudorechtmäßige Hinrichtung von Personen, die sich in der Gewalt der deutschen Regierung befinden. Das Haus ist ferner der Ansicht, daß Sr. Majestät Regierung die deutsche Regierung unterrichten sollte, daß dieser Stand der Dinge in Dentschland unglücklich auf die freundschaftlichen Be- zichongen einwirke, deren Existenz zwischen Deutschland und Großbritannien erwünscht wäre.« Die Unterdrüdilen Am Sarge Fritz Husemanns. Wie Fritz Husemann bestattet wurde, das schildert der folgende Bericht aus dem Ruhrgebiet: Wie ein Blitz aus heiterm Himmel traf uns Bergarbeiter die Nachricht von der Ermordung unseres Führers. Die Nachricht, daß Fritz Husemann am Samstag, dem 19. April, mittags um 12 Uhr, im Krematorium in Dortmund eingeäschert werden würde, erhalten wir in letzter Stunde. Wie ein Lauffeuer geht sie von Mund zu Munde. Kurz vor 12 Uhr treffen wir auf dem Zentralfriedhof ein. Personenautos, Motorräder, Radfahrer kommen. Im Nu ist der Platz gefüllt. Ernst und wortlos stehen die jungen und die alten Kameraden. Hier und da ein stiller Händedruck unter den Kumpels. Ein scheues Umschauen: wer ist Spitzel? Es ist 12 Uhr. Die Haupttrauerhalle wird geöffnet und im Nu ist alles besetzt. Tränenden Auges schauen die Teilnehmer zum Katafalk. Dort ruht er, unser gemordeter Führer. Nach kurzem Orgelspiel singt der Volkschor Bochum. Ein junger Bergarbeiter tritt an die Bahre und spricht Dehmels Gedicht; »Unter Tage, Uber Tage.« Das letzte Glückauf ist verhallt. Der Volkschor singt»Ein Sohn des Volkes«. Bei der letzten Strophe setzt leise die Orgel ein, das Lied begleitend und zum Schluß dröhnt es In mächtigen Akkorden durch den Raum, wie die Anklage der Unterdrückten und gleichzeitig als Trutzlied der sich Aufbäumenden:»Ein Sohn des Volkes wollt er sein und bleiben.« Eine gewaltige Erschütterung geht durch die Trauergemeinde. Den Hut in den Händen zerknitternd stehen die Knappen, Tränen der Rührung, aber auch stiller verhaltener Wut in den Augen. Das Blut hämmert mächtig In den Adern. Man hat das Gefühl, daß hier im Räume eine gebändigte, verhaltene Kraft vorbanden ist, die eines Tages explosiv hervorbrechen muß. Man liest es den Gesichtern der Bergarbeiter, der Freunde und Bekannten ab. Bei den letzten Klängen versinkt der reich mit Blumen geschmückte Sarg. Beim Verlassen der Halle schauen wir uns In die Augen. Leise wird geflüstert:»Nicht einmal ein kurzer Nachruf wurde gestattet. Das besagt alles.« Doch lieber Fritz Husemann, eine noch so große Rede hätte nicht das Gefühl wek- ken können wie dieses verbissene Schweigen bei dieser schlichten Feier. »Auf der Flucht erschossen!« Ja, wir wissen, was das beißt. Dein Tod und Dein schlichtes Leichenbegängnis haben der deutschen Arbeiterschaft eine erneute Verpflichtung auferlegt. Glück auf! um hier die Kräfte in ihrer Totalität zusammenzufassen. Erst in der deutschen Armee verkörperte sich das größere Vaterland, denn nirgends konnten sich ja die Söhne so zusammenfinden wie hier und von keiner Seite aus wurde eine weitere Entwicklung so einheitlich bestimmt wie von dieser Stelle.« Die eiserne Klammer, das war gestern und ist heute die Klammer, die die Freiheit erstickt. Sie war gestern und ist heute das Wahrzeichen einer unhaltbaren Ordnung, sie war gestern und ist heute der militärische Ausdruck der deutschen Reaktion. Sie war gestern und ist morgen die Ursache des Zusammenbruchs. Dem verantwortungslosen Sohwertgeklirr fügt das Regime die innere Reaktion hinzu. Und das Volk muß wieder dafür bluten. Danzigr vor dem Völkerbund Die vier Gesiditec des Nazl»Grei$er Der Völkerbundsrat hat eine Kommission von drei Mitgliedern eingesetzt, um die Dan- zlger Petitionen zu prüfen, die sich über die schweren/ nationalsozialistischen Vetfassungs- verletzimgen beklagen. Herr Greiser, der Danziger Senatspräsident, war ganz klein. Er erklärte, daß der Senat seine Haltung ändern würde, wenn die Kommission Verfassungsverletzung feststellen sollte, und daß er dann geeignete Maßnahmen zur Abhilfe ergreifen werde. Der Nationalsozialist Greiser trägt in Genf ein anderes Gesicht zur Schau als in Danrig. In Danzlg hat er dem Hohen Kommissar des Völkerbundes gröblich attackiert, hat seine Rechte bestritten und hat zugleich den Völkerbund lächerlich gemacht. In Genf tat er de- und wehmütig Abbitte. Dort saß er mit dem Hohen Kommissar am Ratstische, als Herr Eden als Berichterstatter erklärte: »Der Völkerbandsrat wird nicht dulden, daß der Danziger Senat die Tragweite der Völkerbundsgarantie für die Danziger Verfassung einschränkt. Er wird nicht gestatten, daß Danziger Bürger, die sich an ihn wenden, des Landesverrates beschuldigt werden. Die Mitglieder des Rate nehmen die formulierten Kritiken an der Amtsführung des Hohen Kommissars nicht an. Der Völkerbundsrat versichert dem Hohen Kommissar seines vollen Vertrauens für die Erfüllnng der dringenden Aufgabe, die ihm anvertraut ist.« Nach dieser Ohrfeige stammelte Greiser, daß er die Kompetenz des Hohen Kommissars niemals in Zweifel gezogen habe, aber bei seinen Wahlreden habe er— mehr mit dem Herzen als mit dem Verstand gesprochen! Der Knabe Greiser hat«ich vor dem Rat de- und wehmütig zurückgezogen, in Danzig aber wird er wieder den Diktator spielen, und wehe denen, die die Wahrheit der Vorgänge vor dem Rat in Danzig ins wahre Licht setzen! Vergeßlichkeit oder Bekenntnis? Hitler hat in seiner Reichstagsrede seine Kriegshetze gegen Sowjetrußland unterstützt durch eine lange Aufzählung kommunistischer Verbrechen von 1918 an. Er hat sie geführt bis zum Jahre 1933. Dann brach er ab und sprach: und so welter, und so weiter! Warum»und so weiter«? Warum hat er nicht mehr gesprochen von dem großen Glanz- und Schaustück der Hitlerpropaganda, das seit 1933 der Oeffentlichkeit als das kommunistische Verbrechen eingehämmert werden sollte? Warum hat er nicht vom Reichstagsbrand gesprochen? Warum? Danziger Nazizensur Die Verlagsanstalt»Graphia« in Karlsbad erhielt den folgenden Brief: Landeekulturkammer der Freien Stadt Danzig, Geschäftsstelle: Danzig, Elisabethwall 9/ni. Fernsprecher: 21.851 und 27.241. Danzig, den 10. Mai 1935. Ich möchte Sie bitten, für die.»Buchberatungsstelle« in der Landeskulturkara- mer der Freien Stadt Danzig ein unberechnetes Verlagsexemplar von: »Konzentrationslager« Julius Deutsch:»Der Bürgerkrieg In Oesterreich« zur Prüfung senden zu wollen. Laut Verfügung de« Senats der Freien Stadt Danzig Uberwacht die»Buchbem- tungss tolle« sämtliche in den Handel oder zur Ausleibe kommende Literatur im Gesamtgebiet der Freien Stadt Danzig. Sie empfiehlt den Vertrieb und Ankauf wertvoller Bücher in öffentlichen Büchereien, Leihbüchereien, Volksbüchereien und Im Buchhandel. Sie verbietet den Vertrieb und Verleih ungeeigneter Literatur Im Rahmen der beetehenden gesetzlichen Bestim- mungen. Sollten Sie diesem Ersuchen nicht nachkommen, so müßte ich annehmen, daß Sie selbst Ihr Buch für nicht geeignet für den Vertrieb oder den Ausleih im Gebiet der Freien Stadt Danzig halten. Ich müßte in diesem Falle die entsprechenden Maßnahmen treffen. Konst. Trümmer, Leiter der»Bnchberatungss teile«. Auf diese Weise sollen die Methoden des braunen Meinungsterrors aus dem Hitler- reich auf Danzig übertragen werden. Die Herrschaften machen es sich sehr bequem. Da sie gegen Buchhändler, Buchverleiher und private Buchkäufer in Danzig nicht mit den gleichen brutalen Gewaltmitteln vorgehen können wie im Reiche, sollen ihnen die Verleger selbst behilflich sein. Sie richten eine Buchvorzensur ein, und wer sich nicht freiwillig unterwirft, gilt von vornherein als verdächtig. Es versteht sich von selbst, daß diese famose Einrichtung nicht im Einklang mit der vom Völkerbund garantierten Verfassung ist. Das fehlte gerade noch, daß die Buchverleger selbst diese saubere Methode förderten! Deutscher und Franzose Aus dem»Intransigeant«(7. Mai): »Mit tiefer Trauer hört man von einem neuen Fall von Kindermißhandlung. Es handelt sich diesmal um einen armen Jungen von 7 Jahren, und auch der Missetäter selbst war nur ein Knabe. Er isrt heute 14 Jahre alt. Bei seiner Vernehmung auf dem Kommissariat des Bezirks Javel, das ihn verhaftet hatte, gab Gaston Bonniec ohne Sträuben und ohne Gemütsbewegung die ihm vorgeworfenen Mißhandlungen zu. Er sagte aus: .Wir spielten Deutscher und Franzose. Da ich der Stärkere bin, war ich der Deutsche. Mein Bruder spielte den Franzosen. Ich zwang ihn. die»Marseillaise« zu singen und dann hieb ich so fest auf ihn ein, wie ich konnte'.« Belogenes Volk So wird Deutschland informiert! Wir sind, wie so häufig, in der Lage das folgende Stück aus den geheimen deutschen Presseanweisungen zu veröffentlichen: Landesstelle Thüringen des Reichsministeriums für V olksaufklänmg und Propaganda Weimar, den 26. April 1935. An alle Herren S chrif tleit er Vertraulich! der ges. Presse Nur zur Information des Gaues Thür. der NSDAP. Nicht zur Veröffentlichung! Rundschreiben Nr. U2/35. /. Der Mac-Donald-Artikel wird höchstwahrscheinlich im Laufe des heutigen Tages von DNB ausgegeben, er soll nur in dieser Form durch die Presse gebracht werden. IL Heber den ganzen Komplex der deutsch-englischen Flottenverhältnisse soll die deutsche Presse nichts veröffentlichen. III. Es wird darauf hingewiesen, daß es Berichtigungen nach§ u des Pressegesetzes für amtliche Nachrichten und amtliche Anweisungen nicht gibt. Das Schriftleitergesetz setzt in diesem Falle frühere Gesetz außer Kraft. Heil Hitler: Im Auftrag: gez. Voß. Krtisdiwiif Ein Kriminalbeamter des Dritten Reichs. Achtundvierzig- Stunden nach dem rätselhaften Vorkommnis an der niederländischen Grenze, bei dem der gewaltsam entführte, von Deutschland rückzu liefernde Gutzeit den Uebertritt nach Holland verweigerte, fand vor dem Gericht in Almelo der Prozeß gegen seinen Entführer statt. Oder genauer: Gegen das Werkzeug der Entführung. Denn der holländische Schornsteinbauer und Polizei- vigilant Klein-Snuverink, der für den Judaslohn von hundert Reichsmark Gutzeit über die Grenze lieferte, erwies sich nur als die untergeordnete, ausführende Persönlichkeit. Hinter ihm stand der Schatten des deutschen Kriminalkommissars Kruschwitz, der die Entführung angestiftet, in allen Details organisiert und die Belohnung gezahlt hat. Kruschwitz war bekanntlich bei einem Aufenthalt in Holland verhaftet worden. Nachdem er ein Geständnis abgelegt hatte, ließen ihn die holländischen Behörden jedoch unbegreiflicherweise laufen. Er mußte sich allein»auf Ehrenwort« verpflichten, zur Verhandlung zu erscheinen. Was ein braunes Ehrenwort wert ist, konnte man nun erfahren. Zur Verhandlung war Kruschwitz natürlich nicht erschienen. Freilich,— was braucht edn Kriminalkommissar sein Ehrenwort zu halten in einem Lande, das von einer Partei beherrscht wird, deren offizieller Sprecher einst erklärt hat: »Wenn es nottut, breche ich mein Ehrenwort hundertmal, tausendmal.« Kruschwitz hat ja nichts anders getan, als jener einstige Angeklagte im Münchener Hochverratsprozeß, der pathetisch zum Obersten Sei Her sagte:»Ja, ich habe Ihnen mein Ehrenwort, nicht zu putschen, gebrochen! Verzeihen Sie mir.« Die Reue über das gebrochene Ehrenwort fand dann am 30. Juni 1934 für den Obersten Sei- ßer einen dramatischen Abschluß, der ihn jeder weiteren Erinnerung an die für— den andern so peinliche Sache überhob. Kruschwitz, der nach brauner Parteimoral »in deutscher Mannestreue« sich über sein Ehrenwort hinwegsetzte, hat wenigstens e i n Gutes damit erreicht: Er hat dem Ausland einen Begriff gegeben, was man sich heutigentags unter einem deutschen-Beamten vorzustellen hat. Ein Teil der holländischen Presse erhebt jetzt heftige Vorwürfe, daß man K. hat Deutschland gegen verhaftete Holländer alles andere als zimperlich verfährt. Im übrigen wurde in der Verhandlung die Tatsache, daß ein deutscher Kriminalkommissar eine Menschenjagd auf niederländischem Gebiet organisiert hat, einwandfrei festgestellt. K. war auch der Erfinder des sauberen Tricks, daß Klein-Snuverink unter dem Vorwand, noch einen Hund einladen zu müssen, das Auto mit Gutzeit über die deutsche Grenze lenkte. Durch einwandfreie Zeugen wurde auch erwiesen, daß Gutzelt vor seiner Entführung die größte Angst bezeugte, nach Deutschland zurückzukehren. Das wirft auf die Grenzkomödie, mit der die braunen Weltbetrüger sich nach ihrer Blamage zu rehabilitieren suchten, ein besonderes licht. Deutsche Streiflichter Fiel es Ihm leidill;? Zu Beginn der Reichstagssitzung vom 21. Mai forderte Präsident Göring die Abgeordneten auf, sich zu Ehren des verstorbenen Marschall Pllsudskl von den Plätzen zu erheben und seine Gedenkrede stehend anzuhören. Einer der 669 Diätenschlucker, die daraufhin ihr Gesäß lüfteten, war Wilhelm K u b e, Oberpräsident von Brandenburg, brauner Großbonze. Wir hoffen, daß Ihm das Au/stehen nicht allzu schwer gefallen ist. Vor 2V4 Jahren hat nämlich ein gewisser Wilhelm Kube, damals Führer der nationalsozialistischen Preußenfraktion, im Landtag tobend die»Schmach« erörtert, die der verstorbene Präsident Bartels der Nazi-Gruppe, als sie noch sechs Mann zählte, angetan habe. Er habe sie gezwungen, im Landtagsrestaurant(am Tisch der Fraktionslosen) z u s a m- m e n mit»zwei Polacken« ihr Essen einzunehmen. Ausdrücklich bannte Kube dies»diegrößte Schmach, �te man einem Deutschen ansin- n e n kann«, und rief den Weimarer Parteien zu:»Wie auch dgr siegreiche Nationalsozialismus gegen Sie verfahren wird, eine solche Schmach, mit Polacken speise n zu müssen, wird er Ihnen nicht antun!« Jetzt stand Kube zu Ehren des toten �Polacken« Pilsudskl stramm und mit ihm sinlge hundert andere, die ihm damals wie öie Rasenden Beifall geklatscht hatten. 2 Vi Jahr lag das zurück. Wie doch die Zeit tbi Dritten Reich vergeht! Rosenberg regiert die Stunde Der Kulturkampf in Deutschland entwickelt sich in wuchtigem Tempo. Rosenberg regiert die Stunde. Die protestantische Kirche ist organisatorisch nur noch ein Trümmerhaufen. Der Reichsbischof ist eine Nebenfigur. Die vor einem Jahre sieghaft zur Eroberung der evangelischen Kirche aufsteigenden»Deutschen Christen« sind zerrissen und zerspalten, bedroht von der deutschgläubigen Bewegung. Des Reichsinnenministers Dr. Frick Vermittlungsversuche scheitern. Man behauptet, Hitler weigere sich, die Staatsmacht zur Schlichtung eingreifen zu lassen. Das Reichskonkordat ist nur noch ein von den Natiortal sozi allsten verlästerter und verlachter Lappen. Nicht nur die Kirchenblätter, auch harmloseste Missionstraktate wie der»Christkönigsbote« werden verboten. Schuld: Verteidigung der katholischen Glaubenslehre gegen die neuheidnischen Angriffe. Der Pfarrer Friesenhahn in Koblenz wird eingesperrt, weil er die christliche Caritas über das Winterhilfswerk gestellt hat, der Pfarrer Giles in Mayen, weil er Seine Majestät den Hitlerjungen»angegriffen«. Staatsjugend und Staatslausejunge sind unantastbar, auch wenn sie noch so große Lotterbuben sind. Alfred Rosenbergs Broschüre»An die Dunkelmänner unserer Zeit« ist in 100.000 Exemplaren verbreitet worden. Innerhalb weniger Wochen. Ein Rundschreiben des »Bundes Reichsdeutscher Buchhändler« zeigt, daß die Broschüre unter staatlichem Zwang in»der Zusammenarbeit mit den Beauftragten der Reichsstelle zur Förderung des deutschen Schrifttums« propagiert wird. Ein Protestbrief des interimistischen Bischofs von Berlin, der sich bei dem Reichsinnenminister beklagt, daß straflos die christliche Ueberzeugung und die christliche Ehre heruntergerissen werde, daß man das Christentum auf Schritt und Tritt amtlich hindere und die antichristlichen Kräfte fördere, ist wirkungslos zu den Akten genommen worden, Der Berliner Gauverwalter der Deutschen Arbeitsfront spricht den konfessionellen Arbeitervereinen die Existenzberechtigung ab und verbietet die Doppelmitgliedschaft. Katholische und evangelische Arbeitervereinler werden also nur In(He Deutsche Arbeltsfront aufgenommen, wenn sie aus ihrem kirchlichen Klub austreten. Die Spannung zwischen konfessionellen Vereinen und Ar- bedtafront ist besonders groß im Westen und im Süden des Reichs. In Köln sind 40.000 Kolplng- Söhne, also katholische Gesellenver- einler, demonstrativ aufmarschiert. Die katholische Presse tröstet sich damit, daß »immer noch« 500.000 Kathollken auf die katholischen Arbeitervereine schwören und 100.000 Evangelische auf die evangelischen Arbeitervereine.»Immer noch...« Der Papst aber schwelgt, und(He Bischöfe schweigen, von Beschwerdebriefen abgesehen, auch. Wir wissen nicht, welche Taktik sich dahinter verbirgt. Sicher aber ist, daß die Konfessionen mehr und mehr in die Verteidigung gedrängt und von der allgemeinen Lawine bedroht werden, die noch lange nicht abgerollt ist und noch viel unter sich begraben wird. ••• Das nädisie Fait accompli Die zweieinhalbstündige, schriftlich niedergelegte und sichtlich von den Aemtem genau bearbeitete außenpolitische Känzlerrede zeigt an einem entscheidenden Punkte eine viel zu wenig beachtete Zweideutigkeit. Es handelt sich um die entmilitarisierte Zone am Rhein, die eine der nächsten schweren Komplikationen zu werden droht. Nach den meisten ausländischen, insbesondere englischen Berichten hat der»Führer« und Reichskanzler feierlich gelobt, die entmilitarisierte Zone»zu respektieren« oder»zu achten«. Leider hat er das nicht so unzweideutig im Reichstage gesagt, wie jedem auf diesem Gebiete Sachkundigen sofort beim Zuhören auffiel. Hitler erklärte in seinen 13 Punkten unter Ziffer 3, daß er den Locarnopakt halte, solange auch die übrigen Vertragspartner dazu stehen. Bekanntlich aber verkündet die gesamte deutsche Presse, daß das französisch-russische Abkommen den Geist von Locarno verletze. Dann aber heißt es In der Hitlerrede wörtlich: Die deutsche Reichsregierung sieht in der Respektierung der entmilitarisierten Zone einen für einen souveränen Staat unerhört schweren Beitrag zur Beruhigimg Europas. Sie glaubt aber darauf hinweisen zu müssen, daß(He fortgesetzten Truppenvermehrungen auf der anderen Seite keineswegs eine Ergänzung dieser Bestrebungen sind, Diese raffiniert gewählten Worte enthalten keineswegs ein Bekenntnis zur Innehaltung der Artikel 42 bis 44 des Versailler Vertrages, sondern eine Anklage und einen Protest, die schon die künftigen Gründe des fait accompli auch in der entmilitarisierten Zone aufzeigen. Wir nehmen hier nicht zu dem Problem der einseitigen entmilitarisierten Zone an sich Stellung. Es geht uns nur darum, in diesen Wochen, da man einen Geist in die Hitlerrede hineingeheimnlst, den sie nirgendwo enthält, einen besonders gefährlichen Illusionsschwindel zu enthüllen. Die entmilitarisierte Zone gehört der Vergangenheit an. Eine nahe Zukunft wird den Schleier von dieser Tatsache ziehen. Ein llnsterblldier Im Getöse der Woche mit der pazifistischmilitaristischen Reichstagssitzung und den Auaführungsbestimmungen zur allgemeinen j Wehrpfücht ist kaum bemerkt worden, daß � ein Unsterblicher aus siebzehnjähriger Grabesruhe auferstanden ist: der Leutnant der Reserve! Ein»Merkblatt für das Offizierskorps des Beurlaubtenstandes des Heeres« hat die Gruft des einst von der Republik Eingesargten gesprengt. Er lebt und schreitet wiederum seinem Deutschland und seiner Zeit in frischgebügelter Uniform voran. Freilich, er hat sich sehr verändert. Königlich oder großherzoglich oder herzogüch ist er picht mehr. Er ist furchtbar demokra- • tisch, beinahe schon proletarisch, wenn man nur die ersten Sätze des Merkblattes liest, die verkünden, daß jedem Soldaten der Weg zum Offizier des Beurlaubtenstandes offen | ist, und daß man zu diesem Aufstieg in das ; militärische Führertum den Abschluß einer [ höheren Bildungsanstalt nicht mehr braucht. Sogar der verunglückte Tertianer Adolf Hit- 1 1er kann noch vom»Führer« und Reichskanz- 1 1er bis zum Leutnant der Reserve avancieren. Aber unmöglich wird das den Soldaten aus den Arbeiter- und Angestelltenschichten werden, denn plötzlich liest man, daß die Bewerber für das Offizierskorps des Beurlaubtenstandes»geordnete wirtschaftliche Verhältnisse« nachweisen müssen. Wie soll das nun ein Erwerbsloser, ein Kurzarbeiter, ein kleiner Angestellter,«Sn Mann, der jeden Tag sein kleines Einkommen verlieren und mittellos auf der Straße stehen kann? Hier ist, ganz abgesehen von der politischen Zuverlässigkeit und den sonstigen willkürlichen Qualifikationen das probate Mittel, mit dem sich die Offizierkorps, die, wie einst,"die Wahl der Reservekameraden vorzunehmen haben, unwillkommene Leute vom Halse halten können. Auch in Zukunft bleiben die Offizierskasino einer bevorzugten Kaste reserviert. Mit dem Leutnant der Reserve ist der ganze alte preußische Militarismus auferstanden, vergröbert und verböse rt durch die korrupte N azi bonzok ratio. ••• Grenzen des Antisemitismus Streichers»Stürmer« ist von der Gestapo beschlagnahmt worden. Warum? Weil er Schweinerelen veröffentlicht und darum doch wohl nicht mehr als Lektüre für Mädchenschulen geeignet ist? Nein, das Schicksal hat ihn einmal ereilt, weil seine Rassenforschung den feudalen Unlon-Rennklub ein wenig in Untersuchimg genommen hat. Im aktiven Offizierkorps aber und auf den Rennplätzen, wo(He Bismarc ksc he Idealpaarung zwischen dem arischen Hengst und der jüdischen Stute nicht gerade selten verwirklicht worden ist, hört die Streichersche arische Blutprobe auf und höchstens(He jüdische Wassermannsche darf angewendet werden. Die ganze verspießerte Beschränktheit und gemeine Hauchelei des Streicher-Hitlerischen Radauantisemitismus tritt einem da entgegen. Erlaubt ist, daß jeder kleine jüdische Hauslerer im»Stürmer« in hunderttausend Auflage als menschlicher Auswurf dargestellt wird, erlaubt ist, daß jedes arische Mädchen als Rassenschänderin am Pranger des»Stürmers« gestellt werden darf, erlaubt ist, daß die jüdische Religion als ein Gemisch von Begaunerung und Christenmord dargelegt wird. Nie gibt es da auch nur eine behördliche Rüge oder gar ein Verbot. Aber wo die Sphäre der Herrenreiter beginnt, wird die Gestapo lebendig. Auch im Antisemitismus offenbart sich der»Volksstaat«. ••• Die bösen Radfahrer In den Straßen der deutschen Großstädte sieht man jetzt alle Tage überfüllte Trambahnen. Die Leute sind zusammengepreßt, wie früher nur an schönen Ausflugstagen. Also hat sich im Zuge des allgemeinen Aufschwungs, über den uns die deutsche Prasse berichtet, auch der Verkehr gewaltig gehoben? Mit nichten! Warten wir auf den nächsten Wagen der Straßenbahn, so zeigt sich bed der Geduldsprobe, daß die Wagen- führung viel seltener geworden und so manche Linie ganz ausgefallen ist. Da ist beispielsweise die Reichshauptstadt Berlin. Die Berliner Verkehrs-Gesellschaft berichtet jetzt, daß ihre Höchstleistung im Jahre 1929 lag: 1928.5 Millionen Barfahrten, also zahlende Fahrgäste. Das war in der Blüte marxistischer Mißwirtschaft, deren Korruption alles ruiniert hat, bis der Retter kam und die Hebel und Bremsen der Straßenbahnwagen vor dem bolschewistischen Abgrund zurückriß. Leider ging es mit dem Berliner Verkehr trotz dem nationalen Aufschwung bergab. Im Jahre 1933 gab es nur noch 1162 Millionen Barfahrten. Die ausgefallenen 800 Millionen ertüchtigten sich durch Fußmärsche auf dem Pflaster Berlins. Auf die Einwohner berechnet, wird das Bild nicht anders. Im Jahre 1931 kamen auf den Berliner noch 328 Fahrten, im Jahre 1932 noch 285 und im Jahre 1933 nur noch 274. Die Verkehrsgesellschaft hat auch die Ursache dieser Erscheinung entdeckt. Ausnahmsweise sind nicht die Marxisten Schuld, sondern die Radfahrer. Wie soll das nun erst werden, wenn nächstens jeder Erwerbslose mit seinem»Volkswagen« spazieren fährt? • Dennodi! England feiert das Jubilee seines Königs. Das ist zunächst eine britische Angelegenheit, aber es ist nun einmal für den Deutschen des Jahres 1935 schwer, keinen Vergleich zwischen der englischen Monarchie und der deutschen Republik zu ziehen, wobei man zu der seit Bebel in der deutschen Sozialdemokratie nicht selten gewesenen Erkenntnis von neuem kommt, daß die Staatsform sehr viel weniger wichtig ist als der Staatsinhalt. Dieser King Georg verdankt vielleicht einen Teil des elementaren Gefühlsausbruchs der Engländer aller Parteien dem Anblick, den die Präsidenten einiger mittel- und osteuropäischen Republiken seit Jahren bieten. Ein demokratischer König und oligarchische Parvenu-Demagogen erteilen historisch-polltiflchen Unterricht. Wir deutschen Republikaner, die wir es bleiben, sehen mit einigem Neid von unserem Lande mit den reglerenden auf" die englische polltische Kultur: Politiker, die auch noch den Menschen und sein redliches Streben im Gegner achten, edn Parlament. das in seiner feierlichen Huldigung vor dem Staatsoberhaupt symbolisch in bunter Reibe von Regierungsparteien und Oppositionellen aufzieht, ein Staatsoberhaupt, das nicht in Kasernenhoftönen brüllt, sondern spricht wie ein gewöhnlicher Zivilist, eine Regierung und eine Volksvertretung, die in bürgerlichem Gewände statt in Uniformen sich zusammenfinden. Das alles ist noch möglich, knappe drei Luftstunden von Berlin! Warum sollte man die Hoffnung verlieren? Sollten nur die Briten zu zivilisierten politischen Methoden fähig sein? Wir geben den Glauben nicht auf: auch die Deutschen werden es lernen und werden einmal auf höherer Stufe vollenden, was ihre erste Republik redlich, anstrebte, aber nicht erreichte, weil sie, um ein Wort dem Demokraten Gottfried Keller zu variieren, zu ihren Hütern zwar das G e- w is s e n bestellte aber nicht auch die Kraft Hannes Wink. Wo si�cn die Sdiuldigen? Nachdem in München von einer großen Horde lärmender brauner Gesellen die Fensterscheiben vieler jüdischer Geschäfte eingeschlagen,(He Inhaber bedroht und endlich zur Schließung ihrer Länden veranlaßt worden waren, hat man bekanntlich den»v e r- brecherischen Elementen«, die bei den Ausschreitungen als Rädelsführer mitwirkten, den Prozeß gemacht. Sie seien, so hieß es Schädlinge, Störer der öffentlichen Ruhe, Landfriedensbrecher— und was der Kosenamen mehr sind. Herr Streicher aber sitzt weiter seelenruhig an seinem Pulte, ihn hat keiner verhaftet, ihm hat keiner auch nur den leisesten Vorwurf gemacht— und sein»Stürmer« darf weiter in einer Art und Weise gegen die Juden hetzen, die zu Pogrom- men, Ueberfällen, Morden nicht nur anreizt, sondern geradezu auffordert. Leute, die diesen Stürmer lesen und seinen Greuelmärchen Glauben schenken, müssen sich ja bewogen fühlen, loszuschlagen, müssen ja die Fensterscheiben jüdischer Mitbürger als Schießscheiben betrachten, müssen ja das Weiterbeetehen jüdischer Geschäfte als Provokation empfinden. München ist nur ein Fall von vielenl Wege der deutsdien Finanzwirtschaft Die Wege der deutschen Finanzwirt- schaft werden immer verschlungener. Von der angekündigten Exportabgabe der Industrie von annähernd 750 Mill. Rm.— ursprünglich sollte es 1 Milliarde sein— hört man offiziell noch immer nichts, obwohl schon Anfang Mai gemeldet wurde, daß eine grundsätzliche Einigung erzielt worden sei und daß das verstärkte Dumpingverfahren Ende Mai in Gang gesetzt werden solle. Den exportierenden Unternehmungen soll aus den aus der Abgabe gespeisten Ausgleichskassen ein Zuschuß in der vollen Höhe des Verlustes gewährt werden, der aus der Differenz zwischen den niedrigen Auslandspreisen und den hohen Inlandspreisen erwächst. Der»Economist« spricht jetzt die Vermutung aus, daß die Abgabe nicht nur Exportzwecken dienen soll, sondern auch für Rüstungszwecke bestimmt ist.(Das ist indirekt auf alle Fälle so, da die Exportsteigerung ja die Devisen zur Ermöglichung der Einfuhr der Rüstungs- Rohstoffe liefern soll). Das angesehene und in seiner Kritik Deutschland gegenüber sehr zurückhaltende Fachblatt schreibt, daß führende Mitglieder der Wirtschaftsorganisationen mitteilen, daß »bedeutende Summen für spezielle Rüstungsfonds in letzter Zeit gezeichnet« werden.»Bestimmte Summen wurden den einzelnen Organisationen vorgeschrieben und auf die Mitglieder umgelegt, denen gesagt wurde, daß ihre Zahlungsbereitschaft als Beweis ihrer guten Gesinnung, ihrer politischen Zuverlässigkeit und ihres patriotischen Eifers angesehen würde«. Diese Abgaben, führt der »Economist« fort,»beruhen ebenso wie die jüngsten Anleihen der Sparkassen und Versicherungsinstitute, in Wirklichkeit auf Zwang. Es gibt in Deutschland für den einzelnen Staatsbürger keine Sicherheit mehr, daß seine finanzielle Belastung in irgend einer Beziehung zu seiner Leistungsfähigkeit steht, noch eine Garantie •dafür, daß er rechtzeitig erfährt, wieviel und in welcher Zeit er Zahlungen wird leisten müssen.« Das Budget, die wirkliche Höhe der schwebenden Schulden, Umfang und Finanzierung der Rüstungsausgaben bilden ein undurchdringliches Geheimnis.... In der Tat haben ja weder der Reichsfinanzminister noch Hitler in ihren Reden ein Wort über die Höhe des Militärbudgets gesagt. Und es muß sich dabei nm gewaltige Summen, um viele Milliarden handeln. Mit der aligemeinen Wehrpflicht wird verbunden der allgemeine einjährige Arbeitsdienst. Er wird ausdrücklich als militärische Vorbereitung bezeichnet. Das bedeutet also in Wirklichkeit die zweijährige Dienst' zeit. Das ordentliche Militärbudget, das für die 100.000 Mann Reichswehr bisher% Milliarden betrug, wird mindestens auf 2— 3 Milliarden anwachsen. Dazu aber kommen für die nächsten Jahre die außerordentlichen Ausgaben für die Schaffung des Materials, für Munition, schwere Artillerie, Tanks, Flugzeuge, Kriegsschiffe, Befestigungen, die bei dem heutigen Stand der Kriegstechnik, Jahr für Jahr eine große Anzahl Milliarden ausmachen werden, Milliarden, für die keine Deckung vorhanden ist. Also muß der N o t e n b a n k k r e d i t noch stärker angespannt werden und Schacht hat dazu einen neuen Weg eröffnet. In Deutschland herrscht eine merkwürdige Geldflüssigkeit. Während sonst bei guter Konjunktur— und in Deutschland ist dies nach der offiziellen Darstellung der Fall— die während der Krise brachliegenden Kapitaüen zur Anlage kommen, die Zinssätze leicht anziehen, die Bankausleihungen zunehmen und die Guthaben sich vermindern, ist in Deutschland augenblicklich das gerade Gegenteil eingetreten. Die Geldsätze sinken schnell, der Satz für Wechsel ist rasch und stark zurückgegangen und die Banken können ihre flüssigen Gelder zeitweise kaum anlegen. Wie erklärt sich das? Der Grund liegt in der inflationistischen Finanzierung der Arbeitsbeschaffung, d. h. der Rüstungsausgaben durch den Notenbankkredit Die Wechsel, mit denen die Rüstungslieferungen usw. bezahlt werden, sind zu einem Teil bei den öffentlichen Banken, Sparkassen, Versicherungsinstituten geblieben, zu einem Teü aber der Reichsbank zugeflossen, die für diese Beträge bis jetzt in einem Umfang von rund 3 Milliarden Rm. den Bsitzem der Wechsel Noten oder Guthaben auf ihrem Girokonto zur Verfügimg gestellt hat. Diese Mittel schlugen sich bald wieder in Form von Spareinlagen und Geschäftsguthaben bei den Kreditinstituten nieder oder wurden zur Rückzahlung früherer Schulden verwandt, wodurch die Flüssigkeit bei den Banken gleichfalls vermehrt wurde. Der Weg der zusätjlidien Geldmenge Zweierlei ist dabei wichtig. Einmal, daß die durch die Ausweitimg des Notenbankkredits entstandene zusätzliche Geldmenge nicht in der Zirkulation bleibt, also nicht Nachfrage nach Waren ausübt und so unmittelbar zur Preissteigerung führt, sondern als Depositen in den Banken erscheint, die eigentliche Geldfunktion— den Warenkauf— also nicht ausübt. Die Vermehrung der Depositen, d. h.'die Zunahme des u n- beschäftigten Geldes wirkt so der inflationistischen Wirkung der durch die Reichsbank erfolgten Geldvermehrung entgegen und erklärt, warum die latente Inflation längere Zeit vor sich gehen kann, ohne in offene umzuschlagen. Zweitens beweist das Anwachsen der Depositen — die zunehmende Geldflüssigkeit— daß es sich im Wesentlichen in Deutschland um eine Staatskonjunktur handelt, die aus dem Notenbankkredit gespeist wird, während eine privatwirtschaftliche Konjunktur, die die brachliegenden Kapitalien in immer stärkerem Maß aufsaugen müßte, nicht existiert. Die Banken sind nun bei der Anlage dieser immer mehr wachsenden flüssigen Gelder in steigender Verlegenheit. Echte Wechsel sind seit langem knapp und mit Staatspapier aller Art sind sie vollgestopft. Die Einleger aber wollen auf alle Fälle ihr Geld lieber in flüssiger, jederzeit abrufbarer Form behalten als es etwa in Staatsanleihen oder Renten anlegen, zu denen sie kein Vertrauen haben. Deswegen muß auch das Reich auf die öffentliche Begebung einer langfristigen Anleihe verzichten und war gezwungen, zu den Zwang�anleihen bei den Sparkassen und Versicherungsinstituten seine Zuflucht zu nehmen. Aber der Druck dieser unbeschäftigten Gelder muß sich, je länger, je mehr geltend machen. Da man zur Währung und damit zur Anlage in Renten immer weniger Vertrauen hat, so bleibt nur die Anlage in Aktien und in den wenigen Valutapapieren übrig, die in Deutschland noch gehandelt werden können. In der Tat hat die Aktienspekulation in Berlin in letzter Zeit zugenommen und die Kurse sind ohne Rücksicht auf die Rentabilität gestiegen. Dieselbe Erscheinung zeigt sich auch auf den W arenmärkten, zunächst in der Form, daß die Besitzer mit dem Verkauf zurückhalten. Diese beginnende Sachwerthausse, die das steigende Mißtrauen in die Währung verrät, ist aber ein gefährliches Symptom. Verbreitert sich die Bewegung, wird die Aktienhausse und die Warenzurückhaltung erst von breiten Volkskreisen in ihr Bewußtsein aufgenommen, werden Sparkasseneinlagen abgehoben, um»Sachwerte« zu kaufen, so ist die Verallgemeinerung und Beschleunigung der Preissteigerung nicht mehr zu verhindern und die latente Inflation muß in die offene umschlagen. Neue iOO.OOO-Mapk-Noten Deshalb ist Schacht auf einen neuen Trick verfallen. Die Reichsbank hat ein Tochterinstitut, die Golddiskontbank, deren Gold heute allerdings nur noch in Namen vorhanden ist. Das gesamte Aktienkapital der Golddiskontbank ist im Besitz der Reichsbank. Die Golddiskontbank gibt jetzt Solawechsel aus, die den Banken zum Privatdiskontsatz von augenblicklich 2"/,, Prozent zur Verfügung gestellt werden. Die Abschnitte werden in Beträgen von 50.000, 100.000 Rm. und darüber ausgegeben. Diese»Wechsel« können jederzeit bei der Reichsbank diskontiert werden. Mit anderen Worten, der ganze Vorgang läuft auf nichts anderes hinaus, als daß die Reichsbank eine Art großer und verzinslicher Noten ausgibt. Die Banken sind jetzt der Sorge um die sichere, jederzeit liquide und rentable Anlage ihrer flüssigen Gelder enthoben, die gefährliche Flüssigkeit des Geldmarkts kann so auf einfachste Weise eingeschränkt werden. Ist der Gedanke verflucht gescheit oder herzlich dumm zu nennen? Er wäre klug, wenn Schacht die Gelder, die er auf diese Weise abschöpft, dem Markt dauernd entziehen würde. Aber es ist nur fauler Zauber. Die Golddiskontbank hat einige hundert Millionen ihrer Wechsel bei den Banken begeben und mit dem Erlös der Reichsbank»Arbeitsbeschaffungswechsel« abgenommen. Das erscheint als»Entlastung« der Reichsbank, als Verminderung ihrer Inanspruchnahme, als Ein- schränkung des Notenbankkredits. In Wirklichkeit ist es nur ein Buchungsvorgang. Die schlechten Finanzwechsel sind aus der einen Tasche der Reichsbank in die andere, die Golddiskontbank genannt wir/, gewandert und die ganze Entlastung ist bloßer Schein. Aber das ist zudem nur der erste Akt. Was wird die Reichsbank mit den abgeschöpften Geldern weiter machen? Vor ihr stehen zunächst zwei Aufgaben. Will sie wirklich— und sie ist durch die Rohstoffknappheit dazu gezwungen, das Export-Dumping ab 1. Juni in Gang setzen, so muß sie die erst allmählich einfließende Exportabgabe der Industrie v o r f i n a n z i e r e n, d. h. sie muß die Exportprämien mit ihrem Notenkredit bezahlen. Zweitens muß sie nach wie vor zur Finanzierung der Rüstungen den Notenkredit ausdehnen. Die Gelder, die sie so im ersten Akt abschöpft, kehren im zweiten Akt— und noch dazu um Milliarden vermehrt—. zurück, steigern aufs Neue die Geldflüssigkeit und den Druck der brachüegenden Geldmassen die Anlage in Aktien oder Waren suchen. Aus diesem Zirkel gibts kein Entrinnen und die Inflationsgeister, die er gerufen, wird der Zauberlehrling Schacht nicht mehr los. Dr. Richard Kern. Ms$uki$esäi&fl zu Has Streng vertraulidies Merkblatt der Industrie- und Handelskammer Dresden Die emstesten Schwierigkeiten erwachsen Deutschlands Wirtschaft noch immer aus dem Rohstoff problem. Ihre U eberwindung ist nur möglich, wenn es gelingt, die Ausfuhr erheblich zu steigern und entweger gegen Exportwaren direkt oder gegen die dafür hereinkommenden Devisen Rohstoffe zu beziehen. Aber eben diese notwendige Ausfuhrsteigerung war trotz aller Anstrengungen bisher nicht zu erreichen. Einem uns von besonderer Seite zugegangenen Merkblatt über das neue Zusatzausfuhrverfahren, das von der Industrie- und Handelskammer Dresden herausgegeben ist und die Bezeichnung»Streng vertraulich« trägt, ist zu entnehmen, daß Deutschland zu. Lasten seiner ausländischen Gläubiger ein richtiges Auafuhrdümping organisiert hat: In dem Merkblatt heißt es unter»Allgemeines« »Das Zusatzverfahren(Scrips- und Bondsverfahren) gibt dem deutschen Ausführer die Möglichkeit, auch dann noch Ausfuhrgeschäfte vorzunehmen, wenn die ausländischen Wettbewerbe unterr seinen eigenen Gestehungskosten liegen... Es wird ihm hierbei ein Verlustausgleich zugebilligt, der im Höchstfälle die Selbstkosten deckt, nicht aber einen Gewinn beläßt... Das Verfahren kann nur für Ausfuhrgeschäfte im Betrage von RM. von 100.— an aufwärts in Anspruch genommen werden. Die hierzu erforderlichen Mittel werden den Kursgewinnen entnommen, die die Golddiskontbank beim Verkauf von Scrips erzielt.« Es wird dann das Verfahren erklärt, mit dessen Hilfe die Ausfuhr trotz des Dumpings für den.Exporteur zu einem lohnenden Geschäft wird: »Die Devisenbcwirtschaftungsstelle genehmigt im gegebenen Falle einen Verlustausgleich, der je nach dem Bedarfsfalle etwa 10 bis 20 Prozent des Verkaufserlöses beträgt und stellt dem deutschen Ausführer einen Genehmigungsbescheid aus. Mit diesem begibt er sich zu einer beliebigen Reichsbankstelle, um einen Antrag zum Ausgleich des von der Devisenbewirtschaftungsstelle anerkannten Verlustes zu stellen. Daß dieser Ausgleich eines Verlustes durch die Umwandlung unterbewerteter Forderungen von Auslandsgläubigem durch eine banktechnische Transaktion zwischen der Konversionskasse und der Deutschen Golddiskontbank, bezw. der Beichsbank zustande kommt, ist für den Ausführer ohne Belang. Die Golddiskontbank ist die ausschließliche Zentralstelle für den Ankauf von Scrips. Die deutsche Ausfuhrfirma nimmt diese also nicht etwa unmittelbar in Zahlung. Sie erhält vielmehr den von der Devisenstelle als ausgleichsfähig anerkannten Verlust von der Reichbank aus dem entstandenen Kursgewinn bei der für sie vorgenommenen Verwertung von Scrips erstattet. Sie muß die aus dem Geschäft anfallenden Devisen der Reichsbank in voller Höhe anbieten, die hiervon den Teilbetrag entnimmt, der für den Ankauf von Scrips durch die Golddiskontbank erforderlich ist. Voraussetzung für die Freigabe von Scrips ist, daß che Währung, in welcher der Verkaufserlös erzielt wird, in die zum Erwerb der Scrips erforderliche Währung umwandelbar(konvertierbar) ist. Freie Reichsmark werden den konvertierbaren Devisen gleichgesetzt. Die Annahme von Reichsmarkbanknoten, Scheidemünzen oder Sperrmark In Verbindung mit Zosatzans- fuhrgeschäften ist unzulässig., ,c Es wird demnach für das sogenannte Zusatzausfuhrgeschäft nicht einmal deutsches Geld, wie Banknoten und Scheidemünzen, in Zahlung genommen, sondern nur gute Devisen, mit denen allein die Scrips erworben werden können. Dieses Verfahren ist fein ausgeklügelt: erstens wird durch das Dumping der ausländische Exporteur im Preise unterboten, zweitens werden mit dem vom Ausland gelieferten Devisen und den dadurch ermöglichten Kauf von Scrips die ausländischen Gläubiger endgültig um einen Teü ihrer Forderungen an Deutschland gebracht und drittens verbleiben nach dem Ankauf der Scrips noch Devisen zum Ankauf von Rohstoffen zur Verfügung. Dem Ausland gegenüber soll das Verfahren geheim bleiben. In dem Merkblatt heißt es: »Durchaus unzulässig Ist es ferner, ausländische Abnehmer auf die durch das Verfahren erzielbaren Prelsverbilligungs- möglichkeiten aufmerksam zu machen. Das Verfahren darf vielmehr nur zum Aushandeln des Preises bei Preisdruck des ausländischen Käufers verwendet werden. Auch wenn das neue Verfahren das Licht der Oeffentlichkeit nicht zu scheuen braucht, muß doch alles vermieden werden, was im Ausland übertriebene Vorstellungen von Art und Umfang der deutschen Ausfuhrförderung erweckt und zu Mißdeutungen des Verfahrens führen könnte. Wir verpflichten Sie daher zu streng vertraulicher Behandlung dieses Merkblattes, das keinesfalls Irgendwie veröffentlicht oder auch nur weitergegeben werden darf.« Das Merkblatt trägt den Stempel der Industrie- und Handelskammer Dresden und unterzeichnet; H e r r m e. Ob diese skrupellosen Methoden, deren Anwendung von den obersten faschistischen Wirtschaftsbehörden organisiert und angewiesen wird, den gewünschten Erfolg haben werden? Die nationale Konkurrenz Wie englische Blätter mitteilen, erregte Hugcnberg bei der Reichstagsrede Hitlers»unliebsames Aufsehen bei den Nazi- Abgeordneten«. Er saß demonstrativ mit verschränkten Armen da und klatschte als einziger von allen Abgeordneten kein einziges Mal Beifall. Die Hitlerabgeordneten quittierten diese Haltung Hugenbergs mit Zwischenrufen. Alkohol Dr. Leys Blick ist besinnlich, manchmal fast entrückt... Und wenn er versonnen ist, verschwimmen seine Augen ins Weite..• (Aus einer deutschen'Familienzeitschrift-) Alles freiwillig. Die»Preußische Zeitung«. Königsberg, meint es wenigstens in einem Punkte ehrlich: sie führt seit einiger Zeit den braunen Versammlungskalender unter der Rubrik:»B e f eh 1 s a u s g a b e«. Das ist nicht mißzuverstehen. Wehe dem, der eine Versammlung schwänzt! Im übrigen ist der Besuch freiwillig. Nr. 105 BEILAGE TIcuccItonDSrfs 2. Juni 1935 Rassenwahn und Rassenknnde Nichts ist im»Dritten Reich« einfacher als die Bestimmung schlechter oder guter Rasse. Ludwig Frank etwa, körperlich und seelisch geradegewachsen, der 1914 als Kriegsfreiwilliger hinausging und in einem der ersten Gefechte fiel, ist»rassisch« eip Untermensch, weil Nichtarier und Marxist. Göbbels dagegen gehört lediglich auf Grund seines Mitgliedsbuchs der hochgewachsenen, langschädligen, blonden und blauäugigen Herrenrasse an, und wer erinnert sich nicht der Charakteristik, die einst der Münchner Rassenforscher Professor von Gruber gab. So leicht scheint es demnach doch nicht zu sein und in dem Sammelwerk, das der Prager Universitätsprofessor Dr. Karel W e i g n e r unter dem Titel»Die Gleichwertigkeit der europäischen Rassen und die Wege zu ihrer Vervollkommnung« im Verlag der Tschechischen Akademie der Wissenschaften und Künste in Prag hat erscheinen lassen, betont einer der wirklich sachverständigen Mitarbeiter, Professor J. Matiegka, daß die Lösung der Rassenfrage durch die Entdeckungen und Funde der letzten dreißig Jahre— ungemein erleichtert worden sei? Im Gegenteil! Sehr kompliziert und schwierig geworden sei! Je weniger sich der Rassenwahn an Tatsachen hält, desto einfacher erscheint alles; je mehr die ernste Rassenkunde auf Tatsachen fußt, desto verwickelter wird alles. In der Tat kennt von den Gelehrten und Halb- oder Viertelsgelehrten, die auf diesem Felde ackern, Topinard in unserem Erdteil drei Rassen und nicht mehr, die angelsächsische, die keltoslavische und die mittelländische, wohingegen Bory de St Vincent auf vier Rassen, der kaukasischen, der pelasgischen, der keltischen und der germanischen, besteht. Mit ibm stimmen in der Zahl andere überein, aber sie sprechen von der nordischen, der alpinen, der mittelländischen und der dinarischen Rasse. Dafür zerfällt für Deniker— billiger gibt er's nicht— die Bevölkerung Europas in sechs Rassen, die nordische, die ostische, die ibero-insulare, die okziden- tale, die littorale, die adriatische. Eick- stedt wiederum versteift sich auf fünf Rassen, eine osteuropide, eine dinarische, eine alpine, eine mittelländische und eine nordische, die für ihren Teil in einen teuto- nordischen, einen dalonordischen und einen f ennonordischen Typus auseinanderklappt An welchen dieser einander widersprechenden Propheten soll man sich nun halten? Vollends wird den gewissenhaften Leser die Frage nicht schlafen lassen, ob die Lappländer einen lapponoiden Urtypus bilden oder finnisierte Arktiker oder gar tatsächliche Europiden sind. Und leitet sich die von Paudler konstruierte dalische Rasse wirklich von der allerdings depigmen- tierten diluvianischen Cro-Magnon-Rasse ab? Und wie— zum Kuckuck!— steht es mit den Armenoiden und wie mit den ge heimnisvollen Prä-Hamito-Semiten? Jenes anmaßende Analphabetentum, wie es sich in»Mein Kampf« breitmacht gehört angesichts dieses Kuddelmuddels schon dazu, um den Rasse-Aposteln vom Schlag eines Gobineau, H. St Chamber- lain und Woltmann nachzuplappern, daß »alles, was wir auf dieser Erde bewundern, — Wissenschaft und Kunst, Technik und Erfindungen— nur das schöpferische Produkt weniger Völker, vielleicht ursprünglich einer Rasse« ist nämlich der arischen. Nur schade, daß auf dem Inter- uationalen Antropologen-Kongreß zu Amsterdam vor acht Jahren nachgewiesen Wurde, daß die Urarier von kleiner Gestalt, dunkler Hautfarbe, kurzem Schädel mit breitem Gesicht und breiter Nase waren, Darüber hinaus tut das tschechische Werk, zu dessen Mitarbeitern auch die Professoren Maly, Pelc, Broäek und Ruzicka gehören, unabweichbar dar, daß zwischen den europäischen Rassen, soweit von Rassen die Rede sein kann, durchaus physische, moralische und intellektuelle Gleichwertigkeit besteht Zwei Beispiele zeigen besonders deutlich, daß es bei der Kulturentwicklung auf ganz andere Faktoren als auf»Rassisches« ankommt. Einmal verdankt Spanien eine Zeit hoher Blüte nicht etwa dem Einfall blonder Barbaren, sondern der Herrschaft der Araber, die ausgesprochene Nicht-Arier sind. Zum andern stehen die Berberstämme in Nordafrika, denen wegen ihres lichten Haarwuchses und ihrer hellen Augenfarbe gern eine »nordische Erbmasse« im Blut zugeschrieben wird, um kein Tittelchen auf einer höheren Kulturstufe als ihre andersrassige, »minderwertige« Umgebung. Nichts lächerlicher denn als die These, daß alles Große und Herrliche in der Welt von»Nordikem« — das Wort ist nach dem Muster von »Budiker« gebildet— herrühre; man half sich dabei mit einer mehr als halsbrecherischen Ethymologie der Familiennamen wie Bocaccio= Buchatz oder Leonardo de Vinci= Leonhard Winke, was freilich etwas # zweifelhafter ist als Hitler=Schücklgruber. Mit jenem Wahn, der vor Bäumen den Wald und vor Rassen den Menschen nicht sieht, geht auch ein Vortrag von Alexandre Herenger unbarmherzig ins Gericht, der unter dem Titel»Le Mythe Ra- c i s t e r«(Der Rassenmythus) im Verlag der Revue Juive in Genf erscheint. Herenger, einer alten christlich-französischen Familie entstammend, zeigt, wie an der Wurzel»der ebenso blöden wie verhängnisvollen Doktrin« von der Höherwertigkeit der »Nordiker« ein ausgewachsener Minderwertigkeitskomplex sitzt Erfrischend fertigt er den Rassenwahn ab: »Vergeblich haben die Anthropologen Blut geschwitzt um die Brachykephalen, die Do- lichokephalen, die Mesokephalen mit ihren vergnüglichen Abarten zu erfinden, die Me- sokonchoiden, die Proophryokephalen, die Hypsdstobregmatiker und hundert noch harmonischere Begriffe, umsonst haben sie Index, Winkel, Schädel-, Kiefer-, Ohr- und Nasenmaße gehäuft Haar- und Hautfarbe mit der Lupe erforscht— schließlich mußten sie doch eingestehen, daß es überall Große und Kleine, Braune und Blonde, Rundköpfe und Langköpfe und Adler- und Stumpfnasen gibt.« Auch will er nichts von einer jüdischen Rasse, nicht einmal von einem jüdischen Typus etwas wissen. Stellt das Werk der tschechoslowakischen Forscher fest:»Kulturell haben sich die Juden bis auf die Grenzen, die ihnen durch ihre Religion gezogen sind, vollkommen der Umgebung angepaßt, in der sie leben, und haben in bedeutendem Maße zum Kulturfortschritt ihrer Wirtsvölker beigetragen«, so unterstreicht Herenger auch ihre physische Anpassung an ihre Umgebung: in der Türkei sind nur 3 Prozent der Juden blond, in Riga 36 Prozent! An die stumpfsinnige Forderung nationalsozialistischer Akademiker ermnernd, daß deutschen literarischen Werken, die von Juden herrühren, der Stempel aufgedrückt werde; Aus dem Hebräischen übersetzt, wirft Herenger die Frage auf: Sind auch folgende Verse Heinrich Heines aus dem Hebräischen übersetzt? O Deutschland, meiner ferne Liebe, Gedenk ich deiner, wein ich fast!... Mir ist, als hört ich fern erklingen Nachtwächterhömer, sanft und traut; Nachtwächterlieder hör ich singen, Dazwischen Nachtlgallenlaut. »Heute würde er«, fügt Herenger hinzu, »die Hörner der SA hören, die auf der Straße eine Treibjagd auf seine Glaubensgenossen abhalten«. Aber das rührt lediglich daher, daß jetzt eine»höhere Rasse« von Herrenmenschen in Deutschland herrscht, die Nordiker, die Budiker des Nordens. G a 1 a t u s. Es Ist erreicht! Der Himmelstoß ist wieder da UU JUküilik tuiiauifdt aiitü Etil Gesdiiditswerk über die Weimarer Republik Der Autor des bekannten Werkes»Die Entstehung der Deutschen Republik«, Professor Arthur Rosenberg, der jetzt seine akademische Lehrtätigkeit an der Universität Liverpool ausübt, hat in der Verlagsanstalt»Graphia«, Karlsbad, ein neues Werk»Geschichte der Deutschen Republik«(259 Seiten, Preis 46 Kö) erscheinen lassen, das die politische Entwicklung Deutschlands von 1918 bis 1930 schildert. Es füllt damit eine empfindliche Lücke in der sozialistischen Geschichtsliteratur aus, denn außer einigen wertvollen Monographien gab es hier bisher keine zusammenfassende Darstellung der Revolutionsperiode und der Weimarer Republik. Bei der Beurteilung der revolutionären Strömungen und der Vorgänge in der Arbeiterbewegung tritt der subjektive Standpunkt des Verfassers stärker hervor, als es sich mit den Erfordernissen einer objektiven Geschichtsschreibung verträgt. Das Werk wird deshalb in(fiesen Teilen nicht ohne Kritik in der sozialistischen Literatur bleiben, was andererseits für die Selbstkritik und die Herausarbeitung objektiver geschichtlicher Wertungen nur förderlich sein wird. Algesehen hiervon gibt das Buch eine im allgemeinen gutfundierte Darstellung der Geschichte von 1918 bis 1930, in der die wichtigsten Faktoren der inneren und äußeren Politik, der wirtschaftlichen und der parteipolitischen Entwicklung in gleicher Weise berücksichtigt sind. Mit Recht führt Rosenberg den Untergang der deutschen Republik auf die Versäumnisse, Mängel und Halbheiten der Novemberrevolution von 1918 zurück, die, aus dem militärischen Zusammenbruch geboren, in ihren ersten Anläufen steckenblieb und sich unfähig erwies, die revolutionäre Entwicklung in die Bahn einer radikalen politischen und wirtschaftlichen Umgestaltung zu lenken. In diesem Zusammenhang übt Rosenberg scharfe und zu einem großen Teil wohl berechtigte Kritik an der sozialistischen Arbeiterbewegung, die zwar in den Revolutionsmonaten und später bei der Abwehr des Kapp-Putsches gezeigt hat, daß sie für ihre Ideale einheitlich streiken und die Waffen führen konnte, die sich aber dennoch als Ganzes unfähig erwies, den politischen Neuaufbau Deutschlands zu verwirklichen. Die Mißerfolge der Novemberrevolution, als Folge der tiefen Zerrissenheit im Lager der Arbeltenschaft, brachten es mit sich, daß die Träger des preußisch-deutschen Militarismus, die geschlagenen Generäle, die Frel- korpsführer und ihr Anhang im Lager des Bürgertums, sich nach wenigen Monaten wieder in den Besitz der wichtigsten Machtpositionen setzten und in Form der offiziellen und inoffiziellen Wehrorganisationen einen Staat im Staate bildeten, der in entscheidendem Maße die politische Entwicklung der Weimarer Republik bestimmte. An dieser Entwicklung trägt auch die kurzsichtige Politik der Siegerstaaten in Versailles ein gerüttelt Maß von Schuld.»Wenn man— schreibt Rosenberg— im Lager der Entente es als hauptsächlichstes Kriegsziel hingestellt hatte, den deutschen Militarismus zu vernichten, und damit der Demokratie auch in Deutschland den Weg zu bahnen, so hat die politische Praxis der Jahre 1919 bis 1923 wahrlich zu diesem Ziel nicht beigetragen... Vor allemau Bürgermeister, so haben unsere schon or vierhundert Jahren geschwoft, soweit sind rir wieder, nur reden dürfen wir nich wie da- nals...« Der Bürgermeister streicht edmge �unkte. Zum Beispiel, den Tanz der Burschen 'nd Mädchen ums Feuer, weil dabei sämtliche Jöring-Witze losprasseln würden. Das fünfte ''aß wurde polizeilich geschlossen, einige -«Ute mußten abgeführt werden, weil sie den »euen Staat laut und gröbUch beschimpften. Das Ende verüef in Turbulenz. Unser ronist berichtet, daß ach der Bürgermed- 'ter nur noch eine Rettung ersah: er heß '"Hegeralarm blasen!»All« in die Kel- *r!« Weg waren sie, denn in Hitlerdeutsch- and weiß man nie, ob die Flieger m ■bcht plötzhch Ernst machen..• Am nächsten Tage zeigte der Ort fcin sonstiges Gesicht. Der Apotheker dreht äeine Pillen, man grüßte die Behörde nu Hitler, der Führer der Schneidermeister bestritt alle despektierlichen Aeußerungen, niemand hatte verbotene Witze erzählt und die Gestapo stellte ihre Recherchen ein, weil sie anderfalls das ganze Nest hätte unter Verschluß setzen müssen. Die{gelockerten Zungen Darmstadt, 18. Mai. Das Sondergericht hatte sich am Freitag mit drei Personen zu befassen, die sämtlich in angetrunkenem Zustand zu viel von ihrer staatsfeindlichen Gesinnung ausgeplaudert hatten. Der 54jährige Georg Krämer von Darmstadt hatte in einer Wirtschaft das Winterhilfswerk schlecht gemacht und erhielt dafür eine Gefängnisstrafe von vier Monaten. In einer Wirtschaft in Gensingen hatte der 64jährige Ost- preußo Emil Naujokat Minister Göring beschimpft: er wurde zu fünf Monaten Gefängnis verurteilt. Die 31jährige Frau Marie Boller aus Franlcfurt hatte in der Wirtschaft des Darmstädter Ostbahnhofs und nachher noch im Zug nach Groß-Zim- mern an der Regierung kein gut« Haar gelassen. Sie wurde zu acht Monaten Gefängnis verurteilt. (»Neueste Ztg.«, Frankfurt a. M.) Lyrische Zwangsanleihe Am 17. April 1931 veröffentlicht der Völkische Beobachter»Zwei unbekannte antisemitische Gedichte«. Das eine von Franz Grill- parzer, das andere von Wilhelm Karl Grimm, dem Bruder Jacob Grimms. Das letztere beginnt mit den Versen: »Deutschland ist noch ein kleines Kind, Doch die Sonne ist seine Amme, Sie säugt es nicht mit stiller Milch, Sie säugt es mit wilder Flamme. Bei solcher Nahrung wächst man schnell und kocht das Blut in den Adern. Ihr Nachbarskinder hütet euch Mit dem jungen Burschen zu hadern. Es ist ein täppisches Rieselein, Reißt aus dem Boden die Eiche, Und schlägt euch damit den Rücken wund Und die Köpfe windelweiche.« Die Redaktion leitet den Abdruck mit den Worten ein: »Wie ein gellender Empörungsschrei aus edler Dichterbrust, soll diese bisher unbekannte Reimperle unseren SA-Männern ins Herz dröhnen, zu einer Zeit, wo es um Kultur und Rasse geht,— im Kampf gegen die Herrschaft des Untermenschentums.« Sie fügt hinzu: »Dieser machtvolle, von tiefster Vaterlandsliebe und heiligem Haß flammende Gesang klingt, als wäre er eben erst heute deutscher Brust entquollen und nicht gerade vor hundert Jahren.« Grillparzer und Grimm sind, auch wenn man nachschlägt,»deutsche« Dichter: Karl Kraus und Heinrich Heine nicht. Die kunstbegeisterten Herren der Redaktion haben sich von diesen»Reimperlen« täuschen lassen. Ihr Rasseninstinkt hat versagt. Das eine Gedicht stammt von Karl Kraus, erschienen in der magischen Operette:»Literatur«; das andere von Heinrich Heine, niedergeschrieben im Jahr 1840. Es ist eines seiner bekanntesten Gedichte: die Abänderungen waren geringfügig. „Neue Denkkäuze" In der Berliner Tageszeitung»Der Westen« klagt irgendein Harmloser: »Zu allen Zeiten gab es kuriose Käuze, überspitzte Ideologen. Heute tritt eine Art auf, ie sich in überspitzter Härte gefällt. Sie schädigen den Wehrgeist des deutschen Volkes, der ebenso groß wie seine Friedensliebe ist, ungewollt dadurch, daß sie den deutschen Menschen als ewigen Kriegsmann hinstellen, der keine anderen Interessen besitze, als möglichst viel Feinde zu haben, damit er sie mit seinem Schwerte, das er ständig wetzt, besiegen kann... Der übermännliche Denkkauz von heute, der die Geschichte untersucht, ruht nicht, bis er die tollsten Formulierungen gefunden hat; wie z. B, die Behauptung, die Abschaffung der Folter(durch Friedrich den Großen) sei das erste Zeichen einer sinkenden Lebenskraft gewesen. Damit wird also Menschen, welche die Möglichkeit besaßen, andere Menschen foltern zu lassen, aber die Erkenntnis von der Unmenschlichkeit dieses Verfahrens hatten, eine biologische Unterwertigkeit zugeschrieben! Sollen wir also wieder die Folter einführen? Darüber schweigt dieser Denkkauz. Es ist an der Zeit, daß man gegen die ISOprozentigen Denkkäuze von heute, die nur Zerrissenheit ins Volk bringen und das Ansehen Deutschlands schmälern, bald ganz energisch Front macht.« Der»Westen« sollte über Denkkäuze, unmenschliche Folter und ähnliche Dinge etwas vorsichtiger urteilen. Falls Streicher wirklich Polizeipräsident von Ber- 1 1 n wird, könnten Betrachtungen solcher Art für Zeitungsredakteure die übelsten Folgen haben! Poesie Wir lesen in der»Preußischen Zeitung«, Königsberg: »Wir proklamieren die Lyrik als den Zuchtmeister unserer dichterischen Sprache. Eis wäre ein Wahn, diesen Zuchtmeister für milde zu halten.« Die Lyrik als Zuchtmeister— wie wär's mit einem Sonett als Gefängnisdirektor oder Unteroffizier? dk tUM des B IVeuester Bluff Leys—- neuester Retnfall ihm Aufschluß darüber geben,>ob sie ihm auch innerlich folgt«. Zur Bekräftigung dieses nachträglichen Kommentars wird darauf verwiesen, daß schon bei der ersten Abstimmung in der Firma Hoogen& Co. der Betriebsführer erklärt hatte: »Keiner denkt wohl daran, daß er mich absetzen kann.« Um die erstaunten Arbeiter wieder zu beruhigen, erklärt ihnen nun die deutsche Arbeitsfront, daß der Verzicht, aus der Abstimmung rechtliche oder-wirtschaftliche Folgerungen zu ziehen, keineswegs bedeutet, »daß es überhaupt Abstimmungen ohne Folgen sind«.' Es sei nämlich die selbstverständliche Voraussetzung für solche Abstimmungen, daß bei dem Betriebsführer die innere Bereitschaft bestehe, aus eigenem Antriebe auch die richtigen Folgerungen zu ziehen. Das heißt nicht, daß er bei einem Mißtrauensvotum»sein Führertum selbst aufgibt und sich gewissermaßen der Gefolgschaft ausliefert«. Er soll nur sein eigenes Verhalten revidieren und ein besseres Vertrauensverhältnis zur Gefolgschaft schaffen. Nach diesem Kommentar werden die deutschen Arbeiter auf eine weitere Diskussion der Betriebsführerwahlen gern verzichten. Die Kapitalisten aber sind wieder beruhigt- Profit und Ausbeutung bleiben geschützt. Die Wahlen der Betriebsführer• waren ebenso demokratisch gedacht wie alle übrigen Wahlen des Dritten Reiches. Nachdem man aber die Wählermassen wohl zwingen konnte, mit dem nötigen Terror einen Nazireichstag und einen Hitler zum Reichspräsidenten zu wählen, es aber im Betriebe trotz allen Drucks nicht möglich zu sein scheint, ein Vertrauensvotum der Ausgebeuteten für ihre Ausbeuter zu erpressen, so haben sich Schacht und Ley entschließen müssen, die Fortsetzung dieser Wahlen zu unterbinden. Die deutsche Arbeiterschaft ist damit für die Zukunft um einen Nazischwindel ärmer geworden. Die Unternehmer aber haben eine Gewißtheit: Solange Adolf Hitler regiert, bleiben sie die Herren im Hause. alt Stkwci&iH kUhl Soweit es sich um die Fortsetzung des Arbeiterbetrugs im Dritten Reiche handelt, sind die Nazis nach wie vor erfinderisch. Soeben war der Schwindel der Vertrauensratswahlen abgerollt und schon waliß die Deutsche Arbeitsfront von neuen»Wahlen« der Belegschaften zu berichten, die dieses Mal keine Geringeren betreffen sollen als die Herrn im Hause der kapitalistischen Betriebe. Der Informationsdienst der DAF berichtet in sensationeller Aufmachung: »Einer Anregung des Gauwalters der DAF folgend, haben in den vergangenen Wochen im Anschluß an die Vertrauensratswahlen eine Anzahl von Betriebafüh- rern ihren Gefolgschaften auch die' V e r- trauensfrage für sich selbst ge- stellt. Diese Vertrauensahstimmungen, in welchen den betreffenden Betriebsführem das volle Vertrauen der• Gefolgschaften ausgesprochen wurde, haben auch in der in- und ausländischen Presse lebhaftes Interesse gefunden.« Ueber die neueste Demokratisierung der Betriebsverfassung weiß der Informationsdienst der DAF im einzelnen zu berichten, daß der Betriebsführer Franz Hoogen in Dürken am Niederrhein sich seiner Gefolgschaft in einer geheimen Abstimmung zur Verfügung gestellt hat. Alle 350 männlichen und weiblichen Arbeiter des Textilwerkes haben ihrem Unternehmer ihr uneingeschränktes Vertrauen ausgesprochen. Auch Hans Göbbels, den sein Bruder Josef, seines Zeichens deutscher Reklameminister, als leitender Direktor einer Versicherungsgesellschaft versorgt hatte, hat sich ebenfalls seiner Belegschaft zur Wahl gestellt und das gewünschte Vertrauensvotum seiner lieben Angestellten erhalten. Dieser neue Reklameschlager war zu verführerisch, um nicht Nachahmung zu finden. Gauwalter Bangert sah sich veranlaßt, allen Betriebsführem im Gau Düsseldorf vorzuschlagen, sich am 30. April, am Vorabend des nationalen Feiertages ihren Gefolgschaften zur Abstimmung zu stellen. Aber erstens kommt es anders und zweitens, als man denkt. Es gibt auch im Rheinland Gefolgschaften, die nicht ganz so fromm geartet sind, als die Arbeitssoldaten bei Hoogen und Göbbels. Die übrigen rheinischen Arbeiter und Angestellten hatten sich in dieser Zelt des großen nationalen Aufbruchs noch genügend Humor bewahrt, um die ihnen vorgeschlagenen Wahlen der Unternehmer durch die Belegschaften ernst zu nehmen und aus der Abstimmung aus ihrer Gegnerschaft zum Kapitalismus die einzig logische, rechtliche Folgerung zu ziehen, daß im Falle der Ablehnung des Vertrauensvotums Besitz und Führung des Betriebe an seine wirklichen Träger, nämlich an die Arbeiter und Angestellten, übergehen müßten. Also Sozialismus der Tat. Diese einzig mögliche Schlußfolgerung aus dem neuen Schwindelwahlen jagte dem gesamten deutschen Unternehmertum einen nicht gehnden Schrecken in cfie Glieder. Die Kapitalisten wUtarUai wieder einmal e»ne aufziehende sozialstische Gefahr und rannten schleunigst zu ihrem Schacht, der für ihre Aengste volles Verständnis aufbrachte und seinem Adjudantem in der Arbeitsfront, dem Ley, befahl, seine Betriebaführerwahlen sofort wieder abzubestellen. Der Gauwalter von Düsseldorf hatte soeben den ersten Teil seiner Meldung zu Papier gebracht, da stockte er und fügte hinzu: »Dabei ist allerdings in der Beurteilung dieser Abstimmung nicht immer von den richtigen Voraussetzungen ausgegangen worden: unter Annahme eines falschen Sachverhaltes sind vielmehr irrige Schlußfolgerungen aus diesen Abstimmungen gezogen worden, die es geboten erscheinen lassen, sachlich und grundsätzlich, folgendes zu dem Vorgehen dieser Betriebsführer zu sagen: »Die Vertrauensfrage, wie sie von Betriebsführern gestellt wurde, ist natürlich keine Abstimmung über den Betriebsführer oder Wahl des Betriebsftihrers im Sinne irgendwelcher Entscheidung der Gefolgschaften über die Berechtigung des Betriebsftihrers zur Betriebsführung. Es kann sich nicht darum handeln, einem Betriebsführer etwa in seiner rechtlichen Eigenschaft als Führer des Betriebes zu bestätigen oder ihn etwa abzusetzen. Das Recht zur Betriebsführong kann dem Unternehmer weder gegeben noch genommen werden.« Also wehe den Belegschaften, die geglaubt hatten, es könnte bei der Wahl des Betriebsführers etwa an den Gesetzen der kapitalistischen Betriebs-, Besitz- und Ausbeuteordnung gerüttelt werden. Die Vertrauensfrage soll, wie(fle»Wähler« nachträglich belehrt werden, nur Gelegenheit geben, dem Unternehmer eine moralische Zustimmung seiner Gefolgschaft zu bringen. Die Belegschaft soll In Will Vespers»Neuer Literatur«, einem sonst durchaus waschechten braunen Organ, erbebt eine Mutter ihre warnende Stimme— nicht die erste und nicht die letzte Frau, die gegen den Wahnsinn brauner Kinderverderbnis aufzustehen wagt. Marie Joachim-Dege betont eingangs, daß die Frau lange Zeit geschwiegen und die Ueberheblichkeit der vielen Möchtegern-Führer, die ihren»latenten Führerwillen« am weiblichen Geschlecht austoben, lächelnd hingenommen habe. Sie fährt fort: Wenn dagegen O. H. Schmitz ernsthaft doziert:»Worauf eine Frau noch nie(!) ohne männliche Leitung gekommen ist, das ist das Verstehen dessen, was sie tut, was ihr Tun im Zusammenhang eines Ganzen oder der Welt bedeutet«(in seinem Buch: »Die Tragödie der Geschlechter«), so ist das eine Herausforderung an die deutsche Frau als Mensch, als Volksgenossin, als Mutter dieses Geschlechts. Stimmen wie diese haben sich gehäuft und häufen sich noch. Und jetzt schweigt die Frau nicht mehr und lächelt nicht mehr. Sie steht auf und redet... Solche Sätze sind ein Versuch, die deutsche Frau zu orientalisieren! Ebne Frau, die nicht weiß, was sie tut, was sie im Zusammenhang eines Ganzen bedeutet, und keinen Sinn für die Welt bat, gehört in einen Harem, wohin sie sich diese Herren auch wünschen(nur daß sie dabei nicht wie die Orientalin nur sich selbst und ihren Kindern leben dürfte, sondern gleichzeitig die Bedienung des Gatten und alles, was ihm sonst nicht paßt, zu übernehmen hätte)... s i. Um unseres Volkes willen, vor allen Dingen aber um der deutschon Jungmädchenwelt willen, die in größter Gefahr schwebt, wenn sie weiter unter der»Führung« und»Deutung« dieser Herren bleibt und von ihnen Minderwertigkeitskomplexe Das Reidb für die Reidien Daß die Behauptung, vom Drittem Reich profitiere nur(tos Großkapital kein Greuelmärchen ist, geht mit überraschender Deutlichkeit aus einer Aufstellung hervor, die in der Zeitschrift»Der deutsche Volkswirt« vom 10. Mai 1935 enthalten ist. 1932 gleich 100 gesetzt, ergibt sich folgender Vergleich zwischen der Entwicklung der Produktion, dem Einkommen der Arbeiter und Angestellten und dem der Unternehmer: 1932 1934 Industrielle Bruttoproduktion 100 153 Einkommen von Arbeitern und Angestellten. 100 126 Untemehmungssteuem und Ar- bedtgeberbedträge und Sozialversicherung 100 114 Untemehmereinkommen 100 208 Die Zunahme des Arbeitseinkommens war also weit hinter der Zunahme der Erzeugung zurückgeblieben. Dagegen war das Untemehmereinkommen doppelt so rasch gewachsen wie die industrielle Produktion. Es war im Jahre 1933 um 8 Prozent, 1934 bereits um 108 PTozent höher 1932, es hatte sich also im Laufe eines Jahres nahezu verdoppelt. Andererseits waren die»Opfer«, die das HUlerrelch den Unternehmern in Gestalt von Steuern und Sozial bei trägen auferlegt hatte, sogar noch hinter der Zunahme der Arbeitereinkommen, che ja nur eine Zunahme in Geld, nicht in Lebensmitteln ist, zurückgeblieben. In dem Untemehmereinkommen sind auch Zinsen und Amortisationen enthalten. Die Bürde der Zinslasten ist aber im Dritten Reich bestimmt leichter und nicht schwerer geworden, das reine zwecks sexueller Horigmachung suggeriert bekommt, beginnt die deutsche Frau zu reden...Wir Mütter aber möchten recht herzlich bitten, daß man wieder»anfängt, an dos»Mädchen« im»Mädchen« zu denken, daß man Ehe und Mutterschaft wieder mit dem Schleier der Ehrfurcht umgibt und sie nicht zu Schlagworten des Marktes für Massenbedarf werden läßt.— Wir möchten darum bitten, daß man uns in die Erziehung unserer Töchter möglichst wenig hineinredet! Die Nationalsozialisten haben sich's leichter vorgestellt, die Frau in»Kammer und Küche« zurückzuverweisen. Die deutsche Frauenbewegung— die Marie J oachim- Dege übrigens im gleichen Aufsatz als»germanischste und ethischste aller Bewegungen des vorigen Jahrhunderts« bezeichnet— wirkt nach und die Selbständigkeit, cfie das zweite Reich seinen Bürgerinnen gewährte, kann nicht mit einem Federstrich aus den Hirnen gelöscht werden. Freilich ist es vom Zorn über die neue Knechtung bis zu der Erkenntnis, daß die Frau nicht frei sein kann, solange das Volk in Fesseln liegt, noch ein weiter Weg. Die bürgerlichen Frauen werden ihn erst erkennen, wenn sie die Hoffnungslosigkeit ihrer heutigen Proteste eingesehen haben. Und auch dann wird wohl nur ein Tbil von ihnen den Mut aufbringen, sich in die große Front der Freiheitskämpfer einzureihen. Immerhin kommt der Widerstand, der jetzt schon einsetzt und ständig wächst, dem braunen Führerklüngel ungelegen, denn er beweist, daß ehedem er- fochtene Siege nicht ungeschehen zu machen und daß die Jahre der Selbstveranwortung nicht aus den Köpfen zu tilgen sind. Untemehmereinkommen muß also noch stärker zugenommen haben, als die Zahlen zum Ausdruck bringen. »Der deutsche Volkswirt« schreibt dazu: »Diese Entwicklung hätte die Voraussetzung für eine breit angelegte private Investitionstätigkeit bilden können. Sie hat sich jedoch in dieser Richtung nur verhältnismäßig schwach ausgewirkt; die den Unternehmungen aus der»Staatskonjunktur« zugeflossenen Mittel sind vielmehr zum überwiegenden Teil zur Statusverbesserung verwendet worden und haben ihren bekannten Niederschlag in verstärkter Reservenbildung, Rückzahlung von Bankschulden und sonstigen Liquiditätsverbesserung gefunden.« So gute Zeiten wie unter Hitler haben die Großunternehmer schon lange nicht erlebt. Sie scheffeln Geld aus der Rüstungs- konjunktur, aber sie lassen es lieber in eigenen und fremden Geldschränken brach liegen, als es freiwillig in der Kriegswirtschaft des Dritten Reiches anzulegen. G. A. F. Helratskoniunktur— abflauend In der»Deutschen Steuerzeitung« teilt Staatssekretär Reinhardt voller Stolz mit, daß die Zahl der Eheschließungen in unentwegtem Aufstieg begriffen sei. Während 1932 rd. 510.000 Eheschließungen registriert worden seien, wären es 1933 rd. 631.000, 1934 sogar rd. 740.000 gewesen. Er fügt hinzu, daß das Hitlers genialem Einfall zu danken sei, die Heiratslust durch Gelddarlehen anzufeuern. Ist das Heiraten eine Geldquelle, so muß die Heiratslust abflauen, wenn(fiese Quelle versiegt. Seit Ende 1934 wird zwar die Ehestandsbeihilfe weiter erhoben, aber die Ehestandsdarlehen werden nicht mehr ausgezahlt. In den Finanzausweisen der Hitlerregierung' ist die Ehestandsbeihilfe nicht mehr gesondert ausgewiesen, sondern in dem Betrag der Lohnsteuer enthalten. Sie wird wie diese zur Deckung der allgemeinen Reichsausgaben verwendet und ihrem ursprünglichem Zweck, also den Heiratslustigen entzogen. Seitdem geht deren Zahl merklich zurück. In der Frühjahrsausgabe der Vierteljahrshefte des Instituts für Konjunkturforschung heißt es; »In den Großstädten hatte die Heirateziffer im Dezember 34 und Januar 35 nicht mehr ganz die außerordentliche Höhe der entsprechenden Vorkriegszeit, sie war um rd. 15 Prozent niedriger. Das muß sich selbstverständlich auch in den Umsätzen des Einzelhandels mit Hausrat und Möbeln auswirken. Die Anfwärtsbe- wegung wird langsam in die Horizontale einbiege n.c So müssen cfie süßen Erwartungen, die zahlreiche hoffnungsvolle Mädchen in das Dritte Reich gesetzt haben, unerfüllt und zahlreiche Wohnungseinrichtungen unverkauft bleiben. Sdbüditerne Kritik Um auch den letzten deutschen Arbeiter und Angestellten in die Deutsche Arbeitsfront zu zwingen, geht das Unternehmertum, anscheinend auf Anweisung der Arbeitsfront, dazu über, in den Betriebsordnungen festzulegen, daß nur noch Mitglieder der Arbeitsfront in den Betrieben eingestellt werden. Bei Lehrlingen wird eine Zugehörigkeit und aktive Betätigung in der Hitlerjugend verlangt. In der»Sozialen Praxis« wird nun bei der Besprechung dieser Neuerung festgestellt, daß früher im allgemeinen, außer den sachlichen, keine besonderen Voraussetzungen für die Einstellung in einen Betrieb verlangt worden seien.»Allerdings gab es manche Betriebe, die die Mitglieder von Gewerkschaften oder wohl auch Sozialdemokraten nicht einstellten. Die»Schwarzen Listen«, die vor allem in Zeiten großer Arbeltskämpfe in manchen Industrien oder Ortschaften bei den Unternehmern kursierten, waren berüchtigt und der Gegenstand heftiger und erfolgreicher Kritik seitens der Sozialpolitiker.« Die gleichgeschaltete»Soziale Praxis« darf natürlich nicht hinzufügen, daß es vor allem die Arbeiter und ihre freien Gewerkschaften selbst waren, die sich mit Erfolg gegen die schwarzen Listen gewehrt haben. Sie darf auch nicht feststellen, daß um die Arbeiterschaft gegen alle Angriffe wehrlos zu machen, die Gewerkschaften zertrümmert wurden und die Arbeiter, bei einem Versuch, sich gegen die neue Methode der schwarzen Listen zu wehren, als»Staatsfeinde« für vogelfrei erklärt würden. Aber daß sie das Vorgehen der Deutschen Arbeitsfront bezw. des Unternehmertums überhaupt mit dem System der ihr selbst als berüchtigt bezeichnenden schwarzen Listen in Zusammenhang bringt, läßt doch vermuten, daß sich wenigstens ein Teil der zum Nationalsozialismus übergelaufenen Sozialpolitiker für diese jetzt üblichen Methoden doch ein wenig zu schämen beginnt. Itelorawrfe öoilaWtms>5roHfcl)cs VDod�enblaH Herausgeber: Ernst Sattler; verantwortlicher Redakteur: Wenzel Horn: Druck:»Graphia«; alle in Karlsbad. Zeitungstarif bew. m. P. D. ZI. 159.334/VII-1933. Printed in Czecho-Slovakia. Der»Neue Vorwärts« kostet im Einzelverkauf innerhalb der CSR. Kö 1.40(für ein Quartal bei freier Zustellung Kö 18.—). 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