Nr. Iii SONNTAG, tt. Juli I93S Verlag; Karlsbad, Haus„Graphia"— Preise und Bezugsbedingungen siehe Beiblatt letzte Seite Aus dem Inhalt: Die Fahrt in den Abgrund Die Angstbasis des Systems Der Gangsterchef als Polizeipräsident Kriegserklärung im Kulturkampf ToWKanfoll des Systems Die Furcht vor der stillen Revolution Das System hat einen neuen Tobsuchts- anfall. Es ist ein Ausbruch der Nervosität und des Krampfes, in dem es wild um sich schlägt. Aber werden seine Schläge w i r- kungsvoll treffen? Das System gleicht einem Mann, um den sich ein würgendes Netz immer enger zusammenzieht. Er sucht es an vielen Stellen zu zerreißen, er schlägt dagegen, aber das Netz weicht zurück, um ihn danach um so enger zu umschnüren. , Der Kampf mit der katholischen Kirche ist zum offenen Krieg geworden. Die katholische Volksbewegung ist ein wesentlicher Teil der Gesamtoppo- sition. Rund 20 Millionen Einwohner Deutschlands bekennen sich zum Katholizismus, 6 bis 7 Millionen davon waren Wähler politischer katholischer Parteien. Die Erinnerung an die frühere parteimäßige politische Formierung in Deutschland ist heute stärker als im Jahre 1934, die Aktivität der katholischen Opposition zusehends im Wachsen, und die Vertrau- ensbasis des Systems wird ebenso zusehends immer schmäler. Der Kulturkampf unter Bismarck lief in ein Remis aus, weil der wirtschaftliche Auf- Tf ci» Wn n g des"KelchS'ltf der g�oßeiTJä-' duatrialisierungs periode und der damit verbundene relativ liberale Kurs die Schärfe der Gegensätze abschliff. Aber das Hitlersystem, das jetzt eine offizielle Kriegserklärung gegen den Katholizismus abgegeben hat, sieht vor sich nicht wirtschaftlichen Aufschwung, sondern immer drohender werdendekrisen- h a f. t e P e r s p e k t i v c n mit immer geringer werdenden Auswegen. Damit verbunden ist eine stille, aber nachhaltige Verschärfung der Opposition, eine Wandlung von oppositioneller Stimmung zu kämpferischem Haß. Das ist der Unter- grund, der dem neuen Kulturkampf seine Bedeutung gibt. Der andere Streich des Systems geht gegen den Stahlhelm. Verbote, Auflösungen, Verhaftungen, drohende Terrorreden sind die Kampfmittel, die gegen diese Gruppe angewandt werden. Der Stahlhelm repräsentiert eine gewisse bürgerliche Tradition und eine gewisse Schicht des Bürgertums, die nicht ins System eingeschmolzen werden konnte. Wird diese Schicht durch eine neue Terrorwelle im dritten Jahre des Systems liquidiert werden können? Die Chancen dafür sind mäßig. Zum dritten: eine neue Pogromwelle gegen die J u'd e n. Die Zahl der Juden in Deutschland ist beträchtUch zusammengeschmolzen. Von einer Volksbewegung gegen sie ist keine Rede, vielmehr von einer sehr allgemeinen Ablehnung des neuen Bandenkriegs der Streicherschen Schwarzen Hundert. Die übelsten Elemente aus der Gefolgschaft des Systems sind wieder aktiviert' worden. Hier geht— wie überhaupt im System— Poüük und persönliches Geschäft durcheinander. Damit das Einkommen des Subjekts Streicher aus der Pogromhetze wächst, setzt die wilde Gruppe des Systems unbedenklich alle politischen Hemmungen und Erwägungen beiseite. Ist hinter diesen Verzweiflungsoffensiven des Systems nach allen Seiten ein Plan? Dies anzunehmen, hieße das System überschätzen. Es geht vielmehr ganz offenbar im System alles kunterbunt durcheinander, so daß man wieder die Frage aufwerfen muß: wer regiert eigentlich? Die Vorgänge um den Berliner Pogrom herum sind bezeichnend für die mangelnde Konsolidierung des Systems. Eine Gruppe aus dem System hat offensichtlich über den Kopf anderer Gruppen hinweg einen Vorstoß unternommen, um sich wieder in den Vordergrund zu schieben und um der immer sichtbarer werdenden Inaktivierung der nationalsozialistischen Partei und der SA entgegenzuwirken. Daß diese Gruppe dafür kein anderes Mittel wußte als den Rückgriff auf die Pogrommethoden von 1931 und 1932, ist ein Zeichen offenkundiger organisatorischer und ideologischer Schwäche und Verkalkung. Was die Personen dieser Gruppe angeht, so kann man von ihnen nur sagen: sie sind noch nicht saturiert und nach größerer Beute gierig, so wie der neue Polizeipräsident von Berlin, der berüchtigte Helldortf. Die Vorgänge um die Ernennung dieses Gangsterchefs zum Berliner Polizeipräsidenten sind noch dunkel. Tatsache ist, daß Berlin wieder einmal durch die NSDAP Uq4 die SA unter Führung des Helldorff in Gemeinschaft mit G ö b b e 1 s und der häB�pfJsbzlalifttlscheij Gauleitung für Berlin»erobert« werden soll. Ist Berlin nicht eigentlich schon einmal»erobert« worden, und hat sich nicht erst vor kurzem Göbbels gerühmt, daß er der Eroberer sei? Wie kommt es, daß Berlin zum zweitenmal»erobert« und»gesäubert« werden muß? Hat es mit der ersten Eroberung doch nicht gestimmt? Es hat nicht gestimmt; denn das System sitzt in Berlin tatsächlich nur wie in einer äußerlich eroberten Stadt, deren Mentalität immer mehr vom System abrückt. Wir nehmen übrigens die Verbrechergesinnung der Bande um Helldorf ernst genug, um zu fragen: soll dieser neue Tobsuchtsanfall, diese neue»Säuberung« in einer Wiederaufnahme der Methoden der SA-Keller und des wilden Bandenkrieges, der Ergänzung des Polizei- und Justizterrors durch die Bestialitäten entmenschter SA-Banditen bestehen? Wir wissen aber auch, daß die V o l k s s t i m m u n g heute anders ist als 193 3, weniger gelähmt und deshalb dem Eindruck des Terrors weniger zugänglich, daß heute die Sympathie der Bevölkerung keinesfalls auf der Seite der Terroristen, sondern schon sehr stark auf der Seite der Verfolgten steht. Wir möchten wohl wissen, wie das System mit Hilfe von SA-Banditen die Stimmung unter den Arbeitern in den Betrieben für sich zu bessern gedenkt! Die Gangster können sehr unangenehme Ueberraschungen dabei erleben! Der wachsende Widerstandswille der Arbeiterschaft und die illegale sozialdemokratische Arbeit gegen das System sind mit keiner Methode mehr zu brechen, mögen die Göbbels, Helldorffs und Konsorten noch so sehr von der»Säuberung Berlins von der Kommune« deklamieren. Der neue Krampf zeigt nur ihre Schwäche. Sie sehen v�ohl einer drohenden furchtbaren Pleite ins Gesicht, weil sie sozusagen vor dem 3 0. Juni 1934 wieder anfangen möchten? Es sind in Deutschland alle Elemente eines normalen staatlichen Herrschaftsapparates vorhanden: Heer, Polizei, Bürokratie— aber kein normaler Staatsapparat mit einer dirigierenden Spitze. Die Diktatur ist kein konsolidiertes System, sondern eine anarchische Angelegenheit. Das Wort von der»Eroberung Berlins« verrät mehr, als es soll. Sie rühmen sich, Deutschland zur gefürchteten Weltmacht gemacht zu haben— aber unter ' ihnen steht ein»erobertes«, em bedrücktes und widerwilliges Volk, dessen Regungen ihnen Schrecken einflößen, in welcher Klasse und in welcher Form sie sich auch impaer zeigen. An der Tatsache, daß die Volksstimmung immer mehr zu ihren Ungunsten umschlägt, brechen ihre nationalistischen Propagandaphrasen zusammen. Wenn Gangsterchefs die mangelnde Volkseinheit mit Gangstermethoden herbeiführen sollen, so sieht es um die Basis der Weltmacht Stellung windig aus. Oben ist die Anarchie, der Streit-und die Rivalität der Gangster untereinander, unten aber ist die stille Revolution! Die offenen Revolutionen sind immer nur Vollstreckungen, das Sichtbarwerden politisch-sozialer Tatbestände. Der eigentlich revolutionierende Prozeß ist der Stimmuhgsverfall, die Wandlung des politischen Urteils, die Konsolidierung der Oppositionen und das Wachsen des Hasses — ein Prozeß, der in Deutschland im Gange ist. Es ist gut, daß das System in seinen Tobsuchtsanfällen die Brüchigkeit seiner Basis und die mangelnde Konsolidierung verrät! In ihren Deklamationen über die letzten Vorgänge sagt die nationalsozialistische Presse, daß der revolutionäre Prozeß noch nicht zu En(Je sei. Selbstverständlich nicht— nur ganz anders, als sie sichs vorstellen! Jetzt wollen sie aus Angst die feierlich abgeschworene»zweite Revolution« machen. Sie legen damit ein Geständnis ab: daß sie der Oppo s i t i o n nicht mehr Herr werden können. Was sie jetzt unternehmen, gleicht den Verzweiflungsoffensiven Ludendorffs im Sommer 1918. Das Ende eines Henkersknedits In Leipzig ist eine von den ersten lokalen Nazigrößen in der Nacht erschossen auf der Straße aufgefunden worden. Es handelt sich um den Standartenführer Stoff- regen. Stoffregen hat als Befehlshaber über die Leipziger SA die verschiedenen Zusammenstöße, vor dem März 1933 auf dem Gewissen, und er war es, unter dessen Führung die SA nach der Machtergreifung den Arbeitern nicht nur das Volkshaus, die Bundesschule des Turn- und Sportbundes, das Gebäude der»Volkszeitung«, die gewerkschaftlichen Verbandshäuser upd eise große Anzahl vop Tuenplätze» und Turnhallen raubte, sonder dabei gleichzeitig auch brutale Mißhandlungen gegen die Arbeiter beging. Stoffregen wurde Anfang 1933 von den Nationalsozialisten zum Vizevorstehcr des Leipziger Stadtverordnetenparlamepta � gemacht. In seiner Eigenschaft als Standartenführer war ihm auch das berüchtigte Konzentrationslager in Co.lditz direkt linterstellt. Die dort internierten sozialdemokratischen und kommunistischen Arbeiter haben die viehischsten Mißhandlungen erdulden müssen. Stoffregen selbst inspizierte von Zeit zu Zeit das Lager und sorgte dafür, daß die Mißhandlungen nicht nachließen. Ueber seinen Tod schwebt noch einiges Dunkel. Es scheint aber, daß er mit größeren Unterschlagungen in Zusammenhang zu bringen ist, die Stoffregen an der Winterhilfe begangen hat. In diese Angelegenheit sollen auch noch andere. hochstehende nationalsozialistische. Persönlichkeiten, u. a. der frühere Landtagspräsident Dönicke, verwickelt sein. Ob Stoffregen Selbstmord begangen hat, oder ob er von seinen eigenen Gesinnungsfreunden. nachts erschossen worden ist, um einen unbequemen und unmöglich gewordenen»alten.Kämpfer« zu beseitigen, darüber schweigen sich die, die Aufklärung geben können, aus. Der Qon&terclief oll Pollzeiprisldent Wer ist der neue Polizeipräsident von Berlin? Das System hat ceu früheren SA-Führer Graf Helldorf zum Polzeipräsidenteu von Berün gemacht. Der bisherige nationalsozialistische Polizeipräsident von L e- v e t z o w, ein alter Putschist, war nicht stilecht genug. Dieser Levetzow hat jede Schweinerei gedeckt. In den ersten Tagen des Terrors im Frühjahr 1933 erklärte er noch als kaiserliche Offizier schäme er sich, daß sich solche Dinge noch immer ereigneten. Später hat er sich daran gewöhnt, daß»solche Dinge« eine Dauerciarichtung wurden und hat sich nicht mehr geschämt,, der Kamerad und, Beamte von Mördern zu sein., Aber wer ist sein Nachfolger, wer ist der Mann, der jetzt Polizeipräsident einer der größten Städte der Welt ist? Wolf Graf von Helldorf ist ein Entgleister, ein Abenteuerer, eine dunkle Existenz. Er hat sein Erbe verpraßt und sein ererbtes Rittergut zugrunde gerichtet. Seine Schuldenwirtschaft trieb ihn zum Offenbarungseid, seine Schuldprozcsse sind Legion. Nach seinem völligen Bankrott führte er eine finstere Existenz— er warf sich wie eine Reihe anderer Bankrotteure in die Arme der NSDAP. Dort wurde er als Lands- knechtsführer beschäftigt und besoldet Er war einer der Organisatoren des Kurfürstendamm-Pogroms vom 12. September 1931 in Berlin. Er wurde prozessiert— in jenem skandalösen Verfahren, in dem die Justiz sich zur Handlangerin der Pogromisten machte. Natürlich wurde er freigesprochen. Aber selbst diese Prozeßführung genügte, um ihn als Chef einer Gangsterbande genügend zu charakterisieren. Er wurde nach der Machtergreifung Hitlers einer der Organisatoren des scheußlichstenTerrors, des Mords und der Folterungen. Er hat die politische Blutrache offiziell verkündet. Er hat den Terror für seine eigenen dunklen privaten Zwecke ausgenutzt. Als der bekannte Hellseher Hanussen von ihm eine SchuW In H6he vÄn mehreren zehn-]» tausend Mark zurückforderte, ließ er ihn ermorden und durch die Mörder die Wechsel stehlen. Auf diese Weise entledigte er sich nicht nur dieser Schuld, sondern zu gleich seiner übrigen Schuldenlast. Zwar schwimmen auch heute noch in Berlin, und vor allem in �jüdischen Kreisen, viele Akzepte von ihm herum, aber niemand wagt mehr, sie zu präsentieren. Seine verruchteste Tat war die Teil nahipe an der Reichstagsbrandstiftung. Er ist der Mann, der laut seiner beschworenen Zeugenaussage im Prozeß vom Reichstagsbrand schon ein e_]i gl.be Stunde v or Brandausbruch davon w u ß t e und der als SA-Ptihrer von Berlin die Verhaftung von 1500 sozialdemokratischen und kommunistischen Funktionären und von gahlreicti|n Iptgllc len befahl. ■ Ein so stilechter Nazi ist vom System auch belohnt worden. Schon am 25. März 1933 wurde er Polizeipräsident von Potsdam. Aber obwohl er nun teilnahm an der Großkorruption der nationalsozialistischen Oberführer, ging seine Bankrottwirtschaft weiter, so daß er in den Hintergrund treten mußte. Seine stille Abhalfterung war schon im Gange— da hat ihn nun die neue Welle der Gangsterei wieder mit nach oben geschwemmt. Dieser korrupte Bursche, für den die Politik nichts war als eine Flucht aus dem Bankrott, ein Raub im größten Stile mit verbrecherischen Mitteln, ist jetzt Polizeipräsident der Hauptstadt des deutschen Reichs. Das Gangstersystem hat einen der übelsten Gangsterführer auf diesen Posten gestellt. Diese Beförderung kennzeichnet den Sinn und den Geist der neuen Tobsuchtswelle'. Die korrupte Clique schiebt sich wieder in den Vordergrund. Deutsche Streiflichter Noch ein Polizeipräsident Die deutsche Zeitung»Politiken« berichtet in Nr. 287: In einem Restaurant in Stege(in Dänemark) wurde eine große Schlacht geliefert, bei der kein geringerer als der Polizeipräsident vonHamburg, Boltz, den Anführer machte. Der Herr Polizeipräsident macht augenblicklich eine Lustfabrt mit dem Lustkutter »Rheinpfalz« und besuchte u. a. die Insel Moen(Dänemark) und das Städtchen Stege, wo er vor einigen Tagen eintraf. Mit einigen Offizieren und einem Herrn Kavier de Plane betrat er Frederik Olsens Restaurant, in dem einige deutsche und dänische Seeleute und u. a. auch ein Kopenhagener Marine-Ju- gendverein es sich gemütlich machten. Bei diesen jungen Leuten wünschte der Herr Polizeipräsident zu sitzen und als der Wirt nicht imstande war, mehr Platz zu schaffen und bemerkte, daß er der Herr im Hause sei, sprang Boltz auf ihn zu und bearbeitete ihn nach bestem nazistischen Muster. Der Sohn des Wirtes kam seinem Vater zu Hilfe und im Nu entstand eine wüste Köilerei, bei der der Versuch gemacht wurde, den Sohn zu würgen. Erst nachdem es dem Wirt gelang, das Licht auszuschalten, verließen die Gäste das Haus, einen Trümmerhaufen von zerschlagenem Geschirr und zertrümmerten Lampen hinterlassend. Gegen 4 Uhr morgens verließen die starken Deutschen mit unbekanntem Ziel Stege. Audi ein Führer Es ist beinahe in Vergeaaenheit geraten. daß im Dritten Reiche noch ein Mann mit Namen Franz Seldte lebt. Er ist nicht nur Reichsarbeitsminister, sondern bis zur Stunde Bundesführer des NSDPB(Stahlhelm), den er einst gegründet hat, übrigens damals im Jahre 1919 auf dem Boden der Tatsachen für Demokratie und Republik. Seiner Organisation ist die Repu- Wik zeitweise mit dem Auflösungsp&ra- graphen zu Leibe gerückt Wie konnte Herr Franz Seldte damals dagegen aufbegehren! Jetzt werden wieder seine Organisationen aufgelöst, und zwar von einer Regierung, in der er selbst als Minister sitzt. Welch ein BUdchen: In Baden, in Bayern, in TTiUringen, In Sachsen, in Anhalt und wer weiß wo noch werden die Ortsgruppen des NSDFB(Stahlhelm) der staatsfeindlichen Betätigung angeklagt, ihre Vorsitzenden werden eingesperrt und das Vermögen der Vereine wird beschlagnahmt. Der sogenannte Führer dieses aus Gründen der Staatsräson verfolgten Bundes bleibt im Reichskabinett,, und was tut er? Immerhin etwas. Nach der»Kreuzzeitung« hat der Reichsminister und Stahlhelmführer »sofort um Ueberaendung der Akten ersucht, um die erhobenen Anschuldigungen nachprüfen zu können«. Niemand vom den Nazibonzen im Lande hat es also für notwendig gefunden, den»Führer« Seldte auch nur zu fragen oder gar um Abstellung der behaupteten staatsfeindlichen Agitation zu ersuchen, ehe man mit Poüzeiknüppeln auf den Stahlhelm losschlug. Ahnungslos sitzt der Stahlhelmführer in der Reichsregierung, und im Lande draußen organisieren seine Ortsgruppen die Revolution. Wenigstens behaupten das die Reichsstatthalter und Länderminister. Aber nun studiert Herr Franz Seldte die Akten und wird sich so die Aufklärung verschaffen, die ihm seine Nazikollegen zugestehen wollen. Das Ganze nennt sich»FUh- rerprlnzip«. Die Stahlhelmer freilich haben durchweg ein anderes zweisilbiges Wort für ihren Bundesführer. Ein Wort, das in allen deutschen Kasernen gang und gäbe und im Falle Seldte gewiß die einzig mögliche Charakteristik ist. »Frudbtbare geistige Auseinanderveifunj�« Noch immer wird das neue Deutschland in der Welt nicht verstanden. Kommt eine gutgläubige Delegation, wie jetzt die der britischen Frontkämpfer, nach Berlin, so hat man das Pech, daß ausgerechnet dann b o 1- schiewistisch- jüdische Elemente Wille, einsieht. wenn die Auslandspresae das nicht Störungen in den tiefen deutschen Seelenfrieden tragen. Darüber wird dann leider, wie wir es eben wieder erlebt haben, unfreundlich in der Weltpresse berichtet. Die»Frankfurter Zeitung« ist darob sehr bekümmert. Also nicht etwa über die Jodenpogrome, son.l wirtschaftliche Schlagwort im Reiche, dem über die unvernünftigen Ausländer, die so etwas nicht ganz richtig zu würdigen verstehen. Für das Blatt, das noch immer den Namen seines jüdischen Gründers Sonnemann auf der Titelseite trägt, sieht das, was in diesen Sommertagen landauf und landab im Reiche geschieht, so aus: »Man möge in seiner ganzen Bedeutung erfassen, daß das deutsche Gesicht durchaus nach innen gekehrt ist... Die Verantwortlichen denken lücht daran, die fruchtbare geistige Auseinandersetzung, in der man sich befindet, auf organisatorischem Wege abzudrosseln. Es ist der Stolz der deutschen Geschichte, Dinge das Geistes niemals leicht genommen zu haben.« »Man« befindet sich also in einer»fruchtbaren« geistigen Auseinandersetzung. Anderwärts wird sie zwar mehr als furchtbar, denn als fruchtbar empfunden, aber das liegt dann wohl daran, daß man Streichers »Stürmer« und ähnliche»Dinge des Geistes« nicht richtig zu beurteilen vermag. Was muß die»Frankfurter Zeitung« für Anschauungen über fruchtbare geistige Auseinandersetzung haben! Auf demselben Blatte, auf dem sie die Auslandspresse Uber deutsche Geistesfreiheit belehrt, wird mitgeteilt, daß Rosenbergs antichristliche Kampfrede in Münster noch und wieder einmal über alle deutschen Sender wiederholt wird. Daneben steht zu lesen, daß Görings Essener»Nationalzeitung« Maßnahmen gegen die Bekenntnischristen androht, weil deren bayrischer Bischof D. Meiser in einem in jeder Beziehung bescheidenen Briefe an den preußischen Ministerpräsidenten sich einige zahme Bemerkungen gegen dessen germanisch-heidnische Sonnwendrede auf dem Hesselberge in Franken erlaubt hat. Das Schreiben schließt: „Wir legen KIrchenvorstehem und Gemeinden emstlich ans Herz, sich durch keinerlei Bitterkeit in dem uns von Gott befohlenen Gehorsam gegen die Obrigkeit irre machen zu lassen, sich vielmehr umso ernstlicher in die Fürbitte treiben zu lassen und in Wort und Wandel ihren christlichen Stand um so gründlicher unter Beweis zu stellen." Und da tobt Görings Blatt schon gegen „staatsfeindliche Elemente, die unter der Flagge des Kirchenstreites sich regen." Wie gesagt: für die„Frankfurter Zeitung" ist das eine„fruchtbare geistige Auseinandersetzung", und es ist purer böser Exporteure, und soldie, die es werden wollen Ausfuhrförderung ist jetzt das große Man sollte meinen, es gehöre nicht viel kaufmännische Intelligenz dazu, um sich zu sagen, daß eine der Vorbedingungen Ist, mit den Kunden der Länder, deren Markt gewonnen wenden soll, in ihrer Sprache zu korreepon- dieren oder doch in einer Sprache, die ihnen näher liegt als das nun einmal mehr kontinentale Deutsch. Man mag es bedauern, aber auch der wiliicate deutsche Nationalist wlrtf' einstweilen um die Tatsache nicht herum kommen, daß englisch und französisch, vor allem englisch Weltsprachen sind und noch nicht deutsch. Sogar spanisch kommt noch vorher. In einerit Teil def deutschen Geschäftswelt scheint man anzunehmen, daß seit zwei Jahren die Kaufleute rund um den Erdball deutsch lernen, um die Rundfunkreden des Herrn Adolf Hitler verstehen und die deutschen Offertbriefe lesen zu können. Wenigstens beklagt sich die„Württembergische Wirtschafts-Zeitschrift", daß deutsche Exportfirmen sogar nach Britisch-Indien Angebote in deutscher Sprache richten. Die deutschen Konsulate seien aber nicht in der Lage, alle Gesuche indischer Firmen um Uebersetzung solcher Briefe zu erfüllen, ganz abgesehen davon, daß natürlich die meisten indischen Firmen sich gar nicht die Mühe machten, die deutschen Briefe erst vorzulegen. Auch das deutsche Konsulat In Kairo fordert auf, mit Aegypten nur in englischer oder In französischer Sprache zu korrespondieren. Wenn die deutschen Konsulate solche Mahnungen erlassen, die man in der Republik als»national würdelos« verworfen hätte, muß es mit dem Unfug, den deutsche Exporteure in der Welt anrichten, schon ziemlich schlimm stehen. Schuld darap ist freilich die bornierte Geistesverfassung, die namentlich bei jüngeren deutschen Kaufleuten hcran- gezüchtet worden ist, und die davon träumt, daß die ganze Welt mit Bewunderung und Neid auf das neue Deutschland und seinen Hitler blicke. Solche Phantasten könnten nur durch A üal andsrei sen kuriert werden. Schon auf der ersten außerdeutschen Grenzstation merken sie meist, wie die Stimmung ist, wenn sie sich so benehmen, wie sie es von Hitlerdeutschland her gewohnt sind. Hannos Wink. \iditb ohne Fäl»diung! Erlebnisse der englischen Frontkämpfer. Die Vertreter der British Legion, die Deutschland besucht haben, um mit deutschen Frontkämpfern zusammenzutreffen, sind auf eine ausgesprochene politische Gaunerei hereiqgefallgp. Sie wurden in Deutschland herumgeführt wie Zlr- kuselefanten, um naiven Leuten zu demonstrieren, daß fortan England der Verbündete Hitlerdeutschlands sei. Das Reichapro- pagandaministerium hat diese den Engländern zugeschriebene Rolle noch durch eine unverschämte Fälschung unterstrichen. Es hat dem Sprecher der Engländer, dem Major Fetherstonei-Godley die folgenden Worte in den Mund gelegt: „Die Enjgländer haben ein einziges Mal' gegen die Deutschen gekämpft, und wir Vertreter der British Legion glauben, daß dies ein Fehler war, und daß dieser Fehler sich niemals wiederholen darf." Der Major Fetheretone-Godley hat gegen die Fälschung protestiert und den wirklichen Wortlaut seiner Ansprache veröffentlicht. Er lautete: „Die Engländer haben einmal gegen die Doutsohen gekämpft und das Ergebnis dieses Kampfes sollte die einen wie die anderen, den Irrtum lehren, den ein Krieg bedeutet. Die Vertreter der Britischen Legion hoffen, daß dies nicht wieder geschehen wird, sondern sie werden an der Verwirklichung der Völkerverständigung arbeiten, um den Krieg in Zukunft zu verhindern." Die Fälschung springt in die Augen: aus einem Bekenntnis zum Frieden und zur Völkerverständigung ist eine Bündniserklärung für Hl 1 1 c rd e u t s c h- 1 a n d gemacht worden, eine Erklärung, daß die Engländer im Weltkrieg auf der falschen Seite gekämpft hätten. Nach dieser Behandlung durch die Göb- bolssche Giftküche wurden die Engländer in die treue Obhut der Gestapo genommen. Ais sie sich programmäßig zu einem Frühstück bereit machten, zu dem der Stahlhelm eingeladen hatte, fuhren vor ihrem Hotel Wagen mit N&zichauff euren vor. Man erklärte den überraschten Engländern, das geplante Frühstück könne nicht stattfinden, da General G ö r i n g sie unverzüglich auf seinem Landsitz in der Schorfheide erwarte. Man lud sie in die Wagen, fuhr sie aber nicht sofort in die Schorfheide, sondern zu einer belanglosen Angelegenheit im Osten Berlins— denn Göring selbst mußte erst eiligst In cü« Schorfheide fahren, um später am-Nachmittag die Engländer dort zu empfangen. Auf diese Weise wurde eine Fühlungnahme der Engländer mit dem Stahlhelm sabotiert. Die Methode ist nicht neu: so pflegten die Sowjetbehörden westeuropäische Besucher unter treuer Obhut der Tscheka in Moskau herumzuführen. Dieser Propagandaschwindel ging unter der Ueberschrift:„Englische Frontkämpfer besuchen deutsche Frontkämpfer!" Schließlich mußten die Engländer wissen, mit was für Burschen sie»ich einließen. Protest gegen den Hitlcr-Terrop Das Koordinations-Komitee des Intematio- nalen Gewerkschaftebundes und der Internationalen Berufssekretariate Welt am 4. Juli in Paris eine Sitzung ab. Die allgemeine Lage sowie die der Arbeiterklasse In den faschistischen Landern wurde einer eingehen den Prüfung unterzogen, worauf das Komitee eine Anzahl Ihm notwendig erseheinender Maßnahmen traf. Angesichts der Verstärkung der Gewaltakte in Hitler-Deutschland, die zu einer neuen Terrorwelle geführt haben, und in Anbetracht dessen, daß die in den Konzentrationslagern eingesperrten Mensehen nach wie vor einer harbarischen und unmenseh- licben Behandlung ausgesetzt sind und dies gerade zu einer Zeit, wo Hitler zur Erreichung seiner internationalen politischen Ziele einen Pazifismus zur Schau trägt, mit dem er niemand täuschen kann, erhebt das Komitee seinen stärksten Appell an die öffentliche Weltmeinung, erneut gegenüber Hitler und allen faschistischen Regierungen ihre einstimmige und tiefste Verachtung auszusprechen. Kinderraub im Orliien Rcidi Der nationalsozialistische Staat hat alle Verbrechen begangen, auf denen in zivilisierten Ländern die schwersten Strafen stehen. Aber das Widerliche an diesem System ist die Tatsache, daß sich die herrschenden Gangster immer mehr der Justiz bedienen, um diesen niedrigen Verbrechen scheinheilig das Mäntelchen formaler Berechtigung oder gar des Rechts umzuhängen. Ob es sich darum handelt, einem im Todeskampf ringenden Marxisten ohne ärztliche Hilfe verenden zu lassen, oder sich vor die Sadisten der SA, bezw. SS zu stellen, immer Ist die Dirne Justiz gut genug,»offiziell« das schlechte Gewissen des Systems zu decken. Nur In diesem Sinne ist die in der»Deutschen Hlchterzeitung« S. 391 mitgeteilte Entscheidung zu werten, nach dem gemäß 8 1666 BGB. einem kommunistischen Vater das Sorgerecht über seinen sieben Jahre alten Sohn genommen worden ist,— nur weil der Vater Kommunist ist. Im Gangsterdeutsch wird das maßen geheuchelt! »Ein Vater, früherer Angehöriger folgender- der KPD, hatte sich bis zuletzt im kommunistischen Sinne betätigt, war schließlich deswegen verhaftet und zu Freiheitsstrafe verurteilt worden.« Und nun die Vorwürfe: »Seinen sieben Jahre alten Sohn hatte er bis dahin nicht taufen lassen, vielmehr begonnen, ihn im atheistischen Sinne zu erziehen, auch in seinem Sinne politisch zu beeinflussen.« In keinem bisherigen Fall ist jemals irgend einem deutschen Amtsgericht eingefallen, aus weltanschaulichen Gründen den Eltern ihre Kinder zu nehmen. Die Entziehung des Sorgerechts erfolgte nur bei vollkommenen Famllienverfall, wenn das Kind sittlich bedroht war, aber was die Eltern des Kindes über die Gestaltung der Welt dachten, ging wahrhaftig kein deutsches Amtsgericht etwas an. Nun, im Dritten Reich ist alles möglich, und daher konnte das Amtsgericht Berlin-Lichterfelde gegen den kommunistischen Vater entscheiden und die»Deutsche Richterzeitung« schreibt dazu: »Das Gericht hat diesem Vater die Sorge für die Person seines Kindes gemäß 8 1666 BGB. entzogen. Dabei ist es davon ausgegangen, daß gegenüber dnem Mißbrauch des Erziehungsrechts Maßnahmen immer- dann eingeleitet werden können und müssen, so lange noch die Aenderung der Erziehung möglich ist. Das ist richtig und auch stets anerkannt worden. Darüber hinaus hat das Gericht mit hocherfreulicher Deutlichkeit festgestellt, daß heute weder gegen den Nationalsozialismus gerichtete Erziehung geduldet werden könne, noch eine atheistische.« Was diesem kommunistischen Vater passiert ist, kann morgen dem sozialdemokratischen und dem katholischen panieren. Im gegenwärtigen Deutschland vernichten die sehen und dem katholischen passieren, im Alexandrien(Heß), aus Riga(Rosenberg), und Buenos Aires(Darrd) die letzten Reste der Zivilisation. Hermann Walter. Dreyfus Den Männern des braunen Systems gewidmet »Um so verhängnisvoller wurde, dann die schuldhafte Verstrickung von Generalstsb und Kriegsgericht, als sich, sehr bald nach der Deportation, die Wahrheit herausstellte: daß Dreyfuß unschuldig war, daß der wirklich Schuldige, der Major Gsterhazy, auch das belastende Schriftstück geschrieben hatte. Jetzt gesellte sich zu dem Wunsch, den eben gewonnenen politischen Sieg Ms zum Ende auszukosten, noch die Ueberzeugung, die Staatsantorttät dürfe nicht durch die Kassation eines Urteils von so welttragender Bedeutung erschüttert werden— jener tragische Irrtum, den die Menschheit wohl in jedem Zeitalter neu zerstören muß. Ihre tiefste und beispielhafte Bedeutung aber wird die Affäre Dreyfuß gewiß immer behalten als der Sieg der immanenten Idee der Gerechtigkeit über Willkür und politische Leideu- Schaft. Ein Offizier hat seine Ehre und seine Karriere, ein Schriftsteller Freiheit und Vermögen, ein Politiker Ansehen und Zukunft aufs Spiel gesetzt um dieser Idee willen; daß es möglich war, in so verzweifelter Lage, dennoch das gute Gewissen der Nation zu beschwören, wird immer diesen Männern, wird immer der Menschheit zum Ruhme gereichen; und die Erinnerung daran wird stets den Glauben und die Kräfte derjenigen stärken, die sich weigern anzuerkennen, daß der Staat auf einem anderen Fundament als dem der Gerechtigkeit ruhen könn e.« (Frankfurter Zeitung vom 14. Juli 1935.) Justiz und Pogrom Wie die feile Justiz das Treiben der Pogromist en begünstigt, beweist der folgende Gerichtsbericht der Frankfurter Zeitung aus Gießen vom 18. Juli: Das Schöffengericht in Gießen hatte über eine ganze Anzahl von Körperverletzung s- und Sachbeschädigungs- Delikten zu entscheiden, die sich in T r e 1 s a. d. Lunda ereignet hatten. Nach einer Mitteilung des Staatsanwalts bestand an diesem Orte zwischen der Einwohnerschaft und dem jüdischen Bcvölkerungsteil ein besonders gespanntes Verhältnis. Gegen eine Reihe von Strafbefehlen hatten die Betroffenen Einspruch eingelegt, über den jetzt entschieden wurde. Auf dem Bahnhof in Treis kam es In der Nacht nach Fastnacht zu einer schweren Schlägerei mit jüdischen Einwohnern, die beim Vieheinladen beschäftigt waren. Einem Mann, der wegen schwerer Körperverletzung einen Strafbefehl auf zwei Monate, eine Woche Gefängnis und 13 Mark Geldstrafe erhalten hatte, wurde vom Gericht eine Straf- ermäßigung auf einen Monat Gefängnis und fünf Mark Geldstrafe zugebilligt: In zwei weiteren Fällen wurden Strafbefehle über 30 und über 50 Mark Geldstrafe auf je 20 Mark Geldstrafe ermäßigt. In sämtlichen Fällen wurden mildernde Umstände zugebilligt. In fünf Fällen waren Strafbefehl« über Je 25 Mark ergangen, well die Betreffenden Fcnstcnscheiben an mehreren Häusern eingeschlagen hatten. Die Angeklagten machten vor Gericht geltend, sie hätten den Juden in Treis wegen provozierenden Auftretens einen Denkzettel geben wollen. Der Staatsanwalt hob u. a hervor, daß durch derartige Handlungen der Greuelpropaganda Vorschub geleistet werde. Das Gericht ermäßigte die Geldstrafen auf je 10 Mark. Der Vorsitzende erklärte, daß die Angeklagten den bestehenden Befehlen entgegengehandelt hätten. Die geringe Geldstrafe habe aber ihren Grund in der berechtigten Erregung. Eine Verhandlung, In der es sich um das Einwerfen eine« Fensters der Synagoge handelte, wurde ausgesetzt, um die Glaubwürdigkeit des Belastungszeugen zu prüfen. En massc Wir lesen im-Völkischen Beobachter«; »Nur traurige Meckerer können en mause in die Männer de« Amte«»Schönheit de« Ar- )eitsplatzes« anonyme Briefe richten, in denen äe sich Uber die»Sozialgeslnnung mit Blu- nentöppen« lustig machen.« En masse— das ist ein gute« Zeichen! VeMc Pff. »Am 26. Juni 1935 wurde der Blockleiter Parteigenosse Willi Aßmann durch seinen Plötzlichen Tod aus unseren Reihen gerissen. 2r war uns ein treuer Mitkämpfer im Sinne inseres Führers, dessen so frühes Hinschei- len wir sehr bedauern.(NSDAP-Ortsgruppe Jagenow. Aus der Preußischen Zeitung.) Kiilturkampfgese�e erlassen System-Terror gegen katholisdie Volksbewegung Die Protestnote Roms Am 19. Juli überreichte Nuntius Or- senigo dem deutschen Außenminister die förmliche Protestnote des Vatikans, deren Inhalt in dem Nachweis über die Nichteinhaltung des Konkordates in mannigfachster Hinsicht und in dem formgerechten Protest dagegen besteht. Die vatikanischen Beschwerden beziehen sich zur Hauptsache, ohne anderes zu verschweigen, auf drei Gegenstände der neu entfesselten Gegnerschaft zwischen Katholizismus und Drittem Reich: auf die katholischen Vereinsfragen, auf die katholische Pressefrage und auf das hitlerdeutsche Sterilisationsgesetz, seine Handhabung und seine Ablehnung vom katholischen Moralstandpunkt aus. In dem alten, schon vor und nach dem Konkordatsabschluß angesponnenen Streit um katholische Vereine und Presse trägt die Note grundsätzlich keinerlei neue Gesichtspunkte hinein. Im wesentüchen stützt sich hier die päpstliche Demarche auf Artikel 31 des Konkordats, in dem es heißt, daß die katholischen Jugend-, Arbeiterund Gcsellenvereine»in ihrer Institution und in ihrer Tätigkeit geschützt« sein sollen und auf eine weitere sinngemäße Interpretation des Kirchenvertrages, nach dem die Katholiken»sich aller Mittel der modernen Kultur zu ihrer geistigen Betätigung« als gläubige Söhne und Töchter der Kirche bedienen dürfen— also auch der katholischen Presse. Nicht neu im Kirchenkampf selbst, aber doch für die bisherigen unmittelbaren amtlichen Beziehungen zwischen Kurie und Reichsregierung, tritt als wichtiger Streitgegenstand jetzt in der Note auch das sogenannte Sterilisationsgesetz in den Vordergrund. Die Kirche kann darauf verweisen, daß die Ablehnung der Gesetzespraxis nicht nur in allen Kreisen der katholischen Bevölkerung nach eigenem Eingeständnis der hitlerdeutschen Chirurgo- manen groß und einheitlich ist. Am 7. April dieses Jahres hatte bei einer Rede in. Münster der Reichsinnenminister F r i c k das Gesetz sowohl in seinen Einzelbestimmungen wie in seiner Handhabung verteidigt, unter heftigen Ausfällen gegen den Katholizismus. Frick verkündete— und für die Kirche liegt das Gravierende eben darin, daß das nicht Rosenberg oder Ley, sondern eben der hier zuständige höchste Träger der Reichsgewalt selbst sagte— daß er jede priesterliche und laienmäßige katholische Propaganda gegen das Gesetz von nun ab durch die Staatsgewalt zu verhindern entschlossen sei. Demgegenüber betont jetzt die Protestnote des Vatikans, daß eine solche Behinderung der Priester und Gläubiger, ihrer religiösen Ueberzeugung über die Sündhaftigkeit der Unfruchtbarmachung vor Gott Ausdruck zu geben, mit dem allerersten Prinzip des Konkordates, der Garantie der Freiheit des katholischen Bekenntnisses und der Ausübung der katholischen Religion, in stärksten Widerspruch stehe. Die Protestnote Roms an die Reichsregierung hat— noch bevor sie in Berlin Herrn Neurath zu Händen kam— ein Kommentar des v a t i k a n- o f f i- ziösen»Oservatore Romano« in die O e f f e n t 1 i c h k e i t begleitet. Es handelt sich da um einen ungewöhnlichen diplomatischen Vorgang, der mindestens aufzeigt, wie gering der Hoffnung der Kurie geworden ist, mit dem Dritten Reich überhaupt zu einer Verständigung zu gelangen. Es entspricht der politischen Uebung der Kurie und der Linie ihrer bisherigen Politik, daß dieser halbamtliche Kommentar zur Note trotzdem betont, daß der Vatikan, wenn irgend möglich zu einer Verständigung mit dem nationalsozialistischen Deutschland gelangen möchte. In diesem Kommentar wird ausdrücklich darauf verwiesen, daß schon am 10. September 1933 bei Gelegenheit des Austausches der Ratifikationsurkunden zum Konkordat, die Reichsregierung dem Helligen Stuhl ihre Bereitschaft erklärt habe, Uber die ganze noch strittige Materie möglichst bald zu einem Uebereinkommen zu gelangen. Der ausdrückliche Hinweis auf jene Zusage vom 10. September 1933 in der jetzigen Lage der Kirche zeigt auf, daß ihr nicht gerade der Kampf bis zum Aeußersten als wünschenswertes Ziel der Entwicklung vorschwebt— auch nicht in der jetzigen verschärften Kriegssituation. Dennoch ist die Note selbst, und die ungewöhnliche and auffällige Art, wie die Kurie von vornherein die allgemeine Aufmerksamkeit auf sie zu lenken versuchte, nur dadurch verständlich, daß auch die Kirche sich zu dem Eingeständnis gezwungen sieht, daß äe die wahre, durch das Dritte Reich geschaffene Lage, ja, eben auch das Wesen des Nationalsozialismus und die moralische Qualifikation seiner Repräsentanten■— die man nicht als gleichwertige Partner im internationalen Neben- und Gegeneinander einschätzen kann, ohne bittersten Erfahrungen zu unterliegen— falsch gewertet hat. Der Kommentar des»Osservatore Romano« beginnt mit der folgenden wichtigen Feststellung des offiziösen Verfassers; »Seit einiger Zeit müssen die deutschen Katholiken für die Verteidigung ihres Glaubens, der katholischen Moral und ihrer unveräußerlichen Rechte schwere Stunden durchleben. So wurde eine schmerzliche Lage geschaffen, die Im Widerspruch steht mit den öffentlichen Versicherungen des Reichskanzlers. Hat er doch bei der Machtergreifung erklärt, er wolle die katholische Kirche respektieren und die bisher abgeschlossenen Konkordate getreu einhalten. In 1 noch offenerem Widerspruch aber steht die i Lage mit dem am 20. Juli 1933 abgeschlos- 1 senen Konkordat.... Man dachte erst, daß| die verschiedenen, sich immer wihder ver-: schärfenden Uebergrlffe.... von unruhigen, den Befehlen der Regierung wenig gehorsa-! men Elementen inszeniert würden, vor allem: von jener extremen Tendenz, die unter der' immer offenkundigeren Führung de« Herrn Rosenberg steht und kein Geheimnis daraus macht, daß sie das Christentum In Deutschland durch den Kult der Rasse und ein einheimisches Heldentum ersetzen wolle. Andere glaubten wieder, daß die Regierung daran keinen Anteil habe oder wenigstens tolerant gegen diese Bestrebungen sei, sie aber nicht begünstige und inspiriere. Man konnte sich nämlich nicht vorstellen, daß man bereits j nach zwei Jahren die frei und feierlich ge- scWossfenen Bestimmungen des Konkordats verletzen könnte...« Das ist die moralische Verurteilung des Regimes und seiner Führer. Die KuHurkampfgese�c Die Antwort des Regimes auf diesen ersten diplomatischen Kanonenschuß der katholischen Kirche im deutschen Kulturkampf war, wie es dem gewalttätigen Wesen des Systems entspricht, sofort das Auffahren noch gröberen Geschützes. Bereits 24 Stunden nach der Ankündigung der Protestnote erging ein Erlaß G ö- rings an alle unterstellten preußischen Regierungsstellen, an Oberpräsidenten und Regierungspräsidenten, mit dem Sinne und der ausdrücklichen Dienstanweisung, nun endlich dem»staatsfeindlichen«, renitenten »politischen Katholizismus« mit allen Mitteln der Polizei- und SA-Gewalt den Garaus zu machen. Der preußische Erlaß wurde von allen anderen Ländern übernommen. Was darin der Hauptexekutor des braunen Terrors gegen die Haltung der Kirche und der Katholiken im einzelnen anzuführen hat— die»staatsgefährliche« Tarnung der katholischen Organisationen, die Sabotage der Rassengesetze von den katholischen Kirchenkanzeln herab, die Verunglimpfung des»Führers« durch religiöse Varianten zum Hitler-Gruß usw.— interessiert' weniger, als die überraschende Beteuerung des Urhebers, daß er freilich keinen Kulturkampf führen wolle und nicht die Kirche als solche, sondern nur den»politischen Katholizismus«. Auch Göring und seine Berater wissen, daß der Begriff des»politischen Katholizismus« kein Eigenleben führt, das man treffen könnte, ohne den ganzen Katholizismus zu treffen. Denn auch das Politische güt der katholischen Auffassung als ein Teil der göttiiehen Weltordnung, zwar sekundären Ranges, aber doch anch so, daß die Kirche es immer als eine Häresie verurteilt hat, wenn aus ihrem Lehrkreis eine solche Trennung der Politik vom Religiösen vertreten und begründet wurde. Der Totali- tätsanspruch der katholischen Glaubenswelt ist vollständiger als der des Nationalsozialismus, auf den er im deutschen Kulturkampf als seinen Gegner stößt. Im Konkordat hat der Katholizismus— das weiß auch Göring— nur der Form nach (beispielsweise die Aufgabe der Zentrums- partei und das Verbot an Geistliche, als politische Kandidaten zu fungieren und Versammlungsredner), nichtaberdem Grundsatz nach nachgegeben. Im Gegenteil, er hat sich im Konkordat gerade andere Formen katholischen Lebens und Wirkens an der Grenzlinie zwischen Politik und Glauben— eben die jetzt von den Nazis benannten— ausdrücklich bestätigen und schützen lassen. Der preußische Ministerpräsident verschleiert also die Sachlage, wenn er beteuert, keinen Kulturkampf führen zu wollen und er ist unehrlich genug zu behaupten, daß er nur auf den»politischen Katholizismus« einbauen wolle— den doch gerade sein»Führer« im Kirchenvertrag als zu Recht bestehend und als vertraglich geschützt anerkannt hat! Der Erlaß macht einen interessanten Unterschied zwischen dem höherenund dem niederen Klerus. Er versucht einen Keil in die katholische Bewegung zu treiben, indem er behauptet, daß die kirchlichen Oberen»das geschilderte Treiben« auch verurteilen, daß sie aber anscheinend»gegen gewisse Teile des Klerus machtlos« seien. Der neue Kulturkampf soll als Exekution des Willens der deutschen Bischöfe gegen die katholische Bevölkerung und den niederen Klerus aufgezogen werden! Der Göringerlaß ist inzwischen ergänzt worden durch eine Anweisung des Reichsjustizministers an sämtliche Generalstabsanwälle und Oberstaatsanwälte, in dem zur Handhabung der Strafjustiz gegen den»politischen Katholizismus« aufgefordert wird. Es wird vor allem auf den berüchtigten»Kanzel- paragrapben« aus der Bismarckschen Kulturkampfzeit verwiesen, und die Staatsanwälte werden aufgefordert, Abschreckungsstrafen zu beantragen. Und das alles kein Kulturkampf? Diese Erlässe sind genau die Wiederaufnahme der Bismarckseben Kulturkampfmethoden, und die Praxis ist heute schon terroristischer als die des historischen Kulturkampfes. Aber wie der Vatikan selbst in seiner Protestnote noch von Vereinbarungen redet, so will auch die andere Seite nicht jede Kompromißmöglichkeit mit dem hohen Klerus verschütten. Aber gerade das ist ja nur der sichtbare Ausdruck dafür, wie unbekannt beiden Gegnern das Maß der Kräfte erscheint, die in diesem Kirchenkampf, geht er weiter und nimmt er noch schärfere Formen an, beide Parteien entfesseln können. Sie brauchen darum den künstlichen Nebel als Kampfmittel. Und sie sind deshalb so zaghaft, opportunistisch im wesentlichen, weil sie wissen, daß am Ende eines Krieges, der wirklich bis ans Messer gehen müßte, der Unterliegende viel verlieren würde, der Nationalsozialismus sogar noch mehr als die Kirche. So beteuert denn auch die Demagogie Gö- rings die Friedensbereitschaft des Systems in demselben Ukas, der die Gendarme und die SS-Terroristen in die Pfarrhäuser und in die Bischofskanzleien einbrechen läßt. Aber der Krieg geht weiter. Der systemfrömmste der deutschen Bischöfe, G r ö- b e r in Freiburg, hat einen protestierenden Hirtenbrief verlesen, von allen Kanzeln wurden die Auslassungen des offiziellen Organs vorgetragen. Im Rheinland geht die katholische Bevölkerung zu deutlichen Demonstrationen über. Die Erbitterung ist groß, und sie wächst. Görings Giftpfeile gegen den niederen Klerus lassen erkennen, daß das System die katholische Volksbewegung fürchtet. Aber diese Volksbewegung ist da und lebendig, und sie treibt den Klerus vorwärts, so daß Göring nunmehr mit den Massenverhaftungen direkt in den Kirchen beginnen müßte... Der Fall De«saucr Professor Dessauer, der frühere Zentrums- politlker, als Röntgenologe weit bekannt, wirkt jetzt in Stambul. Ein Hoch- und Landesverratsprozeß, den ihm das System im Jahre 1933 angehängt hat, ist schmählich zusammengebrochen. Er ging später mit Erlaubnis der braunen Behörden nach der Türkei, aber jetzt ist sein in Deutschland befindliches Vermögen von 40.000 Mark beschlagnahmt worden, Haß und Willkür vet* folgen Ihn, well er Katholik ist. Die Fahrt In den Abgrnnd Die sdileldiende Krise im Untergrund des Systems Der deutsche Außenhandel «eigt im Juni eine neue Schrumpfung. Die Einfuhr betrug 317.9 Millionen RM. gegenüber 332 Millionen im Mai. Sie ist wertmäßig um etwas mehr als 4 Prozent gesunken: da der Durchschnittswert der Einfuhr gestiegen ist, war der Rückgang mengenmäßig noch etwas stärker. Er betraf vor allem die Einfuhr von Rohstoffen und halbfertigen Waren. Die Ausfuhr betrug im Juni 318 Millionen RM. gegenüber 337 im Mai, hat also um rund 6 Prozent abgenommen. An dem Rückgang sind mit 14.3 Millionen hauptsächlich' die Fertigwaren beteiligt. Der Export ist namentlich nach den Vereinigten Staaten, Großbritannien, Holland, Schweden, Dänemark und Belgien zurückgegangen, also gegenüber den kaufkräftigsten und wichtigsten Kunden. Dagegen entfällt der Rückgang der Einfuhr in Abweichung von der Entwicklung der letzten Zeit, vornehmlich auf außereuropäische Länder. Ein- und Ausfuhr halten sich im Juni die Waage, die Handelsbilanz ist also in diesem Monat ausgeglichen. Für das erste Halbjahr 1935 betrug die Einfuhr 2127 Millionen Reichsmärk, die Ausfuhr 1962 Millionen; das Defizit der Handelsbilanz beträgt demnach 165 Millionen. Gegenüber dem ersten Halbjahr 1934 ist die Einfuhr um 7.6 Prozent, die Ausfuhr um rund 6 Prozent zurückgegangen. Diese' andauernde Schrumpfung des deutschen Außenhandels, die zu der Entwicklung in den meisten anderen großen Industriestaaten in schärfstem Widerspruch steht, beunruhigt in steigendem Maße die deutschen Wirtschaftskreise. Dies konimt auch in dem soeben veröffentlichten Halbjahresbericht der K e i c h s k r e-■ d i t g e s e 1 1 s c h a f t, der uns bisher nur im Auszug vorliegt, sehr deutlich zum Ausdruck. Die Hebung des Außenhandels wird als Kernproblem der deutschen Wirtschaft bezeichnet,' da nur so die Kohstoff- vefsorgüng gesichert Werden könne. Ein erhöhter Lebensstandafd setze nach der gahzen GeStsOturig def" deutschen Volkswirtschaft deö Anschluß ah den Welthandel voraus. Eine Säuernde Verminderung der Einfuhrmöglichkeiten müsse dagegen, zu einem schwerwiegenden Wirtschaftsumbau führen. Der Bericht schUdert den k atastrophalen Umfang, den der Rückgang des Außenhandels angenommen hat. 1934 wurden nur noch etwa 13 Pro- zent der industriellen Nettoproduktion ausgeführt gegenüber 22 Prozent im Jahre 1933 und 40 Prozent im- Jahre 1931. Und dies, obwohl die Preise der industriellen Fertigwaren von 1932 auf 1934 um 10 bis 15 Prozent zurückgegangen sind und ein rücksichtsloses Dumping mit HUfe der Sperrmark und Scrips auf Kosten der Gläubiger in Gang gebracht wurde! Die Folge: gegenwärtig sind etwa 1% Millionen Arbeiter und Angestellte weniger für den Export beschäftigt als 1928/29. Unter Schachts neuem Plan ist seit Herbst 1934 die Einfuhr mengenmäßig noch stärker als die Preise der importierten Rohstoffe gesunken, weil Deutschland bei den Tausch- und Kompensationsgeschäften für die eingeführten Rohstoffe besondere Preiszuschläge gewähren mußte, was nichts anderes bedeutet, als daß die deutschen Fabrikanten die Rohstoffe teurer bezahlen müssen als ihre ausländischen Konkurrenten und dadurch für den Export erst recht wieder ins Hintertreffen geraten. Im ersten Quartal 1935, so fährt der Bericht fort, sind im Vergleich zum Vorjahr die Spannungen im Außenhandel nur bei Deutschland und Italien gestiegen, bei Deutschland, aber weitaus am stärksten. Deutschlands Anteil an der Weltausfuhr ist von 12.4 Prozent im Jahre 1931 aüf 9.0 Prozent im Jahre 1934 geschrumpft. Der Rückgangsanteil der Ausfuhr ist ungünstiger als in allen übrigen Welthandelsländern. Der Anteil an der Welteinfuhr ist dagegen auf 8.9(7.8) Prozent gestiegen. Aussichten auf Besserung sind nicht zu erkennen. Denn im April 1935 waren sogar nach dem unzuverlässigen amtlichen Preisindex die deutschen Großhandelspreise um 11.1 Prozent höher als vor zwei Jahren, wogegen in allen anderen Ländern, mit Ausnahme von Holland und Italien, die Preise in Gold gerechnet, stark gesunken sind, in Belgien bis zu 23.7 Prozent, in Großbritannien bis 8.5 Prozent. Bei einem Vergleich der internationalen Großhandelsindices auf Goldbasis ist Deutschland mit 10 0.8(1913= 10 0) weitaus das teuerste Land, während an zweiter Stelle die Schweiz mit 88.0 kommt. Japan hat seinen Goldindex sogar auf 46.5 gesenkt. Etwas günstiger liegt es bei dem Lcbenshaltungsindex. Er beträgt für Deutschland 122.3 und wird nur von demjenigen der Niederlande mit 136.7 und der Schweiz mit 127.0 übertroffen, wobei allerdings all diese Indexvergleiche nur mit Vorbehalten angenommen werden können. Die Spannung zwischen der Entwicklung des Außenhandels und der der Inlandsproduktion ist aber nicht die einzige, die der Bericht der Reichskreditgesellschaft hervorhebt. Er weist vielmehr mit großem Nachdruck auf die von uns wiederholt betonte D i s k r e- i panz zwischen der Entwicklung der Produktionsmittel- erzeugungundderVerbrauchs- g ü t e r hin. Im Februar 1935 hat der Index der Produktionsgütererzeugung erstmalig mit 86.1(im Vorjahr 69.6) den Index der Verbrauchsgüterproduktion von 85.7 (88.0) überschritten(1928= 100). Diese gegensätzliche Entwicklung hat sich seither fortgesetzt, indem der.Produktionsgüterindex bis April auf 98.8 gestiegen, dagegen der Verbrauchsgüterindex auf 84.2 gesunken ist. Die Steigerung der deutschen Produktionsmittelerzeugung über 130 Prozent in den letzten zwei Jahren ist aber fast ausschließlich auf öffentliche Aufträge zurückzuführen. Für Privatgesprächen geben sie ihrem Zorn über die Zwangsabzüge, über den persönlichen Luxus vieler Naziführer und über das völlige Fehlen jeder Rechnungsablegung seitens öffentlicher oder halböffentlicher Stellen Ausdruck. Infolge der Verheimlichung der Finanzierungsmethoden für Aufrüstung und»Arbeitsbeschaffung«, was beides dasselbe bedeutet, läßt sich der Anteil der Finanzpolitik an der Abnahme des individuellen Wohlstands schwer abschätzen. Es gibt keine offene Währungsinflation. Die ausgedehnte, halb geheime Kreditinflation der letzten zwei Jahre ist nicht von einer solchen Vermehrung der Geldmenge begleitet gewesen, als daß sie die Steigerung der Lebenshaltungskosten erklären könnte. Es braucht natürlich keine Währungsinflation zu entstehen, so lange als die Besitzer der Wechsel gezwungen sind, an diesem Besitz festzuhalten, infolge der künstlich herbeigeführten Erschwerung, solidere Anlagen zu erwer- I ben. Aber es scheint, daß die Banknoten und j Münzen, deren Summe gegenwärtig 5800 Millionen gegen 5600 im Vorjahr beträgt, eine viel größere U m 1 a u f s g e s c h w i n- d i g k e 1 1 aufweisen. Auch die Reichskreditgesellschaft nimmt eine wesentliche Erhöhung der Umlaufsgeschwindigkeit an. Die andauermie Haussebewegung der Aktien ohne Rücksicht auf die sehr niedrigen oder überhaupt nicht vorhandenen Dividenden, deutet ebenfalls auf eine zunehmende innere Entwertung der Reichsmark hin. Diese Entwertung mag in einem gewissen Zusammenhang mit der neuen Verschlechterung der Lage der arbeitenden Klassen stehen; aber die letzte Ursache ist die Beschlagnahme einesdauernd wachsenden Anteils des Einkommens aus produktiver Arbeit für Rüstungszwecke und Kapitalgüter durch die Regierung. In dieser Hinsicht liegen die Verhältnisse ganz ähnlich wie in Rußland.« Wir haben diese Kritik deswegen so ausführlich zitiert, weil sie das Künstliche und Verkrampfte der deutschen Wirtschaftsentwicklung und zugleich die Gefahren eines künftigen Zusammenbruchs so deutlich aufzeigt. Aber der nationalsozialistischen Diktatur kann diese Erkenntnis nichts nützen. Ihre Finanzierungsmethoden sind die einzigen, die ihr erlauben, das Tempo der Aufrüstung beizubehalten. Es zu verlangsamen oder einzustellen, bedeutete im Inneren das Ende der Staatskonjunktur und Massenarbeitslosigkeit, nach außen die Beugung unter den Friedenswillen ihrer Gegner. Deshalb wird die Fahrt dem Abgrund.zu weitergehen, so lange nicht stärkere Mächte den nationalsozialistischen Lenkern in die Zügel fallen. D r. R i c h a r d Kern. Lockerung der KartelKesseln? Die Exportförderungsumlage ist den Unternehmern sehr gegen ihren Willen aufgezwungen worden. Damit es ihnen leichter gemacht werde, die auferlegte Bürde zu tragen, wird ihnen gleichzeitig eine Entlastung zuteil. Das geschieht durch das Gesetz vom 28. Juni 1935 über Erhebung ihre Weiterführung sollen noch etwa an- von Umlagen in der gewerblichen Wirt- (Autobahnen, derthalb MUliarden RM. Notstandsarbeiten, laufende Etataufträge) zur Verfügung stehen. Hier wird der Bericht wertlos, denn über die entscheidende Höhe der Rüstungsausgaben und über Höhe der bis jetzt wirklich gegebenen Wechsel dürfen ja keine Angaben gemacht werden. Der Bericht muß sich mit dem schüchternen Hinweis .darauf begnügen, daß dem weiteren Einsatz öffentlicher Zwischenkredite, wie er die Wechselreiterei des Reiches schamhaft nennt, eine Grenze gesetzt ist. Weniger zurückhaltend und gleichfalls in völliger Uebereinstimmung mit der Kritik, die an dieser Stelle geübt worden ist, urteilt der»Economist« vom 13. Juli über die deutsche Wirtschaftslage: »Die ökonomischen Bedingungen haben sich in letzter Zeit verbessert. Die wirtschaftliche Belebung, die unter der Papen-Regie- rung 1932 eingesetzt hat, dauert zwar noch an, wird aber heute nur durch die Aufrüstung in Gang gehalten. Die unmittelbare Wirkung besteht darin, die Beschäftigung in einer kleinen Anzahl wichtiger Industrien zu vermehren. Aber diese Zunahme scheint auf Kosten anderer Industrien zu gehen. Die Berichte aus den Konsummittelindustrien lauten ungünstig und die frühere rasche Zunahme der Einzelhandelsumsätze ist zum völligen Stillstand gekommen. Eis scheint, daß die Summe des Nationaleinkommens, die für private Ausgaben zur Verfügung steht, stark abgenommen hat. Für das erste Quartäl 1935 wird eine Abnahme des Arbeitseinkommens auch offiziell zugestanden, aber zum Teil mit Recht Saisoneinflüssen zugeschrieben. Die Angaben über das Arbeitseinkommen zeigen im übrigen, was der Unternehmer zahlt, nicht aber was den Arbeiter und Angestellten nach den zahllosen Zwangsabgaben für staatliche und Parteizwecke übrig bleibt. Zugleich mit der Abnahme der Nominallöhne ist ein starker Anstieg der Lebenshaltungskosten erfolgt, so daß der Reallohn viel stärker abgenommen hat als der Nominallohn. Der offizielle Lebenshaltungsindex, der vom Januar bis Juni nur eine Steigerung von 122,4 auf 123,0 anzeigt, ist völlig irreführend. Es ist natürlich nicht möglich, sich den richtigen Index zu verschaffen: aber es ist gewiß, daß die Lebenshaltungskosten für einen mittleren Haushalt in diesem Jahre lim 10 Prozent und seit dem Beginn der Naziregierung um 20 Prozent gestiegen sind, trotz gleichbleibender Mieten. Die Preise für Fleisch aber auch für andere Lebensbedürfnisse zweiter Ordnung haben jüngst wieder stark angezogen. Ohne Zweifel sind die Handarbeiter sehr schwer getroffen, und in schaft. Ueber den Sinn dieser Ermächtigimg an die unter Schachts Kommando stehende Reichswirtschaftskammer belehrt uns der Herrn Schacht nahestehende»Deutsche Volkswirt«."Er rühmt sich, bereits Mitte Mai zuerst,»gestützt auf exaktes Material die Herabsetzung der vielfach zu hohen Beiträge in der gewerblichen Wirtschaft verlangt« zu haben. Es handelt sfeh also darum, daß der ziemlich hohe Tribut, den das Unternehmertum zur Erhaltung des noch unvollendeten Riesengerüstes von Schachts»organischem Aufbau der gewerblichen Wirtschaft« zu entrichten hat, herabgesetzt werden soll. Das bezieht sich aber nicht nur auf diese Zwangsorganisation, sondern auch' auf die privaten Kartellverbände. Zum ersten Male wird die Ermächtigung allerdings auf einen Geschäftszweig angewendet, der bestimmt nichts mit der Ausfuhr zu tun hat, auf den Einzelhandel. Der bisher in Aussicht genommene und vielfach bereits bezahlte Beitragssatz betrug 0.75 je tausend vom Jahresumsatz. Er wird jetzt je nach der Größe des Umsatzes auf 0.3 bis 0.45, also auf ungefähr die Hälfte gesenkt. Gleichzeitig mit dem Erlaß des Reichsgesetzes hat das Wirtschaftsministerium den Kartellverbänden des Einzelhandels sparsamste Finanzgebarung ans Herz gelegt und sich deren Prüfung im einzelnen vorbehalten. Nach den Informationen des»Deutschen Volkswirts« bestehen auch für andere Gruppen konkrete Pläne und Absichten auf Beitragssenkungen. Man muß sich fragen: wenn die Beiträge nicht da und dort, sondern im allgemeinen zu hoch sind, und zwar um nicht weniger als 100 Prozent, warum werden sie nicht allgemein abgebaut, warum beschränkt man sich zunächst auf den Einzelhandel, der Kartellpreise nicht nur empfängt, sondern vor allem selbst bezahlen muß? Warum wird das schwächste, weil letzte Glied in der Kette des Handels, zuerst angepackt? Vor die Entscheidung gestellt, entweder die Aufrüstung oder die Teuerung abzubauen, wählt Herr Schacht das Letzte. Der Einzelhandel soll die Kosten dafür tragen, daß der Lohnabbau, mit dem die Industrie für das»Opfer« der Exportförderung schadlos gehalten werden soll, nicht durch Verteuerung des Massenverbrauchs gestört wird. Daß die Teuerung der Lebensmittel nicht vom Einzelhandel kommt, sondern von der gigantischen Ueberorganisation des Reichsnährstandes verursacht wird, ist selbstverständlich auch Schacht bekannt. Der»Deutsche Volkswirt« schreibt: »Schließlich beschränkt sich das Beitragsproblem unter den großen Gesichtspunkten, unter denen wir es hier angeschnitten haben, nicht auf die gewerbliche Wirtschaft.« Damit, ist Herr Darrä gemeint, vorläufig ist er aber noch eine Macht, die man wohl meinen, aber nicht, nennen, schon gar nicht benennen darf. Gerade deshalb soll der Einzelhandel gezwungen werden, die Kosten von Darrös mit Nazisinekuren reichsversehenen Zwangswirtschaftsapparat tragen zu helfen. Der Abbau- der Beiträge muß die Einschränkung des Tätigkettsbe- reichs der Einzelhandelsverbän- d e nach sich ziehen. Er soll' also als indirekter Zwang zur Lockerung der kartellmäßigen Bindungen, wirken, per Einzelhandel soll vom veebandsmäßigen. Zusammenschluß ab- und a u f d e n W e g,, y e rs c h.ä rften Kon-, k u r r en z k a n�p fes hingedrängt werdein Deshalb hat man gleichzeitig mit der Regelung' ihrer Kosten eine strenge Abgrenzung der Funktionen der staatlichen Zwangs- organisatiöhen vorgenommen. Nach dem bestehenden Gesetz ist den Gruppen des gewerblichen Aufbaues nur die Befassung mit wirt- schaftspolHi sehen Fragen erlaubt, aber Markt-' und Preisregulierungen untersagt. Damit soll verhütet werden, daß die Fachorganisationen sich die Fünktion von Kartellen zulegen. deren Preisbindungen alle Mitglieder der Branche zwangsläufig unterworfen wären, weil jedes Mitglied der Branche kraft Gesetzes Mitglied seiner Fachorganisation sein muß. Jetzt wird diese Bestimmung noch verschärft und verordnet, daß die Verbände des Handels, die bisher überwiegend eine markt- und preisregelnde Tätigkeit ausübten, nicht in ihre Fachgruppe überführt werden, sich der wirtschaftspolitischen Betätigung zu enthalten und auf die Marktregelung zu beschränken haben. Damit wird verhindert, daß die Kartelle ihres privaten auf FYeiwillfgkeit beruhenden Charakters beraubt werden. Dem Einzelhandel bleibt, wenn er den Konkurrenzkampf unterbinden will, nur noch der Weg der privaten Vereinbarung. Eis ist bis Hitler so gut wde unmöglich gewesen, gerade die Unternehmungen des Einzelhandels unter einen Kartellhut zu bringen. Möglich geworden ist das erst unter dem polltischen Druck der kleineren und mittleren Händler, die tn den ersten Wochen des Dritten Reiches das Heft der Wirtschaftspolitik zeitweilig in der Hand hatten. Wenn jetzt der behördliche Druck ins Gegenteil umschlägt und der Einzelhandel in bezug auf die Marktregelung seinem Schicksal überlassen werden soll, so bedeutet das, daß die kartellmäßigen Bindungen liquidiert werden, die ohne politischen Druck nicht zustandegekommen sein würden. Die Errungenschaften, die die»nationale Revolution« dem mittelständischen Handel gebracht hat, werden also abgebaut. Schon daß man beim Einzelhandel einsetzt, zeigt, daß der Preisabbau, den Herr Schacht vorhat und der das Umschlagen der öffentlichen Schuldenwirtschaft in die offene Inflation verhindern soll, von den Kleinen bezahlt werden und zur Stärkung des groß- industriellen Monopolkapitals führen soll, von dessen gutem Willen es schließlich abhängt, wie aufgerüstet wird und in welchem Tempo. G. A. Frey. Nr. III BEILAGE Itelorrafofe 28. Juli 1935 Die Angstbasis des Systems wahre Gesinnung der Be» herrschten besitzen. Umso stärker fordern sie Autorität. Sie sehen sich gezwungen, ihre Position aus Furcht um die Erhaltung dieser Autorität mit allen Mitteln zu verteidigen. Sie stellen Kritik unter Strafe und bestimmen durch Dekret, daß sie immer und überall recht haben. Aus der Autorität wird die Diktatur. Nicht von ungefähr wird die Uniform Mittel und Selbstzweck zugleich. Sie ist ein Teil dcr braunen Ueberkompensierung, dazu bestimmt, den Angstkomplex in der eigenen Brust durch prallen Sitz und bunte Auszeichnung vor den Nebenmännern zu verdrängen und zugleich in den Besiegten Furcht zu erzeugen. Damit sind wir schon im Bereich der Individualpsychologie. Künftigen Forschern mag es vorbehalten bleiben, die Reden Hitlers, Görings, Göbbels und der Führer zweiten Grades, die den 30. Juni 1934 überlebten, nach den erfolgreichen Methoden ihrer Wissenschaft zu erforschen. Schon der Laie kann manchmal erkennen, welch kühne Geste, welch heftiges Drohwort von jenem würgenden Gefühl diktiert wurde, das durch lauten Appell an den eigenen Mut so gerne beschwichtigt werden will. Es ist kein produktiver Mut, sondern die Draperie der Schwäche, Be- rauschtheit für die Stunde mit angstvoll schwelender Unterdrückung der Gedanken an die kommende große Verantwortung und Abrechnung. Selbst die raffinierten Werbemittel des Dritten Reiches reichen nicht mehr aus, das Unterbewußtsein der braunen Despoten verstummen zu machen. Sie herrschen durch die Angst, weil sie selber unerträglich von ihnen Besitz ergriffen hat. Sie stacheln die Judenhetze an, um sich einen Fluchtweg zu bahnen. Sie steigern den Kampf gegen; den Katholizismus, um den Massen»Schul-' dige« zu präsentieren. Das letzte in-- nerlicfae Verbindungsglied zur Masse wird— die Furcht vör demChaos. *** Welch ein Zeugnis für den Todfeind der braunen Diktatur, die Idee der politischen Freiheit! Es kann unter ihr Zeiten geben und es hat solche gegeben, wo die Bewegungsfreiheit der Wahrheit und der Gesinnung Hemmungen durchkämpfen mußte. Aber jene Solidarität von Macht und Angst ist unter ihr unmöglich, denn sie will die Menschen nicht beherrschen, sondern mitbeteiligen. Diejenigen, die unter den Enttäuschungen der vergangenen Jahre und der Krise der parlamentarischen Demokratie die Auffassung vertreten, daß das Bekenntnis zur politischen Freiheit nur noch im Reiche der Träume und Gesänge lebe, sind in einem schweren Irrtum befangen. Im Bunde mit der sozialen Neuordnung und der kulturellen Höherführung der Gesellschaft ist sie die g e s c h i c h t s b i 1 d e n- de Kraft der Zukunft. Sie wird in revolutionären Entscheidungen den Glauben und den Willen kämpferischer Menschen für sich gewinnen. Andreas Howald. Kinder als Kteklamepnppen Sieben Wochen auf der Landstraße— wozu? Man hat seit langem den Eindruck, daß die nationalsozialistiscben sogenannten Jugendführer sowohl Schule wie Elternhaus, sowohl Lehrstelle wie höhere Lehranstalt als unangenehme Ueberbleiboel verwerflicher liberalistischer Zeiten empfinden. Am liebsten möchten sie den Rechzehnjährigen die Knarre in die Hand drücken und sie gegen irgendeinen Feind, gleich gegen welchen, marschieren lassen oder sie, wenn das schon nicht möglich ist, wenigstens in ein nie endendes Landsknechts- und Lagerleben überführen. Soeben bietet sich wieder Gelegenheit, dieses Streben unter Beweis zu stellen, und sie greifen mit beiden Händen zu, die»Jugendführer«. Diesmal muß der Parteitag in Nürnberg als Vorwand dienen, um hunderte von jungen Menschen viele Wochen lang ihrer Arbeit zu entreißen und sie zu Reklamezweckon auf Die Sdmldigen auf dem Fluchtwege vor dem Chaos »Ich bin einmal so tief in Blut gestiegen, Daß, wollt Ich nun im Waten stille stehn, Rückkehr so schwierig wär, als durch- zugehn. Und muß getan sein, eh noch recht erkannt.« Macbeth. Es gibt neuerdings Bilder von Hitler, die stark von dem bisherigen Postkartenidol verschwärmter Nazinnen abweichen. Das Gesicht erscheint abgemagert, die Linien schärfer, über allem liegt ein nahezu trostloser Ausdruck— mit unendlichen Deutungsmöglichkeiten für jeden, der sich etwas auf menschliche Physiognomie versteht. Seine Freunde und Lobredner sagen, daß sich hier die unermüdliche Sorge um das Schicksal des deutschen Volkes widerspiegele, dem der Führer seine Arbeit und sein Leben gewidmet habe; er leide aufs tiefste mit seinem Lande. Wir sind weniger davon überzeugt. Wir erinnern uns, einen solchen Gesichtsausdruck bei Menschen gesehen zu haben, die die Charakterstruktur einer anhaltenden persönlichen Angst durch gequält gefaßte Haltung zu überkompensieren versuchten. Hinter dieser Fassade steht die Anklage von zweieinhalb Jahren, die Bangigkeit des Schuldigen und des Schwachen. In sie sind die Erinnerungen an die Kameradenmorde eingezeichnet, denen in harter Konsequenz der Dinge wohl eines Tages neue zu folgen haben. Hier hat ein Unzulänglicher willcnsmäßig Kräfte mit untragbaren Verantwortungen aus sich herausgepreßt. Ein Gefürchteter, der von Furcht gepeinigt ist, im tiefsten freudlos und glaubenslos mit»arteigener Weltanschauung«, die den Raub an Leben, Freiheit und Menschentum, vollzogen an Millionen, im Rhythmus der Stiefel adelt. schafft sich das gleiche System durch ein durchgebüdetes Netz von Bespitzelung seine Rückversicherung. Jeder hat Angst vor dem werten Kollegen. Auch wenn er hin und wieder eine gewisse geistige Unabhängigkeit zur Schau trägt, so ist er doch als Funktionär des»totalen« Staates undurchschaubar. An den Universitäten wie an den Schulen wird das Verhältnis zwischen Lehrern und Lernenden durch den vorgeschriebenen Mangel an Wahrhaftigkeit des Lehrstoffes und der geistigen Erkenntnisse verfälscht. Jedes Wort außerhalb der vorgeschriebenen Gesinnung droht mit Amtsenthebung und Konzentrationslager. Wäre diese Angst nicht mit soviel Feigheit Petterson der Gerichtshof zur Beratung zuriiek. Einer wagt, seine. menschliche Hochachtung vor der Gesinnung und demVerhalten der Angeklagten zu bekunden, mit leichter Auflehnung gegen den zwingenden Charakter der Gesetze über die»Verbrechen wider Volk und Staat.« Ein zweiter stimmt mit ein, auch der dritte, aber gleich versickert das Gespräch, weil der vierte Kollege X. ebenso stumm und verschlossen bleibt wie der Vorsitzende. Eine stockende Angstpause schwebt beklemmend über den Richtertisch. Fünf Minuten .später wird ein hartes Zuchthausurteil verkündet, ohne daß die Begründung auch nur ein Wort des Verständnisses und der Bendel Die Depressionen des Führers entsprechen der Charakterkrise, von der e'n großer Teil des deutschen Volkes erfaßt worden ist Die Sotaalpeychologen hatten solche Massenkrisen bisher überwiegend unter sozialen Aspekten gesehen. Die Menschen im Strudel der gesellschaftlichen Unsicherheit, im Kampf um den Arbeitsplatz und um den Anteü an der materiellen und kulturellen Existenz: das gab unaufhörlich individuelle und gesellschaftliche Tiefenwirkungen. Sie enthielten ein großes Stück der Problematik der Arbeiterbewegung, die zwischen Massenbegriff und der Vielfalt seelischer Reaktionen der einzelnen nicht immer zu ganz sicheren Erkenntnissen kam. Aber die Charakterkrize in Hitler- Deutschland geht weit über diese Bezirke hinaus. Sic beruht auf der Tatsache, daß das Regime, je mehr es seine politische Maasenbasis gefährdet sieht, sich immer deutlicher auf die psychologische Angstbasis flüchtet. Sie war das entscheidende Hilfsmittel der braunen Machtergreifung, denn sie hielt sich an das Primitivste im Menschen, an die Sorge um Brot und Amt. Sie vernichtete die Würde der Gesinnung durch den Hinweis auf den Kerker. Sie machte die Menschen wieder niedrig in Furcht vor einer Gefahr mit unübersehbaren Folgen, in deren Schatten sich die höheren Werte wenigstens für eine Weile gewalttätig unterdrücken lassen. Es gibt eine Stufenleiter des Furchtkomplexes, die für jeden deutlich erkennbar ist. Sie beginnt unten am Fuße der sozialen Pyramide des Dritten Reiches. Unter Ausschaltung jeder Sclbstvcrant- Wortlichkcit wird Subordination von der Gefolgschaft in den Betrieben und vom SA-Mann verlangt. Das System der Bedrohung, beginnend beim Betriebsappell bis zum kommandierten Antreten bei Kundgebungen, stützt sich ohne Verhül- lung auf die Angst vor den Folgen des Nichterscheinens. Diese Angst ist das natürliche Machtmittel der Zwangsorganisation, da sie ihren Zusammenhalt nur durch den Appell an persönliche Nachteile im Falle der Weigerung erzielt. Die offene militärische Disziplinierung der braunen und schwarzen Formationen wird mit denselben Motiven erreicht. An den Schulen, an den Universitäten, an den Gerichten bis zur Verwaltungsbürokratic aller Grade ver- und Selbstentwürdigung gepaart; man könnte Mitgefühl haben mit menschlich tragischen Erscheinungen, deren materielles und geistiges Dasein auf dem Bekenntnis zur Lüge basiert Nicht nur das! Sie müssen im Zwange der gleichen Angst die Lüge noch mit einer Theorie begründen, obwohl sie deren Unproduktivität und Brüchigkeit bis auf den Grund durchschauen. *** Eine kleine Episode aus einer westdeutschen Großstadt für die wir uns verbürgen dürfen. Vor einem Gerichtshof, der zum größten Teil aus älteren katholischen Richtern besteht, mit langjähriger Praxis aus der Zeit von Weimar und vorher, groß geworden in tolerierender weltanschaulicher Haltung und in Achtung der Rechte des Angeklagten, stehen einige junge illegale Kämpfer. Nach einer heftigen Anklagerede des Staatsanwalts, der seinerseits ebenfalls einer alten katholischen Richterfamilic entstammt, zieht sich Achtung für die tapferen Angeklagten erkennen läßt. In unzähligen Amtsstuben, Schulkollegien und Universitätssenaten wiederholt sich ähnliches. Manchmal bohrender Haß gegen diejenigen, die Bekenntnisse gegen das eigene Wissen und Gewissen erzwingen, viel häufiger einfaches Sichtreibcn- lassen auf den Wellen der über die Karriere entscheidenden Macht, vor allem aber Angst um sich selbst und vor dem Kollegen: das ist das Antlitz des Dritten Reiches. ««* Aber es gibt auf dieser Bahn einen Akt der ausgleichenden Gerechtigkeit. Vom Angstkomplex sind nicht nur die Beherrschten, sondern auch die Herrschenden betroffen. Sie fürchten nicht nur den Ranghöheren und Mächtigeren, sondern zugleich auch die unwägbaren und undurchschaubaren Kräfte des unterworfenen Volkes— weil die Herrschenden keinen Gr admesser für die den Tandstraßen umhemBserpet». Die cteut- sctMa Zeitungen melden'; ">Zmn Reichspartdtag yoranstaltet in fÜosem Jahr die Hitlerjugend einen großen Bekenntnis- und Propagandamarsch durch ganz Deutschland, der die Einheit der gesamten deutschen Jugend und den-�Lei- stungswillen de»», jungen Generation eindrucksvoll bezeugen soll: den Adolf-Hitler- Marsch. Aus allen Gebieten der HJ marschieren Marscheinheiten mit sämtlichen Bannfahnen auf vorgeschriebener Marschstrecke nach Nürnberg.« Die Marscheinheiten, so wird weiter mitgeteilt, bestehen aus 50 bis 100 Hitlerjungen. Im ganzen werden etwa 1500 Kinder unterwegs sein. »Die Fahnenabordnungen der Gebiete marschleren in voller Ausrüstung. Die Jungen tragen den großen Sacamerdlenstanzug mit Tornister, Decke, Zeltbahn, Mantel und Brotbeutel. Jede. Einheit führt einen Bagagewagen mit, in dem außer dem Dauerproviant für die anhängende Feldküche eine Tragbahre untergebracht ist. Die Einheit hat außerdem ein Motorrad mit Beiwagen zur Verfügung. Falls keine festen Nachtlager bezogen werden, baut die Einheit Zeltlager auf.« Wie lange dauert ein solcher Marsch? Das hängt natürlich von der Entfernung bis Nürnberg ab. Tatsache ist jedenfalls, daß »Gebiet Ostland«, wie die Preußische Zeitimg bekannt gibt, seine Fahnenaborclnung bereits am 20. Juli In Königsberg zum Abmarach versammelt hat. Der Parteitag beginnt am 10. September. Die Burschen werden also gute sieben Wochen unterwegs sein. Rechnet man die Dauer des Parteitage« und die Rückfahrt hinzu, so kommen rund neun Wochen zusammen. Und wozu dienen diese neun Wochen? Erholung? Gepäckmärsche sind für Erholungsbedürftige nicht gerade das Geeignete. Stählung des Willens? Der Wille wird beim Ausharren an der Arbeitsstätte besser gestählt als auf der Landstraße— und gerade dfese Art-der' WillbnaBtählung, die im fortdauernd en Arbeiten Hegt, machen die braunen Jugendführer durch ihr gewissenloses Ablenkungsverfahren immer wieder unmöglich. Körperliche Abhärtung? Für die wird während des ganzen Jahres wahrlich genug getan. Ncih, man hat bei der Anordnung des Sie benwoche nrennens überHhupt nicht an die Kinder gedacht, man nannte Ja das ganze auch nicht»Jugend- c, sondern ehrlicherweise» Propagandamarsch«. Die Halbwüchsigen dienen einfach als Reklamepuppe«, als Figurinen im braunen Spektakelspiel. Die Filmoperateure brauchen neue Sujets, die Redner neue Stichworte, die Schreiber neue Themen, die braunen Menageriebeaitzer neue Schauobjekte— darum werden 1% tausend Kinder wie eine Hammelherde durchs Land getrieben. Heute nach Nürnberg, morgen vielleicht mit derselben Kaltblütigkeit in den sogenannten Heldentot. Dit fflififätisiftUHti fafilfä Christus ist zu international Der Nationalsozialismus begnügt sich nicht damit, nur auf dem Erdball zu herrschen, selbst den Himmel will er gleichschalten. Er muß es wohl tun, sonst könnten zu viele auf den Gedanken kommen, daß es am besten wäre, zu sterben und im Himmel seine Ruhe zu haben. Es Ist nichts mit dieser Ruhe! Auch Gott wird mit geladener Pistole gezwungen, sich das Hakenkreuz anzuheften. Bcmerkenswer- terwelse sind sich in dieser Frage sogar sonst sehr gegnerische Nationalisten weitgehend und Zumindestens in der Verneinung der alten Götter einig, wenn die Helden unter sich auch einen heftigen Götterkrieg führen. Ludendorff z. B. ist ein ganz konsequenter Wo- tanlst, ohne jedoch Nationalsozialist zu sein, und in Japan gibt es heftige Strömungen gegen das Christentum, obwohl Japan nicht nationalsozialistisch ist. Interessanterweise sind die Argumente gegen das Christentum in Japan die gleichen wie In Deutschland. Die Regierung Japans hat vor etwa einem Jahr die christlichen Organisationen aufgefordert, die Lehre Christus zu japanisieren, und vor allem sind die Friedensredereien nicht tragbar. Was sich also in Deutschland mit den »Deutschen Christen«, dem Kompromißversuch zwischen Christentum und Nationalsozialismus vollzieht, findet bei den Japanern, den»Preußen des Ostens«, eine Parallele. Christus ist zu international, die Kirche ist trotz allem noch zu pazifistisch, es ist ein Dilemma, wenn jedes Land mit denselben Gott in den Krieg zieht, alle den gleichen Erlöser anbeten und sich dennoch den Schädel einschlagen. Sieg und Niederlage sind bekanntlich immer Gottes Wille, und der jeweils geschlagene Feldherr muß sich damit abfinden, die Schlacht auf Bauern, Bonzen und— Doktoren Mit dem sogenannten Vollstreckungsschutz, mit dem bereits in den ersten Notverordnungen Brünings leichtfertig genug gespielt wurde, begann das Dritte Reich seine Gottes höhere Weisung hin verloren Für den geschichtemachenden Menschen, so klagt Ludendorff, bleibt da kein Raum mehr. Daß die Soldaten der sich bekämpfenden Staaten Im Weltkriege fast alle den gleichen Gott anriefen, war eine schwere psychologische Belastung, was daraus am Ende werden kann, hat der Gran-Chaco-Krieg offenbart. Die Soldaten beider Fronten hatten dort mitten im Kampfe ihren Posten verlassen, um gemeinsam an einer kirchlichen Feier teilzunehmen. Der Wotanist Ludendorff hat dies zum Anlaß genommen, um auf den Volksverrat der Kirche hinzuweisen und seinen arteigenen Gottesglauben zu propagieren. Er schrieb in seiner Zeitschrift u. a.: »Mit diesem kleinen Ereignis war blitzartig beleuchtet, wie gefährlich das Christentum mit seinen Lehren bei einem Kampf unter Gläubigen gleicher christlicher Konfessionen den heiligen Pflichten der Volks- erfaaltung sein kann. Die orf reute Berichterstattung der christlichen Presse über diese katholische Frömmigkeit der Soldaten aber hatte aller Welt enthüllt, wie hoch die Kirche diesen Volksverrat um kirchlicher Pflichten willen, einzuschätzen weiß.« Dementsprechend sagte Ludendorff ja auch, seine geistigen Ziele seien der Ausfluß seines Feldherrentums. In der Tat sind sie— hier wie dort— ein wichtiger Bestandteil der totalen Mobilmachung, und der Deutsche Gottesglaube würde zweifellos auch die Förderung der Wehrmacht erfahren, wenn dadurch nicht die Reichseinheit bedroht wäre. Wenn nun in Deutschland die nationalen Feiertage vor den christlichen rangieren sollen, so weist das darauf hin, daß der Nationalsozialismus den Himmel auch schon weit- gehend gleichgeschaltet hat. Der internationale Katholizismus, ja selbst der Protestanus können nicht so national sein, wie der Nationalsozialismus es sich zum Ziel gesetzt hat. Die Deutschen sollen nicht nur deutsche Autos kaufen und deutsche Bananen essen, sie sollen auch deutsche Götzen anbeten. Es lebe die totale Autarkie, hoch Wotan! Die totale Mobilmachung gerät in Widerspruch mit dem Christentum, das seinem ganzen Wesen und seiner Lehre nach niemals das Rasseprinzip des Nationalsozialismus anerkennen kann. In Italien, wo der Faschismus keine Rassemystik und keinen Antisemitismus kennt, waren diese Probleme nicht vorhanden, obgleich es zwischen Katholizismus und Faschismus auch heftige Machtkämpfe gegeben hat. Der päpstliche Staatssekretär Kardinal Pacelll hat kürzlich gesagt, man»müsse dem Vaterland wie einer gellebten Mutter und nicht wie einem gefürchteten Götzen ergeben sein. Eine Vaterlandsliebe, die das Vaterland zu einem barbarischen und nach Tyrannei und Blut dürstenden Götzen macht, ist falsch. Möge Gott alle Länder vor dieser Geißel bewahren.« Für den deutschen Chauvinisten ist das schon Volksverrat und Internationalismus. Das ist wohl der entscheidende Hintergrund der deutschen Christus-Krise. Mit den Versuchen, ein Kompromiß zwischen Christuskreuz und Hakenkreuz herzustellen, ist es schlecht bestellt, man kehrt entweder zum hakenkreuzfreien Christus zurück oder überwindet Ihn ganz durch den arteigenen Gottesglauben. Wotan, sehr erfreut über seine Karriere, läßt sich viel leichter verbiegen und militarisieren. Hier merkt auch niemand die Verunstaltung, weil dieser alte Gcrmanen- papa überhaupt keine Photographie von sich hinterlassen hat;— dieser schlaue Fuchs. Protektionswirtschaft für das platte Land, indem es jenen nicht ganz und frisch übernahm, sondern aus ihm auch noch die geringen Kautelen herausbrach, welche die Brüning- Verordnung gegen einen zu befürchtenden Mißbrauch durch den allseitig animierten bäuerlichen Egoismus und zum Schutze anderer Bevölkerungsschichten immerhin noch vorsah. Die psychologischen Wirkungen blieben nicht aus. Einen beinahe komisch wirkenden Gegenwartsbeitrag zu diesem Thema liefert die folgende Mitteilung in der ärztlichen Fachpresse Deutschlands: »Der Hauptabteilungsleiter im Reichsnährstand, Staatsrat R e i n k e, hat an die Bezirks- und KreisbauernfUhrcr folgende Verordnung erlassen: Der Reichs- führer der Deutschen Aerzte- schaft ist an den Reichsnährstand mit der Bitte herangetreten, auf die Bauernschaft einzuwirken, die Aerzte-Honorare zu bezahlen, da in einigen Fällen(Na, na! D. R.) die Begleichung der Arztrechnungen mit dem Hinweis auf den Vollstrek- kungsschutz abgelehnt wurde. Der Reichsführer hat andererseits von sich aus die Aerzteschaft verpflichtet, bei der Bemessung der Honorare auf die Notlage der Bauern Rücksicht zu nehmen. Eis ist mit der Standeschre eines Bauern nicht zu vereinbaren, die Bezahlung einer Arztrechnung zu verweigern. Schließlich bemüht sich die Aerzteschaft um das höchste Gut des Menschen, um seine Gesundheit. Ich darf der Erwartung Ausdruck geben, daß alle Krels- und Orts bauemführer' darauf hinwirken, daß dem berechtigten Wunsch der Aerzteschaft seitens der Bauern und Landwirte Rechnung getragen wird.« Ob es für jene ominösen»einige Fälle«, wenn es wirkliph nur einige wären, eines solchen wahrhaft pathetischen Ukascs bedurft hätte? Uns dünkt— und alle Nachrichten aus Deutschland sprechen dafür—, daß eben das platte Land nunmehr denkt, daß es unter den Nazis fein heraus ist mit seinen Vorzugsgerechtsamen! Und das nicht nur dem vergeblich auf sein Honorar wartenden Doktor gegenüber. Denn da wäre doch auch etwa der Dachdecker, der das Scheu- nendach seines bäuerlichen Kunden mit Material, das er ausgelegt hat, versehen, der Pumpenmacher, der ihm die Pumpe repariert hat, vielleicht sogar auch der Dorfbarbicr oder der Wirt dos Dorfkruges mit ähnlichen genau so berechtigten Ansprüchen, wie der Herr Sanitätsrat ihn hat. Freilich alle diese »einfachen« Leute haben nicht gerade einen einflußreichen»Rcicfasfuhrer« als Eintreibcr unbezahlter Rechnungen hinter sich.., Der Vollstreckungsschutz nimmt Ihnen genau so viel, als er dem schlauen Bauern, der den Geist der Zeit im allgemeinen und den de« Dritten Reiches Im besonderen richtig kapiert, gibt... Es bleibt als Endeffekt, daß auf die Dauer das ganze ländliche Kreditwesen in einer Weise geschädigt wird, daß gerade die Bauern einmal nach dem schleunigen Abbau dieser Herrlichkeiten schreien werden. Die verständigen Bauern tun es übrigens heute schon. Nachtdienst der Gestapo �Geschrieben in einem deutschen Untersuchungsgefängnis, Juni 1935.) Nachts, wenn die Gefangnen in den schmalen Zellen zuckend träumen von daheim, vom Gör, leuchten schmerzend Blendlatcrnenstrahlen und sie holen welche zum»Verhör«. Aus dem kurzen, schweren Traum gerissen, stehn die Opfer, kalkweiß und erschreckt. Fressen grinsen, wild und schlagbcflissen. Und ein Stiefeltritt die Letzten weckt. Abmarschiert! Der Große mit der Tolle schwingt die Hüfte wie ein geiles Weib. (Der diktiert Im Bunker Protokolle und schlägt gerne in den Unterleib.) Da« Verhör beginnt im Plaudcrtone. Bis der erste, schwere Faustschlag sitzt. Aus Kantinen kreischen Grammophone, die Tapeten sind mit Blut bespritzt. Kriecht der Morgen durch die trüben Scheiben, hört das Wrack, dem das Bewußtsein schwand, in der Lache liegend:»Unterschreiben!« Und dann kritzelt die verschwoilne Hand.— Mittags, wenn die Herren warm gobadet, gchu sie bummeln. Schmuck und frisch gestärkt. Ihrer Seele bat es nicht geschadet. Zur Beförderung sind sie vorgemerkt. Amolt Bronnen wackelt Der Relchsjugend-Pressedlenst, eine parteiamtliche Korrespondenz, veröffentlicht unter der Uebcrschrift»Eine notwendige Erin- nernng« einige Tatsachen aus dem Vorleben de« Relchsfemsehdramaturgen Arnolt Bronnen. Um sich vor einer Rüge von oben zu schützen, zitiert der Redakteur eine Nummer des»Völkischen Beobachters« aus dem Jahre 1929 und enthält sich eigener Zusätze. In der fraglichen Nummer hieß ea: »Bronnen, der als Misch Jude weder zu den Deutschen gehört noch zu den Juden. bestimmt weder der Geist der Asaimila- tionszeit, noch führt ihm»ein Bewußtsein zum Judentum zurück, um hier einen festen Grund für sein Denken und Fühlen zu gewinnen, die den triebhaften Menschen unter übergeordnete Notwendigkeiten zwingt; er ist einer, der keine Wurzeln in einem Volkstum hat und auch nach keiner Verwurzelung strebt, sondern völlig im Triebhaften aufgeht.« »Bronnen steht, was die schrifttümliche Form betrifft, in der vordersten Reihe der expressionistischen Umstürzler, auch hier den Radikalismus um jeden Preis, den Radikalismus, der sich blindlings auswirkt um die größten äußeren Erfolge zu erzwingen— eines der Erbstücke seines jüdischen Blutes— In Form und Inhalt bestätigend.« »In Bronnen wird das Triebhafte in seiner reinsten Form lebendig. Alles Geistige und höhere Gefühlsmäßige fehlt das engere Persönliche ist damit ausgelöscht. Aber nicht einmal Sinnenfreude kann man seinen Geschöpfen zusprechen, sondern höchstens Brunst. Die Kühnheit diese« expressionistischen Umstürzlers, das Revolutionäre dieses Geistes liegt vor allem darin, daß er die geschlechtlichen-brünstigen Empfindungen und Vorgänge in restloser Deutlichkeit, ja Ueberdeutlichkeit auaspricht bezw. ausmalt oder darstellt« Von Bronnens Buch»Die Excesse« heißt es:»Wer mit solchem Behagen im Schmutze untertauchen kann, ist für geistig Höheres innerlich nicht befähigt!« Ist so überall das Triebhafte in»einer Gier das in Bronnens früheren Schriften Treibende, so meint der»Völkische Beobachter«, steht in der»September-Novelle« die»gleichgeschlechtliche Liebe im Mittelpunkt der Darstellung« und»aus der Sinnengier erwächst die Gier nach Blut, und das Ende ist Mord, genau so, wie wir es in der»Geburt der Jugend« feststellen konnten, wie wir es im bolschewistischen Umsturz schaudernd miterleben mußten und wie wir es auch in einer Reihe von Prozessen in vielen Einzelfällen bestätigt sahen(Haarmann!).«— In den»Exccssen« wird im übrigen sogar— neben zahlreichen Verbindungen zu Männern— Hildegard mit zwei Hunden vorgeführt, wobei aus der Art der Beziehungen kein Geheimnis gemacht wird und— auf einer Wiese— Ihre liebende Vereinigung mit einem Bocke, einem ekligen, häßlichen Bocke, wie eines ihrer Koseworte lautet.»Unzucht mit Tieren... in lockender, farbenreicher Weise gestaltet«, schreibt der»Völkische Beobachter«, und»so wären wir also in den Forderungen der geachlechtllchcn revolutionären Bewegung dort angelangt, wo Athen und Rom versunken sind.« Und heute ist der also geschilderte Bronnen Reichsfernsehdramaturg des»erneuerten Deutschlands!« Daß er seine Mutter im Grabe beschimpfte, sie des Ehebruchs bezichtigte, um den jüdischen Vater loszuwerden, hat der Reichsjugend-Pressedienst zwar unterschlagen. Aber dem»Völkischen Beobachter« dürfte das Zitat aus seinen eigenen Spalten auch ohne diesen Zusatz unangenehm genug sein. Wird der Bronnen vom goldenen Bon- zenthrönchen stürzen? Keinem wäre es mehr zu gönnen als ihm. «Verbiedermeiertfes Theater* Zitternde Theaterdirektoren— Wachsendes Risiko— Zug zur»windgeschtttzten Ecke«. Das deutsche Theaterelend breitet sich von Tag zu Tag weiter aus und verschlimmert sich derart, daß selbst zaghafte gleichgeschaltete Kunstartikler, die Sorge um Ihren Posten beiseite setzend, hier und da einen Warnungsruf ausstoßen. In der bei Callwey, München, erscheinenden»Deutschen Zeitschrift«(Nachfolgerin des»Kunstwart«) erhebt so ein Bestürzter seine anklagende Stimme. Er sagt den deutschen Theatern mit Recht nach, sie seien»verhieder- m eiert« und wagt es sogar, die Schuld daran nicht den Theaterdirektoren zuzuschreiben, wie es von kunstamtlicher Seite gerne geschieht, sondern denen, die sich selbstherrlich zu Diktatoren des deutschen Kunstlebens gemacht haben, ohne entfernt zu ahnen, welch empfindliches Gebilde sie da in ihren groben Fäusten zerquetschten. Wir zitieren: »Vor zwei Jahren hat der Staat mit Aufsicht und Lenkung auch die Verantwortung für das deutsche Theater übernommen. Das hat sich im Abweichen mancher Unzukömmlichkeiten segensreich ausgewirkt, aber zugleich etwas gezeigt, an das damals um so weniger gedacht werden konnte, als es ja das Gegenteil der beabsichtigten Einbeziehung und ideclen Nutzbarmachung des Theaters vorstellt, nämlich die Gefahr der Vcrbieder- m e i e r u n g... Das wirtschaftliche Risiko der Theater hat im allgemeinen nicht abgenommen, das ideelle aber ist gestiegen- Kann es da wunder nehmen, daß so manches Theater aus Gründen der(auch wirtschaftlichen) Risikoverminderung häufig' das Harmlos-Entlegene, Erfolgerprobtc- wenn auch vielleicht gänzlich Vergangene dem Problematisch-Neuen, Gärenden un� vielleicht irgendwo»Aneckenden« vorzieht- Man fürchtet, daß irgendeine Stelle Anstoß nehmen könnte. und dann wären viel Mühe und Kosten vertan. Man überblickt die Zuständigkeit nicht und nimmt wohl auch an, daß dcr HoftkuMstese JhleUikbißtisku'... Zar Mobilmadmaig des Kalturapparats Streicher Im Volksmund Streicher geht über Land spazieren, kommt in ein Dörfchen bei Nürnberg, wo im Dorfteich sich ein Rudel Schweine tummelt und aus der Pfütze nicht heraus will. Das wird dem Bauern, der die Schweine in den Pferch bringen will, zu dumm und er schreit:»Julius komm, komm Juliu s!< und herbei springt aus dem Hof des Bauern ein starker Hund, ein widerlicher Köter, undefinierbare Rasse, übelste Promenadenmischung, bellt die Schweine an, beißt sie in die Beine und jagt sie in den Pferch. Das gefällt dem Streicher von dem Hund und er sagt es auch dem Bauern, worauf der Bauer bemerkt:»Ja, mein Julius ist ein tüchtiger Sauhund.« Streicher setzt seinen Spaziergang fort und kommt ins nächste Dörfchen, wo der Hütjunge die Schwaneherde auch nicht in den Pferch bringt. Streicher sieht sich das Abmuhen des Jungen lächelnd an. Da schreit auf einmal auch dieser Junge:»Julius komml« und wieder kommt ein anderer rasseloser Hund und hilft den Jungen die Schweine im Rudel weitertreiben. Nun wird Streicher doch stutzig und fragt den Jungen:»Da herraußen heißen wohl alle Hunde Julius?«»Nein«— sagt der Hütjunge—»N ur die Sauhund heißen sol« Worauf sie stolz sind Durch folgende deutsche Zeitungsraeldung werden die Zustände, die unter den Landarbeitern herrschen, drastisch beleuchtet: »In einem kleinen Orte im Kreise Pr.- Holland erwartete eine Frau ein Kind. Als ihre schwere Stunde kam. unterbrach sie ihre Arbelt. ging in ein Roggenfeld und brachte dort das Kind zur Welt. Ohne jede fremde Hilfe tat sie alles, was notwendig war, wickelte das Neugeborene warm an und versteckte es im Roggenfeld, um es am Abend zu holen. Dann ging die Frau wieder an die Arbeit.« Die Frau hat also bis zur Stunde der Geburt schwere Feldarbeit geleistet und hat ganz offenbar keine Möglichkeit gehabt, sich wenigstens nach der Geburt die unbedingt nötige Ruhe zu leisten. Wie überschreiben einige deutsche Zeitungen die Meldung? »Not der Landarbeiter«?— ach nein, so hätte mans nur In der Judenrepublik genannt. Jetzt heißt es:»Eine ostpreußische Kern- "atur«, und der gute Bürger hat Gelegenheit, schmunzelnd zur Tagesordnung überzugehen. Laßt Blumen spredben Bei der Eröffnung der Sommcrblumcn- schau am Funkturm zu Berlin sagte Stadtgartendirektor Josef PerU laut deutscher Zeitungsmeldung: »Eine Blumcnausstellung zu organisieren und zu leiten sei immer eine heikle Aufgabe, weil die Gefahr und die Versuchung, in einen gewissen Blumen-Byzantinismus zu verfallen, immer gegeben ist. Schließlich schade aber jeder Byzantinismus der ursprünglichen Idee.« Ob er nur den Blumen schadet, der Byzantinismus 7� Der Nationalsozialismus schwankt zwischen den altreaktionären Kräften der preußischen Elite und dem neureaktionären Sül der baltischen Ritter vom Blutadel. Der Ritt gen Osten, zu dem das Regime entschlossen ist, bedeutet auch die totale Herauslöeung aus dem westlichen Kulturkreis. Die fanatische Konzentration auf dem imperialen Kreuzzug macht den Ausgleich zwischen germanisch frisierter Blutromantik und westlerisch orientierter— wenn auch reaktionärer — Geistigkeit unmöglich. Die Geisteswissenschaften haben abzutreten. Der geistige Standort Preußens wird wieder auf seinen vorfriderizianischen Ausgangspunkt östlich der Elbe zurückgeworfen. Nicht auf Immanuel Kant sieht Deutschland, der aus seinem östlichen Universitätswinkel sehnsuchtsvoll die große französische Revolution verfolgte; heute richten sich die Blicke der Konjunkturpoeten auf den Raubritteradel des Ostens, über den hinweg der Große Kurfürst seinerzeit die Fundamente des Preußentums errichtete. Diese Feinde eines nach Westen tendierenden Preußens, die Bauernleger und adligen Räuber, erfahren heute post festum ihre geschichtliche Rechtfertigung. Ihre Selbstgenügsamkeit dient den heutigen Herrschern auch in geistigen Dingen als Vorbild. Methode und Stil der eigentlichen preußischen Geschichtsschreibung, wie sie bei Clausewitz, Ranke, Mommsen usw. ausgebildet wurde, wirken heute aufrührerisch. Wir können es aussprechen, daß diese ursprünglich zur Gleichschaltung bereiten preußischen Historiker, soweit sie noch irgendeine Tradition verkörpern, für das Regime tatsächlich untragbar geworden sind. Dabei ist diese der Vernichtung preisgegebene Tradition keineswegs»liberalistisch«; denn der Liberalismus in den Geisteswissenschaften bestand doch darin, ein kosmopolitisches geistiges Prinzip, das für alle Nationen und alle Zeiten Geltung hat, als Arbeitsgrundlage herauszustellen. Demgegenüber zeichnet sich die eigentliche preußische Methode der Geschichtsschreibung durch ihren Tatsachensinn und durch ihre Bindung an einen politischen Zweck aus. Die Enge des Horizonts mag man wie immer werten: fest steht, daß die preußische Mission dieser Forscher doch von einem fortschrittlichen und entwicklungsfähigem. Geist getragen war. Gerade jetzt, wo ein Stück Preußentum in der deutschen Geschichte wieder unheimlich lebendig wird, muß man sehen, daß ein anderes Stück Preußentum versinkt. Der Nationalsozialismus ist in seinem Wesen traditionslos. Die Geschichte ist ein einziges Greuelmärchen, schon deshalb, weil sie daran erinnert, daß schon vorher etwas da war. Die Naziführer im Kreis der preußischen Generalität: das ist eine Karikatur. Dies Bild ist zusammengesetzt aus schmutzigen Untertanenehrgeiz nach dem Verkehr mit feinen Leuten, und aus der Niveaulosig- keit der abgetakelten Generalität, die die Emporkömmlinge zur Sicherung ihrer Pfründe und ihrer Machtgier in Kauf nimmt. Zu gleicher Zeit aber wird der preußische Geist aus den Universitäten ausgerottet. Das Handwerk der Professoren widerstrebt in seinem Wesen der totalen Gleichschaltung. Dir Material ist ein Minimum an geistigem Besitz, das nicht so eindeutig ausgerichtet werden kann wie Kanonen.(Ob da* Geist der Kanonen nicht auch einmal gegen die totale Geistlosigkeit rebelliert, bleibe dahingestellt.) Die Grundsätze des Herrn Rust lassen sich allerdings nicht ungestraft in die gesellschaftliche Wirklichkeit umsetzen. Die Geisteswissenschaften, die er auszurotten bestrebt ist, waren nicht ein akademischer Luxus, den sich die bürgerliche Gesellschaft leistete, sondern sie entsprachen einer Notwendigkeit. Die Geisteswissenschaften waren gleicherweise Untergrund wie Uoberbau der Naturwissenschaften. Die gewaltige spezialistische Leistung der deutschen Naturwissenschaften war nur möglich, weil sie sich an den richtungweisenden Ideen der gesamten Geisteswissenschaften orientieren konnten. Die Arbeitsteilung zwischen Natur- und Geisteswissenschaften ist ein notwendiges Ergebnis der differenzierten Arbeitsteilung im kapitalistischen Produktionsprozeß. Die Auflösung dieser Arbeitsteilung durch die Amputierung des geisteswissenschaftlichen Sektors muß die Fortentwicklung der technischen Energien stören. Diese unausbleibliche Folge der nationalsozialistischen Kulturpolitik ist heute bereits aufgetreten. Die Lahmung des Erfindergeistes, die Hemmung der Produktivkräfte wird bald noch deutlicher sichtbar werden. Das bedeutet aber die denkbar schwerste Erschütterung der deutschen Volkswirtschaft. Der Verzicht auf freie Entfaltung der Wissenschaft, soweit sie im Kapitalismus frei sein kann, ist gleichbedeutend mit dem endgültigen Verzicht auf Deutschlands weltwirtschaftliche Stellung.' Herr Gottfried Benn, der ein Herold des nationalsozialistischen»Antiintellektua- lismus« und ein Verklärer der Geistfeindschaft war, findet es heute ungemütlich. Schließlich wanken die Fundamente jeder Literatur— außer der kriegsvorbereitenden— wenn die amtliche Ideologie das Publikum gegen Jegliche geistige Infektion immunisiert. Auch Herr Benn verliert seine Leser. Es ist direkt trostreich, wie dieser begeisterte Jünger Rosenbergs heute eine volle Kehrtwendung vollführt und in seinem Pamphlet»Kunst und Macht« für den»Intellektualismus« in die Schanze springt: »Wer Intellektualismus weiter In dem kleinbürgerlichen Sinn ansieht«, so schreibt er,»wird sowohl lächerlich wie geschichtlich ausgeschaltet werden. Es ist hauptsächlich die bürgerliche Literatur, die hieran versteckt oder offen mitarbeitet, diese prima Epiker, Anekdotenschnurrer, Balladenbarden, notorische Nachspieler, stigmatisierte zweite Besetzung, Chargenkomiker für Gartenlokale, getarnter neuer Staat, In Wirklichkeit die stupiden alten Herrn—: Mittelstand als Vampirismus. Am liebsten möchten sie alles, was überhaupt noen seine Anschauungen in prägnante Formen bringt, Formeln, die das Gemeinte unverwechselbar und schonungslos ausdrücken, was gleichbedeutend ist mit: es nachprüfbar, diskussionsfähig, geschieh tsfähig machen, als fremdstämmig, unrassisch, un- deutsch denunzieren; schon der Drang zur Form, das ist mediterran; Klarheit widernatürlich; Begriffsleben unreligiös; am liebsten würden sie eine Notverordnung für Deutschland sehen; Denken ist zynisch, es findet hauptsächlich in Berlin statt, an seiner Stelle wird das Weaeriled empfohlen... Schriftsteller, die ihrem Weltbild sprachlich nicht gewachsen sind, nennt man in Deutschland Seher— das ist dann kein Markenartikel mehr... Das ist die Kunst der bürgerlichen(lies: nationalsozialistischen P.) Aera, und wenn man das abgestanden findet, dann Ist man ein Intellek- tuallst.« Die Schärfe des Angriffs ist hier auffallend und die Selbstbezichtigung ist interessant. Herr Benn hat Glück, daß er noch keinen Lehrstuhl erhalten hat. Sein Freund in der Reichsschrifttumskammer, der ihm das Büchlein durchrutschen ließ, wird eines Tages nichts zu lachen haben. Hier handelt es sich allerdings nur um ein nebensächliches Symptom. Die Totalmobilmachung dos Kul- turapparates für die Zwecke des Raubrittertums wird dadurch nicht berührt. Aber vielleicht gibt es auch außerhalb der sozialistischen Arbeiterschaft in Deutschland noch Menschen, die an der Gewohnheit des»intellektuellen« Denkens noch festhalten wollen. Vorläufig sind sie noch hoffnungslose Intellektuelle. Aber der Drang des Geistes nach Verwirklichung ist eine Tradition, die in Deutschland nicht leicht zu zertreten ist. P. Wehe den Kalendern! Der Vorsitzende der parteiamtlichen Prüfungskommission zum Schutze des NS- Schrifttums, Bouhler, gibt bekannt, er werde Kalender, in denen das neue Deutschland mit keiner Zelle erwähnt werde, in Zukunft kei» ncsfafls mehr dulden, er sei entschlossen, mit aller Schärfe vorzugehen. »Verleger, die nicht begriffen haben, daß ihre Arbelt getragen werden muß von einer tiefen Verantwortung gegenüber dem deutschen Volk, haben keinen Raum mehr im heutigen Deutschland. Mit dem Leiter des Reichsverbandes des Adreßbuch- und Kaie ndergewerbes werden entsprechende Vereinbarungen getroffen.« Wenn die Kalender genügsam bestraft sind, kommt wahrscheinlich das Butterbrotpapier an die Reihe. Sein Salonwagen Wie englische Blätter melden, ist bei den Linke-Hoffmann-Werken ein mit allem nur erdenklichen Komfort ausgestatteter Salonwagen für den persönlichen Gebrauch Hitlers im Bau. � Staat entsprechend der übernommenen Verantwortung das Theaterspiel en den oft vielleicht wechselnden polltischen(etwa außenpolitischen) Rücksichten unterwerfen könnte. Aus derlei Gründen zieht man den Weg des geringsten Risikos vor, der freilich von den lebendigen Strömen der Zeit oft recht weit ab in die Dürre führt... Bei aller Spielfreude und Lust, urauf führend Neues zu erproben,— ein Zug zum Zeitangc wand-Harmloscn(zur windgeschützten Ecke) ist unverkennbar, und eben darin liegt die Gefahr der Verbiedcrm eierung.« Warum, so fragt der Autor welter, ndet gerade das Drama so schwer unter er Unfreiheit des Theaters? Und hier ommt er zu einem Ergebnis, das eigentlich staatsgefährlich« ist. Wer nämlich die Kon- cquenz seiner Feststellung richtig versteht, mß begreifen, daß eine wirklich große dramtische Leistung unter der Fuchtel der raunen Schergen überhaupt nicht möglich it. Warum? Weil es im Dritten Reiche nur estattet ist, eine Seite der Welt zu zeigen - und diese noch dazu In hakcnkreuzlerisch erzerrter, blut- und bodenrünsüger Weise. Das Drama aber«, ao erklärt der Verfasser les Artikels, »ist diejenige Kunstform, die das Ganze des Lebens enthält, kämpferisch, aus seinen Gegensätzen. Nirgend ist es so unziüh�, wie hier, das, was der eine gesagt oder ge tan hat, herauszugreifen, wofern man nicht die Entgegnung, die der andere«ter das Schicksal darauf setzen, hinzufügt. nicht allzu vielen Ist es gegeben, das Ganze zu sehen, menschliche Ungeduld und K sichtigkeit hält sich lieber an das Einzelne. Daher hat das Drama, insonderhat wo Diskussion ist, unter Mißverstand am mästen zu leiden.« Welchen Ausweg gibt es nun aus diesem Stachel draht von Verbot, Bedrohung, Feigheit und Liebedienerei? Im Dritten Reiche— keinen! Der Autor deutet zwar vorsichtig an, man solle wenigstens»von Staats wegen die Eingriffsmöglichkeiten klar begrenzen und von vornherein die Zonen erhellen, innerhalb deren eine dramatische Diskussion möglich ist«— aber er glaubt wohl selbst nicht an den Erfolg solcher Palliativmittelchen. Selbst wenn die»Eingriffsmöglichkeiten begrenzt« würden, selbst wenn nicht mehr jeder ungebildete Flaps von Gauleiter durch Inszenierung eines kleinen»spontanen Volkszornausbruchs« das Theater seines Herrschaftsgebietes hart schädigen oder ruinieren könnte — was wäre damit schon gewonnen? Im Kleinen mag man aus wirtschaftlichen Gründen mildernd eingreifen, die große Angst bleibt dennoch bestehen, solange die braunen Kulturtöter ihre blutige Knute über Deutschland schwingen. Für das kranke deutsche Theater gibt es nur eine Hellung: die Freiheit! Und die kann das Dritte Reich nicht gewähren, ohne sich selber aufzugeben. Bestellung beim Dramcnsdinelder Herr Gustav Gründgens, Intendant des staatlichen Schauspielhauses In Benin, vom fürchterlichen Mangel an auch nur theatertechnisch akzeptablen Stücken gezwungen, hat sich an sechs deutsche Dramatiker gewandt und sie gebeten,»ihm neue Lustspiele zu schreiben.« Die Herren Hoynicke, Möller, Wellenkamp. Kayser, Langenbcck und Lützkendorff, die den ehrenden Auftrag erhalten haben— ungefähr so, wie man beim Schneider die Bestellung eines Maßanzuges vergibt— werden auf jeden Fall, selbst dann, wenn die Lieferung der angeforderten Theaterware schlecht ausfällt und Herr Gründgens das in Arbeit gegebene»Lustspiel« leider nicht verwenden kann, an Schmerzensgeld von 1000 Mark erhalten. Den so Beauftragten ist die Wahl des Sujets, wie allen Sujektcn, natürlich abgesehen, sähet überlassen. Herr Gründgens hofft, wie er einem Interviewer seufzend versicherte,»auf diese Art zu brauchbarer Thca- terütcratur zu kommen.« Welch ein Trjumph der Armseligkeit, wenn der Staatstheaterintendant aus Mangel an Konkurmasse die»Staats-Dramatiker« mit einem 1000- Mark- Scheck zu schöpferischer Tätigkeit aufpulvern muß! »Siegreich wollen wir Frankreidi schlagen..« Immer inniger werden die Freundschaf tserklärungen Hitlers an Frankreich. Immer schonender wird Frankreich in der deutschen Presse behandelt, Diese Regie klappt. Daran ist kein Zweifel. Die englische Diplomatie gibt sich große Mühe, diese Gestein ernst zu nehmen, und eben erst hat Sir Samuel Hoare im Hause der Gemeinen erklärt, daß er Hitlers Worten glaube. In Deutschland selbst scheint dieser Glaube nicht so unbedingt zu sein. Am wenigsten in den hitlerischen Organisationen, die noch immer ihr»Siegreich wollen wir Frankreich schlagen...« easär oder minder besoffen gröhlen. Neuerdings wurde berichtet, das Lied werde noch immer im Schulunterricht geübt. Das schien uns unglaublich, aber unsere Freunde belehrten uns, daß wir wieder einmal unberechtigte Zweifel in die hitlerdeutschen Möglichkelten hatten. Als wir der Einladung folgten, uns das Lied aus der Schulstube vorsingen zu lassen, waren wir rasch belehrt. Kaum zehnjährige Buben und Mädchen schrien das Lied aus Leibeskräften in die blühende Sommerflur, und ihre kindlichen Stimmen wollten durchaus»sterben als ein tapferer Held«. Es ging also nicht nur um die Melodie. Auch die Worte des rohen Kriegsliedes wurden geübt, und unsere Freunde versichern uns, das sei landauf und landab in vielen Schulen so. Wegen|üdf sehen Bluteinsdilages.•• In einem Aufsatz in der Zeitschrift des Reichsverbandes deutscher Schriftsteller»Der Schriftsteller« schreibt der Rcichsverbands- leiter Götz Otto Stoffregen unter anderm, daß nach einer dreimaligen Aenderung der Nichtarierbestimmungen insgesamt 1628 deutsche Schriftsteller wegen jüdischen Bluteinschlages aus dem Reichsverband deutscher Schriftsteller ausgeschlossen wurden, damit sei ihnen die Möglichkeit, durch schriftstellerische Arbelten ihren Lebensunterhalt zu verdienen, überhaupt genommen worden. Weiteren 15 00 Aufnahmegesuchen von Schriftstellern, die nicht rein arischer Abstammung sind, sei nicht Folge gegeben worden. Arbeitskraft uiid neues Strafreiht Die amtliche Straf rech takommiasion, die mit den Vorarbeiten einer>Erneuerung des Strafrechts« beauftragt worden ist, hat soeben ihren Bericht herausgebracht, der in einem Abschnitt»Angriffe auf die Arbeitskraft« den Schutz der menschlichen Arbeitskraft behandelt. Mit scheinheiliger Geste wird die Arbeit als»das wichtigste Rechtsgut« bezeichnet. Während früher vorwiegend die materiellen Werte geschützt waren, so er- zanlt Vizepräsident Grau, würde in Zukunft der Schutz der Arbeitskraft einen breiten Raum einnehmen. Die frühere Sozialverfassung von Weimar hätte als grundlegende Bestimmung im Art. 157 einen erhöhten Schutz für die wirtschaftlichen Schwächeren statuiert. Es hieß: be- »Die Arbeitskraft steht unter dem sonderen Schutz des Reiches.« Im einzelnen bestanden eine Reihe von Gesetzen für den Betriebs- und Arbeitsschutz der Arbeiter und Angestellten, die der kapitalistischen Ausbeutung und dem kapitalistischen Gewaltverhältnis Grenzen setzten. Das faschistische Strafrecht»zum Schutz der Arbeitskraft« lehnt jeden besonderen Schutz des einzelnen Arbeiters und der Arbeiterschaft als Klasse bewußt ab und täuscht eine Gleichheit der Unternehmer und Arbeitnehmer im kapitalistischen Staate vor, die nicht besteht. So heißt es als Ausgangspunkt dieser faschistischen Reform: »In der Summe der EinzelarbeitskräTte verkörpert sich die Arbeitskraft der Nation. Wenn wir dieses wichtige Rechtsgut schützen und seinen Schutz auch durch strafrechtliche Sanktionen sicherstellen, so müssen wir die Gesamtarbeitskraft des , Volkes in den Mittelpunkt unserer Schutzmaßnahmen stellen.« Diese sogenannte Rechtsordnung läßt absichtlich jede Prüfung der herrschenden Eigentumsverhältnisse unerörtert. Die faschistischen Erneuerer haben noch nicht bemerkt, daß das Eigentum an den Produktionsmitteln, am Grund und Boden und am Finanzkapital Der folgende Teil, der von Angriffen auf die Arbeitsfreiheit spricht, müßte zunächst die Bestrafung des Regimes vorsehen, denn Hitler hat jede Arbeltsfreiheit aufgehoben. Hier wird von der Strafbarkeit des Lohnwuchers gesprochen, wenn die Gegenleistung für die beanspruchte Arbeitsleistung »in auffälligem Mißverhältnis« zur Arbeitsleistung steht. Nachdem das Lohndiktat dem Unternehmer und den Unternehmerbeauftragten, den Treuhändern der Arbeiter, überlassen worden ist, die Arbeiter und Angestellten durch restlose Aufhebung jeder aucn nur gewerkschaftsähnlichen Einrichtung, der geringsten Einwirkung auf die Regelung der Löhne beraubt worden sind, ist der Lohnwucher im Dritten Reich so allgemein geworden, daß»auffällige Mißverhältnisse« kaum noch feststellbar sind. Wenn wucherische Ausbeutung der Arbeitskraft strafrechtlich gefaßt werden sollte, so wäre die Voraussetzung für die Rechtsfindung, daß die Gesamtheit der Arbeitnehmer Einrichtungen zur arbeitsmarktpolitischen Gestaltung des Lohnes haben dürfte. Gerade auf dem Gebiete der Lohnausbeutung zeigt sich die ganze Unwahrhaftigkeit des deutschen Faschismus. Die Weimarer Verfassung, die im Art. 165 die gleichberechtigte Mitwirkung der Gewerkschaften auf dem Arbeitsmarkt in den Lohn- und Arbeitsfragen gewährleistet hatte, ist zertrampelt worden, um eine unumschränkte Ausbeutungsfreiheit, die das manchesterliche durch System noch weit übertrifft, herzustellen! Was soll eine Strafbestimmung gegen wucherische Ausbeutung der Arbeitskraft, wenn der Arbeitswucher von Staats wegen organisiert und die Ausgebeuteten von demselben völlig entwaffnet wurden, um sich gegen Arbeits- und Lohnwucher nicht mehr wehren zu können. Weitere Strafbestimmungen sollen die Beeinträchtigung der Arbeitsgelegenheit treffen. Die Kommission den besitzenden Volksgenossen auch die un,,,_ TI.......... hat u. a. einen Tatbestand vorgeschlagen. In bedingte Herrschaft über die menschliche| b 6 WAlfrnAm H Ariern er«» mit r"!of ä n erni a Kr-rlrv-ih t Arbeitskraft sichert. Sie wollen nichts davon wissen, daß Arbeiter und Angestellte unter Hcm Befehl ihrer Unternehmer und zu deren, Profit arbeiten. So stellen sie an die Spitze ihrer Strafrechtsreform den heuchlerischen Satz; »Es ist nicht nur ein Göttergeschenk und ein Recht, für s e i n V ol k arbeiten zu dürfen, die Arbeit ist auch eine ernste Pflicht.« Die strafwürdigen Angriffe auf die deutsche Arbeitskraft sind dem Entwurf zufolge solche: 1. auf die völkische Pflicht zur Arbeit; 2. auf die Substanz der nationalen Arbeitskraft; 3. auf die Arbeitsfreibeit;. 4. Beeinträchtigung der Arbeitsgelegenheit: 5. Störung des Arbeitsfriedens. Zu Punkt 1 wird ausgeführt, daß die Pflicht zur Arbelt für die Volksgemeinschaft »am sinnfälligsten im Arbeitsdienst zum Ausdruck kommt«. Die ganze Strenge des neuen Strafrechts wendet sich daher gegen jeden, »der den Arbeitsdienst öffentlich oder böswillig verächtlich macht oder wer öffentlich zur Verweigerung des Arbeitsdienste« anreizt oder auffordert...« »Strafbar wird ferner sein, wer sich als Unterstützungsempfänger weigert, aus Arbeitsscheu, ihm zugewiesene angemessene Arbeit zu verrichten.« ' Die»völkische Pflicht zur Arbeit« umfaßt demnach die Zwangsarbeit im Arbeitsdienst, bei den Notstandsarbeiten und all die Hitler- Einrichtungen, die grundsätzlich Arbeit ohne Lohn darstellen. ' Im zweiten Abschnitt werden die Angriffe auf die Substanz der nationalen Arbeit behandelt. Soweit es sich um menschliche Arbeitskraft handelt, wird die geschäftsmäßige Vermittlung von Arbeitskräften nach dem Ausland bestraft. Entscheidend aber ist der Sturz der technischen Arbeitskraft. Es heißt:- »Wer in einem Betrieb oder an einer Maschine eine dem Schutz des Lebens... dienende Vorrichtung beschädigt oder unbrauchbar macht usw. usw.. wird mit Gefängnis, bezw. Zuchthaus bestraft.« Das Ausbeutungssystem der Kapitalisten, die Leben und Gesundheit ihrer Lohn- und Gehaltsempfänger gefährden, interessiert die Erneuerer des deutschen Rechtslebens nicht! Es gibt für sie keine Substanz der Arbeiterklasse, sondern nur eine»Gesamtarbeitskraft der Nation«, in der selbstverständlich Betrieb und Maschine des stärksten Substanzschutzes bedürfen. In einem Nebensatz wird erwähnt, daß Ueberanstrengung von Frauen, Jugendlichen und Kindern»einen besonderen Tatbestand herbeiführen können«. welchem derjenige mit Gefängnis bedroht Wird, der gewissenlos die Betriebsmittel eines ihm anvertrauten Betriebes verschleudert. Vor Hitlers Machtantritt gab es eine S t i U- legungsvcrordnung. die tatsächlich einen gewissen Schutz gegen willkürliche Stillegung der Produktion und gewissenlose Verschleutlerung der Produktionsmittel geboten hatte. Sie wurde als»marxistisch« aufgehoben. Die eingeleitete Kartell- kon trolle wurde wieder zerstört. Der Quotenkampf der Kartellbetriebe, bei dem im Interesse des höheren Profits ganze Betriebe eingestellt, d. h. die Betriebsmittel ganz systematisch verschleudert werden, ist wieder im vollen Gange. Aber darüber haben im Dritten Reich nicht die Strafrichter, sondern die Träger der Reichswirtschaftskammer zu befinden. Das sind dieselben Monopolkapitalisten, die als Nutznießer der aus Monopol- gründen bedingten»Vergeudung der Betriebsmittel« betreiben. Was sie tun, ist »nicht gewissenlos!. Es ist in all diesen neuen Strafbestira- raungen»zum Schutz der menschlichen Arbeitskraft« nichts zu entdecken. Dafür beschäftigt sich der letzte Abschnitt eingehend mit diesem»wichtigsten Rechtsgut« der Nation, indem die»Störung des Arbeitsfriedens« unter schwerste Strafen gestellt wird. Es fällt unter die»Angriffe auf die Arbeitskraft«, wenn die geknechteten Arbeiter und Angestellten zur Waffe der solidarischen Arbeitsverweigerung, zum Streik greifen. »Beim Streik, als einem typischen Mas- sendelikt, soll nur der Rädelsführer bestraft werden.« Und dann zeigen die Erneuerer des deutschen Rechtslebens ihre wahre arbeiterfeindliche, kapitalistische Fratze. Es heißt: »Wer die Gefolgschaft eines Betriebes, in dem In der Regel mindestens 30 Beschäftigte sind, oder einzelne Angehörige eines solchen Betriebes auffordert oder aufreizt, geraeinsam die Arbeit vertragswidrig niederzulegen oder sie böswillig in einer Weise zu verrichten, daß die Fortdauer oder der regelmäßige Verlauf des Betriebes gestört wird, wird mit Gefängnis bestraft. Kommt es zu einem Streik oder zur Aussperrung, so trifft die Rädelsführer die gleiche Strafe.« »Auch die Personalsabotagc, begangen durch gewaltsame Abhaltung der Arbeitswilligen, ist straffällig.« In den lebenswichtigen Betrieben wird auch die Sachsabotage von den Strafbestimmungen in gleicher Welse erfaßt. Die»materiellen Werte« des Untemeh- merprofits sollen vom neudeutschen Strafrecht gegen die kollektiven Kräfte der Arbeiterschaft staatlich und strafrechtlich geschützt werden, das ist der eigentliche Sinn dieser Rechtserneuerung, Dieses Strafrecht, das angeblich die»Gesaratarbeitskraft des Volkes« im»Kampf um ihre Selbstbehauptung« schützen will, wird die Krönung des seit dem Mai 1933 im Gang befindlichen Versklavungsprozesses sein. Aber weder ein faschistisches»Arbeitsrecht« noch ein faschistisches Strafrecht werden imstande sein, che natürlichen Waffen der Gesamtarbeitskraft des deutschen Proletariats zu zerbrechen. Das neue Strafrecht ist ein einziger Angriff auf das höchst© Rechtsgut, auf die menschliche Arbeitskraft. Sie war wirklich geschützt durch den Art. 159 der Weimarer Verfassung, in dem es heißt: »Die Vc r c i n ig u n g s f r ei h c i t zur Wahrung und Förderung der Arbeits- und Wirtschaftsbedingungen ist für jedermann und für alle Berufe gewährleistet. Alle Abreden und Maßnahmen, welche diese Freiheit einzuschränken oder zu behindern suchen, sind rechtswidrig.« Indem die Nazis diese elementaren Voraussetzungen für den Schutz der menschlichen Arbeltskraft mit Gewalt zerstört haben, sind sie dem großkapitalistischen Aus- beutertum zum wichtigsten Instrument der Aechtung des schaffenden Volkes geworden. großen Zeit. Ja, diese Kriegszeit mit ihrer1 Blokade war eine Freudenzelt für die deutschen Junker, Leidenszeit aber für das Volk. Und nun will der feudale und Spießbürgersozialismus diesen Kriegszustand verewigen. Von den Boxhcimer Dokumenten, die im November 1931 zum Entsetzen der Nazis enthüllt wurden, ist bisher restlos nur dl« programmäßige Morderei verwirklicht worden, das Wirtschaf tsideal wurde indes nicht so komplett durchgesetzt. Man kämpft noen immer gegen die Saboteure der Gulaschkanone. Aber welches Ziel der deutsche Sozialismus hat. das sollte man sich an Hand der Boxheimer Dokumente doch wieder einmal in Erinnerung rufen, denn diese sehen den Zielen des deutschen Adelsblattes sehr ähnlich: 1. Alle Lebensmittel stehen zur Ver- fügung der...(SA- Landwehren o. ä.) und sind an deren Beauftragte auf Anforderung ohne Entgelt abzuliefern. 3. Jeder Verkauf und jede tauschweise Veräußerung von Lebensmitteln ist verboten. 4. Strafe für jede Vereitelung der Feststellung und Ablieferung und für jeden Verkauf und Tausch von Lebensmitteln..... Femer sehen die Boxheimer Dokumente vor: Kollektivspeisung, Zuteilung von Lebensmitteln, Ausgabe von Karten zwecks Rationierung usw. Was dabei herauskommen kann, ist nur jener Gulaschkanonensozialismus, der zum Maßstab einer neuen Menschheit die Masse der um einen Herdentopf versammelten Einwohner nimmt. Und wenn nun beute der»Völkische Beobachter« verschärfte»antikapitalistische Maßnahmen« ankündigt, so kann heute schon gesagt werden, daß deren tatsächliche Verwirklichung nur auf der Linie der Boxheimer Dokumente und des deutschen Adelsblattes liegen kann. Diese Herrschaften sind noch nicht einmal bei dem Kulturgrad des modernen Kapitalismus angelangt, geschweige schon darüber hinaus. Det„SomSisHtiis QüiostUkaMue Freud und Leid der dcuisdien Selbstblokade Der»deutsche Sozialismus« sieht doch ganz genau so aus, wie sich der deutsche Normalspießer in schlaflosen Nächten den Marxismus vorgestellt hat, In angstgequälten Träumen sah er riesig große Wagen heranrollen, die Haus für Haus abfuhren, um alles bewegliche Eigentum, vom Geldschrank bis zum Kragenknopf aufzuladen und dann die Gesamtbevölkerung in langen Reihen zwecks Neuverteilung des Reichtums antreten zu lassen. Die deutschen Normalspießer konnten sich den Sozialismus offenbar nicht anders vorstellen, und daher ist es kein Wunder, wenn er nun heute, da der deutsche Spießbürger»Sozialismus« macht, in der Tat dem furchtbaren Traum seiner selbst entspricht. Haß auf die Weltwirtschaft, der man sich nicht mehr gewachsen fühlte, hat Spießern und Junkern die Gulaschkanone mit dem arteigenen Eintopfgericht als das erstrebenswerte Ideal erscheinen lassen. Die deutsche Selbstblokade schien' ihnen die Rettung zu sein, so tun sie alles für sie, was nur denkbar Ist, denn die Gulaschkanone mit den Kohlrüben für alle Volksgenossen,— ost- elbische Junker und Systembonzen ausgenommen— das ist für sie»das traute sozialistische Beisammensein der Nation«. Daneben hat es noch den Vorteil, günstig für den Kriegsfall und»äußerst gesund« für das Volk zu sein, also alle deutschen Interessen werden durch die Wahrnehmung der Selbst- blokadeinteressen mit wahrgenommen. So sagen sie und begründen es»tiefsinnig«. Lesen wir doch z. B. Im»Deutschen Adelsblatt« folgende»bedeutende eriiährungswissenschaft- liche Betrachtung«: »Der Zusammenbruch der Ernährungswissenschaft im Kriege hatte nicht zuletzt seinen Grund in völlig falschen ernährungsphysiologischen Voraussetzungen. In der Zwischenzeit hat die Wissenschaft auf diesem Gebiet große Fortschritte gemacht und man darf nicht zögern, sie im nationalwirt- schaftlichen Interesse auszuwerten. Besonders die Japaner haben hier vorbildliche Arbeit geleistet. Das von Professor Saiki mit staatlicher Unterstützung geschaffene Ernährungslnstitut in Tokio arbeitet systematisch an einer Reform der Ernährung auf der Grundlage der Selbstversorgung. Er hat für Notzeiten eine Einheitsnahrung geschaffen, die gleichermaßen den physiologischen und wirtschaftlichen Notwendigkeiten gerecht wird. Auch in Deutschland und anderen Staaten fehlt es nicht an Versuchen In einer Reform der Ernährung...... Es wäre jedoch an der Zeit, im Interesse der Kriegswirtschaft nicht weniger als in dem der Gesunderhaltung des Volkes, eine großzügige Erziehungsarbeit zu beginnen und die Ernährung des deutschen Menschen und des deutschen Tieres auf tatsächlich »wirtschaftseigene« Grundlagen zu stellen. Nur dann wird die Volksemährung auch im Fall einer neuen Blokade gesichert sein.« Daß solcherlei Gedanken in der Presse des deutschen Adels, also der Konservativen vertreten werden, ist gewiß kein Wunder. Der Wind weht also aus Ostelbien— darum riecht es nach Kohlrüben, nach Morgentrank und anderem Futter aus der Die Berliner Konsum« genossensdiaft aufgelöst Als eines der ersten Opfer des Gesetzes über die Liquidierung der großen Konsumvereine verfällt die Konsumgenossenschaft Berlin-Lichtenberg der Auflösung. Durch übereinstimmenden Beschluß des Vorstandes und des Aufsichtsrates ist mit Zustimmung des Reichswirtschaftsministers die Auflösung nach dem Gesetze vom 31. Mai 1935 beschlossen worden.: r-;-..... ■..-.-Wie. dem kurzen Kommentar des»Völkischen Beobachters« zu entnehmen ist. werden die Verteilungsstellen an Angestellte und »junge aufbauwillige Kräfte im Handel« verschachert- werden. die damit die Möglichkeit zur Schaffimg einer eigenen Existenz erhalten sollen. Damit wird der Raub des genossenschaftlichen Eigentums der Arbeiter fortgeführt und gleichzeitig zur Befriedigung eigennütziger Interessen hunderte Angestellte und Arbeiter der Erwerbslosigkeit überantwortet. 6e)taiAetn9fraHfcl)C0 UtocfyrnbkiU Herausgeber: Ernst Sattler; verantwortlicher Redakteur: Wenzel Horn; Druck:»Graphia«; alle in Karlsbad. Zeltungstarif bcw. m. P. TS. ZI. 159.334/VII-1933. Printed in Czecho-Slovakia. Der»Neue Vorwärts« kostet im Einzelverkauf innerhalb der CSR. Kö 1.40(für edn Quartal bei freier Zustellung Kö 18.—). Preis der Einzelnummer im Ausland Kö 2.—(Kö 24.— für das Quartal) oder deren Gegenwert in der Landeswährung(die Bezugspreise für das Quartal stehen in Klammern); Argentinien Pes. 0.30(3.60), Belgien Frs. 2.45(29.50), Bulgarien Lew 8.—(96.—), Danzig Guld. 0.45 (5.40), Deutschland Mk. 0.25(3.—), Estland E. 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