Nr. 112 SONNTAG, 4. August 193S i&oilaltemfllraftfcfrgg tttecfrgiMo# Verlag: Karlsbad, Haus„Graphia"— Preise und Bezugsbedingungen siehe Beiblatt letzte Seite Aus dem Inhalt: Verderber der Jugend Stimmungszusammenbruch in Deutschland Kamarad Seldte Die Flucht in den Krieg Der Terror eeffflirdet den Frieden Keine Illusionen über Hitlerdeutsdiland! Man Ist in den demokratischen Ländern Europas geneigt, sich mit der Existenz des barbarischen Systems in Deutschland abzufinden und Hitlerdeutschland als eine bekannte»normalisierte« Größe in Rechnung zu stellen. Man schließt die Augen gegenüber der gefährlichen inneren Dynamik eines solchen Systems und ist dann peinlich überrascht, wenn sich Explosionen der Wildheit, des Terrors und Unmenschlichkeit ereignen. Sie stören die Illusionen von der Normalisierung des Systems, und damit zugleich außenpolitische Konzeptionen, die auf der Annahme einer Beruhigung des Systems beruhen. Wir sind ferne von solchen Illusionen. Wir sehen schärfer als außenstehende Beobachter, was in Deutschland vorgeht. Wir sehen nicht nur eklatante Ereignisse, wir haben vielmehr das Ohr an der Erde und wir sind über die stillen Bewegungen und Strömungen im deutschen Volkskörper ausgezeichnet unterrichtet. Wir sind deshalb von neuen Tobsuchtsanfällen nicht überrascht. gehören zum Wesen des Sy- stems) sie sind die einzige Reaktion, die der Diktatur ihrem inneren Wesen nach auf das Anwachsen der Opposition möglich ist. Wir erwarten deshalb nicht die Aufgabe des Terrors, sondern seine Verschärfung, wenn wir das Zusammenschrumpfen der Massenbasis des Systems beobachten. In Wahrheit hat die Wildheit des Terrors in Deutschland nie nachgelassen. Was sich ändert, sind seine Erscheinungsformen und seine Oeffentlichkeit. Auch nach dem jetzigen Tobsuchtsanfall wird das System wieder versuchen, einen Schleier über sein wahres Wesen zu ziehen, und der propagandistische Apparat ist mit dieser Aufgabe schon voll beschäftigt. Da diese Verschleierungsversuche zusammentreffen mit der latenten Neigung außerhalb der deutschen Grenzen, an die Normalisierung des deutschen Systems zu glauben, so ergibt sich ein eigenartiges Resultat: man läßt sich gerne täuschen. Die Erbitterung über neue wilde terroristische Vorstöße wird abgelenkt von den Terroristen auf die Opfer oder auf jene, die rücksichtslos und mitleidlos die Tatsachen feststellen und das wahre Wesen des Systems kennzeichnen. Das ist nicht nur eine internationale Erscheinung! Wir haben das gleiche in den Anfängen des nationalsozialistischen Terrors in Deutschland selbst beobachtet. Die Unmenschlichkeit des Terrors liegt so sehr außerhalb des Erfahrungskreises eines gesicherten Lebens, sie verstößt so stark gegen alle humanitären Begriffe, daß die erste Reaktion der Nichtbetroffenen, die noch in Sicherheit leben oder zu leben glauben, nicht die Empörung ist, sondern der Unglaube, nach dem Prinzip: daß nicht sein kann, was Dicht sein darf. Auf dieser ersten, tief m der menschlichen Natur begründeten Regung der Unbeteiligten beruht die Möglichkeit und die Wirksamkeit der Anwendung des Terrors als staatliches Prinzip. In Deutschland hat diese innere Blindheit gegenüber den Anfängen des Terrors verhängnisvolle Folgen gehabt für jene vermeintlich unbeteiligten Kreise, die sich noch für gesichert hielten, als der �ord raste und die Folterknechte wüteten. hfan hat in katholischen Kreisen geglaubt, daß der Terror an den Grenzen der marxistischen Parteien halt mac en würde. Man hat diese Illusionen noch lange genährt, als schon die Führer der christlichen Gewerkschaften Opfer des Ter- . tors geworden waren. Man hat an Kompromisse mit diesem System geglaubt, an die Möglichkeit eines sicheren und friedlichen Nebeneinanderlebens, an die Fortexistenz der eigenen Freiheit, als die der anderen bereits zertreten war— und heute erfährt man in diesen Kreisen, daß der Terror eines solchen Systems keine Freiheit duldet und vor keiner Grenze halt macht. Und selbst an diesem Zeitpunkt sind noch nicht die letzten Illusionen im katholischen Lager zerstört. Das gleiche widerfährt dem Stahlhelm, der sich solange für ein Glied des Systems gehalten hat und nun erkennt, daß er nur sein Objekt ist Jeder neue Ausdruck der Wildheit trifft nicht nur die unmittelbaren Opfer, sondern alle, und wer sich angesichts der neuen Pogrome gegen den unglücklichen Rest der Juden in Deutschland damit tröstet, daß er ja Gott sei Dank kein Jude sei, der hat das wahre Wesen dieses Systems und des Terrors noch nicht begriffen. Es ist der Geist der brutalen Gewalt, der Verneinung der Menschlichkeit und des Rechtes, der in der neuen terroristischen Welle wieder offen hervortritt. Man sollte außerhalb der deutschen Grenzen nicht vergessen, daß es gegenüber einem solchen Geist keine durch Grenzen oder Verträge gewährleistete Sicherheit gibt. Wer sich zu sehr in Sicherheit wiegt, der kann eines Tages die gleichen Erfahrungen machen wie die Katholiken oder der Stahlhelm in Deutschland. Niemals läßt sich die Außenpolitik eines Systems von seiner inneren Politik trennen, und von einem gewaltsamen, diktatorischen, mit terroristischen Mitteln arbeitenden System kann man keine friedfertige Außenpolitik nach demokratischen Grundsätzen erwarten. Man sollte sich überlegen, welchen Zwecken die brutalen Methoden der deutschen Innenpolitik letzten Endes dienen. Sie sollen ein Volk zum willenlosen Werkzeug in den Händen von Diktatoren machen, deren offen eingestandenes Ziel die gewaltsame Expansion, das heißt die Vergewaltigung des Lebensrechts anderer Völker ist. Ist es nicht bezeichnend genug, daß mit dem Ausbruch des Dritten Reiches alles internationale Recht unsicher geworden ist, alle Verträge entwertet, und daß der Friede nur noch auf den Spitzen der Bajonette ruht? Noch wird in Europa eine gefährliche Politik der Illusionen getrieben, eine Politik des»als ob«— als ob das Hitlersystem ein normalisiertes, berechenbares System wäre— noch werden Verträge mit diesem System geschlossen, die von der stillschweigenden Voraussetzung ausgehen, daß an der unbedingten Vertragstreue des Partners nicht gezweifelt werden könne. Die Blindheit gegenüber der wirklichen Lage und die Blindheit gegenüber dem wahren Wesen des braunen Systems entspringen der gleichen Quelle. Es ist gewollte Blindheit jener, die immer noch hoffen; auf das Wunder, daß die Wildheit des braunen Systems zivilisierten Formen weichen, daß die Hochspannung in der Welt einer allgemeinen Entspannung Platz machen könnte. Das Wunder ist bisher nicht eingetreten, das deutsche System ist nicht»normalisiert« und die Kriegsgefahr ist größer als zuvor. Mit Illusionen läßt sich der Frieden nicht bewahren! Der drohende afrikanische Krieg ist für das Hitlersystem eine willkommene Ablenkung— aber auch eine willkommene Gelegenheit. Es hat durch seinen letzten Tobsuchtsanfall daran erinnert, daß es auch noch da ist, und daß es sich selbst gleich geblieben ist. Es ist eine ernste Erinnerung an die immer gegenwärtige Gefahr, daß ein System, das im Innern die brutale Gewalt anbetet, eines Tages auch nach außen explodieren kann. Kampf dem Fasdiismus Solidaritätskongreß für die Opfer des europäischen Faschismus. Kürzlich wurde in Buenos Aires ein Solidaritäts-Kongreß für die Opfer des Faschismus in Europa abgehalten. In der Pres- semitteilung, die nach Beendigung der Kongreßarbeiten veröffentlicht wurde, wird u. a. erklärt; »Die Hilfe für alle diejenigen, die in den Zuchthäusern und Konzentrationslagern Europas schmachten, ist eine Pflicht für die arbeitenden Massen der ganzen Welt. Die Menschen, die im Kampf stehen, werden sich durch unsere Solidarität gestärkt fühlen und die, die sich in den Klauen der blutigsten und brutalsten Reaktion befinden, werden wissen, daß sich jenseits der Mauern ihrer Gefängnisse eine riesige Welle des Protestes aller derer erhebt, die der Freiheit ohne Ansehen der Rasse, der religiösen oder politischen Ueberzeugung verbunden bleiben.« Der Kongreß wurde von Delegationen aus allen Bevölkerungsschichten Argentiniens beschickt. UiDeidsädüMl Tnterlrdisdie Unruhe in Westdeutschland Aus Westdeutschland wird uns berichtet: Der ganze Westen ist in den letzen Wochen sehr unruhig geworden. Es hat den Anschein, als ob nunmehr weitere Kreise des Bürgertums vom Mek- kern langsam zu einer ernster zu nehmenden Stellung gegen das System kommen. Das hervorstechendste Merkmal der Situation ist eine Füllevon Gerüchte n, die von Mund zu Mund weiter gegeben werden. So wird über Unruhen in Hamburg gesprochen. Es sei zu Zusammenstößen zwischen Stahlhelm und SA gekommen und es habe viele Hunderte von Opfern gegeben. Ueber Berlin wird ähnliches erzählt. Nicht unerwähnt wollen wir lassen, daß man auch mal wieder erzählt, auf Hitler sei ein Attentat verübt worden. Die Gerüchte sind falsch— aber sie gehen von Mund zu Mund. Stahlhelm und Deutschnationale arbeiten mit Druckschriften. In diesen werden schlagartige Parolen verbreitet, wie:;»Der Stahlhelm kämpft im Dritten Reich und regiert im Vierten Reich.« Oder; »Wir wollen andere Farben sehen!« In einer illegalen Flugschrift des Stahlhelms, die wir leider bis heute nicht im Original erhalten konnten, kommen Wendungen vor, wie:»wir lassen uns nicht mehr verdrängen!« und:»wir befinden uns nicht mehr im Dritten Reich, sondern bereits im Vierten Reich.« Ein ehemaliger»alter Kämpfer«, der bis vor einiger Zeit eine hervorragende Stelle in einer Stadt des Westens hatte, der aber seines Postens enthoben wurde, weü er der örtlichen Parteileitung nicht radikal fenug erschien, hat inzwischen Anschluß eim Stahlhelm gefunden, vielleicht hat er diesen Anschluß auch gesucht, weil er eine reue Situation witterte. Dieser neugebak- kene Stahlhelmer äußerte gegenüber einem unserer Genossen; »Die Lage erfordert dringend eine Aenderung des Systems. 2y2 Jahre nationalsozialistische Herrschaft haben Deutschland in immer größere Schwierigkeiten gebracht. Das Volk murrt überall. Die Nazis sind unfähig. In der Leitung der Partei und des Staates geht alles durcheinander. Von den unteren Stellen gar nicht zu reden. Hitler wird hin- und hergerissen; er wird von den verschiedensten Gruppen in der Partei bearbeitet. Diese Cliquenwirtschaft geht nicht mehr so weiter. Hitler braucht festen Halt. Deshalb wird Blomberg der kommende Mann sein. Dieser wird mit Hitler zusammen regieren und Hitler wird sich ihm unterordnen. In drei Monaten weht in Deutschland keine Haken- krcuzflagge mehr.« Unser Genosse zweifelte an, daß eine solche Entwicklung kommen werde und er verwies auf die schlappe Haltung von Sei lte, der seine Stahlhelmgruppen auflösen lasse und trotzdem im Kabmett bleibe. Darauf bekam er die Antwort:»Seldte bleibt mit Absicht im Kabinett, es wird sich bald zeigen, warum.« Sabotage der Bauern Die Bauern merken nach und nach, daß es ihnen trotz der höheren Preise immer schlechter geht. Von allen Dingen aber gefällt dem Bauern das System der Kontrolle nicht, das enger und enger wird. Der Bauer beginnt zu sabotieren wo er nur kann und er leistet auch manchmal aktiven Widerstand gegen die verschiedensten Abgaben. Das beweisen die vielen Verurteilungen gegen»Saboteure« des Winterhilfs werks, die jetzt im Westen erfolgen und die interessanterweise hauptsächlich Bauern treffen. Die Bauern werden in ihrer Wirtschaft kontrolliert, die Kontrolle findet oft heftigen Widerstand. So erfolgt bekanntlich eine Mengenkontrolle in der Milchwirtschaft. Der Kontrolle unterstehen alle Kühe und von der Behörde wird bestimmt, wenn es sich nicht mehr lohnt, daß eine Kuh gefüttert wird, daß sie vielmehr geschlachtet werden muß. Selbstverständlich soll auch durch die Kontrolle genau bestimmt werden können, wieviel Milch an die Molkerei abzuliefern ist. Uns wird nun von einem renitenten Bauern berichtet, der vom Bürgermeister aufs Rathaus bestellt wurde. Der Bürgermeister:»nun sagen Sie uns endlich, und ehrlich, wieviel Milch Sie eigentlich jeden Tag haben.« Die Antwort lautete:»Sagen Sie mir endlich, wieviel Gehalt Sie haben und dann werde ich Ihnen sagen, wieviel Milch ich habe.« Das ist gewiß ein Einzelfall; aber solche und ähnliche Aeußerun- gen gibt es heute zu hunderten. Es ist w i e zur Zeit der K r i e gs- Z w a n g s- Wirtschaft, wo der Bauer auch überall zu sabotieren suchte und wo er im Grunde die Behörden meist lahm legte. Wenn heute der Bauer renitent wird, so beweist das die Ohnmacht des Systems zun"-V. aut diesem Gebiete. Es wird sich sehr bald auch auf anderem Gebiete zeigen, weil der Zwang unerträglich wird. Der Kulturkampf Der Erlaß Görings hat den Kulturkampf zu voller Schärfe entfacht Im Westen war seit längerer Zeit eine erhöhte Aktivität der katholischen Kirche zu beobachten. Die Kirchen waren überfüllt, die katholischen Jugend- und andere Organisationen nahmen ständig an Mitgliedern zu. Zusammenstöße zwischen katholischer und Hitler- Jugend waren an der Tage» ar�fimig. Die Rede des Grafen v. Ga!en fn Münster war im Grunde nichts weiter als das Signal zum offenen Kampf und sie sollte als Fanal an die ganze Welt wirken. V. Galen will durch sein Beispiel die Märtyrer auf die kommenden Dinge vorbereiten und das katholische Volk darauf aufmerksam machen, daß es jetzt kämipfen muß, selbst wenn schwere Verfolgungen einsetzen sollten. Inzwischen ist das Uniformverbot für die katholischen Jugendverbände ausgesprochen worden. Auch in den Betrieben hat der Kampf gegen die Katholiken begonnen. Hier geht es gegen katholische Gesellen- und Arbeitervereine, die angeblich di-* Betriebsgemeinschaft stören und das Sammelbecken für ehemalige Gewerkschaftssekretäre« zu werden drohen. Eine derartige Aufspaltung der Betriebe, so sagen die Amtswalter der DAF, würde auf die Dauer zu Zwietracht in den Betrieben führen und damit dem Sinn des Gesetzes zur Ordnung der deutschen Arbeit entgegenstehen. Für uns ist nicht unwichtig, mit welcher Sorge das System die Entwicklung in den Betrieben betrachtet. Man fürchtet die wiederkommende»Zwietracht« in den Betrieben. Offenbar beobachten die Nazis, daß tatsächlich in den Betrieben der alte Geist des Klassenkampfes nicht auszurotten ist, daß die Arbeiter zwar schweigen, daß sie aber in stiller zäher Arbeit sich immer wieder sammeln. Die Nazis werden diese Tendenzen umso stärker zu spüren bekommen, je unzufriedener die Masse wird und sie werden zu spät oder nie entdecken, daß da etwas ganz anderes spielt, als die Ab sieht,»Zwietracht« zu säen. Es gibt eben keinen lebendigeren Toten als Karl Marx. Die Katholiken arbeiten stark illegal. In Köln ist an kleinere Verleger und Drucker, die katholisch sind, das folgende Schreiben gerichtet worden; »Wir Gottgläubigen kommen auf Wunsch und Willen unseres Retters der heüigen Kirche und Führers des Volkes zu Euch. Wir wollen Gott dem König und der Welt seine heilige Kirche wieder aufbauen. Darum haben wir Gläubige uns zusammengetan, für einen neuen Staat, und zwar wo diesmal die Kirche die Erziehung des Volkes leiten soll. Wir sind schon heute stolz darauf, daß wir bald unsere armen Kinder, die man zu Spöttern und Mördern erzogen hat, wieder den armen bedrückten Eltern zuführen können. Wenn wir auch leider im Dunkeln arbeiten müssen und unser Retter und Führer sich wegen Spitzel- gefahr nicht kundtun kann, so steigt unsere Mitgliederzahl doch von Tag zu Tag. Die Polizei wird bei Uebernahme der Regierung den Befehl erhalten, die Gottesleugner einer Anstalt zu übergeben, welche von Seelsorgern geleitet wird. Ebenso werden wir alles abschaffen, was nicht zur Kirche gehört.« Den katholischen Zeitungen droht man das Verbot an und wahrscheinlich wird man dieses Mittel auch anwenden. Der Katholizismus rechnet damit und ernsthafte Kreise bereiten schon jetzt die illegale Literatur vor. Daß es aber auch katholische Zeitungen gibt, die aus Angst vor dem Verbot sich selbst kastrieren, dafür liefert den Beweis die»Kölnische Volkszeitung.« Unzufriedene Pg's Die Unzufriedenheit in den unteren Gliederungen der Nazibewegung nimmt weiter zu und zum Teil schlimme Formen an. Die SA im Westen befindet sich quasi in Auflösung, soweit noch Reste bestanden haben. Dieser Zustand mag zum Teü darauf zurückzuführen sein, daß man im Westen nicht so sehr die»Disziplin« kennt, wie in anderen Landesteilen. Die SA- Leu; e schwänzen seit langem die Appelle, schimpfen auf die Bonzen und kritisieren das System. Sie fühlen sich verraten und machen heute mit der Kritik auch nicht mehr vor Hitler Halt.»Adolf« ist in ihren Augen nicht mehr so unschuldig wie bisher. Immer mehr wird auf die Hundertprozentigen geschimpft, die in den Aem- tern und Stellen säßen und die»alten Kämpfer« nicht ran ließen. Natürlich sind es meist egoistische Gründe, die mitspielen. Es beweist eben nur, wie recht wir hatten, als wir immer wieder darauf hinwiesen, daß die Nazifcewegung nur durch die beispiellose Demagogie und skrupellose Ausnützung der Unzufriedenheit zu solcher Stärke anwachsen konnte. Es ist schlechtestes Menschenmaterial, was man da in der SA angesammelt hatte; es fehlt aber auch jede weltanschauliche Grundlage für diese Bewegung. Darum wird die Zersetzung nach Meinung aller sorgfältigen Beobachter in Deutschland auch umso schnellere Fortschritte machen, je größer die wirtschaftlichen Schwierigkeiten werden. Allgemeine Gärung Der Westen befindet sich im Zeichen allgemeiner Gärung. Diese hat diesmal weitere Schichten ergriffen und sie geht tiefer. Die Unruhe wird gesteigert durch gewisse Ereignisse und Tatsachen. Z. B. wurde die SA gebietsweise alarmiert; allerdings folgten viele dem Befehl überhaupt nicht. Die Landjäger tragen ö f- f e n 1 1 i c h den Karabiner. Das gab es seit langer Zeit nicht mehr. Hinzu kommen Gerüchte verschiedener Art, die natürlich die Unruhe steigern. So spricht man, neben den schon angeführten Gerüchten, in verstärktem Maße von der Verhängung des Belagerungszustandes. Was der eigentlich bei dem Dauerbelagerungszustand in Deutschland soll, das weiß niemand zu sagen. Man erwartet eben irgendetwas Außerordentliches und so entstehen wahr- Dunkle Elemente Obwohl die nationalsozialistischen Dienststellen mitsamt der hörigen Presse die neuerlichen Judenprogrome gern auf »dunkle Elemente« abschieben möchten, ist die Kongruenz dieser Ausschreitungen mit der antisemitischen Zeitungshetze nicht nur aus Streichers»Stürmer«, sondern aus jeder reichs- deutschen Zeitung ersichtlich. Wenn man z. B. im»D r e s d n e r A n z e i g e r« liest, daß eben diese anonymen Elemente aber auch gar nichts mit der Partei und ihren Gliederungen zu tun hätten und nur ihrer Lust ziun Randaüeren frönten, so verrät sich doch schon im nächsten Satz die Genugtuung über die Heldentaten dieser angeblich so unliebsamen Radaumacher: »Auf der anderen Seite ist immerhin festzustellen, daß das Judentum, das in den letzten Monaten wieder zu vielen Tausenden die Flanierstraßen des Berliner Westens bevölkerte und dort allein rein zahlenmäßig provozierend auftrat,, wie vom Winde fortgeblasen ist.« Und alle»dunklen Elemente« werden den Wink zu schärferem Zupacken richtig verstehen, wenn sie lesen, daß»der Jude schon wieder so frech wie ehedem« sei und daß man die Juden in den Berliner Kurfürstendammlokalen schon wieder»in hellen Scharen an den Tischen sitzen und mauscheln« sehen könne, daß man aber nichts ändere»an der jüdischen Aufdringlichkeit und Anmaßung, indem man hier und da ein paar Juden ohrfeigt oder mit Kaffee begießt.« Kaffee allein tuts freilich nicht— erst wenn getreu dem nationalsozialistischen Marsch- liede das Judenblut vom Messer spritzt, ist der»grundsätzlichen« Einstellung zur Rassenfrage, die»eine Selbstverständlickkeit ist, über die nicht mehr diskutiert werden braucht«, Genüge getan. So offen und eindeutig, wie es jenes Mörderlied ausspricht, getraut man sich nur nicht es zu sagen, und man weiß ohnehin, daß auch Andeutungen»richtig« verstanden werden, wenn »nämlich bestimmte Gruppen unter den Juden sich schon wieder wohl fühlen in Deutschland«— hinterher hat man ja die dunklen Elemente zur Hand. So ist es überall. In Breslau hat die Gestapo nach dem Wortlaut der amtlichen Mitteilung»wegen Rassenschande in Verbindung mit unmittelbarer Gefährdung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung sechs männliche Juden und sechs sogenannte »deutsche« Frauen in Schutzhaft genommen. Diese sehen ihrer Ueberführung in ein Konzentrationslager entgegen.« Die parteioffizielle»Schlesische Tageszeitung« bringt zu dieser Bekanntmachung einen ausführlichen Kommentar, in dem ausgeführt wird, daß in Breslau bereits seit einiger Zeit Prangerumzüge stattfinden. Bewußt seien diese in größter Disziplin und Ruhe marschierenden Umzüge von Juden durchHohn- lachen und freche Bemerkungen provoziert worden. Juden haben Prangerumzüge provoziert! Das erinnert an jenen bissigen Witz, der von einem Juden erzählt, der bei seiner Verhaftung blutig geschlagen worden ist und nun weggeschleppt wird. Als ein mitleidiger Zuschauer fragt, was denn dieses armselige Männchen verbrochen habe, bekommt er zur Antwort, daß der Jude verhaftet werde, weil er so frech gezittert habe. Eine bezeichnende Illustration, zu der auch in der sogenannten»Rechtsprechung« des Dritten Reiches längst als üblich praktizierten Vogelfreiheit der Juden liefert eine Entscheidung, die Mitte Juli d. J. das O b e r 1 a n d e s g e r i c h t inMarien- werder gefällt hat Der jüdische Kaufmann Heimann Simonstein war vom Schöffengericht in Schneidemühl wegen Beleidigung und Verleumdung eines Pg. zu einem Monat Gefängnis verurteilt worden, weil er behauptet hatte, ein führender Nationalsozialist habe bei ihm, dem Juden, einen Mantel— gekauft Wie die»P r e u- ßische Zeitung« berichtet, hat das Oberlandesgericht dieses als zu mild erkannte Urteil des Schöffengerichts aufgehoben und zur nochmaligen Verhandlung an die Vorinstanz zurückverwiesen, weil das Schöffengericht in der Begründung nur den Kläger in seiner Eigenschaft als politischen Leiter und Angehörigen der NSDAP, geschützt, nicht aber die in dieser Behauptung enthaltene allgemeine EhrverletzungfürjedenVolks- genossen berücksichtigt habe. Denn, so sagt das Oberlandesgericht,»diejenigen deutschen Volksgenossen, die noch beute beim Juden kaufen, sind kein Teil des deutschen Volkes, der die öffentliche Meinung darstellt. Die deutsche öffentliche Meinung vertritt vielmehr die Auffassung von dem sittlichen Unwert des Einkaufens bei Juden. Die Frage, ob die deutsche öffentliche Meinung die Behauptung, ein deutscher Volksgenosse habe bei einem Juden gekauft, als E h- rer. kränkung empfindet oder nicht, ist nach Auffassung des Senats zu b e- j a h e n.« Presse, Gestapo und Justiz und mit ihnen alle Organe des Regimes sind sich einig in der hetzerischen Verfemung der Juden. Wenn dann diese methodische Aufwiegelung der emsig gezüchteten antisemitischen Neigungen zu tätlichen Ausschreitungen führt, deren Verteidigung dem Auslande gegenüber unbeouem und peinlich wäre, so sind es»dunkle Elemente« gewesen, die sich in die unschuldige Schäiclunhcrde der SA eingeschlichen haben. Und dabei wissen diese scheinheiligen Ucber-Tartüffcs gar nicht, wie recht sie haben: denn es sind ja alle miteinander wirklich dunkle Elemente, die heute In Deutschland regieren, Recht sprechen und öffentlicße Meinung machen. Manfred. Kerrls Erlaub Der Relohsminister K e r r 1 ist zum Kulturkampfminister mit der Firma»Reichskultusminister ernannt worden. Kaum war er ernannt, so ging er in Urlaub. Rückzug!— so sagte die Weltpresse. Die G ö b b e 1 s- sche Lügenzentrale aber verkündete: »Urlaub zur Vorbereitung auf die schwere Aufgabe.« Man stelle sich also den Kerrl vor, in stiller Klausur Uber Akten und Denkschriften, Gesetzen und Verordnungen brütend, im Eilzugstempo sich über die Probleme des Kulturkampfes informierend. Nichts davon! Die»DAZ« vom 28. Juli bericiitet: »Reichsminister Kerrl erörterte am Sonnabend vor einer Mitgliederversammlung der»Gezuvor«(Gesellschaft zur Vorbereitung der Reicbsplanung und Raumordnung) im Plenarsaal des Preußenhauses in einer grundlegenden Rede die Aufgaben der Reiohsstelle für Raumordnung. deren Leitung Ihm vom Führer und Reichskanzler übertragen wurde.« Es handelt sich um Gelände für Autostraßen, Exerzierplätze, Flugplätze, Kasernenbauten. Was hat dies mit der Vorbereitung für den Kulturkampf zu tun?, Die Opfer müssen zahlen! Das Polizeipräsidium Dresden hat einem aus dem Konzentrationslager entlassenen Arbeitslosen den folgenden Ukaa geschickt; Polizeipräsidium Dresden. Dresden- A, am... Schießgasse Nr. 7. Das Polizeipräsidium hat beschlossen, die Ihnen vom ehemaligen Schutzhaftlager Hohnstein berechneten Schutzhaftkosten in Höhe von RM____ für die Dauer Ihrer Erwerbslosigkeit, längstens bis.... zu stunden. Sie haben die Kosten alsdann in____ Raten von je RM____ zu begleichen, und bei Arbeitsaufnahme sofort mit der Bezahlung zu beginnen. Die Beträge sind an das Polizeipräsidium Dresden, Polizeihauptkasse, zu senden. Auch noch Lohn und Kosten für die Folterknechte! Die Schule als Spi�elinstltul Durch den Landesjugendpfleger in Hamburg wird eine peinliche Auafragung der Schuljugend vorgenommen. Die Schulkinder erhalten In der Schulstunde einen Fragebogen vorgelegt, den sie sofort unter Aufsicht ausfüllen und abliefern müssen. Eine Beratung mit den Eltern ist ausgeschlossen. Zu diesem Fragebogen befinden sich die folgenden politischen Fragen; Gehörst Du der HJ an?... Wenn ja, welcher Gliederung?... Wenn nein, warum nicht?... Gedenkst Du in der nächsten Zeit der HJ beizutreten?... Hast Du in der Ausübung Deines HJ-Dienstes S ch wl e f ig k'e l t®n in Elternhaus, Schule, Beruf?... Welche?... Warst Du vor Deiner Zugehörigkeit zur HJ Mitglied einer anderen Jugendorganisation?... Welcher?... Gehörst Du noch einer anderen Organisation(z. B. Sport. Guttempler, Kirchlicher, VDA) an?... Welcher?... Erwachsen durch den HJ-Dienst dadurch Schwierigkeiten?... Welche?... Liest Du Bücher?... Welche?... Nimmst Du an weltanschaulichen, wissenschaftlichen, kulturellen oder musikalischen Zirkeln, oder Volkshochschule, usw. teil?... Wenn ja, an welchen?... Wenn nein, warum nicht?... Das ganze ist ein einziges Spitzelsystem für die Hitler-Jugend, aber auch für die Gestapo— denn durch harmlose Kinderaussagen in diesem peinlichen Verhör können oppositionelle Eltern ins Netz der Gestapo geraten. scheinlich die verschiedensten Gerüchte, und es macht sich allgemeine unterirdische Unruhe bemerkbar. Ein bürgerlicher Journalist, der heute noch an einem gleichgeschalteten Blatte des Rheinlandes arbeitet, sagt: »Daß illegal gegen das System gearbeitet wird, fühlt jeder, aber es ist noch zu wenig. Alles, was gegen Hitler herauskommt, wird absichtlich als kommunistisch verschrien. Darin liegt System; man will dem Spießer Angst machen. Jedoch nützt das nicht mehr viel. Die Stimmung ist gerade im Mittelstand umgeschlagen. Ich war, wie viele andere, früher begeisterter Anhänger des Dritten Reiches; das ist längst vorüber. In bürgerlichen Kreisen schwindet immer mehr die Hoffnung, daß dieses Regime eine Besserung bringen würde. Allerdings hat niemand eine Vorstellung über das was kommen soll, es gibt im Bürgertum keine klare Vorstellung über die Zukunft. Man schimpft und hofft, daß irgendjemand anders die Dinge in Ordnung bringen würde; i selbst Handanlegen kennt man nicht. Das I Vom»deutschen« Sozialismus Im»deutschen Sozialismus« weiß man noch immer nicht genau, was eigentlich Sozialismus ist und genannt werden darf. So können immer neue Erfindungen auf diesem Gebiete gemacht werden. Major a. D. W. v. Stephan! hat entdeckt, daß»Wehrpflicht Sozialismus« ist. Abessinien ist also soeben auch sozialistisch geworden, man hat das Bürgertum ist und bleibt feige. Bei einem Vergleich der Stimmung von heute mit der vor einem Jahre ist man erstaunt, wie es möglich war, daß damals solch eine Begeisterung herrschen konnte. Im Winter Fing es dann mit Skeptizismus an und man entschuldigte sich bereits Hitler gewählt zu haben mit dem Hinweis:»ja, es war doch nichts anderes mehr möglich, und der Bolschewismus wäre gekommen.« Heute: »Es ist ganz egal, was da kommt, mehr wie banktrott können wir nicht werden.« Uebrigens meint man das mit dem Nicht- schümmerkommen auch mit Bezug auf den Krieg. Heute Redakteur zu sein, ist nicht einfach. Man muß sich winden und wenden, um nicht gefaßt zu werden. Besondere Vorsicht ist bei Berichten über Naziversammlungen geboten. Recht oft gibt es dort jetzt großen Krach. Schlägereien sind nicht selten. Wehe aber, wenn man das bericht- ten wollte. Ich glaube, die Zeit der Eroberung der Masseh durch die Nazis ist endgültig vorbei. Jetzt geht es abwärts mit ihnen.« ganz übersehen. Komischerweise hat nun aber gerade dieser Tage eine große liberale Zeitung festgestellt, es gibt nur noch zwei absolutistische Staaten; Abessinien und Deutschland. Nein, nach Stephani ist auch Abessinien sozialistisch, denn Wehrpflicht ist Soziallsmus. Pflichten, nicht Rechte kennzeichnen nach Stephani eine Gesellschaftsordnung. »So leben wir heute in einer Zeit des Ueberganges vom Kapitalismus zum Sozia- Iismus, als dessen ersten Vorläufer wir die vor mehr als hundert Jahren zuerst in Preußen eingeführte allgemeine Wehrpflicht ansehen können.« »Soldaten sind Sozialisten und die Offiziere sind ihre Führer. Ist der Soldat nur Sozialist während seiner Dienatjahre, der Offizier ist Soldat auf Lebenszelt.« Also die Offiziere sind die neuen Berufs- sozialisten! »So entsteht im Laufe des Jahrhunderts der beginnenden allgemeinen Wehrpflicht ein neuer Stand, der in sich den Sozialismus verkörpert.«(Wehrfront, Juli 1935.) Vorher wurde mit dem Begriff Sozialismus Schindluder getrieben und die Offiziere hätten sich mit Recht dagegen gewendet, Sozialisten zu sein, meint Stephani. Heute ist das ganz was anderes,»die häßliche Demokratie« ist dahin, die Arbeiter sind unterdrückt. die Junker sind wieder obenauf, jetzt können selbst die Reaktionärsten sich zum »Sozialismus« bekennen. Das deutsche Volk wird den»Berufssozialisten« schon noch sagen, was es unter Sozialismus versteht! Ignoranten und Dilettanten In der Literarischen Beilage der»Magdeburger Zeitung« Nr. 21 lesen wir: »Der gebildeten, geformten Welt das Wort reden, heißt unter Deutschen Verdächtigungen auf sich ziehen; es steht recht fragwürdig mit unserm Sinn für Form. Ja, es ist sogar zweifellos ein gewisser Haß der Form im Deutschen vorhanden. Das hängt mit seiner Neigung zum Dunklen, zum Traum und Tiefsinn zusammen. Nirgends hat Bewußtheit so viele Gegner wie bei uns, nirgends Unbewußtheit so viele Verehrer. Und da haben denn natürlich Ignoranten und Dilettanten mit ihrer Berufung auf die Inspiration es leicht!« Daß sie gegenwärtig nicht nur die Literatur, sondern ganz Deutschland regleren, die Ignoranten und Dilettanten, brauchte der ehrliche Bekenner nicht hinzuzufügen. Die Leser Werdens selbst gemerkt haben. Achtung in deutschen Eisenbahnen! In den durch Deutschland fahrenden internationalen Zügen fahren regelmäßig Gestapobeamte und Bahnpolizisten in Zivil mit. Sie beobachten die Reisenden und belauschen die Gespräche. Darum Vorsicht auf deutschen Bahnstrecken! Die Gestapo hört mit, und ein kritisches Wort kann Verschleppung in Schutzhaft bedeuten. Graf Helldorfs jüdische Schulden Erinnerung an einen ehemaligen»Spiel- Kameraden«— jetzigen Polizeipräsidenten von Berlin! Er ist also jetzt Polizeipräsident geworden, der>Graf«, wie er bei uns kurz genannt wurde. Viele hielten diese Bezeichnung für einen bloßen Spitznamen, den man diesem sich ewig in Geldverlegenheiten befindenden, reichlich heruntergekommenen aussehenden, aber stets in lässig-hochmütiger Haltung dastehenden jungen Mann gegeben hatte. Auch ich hielt den Titel für einen Spitznamen, bis er mir eines Tages einmal seine Familiengeschichte erzählte, aus der hervorging, daß er tatsächlich von irgendwelchem sehr verarmten Landadel abstammte. Er hatte immer »Dalles«, der Graf,— dieses jüdische Wort gebrauchte der neuemannte Polizeipräsident von Berlin sehr gern zur Bezeichnung seiner trostlosen finanziellen Verhältnisse— und das war wohl auch, wie er in Gesprächen mir gegenüber oft durchblicken ließ, der Grund, weshalb er sich den Nazis angeschlossen hatte. Er hoffte, dort etwas»zu werden«. Es gelang ihm jahrelang nicht. Auch als er schon bei der SA einen kleinen Führerposten hatte, verdiente er nicht genug. Und so versuchte er es immer und immer wieder»im Klub«. Aber er hatte meist Pech. Wie jeden echten Spieler hielt ihn das nicht davon ab, weiter zu spielen. Manchmal wechselte er den Schauplatz. Das heißt, er ging vom Klub am Kurfürstendamm in den Klub in der NUm- bergerstraße— selbstverständlich beides rein jüdische Unternehmungen— hinüber, um dort sein Glück zu versuchen. Aber der Wechsel des Schauplatzes— ein alter Spieleraberglaube!— half ihm nicht viel. Er war eigentlich immer im Verlust. War er dann, wie es im Berliner Spielerjargon heißt,»gänzlich ausgemistet«, so pumpte er gern einen der »Spielkameraden« an— nach der Rassezugehörigkeit fragte er dabei nicht, im Gegenteil, es waren zumeist Juden, die er dieser Ehre teilhaftig werden ließ. Einer, Inhaber einer kleinen Textil-Auskunftei in Berlin, ein Mann mit einem hageren Gesicht, buschigen Augenbrauen und einer stark gebogenen Hakennase, borgte ihm oft und gern»ein Pfund« = 20 Mark. Er ist vor einigen Monaten in Paris, wohin er emigriert war, an den Fol- gen.einerjiurch Unterernährung und �Sorgen entstandenen Tuberkulose gestorben. Ich Weiß nicht, ob ihm Graf Helldorf vorher seine alten Spielschulden bezahlt hat. Was ich noch von ihm zu bekommen habe, sind nur kleinere Beträge, da mal»ein Taler«, und da ein paar Mark. Ich werde ihn deshalb nicht mahnen. Als ich ihn das letzte Mal sah, hatte er schon bei der SA einen höheren Posten inne. Ich traf ihn zufällig vor seiner Wohnung, vor der zwei riesengroße SA-Männer Posten standen. Wir grüßten uns. Seitdem standen die SA-Männer stets,, wenn ich am dem Haus vorüberging, stramm vor mir, dem Juden... Siegfried Kohn. Deutsche Streiflichter Pogromhe�e— abgelehnt! Volkszorn eigner Art In Schillehnen(Ostpreußen) ist der Volkszorn ausgebrochen. Aber diesmal handelt es sich nicht um kommamdierte Demonstrationen, diesmal Ist er echt, der Zorn, und die»Preußische Zeitung« ist dumm genug, der Oeffentlichkeit von den— sicher nicht vereinzelten— Vorfällen Kunde zu geben. Sie berichtet unter der Ueberschrift»Judenzentrale in Schillehnen« folgendes: »Das Verhalten einiger Volksgenossen erregt berechtigten Anstoß. Es ist hier bekannt, daß jeder der beim Juden kauft, im amtlichen Bekanntmachungskasten der HJ angeprangert wird. Trotzdem kaufen Volksgenossen beim Juden Jundler weiter ein. ja, der Bauer Franz W. aus Duden Heß sich sogar zu der schändlichen Tat hinreißen, den Kasten der HJ wiederholt mit Wagenschmiere zu beschmutzen. Zeugen haben diesen Vorgang einwandfrei bestätigt. Mit dieser Schändung, die ein Faustschlag in das Empfinden jedes Deutschen darstellt, hat er sich außerhalb der Volksgemeinschaft gestellt. Nicht genug mit dieser Tat, ließ er sich sogar zu schmählichen Beschimpfungen hinreißen und drohte auch mit Gewalttaten. Ein zweiter Fall stellt direkt Volksverrat dar. Neben dem Juden Jundler hat der Friseur P. sein Geschäft. Es ist nun be- obachtet worden, wie Judenknechte wieder- holt durch diesen Laden�unD as Ende der Völkerbundspolitik«. Der Verfasser beschäftigt sich sehr kritisch mit der englischen Politik, die durch drei entscheidende Fehler: die Duldung des japanischen Angriffs gegen China, den Abschluß des Flottenabkommens mit Deutschland und die Haltung in der abessinischen Frage die Bestrebungen nach kollektiver Friedenssicherung zum Scheitern gebracht habe. In dem Artikel heißt es: »Das System der kollektiven Friedens- richerung und damit das der bisherigen Völkerbundspolitik hat jede praktische Bedeutung verloren. Japan, Deutschland und Italien stellen drei Mächte dar, deren Zielsetzungen nur auf kriegerischem Wege zu erreichen sind, die alle Kräfte ihrer Volkswirtschaft in den Dienst der Stärkung ihrer militärischen Macht gestellt haben, die den Krieg offen als Mittel ihrer Politik proklamieren. Der Aera der Abrüstungsillusion ist die Wirklichkeit einer fieberhaft betriebenen Aufrüstung in allen wichtigen Staaten gefolgt. Gegenüber den Angriffsbündnissen haben sich die bedrohten Mächte unter Führung Frankreichs zu Militärbündnissen zusammengeschlossen. Die Welt ist wieder zu dem Zustand des bewaffneten Friedens zurückgekehrt, wie in der Zeit vor 1914. England steht noch abseits. Und gerade sein Abseitsstehen vermehrt die Ungewißheit. Sein System der kollektiven Friedenssicherung ist in die Anarchie der scher Seite marschierte, kämpfte und starb. Sicherlich nicht mit dem Willen seines rechtschaffenen Verfassers ward das Buch so. Und doch_ welch ein Glück, daß es die, die in den Massengräbern der Wallache! oder Flanderns liegen, wirklich nicht mehr aufregen kann! Es war ein Buch, in dem der Weltkrieg wie ein laufendes Band, von lauter Ka- sernenhofwitzen und Landwehrmannsanekdoten abschnurrte... Schwamm darüber! Weggetreten! Nicht zuletzt grad durch diesen Beweis seiner schriftstellerischen Befähigung hat Kam'rad Seldte eigentlich alles schon vorweggenommen, was sich denn in seinem Lebens- und Amtskomplex mit innerster Notwendigkeit und Logik bisher abgehaspelt hat und abhaspeln mußte: Herr Hugenberg, der ihm nächste politische Streitgefährte im Kabinett Hitler, verabschiedete sich nach kaum einem halben Jahre recht dramatisch vom»Führer«.— K a m'r ad Seldte blieb! Herr von P a p e n, der Mentor und Garant der schwarz-welfl-roten Gesinnung in der Hitlerregierung durch das Vertrauen Hinden- burgs entrann nur mit knapper Not dem Mordkommando der SS am 30. Juni 1934. Kam'rad Seldte klebte unentwegt! Herr Düsterberg, Schulter an Schulter mit dem Waffengefährten Seldte auf allen feierlichen Bildern früherer»Stahlhelme-Paraden abgebildet, langjähriger Stellvertreter des Verbandsvorsitzenden seit der Gründung, er duldete im Konzentrationslager länger als ein halbes Jahr alle Schmach, die ihm die Hitlerregierung antat.— K a m'r ad Seldte rührte sich nicht! Pg. Röhm— mittlerweile auf Wink des »Führers« zur großen Armee berufen, wie man in diesem Falle wohl sagt— schaltete den Stahlhelm, Bund der Frontsoldaten mit einer lässigen Handbewegung gleich— Kam'rad Seldte verzog keine Miene! Der Generalissimus der Reichswehr, mit dem»Stahlhelm« durch freundschaftlichste und brüderlichste Beziehungen eng verbunden, der Freiherr Hammerstein-Equord mußte wochenlang in einer Infanteriekaserne vor dem Meuchelmord geschützt werden, nur, weil er Hlndenburg die Akten Uber die Ermordung Schleichers vorgelegt hatte.— Herr Seldte zuckte nicht mit der Wimper! • Und nun folgte grade in diesen Tagen ein rigoroses Stahlhelm-Verbot dem anderen. In Bayern, in Anhalt, in Erfurt, im Saargebiet — wo noch, wo noch?— gilt der Stahlhelmer der Gestapo jetzt genau so als Freiwild wie früher der»Marxist« oder katholische Kaplan. Herr Seldte ist immer noch Führer dieser»Frontsoldaten« und zugleich Minister, der alle Verantwortung mit übernommen hat. Aber— K a m'r ad Seldte fährt nach dem hohen Salzberg und küßt dem Tyrannen die Hand! Das hat er offensichtlich vom Mackensen gelernt, der diesen so echt kriegerischen Brauch seiner Zeit bei seinem Wilhelm einführte. Was für ein Frontsoldat? Aber auch was für ein Minister! Den Weltkrieg haben die wilhelminischen Deutschen nieht zuletzt auch dadurch verloren, weil der Mangel an Zivilcourage ein neudeutsches Volkslaster war, das in»höheren Kreisen« geradezu Orgien der schimpflichen Feigheit feierte. In welchem Lande hätte wohl der Monarch die Akten so lausbubenhaft beschmiert an seinen Reichskanzler zurückgeben können, ohne daß dieser noch in derselben Stunde bei ihm erschienen, die Mappe auf den Tisch geknallt und gesagt hätte; »Sire, suchen Sie sich zu solchen Späßen meinethalb eine Ihrer Balletteusen oder auch einen Ihrer Hofgeneräle, aber nicht mich als Ihren Kanzler und verantwortlichen Minister aus!« In Deutschland— aber auch nur eben in Deutschland— war das nicht nur möglich, sondern unter Caprivi, Hohenlohe, BUlow und Bethmann aktenkundig! So kann denn auch sicher Kam'rad Seldte nichts dafür, wie er schon im Kerzenschein seiner ganzen Un- männlichkeit und moralischen Unzulänglichkeit— sicherlich nicht in seinem Privatleben, aber da, wo auch nur ein wenig dies Privatleben ins Politische hinüberreicht— dasteht! Ein deutscher»Frontsoldat« in der politischen Unterhose! Ein Typ des Spießers, der das Unglück hatte, einmal Soldat spielen zu müssen und Staatsmann werden zu wollen! Nein, wir sind, wie die Franzosen sagen, keine kriegerische— wir sind höchstens eine militärische Nation! Herr von Mackensen läßt sich von dem Mörder seines Kameraden Schleicher eine Domäne schenken und zieht sich mit der Uebereig- nungsurkunde schmunzelnd aus der Affäre Drittes Reich; er hat sich persönlich salviert! Kam'rad Seldte denkt an Pension und Mini- sterspesen und putzt weiter dem»Führer« darum die Stiefel: Eis kommt ganz auf dasselbe in bezug auf die Charakterlosigkeit hinaus! F. E. Roth. Ein Fehlschlag der Geslapo Das Werk des bekannten Historikers und Rüstungsexperten Dr. Wolfgang Hallgarten:»Vorkriegsimperialis- m u s«, von dem seinerzeit im Zusammenhang mit der Affäre Wesemann viel die Rede war, ist nunmehr erschienen. Hallgartens Buch, das Ergebnis siebenjähriger Vorarbeit in deutschen Bibliotheken, politischen und Zeitungsarchiven, ist von der deutschen Regierung bereits als Manuskript verfolgt und verboten worden, und zwar offenbar aus Sorge vor Komproraittierung ihrer agrarischen und industriellen Hintermänner. Da diese Verfolgung ohne Ergebnis blieb, wurde der Gestapospitzel Wesemann vorgeschickt, der sich im Herbst 1934 und im Februar 1935 mit Hallgarten in Verbindung setzte, um dessen Material in die Hände zu bekommen. Wesemanns Bemühungen, die ebenfalls scheiterten, galten besonders den sensationellen politisch-ökonomischen Dokumenten, die nun durch die Herausgabe des Hallgartenschen Buches der Oef- fentlichkeit zugänglich werden. ReSchspropa�ancIa Setze den Satz;»Lügen haben kurze Beine« in die Einzahl! E i n Lügner hat ein kurzes Bein! Herrschaft der Lause jungen. Ein Lehre r in Speyer wurde in Schutzhaft genommen, weil er versucht habe, der HJ Schwierigkeiten zu machen. Seine Verhaftung war in einer Protestkundgebung gefordert worden. Die»NSZ-Rheinfront« teilt Jetzt mit, daß der verhaftete Lehrer vom Ministerium vorläufig seines Dienstes enthoben worden sei; die Angelegenheit werde auf dem Disziplinarwege ihre Erledigung finden. kann, semerzeft nlflht die nicht diesen zudringlichen K5- An- einsperren nige, jetzt Streicher.« Ein Jfihr später wurde Bäumler Privatdozent der Philosophie an der Technischen Hochschule in Dresden. Er blieb der liberalen Publizistik treu, treu auch der heute so verschrieenen»liberalen« Wissenschaft. Von ihm selbst ist keine Leistung schöpferischen Ausmaßes hervorgegangen. Sie ist auch nicht von ihm zu erwarten. Er gehört zu den Gelehrten, auf die weniger Leben und Welt als die Literatur über Leben und Welt wirken. Er schrieb Kommentare zu Kants, zu Hegels, zu Nietzsches Lebenswerk. Ueber Nietzsche noch 1929 ganz»liberal«. Er feiert ihn als »guten Europäer«, als Antipreußen, als das Genie über alle Vaterländer hinaus. Im letzten Jahrzehnt ist die Philosophische Anthropologie als eine angeblich neue Disziplin erstanden. Eäumler gab 1930 ein Handbuch der philosophischen Anthropologie heraus, an dem die verpönten liberalen Professoren, darunter später disziplinierte und fortgeschrittene Professoren wie Theodor Litt, Ernst von Aster, Weil, der Verteidiger der Relativitätstheorie mitgearbeitet haben. Nach den Septeanberwahlen von 1930 streifte Bäumler den liberalen Geist ab. Er hielt Vorlesungen Uber politische Pädagogik, mehr und mehr im Geleise der nationalsozialistischen Ansprüche. Ein Jahr später war er eifriger Mitarbeiter des»Völkischen Beobachter« und nach Hitlers Machtantritt erklomm er im Galopp die oberste Stufe der Universitätskarriere. Er sitzt heute auf dem Lehrstuhl Fichtes, leitet das politisch-pädagogische Seminar, und spricht, mit allen deutschen Kultusministerien in Verbindung stehend, das maßgebende Wort in Erziehungsfragen politischer Natur. Seither haben sich in seinem Kopf, wie Ibsen sagt, die Lichter verstellt. Mißachtungen wurden Bewunderungen, Flüche haben sich in Segen verwandelt und umgekehrt. Am 18. Januar 1934 hielt er zum Gedenktag der Errichtung des Kaiserreiches die Festrede. Er verglich Hitler mit Bismarck und wies Bismarck die Rolle de« Vorläufers von Hitler zu. Hitler sei aber mehr, als der Vollender Bismarcks; Deutschland nach dem Willen Hitlers sei ein Weltreich auf»Ueber-Bismarckscher Konzeption.« Bedeutendes wunde jetzt Bagatelle oder ee behielt seinen Wert unter verändertem Gesdchtspunkt. Nietzsche, Kant, Hegel sind zwar noch Große, aber als Vorkämpfer des Nationalsozialismus. Cohen, Husserl, Slmmel, Freud und was sonst durch Person und Werk gegen den Quatsch der Blubotheorie spricht, existieren für ihn nicht mehr. Die Altäre sind nach Walhall verlegt worden. Ob auch sachliche Gründe diesen Auffassungswandel vollbracht haben? Von befreundeter Seite wurde mir mitgeteilt, daß die kulturgeschichtlichen Schriften des Schweizer Juristen Jakob Bachofen, Bäumler den Natlonalsozialismue zugetrieben haben. Möglich, dann muß er aber ein schlechter Schüler von Kant. Hegel, Nietasche etc. gewesen sein. Ich glaube, daß dieser Gesinnungswandel anders vor sich gegangen ist. Der kleine Krümel Alfred Bäumler, eine komische Figur, wenn er— anno 1923 tat er es bereits mit Vorliebe — in militärischen Langstiefeln herumstampft und im knurrenden Kommandoton kurz und abgehackt, spricht, ist wie Göbbels vom Machtkoller besessen. Die Chance. Machtpositionen zu erlangen, lagen schlecht für ihn in der Republik. Privatdozent an der Technischen Hochschule in Dresden, zu mehr hat er es trotz seiner 46 Jahre im vorhitlerl- schem Deutschland nicht gebracht. In einem kommenden Dritten Reich, da« begriff er, würde das ganz anders sein. Da lief er in das Hitlerlager über. Er hat die Gabe, zu den maßgebenden Personen vorzudringen, und in ihrem Sinne praktisch richtige Vorschläge zu machen. Den Simpliziaadmus für die europäische Kultur retten, das war geschickt; das Lehramt für politische Pädagogik gründen, das war auch geschickt, das bedeutete akademische Propaganda für den Nationalsozialismus, das konnte Hitler brauchen. So hat sich diese Klettergurke hinaufgewunden zum Nachfolger auf dem Lehrstuhl Fichtes, zum Präzeptor Germaniae, ein Hohn auf den Titel in seiner echten Bedeutung. B. AUmann. AtßeiisitCki juis Wir W nrIrmrTWUWFWrIrwww f WWW�rWwW�r�rWrw��wWww mW Der kühne Ley Am Grabe der Bergwerksopfer in Mengede sagte Dr. Ley; »Das Hadem hat wenig Wert. Ihr wüßt, daß Arbeit mehr ist als nackter Materia- Iismus. Ob Ihr feige und zaghaft dem Schicksal zu entrinnen versucht, es wird Euch nicht gelingen. Das Schicksal fordert seinen Preis.« Dieser Ley kommt frisch aus dem gepolsterten Amtssessel und fordert die rußgeschwärzten Kumpels auf.»nicht feige und zaghaft zu sein«. Ihm selbst ist dabei wohl kaum speiübel geworden— aber den andern. Je mehr die Opposition der verschiedenen Volksschichten in Hitler-Deutschland anwächst, je breiter und vielgestaltiger die antifaschistische unterirdische Bewegung zu werden droht, umso verzweifelter werden die Abwehrversuche des Regimes. Die entschiedene Ablehnung des Faschismus durch die Massen der Arbeiter lugt schon aus allen Ecken und Enden hervor, aber selbst das Unternehmertum macht aus seinem Skeptizismus gegenüber der gelben Arbeitsfrontkaseme kaum noch ein Geheimnis. So hat der Ley kürzlich auf einer Konferenz mit den Industriellen, denen die wachsende Unruhe in den Betrieben nicht verborgen geblieben ist, einige Vergleiche zwischen der alten Gewerk- schaiftsorganisation und seinem soldatischen»Arbeitertura« zu hören bekommen. Es ist auch nicht unbekannt geblieben, daß Ley recht krampfhaft nach Sachkennern sucht, die ihm den»Weg zum gerechten Lohn« zeigen könnten; es will nicht gelingen. Die Arbeitsfront hat sich daher erneut auf das»kulturelle Gedankengut« ihrer Arbeitsorganisation geworfen, um mit einem Propagandafeldzug für»Kraft durch Freude« beruhigend zu wirken. Eine Flut von Agitationsschriften über die»Erste Reichstagung der NSG»Kraft durch Freude« in Hamburg ergießt sich auf die Volksgemeinschaft. Innerhalb der Betriebe sollen die Arbeiter und Angestellten durch die in Jahrzehnten anfangs unter den härtesten Verfolgungen der preußischen Reaktion und später mit Unterstützung des Volksstaates aufgebaut hatte. Die Naziabteilung für Schule und Volksbildung, die nach den Hamburger Reden alle Formen der Kulturgemeinschaft mit sozialistisch revolutionärem Geist erfüllt haben soll, hat im Büdungswesen der Arbeiterbewegung gehaust wie die Vandalen. Bei den Kleinen angefangen ist eine stürmisch voranschreitende Kinderfreundebewegung mit 500 Ortsgruppen zertreten worden. Die Roten Falken, die in ihren vorbüd- lichen Kinderzeltrepubliken nicht nur körperliche Erholung für ihre jungen Bewohner gebracht haben, wußten auch durch Selbstverwaltung, Gemeinschaftsgeist, Solidarität, Hilfsbereitschaft und Verantwortungsbewußtsein zu wecken. Eine aufstrebende Jugendbewegung von Partei und Gewerkschaft durfte vor dem Erscheinen des Ley selbst mit eigener. Kraftentfaltung und unter eigener Zielsetzung für den Urlaub, für eine erträgliche Arbeitszeit auf den übrigen gesetzlichen Jugendschutz wirken und kämpfen. Sie durfte wandern und Sport treiben, sie durfte eine weltanschauliche Linie, eine sozialistische Gesinnung haben. Die heutigen Jugendretter haben die letzte Jugendherberge der Arbeiterbewegung geraubt, an ihren Jugendheimen ist der Eintritt für selbstbewußte Jugendliche verboten. Eine sozialisti- »Schönheit der Arbeit« über ihre sehe Student enbewegung, die soziale Not hinweggetäuscht werden. Blühende Blumentöpfe und Grünflächen sollen die verschandelte Sozialhygiene in den trüben und staubigen Fabrikhöfen vergessen machen. Außerhalb der Arbeitszeit soll der Arbeiter durch die faschistische Feierabendsorganisation von seinen Ausbeutern beglückt werden. Die faschistischen Unternehmerknechte können es nicht verstehen, daßdie e 1 e m e n t a r s t e V o r a u s- setzung jeder sozialen Freizeit o r g a n i s a ti o n ihre Selbstgestaltung durch die Arbeiter sein muß. Die werktätigen Männer und Frauen, die von früh bis nacht in monotoner Teilarbeit an die Maschine gebunden sind, sehnen sich nach freien Stunden, die ihnen eigenen Lebensraum verbürgen. Die »Kraft-durch-Freude«-Organisation aber bezweckt, den arbeitenden Menschen auch noch in seinen kärglichen freien Stunden in den Bann der kapitalistischen Gesellschaft zu zwingen. So war denn auch die Hamburger Tagung ein»Volksfest« mit allen Kennzeichen und Merkmalen der konstruierten braunen»Volksgemeinschaft«. D i e Bonzen waren vollzählig versammelt, aber auch eine Anzahl begnadeter Arbeiter wurden hingeführt, um die nötigen»Seelenschwingungen« zu bekommen. Tänze und Spiele leiteten das Volksfest ein, um dann den Erwählten auch musikalische Darbietungen zu geben. In »Stein und Erde« berichtet der Leitartikler von seinem mitgebrachten Arbeiter: »Ich mußte seine Hand fassen, da er kaum den Jubel zu bändigen vermochte, der sich in ihm löste«. Nach den üblichen Reden brachte der Schlußtag ein»preisgekröntes chorisches gegen das Bildungsprivileg der Besitzenden ankämpfte, ist im Lande der»Kraft durch Freude« gewaltsam aufgelöst worden. Wo sind heute die unzähligen Einrichtungen für Arbeiterbüdung und Volksbildung, die mühsam aus den Groschen einer opferbereiten und bildungshungrigen Arbeiterschaft errichtet wurden? Was ist aus den Volks- A rb e i t e r h o c h s c h u 1 e n geworden? Wie haben die Nazi Landsknechte wissenschaftlich und historisch wertvolle Büchereien zerrissen und verbrannt! Auf allen Gebieten der Arbeiterkulturbewegung, sei es Jugendorganisation, Bildungswesen, Sport, Gesang oder Arbeiterradiobund haben die Nazis das Selbsthilfewerk der Arbeiter mit Keulen zerschlagen und heute möchten sie vom schaffenden Volk auch in den Stunden der Freizeit Besitz ergreifen. Aber die heutige Geselligkeits- und Festkultur läßt sich überhaupt nicht vergleichen mit der von der sozialistischen Arbeiterbewegung entwickelten Volkskunst. Volksbühnen, die für den schaffenden Menschen soziales und künstlerisches Erleben waren, sind heute Stätten für die Darbietung seichter Nazigaukelei. Das Theater und der Rundfunk sind dem Kitsch preisgegeben. Die sichtbaren Ansätze der proletarischen Bildungsorganisation zur Gestaltung volkstümlicher Musik und die Erziehungsarbeit in den Massen zum Verstehen und Genießen großer Tonwerke wurden weggefegt, damit sich der Arbeiter von früh bis nachts an die Klänge der Militärmärsche gewöhnen kann. Die Arbeitsfront ist in einer kritischen Lage. Die Frage Arbeit und Lohn vermag Ley nicht zu lösen. Arbeit und Kunst aber müßte, wenn diese Frage nun zur Debatte gestellt werden soll, in der deutschen Arbeiterschaft Erinnerungen an die Vergangenheit auslösen, die erst recht kein Anlaß sein können, sich mit der Gegenwart abzufinden. Die psychologischen Mittel der Arbeitsfront, durch Büd- werke aus der Werkstatt des Arbeiters die Majestät der Arbeit zu verherrlichen und durch andere künstlerische Versuche das Idealbild der Arbeit aufzuzeigen, mögen hier und dort solange gewirkt haben, als noch Hoffnungen bestanden, daß die Idealisierung der Arbeit auch irgendwelche soziale Hilfe für die Träger der Arbeit im Gefolge haben würde. Heute offenbart sich dem deutschen Arbeiter seine schlechte und unsichere Lage wie ein unentrinnbares Schickal, solange die Hitlerdiktatur am Ruder bleiben darf. Psychologische Besänftigungsmittelchen und noch soviel Arbeiterschmeichelei vermögen die Arbeiter nicht mehr zu beruhigen. Wenn Ley in Hamburg resümierte:. »Wir wollen uns freuen, damit wir Kraft bekommen«, so weiß die geknechtete Arbeiterklasse Deutschlands nur zu gut. daß Lebensfreude, Freude am Werk, Freiheit und Recht nur wiederkehren können, wenn sie selbst die kollektive Kraft entfaltet, die zum Sturze des Faschismus führt. Wir wollen alle Kraft zum antifaschistischen Kampfe sammeln und entfalten, damit wir uns wieder des Lebens freuen können! »Rein deutsches Geschäft« Wer nicht zahlt, gilt als Jude In den ersten Monaten der Hitler-Herrschaft machten die Nationalsozialisten mit den bekannten»Firmenschildern« gute Geschäfte. Für zwei, drei oder mehr Mark mußten die arischen Ladeninhaber ganz gewöhnlich Pappschilder mit dem Aufdruck»rein deutsches Unternehmen« erwerben und sie an sichtbarer Stelle anbringen. Festspiel6»D�ut�he lHeimlcehr«,"von"dem Wer � weigerte, die getarnte Sondersteuer das erwähnte Blatt der Arbeitsfront selbst schreiben muß: »War so in der Hanseatenhalle das Spiel von der deutschen Heimkehr eine arge Enttäuschung für alle diejenigen, die em großes und echtes Kunstwerk suchten und die ein mißglücktes Experiment erleben mußten, so sei doch gesagt, daß es besser ist, überhaupt etwas zu unternehmen, als mit erhobenem Zeigefinger vor einer allzu raschen Entwicklung des Volksschauspiels zu warnen... Vielleicht muß erst ein neues Geschlecht heranwachsen, um das neue Ethos der Arbeit künstlerisch zu erklären und in seinen letzten Tiefen auszudeuten« Dieses Spiel konnte freilich nicht gelingen, denn echte Volkskunst muß wahr sein. »Heimkehr« aber war, wie der Deutsche Bergbau meint, ein Versuch der Kunstschöpfung aus dem Gemeinschaftsleben. Die Nazilüge von ihrer Volksgemeinschaft aber bleibt, auch auf die Bühne übertragen, nichts als Lüge. Der Festredner Ley, der dem deutschen Arbeiter seine Organisation, sein Recht und jede Entfaltung seiner Persönlichkeit geraubt und unterbunden hat, erzählte, daß»Kraft durch Freude«»dem deutschen Arbeiter das Leben wieder lebenswert gemacht« habe. Für Lebensbejahung und Lebensfreude gibt es nur ein Rezept:»Unser Rezept heißt Adolf Hitler«. Eine Million Arbeiter und Angestellte durften Ferienreisen machen, zu denen sie vorher gespart hatten, als wenn es vor Hitler niemals organisierte Ferienfahrten gegeben hätte.»Der schlichte Werker hat unter Hitler Zugang zu den Palästen der Kunst, er darf eintreten in die heiligen Hallen der Musik, er hat Teil an jenen geistigen Gütern der Nation, die ihm früher ewig verschlossen erschienen.« Der Deutsche Holzarbeiter läßt in seiner Verzük- kung über die Hamburger Tagung die Gedanken auch einmal in die Vergangenheit schweifen, »in eine Zeit, die doch noch drei Jahre her ist, jene Zeit, in der zwar Teile des Volkes auch Feste feiern durften, während ein anderer Teil kaum wußte, wovon er das Leben fristen sollte.« Der Ley hätte hinzufügen können, daß es noch keine 3 Jahre her sind, seit er selbst das große Werk der proletarischen Bil d u n g s o r g an i s a t i o n barbarisch zerstört hat, das die Sozialdemokratie und die freien Gewerkschaften zu entrichten, setzte sich groben Unannehmlichkeiten aus. Später sind die Inschriften nach und nach verschwunden, es stellte sich heraus, daß die meisten Käufer davon eher abgeschreckt als angezogen wurden. Nun aber sind die nationalsozialistischen Geschäftemacher von der Volkswohlfahrt darauf gekommen, daß hier eine ergiebige Einnahmequelle vernachlässigt wird, und da sie ständig darauf aus sind, neue Erpressungen in die Wege zu leiten, erlassen sie— zunächst für Ostpreußen— folgenden Aufruf: »Alle deutschen Firmen, Betriebe, Unternehmungen und Körperschaften jeder Art in Ostpreußen, werden hiermit aufgefordert, ihre Firmenmitgliedschaft bei dem Amt für Volkswohlfahrt, Gauamtsleitung Ostpreußen, Königsberg Pr., Jägerbof 6, zu erklären... Das Firmentürschild der NSV, das jedes deutsche Firmen- oder Körperschaftsmitglied erhält und am Eingang der anzubringen hat, kenn- nicht mehr als deutsch angesprochen werden können«, d. h. gegen Mißliebige aus allen Lagern. Die Schnorrerei ist systematisch ausgebaut, und der Kreis der niederzuknüppelnden Konkurrenten ist erweitert worden. Das Dritte Reich wird schöner mit jedem Tag. Staatsgefährlldies Wahrsagen Wie das»Berliner Tageblatt« mitteilt, hat das Thüringer Innenministerium»alle Arten des Wahrsagens« aus Gründen der Staatssicherheit und der öffentlichen Ordnung verboten. Weissagt auch schon der Kaffeesatz Herrn Hitler nichts gutes? Itec'Uommrte ©ojittWcrnüfraHfcljCß tDedjrnblaH Herausgeber: Ernst Sattler; verantwortlicher Redakteur: Wenzel Horn; Druck:»Graphia«; alle in Karlsbad. Zeltungstarif bew. m. P. D. ZI. 159.334/VII-1933. Printed in Czecho-Slovakla. Der»Nene Vorwärts« kostet im Einzelverkauf innerhalb der CSR. KS 1.40(für ein Quartal bei freier Zustellung Kö 18.—). Preis der Einzelnummer im Ausland Kö 2.—(Kö 24.— für das Quartal) oder deren Gegenwert in der Landeswährung(die Bezugspreise für zeichnet für alle Welt nach außenhin, daß das Quartal stehen in Klammern): Argentinien Geschäftsräume dies Unternehmen(diese Körperschaft) deutsch ist und seine Pflichten gegenüber dem deutschen Volke und der Volksgemeinschaft regelmäßig erfüllt. Es darf in ganz Ostpreußen kein deutsches Unternehmen und keine deutsche Körperschaft geben, die nicht Mitglied der NSV ist.« Erläuternd fügt die amtliche»Preußische Zeitung« hinzu: »Es wird nicht jede Finna als Firmenmitglied der NSV aufgenommen. Vielmehr kommen hierfür nur deutsche Unternehmen und Betriebe in Frage. Als deutsch gilt ein Unternehmen, dessen Kapital in deutschen, nichtjüdischen Händen liegt. Kapital von Deutschen, die nicht mehr als deutsch angesprochen werden können, gilt ebenfalls als nichtdeutsch.« Pes. 0.30(3.60), Belgien Frs. 2.45(29.50). Bulgarien Lew 8.—(96.—), Danzig Guld. 0.45 (5.40), Deutschland Mk. 0.25(3.—), Estland E. Kr. 0.22(2.64), Finnland Fmk. 4.—(48.—), Frankreich Frs. 1.50(18.—). Großbritannien d 4.—(Sh. 4.—), Holland Gld. 0.15(1.80). Italien Lir. 1.10(13.20), Jugoslawien Din. 4.50 (54.—). Lettland Lat. 0.30(3.60), Litauen Ut. 0.55(6.60), Luxemburg B. Frs. 2.45(29.50), Norwegen Kr. 0.35(4.20), Oesterreich Sch. 4.40(4.80). Palästina P. Pf. 0.020(0.216), Polen Zloty 0.50(6.—), Portugal Esc. 2.— '24.—). Rumänien Lei 10.—(120.—), Schweden Kr. 0.35(4.20), Schweiz Frs. 0.30(3 60), Spanien Pes. 0.70(8.40), Ungarn Pengö 0.35 (4.20), USA. 0.08(1.—). Einzahlungen können auf folgende Post- Tschechoslowakei: _______________ scheckkonten erfolgen: T""77 j Zeitschrift»Neuer Vorwärts« Karlsbad. Prag Es sind also gegenüber dem Frühjahr 1933 46-U9 Oesterreich:»Neuer Vorwärts« Karlszwei Fortschritte zu verzeichnen; erstens bad Wien B- 198.304. Polen:»Neuer Vorwärts« haben sich die Firmenschilder erheblich ver- Karlsbad. Warschau 190.163. Schweiz:»Neuer Vorwärts« Karlsbad. Zürich Nr. VIII 14.697, feuert, denn ihre Erwerbung ist jetzt mit dem Beitritt zur NS-Volkswohlfahrt und mit der Ungarn:, Anglo-Cechislovakische und Prager Creditbaiik Filiale Karlsbad. Konto»Neuer Zahlung eines beträchtlichen Jahresbeitrages Vorwärts« Budapest Nr. 2029. Jugoslawien: verknüpft; zweitens richtet sich der Schilder- Anglo-Cechoslovakische und Prager Credlt- feldzug nicht mehr allein gegen die Juden, F�,liale?eifTa�',»Neuer Vor- _,_____..., ,, wärts«, Beograd Nr. 51.005. Genaue Bezeich- sondem auch gegen»solche Deutsche,(he nung der K*nten � erforderlich.