Nr. 114 SONNTAG, 18. August 1935 isW 1 1 d und Hund«(Nr. 31 ds. J.) begegnet uns die folgende erbauliche Mitteilung:: »Vor kurzem erhielt die Gauleibung der NSDAP des Gaues Süd-Hannover-Braun- schweig ein Schreiben, in dem wieder einmal der vorbildliche Gedet der deutschen Volksgemeinschaft zum Auadruok kam. In diesem Schreiben bittet nämlich der Revierförster D. aus W. im Oberharz die Gau- iedtung um Ueberweiaung eines bewährten Kämpfers für eine vierzehntägige Erholungszeit. Diesem Gaste solle gleichzeitig der Abschuß des einzigen dem Förster in seinem Revier zustehenden Rothirsches übertragen werden. Bs braucht wohl nicht besondere betont zu werden, daß grade dieses letztere Zugeständnis für einen Förster und Jäger ein besonderes Opfer bedeutet, das in Deutschland bisher wohl einzig dastehen dürfte. Aber grade dieser Opfergeist verdient als vorbildlich und zur Nachahmung empfohlen(!) hingestellt zu werden. Der Fall zeigt im übrigen, daß im Oberharz nicht nur die bewährte deutsche Gastfreundschaft, sondern auch der Geist der Volksgemeinschaft lebt, wie ihn der Nationalsozialismus sich wünscht.« Man darf getrost dem Schreiber dieser Notiz, der wahrscheinlich der Herr»Gauleiter« von Süd- Hannove r- Braunschwedg selbst oder doch sein Sekretär, Adjutant, Stabschef oder wie man sonst das wohl jetzt nennen mag, ist, versichern, daß es allgemein ungeheuer verständlich erscheint, daß sich der Nationalsozialismus solche»Fälle« noch viel mehr wünscht. Der bewährteste Kämpe ist ja sicher aus dem ganzen Gau der Herr Gauleiter selbst. Oder etwa nicht? Folglich gehört der Rothirsch keinem anderem als ihm, was nicht minder logisch und gerecht ist. Der Herr Gauleiter hat zwar bereits ein dickes Gehalt. Wahrscheinlich ist er auch noch Reichstagsabgeordneter im schwierigen Nebenberuf mit einigen 600 Mark oder Staatsratsmitglied mit 1000 Mark Diäten monat- lich;fcusätzHch seines Gehaltes und seiner Spesen. Aber auch den Rothirsch kriegt er noch für naß, und die vierzehn Tage Gratia- Pension im Försterhaus dazu. Das soll etwa keine deutsche Volksgemeinschaft sein!? Bs ist selbstverständlich, daß der»Fall« ausdrücklich zur Nachahmung in der Mitteilung der Gaugeschäftsstelle empfohlen wird! Mit anderen Worten: Wer schenkt dem armen Pg. Gauleiter nun noch ein Dutzend wollene Unterhosen, ein Wochenendbaus und einen Horch- Achtzylinder? Postkarte an die Gauleitung der NSDAP des Gaues Süd- Hannover-Eraunschwedg genügt! • In Nr. 212 des»Völkischen Beobachters« wird dreispaltig über einen»glänzenden Verlauf der Münchener Festspiele« berichtet. Daß»Rosalind von Schirach als Bisa« dabei in Funktion getreten ist, wird durch einen besondere fetten Untertitel unter der Hauptüberschrift(siehe oben!) hervorgehoben. Rosalind von Schirach— das ist freilich die Schwester des Alfred Kerr; Die HotikoUu xds Uaffe) Eh kann nicht schaden: die erzwungene Gemeinheit eines gedrosselten Europateils festzuhalten, druckschriftlich und im Bild. Den Zustand einer zur Hälfte viehischen, zur Hälfte bedauernswerten Menschen gruppe sogar mit Lächeln zu belichten. Das Verzerrende wiederum in der Verzerrung zu beschwören—(so daß wenigstens ein bißchen moralischer Ausgleich entsteht). n. Gewiß, das alles vertreibt Hyänengeschöpfe nicht aus Ihrem befestigten Stall. Das versperrt nicht ihre feig und schlau betonierten Mordstraßen. Doch etwas nicht zu tun, bloß weil es vielleicht nicht nützt, ist nichtsnutzig in gewissen Fällen. Vor Jahr und Tag schrieb ein damals blutjunger, sonst viel zu weicher Schriftsteller, der seitdem verscholl, namens Georg Hirech- feld, ein Stück— und von allem, was er je verfaßt, blieb nur ein Jugendwort hieraus im Gedächtnis:»Man muß protestieren!« Nämlich: ohne Rücksicht auf die Wirkung. Hier ist das frühe Facit eines ganzen Lebens; das U eberdauemde; die Kerngiiltigkeit eines Imperativs. Man muß protestieren. Und würden auch zwanzig europäische Ministerien unheilbar nazipbil; und streckten auch zwanzig ministerielle gentlemen zur Stärkung von Folterem, Brandstiftern, Gaunern, Rückbremsem, Kastrierem, Quacksalbern, Jahrmarktmystikem, Menschenjägern ihnen zwanzigmal eine(künftig nicht leere) Hand hin— mit zwanzigfachem Rechtfertigungsvorwand: man muß protestieren. m. Auch der Spaß kann»feststellen was ist«. Was der Nazi(trotz einer gestumpften, vergessenden, sich gewöhnenden Welt) bleibt. Der typische dumme Kerl— mit affenartiger Fähigkeit saun Drill.(»Organisation«). Der wolkige Fettkopf mit Frechheit. Der geborene Zurückschrauber des kosmisch Erreichten. Der Vorzeitmensch mit heutiger Technik. Der tölpdsche Todfeind ethischer Entwicklungen, dickfellig-rückfällig. Der Gewaltechma rotzerr im Besitz der(von Andren errungenen) Erfindungen— die er wuchtend und dummschlau sich aneignet zu mystopathetisch über- tünchtem Raub. Der Gerissene, der sich reich macht, indeß ein gedrilltes Land verelendet. Der Träger einer Quatschtheorie von unwahrscheinlichem Tiefstand. Der trübste Wirrschädel mit ausgesprochenem Sinn für Abrichtung— und Hinrichtung. Der bedenkenloseste Preller,»Pferdejud«, Lügner aller modernen Geschichte... mit der Fälschungsgeste des Erneue ns. Den läßt sich eine Welt gefallen. Euer nächstes Buchziel sei nicht Prangerung der Täter: sondern der Zuschauer. rv. Juden, Christen, Heiden im Dritten Reich will das jetzige Buch betrachten. Einer von der ersten Gattung, Dichter aus Düsseldorf, gestorben 1856 zu Paris, hat ja diese Be- reicherungsproleten geahnt, als der»lausigste Lump aus dar Normandie« geschichtlich wurde: »Ich sah einen Schneider aus Bayeux, er kam Mit goldnen Sporen geritten«... Der Dichter schrieb: »Gewappnete Diebe verteilen das Land Und machen den Frei 11 ng zum Knechte«. Dieser vorblickende Poet kann heute nicht mehr gefoltert werden; nicht mit Nadeln durch die Hoden gepiekt(was die Hunde tun); nicht taubgeschlagen; nicht zum Abfressen von Gras auf dem Bauch genötigt; nicht in der Zelle langsam zum Verröcheln geprügelt.»Gott sei Dank, und du bist tote sang er einmal. V. Wenn jedoch beut ein Tennisspieler stark ist; wenn irgend Ueberlegenheit droht; wenn ein Boxer gleichen Stammes Welterfolg hat: so wird es von diesen schmierigen Feiglingen vertuscht werden; das geht. Nicht zugelassen zur Leistung— auch das ist eine Form des Fälschens, erdacht von den dreckigsten Halunken der Zeit; von den unritterlichsten von geborenen Bedienten. Von der widerlichsten Erscheinung des Erdballs. Das nutzt unanständig eine Zahlenüber- •) Dieser Aufsatz ist der Vorabdruck des Vorworts aus einer demnächst im Verlag des »S i m p 1« in Prag erscheinenden Broschüre »Juden, Christen, Heiden im Dritten R e 1 c h«. Sie enthält 100 Zeichnungen erster europäischer Karikaturisten. Redchsjugendführere Baidur von Schirach. Bis zum Anbruch des Dritten Reichs und bis zur Verwirklichung der neuen Volksgemeinschaft wußte niemand im weiten deutschen Reich von Aachen bis Gumbinnen etwas davon, eine wie gottbegnadete Künstlerin Rosalinde sei. Aber nun wurde ihr Bruder ein gar gewaltiger Mandarin des Dritten Reiches, ob schon es noch nicht sehr lange her ist, daß er noch ein kurzes Höschen trug. Logischer und gerechter Weise muß jetzt auch die Schwester von ihm Karriere machen und viel Geld verdienen. So will es eben die echte Volksgemeinschaft, nicht wahr? Heraus also mit den Juden aus den Kunsttempeln, Platz für Rosalinde! Freilich, bei jenem»glänzenden Varlauf der Münchener Festspiele«(wie oben) ist es auch sogar dem Kritiker des»Völkischen Beobachters« ein wenig schwummerig geworden, als er nun Roeelinde wirklich singen hörte... Man merkt förmlich, wie er Bauchgrimmen dabei bekommen hat, als ihm später die Aufgabe zufiel, nach Rosalindes Auftreten einem gleichgeschalteten Leserpublikum klarzumachen, daß sie doch ein Talent, und zwar ein arisches, ist, obschon sich jeder davon überzeugt hatte, daß sie eben keine Stimme hat. Folgendermaßen sieht also die Kritik aus, wobei auch der Laie weiß, daß es bei Wagnerscher Musik für die beteiligten Solisten grade auf die Stärke ihrer Stimmbegabung ankommt: »Rosalindc von Schirachs schlanker silberheller Sopran schien(wieso nur »schien«? D. V.) zunächst inmitten mächtiger Organe jungfräulich scheu, Im Piano für das große Haus überzart. Aber die Intelligenz der Auswertung nahm immer mehr gefangen und im zweiten Akt war nicht nur eine harmonische Anpassung erreicht, sondern die Künstlerin, als Erscheinung für die Elsa wie geschaffen, wuchs mit dramatischem Impuls weit über che übliche Verkörperung hinaus. Usw. Usw.« Singen konnte sie also nicht. Aber sie ist .»wenigstens, eine»Erscheinung« und hat»Impulse«... Uns schedut ja auch in diesem Falle die »Intelligenz der Auswertung« das Entscheidende überhaupt zu sein! Noch nie ist nämlich mit solcher Intelligenz ein ganzes Land so zur persönlichen Bereicherung ausgewertet worden, wie Deutschland durch Hitler und seinen Troß!»Jungfräulich scheu« freilich dürfte die Art, wie in Hitlerdeutschland der Begriff der Volksgemeinschaft gehandhabt wird, allerdings weniger zu sein... H. E. Deutsch abgeseilt Wie andere ausländische Sender, so gab bisher auch der norwegische Reicherundfunk wöchentliche U nterrichtsstunden in deutscher Sprache. Das ist jetzt vorbei, künftig wird nur englisch und französisch beibehalten. In der Begründung heißt es, wegen Uebersättl- gung mit Fremdsprachen müsse eine vom Rundfunkprogramm abgesetzt werden. Daß gerade die deutsche Sprache weichen muß und gerade In der Urheimat der Teutonen, dies trifft die Nazipresse schmerzlich; betroffen stammelt sie: »Bei der Einstellung gewisser norwegischer Kreise gegenüber Deutschland bedeutet dieser Beschluß für die mit den Verhältnissen in Norwegen Vertrauten � keine' Ueberfaschung. Er liegt auf der " Linie der'B&chlfisse der roten'UcÄtSffiöSh Oslos und Bergens, che es seinerzeit ablehnten, der Nordischen Gesellschaft für das nordische Muslkfeat in Lübeck norwegische Fahnen zur Verfügung zu stellen.« Gewisse norwegische Kreise? Wie in allen Ländern Haß und Abneigung aller Volksschichten gegen H Itl er deutsch land wachsen, so In ganz Skandinavien. Aber die braunen Schänder der deutschen Sprache dürfen ihren Lesern die Welt nicht zeigen wie sie ist, sonst gingen Millionen Blinder die Augen über. Deutsch— das ist heute, nach zwei Jahren Hitlerregime, für breite Volkskrelse aller Länder etwas Verächtliches und Untermenschliches. Man mag es nicht mehr hören! Die erschlagene Legende Von Bruno Brandy. Der Zusammenbruch war zum Greifen nahe. Im Ausland wurde die Mark nicht mehr angenommen, die Preise kletterten, die Sparkassen zahlten keine Guthaben aus, Wucher und Schleichhandel blühten trotz Gestapo und Pranger, die Schneider fluchten, denn Anzüge aus Wollstoffen waren nur noch eine schöne Erinnerung an gute alte Zeiten, es gab keine Türklinken mehr, in den Fabriken meuterten die Arbeiter, Görlng blieb immer in der Nähe seines Flugzeugs, Indes sich der Klumpfuß einen falschen Bart zurecht legte. >Ea ist aus«, murmeite Herr Hinterdecker und schritt die Friedrichstraße entlang. Sein Aeußeres verriet den deutschen Industriellen, wiewohl man ihm die arische Großmutter nicht ohne weiteres ansah. Sein Spitzbart hing bekümmert auf der Krawatte— bekümmert, sage ich, denn Hinterdecker war Vorsitzender der Geheim liga für zugkräftige Hitlerlegenden. Er sah nach der Uhr und erschreck sichtlich. In einer halben Stunde sollte die Sitzung zur Beratung einer preiswerten Hitlerlegende beginnen und kein Fän- fall wollte sich melden. Was sollte daraus werden? Man hatte alles mitgemacht, Heil Hitler gebrüllt, hatte in der Nazipresse alles Bürgerliche beschimpfen lassen, hatte Männchen gemacht und Pfötchen gehoben— alles, um die Löhne zu drücken, die Arbeiterbewegung zu zerschlagen, die Demokratie abzuwürgen— und nun diese Pleite. Welche Blamage für die besitzenden Schichten! Eine richtige Legende gehörte her, denn der arbeitenden Klasse muß der Glaube an die herrschenden Schichten erhalten werden. Eis durfte nicht so kommen wie anno XÖ18, so unvorbereitet. Der Alleroberste verschwand und die oberen Zehntausende blieben bekleckert zurück, mußten ins Mauseloch kriechen und konnten nichts weiter stammeln, als:»Wir haben's nicht gewollt! Wir sind belogen und betrogen worden!« Das zog diesmal nicht. Systematische Vorbereitung tat not. Deutschsein heißt---(Nach Belieben auszufüllen!) Am einfachsten schien natürlich das Feldgeschrei:»Die Juden sind schuld! Flr hat den Kampf gewagt, aber die jüdische Weltmacht erwies sich als stärker!« Doch die Walze war schon zu verbraucht! Zehn Sitzungen hatten das bereits erhärtet. In der Provinz arbeiteten die Untereusechüsse, sie ergaben dasselbe Resultat. Die geheime Gegenliga zur Zerstörung der Hitlerlegenden brauchte nur darauf zu verweisen, daß sie den braunen Rassismus immer als das Dümmste bekämpften. Etwas neues, originelles mußte her. Vielleicht: der Erbfeind... Der Führer zerriß den Versailler Vertrag, aber der Erbfeind verbündete sich mit dem Bolschewismus und da-- Herr Hinterdecker kam nicht welter. Er hörte die Gegenliga:»Auch das haben wir voraus gesagt. Darum wollten wir den Versailler Vertrag durch Verständigung lösen!« Also das zog auch nicht. Wie wär's mit dem Kehlkopf? Jedoch wenn einer was mit dem Kehlkopf hat, braucht er doch deswegen kein Dummkopf zu sein oder Deutschland zu ruinieren, nicht wahr? Schwitzend zog Hinterdecker seine Bahn, bog in die Leipziger Straße ein. Binnen einer Viertelstunde sollte er die Klingel schwingen und wußte keinen repräsentativen Schwindel! Er, der Vorsitzende! Aber vielleicht zerbrechen sich sämtliche Legenden- Ausschüsse durchaus überflüseigerweise den Kopf. Vielleicht wählte man den Krieg als Ausweg... Vielleicht, indessen die Pleite kam auch dann. Die große, alles beschönigende Legende mußte in jedem Fülle her. Wie wär's mit dem Geheimrezept? Hitlers geheimes Rezept von Marxisten aus der Schublade gestohlen... Unsinn.— Er blieb stehen. Am Potsdamer Platz tobte wieder irgendeine Hetze. Gebrüll hallte über den Platz. Und da zündete ein Blitz in Hinterdeckers Hirn; hellgrünes Licht flammte in seinen wässerigen Augen. Natürlich, herrlich — da kam sie mit leuchtendem Schweif gezogen, die rettende große Legende. Fünf ach war sie wie alles Große. Binnen 10 Minuten würde er die Glocke ergreifen.»Meine Herren, dies ist unsere IX. Sitzung. Sie haben sich Im Dienste der Zukunft redlich gequält. Wissen Sie, wie die große Parole lautet, die uns alle vor der Schande rettet—--?« Der Wirbel am Potsdamer Platz hatte sich verstärkt. Man hörte Rufe;»Schlagt die Juden nieder...« Hinterdecker lächelt Uber- Irdisch. War ja alles Unsinn, alles verbraucht. Die Juden, du lieher Himmel, das Aualand existierte mit den Juden sehr gut. Längst lächerlich, diese braune Rasseverkalkung... Sie zerdrosch ja buchstäblich jene feinere Legende, jeden visionären Schwindel... Eine Rotte brauste näher. Menschen flohen, stürzten, rafften sich auf; taumelten welter. Hinterdecker hob die leicht gebogene Nase, gestikulierte mit den Händen, sein Geist tobte voraus, ergriff die Glocke des Gehedmklube:»Meine Herren, die große Legende, die uns vor der Blamage bewahrt, hat sich auf mich niedergesenkt. Achtung, meine Herren; der Führer wollte—— c Da entsank Ihm die Glocke, die Ohren dröhnten. Flin Gummiknüttel knallte ihm über die gebogene Nase, ein zweiter über den Kopf. Er stürzte zu Boden. Verbiesterte Rotten rasten vorüber, trampelten Uber ihn hinweg. Hier bricht die Geschichte rauh ab und Hinterdeckera große Idee bleibt das Geheimnis eines Toten. Denn er erhob sich nicht wieder. Die einzige brauchbare überlebensgroße Hitler-Legende— sie blieb mit ihm auf dem Platze, zerdroschen und zertrampelt vom braunen Mob. Alte Bekannte Erinnerungen ans großer Zeit. Wenn ein Krieg ausbräche— die deutsche Presse brauchte sich dieemal kaum umzustellen. Die altbekannten Oeldrucke, die rührseligen Bilder von Sterbenslust und Opferwonne, die damals alle Zeitungsspalten beherrschten, haben sich schon jetzt wieder eingefunden. Wir geben hier eine kleine Auswahl aus der Presse des Dritten Reiches; Gold gab ich für Eisen. »Die Bezirkagruppe Düsseldorf des Redchsluftschutzbundes meldete dem Präsidium den nachstehenden Vorfall, der sich anläßlich einer Werbewoche der BezirltB- gruppe zutrug:»In unserer Reviergrupp« 14, Gerresheim, brachte ein altes Mütter- macht, bis achwach« Juden Diree Menacheo- tums uneingredenk sind; ein Schauspiel von letzter Peinlichkeit. Manch deutscher Jude kam auf den Hund, Will noch die Koffer nicht packen; Er spricht:»Zum Klagren ist kein Grund— Sie spucken uns nicht direkt in den Mund, Sie spucken jetzt bloß auf die Backen; Da beugen wir nebbich den Nacken«. Dann ruft die Makkabäerschar; »Hoch Hitlerleben! bis hundert Jahr!« Zwar ist ee nur ein winziger Schauten- schwarm. der kaum in Betracht kommt— aber noch dieser Anblick menschlicher Er- niederung stammt von der größeren Niedrigkeit nazlsch-ehrlooer Urheber— Schufte sind es, die selbst Schulkinder demütigen. Abhub einer vom Krieg schwachen, zerrütteten Welt. VI. Läßt sich solchem Gesindel mit Bilderhumor beikommen? Doch. Warum nicht? Es kann nicht schaden. Jede Form ist mir heut recht. Sogar die hoffnungslos scheinende— sie braucht nicht hoffnungslos zu sein. Jeder Wille zum Feststellen fördert. Jede Wallung zum Widerstand. Jedes Lachen als Anklage. Jede Heiterkeit als Angriff. Alles wird willkommen sein— nur das Nichthandeln nicht. Man muß protestieren. (Freilich: organisieren ist besser. Vergeßt es nicht). . VII. Juden, Christen, Heiden... Christen sind wagen ihrer Meinungen verfolgt: Juden wegen ihres Daseins. Es ist das Umfassendere. Das Härtere. Darum der Vortritt im Vorwort. Daß wiederum der Vortritt sich ziemt für «n» judäo-christliche Liebesreligion(gleichviel wie man zu»geoffenbarten« Religionen steht)— der Vortritt vor einem dumm-früh- stufigen Wodansrummel: das ist kein fraglicher Punkt; kein Zwang zum Verweilen; kein Anlaß auch nur zum Erörtern. Streiter aus jeder nur nicht unmenschlichen Gruppe sind gern gesehen. Soweit kam es heut. vm. Lange vor der durch einen Brand erreichtet! Nazibedrückung schrieb ich über die Kunst folgenden Satz: »Nachdem sie kein Mittel zum Kampf war: nachdem bleibt sie nur ein Mittel zum Trost«. Es galt für schlechte Theaterstücke; für damals. Bs muß nicht für Bekehrung durch den Zeichenstift gelten; für heut. Hier sind aufkratzende, spottende, lustige Werte zur Gegenwirkung. IX. Also los. Paris, Juli 1935. Der Doldistoß Wie die»Frankfurter Zeitung« mitteilt, soll das Musikkorps der Luftwaffe in Zukunft auch Saxophone erhalten. »Negerrhythmen« mitten hinein in die reinrassige Harmonie. Wer erinnert sich noch, wie Frick einst als thüringischer Minister die Saxophone verboten hat? Was ist ein Bürger? Erschlagene Begriffe, mißhandelte Worte Es gehört zu den Metboden der braunen Erneuerer, Begriffe umzufäl sehen, Worten einen anderen Sinn unterzuschieben und auf diese Weise die Sprachlandschaft derart zu vernebeln, daß eine Diskussion— etwa über das Einhalten nationalsozialistischer Versprechungen— in deutschen Kreisen nahezu unmöglich wird. Sozialismus? Sie haben ihn verwirklicht. Sie verstehen nur unter Sozialismus etwas anderes als die gesamte übrige Welt. Zusammenschluß der Arbeiterschaft? Sie haben ihn herbedgeführt. Auf ihre Weise — Zusammenschluß hinter Gittern. Bonzen- tum?Sie haben damit aufgeräumt, indem sie ihre eigenen Bonzen, die in noch nie dagewesener Weise korrumpiert sind, in»Volksführer« umtauften. Immer mehr verkrüppelte Worte humpeln so auf Krücken durchs Reich, und wenn sie die deutschen Grenzen überschreiten, versteht niemand mehr ihre Sprache, richten sie Mißverständnis Uber Mißverständnis an. Gegenwärtig ist gerade eine neue B e- griffsverblegung im Gange, die zur allgemeinen Verwirrung nicht unbeträchtlich beitragen dürfte. Wenn die Nationalsozialisten vor dem Umsturz von»Bürgern« sprachen, auf»Bürger« schimpften, so meinten sie die Besitzbürger und»feinen Leute«, denen sie schärfsten Kampf ansagten. Inzwischen haben sich die Zeiten gewandelt, Industriebarone, Bank- und Börsenfürsten regieren mit den Nationalsozialisten gemeinsam das Deutsche Reich, von ihrer Enteignung darf nicht mehr gesprochen werden. Hat das Wort»Sozialismus« im Bereich der Hakenkreuzfahnen seinen Inhalt gewechselt, so muß auch mit dem Begriff»Bürger« irgend etwas geschehen, sonst ist die Fälschung nicht vollkommen, es entstehen Sprünge und Risse im Phrasengebäude, durch die sich leicht unangenehme Fragen einschleichen könnten. Deshalb ist man soeben dabei, ein neues Wortopfer darzubringen. Der Begriff»Bürger« wird der ökonomischen Sphäre völlig entrückt. Ein paar Versammlungsredner gaben den Anstoß, die gehorsamen Zeltungen setzten die Verdrehung fort, und jetzt ist es fast schon gelungen: die Neuschöpfung hat Fuß gefaßt, wer das verbogene Wort im alten Sinne gebraucht, wird mißverstanden, die Kritik, die er vielleicht zu üben gedenkt, wandelt sich ihm zwischen den Zähnen zu einem Lobgesang. Als»Bürger« wird nämlich in Deutschland seit einiger Zeit jeder bezeichnet, der am Kriegshandwerk, am Dotf tHOH iuQ&t- seil(MM» Moralisdie Betradilungcn eines gleldbgesdialteten Zeitungsschreibers Es gab eine Zeit— sie acheint weit zurückzuliegen— da auch in Deutschland die Wahrheit höher geachtet wurde als die Lüge. Dann kam mit Hilfe des Reichstagsbrandes eine Clique an die Macht, unter deren Oberhoheit die Lüge zum Staatsprinzip erhoben wurde, und heute sucht jeder, der etwas werden möchte, die letzten schüchternen Hemmungen, den letzten Rest der Wahrheitssehnsucht in sich zu ertöten, um bei dem braunen Preiatumier nicht ins Hintertreffen zu geraten. Längst hat die Lüge, zunächst von Staats wegen benutzt, um das Volk in die Irre zu führen, den politischen Boden verlassen und ist tief in alle Zweige des privaten Lebens eingedrungen. Man lügt, um einen Poeten zu erschleichen, man lügt, um einen persönlichen Gegner zu Fall zu bringen, man lügt auf der Zeugenbank und am Schreibtisch, und— was die Hauptsache ist— man lügt mit viel reinerem Gewissen als früher. Kein Wunder, daß die gleichgeechalteten Presseleute beim Kampf um die neuen Grundsätze an der Spitze marschieren, denn ihre Aufgabe ist es ja, aus der Lüge eine Kunst, aus der Tataachenverdrehung eine Wissenschaft zu machen. So tauchen immer wieder in der deutschen Presse kleine Betrachtungen über den Wert und Unwert der Wahrheit auf.»Darf man lügen— soll man lügen?« fragt z. B. in verschiedenen Blättern ein Schreiber mit dem schönen Künstlernamen Blubb. Und er antwortet sich selbst auf der Stelle: »Eine dumme Frage: Was haben wir gegen das Lügen? Es ist einfach, bequem, praktisch und amüsant; es gibt Leute, die flunkern am laufenden Band, stundenlang... Lüge ist nichts Naturwidriges. Sie ist die Waffe des Schwachen. Lügen ist eine Wissenschaft für sich... Es gehört dazu in erster Linie Unverfrorenheit und Uebung. Man darf nicht stottern, rot werden oder weggucken. Man muß mit blitzenden Augen ■ sein gutdurchdachtes Sprüchlein sagen. Man könnte verwegene Bücher darüber schreiben. Man könnte einen Lehrstuhl dafür errichten: Morphologie, Philosophie und Ethik der Lüge. Man wird damit nichts ändern. Noch schöner wäre eine Statistik. Nach meiner oberflächlichen Schätzung ist etwa 43,7 Prozent von allem, was geschwätzt und geschrieben wird, Lüge. 56,3 Prozent sind Irrtum. Der Rest ist Wahrheit... Wahriiedt ist niemals Entschuldigung. Man erlebt Fanatiker, die unter der Flagge der Wahrheit Gott und die Welt vor den Bauch stoßen. Sie halten sich für tugendhaft und mutig, und sind in Wahrheit ungezogen.« Und damit darf sich Blubb beruhigen. Er ist kein Herr Ungefähr, dieser Blubb, er regiert mit seinesgleichen das Dritte Reich, und die»Ungezogenen«, die von der Wahrheit nicht lassen können, werden in Konzentrationslagern und Gefängnissen zuschanden gequält. Schießen und Erschossenwerden nicht die nötige Freude hat. Man schlage deutsche Zeitungen auf: wenn die Kommandos der Sturmtruppführer durch den Morgen knallen, verkriecht sich der»Bürger« unter der Bettdecke, wenn Blut fließt, werdet sich der »Bürger« schaudernd ab, wenn zehnjährige Hitlerjungen im Klednkaüberschießen gedrillt werden, schlägt der»Bürger« entsetzt die Hände zusammen, wenn rauhe Männer rauhe und rohe Kriegswitze zu besten geben, geht es dem»Bürger« wider den Geschmack. Ja, in der Zeltschrift»Deutschee Volkstum« verkündete sogar unlängst ein Jagdaphorismus, der Bürger sterbe lieber im Bett als an einer Granate und»lasse deshalb jien Bock lieber an der Rachenbremse verenden als an der Kugel des Jägers.« Da haben wir den neuen Begriff zum alten Wort in unverschledertster Reinheit. Es ist»bürgerlich«, d. h. es ist anti revolutionär und beinahe sittenlos, eines natürlichen Todes zu sterben, es ist verächtlich— und natürlich wiederum »bürgerlich«—, wenn jemand die Heiligkeit des Lebens kündet und der Tier- wie der Menschenjagd abhold ist. Und plötzlich taucht aus der Vergangenheit ein andere« Wort auf. ein Wort, das im kaiserlichen Deutschland so häufig war wie die Namen Müller und Schulze, ein Wort, das im Munde blaublütiger Monokelträger zur verachtungsvollen Beschimpfung wurde— das Wort Zivilist Wie sagte jener Leutnant anno 1912 in der ersten Instruktionsstunde zu den Rekruten?»Und dann, Kerls, äh— vergeßt nicht: als Zivilisten seid ihr in die Kaserne gekommen, als Menschen werdet ihr sie verlassen.« Ein Zivilist— das war ein Filzpantoffeln tragendes Stinktier, eine Laus, nicht wert, von den blankgeputzten Stiefeln der Einjährigen zertreten zu werden. Und nun sind sie im Dritten Reiche wieder so weit! Der Zivilist ist zwar zum»Bürger« geworden, aber die beiden Begriffe dek- ken sich haargenau, und die»Kluft«, die Militärkluft, die einst den Menschen vom Zivilisten trennte, unterscheidet jetzt die braunen oder feldgrauen Edelgewächse von den»Bürgern.« Nun ist es genügend verbogen, verstümmelt und verdorben, das Wort»Bürger«, nun kann es in den nationalsozialistischen Sprachschatz, für den es in der alten Form unbrauchbar geworden war, wieder eingehen. Zwar wird es künftig sogenannte Bürger auch unter den Hungernden geben, unter den Arbeitern, unter den Arbeits- und Besitzlosen. Aber die eben zum Bewußtsein erwachende Jugend merkt vielleicht nicht den Widerspruch— so hoffen die nationalsozialistischen Wortekiller— und die ihn merken, haben das Maul zu halten. Ein neuer Wortkrüppel humpelt aus der deutschen Korrektionsanstalt in die Welt. Bald wird die wahre, unverbogene deutsche Sprache nur noch außerhalb der Reichsgrenzen bewahrt und verstanden werden. eben seinen goldenen Trauring und bat, diesem doch anzunehmen und zu verkaufen. Für das erlöste Geld sollte Luftschutzschu- lungsmaterial angeschafft werden. Die alte Frau erklärte, sie sei zu alt. um selbst belfern zu können, und hoffe, durch die Hingabe ihres Trauringes dem Vaterland und damit auch dem Führer helfen zu können. Ein rührendes Beispiel uneigennütziger Opferbereitschaft für die Dienste des Luftschutzes!« (»Die Sirene«, Organ des Redchsluftschutz- bundes.) Sterbender Held. ... Zu gleicher Zelt im n&cheten Krankenzimmer lag Bin anderer Held. Der Kiefer ihm zerschossen, Bin Arm dahin, zerschellt das linke Bein, Dazu gequält von einem inneren Leiden. Auch er meint noch zu streiten. Oft lag er still, weitabgewandt, Bis wieder Leben kam in seine Züge, Er hob die Hand, schrie laut: »Herr Hauptmann, melde mich zur Stelle!« Und eine überird'sche Helle Zog Uber seine leiddurchfurchte Stirn. (Die»Deutsche Kämpferin«.) Soldatenmütter. ... Die mütterliche Oberschwester der Grä- fin-Rittberg- Kinderklinik in Lichterfelde weiß von diesem Wandel— selbst wie in einer großen Verzauberung— zu berichten. Sonne liegt in ihren Augen, wenn sie erzählt. Junge Frauen unserer Tage sind von unsagbarer Tapferkeit, in ihnen ist der Wille zum Kinde hinreißend stark. Sie verlangen keinen Komfort, sie ertragen heldenhaft alle Schmerzen, sie haben keine persönlichen Anliegen, nur d 1 e Wünsche haben sie in scheuer, sorgender Liebe um das Werdende: Blumen vor den Fenstern und Bilder deutscher Helden an den Winden! (Eine deutsche Korrespondenz.) Großes Sehl ach tenfeuerwerk. Mit einem Festakt In der Stadt- h&lle mit lebenden Kolossalgemälden, die das kämpfende Deutschland von der Zeit der germanischen Heerbanne bis zu den Flandernschlachten verherrlichen, mit Riesenfeuerwerken, die auf den Hauptplätzen der Stadt abgebrannt werden, und mit einem auf dem Höhenzug des Habichtswaldes aufleuchtenden zweiten Kolossalfeuerwerk»Flandernfront« finden die festlichen Veranstaltungen am Sonntagabend Ihren Ausklang. (Der»Westen«, Berlin.) Nun noch ein Teelöffel»immer feste druff«, «ine Prise»Haut sie, daß die Fetzen fliegen«, ein Tropfen»Wir haben ee nicht gewollt«, und ee kann wieder losgehen. Hurra! Niederländisches Dankgebet i. Göbbels»Vom Kaiserhof zur Reichskanzlei«: »4. März 1933... Der Führer redet mit letzter Glut und Hingabe. Als er am Ende davon spricht, daß der Reichspräsident und er sich die Hände gereicht hätten, der eine, der Ostpreußen als Feldmarschall vom Feinde befreite, während der andere unterdessen als einfacher Grenadier im Westen seine Pflicht tat, da liegt über der ganzen Versammlung eine feierliche Stille, Rührung und tiefe Ergriffenheit. Mächtig klingt in den Schlußakkord der Rede das Niederländische Dankgebet. Ueber den Rundfunk schwingt diese Hymne durch den Aether über ganz Deutachland.« n. Berlin, 8. August 1935. Der Präsident der Reichsmusikkammer hat in öffentlicher Erklärung das Niederländische Dankgebet in Verruf erklärt. Eil hat einen nur hal barlechen Textdichter, Joseph Weyl, Sohn eines Börsensensals. »lind willst Du nicht mein Dichter sein...«< Aus dem»NS-Kurier«: »Ob Sdhiller heute ein Nationalsozialist wäre, wenn er lebte, ist eine müssige Frage! Als deutscher Dichter trüge er auch die Hakeok reuzfahne— sonst wäre er eben kein deutscher Dichter.« Und— ergänzen wir— käme ins Konzentrationslager! Wehrhaftes Evangelium Au« der»NS-Rheinfront«: »Der Pfarrer sprach soldatisch knapp. Kernig, wie einexerziert kamen die Worte. Da saß jedes Wort gleichsam an seiner Lücke. Der Geist, den der Marschschritt dieser Worte umhüllte, war Geist von unserem Geist— wirklich wahrhaftes Evangelium.« Das muß ein Pfaffe gewesen sein, wie er selbst Hitler genehm ist. Schußfertig am Evangelium wie am Maschinengewehr! Durchaus anders! »In letzter Zeit konnte man wiederholt die merkwürdige Beobachtung machen, daß von unkontrollierbaren Elementen, die zuweüen auch Parteiuniformen trugen In öffentlichen Lokalen Kampflieder der Bewegung gesungen werden, bei denen man beim näheren Hinhören einen durchaus anderen als den aus der Kampfzeit stammenden T e x t hören konnte.« (Aus der redchadeutschen Presse.) Reisebriefe... Aus einem französischen Reisebrief in der norddeutschen Nazipresee: »Wenn man nach Paris kommt und in die Cafäs tritt, ist man einer Ohnmacht nahe... Gesiebter, wie aus einem Verbrecheralbum... Und Juden, Juden, nichts als Juden... Kein Wunder, daß die Franzosen aus der Haut fahren...!< Wir vermissen nur die Schlußfolgerung: Streicher muß eine Filiale in Paris gründen. Sdiipper-LIed Und lügen sie im Dritten Reich bis sich die Balken biegen. Und schalten ade den Teufel gleich, uns werden sie nicht kriegen. Nur nicht geduckt, gekuscht, verzagt. nur auch ein Wort gewagt, gesagt. • Heller die Nacht, näher der Tag, bis die Knechtschaft zerronnen. Die Maden sitzen drin im Speck und halten frohe Reden. Weil wir so stramm den braunen Dreck, im Gleich- und Stechschritt treten. Nur noch Geduld, nur Zeit, nur Zeit, bald wird das Wort geweckt, befreit. Nach dieser Nacht, zeigt hell ein Tag alle Knechtschaft zerbrochen. Bis kommt für jede Wanz der Tag, kann sie kein Blut mehr saufen. Beim großen Raucher-, Stöbertag, da ward was braun ist, laufen. Dann wird geknickt, goknackt, gekehrt, dann wird das Dreckfaß ausgeleert. Was nie geschah, das ward gemacht— und die Freiheit gewonnen. Meue Waffe der Luftabwehr Ein Geheimnis— seine Enthüllung Aus Highland, im nordamerikanischen Staate New Jerey, meldet United Preß am 6. August dieses Jahres: »Unter dem Schutze der Dunkelheit fand In der Nähe von New York ein Scheingefecht statt, in dem die»Geheimstrahlen«, eine neue Erfindung, über deren Einzelheiten in amerikanischen Marinekreisen strengstes Stillschweigen gewahrt wird, praktisch erprobt worden. Einundfünfzig »feindliche« Schiffe hatten die Aufgabe, die Küste anzugreifen. Der Angriff wurde aber von einer einzigen Küstenbatterie, die durch Geheimstrahlen gerichtet wurde, so vollkommen abgeschlagen, daß achtundvierzig von den einundfünfzig angreifenden Schiffen kaumpfunfähig gemacht oder vollkommen zerstört wurden. Eines der drei übriggebliebenen Schiffe, das die Flucht ergriff, soll ebenfalls schwer getroffen worden sein. In dem Bericht über das Ergebnis der Nachtübung, der vom Generalstab In Washington und der Heeresschule ausgearbeitet wurde, wird festgestellt, daß die Geheimstrahlen, die eine der wichtigsten kriegstechnischen Erfindungen seit dem Weltkrieg seien, eine erhebliche Verbesse- rung der amerikanischen Küstenverteidigung darstellen. Artilleriesachverständige, die der Gefechtsübung beiwohnten, sind der Ansicht, daß die amerikanische Küste nunmehr»fast unverwundbar sei.« Weitere Uebungen, in denen die Wirksamkeit der Geheimstrahlen erprobt werden soll, sollen im Pazifischen Ozean abgehalten werden. Man hofft, daß sie denselben Erfolg haben werden.« Was war nun hier geschehen?»Unter dem Schutze der Dunkelheit« fand hier ein Gefecht statt, in dem die Geschütze»durch Geheimstrahlen gerichtet wurden«, was einen durchschlagenden Erfolg hatte. Wie ist dieser Erfolg, der bei Flugzeugen natürlich ebenso, wie bei Schiffen einsetzen wird, zu erklären? Auch während des Weltkrieges wurde bei Nacht das Richten der Geschütze durch Strahlen ermöglicht. Es waren die Lichtstrahlen, die dazu in mächtigen Scheinwerfern verwendet wurden. Besonders Deutschland hatte solche Scheinwerfer von ganz ungeheurer Reichweite konstruiert. Einer von diesen, ein Goerz- Beck- Scheinwerfer, hatte einen Zweimeter-Spiegel und zwei Milliarden Kerzen Lichtstärke. Er hätte von einem Beobachter auf dem Monde als Stern sechster Größe festgestellt werden können. Seit dem Krieg sind natürlich in allen Staaten diese Geräte, die bei Nacht für Schiffe und Küstenbatterien im Seekampf, für Flugabwehrbatterien Im Luftkampf, unbedingt nötig sind, in Kopplung mit den Richtapparaten der Geschütze immer mehr ausgebaut worden. So sind zum Beispiel neuerdings auf der deutschen Insel Sylt zur Abwehr eines Seeangriffes, Flugabwehrbatterien aufgestellt worden, die für den Nachtkampf mit Uberstarken Scheinwerfern gekoppelt sind. Ihre Lichtquelle ist so stark, daß man, wenn sie ihre Strahlen nach der dänischen Küste richten, dort In den Straßen der Stadt Hoejer Zeitung lesen kann. Die gekoppelte Anordnung von Geschützen und Suchscheinwerfern ist heute auf das äußerste automatisiert und ausgebaut und trotzdem ist diese ganze Anordnung widersinnig, wie an ein paar kurzen Ueberlegun- gen sofort zu erkennen ist. Es ist widersinnig, wenn von einer Küste, wenn aus einer Stadt, in der zur Tarnung gegen einen erwartenden Angriff feindlicher Streitkräfte auch die kleinste Lampe ausgelöscht ist, ein Kranz millionenkerziger Scheinwerferkegel in die Nacht strahlen soll, um die Angreifer zu suchen. Für Kriegsschiffe, die eine Küste angreifen, wirken die Scheinwerfer der Landbatterien wie Leuchttürme, die alle Landemanöver erleichtem. Gegen Flugzeuge ist diese Abwehrordnung noch unsinniger. Mit rasender Schnelligkeit nähern sich die feindlichen Bombengeschwader ihrem Ziel. Während einer wertvollen Zeitspanne dienen die vom Ziel, einer Stadt oder Festung aufsteigenden Richtscheinwerfer der Batterien zu nichts anderem, als zur Orientierung des Angreifers. Wohl kann man durch verlagerte Anordnung der Scheinwerferbatterien die Lage der Stadt in einem gewissen Umfange tarnen. Aber jeder dieser Tamungsversuche verstößt zugleich gegen das theoretische Idealprinzip, die Gruppen der Suchscheinwerfer geometrisch am Umfang des gefährdeten Sektors anzuordnen. Die Amerikaner sagten sich nun, wir könnten unsere Batterien vollständig tarnen, wenn wir für die Strahlenbündel der Scheinwerfer ein dem Angreifer unsichtbares Licht, also statt der Lichtstrahlen, Gehelmstrahlen verwenden könnten. Ein solches, für das menschliche Auge un- rot-gelb-grün-blauen Lichtwellenbandes, im Ultraviolett, Ebenso ist aber das Infrarot, unter dem unteren Teil des sichtbaren Lichtbandes, für das menschliche Auge nicht mehr erkennbar. Wollte man mit diesen Strahlen arbeiten, so müßte an Stelle des menschlichen Auges, ein künstliches, mechanisches treten, das in der Lage ist, das unsichtbare Licht zu registrieren. Durch einen elektrischen oder chemischen Effekt müssen dann die von diesem künstlichen Auge aufgefangenen unsichtbaren Strahlen wieder in sichtbares licht verwandelt werden. Ein künstliches Auge, das zwei unsichtbare Strahl engruppen, Ultraviolett und Infrarot, registrieren kann, ist die photographi- sche Kamera. Die auf die Photoplatte gezeichneten Bilder können zwar schon in Sekunden entwickelt werden, aber nicht, wie es hier notwendig wäre, in Bruchteilen von Sekunden. Es war also notwendig, einen anderen Weg zu gehen. Da die Wissenschaft die Wirkungen des Infrarotlichtes erst später kennen lernte, ist es verständlich, daß auch die ersten praktischen Versuche mit unsichtbaren Strahlen in der Kriegstechnik unter Verwendung des Ultraviolett gemacht wurden. Während des Weltkrieges durften die den atlantischen Ozean überquerenden amerikanischen Transportschiffe natürlich keine Positionslichter zeigen. Um aber trotzdem einen ganzen Konvoi richtig hintereinander in Kiellinie zu halten, verwendete man zum ersten Male unsichtbares Licht, die»Geheimstra- len«. Am Heck der Schiffe, war eine Bogenlampe montiert. Deren sichtbares Lichtband wurde durch einen Spezialfilter abgeblendet, so daß sie nur die unsichtbaren ultravioletten Strahlen aussenden konnte. Auf den Kommandobrücken der Schiffe stand ein Schirm, der mit Bariumplatinzyanür bestrichen war. Dieser Schirm, ein sogenanntes Fluoroakop, wie es auch bei Röntgenaufnahmen verwendet wird, war das künstliche Auge für den Waohtoffizier. Es leuchtete so lange in grünlichem Lichte auf, so lange ihn die unsichtbaren Strahlen der Bogenlampe vom Heck des vorausfahrenden Schiffes trafen. Das war aber nur der Fall, wenn man sich noch genau im Kielwasser dieses Schiffes befand. Es hat sich gezeigt, daß diese Methode jedoch für Suchscheinwerfer nicht zu verwenden ist. Da ultraviolette Strahlen infolge ihre Durchdringungsfähigkeit schlecht reflektieren, wären sie durch ein Fluoroskop leicht vom angreifenden Flugzeug oder Von Ing. Kurt Doberer. Schiff, das sie ja direkt treffen, aber schlecht vom Beobachter am Scheinwerfer, der auf cfie Reflektion angewiesen ist, zu erkennen. Man hat deshalb diese Versuche aufgegeben und dafür solche mit Infrarotstrahlen unternommen. Diese Experimente brachten einen vollen Erfolg. Als Lichtquelle der Scheinwerfer dienen Bogenlampen mit Spezialkohlen, die besonders viel dunkelrotes Licht und damit auch Licht mit noch längeren Wellenlängen, also infrarotes Licht, geben. Mit einem schwarzen Glasfilter wird dann alles sichtbare Licht aus dem Scheinwerferstrahl genommen. Nur wenn man direkt in den Strahlenkegel hineinblickt, hat man, obwohl das Auge nicht den kleinsten Lichtschimmer wahrnimmt, das prickelnde Gefühl, das man immer vor einer starken Lichtquelle empfindet. Als künstliches Auge für den Beobachter dient hier eine Anordnung von Michelsenschen Selen-Tellur- Zellen, die über den elektrischen Strom die Infrarotstrahlen wieder in sichtbares Licht verwandeln. Die amerikanische Armee hat seit längerer Zeit diese Versuche ganz geheim im Laboratorium des Signalkorps von Fort Mon- mouth im Staate New Jersey unternommen. Weil uns aus den Erfolgen der Infrarot- photographie bekannt ist, wie diese unsichtbaren Strahlen die Möglichkeit haben, mühelos durch weite Wolkenschichten und Nebelwände zu dringen, verstehen wir die sensationellen Ergebnisse des anfangs geschilderten amerikanischen Großversuchs. Infrarot- Scheinwerfer sind also auch insofern den normalen Scheinwerfern überlegen, als sie Nebelwände mit sechzehnmal größerer Leichtigkeit zu durchdringen vermögen. Man kann ermessen, was das für das englische Inselreich mit seinen sprichwörtlichen Londoner Nebeln bedeutet. Es ist deshalb verständlich,' daß auch Großbritannien, unter Assistenz seines Femsehspezialiaten John L. Baird, der dieses Gerät Noctovisor, Nachtseher, benannt hat, das Infrarot-Verfahren in fieberhafter Eile und möglichster Geheimhaltung auszubauen sucht. Man wird nun hier die Frage stellen, ob dieses System nicht auch anderen Heeresleitungen bekannt ist. Für Deutschland ist dies unbedingt zu bejahen. Ihm sind die englischen Arbeiten bereits seit dem Jahre 1929 bekannt. Bei dem Tempo der deutschen Aufrüstung und der Sorgfalt, die dabei der Luftwaffe zugewendet wird, wäre es allzu harmlos, anzunehmen, daß Deutschland etwa nicht versuchen wird, mit diesem erfolgreichen System der»Geheimstrahlen« zu arbeiten. tik TAMdäHtdet(kohl Die Deutsche Arbeitsfront prunkt gern mit den hohen Millionenziffern ihrer Mitglieder. Sie betont dabei meist ausdrücklich, daß es sich dabei um eine freiwillige Mitgliedschaft handle. Der Eingeweihte weiß freilich schon seit mehr als zwei Jahren, daß diese »Freiwilligkeit« unter dem harten Druck von Drohungen der verschiedensten Art steht. Diese Tatsache wurde unlängst durch eine Rede erhärtet, die der Treuhänder der Arbeit für Sachsen gehalten hat. Er sagte darin unter anderem, die Deutsche Arbeitsfront könne es künftig nicht mehr dulden, daß in den F.etrieben noch Menschen tätig sind, die nicht zur Deutschen Arbeitsfront gehören. Well nun aber diese eindeutige Drohung mit der Maßregelung das Märchen von der Freiwüligkelt der Mitgliedschaft allzu gründlich zerstört, hat er sie in der letzten Nummer seiner amtlichen Mitteilungen kommentiert. Der Treuhänder behauptet, daß die Arbeitsfront »die gesetzlich und auch von der überwältigenden Mehrheit der Volksgemeinschaft allein anerkannte Organisation aller schaffenden Volksgenossen ist. Das Hinfinden zu dieser großen Gemeinschaft wird daher von allen gut gesinnten und staatspolitisch wertvollen Volksgenossen als eine sittliche Pflicht empfunden. Wer aufnahmefähig und sonst würdig ist, dieser Gemeinschaft anzugehören, wird nicht abseits stehen. Die Deutsche Arbeitsfront kann daher jetzt und in Zukunft gern darauf verzichten, irgendwelchen Beitrittszwang auszuüben... Die im Wollen einige Gemeinschaft aber darf und wird nicht dulden, daß der gemeinsame Aufbauwille durch unverbesserliche Querulanten gestört werde.« Und nun erfährt man, daß es im Bereiche sichtbares Licht, gibt es im oberen Teil des des Treuhänders eine ganze Menge von Betriebsstreitigkeiten und»Störungen des Arbeitsfriedens« gibt. Da aber der Marxismus, der früher keinen»Arbeitsfrieden« aufkommen ließ, vernichtet ist— wenigstens haben die Nationalsozialisten das immer wieder verkündet— so sind jetzt die»unverbesserlichen Querulanten« die Störer des Arbeitsfriedens. Der Treuhänder hat die Entdeckung gemacht, daß die Betriebsstreitigkeiten »in der großen Mehrzahl verursacht waren durch konfessionelle Fanatiker, Sektierer, ernste Bibelforscher, Vereinsmeier, besserwissende Eigenbrötler, unbelehrbare Sozialreformer und vom Standesdünkel Besessene. Die staatspolitisch interessante Entdeckung dabei war: in neunzig von hundert Fällen waren die Streitbeschwörer Nicht- mitglieder der Arbeitsfront.« Wenn es sich bei den»konfessionellen Fanatikern, Vereinsmeiem, besserwissenden Eigenbrötlern und unbelehrbaren Sozialreformern« nur um Einzelerscheinungen handelte, würde der Treuhänder für Sachsen wohl kaum einen so geharnischten Artikel mit recht eindeutigen Drohungen gegen sie schreiben. Denn er kündigt ihnen an, daß sie»in Zukunft ohne Schonung aus den Betrieben entfernt würden. Er sei entschlossen, mit der gebotenen und gesetzlich möglichen Strenge zu handeln.« Daraus muß man schließen, daß die Verursacher der Störung des Arbeitsfriedens bei den Betriebsbelegschaften zumin- destens eine starke Resonanz finden. Bei der weiterverbreiteten sozialen Unzufriedenheit kann das auch gar nicht anders sein. Diese Ursache aber ist weder zu beseitigen durch den»freiwilligen« Beitrittszwang zur Deutschen Arbeltsfront, noch durch die Entfernung der aufrührerischen Elemente. Auch das werden die Nationalsozialisten noch erfahren. Die Eirfmadifring der DAF Daß seit der im Frühjahr 1935 in Leipzig verkündeten Angliederung der Unternehmer- Verbände an die Deutsche Arbeitsfront— man nennt sie die Leipziger Vereinbarung Dr. Ley, Dr. Schacht, Dr. Seldte— die Unternehmer tatsächlich die Leitung in den Händen haben, das wird jetzt durch eine Bekanntmachung bestätigt, nach der der Verkehrsminister das Verkehrsgewerbe an der Seite der gewerblichen Wirtschaft der Arbeitsfront angeschlossen hat. Es wird darin festgelegt, daß die Geschäftsstelle der Reichswirtschaftskammer als Wirtschaftsamt der Arbeitsfront für den Bereich der Verkehrswirtschaft— nicht der Arbeitsfront— sondern dem Reichsverkehrsminister unterstellt ist. Das heißt daß alle Fragen, die die Arbeiter, Angestellten und Beamten der Verkehrswirtschaft betreffen,- der Arbeits- front ausdrücklich entzogen werden und daß über sie nur der Reichsverkehrsminister zu entscheiden hat. Die völlige Entmachtung der Deutschen Arbeitsfront wird damit noch einmal ausdrücklich klargestellt. Gesdiäffsmethoden der Nationalsozialisten Die Nationalsozialisten verstehen sich darauf, Geld zu machen. Sie sind darin erfinderisch, wie z. B. der Erlaß der Deutschen Arbeitsfront beweist, der den 21 Millionen Mitgliedern vorschreibt, ein neues Mitgliedsbuch zum Preise von 50 Pfennig anzuschaffen. Die Durchschnittsbestellungskosten für ein solches Mitgliedsbuch betragen bei der Riesenauflage 5 Pfennig, und es verbleiben somit 45 Pfennig pro Mitgliedsbuch gleich 9,450.000 Mark für die Kasse der DAF. Aehnlich liegt die Sache, die die DAF mit der Arbeitsfron t-M ü t z e inszenierte. Die Reichs- zeugmeisterei gab eine Arbeitsfrontmütze heraus, die die kleinen Händler in der Hoffnung auf Massenvertrieb abnahmen. Die Fabrikanten mußten der Reichszeugmeisterel 10 Prozent, die Detaillisten 20 Prozent abgeben. Die Arbeitsfrontmützen liegen aber nun in den Geschäften herum, da fast keiner sich die Mütze kauft. Die Reichszeugmeisterel hat aber einen Millionenverdienst eingesteckt. Ahnenstolz midi Metern Eine deutsche Pressemeldung lautet: Karlsruhe, 27. Juli. Der 18. August wird für die Gemeinde Pflaumheim bei Aschaffenburg zu einem Ereignis, das In der Geschichte der deutschen Familienforschung vereinzelt dastehen dürfte. Schätzungsweise ein halbes Tausend Träger des Namens Zahn werden sich in der kleinen unterfränkischen Gemeinde zu einem Familientag zusammenfinden. Es ist gelungen, eine Sippentafel der aus Pflaumheim stammenden Träger dieses Namens zusammenzustellen, die eine Länge von nicht weniger als 28 Meter hat. 28 Meter Blut und Boden! Was sind daneben die Werke eines Goethe, die Gedanken eines Kant, die Schöpfungen eines Beethoven? ItoelliM-nÄ