Nr. 116 SONNTAG, I. Sepl. 1935 (Si)$laldgm0fraKfd)ts SDocfonHa# Verlag: Karlsbad, Haus„Graphia"— Preise und Bezugsbedingungen siehe Beiblatt letzte Seite Aus dem Inhalt: Der Diktator ist krank Kampf gegen Kinder Das Naziverbredien von Danzig Täuschende Geldfülle Die Schuld des Dr. Schacht Der gefährlichste Helfer des braunen Systems Die Rede, die der Dr. Schacht am 18. August in Königsberg gehalten hat, ist die erste öffentliche Ankündigung des Konfliktes, auf dessen Entstehen wir hier seit langem hingewiesen haben. Nur darf man sich über die Natur dieses Konfliktes keiner Täuschung hingeben. Der Mann, der da gegen ungeregelte Verfolgungen der Juden, Katholiken und Protestanten und gegen den Boykott von Waren- und Kaufhäusern gesprochen hat, ist vielleicht der gefährlichste Helfershelfer des nationalsozialistischen Regimes. Er war es ja, der am meisten zu dem Bündnis zwischen Hugenberg und Hitler beigetragen, der dem Hitler dBe Unterstützung und Subventionen großer Teüe der Industrie und der Banken verschafft hat, und so zum wichtigsten Wegbereiter für die nationalsozialistische Diktatur geworden ist, E r war es, der dann durch die Enteignung der auswärtigen Gläubiger, durch die in- flatorische Finanzierung der Staatsausgaben und durch den Zwang seiner Handelspolitik dem Regime die Möglichkeit zu der unerhörten Ausgabenwirtschaft im Dienste der Aufrüstung und Kriegsvorbereitung geliefert hat Wenn dieser Mensch heute gegen die irregulären Methoden der Judenverfolgungen, gegen die Pogrome und gewaltsamen Boykott- aktionen, wenn er gegen die Katholikenverfolgungen auftritt, so leitet dem Gesinnungslosen, dem alles Menschliche fremd ist wahrhaftig keine Regung der Humanität oder der Sittlichkeit Hat er doch in demselben Atemzuge seine Solidarität mit Hitler, dem Freunde und Gesinnungsgenossen Streichers, Ausdruck gegeben und die letzten Ziele der Pogromist en ausdrücklich gebilligt und nur ihre Methoden gerügt Denn diese Methoden erscheinen ihm schädlich und gefährlich, weil sie den Kredit des Reiches im In- und Auslande völlig zu vernichten drohen, und Schacht der noch vor kurzem so hochmütig neue Kredite als überflüssig bezeichnet hat lechzt heute nach Anleihen im Inlande und noch mehr im Auslande. Politisch ist also Schacht mit den anderen Nationalsozialisten im Wesen einig. Daran ändert auch nichts, daß der Dr. G ö b b e 1 s die Verbreitimg der Rede seines Kollegen, des bis jetzt allmächtigen Wirtschaf tadiktators, im Rundfunk verhindert hat, und daß die deutsche Presse die Stellen über die Schädlichkeit der Jaden- und Katholikenverfolgungen nur in äußerster Abecbwächung bringen durfte. Der Reichsbank wurde es immerhin gestattet, für die Verbreitung der Rede im Auslände zu sorgen und so zu versuchen, dort neue Illusionen zu erwecken, um für die Pumpversuche Schachts den Boden vorzubereiten. Im Innern aber setzen die G ö b b e 1 s und Rosenberg, die Himmler und Streicher, ihre frischfröhliche Hätz ungestört fort, bis auf dem Reichsparteitag das neue»Recht« verkündet wird, das die von Schacht beklagte Regelwidrigkeit in die gesetzliche Form bringen wird. Und der erste, der die neue Gesetzgebung als Ausfluß des staatsmännischen Genies seines Führers preisen wird, wird der Dr. Schacht sein! Darf man also den politischen Konflikt, den die Rede und noch mehr ihre Zensurierung anzuzeigen scheint, nicht überschätzen, so bleibt der wirtschaftliche Konflikt, der durch den Widerstreit zwischen den maßlosen finanziellen Ansprüchen der Diktatur und der Unmöglichkeit, sie auf die Dauer zu befriedigen, gegeben ist, in seiner vollen Schärfe bestehen. Nur daß dieser Zustand nicht erst durch die wilden Aktionen des nationalsozialistischen Mobs und seiner Führer entstanden ist, nicht durch die Judenpogrome und die Katholikenverfolgungen, sondern durch die Finanz- und Wirts chaftsmethoden des Dr. Schachts selbst Und wenn die Göbbels und Rosenberg durch ihre neue Hetzkampagne gegen die Feinde des Regimes die Aufmerksamkeit des Volkes von der immer prekärer werdenden ökonomischen Lage abzulenken suchen, so will Schacht selbst von seiner eigenen Verantwortung ablenken und die irregulären Aktionen verantwortlich machen für das, was die Folge seiner eigenen Politik ist Denn Schacht und das allein unterscheidet ihn von seinen Gegnern in der nationalsozialistischen Partei, ist jetzt an dem Punkt angelangt, wo er den Versuch der Umkehr machen muß. Seine bisherigen inflationistischen Methoden lassen sich nicht mehr fortsetzen, denn die Gefahr der offenen Inflation ist in bedenkliche Nähe gerückt. Und so will der Mann, der noch vor kurzem mit solcher Entrüstung und solchem Abscheu von dem»Verbrechen der Deflation« gesprochen hat, jetzt seihst zur Politik der Deflation, der Ausgabenbeschränkung, der Drosselung der Arbeitsbeschaffung, der Deckung der Ausgaben durch neue Steuern und Anleihen übergehen. Muß aber Schacht dem ökonomischen Zwang gehorchen, so verstößt er gegen die Erfüllung zweier Grundforderungen, auf die das Regime nicht verzichten kann: der künstlichen Einschränkung der Arbeitslosigkeit und der Fortsetzung der Aufrüstung in dem bisherigen schwindelndem Tempo. Der»Völkische Beobachter« hatte vor kurzem in einer Polemik, die sich anscheinend gegen die Auslandspresse, in Wirklichkeit aber gegen Schacht richtete, geschrieben, daß das Bestehen einer Arbeitslosengefahr die größte aller Gefahren sei; selbst wenn es wahr wäre, daß an Stelle des Arbedtslosenproblems jetzt angeblich finanzielle Gefahren bestünden, so könnte das das nationalsozialistische Regime nicht schrecken. Da handle es sich nur um liberalis tische Vorurteile;»die Fahne ist mehr als ein Bankkonto«. Das führende nationalsozialistische Organ verlangt also die rücksichtslose Fortführung der inflationistischen Finanzierung, wie sie Schacht ja bisher geübt hat Es verteidigt die Methoden des Schacht von gestern gegen die Befürchtungen des Schacht von heute. Man versteht also die Erregung, mit der ach Schacht gegen den»Völkischen Beobachter« wendet. Schacht sucht seine Position zu stärken, indem er allmählich und vorsichtig einen Teil der Wahrheit über die deutschen Finanzen in Deutschland selbst durchsickern läßt. Hieß es noch vor kurzem, daß die schwebende Schuld kaum drei Milliarden betrage, wurde dann von fünf Milliarden gesproclpn, so kann heute wenigstens in der Fachpresse schon die Zahl von ÜVz Müliarden angedeutet werden, die den Schätzungen im Auslande, die sich zwischen 13 und 18 Milliarden bewegen, schon einigermaßen näherkommt. Schacht selbst bezeichnete die Summen, die für Arbeitsbeschaffung und Wehrhaftmachimg schon ausgegeben wurden und noch erforderlich sind, als»unerhört groß« und kündigte an, sie»müssen einmal aus Leistung und Ersparnissen des Volkes fundiert werden«. Er schreckt allerdings davor zurück, die genaue Zahl anzugeben, aber er spricht von»ungeheuren finanz- und wirtschaftspolitischen Anstrengunge n«, die bevorstehen. Die Zeiten, wo der Reinhard, der Staatssekretär des Finanzministeriums, von Steuersenkungen sprechen durfte, sind endgültig vorbei.»Harte Besteuerung« und»Reservierung aller Finanz ierungsquellen für die staatlichen Sonderzwecke«, das sind die Parolen, die Schacbt jetzt ausgeben läßt. Und er macht den Versuch, Hitler, der von diesen Dingen schon gar nichts versteht und unentschlossen zwischen Schacht und dessen Gegnern schwankt, die Gangbarkeit des Weges zu beweisen. Unmittelbar nach seiner Rede kündigt Schacht die Auflegung einer neuen Reichs* anleihe von einer Milliarde an. 500 Millionen müssen von den Sparkassen gezeichnet werden, die andere Hälfte, die in Form von zehnjährigen Reichaschatzanweisungen begeben werden, bleiben zur öffentlichen Zeichnung aufgelegt. Eis ist der alte Trick, den Schacht schon vor kurzem angewandt hat, als er die Der Diktator Ist krank Die herrsdhende Bande zittert Nach einer amtlichen Meldung hat man Ende Mai Hitler einen Stimmbandpolypen herausgeschnitten. Eis waren längst Gerüchte im Umlauf, daß seine Stimme nicht in Ordnung sei, und bei seiner letzten Reichstagsrede konnte man es deutlich hören. Man sprach von Kehlkopfkrebs. Die Göbbelspropaganda hat alle Gerüchte über eine Erkrankung Hitlers hartnäckig dementiert— bis sie jetzt mit dem Eingeständnis hervorkommt An dieses späte Eingeständnis und seinen Inhalt müssen berechtigte Zweifel geknüpft werden. Warum dieses monatelange Schweigen und Leugnen? Warum hat Tnan nie gewagt, das Verschwinden Hitlers von der politischen Bildfläche mit seiner Halsoperation zu begründen? Angeblich blickt das ganze deutsche Volk mit schwärmerischer Liebe zu seinem geliebten »Führer« auf. Welche Gelegenheit für die Göbbelspropaganda, dem ungläubigen Ausland die hundertprozentige Anhängüchkeit des Volkes an Hitler in einem Ausbruch leidenschaftlicher Teilnahme zu zeigen! Warum hat man es nicht getan, warum hat die Göbbelspropaganda dies Rührstück nicht aufgeführt? Warum? Eis gibt darauf nur eine Antwort: sie haben es aus Furcht nicht getan! Sie wissen nur zu gut, daß ein stiller Sturm durchs Volk gegangen wäre; der Diktator ist am Ende, der Tag der Befreiung ist nahe! Sie wissen aus ihren Spitzelberichten und aus ihren Erfahrungen, daß das Popularitätsmärchen zerrissen worden wäre. Sie wissen auch, daß der stille Kampf der Fraktionen des Systems sofort laut losgebrochen sein würde, wenn sie öffentlich die Außergefechtsetzung des Diktators bekanntgegeben hätten. Sie konnten aus dieser Operation kein Rührstück machen; denn vor der Tür des Operationssaales standen die Diadochen mit gezogenen Waffen, um auf die erste Nachricht von einem ungünstigen Ausgang über einander herzufallen. Sie haben alle einen Augenblick der zitternden Furcht erlebt. Was geschieht, wenn der Diktator stirbt? Das deutsche System ist so labil, es ist so stark auf Hitler zugeschnitten, daß in diesem Augenblick der jetzt nur noch mühsam am Losbrechen verhinderte Machtkampf beginnen würde— entsprechend dem Charakter der Beteiligten mit den unmenschlichsten Mitteln. Dies System ist weder normalisiert noch dauernd. Es ist künstlich und vergänglich, wie jedes terroristische System. Es ist gebrechlicher als selbst die unsicherste Monarchie, und nachdem die persönliche Anziehungskraft des»Führers« seit langem im Zerbröckeln ist, ist es noch bei Lebzeiten des Diktators um die Stabilisierung des Systems schlecht bestellt! Vielleicht wird nun die Popularitätskomödie nachgeholt, sei es auf dem Nürnberger Parteitag, sei es mit Hilfe des neuerbauten Balkons an der Reichskanzlei. Aber, was fruchtet es, wenn eine Kulisse errichtet wird? Schon mehren sich Gerüchte, die wissen wollen, daß der Krieg der Fraktionen bald offen entbrennen werde. Eis wird wieder von der Reichswehr gesprochen, von einem großen Aufräumen, das nach dem Nürnberger Parteitag beginnen werde, und schließlich haben sich diese Gerüchte zu der sehr bestimmten Prophezeiung verdichtet; nach dem Nürnberger Parteitag wird das Militär endgültig mit der SA Schluß machen. Aber wir warnen nachdrücklich vor dem Glauben, daß durch diese Spannungen und Kämpfe im System das Regime ungefährlich gemacht werde! Eine solche Illusion ist falsch für die inneren deutschen Verhältnisse, sie ist noch falscher für die Wirkung des Systems über die Grenzen hinweg! Die Revanohekriegsillusion hat die Diktatur geboren, und im Augenblick der Gefährdung ihrer Existenz wird sie in dem Revanchekrieg zu flüchten versuchen. Ueberhitzter Nationalismus hat den Mussolini-Faschismus geboren, und die Züchtung dieses Nationalismus endet in dem Attentat auf den Weltfrieden. In der Diktatur wirken nicht nur die gesellschaftlichen Kräfte, sondern auch der Ehrgeiz und die Leidenschaften des Diktators, die unberechenbar sind. Wer kann ermessen, wie stark Mussolini von dem Gedanken getrieben wird, daß sein Alter herannaht? Wer kann ermessen, zu welchen Entschlüssen gefährliche Krankheit einen Diktator treiben kann? Die Diktatur ist selbst eine gefährliche Krankheit, die nicht nur die betroffenen Völker,, sondern die ganze Welt bedroht. Kranke Diktatoren erhöhen die Gefahr! Sparkassen zur Zeichntmg einer halben Milliarde gezwungen hatte. In seiner Rede hat Schacht ein wahres Wort gesagt; er meinte, das Geheimnis der bisherigen Finanzierungen »beruht lediglich auf der einheitlichen und straffen Zusammenfassung der gesamten Finanz- und Wirtschaftspolitik, wie sie nur ein autoritäres Staatagefüge ermöglicht. Mit einem demokratischen Parlament würde die Aufgabe nicht zu lösen sein.« Schacht scheint gar nicht gemerkt zu haben, welches Lob er damit dem demokratischen Parlament ausgestellt hat, das er so als Hindernis für seine Inflationsmethoden anerkennt. Aber richtig ist, daß die bisherigen schrankenlosen Inflationsmethoden auf der uneingeschränkten Verfügung der Diktatur über alle finanziellen Mittel der Volkswirtschaft, das heißt auf ihrer Herrschaft über die Banken und Sparkassen und damit auf der Verfügungsgewalt über alle flüssigen Mittel der Wirtschaft beruht. Aber eben die Art— und das ist von entscheidender Bedeutung—, wie Schacht schon bisher über diese Mittel verfügt hat, macht eine echte Konsolidierung unmöglich. Denn es gibt in der deutschen Wirtschaft kaum mehr sehr erhebliche neue Mittel, die zur Anleihezeichnung zur Verfügung stehen. Bei den Sparkassen wird ach der Vorgang, der sich vor einigen Monaten abgespielt hat, wiederholen. Sie werden die Arbeitsbeschaffungswechsel und Schatzscheine, in denen sie bisher die Sparkasseneinlagen angelegt hatten, in die neuen Anlagestücke umtauschen. Mußte die Reichsbank bei Bedarf die Arbeitsbeschaffungswechsel der Sparkassen jederzeit diskontieren, d. h. mit ihren Noten einlösen, so wird sie in Zukunft unter Umständen die Anleihen lombardieren, d. h. ebenfalls mit ihren Noten einlösen müssen. Ob nominell kurzfristig oder nominell langfristig, ändert im wesentlichen nichts daran, daß für alle diese Schulden jederzeit die Notenpresse zur Verfügung stehen müßte. Und so lange sich in Deutschland genug Einfältige finden, die ihr Geld in die Sparkassen tragen und den Banken als Einlagen anvertrauen, so lange wird es in faule Wechsel oder in solche Anleihen umgewandelt werden. Derselbe Vorgang wird �ch bei den privatem Zeichnungen wiederholen. Die Banken und die Industrie werden die bei ihTiwn lagernden Reichswechsel jeder Art unter dem auf sie ausgeübtem Druck in das neue Papier umtauschen, ohne daß damit volkswirtschaftlich irgend etwas geändert wird. In der nächstem Zeit werden wir also vom einem großen Erfolg der Konsolidierung hören, die, selbst wenn sie echt wäre, auch nur einen Tropfen auf den heißen Stein bedeutete. Aber Schacht braucht diesen Erfolg, um Hitler wieder wirnna.! seine Tüchtigkeit und Unentbehr- lichkeit zu beweisen. Aber Lügen haben kurze Beine und Schacht wird auf diesem Weg nicht weit kommen. Die»ungeheure Anstrengung« wird dann wirklich gemacht werden müssen. Nene Steuern? Aber wird sich das Regime bei der wachsenden Unzufriedenheit in allen Schichten, bei dem fortschreitenden Sinken des Reallohnes und der zunehmenden Teuerung, bei der Belastung der Industrie mit der Dumping- Abgabe zu solchem Wagnis entschließen? Einschränkung der Ausgaben? Aber damit fordert die Diktatur die Reichswehr in die Schranken und riskiert ein rasches Anwachsen der Arbeitslosigkeit. Schacht wird nach neuen Kompromissen, nach neuen Auswegen suchen. Er bettelt in England um neue Kredite. Aber die Summen, um die ee sich bandelt, sind so hoch, daß es nicht wahrscheinlich ist, daß er sie erhalten kann. So steht der Wirtschaftsdiktator vor dem Dilemma, daß die von ihm vorgeschlagene Deflation politisch für das System unerträglich ist, während die Fortsetzung der Inflation das Fundament zu zertrümmern droht, auf dem es ruht. Erst die weitere Entfaltung dieses ökonomischen Widerstreites wird den poütischen Konflikt, der in der Schachtrede im Keim enthalten ist, zum Ausbruch bringen. Dr. Richard Kern. Dl# Ju Afitj Blutiges Deutsch In der Erzieherzeitachrift»Die Deutoche Sehlde« findet sich folgender Satz, den ein Lehrer ausgeheckt und zu Papier gebracht hat; »Das gemeinsame Blut, das che Volksgenossen umschließt, ist ein Naturgesetz, dem wir zu folgen haben.« Wer dem Blut erstens folgt und zweitens von ihm umschlossen Ist, soll nicht mit Phrasen werfen, sonst erstickt er dran. Die neue antisemitische PogromweHe, die bekanntlich das Werk von»Provokateuren« ist, beginnt sich auch In der Justiz auszuwirken. Hatte diese sich bisher im Rahmen der Gesetze gehalten, so paßt sie sich jetzt dem nationalsoziahstischen Rechtssatz: Recht ist, was dem deutschen Volke(lies der NSDAP) nützlich ist, an. Alle Grundsätze einer vernünftigen Rechtsauslegung werden über den Haufen geworfen. Die Methode Ist ganz einfach und läßt sich am besten an dem Beschluß des Amtsgerichtes Wetzlar aufzeigen, welches einem Standesbeamten das Rocht zusprach, die Eheschließung zwischen einem Juden und einer Arierin abzulehnen. Dos Gericht erklärte: »Der Einwand, daß solche Mischehen gesetzlich bisher noch nicht verboten seien, schlägt nicht durch. Dieser Einwand entspringt typisch jüdisch-liberalistischem Moral- und Rechtsdenken. Letzteres hatte mit dem Grundsatz:»Was nicht verboten ist, ist erlaubt«, deutsches Recht und deutsche Sitte bereits fast völlig instinktlos und wurzellos gemacht.« Diese Ausführungen enthalten einen der nazistischen Propaganda eigenen Dreh. Selbstverständlichkeiten werden lächerlich gemacht, indem man sie durch eine unpassende Redewendung karikiert. Niemals galt im Recht uneingeschränkt der Grundsatz, daß erlaubt sei. was nicht verboten ist. Hingegen entspricht es der Gesetzestechnik in vielen Fällen, die Verbote erschöpfend aufzuzählen, um dadurch kundzutun, daß nur diese Verbote gelten sollen lind daß deshalb Im übrigen alles erlaubt sei. So enthalten die §§ 1303-— 1315 BGB. die Eheschließungs- hindemisse mit dem selbstverständlichen Zweck, daß außer diesen Verboten keine anderen gesetzlichen Hindemisse vorhanden sind. Der schneidige Wetzlarcr Amtsrichter hat Schule gemacht. In allen Teilen des Reiches ist seine Lehre aufgegriffen worden, allerdings haben die Landgerichte in der Be- schwerilänatanz derartige meist aufgehoben. Von Rechts wegen könnte also heute der Nlcbtarier wieder eine Ariertn — oder umgekehrt— heiraten,— daß er durch das Konzentrationslager praktisch hieran gehindert wird, gehört nicht mehr hierher. Mit der gleichen Methode wird aber auch in anderen Fällen vorgegangen, um die Rechte der Juden zu verkürzen. Bisher unterlag ein Arbeitgeber vor dem Arbeltsgericht fast immer, wenn er einen jüdischen Arbeitnehmer aus Raasegründen ge- künefigt hatte. Die Arbeitsrichter stellten sich auf den Standpunkt, daß eine Ausnahmo- behandlung von Juden nur In den Fällen möglich sei, in denen das Gesetz ausdrücklich den Nichtariem ihre Rechte genommen hat (Beamte, Rechtsanwälte, Aerzte usw.). Hier ist eine neue Rechtsprechung erst im Werden. Bin Arbeitsgericht hat die Kündigung eines arischen Arbeiters für unzulässig erklärt, weil in dem gleichen Betriebe noch Nichtarier beschäftigt seien. Damit ist angedeutet worden, daß die Kündigung von Nichtariern zulässig sei, und es wird nicht mehr lange dauern, bis die Gerichte jedem Unternehmer uneingeschränkt das Recht geben, seine jüdischen Arbeiter auf die Straße zu setzen. In diesem Zusammenhang ist ein Aufsatz eines Dr. Schmitz im»Völkischen Beobachter« von Interesse, der diese Ansicht klar ausspricht. Schmitz geht sogar noch weiter und führt aus, daß auch jüdische Frontkämpfer keinen Schutz genießen können. Denn die Vorzugsrechte der jüdischen Frontkämpfer seien in den sogenannten Arielgesetzen erschöpfend geregelt. Der jüdische Anwalt sei geschützt, der jüdische Arbeiter nicht, weil es für Ihn keine ausdrückliche Gesetzesbestimmung gebe. Auch hier wird eine Selbstverständlichkeit umgedreht, Ausnahmegesetze werden zu Privilegien umgedeutet. Aach bezüglich der Wirtschaft- lieben Betätigung der Juden wird dte Rechtsprechung aggressiver. Bekannt ist der Fall des Kaufmanns Simonstein In Schnei de- mühl. Hier hat das Oberlandesgericht In Marienwerder erklärt, daß die»Behauptung, einen Einkauf bei einem Juden gemacht zu haben, für jeden Volksgenossen eine schwere Ehrverletzung sei. Die öffentliche Meinung vertrete die Auffassung vom sittlichen Unwert des Einkaufs bei einem Juden«. Im gleichen arme urteilt das Oberlandesgericht in Naumburg, daß ein Schuldner von seiner Vertragsverpflichtung befreit sei. wenn diese darin bestände,»Teile des Volksvermögens ohne zwingenden Grund in die Hände eines nichtarischen Ausländers zu bringen«. Diese Entwicklung der Rechtsprechung kann von den verantwortlichen politischen Leitern nicht abgeleugnet werden. Sie ermuntern die Gerichte, in dieser Rechtsprechung fortzufahren, indem sie jedes antisemitische Urteil in der amtlichen Zeitschrift»Deutsche Justiz« veröffentlichen. Aber auch der Herr Reichs justizminister persönlich will dem Amtsrichter in Wetzlar nicht nachstehen. Er hat eine Entscheidung bestätigt, durch die ein jüdisches Vorstandsmitglied einer Stiftung In Frankfurt a. M. seines Amtes enthoben wurde. Eine solche Tätigkeit der Richter und des Ministers war nach bisherigem Recht völlig unzulässig. Eintscheidend ist aber, daß der höchste Justizbeamte für sein Vorgehen keinen weiteren Grund angeben kann, als daß»Juden auf den Gebieten, die vom nationalsozialistischen Gedanken besonders stark erfaßt seien, nicht mitzuwirken hätten.« Damit ist jeder Rechtsverweigerung Tür und Tor geöffnet. Der Nationalsozialismus hat mit seinen»Gedanken« das gesamte öffentliche und private Volksleben»erfaßt«. Die Justiz sieht also ihre Aufgabe darin, die Judenfrage zu liquidieren. Braune Bonzen Einige Stidiproben aus Mannheim Man schreibt uns aus Mannheim: Eis Ist heute üblich, daß jeder prominente Pg. einen schönen Meroedeswagen fährt. Dies würden die Leute aber noch hinnehmen. Doch die hohen Gehälter, die sich die»Altan Kämpfer« bezahlen lassen, erregen die Bevölkerung doch so langsam. Eli n ige Tatsachen: Der einstige Betriebsleiter vom Städtischen Führpark, Ludwig Hofmann, wurde beim»Umbruch« steilvertretender Bürgermeister. Im Fuhrpark war er in Gruppe 9, was etwa einem Gehalt von 500 RM entsprach. Heute bezieht der Pg. Hofmann ein Jahreegehalt von 16.000 RM und noch ein Wotmungageld von 4.000 RM. Der einstige Schlosser beim Städtischen Gaswerk, D a n 1 el Störz, hatte vor seiner Berufung zum Beigeordneten der Stadt Mannheim, eiinea Wochenlohn von durchschnittlich 40 RM. Heute wird Pg. Störz nach Gruppe 12 bezahlt, was ihm ein Monatagehalt von 945 RM einbringt und dazu noch ein Wohnungs- gelri von 1000 KM jährlich. Der frühere Kolonial warcnhändlcr und mehrmals bankrott gegangene Hans Runkel ist beute Direktor beim städtischen Flir- sorgeamt. Elr wird In Gruppe 13 bezahlt mit einem Monatsgehalt von 1080 RM. dazu noch ein Wohmmgagold von 1800 RM. Der einstige Techniker(kein Ingenieur) Hör! beim Städtischen MnaohinarKimt wurde zum Amtmann dortaeübst in Anbetracht seiner »Verdienste« befördert. Früheres Gehalt Gruppe 6 gleich 245 RM, heutiges Gehalt Gruppe 10 gleich 575 KM. Für den»verdienten« Pg. W o 1 1- schläger, ednetmals Heizer im Städtischen Krankeidaaus, hat man die Betriebsleitersteile im Städtischen Herschelbad freigemacht, indem man den erfahrenen und langjährigen Betriebsleiter frühzeitig zur Ruhe setzte. Als Heizer hatte er früher wöchentlich 38 RM, heute in Gruppe 10 gleich 575 RM und dazu noch Dienstwohnung mit freiem Licht und Heizung. Für den entlassenen stellvertretenden Bademeister im Städtischen Herschelbad hat man einen»alten Kämpfer« hingesetzt, ohne die geringsten Füchkeimtnisse, und setzte Ihn gleich nach Gruppe 6 mit 245 RM. Früher wurde der Posten mit einem Wochenlohn von 38 RM bezahlt. Der Hauptkassierer der Mannheimer NS- Volkswohlfahrt, Emil Schmitt, hatte am 17, Juli einmal das Bedürfnis, sich einen vergnügten Abend zu machen. Bei Frauen, Wein und Sekt. Im Weinhaus Astoria in Mannheim machte er eine Zeche von 2 2 0 M a r k. 90 Mark zahlte er sogleich in bar und für den Rest von 130 Mark stellte er zwei Wechsel aus, in der Höhe von je 85 Mark. Der erste dieser Wechsel war am 27. Juli fällig. Am Tage vor dem Fälligkeitstermin gab der Wirt den ersten Wechsel seinem Bierlieferanten in Zahlung. Ais der Bierverleger im Hause der Kreisleitung den Wechsel präsentierte, zeigte sich der Herr Schmitt empört und zahlte nicht. Erst als am nächsten Tage der Gerichtsvollzieher den Wechsel präsentierte, zahlte der Herr Kassierer. * Der 25 Jahre alte Eugen Werner aus Lobenfeld wurde im Jahre 1933 bei der Gemeinde Bammental, Amt Heidelberg, als Gemeinde rechner eingestellt. Das Mannheimer Naziorgan teil nun in seiner Nummer 340 vom 28. Juli mit, daß besagter Herr Eugen Werner In der Gemeindekassc in Bammental 1 3.0 00 Mark unterschlagen hat. EFne ganz nette Summe im Zeitraum von noch nicht ganz zwei Jahren. Das Naziorgan versucht ee deshalb auch in Ekitrüstung, nur vergißt ee aber hervorzuheben, daß dieser Herr Werner der gleiche Herr Werner ist, der Sturmführer bei der SA in Bammental ist, Umgebung ist. Alter Kämpfer und Träger des goldenen Parteiabzeichens. An der Villa des Gauleiters Bürkel war zu lesen in großen roten Lettern:»Wir haben keine Bonzen mehr, wo hast du Villa und Auto her?« System! Die deutsche Presse meldet: Der Führer und Reichskanzler hat den wegen Mordes an der unverehelichten Frida Schilling vom Schwurgericht in Ellwangen zum Tode verurteilten Wilhelm Keim aus Herrentierbach, Kreis Gerabrorm, zu lebenslänglichem Zuchthaus begnadigt. Das ist innerhalb weniger Monate der vierte Frauenmörder, dem der Führer seine Gnade zuteil werden läßt. Von anderen Gnadenakten hört man nicht». SA und Wehrpflidit So sehr die Nazis die Eänführung der allgemeinen Wehrpflicht bejubelt haben, sie hat dennoch eine Seite, die für sie recht gefahrvoll ist. Waren die Ziele der verschiedenen militärischen Gruppen dabei auch sehr verschiedene(Blomberg hat sicher andere Absichten als etwa die Gruppe um die»Novembergeneräle«, wie die Nazis verächtlich die Groener, Hammerstein, Heye, Seeckt usw. nennen), in einem waren sie doch einig: i n der Zurückdrängung der NS"DAP und ihrer Gliedernngen. Wie einschneidend die Wehrpflicht nun auf die Naa- Oiganisationen wirkte, geht aus verschiedenen Klagen hervor. Obergebietsführer der H i 1 1 er j ng e nd fürBerlln, Amann, wies kürzlich darauf bin, daß durch die Einziehung der jüngeren Jahrgänge zum Heeres- oder zum Arbeitsc&enst das ganze Gefüge dieser Bewegung Ins Wanken geraten ist, vor allem sei die erstrebte Stabilität der Führerschaft vor die Hunde gegangen. Bemerkenswert ist auch die Rede des Gruppenführers Kob in Magdeburg, über die die»F. Z.« folgendermaßen berichtet: »Wer SA-Mann sei, wisse aus eigener Erfahrung, wie jetzt die Dunkelmänner sich an die SA-Männer heranmachten und ihnen ins Ohr flüsterten: Warum seid Ihr denn noch in der SA, wir haben doch die allgemeine Wehrpflicht, In der jeder dem deutschen Volke dient, was braucht Ihr noch spät am Abend Fluren Dienst zu tun? Alle, de das sagten, seien entweder lächerliche Schwätzer, die man auslachen müsse, die vom Nationalsozialismus nichts verständen, oder e» seien Böswillige, die hinter Schloß und Riegel gehörten. Gruppenführer Kob sprach weiter tob den ungeheuren Aufgaben, dl« auch heute noch den Kämpfern Adolf Hitlers gestellt seien. Die Ziele der SA seien die gleichen wie In der Kampfzeit. Diese Ziele seien aber vergessen worden, undauf sie müsse man sich wieder zurückfinden.« Kein Wunder, daß die Gerüchte von einer bevorstehenden Aueeinandersetzung zwischen den Militärs und der SA nicht aufhören! Gegen die Mordurteile Ein Teil der ausländischen Delegierten zum elften Internationalen Straf roch tukon- greß in Berlin hat beim Justizminister Gürt- ner eine Audienz beantragt, Die Delegierten hatten mit Bestürzung erfahren, daß zwei Todesurteile gegen Antifaschisten(Kayser und Claus) verhängt wurden, deren Delikt nach der Urteilsbegründung selbst in nichts anderm bestand, als In antifaschistischer Gesinnung. Die außerdeutschen Juristen, die eine derartige Rechtsprechung für unvereinbar halten mit den international anerkannten Justizprinzipien, haben eine Petition aufgesetzt, in der sie dringend die Begnadigung von Kayer und Claus fordern, Presse-Regie Das Deutsche Nachrichtenbüro(DNB) verbreitete am 3. August die folgende „Mitteilung an die Schriftleitungen": ,J)ie heute ausgegebene Mitteilung aas Münster betreffend Wühlarbeit des politischen Katholizismus ist von allen Zeitungen in größter Aufmachung auf der ersten S eit e auf zumachen. Es sollen ähnliche Fälle, wie zum Beispiel in Recklinghausen(brennender Altar) vom 9. Juli und Bocholt(Heiligenbilder) vom 23, Juli mit als Material herangezogen werden. Die Kommentiermg soll ganz scharf abwehrend und vorstoßend sein. Schlagworte wie.J) eut s ches Volk horch auf!" oder„G e wisse nl ose Hetzer am W er k r oder„W ühlmäus e sind an der Arbeit" können angebracht werden. Die deutsche Presse muß schlagfertig morgen das Thema scharf kommentierend aufgenommen haben." Neuer Verein Ebetmllge nationalsozialistische Manifestanten Aue Deutschland verlautet, daß dort ein »Verein ehemaliger nationalsozialistischer Manifestanten« erstanden ist Bedingung der Aufnahme ist der Nachweis der Leistung des Offenbarungseides in der Zeit der Schmach und einer so gl&nzenden seit dem Herrschaftsan tritt Hitlers erfolgten Besserung der Vermögensverhältniase des Bewerbers, daß sich die Sozialpolitik des Dritten Reiches in ihrer ganzen Größe zeigt. Durch steht Aber zur Führung in diesem Kampf sind heute die breiten Massen der schaffenden und notleidenden Danziger berat die Führung wird dabei in der Hand der Sozialdemokratie liegen, denn ihre politischen Prinzipien allein hat die Geschichte bestätigt« Auf Zwangsarbeit In Deutsdiland Die Danziger Nazi haben eine Reihe von Danziger Arbeitslosen zwangsweise nach Deutschland abgeschoben, wo sie an Reichs- autobahnen sohippen müssen. Eis ist ein Sel- tenatüok zu den Arbeiterdeportationen im Weltkrieg. Den Deportierten wurde als Ge- leitspruch die Ankündigung mit auf dem Weg gegeben, daß»mit der Vermittlung in ein Redchsautobahnlager nicht etwa das Paradtoe für den Betreffenden angebrochen sei.« Die Deportierten rebellieren Inzwischen. Sie sollen mit 80 Pfennigen im Tag auakommen. Der Lagerführer des Arbeitslagers Bartenstein, der diesen Verpflegungssatz nicht einhalten kann, bat den folgenden dringenden Brief an<3e zuständige Stelle geschrieben; »Ich bitte daher um einen Zuschuß sowie schnelle Erledigung dieser Angelegenheit, da ich die Danziger Arbeitskameraden von einer Rückkehr nach Danaig nicht zurückhalten kann. Hell Hitler! gez. Poschag, Lagerführer.« Auch dieser Schiwindel der Danziger Nazis ist schon am Platzen! Täuschende Geldfülle Wie soll das nun weitergehen? Bestünde in Hitlerdeutschland ein echter Aufschwung, so müßte mit den Investitionen auch die Kreditbeanspruchung von Industrie und Handel zunehmen. Die Monatabüanzen der deutschen Kreditinstitute für Ende Juü zeigen aber das gerade Gegenteil. Bei den Großbanken sind die Ausleihungen seit Juü 1934 um 500 Millionen und seit Juli 1933 um 1 Milliarde, das sind 20 Prozent, zurückgegangen. Gleichzeitig sind die Einlagen bei den Großbanken in den letzten zwei Jahren mit rund 5.8 Milliarden fast unverändert hochgeblieben. Industrie und Handel haben also ihre Ueberschüsse zur Abtragung alter Bankschulden benutzt, aber keine neuen Bankschulden gemacht. Die Wirtschaft schwimmt also im Gelde. Aber ein gesundes Zeichen ist das keineswegs, sondern nur die Folge der staatlichen Schulden- Wirtschaft. Es werden immer mehr Staatsgelder in die Rüstungsindustrie hineingepumpt, während die Erzeugung von Gebrauchsgütern zur Stagnation verurteilt wird. Deshalb kann sich die Rüstungsindustrie in dem Maße entschulden, wie die Ueberschuldung des Reiches zunimmt. Das Mißverhältnis zwischen der Fülle an Geld und der Knappheit der Waren ist die Folge der Kriegswirtschaft auf Borg. Sie ist die eigentliche Ursache der Teuerung, von der Deutschland jetzt heimgesucht ist. Diese täuschende Geldfülle kommt aber dem Hitlerreich zur Zeit gelegen, denn sie erlaubt Herrn Schacht, Schulden mit neuen Schulden zu bezahlen, und auf diese Weise das Umschlagen der Schuldenwirtschaft in die Ueberinflation hinauszuzögern. An die Stelle der privaten Kreditbeanspruchung tritt die öffentliche. Die Unternehmer zahlen ihre Bankschulden mit den faulen Arbeitsbeschaffungswechseln ab. Bei den Banken hat also eine Auswechslung der privaten Verschuldung gegen die staatliche stattgefunden. So hat der Wechselvorrat bei den Großbanken seit Juli 1933 von 1.6 auf 2.3 Milliarden zugenommen, der Bestand an Wertpapieren von 780 auf 840 Millionen. Im Geschäftsverkehr wird mehr und mehr der Wechsel durch Barzahlung, bei den Banken der reguläre Handelswechsel durch die Arbeitsbeschaffungswechsel verdrängt. Es ist sicher, daß die Banken weit m e h r A rb e i t s b e- schaf fungswechsel hereingenommen haben, als Wechsel überhaupt. Ihr Beitrag zur Finanzierung der»Staatakonjunktur« ist also beträchtlicher, als die obigen Ziffern zeigen. Die öffentliche Verschuldung an die Banken ist also ungefähr um die gleiche Summe angewachsen, wie die private zurückgegangen ist Von Schachts Spezial- organ»Der deutsche Volkswirt« ist jüngst diese Staatskonjunktur als»große Kapitalfehlleitung oder-aufzeh- r u n g gekennzeichnet worden. Sie kommt darin zum Ausdruck, daß in den Rüstungsindustrien Geld brachliegt, während die Geldbedürfnisse der Konsumindustrie unbefriedigt bleiben. Etwas anderes ist die Entwicklung bei den öffentlichen Kreditinstituten, besonders bei der Girozentrale, der Spitzenorganisation der Sparkassen. Hier hat tasächlich eine sehr erhebliche Zunahme der Einlagen stattgefunden. Ansehnliche Ersparnisse bei den Arbeitern und Angestellten verbietet schon die Teuerung. Dagegen kann man annehmen, daß geschäftliche Guthaben von den Privatbanken zu«Jen Sparkassen abgewandert sind. Man muß auch berücksichtigen, daß an der Aufrüstung nicht nur die Industrie, sondern auch das Handwerk, der Favorit des Nationalsozialismus tätig ist, ganz besonders jetzt, da die Vorbereitimg für die Inkraftsetzung der Wehrpflicht im Gange ist In den Handwerksstuben herrscht neues Leben, aber die Handwerker wissen, daß es nur eine kurzfristige Konjunktur ist und Anschaffungen daher nicht lohnen. Deshalb werden auch hier die Ueberschüsse nicht produktiv verwendet sondern auf die hohe Kante gelegt Das Anwachsen der Sparguthaben ist also ebensowenig wie die herrschende Geldfülle überhaupt ein Zeichen wirtschaftlicher Blüte, Seit Juli 1933 sind die Einlagen bei der Girozentrale von 2.6 auf 4.2 Milliarden gestiegen, also um 1.6 Milliarden. Zur gleichen Zeit sind die Wechselbestände von 421 Millionen auf 1.2 Milliarden, also auf das Dreifache, und der Wertpapierbestand von 225 auf 910 Millionen, also auf das Vierfache angewachsen. Der gesamte Zuwachs der Spareinlagen ist also zur Finanzierung der Rüstungskon junktur verwendet worden. Die Geldreserven der Wirtschaft können in den Dienst der künstlich aufgeblähten Staatskonjunktur gestellt werden, weil und in dem Maße wie man sie der Förderung einer echten Konjunktur entzieht Das Hitlerregime hat eine Unzahl staatlicher Finanzinstitute teils in seinen Dienst gestellt teils neu errichtet zu keinem anderen Zweck als den, die staatlich betriebene Wechselreiterei zu tarnen. Jedes ist zugleich sein eigener Wechselschuldner und Wechselgläubiger. Da gibt es die Golddiskontbank, die Akzeptbank, die Bank der deutschen Arbeit die Bank für Deutsche Industrieobligationen, die Deutsche Bau- und Bodenbank, die Deutsche Gesellschaft für öffentliche Arbeit(Oeffa), die Deutsche Verkehrskreditbank, die Deutsche Länderbank, die Deutsche Zentralgenossenschaf tskasse. Da ist es nun aufschlußreich, daß allein die Verkehrskreditbank, das Finanzinstitut der Reichsbahn, Wechselschulden von mehr als einer Milliarde hat bei einem Eigenkapital von 23 Millionen, die Oeffa 900 Millionen bei einem Eigenkapital von 250 Millionen. Allein bei den öffentlichen Banken besteht eine Wechsel- Verschuldung in Höhe von rund 2% Milliarden. Hält man sich diese Zusammenhänge vor Augen, dann kann man begreifen, daß»Der deutsche Volkswirt« jüngst die Frage aufgeworfen hat,»wie es nun weitergehen soll.« G. A. Frey. Bayrische Bauern gegen Hiller Die Stimmung der fast ganz bäuerlichen Bevölkerur� der südlichen Oberpfalz in der Gegend von Laber und Parsberg ist gegen das Hltlersyatem eingestellt und allgemein hört man die Meinung,»der Saustall kann doch nicht mehr lange daa- e r n.< In dem Städtchen H e m a u war vor einiger Zeit eine groß aufgemachte Bleier der Nazis. Eis wurde ein Gedenkstein für den 1923 an der Feldhermhalle gefallenen He- mauer Flaust enthüllt. Bei der Hemauer EHn- wohnersohaft durchwegs Kleinbürger, war von einer Begeisterung nicht die geringste Spur zu sehen. Der Gauleiter hatte durah das Bezirksamt verkünden daß alle Heusbesitzer zu beflaggen haben, aber nicht in den »abgeschafften« bayrischen Färben weiß-blau, sondern mit den offiziellen Hakenkreuzfarben evt. noch schwarz-weiß-rot. Die Empörung Uber die»abgeschafften« Landesfarben war eine allgemeine und die Beflaggung beschränkte sich auf die Amtsgebäude. Die ganze so groß aufgezogene»Paustfeier« ging ohne Teilnahme der Hemauer Bevölkerung vor sich. Die Nazis in den Dörfern und Städtchen sind sehr kleinlaut geworden. Sie versuchen sich wieder anzubiedern. Insbesondere mit der Phrase:»der Hitler will das nicht«. Sie finden aber nirgends mehr Anklang. Die größte Beunruhigung ruft bei der religiös eingestellten Bauernschaft die Bespitzelung der Pfarrer und deren sonntäglichen Predigten hervor. Wiederholt sind Nazis schon deswegen jämmerlich verprügelt worden, ohne daß sie zu klagen wagten, da sie bei einer Anzeige nur eine neue vermehrte Auflage zu befürchten haben. Man fürchtet sich nicht mehr vor den Nazis, die allgemein in die Defensive gedrängt sind. In der ganzen Gegend gibt es keinen Hlt- lergruß mehr oder ein»Heil« und die früheren Nazischreier wagen selbst nicht mehr zu grüßen. Dagegen macht sich eine starke weiß- blaue bayrische Stimmung bemerkbar;»Unser BayerlancD muß wieder hergestellt werden.« Die ganze Hltlerei bezeichnet man häufig als»preußischen Schwindel«. Man sieht sich aAich den Führer mehr kritisch an. Häufig hört man, wie ja in München auch;»Was hat denn alles Hitler früher In München getrieben?« Man zieht Vergleiche, und es mischen sich monarchistische Bestrebungen 1b die Hitlerablehnung.« Nr. 116 BEILAGE Hcutfloftttörfs 1. September 1935 Dil üiwütl Jm 9M � V V W VrW WWWW rWWwrU m W��WWWW�W Bemerkungen von Oda Olberg(Buenos Aires) n. Nichts wäre demoralisierender für unsere Partei, als die Schuldlegende zu pflegen, wir wären deshalb unterlegen, weil wir waffenlos oder ungenügend bewaffnet waren. Daraus folgte ja, daß wir nur durch eine der der Gegner überlegenen Bewaffnung uns befreien könnten, es folgte also daraus eine Aufgabe, die wir tatsäch- sich nicht zu erfüllen imstande sind. Jeder normale Mensch erlahmt bei dem Gedanken, seine Kräfte für Unerreichbares ansetzen zu sollen. Unterlegen ist die Masse in Italien, weil, sie übertölpelt und verraten wurde, in Deutschland, weil die furchtbaren Leiden der Krise einen Teil von ihr an Ver- nunft und Wirklichkeit irre gemacht und dem Wunderglauben in die Arme getrieben hatte. Einzig in Oesterreich hätte vielleicht bessere Bewaffnung den militärischen Sieg bringen können, was aber bei der Haltung der Mächte nichts an dem politischen Ausgang geändert hätte. Man kommt da zu einem recht pessimistischen Ergebnis. Wenn die physische Gewalt durch ihren in den Händen des Staates zentralisierten Apparat heute über so im geheure Mittel verfügt, kann sie da nicht jederzeit der geschichtlichen Entwicklung den Weg vertreten? Ist da nicht die ganze Kulturarbeit beständig bedroht? Daß wir die in den Händen der Exekutive liegenden Machtmittel je vermindern können, ist ebenso unwahrscheinlich, wie die Beseitigung der arbeitsparenden Maschinen. Außerdem hat die Sozialdemokratie, wie jede freiheitliche Bewegimg, Interesse an einem starken Staatsapparat, der der einzig mögüchen privaten Aufrüstung, der des Großkapitals, einen Riegel vorschieben kann. Dezentralisieren kann man die staatlichen Machtmittel auch nicht, obwohl zum Begriff des demokratischen Staates die Bürgerwehr gehört, das Recht jedes unbescholtenen Bürgers, Waffen zu tragen. Mit diesem Recht hat die technische Entwicklung einfach aufgeräumt, ohne daß irgendjemand daran schuld wäre. Die praktische Durchführung wäre Wahnsinn; jedem Hause sein Tank, sein Maschinengewehr, seine Giftgase und sein Flugzeug. In der Zerstönmgstechnik hat sich die Menschheit eben etwas ausgebrütet, was ihren Bestand oder doch den ihrer Kultur gefährdet Sie kann dieses Etwas nicht wieder ins Eh zurückkomplimentieren. Ich sehe da kein anderes Schutzmittel als die hundertfältige Fesselung und Kontrolle der Exekutive, die durch wählbare Vertreter an den technisch entscheidenden Punkten des Militär- und Polizeiapparats, der Herstellung und Unterbringung der Waffen zu bewerkstelligen wäre. Lehrreich ist, daß jede Diktatur sofort die Waffenmacht aufs äußerste zentralisiert, ihre Ankurbelung von möglichst wenig Individuen abhängig macht, mit der technisch richtigen Begründung, dadurch ihre Schlagkraft zu erhöhen. Jedes demokratische Regime muß aber um jeden Preis die Büdung eines Apparats verhindern, der technisch so vollkommen ist, daß der Druck auf einen Knopf genügt, um das Land in Brand zu setzen. Je vollkommener solch ein Apparat ist, um so weniger menschliche Verantwortung greift bei seiner Zweckerfüllung ein, um so automatischer verrichtet er seine Arbeit, um so geeigneter ist er als Werkzeug eines einzigen Willens. An allen technisch entscheidenden Stellen muß die Demokratie die Möglichkeit der Kontrolle und der Hemmung fordern, wenn sie nicht riskieren will, von der Exekutive überwältigt zu werden. Seit es einen zentralisierten Staat gibt, hat der Einzelne sich durch ein dichtes Netz von Gesetzen vor dessen Uebergriffen zu schützen gesucht Nun der Staat als einziger die Verfügung hat, über eine bisher nie gekannte Fülle technischer Uebermacht ist die große Mehrheit der Bürger, nicht nur das Proletariat, daran interessiert, in diesem furchtbaren Apparat Hemmungsvorrichtungen anzubringen, deren Hebel nicht von der Exekutive, sondern von Vertretern der Gesamtheit manövriert werden. Daß ein in dieser Weise mit demokratischen Sicherungen durchsetzter Polizei- und Militärapparat an Schlagkraft und Geschwindigkeit hinter dem der Diktatur zurückbleiben müßte, ist natürlich auch zu bedenken, vor allem in Hinblick auf auswärtige Kriege, aber auch auf einen Handstreich des Großkapitals. Hier, wie von vielen anderen Standorten aus, zeigt sich die enge Verbindung zwischen innerstaatlicher Polizeigewalt und Landesverteidigung, zwischen Bürgerkrieg und auswärtigem Krieg, zwischen Demokratie und Pazifismus. Heute stehen wir vor der brutalen Tatsache, daß kein Proletariat, daß überhaupt keine Macht im Staate, außer dem Großkapital, sich die technischen Mittel verschaffen kann, um der Gewalt der Exekutive wirksam entgegenzutreten, und daß gleichzeitig keine sozial und freiheitlich eingestellte Partei die Machtbeschränkung des Staates anstreben kann, ohne dadurch die Möglichkeit eines siegreichen Ueber- falls des Großkapitals auf den Staat und seinen Machtapparat zu schaffen. Aus dieser Lage gibt es keinen andern Ausweg, als die heute verpönte Demokratisierung und Eroberung des Staates. Daß beide bisher nicht gelungen sind, ist kein Argument Man zeige uns ein anderes Mittel als das der Demokratisierung des Staatsapparates, um den Rückschlag in Gewaltperioden und Diktaturen zu verhindern. Mit einer Handvoll modern ausgerüsteter Getreuen oder Schergen kann heute die herrschende Klasse das Proletariat einer ganzen Stadt in Schach halten. Um das zu verhindern muß die Exekutive»über den Parteien« stehen, das heißt, alle Interessen- und Ideenrichtungen des Staates müssen die praktische Möglichkeit haben, bei dem Gebrauch der staatlichen Gewalt bestimmend mitzusprechen. Wenn wirklich im Kampf um die Zukunft die letzte Entscheidung nur der Gewalt büebe und es unmöglich wäre, die Exekutive zu einem Werkzeug des Mehrheitswillens zu machen, dann müßte die den Sozialismus anstrebende Menschheit erst der herrschenden Klasse ihr Waffenmonopol nehmen, um sie dann besiegen zu können. Da sich die Nutznießer der heutigen Ordnung natürlich mit allen Mitteln um ihr Waffenmonopol wehren werden, so liefe die Aufgabe darauf hinaus, daß wir gesiegt haben müßten, um siegen zu können. Entweder ist also die Sache hoffnungslos, oder die letzte Entscheidung liegt nicht bei der Gewalt. *** Nun hat sich aber kaum jemals die Gewalt als so wirksam, gewissermaßen, so fruchtbar erwiesen, wie gerade heute. Genosse Ellenbogen hat den Faschismus treffend definiert als»Einführung der Gewalt in die Politik«. Die Gewalt ist von den Faschisten geradezu neu entdeckt worden. Die Wirkung war für sie selbst verblüffend, fast ebenso, wie für die Opfer. Ein Dutzend Rowdys, mit dem Knüppel in der Hand, konnte eine Versammlung sprengen, deren Redner man keine Argumente entgegenzusetzen hatte. Die Beseitigung einer Handvoll Gewerkschaftsführer konnte eine festgefügte, seit Jahrzehnten aufsteigende Organisation brechen und ihre Errungenschaften vernichten. Mit Petroleum und Reisig, im Notfall mit Brandgranaten, Schafte man sich Kooperativen vom Halse, denen die Konkurrenz der privaten Geschäfte nicht gewachsen war, ganz zu schweigen von den gestohlenen Waren, mit denen sich die»Sieger« auf Jahre eindeckten. Das»Tischlein deck dich— Esel streck dich— Knüppel aus dem Sack« wurde Wirküchkeit und tat Wunder. Dies Wunder reichte sogar bis in die Seele der Menschen. In gutem Glauben und sogar in bitterer Selbstkritik sagten viele: »Ja, das waren eben ganze Kerle, und die andern waren Waschlappen«. Diese Einstellung— ein Rückschlag in die Kinderjahre, in denen körperliche Kraft und körperlicher Mut von einem Zauberschein umgeben sind— ist sehr wesentlich mitschuldig an der heutigen Lage. Man soll sich aber zunächst klar machen, daß die Wunderwirkung der Gewalt, ohne die es nie einen Faschismus gegeben hätte, nur durch Versagen der Staatsmacht, buchstäblich durch Landesverrat der Sicfaerheitsbohörden, möglich war. Wäre die Polizei gegen die Faschisten auf dem Platze gewesen, wie sie gegen streikende Arbeiter auf dem Platze war, so hätte der ganze Zauber mit ein paar Jahren Gefängnis für die Rädelsführer geendet. Aus war der Nimbus, aus waren die Zahlungen der großen Banken! Vielleicht wer- Lasset die Kindleln zu mir kommen ••• Zeitungsbericht: Ein jüdisches Erziehungsheim in Diez an der Lahn, in welchem vor allem Walsenkinder und Halbwaisen untergebracht waren, wurde, nachdem es vor dem Gebäude zu Sprechchören und Demonstrationen gekommen war, von der Polizei geschlossen und die etwa 50 Insassen zu ihrem Schutz unter polizedücher Bedeckung nach auswärts abtransportiert. den uns England tmdMH*i«rtB OewaR, deren Wertaeag» mir mit großen Summen beschafft werden können, mit der unsprünglichen Gewalt, in der jeder nnr seine Person einsetzt, nicht mehr gemein hat, als etwa die katholische Kirche mit dem Urchristentum. Gewiß kann auch der Schwächere, der Ungeschickte, der Furchtsame höhere soziale Werte verkörpern, als sein durch Kraft, Gewandtheit und Mut überlegener Gegner; trotzdem ist die instinktive Hochschätzung von den Eigenschaften, die— Mensch gegen Mensch— das Uebergewicht verleihen, berechtigt, wie jede Anerkennung eines in der Persönlichkeit begründeten Erfolges. Aber das, was heute im Bürgerkrieg das Uebergewicht verleiht— die mit Steuergeldern der Bekämpften, von der Schwerindustrie fremder Staaten oder von den Großbanken bezahlten Waffen als materielle Voraussetzung, der Mangel an Menschlichkeit, Ritterlichkeit und Fairneß als moralische— das verdient keine Anerkennung, keine Hochschätzung, vor allem keine Nachahmung. Wir vergolden heute mit der Poesie der Kinderjahre ein schmu tziges, feiges Geschäft. TTngy Weg ist nicht der der bewaffneten Gewalt. Das ist nur für den eine hoffnungslose Feststellung, der nicht an geistige Waffen glaubt und nicht sieht, daß sie in der Geschichte mehr Gewicht gehabt haben als die physische Gewalt, •) Allerdings kann sich dleeer Kapitalismus in dem großen Trusts eine Organisation geben, die jede Freiheit beseitigt, mit eigener PoKzei, eigenen Gesetzen, eigener»Wlasen- schaftc und eigener Presse, eine Organisation, in der der Mensch tatsächlich nur ein Maschinenteil ist, und einfach beseitigt wird, wenn er nicht reibungslos als rechtloses Rädchen des Riesenbetriebs rollt. Eine solche absolute Wirtschaf tsdiktatur könnte wohl alle erdenklichen technischen Fortschritte im Regime politischer Diktatur verwirklichen, wie ade. durch systematische Beseitigung der gradrückigen Elemente eine lenkbare Masse zu schaffen vermöchte, die— ohne Rechtssinn und ohne Staat— mit verhältnismäßig gerir�em Terror niederzuhalten wäre. Auf dem durch Trustwirtschaft eingestampften und unfruchtbar gemachten Boden könnte sich die politische Diktatur durch den Pakt zweier Schichten von Nutznießern konsolidieren. Dieses Schreckbild ist noch nicht aktuell, aber sichtbar genug, um die Notwendigkeit zu zeigen, mit der einen Diktatur Schluß zu machen, ehe sichT e 1 e g r a a f«, ein Blatt dieses Schlages, bringt einen scharfen Protestartikel seines Chefredakteurs gegen die deutschen Judenverfolgungen. Aber der Tenor des Artikels ist: für ihr jetziges Unglück müssen sich die deutschen Juden in erster Linie bei ihren Raasengenoasen bedanken, die in der deutschen Sozialdemokratie tätig waren. Hätten die deutschen sich samt und sonders auf die Seite der kapitalistischen Ausbeuter, rächt so zahlreich auf die Seite der Ausgebeuteten gestellt,— kein Haar wäre ihnen gekrümmt worden!— Für diesen Gedankengang findet der Chefredakteur des »Telegraaf« die wahrhaft erschütternde Formel: Karl Marx hat dem deutschen Judentum mehr Schaden zugefügt als alle Bar- mats, Sklareks, Kutiskers zusammen. In einer Sammlung kapitalistischer Selbstbekenntnisse verdiente dieser Satz fürwahr einen Ehrenplatz. Bedeutet er doch: Jüdische Millionenbetrüger sind uns Kapitalisten zur Not erträglich, wenn sie den Kapitalismus nur nicht grundsätzlich antasten. Unerträglich aber ist der saubere arme, unbestechliche Gelehrte, der den Sozialiemus wissenschaftlich begründet. Wir wiederholen: solche Vertejdi- gung haben die Juden wirklich nicht verdient, selbst wenn alles wahr wäre, was die Streicher ihnen anhängen! Der ndchtanti semitische Faschismus bietet ihnen eine Rettungsarche an, in der zwar Platz ist für ihre großen Betrüger, aber kein Platz ist für ihre großen Männer! Der»Telegraaf« nennt die trockene Enteignung jüdischer Warenhausbesitzer, Fabrikanten, Geschäftsinhaber— wir betonen: mit Recht!— einen»schamlosen Raub«. Trotzdem ist nach dem»Telegraaf« nicht der Neid der Konkurrenz, nicht die Beutelust der Desperados vom Hakenkreuz Ursache des des Raubzuges gewesen, sondern das anti- nationale Verhalten der jüdischen Führer in der Sozialdemokratie.— Meint er Ludwig Frank?— Dann hat der»Telegraaf« noch einen weiteren Sündenbock entdeckt. Schreckliches weiß er zu berichten vom Treiben der»jüdischen Gewerkschaftsführer. Durch unsinnige Forderungen hätten sie die Betriebe ruiniert, zur Abwanderung ins Ausland gezwungen, und selber gepraßt, während ihre früheren Arbeitskollegen arbeitslos wurden.— Schade, daß der»Teiegraaf« vergessen hat, auch auf die jüdischen Generäle hinzuweisen, die im Weltkrieg das deutsche Heer bei allen Niederlagen kommandierten! Aber da der Artikel ja— angeblich— für die Juden geschrieben ist. so mahnt er die Nazis, doch rächt völlig zu vergessen, ein wie wertvolles Gegengewicht oft die jüdischen Geschäftsleute gegen das Treiben der marxistisch-jüdischen Volksverführer gewesen seien. O. wir verstehen: Ludwig Frank, Hugo Heimann, Leo Aarons, das waren die Schädlinge, und Sklarek, Barmat, Kutisker die wertvollen Gegengewichte! Aber schließlich werden die Karten ganz aufgedeckt: der Fehler der deutschen Juden im Allgemeinen sei es gewesen, daß viel zu viele von ihnen bei den Linksparteien, daß sie überhaupt Republikaner gewesen seien.— Wozu man noch bemerken karm: Am besten hätten alle Juden antisemitisch gewählt. Aber vielleicht darf man fragen, was es den Juden wohl genützt hat, daß sie von Julius Stahl, dem Theoretiker der konservativen Partei angefangen, über Laband, Bernhard, Wolf, Rosenstock u. a. die besten Theoretiker konservativer Staats- und Wirtsohaftsauffassungen geliefert haben? Wir hängen diese Art der Judenverteidi- gung tiefer, weil sie kein Einzelfall ist und auf die Psyche gewisser jüdischer Kreise rächt ohne Einfluß bleibt. Mancher in Deutschland bedrängte und aus Deutschland verdrängte Jude ist froh, daß er überhaupt in Schutz genommen wird und fragt nicht lang, mit welchen Methoden das geschieht. Wir können das menschlich verstehen. Aber er sollte sich fragen, ob die Leute wohl seine wahren Freunde sind, die lieber dem jüdischen Betrüger Sklarek als dem großen jüdischen Gelehrten Marx die Hand reichen wollen?! Julius Civilis. Deutsdie Familie Wir lesen in dem Blatte»Lebensnaher Volksschulunterricht« folgende Schilderung aus dem deutschen Heim: Gestern besuchte ich Ursula. Ich fand sie bei den Schularbeiten. Sie saß am Tisch in der Wohnstube. Die Türen standen alle weit offen, denn keiner hatte Zeit, sie zu schließen. Ursula ruft schon beständig, daß sie kalte Füße kriege, aber der große Bruder, der hin und her durch die Stube geht, Schlips und Gürtel sucht, schimpft, daß seine Stiefel noch nicht gewichst sind, macht keine Tür zu, sondern bestellt achtmal ums Brot Stullen bei der Mutter. »Junge, bist du denn wieder nicht zum Abendbrot zu Hause?«»Fahrtbesprechung für Sonnabend, Mutter.«—»Mir kannst du auch gleich mein Abendbrot hier auf den Schreibtisch stellen.«, ruft der Vater, »ich muß so nebenbei essen, in einer halben Stunde muß ich fort— Luftschutzbund.« »Hat man euch wohl mal gemütlich um den Abendbrottisch, Kinder? Karm Ulla mir nicht ein bißchen helfen, euch alle zu bedienen?«»Nein, Mutter, wenn die Schularbeiten fertig sind, dann muß ich noch 30 Karteikarten für den BDM ausschreiben.« »So ist es doch, Kinder?« »Genau so. So geht's bei uns allen.« Die Familie, diese viel besungene»Keimzelle des Staates« ist im Dritten Reiche offenbar so heilig gesprochen worden, daß man sich voller Ehrfurcht immer weiter von ihr entfernt. Wozu Büdier? In der»Jungen Front«, amtliches Blatt der Hitlerjugend Ostland, heißt es: »Bücher lesen kommt bei mir gar nicht in Frage!« Diese Redensart hört man mehr als einmal— auch bei Hitlerjungen. Und vielfach kommt dann noch der Zusatz— Nationalsozialist könne man nicht durch Bücherlesen werden.« Die Kinder haben recht. Man läuft sogar Gefahr, durch Bücherlesen das Gegenteil von einem Nationalsozialisten zu werden. Pfui, er ist anständig! Die»Betriobegemednschaft«, Amtliches Mitteilungsblatt der ostpreußischen Arbeitsfront ereifert sich; So ist auch die»Anständigkeit des Juden gegenüber seiner Arbeiterschaft«, von der man gedankenlos oft reden hört, Im Grunde nichts anderes als eine kluge Berechnung.»Gebe ich meiner Arbeiterschaft das Gefühl, gut behandelt zu»ein, so wird sie mir doppelt gern und darum doppelt viel arbeiten. Der Nutzen wird ein um so größerer sein«— so sagt sich der Jude als Unternehmer und macht mit seiner»Anständigkeit«— ein gutes Geschäft. Er macht mit seiner Anständigkeit nicht nur ein gutes Geschäft, sondern mehr noch verdächtige Prop�anda, denn der Jude hat unanständig zu sein, sonst stimmt des Streichens ganze Theorie nicht. Nidif ganz einfach Die»Kölnische Volkszeltung« erklärt; Man mag zugeben, daß es für den Ausländer nicht ganz einfach ist, unsere Wirt- sohoftstatistik zu verstehen; Vielleicht für dem Inländer? Das Kunstsiiidc »Es ist kein Kunststück, über Deutschland zu maulen. Das kann jeder Saujud'. Nachmachen— das ist eine Leistung!« Das macht ihnen gewiß niemand nach! (Aus dem»Westdeutschen Beobachter«.) Leicht möglidi »Es gibt nichts Dümmeres als das Ge- schimpf über che Konzentrationslager. Bs gibt Menschen, die haben im Lager erst richtig kennengelernt, was es heißt, ein deutscher Mensch zu sein. Wer es einmal erfahren hat, dem bleibt es ewig in den Knochen stecken«. (Aue der»Fränkischen Tageszeitung«.) packte ihn mit einem Griff, der kein Widerstehen duldete, bei den Schultern und raunte Ins Ohr;»Na, Moejöh, sshlafen Sie eigentlich gut?« Lawended sah nur ein entsetztes Gesicht «wir weit aufgerissenen Augen, offenem Mund und gesträubter Butterblume. Dann tastete sich der Fremde, in dem man unschwer den Richter Z. erkennt, an eine Hauswand. La- weodel stutzte, entschuldigte sich, und Umstehende hörten ihn murmeln:»Himmel, Arm und Wolkenbruch, man wird immer kurz- Mchtiger!« Richter Z. aber hatte sich auf die steinerne Bank vor dem Friseur Laden nlederge- iK—en, wischte sich den Schweiß von der Platte und Heß sich ein Glas Wasser bringen. (Einem Reisebericht nacherzählt von Bruno Brandy). Zertrampelte Anemonen Beweise dafür, daß neben Verbrechern unzweifelhaft Geisteskranke im»Dritten Reich« das große Wort führen dürfen? Neben einer Fülle anderer hier wieder einer: Zum 100. Geburtstag des Bauerndichters Christian Wagner, der, eng mit seiner schwäbischen Heimat verbunden, wahrscheinlich im kleinen Finger mehr von»Blut und Boden« im guten Sinn hat als sämtliche von GObbeta kommandierten schreibenden Cock- taüfritzen sonstwo, druckte die»Frankfurter Zeitung« zwei seiner schönsten Gedichte ab, deren eines,»Anemonen am Ostersamstag«, beginnt: Wie die Frauen 7.\nrm wohl dereinst beim matten Grauen Jenes Trauertags beisammen standen, Nicht mehr Worte, nur noch Tränen fanden, So noch heute Stehen, als in ferne Zeit verstreute Bleiche Zionstöchter, Anemonen, In des Nordens winterlichen Zonen. Sofort bekam das naziotische»Frankfurter Volksblatt« einen Anfall zertrampelte mit SA-Schnürstiefeln die zarten Anemonen des Dichters und tobte, in dem offensichtlichen Beatreben, sich Streichers Wohlgefallen zu sichern, schäumenden Mundes: Heimtücker sind uns in diesen Tagen nachgerade zur Genüge bekannt geworden. im»Stahlhelm« und im politischen Katholizismus sammelten sie sich, um in der Tarnung des Hurrapatriotismus und der Religion ihre Angriffe auf den Staat und das Werk des Führers unbeobachtet vorzubereiten. Diese Brutstätten des Verrates werden, wo auch immer sie zu finden sind, mit Feuer und Flammen vernichtet werden. Bin Halt gibt es bei dieser Aufräumungsarbeit nicht. Der geistige Verrat findet ebenso wenig Schonung wie der aktive politische Dolchstoß. Das sei auch der»Frankfurter Zeitung« gesagt, die es heute noch wagt, mit Versen des vor hundert Jahren geborenen Lyrikers Christian Wagner das völkische Empfinden unseres Volkes zu verhöhnen. Nein, der neutrale Anstrich»Literatur« kann die hinterhältige Absicht Judas Lob zu singen und Judas»Leid« offen zu klagen, nicht tarnen. Die zarte, von deutscher Innigkeit erfüllte Anemone uns als bleiche Zions- tochter in des Nordens winterlichen Zpnen zu präsentieren, ist eine Frechheit. Alljuda scheint es immer noch nicht glauben zu wollen, daß es im Norden am allerwenigsten zu suchen hat. Wenn es sich jetzt durch die»Frankfurter Zeitung« hinter Versen der Vergangenheit wieder heraustraut, dann sei ihm und seinen Knechten hier mit aller Deutlichkeit gesagt, daß auch den Heimtückem des Geistes das letzte Stündlein bald schlagen wird. Und während in einem normalen Lande Irrenwärter schleunigst mit der Zwangsjacke zum gemeingefährlichen Schreiber so paralytischer Sätze geeilt wären, mußte die »Frankfurter Zeitung«, die seit nunmehr zweieinhalb Jahren das braune Barbaren- regtme mit ihrem einstmals guten Namen deckt, de- und wehmütige Entschul tfigungeo stammeln, Christian Wagner habe sich nichts Böses dabei gedacht, als er die Anemonen mit Zionstöchtem verglich. Für die armen Teufel auf der Redaktion dieses Blattes muß es eine Lust sein, zu leben! »Die deutsche Sprache leidet Not« Was tun die Nationalsozialisten, wenn ihnen irgend etwas im Staate faul erscheint? Entweder sie erschießen jemanden oder sie gründen ein neues Amt. Zu den faulsten Angelegenheiten, die es augenblicklich in Deutschland gibt, gehört nun zweifellos die ständige Mißhandlung der armen deutschen Sprache. Was tun? Die Sprache erschießen? Das geht nicht. Alle Redner und alle Zeitungsschreiber an die Wand steilen? Das wäre das wirksamste, würde aber zu weit führen. So hat man sich denn entschlossen, ein»Deutsches Sprachpflegeamt« zu gründen.—»Fflegeämter« heißen nämlich in Deutschland die Hilfsstellen für gefallene Mädchen, und die gefallene, der Prostitution preisgegebene deutsche Sprache hat nun also ein eigenes Pflegeamt bekommen. Wird es seine schwere Aufgabe erfüllen können? Zunächst wendet es sich mit folgendem bewegtem Aufruf an das Volk. »Die deutsche Sprache leidet Not. In den Zeitungen, in Reden und Schriften begegnen wir immer häufiger schiefen Bil- dem, falschen Beugungen, unnützen Fremdwörtern. An Stelle des einfachen Berichtes, der durch eigene Kraft wirkt und dessen Durchsichtigkeit die Krönung des Goethe- sehen und Leaaingschen Deutsch war, herrscht schwülstige Ueberladenheit...« Alles richtig! Was aber gedenkt das Pflegeamt dagegen zu tun? In einem Nachsatz wird es verkündet, in einem Satz, der genau gelesen zu werden verdient, denn er lautet also: »Gegen diese Mißstände will das Deutsche Sprachpflegeamt angehen, nicht maßlos. aber zielklar. Es will im Sinn echter Gemeinschaft die Klüftung aufheben, die zwischen dem schlicht sprechenden Volks- genoesen und der buntscheckigen Fremd- wörterep räche gebildeter Schichten entstanden ist.« »Klüftung« kommt wahrscheinlich von Kluft. Und eine Kluft aufheben heißt... ja, was heißt es eigentlich? Wie macht man das? Man kann sie zuschütten, überbrücken. schließen— aber aufheben? Wir sind ratlos. Das Sprachpflegeamt beschwert sich über schiefe Bilder, und unterzeichnet ist der Aufruf u. a. auch noch von dem National- dichter und Leiter der Schrifttumskammer Friedrich Blunek. Wir müssen versuchen, den Satz zu verstehen, es muß an uns hegen, wir müssen die Klüftung aufheben! Aber wie sollen wir das machen? Wir flehen das Sprachpflegeamt um»zielklare« Hilfe an! Wir stellen uns unter seine Betreuung. Wird es Rat wissen? KonzentrotMoser und Erztehuniszaeck Eine besondere Lagerordnung ans Dachau Als vor weragen Wochen