Wr. IIS SONNTAG, 15. Sep*. 1935 (&i>liafdem0frattfcf)£0 lt>öd>ciü>IaW Aus dem Inhalt: Hinter Gestapokulissen Braune Korruptionisten Der Hitler von Amerika BIubo-Krieg Verlag; Karlsbad, Haus„Graphia*— Preise und Bezugsbedingungen siehe Beiblatt letzte Seite Hitler proklamiert die Anmtliie Appell an das Messer und an die Straße Der Nürnberger Parteitag der NSDAP ist mit einer Proklamation Hitlers eröffnet worden, die im Geiste Streichers nnd des n 1 1 r a r a d i k a I e n Flügels der NSDAP gehalten war. An die Stelle des totalitären Staates wird die totalitäre Bewegung gesetzt, das heißt die Willkür der Hitler, Streicher, Göbbels und Genossen. Hitler wirft sich anfs neue in die Arme der Radikalen; statt die These von der Schließung der Revolution weiter zu vertreten, die durch das Blut des 80. Juni bekräftigt worden Ist, stellt er ihr die These von der permanenten nationalsozialistischen Revolution entgegen nnd proklamiert die Herrschaft der staatlichen Anarchie. Diese Wendung entspringt der gespannten Gesamtlage. Die nationalsozialistische Partei sieht die Grundlagen ihrer Macht gefährdet. Sie fühlt das Ansteigen der Welle des Hasses im Volke. Sie erkennt, daß Staat und Partei so wenig eins sind, daß eines Tages der Staat gegen die Partei stehen könnte, und ihr Führer sucht deshalb heute schon Macht und Autorität des Staates zu relativieren gegenüber der eigenen Perlet. Seine Proklamation hat in Phrasen, die Kraft zeigen sollen, drei Gegner seines Systems verflucht;»den jüdischen Marxismus und die parlamentarische Demokratie, das politisch und moralisch verwerfliche Zentrum, gewisse Elemente eines unbelehrbaren reaktionären Bürgertums.« Den Hauptfeind, den Marxismus, bedroht er mit neuem blutigen Terror, mit der Ablösung des staatlichen Terrors durch den Straßenterror: »Dem Marxismus und seinen jüdischen Drahtziehern aber sagen wir: Wir haben euch die Möglichkeit gegeben, bei klager Zurückhaltung im Laufe der Zeit vergessen zu werden. Wir haben die Empfindung, daß diese Nachsicht nicht verstanden wurde. Die Folgen konnten nicht ausbleiben. Der nationalsozialistische Staat wird nun in der C e b e r w 1 n d u n g dieser Gefahr welter schreiten. Ata möchte dabei feststellen, daß der Kampf gegen den Inneren Feind der Nation niemals an einer formalen Bürokratie oder ihrer Unzulänglichkeit scheltern wird, sondern dort, wo sich die formale Bürokratie als unzulänglich erweisen sollte, wird die deutsche Nation ihre andere Organisation ansetzen, um Ihren Lebensnotwendigkeiten zum Durchbruch zu verhelfen. Wo diese Aufgabe staatlich gelöst werden kann, wird sie staatlich gelöst werden. Wo der Staat sie nicht zu lösen In der Lage ist, wird sie durch die Bewegung gelöst werden; denn auch der Staat Ist nur eine der Organisationsformen des völkischen Lebens. Was der Erhaltung der Nation abträglich ist, muß beseitigt werden. Wenn sich eine Institution zur Uebernahme dieser Aufgabe als nicht geeignet erweist, hat sie eine andere Institution zu übernehmen und durchzuführen.« Das ist das Geständnis, daß die Opposition trotz allem Terror ihr Haupt immer höher erhebt, so hoch, daß die braune Verbrecherbande an der Wirksamkeit des Polizei- und Justizterrors verzweifelt und an eine Neuauflage der Methode von Frühjahr und Sommer 1633 denkt. Es ist ein Appell an das Messer, an den Willkürmord aufgepeitschter Verbrecherbanden! Das ist nicht ein Symptom der Stabilität und der Kraft, sondern ein Symptom der Zersetzung der Macht! Aber es ist noch mehr! Die Maske des »nationalsozialistischen Rechtsstaats« wird abgeworfen. In der Drohung mit der Straße gegen die formale Bürokratie liegt die vollständige Entwertung von dem, was das nationalsozialistische System»Recht« nennt Wenn jede Rechtsregel, jeder Spruch eines Gerichts, jede Gesetzesanwendung jederzeit durch Willkür außer Kraft gesetzt werden kann, bleibt nichts 1 als die Anarchie der braunen Verbrecher- j banden. Der Mythos von der nationalso- zialis tischen»Ordnung« ist zu Ende! Diese Verbrecherbande kann niemals zu einem f esten R e c h t s- system und Gesellschaftssystem gelangen. Solange sie nicht niedergeworfen und vernichtet ist, herrscht in Deutschland volle Anarchie. Darin liegt für die Opposition die Mahnung, daß sie niemals vergessen darf, daß sie einen Kampf auf Tod nnd Leben mit äußerster Härte führen muß. Die Symptome der Machtzersetzung dürfen sie nicht übersehen lassen, daß sie es mit entmenschten, aller Moral und Humanität baren Feinden zu tun hat, deren letztes Argument das Messer des Mörders ist. Darin liegt aber auch eine Mahnung für die ganze Welt! Das ist kein normales System, das ist kein stabiles System, das ist kein zivilisiertes System— das ist eine Mörderbande, die, wenn sie verzweifelt, vor keinem letzten Verbrechen zurückschrecken wird! Aedttung? Die amtliche Straf rech tskommisaion des braunen Systems will die Aechtung als höchstes Strafmaß in Verbindung mit der Todesstrafe einführen. Sie soll auch im Abwesenheitsverfahiren verhängt werden kOnnen. Sinn und Bedeutung dieser neuen Strafe sind noch unklar. Unklar ist. ob damit ein Rechtsvorwand für Menschenraub und Mord außerhalb der Grenzen, eine Legalisierung der Gestapo- und SA- Morde geschaffen werden soll. Sicher Ist nur eines: Dies Projekt ist ein Ausfluß des wilden Hasses der braunen Verbrecher gegen die Volksopposition, eine Sumpfblase, die aus den kranken Gehirnen der Systemmänner aufsteigt. So wie Hitler einst das Aufhängen von Sozialdemokraten verlangte, so soll jetzt eine neue»Strafe« erfunden werden. Haß und Furcht gebären solche Projekte. Je stärker sich die Sympathie des Volkes der Opposition zuwendet, je deutlicher es wird, daß die Oeffentlichkelt Strafsanktionen gegen Systemfeinde als Ehrenstrafen empfindet, desto wilder die Wut des Systems— desto größer wird aber auch die Kluft zwischen System und Volk. Mögen sie nur ruhig erklären, daß sie uns ächten— sie ächten nur sich selbst! Im übrigen: um weitere Barbar I- s 1 e r u n g brauchen sie sich nicht zu bemühen. Alles, was rohere Jahrhunderte an entsetzlichen Quälerelen erfunden haben, das haben sie in SA-Kellem, Konzentrationslagern und Polizeigefängnissen wiederholt. Wenn sie auch das Rädern bei lebendigem Leibe gesetzlich wieder einführen wollten, so würden sie damit noch nicht ihre unmenschliche verbrecherische Praxis erreichen, die sie im geheimen üben! Aber weder Praxis noch Theorie vermögen den Vormarsch der Opposition aufzuhalten! Hermann Liebmann toi Am 7. September ist in Leipzig der Genosse Hermann Liebmann an den Folgen einer Herzkrankheit, die er sich während seiner mehr als zweijährigen Haft In sächsischen Konzentrationslagern zugezogen hatte, gestorben. Liebmann, von Beruf Metallarbeiter, ein Mann von 53 Jahren, war kerngesund, ein Hüne von Gei stalt. Im Konzentrationslager, wo er auf direkte Veranlassung des Reichsstatthalters Mutschmann, der in ihm den gefürchtet- sten Gegner aus den Reihen der sozialistischen Arbeiterschaft sah, systematisch zugrunde gerichtet wurde, hat er sich dieses Leiden erst zugezogen. Als er nach mehr als zweijähriger Haft im Mal 1935 entlassen wurde, war er ein gebrochener Mann. Aber nur körperlich. Geistig und politisch war er der alte, mutige Kämpfer geblieben, der an keinerlei Kompromiß mit den herrschenden Gewalten dachte. Durch strenge Beobachtung durch die Gestapo an jeder politischen Fühlungnahme mit seinen alten politischen Gesinnungsgenossen gehindert, war er trotzdem durch seine gerade, unerschrok- kene und zuversichtliche Auffassung ein Vorbild. Sowohl als Redakteur der»Leipziger Volkszeitung«, als Führer der Leipziger Arbeiterbewegung und als sächsischer Landtagsabgeordneter, hat er Großes geleistet. Seine Unelgennützlgkeit und sein populäres Wesen verschafften ihm die Liebe seiner Gesinnungsgenossen, die, noch verstärkt durch das Märtyrertum der letzten Jahre, ihm sicher über sein Grab hinaus erhalten bleibt. Sdiadiis Radie Während der Königaberger Rede Schachts verließ der SS-Gruppenführer von Ostpreußen demonstrativ den Saal und murmelte kritische Bemerkungen. Schacht hat durchgesetzt, daß dieser Mann seiner Dienststelle bei der SS enthoben worden ist. Der Fall reiht sich an die Rehabilitierung des Reichebankdirektors Koep- pen an, der nach dreimonatigem Aufenthalt im Konzentrationslager von Dr. Schacht wieder in seine Stelle eingesetzt wurde. Man erinnert sich auch an die Schließung der Relcbsbankf iliale in Arnwalde zum Protest gegen die in nationalsozialistischen Blättern erfolgte Anprangerung des Verwalters, der in jüdischen Geschäften eingekauft hatte. Der Verwalter der Filiale ist in gehobener Stellung nach Berlin versetzt worden. Auf seinem Gebiet ist Schacht Diktator. Helldorf zahlt seine Sdiulden In der Nollendorfstraße im Berliner Westen ist soeben wieder eine Spielhölle ausgehoben worden. Auffallend viele Spielböllen werden in der letzten Zeit entdeckt! Man ist in Berlin der Ansicht, Graf Helldorf wisse als alter Stammgast eben recht genau, wo Institutionen solcher Art zu finden seien. Im übrigen geht das Geflüster; Seine erste Gläubigerserie, deren Forderungen hoch in die Zebntausende gingen, habe der Graf mit Dolch und Revolver»befriedigt«. Nicht nur dem Hanussen stopft deutsche Erde den Mund! Die zweite Serie lasse der Polizeipräsident soeben verhaften, um sie durch gute Aufnahme im Gefängnis zu entschädigen. Denn Spielschulden sind Ehrenschulden, und schenken läßt sich ein Nazi-Führer keinen Pfennig! Ehre der Nation? Richter Brodsky in New York; »Ich bin mir durchaus der Tatsache bewußt, daß das offene Führen der Naziflagge für die Angeklagten berechtigter- oder unberechtigterweise die Vorstellung von einem Piratenschiff hervor-' gerufen hat, das herausfordemderweise in den Hafen einer Nation einfährt, von der es vorher edn Schiff in den Grund gebohrt hatte, mit der schwarzen P 1- ratenflagge stolz an seinem Mast.« Reichsminlster Frank In Berlin:»Im Namen des gesamten deutschen Rechtslebens und im Namen der deutschen Justiz erhebe Ich gegen diese unerhörte Verunglimpfung Protest, indem ich an den Rechtssinn des amerikanischen Volkes appelliere, das es nicht als angemessen erachten wird, daß irgend ein dem Ghetto entlaufener Bursche unter dem Mißbrauch der liberalen Gesetzgebung der Vereinigten Staaten von Nordamerika sich als Richter aufführt und Schänder der deutachen Flagge freispricht.« Der Reichsminister Frank— einer jener braunen Juristen, die niemals Sinn für das Recht gehabt haben— hat sich zum Schützer der deutschen Flagge aufgeworfen. Er meint die Hakenkreuzflagge. Es ist die Flagge der nationalsozialistischen Partei, die ihre ganz besondere Weihe durch den viehischen Mord von Potempa gefunden hat. Damals— im Sommer 1932— schrie das nichtsozialistische Deutachland auf vor Entsetzen, als die grauenhafte Abschlach- tung eines Menschen durch braune Mörder bekannt wurde,, als das Untermenschentum der SA-Bestien gerichtlich gebrandmarkt wurde. Damals telegrafierte Hitler an die feigen, entmenschten Mörder, die zum Tode verurteilt waren: »Meine Kameraden, angesichts dieses ungeheuerlichen Bluturteils fühle ich mich euch in unbegrenzter Treue verbunden.« Damals, am 23. August 1932, sprach der Reichskanzler von Papen in München: »Die Zügelloslgkeit, die aus dem Aufruf des Führers der nationalsozialisUschen Bewegung spricht, paßt schlecht zu den Ansprüchen auf die StaatsfUhrung. Ich gestehe ihm nicht das Recht zu, die Minderheit in Deutschland, die seinen Fahnen folgt, allein als die deutsche Nation anzusehen und alle übrigen Volksgenossen als Freiwild zu behandeln.« Seither ist die viehische Untat von Potempa vieltausendfach wiederholt worden, das Verbrechen ist zum Staatssystem geworden, die Partei des Verbrechens verkündet: Partei und Staat sind eins, und die Flagge von Potempa wird als die Flagge des deutschen Volkes ausgegeben. Der gute Name des deutachen Volkes ist der Bande von Piraten, die sich des Staates bemächtigt hat, gerade gut genug, um ihre Flagge und Ihre Verbrechen damit zu decken. In dreister Fälschung wird die Minderheit, die der Hakenkreuzflagge folgt, als die deutsche Nation ausgegeben und das bessere Deutschland damit geschändet, Der gute Name der Geknechteten wird an die Flagge der nationalsozialistischen Partei geheftet, damit er das Blut und den Schmutz verdeckt. Aus Blut und Schmutz ist die nationalsozialistische Partei und ihre Flagge emporgestiegen, mit Blut und Schmutz ist ihre Herrschaft über das deutsche Volk befleckt. Dies Symbol wurde erhoben, als Erzberger und Rathenau unter den Kugeln feiger Mörder fielen, die heute Nationalheilige des braunen Systems sind. Mensdieiiraub und Mord Hinter den Kulissen der Gestapo Wir sind in der Lage, die Methoden der Gestapo an drei wichtigen Fällen zu beleuchten. Diese Fälle zeigen, mit welchen Mitteln diese verbrecherische Organisation die Spuren ihrer Taten. zu verwischen sucht Im Sommer 1933 schickte die Gestapo einen Lockspitzel und Mensche n- räuber ins Saargebiet. Dieser Bursche— Heinrich Müller aus Hörde— hatte den Auftrag, sich an bekannte sozialdemokratische Emigranten heranzumachen und sie in die Nähe der Grenze zu locken. Vom Polizeipräsidenten Schepmann von Dortmund und dessen Kriminalkommissar Völker hatte er den Auftrag, den früheren Landrat des Kreises Hörde, den Sozialdemokraten Hansmann und andere Emigranten»umzulegen«. Er wurde in Metz verhaftet, als er eine Aktion zur Ermordung Hansmanns vorbereitete. Nebenbei hatte er sich als Spion des Reichswehrkommandos 3 im Elsaß-Lothringer Festungsbereich betätigt. Die Strafkammer in Metz verurteilte ihn zu zwei Jahren Gefängnis und zehnjähriger Landesverweisung. Am 17. September 1933 veröffentlichte die»Deutsche Freiheit« einen genauen Steckbrief des Menschenräubers der Gestapo mit Bild. Wie reagierte die Gestapo? Am 26. Oktober 1933 wurde im Deutschen K r i m i n a 1 p o 1 i z ei b 1 a 1 1 Nr. 1688 folgender Steckbrief ausgeschrieben; »Müller Heinrich, Kaufmann, 23. 9. 05, Hörde, ist wegen politischer Hochstapelei festzunehmen. Er ist am Schluß dieser Nummer zu III abgebildet. H D 222/6 (11). Berlin 24. 10. 33, Geh. Staatspol.- Amt.« Das Büd zu diesem Steckbrief ist eine Reproduktion des in der»Deutschen Freiheit« veröffentlichten Bildes. Die Gestapo hat also die gleiche Taktik eingeschlagen wie im Falle W e s e- mann. Sie hat den ertappten Agenten verleugnet und sucht durch eine angebliche Fahndung nach ihm von ihrer Schuld abzulenken. Der Bursche, der in ihrem Auftrag morden sollte, wird nach seiner Entlarvung als»politischer Hochstapler« bezeichnet. Diese Methode des Sich-dumm- stellens verfängt nicht * Noch schamloser sind die folgenden Ableugnungsversuche. Am 12. April 1934 veröffentlichte das Deutsche Kriminalpolizeiblatt Nr. 1825 die folgende Ausschreibung: »Der jüdische Rechtsanwalt Dr. Albert B o s e n f e 1 d e r, 19. L 92, Fürth, wurde am 27. 3. 34 aus der Schutzhaft entlassen und Ist seither flüchtig. Die auferlegten Verpflichtungen hat er nicht erfüllt Er war Mitglied der Roten Hilfe und Kurslehrer der»Marxistischen Arbeiterschule« In Nürnberg. Es besteht der dringende Verdacht, daß er ins Ausland flüchtet, um dort Greuel- nacbrichten zu verbreiten. Festnahme. München XL 4. 34, PolitP.« Dr. Rosenfelder ist eines der unglücklichen Opfer des Dachauer Konzentrationslagers. In allen Berichten aus dem Lager Dachau wird das entsetzliche Martyrium dieses Mannes geschildert In dem von der Verlagsanstalt»Graphia« in Karlsbad herausgegebenen Buch.»Konzentrationslager«, das authentische Berichte enthält, sind Zeugenaussagen über diese Mißhandlungen niedergelegt. An einer Stelle heißt es: »Ein andermal— es war wohl im Juni— setzten SS-Leute dem Häftling Dr. Rosenfelder eine Dornenkrone auf. Das Blut lief ihm über Augen und Wangen. So mußte er vor uns hermarschieren und auf Befehl allerlei Lieder anstimmen, die wir mitzusingen hatten. Die Stimme versagte ihm, er konnte sich kaum aufrecht halten...»Das Wandern ist des Müllers Lust«—»Heut an Bord, morgen fort, lustig, heut ist heut«. Es klang wie ein gespenstisches Höllenkonzert!« Gegen diese Opfer der viehischen Miß- handlungen wird ein Steckbrief wegen Verbreitung von»Greuelnachrichten« veröffentlicht! Aber Rosenfelder ist weder frei noch flüchtig. Es bat ihn niemand mehr gesehen, noch etwas von ihm gehört, er ist trotz eifrigster Bemühungen nicht auffindbar. Er ist— wie Wesemann von seinem Opfer Jakob schrieb—- verschwunden wie ein Geist! Die Wahrheit ist: dieser furchtbare Zeuge des Verbrechens von Dachau ist stül gemacht worden. Man hat ihn ermordet, um ihm den Mund zu schließen und hinterher einen Steckbrief gegen den Ermordeten auszuschreiben! Am 14. April 1934 veröffentlichte das Deutsche Kriminalpolizeiblatt Nr. 1827 den folgenden Steckbrief: »von Hahn, Paul Edmund, Freih. Schriftsteller, 20. 6. 99, Schloß Postenden, wurde am 26. 3. 34 aus der Schutzhaft entlassen und ist seitdem flüchtig. Die auferlegten Verpflichtungen hat er nicht erfüllt. von H. befand sich wegen Verdachts, landesverrät. Bestrebungen verfolgt zu haben, In Schutzhaft. Vermutlich flüchtete er ins Ausland, um dort Greuelnachrichten zu verbreiten. Festnahme. Nr. 13364/34 I 1 D. München 11. 4. 34. PoUtP.« Auch Hahn ist ein Opfer von Dachau. Er war zu Beginn der Hitlerei als Nationalsozialist in München aufgetaucht. Er warf fünfzehn Redakteurs und Mitarbeiter aus den»Münchner Neuesten Nachrichten« heraus. Plötzlich war es aus mit der Herrlichkeit. Er kam nach Dachau und erfuhr hier das grausamste Schicksal: Daueraufenthalt im Bunker. Das Konzentrationslagerbuch berichtet über ihn: »Hahn war früher einmal R ö h m s Adjutant. Ende Juli 1933, bei der Enthüllung des Horst-Wessel-Denkmals, war er noch unter den Ehrengästen im Lager Dachau. Kurze Zeit darauf kam er als Häftling und wurde In die Dunkelzelle eingeliefert Wir sahen ihn, wenn er ins Freie kam, furchtbar entstellt. Er sah aus wie ein Schatten.« Dieser Mann ist ebenfalls nicht flüchtig. Alles spricht dafür, daß er still- gemacht worden ist— einer der vielen, die in Dachau oder vor den Toren Dachaus im geheimen gemordet wurden. Diese Fahndungen sind nichts als Tarnungen für Gestapomorde. Sie sollen die Blutschuld der Gestapo verbergen. Vielleicht spielt auch der Wunsch eine Rolle, die ordentliche Polizei irrezuführen und sie im Dunkeln zu lassen über das, was die Gestapo tut � In diesen Ablenkungsmanövern liegt Methode! Die Flagge der nata'onalsozfalfstSschen Partei deckte die unmenschlichen Fememorde in Bayern wie die Begünstigung der Mörder durch eidbrüchige Justizbeamte, von denen heute einer Reichsminister der Justiz in Deutschland ist Sie deckt die Menschheitaschande der Kon- «entrationslager und der G e s t a- p o m o r d e, die Herabwürdigung der deutschen Justiz zum Rachemordinstrument der nationalsozialistischen Partei, die Massenarbeit des Henkerbeils und der Morde auf dem Verwaltungswege. Hunderte von deutschen Sozialdemokraten sind Blutzeugen gegen das braune Hakenkreuzverbrechen. Diese Partei, die sich heute für das deutsche Volk auszugeben versucht, hat ihr Symbol in das Blut ihrer eigenen Kameraden getaucht, als ihr Führer den Massenmord vom 3 0. Juni 1934 befahl. Ihr Symbol weht über den Gestapomorden im Ausland, über der Ermordung des österreichischen Bundeskanzlers Dr. D o 1 1 f u ß. Die Flagge von Potempa und die Tat von Potempa sind zum System geworden, die Männer des Systems waten im Blute. Die bestialischen Züge der Streicherpolitik sind das ureigenste Wesen ihrer Partei.»Meine Kameraden, ich fühle mich euch in untrennbarer Treue verbunden.« Aus dem Blute ist der Raub emporgestiegen. Unter dem Wehen ihres Parteisymbols haben sich die Männer des braunen Systems wie ein Haufen von Parasiten auf das deutsche Volk gestürzt. Das ganze deutsche Volk, seine Wirtschaftskraft, sein Vermögen ihre Beute! Sie haben Beute gemacht, sie haben sich schamlos bereichert. Aus überschuldeten bankrotten Abenteurern sind Millionäre geworden, die jeden Unterschied zwischen Staatsvermögen und ihrem eigenen Privatvermögen zerstört haben. Ebne tolle Orgie des Raubes, der Erpressung, der Korruption füllt die Zeit der Machtergreifung und Machtbefestigung der Häupter des Systems aus. Heute sitzen sie fest auf der Spitze der gesellschaftlichen Pyramide. Raub und Korruption sind in ein System gebracht, und über den MMonenvermögen der Diktatoren, über ihren Landgütern, Schlössern, Prunkhäusern, über der Beute, die sie gemacht haben, weht die Hakenkreuzflagge, das Symbol ihrer Partei, ihres Weges zu Macht und Beute, das Symbol ihrer ganz besonderen öffentlichen und privaten Moral. Sie haben die deutschen Gewerkschaften ausgeraubt und haben Hunderte von Millionen erbeutet, sie haben sich am Vermögen ihrer politischen Gegner bereichert, sie berauben die Auslandsgläubiger, die Deutschland in gutem Glauben Kredite gegeben haben, sie plündern die Armen in Deutschland aus, damit einige Rüstungs- industrielle, mit denen sie sich in die Beute teilen, gute Geschäfte machen. Sie zerstören den Frieden, weü sie an der Vorbereitung des Krieges verdienen. Sie haben die Freiheit erwürgt, damit ihr Verbrechen nicht laut werden kann. Und nun appellieren sie an den Rechtssinn anderer Völker, nun verstecken sie sich hinter dem Namen des deutschen Volkes, wenn einmal der Schleier zerreißt und ein ehrliches Wort die Dinge beim richtigen Namen nennt! Die internationale Höflichkeit gegenüber den Staatsflaggen soll die Parteiflagge der nationalsozialistischen Partei, der Partei des nationalen und internationalen Verbrechens decken. Sie haben ihre eigene Parteiflagge selbst entehrt nnd geschändet durch die Reihe ihrer Verbrechen! Wer aufzählt, was die Parteiflagge der nationalsozialistischen Partei deckt, der zählt eine liste von Verbrechen auf, von denen jedes einzelne die Welt hat erschauem lassen: die Morde an Rathenau und Erzberger, die Untat von Potempa, Reichstagsbrand und 30. Juni, SA-Keller und Konzentrationslager, Gestapo, Menschenraub und Mord, Columbiahaus, Obersalzberg, Schorfheide, Domäne Brüssow, Röhm, Streicher und Göring, Juliputsch in Oesterreich, Folter, Terror, Raub, Erpressung, Verfolgung von Marxisten, Juden, Katholiken, Protestanten, Stahlhelm, Zerstörung des Rechts, der Freiheit, der Moral. Das ist das System! Das nennen sie in feierlicher Proklamation»Wiederherstellung der politischen und menschlichen Ehre der Nation«! Das ist nicht Deutschland, das ist nicht die deutsche Nation! Die Flagge, die diese Verbrechen deckt, ist nicht das Symbol des Wesens, der staatlichen Einheit und Entschlossenheit des deutschen Volkes. Das deutsche Volk ist das Opfer dieses Systems, da Objekt eines ungeheuren Verbrechens, das noch über die Summe dieser Einzelverbrechen hinausgeht: denn das deutsche Volk ist auf ewig verdammt, in seiner Geschichte den Schandfleck dieser Jahre tragen zu müssen! Karl Hildenbrand gestorben In Hamburg starb am 4. September im 72. Lebensjahre Genoase Karl Hildenbrand, einer der Treueaten und Beaten der deutschen Arbeiterbewegung. In der Zelt des Sozialistengesetzes war der junge Schriftsetzer zur Partei gekommen, aber seine württembergische Heimat mit ihren demokratischen Tradi- üonen war im Veihältnda zu anderen deutschen Ländern damals— von der heutigen Zelt gar nicht zu reden— immer noch ein Paradies der Freiheit. So wurde auch Hilden- braad, so fest er auch von seiner sozlaUati- achen Uetoerzeugung war, ein Politiker des Ausgleichs und der Versöhnlichkeit, dem eine ehrliche Verständigung lieber war als ein brudermörderlscher Kampf. Da er selber geneigt war, den Gegnern Gerechtigkeit widerfahren tu lassen, genoß er auch bei diesen hohe Achtung. In der Partei hat Hildenbrand, dank dem unbeschränkten Vertrauen, ön.« er sich erworben hatte, alle denkbaren Ehrenstellen bekleidet als Reichstagsabgeordneter seiner Heimat, als langjähriges Mitglied des Land espartei Vorstandes und des Relchspartei- vonstandes. Viele Jahre hindurch vertrat er das Land Württemberg auch im Reichs rat. Obwohl er Im Reichstag und im Parteivorstand jüngeren Kräften Platz gemacht hatte, wirkte er bis zur letzten Stunde vor dem national sozialistischen Umsturz mit unermüdlicher Rührigkeit für die Partei. Für diese Treue mußte er büßen, denn die siegenden Banditen warfen den alten Mann in den Kerker. Nach sechs Monaten wurde er wieder freigelassen, aber seiner Pension beraubt. Selbst die Altersunterstüztung der Buchdruk- keroiganisaüon, in die er fünfzig Jahre lang seine Beiträge gezahlt hatte, wurde ihm genommen. So lebte ein gütiger Mensch, der stets um das Wohl anderer besorgt war, in Not. Er starb in der Knechtschaft. Run blieb bis zu seinem Ende der Trost, durch nichts dieses bittere Los verdient zu haben, und die Zuversicht in die unzerstörbare Kraft der Idee, der die Arbeit seines ganzen Lebens gegolten hat. Pogrom durch Gerichte Der 47jährige Jude W. in Frankfurt a. M. wurde»wegen fortgesetzter teils wörtlicher, teils tätlicher Beleidigung« seiner 19jährigen arisoben Hausangestellten zu neun Monaten Gefängnis verurteilt. Der Jude W. bestritt zwar jede Schuld, auch fiel es selbst den Richtern auf, daß die Hausangestelite erst sechs Wochen nach dam Verlassen der Stellung Anzeige erstattete und daß»ihre Aussage am zweiten Verhandlungstag nicht in allen Einzelheiten mit ihren am ersten Tag gemachten Angaben übereanatimmte«. Aber wenn auf der einer Seite ein fast 50- jfihriger Jude steht, ein noch nie bestrafter, bisher als untadelig geltender Mann— und auf der anderen Seite als einzige Zeugin ein ISjähriges, offensichtlich noch unreifes, aber arisches Mädchen, das überdies einer angeblich zurückgehaltenen Invalidenkarte wegen gegen den ehemaligen Brotgeber aufgebracht ist, dann kann es für einen ehrenwerten deutschen Richter, dem«ein Amt ans Herz gewachsen ist, nur eine Entscheidung geben: »Der Jude wird verbrannt!« Dabei hätte sich der hohe Gerichtshof— neben den schon genannten»Bedenken«— ruhig noch darüber wundern dürfen, daß dem schwer beleidigten Mädchen vom 20 September 1934 bis zum 23. März 1935, also volle sechs Monate lang, garnichts Besonderes aufgefallen ist. Säe wäre sonst— bei der immer wieder verkündeten Nachfrage nach Hausangestellten— wohl kaum an einem Platze verblieben, wo sie ihre rassische Tugend stündlich bedreht sah. Im übrigen waren sich alle Beteiligten— mit Ausnahme des Angeklagten, der jede Annäherung überhaupt bestritt— darüber einig, daß es bei dem Versuch geblieben sei— bei dem Versuch einer Versuchung. Aber von den neun Monaten Fehlurteil wird dem Juden nichts geschenkt— nicht einmal die Untersuchungshaft. Wie wacklig muß es um die Ehre der arischen Mädchen bestellt sein, daß sie auf solche Weise geschützt werden muß! Der Staatsanwalt aber kam während des Prozesses auf«ine glänzende Idee. Er wird nach früheren— väeUeicht auch beleidigten— Hausangestellten des Verurteilten forschen lassen und ihre Aussagen womöglich»zum Gegenstand neuer Untersuchungen machen«. Sollte rieh unter diesen früheren Hausangestellten eine oder die andere Erpres serin befinden— wie sie jetzt öfter« in Jüdischen Familien auftauchen— so wird die Frau des Verhafteten sehr bald ihren letzten Notpfennig los sein. Zur Ehre der Mädchen sei aber gesagt, daß viele von ihnen, denen man Geld bietet, damit sie gegen einen jüdischen Hausherren auasagen, rieh standhaft weigern, im Streleher'schen Fahrwasser zu schwimmen. Den Juden nützt es allerdings wenig, wenn sie nachweisbar auf Rassenschändung verzichtet haben. Sie marhen sich durch ihr bloßes Da-Sedn schuldig. Unter der Ueberschrift »Jeder Verkehr mit Juden ist Rassenschande< berichtet die»Nationalsozialistiscbe Parteikorrespondenz« ausführlich von einer Entscheidung des Amtsgerichts in Breslau. Dort sei eine Frau wegen Rassenschande angeprangert worden. Sie habe deswegen bei Gericht gegen die SA-Führer als Urheber dieser Veröffentlichung eine einstweilige Verfügung beantragt. Die Frau habe behauptet, daß sie gar nicht in intimen Beziehungen zu dem Juden gestanden habe. Das Gericht habe es aber auf den Beweis darüber gar nicht ankommen lassen. Es habe festgestellt. daß Rassenschande nicht nur bei Intimen Verkehr, sondern auch schon in allen Fällen vorliege, wo ein freundschaftlicher Verkehr mit einem Ra ssefremden, insbesondere einem Juden, nachgewiesen werden könne. I Es wird der Tag kommen, da jeder freundschaftliche Verkehr mit den Richtern, die sich heute zu solchen Urteilen hergeben, als Schande güt 1 BeouM HettuftUeuisiek IV ational sozialistisches Piratentum vor Gericht Reichsdeutsche Zeitungen berichteten dieser Tage ausführlich Ober einen Prozeß gegen vier der jetzt führenden Männer des größten deutschen Kunstseidenuntemeh- mens, der Vereinigten Glanz- stoffabriken. Die mehrtägige Verhandlung in Wuppertal ergab interessante Einblicke in die Vorgänge, die sich zur Zeit des nationalsozialistischen Umsturzes innerhalb der deutschen Wirtschaft abspielten. Sie segelten unter dem Schlagwort: Gleichschaltung der Wirtschaft Hunderte von großen und kleinen wirt- schaftüchen Verbänden, viele Tausende von Firmen sind damals in Deutschland »gleichgeschaltet« worden. Das hatte nicht das mindeste zu tun mit Wirtschaftspolitik oder mit einer Aenderung des Wirtachafts- öystems. Es war ledigüch eine Frage der Macht und der Beute. Die Gleichschaltung bestand darin, daß jeder Wirtschaftsverband, sei es ein so mächtiger Verband wie der Langnamverein oder eine kleine Organisation wie der Verband der Bettenhändler, Vorstandsmitglieder ausschalten mußte, um nationalsozialistischen Vorstandsmitgliedern Platz zu machen. Das gleiche ging in Firmen vor sich, so z. B. in allen großen Kreditinstituten und so auch in den Vereinigten Glanzstoffabriken. Manchmal' handelte es sich nicht um eine Ersetzung zwangsweise ausgeschalteter Vorstandsmitglieder, sondern um ein Hinzutreten der Nationalsozialisten zu den bisherigen Direktionsmitgliedem. Dann erhöhte sich eben das Konto der Ausgaben für die Direktion. Eine gesellschaftlich gehobene Stellung und ein gehobenes Einkommen für Nationalsozialisten waren die Ziele dieser Gleichschaltung. Im Effekt handelte es • sich nur um einen Wechsel von Personen, nicht um Klassenkampf, sondern um Kampf innerhalb des Bürgertums um Beherrschung von Verbandskassen und um den Anteil am Mehrwert. Die Methode, die dabei geübt wurde, ging, direkt iad a u n e- rei, Erpressung und Räuberei über. Ein tolles durcheinander plötzlich aufgetauchter Schwindelexistenzen war in vielen Orten das Ergebnis dieser Gleichschaltung, so daß es manchem von der alten Garde der Nationalsozialisten zu bunt wurde, und mancher SA-Mann die Faust ballte, wenn er weiter stempeln gehen mußte, während ein plötzlich aufgetauchter Glücksritter den hochbezahlten Herrn Generaldirektor spielte. In einzelnen Fällen hat das Regime selbst dagegen eingegriffen. Aber ein solches Eingreifen betraf nur die Außenseiter. Im übrigen wurde das Beutemachen durch Gleichschaltung zum System. Nachdem der deutsche Faschismus dem tollen Hund gegen den Marxismus gespielt hatte, ließ er sich von den Bürgern kräftig dafür bezahlen. Er hat eine gewisse Revolution der Eigentumsverhältnisse hervor- 1 gerufen— aber innerhalb der höheren Schichten des Bürgertums selbst. Wo immer der Versuch gemacht wurde, aus der Gleichschaltung wirtschaftlicher Verbände eine Aenderung der Wirtschaftsverfassung zu machen, erhob sich energischer Widerspruch der Besitzenden, der zur sofortigen Abstellung solcher Art von Gleichschaltung führte. Der Glanzstoffprozeß hat in die Geschichte dieser Tage hineingeleuchtet. Bei Glanzstoff spielte sich die Sache so ab, daß die Vorstandsmitgüeder Dr. Benrath und Dr. Sprlngorum in Haft genommen wurden, während sich der Vorsitzende des Aufaichtsrats Dr. Blütgen durch Flucht in das Ausland dem gleichen Schicksal entzog. Die Haftbefehle wurden alsbald wieder aufgehoben. Die drei Reha- bilierten kehrten jedoch keineswegs in ihre Stellungen zurück, sondern legten ihre A e m t e r nieder. Und jetzt mehr als zwei Jahre später fand man ihre Gegner von damals, die Herren Dr. Hermann, •Weychardt, Strubc und Zahn auf der Bank der Armensünder wieder unter der Anklage, zu ihrem eigenen Vorteil die früheren Leiter durch Druck und Drohung zum Rücktritt gezwungen zu haben. Der Druck sollte dadurch erfolgt sein, daß die Angeklagten behaupteten, hinter ihnen stände die Partei, und diese sei es eigentlich, die die Freimachung der begehrenswerten Plätze verlange. Um die Frage, ob die Angeklagten wirklich mit der Partei gedroht hätten, drehte sich die ganze Ver- handlung, die schüeßlich mit einem Freispruch endete. Der Prozeß war eine Machtprobe. Die Tatsache, daß die Staatsanwaltschaft gegen die nationalsozialistischen Eroberer Anklage erhoben hat, steht auf der einen Seite, der Freispruch auf der anderen. Die Machtprobe ist unentschieden ausgegangen. Dennoch spricht sie dafür, daß im Unternehmerlager der Glauben an die fortschreitende Entmachtung der NSDAP lebendig ist, so daß sie es wagen, mit der Korruptionsbeschuldigung gegen die Nationalsozialisten vorzugehen. Die»Frankfurter Zeitung« Nr. 458 kommentiert den Prozeßausgang folgendermaßen: »Die Nationalsozialistische Partei hatte damit also nichts zu tun. Trotzdem haben die Herren, die damals ihre Aemter zur Verfügung stellten, das Wort»Partei«, obwohl es nicht fiel, verschiedentlich»verstanden«. Nicht ganz unbegreiflich, wie uns scheint. Die»Verbindungen« waren ja so, daß dieser Gedanke gewissermaßen in der Luft lag. Und es ist auch in der Tat nicht leicht zu unterscheiden, ob das, was das Mitglied eines Kreiswirtschaftsrates oder eins Gauwi rtschaf tsrates sagte, eine private Meinungsäußerung gewesen sei oder eine solche der Partei. Man sollte meinen, daß es angebracht sei. allgemein dafür zu sorgen, daß Männer in parteiamtlicher Stellung, wenn sie ihre Auffassung zu Angelegenheiten von mehr als privater Natur äußern, verpflichtet sein sollten, ausdrücklich deutlich zu machen, ob es sich dabei nur um ihren persönlichen Standpunkt handelt. Denn jene Drohungen, die gar nicht ausgesprochen werden, für die also niemand die volle Verantwortung übernimmt, und die doch jeder zu»verstehen« meint — das sind die a 1 1 e r s c h 1 i m m- s t e n.< Damit ist die öffentliche Beschuldigung erhoben, daß Männer in parteiamtlichen Stellen ihre Macht einsetzen, um sich persönliche Vorteüe zu verschaffen. Der Prozeß und sein Echo sind wichtige Zeugnisse für das nationalsozialistische Piratentum! Die sdiwebende Sdiuld Trotz aller Verkleinerungsversuche setzt sich die Wahrheit über den wirklichen Stand der deutschen Finanzen immer mehr durch. In ihrer Polemik gegen die Angaben, die In der außerdeutschen Presse erschienen sind, haben die deutschen Zeitungen selbst sich genötigt gesehen, statt von den offiziell ausgewiesenen vier Milliarden schwebender Schuld schon von 9% Milliarden zu sprechen, und auf den Hinweis, daß die wahre Zahl mindestens 18 Milliarden betrage und diese Summe a«if Angaben beruhe, die privat in den Berliner Bankkreisen genannt werde, sind sie die Antwort schuldig geblieben. Es handelt sich aber bei diesen Angaben gar nicht um vage Schätzungen, sondern um sehr bestimmte Schlüsse, die aus dem rasch steigenden Wechselumlauf mit mathematischer Sicherheit gezogen werden können. Das Parioer»Neue Tagebuch« hat sich ein Verdienst erworben, indem es auf Grund der amtlichen Angaben Uber den Ertrag der Wechselsteuer und den Betrag der Wechselbeziehungen während jedes Monats die Zunahme des Wechselumlaufs darstellt, die ganz auf die Arbeits beschaf fungs- und KUstungsweehBet' entfällt. Jeder deutsche Wechsel wird mit 1 Promille* des Betrages versteuert; wenn in einem Monat also der Ertrag der Wechselsteuer 5 Millionen ausmacht, so sind in diesem Monat Wechsel über den Betrag von 5 Milliarden gezogen worden; diese Ziffer wird übrigens auch noch stets amtlich besonders bekanntgegeben. Nun werden in Deutschland die Wechsel mit einer Laufzeit von drei Monaten ausgestellt. Der gesamte Wechselumlauf Ist also Jeweils so groß wie die Summe der Wechselziehungen der letzten drei Monate. Das zeigt z. B. folgende Tabelle aus dem letzten Quartal 1932, also unmittelbar vor Beginn der Hitlerherr- schaft, deren Zahlen durchaus auf amtlichen Angaben beruhen: Oktober November Dezember SS 3 oi OT C *3 5 2§ 8S �S 2,9 2.6 3,2 « � gs es m(£ Iis II Pl 9 CIj,. C � Cd o. 3 S Ol 13 v r-j £S 2,9 2.6 3,2 S ä 8,7 8,7 8.7 Seitdem haben sich sowohl der Ertrag der Wechselsteuer als die Zahlen über die monatlichen Wechselziehungen ständig vermehrt. Vom Januar bis Mai 1935 ergibt sich folgendes; Januar Februar März April Mai %% �-2 g o'k m Sil 5.6 6.8 9.9 8.3 8,6 <9 Uw lä "R g fic ■«.2 83 £S 5,6 6,8 9,9 8,3 8,6 i s » 13 O fl) 4) TJ o cö fi ■Sil* -I is 19,2 19,2 22,3 25,0 26,8 Die offizielle Statistik gibt mm zwar die Zahlen der ersten beiden Reihen an; dagegen werden die Ziffern des Wechselumlaufs, die bis zum Antritt Hitlers stets gleich waren der Summe der Wechselziehungen der letzten drei Monate, plötzlich unerklärlich niedriger angegeben. Für Mai 1935 lautet die amtliche Ziffer de« Wechselumlaufs auf 12,3 statt der errechneten 26,8 Milliarden! Die amtlichen Statistiken machen verschiedene Ausflüchte. Sie weisen darauf hin, daß die Arbeits be- schaffungs- und Rüstungswechsel nicht auf drei Monate, sondern auf viel längere Zedt laufen. Zwar werden auch diese Wechsel In Form von Dreimonatspapieren ausgestellt, aber angeblich würden die Prolongatione- stücke für die späteren Fristen gleich bei der Ausstellung mitversteuert. Deshalb seien die Erträge der Wechselsteuer abnormal hoch und könnten der Berechnung de« Wechselumlaufs nicht mehr zugrundegelegt werden. Nun ist die Behauptung von der angeblichen Vorausbezahlung der Steuer sicher erlogen; aber wäre sie richtig, würde sich auf die Dauer auch nichts ändern. Denn was heute zu viel an Steuer gezahlt würde, würde In den kommenden Monaten weniger gezahlt. Käme man also zuerst auf Grund des Steuerergebnisses zu einer zu hohen Ziffer de« Wechselumlaufs, so in den folgenden Monaten zu einer zu niedrigen. Die statistischen Folgen müssen sich auf die Dauer kompensieren. Deshalb stimmt die wirkliche Ziffer des Wechaelumlaufs mit der errechneten von 26,8 Milliarden Uberein, während die amtliche Ziffer von 12,3 eine sichere Fälschung bedeutet. Das bedeutet aber, daß der Wechselumlauf, der im Februar 1933 erst 8,5 Milliarden be-« tragen hatte, seitdem auf 26,8 im Mai 1935 angewachsen ist, also eine Vermehrung um nicht weniger als 18,3 Milliarden RM erfahren hat. Und da es sich bei dieser Vermehrung fast ausschließlich um Wechsel des Reichs und der Reichsstellen für Arbeltsbe- schaffungs-, resp. Rüstungsausgaben gehandelt hat, so bedeuten diese 18 Milliarden den Betrag der achwebenden Schulden, die das Hitlerregime in diesen 28 Monaten in Wechselfonn aufgenommen hat. Das Unheimliche dabei ist nicht nur die absolute Höhe der Schuldsumme, sondern das ungeheuerliche Tempo ihrer Stelgerung. Dieser Entwicklung gegenüber sind die Versuche Schachts von vornherein zum Scheitern verurteilt. Mit diesem System ist die Inflation unlösbar verbunden und nicht Reformen innerhalb des Systeme, sondern nur sein Sturz kann dem Verderben Einhalt tun. Eine tapfere Frau Aus Bayern wird uns berichtet: Während der kürzheh in Roeenhedm durchgeführten Feder zum 15jährigen Bestand der NSDAP als Ortsverein wurde Hitler, der am großen Platz in der Stadt sprach, mit üblichem Geschrei und Tamtam empfangen. Von überall her wurde in Lastauto« die SA gefahren. Man merkte das Bemühen, wieder den Gedst der alten Kampftage lebendig zu machen. Die SA zeigte aber keine Stimmung, keinen Schwung. Man fühlte die Macht eines Koloases, der aber auf tönernen Füßen steht. Die Begeisterung des Publikums hielt sich in sehr mäßigen Grenzen. Ein Vorfall, der all- gemeines Aufsehen erregte, ist für die heutige Stimmung charakteristisch; Am Rand der Aufmarschstraße stand eine abgehärmte ärmliche aussehende Frau mit einer Markttasche. Als Hitler im Auto langsam durch die Straße anfuhr, drängte sich die Frau vor und schrie indem sie ihre geballte hagere Faust aufreckte:»Es laßts uns a im Elend verrecken— Betrüger!« Im ersten Moment trat eine Stille im Umkreis der Frau ein. Man starrte sie entsetzt an. Die Frau wollte sich dann entfernen. Nach kurzer Zedt wurde ade von einigen SA-Leuten eingeholt, die sie abführen wollten. Die Frau wehrte sich und schlug auf(he SA ein, bis man ihr die Hände festhielt. Während"•'S" sie abführte stieß sie Flüche auf die Regierung aus und schrie von ihrer Not. Ein SA-Mann hielt ihr den Mund zu. Bei dem Umstehenden löste der Vorfall eine lebhafte Diskussion aus. Niemand stellte sich auf die Seite der Nazi. Die Leute zeigten Sympathie für die Frau und bezeichneten ihren Ausbruch als Unbesonnenheit, der ihr teuer zu stehen komme. Nach Beobachtung dieses Vorfalls hatte man bei weiterer Betrachtung des Aufmarsches das Gefühl ein großes Theater anzusehen. Und so denken heute die meisten Deutschen. Dolchstoß gegen das deutsdae Recht Die Akademie— eine Filiale des Stürmer. Wie wohl den deutschen Richtern zumute ist? Julius Streicher wurde»angesichts seiner Verdienste« In die Akademie für deutsches Recht berufen. Wie wohl den deutschen Richtern zumute ist? Von jener Akademie gehen die sogenannten Rechtsreformen aua, und sie, die deutschen Richter, werden künftig nicht mehr»im Namen des Volkes«, sondern im Namen des Streicher Ihre Urteile fällen. Bisher galt das Vorurteil, wer am Recht arbeiten wolle, müsse sich zunächst ein bestimmtes Wissen Uber das Recht erarbeitet haben. Jetzt braucht einer nur zum Mord aufzurufen, jetzt braucht einer nur Gift und Galle gegen eine entrechtete, getretene, bis aufs Blut gepeinigte rassiache Minderheit zu speien, jetzt braucht einer nur pornographische Hintertreppengeschichten ekelhaftester Art zu erbrechen— und er wird für würdig befunden, in den deutschen Juristenstand einzugehen. Wie wohl den deutschen Richtern zumute ist? Mit Streicher zugleich sind der Radauantisemit Wilhelm Kube und der Gauleiter Hellmuth von Würzburg an die Akademie berufen worden. Ihre Verdienste ähneln den Streioberscben. Bald werden die juristischen Dilettanten in der Akademie für deutsches Recht zahlreicher sein als die dilettierenden Juristen vom Schlage des Frank. Und von diesem edlen Kreise, der sich überwiegend aus sexualpathologischen Fällen und schwach- begabten Karrieremachern zusammensetzt, soll ein neues, ein deutsches Recht produziert werden? Ein Recht, das den deutschen Gerichten das seit 1933 verlorene Ansehen in der Welt zurückgibt? Wie wohl den deutschen Richtern zumute ist? Wir wissen, wie einem großen Teil von ihnen zumute ist: speiübel. Sie flüstern In den Richterzimmern, sie meckern in den Akadetnikerkneipen, sie fluchen im häuslichen Freundschaftskreis, aber nicht einer wagt aufzumucken, nicht einer schmeißt der staatlichen Streicherhorde sein Amt vor die Füße, nicht einer— nicht einer! Sie sprechen weiter Unrecht und wissen, daß es Unrecht ist, sie fällen weiter Schandurteile und wissen, daß es Schandurteile sind, sie unterwerfen sich der Diktatur eines Streicher, wie sie sich der Diktatur eines Hitler unterworfen haben. Aber sie fühlen wohl selbst, daß dieser Name: Julius Streicher der deutschen Justiz als verabscheuenswerter Makel anhaften wird, bis keiner der heute zu Gericht Sitzenden mehr im Amt ist. Fasdilsmus und Imperialismus Was bedeutet Abessinien dem Fasdiismus? Mussolinis Machtgier hat es zuwege gebracht, daß die Welt in banger Spannung ihre Aufmerksamkeit auf Abessinien richtet, ein Land, das bisher ein fast unbeachtetes Dasein im dunklen Winkel der Geschichte geführt hat Was ist es, das Mussolini dort zu errauben hofft und das es ihm lohnend erscheinen läßt, vom italienischen Volk ungeheure Opfer an Blut und Gut zu fordern und die furchtbare Gefahr eines neuen Weltbrandes heraufzubeschwören? Italien ist mit Schätzen der Natur nur kärglich bedacht. Kohle fehlt ihm fast völlig, Erdöl gänzlich, seinen Holzbedarf kann es zu nur 30 Prozent im eigenen Lande decken. Eis hat weder Eisenerze noch Eisenmetalle, es ist also im Bezug der wichtigsten industriellen Rohstoffe vom Ausland abhängig. Seine Ausfuhr schrumpft von Jahr zu Jahr mehr zusammen, so daß es immer weniger möglich wird, die Einfuhr aus den Einnahmen von Export und Fremdenverkehr zu bezahlen. Allein in der Zeit von 1933 bis 1934 war der Ueberschuß der Einfuhr über die Ausfuhr von 1.4 auf 2.5 Milliarden Lire, also um 80 Prozent angewachsen. Die niedrigen Löhne, die Mussolini der italienischen Industrie verschafft hat, haben allenfalls in der Zeit aufsteigender Weltkonjunktur die industrielle Entwicklung Italiens gefördert. Um so jäher ist in der Zeit der Weltkrise der wirtschaftliche Absturz des von Natur armen und durch den Faschismus verarmten Landes. Italien ist bei der Verteilung der Welt zu kurz gekommen. Zwar ist sein Kolonialbesitz an Fläche nicht klein, aber der größte, Lybien, ist eine Wüste und die anderen sind wenig ertragreich oder unbedeutend. Sollte man nicht meinen, daß Mussolini in Abessinien holen will, was begünstigtere Länder besitzen; billigere Rohstoffe und gesicherten Absatz für die Industrie, Siedlungsland für seinen Bevölkerungsüberschuß? Abessinien ist reicher als Italien mit Naturschätzen gesegnet, aber sie sind nicht nur fast völlig unerschlossen, sondern auch ihr Reichtum unerforscht. Abessinien hat seine politische Selbständigkeit und den hohen Grad seiner Unberührtheit von kapitalistischem Einfluß bisher dank den immer wiederkehrenden Gelegenheiten bewahren können, die Rivalität der imperialistischen Mächte auszunutzen. Nicht erst seit Mussolini ist Abessinien das Objekt imperialistischer Appetite. Bereits vor fast 40 Jahren, 1896, stürzte sich Mussolinis Vorgänger, Crispi, in das Abenteuer eines abessinischen Krieges. Seine Truppen sind von der abessinischen Armee bei Adua vernichtet worden. 1906 kam ein Einverständnis zwischen England, Frankreich und Italien zustande; man war übereingekommen, Abessmien, ohne es selbst zu befragen, in Interessensphären aufzuteilen, aber die Durchführung des Abkommens scheiterte an dem Widerstand des Kaisers Menelik. 1923 veranlaßte Frankreich Abessiniens Eintritt in den Völkerbund, um es gegenüber wiederauftauchenden englisch-italienischen Aufteilungsgelüsten widerstandsfähiger zu machen. Dennoch wrurde der Versuch wiederholt. 1926 wurde zwischen England und Italien ein Vertrag über die Aufteilung Abessiniens abgeschlossen, dem sie sogar, um seine Harmlosigkeit zu bekunden, im Völkerbundssekretariat registrieren ließen. Auch die Durchführung dieses Abkommens scheiterte, aber nicht am Protest Frankreichs allein. Es erschien eine amerikanische Gesellschaft auf der Bildfläche, die einen Konzessionsvertrag auf den Bau eines Staudammes im Tana- See und auf Ausbeutung der Oelvorkom- raen in dessen Nähe vorweisen konnte. Die Vorgänge von 1935 sind also eine Wiederholung derer von 1926, nur mit etwas veränderten Fronten. Was reizt an Abessinien den Appetit der Mächte? Es ist rings von kapitalistisch beherrschten Gebieten umgeben. Es ist durch Küstenstreifen vom Zugang zum Meere abgeschnitten, von denen der nördliche, Erythräa, eine italienische, der südliche, Englisch-Somaliland, eine englische Kolonie ist. �wischen beiden liegt ein kleines Stück, Französisch-SomalUand, mit dem Hafen Djibuti, von dem aus eine einspurige französische Bahn nach der abessinischen Hauptstadt Addis Abeba fährt. Sie verkehrt nur dreimal wöchentlich und braucht für die verhältnismäßig kurzen Strecke drei Tage. Diese Bahn ist Abessiniens einiges modernes Verkehrsmittel, abgesehen von einer dürftigen Zahl Autos. Auch gebahnte Wege fehlen fast vollständig. Es mangelt also selbst an dem Mindestmaß von Verkehrsmitteln, das die, Voraussetzung seiner Erschließung und der Nutz- barmachung seiner Bodenschätze ist Das Land besteht zu einem Drittel aus heißen, wasserlosen Wüsten- und Steppengegenden. Nur der Westen, ein riesiges Hochplateau mit reichlichen Niederschlägen, hat äußerst fruchtbare Böden, nur er kommt für die wirtschaftliche Erschließung in Betracht. Vorläufig herrscht eine primitive Agrarwirtschaft vor, die ganz auf den heimischen Bedarf zugeschnitten ist Die Lebenshaltung der großen Massen des Volkes ist außerordentlich niedrig: die Bevölkerungszahl stagniert oder geht sogar zurück. In der mittleren Höhenlage bis 2300 Meter werden Südfrüchte, Kaffee, Gemüse, Mais, Hirse, das Brotgetreide des Landes, angebaut. Nur der Kaffee ergibt einen nennenswerten Ausfuhrüberschuß. Aber der Außenhandel dieses Landes von der doppelten Fläche des Deutschen Reiches bleibt noch hinter dem Albaniens zurück, der der niedrigste in Europa ist. 1933 betrug der Wert von Einfuhr und Ausfuhr nicht mehr als 1.6 Millionen Pfund. Von der Ausfuhr entfallen etwa | zwei Drittel auf Kaffee, der Rest auf Felle, Häute und Bienenwachs. Vier Fünftel der Einfuhr entfallen auf TextUien. Zu ungefähr 75 Prozent geht der Außenhandel über die Djibuti-Bahn und über den Djibuti-Hafen. Beide bedeuten also für das französische Kapital eine Monopolstellung, die beim Eindringen anderer Mächte in Gefahr ist, verloren zu gehen. Die Rückständigkeit der Eingeborenenwirtschaft läßt die wirtschaftliche Entwicklung Abessiniens weit hinter seinen Möglichkeiten zurückbleiben. Von einer modernen Industrie kann, abgesehen von einem Elektrizitätswerk und einigen kleinen, für die heimische Versorgung bestimmten Fabriken in Addis Abeba, nicht gesprochen werden. Das wird erst der Fall sein nach Eheschließung seiner Schätze an Rohstoffen und Mineraüen. Wie ist es damit bestellt? Zweifellos ist, daß für Baumwollkulturen das Gebiet des Tan asees im Nordwesten und Gebiete im Südwesten und Südosten in Frage kommen. Ihre Nutzbarmachung hängt von den Möglichkeiten der Bewässerung ab. Wie steht es mit Brennstoffen und Metallen, also den Rohstoffen, an denen Italien besonders gelegen sein müßte? Gold und Platin werden jetzt bereits in geringen Mengen gewonnen. An sehr vielen Stellen gibt es Eisenerz und Spuren von Kupfer. Steinkohlenvorkommen sind besonders im Norden gefunden worden, Braunkohle in der Höhe von Addis Abeba. Erdöl soll nicht weit von der Küste entdeckt worden sein. Bei keinem dieser Fhmde ist der Abbau auch nur in Angriff genommen. Vorläufig ist noch nicht einmal der Nachweis erbracht, daß sie von mehr als lokaler Bedeutung sind und von einer Menge, die den Abbau im großen wirtschaftlich rechtfertigt Als Herr Rickett jüngst mit einer Konzession zur Ausnützung der Erdölquellen am Tana- See herausrückte, zweifelten Geologen, ob es dort Erdöl überhaupt gibt. Abessinien ist also für Italien als Rohstoffquelle von zweifelhaftem Wert, aber auch als Aufnahmegebiet für seine Ueberschußbevölke- rung, weil die für EJuropäer klimatisch geeigneten Gebiete die am dichtest besiedelten sind und weil die geltenden Gesetze Ausländern den Erwerb von Land aus einheimischem Besitz verbieten. In jedem Falle würde nicht nur die Erschließung selbst, sondern schon die Herstellung ihrer Vorbedingungen den Aufwand riesiger Kapitalien erfordern, über die das durch Krise und Kriegsvorbereitung finanziell ausgepowerte Land nicht verfügt Eis wäre also auf fremde Kapitalhilfe angewiesen und es könnte sie bekommen. Aber Mussolini will das Land nicht nur ökonomisch benutzen, er will es ganz besitzen. Alle wirtschaftlichen Zugeständnisse, die ihm von den an Abessinien mitinteressierten Mächte gemacht worden sind, haben ihn bisher nicht veranlassen können, auf seine Raubpläne zu verzichten. Das ist der Grund, warum England sich aus einem Förderer italienischer Interessen in Abessinien in Mussolinis erbittersten Gegner verwandelt hat. Eis sieht seine Stellung am Tanasee bedroht. Der Tanasee ist der Quellsee des Blauen Nil, wo England den Bau eines großen Stauwerks plant, um die Bewässerung der Baumwollgebiete des Sudan auf eine ganz sichere Grundlage zu stellen. Die Ausführung dieses lange gehegten Planes war bisher vom amerikanischen Kapital verhindert worden, dem die Konkurrenz der Baumwolle des Sudans nicht erwünscht ist. Es ist natürlich kein Zufall, daß der Bau gerade jetzt in Angriff genommen wird. Der Tanasee ist eine Schlüsselstellung nach zwei Seiten, nicht nur nach dem Sudan hin, sondern auch im Norden Abessiniens, seinem an Naturschätzen reichsten und der italienischen Elinflußsphäre nächsten Teil. Denn der Beherrscher des Staudamms im Tanasee ist Herr über die Verteilung des in der Regenzeit angesammelten Wassers zur Zeit der Dürre. Er kann den zur Entfaltung der Baumwollkulturen unentbehrlichen feuchten Segen sowohl gewähren wie versagen. Wer den Staudamm im Tanasee hat, kann die wirtschaftliche Entwicklung Abessiniens kontrollieren, ohne seine politische Selbständigkeit anzutasten. Diese entscheidende Machtstellung Englands wird nicht durch wirtschaftliche Interessen Italiens, sondern durch Mussolinis Erobe- runggspläne bedroht, der einen Sieg braucht, damit der Lärm entfesselter nationaler Leidenschaft die Klagen über Italiens Niedergang übertönen. Der Fall zeigt, daß der Faschismus zwar eine Herrschaftsform des Imperialismus ist, aber gefährlicher als jede andere, denn er braucht mehr noch als die Kriegsbeute den Krieg selbst. G. A. F r e y. die deessetuft# des Die Forsch ungsstelle für den Handel veröffentlicht die Einzelhandelsumsätze für den Juli. Danach ergibt sich, daß die Umsätze wertmäßig um 3 Prozent über den Vorjahnsziffern hegen, also dasselbe Resultat aufweisen, das nach dem Konjunkturinstitut für das erste Halbjahr 1935 festzustellen wäre. Da nach dem Reichsindex für die Lebenshaltungskosten das Preisniveau gegenüber dem Juli des Vorjahres um etwa den gleichen Prozentsatz gestiegen Ist, haben sich die Mengen nicht vermehrt. Aber diese offizielle Angabe, die nur eine Stagnation des Konsums zugibt, ist mit der Wirklichkeit in so offenbarem Widerspruch, daß sie sogar die Kritik der gleichgeschalteten Presse hervorruft. So schreibt die»Frankfurter Zeitung«: ,»Zunächst fällt auf, daß die Lebensmitte 1- Fachgeschäfte mit einer 7.5pro- zentigen Erhöhung ihrer Umsätze recht beträchtlich über dem Durchschnitt liegen. Wie weit allerdings diese Zunahme der Umsatzwerte auf größeren Mengenabsatz oder auf die gestiegenen Ernährungskosten zurückzuführen ist, wird sich schwer klären lassen. Die amtliche Indexziffer für Ernährungskosten hat sich zwar zwischen Juli 1934 und 1935 nur um 2.4 Prozent erhöht, doch sind bed der Be- mesaung dieser Ziffer vermutlich Warenarten besonders maßgebend, die im Preise stabil geblieben sind wie Brot, Milch usw., aber im Rahmen der Umsätze des Lebensmittel einzeihandela nur eine geringe Rolle spielen. Demgegenüber weisen einige Artikel, die in� Kolonialwarengeschäft mehr im Vordergrund stehen, relativ stärkere Preissteigerungen auf. So sind nach einer besonderen Zusammenstellung, die allerdings nur auf Einzelangaben beruht, die Verkaufspreise für Dauerwurstwaren um 8— 19 Prozent, die für Käse um 9— 25 Prozent, für S a 1 a t ö 1 um 7 Prozent, für getrocknete Früchte, die z. T. nur noch beschränkt im Rahmen von Kompensationsgeschäften zu beziehen sind, um 78 bis 174 Prozent gestiegen.« Im Bekleidungs elnzelhandel ist der Rückgang auch offiziell nicht zu leugnen. Wertmäßig ist angeblich der Umsatz um 4 Prozent gestlegen; da aber gleichzeitig die Preise sich um 7 Prozent erhöht haben, so ergibt sich daraus eine neue Verringerung der .Umsatzmenge. Bezeichnend ist auch der Rückgang im Umsatz für Funkgeräte um 15 bis 20 Prozent und der Fahrrad handlungen um 5 bis 10 Prozent. Denn diese Verringerung deutet darauf hin, daß auch diese Industrien, die eine Sonderkonjunktur aufzuweisen hatten, Jetzt in einer Periode der Stagnation eintreten. Aufschlußreicher als die Zahlen über den Einzelhandel ist aber eine Angabe des Kon- junkturinstituts über die Entwicklung der Produktion. Darnach betrug die Indexziffer für die Produktion an Verbrau chs- gütem des elastischen Bedarfs im Juni immer noch 79,3 Prozent des Standes von 1928 gegenüber 90,9 Prozent im Vorjahre, was als einen weitaus stärkeren Rückgang anzeigt, als die Ziffern des Einzelhandelsumsatzes. Zugleich bestätigt auch diese Angabe die wachsende Diskrepanz zwischen der Entwicklung der Konsummittel- und der Produktionsgüter- (lies Rüstung»-) Industrien, Denn dem Rückgang dort steht das Ansteigen des Produktionsindex für Investitionsgüter um 76,3, im Juni 1934 auf 104,8 im Juni 1935 gegenüber. Auch dies zeigt, daß die Akkumulation in der Rüstungsindustrie zu einem Teil erkauft wird durch die Herabrückung der Konsumrate. Laß faulen dahin! In Deutschland herrscht empfindlicher Mangel an Gemüsen, im benachbarten Holland wandert ein großer Teil der Gemüseemte als unverkäuflich auf den Misthaufen. Die holländischen Zeitungen veröffentlichen darüber erschütternde Ziffern: Bei einzelnen Verstei- gerungen im Gemüsebezirk sind bis 85 Prozent der auf den Markt gebrachten Gemüsemengen nicht abgesetzt worden und mußten vernichtet werden, darunter sehr genießbare Qualitäten von Mohrrüben, Tomaten, Schneidebohnen, Brechbohnen, Kohlsorten aller Art. Es sind das die Mengen, die in den Jahren des»Schmachsystems« der Ernährung der deutschen Bevölkerung dienten, namentlich die dichte Bevölkerung des westlichen Industriereviers versorgen halfen. Die deutsche Landwirtschaft hatte von diesem Import keinen Schaden und hätte ihn auch jetzt nicht, da sie die benötigten Mengen eben nicht erzeugt. Die Hitlerregierung würde auch sehr gern die holländischen Gemüse importieren, wenn sie sie nur— bezahlen könnte! Da liegt der Hund begraben. Die holländischen Exporteure haben vom Vorjahr her noch Immer eine nlchttransferierte Schuld von rund 40 Millionen Mark von Deutschland ausstehen. Ursprünglich betrug die deutsche Schuld mehr als das Doppelte; die Holländer treiben durch ihr Zwangs-Clearing aber Woche für Woche eine halbe bis ganze Million ein. Trotzdem wird noch ein großer Teil des Jahres 1936 vergehen, ehe die deutsche Schuld von 1934 gänzlich getilgt ist. Man kann begreifen, daß die Holländer unter solchen Umständen nur gegen bare Devisenbezahlung liefern, und da der Nationalsozialiamus seine spärlichen Devisen für Rüstungszwecke braucht, so verfault das holländische Qualitätsgemüse, die deutsche Bevölkerung aber muß teures minderwertiges Grünzeug essen. Der»Segen« der Aufrüstung wird hier an einem besonders markanten Beispiel deutlich. M. Feierlich verülchlet Seit längerer Zeit halten ach Söhne und Töchter von Auslandsdeutschen im Reich auf. Sie werden auf Veranlassung des Führers der Hitlerjugend, Baldur von Schirach, durch alle deutschen Gaue geführt. Vergangene Woche wurden sie von der NSDAP des Saarlandes zu einer sogenannten»Grenzlandfahrt« eingeladen. Dabei wurden die jungen Menschen dicht an die deutsch-lothringische (französische) Grenze bei Saarbrük- ken herangeführt, und während einer Feier am Hindenburgturm in Berus sprach Dr. Mayländor über»den steten schweren Kampf der Arbeit und der Abwehr welscher Angriffe, über den schmerzlichen Verlust besten deutschen Landes und Volkes, das so greifbar nahe vor ihren Augen war und doch durch die Grenze unüberbrückbar getrennt«. Dieses »beste deutsche Land und Volk« ist Elsaß und Lothringen, auf das Hitler in feierlicher Weise keine Ansprüche mehr erhebt. Hitler- Plebiszit Wegen des neuen deutschen Massendelikts — Abreißen antikatholischer Naziplakate— wurde jüngst vor dem Amtsgericht Werth edm eine gewisse Victoria Kern zu zwei Monaten Gefängnis verurteilt. Das»Hakenkreuzbanner« berichtete am 13. August von der Gerichtsverhandlung: »Die Angeklagte, die während der Verhandlung allernlodrigste Gesinnung zeigte und durch ihr sinnloses Geschwafel den Bindruck offensichtlicher Sabotage hervorrief, hat sich bereits bei der letzten» Volksabstimmung geweigert, zur Wahlurne zu gehen und konnte Bchlleßllch nur durch ein Mitglied der NS-Frauen- schaft zur Abstimmung gebracht werde n.« So leichtfertig hätte das»Hakenkreuzbanner« das Geheimnis eines Hitler-Plebiszits nicht ausplaudern dürfen! Nr. 118 BEILAGE IcuuclötnÄ 15. September 1935 4* ItieHH faetiii Meute M&e&t Motte,. ft 0 Die Sdiande deutsdher Hodisdiullehrer Deutsche gehen nicht zugrunde, so wenig wie die Juden, weil es Individuen sind. Goethe zu Riemer, 1808. Spätere Geschichtsschreiber, die sich mit den politischen und psychologischen Phänomenen des Dritten Reiches zu beschäftigen haben, wird ein besonders aufschlußreiches Quellenmaterial zur Verfügung stehen. Es sind die Sitzungsprotokolle der wissenschaftlichen und g e i s t e s g e s c h i c h t- liehen Gesellschaften. Jahrzehntelang traf sich hier die Elite des deutschen Gelehrten- und Forscher- tums zum publizistischen und mündlichen Austausch, es rangen die Meinungen miteinander in kontradiktorischen Verhandlungen. Wenn auch im wilhelminischen Deutschland von einer wahrhaft freien Wissenschaft im Bereich der politischen und sozialen Dinge nie die Rede sein konnte, so war doch die Servilität vor den Herrschenden begrenzt durch die natürlichen Formen geistigen Stolzes und männlicher Würde. Gelehrte, wie M o m m s e n und V i r c h o w, bezeugten ihre innere Unabhängigkeit im Schrifttum und in kritischer Rede. Es war die Zeit, wo sich der Ruhm der deutschen Gelehrten in der ganzen Welt befestigte. Seit Beginn des Dritten Reiches ist das vorbei. Die deutschen wissenschaftlichen Gesellschaften sind wie die Fakultäten und die Senate zu Bedientenstuben, die deutschen Gelehrten zu Vollzugsorganen der politischen Macht erniedrigt worden. Sie tragen den Herrschenden des»totalen« Staates die Früchte ihrer Gelehrsamkeit zur freundlichen Verwendung an. Könnte man ihnen zugute halten, daß sie sich durch eigene Ueberzeugung zur nationalsozialistischen Weltanschauung»bekehrt« hätten: es wäre schlimm genug, da damit die Preisgabe der humanitären Grundlagen der Wissenschaften im Dienste am Menschen verbunden ist. Aber die Tatsachen sprechen gegen alle mildernden Umstände. Aus Furcht um das Amt, aus Sorge um die Karriere verbiegen und kneten sie in bewußter Unwahrhaftigkeit die Resultate ihres Forschens im Dienste an der Despotie. Viele nicht einmal zähneknirschend, sondern in der heiteren Gesinnungslosigkeit charakterlich unbegabter Naturen. Sie liefern die deutsche Wissenschaft vor dem Auslande einer spöttischen Geringschätzimg aus, die auf den jüngsten internationalen Kongressen in Deutschland notdürftig durch die Gebote der Höflichkeit in Schranken gehalten wurde. **# Unter diesen Vereinigungen nimmt die Goethe-Gesellschaft eine besondere Rangordnung ein. Ihre Blütezeit besaß sie unter dem Präsidium Erich Schmidts, der sie mit feierlicher Geste in den liberalistisch-eklektischen Ideen leitete, die seine literarhistorische Schule kennzeichneten. In den Jahren der duldsamen Republik diktierte auf dem Präsidentenstuhle der teutonische Berserker Wilhelm Roethe, dem jede Beschimpfung der Demokratie und ihrer Institutionen hinter literarischen Kulissen gestattet wurde. Ihm folgte Julius Petersen von der Berliner Universität. Früher der durchschnittliche Typus eines Hochschullehrers, von dem politische Bekenntnisse kaum bekannt waren, sieht man ihn beute bei jedem Anlaß mit gekrümmten Rücken vor den Mächtigen des Dritten Reiches. Er erblickt seine literarische Mission darin, die großen Gestalten des deutschen Schrifttums serienweise in brauner Uniform zu präsentieren. Er begann mit Luther. Schon Ende 1933 war er bei Schiller, den er als den»ersten Nationalsozialisten« von den»Räubern« bis zu»Wilhelm Teil« durchforschte. Nun ist endlich seine Reihe dicht geschlossen; in die dichterische SA ist seit kurzem auch Goethe nach eingehender Eignungsprüfung durch Herrn Petersen aufgenommen worden. In Weimar, wo die Goethe-Gesellschaft soeben ihr fünfzigjähriges Bestehen festlich beging, hielt Präsident Petersen die Weiherede über das Thema:» W enn Goethe |heutegelebthätte...« Nach dem Bericht des»Berliner Tagblattes« »warf er die Frage auf, wie Goethe selbst sich zu den gewaltigen Wandlungen, die in den letzten Jahren mit seinem Volke vor sich gegangen sind, gestellt haben würde. Es ist, so erklärte der Redner, eine Frage an Goethes vaterländisches Empfinden. Wie er im Frühjahr 1813 Lützow- schen Jägern, die in den Freiheitskampf zogen, die Waffen gesegnet habe, so würde er auch den schwarzen Gesellen und den braunen Kameraden, die hundertzwanzig Jahre später für die innere Der Begriff der Freiheit war bei Goethe niemals auf die deutsche Nation, niemals auf die landläufig sanktionierte Art eines deutschen Patriotismus bezogen. S taatli c h-völklichen Patriotismus kannte Goethe nicht und konnte ihn seiner ganzen Natur nach nicht haben. Zum rassischen Nationalhelden hat er sich, schon wegen seiner äußeren Erscheinung, in keinem Abschnitt seines Lebens geeignet. In den Jahren der Befreiungskriege sah er nahezu teilnahmslos dem»Aufbruch der Nation« zu. Nach der Schlacht bei Jena, Keine Piratenflagge Befreiung Deutschlands sich zu opfern bereit waren, seinen Gruß nicht versagt haben. Der Führer des deutschen Volkes habe den Herrscher im Reiche der deutschen Sprache geehrt, indem er durch persönliches Eingreifen das Zustandekommen des Baues des Nationalmuseums ermöglichte.« Goethe kann sich nicht wehren. Seine Freunde Herder und Humboldt, seine Deuter Scherer und Gundolf: für ewig verstummt, müssen sie erdulden, daß die menschüche Erscheinung des Dichters, die sich im Laufe eines langen Lebens subli- mierte, den braunen und schwarzen»Kameraden« des Mordens hinzugesellt wird. So weit Goethe zu den Lebensordnungen Stellung nahm, hat er immer zwischen Barbarei und Kultur entschieden. »Wenn Goethe heute gelebt hätte«, so würde Hanns Jobst bereits seinen Revolver entsichert haben. Am Abend seines Lebens sah Goethe das letzte sittliche Streben unter der Menschenwelt in der Verwirklichimg des freien Volkes auf freiem Grunde. Heute kann ihm ein deutscher Professor unter dem Beifall eines Auditoriums von Gelehrten und gelehrigen Knechten unterstellen, daß er erst unter Hitler, Himmler, Lutze und Ley des wahrhaftigen Erdenglückes teilhaftig geworden wäre. als ein vielseitiges Klagen um den Untergang Deutschlands einsetzte, hatte er bereits die Phrase gewittert: er lasse sichs gefallen, wenn man den Verlust wirklicher Dinge, Haus, Hof und Angehörige beklage. Aber»man solle mir vom Leibe bleiben mit Klagen über den Verlust von Dingen, die kein Mensch je besessen und mit Augen gesehen.« Das junge Deutschland des Vormärzes griff ihn an, weil er sich der Teilnahme an den politischen Geschickes des deutschen Volkes entziehe. Die reaktionären»Patrioten« der Heiligen Allianz nahmen ihm übel, daß er sich der mystisch-romantischen Deutung der Staatsidee kühl versage. Was den Kriegsgeist betraf, so verdient er zu den verweichlichten Pazifisten ohne Sinn für das»Stahlbad« und ohne Wehrwillen gerechnet zu werden. Eckermann gibt eine Aeußerung Goethes aus dem Jahre 1830 wieder:»Kriegslieder schreiben und im Zimmer sitzen— das wäre meine Art gewesen! Theodor Körner kleiden seine Kriegslieder ganz vollkommen. Bei mir aber, der ich keine kriegerische Natur bin und keinen kriegerischen Sinn habe, würden Kriegslieder eine Maske gewesen sein, die mir sehr schlecht zu Gesicht gestanden hätte.« Immerhin: es gibt ein Kriegsgedicht Goethes,»Kriegsglück« genannt; »Nun endlich pfeift Musketenblei und trifft, wills Gott, das Bein, und nun ist alle Not vorbei, man schleppt uns gleich hinein...« Ironischer und gelassener kann man die Sehnsucht nach dem Heimatschüßchen nicht beschreiben. Für Goethe war der Krieg eine Krankheit der Völker, etwas Fremdes und Unzeitgemäßes, das den Ablauf der Entwicklung störte. Als man ihm vorwarf, er sei dem Sieger Napoleon zu freundlich gegenübergetreten, und als die deutschen Bildungsphiiister gegen den Korsen viel ideologisches Geschütz auffuhren, antwortete er:»Einem Sieger störrisch und widerspenstig zu begegenen... ist kindisch und abgeschmackt. Das ist Professorenstolz, wie es Handwerkerstolz, Bauernstolz und dergleichen gibt, der seinen Inhaber ebenso lächerlich macht, als er ihm schadet.« Seine Weltanschauung war übernational gerichtet, denn die»Völker trachten nach dem Gleichen, wenn sie sich auch zu trennen und zu verachten versuchen.« Gerade in der Aera der Befreiungskriege beschäftigte er sich intensiver mit ausländischer Literatur als je zuvor.« Mit dem Nationalhaß ist es ein eigenes Ding. Auf den untersten Stufen der Kultur werden sie ihn immer am stärksten und heftigstenfinden. Eis gibt aber eine Stufe, wo er ganz verschwindet und wo man gewissermaßen über den Nationen steht, und man ein Glück oder ein Wehe seines Nachbarvolkes empfindet, als wäre es dem eigenen begegnet. Diese Kulturstufe war meiner Natur gemäß und ich hatte mich darin lange befestigt, ehe ich mein sechzigstes Jahr erreicht hatte.«(Zu Eckermann.) *** Patriotismus und»vaterländisches Empfinden« im Sinne des Nationalsozialismus bei Goethe? Des Dichters Vaterland war das Vaterland der poetischen Kräfte und des poetischen Wirkens, das»Gute, Edle und Schöne, das an keine besondere Provinz und an kein besonderes Land gebunden ist, und das er ergreift und bildet, wo er es findet«. Anläßlich des Reformations- jubiläums im Jahre 1817 bekannte er sich als Protestant zum ewigen und menschlichen Recht des»Protestes« gegen jeden Bedrücker der geistigen Freiheit. »W enn Goethe heute gelebt hätte«— wegen seines libertinistischen Humanismus, seines Glaubens an gleichberechtigtes Menschentum vom»Götz« bis zur»Iphigenie« würde ihn Göbbels aus dem nationalsozialistischen Dichterhimmel vertreiben. »W enn Goethe heute gelebt hätte«; die schwarzen Gesellen und die braunen Kameraden hätten ihm sein Haus in Weimar zerstört, seine Bücher auf den Scheiterhaufen geworfen, seine Sammlungen gestohlen. Die Konfiskation seines »staatsfeindlichen Eigentums« wäre im Zusammenhang mit der Ausbürgerung dieses Volksschädlings im Reichsanzeiger veröffentlicht worden, nicht ohne Hinweis auf deutliche marxistisch-kommunistische Propaganda im zweiten Teüe des»Faust« und in»Wilhelm Meisters Lehrjahren«. »W enn Goethe heute gelebt hätte«— es gäbe keine Goethe-Gesellschaft, sondern eine Jobst- oder Blunck- Gesellschaft. Professor Petersen würde einem mit Recht geächteten Emigranten, der durch Geburt und Neigung dem Erwachen der braunen Nation kein ausreichendes Verständnis entgegenbrachte, die schönsten Satzperlen aus»Mein Kampf« entgegenschleudern. Feige hat sich Goethe vor hundert Jahren durch seinen Tod der gerechten Strafe für seine vaterlandslose Gesinnung und den entsprechenden Lebenswandel entzogen. Als Erbschaft hinterließ er den Häuptern der Goethe-Gesellschaft diese Sentenz, worin er in der Tat heute noch lebt«: Für und wider zu dieser Stunde Quängelt Ihr nun schon seit vielen Jahren: Was ich getan, Ihr Lumpenhunde! Werdet ihr nimmermehr erfahren. Andreas Howald. J)a$ JUchl Mi ftiiltüSiOit '•r ygWU W WerWWW WwWwWwr Armexiooen sind ahg-eachafft. Das weifi heute jedes Kind. Wir leben, zum Donnerwetter, in einer immerhin und relativ zivilisierten Welt, auf der der Schwache sein Recht und der Starke obendrein seinen Profit findet. Unsere Diplomaten, wiewohl etwas antiquierte Wesen aus der Zeit der Perücken, haben eine reizende Schar von Vertragskinde rohen in die Welt gesetzt, einseitige, zweiseitige, mehrköpfige und solche ohne Hand und Fuß. In ihrer Sprache zu reden: unilaterale, bilaterale, mikrozephale. Einige Pakte sind obligatorisch, andere deklaratorisch, alle mehr oder weniger Illusorisch. Damit sind also die Annexionen abgeschafft. Diese Brutalitat von ehegestem paßte auch gar nicht mehr In unser fortgeschrittenes Zeltalter, wo die unzlvlllsierten Völker die Reste der Sklaverei und die hochzivilisierten die Reste der Freiheit beseitigen. Der kleinste Kleinstaat kann beruhigt flöten: Nachbar breitet sich nicht aus, Hast du Kelloggpakt im Haus. Zwischen allen Staaten herrscht das Prinzip des Rechts, das in völliger Unparteilichkeit gleichermaßen verbietet, dem waffenstarrenden Angreifer wie dem unbewaffneten Ueberfallenen zur Hilfe zu kommen. Aber natürlich, ganz bewegendes Moment kann die Weltgeschichte nicht sein. Darum haben unsere Diplomaten in Ihr Begriffslexikon eine neue Vokabel aufgenommen, die der oberste Gott des Faschismus ihnen persönlich zurechtgelegt hat. Annexionen, wir wiederholen es, gibt es nicht mehr. Dafür erhalten die besseren Großstaaten das Recht auf Expansion. Wir sind damit ins goldene Zeitalter zurückgelangt, wo die Menschen noch keinen bösen Alkohol tranken, weil sie einen vorzüglichen Schnaps brauten. Immerhin können mir Böswilligkeit und Unverstand übersehen, welche Erleichterungen durch die neue Regelung für die Tätigkeit der Diplomaten geschaffen sind und damit für die Menschheit, zu der eretere von einigen Forschern gerechnet werden. Früher war es Aufgabe der Diplomaten, jede Annexion moralisch zu begründen, Wie entsetzlich umständlich war das. Man mußte spezielle Nationall täte nkarten anfertigen, auf denen die leMcbteodeo Farben des eigenen völkischen SlecflungsgeWetes die trüben Mischtöne fremdrassiger Stämme in die fernsten Ecken scheuchten. Man mußte Sprach- Statistiken in endlosen Kolumnen aufmarschieren lassen, dabei die gefwünsohten Ziffern so dick durch Fettdruck hervorheben, daß sich kein Leeer mit dem Augenpulver des winzig gedruckten unerwünschten überhaupt abgab. Wo kein nationaler Anspruch zog, mußte man einen Ustoiiscben, wo es den nicht gab, einen geographischen, einen wirtsdhaftlichen, einen strategischen erfinden. Eis war sehr mühevoll, und der verdammte Widersacher bewies stets ebenso schlagend das genaue Gegenteil. Jetzt tittt an Stelle all deaseo das In sich selbst gegründete Recht auf Expansion. Einmal tan Prinzip anerkannt, erübrigt es jede Spezialerläuterung.»Ich dehne mich aus, weil ich das Recht dazu habe.« Basta!— Wie einfach, wie genial!— Gleich Falstaff kann der Diplomat der Zukunft auftrumpfen:»Und wenn Gründe wohlfeil wie Brombeeren wären, — ihr sollt keine von mir haben!« Dankbar aufatmend singt das diplomatische Korps nach einer jedem Couleurstudenten geläufigen Weise: Heil und Sieg dem Vizecäsar Mussolini, De«; das Recht auf Expansion erfand!— Früher mußt' der Diplomat sich plagen, Gründe für den Raub zusammentragen. Jetzo wendet jedermann Duces Expansionsrecht an! Bin ganz, ganz kleiner Haken ist bei der Sache. Das ist— wie bei allen faschistischen Wunderlösungen— nicht zu vermeiden. Das Recht auf Expansion ist einem Recht auf Explosion zum Verwechseln ähnlich. Schiller hat bereits die langwellige Feststellung getroffen, daß die Sachen sich hart im Räume stoßen; und seitdem ist die Erde um vieles kleiner geworden. Recht auf Explosion... Es ist ungefähr so, als beständen in einer Sprengstoff- fabrtk umfassende SicherheitsvorBchriften. Nur gerade die Direktoren der gefährlichsten Abteilungen brauchen sich nicht daran zu halten. Sie haben das Recht, bei sich ab und zu ein bißchen zu zündeln; und wenn dabei die Bude in die Luft fliegt, so ist man eben wie Anno 1914 in das Unglück hineinge- aohUddert. Prallt Expansion gegen Expansion, so haben wir die Explosion. Und dabei bestanden für die Welt so ausgezeichnete Sicherheitsbestimmungen: unilaterale, bilaterale, multilaterale. Aber ein bißchen Expansion-Explosion, und alle Schutzmauern stürzen ein. Doch verzagen wir nicht; Auch in diesem Falle wird sich noch so viel Giftgas finden, um die letzten Wilden zur europäischen Gesittung zu bekehren— und sei es als verbrannte, zerfetzte, aufgedunsene Leichen! Mucki. Der amerikanisdie Hitler Auf den Diktator von Louisiana, Huey Long, ist ein Attentat erfolgt. In dem soeben erschienenen Doppelheft 22/23 der»Zeitschrift für Sozialismus«(Verlagsanstalt»Graphia«, Karlsbad) veröffentlicht Gerhart Seger einen interessanten Artikel»Amerikanische Eindrücke«. Wir entnehmen ihm die folgenden Abschnitte: »Während die wirtschaftliche Krise auf den politischen Umschwung der amerikanischen Arbeiterschaft im Sinne der politisch- sozialistischen Radikalisierung noch keine sehr große Wirkung geübt hat, ist eine andere Folge der Krise festzustellen: Es tauchen Propheten der Krise auf, die Ihrer Meinung nach die überall spürbaren Wirkungen der Krise zu beheben und die Prosperität wieder zu bringen vermögen. Ein Mann, auf den der Ausdruck„Prophet der Krise« in seinem spöttischen Sinne zutrifft, ist der Arzt Dr. Townsend. Sein Plan klingt unendlich einfach: Er will, daß der Staat allen alten Leuten eine monatliche Rente von 200 Dollar zahle, mit der Verpflichtung, diesen Betrag im laufenden Monat bis zum letzten Cent auszugeben. Dr. Townsend und seine zahllosen Anhänger versprechen sich davon eine ungeheure Belebung der Wirtschaft, womit sie die Höhe der vom Staate auszugebenden Summe rechtfertigen. Dr. Townsend hat vorgeschlagen, daß die erforderlichen, Joden Monat in viele Millionen Dollar gehenden Summen durch eine Umsatzsteuer von 15 Prozent aufgebracht werden, später tritt an die Stelle dieses Vorschlages der einer Steuer von 2 Prozent auf jede geschäftliche Transaktion, alles vage Vorschläge ohne die Vorstellung ihrer Durchführbarkeit ihres möglichen Ertrages, ihren volkswirtschaftlichen Wirkungen. Aber bei allen unter der Krise Leidenden und volkswirtschaftlich wenig Geschulten hat der Townsendplan viel Anhänger gefunden. In der kleinen Gemeinde Royal Oak bei Detroit, einer Stadt von 52 Prozent katholischer Bevölkerung, lebt ein katholischer Pfarrer, namens Father C o u g h 1 i n. Er Von Gerhart Seger. begann vor Jahren Sonntag nachmittags an einer Rundfunkstation einer Detroiter Zeitung, der»Freien Presse« zu sprechen; vier Jahre lang verliefen diese Radio-Predigten ohne besondere Beachtung, bis er auf eine geschickte Weise religiöse Betrachtungen immer mehr mit politischen, wirtschaftlichen und sozialen Ausführungen mischte. Er erhielt viele Briefe, viele Hörer sandten ihm Geld, um seine Rundfunktätigkeit ausbreiten zu können, und zuletzt konnte er aus den ihm freiwillig eingesandten Beiträgen nicht nur eine neue schöne Kirche bauen, sondern er vermochte sich ein eigenes Netz von Rundfunkstationen zu mieten, und war imstande, wöchentlich 14.000 Dollar Miete für seine Radiopredigten zu zahlen. Auch seine Demagogie ist auf primitive wirtschaftliche Vorstellungen gegründet; substanzlos wie in den ersten Tiraden Hitlers; Mittel8tands-»Pliilo- sophie«, wenn man das kostbare Wort für ein bestimmtes System von Unsinn verwenden darf. Ganz anders steht es um die Diktaturanwartschaft bei einem letzten Krisenpropheten, der hier betrachtet werden soll. Wir sprechen von dem Senator aus dem Südstaat Louisiana, Huey Long. Seines Zeichens Rechtsanwalt, ein guter geschickter, aber völlig gewissenloser Redner, ist Huey Long ein smarter amerikanischer Politiker im berufsmäßigen, nicht allzu erfreulichen Sinne. Er hat Uber den Staat Louisiana eine in ihren Auswirkungen zweifellos verfassungswidrige Diktatur aufgerichtet und beherrscht seinen Staat vollkommen. Huey Long gründete eine Bewegung, die sich rasch ausbreitete und heute weit über seinen Staat Louisiana hinausreicht, mit dem Schlagwort des »Share our wealth«—»teilt unseren Reichtum«. Er ist genau so skrupellos im Versprechen wie Hitler. Er verspricht jedem Amerikaner ein jährliches Einkommen von 5000 Dollar und Unlvereitatserziehung für jedes Kind. Er will den in der Nation vorhandenen Reichtum aufteilen, aber nur von ungefähr 10 bis 15 MüUonen an aufwärts. Daß dieser Reichtum in kapitalistischer Form, das heißt. In Investitionen, festgelegt Ist und nicht aufteilungsbereit in den Banksafes liegt, macht ihm nichts aus. Aber Huey Long ist von allen Krisenpropheten weitaus der gefährlichste, well er sich nicht auf Rundfunkreden oder Plan-Propaganda beschränkt, sondern als Mitglied des Senats, als Beherrscher eines der Bundeev Staaten und genauer Kenner des amerikanischen polltischen Apparats eine außerordentlich aktive Rolle spielt. Wie weit seine Demagogie dadurch zur faschistischen Gefahr werden könnte, daß sich die amerikanische Kapitalistenklasse seiner bedient— bis jetzt ist die einzige Gruppe, die ihn In größerem Ausmaße finanziert hat, die Standard Oll Company— bleibt abzuwarten; gegen eine absolute Parallelität der Entwicklung zu einem Faschismus wie In Italien oder Deutschland spricht in Amerika vieles. Amerika »Amerika gleicht einem Kranken, der mit Ungeziefer bedeckt ist. Dies Ungeziefer ist der Jude, der dem Lande sein Gesicht gibt.« "(Aus dem»Stürmer«.) ürdeutfsdies Waldesrausdien »Sein blondes Auge schweifte herrenstark über das Land. Sein Herz schlug wie eine Sturmglocke. Und das Rauschen der Bäume war so urdeutsch, daß es ihm durch Mark und Bein kroch...« (Aus dem»Westdeutschen Beobachter«.) Uns auch... Aber wie kommt es, daß das »urdeutsche Baumrauschen« auch anderswo vernehmbar ist?! Oberstaatsanwalt Friedrich Binder ist 56- j ährig In Deutschland gestorben. Er ist ebenso wie Oberstaatsanwalt Köhler von den Nazi nach der Machtergreifung Hitlers gefangen gesetzt worden. Die braunen Verbrecher tobten seine Rache an Ihm aus. Sie haben ihn im Columbiahaus viehisch behandelt. Sein Tod ist die Folge der Mißhandlungen. Ibsen an den Völkerbund Mit vergessenen Schwüren, gebrochenem Pakt, Mit Versprechen, die keiner hält, Mit verbriefter Verträge zerrissenem Akt Ward gedüngt der Geschichte Feld. Und da hofftet ihr noch auf ein herrlich Ge- deih'n, Daß kein Unkraut erwachs und kein Dorn!— Seht, nun keimet die Saat, welch flammender Schein! Ihr wandert euch, wißt weder aas noch ein; Denn es wuchsen Dolche statt Korn!— Wo das Recht auf des Messers Spitze schwebt Und beim Galgen banst das Gericht, ist näher der Tag, der sich siegreich erhebt, Als hier, wo mit Worten man ficht. Ein Wille wacht, und dereinst wird zerstört Des Lügengeists Kerkerturm; Wenn erst in ihr Zerrbild die Zeit steh verkehrt Und erst in der Schale das Mark hat verzehrt Der heimlich nagende Wurm. (Aus; Abraham Lincolns Ermordung, Deutsch von Emma Klingenfeld.) Blubo-Krieg Was ist Blut und Boden? Im schwer verständlichstem Kauderwelsch des hitlerdeutschen Schmocks klagt einer im »Völkischen Beobachter«, die heilige Losung von Blut und Boden werde bereits von gewissen intellektuellen Kreisen verhöhnt und lächerlich gemacht, »Widersacher sind am Weg, traunge Deutsche, die abseits stehen, die uns die Literatur aus Blut und Boden bestreiten, ihre ernstesten Anstrengungen, ihr edles Wollen und ihre Leistungen von Rang herabwürdigen und belächel n.« Dann wird einer der Widersacher angeprangert, nämlich die katholische Monatsschrift Hochland, die vor einiger Zeit In einem sachverständigen Artikel feststellte, wie ärmlich die literarische»Ernte aus Blut und Boden« sei und daß die besten Bauernbücher aus nichtdeutschen Federn stammen oder nichtdeutschen Schrift- etellern abgelauscht seien. In Deutschland müsse angesichts der allgemeinen Verstädterung und Industrialisierung des Lebens die große Dichtung aus Blut und Boden ein Wunschtraum bleiben. Der»Völkische Beobachter« schäumt und stellt gegenüber solcher Ketzerei einmal fest, was Blubo heißt; »Nicht der Unterschied von Asphalt und Dorf ist ausschlaggebend, sondern der von Blut und Boden gegen alle verwaschene und übertünchte Stadtproblematik, die skrupellos auf das Land übertragen wird. Die Stadtproblematik hatte ihre Literatur— dem Lande soll nun die Literatur erwachsen aus Blut und Boden! Das grundsätzlich In Anschauung und Idee durchzuführen, Ist zunächst deutsche Aufgabe. Die Tragik der großen und berufenen Dichter von Blut und Boden schweift weit Uber die Grenzen des persönlichen Lebens hinaus, und will die Ewigkeit des Volkes und ihrer Erde.« Wer nun noch nicht weiß, was richtiges Blubo Ist! Die Verwaschenheit und Schwammigkeit der Nazisprache entspricht Uberall und auf jedem Gebiete der Verwaschenheit und Unzucht des Nazidenkens.— Das Gewäsch des V. B. kommt schließlich auf Gustav Frenssen, der mit der»Chronik von Barlete« ein Meisterwerk der Scboilendich- tung geschrieben habe und damit ein Klassiker des Nordens sei. Wobei Rosenbergs Klopffechter in der Eile übersieht, daß sich Frenssen mehrfach entschieden zur Demokratie bekannt hat. Wie soll gedichtet werden? Während im»Völkischen Beobachter« scharf gegen die Blubokritlkaster gekämpft wird, muß die»Neue Literatur« einen Schollendichter abschlachten, der zu den braunen Hoffnungen gehörte und jetzt völlig verjung- nickelt: Richard Blllinger.»Ein Absinken von Werk zu Werk«, konstatiert die N. L.,»Im neuen Buche erschreckend«. »Seine Vorliebe für Diminutivformen, absonderliche adjektivische Doppelbildungen, gesuchte Bilder und Beinamen streift schon ans Peinlich-Lächerliche. Da ist die Madonna flügelhold, die Fensterscheibe wangenrund, glasrein und glasschön, die Wolke windbehütet, der Fuchsienstrauch rätselheilig, ein Kämmerlein spitzmündig, die Schweine schnäuzleinroslg, da gibt es Herzensgebetlein, Heuberglein, vergübte Feuerbräutlein... absonderliche Sinnbezüge; nicht der Küster, sondern sein Glas hat Durst, dem Weh wird die Andacht gehalten, die Hitze zählt die Schweißtröpflein... Der Mond schenkt der Scheune den priesterllchen Schattenmantel; der Brief wird dem Postkästchen geschenkt, die Luft schenkt sich dem Atmenden; die Bäuerin gar schenkt sich mit Ach und Weh dem Bette, der Teufel schenkt die Seuche, und die Madonna schenkt dem notnackten Herzen die himmelfrischen Windeln.« Dieses Absinken von Werk zu Werk ist das Schicksal der gesamten schreibenden Blubokratie, ob sie nun den sinnigen oder den heroischen»Volkston« sucht. Alle spekulieren sie in Braun, und Will Veepers Zeitschrift zürnt: »Doch während die Asphaltliteraten alle uns heiligen Begriffe mit jedem Wort lächerlich zu machen suchten, ist heute ein Umschwung erfolgt, den wir nicht weniger skeptisch betrachten. Eis duftet nun geradezu nach Scholle und Misthaufen, und alle Begriffe des Parteiprogramms werden In greller Beispielhaftigkeit heruntergeleiert, ein rührendes Allumarmen von Volksgemeinschaft, ein häßliches Vormischen unserer harten Begriffe mit kitschigen Gefühlen und Gedanken hat angehoben, und hurtig und geschäftig sind jene »Schöpfer«, die uns kurz zuvor noch mit den übelsten Hlntertreppenge- schichten und Sexualpathologien überschüttet haben, dabei, uns mit Werken zu beglücken, wo In jeder Zeile mindestens einmal»Deutschland« und »Scholle« und in jeder zweiten»der Führer«,»die Bewegung« und»das Blut« vorkommen müssen. Man soll unsere höchsten Werte nicht dem Gewäsch dieser Verwandlungskünstler Uberlassen. Wir müssen uns vor der Gefahr einer Uebersättigung des Volkes, einer Abnützung unserer heiligen Begriffe hü-« ten...< Das zielt direkt auf Verwandlungskünstler wie Hanns Heinz Ewers, Barthel, Bonn und Konsorten. Wie aber soll nun eigentlich gedichtet werden? Vesper meint: »Die Aufgabe unserer Zeit sehen wir darin, eine heroische Kunst zu schaffen, die der heroischen Weltauffassung und Lebenshaltung der deutschen Bewährung entspricht und sie in großen Gesichten gestaltet und gleichzeitig diese heroische Bewährung mit ihrem dröhnenden Schritt der Millionen durch die Kräfte des Herzens und der Seele zu verinnerlichen. In einer solchen heroischen Kunst...« Sdiießpru�elknaben Bin angesehener Gelehrter, der am Internationalen Strafreebta- und Gel&ngnlskongreS In Berlin teilgenommen bat, berichtet uns über das folgende Erlebnis; Ich hatte mich in einer Sitzung mit etnem deutschen Juristen bekannt gemacht, der ein angesehener und gescheiter Mensch war. Er machte im Gespräch mit mir aus seiner Abneigung gegen das nationalsozialistische Regime kein Hehl. Nur eine Ausnahme ließ er gelten; Er hielt Hitler für eine Persönlichkeit großen Stils und verglich ihn mit der Jungfrau von Orleans. Als ich ibm erwiderte, der Führer scheine mir mit der Retterin Frankreichs nur die Unbildung und die Vorliebe für kriegerische Tracht, nicht aber die Unschuld und die Abneigung gegen Blutvergießen gemein zu haben, wurde er sehr verstimmt, aber erfreulicherweise nicht für lange. Dann suchte er mich wieder von den erhabenen politischen und moralischen Eigenschaften seines Idols zu überzeugen. »Sie haben«, erwidere ich,>Im deutschen ein Sprichwort:»Sage mir, mit wem Du umgehst, und ich will Dir sagen, wer Du bist.« Nun sind auf unserem Kongreß drei der höchsten Würdenträger des Dritten Reiches aufgetreten, Frank II, Frelsler und G ö b b e 1 s. Ich■will von dem Inhalt ihrer Vorträge nicht sprechen. Wer wie ich von früheren Zusammenkünften der Kriminalisten her die Erinnerung an Spitzenleistungen deutscher Wissenschaft behalten hat, empfand ein schmerzliches Bedauern darüber, daß die Redner dieses Jahres offenbar nur den einen Ehrgeiz hatten, durch die Unsinnigkelt ihrer Leitsätze zu verblüffen, wobei jeder von ihnen durch die schöne Sicherheit des absoluten Nichtswissens trefflich gefördert wurde. Aber ich habe mir die Menschen angesehen. und ich muß sagen, daß sich auf den Gesichtern der drei neben Feigheit eine Gemeinheit der Gesinnung ausdrückt die den Saal verpestet hat. Ich habe mich gefragt, wie es möglich ist, daß man zu wichtigen Fragen des Strafrechts und Strafvollzugs Individuen Stellung nehmen lassen kann, die den Kriminalisten nur als Objekte einer gerlcht-[ liehen Prozedur zu interessieren vermögen, i denn ich halte diese Herren— und Lom- broso würde, wenn er noch lebte, sicher mit mir übereinstimmen— nach dem persönlichen Eindruck, den sie hervorrufen, zu jedem Verbrechen für fähig, mit Ausnahme derer, die persönlichen Mut erfordernt Und nun frage Ich Sie;»Wie kann sich Ihr Führer, wenn er der große Mann ist für den sie ihn halten, mit solchem Pack umgeben und auf dag engste verbinden?« Mein deutscher Kollege antwortete:»Mein Urteil Uber die drei Wichte, die man auf uns losgelassen hat, deckt sich völlig mit dem Ihrigen. Aber gerade in der Heraushebung solcher minderwertigen Kreaturen aus den Scharen des Pöbels zeigt sich die Ueberlcgenhelt des Führers. Bis die große Stunde geschlagen hat, in der er dem deutschen Volk den ihm gebührenden Platz in der Welt erringen wird, werden noch manchesmal Schwierigkeiten ItitukseMk Häheil* suik&uU AMlsiüst Briet eines deuisdien Lehrers Wir geben hier den Brief eines redchs- deutschen Volksschullehrers an seine im Ausland lebenden Freunde wieder. Die Einleitung, die Mitteilungen mehr persönlicher Art enthält und leicht auf die Spur des Schreibers führen könnte, haben war gestrichen. >... Und nun noch einiges aus der Schulstube. Daß der Prozentsatz von»Meckerern« gerade in Lehrerkreisen von Tag zu Tag wächst, ist im ganzen Reiche bekannt. Mit diesem Prozentsatz steigt natürlich das Mißtrauen der vorgesetzten Behörden, und die Kinder selbst werden bewußt und planmäßig zu Aufpassern Uber ihre Erzieher, zu Spitzeln und Denunzianten erzogen. Die Kon- kurrenzangst innerhalb der Lehrerschaft, verschärft durch den Abbau zahlreicher Junglehrer, durch Zusammenlegung von Klassen und Drosselung des wissenschaftlichen Unterrichts, trägt dazu bei, die Atmosphäre in den Schulhäusem noch haßerfüllter und vollends unerträglich zu machen. Ueber das Durcheinander der Verordnungen, über das Gegeneinanderarbeiten der einzelnen Behörden, über die ständigen Störungen unserer schulischen Arbeit habe ich Euch schon berichtet. Sicher interessiert Euch auch die Haltung der Kinder. Da ist vor allem eines festzustellen: die Fähigkeit zur freiwilligen Konzentration nimmt sehr rasch ab. Das hat verschiedene Gründe. Einmal sind die Kinder vom allzu- vielen Exerzieren überanstrengt, weiter hat der Respekt vor geistigen Leistungen beträchtlich nachgelassen. Darüber hinaus aber ist auch der Lehrstoff schlechthin uninteressant geworden. Die Lehrer sind ja an unerbittliche Richtlinien gebunden, müssen»ihr Augenmerk darauf richten, vor allem Nationalsozialisten und■wieder Nationalsozialisten zu erziehen«, wie es kürzlich einer unserer örtlichen Parteipäpste ausdrückte. Die geringste Abweichung von der vorgeschriebenen Linie— etwa die zwar wahrheitsgetreue, aber gerade deshalb unerwünschte Schilderung irgendeiner geschichtlichen Szene, bei der Deutschland nicht gerade als Heldendarsteller auftrat— kann unter Umständen genügen, um dem Lehrer das Weiterarbeiten In seiner Anstalt unmöglich zu machen. Kein Wunder, daß die ständig gefährdeten und bespitzelten Erzieher es oft verabsäumen, den Unterricht lebendig zu gestalten. Sie müssen ja fortwährend auf ihre Zunge achtgeben. So lautet denn das allgemeine Klagelled: »Unsere Kinder sind nicht zum Aufpassen zu bewege n.« Manche Kollegen versuchen es mit dem— ihrer Meinung nach altbewährten— Drül. Und der »zieht« jetzt scheinbar besser als etwa in den Zeiten des»knochenerweichenden Schulliberalismus«. Schrei eine Klasse von Hitlerjungen gehörig an, und die Kinder werden still sitzen wie die Mäuschen. Den Ton sind sie gewöhnt, auf scharfe Kommandos reagieren sie wie abgerichtete Zirkushündchen. Aber wenn Du glaubst, die musterhaft»ausgerichteten« Burschen lauschen nun gespannt Deinen Worten, dann irrst Du Dich. Im Gegenteil! Mit dem Beginn des Kadavergehorsams scheint automatisch jede Gehimtätigkeit auszusetzen, und eine Klasse, die vorher unruhig war, wird jetzt stumpfsinnig. Das ist schlimmer. Wenn die Zeitungspropaganda immer wieder behauptet, daß Burschen und Mädchen bei der Durchnahme»zeitnahen« Stoffes— Rassenkunde, staatspolitischer Unterricht, Geschichte der nationalsozialistischen Bewegung— lebendig und begeistert mitgingen, so ist das eine bewußte Irreführung. Das, was bei der Hitlerjugend vor dem Umsturz freiwilliges Lernen war, ist längst zum unangenehmen Zwang geworden. Die ganze nationalsozialistische Theorie ist den Kinderp bereits gründlich verekelt. Wie man früher die Klassiker»zu Tode ritt«, so vergrault man den Schülern jetzt imbewußt aber systematisch die hak enk reuzl e rischon Lehrsätze. Damit soll nicht gesagt sein, daß der Zweifel schon sehr weit in der Schülerschaft verbreitet wäre. Nein, Zweifel oder gar bewußte Ablehnung findet man eintreten, denen jedes andere Regime erliegen müßte. Hitler braucht sich dann nur wieder einmal zum Obersten Richter zu ernennen, und Frank H, Freisler und Göbbels kurzweg vor die Gewehrläufe stellen zu lassen, dann jubelt ihm ganz Deutschland zu, und er ist gerettet. Ich kenne eine Unzahl seiner Paladine, die den Stempel der Erbärmlichkeit eben so sichtbar an ihrer Verbrecherstime tragen wie jene drei, und ich kann Ihnen deshalb versichern, daß das Experiment beliebig oft wiederholt werden kann, stets mit demselben durchschlagenden Erfolge. Wie der Chirurg das corpus vile verwendet, hält sich der Führer für alle Fälle Schießprügelknaben.« Der IVestbauer »Artbeseelter Mann geeichter Rasse sucht Weib aus bis zum letzten nachweisbar germanischer Sippe. Verlangt wird blutedles Wesen, schweigsam, greiffest, lebensvoll und aufschwungbereit. Zuschriften unter »Nestbau« an die Verwaltung des Blattes.« (Aus»Am Urquell deutscher Kraft«.) Schwarzweißrot am Brandenburger Tor. Im Zuge der letzten braunen ParteAerreg-ungs- welle wurde von den bayrischen Obemazia ein Vorstoß gegen die schwarzweißroten Farben gemacht. Die Wahrmacht hat die Wache am Brandenburger Tor in Berlin übernommen. Sie hat am Brandenburger Tor die Reichskriegaflagge schwarzwaißrot aufgehängt. in der Hauptsache nur bei den außerhalb der Hitlerjugend stehenden Kindern aus sozialistischen oder oppoeitionell kirchlichen Elternhäusern. In den höheren Schulen kommen noch jene Schüler hinzu,«he konservativen Kreisen entstammen und den Rummel zwar mitmachen, aber innerlich dagegen protestieren. Die anderen pflegen das Dargebotene gedanken- und kritiklos als unumstößliche Wahrheit hinzunehmen, aber sie langweilen sich tödlich bei der ständigen Wiederholung der gleichen ehernen Phrasen, sie treiben Unfug, während ihnen der Lehrer die Helligkeit der nationalsozialistischen Volksgemeinschaft predigt, ade lassen Papierfrösche springen, während das Leben des Führers geschildert wird. Auf diese Gleichgültigkeit gründet sich die Hoffnung vieler nicht nationalsozialistischer Lehrer, daß all das verschrobene und verkehrte Zeug sich vielleicht gar nicht allzu fest in den Köpfen einnisten wird. Desto schwerer wird eines Tages die Roheit zu bekämpfen sein, die in dem Maße zunimmt, wie die Freude am geistigen Arbeiten schwindet. Das alte, ungeschriebene Gesetz der kindlichen Prügeleien:»Zwei gegen einen ist feige«, scheint vergessen; die Neigung, hordenweise über einzelne Mißliebige herzufallen, breitet sich aus wie eine Epidemie. Und nie— soweit die ältesten Kollegen zurückdenken können— hat es auf den Schulhöfen so viele emstliche Verletzungen gegeben wie jetzt. Daß die Rauflustigsten, wenn sie selbst eins abbekommen haben, sich oft als die Wehleidigsten entpuppen, ist eine Beobachtung nebenher. Trotz allem Gerede von heroischer Schmerzerduidung scheint, sofern es sich um Kellereien handelt, Geben noch immer seliger zu sein als Nehmen. Nicht nur bei den Kindern. Ich weiß, daß meine Schilderung unvollkommen ist, ich könnte Euch viel mehr erzählen— zumeist Unerfreuliches. Aber die Zeit Ist knapp, und Ich möchte dies Schreiben gern aus der Schublade haben. Eines könnt Ihr mir glauben: leicht ist es gegenwärtig nicht. Schule zu halten. Es wird uns immer wieder anbefohlen, weniger Wissen, weniger Bildung und viel mehr»Gesinnung'« zu vermitteln. Aber ganz ohne die primitivsten Kenntnisse geht es eben doch nicht, und die Zeit, solche Kenntnisse beizubringen, müssen wir uns regelrecht von den rein politischen, rein propagandistisch gedachten Fächern abstehlen. Ihr solltet mal die Aufsatzhefte sehen! Es ist erschreckend, auf welchem Niveau sich noch die 14- und 15- jährigen befinden, und die Rechtschreibung ist tollsten Mißhandlungen ausgesetzt. Wir müssen eben mit zusammengebissenen Zähnen weiterarbeiten und daran glauben, daß wieder eine Zelt kommt, da wir die Kinder das lehren dürfen, was ihnen dient, und das, was wir selber glauben.... In einundein viertel Satz viermal heroisch — das ist kein Verschleiß»unserer beiligsten Begriffe«? So schmeißt jeder der Schmöcke mit anderen Phrasen um sich. Im übrigen bleibt es nach wie vor schwer, die Gesichte von der»heroischen Lebensbewährung« zu haben, wenn Hitlers und Görings Bauch und Doppelkinn derart wachsen und die Oberbonzen wie die Maden Im Speck sitzen. »Was sind wir für ein Volk...« Jedoch auch Will Vespers Schreibtischheroismus hat im Nazilager gehässige Feinde. Im Maiheft seiner Zeitschrift mußte er sich gegen die»grünen Rotzjungen« wehren, die einen 30. Juni in der deutschen Literatur forderten, im Augustheft berichtet er von häßlichen Angriffen»einer Berliner Parteizeitung« und schreibt der neudeutschen Zwietracht mitten ins Herz: »W as sind wir für ein Volk, daß wir nach jeder großen Uberraschenden Einigkeit nna sogleich wieder mit allem kranken Elfer bemühen müssen, einander zu verketzern und anzubellen, weil wir uns die Mühe nicht nehmen, Freund und Feind deutlich unterscheiden zu lernen!... Wir aber stellen hiermit endgültig und reinen Gewissens auch alle Abwehr solcher sinnlosen Angriffe aus den eigenen Reihen e 1 n.« Vesper wollte so gern Frieden machen, aber dem bösen Nachbarn gefällt es nicht. Schon im Septemberbeft der N. L. muß Vesper sein Versprechen mit Füßen treten, weil Rosenbergs Reichsstelle zur Förderung des deutschen Schrifttums in ihrer Monatsschrift(»Die Bücherkunde«) gegen die N. L. hetzt und gegen diese Konkurrentin ein Schreiben versandt hat, in dem behauptet wird, die N. L. hätte Beiträge gebracht, welche nationalsozialistischen Auffassungen nicht entsprächen und auch Angriffe»auf die Haltung Alfred Rosenbergs zu der Meister Eckhardt- Frage« enthielten. In bitterem Schmerze wirft sich der»alte Kämpfer« Vesper daraufhin in die Brust, protestiert und denunziert so nebenbei: »Bis Mitte 1933, also zwölf Jahre lang, in schwerster Zeit, war die»Neue Literatur« die einzige der drei großen deutschen Literaturzeltschriften, die nicht unter jüdischer Leitung stand(wie»Die Literatur« und »Die Literarische Welt«), sondern in immer schärferem Maße die herrschende jüdische und Judengenössische Literatur bekämpfte. ... Und so hat neben der»Neuen Literatur« auch die»Bücherkunde« und neben der »BUcherkunde« auch die»Neue Literatur« Aufgaben genug. Und die»Reichsstelle zur Förderung des deutschen Schrifttums« hat es also auch nicht nötig, die»Neue Literatur« als Konkurrenz zu empfinden und sie hinter unserem Rük- ken schlecht zu machen... Wir bitten also die»Reichsstelle zur För- derung des deutschen Schrifttums«, den »weltanschaulichen Standpunkt des Nationalsozialismus«, Alfred Rosenbergs persönliches weltanschauliches Bekenntnis— und ihre eigenen verständlichen Werbebodürfnisse für die»BUcherkunde« säuberlicher auseinander zu halten...« Deutlicher kann es unter Pgs. kaum zugehen. Die Andersgesinnten hat man mit Staatsgewalt verjagt, jetzt tobt unter den Federpiraten der Kampf um die erräuberten Weidegebiete immer heftiger und ungehemmter.»W as sind wir für einVol k«, klagt Vesper— und staunend erlebt eine betrogene Jugend, wie eine nerue Volksgemeinschaft entsteht. Jeder der braunen Lumpenhunde wird vom andern abgetan... B. Br. JUdisdier Kaffee— arisches Bier Heinrich Eduard Jacob hat jüngst ein Buch geschrieben»Sage und Siegeszug des Kaffees«. Darin wagt er es— er, der Jude!—, den Kaffee auf Kosten des Bieres zu loben. Die paar Nationalsozialisten, die überhaupt Bücher lesen, scheinen in dieser Stellungnahme eine Herausforderung erblickt zu haben. Sie erinnern sich wohl noch daran, daß die allerorts gewährten Freibiere nicht unwesentlich zum Siege der Hitlerpartei in Deutschland beitrugen. Herr Wilhelm Stapel zu Hamburg gibt der allgemeinen Entrüstung in seiner Zeitschrift»Deutsches Volkstum« bewegten Ausdruck; »... Was uns aber angeht, ist der Kampf gegen das Bier, den Jacob im Namen des Kaffees führt. Es handelt sien bei Jacob nämlich um die Rassenfrage, nur daß er statt Rasse Geist sagt... Die einsamen, herben, in sich zurückgezogenen Bauern brauchen das Bier, um zu einer Gemeinschaft zu kommen. Daher ist keine Gemeinschaftshandlung, und sei es auch nur ein Viehkauf, ohne Bier möglich. Das Bier löst gleichsam die harte Schale der Bauern, es bringt die Männer aus ihrer Reserve und Distanz, es schließt sie auf. Was Jacob Uber das Bier schreibt, zeugt von Unkenntnis. Seine Rasse hat ihn irregeführt. Da Jacob einen Rassenhaß gegen das mißverstandene bäuerliche Bier hat, so schreibt er diesem Getränk auch den xlik- ken Menschen« aufs Schuldkonto. Unter den Judän und Jüdinnen gibt es verhältnismäßig ebensoviele dicke Gestalten wie unter den Deutschen... Können wir uns einen glänzenderen Beweis dafür, daß Wissenschaft durch Rasse bedingt ist, wünschen, als Jacobs Lehre vom Kaffee?« Können wir uns(um in Stapels Deutsch zu reden) einen glänzenderen Beweis dafür, daß der Nationalsozialismus eine Geisteskrankheit Ist, wünschen, als diese Buchkritik? Gemedcer im Briefkasten Wer stammt von Adam und Eva ab? In den»Briefkästen« der deutschen Zeitungen, die dem Meinungsaustausch dienen, wird munter gemeckert. Die amtliche»Preußische Zeitung« zu Königsberg erhielt an einem einzigen Tage folgende Anfragen: »Was ist ein Pogrom und wann fanden die größten Arierpogrome statt?« »Warum keine Elben zwischen Deutschem und Juden?« »Stammt der Mensch vom Affen ab?« »Sind Adam und Eva Judas Stammväter?« Vor allem die letzte Frage hat den Brief- kastenonkel in offensichtliche Verlegenheit gebracht. Er hat sich schließlich zu der Auskunft entschlossen, daß nur die Juden von Adam und Eva abstammen,»alle übrigen Menschen aber ihre Herkunft von Rassen ableiten, die bedeutend älter als die Juden sind.« »Diese sind nämlich entstanden aus Ausgestoßenen und Auswürflingen der verschiedensten Rassen, den Tschandalas, Köteroder Untermenschen«. Was denn, was denn— Adam und Elva waren Kötermenschen? Und die Nationalsozi allsten sind vor Adam und Elva entstanden? Der liebe Gott muß sich in furchtbarer Weise geirrt haben. Am besten war's, er machte alles wieder kaputt und übertrüge die Neuschöpfung den Herren von der Preußischen Zeitung. >... Wir wollen die Anständigkeit|die Geschäftsleute, bed denen die Gut- wieder zum beherrschenden Moment jedes scheine zur Bezahlung der gekauften Waren einzelnen machen.« Dieses Ziel wird ausgerechnet Leys Pamphlet»Durchbruch der abgegeben werden, müssen zur höheren Ehre der Grubenherren aus ihrer Tasche einen besozialen Ehre« vorausgeschickt! In dieser trächtlichen Zuschuß für die Hilfsaktion des Schrift wird die Deutsche Arbeitsfront als die große Kontrollorganisation bezeichnet, die die Aufgabe haben soll, die Anständigen von den Unanständigen zu unterscheiden. Die DAF ist analog der Partei gebildet.»Sie verwaltet diese Menschen und gibt die große weltanschauliche Linie an.«»Die Gemeinschaft ist da.« Es lohnt sich, an Hand der letzten Ereignisse die Praxis aufzuzeigen, nach der die Gemeinschaftsorganisation die Arbeiter und Angestellten»verwaltet«. Erste Tagung der Reichsarbeitskammer. Unter Teilnahme von 18 Reichsbetriebs- Führers leisten. Sie können die Gutscheine bei den Banken und Sparkassen in Zahlung geben. »Für die Einlösung der NSV-Gutschelne dürfen die Zahlstellen keine Gebühren erheben.« Nach den Durchführungsbestimmungen wird aber bei Erstattung des Gegenwertes für den Gutschein in Höhe von 10 RM= 9.50 RM Gutschein in Höhe von 1 RM= 0.95 RM gezahlt. Die Nationalsozialistische Volkswohlfahrt, deren»Hilfswerk unserem rassisch gebundenen Denken entspringt«, verdient die einbehaltenen 5 Prozent für ihre Hilfsbereitschaft, abgesehen davon, daß eine Abrech- gemeinschaftsleitern, 18 Amtsleitem der| nung der Sammlung nicht gegeben wird. Den DAF, 33 Gauwaltern der DAF und 11 als hungernden Bergarbeitern aber mögen Leys Einzelpersonen Berufenen, die ebenfalls Worte Trost spenden;»Wir kommen zu durchwegs Dienststellenleiter der DAF waren einem vollkommen neuen Denken und setzen — also 80 braunen Bonzen— konnte am 31. j der Welt der Zahlen die Welt des Blutes geAugust die konstituierende Tagung der genüber. Die Sozialordnung bestimmt die Reichsarbeitskammer steigen. Der Ley sprach Stellung des Menschen im Volke, und auch über»Sozialpolitik auf weite Sicht«, um fest- der Arbeiter kämpft im Grunde genommen zustellen, daß Unternehmer und Arbeiter nicht allein um den Lohn, sondern um seine e i n Schicksal haben.»Wir verlangen von; Anerkennung und seine.Ehre.« jedem Unternehmer, daß er seine schönsten Stunden im Kreise seiner Gefolgschaft verlebt.« Zur Sicherung der Anerkennung und Ehre jedes arbeitenden Volksgenossen verkündete Ley alsdann die Verfassung der RA, indem er ausführte: »Die Männer der Reichsarbeitskammer sind nicht gewählt und werden auch nicht abstimmen, sondern es sind diejenigen berufen worden, die die Verantwortung tragen. Und aus diesen Betrieben werden Fahnen der Arbeitsfront. „DuttMuuk jdit s&ziQtiH flui � WW�rWWWW�rwWWWW Tagung der Reidisarbeltskammer— Bergarbeiteralmosen— Fahnenrummel sehen Arbeitsfront dürfte mit dieser Fahnenverordnung eine Spitzenleistung vollbracht haben. IJniformierung der Arbeitsfront-Presse. Zum 1. Oktober d. J. hat der Reichsleiter der DAF eine grundlegende Neuordnung der gesamten Presse der Arbeltsfront erlassen, durch die den einzelnen Reichsbetriebsgemeinschaften auch die letzten Möglichkeiten genommen werden, sich auch nur im allerbescheidensten Maße noch mit den sozialen Arbeiterfragen befassen zu können. Künftig ist nur noch das zentrale Presseamt für die Unterrichtimg der gesamten deutschen und ausländischen Presse Uber Arbeit und Wesen der DAF zuständig. Das Presseamt allein bestimmt Führung, Ausrichtung, Ausgestaltung und Formung der gesamten zur Arbeltsfront gehörigen Presse. Die Presse der DAF wird in folgende Gruppen unterteilt: 1. Polltisch-weltanschauliche Presse, 2. Fachpresse, 3. Mitteilungsblätter, 4. Werkszeitungen. Die Arbeiter werden aufgefordert, zunächst die beiden Zentralblätter»Arbeitertum« und »Aufbau« zu abonnieren, die ihnen faschistische Politik und Weltanschauung vermitteln. Sie müssen zusammen mit dem»Angriff« gelesen werden,»weil sie das Zeitgeschehen und die Anforderungen, die die Volksgemeinschaft an jeden einzelnen stellen muß, in so lebendiger Weise beleuchten, daß sie von jedem deutschen Arbeiter verstanden werden m u ß.« Die sog. Fachpresse, die den Ersatz für die früheren Gewerkschaftsblätter bilden soll, besteht aus 73 fachlichen Schulungsblättern, deren Inhalt künftig vom Amt für Arbeitsführung und Berufserziehung geliefert wird. Diese Dlnta-Blätter(siehe > Neuer Vorwärts« Nr. 113), die wohl das größtangelegte journalistische Machwerk gelber Belegschaftserziehung der Welt darstellen, werden den Arbeitern und Angestellten gegen Zwangsabonnement durch die Post ins Haus zugestellt. Es wird also in Zukunft auch nicht das kleinste Streiflicht aus dem kapitalistischen Ausbeutungssystem mehr aufleuchten können. Herr Ing. 1 Arnhold wird den Lesern der Schulungsblätter'die paradiesischen Zustände ihrer Arbeitsstätten vermitteln. Die Mitteilungsblätter, die»nicht für alle Mitglieder«, sondern nur für die DAF-Walter bestimmt sind, behandeln die sozialpolitischen Erfordernisse des Nazi-Regimes und die Organisationsfragen. Die Werkszeitungen werden für die Großbetriebe mit mindestens 500 Gefolgschafts- angehörigen herausgegeben und kostenlos verteilt. Sie verzapfen die Harmonie zwischen Kapital und Arbeit, Damit hätte die nationalsozialistische Staatsführung ihren Aechtungs- und Ver- dummungsapparat für das schaffende Volk aufgebaut. Motto:»Ehre und achte den Arbeiter, dann ehrst Du Dein Volk«, so schreibt der»Korrespondent«(Reichsbetriebsgemein- schaft Druck). Der»Korrespondent«, den die organisierten Buchdrucker vor 73 Jahren begründet hatten, würde vor der Zeit seiner Verfälschung geschrieben haben: Dumme werden gesucht. Die Presse der Arbeitsfront hüllt sich befehlsgemäß über die unerträglich gewordene Teuerungswelle und Lebensmittelnot in eisiges Schweigen. Es entspricht aber sicher einem tief empfundenen Bedürfnis aller schaffenden Menschen, daß in diesem Augenblick höchster sozialer Spannung eine neue Verordnung der DAF die Fahnenfrage ein- ebenfalls diejenigen hinzugezogen, die die gekendst regelt. Das Verbot der Neuanschaf- Verantwortung für den Betrieb und seine fung von DAF-Fahnen wird aufgehobfen. Gefolgschaft und für die Wirtschaft Alle Betriebe mit mindestens 50 Mann Be- rr-gcpTl,� °..,,.„. legschaftsstärke können um die Genehmigung Diese»Konklave«, wie Ley die RA be-., ........ zur Anschaffung einer Fahne einreichen. zeichnete, wird nicht auseinandergehen, bis—„..... �. .,„.....„,, i Die Entscheidung des zuständigen Gebietssie sich geeinigt hat. Die Bonzenkonferenz,!...°,„,„, ir v,- j � walters ist endgültig. Die Kosten für die angeblich die Verbindung zwischen Ar-..„..„., � a.. � . diePahneträgtderBetrieb. Die beitsfront und Betrieb herstellen soll, hat. � �.f' ...",, vorhandenen DAF-Fahnen müssen durch die also, wie wir voraussagen konnten, keinerlei„,... ,. � � „ v j* Kreisorgamsationswalter nach Ortswaltungen Befugnisse. AUe Entscheidungsbefugnisse'* Z,, � � TT...: geordnet laufend kartei- oder listenmäßig liegen bei den Unternehmern, die gleich 1 registriert werden.(Arbeitsbeschaffung für alte Kämpfer.) Die Fahnenweihe der neu angeschafften Fahnen erfolgt durch Berührung der neuen DAF-Fahne mit der Tradi- ___,,.,., � i tionsfahne der NSBO. Die Fahnen der DAF nend, daß über die katastrophale Teuerung....,,„,„.. j,„ führen in der oberen inneren Ecke dicht an in Deutschland, also die maßlose Senkung � �,_ , r„, i ,,,,., der Fahnenstange beiderseits je einen Fah- des Lebensniveaus, kein Wort verlautete. Da- zeitig dem Wirtschaftsrat und der Reichsarbeitskammer angehören. Ley erklärte, nicht höheren Lohn, sondern ein höheres Lebensniveau zu fordern. Es war bezeich- für wurde Adolf Hitler die Treue gelobt, die Tagimg mit einem Heil auf den Führer und dem Horst-Wessel-Lied geschlossen. Der Durchbruch der sozialen Ehre ist vollendet. Almosen für die Bergarbeiter. Wir fordern, so verkündete Ley,»daß - nensplegel— 22 mal 16 Zentimeter— mit einer einen Zentimeter breiten hellbraunen I Tuchumrahmung. Im Spiegel wird der Name der zuständigen Ortsverwaltung eingestickt. Die Fahnenspitze führt das Abzeichen der DAF, das für die Orts-, Kreis- und Gauwaltungen in vergoldetem Metall, bezw. jeder es als seine höchste Ehre anäri's denen Me3siQg ausgeführt sein muß, zum Unter- zu helfen, die noch unter ihm stehteur. Wenn I 801110(1 vc>n den anderen Fahnenspdtzen, nach den amtlichen Erhebungen im Vorjahr durchschnittlich ein monatlicher Lohn von 150 Mk., d. h. nach den verschiedenen Abzügen 120 Mk. entfiel, so stand der Familienvater, der täglich in der Grube unter Lebensgefahr die schwerste Arbelt zu verrichten hat, wohl doch»unter dem Einkommen« der Grubenbarone. Sie haben indes ihre Dividenden nicht etwa zugunsten der notleidenden Kumpels gekürzt, aber der Führer hat zum Ausgleich der zunehmenden Feierschichten einen»Ehrentag« angeordnet, über den der»Deutsche Bergbau« berichtet. Um den am meisten Betroffenen eine »augenblickliche und fühlbare Erleichterung« zu geben, wurde die NSV beauftragt, eine tiefgreifende Hilfsaktion für die Bergarbeiter durchzuführen. Diejenigen Bergleute, »welche durch Feierschichten erheblichen Lohnausfall erlitten«, erhielten NSV-Gutscheine in Höhe von 10 RM und 1 RM, die in der Zeit vom 15. August bis 30. September 1935 von den Geschäften zum Einkauf von Bekleldungs-, Wäsche- und Haushaltungsgegenständen in Zahlung genommen werden. Diese»tiefgreifende Hilfsaktion«, bei der auf den einzelnen Bergarbeiter ein verschwindend geringer Betrag entfällt, ist der Inhalt des Ehrentages für eine Arbeitergruppe, die bei einer unerhörten Leistungssteigerung keine Veränderung ihrer Schichtlöhne erfahren hat, obwohl die Preise für Lebensmittel und Bedarfsartikel um 25 Prozent und mehr gestiegen sind. Die Almosenaktion geht aber auch nicht etwa auf Kosten der Kameraden Betriebsführer. sondern wird getragen von der Gesamtheit Arbeiter und Angestellten. die aus Silbermetall oder Chrom hergestellt sind. Das Hakenkreuz im DAF- Abzeichen muß jeweils auf einen Zahn des Zahnrades stoßen. Hierbei wird darauf hingewiesen, daß das Zahnrad der DAF vierzehn Zähne hat. Das sind nur die»wichtigsten« Bestimmungen aus der Anordnung des Reichsleiters zum Kernproblem des deutschen Arbeiters. Die soziale Aktivität der Deut- Terror gegen Yolksoppositlon Sie werden der Opposition nicht Herr der Auch Das Schöffengericht Ellwangen verurteilte die 30jährige Bauerntochter Anna Bees zu drei Wochen Gefängnis. Die Angeklagte hatte am 12. August � n q Plakat gegen den politischen Katholizismus von der Scheune ihres Vaters in Nle- deralfingen abgerissen, « Ein Landwirt in Wattenreute(Baden) wurde, wie der»Badische Beobachter« meldet, in Schutzhaft genommen. Er sei Zentrumsfanatiker und habe u. a. versucht, Maßnahmen der Regierung zu sabotieren und andere Landwirte gegen den nationalsozialistischen Staat aufzuhetzen. • Zwei Schriftleiter des»Aischa- cher Kuriers«(Bayern) wurden in Schutzhaft genommen, weil in diesem Blatt ein Bericht über eine Kundgebung gegen Juden erschien, der dazu angetan gewesen sei, in volksverräterischer Weise für die Juden Sympathien zu werben. Das»Frankfurter Volksblatt« meldet; »Vor einigen Tagen brachten wir die Meldung, daß vor der Reichspostdirektion Frankfurt am Main Kundgebungen stattgefunden hatten. Es war bekannt geworden, daß der Präsident der Reichspostdirektion eigenhändig im Reichspost direktionsgebäude ein Plakat mit dem von der Reichsregierung erlassenen Aufruf gegen die Dunkelmänner unserer Zeit abgerissen hätte. Dem Präsidenten ist inzwischen bis zur endgültigen Feststellung die Ausübung der Dienstgeschäfte seitens des Reichspostministeriums untersagt worden«. • Die Geheime Staatspolizei in Frankfurt a. d. Oder hat einen Gastwirtin Schutzhaft genommen, weil er in seiner Wirts- stube staatsfeindliche Aeußerun- gen von Gästen geduldet habe. Er sei weder eingeschritten, noch habe er eine Meldung erstattet. Insbesondere Gastwirte und Friseure werden aus diesem Anlaß darauf hingewiesen, daß sie mit ihrer In- schutzhaftnahme, Geschäftsschließung und Zurücknahme der Gewerbeerlaubnis zu rechnen hätten, falls sie»das Treiben politischer Hetzer und Wühler in ihren Geschäftsräumen duldeten, ohne der Geheimen Staatspolizei unverzüglich Mitteilung zu machen«. Deportation Die»Neueste Zeitung«, Frankfurt, berichtet: Ein arbeitsloser Maurer hatte sich geweigert, die ihm vom Arbeitsamt zugewiesene Arbeit in Ostpreußen aux- zunehmen; deswegen wurde ihm die A r- beitslosenunterstützung für die Dauer von sechs Wochen entzogen. Da er gegen die verhängte Sperrfrist Einspruch einlegte, wurde dieser Fall und eine Reihe ähnlicher vor dem Spruchausschuß des Arbeitsamtes verhandelt. Anstatt sich darauf zu beschränken, zu betonen, daß die Kränklichkeit seiner Frau die Ursache seiner Weigerung gewesen sei, versuchte der Einspruchskläger anzuführen, daß er mit 72 Pfennig Stundenlohn nicht seine Familie in Frankfurt unterhalten könne, wenn er selbst in Ostpreußen arbeite. Vom Vorsitzenden wurde er belehrt, daß wegen der Entlohnung und der Art der Arbeit kein Einspruch aussichtsreich sei; denn es stehe fest, daß die Entlohnung tarifmäßig sei; ausschließlich der Einwand, der sich auf die Krankheit der Ehefrau des Maurers stütze, könne beachtlich sein. In zahlreichen andern Fällen, in denen eine kranke Frau nicht nachzuweisen war, wurde die Sperre aufrecht erhalten. Denn der deutsche Arbeiter ist vom Nationalsozialismus so gründlich befreit worden, daß er sich, ohne mit der Wimper zu zucken, in die entferntesten Gegenden verschicken lassen und dort für einen Schandlohn arbeiten muß, während Frau und Kinder zu Hause hungern. Wer allerdings nur die Führerreden liest— wie viele Auslandsdeutsche es tun— erfährt von dieser Sklaverei kein Sterbenswörtchen. Keiner hori zu »Nichts ist schöner als eine Versammlung unserer Arbeitsfront. Zwist gibt es nicht. Kaum, daß einer zuhört, so zufrieden sind sie alle...« (Aus einem braunen- Gewerkschaftsblatt.) Daß keiner zuhört, glauben wir schon. Aber wirklich nur aus übergroßergroßer Zufriedenheit! Der Wein soll helfen Belm nächsten Stadtfest zu Frankfurt am Main sollen die Brunnen auf dem Römerberg mit rotem und weißem Wein gefüllt und— wie einstmals bei den Kaiserkrönungen— allen Zechern freigegeben werden. Die Frankfurter Zeitungen sind über diese Neuerungen hocherfreut. Sie haben wahrscheinlich genau wie die Regisseure des Bacchantenstückes erkannt, daß Reden allein nicht mehr ausreichen, um das Volk betrunken zu machen. TIcmplormMs 6o|iöWcmcfraHfcl)fö ü)oc!)fnbIaH Herausgeber: Ernst Sattler; verantwortlicher Redakteur: Wenzel Horn; Druck:»Graphla«; alle in Karlsbad. Zeitungstarif bew. m. P. D. ZI. 159.334/VII-1933. Printed in Czecho-Slovakia. Der»Neue Vorwärts« kostet im Einzelverkauf innerhalb der CSR KC 1.40(für ein Quartal bei freier Zustellung KS 18.—). Preis der Einzelnummer Im Ausland KS 2.—(KS 24.— für das Quartal) oder deren Gegenwert in der Landeswährung(die Bezugspreise für das Quartal stehen in Klammern): Argentinien Pes. 0.30(3.60), Belgien Frs. 2.45(29.50). Bulgarien Lew 8.—(96.—), Danzig Guld. 0.45 (5.40), Deutschland Mk. 0.25(3.—), Estland E. Kr. 0.22(2.64), Finnland Fmk. 4.—(48.—), Frankreich FYs. 1.50(18.—), Größbritannien d 4.—(Sh. 4.—), Holland Gld. 0.15(1.80). Italien Lir. 1.10(13.20), Jugoslawien Dln. 4.50 (54.—). Lettland Lat. 0.30(3.60). Litauen Lit. 0.55(6.60), Luxemburg B. Frs. 2.45(29.50), Norwegen Kr. 0.35(4.20). Oesterreich Scü. 0.40(4.80), Palästina P. Pf. 0.020(0.216), Polen Zloty 0.50(6.—), Portugal Esc. 2.— '24.—). Rumänien Lei 10.—(120.—). Schweden Kr. 0.35(4.20). Schweiz Frs, 0.30(3 60), Spanien Pes. 0.70(8.40), Ungarn Pengö 0.35 (4.20), USA. 0.08(1.—). Einzahlungen können auf folgende Postscheckkonten erfolgen: Tschechoslowakei; Zeitschrift»Neuer Vorwärts« Karlsbad. Prag 46.149. Oesterreich:»Neuer Vorwärts« Karlsbad Wien B-198.304. Polen:»Neuer Vorwärts« Karlsbad. Warschau 190.163. Schweiz:»Neuer Vorwärts« Karlsbad. Zürich Nr. Vm 14.697, Ungarn: Anglo-Cechoslovakische und Prager Credltbank Filiale Karlsbad. Konto»Neuer Vorwärts« Budapest Nr. 2029. Jugoslawien: Anglo-Cechoslovak Ische und Prager Credltbank. Filiale Belgrad, Konto»Neuer Vorwärts«, Beograd Nr, 51.005. Genaue Bezeichnung der Konten Ist erforderlich.