\p.«9 SOWTAG, 22. Sept. i935 iPo�cnblal� Verlag: Karlsbad, Haus„Graphia"— Preise und Bezugsbedingungen siehe Beiblatt letzte Seite Aus dem Inhalt: Streicher- Reichspräsident? Flucht aus dem Deutschtum Der Oberdada und die Kunst Ein neuer Kriegsschrecken Streicher befiehlt dem Staat Der Weg von der Staatssouveränität zur Pöbelsouveränität Der Nürnberger Parteitag hat die Parole des vorjährigen Parteitags wieder aufgenommen: die Partei befiehlt dem Staat. Diese Parole ist verstärkt worden durch massive Drohungen gegen die Bürokratie, durch die Schaffung einer Reichsbürgerschaft, die jeden Nichtgleich- geschalteten zum Deutschen zweiter Klasse degradiert. Die SA erhält eine neue Punktion, sie wird Reservistenorganisation, Die Organisation der Militarisierung des Volkes nach italienischem Muster ist damit vollendet Darüber hinaus ist die Frage des Nachfolgers des Diktators berührt worden: die Partei proklamiert den Nachfolger, und wen sie proklamiert, der ist Reichspräsident, Reichskanzler, Oberbefehlshaber der Wehrmacht, ParteiTüh- rer, kurzum, der allmächtige unbeschränkte Autokrat, über dem Ganzen weht fortan die Hakenkreuzflagge als alleinige Reichsflagge. Was ist Fiktion, was ist Wirklichkeit? Die Wirklichkeit ist, daß das, was sich der deutsche Staat nennt, nach wie vor ein Bündnis ist zwischen der Großbour- geoisie, dem Militär und den Hitlerbanden. Der Haß des Großbesitzes gegen die Arbeiterschaft hat das Kommando, und die Pöbelherrechaft der NSDAP hält das Volk nieder. Was als Staat erscheint, ist die Pöbelherrschaft, und der Nürnberger Parteitag war die Parade dieser Pöbelherrschaft, des Pöbels aus allen Klassen und Schichten der Gesellschaft Die Judengese�e Der»Führer« ist der Gefangene seiner Banden. Ihre innere Unruhe sucht er mit Aufreizung zu beseitigen, ihre terroristischen Ausbrüche mit Nachgeben gegenüber ihren tollsten Forderungen. Die sogenannte»Reichstagssitzung«, die am Ende des Parteikongresses veranstaltet wurde, hat den Beweis dafür geliefert Hier sind die angekündigten Judengesetze erlassen worden, die die Streicher- schen Pogrombanden zufriedenstellen sollen. Eis sind politische Ausnahmegesetze. Sie nehmen den Juden in Deutschland das Staatsbürgerrecht Eis wird eine»Reichsbürgerschaft« geschaffen, die nur Arier erwerben können. Damit sind die Juden in gleicher Verdammnis mit allen Oppositionellen; denn die Reichsbürgerschaft darf nur erwerben, wer ein getreuer Knecht des Systems ist Hier lassen sich für die Zukunft Konflikte mit dem Müitärstaat voraussehen, der den Anspruch erheben muß, daß die Wehrpflicht das Bürgerrecht begründet ohne Rücksicht auf die Gesinnung. Gegenüber den Juden bedeutet diese Bestimmung, daß sie durch Gesetz für außerhalb des Volkes stehend und für minderberechtigt erklärt werden. Es ist ein Akt der Bedrückung und des geistigen Sadismus. Dazu tritt das Gesetz aus der Sexualsphäre, dieser Ausfluß des Sexualneides auf die Juden. Durch dieses Gesetz werden die Juden gegenüber allen anderen Völkern und Rassen für minderwertig erklärt, es wird ihnen eine Stellung gewissermaßen außerhalb der Menschheit zugewiesen. Dies Ausnahmegesetz trägt sexualpathologischen Charakter, es ist die Strei- chersche Pornographie in Gesetzform gebracht— und es ist von Göring mit den Streicherschen Phrasen von der jüdischen Sexualgier begründet worden. Das wilde Begeisterungsgeheul der Banden bei der Verlesung dieses Gesetzes war enthüllend. Sie haben befehlsmäßig Heil gerufen, wenn von der Aufrüstung, von der Armee, der Wirtschaft, dem Staat, der Partei die Rede war— aber sie gerieten in echten Taumel der Raserei bei der Verkündung, daß Juden nichtjüdische Hausangestellte nur beschäftigen dürfen, wenn die Angestellten über 45 Jahre alt sind. Es ist gänzüch zwecklos, dies Gesetz wie ein normales Gesetz nach seinem Inhalt, seinen Grenzen, seiner Wirksamkeit und Auslegungsfähigkeit prüfen zu wollen. Eis ist die Deklaration eines Geisteszustandes, der von den Bandenführem weiter gepflegt werden soll, weiter nichts. Im Schutze dieser in Gesetzesform gebrachten Pornographie haben sich Führer und Banden erst richtig wieder zusammengefunden. Das ist der Geist, der sie eint. Mit diesem Bekenntnis zu der Streicherschen Pornographie, mit der Huldigung an diesen Irren und an die Stürmerei hat der Bandenführer den Banden ihre Pogromtätigkeit abgekauft— bis zu dem Zeitpunkt, an dem sie ihn durch neue Gewaltakte zu neuen Schändlichkeiten treiben werden. Denn in diesen Bezirken ist er der Gefangene der sogenannten Radikalen, der notorischsten Verbrecher. Diese Bezirke sind das ureigenste Arbeitsgebiet für die NSDAP. Je stärker sie von den Gebieten des öffentlichen Lebens durch die Mächte der alten Reaktion, durch den Militärstaat, die Schachtsche Wirtschaftsdiktatur und die Bürokratie zurückgedrängt werden, desto perverser und verbrecherischer toben sich die Pgs. auf diesen Gebieten aus. Die Mächte, die im System wahrhaft stark sind, haben dem Führer die Gosse überlassen, und darin wälzt er sich mit seinen Leuten. Armee und Partei Der Versuch, die NSDAP durch Ueber- tragung staatlicher Aufgaben wieder zu beleben und ihr neues Ansehen zu geben, wird jetzt ganz offiziell beschränkt auf die eventuelle Uebertragung von Terrorfunktionen gegen die Opposition auf die NSDAP. Damit wird die Partei, die sich in ihrer Ideologie als die Vertreterin und den Schirm der Nation bezeichnet, a 1 s Terrorinstrument gegen das Volk offiziell gekennzeichnet. Die stillschweigende Voraussetzung dabei ist, daß bei einer Rückkehr zum Bandenterror Polizei und Justiz gelähmt beiseite stehen, während im Hintergrunde die Armee in Bereitschaft steht, falls die Terrorisierten zu Taten der Verzweiflung greifen. Die Kraftphrasen der Hitler- schen Proklamation beruhen nicht auf der wirklichen Kraft der NSDAP, sondern auf der Kraft der Armee. Das Hitlersystem ist ein Bündnis zwischen Partei und Armee, und alle Handlungen und Manöver der NSDAP sind nur möglich, wenn und solange die Armee sie billigt, deckt oder duldet. Das ideologische Band, das Partei und Armee zusammenhält, das neben dem Zwang der stärkste ideologische Kitt des Dritten Reiches ist, ist d e r N a- tionalismus. Das Bündnis zwischen Armee und NSDAP ermöglicht den müi- taristischen Nationalisten die Aufrüstung um den Preis der Ausplünderung des Volkes. Die NSDAP ist ein Propagandainstru- Cesläkäaissmfteessuuf im däUen UM Erlebnisse eines Sozialisten Ein tschechoslowakischer Staatsangehöriger, Genosse J. Kirschneck, der soeben aus dem Kerker des Dritten Reiches in die Tschechoslowakei zurückgekehrt ist, schreibt uns: Mit welchen Mitteln man im Reiche Hitlers marxistisch Verdächtige zu Geständ- ruaseu zwingen will, sei im kurzen nach meinen eigenen Erfahrungen geschildert. Am 22. Juli 1933, abends 6 Uhr, wurde ich von zwei Beamten der Gestapo und 2 SA- Leuten auf offener Straße in Hof verhaftet und gefesselt zum Gebäude der Pollzeidirek- tion geführt. Die Beamten hießen Köppel und Hundhammer. Von den SA-Leuten kannte ich nur Obertruppführer B a u r i e- del. Auf meine Frage, warum ich verhaftet werde, erhielt ich zur Antwort:»Das wirst Du Hetzer gleich erfahren«. Sobald ich das Portal des Polizeigebäudes überschritten, erhielt ich von hinten mit dem Zuruf:»Flink, Du Hund!« einen heftigen Fußtritt, der mich zum Fallen brachte. Sofort stürzten sich die SA-Leute und Köppel auf mich, rissen mich an den gefesselten Händen in die Höhe und stießen mich mit Faustsohlägen in das Wachzimmer. Dort erhielt ich von Bauriedel mit den Worten; »Wo sind die Hetzschriften?« zwei Ohrfeigen. Ich mußte mich nackt ausziehen. Meine Kleider wurden erfolglos durchsucht. Als ich auf alle Fragen nach Verbleib und Herkunft der Propaganda- Schriften schwieg, wurde ich ins Nebenzimmer gezerrt und mit Gummiknüppel und Fäusten von der SA und Köppel bearbeitet. Hundhammer fragte zwischendurch, ob ich gesteben wollte. Köppel schrie vor Geifer schäumend:»Schlagt ihn, den Lumpen!« Als zwei Schupowaohleute vom Streifendienst zurückkehrend in das Wachzimmer eintraten, ließ man von mir ab, warf mir Hose und Schuhe zu und führte mich dann in eine kleine Arrestzelle. Die Zelle diente früher als Totenraum des vormaligen Krankenhauses. Sie enthielt nur eine Holzpritsche und Klosettkübel. Ich erhielt weder Wasser noch Schlafdecke, Um 10 Uhr nachts kamen Köppel, Hundhammer, Bauriedel und der andere SA-Mann wieder und führten mich in ein im ersten Stock gelegenes Verhörzimmer. Köppel fragte:»Sie haben Zeitungen und Flugblätter verteilt?« Als ich meine Unwissenheit betonte, sagte Bauriedel neben mir stehend, die Gummiknüppel vor mednon Augen schwingend: »Wenn Du jetzt nicht gestehst, geht es Dir schlecht.« Auf weitere Fragen gab ich nur verneinende Antworten. Auf ein Zeichen Koppels schlugen mich die zwei SA-Leute auf Kopf und Rücken. Blutend wurde ich in die Zelle zurückgeführt. Da ich kein Wasser hatte, konnte ich mich nur notdürftig im Fin- stem abwischen. Um 12 Uhr nachts kamen erneut Köppel und Hundhammer in meine Zelle. Sie sagten mir, wenn ich jetzt gestehe, würde mir nichts mehr geschehen. Diesmal ging es wohl ohne Schläge ab, sie hinterließen mir aber Schreibpapier und Bleistift mit dem Bemerken, ich soll alles aufschreiben, was ich wisse, das Licht blieb brennen. Die übrige Nacht verbrachte ich, In der ständigen Erwartung baldigen Besuchs, hin- und herlaufend in der Zelle. Früh 7 Uhr kamen 2 Schupobeamte, drehten das Licht ab, sahen in meine Zelle und sagten nur:»Er lebt ja noch!« Meine Bitte um Trink- und Waschwasser blieb ungehört. Um halb 10 Uhr wurde ich dem Kommissar der Gestapo(H o p- perdletzel) vorgeführt. Hopperdietzel sagte: »K., Ihr Genosse W. hat ein Geständnis abgelegt!« Falls ich jetzt nicht gestehe,— so fuhr er fort— werde meine sofortige Ueber- führung nach Dachau angeordnet. Ich wisse wohl, was mir dort blühe. Als ich weiterhin schwieg, wurde loh wieder abgeführt und verblieb ohne jegliches Essen bis abends halb 5 Uhr in der Zelle. Um halb 5 Uhr konnte ich mich waschen und erhielt meine übrigen Kleider. Dann wurde ich gefesselt ins Landgerichtsgefängnis Hof eingeliefert. Aus den Mienen der dortigen SS-Hllfswachloute ersah ich, daß sie bereits auf mich warteten. Ich kam in eine schallsichere Zelle im Kellergewölbe des Gefängnisses. Bei Einbruch der Dunkelheit kamen die zwei SS-Leute in meine Zelle. Wachtmeister H e c k e 1 blieb an der Tür stehen. Mit den Worten;»Warum gestehst Du Lump nicht? Dir werden wir das Maul öffnen!« schlugen beide auf mich ein. Als ich mit einem Satz zr wollte, stieß der dort postierte Heckel h mit dem Fuß in den Unterleib. Dem Umstanu, daß ich bewußtlos wurde, habe ich wahrscheinlich ihr baldiges Ablassen zu verdanken. Einige Zelt später, als ich mich vom Boden zum Bett schleppte, riefen die draußen lauschenden SS-Leute:»Warte nur, es kommt noch mehr.« Vom 24. Juli bis 3. August wurde ich dann täglich oft 2— 3 Stunden lang von der Gestapo Kreuzverhören unterzogen. Was herauskam, war ein voll Unrichtigkelten und Entstellungen strotzendes Protokoll, das ich mich zu unterschreiben weigerte. Trotzdem wurde es am 4. August 1933 dem Untersuchungsrichter vorgelegt, der trotz meines Protestes nur den Zusatz anfügte, daß ich vorliegendes Protokoll als unrichtig hinstelle. Auf Grund dieses Protokolls wurde am 11. November 1933 die Voruntersuchung eröffnet. Erst da war es mir möglich, eine Neuproto- kollierung durchzusetzen. Wie erstaunt war ich aber, als in der Anklageschrift des Reichsanwalts wiederum das Protokoll der Gestapo in 16 Seiten angeführt, während das richtige als Entlastungsangaben mit einer Seite abgetan war. Meine Versuche zur Richtigstellung blieben erfolglos, da Köppel als Belastungszeuge die richtige Abfassung des Protokolls unter Eid behauptete. Zwei Jahre Gefängnis wegen Verbreitung von Hetzschriften lautete das Urteil. Die Begründung ging davon aus, daß auf Grund des Protokolls der Gestapo es erwiesen sei, daß ich fünf Exemplare einer verbotenen Zeitung(des »Neuen Vorwärts«) und Flugblätter verteüt habe. Französlsdies Bonmot Was ist der Nationalsozialismus? Der Sieg der Boches Uber die Deutschen. Remtsselehrte im ment, um für Aufrüstung und KrfegswU- len Deckung durch Volkamasaen zu schaffen. Dieses Bündnis ist bisher nicht von den Schändlichkeiten beeinträchtigt worden, die die NSDAP auf den ihr reservierten Gebieten begeht. Solange diese Verbrechen nicht wichtige Interessen des Militärs bedrohen, sind die Militärs genau so zynisch und amoralisch wie die Führer der NSDAP. Sie mögen über manche Dinge die Achseln zucken und sich von ihnen angewidert fühlen, aber es ist eine Illusion zu glauben, daß sie um der mißhandelten Opposition oder um der von Pogrombänden gehetzten Juden willen die großen Vorteile preisgeben würden, die dies Bündnis für sie hat. Die Partner in diesem Bündnis, das von vornherein im tiefsten unmoralisch von beiden Seiten her war, sind einander würdig. Es ist ein Geschäft auf Gegenseitigkeit, und jene»nationale Freiheit- durch Aufrüstung, die jetzt verkündet wird, ist befleckt mit den Verbrechen und Niedrigkeiten der Hitler-Strelcher- schen Partei. Und was die antisemitischen Ausschreitungen anbelangt, so darf man niemals vergessen, daß Hitler auf den Schultern jener Vorkriegsantisemiten steht, die besonders im Nationalismus und im Militär zu Hause waren. Der bolschewlstisdie Popanz Der Nationalismus der NSDAP ist von ganz besonderer Art. Er ist— viel deutlicher als der Nationalismus der Militärs oder der alten Mächte— Verhüllungsideologie für innerpolitisches Machtstreben und innerpolitischen Behauptungswillen. Die Proklamation Hitlers läßt beide Spielarten des Nationalismus erscheinen. An die Spitze gestellt sind die Erklärungen über die deutsche Aufrüstung, das, was Hitler und die Militärs Sicherheit nennen. Das ist der gemeinsame Ausdruck des Bündnisses Hitlers mit der Armee, der Nationalismus, der sich in nichts von den machtpolitischen Anschauungen der Vorkriegszeit unterscheidet. Weiterhin aber kommt der ganze besondere NSDAP-Nationalismus zum Vorschein, der Bürgerschreck mit dem bolschewistischen Gespenst, die infamen Propagandalügen von Kriegsplänen der»jüdischen Marxisten« und Pazifisten, die angeblich ganz Europa in einen Krieg stürzen wollen, um den Bolschewismus in Europa triumphieren zu lassen. Die erste Fassung der nationalsozialistischen Idee ist für die Welt bestimmt, die zweite für die NSDAP und für die Spießbürger. Idee und Sinn der nationalsozialistischen Bewegung, die angeblichen neuen Erkenntnisse, das neue Lebensgefühl wird reduziert auf die Formel: die NSDAP ist der Schutz vor dem Bolschewismus. Aufrüstung— Schutz vor dem Bolschewismus, Aushtmgerung des Volkes für die Rüstung — Schutz vor dem Bolschewismus, Mord und Anarchie statt Recht— Schutz vor dem Bolschewismus. Alles muß das Schreckgespenst des Bolschewismus dek- ken. Aber die ganz besondere Herausstellung des bolschewistischen Popanzes, die wiederholte Bezugnahme auf den Moskauer Kongreß der Komintern, die von massiven Beleidigungen strotzenden Reden der Göb- bels und Konsorten gegen die Sowjetregierung haben in der gespannten Situation von heute noch eine ganz besondere Zweckbestimmung. Sie soll die wachsende Volksopposition bei den von der oppositionellen Stimmung noch nicht ergriffenen Schichten diskreditieren. Sie soll den Eindruck hervorrufen: hinter allem stehen die Juden und die Kommunisten. Daher die blödsinnigen Märchen von der von Moskau aus dirigierten katholischen Opposition. Unzweifelhaft hat der Bol- schewisten schreck in der Geschichte des Aufstiegs der NSDAP und bei der Schaffung einer Massenbasis für sie seine Rolle gespielt— aber ebenso unzweifelhaft ist es, er immer stärker an Wirkung verliert. Je stärker nichtsozialistische Volksschichten sich gegen das System wenden, desto stärker muß die antibolschewistische Parole als Zwecklüge durchschaut werden. Daß dieser Prozeß im Gange ist, zeigen Berichte aus allen Teilen Deutschlands. Daß aber die Führung der NSDAP gegenüber dem Anwachsen der Volksopposition kein anderes Auskunftsmittel weiß als die Drohung mit anarchistischem Terror einerseits und die Wiederaufnahme der dümmsten antibolschewistischen Lügenpropaganda andererseits, das ist der Beweis für ihre innere ideologische Schwäche, für ihre Lähmung. Diese Diktatur hat nur eine Zweckbestimmung; sich selbst zu erhalten. Eine tragende Idee vermag sie nicht vorzuweisen— es sei denn, man wollte die »Der Präsident der Akademie für deutsches Recht, Dr. Frank, hat im Auftrag und in Vollmacht des Führers und Reichskanzlers den Gauleiter für Weser-Ems und Reichsstatthalter für Oldenburg und Bremen, Carl R ö v e r, zum Mitglied der Akademie für deutsches Recht ernannt.«(Meidung des Reichsanzeigers.) Röver gibt im Reichstagshandbuch über seine Vorbildung an:»Nach Absolvierung der bürgerlichen Mittelschule in die kaufmännische Lehre eingetreten(Spedition und Schiffahrt)... 3 Jahre in einem Bremer Kaffee-Im- und Export-Unternehmen als Korrespondent. Anschließend von 1911 bis 1913 in der ehemaligen deutschen Kolonie Kamerun im Faktoreibetrieb. Seit 1914 selbständig als Manufakturist(!) in Oldenburg.« Mit Rechtsstudien hat Röver sich also nie befaßt, abgesehen vom Konkursrecht, das er in der Praxis kennen gelernt hat. Er hat nämlich seine Tätigkeit als»Manufakturist« mit einer Pleite abgeschlossen, an die seine Gläubiger heute noch tränenden Auges denken. Aber er wird sich zweifellos jetzt auch für andere Rechtsgebiete interessieren, und im Verkehr mit Juristen großen Formats wie Frank IX wird er sich zu einer Zierde der Rechtswissenschaft entwickeln. Er besitzt nämlich eine hervorragende Anpassungsfähigkeit. Der zweijährige Aufenthalt in Afrika hat z. B. genügt, Ihn zu einem vollendeten Kaffern zu machen. Daneben scheint ihm eine kaum vorstellbare Arbeltskraft eigen zu sein, da er mindestens die vier Aemter eines Statthalters, eines Gauleiters, eines Reichstagsabgeordneten und eines Mitglieds der Rechtsakademie(ob es alle sind, wissen wir nicht) zu versehen vermag. Die damit verbundenen Bezüge werden ihn zu der dankerfüllten Feststellung veranlassen, daß die Nazipolitik ein Erklekllches mehr einbringt als der Beruf eines»Manufakturisten«. Daß Streicher und K u b e in die Akademie berufen sind, haben wir bereits gemeldet. Jetzt Ist die gleiche Auszeichnimg den Reichsatatthaltern L o e p e r und Sprenger zuteil geworden. Der erstere war Offizier, der andere mittlerer Postbeamter. Sprenger gilt als der beste deutsche Kenner der Gesetze des— Suffs. Frank II will sich offenbar beliebt machen. Sollte er es nötig haben? Man erwartet, daß er demnächst auch seinen Vater berufen wird, der den Bc- antibolsch e wis tisch en Phantasien und Lügen für eine tragende Idee halten. Entlarvter Nationalismus Diese Haltung hat ihr gutes. Der deutsche Nationalismus ist eine starke und gefährliche Ideologie. Je mehr diese Ideologie spezifisch nationalsozialistisch gefärbt wird, das heißt je stärker darin die offenen und leicht durchschaubaren Propagandalügen, die Fälschungen, die plumpen Verdrehungen der Wirklichkeit, der Wahnwitz und die Lächerlichkeiten hervortreten, desto schwächer wird seine Wirkung als zusammenhaltende Kraft für einen nur unter dem Gesichtspunkt der militärischen Macht und des Krieges organisierten deutschen Staat. Der Nationalsozialismus, der den militärischen Macht- habern als Organisation zur Bindung des Volkes dient, entzieht auf diesem Wege allmählich dem Militärstaat die tragende Massenbasis durch die Kompromittierung der nationalsozialistischen Ideologie. Auch nach diesem Nürnberger Parteitag gibt es keine klaren und eindeutigen Antworten auf die Frage: wer regiert in Deutschland? Sicher ist nur die Antwort; nicht die nationalsozialistische Partei allein. Die Proklamation Hitlers ist ein deutlicher Ausdruck des Widerspruches zwischen den Ansprüchen der NSDAP auf die Alleinmacht und der wahren Machtverteilung, der Spannung zwischen Volk und Partei Die Opposition aber weiß nach den Drohungen gegen sie erst recht, daß sie immer mehr zum politischen Faktor wird, den weder Drohungen noch Großmäuligkeit noch Gewaltakte mehr ausschalten können. Das Rasseknirsdien Aus dem»Ratgeber« einer deutschen Fa- milienzedtcchrif t: »Es ist gewiß nicht leicht, Ihnen eine Antwort zu geben. Eine schwere Situation für eine Geschäftsangestellte, die einen Menschen von abstoßend jüdischem Aeußerem zu bedienen hat. Aber sie soll mit den Zähnen knirschen und ihm in Gottesnamen die verlangte Ware aushändigen.« Knirsch' dem Kunden zart entgegen. fähigungsnachweds dadurch erbracht bat, daß er als Rechtsanwalt Gelder unterschlagen hat, wofür er mit Gefängnis und Amtsverlust bestraft worden ist. Der Sohn hat den Vater rehabilitiert�, der jetzt wieder Anwalt ist. Dem Vernehmen nach will die Akademie für deutsches Recht im Winter einen Lumpenball veranstalten. Gäste werden nicht geladen, da man ihnen das beschämende Gefühl ersparen will, daß sie, so sorgfältig ihr Kostüm auch gewählt sein mag, an die Mitglieder nicht heranreichen. Ein Irauriges Ende Dieser Tage hat der Gesandte Jugoslawiens in Berlin, Schlwojin B a 1 u g- dschltech, dessen Abberufung vor einiger Zeit gemeldet wurde, seinen Posten endgültig verlassen, vom»Führer« mit einer Dekoration behängt, von Krethi und Plethi des »Dritten Reichs« auf Abschiedsbanketten an- geprostet und von der gesamten gleichgeschalteten Presse als einer der wenigen fremden Diplomaten über den grünen Klee gelobt, die volles Verständnis für das»neue Deutschland« bekundeten. So endet In WUrdeloslgkelt eine Laufbahn, die in besserem Zeichen begann. Als der junge Belgrader, Im Ausland studierend, seine gewandte Feder zu den ersten journalistischen Versuchen benutzte, erwies er sich sofort als glühender Anhänger der Karadjor- djewitsch, der Dynastie, die das Jahr 1858 vom Thron gestoßen und zum Verlassen des Landes gezwungen hatte; mit dem Kronprätendenten Peter stand er In engster Fühlung., Zugleich begeisterte sich Balugdschitsch für den Sozialismus, eine nicht allzu erstaunliche Verbindung, da auch Peter Karadjordje- witsch starke demokratische Neigungen offenbarte und in den achtziger Jahren, falls August Bebel In seinen Erinnerungen nicht irrt, öfter mit den relchsdeutschen Sozialdemokraten in Zürich zusammenkam. Jedenfalls erschien Balugdschitsch als Vertreter einer damals imaginären serbischen Sozialdemokratie auf dem Internationalen Sozia- llstenkongreß von 1893. Beides zusammen, Parteinahme für die Karadjordjewltsch und sozialistische Geainnung, versperrte ihm Serbien; an die zwanzig Jahre mußte er das Sireidier— warum nldit? Hitler hat in Nürnberg über die Wahl seines Nachfolgers gesprochen. Die Partei soll ihn proklamieren. Auf wen wird die Wahl fallen? Die meisten Chancen hat Streicher. Er ist den Instinkten der Partei am nächsten. Streicher Reichspräsident, Reichskanzler, Oberbefehlshaber der Wehrmacht? Unmöglich! Warum anmöglich? Warum soll Streicher unmöglich sein, wenn Hitler möglich ist? Wer bestimmt in Deutschland, was möglich ist und was nicht? Hinter diesem spontanen, überzeugten »Unmöglich« steht eine Selbsttäuschung, der Glaube an die Anständigkeit der Generale, der Wirtschaftsführer, des Auswärtigen Amtes, der Beamten, der Glaube, daß es noch eine Gemeinsamkeit des Anstände«, des kulturellen Niveaus, eine Gemeinsamkeit des Gefühls für Ehre und Schande mit jenen gebe, die In Deutschland Mitverantwortung tragen. Was trennt Hitler und Stretcher in Charakter, Denkwelse, Veranlagung, Vergangenheit, Bildung und Kultur T Warum also nicht Streicher? Warum sollen fremde Diplomaten, Männer von Ehre, Bildung und Kultur nicht ebenso zu Streicher gehen wie zu Hitler, wenn er zugleich an der Spitze des deutschen Heeres wie an der Spitze der nationalsozialistischen Banden steht? Sind sie nicht alle zu Hitler gegangen? Wird die Internationale diplomatische Höflichkeit den Herausgeber des»Stürmer« nicht ebenso anerkennen wie den Verfasser von»Mein Kampf«, den Kameraden der Mörder von Potempa? Es ist nicht unmöglich, es ist sogar sehr möglich, und daß es möglich ist, darin liegt die stärkste Kennzeichnung des Wesens de« heutigen Systems! Die belesenste deutsdie Zeltunb Am Vorabend der Eröffnung des Redohs- partedtages in Nürnberg hat Julius Streicher in Erlangen vor auslands deutschem National- soziallsten eine Propagandarede für seinen »Stürmer« gehalten. Als eine seiner begeister- 3. Reldi harte Brot des Exils brechen, bis er nach dem Umsturz vom 1903 mit seinem Freunde Peter, der jetzt Majestät angeredet wurde, □ach Belgrad zurückkehrte und sich um seine Zukunft nicht mehr zu sorgen brauchte. Aber auch in Amt und Würden verleugnete Balugdschitsch seine Vergangenheit keineswegs. Wer nur wollte, konnte von dem jugoslawischen Gesandten in Berlin ein Bekenntnis zu sozialistischen Grundsätzen vernehmen, und da er bei König Alexander, den er als kleinen Knaben auf den Knien geschau- k-'t hatte, einen Stein im Brett hatte, nahm er auch kein Blatt vor den Mund, um die Belgrader Diktatur mit ganz undiplomatischem Freimut zu verdammen. Zugleich bezeugte er bei jeder Gelegenheit das warmherzigste Verständnis für die Weimarer Republik. Bis die Nazis oben auf waren! Mit einem Male ging gründliche Wandlung mit ihm vor. Warum die Dinge nicht beim Namen nennen? Der alte Herr hatte gerade eine langjährige Freundin, keine Serbin, in aller Form geehelicht, und sie scheint zu den hysterischen Weibern zu gehören, die von der Schmachtlocke des falschen Heldentenors aus Braunau fasziniert werden. Sie zog Balugdschitsch in«Ine Richtung, die ihm innerlich widerstreben mußte, aber er paßte sich rasch an, und bald predigte er erstaunten Besuchern aus Jugoslawien ungeacheut die Heilsbotschaft des Hakenkreuzes, freundete sich mit der ganzen braunen Kumpanei aufs innigste an und arbeitete in Belgrad offensichtlich auf eine bis zum Bündnis gehende Annäherung an Hitler-Deutschland hin. Niederziehend war es zu sehn, wie er als Festredner auf deutsch-jugoslawischen Verbrüdenmgs essen schamhaft den Namen Adolf Köster verschwieg. Zwar hatte dieser Gesandte der deutschen Republik in Belgrad In einer Woche mehr für die wahre Verständigung zwischen den beiden Völkern geleistet als alle Vertreter Deutschlands vor Ihm und nach Ihm In ihrer ganzen Amtszeit, aber Köster war gestorben, wie er gelebt hatte, als»Marxist«— pfui Teufel noch einmal! Vielleicht fiel der neuen Regierung in Belgrad, die mit der Demokratie liebäugelt, das Treiben Balugdschitscbs auf die Nerven. Vielleicht rief sie ihn auch nur ab, well er die Altersgrenze erreicht hatte. Andere Grenzen hatte er schon lange erreicht K. M. ten Anhängerinnen konnte er die Filmfrcem- din des Führers Leni Riefenstahl vorstellen. Der»Stümier«. so sagte Streicher, sei heute das verbred teste Blatt Deutschlands, und er rühmte seine Pornographie als das gute deutsche Familienblatt. Jedes Wort sei überlegt, und es stehe nichts im»Stürmer«, was nicht auch von Kindern gelesen werden dürfe. Nicht nur das. Streicher zeigte mit Entrüstung auf Zeitungen, in denen wirklich un- aittldche Uebersch ritten zu lesen seien: auf nationalsozialistische Parteitageszeitungen! Da gebe es Berichte über Rasse nschändungen, die ein Mann wie Streicher in Gegenwart von Frauen nicht zitieren könne. Wir wollen uns in diesen häuslichen Streit nicht einmischen, aber Immerhin zugestehen, daß auf dem Gebiete sexueller Schundliteratur die Zensur aufgehoben zu sein scheint und jedem Pomo- graphen, soweit er Nationalsozialist ist. der Weg zum nationalen Ruhm und zum geschäftlichen Wettbewerb mit Streicher offen steht. Aber zum ersten Male hört man von Streicher, daß seine Schmierereien nicht überall in der Partei Anklang finden. Er beklagt sich Uber Unverstand in der Rasoenfrage. Nicht etwa bei Märzgefallenen, sondern bei alten Parteigenossen, ja bei hohen Würdenträgern, so bei einem westdeutschen stellvertretenden Gauleiter, der öffentlich von der Streich erei abgerückt ist. Diese Leute, meint Streicher, hätten die Entwicklung noch nicht begriffen. Die Judenfrage sei noch lange nicht gelöst, und so wird denn Streicher gemeinsam mit seinem Duzfreunde, dem würdigen Staatsoberhaupte des Dritten Reichs dahin wirken, daß die Berichte über Rassenschändung im»Stürmer« zu Pflichtthemen für Aufsätze in den deutschen Mädchenschulen werden, und das ist leider keineswegs Ironie. In einer Mannheim er Mädchenschule ist es, wie im»Stürmer« durch Bilder nachgewiesen wurde, schon geschehen. Vornehme Sinneskuhur Aus einem mitteldeutschen Naziblatt: »Die zügellose Weibsgier liegt vornehmlich dem Asiaten. Die vornehme Sinnenkultur ist eine spezifisch germanische Eigenschaft!« Vornehmster Ausdruck dieser vornehmen Sinnenkultur ist Julius Streichers Pomogra- phenblatt.... Die deutsche Sdiwemewlrtsdiaft Sie vanmaeht Volksnot and Baoernetood. Erst stiegen die Preise für Fleisch, besonders Schweinefleisch, höher und höher, nun ist kaum noch Fleisch zu haben. Und warum? Weil man auch im heutigen Deutschland nicht nach dem Kampfruf Max Webers:>Der deutsche Bauer ist wichtiger als deutsches Korn« verfährt, sondern das deutsche Korn Uber den deutschen Bauern und das gesamte deutsche Volk stellt. Man muß wissen: Korn wird in Deutschland vorwiegend vom Großgrundbesitz produziert, das Fleisch jedoch vom Kein- und Mittelbauern. Schutz des Korns ist also Schutz der Junker und Gefährdung der deutschen Fleischversorgung, denn der fleischproduzierende Bauer ist dabei auf die ausländischen Futtermittel angewiesen. die durch die Zollpolitik dermaßen verteuert werden, daß er nicht mehr in der Lage ist, sein Vieh zu erhalten. Es war im Sommer 1934, als die Preise für das Schweinefleisch beträchtlich ins Rutschen gerieten. Das wurde von der Regierung als ein»Sieg« gefeiert. Dieser Sieg war aber In Wirklichkeit die gewaltigste Niederlage, die der Bauer im Kampf gegen den Junker jemals erlitten hatte. Es wurden nämlich darum soviel Schweine angeboten, weil dl« Bauern sie infolge der Futtermittelnot einfach wegschlachten mußten! In dieser Situation setzte dann plötzlich eine Maßnahme ein, die nicht gleich als Ausfluß der Bauernnot verstanden wurde. Es wurden Fleischkonserven hergestellt, und das wurde als »weitschauende Agrarm aß nähme« von den Herren des Reichsnährstandes fedlgeboton. »Fleisch im eigenen Saft«, so wurde dieser Bankrott der Darresohen Politik verbrämt. Ja, es war Fleisch vom eigenen Saft des Bauern, der dadurch seinen Lebenssaft verlor. Es war ein tiefer Schnitt ins eigene Fleisch, und überaus saftig war diese Maßnahme. Man hat also auch hier von der Substanz gezehrt und den Bankrott Deutschlands beträchtlich beschleunigt. Und jetzt haben die Bauern ihre Schweine weggeschlachtet, für Import des nötigen Fleisches sind keine Devisen da, so hungert das Volk und der Bauer geht am Bettelstabe. Bs ist ein weithin verbreiteter Irrtum, daß die Autarkie unbedingt im Interesse der Bauern liegt. Das kann sie, je nachdem, ob sie ach am Bauern oder am Junker orientiert, zwar sein, krt es aber nicht von vornherein und unter allen Umständen. Der Bauer ist zwar auch in Deutschland gegen die Weltpolitik des Liberalismus, dennoch ist er auf die ausländischen Futtermittel angewiesen, wenn er mit seiner Viehveredelungswirtschaft bestehen will. Oldenburg z. B. kann bei günstigster Ernte doch nur 50 Prozent der Schweine aus eigenem Futter erhalten. Geflügel kann nur ein Drittel durch helmische Erzeugnisse marktreif gefüttert werden. Die Getreide- und Reggenpolitik des deutschen Großgrundbeaatzes macht aber den Bezug der billigen ausländischen Futtermittel unmöglich, infolgedessen ist die Landwirtschaft in eine katastrophale Situation geraten. Die Autarkie verursacht Hunger und Elend. Früher wurde diese Interessenpolitik der Junker immerhin noch durch Einfuhr von Schmalz und andere Produkte gemildert, heute werden die Devisen infolge des rückläufigen deutschen Exports für die irrsinnigen Rüstungen aufgebraucht. Weiter reichen sie nicht. Bereits in der Vorkriegszeit haben die Junker behauptet, die Autarkie liege im Interesse Deutschlands, Ihnen wurde von mancher Seite das Gegenteil bewiesen, und In der Tat: die Caprlvische Freihandelsära bat nicht zu einer Schwächung der deutschen Agrarwirtschaft geführt, sondern umgekehrt zu einer Stärkung. Durch die Konkurrenz hat sich nicht nur in der Getreideproduktion des Ostens mancherlei sehr günstig verändert, vor allem stieg die Flelschproduktlon um 50 Prozent! Für den deutschen Bauern sind Schutzzollpolitik der Großagrarier und Stagnation, bezw. Rückgang der Fleischproduktion Identisch. Aus diesem Grunde ist der deutsche Osten»Raum ohne Volk«, und das ist ein viel größeres Problem für Deutschland als das imperialistische Schlagwort des»Volk ohne Raum«, dessen Inhalt nichts anderes auadrückt als den Verzicht auf die Lösung der sozialen Frage im eigenen Hause. Der Osten Deutschlands wurde durch den Großgrundbesitz planmäßig entvölkert, das dortige Proletariat auf ein Niveau kartoffelfrsasenden Viehes heruntergedrückt. Noch immer gilt die Feststellung Max Webers; die Existenz des ostelWschen Großgrundbesitzes ist hoffnungslos und kann nur auf Lebe nek osten der Nation gefristet werden.« Deutschland hungert für diese Schwedne- wirtschaft. Flucht aus dem Deutschtum! am. Sao Paulo, Anfang August. Die letzten Monate haben in Brasilien eine weitere Intensivierung der na tionalaozlallfl tisch an OrgBmsationsarbeit gebracht: neben der Parteiorgamaation, der SA, der SS und der Deutschen Arbeitsfront hat sich jetzt noch ein»Deutschee Frauenwerk« und der Freiwillige Arbeitsdienst etabliert. Der Umfang der organisatorischen Rührigkeit der NSDAP steht aber in einem umgekehrten Verhjütnis zu dem tatsächlichen politischen Einfluß der Nationalsozialisten auf die deutsche Bevölkerung. In einer Stadt wie Sao Paulo, in der rund achtzigtausend Deutsche leben und in der es mehrere ausgesprochene Deutschenviertel gibt, sieht man jede Woche höchstens ein oder zwei Deutsche, die das naüonaisozia- ! listische Parteiabzeichen tragen. Selbst das ; Gastspiel der»Deutschen Bühne« mit Werner Krauß und Maria Bard fand gerade dar- . um ein geringes Interesse, weil es als nationeJ- I sozialistische Propagandaveranstaltung aufgezogen war. Obwohl man die Preise gegenüber früheren Darbietungen sehr gesenkt hat- ; te, war der Besuch außerordentlich gering. Die meisten Sitzplätze waren nur mit Fred- karteninhabern gefüllt und zum ersten Male sagten zahlreiche hervorragende brasilianische Gelehrte, die Ehrenkarten erhalten hatten. ostentativ ab. Die Stimmung gegen das nationalsozialistische Deutschland wird auch sonst immer schlechter. Das war besonders zu bemerken bei dem geringen Widerhall, den die hiesigen nationalsozialistischen Propagandisten bei ihren Einladrungen, Deutschland zu besuchen, finden. Uns sind in Sao-Paulo und Rio de Janeiro mindestens fünfzehn brasilianische Intellektuelle bekannt, denen freie Fahrt für sie und ihre Gattin im Zeppelin, vierzehn Tage Aufenthalt im Hotel Adlon und Rückfahrt nach Wahl(Zeppelin oder 1. Klasse Schiff) angeboten wurde, und die ausnahmslos abgesagt haben. Den Nationalsozialisten kommt es aber— nach diesen Mißerfolgen— nicht | mehr darauf an, lateinamerikanische Persönlichkeiten zu einer Reise zu bewegen, von de- 1 nen sie günstige»Kritiken« erwarten, Ihnen ' genügt bereits, wenn überhaupt jemand fährt. ' Ein Schulbeispiel ist der Fall des»Estado de S. Paulo«, einer der größten und hervor- ragendsten Zeitungen Südamerikas. Diese Zei- ! tung ist traditionell frankophil, außerdem konsequent antibitleristlsch und Uberzeugt liberal. Die Nationalsozialisten setzten in Sao Paulo alle gesellschaftlichen und geschäftlichen Beziehungen in Bewegung, um einen der politischen Redakteure des»Estado« zu einer Deutschlandreise zu bewegen. Sie erhielten eine Absage nach der anderen und war» zum Schluß überglücklich, als sich nach vielem Bitten der Redaktionssekretär zu einer Deutschiandfahrt bereit erklärte. Sie gaben zu seinen Ehren ein solennes Bankett in der Gesellschaft Germania und waren auf ihren »Sieg« ungemein stolz. Der Redaktionssekretär schickte seiner Zeitung einige Berichte, in denen er die Schönheit des Atlantischen Ozeans, das Menü des Luftschiffkoches, die VorzügUchkeit der Lüftungsanlagen und einige andere technische Dinge schilderte. Er sparte auch nicht an anerkennenden Worten für die Liebenswürdigkeit der Zeppelin-Stewards,— über das, was er in Deutschland sah, schwieg er sich dagegen vollkommen aus, sondern meinte nur privat lakonisch: »Die Deutschen verstehen viel von Technik ...«— Die Pgs. von Sao Paulo sind dadurch sehr blamiert, kündigten sie doch überaß an, die lateinamerikamsefaen Journalisten seien voll de« Lobes und der Begeisterung aus Deutschland zurückgekommen und würden demnächst öffentliche Erklärungen darüber abgeben... • In der letzten Zeit mischen sich die Nationalsozialisten besonders arrogant und zudringlich in die brasilianische Innenpolitik ein. Sie unterstützen nämlich die faschistische Bewegung der Intagraliaten, Indem sie die Mitglieder der SA in Rio Grande do Sul und Santa Catharina in die Terrororganisation der Integralisten, die camiaas-verdee(Grünhem- den). kommandieren. Außerdem subventionieren sie die brasiUanlschen Faschisten ganz offen. Während die NSDAP diese finanrielle Unterstützung bis vor kurzem nur heimlich gewährte, prangen seit einiger Zeit in der »Offensive«, dem Organ der Integralisten, die Inserate der im Besitze des Deutschen Reiches befindlicher Banken und anderer repräsentativer deutscher Unternehmungen. Diese Taktik ist vom Standpunkt des Auslandsdeutschtums außerordentlich dumm, kurzsichtig und riskant, erregt sie doch den Widerwillen und die Abwehr aller brasilianischen Kreise, die über die Eänmischung der Ausländer mit Recht sehr empört sind. Da die Integralisten selbst den ausländischen Einfluß bekämpfen, wären übrigens bei ihrem Siege schwere Bedrohungen der aualands- deutschen Interessen zu erwarten... In welche diffizile Situation die Nationalsozialisten die Ausländsdeutschen bringen, wurde erst kürzlich an dem Beispiel einer großen inte- gralistischen Kundgebung offenbar. Unter dem Drucke der NSDAP hatte sich der größte deutsche Sportklub BraaUiens nach langem Zögern einveratanden erklärt, seine Sportanlage den Faschisten zur Verfügung zu stellen. Deswegen brach ein solcher Sturm dar Entrüstung unter den Brasilianern aller politischen Richtungen aus, daß der Sportklub gezwungen war, seine Zustimmung zu widerrufen, was wieder die Faschistan sehr empörte. Die integral istiache Kundgebung fand übrigens überhaupt nicht statt, weil die Polizei die Bedingung gestellt hatte, die Grünhemden dürften sich nur unbewaffnet und einzeln zum Platz der Kundgebung begeben. Unter diesen Umständen mußte der Chef der Integralisten, Pünio Saigado, auf die Kundgebung verzichten, da er Angst hatte, seine Anhänger würden unter diesen Umständen auf dem Wege zum Sportplatz von der empörten Bevölkerung gelyncht werden. Auch in dem Zusammen- hang haben übrigens die NationalsoziaUsten eine unrühmliche Rolle gespielt: das Haupt- kontingont der beabsichtigten Kundgebung sollten deutsche Nationalsozialisten steliea, die unter beträchtlichen Unkosten aus dem Süden nach Sao Paulo befördert worden waren... Man darf sich unter diesen Umständen nicht wundern, daß sich in Brasilien wie auch in den meisten anderen lateinamerikanischen Staaten eine starke Mißstimmung gegen die Deutschen dort bemerkbar macht, wo man Deutschland und das Dritte Reich einander gleichsetzt. Der Teil der Auslandsdeutschen, der seit jeher rechtsradikal war, hat nie Fingerspitzengefühl für die deutschen Interessen im Ausland besessen, unter dem Terror der Nationalsozialisten ist aber che Kunst, Ressentiments, Abwehr und Empörung zu provozieren, zu einer wahren Virtuosität entwickelt worden. Dabei beachtet man mit einer Taubheit und Blindheit keines der bedrohlichen Symptome, die Verwunderung und Entsetzen erregen kann. Genau so wie in der alten Heimat besteht aber auch hier die Gefahr, daß zum Schluß alle— Schuldige und Unschuldige— Leddtragende»ein werden. Es ist Immeihln ein charakteristisches Symptom, wie besorgte Ausländsdeutsche und DeutsohbraMlianer die Situation beurteilen, daß sie ihre EHnbürgerung beschleunigen, bzw. sich beeilen, ihre Kinder in brasilianische Schulen zu schicken oder ihre deutschen Firmennamen in brasiliamache umzuändern. Je stärker die U eberzeugung von dem Zusammenbruch des Dritten Reiches und dem unheilvollen Auswirkungen der auslandsdeut- sohen Arbeit der NSDAP wird, desto mehr setzt gerade in Südamerika die Flucht aus dem Deutschtum ein! Die Nationalsozialisten erweisen sich eben auch in diesem Falle von unglaublicher antinationaler Tüchtigkeit! Widerstand im Rheinland Man schreibt uns aus dem Rheinland; Das Kulturkampfplakat gegen den»politischen Katholizismus« ist auch in Westdeutschland in vielen lausenden Exemplaren öffentlich angeklebt worden. Vor den Schnellgerichten standen schon wenige Tage danach Pfarrer, Kapläne, Mönche und Nonnen und Funktionäre katholischer Vereine unter der Anklage, diese Plakate abgerissen, beschädigt oder unleserlich gemacht zu haben. In mehreren Fällen wurden Gefängnisstrafen verhängt. Die Presse berichtet darüber in Sperrdruck. Nicht mitteilt sie, daß es den geistlichen Männern und Frauen und den Hausdienern und Verwaltern keinesfalls eingefallen ist, etwa nächtlicherweile durch die Straßen zu streifen und die Plakate der NSDAP herunterzuholen. Die jetzt Verurteilten haben lediglich kirchliche Gebäude und Vereins- h ft u s e r von den gegen den Katholizismus gerichteten Plakaten gesäubert. Nicht einmal das durften sie zur Abwehr tun. Das Schnellgericht in Koblenz hat entschieden, daß Plakate der Gauleitung behördlichen Charakter tragen und es von strafbarer staatsfeindlicher Gesinnung zeugt, wenn sich ein gewöhnlicher Deutscher an den geheiligten Druckerzeugnissen der Nazibonzen vergreift. Nach dieser Gerichtsentscheidung werden die Pg. Gauleiter nächstens ihre Schimpfereien an der Kanzel oder am Altar der Kirchen anbringen können, ohne daß die Beseitigung zulässig ist. Eis soll nicht verhehlt, sondern im Gegenteil freudig und beifällig verzeichnet werden, daß die Plakate nicht nur von katholischen Häusern, sondern In vielen hundert Fällen auch an öffentlichen Anschlagstellen abgerissen, zerkratzt, beschmiert oder mit ablehnenden Inschriften versehen worden sind. Es gibt Dörfer Im Rheinlande, wo die Plakate Tag und Nacht hätten bewacht werden müsse®, wenn man sie hätte anbringen wollen. In solchen Orten hat man auf die Propaganda venslohtet. Wir kennen einen solchen Faß mit allen Einzelheiten genau: Die SA eines Indu- strieortee kündigte an, daß sie mit hundert- zwanzig Mann in ein benachbartes fedndUohes Eauemdorf einrücken werde, um es zur Räson zu bringen. Die Bauern erklärten darauf, daß sie eine Einwohnerwehr bilden und die SA mit Sensen, Mistgabeln und Bellen empfangen würden. In ihrem Orte gebe es nicht einen einzigen SA-Mann und so solle es bleiben. Eis fanden schwierige cHplomatisctie Verhandlungen zwischen den beiden Gern elndehäuptern statt, und der SA-Marsch unterblieb. So mehren sich die Zeichen aktiven Widerstandes. Wie stark erst wären sie, und wie rasch würde die Stimmung des Widerstandes sich aktivleren, wenn es gelänge, die wichtigsten oppositionellen Kräfte zum Stoß gegen den einen Feind des Rechts und der Freiheit des deutschen Volkes zusammenzufassen. Der Verfall des Buch- und Zeitungsgewerbes Ueber die schwere Schädigung, die das Buch- und Zeitungsgewerhe durch das nationalsozialistische Regime erlitten hat, enthält der Bericht, der anläßlich der Mitgliederversammlung des Deutschen Buchdruckervereins erschienen ist, einige interessante Angaben. Unter Zugrundelegung der 48-Stunden- woche müßte der normale Umsatz des Gewerbes Im Jahre 2 Milliarden Mark betragen. In Wirklichkeit erreichte der Umsatz Im Jahr 1934 nur 754 Mißionen Mark. Eis ergibt sieb demnach mir eine Beschäftigungsquote von 37 Prozent. Seit 1930 ist ein Umsatzverlust von 566 Millionen Mark oder 43 Prozent zu verzeichnen. Davon entfallen 295 Millionen Mark auf Buchdruokereden. Der Umsatz der Zeitungsverlage ist gegenüber 1933 von 526 auf 366, also um 160 Mißtönen Mark zurückgegangen. Dieser Umsatz rückgang ist eine Folge des gewaltsamen Massensterbens von Zeitungen und Zeltschriften. Nach dem Jahresbericht der Deutschen Reichspost für die Zeit vom 1. April 1933 bis 31. März 1934 hat die Zahl der zum Postvertrieb abgemeldeten Zeitungen und Zeitschriften um 1902 oder 16,8 Prozent abgenommen. Davon waren 582 oder 15 Prozent Zeitungen und 1320 Zeitschriften. 1932 betrug die Zahl der beförderten Zeitungsnummern 1622 Millionen, 1933 nur noch 1477 Millionen. Es ist also ein Rückgang von 145 Millionen Stück eingetreten. Seit dem 1. April 1934 sind aber weiter einige hundert Zeitungen und Zeitschriften abgewürgt worden, so daß sich die Lage der Zeitungsverlage auch nachher nicht gebessert hat. Parkiagd auf Greise Diese Szene hat sich vor kurzem im Pren- ßenpark in Berlin- Wilmersdorf abgespielt. Auf einer Bank saß ein vielleicht siebzigjähriger Greis, offenbar»nicbtarischer« Abkunft. Ein Trupp uniformierter SA-Leute»kämmte« den Park systematisch nach Juden ab. Als die Nazis an die Bank kamen, auf der der »nichtarische« Greis saß, brüllten sie:»Runter, Du Saujude! Unsere Parkanlagen sind nicht für Euch Hebräer!« Als sich der alte Mann nicht schnell genug erhob, gaben ihm die Rowdys einen so heftigen Stoß, daß er auf den Boden flog. Ein Zeuge dieser Szene, Nichtjude, der seiner Empörung Uber diesen Roheitsakt laut Auadruck gab, wurde folgendermaßen angeschrien;»Halts Maul, Judenknecht, sonst kriegst Du eine in die Fresse!« Diese Szene hat sich genau so zugetragen wie sie hier geschildert wird. Das ist da* Deutschland von 1935! Das Gesdiaft blüht Der Gemeinderat der hessischen Gemeinde Großeichen hat beschloesen, vom 1. Januar ab bei Trauungen von Ortsbürgem jedem jungen Ehepaar das Buch des Führers»Mein Kampf« als Hochzeitegesohenk der Gemeinde zu überred eben. Wieviel Provision zahlt der Eher-Verlag den braunen Gemeiadabußen 7 alß lk£iiU(CM£iMUtßi£ifäM 0 WWWF1r�WWW1rWWUWFWWW1�WW&fW%r1rwWw��r+99 �fWW Ir�r Der nationalsozialistische Parteitag hat jeden Zweifel zerstreut. Hitler hat sich auf die Seite der»Radikalen« gestellt Das bedeutet innenpolitisch verschärfte Judenhatz, verschärfte Katholikenverfolgung, verschärfter Kürchenkampf. Was bisher wilde»Einzelaktion« hieß und in Wirklichkeit organisierte Parteiaktion war, wird künftig legalisiert und in ein System gebracht. Ueber die staatliche Verwaltung und Justiz erhebt sich dauernd die Gewaltaktion der Partei; die Souveränität des Staates dankt ab vor der Souveränität der Partei, der Rechtsstaat verschwindet selbst in seiner jetzigen schattenhaften Gestalt: »die Partei befiehlt dem Staate«. Verschwindet wirklich die schwarzweißrote Fahne und wird die Parteifahne das einzige Hoheitszeichen dieses grausigen Reiches, so wäre dieser Vorgang in der Tat das richtige Symbol für den sich vollziehenden Umschlag des Staatsabsolutismus in die Parteidespotie. Ist es nicht grimmigste Ironie der Weltgeschichte, daß die verfluchte deutsche Staatsvergottung diesen Ausgang in die Bandenherrschaft der Hitler, Göbbels, Göring und Streicher genommen hat? Außenpolitisch war der Parteitag eine einzige Demonstration des kriegerischen Militarismus. Kaum getarnt durch den Geifer gegen den»jüdischen Bolschewismus« war die Kampfansage gegen Sowjetrußland; Hitler weiß, daß der Krieg gegen Rußland den Krieg gegen Frankreich bedeutet und nicht zufällig folgte auf die Tiraden des Führers die Hetze des Rosenberg gegen Frankreich. Das ist die Wehrfreiheit, die sie meinen und die sie feiern mit schlechten Reden, bis die Zeit für schlimmere Taten gekommen ist. Wirtschaftlich proklamiert der Parteitag die Fortdauer der Inflationsfinanzierung. Nach der Rede Schachts in Königsberg war eine eigentümliche Situation entstanden; Schacht war von Göbbels zensuriert worden, aber die Reichsbank organisierte die Verbreitung der Schacht-Rede im In- und Ausland. Schacht durfte gegen die»Einzelaktion«, wie sie die Pogrome nennen, Bedenken äußern und die Gauleiter durften zugleich neue Judenhetzen veranstalten; Schacht durfte Sparsamkeit empfehlen, und unterdessen ging der Pump unentwegt weiter. Nur Hitler gab der»Rechten« und der »Linken« zugleich freien Spielraum, und Schacht konnte um so lauter auftrumpfen, je weniger sich die Nationalsozialisten darum zu kümmern brauchten. Bedurfte man doch solcher Schachtreden in einer Zeit, wo nicht nur eine große Inlandsanleihe aufgelegt wird, sondern wo der größte Bankrotteur aller Zeiten sich so angelegentlich um ausländische Kredite bemüht Sachlich aber hat die Hitler-Proklamation gegen Schacht entschieden. Die Entscheidung ist keine Ueberraschung. Auf dem Wege, den die Diktatur eingeschlagen hat, gibt es kein Zurück. Die Mili- tä'. ausgaben können nicht eingeschränkt werden; wären selbst die Machthaber weniger eingefleischte Militaristen als sie sind, so würde jede Verlangsamung der Aufrüstung sie sofort in Konflikt mit der Generalität bringen und schon aus den Gründen deb eigenen Machterhaltung kann das Regime nicht wagen, die ungeheuerlichen Militärausgaben zu verringern oder auch nur zu verlangsamen. Sodann erfordert die außenpolitische Situation, in die die Hitlerherrschaft Deutschland gebracht hat, erfordern die kriegerischen Ziele der Diktatur die äußerste Beschleunigung der Neuorganisation der Riesenarmee und ihrer Ausrüstung. Das kostet Milliarden an direkten Ausgaben für die Flugzeuge, die schwere Artillerie, die unterirdischen Anlagen, die Munition usw. und weitere Milliarden an indirekten Ausgaben für die Verlegung der Industrie, für die Erweiterung der Rüstungsbetriebe, für die Schaffung 'der Ersatzproduktion, für die Subventio- nierung unrentablem Erzabbaus und für die Erringung der»Nahrungsfreiheit«. Und da das Regime es nicht wagen kann, die ungeheuren Kosten seiner Kriegspolitik ehrlich zu decken, so bleibt nichts übrig als der Weg der Wechselreiterei in der Hoffnung, der siegreiche Krieg werde neben anderen auch diese Rechnung begleichen. Und wie einst Helfferich,- der ja vom Geldwesen und von Volkswirtschaft noch immer etwas mehr verstand als Schacht, auch auf die teilweise Dek- kung der Kriegsausgaben durch Steuern verzichtete, um die patriotische Hochstimmung nicht zu verderben, und sich damit tröstete, daß die besiegten Feinde das Bleigewicht der Milliarden werden tragen müssen, so jetzt Schacht Er fügt sich dem Machtwort des verehrten Führers, er macht seinen Frieden mit Göbbels— Pack schlägt sich, Pack verträgt sich— und der»Angriff« bringt ein plötzlich optimistisch getöntes Interview. Er proklamiert die U n e n t b e h r 1 i c h k e i t der Rüstungsausgaben und unterschreibt unentwegt die Garantie für die Wechsel. Der Strom schwillt an— unaufhaltsam. Im»Deutschen Volkswirt« hat jene traurige Figur, die heute den Reichsfinanzminister mit Gehalt und Titel ohne Charakter darstellt, kürzlich die Gesamtverschuldung des Reichs, der Länder und Gemeinden für Mitte 1935 angegeben. Danach wären die Gesamtschulden von 22.9 Milliarden Reichsmark zu Anfang 1930 auf 26.6 Milliarden Reichsmark zu Januar 1933 und weiter bis Mitte 1935 auf 28.5 Milliarden Mark gestiegen. Davon sind 23.9 Milliarden Reichsmark langfristig und 4.6 Milliarden kurzfristig. In diesen Ziffern sind aber noch nicht enthalten die offiziell zugegebenen fünf Milliarden Verpflichtungen des Reiches für Arbeitsbeschaffung. Rechnet man sie hinzu, so ergibt sich eine jetzt also amtlich zugegebene Schuldenlast von rund 33.5 Milliarden. Auf das Reich entfallen hiervon 10.3 Milliarden langfristige und 2.9 Milliarden Mark kurzfristige Schulden und dazu 5 Milliarden Arbeitsbeschaffungsschulden, zusammen also rund 8 MUliarden kurzfristige Schulden. In den zweieinhalb Jahren Hitler ist also nach dem amtlichen Geständnis eine Zunahme der Gesamtverschuldung um 7 Milliarden Mark erfolgt, gegenüber einer (ftofas Am Handel, Großhandel wie Einzelhandel, ist von Schacht ein Riesenhetrug verübt worden, dessen Folgen jetzt erat fühlbar werden. Im vorigen Jahre hatte die Verschärfung der D e viaenzwangswi rtsohaf t eine Hamsterpanik verursacht. Vor der Gefahr, auf schlechte und teure Ersatzstoffe angewiesen zu sein, retteten sich Handel und Verbrauch durch Anhäufung von Vorräten. Tatsächlich. wurde aber nicht die Einfuhr von Rohstoffen, sondern nur ihre Bezahlung gedrosselt Auch heute fehlt es in Deutschland weniger an Ware als an Käufe m. Im»Deutschen Volkswirt« vom 30. August heißt es, der Einzelhandel habe nicht nur»selbst durch verstärkte Lagerhaltung zur Finanzierung der Konjunktur beigetragen«, sondern in der zweiten Hälfte 1934»noch darüber hinaus mit Rücksicht auf die Hamsterkäufe in besonderem Umfang Voreindeckungeti vorgenommen«. Herr Schacht wollte mit der Anreizung zum Hamstern auf Kosten von Händlern und Verbrauchern die Konjunktur»ankurbeln« und Vorräte für den Kriegstfall ansammeln. Die Hamsterpsychose ist längst abgeflaut, immer noch sitzen aber Groß- und Einzelhändler auf unverkäuflichen Lagern fest und die Bestellungen beim Großhandel gehen zurück. Nach der neuesten Veröffentlichung der Forschungastelle für den Handel über die Großhandelaumsätze, haben in den ersten Monaten 1935 die Umsätze des Großhandels nachgelassen. Im Juni waren sie fast durchwegs medrdger als 1934. Daß der Rückgang der Umsätze des Großhandels aber nicht allein und nicht hauptsächlich mit durch die Hamsterei, sondern durch den Rückgang des Verbrauchs überhaupt verursacht ist, beweist die U msatzgestal tung des Großhandels durch Nahrungsmittel. Hier hat eine Zunahme der Geldumsätze um nur 6 Prozent, also eine Abnahme der abgesetzten Mengen stattgefunden. Erst aus dem doppelten Druck von Lageranhäufung und Ver- brauchsrückgang ist es zurückzuführen, daß die Detaligeachäfte nach der Feststellung des »Deutschen Volkswirt« nicht mehr liquide Mittel in ausrelchendean Maße zur Verfügung hatten«, also unter Bargeldmangel leiden, der sie verhindert, die Lücken in den Vorräten wieder auszufüllen. Dieser Mangel an Bargeld bei den Händlern ist die Folge von Mangel an Bargeld bei den Käufern. In den»M2t- teüungen der Industrie- und Handeiskammer zu Solingen« vom 18. Juli 1935 wird über »die auffallende Zurückhaltung des Groß- undKlelnhandels« geklagt und darüber, daß selbst die kleinsten Beträge ungemahnt nicht bezahlt werden. In den Zunahme von nur 3.7 Milliarden in den vorhergehenden drei Jahren. Nun sind aber die amtlichen Angaben SchwindeL Die 5 Milliarden Arbeitsbeschaffungswechsel sind nur ein Bruchteil der wirklichen Rüstungsausgaben. Wozu anders diente auch die in der Welt einzig dastehende Nichtbe- kanntgabe des Budgets als zur Ermöglichung des Schwindels, zur Verheimlichung der wirklichen Höhe der Ausgaben. Wir haben gesehen, daß einwandfreie Berechnungen, daß im Ausland von den emstesten Fachzeitschriften veröffentlichte Angaben, die aus dem Bereich der Berliner Wirtschaftskreise stammen, den Mindeststand der schwebenden Schulden auf 18 Milliarden angeben. Aber ob die schwebenden Schulden schließlich 8 oder 18 Milliarden oder noch mehr ausmachen, ist bei dieser Finanzwirtschaft gar nicht mehr das Wesentliche. Entscheidender ist das rasende Tempo der Vermehrung der Schulden. Denn damit verliert die Unterscheidung zwischen langfristigen und kurzfristigen, zwischen konsolidierten und schwebenden Schulden allmählich jede Bedeutung. Die Arbeitsbeschaffungswechsel können natürlich auch in Anleihe umgetauft und umgetauscht werden, da die Reichsbank letztlich sie mit ihren Noten einlösen oder beleihen muß. Aber die ständige rasche Vermehrung macht all diese Staatspapiere, ob sie nun Wechsel oder Anleihen heißen, immer wertloser. Es ist derselbe Prozeß wiebei den Kriegsanleihen, die an dem Tage wertlos waren, an dem sie von der Reichsbank nicht mehr beliehen wurden. Wie kommt es nun aber, daß die inflationistische Finanzierung trotz des großen Um- fangs noch keinen stärkeren Einfluß auf tvenif Häufet »Mitteilungen der Industrie- und Handelskammer zu Chemnitz« vom 7. August wird die gleiche Klage über unbefriedigenden Geldeingang von der Chemnitzer Strumpfindustrie und der Posamentenindustrie des Erzgebirges erhoben. Die Umsätze des Großhandels sind aber nicht nur von der Höhe des Inlandaverbrauohs, sondern auch vom Export abhängig. Die Leipziger Herbstmesse ist für den Grad der Exportfähigkeit ein zuverlässiges Barometer. Im»Deutschen Volkswirt« wird zugegeben, daß von»diesen großartigen Schaufenster des deutschen Volkes« keine allzu große Anziehungskraft ausgegangen ist, obwohl man die Ausländer mit allen Mitteln anzulocken versucht hatte. Es war ihnen der doppelte Vorteil einer Fahrpreisermäßigung von 60 Prozent und der Möglichkeit eingeräumt worden, ihre Ausgaben mit unterwer- tiger Sperrmark zu bezahlen. Für die meisten war also der Messebesuch weniger eine Gelegenheit, zu kaufen, als billig zu reisen und auf angenehme Weise die sonst unverwertbare Sperrmark an den Mann zu bringen. Die geschäftlichen Ergebnisse der Messe standen, so heißt es,»im Zeichen einer guten Bedarfsäußerung«, besonders von Seiten der Inlandskundschaft, während das Ausland oft nur vorsichtig disponierte. Aber auch bei der In- landskundsdhaft scheint»die Bedarfsäußerung« etwas flau gewesen zu sein, denn als Käufer»traten die Warenhäuser, Großisten und teilweise auch die Spezialgeschäfte nicht allzu stark in Erscheinung«. Immer wieder— es klingt fast wie der heimliche Seufzer eines, der nicht sagen darf, was er leidet— wird darüber geklagt, daß sich»die Zurückhaltung der jüdischen Einkäufer besonders stark fühlbar« gemacht habe. Die nordame- rikanischen Einkäufer fehlten fast vollständig. Deutschland besaß früher eine Art Monopol auf die in schleohtbezahlter Heimarbeit hergestellten Erzeugnisse, z. B. Spielwaren. Jetzt wird es ihm nicht nur auf dem Auslandmarkt, sondern auch in Deutschland selbst von Japan streitig gemacht. Ein Artikel, der in Nürnberg 20 Mark kostet, ist von der japanischen Konkurrenz zum Engrospreis von 3 Mark angeboten worden. Aber auch auf dem Inlandsmarkt vollzieht sich eine bedeutsame UmstelXung. Der Zug nach Qualität, heißt es, hat sich fast in allen Branchen verstärkt, während Stapelware in den Hintergrund getreten ist. Die Industrie von Verbrauchsgegen- ständen stellt sich also auf den Luxusbedarf der Rüstungsverdiener um, weil der Massenverbrauch mehr und mehr zusammenschrumpft. g. A. Frey. das Preisniveau ausgeübt hat? Gewiß hängt der Preisauftrieb in Deutschland auf manchen Gebieten auch mit der Vermehrung der Geldmenge zusammen. Aber der Prozeß ist doch im ganzen begrenzt und in seinem Tempo langsamer als man bei dieser raschen Geldvermehrung erwarten müßte. Die Wechselmasse ist bei der Reichsbank und bei ihren Tochterinstituten, bei den öffentlichen und privaten Banken, bei den Sparkassen und Versicherungsanstalten, sowie den Industrieunternehmungen untergebracht. Für die jederzeitige Einlösung dieser Wechsel haftet die Reichsbank und sie sind für den Besitzer so gut wie bares Geld. Sie dienen also zunächst als Geldreserve und treten nicht in die Zirkulation ein, sie vermehren die Liquidität der Banken und die Reserven der Unternehmungen. Aber die Liquidität und die Reservenbildung erreichen allmählich einen gewissen Sättigungsgrad. Einen Teil kann der Staat abfangen, wenn er die Unternehmungen zwingt, wie er das bei der Chemie, der Braunkohle und der Textilindustrie getan hat, neue Investitionen für Ausbau der Ersatzproduktion auf ihre Rechnung vorzunehmen oder wenn er der Industrie eine Exportabgabe, also eine neue Steuer auferlegt. Aber die Wirkung dieser Maßnahmen wird überkompensiert durch die Steigerung der Rüstungsausgaben. Und so wachsen die Geldre- servenund eswächstdieFurcht vor der Entwertung dieser neugeschaffenen Geldmassen, Das Bestreben entsteht, sich gegen die Geldentwertung zu sichern. Was bisher als Depositen bei den Banken, als Einlagen bei den Sparkassen, als Barreserve bei den Unternehmungen ruhte, strebt jetzt in die Zirkulation einzutreten, seine»Kaufkraft« auszuüben, sich in wertbeständigen Sachwert zu verwandeln. Die Nachfrage nach Waren beginnt, die Preise steigen, die Löhne müssen erhöht werden, die latente schlägt in die offene Inflation um. Aber diese Flucht in die Sachwerte ist in Deutschland nicht leicht. Was soll der Geldbesitzer tun? Gold, Devisen, auswärtige Aktien und Wertpapiere dürfen nicht gekauft werden. Rohstoffe kaufen? Aber die Rohstoffe sind staatüch bewirtschaftet, ihre Einfuhr und ihre Verwendimg kontrolliert. Deutsche Aktien? Das ist in großem Umfang geschehen und hat das Kursniveau bereits über den dauernden Wert hinaus getrieben; zudem ist die Zukunft der deutschen Aktie— bei dieser Wirtschaft!— auch nichts weniger als gesichert. Ueberdies schränkt die Dividendenbegrenzung und die Belastung mit der Exportabgabe die RentabUität ein und Schacht droht bei einer Fortdauer der Aktienhausse mit neuen Gegenmaßnahmen. Grundstücke? Aber bei behördlich festgesetzten Mieten bilden Grundstücke auch keinen Schutz gegen Inflation� Man sieht, die Zwangseingriffe in die Wirtschaft erschweren den Umschlag der latenten in die offene Inflation. Dem dient auch die Verhinderung der Anpassung der Löhne an das gestiegene Preisniveau und der Versuch, die weitere Preissteigerung durch Höchstpreise zu verhindern. Und trotzdem! Auf die Dauer läßtsichdieWirkung derinfla- t i o n i s t i s c h e n Finanzierung nicht verhindern. Die wachsende Geldmenge läßt sich nicht dauernd aus der Zirkulation fernhalten. Schon jetzt bedeutet das Festhalten(in Wirklichkeit handelt es sich um eine empfindliche Reduktion) der Löhne bei steigenden Preisen den Rückgang der Konsumindustrien, die Verringerung ihrer Nachfrage nach Produktionsmitteln, steigendes Mißverhältnis zwischen Konsum- und Produktionsgüterindustrien. Dies muß aber auf diese Industrien zurückwirken und auch für sie zu einer Krisenursache werden. So entsteht das Dilemma: Verhindert man die Zirkulation des neugeschaffenen Geldes, so erzeugt man mit Notwendigkeit die Krise, die man eben durch die künstliche Geldschaffung überwunden geglaubt hatte; gibt man den Geldmassen die Zirkulation frei, so hat man die offene Inflation mit ihren unbe- herrschbaren Folgen. In Wirklichkeit ist aber die Sterilisierung der zusätzlichen Geldmenge auch durch die schärfsten Zwangsmaßnahmen nicht auf die Dauer zu erzielen. Sie scheitert an dem Profitstreben und dem Streben nach Werterhaltung. Mit dem wachsenden Umfang der Geldreserven wächst der Drang ihrer Verwendung; das Geld erzwingt sich die Verwandlung in den Sachwert und je stärker der Druck gewesen, desto heftiger wird die Explosion sein, Dr. Richard Kern. Nr. 119 BEILAGE 22. September 193� Der Oberdada and die Kunst Hitler besdiimpft das deutsche Volk Auf der Nürnberger Parteiparade wurde ein»Preis der NSDAP für Kunst und Wissenschaft« ausgesetzt. 20.000 Mark jährlich denjenigen, die»Wesentüches zur Ausgestaltung der nationalsozialistischen Weltanschauung beitragen«. Den Preis für Kunst ergatterte diesmal der Schlageter- Dichter Hanns J o h s t, den für Wissenschaft der Rassenprofessor Günther. Der eine Preis für die dramatische Verherrlichung eines Landsknechts, der nach Aussage des französischen Generalstabes bereit war, seine Kameraden zu verraten, um sich zu retten— der andere Preis für einen Rassephantasten, dessen Germano- philosophie bisher von jeder unabhängigen Wissenschaft abgelehnt wurde. Mit dieser Preisverteilung soll unterstrichen werden, daß die historische Wahrheit ein überlebtes liberalistisch-marxistisches Hirngespinst ist und daß im Dritten Reich als Kunst und Wissenschaft nur gilt, was der braunen Parteidespotie blindlings dient. Dies war der Auftakt zu Hitlers Rede über»nationalsozialistische Kunst und Kultur«. Die denkende Welt hat sich längst abgewöhnt, eine Hitlerrede mit den Maßstäben der Vernunft und Logik zu messen. Jede solche Rede kann nur genossen werden als neuer Beitrag zu dem trüben Krankheits- und Charakterbild der gegenwärtigen Tyrannen Deutschlands. Immerhin durfte erwartet werden, daß der Führer die Zeit etwas genützt hätte, um mit Hilfe seines Beraterkorps wenigstens die lächerlichsten Lücken seiner Bildung notdürftig zu verschleiem. Statt dessen bot er auf dieser Tagung, die die Welt erschüttern sollte, einen Kunstschwatz, dessen Konfusion sich jeder Primaner schämen würde. Immerhin ist aus der Rede deutlich ersichtlich, daß sich auch auf kulturellem Gebiet im Dritten Reich die Kritiker mehren und die Blubokratie in die Defensive gerät. Tapfer geht der»Führer« einer Auseinandersetzung mit den Fachleuten aus dem Wege: »Ich will mich nicht beschäftigen mit den Bemerkungen jener Heuchler, die, die innere und fortwirkende Bedeutimg unserer kulturellen Absichten wohl erkennend, aus ihrem unüberwindlichen Haß dem deutschen Volk und seiner Zukunft gegenüber kein Mittel unversucht lassen können, um nicht durch Einwände, Bedenken oder Anklagen hemmend einzugreifen.« Wozu deutsch sprechen? Wozu eine Unterhaltung, die Kenntnisse voraussetzt? Alles, was vor ihm auf geistigem Gebiet geleistet wurde, war Schund oder Verbrechen: »Seit jeher stand ein Entschluß fest; Wir werden uns einmal nicht in endlose Debatten einlassen mit Menschen, die— nach ihren Leistungen zu urteilen— entweder Narren oder Betrüger waren. Ja, wir haben die meisten Handlungen der Führer dieser Kulturherostraten immer nur als Verbrechen empfunden. Jede persönliche Auseinandersetzung mit ihnen mußte sie daher entweder in anji Gefängnis oder in das Narrenhaus bringen, je nachdem sie an die Ausgeburten ihrer verderbten Phantasie entweder wirklich als innere Erlebnisse glaubten oder diese Produkte selbst als traurige Verbeugung vor einer genau so traurigen Tendenz zugaben.« Wen meint er? Was meint er? Er nennt keine Namen, er braucht nichts von ihnen zu kennen, das nimmt nur die Unbefangenheit, Ihm genügt Karl May und dreimal »Krach um Jolanthe«. Seine Bewegung hat zwar in fünfzehn Jahren nur DUettanti- sches hervorgebracht, kann auf geistigem Gebiet auch nicht mit einem Werk von Bedeutung, nicht mit einer Leistung aufwarten, die über die Grenzen des Landes gedrungen wäre, aber in wenigen Jahren werden wir auf kulturellem Gebiete Größeres schaffen, als die letzten Jahrzehnte zusammengenommen...« Denn alles, was vor ihm geschaffen wurde, alles von Arno Holz und Gerhart Hauptmann, Liebermann und Corinth, Strauß und Mahler usw. an nach rückwärts, ist nichts als Dreck oder Verbrechen, den Bolschewismus gar nicht mit gerechnet: .»Ganz abgesehen dabei noch von jenen jüdisch-bolschewistischen Literaten, die in einer solchen»Kulturbetätigung« ein wirksames Mittel zur inneren Unsicher- und Halt- losmachung der zivilisierten Nationen erkennen und es demgemäß anwenden... Und ebenso fest stand der Entschluß, die dadai- stisch-kubistlschen und futuristischen Erlebnis- und Sachlichkeitsschwätzer unter keinen Umständen an dieser kulturellen Neugeburt teilnehmen zu lassen.« Inzwischen verficht der Futuristenführer Marinelli in Italien mit großem Furor die völkisch-nationalistischen Gedankengänge Mussolinis und Hitlers, während die obachter«, wir haben nichts hinzugedichtet und nichts weggelassen. Sondern so stehts wörtlich dort! In diesem Kauderwelsch, in dieser Konfusion geht das fort— zwei Seiten amerikanisches Format! Zwischendurch Dreckpatzen gegen den Bolschewismus, die Juden, das frühere»jüdische Regime«. Nie verstanden die Juden, sich»zu einer eigenen Musik aufzuschwingen«....« Keine Ahnung hat der Dilletant, daß es in seinem Sinne nicht einmal eine deutsche Musik gibt, und daß Komponisten wie Meyerbeer, Mendelssohn, Halevy oder Mah- Die Meister stürmer von Dürnberg Hitler Göring Musik von idolf Hitler— Text von Julius Strcidier »arteigene« nordisch-germanische Kunstwelt den braunen Erneuerer kopfschüttelnd ablehnt. Was aber ist nun richtige neue arteigene Kunst? Er sagt es nicht, er weiß nicht einmal Beispiele. Die armen deutschen Künstler müssen versuchen, aus Blüten klug zu werden, die der selige Oberdada zur Erheiterung seiner Gemeinde erfunden haben könnte: »So, wie wir aber von einer solchen in Wahrheit nie als Kunst anzusprechenden, sondern eher als Kulturvernarrung zu bezeichnenden Tätigkeit absehen, wird die Kunst in ihren tausendfachen Auswirkungen um so mehr der Gesamtheit einer Nation zugute kommen, je mehr sie sich über das Niveau der Interessen des einzelnen hinweg zur Höhe der allgemeinen Würde eines Volkes erhebt Und es ist bei ihr nicht anders wie bei allen übrigen menschlichen Höchstleistungen. In der Ausübung und im Verständnis stoßen wir auf eine endlose Folge von Stufen. Glücklich die Nation, deren Kunst so hoch ist, daß sie für jeden einzelnen noch eine letzte Befriedigung als Ahnung übrig läßt! Wir zitieren nach dem»Völkischen Be- ler aus der europäischen Musikgeschichte nicht hinwegzudenken sind. Primitiv wie Karlchen schmettert er:»Die Kunst muß Verkünderin des Erhabenen und Schönen sein...« Nichts weiß er von den Gesetzen der Aesthetik, die schön und häßlich im landläufigen Sinne nicht kennt, sondern nur Lebenswahrheit und die Offenbarungen des Lebens in seinen Kontrasten und seiner bunten Mannigfaltigkeit. Zum Schluß riskiert er eine tolle Lippe für die Baukunst. Aus früheren Zeiten her fühlt er sich der Architektur verwandt. Und so quatscht er von»germanischer Tektonik«, ohne daß er sagen kann, was das eigentlich ist. Er hat mal was vom Stil der Sachlichkeit gehört, wird prompt kopfscheu(Was? Sachlich soll man sein?) und manscht auch schon drauflos: »Alle wirklich großen Baumeister erfüllten in ihren Bauten die sachlich gestellten Bedingungen und Erwartungen ihrer Zeit. Diese sachlichen aber oft nur allzu menschlichen Aufgaben wurden allerdings nicht zu allen Zeiten mit der gleichen Wichtigkeit gesehen und daher auch behandelt. Es ist ein kapitaler Irrtum, zu meinen, daß etwa ein Schinkel nicht in der Lage gewesen wäre, eine moderne Klooettanlage sachlich zweckmäßig zu bauen, allein erstens war der Zustand der damaligen Hygiene ein anderer als jetzt, und zweitens hat man zu dieser Zeit solchen Dingen Uberhaupt noch nicht die Bedeutung beigemessen wie heute. Eis ist aber ein noch viel größerer Irrtum zu denken, daß etwa ein künstlerisch befriedigender heutiger Bau nicht zugleich diese zur Zelt als notwendig angesehenen Attribute ebenfalls meisterhaft lösen könnte.« vVieder greift man sich an den Kopi und glaubt den Oberdada selig im Kabarett zu hören:»Herrschaften, vergessen Sie nie, daß Schinkel noch auf den Abtritt gehen mußte, sonst wäre alles anders gekommen...« Aber schließlich fällt dem Osaf doch noch ein Beispiel ein, das zeigen soll, was er eigentlich unter großem Zeitausdruck versteht. »Es gab Jahrhunderte, in denen in Deutschland— wie im übrigen Europa— die Werke der Kunst dieser seelischen Größe der Menschen entsprachen. Die einsame Erhabenheit unserer Dome gibt einen unvergleichlichen Maßstab für die kulturell wahrhaft monumentale Gesinnung dieser Zeiten. Sie zwingen uns, über die Bewunderung des Werkes hinweg zur Ehrfurcht vor den Geschlechtern, die der Planung und Verwirklichung so großer Gedanken fähig, waren. Unsere Dome sind Zeugen der Größe der Vergangenheit!« Verpackt das alles in völkische Phraseologie und hat keine Ahnung, wie er dabei mit seinem germanischen Kunstgeschwätz karamboliert. Denn diese Dome wurden zwar auf deutschem Boden gebaut, aber ihr Stil ist übernational. Das gilt nicht nur von den Domen romanischen, sondern auch von denen gotischen Stils, die aus dem Frankreich des 11. Jahrhunderts stammen. Eine Internationalität des Kirchenbaues, die wiederum der der katholischen Kirche entspricht. Jeder Gewerbeschüler hätte es ihm sagen können und dazu noch etwas über die internationalen Wurzeln aller großen Kunst. Der Grund dieser Hitlerschen Ignoranz ist auf allen Gebieten der gleiche. Dieser Mann hat nie etwas wirklich gelernt, hat nie an sich gearbeitet, hat nie begriffen, was Qualität ist. Darum wurde seit fünfzig Jahren nichts als Unsinn getrieben, darum vierzehn Jahre Mißwirtschaft, darum die Ablehnimg von allem, was nicht in seinem hakenkreuzlerischen Stammtischhorizont paßt. Diese Ignoranz wird nur übertroffen von dem Mut, mit der er Künstler und Forscher von Leistung und anerkanntem Können infamiert. Es kostet ihn ja nichts. Die Beschimpften sind entweder tot oder mundtot. Phrasenhaftes Nichtswissertum, krasser DUettantismus, unzureichende Beherrschung der deutschen Sprache sind mit dem Anspruch auf Führerschaft unvereinbar. In Verbindung mit ihm sind sie geeignet, das ganze deutsche Volk, seine Vergangenheit, seine Wissenschaft, seine Kunst und Kultur vor der gesamten Welt lächerlich und verächtlich zu machen, weil dieses gewaltige Stück Geisteswelt nicht in seinen kleinen Parteikram paßt. Dieses Volk aber, das sich mit seinen sozialen Errungenschaften wie mit den Leistungen seiner Künstler und Forscher unbestrittenes Ansehen und Weltgeltung erobert hatte— dieses große Volk muß solch schwammiges, schimpfliches, undeutsches Geschwätz widerstandslos über sich ergehen lassen. B. Br. Der HhKerfungre Neulich las man in vielen Zeitungen, daß der Darsteller des Hitlerjungen »Q u e x« aus der nationalsozialistischen Bewegung ausgestoßen worden ist. Warum, wurde nicht verraten. Ein Uebermaß von Begeisterung für die Hitlerjugend scheint nicht die Ursache gewesen zu sein. Jeder von uns fragt sich, ob es dem Regime gelingen werde, sich In den jungen deutschen Seelen zu verwurzeln. Eine allgemein gültige Antwort läßt sich darauf nicht geben, aber jedes Gespräch mit einem geweckten deutschen Jungen ist zur Klftmng roa Wert. Wir wanderten dieser Tage viele Stunden mit einem Hitlerjungen. Als wir Um vor Jahren zum letzten Maie sahen, war er noch ein kleiner Bub. Jetzt stand er kopfhoch Uber uns da als einer der schlanken, sportlichen sauberen Jungen, die uns viele Bilder aus Deutschland als Trost und Hoffnung zeigen. Zwischen damals und jetzt lagen Jahre unreifer Hitlerbegeisterung, aber er kam, kam auf weiter beschwerlicher Radfahrt fast ohne Geld, als er erfuhr, wo nun die alten Freunde hausten. Als er überraschend eintrat, erwarteten wir das>HeU Hitler!« Unterließ er es aus Takt? Das erste Gespräch gab Aufschluß. Er und viele seiner Kameraden haben die Hitlerei schon hinter sich. Der Schwindel ist zu groß, und die meisten Jugendführer sind zu minderwertig, als daß geistig erwachende Jungens es lange aushalten könnten. Arbeitsdienst? Ylelleioht noch, obwohl viele selbst harte und elend bezahlte Landarbeit dem Arbeitsdienstlager vorziehen. Reichswehrdienst? Jawohl, wenn die achtzehn Jahre als Vorbedingung für den freiwilligen Eintritt da sind, zumal doch die Berufsaussichten fehlen. Aber Hitlerjugend? SA und SS? Unter keinen Umständen, wenn man ein Kerl ist, der denkt und etwas auf sich hält.— Ist er eine Ausnahme? Er behauptet: Nein! Am Abend in den Jugendheimen und in den Jugendherbergen sprächen viele so. Man lasse das Predigen und Tuten über sich ergehen, aber mache sich seine eigenen Gedanken und abschließend sagte unser junger Freund: Die Nazis glauben, die Jugend zu haben, aber sie haben sie nicht. Das wollen wir hoffen, und wir wollen lernen, zu dieser neuen Jugend zu sprechen, die weit, weit ab ist von den Zeiten des Kommunistischen Manifestes und des Erfurter Parteiprogramms. Es kommt nicht nur darauf an, zu ermitteln, was von den großen Gedanken und gewaltigen Zielen dieser geschichtlichen Dokumente in den Stürmen vieler Jahrzehnte von granitener Dauer geblieben ist Nicht minder wichtig ist es, die echten Wahrheiten in einer Sprache zu verkünden, die uns die Seelen der deutschen Jugend erschließt und gewinnt. Ob uns alles gefällt, was die Burschen und die Mädels da drüben von uns denken und sagen, darauf kommt es nicht an. In ihren prüfenden Blik- ken sehen uns Gegenwart und Zukunft in die Augen, und wir müssen diese Jugend bewegen und erobern, wenn die große Stunde unserer Gedankenwelt noch einmal schlagen soll. Hannes Wink. tiUtit Jkokkt MU t wusfr f wWWIrWWWVW w „Wirkliche Männer**— stramm und tadellos Seine Parteitagarado an<8e Frauen begann Hitler mit einem geistigen Puraelbaum, den ihm so leicht keiner nachmacht mit einem gedanklichen Taschenspielertrick, dessen er sich zweifellos bewußt war, von dem er aber bei diesem Publikum erwarten durfte, daß er glatt geschluckt würde. Der otffizlolle Bericht gibt die Stelle so wieder: »Adolf Hitler trat einleitend der Meinung entgegen, daß die Würdigung der Frau durch den Nationalsozialismus nicht ebenbürtig sei der Würdigung, die die Frau durch andere weltanschauliche Bewegungen erfahre. Diese Auffassung könne nur von Menschen kommen, die keine Ahnung davon besäßen, welch ungeheure Rolle die Frau gerade In der natlonalsozialistiflchen Bewegung gespielt habe.»Ich glaube, ich würde nicht hier stehen, wenn nicht von Anbeginn unseres Kampfes an viele, sehr viele Frauen sich mit dieser Bewegung innerlich verbunden gefühlt hätten und für sie vom ersten Tage an eingetreten wären.« Was soll Hitlers heutige Machtstellung für die Wertschätzung beweisen, die der Frau angeblich im Dritten Reiche zuteil wird? Ist der Dank des braunen Führe ratabea etwa jedem sicher, der dem Nationalsozialismus zur Macht verhalf? Auch Röhm»trat vom ersten Tage an für die Bewegung ein,« auch Gregor Strasser, auch Heines, auch viele tausend andere, cfie heute ermordet oder vergessen sind. Hitlers Worte würden ins Deutsche übersetzt lauten:»Sie haben uns geholfen, daraus folgt, daß wir sie achten«.— Das ist ein bewußt dargereichter Trugschluß. Statt damit zu prahlen, was eine verblendete, irregeführte Gruppe deutscher Frauen für den Nationalsozi aüamua getan hat, wäre es an der Zeit gewesen, endlich einmal zu bekennen, worin die Gegenleistung des Nationalsozialismus bisher bestand. Aber tausend Frauen wurden brutal aus ihren Berufen gerissen und zu ungewohnter, harter Landarbelt gepreßt; Junglehrerinnen flogen in Maasen aufs Pflaster und machten beruflich minderwertigen alten Kämpfern Platz; das Frauen- stucäum ist jetzt ausschließlich den reichen Töchtern reserviert, die nach bestandenen Prüfungen auf atne Anstellung verzichten können; jene Frauen, die unverheiratet bleiben, sind In Deutschland wieder zum Alt- jungfemschicksal von ehedem verdammt, weil alle weibliche Konkurrenz im Berufsleben als »unerwünscht« gilt.— AH das ist bekannt. Aber als Dankesprämie wurde es bisher von niemandem verstanden. Auch die Prolotarierfrauen, die ihre Kinder schon wieder wie im Kriege hungern sehen, die nicht wissen, womit sie Kartoffeln und Fett, Hülsenfrüchte und Milch bezahlen sollen, sind kein glänzendes Beispiel für che Beglückung der Frau durch den Nationalsozialismus. Mit welchen Leistungen hatte Hitler also aufzuwarten? Was hatte er den Frauen zu sagen? Was er ihnen zu sagen hatte? Nichts! Weniger als nichts! Wenn der ganze Parteitag ein Beweis dafür war, daß man mit den hohlsten und plattesten Phrasen, mit den albernsten und ungeistigsten Nichtigkeiten viele Stunden und Tage totreden kann, so war die Ansprache an die Frauen eine geradezu beleidigende Unterstreichung dieses Beweises. Ueberraschend war an der Tirade nur eines: die Schamlosigkeit, mit der hier an das primitivste, unverhüliteste Sexualgefühl appelliert wurde: »Die Gegenleistung, die der Nationalso- zlaMamus der Frau für ihre Arbeit schenkt, besteht darin, daß er wieder Männer erzieht, wirkliche Männer.« Und er entwarf ein Bild dieser»wirklchen Männer«: »Ich glaube, wenn unsere gesunden, unverdorbenen Frauen in diesen Tagen den Marschkolonnen zugesehen haben, diesen strammen und tadellosen jungen Spatenmännern, wenn sie die jungen Männer gesehen bähen in Home mit blankem Oberkörper, so müssen sie sich sagen: Was wächst hier für ein gesundes herrliches Geschlecht heran! Wenn wir jetzt wieder die allgemeine Wehrpflicht eingeführt haben, so ist das eine wunderbare Erziehung, die wir den kommenden deutschen jungen Generationen angedeihen lassen, ein wunderbares Gesohleoht, das wir in der Hitler-Jugend, in der SA und im Arbeitsdienst heranziehen.« »Stramm und tadeUoo«— das sind Prädikate für Zuchtbullen. Kein Wort über sonstige Qualitäten, die ja bei der Gattung Mensch in der übrigen Welt nicht als unwichtig gelten, kein Wort über geistigen Mut, sittlichen Willen oder gar— menschlicher Güte. »Stramm und tadellos«— damit sollte alles gesagt sein, und damit war wohl auch alles gesagt, was der Führer den Frauen zu sagen hatte. Wahrsoheinlioh waren es im März 1933 mehr Frauen als Männer, die ihre Freiheit und die Freiheit des Volkes wegwarfen, weil sie, von der Krise zermürbt, von der Zeit enttäuscht, im Augenblick nichts damit anzufangen wußten. Man befrage heute die deutsche Frau! Jeder Bericht, jede Kunde von drüben bestätigt dasselbe: wachsender Groll gegen die Teuerung, meuternde Frauen auf Wochenmärkten, Erbitterung über Arbeitslosigkeit und Sklavendienst, Abscheu vor der zunehmenden Verrohung— ein Frauenheer. das der menschlicheren Zeiten vor Hitler mit Sehnsucht gedenkt. Aus Hitlers Rede hörten sie nichts anderes heraus als neue Verhöhnung der Frau. Wie sagte der Kanzler so schön? Ohne die Hilfe der Frauen stände er nicht hier? Und dafür weiß er ihnen keinen anderen Dank als ein Zuchtbullenmäröhen. Wir hoffen, das selbst in dieser durch mancherlei Barbarismen abgehärteten Frauenversammlung nicht wenige schamrot geworden sind. Schopenhauer— illegal Die rebellierende Intelligenz. Ehre Amtaverfügung, die das dumpfe Grollen kämmender länge In Hltlerdeutsch- land erkennen läßt und offenbart, wie über die bisherige passive Resistenz hinaus auch andere als»onarxistisQhe« oder katholische Kreise systematisch jetzt versuchen, der Tyrannei Widerstand entgegenzusetzen, hat in diesen Tagen Reichannenminlster Frick erlassen. Man hat es dem sonst, wenn es darauf ankommt, so verschwiegenen amtlichen Deutschen Nachrichtenbüro zu verdanken, daß sich auch andere Leute, als der»zuständige« Pg. Frick, auf die Mitteilung ihren Vers über die hltlerdeutschen Zustände in der Mitte des Jahres III der Diktatur machen können. Nach Mittellungen des Herrn Reichsinnen- und Te rrorrni n isters mehren sich nämlich auffällig die Fälle, in denen in Deutschland Vereine mit angeblich weltanschaulichen und rein geistigen und kulturellen Zielen begründet werden und sogar dreist genug sind, um ihre Eintragung und behördliche Anerkennung nachzusuchen. Herr Frick sagt, daß es sich da In fast allen Fällen um»staatsfeindliche« Versuche der Organisation in der Tarnform handele. Die Frechlinge gehen sogar noch weiter und schützen den Untertan- sdnn zur Gleichschaltung vor, um von den Nazibehörden Anerkennung angeblich zu diesem Zweck notwendig gewordener Satzungsfestsetzung oder-Aenderung zu erlangen. Auch das seien nur Versuche, um unter der Decke, so sagt Frick,»in harmloser Maske das vom Nationalsozialismus bekämpfte liberale Geistesgut wieder aufleben zu lassen«... Indem man also den Faust Zweiten Teil oder den Zarathustra liest oder mit Schopenhauer die Welt als die schlechteste von allen denkbaren erklärt— womit übrigens der Frankfurter Philosoph, das Dritte Reich wahrscheinlich prophetisch vor einigen fünfzig Jahren erahnend, unbedingt recht hat— rücken sich sicherlich gut bürgerliche Kreise, die es sich noch leisten können, in diesen grimmen Zeiten etwas für ihre Weltanschauung und für den Grafen Kayserling zu tun, gegen den Nazi-Terror in Positur. Man braucht nicht die revolutionäre Mission solcher Klubs zu überschätzen. Wenn aber Friok hier vor einem allgemein auftretenden Phänomen warnt und Herrn Rosenberg als Literatur-Cerberus in diesem Zusammenhang ernennt, der alle solche Vereinsgründungen oder Satzungsangelegenheiten nunmehr im Auftrag des Reichsdnnenministeriumfl zu beschnüffeln hat, dann ist der Schluß auf die innere Stärke des»tausendjährigen Reichs« zwanglos gegeben. Rassensdiändunjv mit Yöramneldiingr Aus dem»Stürmer«: »Eine deutsche Frau braucht»ich den scheelen Blick eines Juden nicht gefallen zu lassen. Denn dieser scheele Blick ist gleichsam die Voranmeldung der Rassenschändung.« Rasseschändung mit Voranmeldung— Sexualität im Stil des Fernsprechverkehr»! Welche Birne Kölner Obsthändler, seine Waren anpreisend: »Deutsche, kauft deutsches Obst. Deutsches Obst ist das beste! Deutsche Birnen sind die weichsten!« Der Mann hatte einen rasenden Absatz. Abessimen Natürlich furchten alle Repressalien Und, wer es braucht, hält tapfer zu Italien. Beim schließlich: Wen geht Aethiopien an? (Doch wen es selbst nach Kolonien gelüstet, Der siebt gelassen, wie man reizt und rüstet Und denkt im stillen höchstens»Immer ran!«) Auch stört« Europas Tugend-Lebenswandel, Daß dort Im Busch noch echter Sklavenhandel. In unseren Zeiten, welche Schand und Schmach! (Daß mancher Kuli zwischen Erz und Kall Noch mehr versklavt, als irgendein Somali, Darüber denkt natürlich keiner nach.) Die Völkerbundsgenossen stehn beklommen; Wie Ist Selasslö nur hereingekommen? Denn, Bunde« mltglied Ist er, Immerhin. (Dl© ihn einst riefen, sind nicht mehr Im Bilde, Doch die entüefen— kultivierte Wilde— Die hätten sie statt seiner gerne drin.) NatürUch l«t Makonnen Ras Tafari Was Bildung anbetrifft, durchaus nicht pari, Weil er nicht lesen, nur regieren mag. (Doch darauf sollte man sich nicht berufen, Auch Europäer gibts auf niedem Stufen. Und schließlich, mein ich, ist Vertrag Vertrag.) Ist er ein Sproß der Königin von Saba So stammen Andre ab von— AU Baba. Und beide haben nichts darzugetan. (Doch hier wie drüben da» Kanonenfutter pocht immer wieder auf die Urgroßmutter. Die Wilden leiden halt an Raseenwahn.) Die Welt entwickelt sich? Wahrhaftig? Glaubt Ihr? Ach nein, der Mensch ist noch das alte Raubtier! Ob er mit Gas kämpft, ob mit Schild und Spieß. Es geht ums Fressen und Gefressen werden. Und ungefährdet ist kein Ort auf Erden. Heut; Ual-Ual, morgen ist»— Paris. Karl Schnog. Der Kunsi-Streldier D-e Judenpogrome läßt der»Führer« von setnam Inümua Streicher leiten. Die Künstler- pogrome leitet er persönlich. Es kommt da nicht nur der Streicher in ihm zum Durch- bruoh, sondern auch der ehemalige Anstreicher; der Haß eines Unkünstlers gegen die Könner wird lebendig. Man kann als Mächtiger wohl die Kunst zertrampeln, wenn man will, aber— das ist das Beruhigende— selbst mit der geballten Macht von sechzig Milho- nen Menschen hinter sich kann der Unkünst- ler sich nicht zum Künstler umschaffen. Nero hat das vergebens erstrebt, und Adolf Hitler vermag es ebensowenig. Der»Führer« besitzt angeblich eine Lieblings o per; er hat sie sich oft vorführen lassen: Wagners»Meistersinger.« Dies Werk läßt den schrankenlosen Individualismus eines begnadeten KüartJer» über Zunft und Regein triumphieren. Nur zum Schein ist die Handlung ins sechzehnte Jahrhundert rückverlegt. In diese Zeit gehören allein die Kulissen und Handwerkerbräuche, gehört vlei- 1 ei cht der biedere Har» Sacü». Der Held Walter Stolzing dagegen ist eine für die Re- formationazeit unmögliche Figur. Er ist der Individualistische Künstle rmonsch, wie ihn in Reinkultur das»liberalistische« neunzehnte Jahrhundert erzeugt hatte: Er ist seinem Genius als einziger Instanz Untertan, ein Herrenmensch, dem in der Kunst nichts als das Gebot seiner irniem Stimme, keine Regel sonst, kedn Gesetz gilt! Für diese Oper schwärmt Adolf Hitler,— und er hat in seiner Nürnberger Rede der künstlerischen Individualität den Vernichtungskrieg angesagt. Die heutigen Walter Stolzings bekamen von ihm eine Flut zügelloser Beschimpfungen an den Kopf geschleudert:»Nichtskönner, Schwindler, Irrsinnige, Kunstbarbaren____ schmutzige Phantasie... perverse Verkommenheit... Unrat... usw. usw.«_ So sieht es mit der Kunstfreundlichkeit des Meistersinger-Schwärmers im Ernstfall aus! So rasch zerblättert der kulturelle Anstrich des Nationalsozialismus! Man kann über die Wiederkehr des Gleichen nachdenkliche Betrachtungen anstellen. Hitler scheint den Juden Ben Akiba bestätigen zu wollen. Wie doch dagewesen, ist sein Gepolter gegen die Kunst!— Deutschland hatte schon einmal einen Mono-marchen, der auf allen Gebieten den ersten Sachverständigen spielte, alles wußte, allen Vorschriften machte, und der in Wahrheit ein blutiger Dilettant, ein arroganter Schwätzer, ein urtedls- loser Phantast war. Wir meinen den kürzlich bei lebendigem Leibe verstorbenen Wilhelm. Dem paßte auch die»janze Richtung« nicht, die Moderne war ihm eine»Rinnsteinkunst.« Es ist wirklich erstaunlich, wie ähnlich durch Byzantinismus zur Uoberhebung aufgestachelte, theatralische Spießbürgernatu- ren einander werden, wenn der gemeinsame Haß des Dilettantentums gegen die ganzen durchbricht! Die abgewiesenen Freier der Muse, die es nur bis zum Aegir-Sänger, bis zum Stuben-Raphael gebracht haben, rächen sich an den glücklicheren Liebhabern. Dreck ist, was die machen! Und dann kommandieren die Herrscher von der Höhe ihrer Macht herab; Die Kunst muß... Die Kunst soll... die Kunst hat...! Armer Walter Stoüing, wie würde« dir unter Adolf Hitler ergangen sein?—»AU diese kubistlschen, dadaistischen, futuristischen, senedtivistisohen, neuen Sachlichkeit». Schwätzer gehören ins Gefängnis oder in» Irrenhau»!« So hat er gesagt. Singe, Walter Stolzing: Mir schwillt die Galle Das Herz mir stockt, Denk ich der Falle, Darein ich gelockt. Fort, in die F r e i h e J t f... Aber deine Freiheit, glücklicher Stolzing, begann von den Toren Nürnbergs. Die Freiheit des deutschen Künstlers von heute beginnt erst jenseits der deutschen Grenzen. Wiederkehr des Gleichen— und doch nicht des Gleichen! Zu Wilhelms Zeiten geh es einen Anton v. Werner, eine SiegesaUäe, einen Lauff, einen Wildenbruch;— aber es gab gleichzeitig eine Sezeaakm, ein Leasingtheater mit Brahm, ein Deutsches Theater mit Reinhardt. Wilhelm mußte sogar den Fir�ng(jer>RInn- steinkunst« In»seine« Nationalgalerle unter Tschudi erleben. Heute sieht man allein auf weiter Flur den Jobst, Lauff und Revolverlauf zugleich des Dritten Reichs, sonst nur, was noch darunter ist. Echte Kunst, sofern sie noch existiert, ist üh UtiMsUt jfihd Ade Heute im Zeitalter der Dtktatorenboeb- zeiten und der zwölfzyUndrigen Merced ae- korruption wird der ataunenden Welt gezeigt, wie die Diktatur das Volk auapowert und ihren onerschopteUchen Segen über Jene Begnadeten ausschüttet, die zur herrschenden Clique zählen. Von den unterschlagenen und verpraßten Winterhilf agel dem und den Saufgelagen der uniformierten Kleinbonzen führt ein gerader Weg zu den Luxusvillen, Jagdschläasem und ehrenhalber geschenkten Rittergütern der Großen. Um so grotesker wirkt das Rüpelspiel, das die Parteigänger des heutigen Regimes vierzehn Jahre hindurch aufgeführt haben, um die kindlich saubere und ordentliche Weimarer Republik zu unterhöhlen. Eine der rüpeligsten Szenen aus diesem Spiel soll hier mit- 1 geteilt werden. Eis ist unendlidh viel aus Ihr zu lernen. Im Jahre 1921— also in der Zeit, die es angeblich am besten mit den»vollgefrease- nen marxistischen Bonzen« meinte— regierte in einem kleinen deutschen Freistaat ein rein sozialistisch es Ministerium. Eis stützte sich auf eine von den Unabhängigen und den Rechtssozial isten gebildete parlamentarische Mehrheit. Kurz nach dem Erzbergermord führte diese Regierung einige energische Maßnahmen durch. Um die Republik zu festigen, erklärte sie den neunten November zum gesetzlichen Feiertag. Um die Reaktion zu schwächen, warf sie vierundfünfzig verfaasungsfelndllche Polizeibeamte aus der Schutzpolizei hinaus. Um die öffentliche Sicherheit und Ordnung aufrechtzuerhalten, verbot sie eine reaktionäre Zeitung. Für wielange? Für acht Tage natürlich. Weniger wäre allzu lächerlich, mehr allzu undemokratisch gewesen. Diese drei Regierungstaten veranlaßten die zum Bürgerblock geeinigten Rechtsparteien, laut übei den Terror der roten Minister zu schreien und stürmisch nach wahrer Demokratie und nach Rache zu verlangen. — Diese marxistische Terrorregierung muß gestürzt werden!— beschloß man. Aber wie ist das zu bewerkstelligen? Sie verfügt über die Mehrheit im Parlament. Was heißt hier Mehrheit? Wozu hat man eine demokratische Republik, wenn es nicht einmal möglich sein soll, sie mit ihren eigenen Mitteln zu schlagen? Und man stammite ein vieltönlges K o r- roptlonsgeschrei an. — Die roten Minister reisen im Lande herum, statt ihre proletarischen Hinterteile an die vornehmen Mi nisters easel zu gewöhnen und die Dinge an sich herankommen zu lassen. Sie benützen zu Ihren Reisen die Automobile, der Schutzpohzod. Das ist Weimarer Korruption in Reinkultur.— Man schickte einen dickbäuchigen Deutsch- Von Jdbaam nattooeleo anf die Rednertribüne. Der donnerte los. >Der Podizedminisber sdl neulich die Schutzpolizei in Dresden besichtigt haben, statt im Lande zu hledbesn und Kartoffel de- mooatr&tionen zu verhüten. Des nennt man nun regieren! Aber noch schlimmer: Der Minister soll sogar im Auto der Schutzpolizei gefahren sein! Noch viel schlimmer; Nach glaubwürdigen Berichten soll er neben zwei Polizeioffizieren seine Frau(!!!) und obendrein auch noch einen persönlichen Freund (!!!) mit nach Dresden genommen haben. Und am allersohl immeten: Unterwegs soll nach den Behauptungen von Augenzeugen sogar Kaffee— was sage ich, Kaffee?— nein, sogar Kognak getrunken worden sein! Außerdem soll der Minister auf solchen Fahrten öffentliche Volksversammlungen für seine Partei gehalten haben. Und einmal habe der Chauffeur des Ministers ganz und gar einen Hund totgefahren. Einer solchen Regierung müsse man. im Interesse der Demokratie das Vertrauen entziehen.« Das alles spielte sich in der 10 6. Sitzung des Braunsch weiglscfaen Landtages vom 12. November 1921 ab. Anschließend wurde der totgefahrene Hund im wahrsten Sinne des Wortes tagelang über das blankgeputzte Parlamentsparkett gezerrt. Die sozialistischen Parteien wehrten sich empört. Der Minister gab sachlich jede gewünschte Auskunft. Ja, er habe In Dresden die Schutzpolizei besichtigt, um Erfahrungen für die Modernisierung der eigenen Einrichtungen zu sammeln. Ja, mit seiner Frau sei er verheiratet, und es sei richtig, daß sie mitgefahren sei. Jawohl, ein Hund sei auch totgefahren worden. Aber sein Chauffeur habe Keine Schuld gehabt. Drei, vier, fünf Tage lang legen die keifenden Reaktionäre im Plenum ihre fettigen Finger in diese»offene Wunde weimarischer Korruption«. Die Demokraten tun mit und beklagen, daß die Minister In sechzehnmona- tiger Regierungstätigkeit insgesamt zweitausend(wirklich: zweitausend! Die Red.) Goldmark aus deh Staatskasse für Reise- und Tagegelder verbraucht haben. Zwar wird trotz allen Geschreis ein Miß- trauensantrag der Rechten abgelehnt. Aber der Kampf geht weiter. Mit Hilfe eines von den Unabhängigen zu den Völkischen übergewechselten Renegaten wird solange Stunk im Parlament und in der Oeffentlichkeit gemacht, bis die beiden sozialistischen Fraktionen vor Zorn auf den Tisch des Hauses schlagen und beschließen, gemeinsam mit den Rechtsparteien einen paritätischen parlamentarischen Untersuchungsaus- schuß gegen— ihren eigenen Polizelmini- ster einzusetzen. Der neunköpfige Ausschuß wurde gebildet und tagte während des ganzen Monats April im Jahre 1922. In vierzehn öffentlichen Sitzungen machte er nicht nur eine arbeitsfähige und arbeitswillige Regierung, sondern das ganze parlamentarische System zum Gaudium für alle Klatschbasen und Gassenjungen. Eifrig und schweißtriefend stellten die Ausschußmitglieder folgendes fest; 1. Der Polizeiminister ist Auto gefahren. 2. Einmal ist er sogar nach Dresden gefahren. 3. Er hat zwei Polizeioffiziere, seine Frau und außerdem einen persönlichen Freund mitgenommen. 4. Der Minister hat die Einrichtungen der Schutzpolizei besichtigt. Aber nach Dienstschluß hat er sich mit seiner Begleitung zu der eine halbe Autostunde entfernten Bastei fahren lassen. 5. Auf dem Rückwege ist die Fahrt nicht über Halberstadt, sondern Uber Schierke gegangen. 6. In Schierke ist der Minister mit seiner Begleitung von befreundeten Besitzern eines Sanatoriums zum Kaffee eingeladen worden. 7. Es wurde außer dem Kaffee auch etwas anderes getrunken und in Schierke übernachtet. 8. Der Minister hat das Dienstauto benutzt, um zu Versammlungen zu fahren, in denen er parteiische Reden gehalten hat. 9. Bei einer solchen Fahrt wurde der Hund eines Kriegsinvaliden überfahren. 10. Den Brennstoff bat der Minister in diesem Falle aus seiner eigenen Tasche bezahlt. 11. Den Hund ebenfalls. Wir setzen nun einen winzigen Auszug aus dem Verhandlungsprotokoll des Untersuchungsausschusses hierher. E5r ist überwältigend. Vorsitzender: Herr Minister, wie war das mit der Fährt nach der Bastei? Minister: Wir benutzten das Auto, weil es für die große Gesellschaft billiger war als die Elisenbahn. In Dresden habe ich die Besichtigung der Polizeibezirke vorgenommen. Nachdem die Dienststellen geschlossen waren, sind wir zur Bastei gefahren und dann über den Harz zurückgekommen. Vorsitzender: Warum ist Ihre Frau mitgefahren? Minister: Die Frau des Ministerpräsidenten hat ihr zugeredet. Vorsitzender: Und Herr L.? Der Herr ist doch Friseur? Was sollte er denn dabei? Abgeordneter O.: Vielleicht sollte er die Herren unterwegs rasieren? Minister: Er ist mein Freund. Und es war noch ein Platz Im Wagen frei. Abgeordneter B.: Wie weit ist es denn von Dresden nach der Bastei? Minister: Wir sind ungefähr zwanzig Minuten gefahren. Abgeordneter H.; Warum sind Sie von Halle über den Harz gefahren? Das ist doch ein Umweg. Minister: Das glaube ich nicht. Vorsitzender: Und was haben Sie in Schierke gemacht? Minister: Meine Absicht war, nur eine Tasse Kaffee zu trinken und dann weiter zu fahren. Wir wurden aber eingeladen, noch einige Stunden Gäste der Herren zu sein. Vorsitzender; Ist dabei abstinent gelebt worden? Oder war es feucht? Minister; Es waren zwanzig: Personen anwesend. Die gesamte Zeche für Eissen und Trinken bat ungefähr 150 Goldmark betragen. Vorsitzender; Haben Sie tfie Uebernachtung bezahlt? Minister: Aber nein! Wir waren doch Gäste. Vorsitzender; Durften Sie denn solche Einladungen annehmen? Minister: Ich bin mit den Herren befreundet. Dienstlich habe ich nichts mit ihnen zu tun. Abgeordneter H.; Wurde in Schierke auch getanzt? Minister: Was man so tanzen nennt. Man hat sich in dem kleinen Raum ein wenig hin und her bewegt. Abgeordneter H.: Aha! Also nach Ihrer Meinung war diese Bewegung keine Tanzbewegung. Abgeordneter R.; Eis muß Ihnen aber doch aufgefallen sein, Herr Minister, daß Sie da einen kolossalen Umweg gemacht haben. Vorsitzender; Und wie war es mit der Fahrt nach M.? Minister: Die Fahrt ging an einem Sonntag vor sich. Sie hatte dienstlichen Charakter. Der Gemeindevorsteher brauchte meinen Fiat zur Gründung einer Domänengen osaensebaft. Abgeordneter H.: Ist der Gemeindevorsteher Ihr Parteigenosse? Minister: Eis muß mir doch unbenommen bleiben, Leuten, die sich an mich wenden, mit Rat und Tat zur Seite zu steheu. Vorsitzender: Und bei dieser Fahrt geschah die Sache mit dem Hund? Minister: Eis ist richtig, daß mein Chauffeur einen Hund totgefahren hat. Vorsitzender: Oer Besitzer de« Hundes soll aber Kriegsinvalide sein und Sie sollen ihn angeschnauzt haben. Minister: Das letzte stimmt nicht. Ich habe mich bereit erklärt, den Hund zu bezahlen. Abgeordneter B.: Sie sagen. Sie haben den Brennstoff bezahlt. Aber bei solchen Fahrten geht doch auch Gummi drauf!... (Hüne Zeugin wird vernommen.) Vorsitzender; FTau Major K., Sie haben mit Ihrem Manne an einer Fahrt nach K. teilgenommen? Frau K.; Jawohl. Abgeordneter B.; Was haben Sie denn da gemacht? Frau K.: Gegessen. Abgeordneter B.: Was wurde denn da getrunken? Kaffee? Frau K.; Vielleicht auch ein wenig Bier und Kognak. Abgeordneter R.: Und sonst? Vorsitzender: Das war doch aber ein teueres Butterbrot, wenn man erst soweit darum fährt? Frau K.:(zuckt die Achseln...) Vorsitzender: Worüber haben die Herren sich denn unterhalten?... In diesem Tone also gingen die Verhandlungen einen ganzen Monat hindurch. Eis wurde geschnüffelt, verdächtigt, beleidigt und konstruiert. Kein Fältchen des Privatlebens der sozialistischen Minister wurde geschont, ohne daß man etwas fand. Als sich der Vorhang über diesem Akt des reaktionären Satirspiels senkte, blieben der Polizeiminister und eine Reihe höherer republikanischer Polizeioffiziere auf der Strecke. Sie waren durch die wochenlange Hätz in der Oeffentlichkeit unmöglich gemacht worden. Treiber und Hetzer in diesem Spiele waren unsichtbar, ist von der Büdfläche fortgetfogt. Hitler hat in seiner Rode auch etwas vernünftig es gesagt: Man kann nicht, sagte er, eine Oper beliebige Zeit schließen und dann auf dem alten hohen Niveau wieder zu spielen anfangen.— Er hat leider den Sinn der eigenen Worte nicht begriffen: Das deutsche Kunsthaus steht seit zweieinhalb Jahren geschlossen. Wird es nicht bald, sehr bald wieder eröffnet, so kann man der deutschen Kunst einen Untergang voraussagen, der kaum hinter der Katastrophe des siebzehnten Jahrhunderts Burückatehem wird.—»Veraungen und vertan!« Julius Civilis Die Sdiwanengesange der»Katakombe« Ein Berliner Schauspieler, der jetzt emigriert ist, schreibt uns: »Schon in Berlin hatte ich erfahren, daß Werner Fink, der Conferencier des bekannten Kabaretts»Katakombe«, In Schutzhaft genommen und In«in Konzentrationslager gebracht wurde. Dort ist er nach meinen Informationen mit einigen Kollegen heute noch. Ihnen und anderen sind vielleicht die Gründe der plötzlichen Verhaftung unbekannt. Der Zufall wollte, daß ich einer Vorstellung des Kabaretts zwei Tage vorher beiwohnte. Ich habe den Mut meiner Kollegen herzhaft bewundert, aber mir schwante an diesem Abend, der sich vor einem überfüllten und höchst angeregten Hause vollzog, bereits Unheil. Werner Fink betrat das Podium mit diesem Gruß:»Heil Hitler! Guten Abend für die übrigen 98 Prozent!« Stürmische Heiterkeit, brausendes Händeklatschen, woran sich durchweg unverfälschte Arier beteiligten, denen der Sinn für Humor und Selbstironie noch nicht abhanden gekommen war. Später erzählte Fink seinen Hörern eine kleine Geschichte:»Ja wissen Sie, früher, da gab es große Männer, Napoleon, Friedrich der Große, Goethe. Bismarck. Ja, über die konnte man viel schreiben. Aber jetzt, wissen Sie, jetzt...« Werner Fink verließ langsam und traurig die Szene, kehrte dann aber plötzlich zurück und rief ins Füblikum;»Aber schö— ö— ö— n wärs!« Alles klatschte, alles hatte verstanden. Da kommt ein heftig zischender Zuruf aus dem Publikum:»Sie unverschämter Juden- lümmel!« Darauf Fink:»Was wollen Sie denn? Ich bin gar kein Jude Ich sehe bloß so intelligent aus.« Zwei kleine Sketchs gab es noch. Zuerst eine Episode beim Zahnarzt. Der Mann mit der Zange steht hilflos vor dem Patienten, der trotz aller Bitten und Beschwörungen den Mund nicht aufmacht. Endlich sagt der Patient kläglich:»Aber wie können Sie von mir verlangen, daß ich den Mund aufmachen soll! Ich kenne Sie doch gar nicht.« Die Schlußszene war noch viel wirksamer. Kaiser Barbarossa sitzt mit Krone und Bart, der lang über den Tisch wallt, düster dräuend da. Die Aufgabe ist, den schwermütigen Kaiser zum Lachen zu bringen. SälntUche Künstler des Abends bemühen sich.'Eis wird gesungen und getanzt— nichts rührt den Finsteren. Schon will alles resultatlos die Requisiten zusammenpacken, da sagt Werner Fink tiefernst;»W issen Sie schon, mein Kaiser, daß soeben in Deutschland ein künstlerisch wertvoller Film hergestellt worden ist?« Daraufhin erfolgt eine wahrhafte Lachkatastrophe de« Kaisers. Sein Bart fällt ihm ab, die Krone rollt auf die Erde, er scheint Lachmaterial für die nächsten tausend Jahre zu besitzen. Vorher gab Werner Fink die Pausenansage.»Jetzt, meine Herrschaften, fünfzehn Minuten Pause. Sollte ich dann nicht wiedererscheinen, dann wissen Sie... wo ich bin!« Es gab ein minutenlanges Beifallsgebrause. Zwei Tage später wußten wir, wie genau Fink sein und seiner Kameraden Schicksal vorausgesagt hatte.« H. Was ist»edit liidisdi« Authentische Auskunft der Reichsärzteführer. In Montreux(Schweiz) soll jetzt eine Internationale Medizinische Woche stattfinden. Die Veranstaltung ist an eine lange und angesehene Tradition in der ärztlichen Berufswelt aller Länder gebunden. Das Sekretariat dieser»Woche« wird von dem maßgebenden ärztlichen Fachblatt »Schweizerische Medizinische Wochenschrift« mit besorgt Die hat aber nun kürzlich einen Artikel des berühmten Wiener Physiologen Julius Bauer gebracht, der sich— sehr vorsichtig formuliert!— gegen»gefährliche Scblagworte auf dem Gebiet der Erbbiologie« wandte und u. a. Begriffe wie»nordische Rasse«,»Raseereinheit«,»Ras- senmischung« als aus der Luft gegriffene und nebulose Hirngespinste einiger geistiger Führer einer politischen Partei bezeichnet, die keine wissenschaftlichen Tatsachen vortäuschen könnten. Immerhin ist der braune � Reichsärzteführer« im Hitlerreich krebsrot vor nordischem Zorn geworden, als er dies las. Und so müssen jetzt die armen untertänigen deutschen Fachblätter seine Erklärung bringen, daß es jedem deutschen Arzt wegen der Würde seines Landes selbstverständlich(!) unmöglich sei, an der Montreux-Woche teilzunehmen.« Zur Ehre der deutschen Fachblätter sei es vermerkt: Sie vollziehen diesen für sie so beschämenden Abdruck hinter und unter einem dritten Strich. Aber durch den Reichsärzteführer Wagner erfährt nun auch endlich einmal bei dieser Gelegenheit die staunende Mitwelt, was eigentlich»echt jüdisch« ist. Wagner sagt; »Der Aufsatz(des Professors Bauer nämlich) schließt mit der echt Jüdischen Forderung:»Die Wissenschaft und damit die Wahrheit kann niemals national, sie kann immer nur international, menschheitsgebunden und daher immer nur unpolitisch sein.« Da ist es also heraus.... Wenn wir nicht irren, haben das bisher zwar so ziemlich alle großen Deutsche, sogar In besserer und wirkungsvollerer Formulierung als der Bauerschen gesagt. Sollte Herr Pg. Wagner etwa wissen, daß es deutsene Dichter und Denker namens Herder, Lessing oder Goethe— neben Bai dur von Schi räch allerdings— gegeben hat, so kann er aus dieser billig in Volksausgabe zu beziehenden Klassiker-Bibliothek sich belehren lassen, was früher in Quarta geschah. Eis bleibt also: Nunmehr weiß endlich die Welt, was»echt jüdisch« ist. Und was aber noch merkwürdiger bleibt: ein Kerl namens Wagner, der als»Reichsärzteführer« dermaßen seine Nation und sein Vaterland dem Lächerlichen preisgeben darf. Ein neuer Kriegssdiredken jene, die sich heut« vor Begeisterung im Kote wälzen, wenn ihnen erlaubt wird, eine der korrupten Lichtgestalten des Dritten Reiches zu schauen. Die Weimarer Republik hat vielleicht In ihrem übertriebenen Reinlichkeitsgefühl den Gegnern zuviel Möglichkeiten geboten, Republikaner mit Schmutz zu bewerfen. Aber sie ist hunderttausendmal sauberer und{inständiger gewesen als das Dritte Reich, der stinkende Pfuhl brauner Korruption! Was ist die deutsdie Arbeitsfront? Diese Fragestellung beantwortet das Organ der Bergurbeiter vom 14. September, indem es die Entacheddungsgründe eines Berliner Arbeitagerichtsurtedles bekannt gibt. Der eigentliche Gegenstand des Prozesses wird nicht behandelt, da offenbar Angestellte der DAF gegen die Arbeitsfront in ihrer Eigenschaft als Arbeitgeber geklagt hatten. Das Arbeitsgericht hat die Kläger abgewiesen, da die DAF nicht unter die im 5 1 des Gesetzes zur Ordnung der Arbeit in öffentlichen Betrieben und Verwaltungen aufgezählten Betriebe fällt. »Ihr Ziel ist«, so faselt ein deutsches Gericht befehlsmäßig,»die Bildung einer wahren Volksgemeinschaft, die Beseitigung des klaasenkämpferischen Gedankens und die Sicherung des Arbeitsfriedens In den Betrieben. also die Durchführung einer der hervorragendsten Aufgaben des nationalsozialistischen Staates.« Den reinen Parteicharakter der Arbeitsfront unterstreioht das Urteil, in dam das Arbeitsgericht ausspricht, daß whe DAF formalrech tlich ein der NSDAP angeschlossener Verband ist«. Dieses Parteünstrument hat zwar, wie hervorgehoben wird, die Beisitzer zu den Arbeitsgerichten vorzuschlagen, ebenso die Prozeßvertreter, aber die Angestellten der Arbeitsfront können gegen ihren Arbeitgeber keinerlei Rechtsansprüche geltend machen. Zum Beweis für ihre Rechtlosigkeit sagt das Arbeitsgericht den Angestellten;»Die DAF hat keinen Vertrauens rat.« Sie kann also in keinem Fall als ein Betrieb angesehen werden, der unter das Gesetz zur Ordnung der nationalen Arbeit fällt. Diese vom Gericht gemachten Ausführungen werden vom»Deutschen Bergbau« begrüßt,»weil sie noch manche bestehende Unklarheit beseitigen helfen.« Es herrscht raun Klarheit Die Arbeitsfront ist zwar eine der Versorgungsanstalten für gefügige Nazialiwärter. Wer es aber wagt arbeitsreohtliche Ansprüche geltend machen zu wollen, wird belehrt, daß er in seiner Eigenschaft als Arbeitnehmer außerhalb des Gesetzes im Dritten Reiche steht. Das ist die Deutsche Arbeitsfront laut Entscheidung des Arbeitsgeriohta Berlin. Immer noch Klassenkampf Die Zeitschrift»Der Rubra rbeiter« muß sich unter dem Druck der Massen auch mit der brennenden Frage der Preissteigerung in Verbindung mit dem Lohnabbau befassen. Sie wagt es zwar nicht, die Versprechungen "riolf Hitlers zu zitieren, aber sie klagt: »Wenn die Dinge so weiter treiben, daß uf der einen Seite sich die Preise erhöhen, ■ uf der anderen Seite sich unverantwortliche demente herausnehmen, die Löhne za driik- ;6n, dann wird eines Tages der Zeitpunkt � reicht sein, den man als sozial höchst ge- ährlich bezeichnein müßte.., Alle* Volksgenoasen, die heute die berechtigten An- jprüche der bei ihnen Beschäftigten zu drücken versuchen, treiben nichts anderes, als Klassenkampf.« Die Deutsche Arbeitsfront, die sog.»Gemeinschaft aller schaffenden Deutschen« ist das Instrument der Besitzenden im Klassenkampf von oben, alles übrige ist Schwindel. Wenn Adolf Hitler aber glaubt, im Kampf gegen die Arbeiterschaft die»unzulängliche Bürokratie« nunmehr durch den verschärften Naziterror ersetzen zu müssen und dazu jedem Marxistenmörder in Nürnberg einen Freibrief des obersten Führers ausgestellt hat, so kann die Arbeltsfront damit nicht gerettet werden. Die deutschen Arbeiter haben keine Lust»im Laufe der Zeit vergessen zu werden«, noch haben sie die Bedeutung ihrer solidarischen Organisationskraft vergessen. Was Interessiert den Arbeiter? Zur besseren»Erziehung« behandelt die reorganisierte Arbeitsfrontprease nur noch fachtechnische Berufsfragen, Nazipropaganda und das Arbeiterelend in Sowjetrußland. Die Reden Hitlers, die Uniformen Gö rings, die Judenhetze Streichers, die neuheidnische Weltanschauung Rosenbergs, und die Raasentheorie scheinen aber nicht mehr vom Interesse an der eigentlichen Arbeiterfrage ablenken zu können. So kann der»Ruhrarbeiter«, das amtliche Organ der Deutschen Arbeitefront des rheialsch- Mitte August 1935 meldete»United Preß« aus London: Einen epochemachenden Fortschritt in der Luftfahrt kündigt der»Daily Herald« an. Er schreibt, daß die Bristol Aircraft Company in nächster Zeit ein Flugzeug herausbringen wird, bei dem Motoren- und Propellergeräusch bis auf ein kaum hörbares Summen herabgemindert werden. Der neue lautlose Motor führt den Namen Radio-Aero-Motor. Er soll die geräuschloseste Maschine sein, die je in ein Flugzeug eingebaut wurde. Die Versuche zur Konstruktion dieses Motors seien schon vor zehn Jahren begonnen worden. Aber erst jetzt sei die Firma in der Lage, die Herstellung auf kommerzieller Basis in Angriff zu nehmen. Man wird wohl kaum irren, wenn man die Redowendung von der»kommerziellen Basis« aus dem letzten Satz dieser Meldung damit übersetzt, daß es der Firma erst in letzter Zeit gelungen ist, das englische Luftfahrtministe rium ernstlich dafür zu interessieren. Sogar den genauen Zeitpunkt des erhöhten Interesses der englischen Regierung kann man aus dem»Daily Herald« selbst bestimmen. Dieser berichtete am 13. Oktober 1934 in einer Darstellung der deutschen Luftrüstungen, daß es deutschen Ingenieuren gelungen sei, ein geräuschloses Flugzeug zu erfinden. Die Uebungen dieses Flugzeuges konnte man im Herbst letzten Jahres täglich bei Kottbus beobachten. Die geräuschlose Flugmaschine war stets von einer normalen zweiten begleitet, um die neue Erfindung zu tarnen. Eis ist durchaus möglich, daß diese lautlose deutsche Flugmaschine mit anderen Methoden unhörbar gemacht war, als die neue englische. Warum hier nicht einfach eine Erfindung helfen kann, sondern nur eine Summe langwieriger kleiner Verbesserungen, werden wir sogleich erkennen. Das Flugzeug ist nicht so einfach wie feine Posaune zum Schweigen zu bringen. Eäne Flugmaschine ist eine große komplizierte Anlage mit mehreren Lärmquellen. An ihr sind die Schallerzeuger der knatternde Auspuff am Motor, der dröhnende Propeller und dann noch die Flügel und Rumpfteile im rauschenden Strömwind. Am schwersten kann man dem dröhnenden Propeller zu Leibe rücken. Am leichtesten kann man Dämpfungserfolge an der Hauptlärmquelle, am Motor, erzielen. Wir kennen schon lange Motoren in den teuren LuxusautomobUen, die beim Fahren nichts als ein dumpfes Brummen von sich geben. Bei diesen Motoren konnte man durch eine größere Anzahl der Zylinder und durch große Umdrehungszahlen der Kurbelwelle den Inhalt des einzelnen Zylinders so verkleinern, daß die rasche Folge kleiner, westfälischen Industriegebiets(3. Augustnummer) nicht länger darauf verzichten, in seinem Leitartikel die FYage zu erörtern, Haß die »populären Fragen andere, als die vorstehend erwähnten sein müßten.»Populäre ITragen«, so schreibt»Der Ruhrarbeiter«, sind; Wie steht es mit der Verschuldung des nationalsozialistischen Staates? Wo bleibt der Sozialismus? Warum sind die Löhne so schlecht?« Wenn schon ein Organ der Arbeitsfront solch klas- senkämpfensche Gedanken entwickelt, wie faul muß es um die Volksgemeinschaft Im Dritten Reich bestellt sein! Die Lüge vom Tariflohn Emen faustdick aufgelegten Schwindel leistet sich die Arbeitsfrontprease in den letzten Wochen, indem sie von einer Entscheidung des Reichsarbeitsgerichts erzählt, wonach der Verzicht auf Tariflohn rechtsunwirksam Ist. Es kann dem RA nicht unbekannt geblieben sein, daß im Dritten Reich über- AtUoHcc T-ca�xis e 101, Bd. Raspail, Paris(VIe) Kurse für die praktische Erlernung der französischen Sprache Im Oktober: X. Tagesunterricht— praktischer Unterricht; 15 Stunden in der Woche; 32 Vorträge; 10 Führungen durch Paris und Umgebung mit Vorträgen. Der Kurs bei trag beträgt monatlich 18« FV. 2. Abendunterricht— täglich außer Sonnabend und Sonntag. Der Mittwoch ist in der Regel der Erlernung der Handelssprache vorbehalten. Der Kursbeitrag beträgt monatlich 100 Fr., für 5 Monate 350 Francs. Auskunft erteilt der Direktor der Schule, Herr Robert Dupouey. Ing. Kurt Doberer: Explosionen zu einem Geräusch gemacht werden konnte, das nach dem Passieren eines guten Schalldämpfers im Auspuff, eben dieses Brummen wurde. Dieser Weg führt aber zu einer Ueberhöhung des Motorgewichtes und zu einer Ueberkomplizierung des Motors, Dinge, die gegen elementare Grundregeln Im Flugzeugbau verstoßen. Wie weit die englische Bristol Aircraft Company diese Klippen umschifft hat, das kann man nicht an einem Flugzeug beurteilen, das erst»in naher Zukunft« herausgebracht werden soll. Neben diesen englischen Versuchen mit lautlosem Flugzeugmotor gibt es einen Weg, der von Anfang an schon rein theoretisch bessere Erfolge verspricht. Diesen Weg führt der auspufflose Dampfflugmotor. Im Frühjahr 1933 wurde in Amerika eine solche neuartige Dampfmaschine von achtzig Kilogramm Gewicht und 150 PS Leistung in einem normalen Standard-Trave- lair-Doppeldecker eingebaut. Bei der Vorführung über dem Flugplatz Oakland flog die Maschine überhaupt ohne jeden Auspufflärm. Eis war nur das Ratischen des Propellers und der FlugzeugteUe zu hören. Im Herbst desselben Jahres erwarben einige deutsche Großfirmen die Ausführungsrechte eines solchen Dampfmotors von einer amerikanischen Gesellschaft. Im Mai 1934 wurde durch die Berliner Spionageaffäre des polnischen Rittmeisters Sosnowski bekannt, daß die Deutschen bereits einen Schritt weiter gegangen sind. Deutschland baut schwere Nachtbomber mit einer Spezial-Dampfturbine, die ebenfalls geräuschlos arbeitet. Gegen diese grundsätzlichen Lösungen bleibt der Anbau eines Schalldämpfers an den Auspuff normaler Benzinmotoren nur halbe Arbeit. Dafür ist der Schalldämpfer aber keine problematische Neuerung, sondern ein Produkt jahrzehntelanger Erfahrung, das ohne besonders große Kosten angebaut werden kann. Auch alle Autos und Motorräder müssen je nach den Vorschriften der Verkehrspolizei mit einem Schalldämpfer versehen sein. Diese Schalldämpfer in den Auspufftöpfen der Motore bestehen aus den verschiedensten Konstruktionen von Labyrinthen und Schneckengängen. Ihr Grundprinzip ist, zu verhindern, daß sich die vom Zylinder ausgestoßenen Gase an der freien Luft ausdehnen und so den starken Knall hervorrufen. Die Abgase winden sich in den Auspuiftöp- fec durch die Schueckengänge und werden so langsam entspannt. Da aber der Motor um so besser arbeitet, je rascher er die Abgase an die Luft stoßen kann, so darf natürlich diese Schalldämpfung nicht so weit getrieben werden, daß sie einen wesentlichen haupt keine r e c h ts wi r k s am q n Tarifverträge mehr bestehen, sondern die angeblichen Mindestlöhne,«he hier »geschützt« werden sollen, sind in»Tarifordnungen« vom Treuhänder diktiert. Nach dem Existenzminimum des Arbeiters wird überhaupt nicht gefragt. Im neudeutschen Arbeitsrecht dominiert der Eänzelarbei tsvertrag, das ist das Lohndiktat des Unternehmers. Die Unternehmer sind ermächtigt in den Betriebsordnungen— Werktarife— nach eigenem Ermessen Löhne festzusetzen. Nur soweit es die Konkurrenzbedingungen der einzelnen Betriebe als zweckmäßig erscheinen lassen, erläßt der Treuhänder im Einvernehmen mit den Unternehmern sog. Tarifordnungen für bestimmte Gebiete. Diese Tarifordnungen, die genau das Gegenteil einer kollektiven Lohnvereinbarung darstellen, setzen jeweils die niedrigsten Löhne fest. Die Unternehmer nutzen ihre Vollmachten reichlich aus, um bei der Festsetzung dieser»Tarifordnungen« wahre Elendslöhne'herauszupressen, die der Leistungsfähigkeit der schwächsten Betriebe entsprechen. Diese sog. »Tariflöhne« liegen teils unter den Unterstützungssätzen der Arbeitslosen. Das Reichsarbeitsgericht aber schämt sich nicht, von »rechtsverbindlichen Tariflöhnen« zu sprechen, indem es durch sein Urteil zur Stabilisierung des furchtbarsten Elends beträgt. In den Entscheddungagriinden, wonach eine dem Gefolgsmann ungünstigere Lohnfestsetzung nicht mehr zulässig sein solj, wird aber noch zum Trost der Unternehmer eingefügt. »NotfaUs üft der Betriebaführer Jederzeit in der Lage-beim Treuhänder der Arbeit die Herausnahme seines Betriebes aus der Tarifordnung zu beantragen.« Die Rechtsberatungsstellen haben diesen Prozeß bis zur Revisionsinstanz durchgeführt,»weil die DAF zur Fortentwicklung des neuen deutschen Arbeitsrechts durch Kraftverlust im Motor hervorruft. Man kann aber im Flugzeugbau durch Konstruktion von speziellen großen und leichten Schall- dämpfem allzu merkbaren Verlusten aus dem Wege gehen. Deshalb tauchen neuerdings doch überall Schalldämpfer an Kriegsmaschinen auf. Schon im Jahre 1932 wurden in den Vereinigten Staaten solche Spezial-Schalldämpfer an Flugmotoren ausprobiert,- Man will damit das Motorgeräusch um siebzig Prozent verringert haben. Im letzten Katalog der englischen Waffenfabrik Armstrong& Vik- k e r s gibt es solche Geräuschdämpfer für Flugzeumotoren, die den Auspufflärm auf ein Fünftel der normalen Stärke herabsetzen. Dazu hat die englische Regierung in diesem Frühjahr beschlossen, ihre sämtlichen Nachtbomber mit Geräuschdämpfern auszurüsten. Ein solches Flugzeug soll schon in achthundert Meter Höhe nicht mehr gehört werden. Außer allen diesen Möglichkeiten, sieht man in Deutschland noch einen interessanten anderen Weg. Wenn man die Schallschwingungen von zwei Orgelpfeifen, vom gleichen Ton, so zueinander führt, daß sie genau im Abstand von einer halben Wellenlänge, also immer Wellenberg zu Wellental, aufeinandertreffen, dann heben sich die Schallschwingungen gegenseitig auf. Die Pfeifen bleiben stumm. Führt man nun in gleicher Weise den Auspuffschall des Flugmotors mit Rohren verschiedener Länge aneinander, so muß der eine Zyliinder das Knattern des anderen durch Interferenz dämpfen können. Die Schwierigkeit besteht darin, daß es sich nicht um einen gleichzeitigen Knall, sondern um mehrere aufeinanderfolgende handelt. Zudem ist ein Knall ein komplizierteres Gebüde, als ein Pfeifenton. Das wesentliche an dieser Interferenzmethode ist, daß sie auch einen Weg für die Bekämpfung des Propellerlärms öffnet. Man will das Auslöschen der Lärmschwingungen durch vierflügellge Propeller erreichen, deren einzelne Flügel in bestimmten Winkeln zueinander stehen. Wahrscheinlich gehen die Propellerversuche, die das englische Luftfahrtministerium hei Farmburrow unternimmt, in derselben Richtung. Gegenüber dem Motorgeknatter und dem Propellerlärm treten die Strömgeräusche am Rumpf und den Flügeln ganz zurück. Durch das Bestreben, allen Flugzeugeinzeltellen Stromlinienform zu geben, um die Fluggeschwindigkeit zu heben, werden überdies die Strömgeräusche automatisch mehr und mehr verringert. höchstrichterliche Rechtsprechung beitragen will.« So sieht ein»Erfolg« der Arbeitsfront aus. wortlicher Redakteur: Wenzel Horn; Druck:»Graphia«; alle in Karlsbad. Zeltungstarif bew. m. P. D. ZI. 159.334/Vn-1933. Printed in Czecho-Slovakia. Der»Neue Vorwärts« kostet Im Einzel- verkaut innerhalb der CSR. Kö 1.40(für ein Quartal bei freier Zustellung Kö 18.—). Preis der Einzelnummer Im Ausland Kö 2.—(Kö 24.— für das Quartal) oder deren Gegenwert in der Landeswährung(die Bezugspreise für das Quartal stehen in Klammem): Argentinien Pes. 0.30(3.60), Belgien Frs. 2.45(29.50), Bulgarien Lew 8.—(96.—). Danzlg Guld. 0.45 (5.40), Deutschland Mk. 0.25(3.—), Estland E. Kr. 0.22(2.64), Finnland Fmk. 4.—(48.—), Frankreich Frs. 1.50(18.—), Großbritannien d 4.—(Sh. 4.—), Holland Gld. 0.15(1.80), Italien Ur. 1.10(13.20), Jugoslawien Din. 4.50 (54.—), Letüand Lat. 0.30(3.60). Litauen UL 0.55(6.60), Luxemburg B. Frs. 2.45(29.50), Norwegen Kr. 0.35(4,20). Oesterreich Sch. 0.40(4.80), Palästina P. Pf. 0.020(0.216), Polen Zloty 0.50(6.—), Portugal Else. 2.— '24.—). Rumänien Lei 10.—(120.—). Schweden Kr. 0.35(4.20), Schweiz Frs. 0.30(3.60), Spanien Pes. 0.70(8.40). Ungarn Pengö 0.35 (4.20), USA. 0.08(1.—). Einzahlungen können auf folgende Postscheckkonten erfolgen: Tschechoslowakei: Zeitschrift»Neuer Vorwärts« Karlsbad. Prag 46.149. Oesterreich:»Neuer Vorwärts« Karlsbad Wien B-198.304. Polen:»Neuer Vorwärts« Karlsbad. Warschau 190.163. Schweiz;»Neuer Vorwärts« Karlsbad. Zürich Nr. VIII 14.697. Ungarn: Anglo-Cech»slovaklsche und Prager Credltbank Filiale Karlsbad. Konto»Neuer Vorwärts« Budapest Nr. 2029. Jugoslawien: Anglo-Cechoslovakiache und Prager Credltbank, Filiale Belgrad, Konto»Neuer Vorwärts«, Beograd Nr. 61.005. Genaue Bezeichnung der Konten Ist erforderlich. Herausgeber: Ernst Sattler; verant-