Verlag; Karlsbad, Haus„Graphia"— Preise und Bezugsbedingungen siehe Beiblatt letzte Seite Hitler bewaffnet Ungarn.; Auf den Spuren von 1914 Nr. 121 SONNTAG, 6. Okt. 1935 <5o£la(d*m9lrattfd)?* ittodKnWa# Aus dem Inhalt: Karl Kautsky: Sozialdemokratie und Krieg Richard Kern: Ausbau der Kriegswirtschaft Streicher macht Außenpolitik Todesstrafe in den Judengesetjen Der europäische Hauptfeind heißt Hitler. Er bedroht den Frieden und die Landkarte. Er ist das Hindernis, das einer Lösung der wirtschaftspolitischen Verkrampfung Europas im Wege steht. Er steht am Anfang des neuen Wettrüstens, er ist der stärkste Treiber der Rüstungsschraube. Seine Macht ist größer als die Macht Mussolinis. Das Tempo seiner Kriegsvorbereitungen ist um ein vielfaches rascher, seine Macht- und Eroberungsansprüche weitgreifender und gefährlicher noch als die des italienischen Diktators. Die Mächte, die sich jetzt gegen den Kriegstreiber Mussoüni zusammenschließen, haben den Kriegstreiber Hitler groß werden lassen. Sie haben heute den Konflikt im Mittelmeer, sie müssen morgen den Konflikt in Mittel- und Osteuropa fürchten. Eine verhängnisvolle geschichtliche Kette von Ursache und Schuld geht von ihrer Lauheit gegen die Anfänge des faschistischen Verbrechens bis zu der heutigen Zerreißung Europas in zwei Lager. Der feste Zusammenschluß auf klaren Linien, den sie heute eingehen, wäre einst eine Garantie des Friedens, der ruhigen Entwicklung und Entwirrung, eine Voraussetzung nicht nur der militärischen, sondern auch der wirtschaftlichen Abrüstung gewesen. Heute birgt er die Gefahr in sich, daß eine kriegerische Explosion Europa wieder in zwei Lager zerreißt, die in einem irrsinnigen Krieg bis zur Erschöpfung miteinander ringen könnten. So ernsthaft das englisch-französische Einvernehmen jeden der faschistischen Unruhestifter bedroht, so kann es nicht mehr ungeschehen machen, daß diese Unruhestifter und ihre Trabanten heute ungleich stärker sind als noch vor einem Jahre und daß sie sich ihrer Macht bewußt sind. Die Wiederbelebung des Völkerbundes auf der Grundlage des neuen französisch- englischen Bündnisses treibt die Blockbildung der Diktatoren vorwärts. Es war G ö m b ö s, der die politischen Ziele der europäischen Diktatoren enthüllt hat. Er hat im Frühjahr in einer Rede gegen das französisch-russische Abkommen alle Hintergedanken der Politik Hitlers und seiner Trabanten ausgesprochen: eine Verteidigungslinie Berlin-War- schau- W i e n- Budapest-Rom müsse und werde entstehen. Dieser Repräsentant des korrupten ungarischen Nationalismus, dieser Bewunderer Hitlers hat mit einer Gewissenlosigkeit, die in umgekehrtem Verhältnis zu seiner eigenen Macht steht, laut und öffentlich ausgesprochen, worüber die Hitler, Göring und Ribbentrop im geheimen verhandeln. Wer historische Parallelen liebt, kann heute angAn: die Diktatoren und die politischen Scharlatane wollen die Front von 1914 wieder aufbauen— Block der Mittelmächte gegen die Westmächte— nur daß sie diesmal hoffen, daß auch Italien unter der Führung Mussolinis, der ihnen art- und wesensverwandt ist, am Ende auf der Seite der Diktaturen, der Revisionisten und Expansionisten stehen werde. Auch hier, nicht nur in Abessinien und im Mittelmeer, wird auf lange Sicht ein Kriegsverbrechen vorbereitet, und der Treiber dieser Vorbereitungen ist Hitler. Er benutzt den Konflikt des Völkerbundes mit Mussolini, um seine eigene Bündnispolitik und Machtsammlung zu fördern. • Schon vor Monaten sind die deutschitalienischen Beziehungen verdächtig geworden, als Göring auf dem Balkan umherreiste und überall erzählte, daß eine deutsch-italienische Entspannung bevorstehe, die durch nahe Ereignisse von großer Tragweite bezeichnet werden würde. Sie sind noch verdächtiger geworden, als Mussolini eine demonstrative Geste in Berlin unternahm, und sie sind heute ganz besonders verdächtig, da G ö m b ö s, einst der Vasall Mussolinis, von ihm nicht nur politisch, sondern auch durch Waffenlieferungen unterstützt, in Berlin mit Hitler Verhandlungen führt, über deren politischen und militärischen Sinn gar kein Zweifel besteht. Die Brandstifter und ihre Trabanten waren beisammen; die deutschen Diktatoren und die polnischen und ihr ungarischer Nacheiferer. Es war eine Demonstration gegen das neue französisch- englische Einvernehmen, eine Einladung für Mussolini, sich dem Brandstifterbund anzuschließen, wenn seine imperialistischen Pläne ins Wasser fallen, die auf die Schwäche des Völkerbundes, auf die Verlegenheiten Frankreichs und seiner Vcr- Es schien vielen so, als habe auf dem »Parteitag« in Nürnberg der»Radikalismus« gesiegt und Hitler sich in die Reihen seiner»Alten Kämpfer« geflüchtet. Manche freilich meinten, das sei alles nur Theater für das große Publikum gewesen. Hitler sei mit Hjalmar Schacht ein Herz und eine Seele in dem Ziele, das Reichsschiff in ruhige konservative Wasser zu lenken. Wieder andere aber philosophieren, nun seien Schachts Tage gezählt, und der zinsbrechende Programmatiker Feder werde auf das raffende Kapital losgelassen. In Wahrheit dürfte es in Nürnberg bei dem Durcheinander und Gegeneinander geblieben sein, das bei aller organisatorischen Geschlossenheit schon immer das innere Wesen des nationalsozialistischen Führerprinzips gewesen ist und bei seiner vollendeten Grundsatz- und Richtungslosigkeit außerhalb der reinen Militärpolitik auch bleiben muß. Wenn unmittelbar nach dem Parteitag schon wieder eine Führerbesprechimg nach München einberufen werden mußte, so ist das Beweis genug, daß die großen Sprüche von Nürnberg nicht eine einzige der inneren Schwierigkeiten auch nur für Tage beheben konnten. Das plötzliche Aufspringen Hitlers nach dem Schlüsse der Reichstagssitzung zu hündeten gegenüber den Hitlertr eibereien in Mittel- und Osteuropa berechnet waren. Die Umrisse eines von ihnen erhofften politischen Systems sind sichtbar geworden, das dem Völkerbund entgegengestellt werden soll. Der Cäsarenwahn Mussolinis hat dem Cäsarenwahn Hitlers eine neue Chance verschafft. Wenn Mussolini, einst einer der wildesten Treiber zum Krieg gegen die Mittelmächte, heute entgegen aller politischen Tradition Italiens sich gegen England erklärt und die Neigung erkennen läßt, noch einmal im Jahre 1915 anzufangen, diesmal aber die Dreibundvariante der italienischen Politik durchzuspielen, dann wächst der Uebermut der braunen Kriegstreiber ins Ungemessene, dann werden alle politischen Verhältnisse in Mitteleuropa schankend und ungewiß. Noch ist auch das Spiel der Brandstifter schwankend und ungewiß. Jeder von ihnen ist von vielfachem Risiko umgeben, einer Mahnung an die Diszipün seiner Paladine und die Wiederholung dieses Mahnens durch ein Defilee der Abgeordneten vor dem»Führer« in der Halle des improvisierten Parlamentsgebäudes offenbaren, wie sehr das deutsche Staatsoberhaupt noch immer fürchtet, daß ihm wichtige Teile der Bewegung aus der Hand gleiten könnten. Trotz allem Siegheilgeschrei fehlt es an der einfachsten Autorität. Ein Erlaß des Reichs- und Preußischen Ministers des Innern gibt zu, daß es der höchsten Spitze der Reichsverwaltung bisher nicht gelungen ist, die Parteikommissare in den Gemeinden überall abzuschaffen. Die Gauleiter oder Kreisleitcr setzen noch immer willkürlich Bürgermeister ab und segnen irgendwelche Parteikreaturen mit der kommissarischen Betrauung solcher Posten gegen entsprechende Bezahlung. Der Minister hat jetzt ein Ultimatum bis zum 10. Oktober gestellt Gleichzeitig aber hielt der Oberbürgermeister Dr. Weidemann aus Halle als stellvertretender Leiter des Hauptamtes für Kommunalpolitik, also einer nationalsozialistischen Parteistelle, vor den Kommunalpolitikern in Nürnberg eine Rede, die das genaue Gegenteil der Anordnungen des Ministers, also einer obersten Aufsichtsbehörde sind. Er ver- jeder von ihnen wird Bündnisse ebenso leicht verraten wie er sie schließt. Jeder von ihnen ist ein gefährlicher Spekulant, der nicht nur um den Frieden, sondern auch um die eigene Existenz spielt. Ob bei den Besprechungen in Romintcn und Berün aktuelle Angriffspläne der Hitlerdiktatur auf Litauen besprochen worden sind und gegenseitige Unterstützung für die damit verbundenen Konsequenzen, ob man sich auf eine gemeinsame Front des• Hasses und des Angriffs gegen die Sowjetunion geeinigt hat für den Fall, daß Mussolini die Kräfte der Westmächte binden sollte, das steht dahin. Aber eines ist sicher: diese Verhandlungen bilden einen wichtigen Markstein in der Aufrüstung der friedensfeindlichen Diktaturen. Als seinerzeit in unbegreiflicher Verblendung unter dem Einfluß Mussolinis in Stresa die Westmächte die Aufrüstung von Oesterreich, Ungarn und Bulgarien als einen der Programmspunkte einer kom- Das große Durdielnander Todesstrafe in den Judengese�en Hinter den Kulissen der Nürnberger Reidistagssitgung Die in Nürnberg verkündeten Judenge- aetze bedrohen den außerehelichen Geschlechtsverkehr zwischen Juden und»Staatsangehörigen deutschen oder artverwandten Blutes« mit Gefängnis- oder mit Zuchthausstrafe. Dabei ist weder eine Mindeststrafe noch eine Höchststrafe festgesetzt. Das ist nicht auf die übliche Liederlichkeit der braunen GosetzeSmacherel zurückzuführen— vielmehr ist die ünbe- stlmmtheit dieser Strafandrohung die Folge eines wilden Kuhhandels In letzter Stunde. Die in Nürnberg vorgelegten Gesetze waren nur einem kleinen Kreis bekannt. Die ursprünglich vorgelegte Fassung kam den Streicherschen Forderungen noch welter entgegen. Sie enthielt die Erfüllung einer alten Streicherschon Idee, da sie den außerehelichen Geschlechtsverkehr zwischen Juden und Nichtjudon mit dem Tode bestrafen wollte! Noch in letzter Stunde wurde gegen diesen Irrsinn Einspruch erhoben, und es begann nun ein wildes Verhandeln unter Zeitdruck. Das Ergebnis war jene unbestimmte Strafandrohung, die in der endgültigen Fassung enthalten Ist. Dieser Kuhhandel der letzten Stunde war auch die Ursache davon, daß die Gesetze vom deutschen Rundfunk nicht mit den üblichen Tagesn ach richten um 10 Uhr abends sondern erst gegen Mitternacht mitgeteilt wurden. Achnliches scheint jetzt bei den Aus- tührungsbestimmungen vor sich zu gehen. langt, daß die Staatsstellen sich in der Personalpolitik den»Parteibeauftragten« in den Gemeinden fügen sollen und kündigt eine nochmalige»Auskämraung« der- Staats- und Gemeindeverwaltungen an, »was mancherlei Mißhelligkeiten und Schwierigkeiten aus dem Wege schaffen würde.« Eine amtliche Kundgebung des Stabschefs der SA, Lutze, muß bekennen, daß es den vereinten Kräften der Reichs- und Parteiführung nicht gelungen ist, den Widerstand des»Kösener S. C.« gegen die Einführung des Arierparagraphen zu brechen. Der Zorn des SA- Gewaltigen kann sich nur in einem Befehl entladen, SA-Mitglieder zu entlassen, die sich weigern, aus ihrer Studentenverbindung auszutreten. Es muß also wohl eine beträchtliche Anzahl Korpsstudenten und Altherren geben, die es wagen, der allmächtig scheinenden Diktatur gegenüber aus freiem Entschlüsse zwischen SA und Korps zu wählen, und sie wagten es schwerlich, wenn nicht ihr Einfluß in der Bürokratie wieder fühlbar wäre. Die Autorität des Führers hat nicht einmal von Nürnberg bis Würzburg gereicht. Trotz seiner Mahnung zur Disziplin und seines Bannfluches gegen Einzelaktionen ist in der fränkischen Bischofstadt die SA»spontan« vor die Druckerei des katholischen Kirchenblattes gezogen, weil dieses gegen die Sterilisation Stellung nahm. Die Polizei, die des obersten Führers Liebe zur Disziplin in ihrem Sinne auslegte, sperrte nicht etwa die Radaubrüder ein, sondern den Kaplan, der das Kirchenblatt redigiert, und den Direktor des Verlages. Das Gaupresseamt tat noch ein übriges. Es erließ eine Kundmachung, die besagt, daß der Nationalsozialismus auf Enzykliken und Hirtenbriefe pfeife. Was dem deutschen Volke diene, bestimme allem sein Führer. Jeder Katholik habe sich auch in der Sterilisierungsfrage allein an Hitlers Unfehlbarkeit zu halten. Neulich schrieb eine englische Zeitung, in diesem Deutschland sei noch alles möglich. Ganz richtig! Unmöglich ist nur, daß dieser Hitler und sein System sich normalisieren, wie noch immer einige Träumer glauben. c nn mcnden Don ankonf erens Ins ffnge faßten, hat-die Hitlerpolitik die Gelegenheit am Schöpfe erfaßt. Es gehört zu den Wahnwitzigkeiten dieser Zeit, daß man sozusagen künstlich die Aufrüstung von Ländern herbeiführen wollte, von denen zwei, Ungarn und Bulgarien, am ehesten von allen anderen Ländern Europas geneigt sind, mit Hitlerdeutschland gemeinsame Sache zu machen. Es war, als ob alle erst bis an die Zähne bewaffnet werden sollten, damit sich der Krieg auch lohne! Heute ist die sogenannte Front von Stresa so gründlich zerstört wie nur möglich, aber die bösen Begleiterscheinungen von damals wirken weiter! Damals reiste Göring mit Offerten in Waffen und Bündnissen nach Budapest und Sofia, damals hat er dem bulgarischen König das Versprechen abgerungen, sich nicht an die Balkan-Entente zu binden und hat Gömbös zu jenen Deklamationen über die Front von der Ostsee bis zum Mittelmeer angeregt. Heute wird vollendet, was damals vorbereitet worden ist. Unzweifelhaft sind zwischen Hitler, Göring und Gömbös Abreden über die Luftaufrüstung Ungarns, über gemeinsames Zusammenwirken der deutschen und der ungarischen Luftwaffe getroffen worden. Hitlerdeutschland rüstet sich nicht nur selbst bis an die Zähne auf, es rüstet jetzt auch seine Vasallen! Der korrupte ungarische Nationalismus, der bisher seine Waffen von Mussolini bezogen hat, tritt in eine neue Phase ein, er stattet sich mit deutschen Waffen aus! Diese militärischen Vereinbarungen und Rüstungsabreden sind eine größere und gefährlichere Realität als die mehr oder weniger spekulativen politischen Bündnisabreden für einen von den Diktatoren her- Hanzlg top dem Tolkerbimd Das Naziregime in Daimg hat vor dem Völkerbundsrat in Genf eine eklatante Niederlage erlitten. Die Gerwaltherrschaft, die der nationalsozialiatische Senat in Danzig ausübt, hat anläßlich der Behandlung einer Anzahl von Petitionen Danziger oppositioneller Gruppen in der Sitzung des Völkerbundsrates vom 23. September eine einstimmige Verurteilung erfahren. Zur Erörterung standen vier Petitionen, die schon seit geraumer Zelt dem Völkerbund eingereicht waren, und zwar die der katholischen Pfarrer, des Zentrums, der sozialdemokratischen»Volksstimme« und der jüdischen Organisationen, in denen über Ungesetzlichkeiten und Verfassungsbrüche des Danziger Senats Beschwerde geführt wurde. Eine Juristenkommission des Völkerbundes hatte diese Beschwerden eingehend geprüft und sich ihnen weitgehend angeschlossen. Selbst dort, wo das Gutachten der Juristenkommission aus rein formellen Gründen den Beschwerden nicht überall folgte, lehnte sie doch entschieden die nationalsozialistischen Grundsätze ab, über die sich die Petitionäre beschwerten. Dem Völkerbundsrat lagen Berichte des englischen Ratsmitgliedes Eden vor, die sich mit den Danziger Petitionen beschäftigten und sich den Standpunkt des Juristengutachtens zu eigen machten. Darüber hinaus enthüllten sie eine scharfe Verurteilung der verfassungswidrigen Praxis des Danziger Senates und eine Empfehlung an den Völkerbund, darauf zu achten, daß der Geist der Ein meites fkol Danziger Verfassung vom nationalsozialiatl- beigesehnten Eventualfall.� In den militän- scllen innegehaiten werde. Eden ersehen Abreden tritt das Bündnis der Ganz- umm-te daran, daß der Danziger Senatspräsi- und Halbfaschisten gegen den von Frankreich und England beherrschten Völkerbund sichtbar hervor. Während die der Diktatur unterworfenen Völker unter der wirtschaftlichen Verödung fast zusammenbrechen, organisieren die Diktatoren ein gigantisches Aufrüstungsgeschäft Eis gehört zum Bilde, daß Göring, einer der Gefährlichsten unter den europäischen Brandstiftern, persönlich direkt am Luftrüstungsgeschäft beteiligt ist. Wenn er in Rüstungen reist und Konferenzen über Rüstungen abhält, besorgt er nicht nur die machtpolitischen Geschäfte der Hitlerdiktatur, sondern seine eigenen finanziellen Privatgeschäfte dazu, Hier wird die Mine geladen, die eines Tages Europa in die Luft sprengen soll. Ueber die Angreifer und Anstifter ist längst kein Zweifel mehr. Wenn Europa durch eine neue Blockbildung zerrissen wird, die einen neuen Erschöpfungs- und Vernichtungskrieg herbeizuführen droht, so ist für diesmal von vornherein kein Zweifel, auf wem die Schuld lastet! Gegner im Innern »Wir müssen erkennen, daß die Gegner nicht lediglich durch äußere Ueber- nahme des Staatsapparates zu erledigen sind, denn sie sitzen mit ihren Querverbindungen in allen Zweigen unseres Volkslebens und des Staatsgefüges. Entweder wir überwinden den Gegner oder wir gehen zugrunde.« CSS-Gruppenführer Heydrich in seiner Schrift»Wandlungen unseres Kampfes«. Eber-Verlag, Berlin.) dent Greiser in der Sitzung des Völker- bundsratea vom 25. Mai 1935 eine Erklärung abgegeben hatte, daß, wenn der Rat, gestützt auf daji Gutachten de« Juristenkomitees, zu der Schlußfolgerung gelangen sollte, die Verfassung sei in gewissen Punkten verletzt worden, der Danziger Senat seine Haltung ändern und gemäß der Auslegung des Völ- kerbuneterates geeignete Maßnahmen ergreifen würde. Eden verlangte, daß der Präsident des Senats nun aufgefordert würde, diese Verpflichtung durchzuführen und der nächsten Tagung des Völkerbundsrates einen Bericht über die getroffenen Maßnahmen zu unterbreiten. In der Sitzung des Völkerbundsrates unterstrich Eden die Gedankengänge seiner Berichte und verlangte, daß die Danziger Regierung in Zukunft die vom Völkerbund garantierte Verfassung nicht nur dem Buchstaben nach, sondern auch dem Geiste nach treu beobachten soll. Ihm schloß sich, was in der Versammlung stark beachtet wurde, der polnische Außenminister Beck an, der gleichfalls an die Zusicherungen des Präsidenten Greiser erinnerte. Auch der französische Ministerpräsident L a v a 1 unterstrich die Notwendigkeit für den Völkerbund, die Garantie der Danziger Verfassung wirksam zu machen. Starken Eindruck übte die große Rede des Danziger Völkerbundskommissars Lester aus, in der die Willkürherrschaft des Danziger Senats ausführlich behandelt wurde. Lester unterstrich die Tatsache, daß sich die Vertreter von 50 Prozent der Danziger Bevölkerung beschwerdeführend an den Völkerbund gewandt hätten, und daß es Pflicht der Danziger Regierung sei, nachdem 40 Prozent der Bevölkerung bei den letzten Wahlen ihre Opposition gegen die nationalsozialistische Regierung ausgedrückt hätten, sich an den Geist der Danziger Verfassung zu halten und ihre Energien auf die finanziellen und wirtschaftlichen Schwierigkeiten zu konzentrieren, die über Danzig hereingebrochen seien. Dem Danager Senatspräsidenten Greiser blieb angesichts der allgemeinen Verurteilung seiner Politik nichts anderes übrig, als einen Rückzug anzutreten und entsprechend seiner Erklärung vom 25. Mai die Beschlüsse und Vorschläge des Völkerbundsrates zur Weiterleitung an den Danager Senat anzunehmen. Das bedeutete die völlige Kapitulation des»schneidigen« Senatspräsidenten vor dem einstimmigen Votum des Völkerbundes. Bemerkenswerterweise wird diese Kapitulation vor der Danziger Bevölkerung wie vor der reich« deutschen Oeffent- lichkeit verschleiert und in ihr Gegenteil umgefälscht. Sowohl die Danziger Nazipresse wie die Presse im Reich macht die größten Anstrengungen, die Niederlage des Danziger Senats— in eine Niederlage der Petitionäre und des Völkerbundskommissars Lester umzul Ilgen! Dieser Vorgang verdient stärkste Beachtung, da er deutlich zeigt, wessen man bei der Durchführung der von Greiser in Genf übernommenen Verpflichtungen gewärtig sein muß. Es wird Pflicht des Völkerbundsrates sein, der jetzt seine Garantie der Danziger Verfassung vor aller Welt feierlich unterstrichen hat, darüber zu wachen, daß die Genfer Beschlüsse auch wirklich durchgeführt werden. IVaiionalsozialistlsdje Tariflöhne In der»Sozialen Praxis« vom 26. September 1935 lesen wir in einer Besprechung der Tarifordnung für das Gast wirtsgewerbe in Nürnberg und Umgebung; »Erstaunlich niedrig sind diej Sätze für Telefonisten mit 80 Mark und Telefonisten mit»perfekten Spraehkenntnis- sen«— also mit einer langen Ausbildung und Erfahrung— mit 100 Mark. Ob man bei ihnen wie auch bei den Chauffeuren(100; Mk.) mit Trinkgeldern zur Aufbesserung des Einkommens rechnet? Ganz offensichtlich auf derartige Neben-(oder sogar Haupt-) Einnahmen sind die Mindestsätze für jene unentbehrlichen Mitglieder eines Gastge- werbebetriebes zugeschnitten,(fie mit dem Publikum ständig in Berührung kommen, werden doch die Zigarrenverkäufer und die wohlbekannten Verkäufer auf den Bahnsteigen mit 50 Mark monatlich in die Tarifordnung eingesetzt und die Türstejier mit 75 und das Garderobenpersonal und die Toilettenwärter und-Wärterinnen gar nur mit 40 Mk.« .»Erstaunlich niedrig sind die Sätze...« Sie, illustrieren anschaulich(fie Volksgemeinschaft im Dritten Reich, in der die nationalsozialistischen Bonzen mit den Riesengehäl- tem den Arbeitern und Angestellten die vor- steheuden Hungerlöhne diktieren. Die einjährige Wiederkehr des Inkrafttretens des Gesetzes zur Ordnung der nationalen Arbeit nimmt der Dr. Ley zum Anlaß, um Zentralorgan de« Bundes nationalsozialistischer Juristen,»Deutschee Recht«, über das Gesetz zu schreiben. Für die deutsche Arbeiterschaft brachte dieses Machwerk nationalsozialistischer Sozialpolitik die völlige Zertrümmerung des Tarifwesen«, der Betriebsräte und der Arbeltsgerichte. Sie wurde im Betrieb der Willkür des Unternehmers auageliefert, der durch das Gesetz zum Betriebsführer ernannt wurde. Bin dekorativer Vertrauensrat und schillernde Phrasen über die Ehre der Arbeit, die in der Errichtung von»sozialen Ehrengerichten« gipfelten, sollten die schamlose Entrechtung der Arbeiter verhüllen. Daß die einjährige Wirksamkeit de« Gesetzes etwa hie und da aufgekommene Illusionen zerstört hat, dafür istA. S. Frankfurt a. M.: Ihre etwas kühne Vermutung, daß der Ministerialdirektor Meyer im Auswärtigen Amt, Berlin, mit den Gründern der»Meyers Likörfabrik« verwandt sei, trifft nicht zu. Ministerialdirektor Meyer hatte vielmehr das für manche deutsche Industriezweige lebenswichtige Sowjetreferat....< Es folgt nun die Familiengeschichte Dr. Meyers, wobei nicht oft genug dessen jüdische Abstammung betont werden kann. Dann heißt es weiter: »Herr Meyer... gilt als einer der gewandtesten und einflußreichsten Beamten im Auswärtigen Amt, weshalb es ihm auch gelang, Im Februar 1933 dort den für die Zukunft entscheidenden Posten des Perso- nalreferenten zu erringen. Ohne seine Vorarbeit und ohne seinen Vortrag kann zur Zeit kein Botschafter, Konsul od.er Gesandter des deutschen Reiches ernannt werden. Ihre Anfrage war also abwegig.« Wer liest hier nicht den Haß über dieses als er in seiner Phänomenologie des Geistes Hindernis nationalsozialistischer Postenjäge- schrieb:»Indem jeder sich auf sein Gefühl, red heraus? Wer entnimmt diesen Zeilen nicht, mit welcher Wollust man gewissen Industrien»das lebenswichtige Sowjetreferat« nehmen will? Wer erkennt hier nicht gleich, daß Meyer als ein Hemmnis des nationalsozialistischen Antisowjetismus gefallen ist? Man sagt Jude und meint Gegner der Postenjägerei und Feind des primitiven Anti- bolschewismus wildgewordener Spießer. Bisher hat man immerhin noch versucht, eine Frontkämpfermystik zu wahren und hat infolgedessen bei allen solchen Maßregelungen (wenigstens in den großen Versprechungen) einen Unterschied zwischen Frontkämpfern und anderen Juden gelten lassen wollen, immer offenkundiger erweist sich jetzt aber, daß nicht das Fronterlebnis, sondern ganz andere Erlebnisse die Handlungen dieses Regimes bestimmt haben. Die Frontkämpfermystik ist angesichts der Mißhandlung fast der gesamten Nation kläglich zusammengebrochen. Der Unterschied wird— zugegebenermaßen— nicht mehr gemacht! Es bleibt sein inwendiges Orakel beruft, ist er gegen den, der nicht übereinstimmt, fertig; er muß erklären, daß er dem nichts weiter zu sagen habe, der nicht dasselbe in sich finde und fühle— mit anderen Worten—, er tritt die Wurzeln der Humanität mit Füßen.« Der Marxismus ist stolz darauf, in Hegel seinen bedeutendsten geistigen Wegbahner zu besitzen. Aber selbst ein Hegel kann nicht so groß sein, wie ein Streicher dekadent ist, und so bleibt uns doch noch ein großer Rest an Schmerzen zu tragen, wenn wir im Jahre 1935 erleben müssen, daß ein Streicher die deutsche Außenpolitik macht und das Organ dieses Auswärtigen Amtes der»Stürmer« ist, der die tiefste Erniedrigung darstellt, die der deutschen Geschichte widerfahren ist. Daß der»Stürmer« nun auch die Hoheitsbereiche des Auswärtigen Amtes stürmt, kann jedoch die gute Wirkung nach sich ziehen, daß gewisse Kreise, die bisher In der Illusion lebten, sie werden verschont bleiben, nur noch die geheimnisvolle Stimme des' sich vor die Alternative gestellt sehen: Blutes, aus der heraus all die Verbrechen von Kampf oder Untergang. Streicher hat also heute»gerechtfertigt« werden. Wie herrlich auch die wichtige Funktion, die Fronten hat doch Hegel die Streicher und Co., die klarzustellen. Insofern macht er also nicht Blutmystiker und Zyniker charakterisiert, nur Außen-, sondern auch Innenpolitik. rieh Brüning hört man gelegentlich, daß er da und dort im Auslande auftaucht. Zu den deutschen Fragen hüllt er sieh in Schweigen. Dr. Joseph Wirth war einmal einer der redegewaltigsten Kämpfer gegen den Faschismus. Auch er ist, obwohl er sich frei im Auslande bewegt, ganz verstummt. Nur einmal hörte man von ihm als er einen dicken Strich zwischen sich und den Emigranten zog. Wir glauben nicht, daß das irgendwo und bei irgendwem sein Ansehen gehoben hat. Nicht einer der eml grierten Katholikenführer hat im Saarkampfe eindeutig Stellung genommen. Nur ein katholischer Arbeiterführer, der seit Jahrzehnten aus seiner Gewerkschaftsarbeit mit den Saarkumpels verbunden war. hat sich in die Front_�Pyr��utschlancl— gegen Hitler« gestellt. Er Ist damals und jetzt isoliert geblieben. In Holland erscheint zwar ein Blatt für deutsche Katholiken im Auslande»Der deutsche Weg«, das sich aber auch immer wieder dagegen wehrt, als ein Kampfblatt der deutschen Emigration bezeichnet zu werden, und man muß der Zeltung auch zugestehen, daß sie sich Mühe gibt, ihre Straße mit Sanftmut zu wandeln. Da wird nun auf einmal von Oesterreich her ein neuer bewußt»politischer Katholizis- raus« zur»illegalen Arbeit« angemeldet. Rufer ist der Wiener»Christliche Ständestaat«(Nr. 38), und er legt auch gleich los gegen die»jüdisch-marxistische Emigration«, mit der man sich nicht auf eine Linie drängen lassen dürfe. Der neue politische Katholizismus werde voller Hoffnung auf Wien blicken. Er werde katholisch radikal sein, ohne Kompromiß, ohne Zwischen- lösung, für katholische Totalität gegen unkatholische Staatsideen, und die katholische Staatsidee, die der»Christliche Ständestaat« proklamiert, ist der deutsche förderative Ständestaat einer habsburgischen Monarchie. Registrieren wir diese Ankündigung einer Illegalität des politischen Katholizismus. Es ist zweifelhaft, ob zur Zeit mehr dahinter steckt als der Wunsch bedrängter Austro- faschlsten, von Deutschland her Luft zu bekommen. Damit ist nicht gesagt, daß. die habsburgischc Kaiseridec nicht auch in Deutschland mehr einflußreiche als zahlenmäßig starke Anhängerkreise gewinnen könnte, wenn der Konflikt zwischen dem Hitlerstaate und dem Katholizismus anhält. In so bewegten Zeiten muß man ständig sehr aufmerksam in die Runde bücken, wenn man sich nicht überraschen lassen will. Hannes Wink. Sdiadits englSsdie Pleite Die seit Wochen laufenden Verhandlungen einer Gruppe maßgebender Finanzhäuser Londons mit Schacht über eine mittelfristige Anleihe im Betrage von etwa 10 MUlionen£, die sowohl in Berün wie in London geführt wurden, sind gescheitert. Es sollte ein in der ganzen neueren Finanzgeschichte ungewöhnlich hoher Zinsfuß festgesetzt werden. Dem Verlangen der Engländer entsprechend, hatte Schacht einen Zinsfuß von nicht weniger als 12 Prozent bereits bewilligt. Es steht zwar nicht fest, ob eine solche Verzinsung für die ganze Dauer der Anleihe gewährt werden sollte. Tatsache ist jedoch, daß Schacht auf diese ungewöhnliche Bedingung eingegangen war. Ebenso steht fest, daß vom englischen Schatzamte keine währungstechnischen Einwendungen erhoben worden sind. Wenn die Anleihe trotz dieser ungeheuerlichen Zugeständnisse Schachts schließlich doch gescheitert ist, so einzig und allein an dem Widerspruch des Foreign Office. Für die Ablehnung der Anleihe durch das Auswärtige Amt waren ausschließlich politische Gründe maßgebend. Die Gewährung der AnJeihe an Deutschland hätte, so wird erklärt, im Auslande Mißverständnisse Uber die poütischen Motive Großbritanniens hervorrufen können. Die Londoner Citykreise, die im Verlaufe der Verhandlungen eine große Hilfsbereitschaft für den deutschen Schuldner gezeigt hatten, um größeren Schaden zu verhüten, wollen wissen, daß manche Züge des deutschen Systems, die das Ausland unangenehm berühren, demnächst de facto, wenn auch nicht de jure abgemildert werden sollen. Der Januskopf Schacht, der sich eben erst in Nürnberg als hundertprozentiger Nazi und Antisemit vorgestellt hat, plant offenbar, die Londoner City in der Judenfrage noch einmal zu bluffen. Vorläufig wird wohl Schacht einige Zeit brauchen, um«ich von dem Schreck der Ablehnung seiney* Anleihe zu erholen, bevor sein angekündigter Besuch In London stattfinden wird. Die Studenten der Londons school of economics, denen Schacht einen Vortrag halten wollte, dürften kaum einen Verlust an Wissen erleiden, wenn sie nun darauf verzichten müssen, sich von dem faschistischen Wirtschaftsdiktator beschwatzen zu lassen. organisiert, um den Oberbürgermeister Dr. Ehrücher von seinem Posten zu verdrängen und sich selbst dafür vorzuschlagen, Photos seiner alkoholischen und sittlichen Exzesse bei»Wein, Weib und Gesang« wurden von den Zeugen auf den Gerichtstisch gelegt, die man nicht einmal andeuten kapn. Daß dem Schmidt Verfehlungen im Amt, unkorrekte Amtsführung, üble Nachrede und Beleidigungen nachgewiesen wurden, sei nebenbei bemerkt. 120 Zeugen marschierten in diesem Prozeß auf und offenbarten die nationalsozialistischen Zustände in Hildcshelm und zeugten vom Glanz und Ende eines braunen»Arbeiterführers«. Die Poüzei mußte dann auch zum persönlichen Schutz des Schmidt aufgeboten werden, so»gern« hatte ihn die Hildesheimer Bevölkerung. Wie gesagt, das Ist nur eine Auswahl aus dem Musterkaff er der NSDAP in Hildesheim. Dabei hat Schmidt besonders den Feldzug gegen die angebliche Mißwirtschaft der»14 Jahre« geführt.»Wir werden schon in den Saustall hineinleuchten! Wir werden mal ausmisten. Rücksichtslos werden wir durchgreifen«, so deklamierte er. Keine Mißwirtschaft, keine Korruption der »Roten« hat er aufdecken können. Nicht einen einzigen Fall. Dagegen ist Schmidt auf der Strecke gebüeben... Au« dem braunen Sumpf Die Stadt Hildesheim hat Dutzende von braunen Korruptionsfällen erlebt. Der letzte Fall ist der des nationalsozialistischen Reichstagsabgeordneten Bürgermeisters und Bezirksleiters Schmidt-Hlldeshejm, eines besonderen Günstlings des Gauleiters und Erziehungsministers Rust. Als seine Schweinereien öffentüch wurden, besaß er die Kühnheit zu klagen. Der Prozeß dauerte 3% Wochen, er endete mit einer Entlarvung des braunen Bonzen. Der offizielle Gerichtsbericht bescheinigte diesem einst einflußreichsten Mann Hildesheim, daß»nach der Feststellung des Staatsanwalts bezüglich des Nebenklägers Schmidt sämtüche Beweisanträge geglückt seien«. Nach der Anklageschrift wollen wir kurz feststellen, wie Schmidt seine kurzen Tage und langen Nächte verbrachte: er hat 10.000 Mk. Schuldon ohne genügende Belege,% Jahr lang hat er sich die Parteibeiträge von einem Dritten zahlen lassen, Erpressung eines guten Leu- mundzeugnis von dem Hauptmann a. D. Steinmeyer, nächtelang war er dem Alkohol in der Stadtschenke, dem Württemberger Hof und dem Deutschen Haus ergeben, leistete sich eine teure und üppige Wohnung iir dem vornehmsten Viertel, 600 Mk. Anteilscheine der Nazi-Zeitung hat er ohne Belege verausgabt, er hat einen Nachrichtendienst »Lieber Jesu9 wir sind hier!« In Affolterbach im Odenwald kam es am 14. Juü zu einer schweren Störung der Feier der Einführung de« Pfarrasalatenten Aschoff. Eine stattüche Gemeinde füllte das Gotteshaus, obwohl Bürgermeister wie Ortsgruppenleiter die Anweisung gegeben hatten, diesen Gottesdienst nicht zu besuchen. Die Einführung verlief ohne Störung. Aber mitten in der Predigt des Neueingeführten wurden plötzlich von unbefugten Händen die Glocken geläutet. Dann zogen einige Kommandierte, einige Neugierige und einige Nichtsahnende, an der Spitze der Ortsgruppenleiter in Uniform, in die Kirche ein. Ihnen folgte Oberlandeskirchenrat Olff In Begleitung eines landeabischöf liehen Gegenkandidaten, ging geradeswegs zum Altar und rief in die Kirche hinein; Wir singen das Lied;»Liebster Jesu, wir sind hier!« Diese unerhörte Störung führte zu einer allgemeinen Verwirrung. Zwischenrufe flogen hin und her. Ein Herr vom Staatstheater Darmstadt verdrängte den Organisten und spielte. Um dem beschämenden Schauspiel ein Ende zu machen, verließen die Pfarrer Gredn und Aschoff und der größte Teil der Gemeinde das Gotteshaus. Während nun drinnen die Einführung des landesbischöfüchen Kandidaten vor sich ging, wurde draußen die Einführungsfeier Aschoffs zu Ende geführt. Der Kirchenvorstand bestätigte noch am Nachmittag desselben Tages seinen früheren Beschluß, an Aschoff als dem Pfarrer der Bekennenden Kirche festzuhalten. Am 17. Juü erhielt dieser auf Anordnung des Geh. Staatspolfzeiamte« Darmstadt den Ausweisungsbefehl für den Bereich des Kreises Heppenheim. Ausbau der Kriegswirtschaft Auf der Elektrotagung in Saarbrücken, die in den letzten Septembertagen stattfand, hielt Schacht-eine Rede, die: mit unübertrefflicher Klarheit das Wesen nationalsozialistischer Wirtschaf tspohtik darlegte: »Wir müssen alle Kräfte anspannen für nalsozialistische Außenpolitik sich einmal zu gestalten anschickt, erfordert eben die Einfuhr der Rüstungsrohstoffe.»Die für Arbeitsbeschaffung und Wehrprogramm notwendigen Rohstoffe, wie auch für die Ernährung unerläßlich(!) erforderlichen Fette und Futtermittel konnten sicherge- das gieße Ziel, das uns unser Führer ge- stellt werden«. Freilich ganz ist das Ideal, steckt hat und dessen Erreichung uns Wil- die Einfuhr auf die unerläßlich erforder- lens- und Glaubenssache ist: die Wiedergewinnung deutscher Freiheit in staatlicher, sozialer und wirtschaftlicher Beziehung.« Die staatliche Freiheit« ist nun aber nichts anderes als die»W ehrfrei- heit<, die wirtschaftlich erst erlangt ist, wenn Deutschland im nächsten Kriege vor den Folgen der Blockade geschützt und vor den Zerstörungen des Krieges selbst möglichst gesichert ist. Diesem letzteren Zweck dient einmal die ungeheuer kostspielige Verlegung besonders der kriegswichtigen Industrien von den gefährlichen Grenzen weg ins Innere, also die Verlegung vom Westen nach Mitteldeutschland. Dieser folgt jetzt die, wie Schacht wörtüch sagt, i\V ehrhaftmachung der deutschen Energieversorgung«. »Die Sicherheit«, proklamiert Schacht, »muß bei der Kompliziertheit unserer wirtschaftlichen Verhältnisse voranstehen«. Die Sicherheit im Kriege natürlich. Die Erzeugungs- und Verteilungszentralen müssen so angelegt werden, daß sie einmal von feindlichen Angriffen möglichst bewahrt sind, zweitens so, daß für etwaige zerstörte Anlagen andere sofort eintreten können. Die sogenannte Verbundwirtschaft muß schon im Frieden für den militärischen Bedarf ausgebaut, unter rein militärischen Gesichtspunkten organisiert werden. »Das Versorgungsnetz muß so liehen Futtermittel für das Kanonenfutter zu beschränken und im übrigen nur Rüstungsrohstoffe zu importieren, noch nicht erreicht: »AUerdingfl haben sich die im Inland vorhandenen Rohstoffvorräte im Laufe des letzten Jahres weiter verringert. Ferner hat sich die Verschuldung auf den Verrechnungskonten bis April auf rd. RM 500 Mill. erhöht. Von diesem Zeitpunkt an ist eine weitere Steigerung nicht mehr eingetreten, und in den letzten Wochen sogar eine leichte Abnahme.« Freilich, auch sonst zeigen sich einige Schwierigkeiten: »Der»Neue Plan« konnte nicht rest- 1 o s und nicht überall eingeführt werden. Auf Grund von handelspolitischen Verträgen mußten wir zunächst noch Einfuhren zulassen, die an sich der inneren Logik des Planes widersprachen. Auch heute noch sind wir aus handelspolitischen Gründen gezwungen, Waren hereinzulassen, die nicht unbedingt benötigt werden, z. B. Apfelsinen aus Spanien, Früchte aus der Türkei, gewisse Fertigwaren aus England. Wenn wir diese Produkte nicht hereinnehmen, liefert uns Spanien auch keine Erze, die Türkei keine Baumwolle, England keine Kammzeuge und keine anderen von uns begehrten Waren. Dagegen konnten alle sonstigen Lücken des Planes mehr und mehr abgedichtet werden.« Vom Standpunkt der Kriegswirtschaft ausgestaltet sein, daß auch bei größeren Aus-; ist es eben ein Unglück> daß überhaupt fällen einzelner Energiequellen die wirt- noch irgendetwas, außer Kupfer. Mangan schaftliche Produktion ohne größere Störun- und Schießbaumwolle, für das schöne gen. ja möglichst störungslos durchgeführt j Geld hereinkommt. Es sind verschleuderte werden kann. Ein Zusammenarbeiten und In-, DevifJeni uns abgepreßt von den Feinden. einanderarbeiten der verschiedenen Energie- j Das Schlijnmste ist allerdings, daß die quellen ist für diesen Zweck unerläßlich. Dar- von Blesging konstatierte Schuldenmache- um kann die Aufsicht� über die Energie- rei ihre Grenzen hat Dera Blesging frei- Wirtschaft letzten Endes nur in ei-n er lich kommt ea �heb infolge seines lan- zentralen Hand liegen, die diesen all- gen intilnen Umgangs„üt Schacht gar gemeinen Gesichtspunkt zuverlässiger und nicht erst 5n den sinn> daß der G]äubiger .Vere0�"f. �r_de?t�he.n!ü: einen Anspruch auf Rückzahlung des Geborgten hat. Schulden sind für diesen cluktion im Auge behält. Diese Aufgabe darf keinesfalls durch Hervordrängung lokaler Interessen gefährdet werden.« Ein staatliches Monopol lehnt Schacht aber ab. Das würde die Interessen der Privatkapitalisten stören, und ausführlich zählt er all die abgestandenen Argumente gegen die»Sozialisierungsgesetzc der Systemzeit« auf, obwohl selbst ihm nicht unbekannt sein dürfte, welchen großen Anteil die systematische Arbeit des Reichs Preußens und der großen Kommunen an den großen Fortschritten der Elektrifi- deutschen Wirtschaftsführer zuerst und vor allem ein Erprcssungsmittel und darin erblickt er ihre— Lichtseite: »Eine Lichtseite insofern, als die Gläubigerländer darauf bedacht sind, ihre Einkäufe in verstärktem Maße nach Deutschland zu legen, was bei der heutigen Boykottstimmung in gewissen Kreisen des Auslandes unserem Export zugutekommt;« Leider gibt es auch«ine Schattenseite: »Eine Schattenseite insofern, als zierung in der Zeit nach dem Kriege ge-] die fremden Exporteure infolge des langen habt hat. Aber die nationalsozialistische Wirtschaftspolitik will unter keinen Umständen an der kapitalistischen Ausbeutung etwas ändern, selbst da nicht, wo es sich um Befriedigung der dringendsten allgemeinen gesellschaftlichen Bedürfnisse handelt. Die Schranke für das Kapital ist für sie nicht das gesellschaftliche, sondern nur das militärische Bedürfnis. Deshalb wird in einem neuen Energiewirtschaftsgesetz, das Schacht ankündigt, die »Unterordnung der gesamten Energiewirtschaft unter die Reichsführung« bestimmt. Diese wird dafür zu sorgen haben, daß die»Mobilisierung der Elektrizitätswirtschaft« unter einem obersten Gesichtspunkt, dem der Kriegsbereitschaft, erfolgt. Es ist nun überaus bezeichnend, daß diese rücksichtslose Proklamierung der Unterordnung der Wirtschaft unter die militärischen Bedürfnisse mit immer größerer Offenheit erfolgt. Die Erziehung der Kriegsbereitschaft ist das hehre Ideal, für das alle. Opfer gebracht, alle Entbehrungen in Kauf genommen werden müssen. Die Handelspolitik entblößt Deutschland immer mehr von Lebensmitteln? Was tuts, wenn wir nur die Zufuhr der Rohstoffe für die Rüstungsindustrie aicherstellen.»Bestimmend für die Einführung des Neuen Planes«, des Schacht- schen Außenhandelsmonopols, belehrt uns der Reichsbankdirektor und Generalreferent im Wirtschaftsministerium, Dr. B 1 e s s i a g, whr»der Wille, unser Schicksal selbst in der Hand zu behalten.« Und dieses»Schicksal«, wie es die natio- Wartens auf den Geldeingang bei Lieferungen nach Deutschland zögern, uns diejenigen Waren zu verkaufen, die wir dringend benötigen, weil Kautschuk, Metalle, Holz usw. usw. einen Weltmarktpreis haben und überall in der Welt gegen bar abgesetzt werden können.« Man merkt die edle Entrüstung: die Elenden wollen für ihre Waren bezahlt werden! Im übrigen ist— wörtlich— »diese Verschuldung nicht tragisch zu nehmen, weil sie praktisch an Stelle des früher üblichen Einfuhrkredits getreten ist.« Daß diese»Kredite« gegen den Willen und ohne Zustimmung des Partners erzwungen worden sind, spielt für diesen Reichsbankdirektor keine Rolle. Sein Schmerz ist zu begreifen. Es wäre zu schön, wenn sich das Kaufen ohne zu zahlen in alle Ewigkeit fortsetzen ließe. War es doch eigentlich die lichteste Lichtseite des»Neuen Planes«, eine Methode darzubieten, durch die man schon im Frieden den Feinden das auferlegen konnte, was man früher nur im Krieg tun konnte: nämlich Requisitionen. Denn wenn diese nicht mehr möglich sind. dann bleibt eben nur die weitere Einschränkung der»unerläßlichen Futtermittel«. Die Kriegsrohstoffe zuerst! Das ist denn allerdings auch eine Schattenseite und sie macht sich immer unangenehmer bemerkbar. Die aus der Kriegszeit so bekannten, beruhigenden Erklärungen häufen sich. Erstens ist es angesichts des herrlichen Ziels überhaupt nicht so schlimm, zweitens ist es vorübergehend, drittens läßt es sich leicht erklären. Man liest im Zeitungsdienst des Reichsnährstandes: »Auf den deutschen Buttermärkten herrschte in den letzten Tagen eine rege Tätigkeit(1), denn nur mit Mühe gelang es in den Hauptverbrauchsgebieten, die notwendige Buttermenge heranzuschaffen. Teüweise mußte man jetzt im Laden beim Einkauf mit geringeren Mitteln vorlieb nehmen. Die gegenwärtige Butterknappheit ist aber eine vorübergehende und in geringem Ausmaße jedes Jahr eintretende Erscheinung(!). Sie läßt sich aus verschiedenen Ursachen erklären.« Die Erklärung ist erstens das kühle Herbstwetter(das offenbar nach den vierzehn Jahren des Systems noch immer eintritt); zweitens die Verbrauchssteigerung(eine unbewiesene Behauptung); drittens die vorjährige schlechte Ernte, und die Andeutung, daß es diesmal nicht besser werden wird, was zugleich einige Zweifel an dem»vorübergehenden« Charakter wecken muß. Viertens die»Devisenknappheit«, und das ist eben das Geständnis, daß die Darrepolitik nicht imstande ist, trotz aller Erzeugungsschlachten die von 1920 bis zum Hitlerunglück nie in Frage gestellte Ernährung sicher zu stellen und daß die Schachtpolitik die Devisen für Rüstungszwecke statt für Emährungszwecke verbrauche Ausbau der Kriegswirtschaft ist eben nicht nur Aufbau der Rüstung, sondern zugleich Abbau der Lebenshaltung, fortschreitende Zerstörung des materiellen und kulturellen Standards der Maasen. Dr. Richard Kern. noch;»Wenn jemand kommen sollte, sagen Sie nicht, daß ich da war.« Nachmittags kam er wieder. Die Frau war allein. Nochmals verlangte er, daß man nicht sagen solle, daß er dagewesen sei. Er überreichte der Frau einen Zettel, auf dem stand:»Ich. Franz Schmidt, gebe das Ehrenwort, daß ich keine Anhaltspunkte mehr suche.« Schon am nächsten Tag findet er sich wieder dort ein, um eine neue Mär aufzutischen, Jetzt endlich wagten die verängstigten alten Leute, den Peiniger verhaften zu lassen. Hermann H. bekam vier Jahre Zuchthaus aufgebrummt, denn derart deutliche, leicht greifbare Erpressungen können die führenden Antisemiten, die selbst die Sache im großen betreiben, natürlich nicht dulden. Sich erwischen zu lassen, ist das größte aller Uebel, und es wird den zwanzigjährigen Zuchthäusler vielleicht trösten, wenn er erfährt, daß ehestens einige großkopfete Reiniger der deutschen Rasse zu seinen Leidensgefährten zählen werden. Der Leiter der Berliner Staatspolizei und Referent über jüdische Banken beim Geheimen Staatspolizeiamt, Steinmeister, ist wegen schwerer Pflichtwidrigkeiten und Erepres- sungen verhaftet worden. Er trieb sich schon seit längerer Zeit fast Abend für Abend in Restaurants und Bars herum, machte Zechen von mehreren Hundert Mark und war meistens gegen den Morgen hin schwer betrunken. Die verpraßten Gelder- stammten aus der gleichen Quelle wie die Wurstsemmeln und der Kartoffelsalat, die der kleine Hermann H. sich einverleibte, und die Handlungen des Herrn Staatspolizeileiters waren von derselben Moral diktiert. Nur trieb er— wie viele seiner Kollegen— das Geschäft i m großen: er ging zu jüdischen Banken, vornehmlich zu solchen, die arisch geleitet, aber mit jüdischen Interessen irgendwie verbunden waren, stellte sich in seiner Eigenschaft als Referent vor, drohte mit allerlei Schwierigkeiten und ließ sich nur durch umfangreiche Kredite davon abhalten, der rassischen ßankenreinigung Genüge zu tun. Erst'als Schacht sich einmischte, wurde der Steinmeister verhaftet. Für die Zustände im erneuerten Deutschland ist es bezeichnend, daß mit dem einen nationalsozialistischen Obergauner gleich fünf weitere— vier Beamte der Staatspolizei und ein Stadtrat — hochgingen. Wo man sie packt, da sind die interessant— und wo man sie nicht packt, aa treiben sie ihr Gewerbe munter weiter. Die Unterwelt regiert Die Folgen der Hitler-Streldier-Politik Dem 20jährigen Hermarm H. zu Frankfurt a. M. ist die charakteristische Schulung des Arbeitsdienstes, die ihm sechs Monate lang zuteil wurde, besonders gut bekommen. Er lernte im Lager das»wahre Gesicht des Judentums« kennen und verließ seine Lehrer mit der Ueberzeugung, daß der jüdische Abschaum vom Schöpfer aller Dinge nur erfun- dne wurde, um den Ariern ein Objekt für Beschimpfungen, Erpressungen, Beraubungen und Mißhandlungen zu liefern. Der Junge zog aus den empfangenen Belehrungen den durchaus logischen Schluß, daß eine Gemeinheit, an Juden begangen, niemals eine Gemeinheit, geschweige denn eine im Dritten Reich strafbare Handlung sein könne. Wie setzte er seine Ueberzeugung in die Tat um? Wir halten uns im Wortlaut an einen Gerichtsbericht der»Frankfurter Zeltung«: Er taucht in Prankfurt auf und treibt sich nachts in einem Vergnügungslokal mit einer jüdischen Dirne umher, von der er sich Kaffee bezahlen läßt. Dann erscheint er in dem Hause, in dem die Dirne wohnte. Er trifft ein im Hause wohnendes b e t a g- j tes jüdisches Ehepaar, die 65jäh- rige Frau ist fast blind und hat einen Hund zum Führer. Er bittet die alten Leute, da er nichts zu essen habe, ihn zu| unterstützen und er erhält Kaffee und Brot, Der Angeklagte erschien drei Wochen später, am 30. August, wieder bei den alten Eheleuten, die von Erwerbslosenunterstützung leben. Er bittet abermals um Essen. Er gibt an, er sei Nichtarier, sein Vater sei Jude und habe ihn herausgeworfen. Man reicht ihm hilfsbereit Wurst und Kartoffelsalat, die er verzehrt. Dann zündet er sich ein Pfeifchen an, schließt die Türe zu und zieht den Schlüssel ab. Die Leute blicken verwundert auf und fragen ihn, was er da mache.»Halten Sie den Mund, sonst tue ich Sic verhaften. Heil Hitler! Ich bin Kriminalspitzel.« Er gab sich als SA-Mann aus, durchsuchte alle Behältnisse, betastete den Ehemann nach Brieftasche und Portemonnaie. Er eignet sich aus einem Schrank sieben Mark, aus einer Handtasche 1.80 Mark, femer einen Ring an. Der unheimliche Gast behauptete, daß die Leute die Regierung und den Führer beim Gespräch während des Essens beleidigt hätten, dabei war kein Wort gefallen, das mit Politik etwas zu tun hatte. Weiter äußerte der junge Mensch, daß er die beiden Leute verhaften müsse, das sei seine Hauptaufgabe, er bekomme für jeden verhafteten Juden 35 Mark. Aber da sie sich ihm gegenüber mitleidig gezeigt hätten, wolle er davon absehen. Als er sich mit Geld und Ring entfernte, betonte er Gefährlldie Treue »Ich opfere meinen Bruder nicht um der Rasse willen«. Um die deutschen Studentenkorps ist 63 noch nicht still geworden. Diese Korps mögen aussehen, wie sie wollen— wir haben von ihrem Pauk- und Saufgeist nie etwas gehalten—, eines haben sie immer gewahrt; die Treue der Verbindungsbrüder untereinander. Und um dieser Treue willen hat es soeben im Kol|)s»Palaiomarchia« zu, Halle(Mitglied des»Hohen Kösener Senioren-Verbands- Konventa«) einen heftigen Krach gegeben. Einige nationalsozialistische Mitglieder verlangten das Ausscheiden zweier jüdischer Alter Herren. Die beiden Angegriffenen selbst boten sofort ihren Rücktritt an, aber die Korpsführung ließ sie nicht fallen, der Führer, Rechtsanwalt Hofmann, ein Stahlhelmer, erklärte vielmehr: »Es gibt noch genug Sinn in unserem Korps für germanische Treue(!) und deutsche Charakterfestigkeit, daß sich um diese beiden Korpsbrüder eine Schildgemeinschaft zusammenfindet, die alle Pfeile abfängt, die diesen beiden gelten. Wir alle, die wir noch wert sein wollen, Altmärker zu heißen, decken unsere Korpsbrüder Fritz Lassen und Kurt Dahlen mit unseren Leibern und erklären uns mit ihnen unlöslich verbunden... Wer das Band meines Korps trägt, ist mein Korpsbruder... Aber ich opfere nicht den Bruder um meiner selbst willen oder um meiner Rasse willen«. Die nationalsozialistischen Mitglieder sind daraufhin aus dem Korps ausgeschieden und haben eine derart wüste Hetzkampagne gegen ihre einstigen Kameraden entfacht, daß man wohl in nächster Zeit mit einer Auflösung der Verbindung rechnen muß. Der Begriff»deutsche Treue« scheint Auslegungen verschiedenster Art zuzulassen. Sieghaft sind im Dritten Reich jene Teutonen, die sich um Treue Uberhaupt nicht scheren und lieber auf Kosten ihrer Brüder Karriere machen. Der Ausglcidt Ein Berliner Familienblatt faselt: »Der Arbeiter zu Pferde ist gottlob keine vereinzelte Erscheinung mehr. Der sieghafte Vormarsch des deutschen Sozialismus kann durch nichts wuchtiger dokumentiert werden als durch den arbeitenden Volksgenossen hoch zu Pferde...« Je höher das Roß, desto tiefei- der Lohn. Nr. 121 BEILAGE UcutfUöfmSrfe 6. Oktober l�S Sozialdemokratie und Krieg Von Karl Kautsky. Vorbemerkung:. Die hier veröffentlichte Abhandlung bildet das letzte Kapitel eines eben von mir zum Abschluß gebrachten Werkes, das die wechselnde Stellung der verschiedenen sozialistischen Richtungen der Neuzeit zu der Kriegsfrage in ihrer geschichtlichen Entwicklung untersucht und darstellt. Dieses Werk schließt die Bücherserie über »Krieg und Demokratie« ab, deren erster Band, umfassend die Revolutionskriege bis 1848, 1932 erschien. Zwei weitere Bände über die Kriege von 1854 bis 1878 liegen druckfertig in meinem Schreibtisch. Das hier mit einigen Kürzungen abgedruckte Kapitel ist ein Ganzes für sich, es enthält eine kurze Zusammenfassung wichtiger Gesichtspunkte, die vorher entwickelt wurden und Schlußfolgerungen für die Haltung der Sozialdemokratie bei einem kommenden Krieg. Da dieses Kapitel in den letzten Wochen leider höchst aktuell geworden ist. veröffentliche ich es jetzt schon. Denn es ist gar nicht abzusehen, wann es mir gelingen wird, das ganze Werk erscheinen zu lassen, angesichts der katastrophalen Lage des deutschen Büchermarktes für Arbeiten selbständig denkender Autoren, namentlich für solche, die der Untugend verfallen, dicke Wälzer abzufassen. K. K. 1. Die drohende Kriegsgefahr. Jene unter den Sozialisten Frankreichs und Englands, die 1914 begeistert ihren Regierungen in den Krieg folgten, taten das in der Erwartung, daß sie damit gegen den Krieg selbst ins Feld gingen. Der einzige Friedensstörer sei der deutsche Militarismus. Der Krieg gegen ihn werde zum letzten Krieg. Seine Niederwerfung bringe ewigen Frieden. Das erwies sich leider als Illusion. Wohl waren die Verwüstungen und Opfer des Weltkriegs ungeheuer und noch ungeheurer die Zunahme der vernichtenden Kraft der Kriegstechnik, die ihm folgte. Daher schreckten bisher die Völker der Zivilisation schaudernd vor jeden neuen Krieg zurück. Aber trotzdem wird jetzt wieder sehr laut und allgemein von neuer Kriegsgefahr gesprochen und damit ersteht auch für die sozialistischen Parteien und ihre Internationale wieder die alte Frage: W a s tun gegen den Krieg, was tun, wenn der Krieg wieder ausbrechen sollte? Die Frage, wie die Sozialisten einen Krieg verhindern könnten, hat Marx und Engels nie beschäftigt. Sie wäre in der Tat für sie müßig gewesen. Denn eine Regierung, die von den arbeitenden Klassen abhängig ist, wird nie eine Kriegspolitik treiben, ohne der Zustimmung dieser Klassen sicher zu sein. In einem Staate dagegen. in dem die arbeitenden Klassen keinen beachtenswerten Machtfaktor darstellen, sind sie der Regierung gegenüber nie schwächer, als unmittelbar vor einem Krieg und bei dessen Beginn. Verfügen die Arbeiter und Sozialisten nicht über die Kraft, eine kriegerische Regierung dieser Art mitten im Frieden zu stürzen, so sind sie in der Regel noch weniger dazu imstande bei Kriegsausbruch. Marx und Engels haben sich bei einem ausbrechenden Krieg stets nur gefragt, auf welche Seite sie sich zu stellen hätten. Um diese Frage zu beantworten, untersuchten sie. wer es sei, der tatsächlich den Krieg veranlasse, wer der Angreifer sei. Sie erwogen aber nicht minder eifrig die Frage, wem wahrscheinlich der Sieg zufallen dürfte, und wie die dadurch geschaffene neue Situation auf Demokratie und proletarischen Klassenkampf wirken werde, welche neuen Aussichten und Möglichkeiten sich daraus ergeben, für die wir uns vorzubereiten hätten, um sie zweckmäßig ausnützen zu können. Bei manchem internationalen Konflikt gingen Marx und Engels sogar noch weiter. Einen großen Feind der gesamten europäischen Demokratie erblickten sie in dem russischen Zarismus. Lange Zeit hindurch sahen sie keine andere Möglichkeit, ihn zu stürzen, als einen Krieg der West- m ächte gegen Rußland. Wer immer diesen Krieg zu führen gedachte, für den setzten sie sich ein. Noch im Jahre 1878 hielten sie einen Krieg Englands und Oesterreichs gegen Rußland für entschieden nötig. Bald darnach starb Marx. Engels erlebte aber noch eine Zeit, in der ihm jeder Krieg so furchtbar erschien, daß dessen nicht bloß ökonomischen, sondern auch moralischen und politischen Schäden jeden Nutzen weit aufwiegen mußten, den eine aus ihm entspringende Revolution bringen konnte. Er kam zu dieser Ueberzeugung durch das Studium der fortschreitenden Kriegstechnik, die immer größere Massenheere aufbiete und ihnen immer gräßlichere Vernichtungsmittel zur Verfügung stelle. Dazu gesellt sich das Aufkommen einer revolutionären Bewegung innerhalb des russischen Reiches, die eine Ueberwin- dung des Zaren ohne auswärtigen Krieg möglich erscheinen ließ. Entschieden warnte damals Engels jene unserer Genossen, die zur Beschleunigung der Revolution einen Krieg wünschten. In der Tat muß eine Revolution, die hervorgerufen wird durch einen Krieg, uns unter so ver- pcrialismus und in dem sei jeder Krieg ein Kampf zweier Räuber um eine Beute und daher jeder der Kriegführenden in gleicher Weise zu verurteilen. Und das Proletariat sei stark genug, in jedem Staat jede Kriegshandlung zu vereiteln, wenn es nur wolle. Der Streik, womöglich der der Soldaten, zumindesten der der Arbeiter, namentlich der Arbeiter im Transportwesen und in der Fabrikation von Waffen und Munition, sei ausreichend, jeden Krieg unmöglich zu machen. Auch wenn sich unglücklicherweise die Soldaten und Arbeiter zu solcher Arbeitsverweigerung nicht entschließen könnten, sei es doch die Pflicht aller Sozialisten in jedem kriegführenden Romlnten Noch einmal? zweifelten Umständen zur Macht bringen, daß jede Regierung Gefahr läuft, sich erfolglos abzunützen und schließlich zu scheitern. Seit Engels Tod haben sich die Gründe gegen die Förderung der Revolution durch einen Krieg enorm vermehrt. Darüber ist ein Zweifel nicht mehr möglich. Wie aber haben wir uns zu verhalten, wenn gegen unseren Willen eine der Regierungen an die Gewalt der Waffen appelliert? Haben wir uns an das Beispiel zu halten, das uns Marx und Engels in solchen Fällen gegeben oder sind im letzten halben Jahrhundert Veränderungen eingetreten, die ein anderes Verhalten erforderlich machen? Das letztere ist in der Tat in der zweiten Internationale von einem Teil der ihr angehörenden Sozialisten mit aller Entschiedenheit behauptet worden. Man erklärte, es sei nicht notwendig, im Kriegsfalle zu untersuchen, wer der Angreifer sei. Jede Regierung, die in einen Krieg eintrete, sei in Unrecht und müsse bekämpft werden. Wir lebten im Zeitalter des Im- Lande, solches Tun zu propagieren und zu organisieren, die eigene Regierung rücksichtslos zu bekämpfen, sowie alle Kriegshandlungen zu sabotieren. Der Kampf dieser Auffassung gegen jene, von der sich Marx und Engels, ja die gesamte Sozialdemokratie hatte ehedem leiten lassen, erfüllte die ganze Zweite Internationale bis zum Weltkrieg. Es gelang der neuen Auffassung nicht, sich in ihr durchzusetzen. Aber ihre Anhänger machten Spektakel genug, um weiten Kreisen den Glauben einzuflößen, sie repräsentierten die wahre sozialdemokratische, internationale Gesinnung. Wer sich im Kriege auf Sexte seiner Regierung stelle, axis welchem Grunde immer, sei ein Verräter an den heiligsten Grundsätzen des internationalen Sozialismus, trete dafür ein, daß die Proletarier verschiedener Länder um kapitalistischer Interessen willen einander abschlachteten, anstatt daß sie sich zusammentäten, um vereint den gemeinsamen Feind, das internationale Kapital niederzuwerfen. Neben dieser Auffassung kam jedoch im Weltkrieg noch ehxe andere in den Vordergrund, die bis dahin kaum beachtet worden war. Auch diese Auffassung hielt es nicht für notwendig, angesichts eines Krieges zu untersuchen, wer der Angreifer, wer der Angegriffene sei, oder wessen Sieg die größten Gefahr für den internationalen Sozialismus und die internationale Demokratie bedeute. Jedes Land, das in einen Krieg verwickelt sei, werde von feindlichen Armeen bedroht. Die feindliche Invasion und die Niederlage seien das schlimmste Unheil für alle Klassen des Volkes. Das eigene Land gegen eine feindliche Invasion zu verteidigen, die eigene Regierung dabei kräftig zu unterstützen, damit sie siege, werde daher von vornherein zur heiligsten Pflicht eines jeden Staatsangehörigen, der sein Volk liebe. Diejenigen, die so argumentieren, vergessen, daß es ein weit sicheres Mittel gibt, im Kriege das eigene Volk und Land vor einer feindlichen Invasion und vor den Schrecken einer Niederlage zu bewahren, als ein siegreiches Heer: Das ist die rascheste Herbeiführung eines demokratischen, auf gegenseitiger Achtung der Selbständigkeit und der Lebensbedingungen der Völker beruhender Frieden. Die Pflicht, das eigene Volk vor Invasion und Vergewaltigung nach einer Niederlage zu bewahren, zieht keineswegs ohne weiteres die Pflicht nach sich, die eigene Regierung im Kriege zu unterstützen. War es deren Politik, die den Krieg durch unbillige Forderungen herbeiführte, ist es deren Politik, die den Krieg durch solche Forderungen verlängert und den demokratischen Frieden unmöglich macht, dann ist es die eigene Regierung, die das Volk den Gefahren der Invasion und Niederlage und allen Schrecken des Krieges aussetzt. Dann ist es höchste Pflicht nicht nur gegenüber der Internationale, sondern gegenüber dem eigenen Volk, dieser Regierung entgegenzutreten, wenn möglich, sie zu stürzen, um eine andere an ihre Stelle zu setzen, die gewillt und imstande ist, den Krieg ra- schest durch einen demokratischen Frieden zu beenden. Das wurde im Kriege vielfach in sozialdemokratischen Kreisen verkannt. Aus der Pflicht zur»Landesverteidigung« leitete man die Pflicht zum»Burgfrieden« ab, zur Verteidigung der Regierung. Diese Pflicht ergäbe sich bereits aus der Tatsache, daß das Land im Kriege stehe. Sie zu erkennen, dazu bedürfe es keiner Untersuchung darüber, wer der Angreifer oder welches der Charakter der eigenen Regierung und der der gegnerischen sei. Die Pflicht zum Burgfrieden während des Krieges sei eine absolute, durch die Natur der Dinge selbst gegeben. Wie die Verfechter der absoluten Pflicht zur Feindschaft gegen jede Regierung im Kriege, behaupteten auch die der absoluten Pflicht zum Burgfrieden, das sei ein Prinzip, das in der Sozialdemokratie schon vor dem Weltkriege allgemeine Geltung erworben habe. In Wirklichkeit hatte das eine Prinzip ebensowenig wie das andere jemals allgemeine oder auch nur weitergehende Anerkennung in unseren Kreisen vor dem Weltkrieg gefunden. Die Mehrheit der Sozialdemokratie war bis dahin stets der alten Auffassung treu geblieben, wir müßten im Kriege Unterschiede machen zwischen den Regierungen, vor allem unterscheiden zwischen dem Angreifer und den Angegriffenen. Alle Kraft, über die die Internationale verfüge, moralische, politische, ökonomische Kraft, müsse sich gegen den Angreifer wenden. Wir geben zu, daß es mitunter unmöglich sei, klar zu erkennen, welches der Angreifer, welches der Angegriffene. Aber auch in diesem Falle würden die beiden kriegführenden Regierungen für den internationalen Sozialismus nicht auf gleicher Stufe stehen. Die eine würde für ihn gefährlicher, ihr Sieg verderblicher sein als der andere. So war es z. B. 1904 im Konflikt zwischen Rußland und Japan schwer möglich zu sagen, welche der beiden Mächte der Angreifer sei. Beide waren Räuber, die sich um eine Beute— Korea und die Mandschurei— stritten. Aber daran war kein Zweifel möglich, daß für den Sozialis- mus und die Demokratie der Welt, ein Sieg des Zaren ungleich verhängnisvoller gewesen wäre, als ein Sieg des Mikado. Also bei drohendem Kriegsausbruch ist weder»Burgfriede« noch unbedingte Opposition gegen die Regierung von vorneherein selbstverständliche Pflicht eines jeden Sozialisten. Vielmehr haben wir in solcher Situation vor allem nach Klarheit über das Vorgehen und den Charakter der einzelnen am Konflikt beteiligten Regierungen zu streben, um von dem Ergebnis der Untersuchung unsere Haltung abhängig zu machen. Bringt aber dies Verfahren nicht die Gefahr mit sich, daß dabei die Sozialisten verschiedener Länder zu verschiedenen Auffassungen über die einzelnen am Kriege beteiligten Regierungen kämen und daß dies die sozialistische Internationale gerade in • dem Moment sprengt, in dem sie für die Arbeiterbewegung und die Entwicklung der Welt überall am wichtigsten wird? Gewiß schließt die Auffassung, daß in einem Kriege heute jede Regierung von vornherein, ohne weitere Untersuchung, als Angreifer zu betrachten sei und daher entschiedenster Opposition zu begegnen habe, einen Zwist innerhalb der Internationale in der Kriegsfrage aus. Aber leider kann diese Auffassung mitunter in so flagrantem Widerspruch zu den Tatsachen geraten, daß nur kleine phanatisierte Sekten sich zu ihr zu bekennen vermögen, die für die Wirklichkeit blind sind. Bei Ausbruch des Weltkriegs hat jene Auffassung auf die Volksmassen nirgends irgendeinen merkbaren Einfluß geübt. Die gegensätzliche Anschauung, daß im Kriege wegen der Landesverteidigung alle Sozialisten hinter ihrer Regierung stehen müßten, ist dagegen freilich von vornherein mit jedem Funktionieren der Internationale in einem Krieg unverträglich. Daß gleiche kann jedoch nicht von der Regel gesagt werden, daß die Haltung zu den einzelnen an einem Kriege beteiligten Regierung keineswegs von vornherein prinzipiell für alle in gleicher Weise festgelegt werden könne, sondern abhängig von der Schuld zu machen sei, die jede der Regierungen am Kriegsausbruch und dann an der Fortsetzung des Krieges trage. Gewiß können in dieser Frage größere tiefgehende Meinungsverschiedenheiten auftauchen, die schließlich solche Dimensionen annehmen, daß sie die Internationale sprengen. Aber dieses Resultat muß keineswegs mit Notwendigkeit eintreten. Ob es dazu kommt, das hängt weniger von der Verfassimg der Internationale und der Höhe des internationalen Bewußtseins bei den Sozialisten der verschiedenen Länder ab, als von dem Charakter des Krieges. Je komplizierter dieser, je schwerer es ist, seine treibenden Kräfte herauszufinden, desto leichter wird es zu Verschiedenheiten in der Auffassimg des Krieges, seines Ursprunges und Wesens kommen. Im Weltkrieg zerfiel die Internationale vor allem deshalb, weü sein Charakter als KoaEtionskrieg hüben wie drüben weit komplizierter war, als der eines anderen Krieges vor ihm. Daß dieser Zerfall nicht einem Mangel an internationalem Bewußtsein zuzuschreiben war, erhellt schon daraus, daß sich die einander eben noch wütend bekämpfenden Parteien der Internationale nach Kriegsende so rasch wieder zusammen fanden. Wie leicht in einem großen Kriege Meinungsverschiedenheiten auftauchen können und eine wie scharfe Zuspitzung sie durch die Leidenschaften erhalten können, die ein Kriegsgewitter entfesselt, das zeigt uns z. B. der Beginn des deutsch- französischen Krieges von 1870. Bloß zwei Mächte waren an ihm beteiligt und doch, wie groß wurden in den ersten Wochen des Krieges die Gegensätze z. B. innerhalb der deutschen Sozialdemokratie, etwa zwischen Bebel und Liebknecht auf der einen Seite und dem Parteivorstand auf der anderen! Vorübergehend stimmten nicht einmal Engels und Marz in ihren Auffassungen der Kriegsursache und der Haltung zum Kriege überein. Es hätte damals leicht zur Spaltung in der deutschen Sozialdemokratie, ja sogar in der Internationale kommen können, wenn der Krieg sich lange militärisch und politisch unentschieden hingezogen hätte. Aber 1870 vollzogen sich die Ereignisse des Krieges anders, als in den Jahren von 1914 bis 1918. Binnen einem Monat waren die Armeen des französischen Kaiserreiches vernichtet, war aber auch der Charakter des Krieges unzweifelhaft klargelegt: Die neubegründete französische Republik bot einen ehrenhaften Frieden an, die preußische Militärmonarchie verlangte die Annexion eines halben Teiles Frankreichs, aus militärischen, nicht nationalen Gründen, denn die Elsässer bildeten keine deutsche Irrcdenta, sondern lehnten aufs energischste ihre Loslösimg von Frankreich ab. Um die gewaltsame Annexion durchzusetzen, führten die Deutschen den Krieg nach Sedan weiter. Da zeigte sich, daß die tiefgehenden Meinungsverschiedenheiten in der deutschen Sozialdemokratie und auch sonst unter den Sozialisten nichts mit einem Mangel an internationaler Solidarität zu tun hatten. Sobald der Charakter des Krieges klargestellt war, trat vollständige Einheitlichkeit in der deutschen Sozialdemokratie und der Internationale ein. Für diese Klärung zu sorgen, das wird in einem Kriege stets die erste und wichtigste Aufgabe des internationalen Sozialismus sein. Sie kann nicht von vornherein für alle Kriege durch internationale Beschlüsse hergestellt werden, sie muß bei jeder auftauchenden Kriegsgefahr immer wieder von neuem in Angriff genommen werden. Wie weit sie gelingt, wird vor allem von der Art des Krieges abhängen, d. h., von der Art der Regierungen hüben wie drüben, die an dem Konflikt beteiligt sind. Es kann natürlich ungeheuer schwierig werden, namentlich bei einem Weltkrieg Deuisdiland E« ist wahr, Deutschland ist erstarkt, erwacht— Aber nicht so, wie es ein Nazi meint: Die Milliarden Tranen, die es geweint, Die sind seine Stärke und Macht. Es ist wahr, Deutschland ist heute friedens- gewillt— Aber nicht so, wie e« ein Nazi meint! Denn der Nazi, das ist der innere Feind, Den's zuvor zu vernichten gilt. Ks ist wahr, daß die Deutschen einig sind— Aber nicht so, wie es ein Nazi meint! Im Haß sind heute die Deutschen geeint, Im Haß, der im Blute gerinnt. Es ist wahr, in Deutschland wirds wieder licht— Aber nicht so, wie es ein Nazi meint! Denn das Licht, das in der Finsternis scheint, Reißt Aufbruch, heißt Recht und Gericht. Argo. Vorläufer des Judenhasses Der Franzosenhaß von 1870. Die Haßpsychose, in die ein beträchtlicher Teil des deutschen Volkes von seinen Macht- habem gegen die Juden getrieben wird, scheint vielen Menschen unerklärlich, beispiellos. Es ist jedoch auch in vergangenen Zeiten der nationalistischen Hetze in Deutschland stetj geglückt, nach ihren damaligen Zwecksetzungen das Volk in ähnliche Raserei zu bringen. Namentlich im Franzosenhaß, der im neunzehnten Jahrhundert die Volksseele zu vergiften begann, findet man viele Parallelen zu der heutigen Erscheinung. Vor allem die, daß ein große« kultiviertes Volk dem eigenen als völlig verkommen, sittenlos, gemein hingestellt wird— wobei man selbetgefällig den Gegensatz der eigenen Reinheit und Größe hervorhebt. Dabei war auch in früheren Zeiten charakteristisch, wie die plumpe st en Verallgemeinerungen, die skruppellosesten Verzerrungen gerade von der sogenannten Schicht der Gebildeten begierig aufgenommen wurden. Wahrend de« achtzehnten Jahrhunderts sah die Oberschicht in Deutschland die Franzosen noch als Lehrmeister und Vorbild an. Der Alto Fntz, wohl deswegen heute zum »ersten Nationalsozialisten« befördert, dichtete und achrieb bekanntlich ausschließlich in französiseber Sprache. Die klassische deutsche Dichtung brachte die geistige Emanzipation der bürgerüchen Schichten vom Fran- zosentura. Aber ein eigentlicher Franzoaen- haß entstand erst infolge der napoleonischcn Eroberung und Bedrückung. Schon in den Freiheitskriegen trieb der Franzosenhaß, als Haß gegen die Fremd- herrschaft damals begreiflich, wilde Blüten: »Auf Henkersblut, Franzoaenblut,— o süßer Tag der Rache«, dichtete Arndt, ähnlich Körner;»die wilde Jagd und die deutsche Jagd, auf Henkerblut und Tyrannen«. Das blieb immerhin im Rahmen der— selten feinfühligen— Kriegspoesie. Aber damals tauchten auch schon Vorläufer der Streicherei auf. Der Turnvater Jahn— dieser rohe Polterer hätte weit besseren Anspruch auf den Titel des»ersten Nazi«— veröffentlichte allen zweier großer Koalitionen, herauszufinden, welche der beteiligten Regierungen ihn tatsächlich hervorgerufen, nicht bloß formell eröffnet hat, und noch schwieriger sich darüber klar zu werden, welche Konsequenzen für die menschheitliche Entwicklung der Sieg der einen oder der anderen Gruppe nach sich ziehen werde. Doch gibt es ein Mittel, das nicht nur bei Kriegsbeginn, sondern auch mitten im Kriege es jederzeit gestattet, daß die Sozialisten eines Landes und auch die Internationale sich klar werden über die Haltung, die sie zu seiner Regierung einzunehmen haben: Sie müssen von ihr verlangen, daß sie offen und ehrlich die Kriegsziele kundgibt, die sie verfolgt, und sie müssen zu jeder Regierung in entschiedene Opposition treten, die es verweigert, ihre Ziele klar und unzweideutig darzulegen oder deren Kriegsziele derart sind, daß sie einen raschen demokratischen Frieden unmöglich machen. Einen solchen, nicht einen Frieden um jeden Preis, hat die Sozialdemokratie eines jeden Landes stets zu fordern, über ihn wird sich die Internationale leicht einigen. Eine klarb Darstellung ihrer Kriegsziele hat bei ausbrechenden, ja schon bei drohendem Kriege jede sozialdemokratische Partei eines in den Konflikt verwickelten Landes von ihrer Regierung zu fordern und von der Beantwortung die eigene Haltung abhängig zu machen. Die Sozialdemokratie darf sich dabei nicht mit allgemeinen zweideutigen Redensarten abspeisen lassen. Sie muß verlangen, klar und unmißverständlich zu erfahren, um was der Konfükt sich dreht, welche Ziele die Regierung anstrebt. Diese Aufklärung haben leider die sozialistischen Parteien der meisten kriegführenden Länder bei Beginn des Weltkrieges nicht verlangt und doch wäre sie gerade in diesem Falle besonders notwendig, allerdings auch besonders schwer zu geben gewesen. Der Krieg Oesterreichs gegen Serbien wurde noch durch ein Ultimatum mit bestimmten Forderungen eingeleitet und begründet. Das ermöglichte es, daß die gesamte Internationale einig war in der Verurteilung des österreichischen Vorgehens. Aber diejenigen Ultimaten, die den österreichisch-serbischen Konflikt ZU einem Weltkrieg erweiterten, die Deutschland an Rußland, Frankreich, Belgien, waren rein militärischer Art, sie drehten sich bloß um Fragen der Mobilmachung oder Neutralität, die wohl für die Art der eventuellen Kriegführung sehr wichtig waren, dagegen nicht die leiseste Andeutung über ein Kriegsziel enthielten. Sollte trotz aller Bemühungen, einen Krieg zu verhindern, ein solcher wieder ausbrechen, dann wird es die wichtigste Pflicht der Sozialdemokratie sein, Klarheit über die konkreten Kriegsziele jeder der am Kriege beteüigten Regierungen zu erlangen, wenn die Dinge nicht so einfach liegen sollten, daß ohne weiteres die Klarheit gegeben ist. Schluß folgt. Ernstes folgenden Vorschlag: Zwischen Deutschland und Frankreich müsse ein breiter Landstreifen in Wüste verwandelt und mit wilden Tieren bevölkert werden, um die keuschen Germanen vor der Berührung mit den verderbten Franzosen zu bewahren. Man glaubt, wenn man es liest, den»Stürmer« einer früheren Epoche vor sich zu haben... Das Jahr 1840 bezeichnet dann— wegen der angeblichen Rheinbedrohimg— eine neue Welle des Franzosenhasses. Ganz schlimm wurde es aber mit dem Krieg von 1870, den bekanntlich Bismarck durch Fälschung der Emser Depesche bewußt provoziert hat. Damals grassierte das Schlagwort von dem»verkommenen Franzosen«. Eduard Bern- stein, der alte Vorkämpfer der Sozialdemokratie, schrieb darüber in seiner»Geschichte der Berliner Arbeiterbewegung«: »... Aber der Haß des großen Publikums blieb nicht bei Napoleon stehen, er übertrug sich bei den Gedankenlosen sofort auf das französische Volk, das nun ganz und gar mit dem»nach Berlin! nach Berlin!« rufenden Boulevardpublikum von Paris identifiziert wurde. Unter dem Einfluß verhetzender Presseartikel sprach man nur von der»verkommenen« französischen Nation. Wer gegen diese Art, über ein ganzes Volk abzuurteilen, einen Einspruch wagte, riskierte gelyncht zu werden. Schreiber dieses, damals noch Anhänger der Fortschrittspartei und durchaus für den Krieg gegen Napoleon eingenommen, wurde aus einem Lokal befördert, bloß weil er einem Literaten entgegentrat, der den Franzosen die Fähigkeiten zu großen geistigen Leistungen bestritt.« Der vpn Bernstein nicht mit Namen genannte Literat ist ein Typus seiner Zelt so Xiipnbepger V epsppediungen Kinderbeihilfe— aber wann? Der nationalsozialistische Staatssekretär Reinhardt hat auf dem Nürnberger Reichsparteitag in prahlenden Worten von den Kinderbeihilfen für kinderreiche Familien gesprochen. In ein bis zwei Tagen sollte die Durchführungsverordnung erscheinen und die Kinderbeihilfen ab 1. Oktober zur Auszahlung gelangen. Seitdem sind mehr als vierzehn Tage vergangen, ohne daß die Durchführungsverordnung erschienen wäre. Die»Frankfurter Zeltung« kann aber einiges aus der angekündigten Durchführungsverordnung mitteilen. Danach stellt sich diese Hilfsaktion als eine einzigartige Fopperei der kinderreichen Familien dar. Denn die Verordnung macht alle In Frage kommenden Hilfsbedürftigen— ee sind die« etwa 800.000 kinderreiche Familien— darauf aufmerksam, daß sie aus dem Inkrafttreten der Verordnung am 1. Oktober 1935 nicht schließen dürften, daß sie schon im Oktober oder auch nur noch vor Weihnachten die Beihilfe erhalten. Von den 800.000 Familien würden zunächst höchstens 250.000 ausgesucht werden, und die Verteilung der Beihilfe an diese 250.000 Familien werde sich mindestens drei Jahre lang hinziehen. Höchstens 60.000 bis 70.000 Fälle sollen in einem Jahre erledigt werden. Das bedeutet also, daß die Uberwältigende Mehrheit der beihilfebedürftigen Familien die einmalige Unterstützung frühestens in fünf bis sechs Jahren, meistens aber wohl noch später erhält. Ein nicht geringer Teil wird erst nach zehn, zwölf, oder dreizehn bis vierzehn Jahren In den Genuß der Unterstützung kommen! Wenn von den früheren Reichs regierun- gen, die unter sozialdemokratischem Einfluß standen, soziale Hilfsaktionen Uber das ganze Reich hinweg durchgeführt wurden, die mehr als 800.000 Familien erfaßten, so waren dazu In der Regel nur ein paar Wochen notwendig. Die Hitlerregierung zieht eine einmalige UnterstUtzungsaktion mehr als zwölf Jahre in die Länge. Nicht etwa, weil sie dazu verwaltungsmäßige Gründe zwingen, sondern weil diese Kinderbeihilfe eben doch im wesentlichen nichts anderes ist als ein großer Blufft Der Vogel »Wer dem Vogelsang Im deutschen Waiae zu lauschen versteht, wird überraschende Feststellungen machen. Die Gemütstiefe dieses Sanges ist so unverkennbar deutsch, daß man über diese Einwirkung von Natur und Rasse verblüfft Ist...« (Aus»Am Quell deutscher Kraft«.) Das billigste Nahrungsmittel Aus einem»zeitphilosophischen Stimmungsbild« des deutschen Rundfunks. »Bei uns hungert niemand. Wir machen alle satt! Auch Hingabe an eine große Idee kann satt machen!« Hingabe nährt, Erkenntnis zehrt! wie die Hanns Heinz Ewers, Jobste und Max Bartheis Typen der ihrigen sind. Wenn in dem Gespräch, das mit der typisch nationalistischen Beweisführung durch die Faust endete, von zeitgenössischen großen Leistungen die Rede gewesen ist, so muß der ungenannte Literat Paul Heyse und Lindau turmhoch über cfie»verkommenen« Franzosen Flaubert und Zola, die deutschen Maler Anton v. Werner und Piloty über Courbet, Manet und Monet gestellt haben. Was ja. nicht schwer ist! Doch wir brauchen uns bei Bernsteins Ungenanntem nicht aufzuhalten. Die zeitgenössische Brief- und Memoireniiteratur liefert Namen. Man lese, was der Demokrat Franz Z i e g 1 e r am 3. November 1870 an die Dichterin Fanny Lewald, die Gattin Stabrs, schreibt. Die keineswegs reaktionär gerichtete, geistige Frau hatte in einem Brief an Ziegler die Fmnzosen als»verlumptes Volk« bezeichnet. Ziegler erwidert ihr darauf: »Ich kaum es nicht zum Haß anf das französische Volk bringen. Es Ist ja mitten in der Revolutionsarbeit, die es für uns alle vollbringt. Heruntergebracht durch eine Reihe nichtswürdiger Könige, jetzt zwanzig Jahre gedrückt durch einen Zuchthäusler, die sich mit einer Räuberbande verbunden, die man Militär nennt, verraten, verlassen von allen, kämpft das Volk noch mit unendlicher Bravour durch seine bewaffneten Bürger. Und das Volk nennen Sie verlumpt? Fänden Sie wohl in Deutschland hunderttausend solcher Lumpen, die sich, ohne höhere Order, auf eigene Hand schlagen?« Die Ironie will es, daß die sinnlos den Franzosenbaß nachbetende Dichterin Fanny Lewald-Stahr geborene Jüdin war! Aber Holt!- Oer Hitleld hot, wird ersteen! Nichts war in den beiden ersten Jahren der> nationalen« Tollwut der Hitlorel so niederdrückend, lähmend und entwaffnend für alle Kämpfer gegen das System grade im Arbeiterlager, alscs iDochcnbloH Herausgeber: Ernst Sattler; verantwortlicher Redakteur: Wenzel Horn; Druck:»Graphia«: alle in Karlsbad. Zeltungstarif bew. m. P. D. ZI. 159.334/VII-1933. Printed in Czecho-Slovakia. Der»Nene Vorwärts« kostet im Einzelverkauf innerhalb der CSR, Kö 1.40(für ein Quartal bei freier Zustellung Kö 18.—). Preis der Eänzelnummer im Ausland Kö 2.—(Kö 24.— für das Quartal) oder deren Gegenwert in der Landeswährung(die Bezugspreise für das Quartal stehen In Klammern): Argentinien Pes. 0.30(3.60), Belgien Frs. 2.45(29.50), Bulgarien Lew 8.—(96.—), Danzlg Guld. 0.45 (5.40), Deutschland Mk. 0.25(3.—), Estland E. Kr. 0.22(2.64), Finnland Fmk. 4.—(48.—). Frankreich Frs. 1.50(18.—), Großbritannien d 4.—(Sh. 4.—). 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