Verlag; Karlsbad, Haus„Graph ia"— Preise und Bezugsbedingungen siehe Beiblatt letzte Seite 1- DemsdiW unter brauner Blotkade! Der Bankrott des nationalsozialistisdien Plans IVp. 122 SONNTAG, 13. Okt. 1935 Aus dem Inhalt: Der Sinn der Sanktionen Das Kirchendiktat Kriegsfurcht in Deutsch tand Neue Terror welle We größte amerikanische Telegraphenagentur»United Preßt meldete am 2. Oktober aus Berlin: Heute vormittag war in Berlin eine noch nie dagewesene Fe 1 1 k n a p p h e 1 1 festzustellen. Die Berliner Hausfrauen, die ausgegangen waren, um Butter und andere Fettwaren einzukaufen, mußten un verrichteter Dinge zurückkehren. Wer nicht durch besondere Beziehungen sich ein Viertelpfund Butter hatte zurücklegen lassen, ging leer aus. Einige Geschäfte hatten schon am frühen Morgen ein Schild mit der Aufschrift angebracht:»Butter ausverkauft«; Inhaber anderer Geschäfte erklärten, daß es vor 5 Uhr nachmittags keine Butter geben werde. In diesem Zusammenhang Ist die Feststellung interessant, wie erfinderische Laden- inhaber das»W ucherverbot« zu umgehen verstehen. Sie verkauften zu normalen Preisen, gaben aber nur dann Butter ab, wenn der Kunde gleichzeitig andere Waren einkaufte. Die Butterknappheit hat in den verantwortlichen Stellen nicht wenig Kopfzerbrechen verursacht. Die Verstimmimg in den führenden Regierungskreisen richtet sich in erster länie gegen den Ernährungsminister Darr 6, der sich bei seinem Emäh- rungsplan vollkommen verrechnet habe. Der Darre aber weiß sich zu helfen; er hat die beiden Direktoren Holzmann und Hasselbach der Reichsstelle für Tiere und tierische Erzeugnisse(Fleischversorgung) mit sofortiger Wirkung ihrer Aemter enthoben. Was die Direktoren verbrechen, müssen ihre Werkzeuge, die»Spez« nennt man sie in Rußland, büßen... Deutschland ist heute das einzige Land in Enropa, in dem akute Lebensmittelknappheit herrscht. Im Frühjahr begann es mit Gemüse und Obst, die teilweise fehlten oder wie die Frühkartoffeln unerschwinglich teuer wurden. Im Sommer setzte es sich fort mit Eiern und Fleisch. Seit September herrscht In den Verbranchszentren akuter Mangel an Schweinefleisch, Margarine, Schmalz und Butter. »Sind wir denn der Herrgott, der die Sonne scheinen läßt? Und regieren wir auch über den Himmel, der die Ernte macht?< So fragt G 5 b b e 1 s die auf dem Thingplatzgelände in Halle Versammelten. Aber in den 14 Jahren der Schmach waltete doch auch derselbe Herrgott; er machte bessere und schlechtere Ernten. Nur daß er damals noch nicht den Hitler ge- saridt hatte. Hängt es vielleicht doch nicht gerade damit zusammen, daßesinden 14 Jahren der Schmach keine Butterknappheit gab, daß Margarine stets zur Verfügung stand und kaum ein Drittel des heutigen Preises bedang, daß amerikanisches Schweineschmalz infolge seiner Billigkeit auch den Aermsten erreichbar war? Dem Göbbels hats die Red* verschlagen. Von den Schmachjahren wird plötzlich nicht mehr gesprochen. Wenn der Ley erzählt, der Lohn sei nicht so wichtig, die Ehre sei die Hauptsache, was kümmert dann den nicht minder heroischen Göbbels der bißchen Fett- und Fleischmangel? »Kann man uns verdenken, daß wir lieber einmal für 14 Tage oder drei Wochen eine immerhin noch erträgliche Butter knappheit in Kauf nehmen, um die dadurch gesparten Devisen für die Rohstoff- clnfuhr zu verwenden, mit der wir die Arbeltsschlacht schlagen, als daß Millionen ohne Arbeit und damit auch ohne Brot bleiben?« Nun handelt es sich ja längst nicht mehr um die»Arbeitsschlacht«, in der produktive Werte hergestellt werden, sondern um die enormen Ausgaben für die unproduktive»Rüstungsschlacht«. Für die K r i e g s v o r b e r e i t u n g ist dem Göbbels also kein Opfer der Bevölkerung zu gering. Das müsse das Publikum aber in Kauf nehmen.»Denn wenn jede Maßnahme der Regierung einfach durch den Unverstand einiger Unbelehrbarer gefährdet werden könne, wohin würde das am Ende noch führen?« Ueberhaupt gefällt dem Göbbels die ganze Meckerei nicht. »Und dabei ist das deutsche Volk nicht einmal am schlechtestc.n daran. Andere Völker nehmen heute für nationale Ziele sogar Kriege von ganz unbestimmtem Auagange auf sich. Wollen wir unsere tägliche Lebenshaltung durch diese Völker beschämen lassen? Ich meine, der Nationalsozialismus ist nicht gekommen, um sich an anderen Völkern ein Beispiel zu nehipen, sondern um der Welt ein Beispiel zu gehen!« Der Nationalsozialismus hat also erreicht, daß es dem deutschen Volk nicht am schlechtesten geht. Das hat der andere Faschist, der Mussolini, dem ita- Aus dem Rheinland wird uns berichtet: »In der ganzen Bevölkerung herrecht ausgesprochene Angst vor einem neuen Kriege. Die Ereignisse in Abesslnien werden mit großer Besorgnis betrachtet. Die allgemeine Stimmung ist gegen die Italiener, man wünscht ihnen eine gehörige Schlappe, und der Völkerbund hat mehr Sympathien bei der Bevölkerung als dem System lieb ist. Aber wichtiger ist, daß jeder sich besorgt fragt: Was wird aus uns? Das Kriegsgespräch Ist wieder da, es reißt nicht ab. Die fieberhaften Rüstungen näbren es. Es gibt Leute, die auf den Krieg hoffen, weil sie glauben, Deutschland könne bei Seinem heutigen RUstungsstand die Welt erobern— viele aber fürchten, daß bei einem neuen Kriege Deutschland von der Landkarte verschwinden werde. Das Volk spürt die Doppelzüngigkeit de» Systems, die Zweideutigkeit seiner Erklärungen. Es gibt nichts auf die Friedensreden. Es traut dem System alles zu: Angriff auf Oesterreich, Auseinandersetzung mit Frankreich und Italien, aber auch wieder ein Zusammengehen mit Mussolini. Das Fehlen einer freien Presse lienischen Volk beschert. Der führt schon Krieg, während Hitler erst in der Kriegsvorbereitung steckt. Die deutschen Opfer sind also noch nicht so groß wie die italienischen, und nordische Deutsche dürfen sich doch nicht von der südlichen Promenadenmischung beschämen lassen. Deshalb Disziplin, die Zähne zusammengebissen, marsch, marsch, aber nicht in die Richtung auf die Butterläden, denn dort erwartet euch doch nur das ominöse Schild: Ausverkauft! Wenn der Göbbels proklamiert, daß die Störungen der Lebensmittelversorgung darauf zurückzuführen sind, daß der Gegenwert des Exports— die Devisen— in immer größerem Umfang zur Einfuhr von Rohstoffen der Rüstungsindustrie verwendet werden, statt zur Einfuhr von Lebensmitteln und von Futtermitteln, so hat er damit nur eine Ursache der Knappheit erwähnt. Die andere ist die Zwangswirtschaft des Darre. Göbbels schwindelt; »Als der Nationalsozialismus an die Macht gekommen sei, habe Deutschland für 2% Milliarden Mark Lebensmittel einführen müssen. Diese Summe sei mittlerweile durch die agrarpol i tischen Maßnahmen der Regierung bis auf eine Million heruntergeschraubt und der eraparte Betrag für Zwecke der Arbeitsbeschaffung freigemacht worden. Sei das nicht eine Leistung?« Ach nein! Bevor der Nationalsozialismus zur Macht kam, konnten die Lebensmittel in jeder erforderlichen Menge eingeführt und reibungslos aus dem deutschen Ausfuhrüberschuß bezahlt werden. Die Mindereinfuhr, die die Nationalsozialisten durch ihren verrückten Protektionismus herbeiführten, hat keine einzige Mark für Arbeitsbeschaffung freigesetzt. Im Gegenteil! Die Absperrung der Einfuhr verhinderten die betroffenen Länder, deutsche Industrieprodukte zu kaufen. Die Nationalsozialisten haben bewirkt, daß die deutsche Ausfuhr von ihrem Höhepunkt von 12 Milliarden heruntergegangen, daß der deutsche Exportüberschuß und damit die freien Devisen verschwunden sind, daß die Arbeitslosigkeit in dem für den Export arbeitenden Teil der Wirtschaft vermehrt worden ist. Dadurch, daß sie die Arbeitslosen zum Teil für die Rüstungsindustrie verwenden, schaffen sie Produkte, die zur Ausfuhr unverwendbar sind, während der Einfuhrbedarf bleibt, für den sie keine Devisen haben, da sie sie für die Kriegsrohstoffe reservieren. Dazu kommt aber das blödsinnige Experiment, das der Darre mit der deut- Kriegsfufdit In Deutsdiland das Sijslm ßukiel IVeue Terrorwelle i Aus Westdeutschland wird uns berichtet: Seit Monaten gebt eine unheimliche Terror welle durch das Land. Es handelt sich um eine bewußt und gewollt von der Regierung eingesetzte Verfolgung der Antifaschisten, Wir müssen feststellen, daß die Aktion, nach außen absichtlich abgedeckt, in viel größerem Maße gegen die Sozialdemokraten durchgeführt wird, als gegen Juden, Katholiken, Stahlhelm und Kommunisten. Zu bat die Bevölkerung vollständig unsicher und direktionslos gemacht. Das deutsche Volk ist nicht so einheitlich auf einen Krieg vorbereitet wie das 1914 der Fall war. Die geistige Zerrissenheit ist ungeheuer und schon jetzt wird eifrig darüber diskutiert, daß das Volk den Krieg seelisch nicht wieder so lange ertragen werde. Die Kriegsteiineh- mer 1914— 1918 stehen noch zu voll im Leben und lassen eine ungehemmte Kriegs begeistc- rung nicht zu. Dazu ist jetzt schon an allen Ecken und Kanten großer Mangel nnd seelische und geistige Unzufriedenheit. SA und SS bemühen sich, der Bevölkerung einzureden, daß der abessinische Kon- lllkt keine Gefahr für Deutschland bedeute, sondern nur die Aussicht auf gute Geschäfte durch Kriegslieferungen. In den Kreisen des Bürgertums aber ist man kritischer nnd sorgenvoller: Man sagt offen: wie dieser Konflikt auslaufen wird, es wird nichts Gutes für uns dabei herauskommen. Die NSDAP schiebt das Koloniaiprohlem in den Vordergrund. Sie hält allenthalben Vorträge über Deutschlands Recht auf Kolonien ab, vor allem auch in der Arbeitsfront. Dabei wird die Stelle aus der Rede von Sir (ÜB Sotiiß&dBtoUiktüiiB n Westdeutschland vielen Hunderten sind Sozialdemokraten vom Rhein bis Hannover und von Hamburg bis Bielefeld in die Gefängnisse geschleppt worden. Die Behandlung ist nn- terschiedlich, aber vielfach von bin tigern Terror begleitet. Dabei handelt es sich In den meisten Fällen um wahllose Verhaftungen, in den wenigsten Fällen! um die Aushebung illegaler Organisationsgruppen. Eine strenge Ueber- uachung der Sozialdemokraten wird in vielen Orten des Westens durchgeführt. Samuel Hoare geschickt benutzt, daß Italien ein Recht auf Expansion habe. Auch Deutschland habe ein Recht auf einen größeren Lebensraum. Es müsse sich ausdehnen, um»ein anwachsendes Volk künftig besser ernähren und beschäftigen zu können. Dazu brauche es ein starkes Heer. Des Führers Friedensabsicht schließt die Kriegsbereitschaft nicht aus. Bei einigen dieser Vorträge in der Arbeitsfront wurden Anfragen gestattet. Es kam zu Fragen, die den Vortragenden sehr peinlich waren, und die sie mit Ausflüchten beantworteten. So wurde gefragt, warum Deutschland aus dem Völkerbund ausgetreten sei, wenn es seine Ziele nur auf friedlichem Wege erreichen wolle? Andere wollten Aufklärung Uber schreiende Wldereprücho in den Ausführungen der nationalsozialistischen Redner, so über die Korridorfrage und das Verhältnis zu Polen. Schließlich wurde gefragt, wie sich die Kolonialpropaganda mit Rosenbergs Ostplänen vertrage. Wichtig ist, daß das Volk selbst den Eindruck hat, daß die offiziellen Stellen verhindern wollen, daß Hitlers oft wiederholte Friedensbeteuerungen eine pazifistische Haltung erzeugen. Deutlich Ist das Bemühen der Zeitungen nnd der Redner, kriegerischen Geist hervorzurufen. In sozialdemokratischen Kreisen hofft man, daß der italienische Faschismus sich über Abesslnien den Hals brechen werde. Man freut sich, daß die englische Arbeiterpartei einen festen Standpunkt eingenommen hat. Wenn der Völkerbund Italien eine gründliche Niederlage beibringe, dann erleide gleichzeitig der Hitlerfaschismus eine gewaltige Schlappe. Die Welt müsse durch harte Maßnahmen den gewalttätigen Charakter des Faschismus brechen. Auch der Hltlerfaschls. mu» steuert auf den Krieg los. Noch redet er vom Frieden, weil er noch nicht völlig bereit zum Kriege ist. Feste Entschlossenheit der demokratischen Länder kann eine günstige Wendung zur Demokratie und zum Frieden bringen.« Der Sinn der Sanktionen Deutschland und der abessinisdie Krieg Rehen Xgiarwirtochaft getifefan hat BSr hat den wichtigsten Rohstoff der bäuerlichen Veredlungswirtschaft— die Futtermittel— künstlich verknappt und verteuert. Er hat, was früher die wildesten Agrarier nicht gewagt hatten, sogar die Zufuhr der edwedßhaltigen Futtermittel— Oelkuchen usw.— gedrosselt. Er hat die Produktionskosten der bäuerlichen Betriebe künstlich erhöht gur gleichen Zeit, wo der Lohndruck die Konsumkraft der städtischen Massen immer mehr herabgesetzt hat. Nicht der Herrgott, nicht die Sonne, nicht die Witterung haben die dentsehe Lebensmittelknappheit erzengt, sondern die Agrarpolitik der Diktatur, der vor jeder Kritik und jeder— so dringend notwendigen— Belehrung geschützte Unverstand der Unbelehrbaren! In den »vorübergehenden Störungen« offenbart sich nur der Bankrott der mit so nn- geheurem Tamtam angepriesenen Erzen- gungsschlachten, der Zusammenbruch der verrückten Antarkiebestre- bungen, der Wahnsinn der ganzen nationalsozialistischen»Planwirtschaft«. Die Zwangswirtschaft, die mit ungeheuren, freilich stets verheimlichten Kosten für die bürokratische Organisation belastet ist, die durch Verlängerung der Absatzwege, durch künstliche Vermehrung der Operationen, denen jedes Produkt unterworfen ist, durch willkürliche Preisfestsetzungen immer neue Wirtschaftsstörungen hervorruft, stößt auf stets stärkeren Widerstand der Bauern, lähmt ihren Produktionswillen und bringt auch auf diesem Wirtschaftsgebiet trotz aller kostspieligen Subventionen geringeren Ertrag bei steigenden Kosten. Aber noch ist keine Aenderung in Sicht und der Diktatur, die den Bauern das Blaue vom Himmel versprochen, ist auch eine Umkehr kaum möglich. So verfallen denn die durch die Lebensmittelstörungen, die sich nicht totschweigen lassen, beunruhigten Diktatoren auf alle möglichen Palliaüvmittel. Es wird versprochen, mehr Devisen für die Butter-, Fett- und Schweineeinfuhr zur Verfügung zu stellen, also erhöhte Ein- fuhr im dritten Jahr der Autarkie! A b e r woher nehmen, wenn das Stehlen immer schwerer wird? Die holländischen Exporteure, denen auch Italien lockende Angebote macht, verspüren geringe Lust, nach Deutschland zu liefern, um, wenn überhaupt, erst nach sechs Monaten bezahlt zu werden. Und Devisen fehlen ja nicht nur für Lebensmittel! In der Lederwirtschaft und sogar in der Metallwirtschaft sind eben neue Einschränkungen dekretiert worden. Kein Wunder, daß die Ankündigungen vermehrter Einfuhren in Deutschland auf das äußerste Mißtrauen stoßen, und daß der Schleichhandel rasch zunimmt Die neue Ernte aber ist offenbar ziemlich schlecht und namentlich die Futtermittel werden mangeln. Das bedeutet aber, daß die Schlachtungen eher ein beschleunigtes Tempo annehmen werden. Die neueste Zwangsmaßnahme, die die Schweineschlachtungen um 20 Prozent herabsetzt, kann, falls sie sich als durchführbar erweisen sollte, die '" eisehknappheit für die Gegenwart nur vermehren, ohne die Aufzucht in der Zu- i.nnft zu sichern. Kurz, die kleinen Behelfe können nichts ändern. Immer schlechtere Versorgung, immer weitere Herab- dr.ückung der ganzen Lebenshaltung bleibt die notwendige Folge der nationalsozialistischen Wirtschaftspolitik! Dr. Richard Kern. Im tiefsten Frieden Also sprach Hitler in BUckeburg:»Wir brauchen keinen Krieg, um unsere inneren Schwierigkelten zuzudecken. In tiefstem Frieden liegt Deutschland.« Da erschien eine Reichewehrabte l- 1 u n g und zerstörte zur Belustigung der Zuschauer mit Artilleriefeuer. Fliegerbomben und Tanks eine Dorfatrappe. Will man noch weitere Illustrationen zu dem Worte vom tiefsten Frieden in Deutschland? Hier sind sie: Manöverbeiicht aus dem»Berliner Tageblatt«:»Angriff aus den Wolken. Bei schwerstem Wetter gelang ein Fliegerüberfall auf Warnemünde... Theoretisch existieren wir nicht mehr, das war mit einem kurzen Wort das Fazit... vier Staffeln fegten in geringer Höhe über den Hafen und den Flugplatz... ihre Bomben mußten sitzen... theoretisch sind wir alle tot... es waren furchterregende Augenblicke...« »Zum erstenmal am Maschinengewehr« steht unter einem Bild In der »Münchner Illustrierten Presse«, auf dem man kleine Hitlerjungen mit diesem sich so Die Beschlüsse des Völkerbundee waren nicht mehr zweifelhaft, seitdem die englische Regierung sich entschlossen hat, ihre ganze Macht gegen das Mussolinische Kriegsverbrechen in die Waagschale zu werfen. Zweifelhaft bleibt, welche zwingenden Taten den Beschlüssen nachfolgen werden. Bleiben diese Taten schwach und wirkungslos, zwingen sie Mussolini nicht den Willen des Völkerbundes auf, so wird nicht nur die Existenz des Völkerbundes, sondern auch der Frieden in Europa aufs schwerste geschädigt sein. Dennoch ist ein großes Ergebnis heute schon erreicht. Es hat sich in den Völkern eine Front des Friedenswillens und d e s i n t e r n a t io n a- len Rechtsgedankens gebildet, die sich stark und entschlossen dem Treiben der Machtstaatspolitiker entgegenstellt. Diese Mobilisierung im Geistigen kann selbst durch ein Zögern des Völkerbundes nicht mehr ungeschehen gemacht werden. Bei allem, was die gegenwärtigen Regierungen der großen demokratischen Mächte unternehmen, müssen sie um Deckung durch das wachgewordene Rechtsgefühl ihrer Völker besorgt sein. Was immer auch die Motive sein mögen, die die konservative englische Regierung vorwärtstreiben, Machtbehauptung des englischen Imperialismus, Verteidigimg eigener imperialistischer Interessen— auch diese Regierung kann den Boden des Völkerbundrechts nicht mehr verlassen, ohne die Deckung durch die breite Front des Willens zu Frieden und Recht zu verlieren. Die klare Scheidung zwischen Rechtspolitik und Machtpolitik ist ins Bewußtsein der Völker getreten. Sie sehen in M u s- besonders als Kinderspielzeug eignenden In- etniment hantieren sieht:»wie leuchteten die Augen der Pfimpfe vor Neugier und Erleben, als sie sich hinter ein richtiges Maschinengewehr klemmen durften.« Aus einem Interview mit dem Münchner Staatsechauspieler Hellmuth Renar In der Monatsschrift»Die schöne Frau«(Augustheft):»der Grundzug seines Wesens Ist soldatisch. Ich war aktiver Offizier. Davon geht alles aus.« »Soldat und Sportsmann haben ein geraeinsames Ideal: den Kampf«.(Generalmajor von Reichenau in der»Berliner Illustrierten Zeitung«.) Das Rezept Als Hitler in Bückeburg über die Krise sprach, jammerte er In wehleidig anklagendem Tone; die vor ihm hätten vergessen, ihm das Rezept zu hinterlassen, wie man diese Krise behebt, Das Rezept? Hat nicht die gesarate Hitleragitation vor 1933 auf der Behauptung beruht, Hitler habe das große Rezept, den Stein der Weisen in der Tasche? Als im Jahre 1931 im sächsischen Landtag gefordert wurde: heraus mit eurem Rezept— da rief der Naziabgeordnete Studentowskl:»Unser Rezept verraten wir nicht! Das könnte euch so passen, unser Rezept zu stehlen!« Wir sind nicht so monopollüstern wie die Nazis: das Rezept für die Behebung der deutschen Krise Ist ganz einfach; wenn Hitler und seine Bande verschwindet, die Freiheit wiederkehrt und verständig« Politik gemacht wird, dann hören die Schlangen vor den But- terläden auf und dem deutschen Volke wird es wieder besser gehen! Wo bleiben die Ausfuhrungsbestimmungen? Die Ausführungsbestünmungeu zu den Nürnberger Judengesetzen sind immer noch nicht veröffentlicht. Auf den Kuhhandel bei Ihrer Annahme durch den sogenannten Reichstag folgt der Kuhhandel hinter den Kulissen um ihre Ausführung. Auf dem Paradeparteitag die große renommistische Geste, hinterher aber die peinliche Suche nach dem Kompromiß. Heute ist klar: was dieser sogenannte Reichstag beschließt, hat nichts zu besagen. Die wirklichen Gesetze werden anderswo gemacht. Was Hitler will, ist In der Praxis ebenfalls noch nicht Gesetz, wenn es Hitlers Koalittonsgenossen nicht paßt, Das braune System Ist eine braune Anarchie. Das gleiche gilt für die Ausfühmngsbe- stimmungen zum Relchsbürgergesetz und znm Flaggengesetz. Es hat sich eine erhebliche Opposition dagegen ans den Reihen seiner Eoalitionsbrüder erhoben, und Hitler hat sollni den Vertreter einer brutalen Machtpolitik, die vor keiner Vergewaltigung eines Schwächeren zurückschreckt... Aber bedarf es erst des Kriegsausbruchs, um das wahre Wesen der Machtpolitik zu enthüllen? Ist die Kriegsvorbereitung in Deutschland weniger systematisch oder weniger offen als im faschistischen Italien? Die Haltung der Hitlerregierung im Konflikt zwischen Mussolini und dem Völkerbund ist Ausfluß typischer Machtpolitik. Ihr Ziel ist nicht Erhaltung des Friedens, Schutz des Rechts, Verteidigung einer internationalen Friedensorganisation, sondern lediglich Stärkung der Macht des braunen Systems. Sie sucht Nutzen aus der europäischen Verwirrung zu ziehen— so wie Mussolini von 1933 an Nutzen aus der Schwäche und der Zersplitterung der demokratischen Mächte gezogen hat. Hitler möchte in die Rolle des europäischen Schiedsrichters hineingleiten, die die kurzsichtige englische Politik Mussolini zugeschoben hatte. Jede Politik, die den europäischen Faschismus nicht als Ganzes begreift, die den einen faschistischen Diktator gegen den anderen auszuspielen sucht, wird am Ende nur die Ziele der brutalen Machtpoliüker fördern! Wenn der Völkerbund Deutschland zur Teilnahme an Sanktionen gegen Mussolini auffordern wird, so wird er ein gleiches Kartenhaus aufbauen wie es die sogenannte Front von Stresa gewesen ist. Hitlerdeutschland in der Front der Friedensmächte, mit Wohlwollen angesehen, a m: Ende gar noch durch Anleihen gestützt— das würde die Abwehrfront gegen das faschistische Kriegsverbrechen unheilvoll kompromittieren, ea wäre eine Farce, ein Schlag ins Gesicht der geistigen Antikriegsfront, die heute die französische und die englische Regierung bei ihrem Vorgehen gegen Mussolini deckt. Seit Juni ist eine unverkennbare Entspannung zwischen Hitlerdeutschland und dem faschistischen Italien eingetreten. Es haben Besprechungen stattgefunden, deren Ergebnisse öffentlich nie voll bekannt geworden sind. Hitler hat deutlich genug ausgesprochen, daß er mit der abessini- schen Frage nicht behelligt werden möchte — und das richtet sich stärker an die Adresse des Völkerbundes als an die Adresse Mussolinis. Seit den letzten Ereignissen haben sich deutsche Transporte nach Italien— namentlich von Kohlen und Erz — vervielfacht. Die»wohlwollende Neutralität« des braunen gegenüber dem schwarzen Faschismus wird bereits in die Tat umgesetzt. Wenn aus dem gefährlichen Konflikt, der nun durchgekämpft werden muß, eine wirkliche Entspannung hervorgehen soll, so darf nicht verdunkelt werden, daß Hitler und Mussolini gleichermaßen Feinde des Rechts und des Friedens sind. Die englische Politik hat ihre Lehre dahin. Sie hat Mussolini solange gefördert, bis er sich stark genug glaubte, sein Abenteuer zu beginnen. Wenn sie heute dieses Wohlwollen von Mussolini t auf Hitler übertragen wollte, so würden die Folgen bald sichtbar werden, und ganz Europa hätte sie auszubaden. Wenn die Sanktionen gegen Mussolini nicht vom Abwehrwillen gegen den kriegslüsternen Faschismus jeglicher Couleur getragen sind, so werden sie ihren Sinn verlieren! bisher nicht gewagt, die Kraftgesten von Nürnberg in die Praxis umzusetzen. Das Wort vom Partelbefehl über den Staat Ist verhallt und es bleibt die Frage: Wer befiehlt nun wirklich, und wemT - rxfcllir" Beisetzung Hermann Liebmanns Hermann Liebmann ist am 6. September gestorben. In der Zeitung erschien nur eine Todesanzeige: H. L., geb. 1882, gest. 6. IX. 1935. Alles andere hatte die Polizei verboten. Selbst im amtlichen Bericht hatte sie Datum und Ort der Beisetzung vom Drucker ausstechen lassen. Im Krematorium fehlte in der Orientienmgstafei jeder Hinweis. Trotzdem hatten sich 1500 Leidtragende eingefunden, und die Einäscherung Hermann Licbinanns wurde zu einer eindrucksvollen sozialdemokratischen Kundgebung. Zwar wurde der Redner verhaftet, aber wieder auf freien Fuß gesetzt. Diese Kundgebung hat die verantwortlichen Pollzeimenschen sehr verstimmt, denn bei der Beisetzung der Asche rollte plötzlich ein großes Polizeikommando an, obwohl diese Feier nur im engsten Familienkreis stattfand. Wo kauft{ Göbbels Butter?! Der Deutsche Rundfunk hat mitgeteilt,- daß eine Frau verhaftet worden ist. Sie hat das Verbrechen begangen, ein Kilo Butter In acht Viertelpfunden zu hamstern. Göbbels hat dem deutschen Volke, das so vermessen Ist Butter essen zu wollen, gehörig den Marsch geblasen. Die Frau von Göbbels hat kürzlich wieder ein Kind bekommen. Der Haushalt besteht aus ihm, aus Ihr, drei Kindern von ihm, einem Kind der Frau aus erster Ehe, und dem zugehörigen Dienstpersonal. Frage: Kommt die Familie mit einem Viertelpfund Butter aus? Natürlich nicht! Andere Frage: Wo kauft Göbbels Butter? Der Göbbels ist Selbstversorger, seine Eb-au ist Gutsbesitzerin. sie hat großagra- rische Verwandte In Mecklenburg. Für die Familie Göbbels ist die Butterversorgung kein Problem. Man kennt das aus den entsetzlichen Hungerjahren im Weltkrieg. Die Prediger des Durchhaltens aßen Ihre Butter, und das durchhaltende Volk die Kohlrüben. Wenn abgehärmte Frauen In Berlin von Laden zu Laden laufen, um Butter zu kaufen, daß sie dabei ohnmächtig zusammenbrechen, so ist das ein Verbrechen. Wenn die Hitler, Göring, Göbbels und Genoescn, die Leute mit den geschenkten Gütern und Domänen, In Hülle und Fülle leben, so ist das Volksgemeinschaft, ' Und zur Volksgemeinachaft gehört auch, daß die Selbstversorger am Rundfunk sitzen und die Annen beschimpfen— wegen Ham- stems! Wollen die Herren nicht demnächst am Rundfunk mitteilen, wo sie alle ihre Butter kaufen, und wieviel? ArbeStsfront-Emptängrer Als letzte»Aufbautat der DAF« wird »Der Arbeitsfront-Empfänger« gefeiert. Nach vielen Versuchen soll endlich der Betriebsfunk durchgeführt werden. Nach Aufstellung der Richtlinien»wurden sämtliche auf dem Markt befindlichen und für den Betriebsempfang verwandten und angebotenen Apiparate der deutschen Rundfunkindustrie durchgeprüft. Das Ergebnis: »nicht ein einziger Empfänger erfüllte die Bedingungen«. Nun ist ein neuer Empfänger geschaffen worden, der unbegrenzte Möglichkeiten gibt. Im Arbeitsraum, Im Fabrikahof, in der Mittagspause dem Nachrichtendienst der Nazis an die Belegschaften heranzutragen. Zum Empfänger gehört der Lautsprecher: »der Betriebsführer kann über die Anlage au seiner gesamten Gefolgschaft sprechen, der BetriebazeUenobmann zu seinen Arbeltskameraden. Es können mit Hilfe der Anlage Betriebsappelle abgehalten werden.« Wir fügen den geschilderten»Vorzügen« des Arbeitafromt-Empfängers hinzu: Er schont die Gefolgschaft, auch nur ein Wort der Wahrheit aus dem Ausland zu hören. Der Deutsche Nahrungsmltteilarbeiter schreibt zusammenfassend begeistert;»Wie konnte man doch früher nur ohne den Lautsprecher am Arbeitsplätze auskommen?« Er kann es nicht begreifen, wie die Arbeiter früher für den Staat gewonnen werden konnten, ohne sie von morgens bis abends in Wort und Schrift zu beschwindeln! Hink aus der Gummlzelle »Wenn Sic ein Jude zum Tanz aufgefordert hat und Sic Ihr Gewissen erforscht haben, das heißt, wenn Sie wissen, daß Sie unschuldig an dem Uebel sind, so brauchen Sie sich keine Gewissensbisse zu machen. Passiert Urnen das nochmals, so rufen Sie die Polizei.« (Aus dem»Briefkasten« einer national- sozialia tischen Frauenzeitschrift) Achtung, Zündstoff! Der Adjutant des Führers teilt mit: Eis wird darauf hingewiesen und befohlen, daß bei nächtlichen Spalierbildungen die Aufstellung mit Fackeln wegen der damit verbundenen Feuersgefahr streng verboten ist. Es könnt wohl ein Funke ins Pulverfaß fliegen? Das neue Kirdiendikiat Daa HiUersystcm wiü dem evaageüflcttfin Kirchenatreit mit einem Gewaltsstreicb ein Bode maohen. Naabdem die Bebenntni»- «ynodc der altpreußiscbea Union auf der Forderung der kirchlichen Selbstverwaltung in Finanz- und Preaaef ragen beharrte, ist das »Gesetz zur Sicherung der Deutschen Evangelischen Kirche« erlassen worden. Es gibt dem Relchakirobenmi nister Voilmacht, Verordnungen mit rechtsverbindlicher Kraft zu erlassen. Die Deutsche Evangelische Kirche, die nun gesichert werden soll, existiert nicht. Sie ist der Wunsch der Nationalsozialisten, die ade im Sommer 1933 diktierten. Es gab von ihr einen Ralchsbischof, eine Kirchenregierung, einen Sachwalter— den berüchtigten Jäger— aber davon blieb am Ende nur der Reichsbischof Müller übrig. Die»Bekenntmakirche« erwies sich stärker als die totale»Reachakirche«. Wie kläglich es um den kirchlichen Totali- tätstraum der Nazis bisher bestellt war, zeigt folgende Schilderung der»Deutschen Allgemeinen Zeitung«: »So wandten sich Anlang November die Bischöfe von Bayejm, Württemberg und Hannover, der Bruderrat der Bekennenden Kirche, die Gustav-Adolif-Stlftung und mehrere andere Gruppen gemeinsam an den Reichsbischof mit Jener Bitte. Dieser aber lehnte ab: der Rücktritt werde nicht Frieden, sondern neue Unruhe bringen, meinte er. Aber Immerbln entschlofl er sich, am 20. November, die von der Bekennenden Kirche als rechtswidrig bestrittenen Gesetze außer Kraft zu setzen und in Bausch und Bogen wieder den Status quo ante zu schaffen. Das hätte ein Schritt zur Befriedigung sein können, wenn— er nicht den rechtlosen Zustand noch rechtloser gemacht hätte. Bis dahin konnte man sagen, alles sei rechtswidrig gewesen, nun aber konnte man nur noch sagen, es gäbe überhaupt kein Recht mehr. Niemand wußte, an wen er sich zu halten habe, niemand wußte, wer nun eigentlich noch im Amte sei und wer nicht. Instanzen wie z. B. der preußische Kirchensenat, die längst Ihr Leben ausgehaucht hatten, begannen von neuem wie ein Schimäre zu geistern, kein Mcnsoh wußte, wozu, und wir vermuten, diese Instanzen selbst wußten es auch nlsAt. Zwei Dinge litten au allererst schweren Schaden dadurch: die Finanzen der Kirche und die Personalien. Denn Jeder vom Reich.sbischof oder einem anderen Kirche n- führer seines Amtes entsetzte Pfarrer klagte, und fast Jede Klage führte zu einer Juristischen Niederlage der Redchsldrchen- regienmg. Das bedeutete, daß irgendwelche kleinen gerichtlichen Instanzen die eigentlichen Herren über kirchliche Personalien wurden. Und mit den Finanzen wußte niemand mehr etwas anzufangen, wer war zu ihrer Entgegennahme berechtigt, wer leitet sie weiter und an wen, wer zahlte Gehälter?« Im Sommer 1935 wurden den opponierenden Kirchen Finanzabteilungen auf die Nase gesetzt, und diesen F3nanzabteilungen die Beschlußfassung Uber die Person alpolitlk übertragen. Da die opponierenden Kirchen Staabnuschüsse gebrauchen, saß der Staat am längeren Hebelarm. Das neueste Klrcbeo- gesetz und die am 3. Oktober dazu erlassene erste Durchführungsverordnung bedeuten den Versuch, die staatliche Diktatur in der Kirche zu errichten. Im Grunde genommen ist es die verschärfte Neuauflage der jKirchenregiorung«, die jetzt Kirchen- ausschuß heißt. Organisatorisch und ftnanzleU ist der Staat den Kirchen Verwaltungen unbedingt überlegen. Aber die Stärke der Bekenntniskirche war bisher, daß sie den Wlllenihrcr Anhänger zur Selbstbestimmung vertrat und deshalb das BUd lebendiger Organisation bot, und die Schwäche des Staates ist es auch heute noch, daß er mit Terror und Geldquetache eine Redchsldrche befehlen kann, die aber tot bleibt. So wird auch das neue Diktat einige Opposition mundtot machen, andere ersticken, aber im wesentlichem wird es nichts am den Verhältnissen ändern, vor allem nicht an der Spannung, die zwischen den Glaubenssätzen der Bekenntniskirche und der Rassenlehre des Staate« besteht und an dem aus dieser Spannung Immer neu erwachsenden Willen zur SetbstbestLmmung. Es ist lehrred oh, an diesem Beispiel die Grenzen faschistischen Totalitätsdrangs zu beobachten! Uuieskdi&tkes DeuistMauä Die eiserne llngleldiheit Auf der Zahnärzte tagung zu Berlin hat Ministerialdirektor Gütt, der in Vertretung des Reichslnnenml nürtera sprach, laut Bericht »nachdrücklich darauf hingewiesen«, daß als Grundgesetz für den Wiederaufbau des deutschen Volkes»das eissrne Gssstz der Ungleichheit der Menschen« zu gelten habe. Der Herr Ministerialrat hätte sich den Stimmaufwand sparen können— seine Forderung Ist voll erfüllt, und das Gesetz von der eisernen Ungleichheit Ist eigentlich das einzige, dessen Einhaltung Im Dritten Reiche streng beachtet wird. Die»Deutsche Juristenzeitung« hat soeben wieder einen Beweis dafür geliefert, daß vor allem der Unterschied zwischen Besitzenden und Besitzlosen keinerlei Gefahr läuft, verwischt zu werden. Dieses edle Sprachrohr neudeutschen Rechtsgefühls beschäftigte sich nämlich In seiner letzten Nummer mit dem Armenrecht und brach bei dieser Gelegenheit eine ritterliche Lanze für die Rechtlossprechung der Besitzlosen. Das Armenrecht wurde bisher Jedem Unbemittelten gewährt, der»mit hinreichender Aussicht auf Erfolg und ohne Mutwilligkeit« einen Rechts stielt zu führen beabsichtigte, dessen Kosten er selbst nicht tragen konnte. Auf diese Weise wurden dem Armen Jene Rechtsmittel In die Hand gegeben, die dem Begüterten ohnehin und Jederzeit zur Verfügung stehen. Eine Selbstverständlichkeit, sollte man meinen. Die nationalsozialistischen Rechtswahrer meinen anders, denn vor Ihrem eisernen Gesetz sind alle Menschen ungleich. Die»Deutsche Juristenzeitung« bemerkt ebenso sachlich wie schamlos: »Der Antrag auf Bewilligung des Armenrechts muß abgelehnt v/erden, wenn der Antragsteller unlängst gegen ein Grundgebot der völkischen Sittenordnung verstoßen hat.« Dabei komme es gar nicht darauf an, ob der geplante Prozeß aussichtsreich und die Klage berechtigt sei. Einer Antragstellerin, die Jüngst das Kind eines Juden außerehelich geboren habe, sei z. B. die Bewilligung zu versagen. Daß Meckerer und Kritikaster, sofern sie erwischt werden,»verkappte Marxisten« und andere Mißliebige jeder Art gleichfalls unter Ausnahmerecht fallen, versteht sich von selbst, denn »Im annenrechtllchen Sinne Ist heute nicht mehr Jeder Voiksgenosse, sondern nur der Volksgenosse, der gemäß den Grundgeboten der völkischen Sittenordnung lebt und handelt«. Damit ist das Armenrecht, das Recht der Armen zum Gnadengeschenk, zum Almosen, zu einer Prämie für Wohlverhalten geworden. Was das bedeutet? Es bedeutet die Entrechtung des besitzlosen Neinsagers, nur des besitzlosen, denn wer zum Dritten Reiche nein sagt und Geld hat, wird keineswegs davon betroffen. Es wird den nlchtnatlonalaozlallfltischen Proletariern im Dritten Reiche künftig nicht mehr möglich sein, Ihre primitivsten persönlichen Rechte zu wahren, sie dürfen von böswilligen Hauswirten und Händlern, von betrügerischen Vertragspartnern und Beutelschneidern Jeder Schattierung straflos übers Ohr gehauen, belogen. betrogen, ausgeplündert und beleidigt werden, sie haben keinerlei Möglichkeit sich «u wehren, sie haben keine Hilfe von den sogenannten Rechtsorganen ihres Landes zu erwarten. Und die Darlegungen der»Deutschen Juristenzeitung« sind keine frommen Wunschträume. Wie wir erfahren, wird vielmehr die Armenrechtsbewilligung bei vielen deutschen Gerichten bereit« nach dem obigen Rezept gehandhabt. Dem eisernen Gesetz von der Ungleichheit ist also äußerste Genüge getan. Aber die neue Rechtsschmach, die dem deutschen Volke damit angetan wird, bleibt unvergessen, denn sie bedeutet die unverhüllteste Herausforderung,«He sejt der französischen Revolution von der privilegierten Schicht eines europäischen Landes begangen wurde. Zweifelhafte Ehre Der deutschnationale Großgrundbesitze! von der Osten- Warnitz, bisherige Ehrenbürger der Stadt Königsberg, wurde durch den Bürgermeister aufgefordert, seinen Getreidehandel nicht weiter durch eine jüdische Firma zu vollziehen, da dies mit der Würde eines Ehrenbürgers unvereinbar sei. Von der Osten lehnte das Ansinnen ab und erklärte, daß er sich»unter diesen Umständen leider gezwungen sehe,. auf die Würde eines Ehrenbürgers der Stadt Königsberg zu verzichten.« Sogar die Junker begreifen schon, daß es kerne Ehre mehr ist, im Dritten Reich Ehrenbürger zu sein. Im offiziösen Parteiverlag der Nazi erschien»Wandlungen unseres Kampfes« von SS-Gruppenführer R. H e y d- rich. Der Vertreter Himmlers in der Leitung der Gestapo gibt In dieser Schrift von dem unterirdischen Deutschland von heute das folgende eindrucksvolle BUd: »Im Gegensatz zum sichtbaren Gegner ist der getarnte Gegner nicht organisatorisch faßbar. Er arbeitet illegal, wir können ihn vielleicht den unsichtbaren Apparat der schon bezeichneten großen Gegner nennen. Sein Ziel ist, die Einheit der Führung in Staat und Partei zu zerstören, um die Erreichung der weltanschaulichen Aufgaben des Nationalsozialismus unmöglich zu machen. Das Volk soll der Führung gegenüber zurückhaltend und unsicher werden, die Führer sollen nervös werden und sich gegenseitig mißtrauen. Zu diesem Zwecke besteht ein Netz von Querverbindungen zu fast allen Stellen des Staatsapparates, des öffentlichen Lebens und der Bewegung. Dieses Kanalsystem unterrichtet einerseits den Gegner über die ihm bevorstehende Gefahr. Er erfährt so rechtzeitig aH,e vorbereiteten staatlichen Maßnahmen, Anordnungen und Gesetze. Da« gleiche Kanalsystem dient aber andererseits der Aufgabe, die für den Gegner wichtigen Gegenmaßnahmen vorzubereiten. Die Organe dieses Kanalsystems arbeiten zum Teil bewußt verräterisch, zum Teil werden ihre persönlichen Schwächen unbewußt mißbraucht. Die Hauptstützen dieser gegnerischen bewußt verräterischen Arbeit sind einige im Staatsapparat verbliebene feindliche Elemente, die sich, ednhundertzehnprozentig gebärdend, sofort gleichschalteten. An ihnen ging das Beamtengesetz vorüber. Im Glauben an die Echtheit ihrer Im Brustton der Ueber- zeugung abgegebenen Treuoerklärungen wurden sie als Fachleute in Ihren Stellungen belassen. Die Verzweigung(fieses Netzes ist ungeheuerlich. Eine lückenlose Aufzählung ist hier unmöglich. Erkennen kann der Laie die Verzweigungen nur an der Auswirkung: Hier werden Versuche gemacht, gesotzgebende Maßnahmen abzudrehen. Dort wird versucht, die Finanzierung für die für Bewegung und Staat lebenswichtigen Aufgabengebiete zu drosseln. Auf den Hochschulen wird versucht, durch »rein wissenschaftliche und sachliche« Behandlung nationalsozialistisches Gedankengut zugunsten des Uberalismus zu verbiegen. In der Vorgeschiohtsforschung wird versucht, einseitigen, unvölkischen Elementen die Führung der Ausgrabungen in die Hände zu spielen, damit weiterhin die Behauptung von der»Kulturloslgkelt« unserer Ahnen ungefährdet aufrechterhalten werden kann. Durch den Versuch einer anti nationalsozialistischen Personal poUtik wird angestrebt. wichüge Schlüsselstellungen im Staat wieder in die Hände zu bekommen, damit, falls ein nationalsozialistisches Gesetz durchgeht, die Ausführung sabotiert und durch Ausführungsbestimmungen Hintertüren geöffnet werden können. Bei den nationalsozialistlach gut gesinnten Männern wird durch gesellschaftliche Verflechtungen(Einladungen, Klubs usw.) der Versuch gemacht, auch auf sie Einfluß zu gewinnen. Den heißen Willen nationalsozialistischer Vorgesetzter, die deutsche Gesetzgebimg und die deutsche Ver- waltung dem Wesen und dem Empfinden de« Volkes anzupassen, verdrehen sie In der Ausführung und versuchen damit,(fiese nationalsozialistischen Männer in Gegensatz zur Bewegung zu bringen. Um eine Maßnahme des Flihrers oder eines seiner Beauftragten abzubiegen, oder um unbequeme und gefährliche Organisationen der Bewegung und des Staates zu Fall zu bringen, dient ihnen das Mittel der systematischen Gerüchtebll dung und Preasehetze. Ueber Tausende von Kanälen wird den maßgebenden Stellen eingeflüstert, welche»Gefahren« der Politik dos Führers angeblich durch diese Maßnahmen oder diese Organisationen drehen, gleichzeitig setzt eine Be- schwerdewelle ein. Die Vielseitigkeit dieser Beschwerden läßt oft blitzartig das Kanalsystem des Gegners erkennen. Auf Kommando meist einer der freimaurerischen Schweizer oder»deutschen« Emigrantenzeitungen wird der Angriff durch eine systematische Artikelserle der übelsten Lügen vervollständigt. Im gleichen Augenblick wird nun der Apparat zur Ausnutzung der Charakterschwächen der einzelnen Menschen In Bewegung gesetzt. Nur zu schnell ist eine vorgesetzte Meinung erzeugt, die dann den Boden der Erfüllung der Augenblicksziele der Gegner bildet. So wird allmählich versucht, das Gefüge des Staates zu zersetzen und einen Kell zwischen Führung und Gefolgschaft zu treiben.« Ilamsterfahrten im Ruhrrewer Aus einem Brief aus dem Ruhrrevier:( Wir wollen auch nicht unterlassen, hier gleich einmal zu schildern, wie es jetzt in den Orten der Ruhrindustrie mit der Bevölkerung wirklich aussieht. Der Mangel an Nahrung ist tatsächlich außerordentlich. Es besteht eine große Sorge um den kommenden Winter. Da aber schon im Herbst die Nahrungsmittel knapp sind, hat sich eine Hamsterei entwickelt, die ihre Beispiele nur in der Kriegs- und ersten Nachkriegszeit kennt. An den freien Samstagnachmittagen und den Sonntagen vom frühesten Morgen an ergießen sich In das westfälische und münsterländische Hinterland Scharen von Radfahrern mit allen möglichen Transportbehältern für Nahrungsmittel. Mit Rucksäcken, kleinen Kiepen und Körben geht es bis zu 150 Kilometer in das Land, um— einige Pfund Obst, Kartoffeln und, wenn Uberhaupt möglich, etwas Fett zu erhalten. In der Sonntagnacht wird schon um 1 und 2 Uhr aufgebrochen, damit man möglichst zuerst weit draußen auf dem Lande ist. Der Ertrag: 5 bis 10 Pfund schlechtestes Fallobst, das Pfund für 15 bis 20 Pfennig. Aber davon kann man für eine ganze Woche eine dünne Marmelade machen und hat Brotaufstrich. Manchmal hat man auch 20 Pfund Kartoffeln, daa Pfund für nur 2 bis 2% Pfennig, während sie in der Ruhrstadt doch 4 bis 4�4 Pfennig kosten, wenn man welche erhalten kann. Die besten Kartoffeln bekommt man natürlich auch nicht. Es kommt auch vor, daß man einen kleinen Landwirt erweicht, der noch von der Vorjahrsschlachtung ein halbes oder sogar ein ganzes Pfund Speck abläßt, wofür man dann aufs Pfund gerechnet nur 80 Pfennig bis 1 Mark zahlen muß. Doch hier handelt es sich schon um Glücksfälle. Wir sind in den letzten Wochen regelmäßig hinausgefahren und haben immer Hunderte von Hamsterern auf den Chausseen als Begleiter gehabt. D 1 e Bauern schimpfen auf die Nazis und Hitler, wir dann auch. AUer- dlngs werden wir alle als Kommunisten angesehen und haben es schwer, den Bauern begreiflich zu machen, daß wir Sozialdemokraten»Ind. Haben wir Glauben gefunden, dann finden wir meistens auch die Gelegenheit,«dne Kleinigkeit kaufen zu können. Wenn die Stimmung der Bauern politische Kraft wäre, dann müßte das Dritte Reich in diesem Winter schon an ihr allein zugrunde gehen.« Volk Im Kriegsdienst Mit den höchsten Anstrengungen wird im Dritten Reich die Militarisierung des ganzen Volke« fortgesetzt. Für den Kriegsfall, mit dem die Faschisten im Widerspruch zu der immer wiederholten Beteuerung ihres nicht vorhandenen FriedenewUlens rechnen, werden Kinder, FVauen und Greise mobilisiert. Zur Zeit werden in den größeren Städten Zwangakurse für den Luftschutz. dienst veranstaltet. Es müssen daran alle beschäftigten Männer über 45 Jahren und alle beschäftigten Frauen und Mädchen teilnehmen. Die Betriebe müssen der zuständigen Stelle die in Betracht kommenden Arbeiter und Angestellten melden und für Jeden Teilnehmer 2.60 Mk. entrichten. Jeder Teilnehmer ist verpflichtet, den Kursen solange beizuwohnen. bis er(fie schriftlich und mündlich abzulegende Prüfung bestanden hat. Diese Zwangsmilitarisierung hat neben den von den Nationalsozialisten verfolgten Zweck noch andere, von ihnen weniger erwünschte Folgen. Die Frauen und Mädchen beginnen. Uber den zweifelhaften Wert de« ganzen Luftschutzes und über(fie Zustände im Dritten Reich überhaupt nachzudenken und erörtern auch die Frage, warum und für wen die Völker wieder In einen Krieg hineingetrieben werden sollen. Symbolik Der»Mittag«, Düsseldorf, deklamiert: »Bückeberg! Bückeberg! Schon das Wort klingt so deutsch, so bäurisch!« Man sollte die nächsten Erntedankfeste In Krummhübel, in Zwingeadorf, Obcrkotzau oder/ Elend abhalten, das klingt noch deutscher/ Ras ist Humor! »Die deutsche Frau ist wie ein keuscher Ahornast, der jubelnd ins Blau strebt. Von Artwidrigem benagt, verdorrt er. Von Art- widrigem benagt, verdorrt auch sie!« (Aus»Am Quell deutscher Kraft«4. det lUea am ttälmatkl vetioui Es fällt den Wirtschaftssachverständigren des Dritten Reiches schwer, die Wehmut zu verbergen, mit der sie feststellen müssen, wie der Anschluß an den Weltmarkt mehr und mehr abhanden kommt. In den von Wagemann herausgegebenen Vierteljahrsheften zur Konjunkturforschung kann man zwischen den Zeilen lesen, daß das, was Uber den Zeilen als Erfolg erscheint, tatsächlich als Mißerfolg angesehen wird. Zwar wird festgestellt, daß»das Außenhandelsvolumen im ersten Halbjahr 1935 welter geschrumpft« sei, aber als»bedeutsamer Erfolg« bezeichnet, daß es gelungen ist, Einfuhr und Ausfuhr erstmals wieder in Uebereinstimmung zu bringen. In den ersten zehn Monaten des i Jahres 1932 wurde im Durchschnitt für 488, 1935 für 300 Millionen Mark ausgeführt, das ist also ein Rückgang um fast 40 Prozent. Worin besteht also der»bedeutsame Erfolg«? Darin, daß seit Mai, also erst drei Monate lang, nicht mehr ein- als ausgeführt wird. Der Erfolg besteht darin, daß Deutschlands Lieferanten im allgemeinen nicht mehr auf Kredit liefern, sondern, weil sie Bargeld nicht bekommen können, nur noch in direktem Tausch. Der Weg zum Erfolg führt also über die Einschränkung der Einfuhr und die Drosselung des heimischen Verbrauchs. So arg groß ist der Segen der behördlichen Eln- fuhrüberwachung nicht, wenn sie in der Zeit aufsteigender Weltkonjunktur nicht anders herzustellen war als durch Anpassung der Einfuhr an die gesunkene Ausfuhr. Die Ausfuhrschrumpfung wäre aber noch viel ärger, wenn nicht die gänzliche Verdrängung vom Weltmarkt mit Schleuderpreisen verhindert worden wäre. Die Spanne zwischen Binnenmarkt- und Ausfuhrpreisen hat sich nach dem Institut für Konjunkturforschung »im ersten Halbjahr 1935 erheblich verbreitert und betrug um die Jahres mitte rund 20 v. H.<. Was Wagemann angesichts der Schrumpfung der Ausfuhr bedenklich stimmt, ist nicht nur die Sorge um die Beschaffung der für die Aufrüstung unentbehrlichen Rohstoffe, sondern auch die Rückwirkung der Abriegelung vom Weltmarkt auf die betroffenen Industrien selbst. Es ergibt sich für Herrn Wagemann»die Frage, ob die anhaltende Stagnation des Außenhandels und die Nachteile, die mit seiner immer umfassender werdenden staatlichen Regelung verbunden sind, auf die Dauer nicht doch abträglich auf die Binnenwirtschaft wirken werden«. Herr Wagemann wagt also einen Angriff auf das von Schacht dirigierte Einfuhrmonopol, das mit der Anwendung der Methoden des direkten Tausches sich zu einem Außenhandelsmonopol ausgewachsen hat. Worin bestehen die»Nachteile«? Zunächst darin, daß es zweifelhaft ist,»ob die Probleme der Rohstoffversorgung... auf die Dauer durch Verrechnungsgeschäfte usw. gelöst werden können«. Es hat sich nämlich gezeigt, daß Deutschland von den betreffenden Ländern mehr Rohstoffe braucht, als diese von ihm kaufen können. Mit dem unbezahlten Ueber- schuß der Einfuhr nach Deutschland schwindet aber die Geneigtheit, sich fernerhin auf solche Geschäfte einzulassen. Mehr noch bekümmern Wagemann die Schwierigkeiten, die einmal daraus erwachsen könnten,»daß stark exportabhängige Industrien durch Verlust ihres Auslands- 1 absatzes in ihrem inneren Gefüge gefährdet werden und mit ihrem eigenen Niedergang empfindliche Lücken auch an anderen Stellen der Produktionswirtschaft reißen«. Mit anderen Worten: die Umstellung vom Export auf die Rüstungserzeugung erfordert eine Umstellung auf eine anders geartete Produktion, die sich dann als Fehlanlage erweisen wird, wenn der Rüstungswahnsinn abgestoppt werden muß. Herr Wagemann fürchtet, daß das Schwinden der Ausfuhr einen technischen Niedergang zur Folge hat, der es den auf Ausfuhr angewiesenen Industrien unmöglich macht, die verlorenen Absatzgebiete selbst mit den Mitteln schärfsten Dumpinga zurückzugewinnen. Der Anteil der Ausfuhr an der Gesamterzeugimg beim Maschinenbau war 1931 fast zwei Drittel, gegenwärtig ist er nur noch ein Zehntel. In der Elektrotechnik und in der Eisen- und Stahlwarenindustrie ist es ähnlich, in der Textilindustrie nicht anders. Elektroindustrie und Eisenwarenindustrie konnten entschädigt werden»durch den Auftrieb, den die Beschäftigimg vom Binnenmarkt her erfuhr«. Bei der Textilindustrie ist nicht einmal das der Fall, weil hier mit der Ausfuhr auch der Inlandsabsatz gesunken ist. Daß Schachts Methode des Kampfes um Deutschlands wirtschaftliche»Freiheit«»vor allem den Wirtschaftsablauf immer stärker von staatlicher Hilfe abhängig machen«, gehört nach Wagemann»allerdings zu ihren kaum vermeid- lichen Folgen«. Herr Wagemann möchte jedoch wohl lieber, daß sie vermeidbar wären und daß der Industrie aus des Reiches Schuldenwirtschaft der Ausweg zum Weltmarkt nicht verbaut würde. G. A. Frey. Kein Schmalz, aber Rätsel Zwar hungern die Arbeiter im Dritten Reiche welter, zwar wird das Schmalz immer knapper und das Leben immer teurer, aber just in diesen Tagen wurde die Lösung der sozialen Frage ernstlich in Angriff genommen.»Um Nörglern, Besserwissern und Kritikastern das Wasser abzugraben«, so melden die deutschen Blätter, hat eine Braun- scljweiger Firma für ihre Gefolgschaft einen Wettbewerb mit dem Thema festgesetzt: »Was würde ich als Betriebsführer tun?« Für die vier besten und brauchbarsten Vorschläge sind Preise in der Form von»Kraft durch Freudet-Urlaubsreisen ausgesetzt worden. Dem Reichspropagandaministerium muß diese Idee nahezu genial erschienen sein, denn er hat dafür gesorgt, daß landauf, landab kein Blatt sich von der Bekanntgabe drückte, Hoffentlich erlebt der Herr Propaganda- betrlebaführer zu Braunschweig keine Enttäuschung. Es läge nämlich nahe, daß die unverbesserlichen Kritikaster, statt sich das Wasser abgraben zu lassen, munter um die Palme des Sieges nörgelten.»Wenn ihr von uns wissen wollt, was ihr zu tun habt«, so könnten sie beispielsweise fragen,»warum habt ihr dann unsere Gewerkschaften aufgelöst? Die haben sich doch jahrzehntelang bemüht, euch unsem Standpunkt begreiflich zu machen! Was wir an eurer Stelle täten? Wir Kein Pardon für Sdiadit! Nein, auf keinen Fall, denn der weiß was er tut! Dummheit und Unkenntnis können viele seiner nationalsozialistischen Freunde für sich in Anspruch nehmen, ihnen soll ein gewisser Paragraph zugebilligt werden, denn man kann von einem Ochsen nicht mehr verlangen als ein Stück Rindfleisch. Aber Schacht hat Wirtschaftskenntnisse, an ihn muß ein anderer Maßstab gelegt werden. In Schmollers Jahrbuch aus dem Jahre 1902 stellt sich uns nämlich ein Hjal- mar Schacht vor, der keineswegs so dumm ist wie seine heutige Wirtschaftspolitik. Da hat der Wirtschaftsdiktator von heute gegen den damaligen Zolltarif Front gemacht und sehr treffende Argumente gegen den»Schildbürgergeist« dieses Tarifs ins Feld geführt. Er hatte sehr richtig bemerkt, daß die Zölle in erster Linie dem Großgrundbesitz und der Schwerindustrie zugute kommen. Auf diese Welse werde jedoch der deutschen Wirtschaft, die eben auf der Fertigwarenfabrikation für den Export beruhe, ein schwerer Schlag versetzt. Ferner werden die Bauern davon betroffen, die von der Veredelungswirtschaft leben und aus diesem Grunde auf den Bezug würden zu allererst mal für freie Meinungsäußerung sorgen. Wir würden unsem Arbeitern erlauben, offen miteinander und mit den Kameraden der andern Betriebe zu sprechen und an Stelle der Arbeitsfrontmarionetten eigene Vertrauensleute zu wählen. Wir würden ihnen das Recht zugestehen, ihre eigenen Zeitungen zu drucken und zu lesen, denn wir wären— als Regierende und als Unternehmer— nicht so dumm zu glauben, daß einzelne Arbeitssklaven, die durch die Gegtapo voneinander getrennt gehalten werden, uns brauchbare Vorschläge machen können. Wir würden... nun, was wir sonst noch tun würden, das könntet ihr dann von unsem Zeitungen und von unsem erwählten Führern erfahren. Erfüllt erst mal die hier vorgetragenen Bitten, das weitere wird sich finden.« So etwa würden die eingesandten Vorschläge lauten, wenn dem Preisrichterkollegium nicht die braunen Häscher zur Seite stünden, die Schergen, die darauf lauem, den »Besserwissern das Wasser abzugraben« und ihnen statt der versprochenen»Kraft durch Freude-Urlaubsreise« eine Reise ins Konzentrationslager zu verpassen. Aber eines Tages werden die Rollen anders verteilt sein, eines Teiges werden die Arbeiter ihre Preisfragen stellen, und an denen dürften sich die neckischen Rätselmänner des Dr. Göbbels alle Zähne einzeln ausbeißen. billiger Futtermittel emgewiesen sinfl. Wir dürfen aber»nicht eine Politik einschlagen, welche uns den Konkurrenzkampf erschwert, indem sie uns Rohstoffe und Halbzeuge verteuert, unsere Arbeitskraft durch Verteuerung der Lebensmittel herabmindert« usw. Schacht stellte fest, daß an einer solchen reaktionären Zollpolitik nur einige Wirtschaftskreise Interesse haben können. Ja, und der Wirtschaftsdiktator der Harzburger Sammlungspolitik fand damals sogar scharfe Worte gegen die Schwerindustrie, die heute sein bester Bundesgenosse ist. Wenn er heute mit dieser Kraft marschiert, die schon immer stockreaktionär war, so hat Schacht schon früher erkannt, daß diese Industriegruppe sich der Sozialpolitik gegenüber am feindlichsten verhält und hat sogar erklärt, warum dies der Fall sein muß. Heute sind die von der»schildbürgerlichen Wirtschaftspolitik« des Regime's betroffenen Schichten der deutschen Bevölkerung, vor allem aber die Kreise der deutschen Fertigwarenfabrikation, d. h. also die Exportindustrie, einfach nicht mehr in der Lage, die Politik Schachts zu begreifen. Man wackelt dort mit dem Kopf, und für kreditfähig wird er in diesen Kreisen nicht mehr gehalten. Schade, daß Schacht die Artikel, die er geschrieben, nicht auch gelesen hat. Jedenfalls; kein Pardon für Schacht, denn der weiß, was er tut! Er bringt Deutschland wider besseres Wissen an den Rand des Ruins! Der»Aufstieg« Bei den deutschen Sparkassen sind im Monat August gegenüber dem Vormonat die Einzahlungen um insgesamt 70 Millionen Mark zurückgegangen. Auch im Vengleich zum August 1934 ist ein Rückgang der Einzahlungen um 20,7 Millionen Mark festzustellen. Im September wird mit einer weiteren Einzahlungsverminderung gerechnet. Bei den Berliner Sparkassen hatte 1933 der Spareinlagenzuwachs 54 Millionen Mark betragen. Im Jahre 1934 erreichte er nur die Höhe von 44,7 Millionen Mark. • Der Warenumsatzrückgang der Waren- und Kaufhäuser setzt ach weiter fort. Im Juli betrug er 2,8 Prozent, bezw. Ii5 Prozent und im August 9 Prozent, bezw. 10,6 Prozent gegenüber dem gleichen Monaten de« Vorjahres. Der Umsatz im Kleinhandel hat keine entsprechende Steigerung erfahren. -* Die Wohnungsnot nimmt in verschiedenen Gegenden Deutschlands katastrophale Ausmaße an. Da seit der Herrschaft der Nationalsozialisten jährlich viel weniger Wohnur�en neu erbaut werden als früher, so wächst der Fehlbestand an Wohnungen rasch an. In Hamburg ist er im Jahre 1934, wie wir der Berliner Börsenzeitung entrehmen, allein um 10.000 Wohnungen gestiegen. In Berlin wurden in einer in der vergangenen Woche stattgefundenen amtlichen Konferenz 80.000 fehlende Wohnungen angegeben und von dem Dezernenten auageführt, daß in einzelnen Berliner Bezirken eine ausgesprochene Wohnungsnot bestehe. Die öffentlichen Gelder, die früher zur Erstellung neuer Wohnungen zur Verfügung gestellt wurden, werden jetzt für die Kriegsaufrüstung hinausgeschleudert. • Die Verschleuderung des Gemeindeeigentums macht weitere Portschritte. In der letzten Sitzung der»Rats- herren« von Berlin wurde der Verkauf eines Grundstückes in Nienhagen an der Ostsee, zu dem eine Villa gehört, genehmigt. Vom »Roten« Berlin war das Grundstück seinerzeit erworben worden, um ein Heim für erholungsbedürftige Kinder einzurichten. In der gleichen Sitzung wurde auch der Verkauf de« der Stadtgemeinde Berlin gehörenden Hin- denburg-Krankenhausee in Zehlendorf an das Reichskriegamlnisterium beschlossen. Eis wird In ein Garnisonslazarett umgewandelt werden. Durch den Verkauf derartiger Millionenobjekte wollen die natlonalsoziaUstischen Diktatoren ihre Finanzmißwirtschaft in der Gemeinde Berlin verschleiern. Das erhebliche Defizit wird dadurch um etliche Millionen herabgod rückt. Wenn deulsdie Studenten reisen In der vergangenen Woche ging durch die deutsche Presse ein Entrüstungsschrei: Eine Gruppe von 14 Studenten der Universität Berlin, die sich in Begleitung von Belgrader Studenten auf einer Rundreise durch Jugoslawien befinden, wurden von Kommunisten mit dem Ruf:»Nieder mit den Faschisten!« überfallen. Die Kommunisten schössen zweimal aus Revolvern. Der deutsche Student Mackensen wurde in der Bauchgegend verletzt. Einige Tage später erfolgte eine kleinlaute Berichtigung, der vermutlich niemals Raum gegeben worden wäre, wenn Jugoslawien nicht auf einer Klärung des F'alles bestanden hätte. Jetzt las man's also anders: »Zu dem überaus tragischen Vorfall werden folgende Einzelheiten mitgeteilt: Eis handelte sich zunächst um eine mehr oder weniger harmlose Auseinandersetzung zwischen rechts- und linksgerichteten Studenten der Belgrader Universität. Erst durch den Leichtsinn und die Fahrlässigkeit des die deutschen Delegierten begleitenden jugoslawischen Studenten M i 1 u- tin Petrowitsch nahm der Vorfall eine tragische Wendung. Bei dem Herannahmen der Kommunisten zog Petrowitsch nämlich seinen Revolver und gab einen Schreckschuß gegen die Demonstranten durch das offene Fenster des Autobusses ab. Gerade bei Abgabe des Schusses scheint der Autobus Vollgas gegeben zu haben, so daß durch den entstandenen Ruck der jugoslawische Student, der den Finger• noch am Abzug des Revolvers hatte, einen Stoß erhielt, durch den der Revolver noch einmal losging. Der Schuß traf Mackensen in die Seite. Er ist inzwischen seinen Verletzungen erlegen.« Daß die Revolver nationalsozialistischer Jünglinge— und der jugoslawische Student Petrowitsch zählt zu ihnen— sehr leicht losgehen, weiß man nachgerade. Man könnte den Fall also zu den übrigen legen, wenn an der Meldung nicht allzuvieles dunkel wäre. So fragt man sich z. B., wie denn die Kommunisten ausgesehen haben mögen, die da »herannahten«. Die kommunistische Partei ist in Jugoslawien bekanntlich verboten, und wer sich als Kommunist kenntlich macht, wird sofort verhaftet. Man kann also annehmen, daß die herannahenden»Kommunisten« genau so aussahen, wie andere, unpolitische Sterbliche und daß einzig die scharfen Nasen des Petrowitsch und seiner deutschen Gesinnungsgenossen den roten Teufelsbraten von weitem zu wittern v«r. mochten. Außerdem spricht der Bericht von einer»Auseinandersetzung«, um einige Zeilen weiter unten zuzugeben, daß der Revolverheld schon»beim Herannahen« der vermeintlichen Gegner geschossen habe. Wie mag die Auseinandersetzung verlaufen sein? Wie kann man sich überhaupt vom fahrenden Autobus aus, durch's offene Fenster und auf eine beträchtliche Entfenuing(wer herannaht, ist nämlich noch nicht da) sogründlich auseinandersetzen, daß die Sache ohne Revolver nicht mehr aus der Welt zu schaffen ist? Das sind Fragen, die zweifellos auch den Richter beschäftigen werden, der den Fall zu bearbeiten hat. Uns Interessiert vor allem die Tatsache, daß in der Umgebung nationalsozialistischer junger Leute, ob sie nun im In- oder Ausland herumfuhrwerken, immer wieder Revolver knallen und immer wieder junge Menschenleben auf sinnlose Art gefährdet oder vernichtet werden. Die friedliche Erziehung trägt ihre FYüchte. Die Zertrümmerung der Ortskrankenkassen Die Vernichtung der sozialpolitischen Erfolge eines jahrzehntelangen Kampfes der deutschen Sozialdemokratie und der freien Gewerkschaften durch die Nationalsozialisten geht weiter. Eben ist eine»zehnte Verordnung zum Aufbau der Sozialversicherung« erschienen, deren Kern in der Zertrümmerung des gesamten Ortakrankenkassenwesens zu erblicken ist. Diese Verordnung bestimmt in ihrem zweiten Artikel, daß diejenigen Ortskrankenkassen, deren Mitglieder hauptsächlich handwerklichen Betrieben angehören, von Amts wegen in Irmungakassen umzuwandeln sind. Aber auch die Ortskrankenkassen, von denen das nicht gilt, werden zertrümmert. Eine weitere Bestimmung sagt, daß sie in Innungsund Ortskrankenkassen geteilt werden müssen, wenn überhaupt Mitglieder aus handwerklichen Betrieben in einer gewissen Anzahl vorhanden sind. In der nationalsozialistischen Terminologie heißt das»Sanierung der Ortskrankenkassen«. In Wirklichkeit ist es die Vernichtung der letzten Reste der selbstverwaltete« Krankenkassen und anderer Sozial Institut� Nr. 122 BEILAGE 15. Oktober 1935 Sozialdemokratie und Krieg *r__ i xr-- x«*— Von Karl Kautsky*) 2. Der Völkerbund. In mancher Beziehung ist allerdings diese unsere Aufgabe seit dem Weltkriege sehr erleichtert worden durch die Schaffung des Völkerbundes. In seinen Anfängen wurde er. sehr mit Mißtrauen aufgenommen, namentlich von den Patrioten der besiegten Staaten, die in ihm ein Werkzeug der Sieger sahen, aber auch von revolutionären Sozialisten, die ihn als ein bürgerliches Truggebilde befehdeten. Es ging ihm wie so vielen am deren Einrichtungen und Maßregeln, die erdacht werden, damit sie ein soziales oder politisches Bedürfnis befriedigen Von denjenigen, die sie propagieren, werden sie leicht maßlos überschätzt. Da sie das, was ihre Propagatoren in Aussicht stellen, nicht leisten oder leisten können werden sie von jenen, die das erkennen, als wertlos verworfen. Das eine ist ebenso ver kehrt und schädlich wie das andere, mag es sich etwa um das allgemeine Wahlrecht handeln oder um Genossenschaften, um Gewerkschaften usw. Keine soziale oder politische Einrichtung oder Tätigkeit ist absolut und keine für sich allein zu messen. Manche kann von großem Erfolg und Nutzen sein, jede aber nur unter bestimmten Bedingungen, in bestimmten Zusammenhängen. Nur unter bestimmten Bedin o-ungen wird der Völkerbund möglich und heilsam. Ein absolutes Mittel zur Verhinderung von Kriegen ist er nicht. Ich habe in meinem Buche gezeigt, daß er zu �n nem erfolgreichen Wirken eine Gesamtheit demokratischer Staaten voraussetzt We nigstens trifft das zu für seine Aufgabe der Verhinderung von Kriegen. Unter demokratischen Staaten sind sol- che zu verstehen, die nicht bloß mit demokratischen Verfassungen begabt sind, sondern auch mit einer selbständig denkenden politisch geschulten Volksmasse, die, wenn auch nicht überall von Lohnarbeit, so doch stets von eigener Arbeit lebt. Zwischen zwei demokratischen Staaten ist heute kein Konflikt denkbar, der so tief ginge, daß sie es nicht vorzögen, ihn der Schlichtung durch einen Bund demokratischer, unbeteiligter Staaten zu überlassen, als die Schrecken eines modernen Krieges auf sich zu nehmen, bei dem es ganz unsicher wäre, wer Sieger sein werde, völlig sicher, aber, daß er die beiden köpfenden Teüe total ruimeren mußte. Für die demokratischen Staaten ist das Schrämt des Völkerbundes em Ausweg, den si suchen, der ihnen nicht a z" 7 W gen ist. Ihnen gegenüber ist die Frage der Zwangsgewalt des Völkerbundes gegen- '�AndTrs verhält es sich mit despotischen oder halbdespotischen Staaten, die in den Händen von Elementen sind, die � aus friedlicher Arbeit, sondern aus Au�bung von Macht und Ausbeutung ihre Existenz ziehen Das Streben nach Macht beutung ist stets maßlos und gewalttätig. aÄt st«, die(Wahr Konflikte mit«eh. Wo ein despotischer Staat mit �em demokratischen �nsammeMtoßt. wrd ser leicht vor die Alternative geeilt, �ch der Erpressung des Despoten, de. Gangsterführer handelt, j t oder ihn zu bekriegen. Aber« öS alte Regel, daß jede Naehg»b«k* gegen einen Erpresser diesen nie digt, sondern nur seine"Beßlich gehrlichkeit steigert, sodaß ß doch ein gewaltsamer Zusammen3toß der Staaten unvermeidüch v8iker. Wie kann in diesem Faüe d® ü. bund das Uebel verhüten? � de"0�e sehe Staat wird sich seinem Urt g � fügen, er wird darin seme Re h-_ Aber der despotische? Er weic herer Zwangsgewalt... In diesem Falle bedeutet Mso das A treten des Völkerbundes mch hinderung des Krieges, sondern es den Bund, selbst Zwangsmittel ai� den, die schließlich zu einem Krieg ren oder abzudanken.__ Dem Völkerbund die nötige Zwangsgewalt zu verleihen, mag sehr notwen o werden, obwohl es nicht leicht sein wir eine solche einzurichten. Damit würde jedoch der Krieg nicht aus der Welt geschafft, sondern eine neue Art Krieg hervorgerufen, eine Art Polizeikrieg der Gesamtheit der zivilisierten Staaten gegen manchen Gangsterhäuptling, der sich in seinem Staat zur politischen Allmacht emporgeräubert hat. Aber, obwohl die Verdrängung der Demokratie durch eine Diktatur in einem erheblichen Teil der Welt seit dem Unge- witter von 1914 bis 1918 vor sich gegangen ist, und die Wirksamkeit des Völkerbundes zur Verhinderung von Kriegen dadurch erheblich eingeschränkt wurde, wird er damit doch nicht nutzlos. Er kann wenigstens Kriege zwischen jenen Staaten verhindern, die nicht von einem Despoten künftighin nur dort eintreten, wo zwei despotische Regierungen, von denen keine an den Völkerbund appelliert, einander bewaffnet entgegentreten. Allerdings sind auch innerhalb des Völkerbundes Komplikationen möglich. Denn die Sache liegt nicht etwa so, daß die Despotien eine geschlossene Masse bilden, die dem Völkerbund entgegentritt. Ein auf Militärgewalt aufgebauter Despotismus bedroht, wenn er sich stark genug fühlt, jeden seiner Nachbarn. Daher können auch zwei despotische Regierungen miteinander in Konflikt kommen. Wo em solcher droht, wird derjenige, der sich schwächer fühlt, gern Zuflucht beim Völkerbund suchen. Das hat ihm erst kürzlich Sowjetrußland zugeführt, das wohl der größte der Deuisdiland im tiefsten Frieden •) Schluß aus Nj 121. regiert werden, und diese umfassen noch immer die Mehrheit der zivilisierten Bevölkerung der Erde. Und auch dort, wo der Völkerbund einen Krieg nicht verhindern kann, ist er nicht ohne Bedeutung. Viel sicherer und rascher läßt er bei einem ausbrechenden Kriege ohne weiteres erkennen, auf welcher Seite der Angreifer steht, auf welcher der Angegriffene, auf welcher der Vergewaltiger eines fremden Volkes, auf welcher das vergewaltigte Volk. Damit ist gesagt, daß solange der Völkerbund besteht, die Zeit nicht mehr wiederzukehren braucht, in der die Internationale durch einen ausbrechenden Krieg zerrissen wird. Wenn das im Weltkrieg geschah, lag die Schuld, wie gezeigt wurde, weder an einer Mangelhaftigkeit der Organisation, noch an einem Ueber- wuchem nationalen über intemationales Empfinden in den sozialistischen Reihen, sondern an der Unklarheit über die Kriegsschuld der einzelnen am Kriege beteiligten Regierungen. Eine solche Unklarheit kann despotisch regierten Staaten unserer Zeit ist. Aber dieser wird gleichzeitig von zwei anderen Militärdespotien bedroht, Japan und Deutschland, die beide zusammen militärisch sehr gefährliche Gegner für Rußland sind, trotz der Hemmungen, die der Versailler Vertrag bisher Deutschland auferlegte. In dieser Situation hielt es die russische Regierung für geraten, nach dem Aufkommen Hitlers dem Völkerbund beizutreten, den sie bis dahin sehr schnöde behandelt hatte. Wieder wie 1914 kann die Frage auftauchen, wer der schlimmere Feind der Demokratie und damit der Menschheit ist: Der deutsche oder der russische Militärdespotismus? Auch bei den Despotismen unserer Zeit dürfen wir nicht von einer reaktionären Masse sprechen. Bei ihnen gibt es ebenfalls Unterschiede. Keine Regierung, wie absolutistisch sie sich gebärden mag, kann ja den Charakter ihres Ursprunges völlig verleugnen. Der heutige russische Despotismus ist aus einer proletarischen, antikapitalistischen Bewegung hervorgegangen, der deutsche dagegen aus einer antiproletarischen, vom Großkapital gegängelten. Schon das bedingt, daß wir beide Despotismen nicht auf gleiche Stufe setzen dürfen. Die Sozialisten eines jeden Landes müssen den eigenen Despotismus bekämpfen, einerlei, welches sein Ursprung. Aber im Kriege kommt nicht die Stellung zu einer einzigen Regierung, zu der eigenen, in Betracht, sondern mindestens die zu zweien, der eigenen und der gegnerischen. Mehr als je heißt es da, statt des Grundsatzes von der reaktionären Masse, die unterschiedslos zu bekämpfen sei, den Grundsatz der Bevorzugung des kleineren Uebels anzuwenden. Wir mögen der eigenen Regierung auf das erbjtterste entgegenstehen, wird sie aber von einem noch schlimmeren Gewaltregime angegriffen, dessen Sieg verhängnisvoll für die ganze Menschheit wäre, dann kann es notwendig werden, daß wir uns zeitweise, bis der Gegner abgewehrt ist, zu einem Einstellen unserer Opposition verstehen. So könnten auch Sozialisten, die der Sowjetdiktatur aufs erbittertste widerstreben, doch sich gedrängt fühlen, auf ihre Seite zu treten, wenn diese von Hitler und vom Mikado gleichzeitig angegrif- fen würde. Es ist kein Zweifel möglich, die sozialistische Internationale würde in diesem Falle ebenso wie der Völkerbund auf Seite Rußlands treten. Das so schmerzliche und verderbliche Schauspiel einer Zerreißung der sozialistischen Internationale durch einen Krieg dürfte sich unter den heute gegebenen Bedingungen kaum wiederholen. 3. Die Bekämpfung der Kriegsgefahr. Die Internationale hat heute die beste Aussicht, bei jedem Kriegsausbruch einig zu sein in Bezug auf die Erkennung und Brandmarkung der Kriegsschuldigen und der internationalen Feinde des Aufstieges der Menschheit. Sie kann aber auch völlig einig sein, in Bezug auf die Mittel, die anzuwenden sind bei drohender Kriegsgefahr. Sie kann es aus dem einfachen Grunde, weil sich darüber internationale Vorschriften nicht geben lassen, die für alle Länder in allen Situationen gelten sollen. In einem demokratischen Lande muß sich eine sozialdemokratische Partei der Mehrheit des Volkes fügen, auch wenn sie mit deren Politik nicht einverstanden ist. Sie darf und muß in solchem Falle die Mehrheit propagandastisch bekämpfen, aber sich mit Gewaltmitteln gegen sie aufzulehnen, widerspräche nicht nur ihren demokratischen Grundsätzen, sondern auch den Erwägungen der Klugheit. Denn um sich gegen eine Regierung und ihren Staatsapparat gewaltsam durchsetzen zu können, dazu braucht eine proletarische Partei eine noch größere Mehrheit im Volke, als bei einem Appell an den Stimmzettel. Wie aber in nicht demokratischen Staaten, in denen eine Regierung gewaltsam die Volksmasse niederhält, bei drohendem Krieg eine sozialdemokratische Partei sich zu verhalten hat, die ihm widerstrebt, das hängt von unendlich vielen wechselnden Bedingungen ab. Die Opposition gegen den Krieg kann und muß in den verschiedensten Fällen die verschiedensten Formen annehmen. Ueber diese läßt sich keine Regel von vornherein aufstellen, außer der, daß keine Partei zu einer Leistung über ihre Kraft hinaus verpflichtet werden darf und daß keine mehr erwarten lassen soll, als sie im Emstfall imstande ist zu tun. Man darf nie Erwartungen rege machen oder gar Verpflichtungen auf sich nehmen, die man nicht erfüllen kann. Das muß auch leitender Gedanke der sozialistischen Internationale für jene ihrer Parteien sein, die mit ihren eigenen Regierungen wegen deren Kriegspolitik in Konflikt geraten. Die Art seiner Ausfech- tung muß ganz den jeweiligen Umständen überlassen werden. Ueber ein souveränes Mittel, die Entfesselung eines Krieges durch einen nicht demokratischen Staat zu verhindern, verfügen wir nicht Das wird heute auch allgemein anerkannt Das bedeutet aber, daß in den demokraffschen Staaten du Streben nadS einseitiger Abrüstung, da« eine Zeitlang sehr stark war, völlig aufgehört hat Gewiß, Abrüstung ist dringend nötig, aber allgemeine Abrüstung. Dagegen wäre es sinnlos, wollten die demokratischen Staaten allein abrüsten, indeß die nicht- demokratischen sich bis an die Zähne wappnen. Uebrigens auch die allgemeine Abrüstung ist nur mit Vorsicht zu unternehmen. Bei demokratischen Staaten ist das Ausmaß offenisichtlich, in dem sie durchgeführt wird, nicht dagegen bei despotischen Staaten. Denen fallen geheime Rüstungen unter Umständen sehr leicht Eine allgemeine Abrüstung wäre sehr bedenklich, wenn sie nicht gestattete, den Herren Diktatoren scharf auf die Finger zu sehen. Wie für den Völkerbund so Ist auch für die Abrüstung allgemeine Demokratie die unentbehrliche Vorbedingung ihres vollkommenen und weitgehenden Fhinktio- nierens. Alles das ergibt augenblicklich schlechte Aussichten für Völkerbund und Völkerfrieden. Beide sind eng geknüpft an die Völkerfreiheit Aber trotzdem ist die Sache des Völkerfriedens nicht verloren, ein neuer Weltkrieg nicht unausweichlich. Doch ist der Weltfriede nur dann zu erhalten, wenn alle an ihm interessierten Mächte eng zusammenhalten gegen jeden Friedensstörer. Geschieht dies, dann bilden sie ihm gegenüber eine solche Uebermacht daß er es auf eine Kraftprobe nicht ankommen lassen kann. Das ist die einzige Möglichkeit, dauernd den FVieden zu erhalten. Eine solche Friedenskoalition herzustellen, das bildet die große Aufgabe jeglicher praktischen Friedenspolitik unserer Zeit. Eine Koalition dieser Art hat nicht bloß alle demokratischen Staaten zu umfassen, sondern neben ihnen auch jene nichtdemokratischen, die, aus welchen Gründen immer, einen Krieg fürchten, ihm aus dem Wege gehen. Die Koalition soll nicht den Völkerbund überflüssig machen, sondern sein Funktionieren sichern durch die überwältigenden Machtmittel, die ihr zu Gebote stehen und über die der Völkerbund nicht verfügt Die Herstellung dieser Koalition zur Friedenssicherung stößt heute noch auf ein gewaltiges Hindernis: Die Kurzsichtigkeit und Verständnislosigkeit weiter Kreise Amerikas, vor allem der Vereinigten Staaten, für die außeramerikanische Welt Ehe Vereinigten Staaten sind die gewaltigste der Weltmächte geworden. Sie entscheiden über Krieg und Frieden der Welt Schließen sie sich der Friedenskoalition an, dann ist diese übermächtig und der Friede gesichert Aber da man in Amerika die Außenwelt, namentlich die europäische, schlecht kennt, fürchtet man dort, in diesen Hexenkessel einzugreifen. Man fürchtet s;oh ohne Not dabei die Finger zu verbrennen. Jedoch trotz aller autarkischen Vam»Tingeltangeln zum»Kaiserhof« (Herr Göbbels schrieb sein geschminktes Erinnerungsbuch und nannte ea»Vom Kaiserhof zur Reichskanzlei«.— Hier will ein Eingeweihter Intimes aus dem Kleinkunstleben des Dritten Reiches erzählen.) In Berlin sind die Kabarett«»Tingeltangel« und»Katakombe« geschlossen und die Hauptmitwirkenden ins Konzentrationslager gesteckt worden.— Eine gewundene und verlogene Erklärung des Propagandaministeriums, die von»literarischen Plüster- kneipen« sprach, hat den wahren Grund der drakonischen Maßnahmen gegen die Spaßmacher nicht angegeben. Jüppchen log von verletzter Sitte und Moral. Aber nicht Sitte und Moral waren dort gefährdet worden, sondern das Gottesgnadentum der Bonzen. Man wird eher begreifen, warum sich diese Regierung, die in keinem Sinne»Spaß versteht«, gegen Scherze wehren mußte,— wenn mar, einige von ihnen kennt Werner FInck— der beim Internationalen Film ball noch Offizien konferierte und mit»Jupp, dem Leichtfüßigen« freundlich lächelnd in allen Journalen prangte._ lernt jetzt die wahre Freundschaft des Propagandaministers.im Erziehungslager kennen. Warum?: Er begann seine heiteren Ansagen aliabendlich mit den Worten:»Wir führen unser Programm durch!« Oder jene kombinierte Schaununimer, bestehend aus Ansage und Schnellzeichnung, Der Zeichner Traut- s c h o I d(Jetzt auch im Konzentrationslager) Experiment« und Phantastereien geraten alle Staaten der Erde in immer größere Abhängigkeit voneinander, ökonomisch, politisch, wissenschaftlich und literarisch. Selbst der stärkste der Staaten unserer Zeit, die amerikanische Union, macht keine Ausnahme davon. Und nie tritt diese inter- nationale Abhängigkeit mehr in Erscheinung, als zur Zeit eines Krieges. Schon 1917 sahen sich die Vereinigten Staaten gedrängt, in den Krieg einzutreten. Sie würden erst recht dazu genötigt sein in einem neuen Weltkrieg. Die Friedensstörer sind heute nicht auf Fluropa beschränkt Im Femen Osten ist auch einer zu finden, ein sehr beachtenswerter. Von Amerika hängt die Zukunft der Welt ab, davon, daß seine leitenden Politiker jede»realpolitische« Kurzsichtigkeit und Weltfremdheit abstreifen und es nicht unter ihrer Würde halten, die den Femstehenden ja gewiß sehr abstoßenden und oft ganz widersinnigen Verhältnisse unseres von Fieberattacken aller Art geschüttelten Erdteils zu studieren. Aber auch allgemein wird es immer mehr dringende Pflicht aller Demokraten und Sozialisten, die internationale Politik eifrig zu studieren. Schon 1864 hatte Karl Marx in seiner Inauguraladresse es ausgesprochen, die Arbeiterklasse habe»die Pflicht, sich der Geheimnisse der internationalen Politik« zu bemächtigen. Das güt heute nicht nur ebenso wie vor 70 Jahren, es gilt heute mehr als je. Mit internationalen Gefühlen ist es nicht abgetan, sie können sehr in die Irre führen, wenn sie nicht verbunden sind mit internationalem Verständnis, mit der Kenntnis der Welt außerhalb der eigenen Grenzpfähle. Je mehr die Proletarier und die arbeitenden Klassen überhaupt, nicht am wenigsten natürlich jene Intellektuellen, die sich auf ihre Seite stellen, noch andere Staaten neben den eigenen und ihre internationalen Zusammenhänge erkennen und je mehr es ihnen gelingt, auf Grund dieser Erkenntnis, zu einer klaren, einheitlichen, internationalen Politik zu gelangen und je mehr sie es verstehen, in allen demokratischen Ländern, in Amerika ebenso wie in Europa und auch in den anderen Weltteüen, namentlich in den britischen Dominions, dort die Politiker und Regieruhgen im Sinne dieser Internationalen Politik zu beeinflussen, desto mehr wird der Weltfriede gesichert sein. Manche Sozialisten lieben es, zu behaupten, daß dauernder Weltfriede ebenso wie wirkliche Demokratie ein Traum bleiben müsse, so lange nicht der Kapitalismus durch den Sozialismus verdrängt sei. Das klingt radikal, ist aber in Wirklichkeit recht schwächlich, außer im Munde solcher Phantasten, die glauben, daß morgen schon vollständiger Sozialismus auf der Erde herrschen werde. Es verschiebt jede ernstliche Friedens arbeit in eine weite Ferne. Denn der Aufbau sozialistischer Produktion ist weder ein einfacher noch ein haut mit breiten Kohleetrichen zwei schöne Rockaufschläge aufs Blatt Hierauf beginnt FLnck:»Dies wird, wie Sie an dem verheißungsvollen Kostüm beginn sehen, ein deutscher Würdenträger. Sehr bekannt und sehr beliebt Sein Name beginnt mit ,G'!<— Großes Gelächter.—»Nein, wir meinen den andern!«— Noch größere Lachsalve.— Trautschold stellt sich vor die Staffelei,! zeichnet tritt zurück und sichtbar wird ein Porträt von— Goethe!-wl Aus der gleichen Darbietung die witzige j Verulkung des körperlich riesigen(char&k-l termäßig nicht so großen) gleichgeschalteten Berliner Oberbürgermeisters Dr. Sahra. Wird konterfeit und angesagt:»Sahm!«,— Dann malt Trautschold eine 1 davor, Finck erklärt lakonisch:»Einsahm«. Derselbe harmlose Witz wird mit der 8 als»Acbtsahm« wiederholt Dann erscheinen auf dem weißen Blatt rechts und links vom Stadtoberhaupt schräg erhobene Arme. Werden erläutert mit den Worten»Heil-sahm«, oder auch»Volk-sahm«. (Was gesprochen natürlich ebensogut»folgsam« verstanden werden kann.)__ h—***»- mm,.-- i hm" Dann sang Rudolf Platte(der läuft vorläufig noch frei herum) ein Chanson des ungefähren Inhalts: »Ach, wie schön wära, eines Tags erwachen Und mal keine Umformen sehn...« Oder auch; »Ach, wie schön wärs, eines Tag« erwachen Ohne, daß mal einer sammeln käm...« Und auch: »Ach, wie schön wärs, eines Tags erwachen Und man baute keine Waffen mehr...« Der abmildernde Refrain hatte allerdings den Sinn: rascher Prozeß. Eine diktatorische Regierung kann über Nacht gestürzt und durch ein demokratisches Regime ersetzt werden. Der Aufbau einer neuen Produktionsweise an Stelle der bisherigen, die Jahrhunderte zu ihrer Entwicklung brauchte, ist ein mühseliger, langsamer Prozeß. Das Beispiel Sowjetrußlands spricht nicht dagegen. Was dort aufgebaut wurde, ist die Staatswirtschaft eines orientalischen Despotismus, nicht eine gesellschaftliche Produktion freier Menschen. Eine Produktionsweise letzterer Art müßte in allen maßgebenden Ländern der Erde durchgeführt sein, ehe man den Weltfrieden für gesichert ansehen könnte, wenn die oben erwähnte Auffassung richtig wäre, daß der Weltfrieden den Sozialismus zur Voraussetzung habe. Diese Auffassung bedeutet nicht einen Antrieb, sondern eine Lähmung im Kampfe um die Erhaltung des Friedens. Zum Glück ist sie ebenso falsch, wie die mit ihr Hand in Hand gehende Auffassung, daß Demokratie, also das Bestehen und die Benützung von Volksfreiheit, nur in einem sozialistischen Regime möglich sei Wahr ist vielmehr, daß Sozialismus wie Weltfriede die Demokratie zur Voraussetzung haben. Am Weltfrieden sind mehr Menschen interessiert, als am Sozialismus. Für diesen erwärmen sich bloß die denkenden Lohnarbeiter und ihnen sich anschließende Intellektuelle, Kleinbürger und Bauern. Nach dem Weltfrieden verlangen dagegen heute angstvoll so ziemlich alle Klassen der Gesellschaft, auch die Kapitalisten, soweit sie nicht an Kriegslieferungen interessiert sind. Nicht einmal die Militaristen sind heute alle für den Krieg. Jeder fürchtet den feindlichen Angriff, verlangt dessen Abwehr, aber für einen offenbaren Angriffskrieg begeistern sich außer einer kleinen Schar gewissenloser Geschäftspolitiker und Glücksspieler nur noch Narren und Verbrecher. So entsetzlich sind die Folgen, die jeder größere Krieg nach sich ziehen muß. Er bedroht nicht bloß einzelne Klassen, sondern die Existenz aller Individuen einer im Kriege stehenden Nation ohne Unterschied der Klasse. Darum würde die allgemeine Verbreitung der Demokratie genügen, den Weltfrieden zu sichern. Ea ist nicht richtig, daß die kapitalistische Konkurrenz es ist, die die Kriege erzeugt. Es gab massenhaft Kriege, lange vor der kapitalistischen Produktionsweise, dynastische Kriege und Kriege des Kriegsadels usw. Das industrielle Kapital dagegen war zeitweise dem Kriege entschieden feind. Nicht das Zeitalter der freien Konkurrenz, sondern die Sucht nach Monopolisierung der Märkte und der Rohstoffquellen, die vor etwa einem halben Jahrhundert aufkam, hat dann allerdings manche Kapitalistenschichten kriegerisch gemacht und so neben alten Kriegsursachen neue hervorgerufen, aber dieses Kriegselement ist im Rückzug begriffen. Die Kapitalisten haben »Selbstverständlich nur, wenn auch die andern...« Wohingegen das»Tingeltangel« mehr simple Späße fabrizierte. Aber die Szene»Im Museum« hatte ea auch in sich. Aufgebaut auf dem alten Verwechslungsscherzchen, daß die Besucher glauben, im kulturhistorischen iMuseum zu sein und sich im— Institut für [Tiefseeforschung zu befinden, bekam die Sache 'plötzlich diesen Dreh: Ein neuer Mann tritt ,auf und sagt:»Jetzt bin Ich der Führer... [Nachdem wir diese Abteilungen besichtigt [haben, wenden wir uns nunmehr noch viel •weiter nach rechts und kommen damit zum Mittelalter!...« Und für derartige Witzeleien, die in demokratischen Lindern sicherlich von Re- gierungsmltgliedcm freundlich belächelt worden wären, gibts in Hitlerdeutschland strenge Haft und erfolgt die Schließung der Lokale. (Obwohl sich die Zahl der Besucher zwar zu zwei Dritteln aus Halb-, Viertel- oder Nicht- ariern, aber zu einem Drittel auch aus Leuten mit sichtbar gezeigtem Parteiabzeichen zusammensetzte und alle«ich vortrefflich amüsierten.) Die»Satire«, die man wünscht— und gewünschte Satire ist genau so widersinnig, wie die von Herrn Göbbels erfundenen»spontanen Kundgebungen auf Parteibefehl«— diese Satire sieht so aus: Herr Generalminlsterpräsidentoberjagd- meisterfllegerchef Göring kam zu einer Inspektion nach Köln. Da er dort ein Kabarett besuchen wollte(wie im zu Berlin aufgestellten Tagesplan festgelegt war), wurde für diesen einen Abend ein ihm genehmer Ansager, der ölig-pomadisierte Gustav Ja- es gelernt, sich international Über Ihne Monopole zu verständigen. In einem demokratischen Land, wenn seine arbeitenden Klassen geistig und politisch selbständig sind, verfügt keines jener ausbeutenden und abenteuernden Elemente, die an einem Kriege noch ein Interesse haben, über die Macht, einen solchen hervorzurufen. Nur in einem nichtdemokratischen Lande vermögen solche Elemente unter besonderen Umständen die dazu nötige Gewalt aufzuwenden. Allgemeine Demokratie ißt gleichbedeutend mit allgemeinem dauerndem Frieden. Die allgemeine Demokratie sichert den Weltfrieden, sie führt dort, wo ein zahlreiches, intelligentes, selbständig denkendes Proletariat besteht, ebenso sicher zum Sozialismus. Dieser bildet nicht die Voraussetzung des Friedens und der Demokratie. Die Demokratie ist vielmehr die gemeinsame Wurzel, aus der nebeneinander, eng miteinander verbunden, sowohl der dauernde Weltfriede entsprießt, wie die dauernde Befreiung und Befriedung der arbeitenden Menschheit, der Sozialismus. Die musisdiste Regierung! Hanns Jobst hat wieder Luft. Mit der Helldorfclique mußte äuch die strelchernde Johstcllque wieder Oberwasser bekommen. An Stelle Blunks, der sich im Rundfunk bis zum Kotzen breit machte, ist Jobst Jetzt Präsident der Reichsschrifttumskammer geworden. In seiner Antrittsrede versprach er zunächst Lockerung der organisatorischen Fesseln: »Ueberorganisation verstimme die Seele, das künstlerische Schaffen werde durch viele Fragebogen zu leicht verletzt. Mit direkter Aussprache könne man manches viel leichter klären, zumal heute innerhalb des verantwortlichen Kreises jeder gleichwertig sei. Niemand habe heute mehr das Recht zur Diffamierung anderer.« Der letzte Satz geht gegen die Revolte der Jungdilettanten. Alle gleichwertig, das heißt:»Wir sind alle gesiebte Kreaturen Göbbels. Uns kann vorläufig keiner!« Wie toll muß die Fragebogen-Inquisition wüten, wenn sie dieser Clique zu bunt wird!— Schließlich bat Jobst seine gutdotierten Staatsräte, zu glauben, »daß es mit unserer Sache gut steht, well wir als einziges Land der Welt eine musische Regierung haben.« Hitler, dessen»Werke« noch der Ueber- setzung ins Deutsche harren, Göbbels, der ein Roman traktätchen verbrach, das einen unfreiwilligen und in jedem anderen Lande tödlichen Lacherfolg erzielte, Lametta-Hermann mit seinem Kasemenhorizont-- das nennt ein brauner Oberbarde die musischste Regierung der Welt! Wie maßvoll, wie harmlos war daneben Wilhelms Hofbyzantiner... Ernennung: Adolf Hitler ist anläßlich seiner Ostlandreise zum Ehrenbürger der Stadt Königsberg ernannt worden. coby mit«einem ewigen brechreiz-erregen- den Satz»Ihr lieben goldigen Menschen I< eigens von Düsseldorf nach Köln geholt. Ea war im»Kaiserhof« und der klebrig-freundliche Unterhalter brachte»spontane« Scherze. Nach einer völlig witzlosen Confärence über politische Witze(am Wesentlichen vorbeiredend und vor Seibatlob glänzend) bewies der dicke Spießer Gustav, was er selbst unter politischem Witz verstand und kramte in seiner»politischen Zigarrenkiste«(auch diese Conference-Idee hat Jacoby, wie so viele andere, von einem Nichtarier gestohlen). Dabei kamen so hochaktuelle Witze heraus, wie »Marke Hlndenburg«— prima Neudeck-Blatt! (Hahaha, wird der in Walhall gelacht haben.) Oder: Marke Scheidemann, abgeachnittenea Mundstück, strohgefüilt. Oder: Marke Geb- bels— klein aber fein!(Gott, wie tscharmant! Und welcher Männorstolz vor Ministerthronen.)— Endlich aber erreichte der heitere Byzantinismus seinen kleinkünstlerischen Höhepunkt. Gustav Jacoby sang das eigens für diesen Abend gelieferte Lied»Vum Hermann«. Der Text lautet etwa(in rheinischem Dialekt): Ja. so nc Mann, wie unse Hermann, Wer dä hätt, dä kann wohl laache, Ja, so ne Mann, wie unse Hermann! Da ka mer wirklich Staat mit maache!« Von aller üblen Speichelleckerei abgesehen, ist das nun ein doppeltes Plagiat Einmal ein kümmerUcher Abklatsch von Clalre Waldoffs berühmtem Couplet»Hermann heeßt er«, dann aber auch eine gestohlene und verdrehte Verszeile von Kästner. Erich Kästner schrieb 1932; »Mit diesem Staate ist kein Staat zu Der Granaiengeist Fand ein Fischer Im Meere ein« Flasche. Darin saß ein Geist und schrie:»Laß mich heraus! Mach nüch frei! Ich mache«fleh reich, ich mache dich glücklich!« Das ist eine alte Legende, aber In sp&teren Zeiten, verlaßt euch darauf, da wird sie so ähnlich erzählt werden, wie ich sie Jetzt euch erzähle. Die Flasche war gar keine Flasche, sondern eine große, leere, luftdichte Handgranate, und der Fischer nahm sie nicht mit nach Hause zu seiner Frau, sondern schleppte sie aufs Rathaus. Dort versammelte sich viel Volk um die große Biechgranate, lauachte der Stimme und schüttelte verwundert den Kopf.»Ich bin euer guter Geist«, brüllte es aus der Büchse.»Laßt mich frei, Ich mache euch reich und glücklich«. Die Klugen unter dem Volk sprachen;»Schmeißt das Ding wieder ins Meer, es bringt euch Unglück.« Da wurde die gefangene Stimme immer stärker und versprach immer mehr. »Ich mache euch reich! Ich mache euch frei, ich schenke euch eine herrliche, funkelnagelneue tausendjährige Volksgemeinschaft, wie sie noch nie in der Welt geliefert worden ist.« Immer mehr Volk Uef zusammen, lauschte den betörenden Versprechungen und verdrehte die Augen. Die Klugen warnten stärker:»Schmeißt den Ungeist ins Meer!« Doch die Stimme in der Blechgranate häufte Verheißungen auf Verheißungen, versprach jedem was er hören wollte. Den. Zuhörern tränten die Augen, der betörte Haufen war nicht mehr zu halten, schlug dem Blechbehälter das Dach ein und ein Ungeist fuhr mit Pfeifen und Heulen heraus. Von da an ging mit dem Volke eine merkwürdige Wandlung vor. Der Ungeist fuhr In aber Tausende Köpfe und was sie sprachen, war ein unerhörtes Blech, wie die Büchse, aus der jener Geist entwich. Sie zogen Ihn auf Platten und er dröhnte In die Welt hinaus. Die klugen Warner wurden eingekerkert, verjagt oder erschlagen.»Denkt nicht«, brüllte der Ungeist durch große Hörner ins Volk,»gewöhnt euch das Denken ab. Im Denken steckt die Schwachheit, Im Verstand waltet die Dummheit unseres Volkes. Erschlagt die Intelligenzbeetlcn. Gott hat nur dem Führer Verstand gegeben, und der bin Ich. Verlaßt euch aufs Blut, aufs Ahnenerbe und aufs Erberinnern. An unserem Wesen soll die Welt genesen, wer uns entgegentritt, den zerschmettern wir.« So mächtig wurde der Granatengeist, daß niemand mehr einen eigenen Gedanken laut werden ließ. Wer Karriere machen wollte, bemühte«ich, so dumm auszusehen wie er nur konnte, gewöhnte sich einen schweren breitbeinlgen Schritt und einen richtigen Faustschlag an. Die Roheit triumphierte. Eine entsetzliche Jugend wuchs heran. Verkrachte Literaten predigten Ihr:»Wenn Ihr das Wort Kultur hört, so entsichert den Browning!« Die Intelligenten mußten viel Von Bruno Brand jr. Intelligenz aufwenden, um sich ihre Klugheit nicht merken zu lassen. Sie mußten sich dumm stellen, das heißt: durch Intelligenz ersetzen, was einem an Dummheit fehlt. Die anderen Völker ringsum bekreuzigten sich. Sonst taten sie nichts gegen den Ungeist. Ihre Führer machten ihm gelegentlich sogar den Hof. Was gibts da noch viel zu erzählen? Ein entsetzlicher Blutwahn lagerte sich über den ganzen Erdteil, blutige Katastrophen brachen über die Weit herein, Krieg und Barbarei. Und es ist ein wahres Wunder, daß nicht der ganze Erdteil in die Luft flog. Der Granatengeist kostete den Völkern aber Milliarden und das Lebensglück von Generationen.— Dann erst, in Blut und Jammer, brach er zusammen. Wohin er entschwand— niemand kann es sagen. Ehnes Tages erwachten die Völker zwischen Trümmern, rieben sich die Augen und fragten sich, wie das alles gekommen, Jahrzehnte gingen darüber hin. Wie viele weiß ich nicht, es kommt In der Geschichte auf ein Jahrzehnt nicht an. Eine neue Menschheit war herangewachsen, die nichts mehr von Krieg und Blutwahn wußte. Eis gab ein Pulver, davon eine Handvoll(De Welt In die Luft sprengen konnte. Die Technik hatte Krieg und Nationalismus aufgefressen, mehr brauche ich nicht zu sagen. Gelehrte und Forscher rätselten über der Frage, wie damals jener tolle Granatengeist sich hatte bis zum Wahnsinn entfalten können. Man durchforschte in Büchern die ökonomischen, die kulturellen und klimatischen Bedingtheiten jener Zeit. Man schrieb Doktorarbeiten darüber, doch man kam in der Enträtselung des blutigen Rätsels nicht welter. Bis man schließlich bei Ausgrabungen eine Serie jener Platten zutage förderte, auf die jener Ungeist einst gezogen worden war. Man ließ sie laufen, man ließ sie tönen, aber man hörte nur Blech, Blech, Blech. Man ließ das durch große Trichter auf eine Menge Volk los, aber das Getöse ging bei jegltchem Gebein zu einem Ohr herein, zum anderen Ohr heraus. Ohne Wirkung. Ohne irgendwelche wahrnehmbare innere Wallung. Das Volk hörte nur Blech und lachte. Wieder setzten sich die Forscher hin und rätselten, erklärten in dicken Folianten, warum bei den neuen ökonomischen und kulturellen Gegebenhelten die Sprache des Granatengeistee keine Wirkung haben konnte. Aber damals, wie war das damals möglich? Die Fbrscher alle wußten nur einen Schluß: Es schien, daß In jener traurigen Vergangenheit schwere geistige und seelische Erkrankungen dieses und jenes Volk befallen und dem Granatengeiat die Wege geebnet hatten. Warum jedoch die vielen Gesunden vom Granatengeist besiegt worden waren, warum die Minister der Völker, die nicht von ihm befallen wurden, diesem Blutteufel bei Konferenzen die Hand drückten, mit Ihm wie mit einem vernunftbegabten Wesen diskutierten, ihm Kredite gewährten, mit ihm Kompromisse und Abkommen schlössen, bis er auch ihnen über den Kopf wuchs— das konnte keiner, keiner erklären. cß&ßu dii, BUsaktälzk. Man braucht sie, aber sie haben zu kuschen Während die Nationalsozialisten einen bürokratischen Posten nach dem andern besetzen. während die Anführer ihre Kreaturen auf den Amtsseeseln der zur Strecke gebrachten Juden, Katholiken, Bekenn tnisklrchl er, Stahlhelmer und Freimaurer unterbringen, geht der jüngst eröffnete Feldzug gegen die »Bürokraten« munter weiter. Da die Erneuerer Deutschlands und der deutschen Sprache alten' Worten mit Vorliebe neue Bedeutungen unterschieben— sie heißen z. B. Jeden einen »Bürger«, der keine Uniform sein eigen nennt, sie bezeichnen das Dritte Reich gern als »Demokratie«, sie behaupten, die In Hitlera- nlen gepflegte Form der Ausbeutung sei»Sozialismus«— so liegt der Verdacht nahe, daß auch der Ausdruck»Bürokrat« braun angestrichen worden ist, ehe er in das nationalsozialistische Schimpfregister einging. Man durchblättre die deutschen Zeitungen der letzten Wochen! Wo taucht das Wort Bürokrat auf? Ueberau da, wo jemand von Amts wegen auf der EhfUllung eines— im Augenblick unbequemen— Gesetzes bestand, ganz gleich, ob der Jemand nun Richter oder Standesbeamter, Lehrer oder Steuerexekutor war. Bisher galten d i e als Bürokraten, die am Buchstaben klebten, jetzt hängt man die Bezeichnung jenen an, die den Sinn eines Gesetzes gewahrt wissen möchten, d. h. jenen, die für ein Mindestmaß rechtlicher Sicherheit eintreten. Unser Verdacht bestätigt sich also: auch dem Worte»Bürokrat« sind alle Knochen im Leibe gebrochen worden. Wer nicht in Versuchung kommen will, die Gesetze zu wahrem, tut am besten daran, sie gar nicht erst kennen zu lernen. Diesem Grundsatz huldigen denn auch die neu Ins Amt gerutschten braunen Versorgungskinder: sie wissen nichts und sind stolz darauf. Der älteren Beamtenschaft aber, die von früher her an Präzision und Sauberkeit gewöhnt ist, hat sich eine regelrechte Panikstimmung bemächtigt. Man hört allüberall die Klage, es gehe in den Aemtern alles drunter und drüber, Anordnungen von oben würden durchkreuzt, Akten verlledert, Gesetze verletzt und unangenehme Fälle einfach durch rechtswidrige Gewaitmaß nahmen aus der Welt geschafft.— Doch die andere Seite ist auch unzufrieden. Den Pg. geht der Feldzug gegen die Bürokraten zu langsam, sie können nicht einsehen, warum man die»Gelernten« überhaupt noch behält, wenn sie doch zu nichts taugen und sich nur unbequem machen. Der Reiohsjuristanfüh rcr Frank sah sich deshalb genötigt, auf der Tagimg des Reichsrechtsamtes in Nürnberg eine Entschuldigung zu stammeln, die jetzt von der»Juristischen Wochenschrift« Im Wortlaut wiedergegeben wird. Frank sagte: Bürokratien sind notwendige Uebel, die man von Staatssystem zu Staatssystem mitschleppt. Sie sind andererseits aber auch die hervorragenden Garanten einer sicheren Beherrschung des Staatsmechanismus und daher eine notwendige Ergänzung des FUhrerprinzlps. »Garanten einer sicheren Beherrschung..« das heißt doch in schlichten Worten, wenn sie wegfielen, die verfluchten Bürokraten, so bräche ein unabsehbares Chaos aus. Man kann sie nicht entbehren— aber man beschimpft und bedroht sie in tausend Reden, Artikeln und Kundgebungen. Warum? Um sie derart in Angst und Schrecken zu versetzen, daß sie jederzeit widerspruchslos auf die Anwendung des Gesetzes verzichten, wenn die ungeschulten, aber farbechten Auchbcam- ten es von ihnen fordern. So ist's gemeint: die einen sollen alle sachliche Arbelt leisten, die andern sollen bestimmen, wann die Sachlichkeit aufzuhören und der Klamauk zu beginnen hat. Verschiedene Anzeichen deuten darauf hin, daß der eingewandte Terror seinen Zweck voll erfüllt. Viele richterliche Entscheidungen, viele Verwaltungsakte gerade der jüngsten Zeit lehren, wie gründlich auch der deutsche— einstmals als vorbildlich geltende— Beamte durch Gewaltandrohung zu korrumpieren ist. Selbsthilfe Sieben ehemalige Pfadfinder in Leipzig, Jungens Im Alter von 15 bis 19 Jahren, sind zu Gefängnisstrafen in der Höhe von zwei bis sechs Monaten verurteilt worden, weü sie ein»Jungvolkheim« in der Nähe von Leipzig susammengeechlagen haben. Das Rechtsgcfühl der Jungen ertrug es nicht, daß die Hitlerjugend sich in dem gestohlenen Heim breit machte. Dem»Rechtsgefiihl« der korrumpierten Richter ist der braune Diebstahl heilig. Aber es ist ein böses Symptom für das System, daß in der Jugend trotz allem Druck Rechtsgefühl und Wille zur Selbsthilfe lebendig sind! Die Wunderkinder Der Relchsjugendführer hat für das Jungvolk eine»Pimpfenprobe« eingeführt: nur wer sie besteht, kann eine Führerstelle im Jungvolk bekleiden. Was wird von den»Führern« verlangt? Die Pimpfe müssen eine Uebung im Laufen, Weitsprung und Ballweltwerfen ausführen, müssen den Tornister packen können, die Kenntnis der Schwertworte des Jungvolkjungen und des Horst-Wessel- und HJ-Lledes nachweisen. Wer außerdem noch lesen und schreiben kann, hat Aussicht auf einen Ministerposten. machen!« Und da dürfte der Original- Autor auch jetzt noch, oder gerade erst jetzt, recht; haben. Karl Schnog. Die Brulalhat der Waffenlosen EUne merkwürdige Zeit; Die Starken werden dauernd von den Schwachen bedroht. Die Starken möchten Frieden, Ruhe und Ordnung halten, aber(De Kleinen, die Waffenlosen, die Minderheiten dulden nicht Frieden noch Menschlichkeit. Man erfährt au« der italienischen Note an den Völkerbund, daß Italien zu den Waffen greifen mußte, um sich gegen Abessinien zu schützen. Was niemand gedacht hat, niemand glauben will, in der Note steht«:(De Leute mit Schilden und Speeren, die ganze Provinzen abtreten wollten, um den Krieg zu vermeiden, Uberfallen Tanks, Flugzeuge und Kanonen. Eine pathologische Erkrankung der Waffenloeen 'logt vor. Man sieht« auch In Deutschland. Täglich erfahren wir, daß(De«anft- mütlge katholische Jugend fortgesetzt(De dolchgegürtete Hitlerjugend anfällt. Katholische Priester stürzen sich mit umgekehrtem Kreuz auf friedliche SA-Abtellungen. Ununterbrochen werden die 60 Millionen Deutscher von einer Handvoll Juden provoziert. Die Handvoll muß mit Gummiknüppel und Po Srom in die Schranken gewiesen werden, well sie zu agressiv gegen die Massen der Starken wurde!' Diese Handvoll Juden sind ja auch, wie Streicher bereits in Versammlungen erklärt, am ItaUenisch-abcsslnlschen Kriege schuld. Sie bedrohen(De ganze Welt: dreizehn Millionen gegen zwei Milliarden! Die starken Männer möchten die Welt mit geistigen Mitteln erobern, aber gerade(De kleinsten Minderhelten dulden keine friedlichen Mittel. Jetzt kommt auch Litauen hinzu. Wieder provoziert der Zweig den Goliath und will Ihn vernichten. Wir werden demnächst hören, daß die 3� Millionen den Krieg mit den 60 Millionen provozieren. Da haben sich nun(De starken Männer an die Spitze geschwindelt, um Schutz gegen die großen Feinde zu bieten— und plötzlich droht ihnen die Gefahr nur noch von den Schwachen, denn die Brutalität der Waffenlosen wächst Ins Unbegrenzte. Vor kurzem wurde in der»Frankfurter Zeitung« die Frage erörtert, ob Jesus ein Kämpfer oder ein pazifistischer Weichling gewesen sei, wobei betont wurde, daß er zwar gekämpft und die Peitsche gebraucht habe, aber nicht gegen den Menschen, denn»er trieb zum Tempel hinaus die Schafe sowohl wie(De Ochsen«, beißt es bei Johannes. Deshalb die Geißel aus Stricken. Der Artikel schließt: »Die Tat der Tempelreinigung ist als solche schon ein Beweis für seine männliche kämpferische Art, auch wenn er nicht die Menschen geschlagen hat. Ja, es will scheinen, daß das Bild Jesu nur gewinne, wenn man dem Bilde die Unbe- herrsebtheit des Schlagens auf Menschen entfernt.« Was soll diese Meckerei? Wir verstehen, wenn einigen gleichgeschalteten Blättern ob des ewigen Gedresches in Deutschland die Schamröte in(De Wangen steigt. Aber wie soUen sich Hitlers Landsknechte helfen, wenn sie dauernd von den Waffenlosen angefallen werden?! Was»oll die oWge Anspie- lung auf die Massenauspeitschungen In Konzentrationslagern, wenn die Häftlinge so renitent sind? Hat man doch der ausländischen Presse mehrfach versichert, daß keiner, keiner geschlagen wird, sofern er nicht provoziert und Widerstand leistet. Die Tausende, die einzeln gefoltert, gemartert, zu Krüppeln geschlagen wurden— sie haben fortgesetzt Widerstand geleistet Die Henkersknechte wollen nicht köpfen, aber der Delinquent bedroht sie solange, bis sie zum Beil greifen. Nie hat Hitler Gewalt und Brutalitäten gepredigt, nie hat er sadistische Bestien wie die von Potempa, per Telegramm beglückwünscht. Nie hat Musaolini den Kampf um Kolonien gewollt, im Gegen teU: vor 29 Jahren Ist er öffentlich gegen»blutige Kolonialabenteuer« aufgetreten und hat sich dafür verprügeln lassen. Nie haben die Diktatoren das gesagt, was sie gesagt haben, nie. An allem sind die andern schuld. Der Schund triumphiert Braune Reiniger klagen darüber, daß sich in den Leihbibliotheken noch immer die »bunte Sobmach« breit mache, da*»Skandal- und Sensationsbuch.« Will Vesper entgegnet, die Zeltungsromane seien daran schuld, denn der Leser suche im Buch das, was er in der Zeitung gefunden habe; er klagt: »Es ist In der Tat ungeheuerlich und für unsere Zelt kaum verständlich, was In den Romantedlen eines Teils der deutschen Presse nach wie vor an hanebüchenem Kitsch und verlogener Scheinromantik. an faustdick aufgetragenem Detektivgeschichten, an Verniedlichung der uns teuren Symbole uasrer Zeit geboten wird! Wie selten geschieht es, daß man in einem kleinen oder mittleren Provinablatt einem Zeltungsroman von dichterischen Werten begegnet! ... Aber nur durah einen gemeinsamen Kampf aller kann dieses Eindringen von »Machwerken«(deren Autoren wahrscheinlich blaß vor Zorn sich auf ihre Mitgliedschaft beim RDS berufen würden, prangerte man me namentlich an), verhindert werden... Viel ist vielleicht geholfen, wenn es der Relchaschrifttumskammer gelänge, eine Liste guter und auch durchschnittlicher Zeltungsromane aufzustellen, mit Angabc der Vertriebastelle und der Preise. ... Denn für die Auswahl des Zeitungsromans ist auf den meisten Schriftleltun- gen kaum Zelt, geschwelge denn eine eigene Kraft vorhanden, man überläßt das Ganze sozusagen dem Zufall.« Eis ist jedoch durchaus kear Zufall, daß die schundigatem Romane in der N a z i• presse zu finden sind, und mancher kritische Beobachter wird sehnsüchtig des anerkannt hohen Niveaus gedenken, das den Romanteil der sozdaldemok ratiseben Presse auszeichnete. Heute ist der Kitsch die einzige Zuflucht vieler deutscher Blätter, denn das ewige Blubo hängt dem Leser längst zum Halse heraus, und alles andere, jedes Kapitel, das Wirklichkeit zu geben sucht, ist gefahrlich. Also eine neue Zwangsliste her] Arme Redakteure, arme Leeer! Blubo! Ein deutsches Mädchen, blaubeäugt, Von jenem wasserklaren Schein, Aus dem des Lebens Urquell säugt, Bricht in des Nordmanns Pulsschlag ein.« (Aus einem Gedicht»Blutruf« In rdchsdeutschen Blättern.) die Htttscheff dtt iMetkeümet Das Ende der Illusionen in der Arbehsfront Am 31. August wurde in Berlin der »Reichsarbeitarat«, am 4. September der»Reichswirtschaftsrat« in konstituierenden Sitzungen eröffnet. Damit ist der Schlußstein auf den Aufbau der öffentlich-rechtlichen Organisation der Wirtschaft und Arbeit im Hitler- staat gesetzt. Zum vorläufigen Abschluß ist damit auch der Kampf des Unternehmertums um seine soziale Rangordnung gekommen, ein Kampf, der mit großer Zähigkeit, und hinter den Kulissen viel schärfer geführt wurde, als dem Publikum auf der Bühne gezeigt wurde. Die vollständig entmachtete Arbeiterschaft konnte dabei allerdings keine Rolle spielen, den Gegenpart stellten(he nationalsozialistische Partei und die Arbedtafront. Nach der ursprüngldohen Konzeption für das Dritte Reich sollten die Unternehmerorganisationen nicht viel anders behandelt werden als die der Arbeiter, das heißt sie sollten dem»Totalitätsanspruch« des Staates geopfert und in die nationalsozialistische Bewegung eingeschmolzen werden. In der ersten Zeit des Machtrausches versuchte man das auch, sogar die Zentrale des großmädhtigen »Redchsverband der Industrie« mußte es sich gefallen lassen, mit SA-Gewalt gleichgeschaltet zu werden. Es dauerte aber nicht sehr lange, bis Hitler, auf das sehr energische Verlangen seiner kapitalistischen Mäzene, diese Seite der wilden Aktionen abstoppte: die Wirtschaft dürfe nicht gestört und überhaupt müsse jetzt die nationale Revolution beendet werden. Natürlich beginne nun erat der Umbau auch der Wirtschaft, getreu dem Parteiprogramm, aber das würde das neue Staats regime legal und mit dem Mittel der Gesetzgebung bewirken. Nim liegt also der neue Aufbau fertig vor. Betrachtet man sich die schematische Darstellung, die davon gegeben wird, könnte es fast so scheinen, als ob darin dem Unternehmertum und der Arbeiterschaft eine gleich starke Interessenvertretung gesichert ist. Da sieht man nämlich zwei Säulen nebeneinander, von gleicher Größe und gleichartig industriell und regional untergliedert. Die eine Säule stellt die»Arbeitsfront« dar, die andere die Zusammenfassung der Unternehmer in der»Organisation der gewerblichen Wirtschaft«. Also eine paritätische Sozialordnung? Wenn eine solche Illusion für das Dritte Reich überhaupt möglich wäre, würde säe schnell zerflattem bei einem Blick auf die innere Struktur der beiden Säulen, denn ade sind aus sehr verschiedenem Material. Die Deutsche Arbeltsfront ist bekanntlich keine Arbeiterfront, keine Organisation von Arbedtnehmem, sondern»die Volksgemeinschaft aller Schaffenden«. Zwangswelse wie die Arbeiter und Angestellten gehören Ihr auch die Unternehmer an, diese sogar doppelt, als Einzelmitglieder und durch korporative Mitgliedschaft der»Ge- wo-blichen Wirtschaft«. Ueber den Sinn dieser Einrichtung gibt es keinen Zweifel. Die f'azio haben zwar das Verschwinden der so- 7".en Klassengegensätze durch Dekret angeordnet, aber die Tatsachen, die den Klassenkampf erzeugen, werden ja durch solche Proklamationen nicht beeinflußt. Sie bestehen weiter und da seit Hitlers Machtantritt die Lebensverhältnisse der Arbeiter schledhter und die der Unternehmer besser geworden sind, sogar verschärft. Sogar unter den braunen Funktionären der Arbeitsfront sind schon Anwandlurgren von sozialer RebeUion gegen den Druck durch die Unternehmer zu verzeichnen gewesen. Jede Arbeiterorganisation, gleichviel welcher Zweck ihr vorgeschrieben wird, müßte sich unter den gegebenen Verhältnissen automatisch zu einer sozialen Interessengemeinschaft, zum Instrument des Kiaasenkampfes entwickeln. Deshalb darf es im Hitlerstaat keine Arbeitnehm erorganisa- tion geben und deshalb ist die Arbedtafront zur»Volkagememschoft« erklärt worden. Niemals und an keinem Platz dürfen die Arbeiter unter sich allein zusammenkommen, immer ist der Unternehmer mit dem biederen Lächeln der»Volksgemeinschaft« dabei und selbst Betriebsversammlurgen dürfen sie nicht abhalten ohne ihren Ausbeuter. Selbst wenn das gleiche auch für die Unternehmer gälte, wäre es eine reaktionäre Teufelei, denn der Arbeiter ist der sozial Schwächere. Aber das Unternehmertum, so begeistert es für die»Volksgemeinschaft« innerahlb der Arbeitsfront ist, denkt gar nicht daran, auf diesem Altar auch seine eigene Klassenorgandsation zu opfern. Vor Hitler hatten die deutschen Unternehmer eine Doppelorganiaa tion, für die wirtschaftlichen Angelegenheiten den»Reichsverbaad der Industrie« und für die sozialen die»Vereinigung der Arbeitgeberverbände«. Gewiß hat man nun die letztere predagegeben— nachdem sie einfach überflüssig geworden war, seitdem Gewerkschaften und Tarifgen lednschaften aufgehört haben zu existieren. Das Hitlerregime enthebt die Unternehmer der Mühe und dem Risiko, ihren Klassenkampf mit einer organisierten Arbeiterschaft auskämpfen zu müssen, es kann deshalb seine Kampfmittel hier abziehen und zur Verstärkung an anderen Frontabschnitten einsetzen. Die hohe Politik des kapitalistischen Klassenkampfes wurde von jeher nicht in der»Vereinigung der Arbeitgeberverbände«, sondern im»Redohsver- band der Industrie« gemacht und die»Organisation der gewerblichen Wirtschaft« ist nichts anderes als ein neuer Name für den alten Reiohsverband. Welch eiije heuchlerische Irreführung der öffentlichen Meinung, wenn Hitler in einem bombastischen Erlaß an die Reichstagung der Arbeitsfront deklamierte: »Der Nationalsozialismus hat den Klassenkampf beseitigt. Die Kampforganieationen der Gewerkschaften und der Arbeitgeberverbände sind verschwunden. An die Stelle des Klassenkampfes ist die Volksgemeinschaft getreten. In der Deutschen Arbeitsfront findet diese Volksgemeinschaft ihren sichtbaren Ausdruck durch den Zusammenschluß aller schaffenden Menschen.« Vor der»Organisation der gewerblichen Wirtschaft« hat die volksgemeinschaftliche Phrase Halt machen müssen, es ist eine reine Unternehmerorganisation gehlieben, deren Klassenreinheit auch nicht durch die leiseste Andeutung einer Arbedtnehmervertretung getrübt wird. Sie hat sich auch ein Maß von Selbstverwaltung gesichert, das im offenen Widerspruch zu den Ansprüchen des »totalen« Staates steht. Gewiß hat der Staat sich die Oberhoheit und ein Kontrollrecht ausbedungen, indem aber Hitler diese Funktionen mit Blankovollmacht seinem Wirtschaftsdiktator Schacht übertragen hat, hat er sie in die Selbstverwaltung der kapitalistischen Klassenorgamsatlon zurückgegeben; denn dieser Dr. Schacht ist ja keineswegs ein Nazirepräsentant für die Wirtschaft, sondern ein Repräsentant der kapitalistischen Klassenvertretung im Naziregime. So ist also von den beiden Säulen die eine ein ganz reines Unternehmergebilde und die andere sozial gemischte»Volksgemeinschaft«, womit aber nicht gesagt ist, daß wenigstens hier die Arbeiter ebenso viel zu sagen hätten wie die Unternehmer, und diese so wenig wie die Arbeiter. Die Führer- und Funktionärposten in der Arbeitsfront sind ja satzungsgemäß der nationalsozialistischen Partei vorbehalten, das Recht der Mitglieder beschränkt sich auf die Pflicht der Beitragszahlung. Man hatte sich eingebildet, daß die Unternehmer, als man sie zu Mitgliedern der Arbedtafront machte, sich an dieser Stelle mit der gleichen Rolle begnügen würden. Das war ein Irrtum. Die Unternehmer forderten den gleichberechtigten Anteil auch an der Führung, die Gleichberechtigung natürlich �nioht mit den rechtlosen Arbeitern, sondern mit den Nazibonzen. In der»Leipziger Vereinbarung« haben ade diesen Anspruch auch durchgesetzt und sich schwarz auf weiß verbriefen lassen: »In allen Organen und Gliederungen der Deutschen Arbeltsfront sowohl sachlicher wie gebietlicher Art, sind Betriebsführer und Gefolgschaftsmitglieder in möglichst gleicher Zahl an der Führung und Beratung zu beteiligen... Bei der Auswahl der Betriobsführer ist darauf Bedacht zu nehmen, daß nach Möglichkeit solche Betriebaführer beteiligt werden, die gleichzeitig in den fachlichen und bezirklichen Gliederungen der Organisation der gewerblichen Wirtschaft mitwirken.« Eine bittere Pille für den Ley, diese von Schacht diktierte»Vereinbarung«, die zu schlucken ihm der»Führer« beföhlen hatte. Damit ist nun jedem seiner Unterführer ein gleichberechtigter Aufpasser aus der Unternehmerorganisation auf die Nase gesetzt worden, nicht irgend ein von der Partei ausgesuchter Betriebaführer, sondern ein Funktionär der Untemehmerorgani sation, von dieser ausgesucht, soll es sein. Wo in der ganzen Arbeitsfront gibt es auch nur einen Funktionär, den die»Gefolgschaftsmitglieder« dazu berufen hätten? Waren die Nazis mit Blindheit geschlagen, sind sie aus purer Dummheit der gerissenerem Untemehmervertretung ins Garn gelaufen? Und wenn sie schon bedenkenlos die Arbeiter an die Unternehmer verrieten, erkannten sie mcht wenigstens die politische Gefahr für ihr eigenes Regime, als sie der Untern eiamerklasse den Weg frei gaben für die Befestigung ihrer sozialen Machtstellung? Oh, sie waren keineswegs ganz ahnungslos, sie haben sich gegen diese Entwicklung sogar gewehrt und öffentlich Lärm geschlagen, als sie sich ankündigte. Schon im März 1934 wurde im»Gesetz zur Vorbereitung des organischen Aufbaues der deutsche Wirtschaft« der jetzt verwirklichte Plan bekannt gegebep. In der Partei und in der Arbeitsfront fühlte man sich davon überrumpelt. In höchster Wut schrieb der»Völkische Beobachter«, daß man sich nur nicht einbilden solle,»daß die gewerbliche Wirtschaft mit diesem Gesetz eine Käseglocke erhalten habe, unter der sie unter Verfolgung alter Traditionen feste weite Interessenpolitik machen könnte«. Eis handle sich hier noch keineswegs um die e n d g ü l.t i g e Ordnung, schon aus dem Grunde,»weil die Arbeitnehmer in den Hauptgruppen nicht vertreten sin d«. Im Augenblick käme es aber darauf an, die Wirtschaft ohne große Erschütterungen in den deutschen Sozialismus überzuleiten. Und kategorisch und drohend verkündete das parteiamtliche Hauptorgan: »Der Träger des nationalsozialistischen Wollens in der Wirtschaft ist die Arbeitsfront, in der Unternehmer und Arbeiter zusammengefaßt sind und die unter nationalsozialistischer Führung steht. Eis sei deutlich betont, daß die Organisation der Wirtschaft in Hauptgruppen kelnAusschel- den der Wirtschaft aus dem von der Arbeitsfront gegebenen Rhythmus des Wachstums des deutschen Sozialismus bedeutet. Die Wirtschaft kann sich dem Nationalsozialismus und der Arbeitsfront gegenüber nicht abkapseln. Die Arbeitsfront ist das Primär e.« Wie sich die Nationalsozialisten die endgültige Ordnung gedacht hatten, geht aus diesem Erguß ganz deutlich hervor. Die von ihnen restlos beherrschte Arbeitsfront sollte die Herrschaft auch über die Unternehmer bekommen. Wenn diese nun durch das Gesetz eine Anerkennung' ihrer separaten Organisa- Uon erhielten, so sollte das nur dazu ebenen, um sie nachher umso leichter dem SohmÄz- tiegel der Arbeitsfront etnve-leiben zu können. Aber schon damals, im Frühjahr 1934, fühlte sich die Untemehmerklasse in ihrer Position so sicher, daß sie den Leuten um Ley nicht einmal mehr gestattete, wenigstens so tun zu dürfen, als ob sie das Spiel noch nicht verloren hätten. Schon am nächsten Tage wies der damalige Wirtschaftamlnister Schmitt mit schneidendem Hohn das Parteiorgan in seine Schranken zurück und verwahrte sich energisch gegen das Geschwätz vom Primat der Arbeitsfront: »Die Tätigkeit der jetzt geschaffenen neuen Organisation besteht in der rein sachlichen Führung durch die von mir berufenen Führer. Die Unternehmer sind als Führer der Betriebe durch die neu geschaffenen Organisation lediglich der jetzt geschaffenen Wirtschaftsführung unterworfen. Sie unterstehen als Führer der Betriebe also nicht der deutschen Arbeitsfront.« Das war ebenso deutlich wie arrogant. In verbissener Wut und racheschnaubend steckten es sich die Zurechtgewiesenen ein, immer noch in der Hoffnung, daß es gelingen würde, den»Führer« aus den Händen der kapitalistl- schen Clique zu befreien. Unter diese Spekulationen setzte der 30. Juni einen dicken Schlußstrich. Von da an hatte Schacht freie Bahn und dem Ley und seinen Kreaturen wurde nichts geschenkt, vemdohtend geschlagen wurde sie, erbarmungslos unterworfen. Statt des Primat der Arbeitsfront über die Gesamtorganisation von Wirtschaft und Arbeit legalisierte die endgültige Ordnung die alleinige Herrschaft der Unternehmer über ihre eigenen Organisationen und die Mitherrschaft über die Arbeitsfront. Die Auf rec h t e rh a 1 1 ung einer klassenmäßig abgegrenzten Unternehmerorganisation, ihre Selbständigkeit mit dem Recht der Selbstverwaltung, ihre volle Unabhängigkeit gegenüber Partei und Arbeitsfront, darum ging der nun abgescWossene zweijährige Kampf der Untemehmerklasse. Mit ihrem Generalissimus Schacht hat sie ihn restlos gewonnen. In der Ansprache, mit der Schacht am 4. September die Reichswirtschaftakammer eröffnete, leuchtet denn auch die Genugtuung über den großen Sieg deutlich genug hervor: »Die Reichswirtschaftakammer ist eine selbständige Organisation. Fis ist selbstverständll ch, daß die Eigenheiten der Unternehmungen und die Hägenschaften und Aufgaben, die sich aus der Betriebaführung ergeben, es notwendig ma- , chen, daß diese Unternehmungen in einem Körper vertreten sind, der ihre besonderen Aufgaben behandelt. Die Organisation der gewerblichen Wirtschaft ist korporatives Mitglied der Arbeitsfront, aber sie regelt ihre Angelegenheiten selbst und der Verkehr der Arbeitsfront mit uns vpllzieht sich über die Leistung unserer Organisation... Es bleibt dabei, daß die Organisation der gewerblichen Wirtschaft eine in sich abgeschlossene, selbständige Organisation ist.« »Der Nationalsozialismus hat den Klassenkampf abgeschafft« deklamiert der Parvenü Hitler, nachdem er die deutschen Arbeiter für den sozialen Kampf wehrlos gemacht hat. Daß es auch einen Klassenkampf von oben gibt, übersteigt wahrscheinlich sein Begriffsvermögen. C. F. Banken und Juden im Dritten Reich »Die Deutsche Volkswirtschaft, National- sczialistisoher Wirtschaftsdienst«, das offizielle Wirtschaftsorgan der Nazipartei beschäftigt sich mit der Frage, ob eine öffentliche Bank an Juden Kredite geben darf. Diese Frage wird grundsätzlich verneint, da die durch die Kreditgewährung ermöglichte Geschäftsentwicklung eines jüdischen Unternehmens sich zum Schaden deutscher Firmen auswirken könnte. Es seien aber auch Fälle denkbar, in denen durch die Kreditverweigerung deutsche Geschäfte geschädigt werden könnten. Es sei also notwendig, in Zweifelsfällen im Eänvernehmen mit der zuständigen Dienststelle der nationalsoziaHsti sehen Partei zu entscheiden, ob Kredit gewährt werden dürfe oder nicht. Auf der anderen Seite findet die genannte Zeitschrift es durchaus zulässig, daß von Juden und jüdischen Firmen Kredit genommen wird.»Es sollte, so heißt es da, auch das in Deutschland befindliche jüdische Kapital der deutschen Wirtschaft nutzbar gemacht werden. Eis besteht also kein Grund, auf Kredite jüdischer Bankhäuser verzichten zu wollen.« Auch den Eänwand, daß sich ein deutsches Unternehmen durch die Aufnahme eines Kredits bei einer jüdischen Bankfirma in Kapitalknechtschaft begebe, findet die nationalsozialistische Wirtschaf ts- zeitsohrift nicht durchschlagend, da die Bankengesetzgebung dem Kreditnehmer hinreichend schütze. Von einer Brechung der Zinsknechtschaft oder einer»Enteignung der B&nk- und Bar. senfürsten« ist in diesem Zusammenhang nicht mehr die Rede. Im Ausland nur zivil Der»Stellvertreter des Führers« hat mit sofortiger Wirkung allen Mitgliedern der NSDAP sowie den Angehörigen ihrer Gliederungen und der angeschlossenen Verbände verboten, Paßbilder, die den Inhaber des Ausweises in irgend einer Uniform der Partei oder einer ihrer Unterorganisationen darstellen, für nichtparteiamtliche Ausweise, z. B. Reisepässe, zu verwenden. Ehrenkleider verlieren ab Grenzstation ihre Gültigkeit. 6«HiaWemofraHfcI>cs UtadjenbloU Herausgeber; Ernst Sattler; verantwortlicher Redakteur: Wenzel Horn; Druck:»Graphia«; alle in Karlsbad. Zeitungstarif bew. m. P. D. ZI. 159.334/VII-1933. Printed In Czecho-Slovakia. Der»Neue Vorwärts« kostet Im Einzelverkauf Innerhalb der CSR. Kö 1.40(für ein Quartal bei freier Zustellung Kö 18.—). Preis der Einzelnummer Im Ausland Kö 2.—(Kö 24,— für das Quartal) oder deren Gegenwert in der Landeswährung(die Bezugspreise für das Quartal stehen in Klammem): Argentinien Pes. 0.30(3.60), Belgien FTs. 2.45(29.50), Bulgarien Lew 8.—(96.—), Danzlg Guld. 0.45 (5.40), Deutschland Mk. 0.25(3.—), Estland E. Kr. 0.22(2.64), Finnland Füik. 4.—(48.—), Frankreich Frs. 1.50(18.—). Großbritannien d 4.—(Sh. 4.—), Holland Gld. 0.15(1.80), Italien Lir. 1.10(13.20), Jugoslawien Diu. 4.50 (54.—), LetUand Lat. 0.30(3.60), Litauen Lit. 0.55(6.60), Luxemburg B. Frs. 2.45(29.50), Norwegen Kr. 0.35(4.20), Oesterreich Sch. 0.40(4.80), Palästina P. Pf. 0.020(0.216), Polen Zloty 0.50(6.—), Portugal Else. 2.— 124.—). Rumänien Lei 10.—(120.—), Schweden Kr. 0.35(4.20), Schweiz Fi-s. 0.30(3.60), Spanien Pes. 0.70(8.40). Ungarn Pengö 0.35 (4.20), USA. 0.08(1.—). Einzahlungen Können auf folgende Postscheckkonten erfolgen: Tschechoslowakei: Zeitschrift»Neuer Vorwärts« Karlsbad. Prag 46.149. Oesterreich:»Neuer Vorwärts« Karlsbad. Wien B-198.304. Polen:»Neuer Vorwärts« Karlsbad. Warschan 190.163. Schweiz:»Neuer Vorwärts« Karlsbad. Zürich Nr. VIII 14.697. Ungarn: Anglo-Cechoslovakiscbe und Prager Creditbank Filiale Karlsbad. Konto»Neuer Vorwärts« Budapest Nr. 2029. Jugoslawien: Anglo-Cechoslovaklsche und Prager Creditbank, Filiale Belgrad, Konto»Neuer Vorwärts«, Beograd Nr. 51.005. Genaue Bezeicbp nung der Konten ist erforderlich.