Kp.«23 SONNTAG, 20. Ok«. 1035 iDochcnblolf Verlag: Karlsbad, Haus„Graphia"— Preise und Bezugsbedingungen siehe Beiblatt letzte Seite Aus dem Inhalt; Abkehr vom Nationalsozialismus Deutsche Richter und deutsches Recht Das Ende der Juden- emanzipation Kriegserfahrungen in Reinsdorf VölKnM m Fosclmmu Die Internationale und die europäische Demokratie Die Hitlerpropaganda versucht dem Volke einzureden, daß der Austritt Deutschlands aus dem Völkerbund und die Isolierung sich zu lohnen anfange, sie will aus der großen weltpolitischen Krise eine Rechtfertigung ihrer Politik machen. Diese Propaganda zieht Nutzen aus Erwägungen, wie sie im Lager jener angestellt worden sind, die lieber Mussolini freie Hand in Abessinien gelassen hätten, als die große Auseinandersetzung heraufzubeschwören. Aber ist Hitler-Deutschland wirklich der Zuschauer und Nutznießer dieser Krise, dem die Gewinne in den Schoß fallen, ohne daß er die Hand danach ausstrecken muß, handelt es sich wirklich um einen Triumph der nationalsozialistischen Außenpolitik? Solche Auffassung ist so falsch wie die braune Propaganda. Sie übersieht völlig, daß es sich nicht um den Wandel eines Panoramas im diplomatischen Kampf handelt, sondern um eine geistig-politische Bewegung, um ein Erwachen der europäischen Demokratie aus ihrer Trägheit gegenüber dem Faschismus, das nicht nur den einen Mussolini, sondern den Faschismus überhaupt bedroht Eine zum Kampf entschlossene lebendige Demokratie in Europa ist eine bessere Sicherung gegen den Faschismus als diplomatische Eventualkriegserklärungen für den Emstfall. In der Rede, die Sir Samuel Hoare am 11. September im Völkerbundsrat hielt, um ein festes Bekenntnis zur Anwendung des Völkerbundspakts abzulegen, führte er aus: »Die Kraft oder die Schwäche des Völkerbundes wird von der Zahl, der Bedeutung und der Treue der Mitplleder, die ihn zusammensetzen, ebenso abhängen, wie von der Unterstützung, die die Regierungen der Mit- gllederataaten bei ihren eigenen Völkern finden werden. Wenn diese nationale Unterstützung stark sein wird, so wird der Völkerbund stark sein. Wenn sie schwach und zögernd ist, so wird die Politik des Völkerbundes nicht fest und konstant sein können. Kurz, die öffentliche Meinung ist für den Völkerbund ebenso wichtig wie für jede demokratische Regierung.« Es liegt in diesen Sätzen nicht nur die Anerkennung, daß der Völkerbund ein demokratisches Instrument ist, sondern auch ein Bekenntnis zur Demokratie. Die europäische Demokratie besteht nicht allein aus den Linksparteien oder aus den Parteien, die sich ausdrücklich demokratisch nennen. Sie durchdringt über Parteigrenzen hinaus Völker und Regierungen in vielen Ländern mit ihren Grundanschauungen, gleichgültig, welche parteipolitischen oder staatsrechtlichen Ausprägungen sie gefunden hat, sie ist als Grundanschauung bei den englischen Konservativen mit Ausnahme der reinen Faschisten ebenso lebendig wie bei den Liberalen oder bei Labour. Sie ringt in Frankreich gegen die Kräfte, die den Völkerhund preisgeben wollen um der Freun- schaft mit Mussolini willen. Der Kampf um eine Politik der festen Zusammenarbeit Englands und Frankreichs im Völkerbund ist in Frankreich ein Kampf der Demokratie gegen jene militaristischen Machtpolitiker, denen der Völkerbund immer nur Maske für ihre Hegemoniepolitik gewesen ist, und die sich jetzt als treueste Freunde des italienischen Faschismus entpuppen. Der Kampf um die Anwendung wirksamer Sanktionen scheidet die Geister. Die Demokratie ist als Grundanschauung die große einigende Kraft gegen den Faschismus. Die Verteidigung des Friedens gegen die Gewalt ist ihre gemeinsame Politik. Sie ist das Lebenselement des Völkerbundes. Eis ist wahr, daß sie unfähig und gelähmt lange der faschistischen Friedensbedrohimg zugesehen hat. Eis war ein unnatürlicher Zustand, daß der Faschist Mussolini als eine der Hauptsäulen einer Politik galt, die auf ein in seinem Wesen demokratisches Ziel gerichtet war. Dieser Zustand ist jetzt beseitigt, und die große weltpolitische Krise duldet keine Trägheit mehr. Sie hat auch der Verworrenheit und der Lähmung in der Sozialistischen Arbeiter-Internationale ein Ende gemacht und hat sie als eine der Kräfte der europäischen Demokratie vor eine große Aufgabe gestellt. Die Lähmung der Sozialistischen Arbeiter-Internationale rührte nicht zum wenigstens mit davon her, daß die französischen Sozialisten und die englische Labour Party sich nicht auf der Linie einer gemeinsamen europäischen Politik zusammenfinden konnten. Aber je bedrohlicher sich die Weltlage zugespitzt hat, desto mehr hat sich die Labour Party von ihrer ursprünglichen Haltung des schematischen Pazifismus und der reinen Agitation mit dem Frieden abgekehrt. Die Tatsachen haben sie aus den Höhen der reinen Ethik auf dem Boden der Realpolitik heruntergeholt. Diese Umkehr zur Realpolitik hat es ermöglicht, daß die Internationale sich zu einer festen und einheitlichen Politik zusammenfand, so daß sie ihre Stimme in der großen weltpolitischen Krise erheben kennte. Auf ihrer Tagung vom 16. bis 18. August in Brüssel— gerade in den Tagen, in denen die Pariser Dreimächtekonferenz zusammenbrach— hat sie ihre Politik der vollständigen Beachtimg des Völkerbundspaktes und der Sanktionen festgelegt. Sie hat sie durch die Entschließung der gemeinsamen Antikriegskonferenz der Sozialistischen Arbeiter-Internationale und des Internationalen Gewerkschaftsbundes am 6. September in Genf energisch weiter- verfolgt. Diese Entschließung wurde durch eine Delegation dem Präsidenten des Völkerbundsrates überreicht und allen Ratsmitgliedern übermittelt. Die Einheitlichkeit der Politik der Internationale in der großen weltpolitischen Krise ist damit festgestellt. Aber mehr noch: diese sozialistische Politik der unbedingten Treue zur Völkerbundssatzung gibt der Politik Mkäu Mm HotioMlseaiatisms Eine vollkommne Entlarvung des braunen Systems Das braune System hat auch In der Schweiz Anhänger gefunden. Die sogenannte»Nationale Front« übernahm die Ideologie des Nationalsozialismus. Der Gründer der»Nationalen Front«, Dr. Hans von W i 1, ging nach Deutschland. Er ist nach zwei Jahren völlig ernüchtert zurückgekehrt. Die Basler Nationalzeitung erhielt von ihm den folgenden Aufruf: Angesichts der zunehmenden Verschärfung de« politischen Kampfes fühle ich mich verpflichtet, der schweizerischen Oeffentlichkeit folgende Erklärung abzugeben: Ein zweijähriger Aufeiithalt im nationalsozialistischen Deutschland und zeitweise enger Verkehr mit dortigen Behörden gestatten mir, ein objektives Urteil abzugeben über die praktischen Auswirkungen des Nationalsozialismus(und damit auch eines aiiläUig verwirklichten Frontismus!) auf das Leben des Einzelnen und der Gesamtheit eines Volkes. 1. Das vom Nationalsozialismus aufgestellte und von seinen ideellen Nachahmern, wozu in der Schweiz besonders die»Nationale Fronte zn zählen Ist, übernommene T o t a- lltätsprlnzlp dos Staates führt zu einer Entrechtung der Einzelperson, wie sie graduell höchstens In asiatischen Despotenstaaten oder in mittelalterlichen absoluten Monarchien denkbar war. 2. Der seinerzeit von vielen als eine verbesserte Art des historischen Sozialismus begrüßte Nationalsozialismus hat sich in seiner Praxis als ein System entpuppt, das vom Sozialismus täuschenderweise bloß den Namen führt. Die dem national-»sozialistischen« Regime unterworfenen deutschen Arbeitsmenschen stehen heute unter einem geistigen, seelischen und materiellen Druck, der für schweizerische Begriffe einfach unvorstellbar Ist. Ich wage dabei nicht zu entscheiden, welche Art der Bedrückung am härtesten auf den Betroffenen lastet! Nationalsozialismus, wie er heute in Deutschland herrscht, bedeutet für jeden Erwerbstätigen eine gewaltige Verschlechterung seiner Stellung als Einzel mensch wie als volkswirtschaftliche Gruppe. Von einer rechtlich geschützten Stellung de« unselbständig Erwerbenden kann, soweit die Interessen des überall rücksichtslos die Priorität fordernden Staates denjenigen der Einzelexistenz widerstreiten, im heutigen Deutschland überhaupt nicht mehr gesprochen werden. An dieser Tatsache ändern auch die augenfälligen sogenannten Sozialmaßnahmen nichts, denn diese erfolgen- lediglich im Interesse der Vermehrung und Erhaltung der Staatsallmacht. 3. Das Prinzip»Gemeinnutz geht vor Eigennutz« wurde in der nationalsozialistischen Praxis überall ins genaue Gegenteil dessen verkehrt, was das arbeitende Volk davon erwartet hatte. »Gemeinnutz« wurde restlos dem gleichgestellt, was der oberschichtigen nationalsozialistischen Herrschaftsgemeinschaft dient. Der Gesamtertrag der deutschen Arbeit wird in erster Linie als»Gemeinnutzen« nach den Bedürfnissen und den nicht geringen Ansprüchen dieser Herrschaftsgemeinschaft verteilt; mit dem kläglichen Best muß das ganze übrige Sechzigmillionenvolk wirtschaften! 4. Der Kapitalismus und die Zinsknechtschaft haben im Dritten Reich nachgerade Formen angenommen, in denen ein reiner Kapitalistenstaat sein Ideal sehen müßte. Zu den privaten Kapital- und Zinsherren tritt heute in Deutschland ergänzend der Staat und beansprucht prinzipiell eine Art Obereigentum über den ganzen Privatbesitz und dai» Einkommen. Eine»Brechung der Zinsknechtschaft« wird also von der nationalsozialistischen(und damit von einer anfälligen»fron- tis tischen«) Staatsform nicht zu erwarten sein, sondern das Gegenteil. 5. Seit der nationalsozialistische Staat den von ihm Ideell bekämpften jüdischen Groß- kapitaüsten in der rücksichtslosen Verfolgung gesteckter materieller Ziele nach jeder Hinsicht den Rang abgelaufen hat, ist es für einen denkenden Menschen sinnlos geworden, gegen jüdischen Geldimperlaiismus anzukämpfen. Seit der nationalsoziallstiscbc Staat in der angeblichen Bekämpfung einzelner jüdischer Auswüchse dazu Ubergegangen ist, für jeden Juden prinzipielles Unrecht zn schaffen, also die Grundsätze menschlicher Gerechtigkeit selbst mit den Füßen zn treten, zwingt er sogar denjenigen, dem je von jüdischer Seite schweres Unrecht widerfuhr, sich im Namen der Uber alles zu stellenden menschlichen Gerechtigkeit mit den Juden solidarisch zu erklären in der restlosen Ablehnung der nationalsozialistischen(und fron- tlstlschen) Verfolgungsmethoden. 6. Di« de.n christlichen Bekenntnissen gegenüber vom nationalsozialistischen Staat angewandten Vernichtungsmethoden(ich sage ausdrücklich: Methoden!) sind der Träger einer angeblichen Weitanschauung unwürdig. Ich, habe es unzählige Maie erlebt, daß bei rellgiös-poUtischcn Zwischenfällen die Herausforderung stets vom Staate ausging und überdies noch von, unerzogenen Elementen, denen jeder Sinn für die Verantwortlichkeit ihres Tuns fehlte. Wer eine neue Weltanschauung mit Erfolg der christlichen zur Seite setzen wollte, müßte vor allem Uber eine praktische Moral und Uber eine Menschenliebe verfügen, die denjenigen der Christen zum mindesten gleichwertig wären. Das ist aber bei den meisten Trägern der sogenannten nationalsozialistischen Weltanschauung in keiner Weise der Fall. Ais Gründer der»Nationalen Front« und des»Eisernen Besen« richte ich deshalb an alle ehemaligen inid heutigen Kameraden, an alle, die gleich mir vom Nationalsozialismus und Frontismus etwas besseres erwarteten oder heute noch erwarten, die dringende Mahnung: Treibt Politik wie ihr wollt, wählt in die Behörden, wen ihr wollt, folgt, wem Ihr wollt, aber rennet nicht wie das deutsche Nachbarvolk mit offenen Augen in den Abgrund! Die unsterbliche Sozialdemokratie Die»NSZ-Rheinfront« in Saarbrücken, das Parteiblatt der Nazis, meidet, daß der Genosse Karl Blatt aus Limbach zu vier Monaten Gefängnis verurteilt worden ist, well er bekamit hat:»Ich war Sozialdemokrat, bin es und werde es bleiben.«— Genosse Blatt ist einer von Zehntausenden, die in den letzten 3 Vi Jahren lieber Kerker, Marterungen und Tod auf sich genommen haben, als ihrer Ueberzeugung untreu zu werden oder sie auch nur zu verleugnen. Die Weltgeschichte lehrt auf jedem Blatt, daß solche Taten der Treue früher oder später zum Erfolge geführt haben. des Vo'�rbundes irmerhalbM ein Kampf«, Führer- reden offiziell anerkannte juristische und außerjuristische Literatur. Nicht uninteressant ist nur düe von demselben autoritativen Redner ausgesprochene unbedingte Ablehnung der Heranziehung von Kommentaren,»soweit sie jüdische Autoren haben«. Die an Umfang und Bedeutung außerordentliche beträchtliche Geistesarbeit, die in den letzten Jahrzehnten von Jüdischen Rechtagel ehrten für die Rechts- anwendung geleistet worden ist, wird damit auf die Proskripüonsliste gesetzt, wie es bereits auf den Gebieten der Dichtung, der Malered und der Musik mit den Werken der jüdischen Meister geschehen äst. Logischer Weise wird man erwarten dürfen, daß im Dritten Reich nun auch bald die Verwendung von Salvarsan verboten werden wird, weil es der Jude Ehrlich erftmden hat, oder die Benützung des Radios, weil es auf die Entdeckung der elektrischen Weilen durch den Juden Hertz zurückgeht. Zu bedauern bliebe unter diesen Umständen nur, daß Johannes Gutenbeig kein Jude war: welche Wohltat wäre es sonst für die Welt, wenn wegen eines solchen»Webefeblers« der nationalsozi&lisa- sche Unrat der Drucklegung entzogen würde! Daß sich an der Zerstörung des deutschen Rechts die gegenwärtigen Richter tatkräftig beteiligen, ist nicht erstaunlich, soweit sie Kreaturen des Hitlenegimes sind. Jedermann weiß, daß diese Richter ihren Aufstieg in allen Fällen einzig und allein ihrer Gesinnung oder, richtiger, ihrer Gesinnungslosigk elt zu verdanken haben. Aber unter ihnen stehen, wenn möglich, moralisch noch die nicht wenigen Richter, die schon ihres Amtes gewaltet haben, als Deutschland noch ein Rechtsstaat war, und sieh jetzt zu Schergen des Hltier- reglmes prostituieren. Ihr verächtliches Verhalten ist leider ganz typisch für das charakterliche Versagen der deutschen Kidungsschicht, für ihren Mangel an Selbstbewußtsein, ihre Machtanbetung, ihre Elastizität des Gewissens. Den Beweis zu erbringen, wie tief diese Schicht gesunken ist, hat jedoch ein Richter übernommen, der nicht einmal mehr im Amt ist und deshalb für sein infames Kriechen vor den herrschenden Machthaibern nicht den geringsten mildemdeo Umstand anzuführen hat. Da« ist der Professor Dr. Walter Simons, welcher in der Republik eine der größten Karrieren gemacht hat Er wurde Ende 1918 Ministerialdirektor, war 1920/21 Minister im Kabinett Fehrenbach(zusammen mit Wirth, Koch-Weser usw.). und wurde 1922 auf Empfehlung des sozialdemokratischen Justizministers Radbruch von Ebert zum Reichsgerichtspräsidenten ernannt; als solcher hat er auch dem Staatsgerichtshof präsidiert und nach Eberls Tode bis zum Antritte Hindenburgs das Amt des Redchapr&sidenten auageübt. Im Jahre 1928, als die ersten Anzeichen des Niedergangs der Republik sichtbar wurden, verließ er, natürlich mit Höchstpension, seinen Posten, well er in einer Entscheidung der Reichsregierung Uber che Besetzung vakanter Stellen im Verwaltungsrat der Deutschen Redchsbahngesellschaft angeblich eine Brüskierung des Staatagerichtshofs erblickte. Dieser in der Republik derart auf die Wahrung rechtlicher Belange bedachte Simons hat nun an demselben Tag, an dem die nateonal- soziakstiseben Juristen in Hamburg versammelt waren, in Berlin In der Gesellschaft der Freunde der Deutschen Akademie einen Vortrag über»Die nationale und universale Tragweibe der deutschen Rechtsemeuerung« gehalten.»Der Redner«, so berichtet du. deutsche Presse,»begrüßte es, daß im jetzigen Staatsrecht der Hoheitastaat sich gegenüber jurisdiktionellen Kontrollen durchgesetzt und eine persönliche Verantwortung vor Gott, Volk und Geschichte geschaffen habe, die mehr wert sei als alle gerichtlichen Nachprüf ungamögiiehkeit. Er sagte, daß er zwar nach seiner ganzen Weltanschauung und Vergangenheit in der Judepgesetzgebung manche Entscheidung anders gewünscht hätte, daß aber die einmal erlassenen Gesetze selbstverständllch zu achten seien, denn Ihre Härten seien offenbar notwendige Härten(!). »Damit nicht genug, feierte er den Sieg»ge- amden Volksem pflndena« über»eine volk»- und weltfremde Philantropie« tm neuen Strafrecht, um schließlich zu der Prophezeiung zu gelangen, daß auch Amerika bald die bisherige Gleichberechtigung der Farbigen werde abschaffen müssen, wenn es nicht zu einem»Mulatten- und Mestizenstaate« werden wolle: so werde die Entwicklung dazu führen, daß, wie es am Ausgange des Mittelalters geheißen habe,»Germania docet«, so auch künftig Deutschlands Vorbild für die anderen maßgebend sei. Vielleicht bat der Berliner Apostat mit seiner letzten Bemerkung allerdings nicht ganz unrecht, wenn auch in einem andern Sinn. Im Ausgange des Mittelalter» bat Deutschland gelehrt, weil seine erleuchteten Geister die Doktrinen des Humanismus auf tfie Welt ausgestrahlt und sie zu deren Gesamtgute gemacht haben. Heute lehrt e» auch, weil das Gegenteil des Humanismus in seinen Grannen tobt und der Welt ein weithin abschreckendes Bild bietet. Die Schuld, die die deutschen Juristen hieran tragen. wird ihnen nicht vergossen werden. ein Reich schein radikal er Illusionen flüchtet, statt realpolitisch auf die Veränderung der Machtlage hinzuwirken. Die Fragen der Zusammenarbeit mit Kräften außerhalb der Arbeiterschaft haben im Zeichen des Wiedererwachens der europäischen Demokratie ein ganz anderes Gesicht als in abstrakt dogmatischen Be� trachtungen. Die Entwicklung des Völkerbundes selbst, die mit dem Wachsen des englischen Elmflusses vor sich geht, entkräftet die Anschauung, daß der Völkerbund nur ein Instrument der Versteinerung der Welt nach den Buchstaben des Versailler Vertrages sei. Sie gestattet die Verfolgung außenpolitischer Zielsetzungen und lebendige Entwicklung— aber mit den Mitteln des Friedens und des Rechts. Sie führt vom reinen Konservatismus zum Fortschritt. Der politische Klärungsprozeß ist die beste Waffe gegen den Faschismus. Der Faschismus ist die Folge politischer und wirtschaftlicher Unvernunft. In der gegenwärtigen Krise ringt die politische Vernunft sich durch. Eis bleibt die wirtschaftliche Unvernunft, die immer wieder die Kräfte des völkertrennenden Nationalismus aus sich gebiert und der wirtschaftlichen Gesundung im Wege steht. Solange die Kräfte des internationalen Sozialismus gelähmt waren, haben sie sich stillschweigend unter die Tatsachen dieser wirtschaftspolitischen Versteinerung gebeugt. Jetzt ist Hoffnung, daß der Finger auch in diese Wunde der europäischen Demokratie gelegt werden wird, und daß damit ein weiterer entscheidender Stoß gegen die Stellung des Gesamtfaschismus geführt wird. Die große Krise birgt schwere Gefahren in sich. Das Kriegsfeuer kann unversehens ins Mittelmeer, von da auf den europäischen Kontinent überspringen. Aber ebenso groß wie die Gefahren sind die Hoffnungen, daß am Ende der Krise eine schwere Niederlage des Gesamtfaschismus stehen, daß die europäische Atmosphäre gereinigt werden wird. Max Klinger. Dr. Max Sachs tot Wieder©In Todesopfer der braunen Sadisten. Auf Umwegen über da« Ausland erreicht uns die schmerzliche Botschaft von einem neuen Opfer, das dem braunen Regime verfallen ist: Genoese Dr. Max Sachs, bis zum»Siege« Hitlers im März 1933, Redakteur der Dresdner Volkszeitung, Ist In einem Konzent rationslnger in der Nähe von Chemnitz, wahrscheinlich in Sachsenburg, neun Tage nach setner Einlief erung plötzlich gestorben, angeblich an»Herzschlag-«.— Wer die Todesursachen in den Menschenzwingern de« Dritten Reiches kennt, weiß, was das zu bedeuten hat. Die näheren Umstände seiner plötaHchen Vereohleppung und seines letzten Schicksal« sind noch unbekannt. In einer Dresdner Tageszeitung ist die Todesanzeige erschienen:»Dr. soc. pol. Max Sachs. Volkswirt und Diplom- Kaufmann. Geb. 23. September 1883. Gest. 5. Oktober 1935... Die Einäscherung erfolgt am Fredtag, dem 11. Oktober,'%6 Uhr im Krematorium Tolkewitz.« Am 5. Oktober gestorben— In einer Zeitung mit dem Datum des 11. Oktober, dem Tage der Einäscberung. kann die Todesanzeige erscheinen— das sagt genug. Genosse Sachs war schon im März 1933 Schutzhaftgefangener des Dresdner Polized- präsidiums. In dieser Zeit hat er die Polizeihaft mit dem Genossen Hermann Liebmaun geteilt, dem er nun so bald und so plötzlich in den gledchen Tod hat folgen müssen, vi» v Sachs ist dann damals aus der Polizeihaft entlassen worden und weiterhin zwar nicht unbehelligt, aber doch verschont geblieben— bis ihn die Menschenjäger schließlich doch gegriffen und auch Ihn zum Opfer gemacht haben: sie hatten ihn sich nur aufgespart— wie so viele! Er war ja doppelt»schuldig«: als Marxist und als Jude! Und beides hat er nun mit seinem Tode bezahlt. Der Redaktion der Dresdner Volkszeitung gehörte Genosse Sachs seit dem Jahre 1911 an: vorher war er Redakteur des Parteiblattes in Bielefeld. Schon in sehr jungen Jahren war er durch sein Studium zum Soziallsmus und zur Sozialdemokratischen Partei gekommen. Eine Reihe von Jahren gehörte er der aoaiakiemokra tischen Fraktion des aächalschen Landtages an. Genosse Max Sachs war ein allezeit hilfsbereiter Kamerad, ein lauterer Charakter, der nie auf seinen Vorteil bedacht war, ein in jeder Lage anständig gesinnter und handelnder Mensch. Alles, was in Erinnerung an seine saubere Lebensführung, an seine mitunter geradezu IdndMche Gutmütigkeit and Arglosigkeit, an seine unerschütterliche Ge- slnnungstrcue und Charakterfestigkeit zu seinem Lobe gesagt werden kann, fällt als Fluch auf die zurück, als deren Opfer wir ihn verloren hoben. Und es kann nur den grenzenlosen Haß vertiefen, der dafür sorgen wird, daß die Mörder und ihre Taten unvergessen und— hoffen wir das inbrünstig!— auch nicht ungerächt bleiben! Das Andenken dieses guten Kameraden aber bleibt aufgerichtet in der Reihe der vielen blutgetränkten Denkmäler, die die Jahr» de» braunen Schreckens schon schmerzvoll in unsere Herzen gepflanzt haben. Der Haß ge�en die Wahrheit Die»Danziger Volksstimme« hat seit ihrem Wiedererscheinen einen bewunderswerten Kampf gegen das Hitlersystem in Danztg geführt. Sie hat der Bevölkerung unwiderlegbare Tatsachen vor Augen geführt, In einer Form, die den Machthabem keine Handhabe zu neuen Verboten gab. Die braunen Machthaber konnten diese Stimme der Wahrheit rieht länger ertragen. Sie haben die »Danziger Volksstimme« wieder auf vier Wochen verboten. Warum? Die»Danaiger Voikssttmme« hat die Winterhilfe von 1929—1930 dem braunen Winterhilfswerk 1933/1984 entgegengestellt. Der Pollzedpräai- dent von Danzlg behauptet, daß(fiese Darstellung»gerade jetzt die öffentliche Slohar- helt und Ordnung gefährde.« Der tiefer« Grund ist ein anderer. Di« »Danziger Volksstimme« hat die Niederlage der braunen Gewalthaber vor dem Völkerbund mitgeteilt, Das Verbot ist die Rache dafür, es Ist«fie schon üblich gewordene Demonstration des Pfeifen» auf den Völkerbund und der Verlegenheit des Senatspräsidenten Greiser, der in Danzig anders handelt als er in Genf redet, Deutsdie Streifliditer Der Glaube fehlt Keane der natäonalaozialistiflciien Kundgebungen ist äußerlich»o groß gew«« und in- nertlch so wirkungslos geblieben wie der > Partei tAC der FrelhedU In Nürnberg. Nle- mehr über die Reden und Auf- rairsche In Streächers Hauptstadt, alle sprechen über Butter und Fett, über Fleisch. Obet und Gemüse. Die Schlangen vor den Buttergeschäften sind Aufklärung genug, und diese Agitation kann von der Gestapo nicht gut verboten werd«u J««®e nicht dazu übergehen will, das Vlertdpfü- chen Butter jeder Familie ins Haus zu be- fern. Wie man nun aus der nationalsoziabsü- schen Presse erfährt, gibt es Butter und Schwei nefledach mehr als hinreichend. Nur die unvernünftige Hamsterei ad an den Versorgungsstockungen schuld. Wollte man che« Ausrede als wahr annehmen, sowäre � für die in Deutschlaad Regierenden dchts gewonnen, denn sie geben damit � f*" L Teile des Volkes ohne Unterschied ihrer früheren oder jeteigen polltischen Aneichten keinerlei Vertrauen zu den Boteuerungen der natlonalscmaüsüsch� B«- hörden haben. Man g�ubt nlcht me t was durch das Radio verkündet wird, und man glaubt erst recht nicht, was in den Zeitungen steht So fing die Vertrauenskrise, die «oh hn 1"� �~ ün JUS«»•i""»h mer den»Dolchstoß« genannt hat Damals mer oen vr«r*istein geführt worden •oll er von den Manusten gec««"_ «ein. So wenigstens behaupteten imin'f � wohlgenährten Selbstversorger, weder Granaten drehten noch nachbelang um 80 Gramm Fett anzustehen brauchten. korrrnit nun der neue»Dolchstoß« her? Marxisten sind, auf die Minionenmas-enWn betrachtet, noch zum Schwöen verurteüt�. Daa wachsende Mißtrauen kann mcb Werk sein Es scheint also, daß die Herren Jmer und Kumpane seihst die D�e d« �Luens schleifen. Bne kaum weniger volksfremd alS diej«ügem � während des Krieges von Emähmngskomtm»- sarcn, Generalen und Ministem über lle&- nährungslage gehalten worden �d. hten merkt an allem, daß»wir« keine Ahnung to von haben, wie die schönste Begelstemng zusammensackt. wenn die Familien- und Volksgespräche sich Tag für Tag um«e ßcschaf- �g zusätzlicher I�bensmlttel dmhen mto; Man ist allerdings noch weit von d� �er«hofdrs« �ncS�der Krieg ausgebrochen£ � !L rüstet Der Grad des Mangels sehr verschieden von dem der R�n n � des Weltkrieges, aber �™d�t�che •"t zmammmwuch komm«» r�lchon hört man an allen Ecken den mösse. oeno»Hitler schafft sind«e Vort&ufer es auch nlch� daß, wie im der Niederlage � �enutnisse � verspielen- wenn Tatsachen im- .u.°— msr S �**"�kC�wlrd wie inst der Hitler Ine Fiktion«in Millionen „.kt, Männern auf WUhelm � Wort aus wo der°\®.UbhfMb �wahr. Die»FTankfur- dem Wallenstln Nlbt � denen,«e ter Zeitung« ml� � System« ralO- der Versorgungskunst beklagen zu «»-•— � r müssen. UM r n wachsen bo- Veistand im Volke Köhlerglaube rinnt und darum der icnoe im Schwinden begriffen W- •Wotopisierunff« Tr,n«r der Parvenüf immel Hl gehört dem Auto. Ea glW � oder Lnma k«.»• Kr»� � Zylinder, das Ich nen � � seinem luxuriösen Wagenpark häl� büreeruchcn proletarischen wie ln Diktator Vorteben g, eichemaß« gesch�� � der Demagogie in Deu ��atlngBChef g«it öffenthehee Auftreten � B��dmig des der Autoindustrie. Durch � � Agi- »marxlstlechen �üvkuJ«« � � tation hatte derselbe Menf° Autoe« auf- gegen die ��te wühlen lassen«ihren Im Zeichen der Aufrüstung ist.t Mjiuarden- togieche Autobahnen we�n � aber kosten in«��fahiem. soweit sie nicht steht es mit den Z en(jen partelkorrup- Nutenleßer der hMTSco� � � Berliner tlon sind? Darauf können Wenn die SA Polizei spielt Wenn die Uebarreste der SA aobon an« Hoffnung begraben müssen, mit Offiziersrang oder such nur UnteroffizierBmng In das Retcbsbeer übernommen au werden, so wollen Me wenigstens noch auf anderem Gebiet Amtspersonen des Dritten Reiches spielen. Wenn sie nicht gerade mit Judenpogromen beschäftigt sind, pfuschen ate der Polizei ins Handwerk. Wenn man die reichadeutsohe Lokalpresse der Gegenwert genau verfolgt, tritt zwischen den Zeilen und trotz aller Zensur ndchta so deutlich zu Tage, als die allgemeine »Unsicherheit der öffentlichen Sicherheit« im Dritten Reich! Wer verhaftet wen? Kein Bürger weiß überhaupt — ja zuverlässig kann es noch nicht einmal die zuständige Behörde ohne große Umfragen bei der Zentrale und bei Partedat eilen beantworten— wer alles zu polizeilichein Exekuüv- m aß nahmen berechtigt ist. Sogar die private Leibwache des»Führers« hat in jedem einzeJ- neo ihrer Vertreter sehr weitgehende Polizei befugniase. Neben der ordentlichen Schutz- polizet und der Landjägerei bestehen die nationalsozialistisch gesiebtem»Feldjäger«, bestehen ganze Formationen»zur besonderen Verwendung«, besteht, losgelöst und meist Uber dem ganzen und ohne die übrigen Zweige der exekutive im Hinzelfall auch nur zu benachrichtigen, die ganz aus»alten Kämpfern« zusammengesetzte»Gestapo«— Kurz es herrscht ein einziges Kuddelmuddel der Verhaf tungswütigen und der Fouch�'s im kleinen und im großen! Der Bürger wird im Geist des Mißtrauens und des Haßes gegen alles, was auch nur entfernt nach Uniform riecht, a�f Schritt und Tritt förmlich dressiert. Aus einem einzigen Sektor Deutschlands, aus Mittel- und Nordbayern— wobei die hier geschilderten Dinge natürlich nur zufällig Lokalkolorit tragen und mehr oder weniger für ganz Deutschland Geltung haben— sei ein kleines Bild von der polizeilichen Sicherheit oder Unsicherheit In dem Staate, der Immer wieder vorschützt, daß er Buropa vor dem Bolschewismus zu beiwahren habe, aufgetragen! Da liest man in der»Bayrischem Volks- waoht«(Bayreuther Nazi-Parteiorgan vom 21. JuH ds.) beispielsweise unter den sonst wahrhaft nicht aufregendem Provinznachrichten folgendes: »d Rothenburg o. T.(Rabiater Autofahrer in Schutzhaft genommen.) Am Montag wurde der frühere Leiter der Ortsgruppe Rothenburg des Stahlhelm, Dr. Beck In Schutzhaft genommen. Er hatte schon seit langem durch sin rücksichtsloses schnelles Autofahren die Empörung der Bevölkerung hervorgerufen. Als er in voller Fahrt in Ine marschierende Kolonne des Arbeitsdienstes hineinfuhr, so daß Ich die Ar- beitsdienstmänner nur durch schnelles Bei- slteap ringen im letzten Augenblick retten konnten, verstieg Ich Dr. Beck— trotzdem er die Schuld trug— so weit, daß er (*e Arbeitsdienstleute In gemeinster Welse beschimpfte. Dteses Verhalten hat die Stimmung der Bevölkerung gegen Dr. Beck so gesteigert, daß er in Schutehaft genommen werden mußte.« Also; Hier treten irgendwiche Braune ganz einfach mit den Befugnissen der Ver- kehrapolizl— und zwar, well rte glich- ritig auch politisch ihr Mütchen kühlen wollen, glich in terroristischer Form— auf! Der Pogrom auf NJoht-Gleächgeechaltste hintenherum! Man regelt den Verkehr, indem man gleichzeUäg den pohtieebeo Gegner zur Strecke bringt! Aber die Weisheit dieses Tricks ist sicherlich nicht der individuellen Idee irgend Ines einzelnen findigen SA-, SS- oder Ahbelts- dienstmannes entsprungen. Die Beugels haben vielmehr von ihren oheren»Dienats teilen« Anweisung erhalten, auf diese Weise ihr Nichtstun durch eine politisch dankbare Nebenbeschäftigung. nämlich als sei hate mannte Verkehrspolizisten, Ich interessanter zu gestalten. Und auch wohl einträglicher, weil man ja nicht wlß, was so ein»Vorkehr- süader« schließlich auch glich aus der blanken Gesäßasche blechen wird, wenn man Gnade vor Recht ergehen läßt und ihn nicht glich in Sohutzbaft nimmt. Nämlich schon am darauffolgenden Tag(am 22. Juli ds.) enthält die»Bayrische Volksaltung«— das ist die frühere Zentrumazltung in Nürnberg, der SA und SS Icherlioh nicht ganz grün— folgende generelle»Richtigstellung und Warnung des Polizeipräsidenten« in Fettdruck: »In einer hiesigen Tageszeitung(verschwiegen wird natürlich, daß es das Naziblatt war, in dem die SA und die SS ihre Tagesbefehle täglich niederlegt D. R) sind vor Inigen Tagen unter der Ueberschrift »Verkehrsünder am Pranger« besondere polizeilichen Maßnahmen gegen Verkehrsünder angekündigt worden. Diese Ankündigung geschah ohne Wissen und BSn- verstäodms der allln für solche Maßnahmen zuständigen und verantwortlichen Poldzldirektion. Es ist Vorsorge getroffen, daß künftighin die Ankündigung polizeilicher Maßnahmen durch unverantwortliche Stilen unterbllbt Denn was polizeilicher- seits zu geschehen hat und was nicht, entscheidet allln die Polizeidirektion und niemand andere. gez. Dr. Martin. Der hllige Martinus war Icherlich In ganz tapferer Vertreter der strltbaren Kirche zu seiner Zeit. Aber er wird an Zivilcourage offenbar noch Ubertroffen von dem Nürnberger Martin der braunem Gegenwart. Denn wenn er wirklich»Vorsorge treffen« will, daß so etwas nicht mehr passiert, so muß er daran denken, mindestens für sin Nürnberg das Dritte Reich abzuschaffen! Das ist ja dessen Wesen; daß ea die SA und SS eben zur Poiizl gemacht hat und daß es darüber, wer wen wie verhaften lassen kann, wenm's Jemand juckt, alles offen läßt! Der Martin tut gerade so, als lebte er noch total unbefrlt In den vierzehn Jahren der Schande ____ Wie dem aber auch sl— diese Bekanntmachung enthält auf jeden Fall das Eingeständnis, daß solche»Rechtszustände« nun einmal generell die polizeipolitische Situation in der Hitlerl illustrieren! Dieser Martin hatte sdhon vorher In Dokument zur poiizl technisch em Site der Verhältnisse in der braunen Diktatur gliefert. Das.war am 31. Juni dteses Jahres. Damals las man in der schon zitierten»Bayrischen Volkszeitung« folgendes; »Der Polizeipräsident warnt vor widersetzlichem Verhalten gegen Polizeibeamte.« »In den letzten drl Tagen sind drl Personen In Haft genommen worden, weil sie dem berechtigten Einschrlten von Po- lizeiorganen körperlichen Widerstand entgegengesetzt haben. Welterhin wurde über einen Mann Polizeihaft verhängt, weil er wegen slnea ungesetzlichen Verhaltems ihn zur Rede stellenden Polizoibeamten durch wüste Beschimpfungen beleidigt hat. Hierzu gibt der Polizlpräsident bekannt: Die Zlten, wo es angesichts einer mangelhaften S taatnau torität möglich war, das berechtigte Einschrlten Ines Polizei- beamten zum Anlaß flegelhaften Benehmens oder wüsten Schimpfens oder gar zu einer gewalttätigen Widersetzlichkeit zu nehmen. sind endgültig vorbl. Der Polizeibeamte, wicher die schwere Verantwortung für Rühe und Ordnung und für die Befolgung der Gesetze hat, hat heute den vollen Anspruch darauf, daß man ihm mit Achtung begegnet und seinen Anordnungen Folge leistet. Ebenso wie ich jeden Polisredbeamten, der seine Befugnisse überschreitet, strengstens zur Rechenschaft ziehe, so werde ich künftighin gegen jeden ohne Ansehen der Person rücksichtslos mit den schärfsten Mitteln vorgehen, der es Ich in meinem Amtsbereich blgehen läßt, einem Organ der Polizlgewalt mit Beschimpfungen oder gar mit körperlich eon Wideretand entgegenzutreten. Jeder, der dies tut. muß damit rechnen, daß er außer Einleitung Ines Strafverfahrens auch auf Inige Zlt Bekanntschaft mit dem Poüzl- arrest macht. Polizeidirektion Nürnberg-Fürth Dr. Martin.« Welche Deutsche, die nur Inigermaßen sich auf die jüngste Geschichte ihres Vaterlandes besinnen, müssen, wenn sie dies lesen, nicht genigt und veranlaßt sin. In geradezu homerisches Gelächter anzustimmen? Wo war höchstwahrscheinlich der Martin selbst? Sollte er wirklich als»alter Kämpfer« an gar keinem SA-Tumult vor den»Severing- Kosaken«— so drückte Ich ja sein Parteifreund Göbbela damals aus— beteiligt gewesen sin? Darm müßte er wirklich In Wundcrhlliger, wie sein Namensvetter»In! Wer war ea denn, der die Gasse fast jeden Tag gegen die Poiizl der Republik hetzte? Wer war es, der förmliche Greulmärohen des Masocfaismus um den Gummiknüppel der »Zörgiebl-Kneohte« gewoben hat? Wer war es, der dann bei gewandlten Machtverhältnissen im Rieh pflichttreue Polizeibeamte, wie beispielsweise in Dortmund, zu hohen und entehrendem Gefängnisstrafen verurteilen ließ, nur weil 1e nicht ruhig zusehen wollten, wie man nloht-nationalsozi all»tisch cn Mitbürgern die Fensterschiben einschmiß? Wenn loh auch noch jetzt— und vielllcht jetzt erst recht, weil ja die SA nichts zu tun hat— die Menschen massenweise gegen die Poiizl In»fleglhaftes Benehmen« erlauben, wie steht es dann um die r&delsführenden Ober- flegel? Sie Ind sogar, wie Herr Göring, Po- lizeimi nister geworden... Und ist der Hauptschlagetot gegen Polizisten, Herr Dalugue, nicht sogar Polizeigeneral geworden? Ist Herr Göbbela nicht gar mittlerwlle Reichsminister geworden? Nicht alle Städte sind so»helle«, wie Leipzig, das jetzt seine SA mit Besen und Schaufel bewaffnet und die»deutschen Befrier« in den Vororten(In der Stadt geniert man Ich nämlich) als»Hilfsorgane« des städtischen Fuhrparkes wirken läßt! Ob Pogrom, Straßenrelnigung oder angemaßte Polizlfunktlon— die Unloherhlt bllbt. Sie bleibt solange wie das System sich noch hält! E. F. Roth. Taxichauffeure Auskunft geben. Die Zahl der Autodroschken muß in Berlin von 6200 auf 3000 vermindoat werden. Nicht etwa, waü ihre bisherigen Kunden zu Opl und Mercedes übergegangen sind, sondern well sie Straßenbahn fahren oder gar zu Fuß laufen. Es ist derselbe»PrimitivitÄtsproecß«, der viele tausende Straßenbahnfahrgäste zum Fahrrad zurückkehren läßt. B1 den Taxichauffeuren macht man die Geschichte sehr einfach. Man verlängert ihnen die Zulassung nicht und stellt es ihnen frl, Ich mit je 3000 Rlchs- mark für immer abrinden zu lassen oder auf bessere Zlten zu warten. Rund fünfzehnhundert Chauffeure versuchen Ihr Schicksal durch Eingaben an die Behörden zu wenden, aber was sollen die machen, wenn das Geld zum Taxifahren fehlt, weil ea durch Staats- steuem für Tanks und Rlchsautobahnen und durch Parteisteuern für die Luxuslimousinen der Nazibonzen gebraucht wird? Ein neuer Trick In den Veröffentlichungen der Deutschen Arbeitsfront wurde Immer wieder davon gesprochen, daß auch für die Arbiter die monatliche Lohnzahlung Ingeführt werden müsse, so daß die Wochenfeiertage vergütet würden wie bl den Angestellten und die Arbiter auch in den Genuß längerer Kündigungsfristen kämen. Davon ist ea bald wieder still geworden. Nun aber hat man bl Siemens in Berlin In Lohnzahlungssystem ausgetüftelt, das vorbildlich für ganz Deutschland werden soll. Die Löhne sollen, wie der Sold bim Militär, in Dekaden erfolgen: am 6., 16. und 26. jeden Monats. Keineswegs sollen Jedoch die Wochenflertage vergütet werden, sondern man will den Ausfall auf Ine etwas größere Zlt als die Lohn woche verteilen»und ihn damit tragbarer machen«. Sieht man genauer zu, so soll das neue System auch der berüchtigten»Hamstererpsychose« etwas Abbruch tun. Wenn nämlich Großbetriebe nach dem neuen Verfahren ihre Lohnzahlungen auf ganz verschiedene Wochentage verlegen, so wird verhindert, daß»an stets den gleichen Wochentagen durch den gleichzeitigen Einkauf an lebenswichtigen Gütern eine stoßweise Geschäfts blebung verursacht« wird. Dahinter stecken das Rlchswlrtschaftsmlnlsterium und die Geheime Staatspolizei, che durch solche Manöver die Ansammlung von Inkaufenden Frauen möglichst verhindern oder doch in engen Grenzen halten wollen. Auch das also ein Anzeichen wachsender Sorge und Furcht. Die Deutsche Arbeitsfront verbindet damit allerdings noch eine besondere Unverschämthit gegenüber den Arbeiterfamilien. Sie läßt nämlich verkünden (Frankfurter Zltung Nr. 801), daß sie durch die längeren Lohnzahlungsabschnitte»den deutschen Arbiter zu einem verantwortungsbewußten Menschen« erziehen wolle. Dafür haben die deutschen Arbiter, die zu den nüchternsten der Wlt gehören und deren Frauen gemeinhin an Sparsamkit vorbildlich sind, ausgerechnet auf Herrn Dr. Robert Ley warten müssen, den Mann des Suffs, der Pllten und Offenbarungalde. Duldung oder Kampf Der Bischof von Meißen ist wegen Devisenvergehen verhaftet worden. Die Reichsregierung setzt damit die Methode ihres Kulturkampfes gegen die katholische Kirche fort: Diffamierung der Priester statt offenen Kircbenkrieg. Es besteht gar kein Zwlfel, daß nicht nur der Meißener Diaspora-Bischof sondern auch die Bischöfe der großen Diözesen in West- und Süddeutschland um die rinanzieUen Verpflichtungen zum Auslande und deren etwas gewagte Erfüllung unter den Devisengesetzen gewußt haben. Die Kirchenfürsten vertreten die Ansicht, daß die meisten Transaktionen im Rahmen der Rlchageeetzgebung erfolgt sind und ea Ich um rein antikatholische Tendenzprozesse handelt. Vermutlich wird jeder der deutschen Kirchenfürsten Ich ebenso schuldig oder unschuldig fühlen wie der Bischof von Meißen, den man Sich gegriffen hat, wll er die kleinste und ärmste deutsche Diözese verwaltet, und zwar Inmitten eines besonders gehässigen und beschränkten Protestantismus. Die Aktion gegen den Bischof wühlt den Katholiztsmus weiter auf. aber man darf auch nicht Ubersehen, daß die Reichsregierung in evanglischen, in frl- ("enkerischen und weltanschaulich indifferen- ! en Kreisen mit dem Vorgehen gegen katho- I sehe Ordensleute und nun sogar gegen einen Uischof gewisse Prestigeerfolge erzielt. Abgesehen davon, daß Millionen Deutsche den Katholen« oder der»toten Hand«, gewiß rieht ohne deren Schuld, einen kräftigen Schlag gönnen, geht auch das Gerede um, daß doch»durchgegriffen wird«, auch gegen die oben«. Ks sind Schaustücke, che dem '/olkee geboten werden. In breiten Schichten des niederen Klerus und der Laienwelt des Katholizismus hält die Unzufriedenheit mit der Taktik des Episkopats an. Man glaubt, daß cfie chwächliche Haltung der Kirche nur dann Irfolg haben werde, wenn mit einem baldi- • ,en politischen Umschwung gerechnet werden könne. Sonst hält man in den volksnahen Ichichten des Katholizismus schwere organi- "a ton sehe Rückschläge für unvermeidlich. Der höhere Klerus sucht dadurch beruhigend u wirken, daß er nun durch die Ortspfarrer und die Kapläne, wo es möglich ist auch lurch die Kirchenblätter, mitteilen läßt, daß uei jedem Vorstoß gegen das Konkordat entsprechende Beschwerden an cfie zuständigen Behörden gemacht werden. Aber bei den ka- 'holischen Laien, zumal bei der Jugend, die buchstäblich oft genug die Fäuste der Hitlerjugend zu spüren bekommt, glaubt man an lie Wirkung solcher papierenen Proteste| licht. Man verlangt da, daß die Bischöfe und ler gesamte Klerus eine Sprache führen, 1 wenn auch in den Grenzen des rein Religio-, sen, die den Laien das Gefühl gibt, daß die alte kämpfende Kirche lebt. Trotz der gegen- j teiligen Mahnung des Episkopats wird in der katholischen Laienwelt illegal gearbeitet, weil: es einfach nicht anders geht, wenn man Verleumdungen der Nazipresse und der Nazi- i Organisationen richtig stellen will. War übri-: gens nicht auch die Verteilung des letzten Bauernnoi und HltlerpolitSk Hirtenbriefes der Bischöfe mindestens gebietsweise illegal? Man wagte nicht, die Versendung mit der Post vorzunehmen, sondern ließ den Hirtenbrief durch besondere Boten in che Pfarrhäuser bringen, und wir kennen geistliche Herren, die das Dokument vor der; sonntäglichen Verlesung nicht im Pfarrhause j aufzubewahren wagten, weil sie Haussuchung fürchteten. Man versteckte den bischöflichen Hirtenbrief tagelang in der Kirche nahe dem Allerhedligsten und fühlte sich nicht einmal sicher, ob nicht auch dahin die Hände der Gestapo greifen würden. Erst wenige Stunden vor der Verlesung erfuhr man, daß diese gestattet werden würde. Die Stimmung in den organisierten und praktizierenden Schichten der Katholiken, die aber kaum mehr als 50 v. H. der Getauften betragen dürften, steht auf Sturm. Ob(he Kirchenführer eines Tages diese Stimmung nützen wollen oder unter den Angriffen der Reichagewalt nützen müssen, ist jetzt noch nicht zu sagen. Hannes Wink. Schon die Republik hatte in den letzten Jahren ihres Bestehens zugunsten der überschuldeten Landwirte tief in das Verhältnis von Gläubiger und Schuldner eingegriffen. Sie hatte auf dem Wege der Gesetzgebung die landwirtschaftlichen Schuldner vor dem Zugriff ihrer Gläubiger geschützt. Unter der Hitlerregierung ist diese Methode, die Landwirte auf Kosten ihrer Gläubiger zu subventionieren, systematisch augebaut worden. Entschuldungsstellen, in denen außer den Nazibonzen die Landwirte selbst sitzen, also ein Schuldner dem anderen aus der Klemme hilft, sind befugt, die Schuld- und Zinsverpflichtungen herabzusetzen und die Zahlungstermine hinauszuschieben. Der Landwirt soll davor bewahrt werden, daß er seines Besitzes verlustig geht, wenn der Hypothekengläubiger von seinem Pfandrecht Gebrauch macht. Die Zwangsversteigerung tritt also nur in Fällen hoffnungslosester Verschuldung in Kraft, nur dann, wenn das Entschuldungsverfahren versagt und der Schuldner auch die herabgesetzte Schuld nicht bezahlen kann. Diese Art der Entschuldung würde allenfalls wirksam gewesen sein, wenn eine vernünftige Agrarpolitik getrieben worden wäre, die dem Bauern nicht nur höhere Preise, sondern auch höhere Einnahmen verschafft. Wie wenig die Entschuldungsgesetze zu einer wirklichen Entschuldung geführt, wie wenig sie eine wachsende Ueberschuldung vor allem der Bauern verhindert haben, läßt sich der amtlichen Statistik über: die Zwangsversteigerung landwirtschaftlicher Grundstücke im ersten Vierteljahr 1935 entnehmen, die in der Zeitschrift»Wirtschaft und Statistik« veröffentlicht ist Daraus geht hervor, in wie ungeheurem Umfang die Fälle zugenommen haben, in denen selbst die ermäßigte Schuld die finanzielle Kraft der landwirtschaftlichen Schuldner übersteigt In dem Maße, wie die Landwirte ihre Zahlungsverpflichtun- gn vernachlässigen, gefährden sie die landwirtschaftlichen Kreditinstitute, also den Ast, auf dem sie selbst sitzen. Die Hitlerregierung muß es deshalb den Kreditinstituten zu derem eigenen Schutze freistellen, wenn nicht gar anbefehlen, bei der Eintreibung ihrer Forderungen schonungsloser vorzugehen als bisher. Im ersten Vierteljahr 1935 war die Fläche, über die Zwangsversteigerungen eingeleitet waren, von 13.800 auf 17.200 ha gestiegen, also um rund 25 Prozent größer als ein Jahr vorher. Eingeleitete Verfahren kommen nicht immer zur Durchführung, oft soll damit nur ein Zwang auf renitente Schuldner ausgeübt werden. Weit stärker als die eingeleiteten haben die durchgeführten Zwangsversteigerungen zugenommen. Allein in den ersten drei Monaten 1935 hatte die Zahl der Zwangsversteigerungen um ein Viertel und die versteigerte Fläche um ein Drittel zugenommen. Im ganzen Jahre hatte sich die unter den Hammer gekommene Fläche um nicht weniger als 160 Prozent vergrößert. Die Zunahme verteilt sich aber sehr ungleichmäßig sowohl auf die Betriebsgrößen wie auf die Wirtschaftsgebiete. Die versteigerte Fläche hatte zugenommen bei Betrieben von 5 bis 20 ha um 185, zwischen 20 bis 50 um 287, zwischen 100 und 200 um 331 Prozent. Die Klein- und Mittelbauern waren also die überwiegend Betroffenen. Bei den größeren Betrieben handelt es sich um ganz wenige Personen, also Ausnahmefälle. Die Verteilung der durchgeführten Zwangsversteigerung auf die Wirtschaftsgebiete zeigt, daß von der Strenge der Gläubiger gerade die bäuerlichem Gebiete heimgesucht, die Gebiete des überwiegenden Feudalbesitzes verschont worden sind. Die Anzahl der Zwangsversteigerungen hatte zugenommen: In Schlesien und im Ober- Rheinland um mehr als 400 Prozent, also auf mehr als das Fünffache, in Brandenburg um 1445 Prozent, also auf mehr als das Fünfzehnfache und in Schleswig-Holstein fast auf das Zehnfache. Dagegen ist die Fläche zurückgegangen in Mecklenburg auf fast die Hälfte, in Pommern und Grenzmark um rund ein Viertel und in Sachsen-Mitteldeutschland um etwa ein Zehntel. Damit ist nicht etwa gesagt, daß der Großgrundbesitz weniger überschuldet ist als die Bauern, sondern nur, daß er vom Hitlerregime sanfter behandelt wird. Gerade in den Gebieten nämlich, wo weniger Versteigerungen durchgeführt worden sind, also in den Feudalgebieten, war die Zunahme der bloß eingeleiteten Verfahren weit stärker als in den bäuerlichen Bezirken. In Ostpreußen waren mehr Zwangs- versteigerungen eingeleitet worden um 40 Prozent, in Pommern und Mitteldeutschland um mehr als 100 Prozent. Dem Großgrundbesitz hat man nur gedroht, bei den Bauern aber Ernst gemacht. Nichts ist so bezeichnend für das Hitlerregime, wie die zarte Schonung für den heruntergewirtschafteten Feudalbesitz und die Härte der Zinsknechtschaft gegenüber den Bauern. G. A. Frey. Die Retdisbahn zehrt von der Substanz Das Jahr 1934 ergab bei der Reichsbahn eine Unterbilanz von 162 Millionen, zu deren Deckung die Reserven herangezogen werden mußten. In der Zeit vom Januar bis August dieses Jahres ist bereit« ein Defiät in Höhe von 100 Millionen entstanden. Da die Wintermonate die für den Verkehr ungünstigsten sind, wird das Defizit von 1935 das von 1934 noch weit übersteigen. Die Reichsbahn ist bereits dazu übergegangen, ihre Aufträge an die Industrie zu strecken. Die monatlichen Aufträge für Oberbaumaterial beim Stahlwerksverband sind Jüngst von 25.000 auf 15.000 to. herabgesetzt worden, weitere Er- spamismaßnahmen sind angekündigt. Daß der ehemals rentable Betrieb durch das Hit- lerregime heruntergewirtschaftet worden ist, liegt zum Teil daran, daß die Tarife der Reichsbahn- zumeist nur auf dem Papier stehen. Nicht weniger als 64 Prozent, also mehr als zwei Drittel der von der Reichsbahn beförderten Personen fahren zu ermäßigten Tarifen. Die Kosten von Leys»Kraft durch Freude«-Veranstaltungen werden also von den abgebauten Arbeitern und durch Substanzverzehr finanziert. Der Zwang zum Sparen entstammt aber nicht allein und nicht hauptsächlich dem Defizit des Bahnbetriebes her, sondern vor allem der riesenhaften Ueberschuldung, die die Reichsbahn auf sich nehmen mußte, um ihren Anteil zur Arbeitsbeschaffung des Dritten Reiches beizutragen. Die Deutsche Verkehrs- Kreditbank A.G., die die Hausbank der Reichsbalm und vollständig in ihrem Besitz ist, veröffentlicht soeben den Abschluß für das am 30. Juni 1935 beendete Geschäftsjahr. Aus ihm geht hervor, daß die Wechselschulden der Bank, deren Einlösung die Reichsbahn garantiert, die also in Wirklichkeit Schulden der Reichsbahn sind, in zwei Jahren Drittes Reich von 36 Millionen auf mehr als eine Milliarde angewachsen sind. Allein im letzten Geschäftsjahr hatte die Wechselverschuldung um 600 Millionen gleich 150 Prozent zugenommen. Die Wechselsohuld steigt also um durchschnittlich 50 Millionen im Monat bei einem Unternehmen dessen eingezahltes Aktienkapital nicht mehr als 8 Millionen beträgt. Die Verkehrsbank war aber -."f..>■ r-•-*"3«.' außerdem gezwungen, ihre eigenen oder von ihr garantierten Wechsel selbst in Zahlung zu nehmen. Sie oder vielmehr die Reichsbahn ist also für 250 Millionen zugleich ihr eigener Wechselgläubiger und ihr eigener Wechselschuldner, sie hat mit einem echten Geldwert einen Scheinwert eingetauscht, also ihr Vermögen vermindert. Das finanzielle Opfer, das die Reichsbahn in den ersten zwei Jahren Drittes Reich auf dem Altar der Arbeitsbeschaffung dargebracht hat, beschränkt sich also nicht auf ihre Ueberschuldung mit Arbeitsbeschaffungswechseln, dazu ist noch das Defizit von rund 300 Millionen und der mehr als zweifelhafte Besitz eigener Wechsel von 250 MUlionen hinzuzurechnen. Dabei d�rf nicht vergessen werden, daß das Defizit auf der einen und die Ueberschuldung auf der anderen Seite stetig wachsen, daß also in steigendem Maße che Reichsbahn gezwungen wird, Arbeiter arbeitslos zu machen und von ihrer eigenen Substanz zu zehren. G. A. F. Die Armee der Unsiditbaren Die Riesenarmee der unsichtbaren Arbeitslosen wird im Dritten Reich nicht nur nicht statistisch ausgewiesen, sondern Ihr Vorbandensein von den Behörden überhaupt bestritten. Dennoch ermöglicht ein Vergleich der Statistik über die vorhandenen Arbeiter und Angestellten, der Statistik über die beschäftigten und über die krankenversioherten Erwerbstätigen eine ungefähre Errechnung des tatsächlichen Umfange« der unsichtbaren Arbeitslosigkeit. Von dem englischen »Economlat« wurde sie für Ende Juni 1935 mit 2,500.000 angegeben. Das heißt also, daß einschließlich der damals mehr als 2 Millionen offiziellen Arbeitslosen insgesamt über 414 Millionen Arbeitslose vorhanden waren. Obwohl sich die verschiedenen Aemter in Deutschland beeilen, die Berechnung des »Eoomomist« zu erschüttern, so ist ihr Ergebnis eher zu niedrig als zu hoch zu bewerten. Das wird bestätigt durch Angaben über die Entwicklung der Beschäftigung in Württemberg, die sich im Wirtschaftsteil der »Frankfurter Zeitung« befinden. Da wird der kräftige Aufschwung des Wirtschaftslebens in Württemberg hervorgehoben und mitges teilt, daß die Arbeitslosigkeit, die im Juni 1932 noch 114.000 betragen habe, bis zum Juni 1935 auf 11.300 Personen zurückgegangen sei. Das ist eine Abnahme von etwas mehr als 100.000 Personen oder rund 90 Prozent. Gleichzeitig wird aber eine Steigerung der Zahl der Beschäftigten von 583.000 auf 749.000 angegeben. Es haben also 166.000 Personen mehr Beschäftigung gefunden, obwohl nur 100.000 Arbeitslose zur Verfügung standen. Woher kommen die übrigen 66.000 Personen, die neu in den Produktionsprozeß eingetreten sind? Sie sind ein Teil des Riesenheeres der unsichtbaren Arbeitslosen, das weder auf den Arbeitsämtern noch auf den Wohlfahrtsämtern registriert ist. Bemerkenswert ist dabei noch, daß die Berufszählung für I93S in Württemberg nur 32.000 unsichtbare Erwerbslose ergab, während zwei Jahre später 66.000 Personen au» dieser Kategorie Beschäftigung erhalten haben, ohne daß sie damit voll erschöpft wäre. Der angeführte Artikel möchte die Hinlenkung auf diese unangenehme Tatsache mit der Behauptung unwirksam machen, daß in die württembergische Wirtschaft zahlreiche Arbeitskräfte von auswärts, hauptsächüch aus Baden, eingetreten seien. Vielleicht ist das in kleinem Umfang sogar der Fall. Keineswegs kann aber damit die sich aus den Ziffern für Württemberg ergebende Feststellung erschüttert werden, daß die unsichtbare Arbeitslosigkeit infolge der rigorosem Maßnahmen der Nationalsozialisten gegen die Arbeitslosen in den letzten zwei Jahren gewaltig zugenommen hat und daß ihr Umfang zur Zeit im ganzen Reiche bedeutend größer ist als die statistischen ausgewiesene Arbeitslosigkeit. Köln— mit diesem historischen Sachverhalt zu tun haben? Denn alles, was die Hansa und den Geist der Hansa ausmachte, war auf die Idee der Freiheit und des Weltbürgersinns aufgebaut. Es war gerade darum auch die»Hansastadt Köln«, die Robert Blum, den deutschen Republikaner, vom Wlndischgrätz in Wien erschossen, den besten ihrer Söhne nannte. Es war che»Hansastadt Köln«, die dem tapfersten aller deutschen Freiheitskämpfer, Karl Marx, die Stätte erster feuri- der Wirksamkeit am seiner»Rheinischen« und I»Neuen Rheinischen Zeitung« bot. In der »Hansastadt Köln« ist August Bebel geboren. In der»Hansastadt Köln« wirkte als Oberbürgermeister ein Jahrzehnt lang der leibhaftigste Antiborusse, der»rote Becker«. In der»Hansastadt Köln« ging schon einmal ein Erzbischof wegen seiner religiösen Ueber- zeugung und für die Freiheit des Wortes ins Gefängnis. In der»Hansastadt Köln« prägte | Freiligrath sein herrisches Schmähwort von den»schmutzigsten Westkalmücken«— freilich damals noch umunterrichtet darüber, daß jene preußischem Kalmücken und Sklavenseelen, die er meinte, in der Person Hitlers einmal einen.so vollendeten Konkursverwalter erhalten sollten... Alle Toten aus Kölns großer Vergangenheit in der Freiheit und im Bürgerstolz werden sich hörbar im Grabe herumdrehen, wenn sie erfahren, wer ihrer Stadt diese Ehrung beschert! Ja— es sind wahrhaftig schon »Hanseaten«, die jetzt Köln regieren. Zwei hochbezahlte Bürgermeister der Stadt sind zur Zeit bekannte Rowdys aus der Schlägerei- Epoche des national soziallstisohen Werdens. In der letzten Stadtverordnetenversammlung, die im April 1933 noch nach dem republikanischen Gesetz und dem demokratischen Recht stattfand, wurden alle»marxistischen« Gewählten, darunter Frauen von ihren braunen Kollegen im Verein mit der SS blutig geschlagen und aus dem Sitzungssaal geworfen. Der jetzige Oberbürgermeister ist ein sehr serviler Prokurist des»internationalen Juden« Louis Hagen im Bankhaus Levi gewesen, bis er bei Hitler seine Berufung zu Höherem entdeckte. In der»Hansastadt Köln« sagt man, wenn man ausdrücken will, daß etwas ganz verrückt und ganz paradox ist;>do geiste kapott!«(da gehst du kaputt!) In der Tat: diesen Kernspruch sollte man der neuen »Hansastadt« Köln sofort aufs Wappen nähen! *»Hansastadt Köln« Preußens zweitgrößte Stadt, dem heiligen Köln, ist Heil widerfahren. Das System hat ihr den Titel»Hansastadt Köln« verliehen! Bisher waren das allein Hamburg, Bremen, Lübeck— deutschen Stadtrepubliken, die mit stolzer bürgerlicher und demokratischer Vergangenheit der preußischen Gleichschaltung und der bo russischen Landgier im dynastischem Säkulum trotzen durften. Im Mittelalter— zur Blütezeit der Hansa— war Köln freiUch in diesem republikanisohen Städtebund die Führerin gewesen. Mag der Herrgott, der das heilige Köln so reichlich mit seinen schönen Kirchen bedacht hatte, wissen, was eigentlich die Nazis — die braune Okkupationsarmee Hitlers in Kaum zu glauben »Es ist kaum zu glauben, aber es gibt noch überall richüge Marxisten, die im Dunkeln ihre schmutzigen Geschäfte zu machen versuchen...« Aus einem»Berliner Brief« in der deutschen Provinzpresse. Nr. 123 BEILAGE 20. Oktober 1933 Das tade Met JuäeamataifuUieH Von der Humanität zur Sexualpathologie des Dritten Reidis Im Geburtsjahre Goethes— 1749— schrieb L e s s i n g sein einaktiges Lustspiel»Die Juden.« Ein reisender Jude rettet einem Baron zweimal das Leben und soll mit der Hand der Tochter und einem entsprechenden Vermögen belohnt werden — so lange man nicht weiß, daß er Jude ist. Da enthüllt sich der edelmütige junge Mann. Allgemeiner großer Schrecken. Mit der Hand der Tochter ist es nichts mehr, wogegen sich selbst Lessing nicht auflehnt Aber man versichert sich zum gu ten Ende gegenseitige tiefgefühlte Wertschätzung: Der Baron:»Alles, was ich«von Ihnen sehe, entzückt mich... O, wie achtungswürdig wären die Juden, wenn sie alle Ihnen glichen.« Der Reisende:»Und wie liebenswürdig die Christen, wenn sie alle Ihre Eigenschaften besäßen.« »Entzückt« von einem Juden— dieses Bekermtnis war die Revolution. Im Süden Europas traten um diese Zeit noch Inquisitionsgerichte gegen Juden zusammen. In Böhmen irrten, vertrieben von Maria Theresia, viele Tausende von Juden obdachlos im Lande umher und überfluteten die Grenzen. Im Preußen Friedrichs II. mußte jeder Jude beim Eingehen einer Ehe, beim Kauf eines Hauses oder einem größeren zivilrechtlichen Geschäft bei der königlichen Porzellanmanufakt iir»Juden- Porzellan« bis zu dreihundert Talern im Werte kaufen. In Frankfurt und anderswo war den Juden das Betreten des Bürgersteigs verboten. Jeder Landstreicher konnte, wie noch Börne aus seiner Jugendzeit bitter berichtet, unter dem Ruf: »Mach Mores, Jud'« den Juden zum Hutabnehmen zwingen. In den Ghettos der großen Städte drängte sich, rechtlos, geknechtet und verfemt, das arme deutsche Judenvolk zusammen, während ein paar reiche Juden im Besitz besonderer Privilegien den Kreditbedürfnissen der Fürsten dienen durften. Immer wieder kopierten die Jahrhunderte einander in ihrer Haltung zu den Juden. Nach Siegen, nach Niederlagen, in Epochen der Hochblüte und des Nieder gangs; mit religiöser, nationaler, staat lieber, rassenmäßiger Begründung. Dai Jahrhundert Leasings, das der Judenemanzipation vorausging, hat sie alle gekannt Der Dichter im Gedste der Auf klärung des Humanismus unternahm das Wagnis, den Juden als Menschen zu entdecken, seine Andersartigkeit, aber nicht mehr seine Minderwertigkeit, wie Lessing im»Nathan« nicht Toleranz predigt sondern von den Christen Verzicht auf das Prestige verlangt ♦ Jahrzehnte später Napoleons, die ihnen unter Druck gestellt wurden, zur Erringimg ihrer Bürgerrechte erklären, daß sie die Franzosen als ihre »Brüder« betrachten. Jetzt erst seien sie, so heißt es in ihrer Deklaration,»erlöst« durch ihre Eingliederung ins Gefüge der großen Nation. Den europäischen Juden geht es, wie Kastein in seiner»Geschichte der Juden« darlegt von jetzt an nicht mehr um die primitive Existenzmöglichkeit Zum ersten Male seit Jahrhunderten, seit ihrer großen spanischen Zeit, standen die Juden wieder vor der Möglichkeit einer Entfaltung ihrer Kräfte. Die Veränderung der Wirtschaftsstruktur im folgerichtiger Auslegung der humanitärkulturellen Assimilationsideen in hellen Scharen zum Christentum über, um sich endgültig die gesellschaftüche Gleichberechtigung zu sichern. Selbst die urreaktionäre feudale Schicht der preußischen Beamten- und Militärhierarchie, die sich privat den Juden vom Leibe hielt, erblickte in der Taufe den passabelsten Weg zur Lösung des Problems. Die Erlesenheit der eigenen Rasse, die man durch Vermischung nicht schädigen dürfe, war noch nicht entdeckt worden oder spukte nur in den Hirnen einiger subtiler Geister. ♦ entweder Deut- wir sind Heimat- Das neueste Verbrechen wurde die Emanzipation des Judentums in den a 1 1 g e m e 1 nen politischen Befreiungskampf mit einbezogen. Der entscheidende Anstoß kam aus Amerika mit der ersten Verkündimg der Menschenrechte. Die Rechtsgleichheit der Juden in einem Lande ohne kirchliche Tradition war ein Bestandteil der Unabhängigkeitserklärung von 177 6, wonach»allen Menschen, gleich erschaffen, vom Schöpfer bestimmte unveräußerliche Rechte auf Leben, Freiheit, Glück verliehen wurden.« In der ersten amerikanischen Bundesverfassung heißt es, daß»keinem Menschen, der die Existenz Gottes anerkennt, durch Gesetz der bürgerlichen Rechte aberkannt werden dürfen.« Aber es hat in Europa, als sich die Ideen der französischen Revolution bereits als sieghaft erwiesen hatten und die politischen Bürgerrechte allmählich erkämpft wurden, noch Jahrzehnte gedauert, ehe die Juden aus den Ghettos und ihren zwangsweisen Isolierungen in die bürgerliche Gleichberechtigung entlassen wurden. In Frankreich selber waren den elsässi- schen und lothringischen Abgeordneten für die Nationalversammlung judenfeindliche Instruktionen mit auf den Weg gegeben worden. Auf der berühmten jüdischen Notabelnversammlung vom 30. Mai 1806 mußten die 112 Vertreter aller jüdischen Richtungen auf die zwölf Fragen kapitalistischen Geiste kam gewissen Utilitaritätsprinzipien auf beiden Seiten entgegen. Der größte Teil der Juden Europas entschied sich für die Angleichung an den neuen Lebensraum, unter problematischen Verzichten, niemals ungefährdet in den Wandlungen der geistigen Strömungen und der politischen Auseinandersetzungen des neunzehnten Jahrhunderts. Die Geschichte der preußischdeutschen J u d e n e m an zip a t io n ist mit den Schicksalen der gesamtdeutschen Freiheitsbewegung besonders eng verbunden. Genau wie»seinem« Volke hatte Friedrich Wilhelm IL auch den Juden in den Jahren, als der größte Teil Preußens von den Franzosen besetzt war, Konzessionen versprochen. 1812 erhielten sie Bürgerrechte, Freizügigkeit, freie Berufswahl, wenigstens durch Dekrete auf dem Papier. Sachsen schuf erst 1813 den Leibzoll für die Juden ab. In der oberen gesellschaftlichen Sphäre ermöglichte man den Juden die Teilnahme am deutschen Geistesleben, mit prominenten Salons als Mittelpunkten, und die Juden traten in Der Rückschlag kam mit der»Heiligen Allianz,« mit den Ideen des»christlichen Staates«, mit dem Gottesgnadentum mit der dem Mittelalter zugewandten Roman tik. Man hob die Gesetze über die Gleichberechtigung der Juden wieder auf oder sabotierte sie— genau so, wie man die allgemeinen Versprechungen über die politische Gleichberechtigung nicht einlöste. In den dreißiger Jahren gab es für die Juden des preußischen Staates achtzehn verschiedene Rechtsgebiete. Der Jude war teils Staatsbürger, teils Schutzjude. Professoren traten auf, die das Heimatrecht der Juden in Deutschland anzweifelten. Die poütische Kirchhofsruhe des Vormärzes wurde hin und wieder durch Austreibungen und Pogrome unterbrochen. Unverdrossen kämpfte Gabriel Rießer, der Vorkämpfer der Anpassungsgedanken, für die Gleichberechtigung und prägte diesen für die Haltung der bürgerlichen Juden dieser Zeit kennzeichnenden Satz: »Wir sind nicht eingewandert, wird sind eingeboren, und weil wir es sind, haben wir keinen Anspruch anderswo auf eine Heimat; wir sind sehe, oder lose.« Deutsche, im politischen Sinne, wurden die Juden erst nach 1848 im Verlauf von Jahrzehnten. Nach der Gründung des Norddeutschen Bundes wurde für Preußen das entscheidende Gesetz vom 3. Juli 1869 erlassen, wonach»alle noch bestehenden, aus der Verschiedenheit der religiösen Bekenntnisse hergeleiteten Beschränkungen bürgerlichen und staatsbürgerlichen Rechte hierdurch aufgehoben werden. Insbesondere soll die Befähigung zur Teilnahme an der Gemeinde- und Landesvertretung und zur Bekleidung öffentücher Aemter vom religiösen Bekenntnis unabhängig sein.« Aber diese gesetzliche Bestimmung, die der deutsche Reichstag in die Reichsverfassung übernahm, gab nur die äußerlichen und formalen Garantien. Das Judenproblem behielt seine gesellschaftlichen psychologischen Fragestellungen weiter. Pseudochristliche, sozialreaktionäre, feudalistische Tendenzen bedienten sich des immer leicht zu entflammenden Antisemitismus und vermischten sich mit demagogischer Massen- aufpeitschung in der Stöcker- und Ahlwardt-Zeit, Die anwachsende sozialistische Arbeiterbewegung warf den Damm gegen die konfessionelle und immer stärker auch rassenmäßig motivierte Hetze auf. Sie bewahrte das humanitäre Erbe der klassischen deutschen Philosophie und sah die wirtschaftliche Seite des Judentums in der gerechten Abwägung zwischen Ursache und Wirkung. In ihr wurde die Judenemanzipation praktisch und beispielhaft ohne Hinterhalte verwirklicht Wenn eine Verfassung überhaupt imstande ist, eine von jahrtausendalten Traditionen und Vorurteilen gebüdete psychologische Situation, worin reügiöse Begründungen, soziale Abwälzungsversuche und Fluchtwege, Neidgefühle und Minderwertigkeitskomplexe vielseitige Verbindungen mit. einander eingegangen waren, durch feste Rechtsordnungen zu binden, dann hat es die Verfassung von Weimar getan. Wieder ist ein tiefer geschichtlicher Einbruch da, von dem die Juden im tiefsten getroffen wurden. Das Dritte Reich hat die Optimisten unter den Juden wie unter den Christen widerlegt, die an den Ablauf der wachsenden Vernunft im Bunde mit der fortschreitenden Humanität glaubten. Seit der Verkündung der neuen Judengesetze gibt es im Grunde kein Judenproblem mehr in Deutschland, außerhalb der Juden selber. Sie sind Objekt des absoluten Staates ohne Recht auf Abwehr und Einspruch. Die Brücken, an der Generationen gebaut haben, sind zerstört. Es gibt auf Grund von Dekreten zwischen Juden und Christen wieder nur ein Hüben und Drüben. Sieht man von einem kleinen Kreise ab, die der Nützlichkeitsstandpunkt des Dritten Reichs vorläufig noch in der Wirtschaft beläßt, so ist für die deutschen Juden die Existenzgrundlage nicht mehr vorhanden. Sie sind eingekesselt durch die nationale Ueberkom- pensierung im Haß seiner Bedrücker, die mit der Judenhetze zugleich die bequemste Rückzugslinie auf der Flucht vorder Verantwortung besitzen. Den Juden in Deutschland ist genommen worden, was sie seit dem Zeitalter des Humanismus immer wieder trotz aller Hemmnisse erfolgreich durchzusetzen vermochten, die Mitwirkung in den Bezirken des geistigen Daseins der Welt, weil ihre Stimme in dem Lande, in dem sie vegetieren müssen, stumm gemacht worden ist. Es ist für die lebenden Juden schwacher Trost, daß die Geschichte Reiche der Ideen ihr Urteil schon vorweg genommen hat, da sich auf der einen Seite der beiden Pole Spinoza, auf der anderen Alfred Rosenberg befindet. Der Vergleich der Lage der deutschen Juden von heute mit derjenigen im dunem im kelsten Mittelalter ist nicht haltbar. Dasi Mittelalter war roh und brutal, aber die| Verdikte gegen die Juden, die Aufforderung zur Aechtung und zum Verbrechen stützte sich auf Lehren und Gebote, an deren Geltung und Gerechtigkeit aus Haß und Angriff in düsterem Fanatismus g e- glaubt wurde. Die Judenfeindschaft war Substanz der mittelalterlichen Christenheit; neben dem Kreuz wohnte der Aberglaube der Unwissenden und der Gedemütigten. Die Heiden wurden unterworfen, die Juden wurden bekämpft. Selbst in den finsteren Stunden der Judenverfolgungen konnten Sich Stimmen des Protestes und des Absehens erheben. Heute erfolgt die Unterdrückung mit einem teuflisch-sublimierten Raffinement Die Roheit wird durch Gemeinheit verschärft, die sich der Lügenhaftigkeit ihrer Argumentation bewußt ist. Die Rassenlehre ist nichts als eine Schutzmauer, hinter der sich die soziale, kulturelle und seelische Erdrosselung der Juden umso grausamer vollziehen kann. Das Mittelalter hat viele Szenerlen von angeblichen Untaten der Juden entworfen, von Brunnenvergiftungen und Kinderermordungen, in Anekdote und Bild, mit drastischer Ucberbetonung der Anschuldigung. Aber es fehlte ihm die lüstern-pornographische Note, die Gosse für die genießerischen Sadisten, das Rachemotiv der erotisch zu kurz Gekommenen. Die Judenverfolger des Mittelalters verkündeten ihre Taten der Welt, im Wahn, Christus gerächt zu haben. Die Heroen des Dritten Reiches bezeichnen ihre Brutalitäten als Stabilisierung eines Minderheitenrechts, nicht aus Scham, sondern in der leider nicht unberechtigten Hoffnung, gläubige Ohren in der Welt zu finden. • Herder, der die Juden nicht sonderlich liebte, sagt in seiner»Adrastea«: »Alle Gesetze, die den Juden ärger als Vieh achten, ihn täglich, ja stündlich, ehrlos schelten: sie zeugen von der fortwährenden Barbarei des Staates, der aus barbarischen Zeiten solche Gesetze duldet.« Das historische und zugleich zeitlose Problem des Antisemitismus hat im Dritten Reich ein Gesicht gewonnen, für das es in der Geschichte kein Beispiel gibt: Der Haß ist diktiert von der privaten und persönlichen Unmoral sexuell Defekter, die ihr erschütterndes menschliches Manko hinter Theorien und Doktrinen verstecken. Andreas Howald. Das Widitigste Die deutschen Zeitungen melden; Der Ortagruppenleiter der NSDAP in Addis Abeba sowie 59 Deutsche haben am Mittwoch Abeasdnien verlassen. Ist der Mar» bewohnt? Nein, sonst hätte der dortige Ortsgruppenleiter dar NSDAP schon von sich reden gemacht. fkox lUtkt Met das DtMe Mtk Zu den wenigen bedeutenden Köpfen, die der deutsche LtberaUamus hervorgebracht bat, gehört zweifellos Max Weber. Man kann wohl sagen, er war der weitsichtigste von allen. Sein Kampf gegen WUhelminiamus, Junkertum und Reaktion war kraft- und gdstvoO. Mit Verachtung sprach der große Gelehrte über die Aildeutschen und deren ebenso lärmenden wie hohlen Patriotismus. Im Kriege stellte er scharf die Frage: Vaterland oder Vaterlandspartei? Was sich Vaterlandspartei nannte, erschien diesem Mann als das genaue Gegenteil dessen, daher diese scharfe Alternative. Max Weber gehörte jenem der zwei Deutschland an, dem Rosenbergs und des Natlonalsozlaliamus Kampf gilt. Im Alldeutschtum sah Weber die Auflösung der deutschen Nation. Die Alldeutschen aber sind die Vorläufer des Nationalsozialismus, was sich durch die gesamte deutsche Geschichte hindurch verfolgen läßt. Dieser Sorte von Nationalen war das Denken schon immer ein Schrecken. Mit sachlichen und vornehmen Gegnern— und auch solche gibt es zweifellos— wäre es gewiß eine Freude, sachlich zu streiten. Aber es widerspräche deutscher Ehrlichkeit Respekt zu bekunden vor Kreisen, aus deren Mitte ebenso wie viele andere auch der Verfasser wieder und wieder als»Demagoge«, bald als»un- deutach« oder als»Agent des Auslandes« verlästert wurde. Die zweifellose Gutgläubigkeit der meisten daran beteiligten Literaten war vielleicht das Beschämendste an solchen Exzessen,« stellte der große Gelehrte in einer während des Kriegs erschienenen Arbeit fest. Max Weber hatte in den Alldeutschen eine Bewegung erkannt, che Deutschland in reaktionärster Weise zu gestalten suchte. Es ist von größtem politischem Reiz und überaus aktuell, Webers Arbelt»Wahlrecht und Demokratie in Deutschland« heute wieder au lesen. Sie erschien zwar bereite im Dezember 1917, aber erst heute wird im Dritten Reich realisiert, was Max Weber in dieser Arbeit als die große Gefahr des Nachkriegsdeutschland erkennt hatte. Weber sah während des Krieges die reaktionären Kräfte am Werke, ein Wahlrecht zu verwirklichen, das auf die Niedeihaltung der aibedtendek Maasen hinauslief. Dagegen nahm er schärf et ens Stellung und sagte: »Von den wittschaft liehen Bedingungen der deutschen Zukunft lassen sich mit Sicherheit heute nur drei vorausberechnen. Zunächst: die Notwendigkeit einer ungeheuren Intensivierung Und Rationalisierung der wirtschaftlichen Arbeit, Nicht, damit das deutsche Dasein reich und glänzend. sondern damit das deutsche Dasein der Massen bei uns Uberhaupt möglich sei. Es ist angesichts des eisernen Frühlings, den uns der Frieden bringen wird, ein Frevel, wenn jetzt Literaten der verschiedensten Lager den deutschen»Arbeitsgeist« als die nationale Erbsünde und ein»gemächlicheres« Dasein als Zukunftsideal hinstellen. Das sind Schmarotzerideale einer Pfründner- und Rentnerschicht, welche den schweren Alltag der geistig und körperlich arbeitenden Mitbürger an ihrem Tintenfaßhorizont messen zu wollen sich erdreistet.« Weber betonte demgegenüber, daß Deutschland nur als modemer Industriestaat lebensfähig bleiben, nicht aber als ein zünft- lerisch-krämerhaftes Land bestehen kann. Er sah. wie das Deutschland der Rosenberg und Hitler bereits damals, wenn auch mit anderen Männern an der Spitze— Idealen nachjagte, die den deutschen Nationalstaat der Vernichtung preisgeben müssen. Hier wird Weber geradezu zu einem Propheten: »Wirtschaf tapolitisch ist jedenfalls die höchstmögliche Rationalisierung der wirtschaftlichen Arbeit, also die ökonomische Prämiierung der rationalen Wirtschaftlichkeit der Produktion, also: des»Fortschritts«, in diesem technisch-ökonomischen Sinn,— ma.c"- man ihn nun an sich hassen oder lieben,— eine Lebensfrage für die Weltstellning nicht nur, sondern einfach für die Möglichkeit einer erträglichen EM- Stenz der Nation überhaupt. Und deshalb ist es eine gebieterische politische Notwendigkeit, daß den Trägem dieser rationalen Arbeit wenigstens jenes Mindestmaß politischen Einflusses zugewendet wird, welches ihnen nur das gleiche Wahlrecht gewährt. Denn in jenem einen wichtigen Punkt: dem Interesse an der Wirtschaftsrationalisierung, ist, trotz aller sozialen Gegensätze, das Interesse der Arbeiterschaft mit dem der organisatorisch höchst- stehenden Unternehmer und sind beide mit dem politischen Interesse an der Ekhaltung der Weltstellung der Nation, nicht immer in den Einzelheiten, wohl aber im Prinzip, identisch und schnurstracks entgegengesetzt dem Interesse aller Pfründnerschichten und aller Ihnen kongenialen Vertreter ökonomischer Stagnation. Und es scheint«he höchste Zeit, daß der Einfluß jener Schichten eingesetzt wird an einem Punkt, dessen prinzipiell falsche Behandlung schon jetzt einen Schatten auf unsere Zukunft vorauswerfen könnte.« Ist schon in diesen überaus bedeutsamen Ausführungen ein bedeutender Reichtum an Erkenntnissen enthalten, so ist die Fortsetzung dieser Auaführungen noch bemerkenswerter: »Denn— das ist die dritte völlig sichere Zükunftssperspektive— wir werden für Jahre Im Zeichen einer»Uebergangswirt- schaft« stehen mit Rationierung der Rohstoff Zuteilung der Zuweisung internationaler Zahlungsmittel und womöglich: der Betriebe selbst und ihrer Kundschaft. Bs ist klar, daß dies eine nie wiederkehrende Gelegenheit sein kann sowohl im Sinne der Rationalisierung der Wirtschaft wie auch, genau umgekehrt, eine Fundgrube für sogenannte mittel s t ä n dl e ri s c b e Experimente Im denkbar übelsten Sinn dieses fast stets mißbrauchten Wortes. Mit Hilfe eines staatlichen Bezugsscheinsystems und ähnlicher Mittel, könnte man»selbständige« Bettelexistenzen aller Art, vor allem das Ideal Jedes Kleinkapdta- listen: bettelhafte aber bequeme, Laden- tischexistenzen und ihresgleichen In Masse subventionleren, welche das gerade Gegenteil einer Intensivierung und Rationalisierung unserer Wirtschaft bedeuten würden: die Züchtung von Schmarotzern und Tagedieben. Trägern jener»Gemächlichkeit«, die das Zukunftsideal der Literaten ist.« Weber versäumte nicht, darauf hinzuweisen, daß solche Verhältnisse den geeigneten Boden für monarchistische Prinzipien darstellen, und sah daher in diesen Bestrebungen die ökonomische Untermauerung reaktionärer politischer Ziele. Was er damals Über die Ständische Ordnung sagte, ist heute sehr aktuell Die treibenden Kräfte dieses Prinzips sieht er auch hier wieder in den Reihen der Bettclexästenzen, die hoffen, durch dieses Taschenspielerkunststück den»Kapitalismus« töten zu können. Wie hat der große Gelehrte hier doch den parasitären Nationalsozialismus gezeichnet! Nicht nur Max Weber, auch Marianos Weber, die dessen Politische Schriften herausgab, hat das Kommen des Dritten Reichs geahnt. Im Vorwort zu Max Webers Schriften schrieb Marlanne Weber im Jahre 1920 u. a.: >... die gegenwärtigen politischen Daseinsformen sind mühsam auf einem Trümmerhaufen errichtet und tragen in manchem den Stempel des Notbehelfs. Niemand kann wissen, ob nicht die kommende Generation, wenn ihr ein Aufstieg beschieden ist, den Faden der Entwicklung wieder da anknüpft, wo ihn der nationale Zusammenbruch abgerissen hat. Dann könnte auch der Inhalt dieses Buches wi e de ak t ue U e Bedeutung erlangen.« In der Tat, das Buch Max Webers, in dem die Dynamik des Wilhehnlnismus aufgezeigt wurde, gewann wieder aktuelle Bedeutung. Im Dritten Reich erlebt der Wilhelminlamuß seine Wiedergeburt. Es gab also Leute, die den Faschismus kommen sahen, ehe er selbst geboren war. Ein Zeichen also, daß auch der Faschismus in der ganzen Geschichte eine« Volkes begründet liegt und keineswegs überall siegen muß, well es garndcht überall die Bedingungen dafür gibt, die in Deutschland aus einer Reihe besonderer Gründe vorhanden waren. Nur kein NißTersländnls! Der Arbeitsfront! elter Ley ordnete an, daß die bisherigen»Sprecher der Jugend« künftig unter dem Namen»Betriebsjugendwalter« zu führen seien. Er fügte hinzu: Die Namensänderung wurde durchgeführt, um keinen Zweifel darüber aufkommen zu lassen, daß von einer Interessenvertretung alten Stils bei der Ausübung dieser Fünktion keine Rede sein kann. Dieser Unterstreichung hätte es nicht bedurft. Daß ea für den Arbeitnehmer keine Interessenvertretung- mehr gibt, hat jeder deutsche Jung- und Altarbelter längst am eigenen Leibe zu spüren bekommen. Hamstern. In einem Brief aus Bayern wird mitgeteüt;»Bei uns gibt es jetzt wieder Leute, die zum Hamstern geben. Auf der Straße von A nach B standen in den letzten Tagen Polizeibeamte in Zivil und durchsuchten die Passanten die vom Lande kamen, ob sie nicht bestimmte Lebensmittel haben und wo sie sie gekauft haben. Die Bauern halten jetzt mit dem Schweineverkauf zurück, weil sie glauben, die Preise müssen noch hinauf gehen. Beim letzten Markt sind in München nur fünf Schweine zum Verkauf aufgeboten gewesen.« »Am Nordpol blühen die Apfelsinen•••« Eäneo Morgen« Heß Karbolke ratlos«eine Zeitung, den»Thingbotan« auf die Kaffeetasse sinkon.»Was gibt'«,« erkundigte sich die Gattin,»haben die Japaner Addis Abeba besetzt?«— Geographie war ihre schwache Seite.—»Nein, aber hier steht: Am Nordpol, wo jetzt die ApfelsLnan blühn, ist der Salondampfer Walhall mit 800»Kraft durch Freu- dec-Paasagieren angekommen... Wie sollen denn am Nordpol Apfelalnen blühn?« »Nu, se druck ens doch«, meinte Frau Karbolke gleichmütig. »Aber am Nordpol ist ringsum Ei« und Wasser!« »Bist du vi eileicht da gewesen?« »Das hab ich schon in der Schule gelernt. Da ist Schnee und Eis. Und viel zu i"»it ist es für Apfelsinen. Da wächst nicht m«] Gras.« Das hat man eben früher nicht so gewußt. Damals habense uns ja in allen Sachen belogen und betrogen. Wer hat mix denn als Mädchen gesagt, daß man nicht mit Juden verkehren darf!« »Da« ist was andres. Daß es am Nordpol kalt ist, ist doch bewiesene Tatsache.« »Daß man nicht mit Juden verkehren darf, ist auch bewiesene Tatsache.« Karbolke blieb hartnäckig. Er achrieb eine Karte an die Redaktion des»Lhingboten«. Postwendend erhielt er Antwort: »Da Sie über den Inhalt unseres Parteiblattes meckern, haben wir uns veranlaßt gesehen, Ihre Voranmeldung für die Winterhilfe zu streichen. Außerdem Ist ihr Ausschluß aus der NSDAP beantragt.« »Da haste die Bescheenung«, jammerte FVau Karbolke,»Das kommt nur von Deiner unnützen Quengelei. Jetzt kriegen wir die billigen Kohlen moh. Was gebt Dich an, ob es am Nordpol kalt ist! Kümmre Dich lieber drum, daß wir was zu heizen haben.« Karbolke setzte sich hin und schrieb einen langen Entsohukligungsbrief an die Redaktion des»Thingboten«. Er sähe sein Unrecht ein. Er sei überzeugt, daß am Nordpol viel bessere Orangen wüchsen als beispielsweise in Palästina, wo das jüdische Parasitenvolk trotz günstigen Klimas nur Disteln von Apfelsinenbäumen erntet. Karbolke erhielt darauf gnadenweise