Verlag; Karlsbad, Haus„Graphia"— Preise und Bezugsbedingungen siehe Beiblatt letzte Seite Ein Sies der DemoKratie Glänzender Wahlerfolg der dänischen Sozialdemokratie Nr. 124 SONNTAG, 27, Okt. 1935 (SDlIatdcttwIraftfcf)** Aus dem Inhalt; Diktatur der Generaldirektoren Hugenberg und Seldte Wer ist der innere Feind? Jenseits des Rechts Der demokratische Sozialismus hat am 22. Oktober in Dänemark einen glänzenden Sieg errungen. Die von der Sozialdemokratie geführte dänische Regierung ist aus dem kurzen, aber sehr heftigen Wahlkampf mit einem erheblichen Machtzuwachs hervorgegangen. Dieses Ergebnis verdankt sie dem großen Erfolg der dänischen Sozialdemokratie. Unsere Bruderpartei verbucht einen Gewinn von rund 100.000 Stimmen und 6 Mandaten. Die zweite Regierungspartei, die Radikalen, gewinnen 6000 Stimmen und kehren mit unveränderter Mandatzahl ins Parlament zurück. Im neuen Parlament besetzen die Sozialdemokraten 68 und die Radikalen 14 Mandate bei einer Gesamtzahl von 148 Mandaten, so daß die Regierung Stauning jetzt über eine sichere Mehrheit im Folke- tbing verfügt. Der Erfolg unserer dänischen Genossen gewinnt noch an Bedeutung, wenn man die allgemeinen Umstände in Betracht zieht, unter denen die Wahlen durchgeführt wurden. Die Regierung Stauning ist seit sieben Jahren im Amt, sie ist eine Koalitions- regierung, die im Folkething zwar eine schwache Mehrheit besaß, aber im Landsthing ständig auf den Widerstand der beiden Oppositionsparteien, der Konservativen und der Bauernpartei, stieß, die im Landsthing auf Grand eines veralteten General Fritsch, der Oberbefehlshaber des Landheerea, hat dieser Tage bei der Einweihung eines Totengedenkmales in Bremen eine Rede gehalten, die wenig beachtet worden ist, obwohl sie Aufmerksamkeit verdient. Der General, der häufig in einen Gegensatz zum Nationalsozialismus gestellt worden Ist, hat in der Bremer Bede Adolf Hitler geradezu exaltiert gefeiert. Er gelobte dem Manne, der die Flamme der alten Hee- restradition mit der neuen Flamme einer wehrfreudigen Massenbewegung vereint habe, »unvergängliche Gefühle des Gehorsams und der Treue«. Das sind Wort«, die über die derzeitige Stellung des Generate und mit ihm der Reichswehr zur Person und zur Politik Hitlers keinen Zweifrf zulassen. Die Wehrmacht und ihr Oberster Kriegsherr sind In dem Willen einer gewaltigen Aufriistnngs- politlk auf Gedeih und Verderb verbunden. Wenige Tage später, als die Kriegsakademie in Berlin den Gedenktag ihrer Gründung vor 125 Jahren feierte, wurde Hitler durch Blomberg als der Vollender der Lebensziele Scharnhorsts gerühmt und das »Sieg Heil!« galt dem Schöpfer des Dritten Reiches, der geeinten Nation und der neuen Wehrmacht Noch einen Tag später redete Dr. Göbbels im Sportpalast zu Berlin vor 15.000 SA-Leuten, die er mit Napoleons»Alter Garde« verglich. Man hätte eigentlich erwarten dürfen, daß der Propagandist des Nationalsozialismus in einer Woche so starker militärischer Ruhmreden auf den Führer und Reichskanzler sich durch einige Komplimente an die Adresse der Generale revanchiert hätte. Dies um so mehr, als in denselben Tagen die letzte zivile Konkurrenz der SA, nämlich der »Stahlhelm«, unter einem Jammerlappen Seldte endgültig liquidiert und sein Vermögen von der großen Parteikasse geschluckt wurde. Merkwürdigerweise benutzte aber Wahlrechts die Mehrheit bildeten. Als in der letzten Zeit eine frachtbare Zusammenarbeit mit dieser Opposition absolut unmöglich wurde, entschloß sich die Regierung zur Auflösung des Parlaments. Das dänische Volk hat in diesen Wahlen seine Zustimmung zu der sozialdemokratischen Regierangspolitik in eindeutiger Weise zum Ausdruck gebracht. Die Arbeiterschaft, die der Stanning-Regierang die Sicherang ihres Lebensstandards vor den Folgen der Weltwirtschaftskrise verdankt— die Zahl der Arbeitslosen ist in Dänemark von fast 200.000 im Winter 1932/33 auf etwa 60.000 zurückgegangen — steht zur Sozialdemokratie. Die Kommunisten haben in ganz Dänemark 24.000 Stimmen erhalten. Ihre Wähler bilden ein bedeutungsloses Häuflein neben dem Wuchtigen Block der 759.000 sozialdemokratischen Stimmen. Die oppositionelle Bauernpartei, Ven- stre, hatte gehofft, unter den dänischen Bauern in ihrem Kampf gegen die Agrarpolitik der sozialdemokratischen Regierung Erfolge zu erzielen. Sie sympathisierte auch mit der sogenannten LS-Bewegung, einer radikalen mit faschistischen Gedankengänge spieleden Bauernbewegung, die vor einigen Monaten den Bauernzug auf Kopenhagen in Szene setzte und dann den sogenannten Valutastreik prokla- Göbbete die so naheliegende Möglichkeit einer schwungvollen Huldigung der Einigkeit zwischen SA, SS und Partei hier und Wehrmacht dort keineswegs. Er wehrte sich vielmehr wieder einmal gegen die Forderung»gewisser Elemente«, daß diese oder jene Parteiorganisation oder gar die Partei aufgelöst werden solle. Diese»Elemente« scheinen doch nicht gerade schwach zu sein, wenn der Propagandaminister immer wieder sich öffentlich gegen sie zur Wehr setzt. Sollte es unbeabsichtigt sein, wenn Göbbels zur Begründung der Notwendigkeit des Fortbestehens der NSDAP einen Vergleich mit der Wehrmacht zieht? Er meint, auch wenn alle Deutschen soldatisch dächten, würde man doch die Wehrmacht nicht auflösen, well man sie gegen den äußeren Feind brauche. Die Partei aber und ihre SA ständen gegen den inneren Feind, gegen den man die Soldaten nicht einsetzen wolle. Es sind doch eigentlich düstere Phantasien, die Herr Göbbels da mitten in der angeblich schönsten Volksharmonie entwickelt. Um so mehr, als er ganz zu vergessen scheint, daß auch eine gewaltige Polizeimacht im Reiche vorhanden ist, die doch eigentlich etwaiger Aufstände, die auch für den kühnsten Revolutionär am weiten Horizont und in der größten Ferne noch nicht sichtbar sind, Herr werden müßte. Irgend etwas stimmt da nicht. Vielleicht ist Herrn Dr. Göbbels aufgefaUen, daß die Herren Generale zwar den Führer und Reichskanzler Immer höher in den Olymp der militärischen Halbgötter erheben, gelegentlich auch Oefe Verbeugungen vor der»nationalsozialistischen Weltanschauung« machen, die so außerordentlich für die Wehrmacht, für deren Offiziere und deren Karriere sorgt, daß dieselben Herren Generale aber stumm bleiben. wenn es um die NSDAP, die SA und die SS und um deren Bonzokratic geht, die an- mierte. Die Spekulation der Bauernpartei ist am gesunden politischen Sinn der dänischen Bauernschaft gescheitert. Die Bauernpartei kehrt mit einem Verlust von 10 Mandaten ans dem Wahlkampf zurück. Der politische Radikalismus hat in Dänemark keinen Boden. Das haben auch die dänischen Nazis erfahren, die ganze 16.000 Stimmen auf ihren Listen vereinigen konnten. Und selbst in den ehemals deutschen Gebieten in Süd-JUtland hält sich der Stimmenzuwachs der deutschen Nazis in bescheidenen Grenzen; er wird aufgewogen durch die Erfolge, die die Sozialdemokratie selbst in diesen Gebieten erringen konnte. Für die demokratische und sozialistische Welt bedeutet das Bekenntnis des dänischen Volkes zu der stetigen zielbewußten Aufbauarbeit der Regierung Stauning eine große Genugtuung, und die Sozialdemokraten im Dunkel des faschistischen Deutschlands werden aus dem glänzenden Sieg der dänischen Sozialdemokraten neue Kräfte für ihren schweren Kampf um die Errichtung eines freien und demokratischen Deutschland schöpfen. Die dänische Sozialdemokratie kann mit verstärkter Kraft ihr Aufbauwerk fortsetzen; und die Welt hat die Gewißheit: der Norden bleibt unzerstörbares Bollwerk der Demokratie. scheinend doch von den Generalen nicht ganz voll genommen werden. Irgend etwas stimmt da immer noch nicht. Es sind nicht unsere Sorgen, aber Herr Dr. Göbbels muß sie doch recht ernst nehmen, und man kann eigentlich nicht leugnen, daß er, wenn es um Schicksalsfragen der Nazibewegung ging, immer eine ganz gute Witterung gehabt hat. H. W. Absdnedsessen Am 21. Oktober 1935 ist der Austritt Deutschlands aus dem Völkerbund effektiv geworden. Der deutsche Konsul in Genf, W. Krauel, beschloß, diesen Tag zu federn. Er lud einige der höchsten Funktionäre des Völkerbundes zu einem Diner am 21. Oktober 1935 ein. Zu seinem Erstaunen ließen sich alle Eingeladenen höflich entschuldigen. Der Takt der braunen Diplomatie ist nicht zu übertreffen. Goring und Mussolini Die Nationalzeitung in Essen, das Organ Görings, läßt die geheimen Wünsche der Hlt- lerpolitik erkennen. Sie richtet an Mussolini die Frage, ob nicht der Nationalsozialismus und der Faschismus sich heute über die Alpen hinweg die Hand reichen könnten. Ueber die Alpen hinweg: das heißt über Tirol hinweg. Dieser Händedruck soll die Selbständigkeit O esterred cha zerdrücken. Die Nürnberger Judengesetze im Unterricht. Der Sächsische VolksbUdungskommis- sär hat angeordnet, daß in allen Schulen die Gesetze, die für den Aufbau des nationalsozialistischen Staates erlassen werden, künftig im nationalpolitischen Unterricht behandelt werden sollen. Aus dem letzten Halbjahr werden u. a. das Reichsflaggengesetz,' das Reichsbürgergesetz und das Gesetz zum Schulz des deutschen Blutes und der deutschen Ehre(das Judengesetz) genannt. 1 Jenseits des Redits Hitlers endgültige Trennung vom Völkerbund. Seit dem 21. Oktober ist Hitlerdeutschland auch formell nicht mehr Mitglied des Völkerbundes. Mit der Miene eines ermüdeten Kavaliers hat es den Betrag seiner letzten Zeche über den Tisch geschoben; 5 Millionen Goldfrancs gleich 4 Millionen Goldmark. Nicht wenig für einen Staat, dessen Gold- und Devisenschatz 167 Millionen beträgt und die Währung mit 2,8 Prozent deckt! Doch ist es ein alter Grundsatz, daß man seine kleinen Schulden bezahlen muß, wenn man große machen will. Außerdem gibt es im Statut einen lästigen Paragraphen, wonach die Mitgliedschaft erst erlischt, wenn der Austretende alle seine Verpflichtungen erfüllt hat. Also fort mit Schaden! Etwas fröstelnd tritt der Kavalier in die Nachtluft. Er muß sich noch einmal selber bestätigen, daß er bei dem ganzen Handel eine tadellose Figur gemacht hat. »Es gibt in dieser Sache nur eine Stimme«, schreibt die»Deutsche Allgemeine Zeitung«,»es war richtig. Reichsminister Frick hat in seiner Saarbrückener Rede für alle Deutschen das festgestellt« Also auch für die Herren des Auswärtigen Amts, die sich mit der gleichen Ergebenheit von Stresemann in den Völkerbund hinein, wie — der Herr hats gegeben, der Herr hats genommen!— von Hitler wieder hinausführein ließen? Selbstverständlich auch für sie. Reichsminister Frick hat für alle Deutschen festgestellt, daß es' richtig war. Erhebt sich Widerspruch? Wir hören keinen! Die einzigen Deutschen, die heute noch ein offenes und auf Kenntnis der Tatsachen begründetes Urteil abgeben können, sind die Vertriebenen, die Proskribierten, die der Gewalt des Dritten Reiches Entrückten. Sie werden sich dem Urteil des Frick nicht anschließen! Sie sehen, daß in Wirklichkeit alles ganz anders ist, als man es den Kindern des Dritten Reiches erzählt. Die Republik von Weimar war mit wenigen Soldaten nach außen besser gesichert als das Dritte Reich mit seiner ungeheuren, alle Mittel des Landes verschlingenden Heeresmacht. Deutschland war als Mitglied des Völkerbundsrates unvergleichlich angesehener und einflußreicher als es heute ist. Auch der Hinweis auf die gegenwärtigen Schwierigkeiten der Völkerbundstaaten im Konflikt mit Italien zieht nicht Deutschland ist ihnen durch seinen Austritt keineswegs entgangen: in seinem Schwanken zwischen England und Italien ist es nur ein Spiegelbild Prankreichs. Deutschland hat durch seinen Austritt nur verloren und nichts gewonnen. Dennoch: dieser Austritt war eine im Sinne des neuen Staatsgeists konsequente Handlung. In einem Völkerbund, der auch nur einigermaßen seinen Namen verdient, kann für das Reich Hitlers kein Platz sein. Das Italien Mussolinis, das vom Völkerbund moralische und physische Kränkungen erduldet, ohne ihn deshalb gleich zu verlassen, handelt weniger konsequent, wenn auch wahrscheinlich klüger. Es will auf ein Instrument, dessen sich das Britische Weltreich und Sowjetrußland mit Vorteil bedienen, ohne letzte Not nicht verzichten. Darum hat es der unlogische IHuMjAu Jmm femd Düstere Phantasien im Sportpalast Faschist mit dem Hinauslaufen nicht so eilig wie der konsequente Hitlerdeutsche. Die Konsequenz soll also nicht bestritten werden. Sie ist in diesem Fall in Berlin zu Hause, nicht in Genf. Hitlerdeutsch- Iftnd hat richtig gemerkt, daß es in einen Völkerbund nicht gehört. Der Völkerbund hat aber bisher noch nie bemerkt, daß er Mitglieder hat, die hinausgeworfen zu werden verdienen, wie Deutschland schon vor seinem freiwilligen Austritt und Italien jetzt. Denn Völkerbund und Faschismus, das geht ehrlicherweise nicht zusammen. Wie will man die Anwendung blutiger Gewalt zwischen den Staaten verhindern, wenn sie innerhalb der Staaten gepredigt, gepriesen und mit satanischer Lust geübt wird? Wie will man eine Rechts weit gründen, v/o ihr Grundelement, der Rechts- staat zu existieren aufgehört hat?»Diktaturen führen immer zum Krieg«, sagt B a 1 d w i n.»Um die inneren Angelegenheiten fremder Staaten kümmern wir uns nicht«, sagt Samnel Hoare. Wer hört da nicht den gellenden Widerspruch? Der Völkerbund ist konstruiert aus den Prinzipien der Demokratie. Er ist von jenem Wilson gegründet, der die Existenz einer»unverantwortlichen Macht«— er meinte Wühelm n.— für unvereinbar mit einer friedlichen Völkergemeinschaft hielt. Der Völkerbund beruht auf den Prinzipien der freien Diskussion, der Verständigung unter Gleichberechtigten, der freiwilligen Uebereinstimmung oder der Unterordnung unter die Mehrheit Er wird getragen von England, Frankreich, Belgien, Holland, der Tschechoslowakei, den skandinavischen Staaten, er wird verlassen oder mißachtet von Deutschland, Italien, Oesterreich, Ungarn. Will man noch mehr Beweise dafür, daß die Demokratie das Leben des Völkerbundes ist und der Faschismus sein Tod? Hätte Hitlerdeutscbland nicht selber erkannt, daß Raubmörder nicht in den Vorstand eines Vereines zur Bekämpfung der Kriminalität gehören, so säße es heute noch im Rat. Diese Erkenntnis spricht zwar nicht für Hitler, aber gegen den Völkerbund. Wenn der Völkerbund trotz seiner inneren Schwäche immer noch lebt und mitunter überraschende Beweise seiner Lebensfähigkeit gibt, so dankt er das nur derKraft der Idee, auf der sein Dasein beruht. Er muß zu dieser Idee wieder zurückfinden, wenn er nicht zum Unheil der Menschheit untergehen will! Hilgenberg und Seldte Der Ausgang der Harzburger Front Das Bündnis zwischen der Wehrmacht, Hitler und Schacht hat die ehemaligen Vorkämpfer der alten Reaktion schachmatt gesetzt. Hugenberg spielt nur mehr eine leicht komische Rolle. Man hat geflüstert, er habe in Nürnberg gegen die Abschaffung von Schwarzweißrot zu opponieren gewagt. Tatsache ist, daß er nach Nürnberg ein Sanatorium aufsuchen mußte, weil er geistig völlig zusammengebrochen war. Das Deutsche Nachrichtenbüro dementiert. Aber wer gibt etwas auf diese Dementis? Während Hugenberg die Welt nicht mehr versteht, versteht sie S e 1 d t e, der frühere Stahlhelmhäuptling, um so besser. Es hat Illusionisten gegeben, die noch zur Zeit der Auflösung des Stahlhelms diesen Menschen, der aus Heinrich Manns Roman »Der Untertan« entsprungen sein könnte, für eine politische Persönlichkeit und eine politische Kraft gehalten haben. Dieser Minister des Dritten Reiches ist nicht geistig zusammengebrochen, er stirbt nicht an gebrochenem Herzen wegen des Endes von Schwarzweißrot— er schwimmt vielmehr auf der großen Kotlache der braunen Korruption oben auf, und er hat seine Schäf- lein im Trockenen. Seldte ist Alleinbesitzer der»Kreuzzeitung« in Berlin. Die»Kreuzzeitung« stellt am 1. November ihr Erscheinen ein. Redaktion und Personal werden entlassen, Seldte aber hat ein Vermögen damit gemacht. In seiner Hand ist das damals altkonservative Organ zu einem Korruptionsinstrument ganz besonderer Art geworden. Der Herr R ei chsarbeits minister Seldte hat sich mit dieser Zeitung in die Aufrüstungskonjunktur eingeschaltet Es ist in Berlin stadtbekannt in welcher Weise er seine Reichswehrbeziehungen benutzt hat Von nahezu allen Großfirmen, die an der Aufrüstungskonjunktur beteiligt waren, erhielt er Riesensubventionen— teils in Gestalt von Inseraten, die in keinem Verhältnis zu Leserkreis und Auflagehöhe des Blattes standen, teils in Gestalt von baren Schmiergeldern. Die besondere Nuance war dabei, daß diese Firmen die Subvention nicht freiwillig gaben, nicht um der besonderen politischen Tendenz der »Kreuzzeitung« willen, wie Naivlinge annehmen möchten, sondern unter dem Druck erpresserischer Methoden, Stahlhelmgesinnung und Schwarzweißrot waren für das Seidtesche Organ der Deckmantel für eine Geldquetsche und revolverjournalistische Methoden. In diesem Sumpf plätscherten zusammen mit dem Herrn Reichsarbeitsrainister höchste Würdenträger des Dritten Reichs und hohe Offiziere herum. Es ist ein besonderes Kapitel zu dem Thema, wie die Riesenvermögen der Großwürdenträger des Dritten Reiches entstehen. In den Kreisen des Stahlhelm« sind diese Dinge seit langem bekannt Dort bat sich ein weißglühender Haß gegen Seldte angesammelt, der nur noch eines kannte: an seinem gutbezahlten Ministeramt um jeden Preis zu kleben und mit Hilfe der »Kreuzzeitung« Geld zu machen. Man versteht nun, daß dieser Mann seine Organisation Schritt für Schritt verleugnet« und preisgab, daß er mit dem ideologischen Rest dieser Organisation nichts mehr zu tun hatte. Er hat in Nürnberg dem Flaggengesetz zugestimmt. Treue zu Schwarzweißrot? Was für ein überlebter Standpunkt für einen Goldmacher des Hitlersystoms! Die Gelegenheit ist günstig, die»Kreuzzeitung« als Geld presse stillzulegen, nachdem das große Korruptionsgeschäft gemacht ist. Die naiven Leute können dabei noch glauben, daß die Stillegung aus politischen Gründen geschehe! Dieser Mann, dessen Korruptheit sich selbst neben Göring noch sehen lassen kann, ist eine ganz besondere Zierde des braunen Systems. Er hat gezeigt, daß ein braver Bürger den Sinn des Systems ebenso gut erfaßt hat wie die geldlosen und darum geldgierigen Abenteurer und gescheiterten Existenzen aus dem Führerkreis der NSDAP, und deshalb ist er auch heute immer noch— Reichsarbeitsminister des Dritten Reichs. Sport mit J udentotsdila� Vor kurzem ging durch einen Teil der Pieese die Nachricht, daß bei einem deutsch- polnischen Füßballmatch in Rattbor in Schlesien ein polniach-Jüdlscher Spieler namens Edmund Baumgartner ermordet worden sei. Diese Nachricht wurde von den deutschen amtlichem Stellen in der entsch' aden- sten Form dementiert. Jetzt hat die Warschauer Jüdische Telegr&phenagentur feetge- stoiit, daß der genannte Edmund Baumgartner tatsächlich aus Anlaß einer Sportveranstaltung in Schlesien ermordet worden ist, Allerdinga waren«inzelno Details der ersten Nachricht unriohtlg. Am 15. September wurde in Breslau — nicht in R&übor— ein deutsoh-polaischea Fußballmatch ausgetragen. Juden war der Zutritt zu den Tribünen streng verboten, auch spielte bei den Polen kuta Jude mit. Als nach Schluß der Kampf spiele die Menge aus dem Stadion drängte, wurde das Gerücht verbreitet. daß Bloh doch Juden in die Zu- sohauerschaft eingeschlichen hätten. Passanten außerhalb des Stadions, die man für Juden hielt, wurden Uberfallen und blutig geschlagen. Dabei geriet eine der nationalsozialistischen Schiägerbanden auch an den jungen Edmund Baumgartner, den Sohn eines Breslauer jüdischen Bürgers, der im Weltkrieg gefallen war. Sie mißhandelten den Unglücklichen, der sich keiner»Schuld« bewußt war, da er dem FüßbaUkampf gar nicht beigewohnt hatte, so furchtbar, daß er kurz darauf verschied. Daß es der Warschauer jüdischen Telegraphenagentur gelungen ist. wenn auch erst nach fünf Wochen, den wahren Tatbestand festzustellen, ist eine außerordentliche Leistung. Die deutschen Behörden hatten alles getan, um das Bekanntwerden der blutigen Ereignisse unmöglich zu machen. So waren die»Breslauer Nachrichten« sofort konfisziert worden, als sie die Nachricht brachten. daß ein Jude, der sich unter die Zuschauer Im Stadion eingeschlichen hätte, gelyncht worden sei. Man will sich das große Reklame- fest für den Nazismus, das im nächsten Jahr unter dem Namen einer Olympiade veranstaltet werden soll, nicht durch das Bekanntwerden der Wahrheit Im Ausland verderben lassen. ♦ In Breslau starb dieser Tage plötzlich der Großkonfektionär Dresel aus Görlitz. Dresel war von zwei Lehrtungen beschuldigt worden, sich an ihnen sittlich vergangen zu haben, er wurde deshalb wegen»Rasse n- schändung« angeklagt. In der Gerichtsverhandlung gestanden die Jungen, daß sie von Nazis angestiftet worden waren, eine falsche Anzeige zu erstatten. Dresel wurde freigesprochen und ging zu seiner Erholung In einen schieaischen Badeort. Dort wurde er abermals verhaftet und dann nach Breslau gebracht. Auf eine Frage seiner Frau nach dem Grund der abermaligen Verhaftung wurde Jede Antwort verweigert. In Görlitz tobten inzwischen Pöbelhaufen vor dem Geschäft und zerschmetterten alle Schaufenster. Die Frau, die das Geschäft weiterführen wollte, fand bei der Polizei keinen Schutz und mußte das Geschäft schlleßein. Bald darauf erhielt sie die Nachricht, daß ihr Mann in der Haft gestorben sei. In Görlitz hat dieser neue Mord so große Erregimg hervorgerufen, daß die Nachricht von ihm auch ins Ausland drang, obwohl die Polizei dies unter schwersten Drohungen zu verhindern versucht hatte. Dundertmarksdiein gefällig? An der Amsterdamer Börse zahlte man am 19. Oktober 1935 für eine, deutsche Banknote von 100 Reichsmark 38,50 holl. Gulden. Die« bedeutet einen Rekordtiefpnnkt Ii» der Bewertung deutscher Reichsmark- Banknoten, nachdem der Kurs schon monatelang Im Sinken war. Der offizielle Wechselkurs der Mark betrug am gleichen Tag 50,86 holl. Gulden, also 20,75 mehr. Nun steht zwar der offizielle Kurs der Mark schon seit langem nur auf dem Papier. Er bietet aber den zu- verlässigen Maßstab für die Entwertung der Mark Im Ausland, denn er ist der Kurs der G o I d ni a r k. An Ihm gemessen, werden für einen deutschen Hundertmarkschein an der Amsterdamer Börse nur noch rund 64 Goidmark bezahlt. Die Erscheinung, ein Inflations-Symptom, hat auch sehr reale Folgen. Bisher konnte man vom Ausland noch Deutschland auf billige Reiseraark fahren. Solche Reisemark(In Form eines Schecks) bekam jeder Reisende aber nur in beschränktem Umfang zugewiesen, etwa seinem Verzehr in Hotels usw. entsprechend. Er mußte sich wogen der Verwendung kontrollieren lassen. Denn es sollte verhindert werden, daß Aüslan- der für biUige Reise mark In Deutschland Waren und Sachwerte hamsterten. Nun kosteten 100 Reichsmark am 19. Oktober in Amsterdam 38 holt Gulden, also nur einen halben Gulden weniger als deutsche Banknoten in Natura. Damit sind alle mit der Reichsmark verbundenen Beschränkungen illusorisch geworden. Denn statt oder neben Reichsmark kann sich der holländische Reisende soviel deutsche Banknoten, wie er will, fast zum gleichen Kurs mitnehmen. Kauft er alsdann in Deutschland für tausend Mark Sachwerte und bezahlt sie mit In Holland gekauften Banknoten, so kosten ihn die Sachen nur 385 Gulden oder 640 Goldmark! Er kaüf t also alle deutschen Waren mit 36 P rozent Rabatt. Lohnt sich schon! Bei den RcLsemark konnte Schacht zum Trost den deutschen Untertanen sagen: die Kursdifferenz zahlen die ausländischen Gläubiger, deren eingefrorene Guthaben durch die Reisemark aufgetaut wurden. Die Kursdifferenz der deutschen Banknoten geht aber auaechlieBUch auf dentsche Kosten. Denn die jetzt Im Ausland befindlichen Banknoten sind fast sämtlich ans Deutschland gefluchtetes Kapital, das die Wertverminderung in Rauf nimmt, um nur herauszukommen. Neben Schachts Exportprämie hilft auch der niedere Banknotenkurs beim Ausverkauf der deutschen' Substanz. M. i ziehen mit ihm los, nach wenigen Minuten Schüsse— und Kohn ist»auf der Flucht erschossen«. Darum dürfen die Gefangenen und die Entlassenen, solange sie In der Macht des Dritten Reiche« sind, nichts sagen, wenn sie nicht Gefahr laufen wollen, wieder Ins Konzentrationslager zu kommen oder In die Ewigkeit befördert zu werden. So müssen sie oft, unter dem eisernen Zwang, die Unwahrheit sagen— und erst wenn sie sich auf nlchtdeutachem Boden gerettet haben, löst sich Ihre Zunge, und das furchtbare Erlebte, all das Grauen wird berichtet Daher sind alle Berichte, mit denen sich das Hitlerreglme salvleren will, keinen Pfifferling wert! Erzwungene Lügen In dem Anti- Seger- Buch des Sturmbannführers Schäfer über das Konzentrationslager Oranienburg sind Im Anhang eine Anzahl von Anerkennungsschreiben abgedruckt die die Häftlinge Herrn Schäfer angeblich fred- wüllg zur Verfügung gestellt haben. Freiwillig? Man muß die ganze Niederträchtigkeit der Hitler-Banditen kennen, um zu erfassen. was diese FVeiwüllgkeit zu bedeuten hat. Man muß endlich auch In der Auslandspresse begreifen, daß die Konzentrationshäftlinge auch nach ihrer Entlassung unter einem furchtbaren Druck stehen.• Man muß der Oeffentllchkelt das System, nach dem die Gestapo arbeitet mitteilen, um den Wert solcher durch die Nazi-Machthaber veröffentlichten Erklärungen in da« richtige Licht zu rücken. Ein in Dachau 27 Monate lang Inhaftierter erzählt aus seiner langen Erfahrung, daß man in der Auslandspresse nie Namen von Mißhandelten nennen darf, die sich noch im I-ager befinden, denn das bedeutet neue. furchtbare Torturen für den Gefangenen. Steht noch gar geschrieben:»Der X. ist ungebrochen«. so benutzen das die Peiniger, um den»Ungebrochenen« zu brechen. Wird ein Gefangener über Todesfälle vernommen, und Ist der Gestapomann noch so i freundlich, nie darf man sagen, daß man etwas weiß. Wehe dem Wissenden, er wird dem Kommando z. b. V. zur weiteren Veranlassung Uberwiesen. Flötet der vernehmende Kommissar noch so lieblich:»Ach, Herr X., Sie kennen doch den Y? Wissen Sie was von seinem Tode?«, so muß der Angeredete antworten:»Ich kenne ihm flüchtig, habe nur so etwas gehört, aber genaueres weiß ich nicht.« Der sozialistische Student Kohn hatte bei seiner Vernehmung wahrheitsgemäß er- j klärt, daß er angeschossen worden sei. Er ! hatte damit sein Todesurteil unterschrieben. Xach vierzehn Tagen ruft man ihn von der j Arbeit in einer Kiesgrube ab. Zwei SS-Leute Wie�s fgemadit wird... Kommt da zu einem Priester in Westdeutschland der Briefträger und liefert eine Sendung ab. Der Geistliche öffnet das Päckchen sofort und«ehe da... kommunistische Schriften und Propagandamaterial! Der Geistliche durebsebaut die Sache sofort und eilt dem Briefträger nach, den er höflichst bat, nochmal zurückzukommen. In Anwesenheit des Postbeamten rief er sodann einen Polizeimann vom Polizeirevier herbei und Ubergab diesem die Postsendung. Der Postbeamte mußte bezeugen, daß er die Sendung soeben gebracht hatte... Soweit war also alles in Ordnung... Nach ganz kurzer Zeit,— uns wurde gemeldet nach»Verlauf von etwa 15 Minuten« wünschte man denselben Geistlichen zu sprechen.— Gestapo stand vor ihm! Zweck de« Besuchs: Haussuchung! Der Geist- liehe war aber infolge seiner gezeigten Gei- nteegegenwart in der Lege, der»Geheimen« lächelnd erklären zu können:»Meine Herren. sie kommen etwas zu spät. Was sie suchen. 1 liegt bereits bei der Polizei 1« Die Herren erkannten, daß sie Mer jemanden gefunden, der die Machenschaften Ihrer Auftraggeber rechtzeitig durchschaut hatte, — und zogen ab... Wer dem Priester das Material zugesandt hatte, ist nicht schwer zu erraten. Der Pre» ist eine Meldung Uber den sich mit dem Kommunismus verbrüdernden polltischen Katholizismus entgangen und dem Gefängnis einstweilen ein Schutzhäftllng... Grafisdi ander Göhbels Göbbels hat angeordnet, daß von den Ehrentafeln für die im Weltkrieg Gefallenen die Namen der JUcB sehen Kriegsopfer ausgemeißelt werden. Göbbels hat den Weltkrieg als Student an deutschen Universitäten erlebt Seine JüdL sehen Kommilitonen sind gefallen. Göbbels ruft ihnen ins Grab nach;»Ei war eine Gemeinheit daß ihr gefallen seid, ich mache euer Opfer rückgängig.« Andere Völker beugen«eh vor den Opfern des Weltkriege«. Sie haben die Idee de« unbekannten Soldaten, das braune System dagegen die Idee des Parteibuchpatriotismus. Deutsche Streifllditep Starke Angriffe, sdiwadie Verteidigung Wie wir dem gläubigsten deutschen Blatte fteisdual Jm DeuistMtud Die Situation auf dem deutschen Lebens- entnehmen, der»Frankfurter Zeitung«, deren uüttelmaritt bleibt im wesentlichen unver- Chefredakteur Kircher zu Jesus Christus und ändert, die Knappheit an Marganne, Fett, zu Adolf Hitler mit der gleichen Inbrunst Butter, Speck und Schweinefleisch hat sich betet, steht der Artikel des Parteiprogramms trotz aUer angekündigten Maßnahmen »unverrückbar« fest: der Natlonaleo- zialismus bekennt sich zum poai- tiven Christentum. Nicht nur das: eher noch etwas verstärkt. In den Reden, die die Hitler und Göbbels in letzter Zeit gehalten haben, wird dabei predigt schon in den Kirchen. So Baidur von neuer Ton angeschlagen. Man spricht Schirach bei der Gebietsführertagung der besonderem Nachdruck von der angeb- Hitlerjugend im Dom zu Braunschweig. Dort heben Raumnot des deutschen Volkes, hat er einen neuen Heiligen des nationalso- v�n den fehlenden Kolonien. Es zialistischen positiven Christentums ausge- scheint, daß die Diktatur die Aufmerksamrufen, den erklärten Atheisten Friedrich H- keit des deutschen Volkes von dem Zu- von Preußen. Er ist nach der Theologie des sammenbruch ihrer Wirtschaftspolitik Baidur von Schirach ein Gottgesandter wie nach außen ablenken und das Ausland für Adolf Hitler, ein Zeuge der Offenbarung einer von ihr verschuldete Not verantwort- Religiosität der Tat j fcch machen will. Man weiß, daß die groß- Mit einer Zielsicherheit der die katholl- kapitalistischen Kreise und als ihr Wort- sche Kirche bei ihrer jetzigen Fuhrung bis- führer Herr Schacht immer wieder die her keinen gleichwertigen Widerstand ent- Forderung nach Kolonien erhoben haben, gegenzusetzen vermag, greift der National- während Hitler die Bekriegung des Bol- Sozialismus die konfessionelle j u- 1 schewismus und die Eroberung der Siod- g e n d an. Er überläßt der katholischen lungsgebiete im Osten als nächstes Ziel Kirche die ältere Generation, deren Gebets- seiner Außenpolitik proklamiert hat. Jetzt Übungen um nicht stören, aber er bricht, und scheinen aber auch bei den Nationalsozia- zwar mit unleugbarem Erfolg, in die katholl- Ustftn die Kolonialforderungen sehen Jugendvereine ein. Triumphlerend mel-, 1 0 den Vordergrund zu treten und det der Regierungspräsident von Nieder- kürzlich hat der General v. E p p sogar in bayem, daß keine Beamtenfamilie mehr Kin- offener Polemik gegen die Pläne Kosender in konfessionellen Jugendvereinen habe, bergs, die Ausdehnung im Osten zu suchen, In dem erzkatholischen Trier sind 85 v. H. die Erwerbung von Kolonien als das wich- der Burschen und Mädels von den könnte. Nach kurzem Zögern hat sich DarrS entschlossen, das bisherige System trotz aller üblen Folgen aufrecht zu erhalten, ja in gewisser Hinsicht zu verstärken. Da trotz aller»Ernährungs- schlachten« und aller Preissteigerungen die landwirtschaftliche Produktion unzureichend bleibt, da es Darre sogar gelungen ist, den Schweineüberfluß, der während der vierzehn Jahre Schmach wiederholt zu verzeichnen war, in einen akuten Schweinemangel zu verwandeln, soll jetzt die— Nachfrage allgemein zwangsweise eingeschränkt werden. Ende September wurden für jeden einzelnen Schlächter die Schlachtungen und der Fleischumsatz ne noch etwas erhöht, während die Preise für die geringwertigeren Klassen um bis zu 3 Mark je Zentner unter den Höchstpreis von 50— 55 Mark herabgesetzt werden. Durch diese Vergrößerung der Spanne will man einen Anreiz zur stärkeren Ausmästung der Tiere geben, um so auch das Fettangebot zu vergrößern. Es handelt sich also um eine Verschärfung der Zwangswirtschaft und trotz aller schönen Redensarten wird ihre nächste Wirkung eine Verringerung der Schlachtungen, also eine Verringerung des Fleischangebots sein. Und es ist nicht einzusehen, wann dieser Zustand ein Ende finden soll. auf 80 Prozent und neuer- Denn was die deutsche Agrarwirtschaft in dings auf 70 Prozent der Vorjahrsziffer Wirklichkeit braucht, ist nicht die Steigebegrenzt. Diese Begrenzung soll die] rung des Zwanges, sondern umgekehrt Höchstpreisfestsetzungen sichern. Es hatte größere Marktfreiheit Die nämlich ein Wettlauf der Schlächter um Fleisch- und Fettknappheit würde sofort das Schweineangebot bei den Bauern ein- verschwinden, wenn den Bauern ausrei- gesetzt. Wie im Vorjahre während der chende Mengen Futtermittel zu vemünf- Dürre die Futtermittel, so wurden jetzt tigen Preisen zur Verfügung ständen, wie die Schweine nur gleichzeitig mit anderen das während der Jahre der Schmach im- mehr oder minder geringwertigen Gegen- mer der Fall war. Billige Futtermittel und ständen abgegeben. Indem jetzt die Nach- 1 billige Getreidepreise widersprechen aber t jji—< i den Verkaufsinteressen der Großgrundbesitzer und der Großbauern. Die National- den Hitler- tigste Ziel der Außenpolitik bezeichnet. .,____„„t„.inpm 1 So muß den Nationalsozialisten alles Organisationen erfaßt, und zwar unter einem__,. katholischen Regierungspräsidenten, der noch zum Besten dienern Zunächst erzeugen sie vom Zentrum Tuf seinen Posten gebracht eine Lebensrm telknappheit, indem sre worden ist. Der Landeshandwerksmeister sämtliche zur Verfügung stehenden Devi- Gamer in Hessen fordert auf. nur noch Hit- sen für«he Einfuhr der Knegsrohstoffe lerjungen als Lehrlinge anzunehmen. So ver- verbrauchen, un ann nu en sie e schärft sich der Tenur von Tag zu Tag. und Not, � nesige Umfan£ und das die Zahl der katholischen Eltern, die ihm zu trotzen wagen, wird geringer. S<5hon deshalb, well sie nicht die nötige Energie dee Widerstandes In der Kirchenführung spüren. Der Bischof von Meißen wurde verhaftet. wahnsinnige Tempo der Aufrüstung erzeugt hat, um die Kriegsziele des Imperialismus als ein elementares Volksbedürfnis darzustellen. Ihr Malheur bei dieser Argumentation ist freilich, daß Butter, Man berichtet von Erbitterung im Katholizls-; Schmalz, Fleisch und Speck ja nicht aus mus. Schön. Aber wo ist Im Inlande oder auch nur im Auslände, wo doch Katholikenführer frei reden könnten, auch nur ein lauter Protest? Man duckt sich, und es scheint fast, als fürchtete man weitere staatliche Zugriffe In die bischöflichen Palais und deren General vikariate. Es wäre ja auch sonderbar, wenn die Ganeralstaatsanwälte nicht gewisse Zusammenhänge zwischen den»Devisen- sebiebungen« unten und bestimmten Verantwortlichkeiten oben feststellen könnten, sofern sie es für notwendig halten. Während die katholische Kirche schweigt, trägt die nationalsozialistische Demagogie ihre Angriffe immer weiter vor. Planmäßig wird In Presse und Versammlungen damit gearbeitet, daß die Pfarrer, Mönche und Nonnen sehr wohl persönliche Vorteile von den Dovisenschlebungen gehabt hätten. Mit den gewonnenen Summen seien luxuriöse Ordenshäuser gebaut worden, in denen die Brüder und Schwestern bei allen Komfort ein recht behagliches Leben führten. Man rechnet da' mit, daß diese Agitation nur die engsten katholischen Glaubensscharen, die auf höchstens ein Sechste] der deutschen Bevölkerung geschätzt werden, abstoße, bei der großen Volkamefcrhett aber antiklerikale Empfindungen auslöse. Die katholischen Kirchenfürsten geben Jetzt auch die katholische Tagesprease preis. Man beschränkt sich darauf für die wöchentlich erscheinenden Kirchenblätter zu werben. So schreibt der Bischof Bornewaaser in Trier gelegentlich einer Werbeaktion »Bistumsblatt«:»Es ist bekannt, keine katholische Tagespresse mehr haben. DI« Behandlung religiöser Fragen hat nach staatlicher Vorschrift in den Tageszeitungen zu unterbleiben.« Auch der Aufforderung in diesem Jahre zugunsten des Partei-Winterhilfswerks auf eigene Caritas- Sammlungen zu verzichten, hat «ich die katholische Kirche gefügt. Das sind Zeichen der Schwäche, die von den besten deutschen Katholiken drinnen und draußen auch so empfunden werden. Der dauernde kirchliche Rückzug wirkt umso peinlicher, als viele und nicht gerade böswillige Beobachter ihn auch damit in Ver- hindunc brlncren, daß die Kirche nicht auf die von vielen Millionen Die Btschöfe den Kolonien bezogen worden sind, sondern aus Ländern wie Holland, Dänemark, oder den Vereinigten Staaten u. a., und daß die Lebensmittelknapp- heit erst eingetreten ist, nicht weil Deutschland nicht mehr Südwestafrika und Kamerun besitzt, sondern weil Herr Darre mit seiher Autarkiepolitik und Hitler mit seiner Rüstungspoldtik die Selbst- blockade über Deutschland verhängt haben. Vorläufig sieht es nicht so aus. als ob diese Selbetblockade so bald beseitigt werfrage so radikal eingeschränkt wird, hofft man diese neuesten»Koppelgeschäfte« zu unterbinden. Außerdem hat man in allen Orten mit Großviehmärkten den Ankauf außerhalb der Viehmärkte untersagt, wodurch das Direktgeschäft zwischen Landwirten und Fleischern, das bisher etwa die Hälfte der Schweineumsätze umfaßte, für die Großstädte unmöglich geworden ist. 1 Aber auch die Fleischer in den übrigen Orten dürfen Ankäufe nur tätigen unter Vorlage von Schlachtscheinen, die ihnen in der Höhe ihres Kontingents zugeteilt werden. Auch die Preisregelung erfährt eine Aenderung. Bisher waren Höchstpreise festgesetzt, tüe für die besten Qualitäten galten; seit dem Auftreten der Knappheit gab es aber in der Praxis keine Qualitätsdifferenzen mehr. Butter jeder Art war z. B. nur noch zu dem Spitzenpreis von 1.60 Mk. zu haben. Dasselbe galt für Schweine, die ebenfalls ohne Unterschied der Qualität nur noch zum Höchstpreis zu haben waren. Auf die Dauer müßte das dazu führen, daß die Bauern ihre Erzeugung auf die Herstellung geringer Qualitäten und knappster Gewichte beschränken. Deshalb werden jetzt die Preise gestaffelt und erhalten den Charakter von Festpreisen. Dabei wird der Preis für die schwereren Schweifür daß das wir bin düng bringen, staatlichen Zuschüsse Reichsmark verzichten wolle. scheinen die alte Wahrheit des Satzes zu verkennen, daß es gefährlich iat, in großen Dingen klug sein zu wollen. Weniger Fert- mehr Sdinaps In der Hungerblockade, die von der nationalsozialistischen Regierung über da« deutsche Volk verhängt worden Ist, kehren allmählich die Propagandamethoden aus der Kriegablockade Deutschlands wieder. Den absolut auf Fett versessenen deutschen Hausfrauen wird erzählt, daß sie froh sein können, an Hitlers Fleischtöpfen zu sitzen. In Holland, In England, in Amerika, überall in der Welt sei es viel schlimmer. Sogar das, friedliche Luxemburg wurde in der deutschen Presse des Fettmangels bezichtigt, obwohl, wie die Luxemburgischen Zeitungen in der Abwehr gegen das»Greuelmärchen« schrieben, die dortigen Bauern froh wären, ihren lieber- fluß an Schweinen absetzen zu können. Der Ministerpräsident Göring hat In Weißenfels die Meckerer mit der Behauptung zureebt gewlesen:»Früher haben Millionen unserer Volksgenossen überhaupt nichts zu essen gehabt«; sie dürften also In der verruchten Systemzelt von der Luft gelebt haben. Die Gaupropagandaleiter versuchen statistisch zu kommen. Einer namens Toni Winkel nkemp- ner vergleicht in der Nazlpresse die Preise von 1929 mit den jetzigen, freilich ohne dabei auch die Löhne zu berücksichtigen. Er lügt die armen Leute an. im Jahre 1929 habe da«! dann Pfund Butter M 2.80 gekostet, was aber damals nur für das Kilo zugetroffen hat. Er rühmt die Senkung der Lebensmitteleln- fuhr von 4 Milliarden auf 1,1 Milliarden, verschweigt aber, daß inzwischen Deutsehlands gesamter Außenhandel auf ein Drittel de« Umfange« in der»marxistischen« Zeit gesunken und gerade deshalb die Ergänzung der deutschen Nahrungsmittelproduktion aus dem Auslande nicht mehr möglich ist. Wäre das deutsche Volk im Reden frei, so würde es diesen Predigern ihre eigenen Lohnstatistiken vorhalten, und Streidier:»Den andern die Rittergüter, uns die jüdlsdier GesdiüVte!« los sind« wird eben die weibliche Konkurrenz als freche Herausforderung empfunden. Die in solcher Weise aus dem Beruf gewiesenen Mädchen werden In keiner Ar- bedtslosenstatistik auftauchen. Dagegen ist zu befürchten, daß ein Teil von ihnen eines Tages in einer andern Rubrik geführt wird, in der— Prostituiertenliste. Denn Not lehrt nicht immer beten. Bei den besitzenden Schichten hat die Enttäuschung der hitlerbegeisterten Frauen später edpgesetzt als in den proletarischen und kleinbürgerlichen Kreisen. Die höheren Töchter studierten zunächst ruhig weiter in dem Bewußtsein, daß sie eines Tages auch ohne Broterwerb von Hunger geschützt sein würden. Denjenigen Mädchen»aus guter Familie«, die ohnehin auf Berufsausbildung keinen Wert legten, erschloß sich sogar ein neues Gebiet, sie konnten in der NS-Frauenschaft und im BDM zu Ehrenstellen und zu einer Art örtlicher Berühmtheit gelangen, ohne sich übermäßig aufzuopfern. Wie die»Ausbil- vom nationalsozialistischen Blickfeld aus gesehen, einschließlich Grenz- und Auslandsfragen, erfaßt es das Schicksal unseres Volkes, erkennt es das feindliche Wirken fremder Mächte. Gestaltung eines allumfassenden neuen Volkstums, eines neuen Kulturausdruckes steht als Forderung vor uns. Lied und Sprechchor, Spiel, Tanz und Werkarbelt bilden den Ausgangspunkt dieser Arbelt... Neben der weltanschaulichen Schulung nimmt die körperliche Erziehung einen großen Teil der Arbeltszeit ein, denn das Ziel ist, alle Führerinnen soweit durchzuschulen. daß sie die sportliche Arbeit in ihren Einheiten selbst leiten können. Wer diesen Speisezettel aufmerksam durchliest und dabei nicht außer acht läßt, daß die Ausbildungszeit nach Abrechnung des Ankunfts- und Abreisewirbels bestenfalls 19 Tage beträgt, wird sich leicht ein Bild von dem wüsten, verwirrenden Durcheinander machen können. Wie mag es dung« der weiblichen Jugendführer zu be- nach beendeter»Lehrzeit« in den Köpfchen aussehen? Jedenfalls bunt, und des« halb nimmt es auch nicht wunder, daß sich unter den also geschulten Ehrendamen noch heute die Hauptverfechterinnen des Nationalsozialismus' finden. Ein gewisser SÜmmungsumschwung ist aber auch hier zu verzeichnen. TeUs haben Väter, Brüder und Freunde dazu beigetragen, die entweder dem Stahlhelm oder der kirchlichen Opposition angehören, teils haben die Mädchen selbst begonnen, sich schlicht und recht zu langweUen. Plötzlich besinnen sich die sozusagen Gebüdeten unter ihnen auf die alte Frauenbewegung, die das Berufsund Geisteerecht der Frau in einer Zeit verfocht, da alle Wege ebenso verbaut waren wie heute. Eis setzt in Erstaunen, wenn z. B. in der»Deutschen Allgemeinen Zeitung«, die wie auf andern Gebieten so auch in der Frauenfrage von je eine reaktionäre Haltung einnahm, folgende Sätze zu lesen sind; Was war denn der Lebensinhalt der jungen(und häufig auch der älteren) Weiblichkeit vor dem Anbruch der Frauenbewegung? Vergnügen und ein vielfach ausgebildeter, zumeist überflüssiger Kultus des Schönen. Die Mädchen wurden auf diesem Wege so erzogen, daß sie willensschwach, lelstungs- u n fähig und vor allem egoistisch werden mußten. Für diese Fehler der Erziehung machte man dann das Geschlecht haftbar.... Wollen wir auf diese soziale Brweckung wieder verzichten? Und zu dem überwundenen Standpunkt der Frau zurückkehren, deren Leben — wie man gesagt hat— die 3 K ausfüllen: Kinder, Küche und Kleider. Nein, wir müßten uns bald Uberzeugen, daß eine solche Frau auch den Kindern von heute nicht gerecht werden könnte. Man sieht: die Frauenbewegung, die im Dritten Reiche von den Führenden immer wieder beschimpft und von den braunen Gefolgsleuten immer wieder verlacht wird, findet Verteidiger dort, wo man sie am wenigsten vermuten sollte. Eis zeigen sich sogar schüchterne Versuche, in kleinen Zirkeln eine Art Wiederbelebung der Bewegung von ehedem vorzubereiten.— Wir erinnern an den Leserkreis der»Deutschen Kämpferin«.— Allerdings ein aussichtsloses Unternehmen,, denn innerhalb eines entrechteten Volkes kann es für die Frau keine Freiheit geben. Interessant ist es, die Suche nach etwa noch vorhandenen Berufsmöglichkeiten zu beobachten. Die FYauengeneration, die jetzt ihr Studium beendet, findet nahezu alle Türen verschlossen, und wer keine glänzenden Beziehungen zu braunen Parteigewaltigen hat, wird des Anklopfens sehr bald müde. Aerztinnen sind in Krankenhäusern und KUniken»unerwünscht«, fast alle Stellenausschreibungen in den Fachzeitschriften gelten nur den männlichen Kollegen. Juristinnen finden in den seltensten Fällen Gelegenheit, auch nur die Referendarszeit bei Gericht zu absolvieren. Lehrerinnen kommen nicht mal in den Mädchen-, geschweige denn in Berufsoder Knabenschulen unter, der Prozentsatz männlicher Lehrkräfte auch in den Lyzeen steigert sich von Jahr zu Jahr. So setzen denn verzweifelte Versuche ein, hier oder da Neuland zu erobern. Das heute noch gültige Schriftleitergesetz vom 4. Oktober 1933 z. B. enthält keinen Sonderparagraphen, der etwa die FYau vom journalistischen Beruf ausschlösse. Die Folge ist, daß die anderwärts Vertriebenen sich an diesen Strohhalm zu klammem suchen. In den Zeitungswissenschaftlichen Seminaren zu Berlin stellten die Frauen in den letzten Semestern etwa ein Drittel aller Studierenden. Freilich gab ee bald eine herbe Enttäuschimg. Wer nämlich in die Reichspresseschule aufgenommen werden will, deren Besuch künftig als Abschluß der Ausbildung obligatorisch werden soll, muß zuvor durch ein Arbeitsdienstlager für Journalisten gegangen sein. Und siehe— zum ersten Kursus dieser Art wurden 85 junge Männer— und zwei Mädchen zugelassen. 35 Prozent weibliche Seminarstudenten, rund 2y2 Prozent Arbeits- dienstlerinnen. Das bedeutet: man läßt die Mädchen zwar Kolleggelder zahlen und ein wenig herumstuefieren, denkt aber gar nicht daran, sie emsthaft als Konkurrenz zu dulden. Selbst Frauenblätter und vor allem die Frauenbeilagen der Tageszeitungen werden in wachsendem Maße von männlichen Redakteuren bearbeitet und geleitet. Als Kurios um sei nebenher erwähnt, daß kürzlich der»Mittag«, Düsseldorf, sich den Scherz leistete, die Arbeit der»Werk- püotin« als neuen Frauenberuf anzupreisen. Auf dem Flugplatz Johannisthal bei Berlin fliegt nämlich eine(eine!) Frau neue Maschinen ein, und an Hand dieser Tatsache versuchte das findige gleichgeschaltete Blatt, die Gleichberechtigung der Frau im Dritten Reich zu beweisen. Daß von dieser Gleichberechtigung in Wahrheit keine Rede sein kann, daß vielmehr das materielle Frauenelend und die geistige Frauennot von Tag zu Tag wachsen, haben die Delegierten des Internationalen Lyzeumskluhs sicher nicht bedacht, als sie sich unlängst von Frau Schacht zum Hauskonzert in die Festräume der Reichsbank und von Frau Göring zum Tee in das Luftministerschloß einladen üeßen, Der ausländische Besuch bot vielen braunen Frauenzeitschriften willkommene Gelegenheit, die Beliebtheit des neuen Deutschlands in aller Welt zu bejubeln. Die Leserinnen werden sich— soweit sie endlich begriffen haben, was los ist— ihr Teil gedacht und werden sich vor allem gesagt haben, daß es mit der politischen Reife jener Lyzealdamen nicht allzuweit her sein kann. Zahllose Frauen innerhalb des Dritten Reiches lassen sich von üebens- würdigen Ansprachen, von Tee- und Konzerteinladungen nicht mehr einfangen— sie haben sehen gelernt, und das ist immerhin etwas. Hitler selbst betonte in seiner Nürnberger Ansprache an die Frauen, daß die weibliche Stimmzahl dem Nationalsozialismus mit zum Siege verholfen habe. Die weibliche Gegnerschaft, die im Wachsen begriffen ist, wird hoffentlich den Sturz eines Regimes beschleunigen helfen, das nicht nur die Frauen, sondern das ganze Volk um Jahrhunderte zurückgeworfen hat Kara. Im Ramsdiladen Mit großem Getöse wird im Dritten Reich der»Teig des Buches« verübt als wäre er eine neue Emingenschaft Aber den hat schon die Demokratie eingeführt, und so verschiedene Weltanschauungen an diesem Tage immer auch warben, eine Parole war ihnen allen eigen:»Das Buch soll Dich zur Wahrheit und zum selbständigen Denken führen!« Wehe dem, der heute drüben etwa diese Selbstverständlichkeit öffentlich vertreten wollte! In Schaufenstern und Inseraten triumphiert die braune Blut- und Schundliteratur und klaasisches Lesegut von Weltgeltung ist der Krttikasterei verdächtig. In der»Deutschen Literatur« erzählt der Herausgeber ein charakteristisches Erlebnis. Er begab sich kürzlich in einen Buchladen, »eine der größten, lebendigsten und best- geleitetsten Buchhandlungen einer großen Stadt«. Er begehrte der Reihe nach zu kaufen: Goethes Wilhelm Meister, Hann den»O biomo w«, als drittes Immermanns Münchhausen. Der Kauf aber kam nicht zustande: »Keines der Bücher war nämlich vorhanden, es war keines»vorrätig«, man hätte sie gewiß bestellen können, aber auf den Tischen, in den Regalen, wo doch der stehende Vorrat erwartet wurde, lagen sie nicht Es funkelten dafür sämtliche»Neuerscheinungen«... Wir wollen uns gewiß vor Verallgemeinerungen hüten, aber die vergebliche Nachfrage nach diesen drei Büchern ist schwer aufs Konto eines bösen Zufalls zu schreiben. Wie, wenn der Käufer weiter geforscht hätte? Wenn er nach den Wahlverwandtschaften, der italienischen Reise, dem Don Quichote verlangt hätte? Wo wäre endlich das Tor aufgegangen? Wären Grimms Märchen»vorrätig« gewesen, die Deutschen Volks bü- . eher, der Michael Kohlhaas?... Wie sieht im praktischen Buchhandel der»ewige Vorrat« aus— welches klaasische Schriftgut muß vorrätig sein— vorrätig ohne Rücksicht auf das Tagesverlangen der Kunden, vorrätig— wenn wir so sagen dürfen— aus Standesehre des Buchhandels?« Das mit d«»Standeaehre« des deutschen Buchhandels ist beute völlig vorbei; die Buchhandlungren sind zu Filialen der braunen Großverdiener herabgesunken. Wohin das klassische Volksgut verbannt ist, sagt die Zeitschrift am Schlüsse in bitterer Erinnerung an anständigere Zeiten: »Einen Trost freilich gibt es; all diese Werke der Meister, der deutschen und der fremden, diese Werke, die wirklich Volks- 1 e s e g u t geworden waren, sind ja nicht untergegangen. Sie sind auch jetzt zu haben; nur etwas weniger regulär, denn sie füllen die Tische der Althändler, der Ramschläden. Da liegen sie und sind preisgegeben der tätigsten Liebe: der de« suchenden Lesers. Vielleicht ist diese Entwicklung gut...< Als Anflchauungsunterricht ist sie bestimmt gut, denn so entdeckt der»suchende Leser«, daß Deutschlands beste Geister heute wieder der Befreiung harren. Boxsport als Kulturldeal Nämlich, ich muß mich entschuldigen. Ich habe bisher den Boxsport für eine Barbarei und das große Publikumsinteresse an blutig gehauenen Nasen als ein Symptom des allgemeinen Kulturniedergangs angesehen. Es ist nicht so! Der Boxsport ist eine humanitäre, soziologisch wertvolle Einrichtung. Ich habe mich Uberzeugt. Es gibt da eine Oberste Boxsportbehörde. Die regelt u. a. die Auswahl der Gegner und wacht darüber, daß nur Leute mit einigermaßen gleichen Chancen gegeneinander antreten. Da gibt es z. B. ein Gewlchtaklasaement. Wollte etwa der italienische Riese Benito Carnera, nein, nicht Benito— Prtmo Camera, der 2,10 Meter lang ist und 214 Zentner wiegt,— wollte der etwa gegen einen Neger-Fllegen- gewichtler von 1,60 Meter Länge und 1% Zentner Gewicht boxen, so würde ihm die oberste Boxsportbehörde trotz seiner Länge auf den Kopf kommen und dem Feigling die Lizenz entziehen. Es ist— aber nur beim Boxen— nicht gestattet, daß ein viel Größerer einen viel Kleineren verprügelt. Wer groß und stark ist und boxen will, muß sich einen andern Großen und Starken aussuchen. Auch die Waffen müssen heim Boxen gleich sein. Der Italiener darf sich nicht etwa bleigefüllte Cestusriemen anlegen, während sein Gegner nur mit weichgepolsterten Zehnunzen-Handschuhen auf seinem Körper herumklopfen darf. Jeder besitzt genau dieselben Waffen wie sein Gegner— d, h. beim Boxen. Auch gibt es eine große Zahl verbotener Schläge, namentlich in die ungeschützten Weich teile. Man darf nicht rücksichtslos den Körper des andern wie ein feindliches Gebiet angreifen und dort, wo es am verletzlichsten ist, Bombenschläge herabhageln lassen. Wer gegen dieee Regel verstößt. wird— aber nur beim Boxen— disqualifiziert. Der durch den unfairen Schlag Unterlegene erhält Sieg und Preis zuerkannt, auch wenn er sieb nicht mehr rühren kann. Dann noch eins. Beim Boxen ist es auch strengstens verboten, daß gleichzeitig mehrere gegen einen kämpfen. Daß je neunundneunzig gegen einen einzigen losgehn, wie etwa beim deutschen Heldenkampf gegen die Juden, wäre beim Boxen völlig unmöglich. Die meisten Heldentaten der SA und SS gegen Mandaten und anderes Unterm enachen- geslndel würden sich im Lichte der Box- regsln gar nicht als Heldentaten, sondern als unsportliche, unfaire, mit DIsqualifizierung zu ahndende Brutalitäten herausstellen. Darum erscheint im Lichte des heutigen außer- und InnerpollUschen Geschehens der Boxsport als eine geradezu vorbildliche Kultureinrichtung. Man müßte die Boxsportregeln durch Völkerbundssatzung zum allgemeinen Kriegsrecht, durch Verfassung zur Norm aller innerpoliti- tischen Auseinandersetzungen machen. Heute freilich, wenn man eine Zeitung eines uniformgeregelten Landes aufschlägt, glaubt man zwischen den Zeilen immer Annoncen wie die folgende zu lesen: Diktator(Riese) sucht kleinen Gegner, möglichst schwach, um baldigst mit ihm Krieg zu führen. Verhältnis wie 66 zu 2 Millionen in der Bevölkerungszahl erwünscht. Völkerbundsrechtlich geschützte Partner kommen nicht In Frage. Offorten unter»Germanische Ritterlichkeit« an die Expedition d. Bl. Ja, solange das als fair gilt und keine Oberste Boxsportbehörde einschreitet... MueU. Von der Hiiler-Olympiade Dr. Lewald, Präsident des olympischen deutschen Komitees, abgesägt. Dr. Lewald, der bekannte deutsche Sportführer, unter anderem Vorsitzender der Kommission zur Vorbereitung der Olympiade, ist hinaus gefeuert worden, well er ein Nlchtarler ist Der wichtige sportliche Posten, den er bis jetzt inne hatte, wird nun einem echten Germanen Ubergeben. Interessant ist daß Dr. Lewald nach Amerika fahren sollte, um dort die amerikanischen Sportkreise für die Teilnahme an der Hitler-Olympiade zu gewinnen. In Amerika sind große Widerstände gegen die Teilnahme der Amerikaner an der Olympiade vorhanden, deren Grund insbesondere die deutschen Judengesetze sind. Lewald ist, noch bevor er seine Mission in Amerika erfüllen konnte, der Streicherei zum Opfer gefallen. »Mufti, was ist ein Lustknabe?« Diese Frage aus Kindermund mußten Millionen deutscher Mütter nach dem 30. Juni 1934 über sich ergehen lassen.»Mutti, was ist ein Lustknabe?«— diese Worte wurden damals wie eine Art Greuelmeldung unter den Frauen weitergeflüstert. Daß auch heute noch für die ständige Stachelung unkindlicher Neugier gesorgt, daß auch heute noch jedem Dreikäsehoch an allen Straßenecken pornographisches Gift verabfolgt wird, beweist folgende Klage der Frauenzeitschrift »Deutsche Kämpferin«(Oktobemummer 1935): »Es wäre emsthaft darüber nachzudenken, ob die jugendliche Seele nicht tiefgehenden Schädigungen ausgesetzt wird durch allzu brutale auf allen Straßen dargebotene Bild- und Wortdarstellungen von Sexualverbrechen und aller Art von unter- menschlichen Scheußlichkeiten. Man kann solche Aushänge fast ständig von Kindern jeden Altars umlagert sehen und sie dazu sich äußern hören:»Ich möchte bloß wissen, was ein Lustmord ist« oder:»Weißt du, was Rassenschänder tun?« oder:»Wie machen sie das, wenn sie Mädchen ausbeuten?« oder:»Was Ist eigentlich Notzucht?« " Wie weit müssen Streichers Schweinereien um sich gegriffen haben, wenn sogar eine im Reich erscheinende und durchaus antisemitische Zeitschrift es wagt, dagegen zu protestieren! Die kleinen Kinder fragen nur — die Halbwüchsigen handeln, und wenn Im Dritten Reiche immer mehr jugendliche Frauenmördier zum Tode vorurteUt werden müssen, so trägt Julius Streicher an dieser Tatsache ein gerüttelt Maß Schuld. Der deutsche Nachwuchs,(He Zukunft des Volkes, ist gefährdet wie nie zuvor, denn wer den Stürmer sät, wird Sexualverbrecher ernten. Dialog in Osteuropa Zeit: Gegenwart- Ort: Amtsbüro. Personen;«in Reglerungsrat e. Osteurop. Staates, ein Bürger der deutschen Minderheit dieses Staates. Bürger: Herr Regierungsrat, ich habe vor einiger Zelt um eine EinfuhrbewilUgung für eine deutsche Maschine nachgesucht, bisher aber noch keinen Bescheid erhalten. Darf ich fragen, ob mein Gesuch genehmigt ist. Rat; Ich habe Ihr Gesuch ordnungsgemäß an die zuständige Stelle weitergeleitet. Bürger: Besteht Aussicht auf eine Bewilligung T Rat: Ich habe Ihr Gesuch, wie gesagt, weitergeleitet und kann Ihnen über den Erfolg natürlich nichts versprechen, weil dies ganz von den oberen Instanzen abhängt. Bürger: Darf ich in dieaer Angelegenheit mich mit Ihnen vielleicht außerdienstlich unterhalten, weil Ich gewisse Dinge berühren möchte, die nicht in einen amtlichen Rahmen passen? Rat; Es Ist an sieh nicht zulässig hier Pri- vatgesprfiehe mit Interessenten zu führen, doch will ich ausnahmsweise, unter der Bedingung, Ihrem Wunsche entsprechen, daß unsere beiderseitige Unterhaltung mir den Charakter einer ganz persönlichen Aussprache hat. Bürger: Ganz selbetvere ländlich, Herr Re- gierungerat, gerade deshalb bat Ich ja darum, wollen Sie bitte meine Fragen nicht persönlich, sondern rein sachlich aufzunehmen. Rat: Beiderseits, bitte, ganz meine Meinung! Bürger: Wie erklären Sie Mob, daß Berufskollegen Bewilligungen für Waren nichtdeutscher Herkunft ohne Sohwierigkelt erhalten haben. Richtet sich diese Verzögerung vielleicht gegen meine deutsche Nationalität oder gegen«He deutsche Ware? R a t: Sie bekennen sich außer zum Deutschtum auch zur nationalsozlaXie tischen Welt- ansdhauung, nicht wahr? Bürger: Aber, Herr Regierungsrat! Ich muß doch bitten... Rat: Aber, mein Herr, vergessen Sie doch nicht unsere Vereinbarungen! Bürger; Gewiß, gewiß. Ihre Frage berührt aber eine rein persönliche Angelegenheit. Zudem kann Ich Sie versichern, daß ich durchaus nicht völlig mit allem einverstanden bin, was unter dem Namen... Rat: Gestatten Sie(He Unterbrechung. Ihr Eingeständnis, Sie wären nicht völlig, bedeutet doch, Sie sind immerhin Anhänger dieser Bewegung. Bürger: Aber nein! Ich bin durchaus kein eingeschriebener PeGe. Gewiß manche Ideen entsprechen zum Teil meinen Wünschen— und wenn dies ein Hindernis sein sollte... Rat: Durchaus nicht, durchaus nicht! Ich stehe genau so auf dem Idealen Standpunkte, niemanden seinem Volkstum zu entfremden. Bürger; Da stände ja der Erfüllung meiner Eingabe nunmehr nichts im Wege? Rat: Von mir aus nicht. Sie werden auch sonst anerkennen müssen, daß bei uns nicht mit den gleichen Methoden»nationalisiert« wird, wie(He Auswirkung Ihrer Weltanschauung Im Reich tatsächlich ergeben hat. Sie genießen bei uns völlige Freiheit Ihrer völkischen Eigenart. Sie besitzen nach wie vor eigene wirtschaftliche und politische Organisationen, Kreditinstitute, Genossenschaften. Vereine, Schulen, Kirchen usw. Meinungsfreiheit in Wort und Schrift. Kurz in den Grenzen unseres Staates führen Sie ein Eigenlaben um das Sie mancher sogenannte Volksgenosse im Mutterlande aufrichtig beneidet. Bürger: Ich habe doch bereits erklärt, daß ich nicht mit allem einverstanden bin und meine persönliche Auffassung sich nicht mit der Parteidoktrin deckt. Rat: Dies kann ich nicht anerkennen. Ihr Parteiprinzip kennt keine Halbheiten, keine Teilanerkenntnie, es gibt nur eine klare, einfache Auffassung. J a oder nein. Wenn Sie dagegen sind, so erklären Sie doch öffentlich Ihre Gegnerschaft zu einem Prinzip doppelter Moral. Sie sind doch Leser unserer deutschen gleichgeschalteten Presse, stimmt's! Ja. Na also! Sie lassen sich widerstandslos alle Thesen der Erneuerung(Totalität), Gleichsetzung der Partei mit dem Staat(Ausnahmegesetze gegen che Opposition, Proskriptionen) und vieles andere als Ideal auftischen. Bürger: Doppelte Moral? Ich habe doch wiederholt... Wir sind doch In jeder Hinsicht loyale Bürger und kommen allen Verpflichtungen nach. Rat: Gerade Ihre immer wiederholte Beteuerung Ihrer völligen Loyalität macht verdächtig. Es gibt zahlreiche Beispiele aus der neuesten Zeit, daß in anderen Staaten diese Beteuerungen nicht hinderten, Attentate, Fememorde und andere Dinge auszuführen. Gelang ee, die Täter zu fassen, so leugnetenr0 Herausgeber; Ernst Sattler: verantwortlicher Redakteur: Wenzel Horn: Druck:»Graphia«; alle in Karlsbad. Zeitungstarif bew. m. P. D. ZI. 159.334/VII-1933. Printed In Czecho-Slovakla. Der»Neue Vorwärts« kostet im Einzel- verkauf Innerhalb der CSR Kö 1.40(für ein Quartal bei freier Zustellung K£ 18.—). Preis der Einzelnummer Im Ausland Kö 2.—(Kö 24.— für das Quartal) oder deren Gegenwert In der Landeswährung(die Bezugspreise für das Quartal stehen in Klammern); Argentinien Pes. 0.30(3.60). Belgien Frs. 2.45(29.50) Bulgarien Lew 8.—(96.—). Danzlg Guld. 0.45 (5.40). Deutschland Mk. 0.25(3.—). Estland E. Kr, 0.22( 2,64), Finnland Fmk. 4.—(48.—), Frankreich Frs. 1.50(18.—). Großbritannien d 4.—(Sh. 4.—) Holland Gld. 0.15(1.80). Italien Lir. 1.10(13.20) Jugoslawien Dln. 4.50 (54.—). Lettland Lat 0.30(3.60). Litauen Ut. 0.55(6.60), Luxemburg B Frs 2.45(29.50), Norwegen Kr 0.35( 4.20) Oesterreich Sch, 0.40(4.80). Palästina P. Pf. 0.020(0.216), Polen Zloty 0.50(6.—), Portugal Esc. 2.— '24.—). Rumänien Lei 10.—(120.—). Schweden Kr 0.35(4.20). Schweiz FVs 0.30(3 60), Spanien Pes. 0.70(8.40). Ungarn Pengö 0.35 (4.20). USA 0.08(1.—). Einzahlungen Können auf folgende Postscheckkonten erfolgen: Tschechoslowakei: Zeitschrift»Neuer Vorwärts« Karlsbad. Prag 46.149. Oesterreich:»Neuer Vorwärts« Karlsbad Wien B- 198�04. Polen:»Neuer Vorwärts« Karlsbad. Warschau 190,163. Schweiz:»Neuer Vorwärts« Karlsbad Zürich Nr. VH! 14.697. Cngarn: Anglo-Cech»siovaklsche und Prager Creditbank Filiale Karlsbad Konto»Neuer Vorwärts« Budapest Nr. 2029..Ingoslawion: Anglo-öechoslovaklsche und Prager Creditbank. Filiale Belgrad, Konto»Neuer Vorwärts«, Beograd Nr. 51.005. Genaue Bezeichnung der Konten ist erforderlich.