V erlag: Karlsbad, Haus„Graphia"— Preise und Bezugsbedingungen siehe Beiblatt letzte Seite Die Kriegsziele der HitMiotiir Propagandistische Vorbereitung eines Kolonialabenteuers Nr. 127 SONNTAG, 17. Not. 1935 öosioWemfllratifd)** Aus dem Inhalt: Generaldirektorenprozeß Generalleutnant Milch Karl Barth klagt das System an Ley im Ausland Der Rai chsfmanzministar von Krosigk hat kürzlich in Frankfurt eine Rede über nationalsozialistische Finanzpolitik gehalten, in der er, wie die»Frankfurter Zeitung« sagt, mit»wahrer Leidenschaft seiner Hingabe und seinem Glauben an das Werk Adolf Hitlers beredten Ausdruck« verlieh. So war denn in dieser Rede auch viel nationalsozialistische Phraseologie, Schönfärberei und Täuschung, aber von Finanzpolitik war fast keine Rede. Denn wenn auch der brave Handlanger, der noch jedem an der Macht befindlichen System in gleicher deutscher Treue gedient .hat, die»Wiederhaftbarmachung« als Ziel seiner gleichgeschalteten Finanzpolitik proklamiert hat, so hat er sich über die Mittel vorsichtig ausgeschwiegen. Kein Wort hat er über die Kosten der Rüstungen gesagt Und doch wäre es so nahe gelegen, auf die sehr bestimmte und mehrmals wiederholte Behauptung des früheren englischen Marinem in isters und sehr einflußreichen konservativen Führers Winston Churchill einzugehen, der die deutschen Rüstungsausgaben des letzten Jahres auf 800 Millionen Pfund, rund 10 Milliarden Mark angegeben hat Churchill spricht nicht aus dem hohlen Faß und seine Angaben beruhen sicherlich auf Mitteilungen der sehr gut unterrichteten englischen Regierungskreise. Aber darüber sagt Krosigk kein Wort; kein Wort auch über die bisherigen Kosten der Aufrüstung, des wirklichen Betrages der schwebenden Schulden und der umlaufenden Rüstungswechsel, die in englischen, aber auch in deutschen unterrichteten Kreisen auf über 18 Milliarden Mark beziffert werden, kein Wort also über die wirkliche Lage des Reichsetats. Eis bleibt bei der betrügerischen Bilanzverschleierung und bei einem verlegenen Gestammel über die»rücksichtslose Konzen trierung aller übrigen Ausgaben im Etat« und der Reservierung des Kapitalmarkta für die staatlichen Konsolidierungsbedürfnisse. Schließlich wird noch das Lied von den notwendigen Opfern angestimmt, die die»Unterdrückung mancher Lieblingswünsche auf dem Gebiete der Steuern und der Ausgabengestaltung erfordern« und das Geschimpfe auf»die alten Weiber beiderlei Geschlechts«, die nach genügender Versorgung mit Fleisch, Butter und Fett verlangen... So leer nnd nichtssagend die ganze Rede ist, eine Stelle ist interessant nnd bedeutsam. Freilich handelte es sich dabei nicht um die Finanzen, sondern nm das Ziel derdentschen Kriegspolitik. Wir haben schon einmal auf die Rede aufmerksam gemacht, die der bayrische Reichsstatthalter General von E p p am 30. September auf einer großen Kolonialkundgebung in Düsseldorf gehalten hat. Epp erklärte damals im scharfen Gegensatz zu Rosenberg«nd zu Hitlers Ausführung in»Medu Kampf«, den, wie er sich despektierlich ausdrückte, zeitweilig aufgetauchten Gedanken einer Ausdehnung nach Osten aus mehreren Gründen für unmöglich. Zunächst wohnten im Osten andere Völker, die man nicht verdrängen dürfe, und zweitens müsse man berücksichtigen, daß uns eine Ost-Ausdehnung das Wichtigste, die kolonialen Rohprodukte, nicht geben könne. Der Gedanke einer Ausdeb- nungnach dem Osten sei überwunden. Die Sachverständigem seien heute der Ueberzeugung, daß Deutschland tropische nnd subtropische Kolonien benötige. War es schon auffällig, daß diese sensationelle Absage an das bisherige Ziel der Hitlerschen Außenpolitik— Krieg gegen Rußland, Eroberung der Ukraine im Bunde mit Polen, Aufrichtung einer Schutzherrschaft über die Randstaaten— in der deutschen Presse kaum ein Elcho auslöst, so ist es viel bemerkenswerter, daß Göb- b e 1 s und Hitler selbst als Hilfe gegen den Rohstoffmangel und die Lebensmittelknappheit auf dem Erntedankfest in Bückeburg ihrerseits die Kolonialforderungen anmeldeten. Jetzt folgt der Reichsfinanzminister ihrem Beispiel. Bei der Erörterung der Lebensmittelknappheit, die natürlich gar nichts mit Kolonialpolitik, aber sehr viel mit der unsinnigen Agrarpolitik des Darre zu tun hat, sagte Krosigk: »Wenn es uns nicht gelingt, zu einer Hebung des Exports zu kommen, so bleiben uns nur zwei Wege: 1. die Schaffung eigener Produktion, die freilich nicht auf allen Gebieten möglich ist; 3. müssen wir dann auch einmal verlangen, an Gebieten beteiligt zu werden, ans denen wir selbst Rohstoffe beziehen können. Erscheinungen von Mangel können uns nicht dazu verführen, zu verzweifeln, sondern unsere Stimme dafür zn erheben, was uns von Gottes und Rechts wegen zu- Die Außenpolitik des braunen Systems liegt auf der Lauer. Sie beobachtet den Konflikt zwischen Italien und dem Völkerbund wie die Diskusaion zwischen der englischen und der französischen Politik. Sie sucht Spalten, in die sie eindringen kann, um sie zu erweitern— immer mit dem Ziel, ein festes System der kollektiven Sicherheit zu sabotieren. Diese allgemeine Absicht bestimmt die Haltung des braunen Systems zu den vom Völkerbund gegen Italien verhängten Sanktionen. Sie ist widerspruchsvoll und zweideutig; gegenüber England und dem Völkerbund spiegelt sie Zurückhaltung und Loyalität vor, gegenüber Italien mit Augenzwinkern Gemeinsamkeit der Gesinnung und Haltung gegen den Völkerbund. Das System hat durch den Konsul in Genf Erklärungen abgeben lassen, deren ganz klarer Inhalt unmittelbar darauf wieder dementiert wurde, nachdem der italienische Botschafter eine zweistündige Unterredung im Auswärtigen Amt in Berlin geführt hatte. Verdächtig ist die Haltung der italienischen Presse, die in den stärksten Terpor-llpleil Der Volksgerichtshof verurteilte den fünfunddreißlgj ährigen Herbert Blank aus Berlin wegen Vorbereitung zum Hochverrat unter erschwerenden Umständen zu vier Jahren Zuchthaus und den 43jährigen früheren Kampfkreisleiter Walter Schreck aus Kahla in Thüringen, zu zehn Jahren Zucht- haus und zehn Jahren Ehrverlust. Außerdem werden beide Angeklagte unter Polizeiaufsicht gestellt. Blank gehört neben Otto Strasser zu den bekanntesten Vorkämpfern der Schwarzen Front. steht, nnd ans allein helfen kann, solchen Mangel endgültig zu beseitigen.« Die Not, die die nationalsozialistische Wirtschaftspolitik über das deutsche Volk heraufgeführt hat, kann also nur beseitigt werden, durch den Erwerb von Kolonien. Dazu muß Deutschland stark sein, die Kriegsrüstung muß also mit aller Kraft weitergetrieben werden. Das allein kann helfen, sagt Krosigk. An der Not ist nicht der Nationalsozialismus schuld, sondern das feindliche Ausland, das uns die Kolonien vorenthält, die uns von Gottes— der Krosigk ist sehr fromm— und Rechts (des Stärkeren) wegen zusteht. Die Frauen, die vor den Läden Schlange stehen, die Männer, die nach den Lohnherabsetzungen und der wahnwitzigen Antrei- berei der Unterernährung verfallen, sollen von den Verbrechen der Diktatur abgelenkt, ihre Hoffnung auf den künftigen Eroberungskrieg hingelenkt werden. Dieser Krieg dient beileibe nicht den imperialistischen Zielen des Groß- und Rüstungskapitals, nicht dem Prestigebedürfnis der Diktatur, es ist vielmehr der von Gott auferlegte Volkskrieg zur Beseitigung der Not und des Elends. Nach drei Jahren ist Hitler, so weit, wozu Mussolini fast 15 Jahre gebraucht hat. Nur daß es sich in der deutschen Situation nicht nur um ein abessinisches Abenteuer handeln würde! Dr. Richard Kern. Tönen die Loyalität der deutschen Politik lobt In dieser verdächtigen, zweifelhaften Haltung enthüllen sich die wahren Absichten des braunen Systems. Sie sind völlig verschieden von den Zielen, denen die Völkerbundsmächte zustreben, vor allem von dem Ziel der Erhaltung des Friedens. Bs ist der Geist der Zerklüftung, des Gegen- einanderausspielens der Völker, des Teile und Herrsche, der aus dieser Politik spricht. Der Völkerbund hat das faschistische Italien als offenen Friedensbrecher verurteilt. Der gefährlichere Friedensbrecher, helmtückisch und hinterlistig, ist das braune System. Seine Flagge Der Musterzeichner de« Dritten Reiches hat neue Flaggen für das System entworfen, die kürzlich vorgeführt worden sind. Die Fachkritik hat die Leistung mit kaum genügend gewertet. Unter diesen Flaggen ist eine, die nicht seiner eigenen Werkstatt entstammt, sondern dem eigenen Geschmack de« Kunden— die Standarte Seiner Exzellenz des Herrn preußischen Ministerpräsidenten und Luftfahrtmf nisters. Sie weist eine reiche Sammlung von Symbolen auf. Quer über das Tuch gehen ein paar gekreuzte Hosenträger mit Hakenkreuzdessin in den Ecken. In der Mitte schlagen das Fliegerabzeichen und der Preußenadler einander tot— und siehe da, dem Preußenadler hängt der Pour le Mörite zum Hintern heraus. Das ganze umgibt— offenbar auf Vorschuß genommen— ein Lorbeerkranz. Wir können noch andere interessante Einzelheiten übersehen haben. Eine ist bestimmt, nicht dabei: die Reichs tagskuppel. Mundiner I�ovembeptheatep Hitlerputsch als Heldenstück.— Es sind noch Karten zu haben. »Und jetzt, jetzt geht der Führer ganz allein über den weiten, weißen Platz, und jetzt steht er gesenkten Hauptes bei seinen Toten.« Der Rundfunk dröhnt über alle deutschen Sender. Eis ist wieder einmal eine jener»Weihestunden der deutschen Nation« ausgebrochen, für die das Prädikat »ganz groß« oder»unvergeßlich« vom Propagandaministerium vorgeschrieben ist. Die nationalsozialistische Konterrevolu- lution feiert ihren 9. November. Sie feiert ihn, wie es sich gehört, in ihrem Stil mit allen Mitteln einer kitschigen Regie, mit geheuchelter Sentimentalität und groß- mäuliger Verlogenheit. »Theodor von der Pfordten!«»Hier!« »Max von Scheubner-Richter!«»Hier!« Adolf Wagner ruft die Toten des Bierkel- lerputsches auf. Diese Toten— welches Köpfchen hat das ausgedacht?— sind mittlerweile in der S.eele der HJ wieder auferstanden und antworten durch ihren Mund mit einem kräftigen»Hier!« Ist das echte Weihestimmung, aufrichtige Ergriffenheit? Nein, das ist blöder Kientopp und weiter nichts! Die Nazi spielen mit den Knochen ihrer Kameraden Theater. »Emst Röhm!«»Edmund Heines!« »Gregor Strasser!« Wer ruft ihre Namen? Wer antwortet für sie? Waren sie nicht auch stets dabei und immer vornean? Wo sind sie? Wo befinden sich ihre Ehrengräber? Ach, sie sind von den guten Kameraden erschossen, erschlagen, zu Tode getrampelt worden, sie sind jetzt irgendwo verscharrt oder verbrannt. Ihr Leben endete an jenem Tage, an dem auch ihr Gegenspieler, der 73jährige Herr von Kahr von Mörderhand fiel. Die nationalsozialistische Konterrevolution kaum ihre Geschichte nur feiern, indem sie sie fälscht. Der 9. November 1923 war kein Heldentag, er war der Tag des dümmsten und feigsten Putsches, den die Geschichte kennt. Er beginnt mit dem Bruch eines Ehrenwortes und endet mit einer kopflosen Flucht. Was liegt dazwischen? Bewaffneter Ueberfall auf eine Versammlung von Mitverschworenen und Bundesgenossen. Volks- gemeinschaftsschwüre, die mit dem Revolver in der Faust abgepreßt worden sind. ESnigkeitstheater vor einem betrogenen Publikum. Als Begleiterscheinung antisemitische Pöbelexzesse in der ganzen Stadt München, Mißhandlung von Marxisten und Juden. Ueberfall auf die»Münchner Post«, Zerstörung ihrer gesamten Einrichtung. Nur die großen Rotationsmaschinen werden gerettet, weil man sie unversehrt für den»Völkischen Beobachter« stehlen will. Inzwischen fährt Rudolf Heß die gefangenen Minister Schweyer und Wuzelhofer in den Wäldern spazieren, bedroht sie mit Erschießen und weidet sich an ihrer Todesangst Am Tage darauf erklärt die Kahrregie- rung alle ihr abgepreßten Erklärungen für null und nichtig. Die Reichswehr steht geschlossen gegen Hitler zu Kahr. Sie hat zwar ein bißchen ihren Ehd gebrochen, indem sie von der schwarzrotgoldenen zur weißblauen Fahne überlief— später wird sie der schwarzweißroten Fahne und zuletzt dem Hakenkreuz Treue bis in den Tod schwören— aber gegen den verrück- Das System und die Sanktionen ten Anstreicher, den nichtsnutzigen Putschisten steht sie fest zu den regierenden Respektabilitäten. Auch wenn der verrückte Anstreicher den»großen Feldherm des Krieges«, Ludendorff als Brustschild benutzt. Noch an der Ludwigsbrücke läßt sich die Landespolizei von den Putschisten entwaffnen, nachdem ihr Göring gedroht hat, ihre gefangenen Kameraden als Geiseln erschießen zu lassen. An der Feldhermhalle aber vollzieht sich das Verhängnis. Die dort aufgestellte Sperrkette läßt sich nicht entwaffnen, nicht auseinanderreißen. Schüsse fallen, und in panischer Flucht stiebt der Zug auseinander. Der Führer voran! »Der nächste Tag sieht mich als Sieger oder tot!« hatte er deklamiert. Aber der nächste Tag sah ihn weder als Sieger noch als Toten, sondern als einen Davonlaufenden, der das Sterben den anderen überließ. Das ist die geschichtliche Wahrheit Aber was ist geschichtliche Wahrheit im Dritten Reich! Sie ist als gefährlichste Staatsfeindin verbannt und verbrannt, erschlagen und erschossen. Die Lüge stolziert hoch und breit mit wattierter Heldenbrust und Ordensstemen. Die Geschichte hat zu sein, wie der Theaterregisseur offizieller Festlichkeiten sie braucht um Rührung, Ergriffenheit und Begeisterung zu erzeugen. Er bestimmt, wer von den Toten aufersteht und wer liegen zu bleiben hat An ihren Festen sollt ihr sie erkennen. W i e es feiert, und w a s es feiert, ist für das Dritte Reich durchaus charakteristisch. Daß es den Hitlerputsch von 1923 mit seinen Wortbrüchen, Verrätereien und schmutzigen Exzessen, aber auch mit seinem verlogenen Edelkitschtheater zu seinem Heldenstück gemacht hat, ist durchaus richtig und angemessen. In der Tat enthält dieser Putsch alles, was für das Wesen der nationalsozialistischen Machtergreifung und ■Machtausübung kennzeichnend ist. Alles, was die Welt jetzt staunend seit bald drei Jahren erlebt, ist ihr damals schon in 24 Stunden vorgespielt worden, alles, was jetzt im Großen geschieht, ist damals schon im Kleinen passiert. Und nur eines fehlt noch; das Platzen der ganzen Blase und das große Davonlaufen. Das Volk aber, das deutsche Volk? Wo war es, als der Führer so ganz allein über den weiten, weißen Platz schritt? Nim, die Männer standen in den Fabriken und drehten Granaten, und die Frauen standen vor den Butterläden Schlange. In den Zeitungen freilich las man es genau so wie das Propagandaministerium es vorgeschrieben hatte, daß das ganze Volk von heiliger Begeisterung ergriffen sei, und im Rundfunk hörte man es auch nicht anders. Nur freilich hätte es nicht vorkommen dürfen, daß Berlin am Abend des 8. November folgendermaßen zu tönen begann:»Hier ist der Reichssender Berlin. Für die große Heldengedenkfeier morgen abends im Sportpalast sind noch einige(Pause der Verlegenheit)— einige wenige Karten zu einer Mark noch zu haben.« Verdammt nochmal, konnte man die Karten nicht gratis verteilen, die Hohlräume mit Kommandierten füllen? Welch ein verräterischer Regiefehler! Was soll denn werden, wenn das deutsche Volk eines Tages das ganze Theater nicht mehr bezahlen will!? Msdi-Broslllaner sejen braunen Rummel Sie appellieren an die brasilianisdbe Regierung Generalleutnant Mildi Im Relchaluftfahrtsmlnlsterlum sitzt noch heute, nach Verkündimg der Nürnberger Gesetze, der JudeMllch. Er ist Staatssekretär und Generalleutnant, er Ist die rechte Hand Görings. Was bindet Göring an den Juden Milch? Kameradschaft? Menschliche Gesinnung? Treue? Nein! Der Staatssekretär weiß zuviel von seinem Chef. Sie haben die Hände gemeinsam in Gold und in Blut gewaschen. Es ist eine Kameraderie der Korruption. Görings»schützende Hand« wäre nicht stark genug gewesen, den jüdischen Kumpan zu halten. Auch Schacht mußte nach der Nürnberger Gesetzverkündung seinen sachverständigsten Beratern den Laufpaß geben. Milch ist einen anderen Weg gegangen, MUch hat sich nicht auf seinen Gönner und Spießgesellen verlassen. Er hat es vorgezogen, in Bronnens Fußtapfen zu treten. Der Generalleutnant hat behauptet, seine arische Mutter habe den alten Vater Milch— einen Breslauer Juden— so gründlich Ubers Ohr gehauen, daß er den Sprößling eines germanischen Ehebrechers als eigenen Sohn großzog. Und dieser in einem Ehebruch gezeugte rein arische Sprößling sei■ zusammen, wo sie peinlich über ihr religiöses er, der Generalleutnant Milch, die rechte Hand| Bekenntnis befragt wurden. mn. Porto Alegre, Ende Oktober. Bis vor einiger Zeit war der Widerstand der Deutsch-Brasilianer gegen die nationalsozialistische Bewegung und gegen die Gleich- echaltung in Brasilien nur gefühlsmäßiger Art. Er war zwar getragen von vielen wertvollen Persönlichkeiten, fand aber nur sehr selten Widerhall in der deutschsprachigen Presse. Seit mehreren Monaten beginnen aber scharfe Polemiken der deutschbrasilianischen Zeitungen gegen die NSDAP. Sie setzen sich fürs erste nicht mit der deutschen Innenpolitik auseinander, sondern betrachten tfie Situation ausschließlich vom Standpunkt des Deutsch-Bra süianers, wobei die Betonung auf dem Worte »Brasilianer« liegt. Weis ist die Ursache dieser Polemiken, die im Grunde genommen reichlich spät einsetzen, denn die Tätigkeit der NSDAP-Ortsgruppen in Brasüien ist ja nicht erst neuesten Datums? Die Deutsch-Brasilianer bekommen es mit der Angst zu tun! Sie haben Angst, daß durch die Tätigkeit der NSDAP in Brasilien ihr guter»Ruf als Bürger Brasiliens Not leidet« (»Serra-Post«), Sie erklären immer wieder, so in einem Artikel im»Deutschen Volksblatt« von Porto Alegre, daß es weder im Interesse des Deutschen Reiches noch der allgemeinen deutschen Belange liege, wenn die Träger der deutschen Kulturarbeit in Brasilien zum Schluß»als im Emstfall als lästiger Fremdkörper auswedsbares oder ins Konzentrationslager zu internierendes Auslandsdeutschtum endet.« Die Deutsch-Brasilianer haben also Angst, die Tätigkeit der NSDAP könnte im gegebenen Zeitpunkt zu der Errichtung von Konzen trationslagem in Brasilien gegen mißliebige Deutsche führen! Ist das nicht kennzeichnend genug? Woher kommt die Besorgnis, daß das überaus großzügige und tolerante Brasilien zu solchen strengen Maßnahmen greifen würde? Eis ist das schlechte Gewissen der Deutsch- Brasilianer, die Mitwisser der dummen und dunkeln Pläne sind, an deren Durchführung die Nationalsozialisten in Brasilien arbeiten! Muß nicht eine deutsche SA In Brasilien, die bewaffnet ist und in Uniformen herumläuft, muß nicht eine getarnte SS mit zweifelhaften Zielen, muß nicht eine chauvinistische Schulpolitik das größte Mißtrauen der Brasilianer erregen? Die Deutsch-Brasilianer,(De die brasilianische Mentalität natürlich viel besser kennen als die von der Ausländsabteilung nach Brasilien abgeordneten Pgs, sind sich über die drohenden Gefahren vollkommen klar. Sie polemisieren gegen die NSDAP- Arbeit aber nicht nur, um sich ein Alibi zu schaffen— durch die Zellen und Stützpunkte der nationalsozialistischen Bewegung in Brasilien ist ein tiefer Riß in dem entstanden, was man bisher oberflächlich»Deutschtum« genannt hat Die Deutsch-Brasilianer erklären nämlich: Die NSDAP reklamiert uns ganz selbstverständlich als Deutsche. Sie versichert, daß wir Pflichten gegenüber Deutschland haben, außerdem aber unserer neuen Heimat, Brasilien, gegenüber Loyalität beweisen müssen. Dieser Appell, so erklären die Organe des Deutsch-Brasil lanertume wie das»Deutsche Volksblatt« in Porto Alegre, dann die »Serra-Post« und die»Kolonie« von Santa Cruz, geht von grundl egenden Irrtümern aus; Wir, die Deutsch-Brasilianer, sind keine Deutschen, sondern wir sind Brasilianer deutscher Abstammung. Wir unterscheiden nicht zwischen einer»alten Heimat« und einer »neuen Heimat«, wir kennen nur eine Heimat, Brasüien! Aufforderungen, uns Brasüien gegenüber loyal zu zeigen, sind überflüssig, sie bestärken uns nur in dem Mißtrauen gegenüber dem, was die NationalsozlaUsten mit uns wirklich im Schilde führen und wofür sie uns mißbrauchen wollen!— So weit der Gedankengang in der deutsch-brasilianischen Presse. Er wird von allen deutschsprachigen Zeitungen in Brasilien vertreten, sofern sie nicht— wie die»Rio-Zeitung« und die»Deutsche Zeitung« in Sao Paulo— von dem Reichspropagandaministerium beherrscht werden.(Ein besonderer Fall ist die»JolnvUlen- ser Zeitung« des ungarischen Juden Schwarz: sie ist das offizielle Organ der NSDAP!) Die Gleichschaltungsversuche in Brasilien veranlassen die Deutsch-Brasilianer, ihre deutsche Abstammung in den Hintergrund zu schieben und schließlich sogar im eigenen Bewußtsein und dem der brasilianischen Oef- fentlichkeit ganz zu verdrängen. Aehnilch geht es In Chile, Paraguay und Uruguay: man verzichtet gerne darauf, ein »auslandsdeutscher Kämpfer« zu sein und schickt seine Kinder lieber in eine Landesschule als in eine deutsche, sogar wenn da« auf Kosten der Qualität des Unterrichtes geht... Die Nationalsozialisten haben gegenüber den Artikeln in der deutsch- brasili anlachen Presse den Vorwurf erhoben, sie seien»Volksverrat«. Darauf antwortet das»Deutsche Volkblatt«(Porto Alegre): »Man überlege sich emmal, was Vertreter der höchsten brasilianischen Behörden sich wohl denken mögen, wenn sie bei festlichen Gelegenheiten ausländische uniformierte Gruppenkolonnen in aller Oeffent- lichkedt aufmarschieren sehen, wenn wir ihnen zeigen, wie unsere Schuljugend gelehrt wird, den Hitlergruß zu erweisen, oder wenn sie sich sonst aus Zeitungsberichten übersetzen lassen, was schon alle« von neuen Deutschen brasilianischen Bürgern zugemutet wurde. Wir haben nicht« zu verbergen, als loyale Bürger, die wir ja auch nach dem wohlgemeinten Ratschlag« Reichsdeutscher sein sollen. Und gäbe es etwas zu verbergen, so müßten wir als loyale Bürger selber auf dessen Abstellung dringen.« In der»Serra-Post«, die insbesondere von den deutsch-brasilianischen Bauern gelesen wird, wird erklärt, die Nazi-Zellen wirkten »wie ein Fremdkörper Im Deutschtum Brasiliens« und hätten»eine Spaltimg anstatt eine Einigung der Deutschblütigen hervorgerufen«. Das Blatt des Paranaenser Deutschtums,»Der Kompaß«, versichert in bezug auf die braunen Zellen: »Die ausländischen Parteiorganisationen bekunden ein ausgesprochenes Bestreben, sich hervorzudrängen und bemerkbar zu machen, so daß es den Anschein hat, daß ihnen das Geltungsbedürfnis wichtiger als die Sache ist... Die Parteiorganisationen haben in diese(die Volksdeutsche) Arbelt immer neue Beunruhigung hineingetragen. Es hat eine endlose Kette von Reibereien gegeben, die die ganze Kolonie in Aufregung versetzten... Sie(die Deutsch- Brasilianer) haben ihre guten und nur zu berechtigten Gründe, wenn sie die Führung durch die Parteiorganisation ein für allemal ablehnen, und mit der Führung auch die Beeinflussung.« Man sieht also: die NSDAP erntet von de" Deutsch-Brasilianern nur Ablehnimg. Sie durch ihre organisatorische und agitatorisch« Tätigkeit dem Nationalsozialismus nicht neue Freunde, sondern nur zahlreiche Gegner gebracht. Mäh darf sich darüber vorbehalfsl»* freuen und ihr auch weiterhin denselben »guten Erfolg« wünschen! des Ministers, des Generals, des Nationalsozialisten Göring. Das bespuckte Grab seiner Mutter schweigt dazu und einigen Breslauer Juden, die ihn an seine Herkunft erinnern, seine HUfe erbitten wollten, drohte der Ehrenarier mit dem Konzentrationslager. Auf Grund dieser Schändlichkeit verbleibt MUch im Amt Er bleibt Staatssekretär, er bleibt Generalleutnant— ein Muster für die Moral und die besondere Ehrauffassimg der neuen braunen Generäle. Wahrheit wider Willen Der Berliner»Lokalanzeiger« veröffentlichte in sedner Sonntagsausgabe auf der zweitem Seite den Wortlaut der Rede, die der Stellvertreter des Führers Heß bei der Vereidigung der Hitlerjugend in München gehal- tem hat. Im»Lokal anzeiger« war u. a. folgender Satz zu lesen: »So verdankt Ihr diesen 16, daß es Euch vergönnt war, mitzubauen an einem stolzen neuen Reich, daß Ihr der Ehre teilhaftig werdet. Euch zurechnen zu können der gewaltigsten Freiheitsberaubung deutscher Geschichte.« Im Original der Rode stand statt Freiheitsberaubung Freiheitsbewegimg. In der Rodaktion des»Lokalanzeigers« fand heute eine Haussuchung statt, die längere Zeit dauerte. Die Gestapo rast, sie wird mehrere Opfer zur Strecke bringen. Aber die Wahrheit ist heraus! Gestapo In der Hläddiensdiulc Die Gestapo jagt nach dem theologischen Seminar der evangelischen Glaubensbewegimg. Dies Seminar, in dem Theologiestudenten von Pastoren der Glaubensbewegung unterrichtet werden, wird im geheimen abgehalten, Auf der Suche nach dem Seminar überfiel die Gestapo das Mädchenpensionat des Reichsbundes christlicher junger Mädchen, das Bruckhardthaus in Dahlem. Hundert Mann umzingelten das Haus, dann gingen sie zum Sturmangriff vor, sie sprangen über die Gitter, kletterten aufs Dach und trieben die Mädchen In der Halle Setäie seM deu StaldkeiiH(d Das Harzburger Theater ist trotz aller Tragik auch nicht ganz ohne Humor. Nun hat Adolf Hitler an Seldte geschrieben: mein lieber Freund, Du alter Else!, Dein Stahlhelm gehört mir. Was soll denn Dein Verein noch: wir haben jetzt die Wehrpflicht wieder, und das Ist doch das, was ihr haben wolltet; habt doch immer selber gesagt, daß ihr nur die alten Traditionen hüten wolltet, nun, das war sehr nett, und man muß euch dankbar sein. daß ihr immer geholfen habt, und nun haben wir das alles erreicht und nun ists gut. Der Stahlhelm hat seine Schuldigkeit getan, er kann abgesetzt werden. Und Du mein lieber Seldte, Du bist so seldten dumm,(Jawohl, diesmal mit dt geschrieben,) Du wirst Dir auch noch diese nationale Ohrfeige gefallen lassen und mit Ohrenbrausen brausend donnern: Heil Hitler! Ganz genau so hat Seldte das gemacht. Adolf hat Ihm den Stahlhelm abgenommen und die Pickelhaube aufgesetzt und Seldte bat sich gefreut, daß er nocl) etwas auf dem Kopf behalten hat. Natürlich, natürlich, mein Führer, es war niemals anders gedacht, nein: wir haben uns nur dazu formiert, um Dir einen Minister zuzuführen. Ach Schatz, ich möchte gern Dein Badewasser schlürfen!»Ein Volk, ein Reich, ein politischer Wille und ein Schwert!«, so bat Hitler geendet, als ob er auch die SA mit beerdigen wollte. Aber nein, die- ist ja nicht Schwert, die ist ja politischer Wille, der eine, der im Reich noch bleiben soll. Ja, meint er nun, daß das Schwert Stahlhelm oder der politische Wille Stahlhelm überflüssig ist? Sollte der Führer mit den Schwertern neuerdings so sparsam umgehen? Man kann das nur von dem politischen Willen sagen. Natürlich. Seldte. eine Hand wäscht die andere. Obdachlos soll niemand im heutigen Deutschland sein, wenn ihr brav seid, könnt ihr In die NSDAP und Ihre Gliederungen aufgenommen werden.»Ich hebe für euch die sonst bestehende Mitgliedersperre auf.« Rührend, rührend. Aber kommt nicht korporativ, das sind zu viel Schwerter(oder politische Willen?),»die Uebernahme solcher alter Stahlhelmmitglieder kann nicht korporativ, sondern nur durch Eänzelanmeldung erfolgen. Ueber die Aufnahme ehemaliger Mitglieder in die SA entscheidet der Stabschef der SA- »Na, und die anderen sollen in den Kyffhäu- serbund gehen. Ja, mein lieber Seldte, wenn Dir das nicht paßt, dann hättest Du nicht mit nach Harzburg kommen dürfen.« Was daher vielen Stahlhelmmltgliedem als ein schwere« Opfer erscheinen mag, ist nichts anderes als die geschichtliche Auswertung der bisherigen Arbeit und Leistungen.»Ihr habt unser Marschtempo nicht durchhalten können, das hättet ihr euch vorher überlegen sollen. Eis ist ein Frontkämpf eri dy 11 unvergeßlicher Art, wie■ Seldte sich die Pickelhaube aufsetzen läßt und im Nachthemd mit schwarz-weiß-roter Borte am hakenkreuzg eschmückten Schreibtisch sitzend, diese unvergeßlichen Männerworte niederschreibt; »Mein Führer! Mit aufrichtiger Dankbarkeit bestätige ich den Empfang Ihre« heutigen Schreibens. Mit mir danken meine Kameraden... für die hochherzigen Wort« der Anerkennung... Dieser unser aller Dank ist um so herzlicher und freudiger... Hierdurch hat auch das Wollen und Ringen des Stahlhelms den Abschluß gefunden..• Ich danke ihnen nochmals für das Wohlwollen(!) und die Anerkennung, die Sie meinen Kameraden und dem Bunde zuteil werden ließen. Ich melde Ihnen, mein Führer. hierdurch die von mir befohlene Auflösung des Nationalsozialistischen Deutschen Frontkämpferbundea(Stahlhelm).« Das ist ein Mann. Wenn sie den mal an einem 30. Juni erschießen, dann wird er nicht fluchen und jammern, sondern mutig sagen: Ich danke Dir mein Führer, daß Du mich vor deinem Abgang nach Walhalla schickst, Ich werde nun dort wieder die Harzburger FTont vorbereiten können, und wenn Du dann auch kommst, dann werden wir unseren gemeinsamen Befreiungskrieg fortsetzen. Denn es war doch so erhebend! Seine Gefolgschaft aber sagt kurz und verletzend; Für wieviel Reichsmark hat der Seldte uns verkauft?, Deuisdbe Streifliditer Die Gestapo liest mit Leiter des Feuilletons der»Frankfurter Zeitung« ist seit einiger Zelt Alfons Pa- quet. Ein Mann mit europäischer Gesinnung in einstigen freieren Tagen und auch Jetzt noch trotz aller Gleichschaltung fern von der Hitlerverhimmelung seines Chefredakteurs Kircher. Dennoch ist Alfons Paquet eifrig bemüht, im Auslande das berühmte»Verständnis« für das Dritte Reich zu wecken. Er ist Quäker und hat insbesondere seine Beziehungen zur angelsächsischen Welt fleißig für das»neue Deutschland« spielen lassen. Aber er bleibt verdächtig, wie er kürzlich erleben mußte. Als er im Begriffe war, zu religiösen Freunden nach Skandinavien zu fahren, wurde er aus dem Zuge heraus verhaftet, durchsucht und zunächst in polizeüichem Gewahrsam gehalten. MlttlerweUe wurde auch in seiner Wohnung gründliche Haussuchung gehalten und insbesondere sein Briefwechsel durchschnüffelt. Es ergab sich keine Belastung, und so wurde Alfons Paquet wieder freigelassen,' ehe sich das Auswärtige Amt für den Redakteur seines wichtigsten für das Ausland bestimmten journalistischen Organs zu bemühen brauchte. Herr Alfons Paquet aber dürfte aus den Prozeduren, denen er unterzogen wurde, gelernt haben, daß das Postgeheinmis auch für die Briefe der gleichgeschalteten Redakteure aufgehoben ist und die Gestapo mitliest. Nicht einmal Herr Chefredakteur Kircher wird von diesem schmerzlichen Mißtrauen ausgenommen bleiben. Wird Berlm?römmer? Wenn man die vom»Evangelischen Pressedienst« für das Jahr 1934 veröffentlichten Zahlen nur flüchtig liest, könnte man die Frage beinahe bejahen: 46.193 Kinder wurden getauft, während es Im Jahre 1933, in dem doch schon Hitlers positives Christentum unter freundlicher Nachhilfe der SA und der SS den Bekehrungseifer förderte, nur 38.382 waren. 11.625 Kinder wurden n a c h g e- tauft. Ihre Eltern entdeckten also erst nach dem Anbruch des Dritten Reichs, daß es zweckmäßiger sei, die Kinder einer sozusagen ordentlichen Religion zuzuführen. Inzwischen werden ihnen Zweifel gekommen sein, ob sie richtig spekuliert haben, denn bei dem ewigen Kirchenkrach, dem Neuheidentum und der Gottahnlichkeit Baidur-von Schirachs mit seiner alleinseligmachenden Hitlerjugend, ist es schwer vorauszusagen, welche Gesinnung auf religiösem Gebiete demnächst zweckmäßig und vorteilhaft ist. Die Kirchenstatistik scheint auch derartige Ahnungen zu haben, denn sie prophezeit für 1935 keine so sprunghafte Zunahme der in Prozentsätzen zu berechnenden Frömmigkeit. Die Rückkehr aus der Religionslosigkeit zur Evangelischen Kirche hat schon ihre Hochkonjunktur hinter sich. Im Jahre 1934 traten nur noch 18.221 Berliner der Evangelischen Kirche bei, gegenüber 63.647 im Jahre I des Dritten Reichs. Auch im Jahre 1934 traten übrigens noch 3579 Berliner aus der Evangelischen Kirche aus. Unter den vielen sonstigen Zahlen gibt es eine, die deutlich zeigt, was Jeder Wissende hinter der Statistik vermuten wird, daß nämlich nur äußere Organisationszunahmen erfolgt sind, keineswegs aber ein Wachstum der religiösen Bewegung: die Zahl der Kinder, die regelmäßig den Kindergottesdienst besuchen, hat um 14 v. H. abgenommen. Man läßt sich also wieder in der Kirche einschreiben— für alle FäUe— bleibt aber im übrigen dem kirchlichen Leben so fem wie Je. Die sdimlerijnre Radie In Köln ist der frühere Korrespondent des »Berliner Tageblattes« Dr. Krüger wegen rassenschänderischer Verbrechen gegen die Nürnberger Judengesetze zu einem Jahre Gefängnis verurteüt worden. Nach den Berichten des Kölner Naziblattes liegt folgender Tatbestand vor: Dr. Krüger lebte seit dem Jahre 1932 mit einer jungen Arierin zusammen, in einer»Gewissensehe« wie er vor Gericht sagte. Mitte September traten die Nürnberger Gesetze- in Kraft. Dr. Krüger glaubte, seine Gefährtin nicht von heute auf morgen vor die Türe setzen zu müssen, sondern nahm an, daß ihm wenigstens Zeit gelassen werde, ihr eine andere Wohnung zu suchen. Daß ihm das innerhalb knapp vierzehn Tagen nicht gelang, wurde ihm zu Verhängnis. In der Nacht zum dritten Oktober drang Kriminalpolizei ein und verhaftete ihn. Ein Beweis, daß Krüger und seine Freundin noch nach dem 16. September Verkehr gehabt hatten, wurde nicht erbracht Beide bestritten es. Der Staatsanwalt aber verkündete,»daß nach den Erffcirungen des täglichen Lebens« es so gewesen sein müsse, wie er behauptete. Immerhin beantragte er»nur« 6 Monate Gefängnis. Das Gericht diktierte»dem Juden Dr. Krü- Det koiM Bmmsttumdei Rund um den Reldisbauerntag und die Reldisbauernstadt Man schreibt uns aus Deutschland: Der mit der Aufforderung und Errettung des deutschen Bauernstandes betraute landwirtschaftliche Diktator, der in Argentinden geborene gegenwärtige Reichsemährungsmi- nister D a r r 6, läßt in der ununterbrochenen Reihe von Festen und Paraden, mit denen das deutsche Volk in seiner wachsenden Misere bei Stimmung zu erhalten gesucht wird, nun wieder den diesjährigen Redchsbauemtag in der Zeit vom 10. bis 17. November in der Reichsbauemstadt Goslar stattfinden. Selbstverständlich kommen nicht die im Dritten Reich notleidenden Bauern nach Goslar, sondern nur eine feingesiebte Auslese von Landes-, Kreis- und Ortsbauernschaften, die»ein machtvolles Bekenntnis zu den Aufgaben und Zielen des Reichsnährstandes im Reiche Adolf Hitlers ablegen« sollen. Alle Kanonen der braunen Agrarpolitik werden in diesen Tagen in der Reichsbauernstadt auffahren: Der Reichs bauemführer und Minister D a r r ä, Staatssekretär Willikens, der eine Hof- besitzeirtochter aus Gr.-Flöhte bei Goslar heiratete und als früherer Oberleutnant damit seine Sendung als Landwirt erkannte. Staatssekretär Meinberg, Dr. R e i s c h 1 e, Freiherr von Kanne, Staatssekretär Backe und die kleineren landwirtschaftlichen Nazi- Leuchten. Daß bei der steigenden Lebensmittelnot, der Futtermittelknappheit, dem Fiasko mit dem Erbhofgesetz, der Marktordnung für landwirtschaftliche Erzeugnisse und der Blubo-Politik der Redchsbauemtag nicht unter rosigen Auspizien zusammentritt, liegt auf der Hand. Mehr Gewicht legt man auch auf Aeußerllchkeiten und einen»Bauemthing«, bei deren Vorbereitungen man schon seit dem 25. September in einem besonderen Amt beschäftigt ist. An einem großen Festspiel, in dem das Bauerntum als»der ewige Quell ponlst Martin Stürmer und das Kasseler Sinfonie-Orchester und ein großer Kasseler Chor wirken mit. Die bühnentechnische Gestaltung hat der Direktor Kranich des hannoverschen Opernhauses. Zum Aufenthalt und Umkleiden für die Mitwirkenden, unter denen 250 Kinder sind, hat man«in heizbares Zelt errichtet. Mit Absicht flüchtet man aus der rauhen Wirklichkeit in eine Blubo-Romantik. Nicht umsonst will der Reichsnährstand ja auch nach Goslar übersiedeln, denn in dem tausendjährigen Städtchen findet die nationalsozialistische Flucht die meisten Anhaltspunkte. Bekanntlich hat man Goslar am Harz»letzte Schutzwehr Elm Ostrand des Sachsenlandes« im Januar 1934 zur Reichsbauernstadt ernannt. Der gesamte Apparat der Bürokratie des Redchsnährstandes mit etwa 3000 Köpfen sollte nach Goslar verlegt werden. Obwohl man mit stärkstem Pathos die Uebersiedlung hinausposaunt hatte, ist bislang nur der Verlag»Blut und Boden« mit einem Dutzend Angestellte und eine Reichsbauernschule provisorisch in Goslar untergebracht. Die Goslarer Bevölkerung, welche auf die braunen Blütenträume große Hoffnungen gesetzt hatte, ist schwer enttäuscht. Die nationalsoziaiistische Baukunst zeichnet sich durch das Riesenhafte ihrer Dimensionen aus. So hat man, um den»Bauemthing« nicht wieder in einem Schützenfestzelt stattfinden zu lassen, beschlossen, eine»Goslarhalle« in der Reichsbauernstadt zu erbauen. Schon im Juni 1934 hatten die Goslarer Stadträte den Bau einer großen Stadthalle für 8000 Personen»beschlossen«. Feist über ein Jahr Sellien es, daß es der Goslarer Stadthalle wie dem nationalsozialistischen Programm ergehen sollte. Es gab vielerlei Verhandlungen und ein hundertfEwhes Hinundher. Am Kattenberg mußten Kleingärtner ihre Gärten aufgeben. nordischen Blutes« dargestellt werden soll,] Dann sollte wieder am Rosenberg gebaut wirken aus allen Teilen Deutschlands 1200 bäuerliche Menschen mit, die einer scharfen Auslese unterzogen wurden, denn der große Festabend, in der Nazi-Sprache»Brauchtumsabend« genannt, soll das Gleichmaß»nordischen Blutes« aufzeigen. Die Verfasser des Textes sind ein Dr. Landgraf und der-Staats- prßjfitr�er.. Joseph. Jüßrtin. Bauer aus Torfen (Oberbayern). 20 Szenen soll das Festspiel haben. Die Musik schrieb der braune Kom- werden und ohne sich dort mit den Klein gärtnern auseinanderzusetzen, begann man mit den Baggerarbeiten. Die Kosten des Stadthallen-Baues waren auf 700.000 Mk. veran- schisigt, untragbar für eine Stadt mit 23.000 Einwohner. DEtnn sollte der Kaisersaal wieder ausgebaut werden. Zwischendurch am 16. Mai verbot der Oberbürgermeister Droste, der früher Kontorist in einer Goslarer Sauerbrunnenfabrik war, der Presse durch einen geharnischten Ukas Jede Erörterung der Pläne um die Stadthalle. Am 8. Juli 1935 wurde dann ein Projekt des Prof. Fischer-Hannover endgültig angenommen, und zwar jetzt doch auf dem Kattenberg. Die Finanzierung, man spricht von 1,500.000 Mark, soll je zur Hälfte vom Reichsnährstand und der Stadt Goslar bewerkstelligt werden. Der braune Fetischismus mit dem Quantitativen ist auch hier wieder maßgebend. Die Goslar- halle, wo der Reichsbauerntag stattfindet, ist 96 Meter lang, 58 Meter breit. Die Halle hat 3200 Sitzplätze, wenn die Sitzplätze im Parkett herausgenommen werden, so hat man im Mittelteil noch eine Aufmarschfläche für 3000 Mann, Die Bühne kann 1500 Personen Platz geben und sogar mit Erntewagen In großem Zuge befahren werden. Vor der Halle ist ein Aufmarschgelände für 60.000 Menschen hergerichtet. In Tag- und Nachtschichten arbeitet man, um die Goslarhaile bis zum Reichsbauerntag am 10. November fertigzustellen. Am 6. Oktober hatte die Stadt Goslar schon eine Ausschmückungsprobe: 70.000 Oellämp- cben flammten in den Fenstern der alten Häuser auf. In dem äußeren Bilde der Stadt zeigt sich auch, welche Fortschritte die Emanzipation vom Christentum bereits gemacht hat. Ueberau sieht man die Symbole der germanischen-heidnischen Zeit: die Odals- rune, die Sonnenrose, die Siegrune und den Lebensbaum, ja eine Wodansäule bat man sogar errichtet. Interessant ist noch, daß in Goslar und Umgebung 8000 SS zum Reichsbauerntag zusammengezogen werden, darunter auch Formationen der Leibstandarte Hitlers. Auch SA- und Feldjägerabteilungen sind angekündigt Trotz der Werbetrommel und des Theaterdonner für den Reichsbauerntag wird der»Bauemthing« vorwiegend zur Beweihräucherung der Person Darrös dienen und weiterhin bleibt die Frage offen, wie und wann das nationalsozialistische Regime der Landwirtschaft praktisch und positiv helfen will. Die denkenden Bauern aber wissen längst, was sie von der Reichsbauernschaft zu halten haben. Der ganze Schwindel, der Betrieb, die Bonzengehälter, die Aufmachung— alles wird bezahlt von den Beiträgen, die ihnen abgepreßt werden. ger« wegen Verbrechens gegen Paragraph 2 des Gesetzes zum Schutze deutschen Blutes und deutscher Ehre ein Jahr Gefängnis« zu. Der»Westdeutsche Beobachter« aber verhehlte gar nicht, welchen Nebenzweck die rassenvereinigenden Gesetze von Nürnberg haben; sie sollen das Mittel zur späten Rache an politischen Gegnern bieten, denen man mit den sonstigen Strafgesetzen nicht beikommen konnte:»Als Journalist ist er für die Hetze verantwortlich, der die' Kölner SA und die NSDAP während ihrer schwersten Kampfjahre in den großen Judenblättern ausgesetzt war.»Es sei die höchste Zelt gewesen, daß»dieser Jude endlich hinter die schwedischen Gardinen kam.« Das Urteil gegen den Rasseschänder war der Auftakt zu einer gleichzeitig mit dem Prozeßbericht angekündigten Riesenversammlung:»Rasse ist Schicksal«. Kein Geringerer Eds der Leiter des rassepolitischen Amtes der NSDAP Dr. Groß eilte nach Köln. Niemand wird zweifeln, daß tausende Neugierige In die Versammlung drängten in der Erwartung noch mehr über jüdische Bettgeheimnlsse zu erfahren. Hitlerjugend und BdM waren ohnehin zu ihrer rassischen Reinigung und Erbauung aufgeboten. Hannes Wink. Sdiämt sldi Gobbels? Anekdote Irgendwo lasen wir von einem engliscjien Universitätsprofessor, der Deutschland bereist hat und nun erzählt:»Ich saß zwei Stunden lang im Büro des Herrn X....... der jetzt eine sehr hohe amtliche Stelle hat. X führte in meiner Gegenwart eine Reihe von Telefongesprächen, die er jedesmal mit dem Gruß »Heil Hitler« abschloß. Und jedesmal, wenn er den Hörer aufgehängt hatte, fügte er, zu mir gewendet, die Bemerkung hinzu;»So tief sind wir gesunken«! Die Insel des Friedens Inserat einer reichsdeutachen Spielzeugfirma: Das deutsche Kind spielt mit Gewehr, mit Tanks und mit Soldaten. So wächst es auf, im Geist der Wehr und fiebert nach den Taten. Bei so viel aufdringlichem Pazifismus kann man wirklich ganz beruhigt sein. Ab und zu liest man eine Verlautbarung des Herrn Göbbels, durch die mit Ausdrücken der srtärksten Entrüstung eine Meldung der ausländischen Presse über deutsche Zustände als lügenhaft gebrandmarkt wird. Mitunter ist an diesen Dementis sogar etwas richtig, wenn sie auch nie die volle Wahrheit enthalten: sie zu sagen hat Göbbels verlernt, wenn er es je gekonnt hat. So war Göbbels ganz aus dem Häuschen, als im AuslEind berichtet wurde, daß die SA den Gründer des Jungdeutschen Ordens, M a h r a u n, totgeschlagen habe. Er beteuerte unter einer Kanonade von Invektiven, daß der angeblich Abgeschlachtete friedlich sedner Betätigung nachgehe. Mab- raun ist in der Tat am Leben. Aber die SA- Banditen haben ihm, nachdem sie sich seiner bemächtigt hatten, ein Auge ausgeschlagen. Davon hat Göbbels wohlweislich nichts gesagt. Kürzlich war in ausländischen Blättern zu lesen, daß das deutsche Propagandaministe- rium die ihm nachgeordneten Dienststellen angewiesen habe, die Namen der Im Weltkrieg gefallenen Juden von Kriegerdenkmälern und Gedenktafeln zu entfernen. Göbbels gab dEinn am 31. v. M. bekannt:»Gegenüber diesen Meldungen wird amtlich festgestellt, daß eine solche Anweisung nicht ergangen Ist.« Wie erklärt sich die auffallende Sachlichkeit dieser Berichtigung? Die Nationalsozialisten sind tatsächlich dazu übergegangen, die Namen jüdischer Kriegsopfer in einer Reihe von Orten auf Denkmälern und Gedenktafeln unleserlich zu machen. Das konnte Göbbels nicht gut leugnen, da er durch die Photographie leicht der Lüge hätte überführt. werden können. Deshalb beschränkte er sich darauf, die Erteilung einer Anordnung zu bestreiten, wohl in der Hoffnung, daß der oberflächliche Leser die Bekanntgabe auf den ganzen Inhalt der ausländischen Pressemeldung beziehen werde. Von der schlichten Form einer Notiz versprach er sich eine besondere Wirkung. Wir haben so oft von den Nazis gehört, daß ohne den Willen des Führers nichts in der Partei geschehe. Wie kommt es, daß der starke Mann nicht imstande war, diese skandalösen Vorfälle zu verhindern? Aber immerhin: Die Form und der Inhalt der Erklärung von Göbbels scheint dafür zu sprechen, daß er sich schämt, wenn er es auch nur zaghaft ausdrückt, was zu begreifen Ist, da es für ihn neu ist. Das 1000. Flugzeug»' Die gesamte Belegschaft der Helnkel- Werke ist kürzlich zu einer Feier versammelt worden, um die Fertigstellung des lOOOsten Flugzeuges festlich zu begehen. Selbstverständlich war auch der Generalleutnant Milch und zahlreiche Offiziere der Wehrmacht und der Luftwaffe anwesend. Beksinntllch sind die Helnkel-Flugapparate ungeheuer schnelle Jagdflugzeuge. Wenn man bedenkt, daß etwa 18 größere Flugzeugfabrl- ken In Deutschland vorhanden sind, von denen das Helnkel-Werk nicht die größte ist, so kann man sich den Umfang der deutschen Luftrüstung vorstellen. Neues Geflüster In eine Berliner Buchhandlung kommt ein Sachse:»Ich täte gern dem Führer seine Memoiren koofen.« Der Inhaber:»Die erscheinen doch erst nach seinem Tode.« Der Sachse:»Aebm drum!« Die Eidmasdiine Dos System für die Generaldirektoren Der SdiauprozeP. gegen ten Hompel Nach einem Strafverfahren, das fast zwei Monate lang gedauert hat, ist der ehemalige Generaldirektor der Wicking- Werke, Rudolf ten Hompel, zu einer Gefängnisstrafe von drei Jahren und einer Geldstrafe von 22.000 Mark verurteilt worden. Herr ten Hompel war einst unter den deutschen Konzemmagnaten einer der Größten, er hieß dereinst König der westfälischen Zementindustrie, der Ze- mentkonzem, den er diktatorisch beherrschte, war der leistungsfähigste Zementproduzent des europäischen Kontinents. Ten Hompel war Präsidialmitglied des Reichsverbandes der deutschen Industrie, bis 1928 Zentrumsabgeordneter im Reichstag. Kann es sich das Hitlerregime nicht zum Ruhm anrechnen, daß seine unerbittliche Strenge auch vor Wirtschafts- führem nicht zurückschreckt? Das System zur Verhinderung der Produktion In keiner anderen Industrie war die Menge des fehlgeleiteten, in unausgenutzte Anlagen verpulverten Kapitals gewaltiger als in der deutschen Zementindustrie, in keinem anderen Industriezweig war die wirkliche Produktionsleistung hinter der ohne Rücksicht auf die Rentabüität und nur aus Gründen der Machtanhäufung gesteigerten technischen Leistungsfähigkeit soweit zurückgeblieben wie hier. Selbst in den besten Jahren waren die Produktionsanlagen der Zementindustrie höchstens zur Hälfte beschäftigt, die andere Hälfte war selbst zur besten Zeit totes Kapital, absolut vergeudet und als Kapital vernichtet. Das ganze Ausmaß der Kapitalverschwendung wurde erst in der Zeit der Krise offenbar, als der Grad der Ausnutzimg der Erzeugungsfähigkeit auf 25, ja bis auf 10 Prozent herabsank. 90 Prozent der hochwertigen Betriebsanlagen bei den Syndikatswerken, in die man in der Zeit der Hochkonjunktur wahllos Hunderte von Millionen hineingesteckt hatte, lagen still und verrosteten. Die Zementkartelle dachten nicht daran, die überhöhten Preise abzubauen, weil sie die Bauwirtschaft durch ihr Preisdiktat zwingen wollten, die Folgen der Kapitalverschleuderung zu tragen. Der Kartellwucher bereitete aber fruchtbaren Boden für die Entstehung von Außenseitern, die die Kartellpreise unterboten und dennoch gut auf ihre Rechnung kommen konnten. Sie drohten, die Kartelle zu sprengen. Es wurde schließlich ein gut rentierendes Gewerbe, Außenseiterwerke zu errichten, nur um sie mit gutem Gewinn loszuschlagen und nachher stillegen zu lassen. So wurde ein Irrsinn der Ka- pitaflverschleuderung zur Ursache eines noch größeren. Die Produktion von Zement wurde schließlich ein fast überflüssiges Beiwerk, die Verhinderung der Produktion die wesentliche Tätigkeit der Beherrscher des Zementmonopols. Am ausschweifendsten wird dem Expansionsdrang vom Leiter des Wicking- Konzem, Herrn Rudolf ten Hompel, gefrönt, nirgends erreicht die Kapitalvergeudung seinen Rekord. 1931 steht sein Konzern vor dem finanziellen Zusammenbruch, vor dem offenen Bankrott rettet ihn nur, daß er sich von einer anderen Großmacht der westdeutschen Zementindustrie, dem Dyckerhoff-Konzern, aufsaugen läßt. Kaum ein Jahr später stand auch derDyckerhoff-Wicking-Konzern vor dem Ruin. Er würde ein Unglück für seihe Aktionäre, aber ein S e- gen für die Bauwirtschaft gewesen sein, die endlich vom Preisdiktat der Zementmonopole erlöst worden wäre. Aber die Herren Konzernführer sahen nur den einen Ausweg der für Wirtschaftsführer bleibt, wenn sie mit ihrem Latein zu Ende sind: die Staatshilfe. Kurz vor Ausbruch des Dritten Reiches wird von den Großkonzernen der Zementindustrie, am kräftigsten von dem am meisten gefährdeten Dyckerhoff-Wicldng-Konzem, ein gesetzliches Zwangssyndikat für die Zementindustrie gefordert, das den überdimensionierten Großkonzernen, die immer lästiger werdende Konkurrenz der Außenseiter vom Halse schaffen und mit den Monopolprofiten zugleich das Monopolkapital vor dem Ruin bewahren sollte. Das Hltlepsysiem rettet bankrotte Spekulanten Das»Schmach-System« hat dem Drängen des an Einfluß mächtigen, wenn auch an innerer Kraft ohnmächtigen Zementkapitals nicht nachgegeben. Dagegen war es eine der ersten Taten von Hitlers erstem Wirtschaftsminister, Schmitt, sich eine Ermächtigung zur Errichtung von Zwangssyndikaten erteilen zu lassen, eine der ersten Industrien, auf die sie angewendet wurde, war die Zementindustrie. Es ist ein Spezialgesetz zur Rettung eines durch hemmungslose Ausnutzung der Monopolmacht an den Rand des Abgrunds gebrachten Großkonzerns der Zementindustrie, ein Spezialgesetz für den Dyckerhoff-W icking-Konzern Warum bestraft man jetzt Herrn ten Hompel, nachdem man sein Werk vor dem Untergang gerettet und damit die Spuren seiner Taten verwischt hatte? Der Staatsanwalt nannte den abgesetzten König der westfälischen Zementindustrie einen Gauner, aber die Richter haben sich in der Urteilsbegründung dieser moralischen Verdammung nicht angeschlossen. Sie halten ihn nicht für einen »zielbewußten Verbrecher«, sondern nur für einen Menschen, dem »die selbstverständliche Unterscheidung zwischen Recht und Unrecht, anständigem und unanständigem Verhalten gefehlt habe. Sein Charakter sei nicht lauter und stark, wie man es von einem deutschen Wirtschaftsführer unbedingt verlangen müsse.« Was hat er getan, das zwar nicht als strafwürdiges Verbrechen, aber immerhin als Verstoß gegen die im Dritten Reich herrschenden guten Sitten angesehen wird? Etwa, daß es ihm mehr um die Erhaltung der Monopolmacht seines Konzerns als um die Förderung der Bauwirtschaft zu tun war, daß er durch ungeheuerliche Vergeudung von Arbeitskraft und Kapital nicht nur seinen Konzern, sondern eine ganze Industrie dem Zusammenbruch entgegengetrieben hat? Das alles wird in der Anklageschrift nicht nur nicht getadelt, sondern, im Gegenteil, fast belobt. Es hat such, sagt das Gericht, nicht nachweisen lassen, daß der Angeklagte bei seiner großen Expansionspolitik, mit der er ein sehr gewagtes Spiel getrieben habe, nicht von seinem Standpunkt aus das beste der Wicking-Werkc im Auge gehabt habe. Ten Hompels Spezialität Ein»gewagtes Spiel« ist nicht von nerrn ten Hompel allem getnenen woraen. Jlan kann die»Führer« der Zementinau strie in zwei Kategorien einteilen: in Aufkäufer von Außenseitern und in Außenseiter, die sich aufkaufen lassen wollten. Die Eigenart des Herrn ten Hompel bestand darin, daß er beide Kategorien in seiner Person vereinigt hat. Er hat nicht nur Außenseiter aufgekauft, sondern selbst Außenseite rvrerke gegründet, er war Aufkäufer und Aufgekaufter in einer Person. Er bekämpfte die Konkurrenz der Außenseiter zugunsten der Kartellmacht und trat selbst als Konkurrent des Kartells und seines eigenen Werkes auf, indem er hinter dem Rücken seines Konzerns zwei Außenseiterfirmen gründete. Der Zweck war, seine Kartellkollegen mit der Konkurrenz der von ihm beherrschten Außenseiter zu bedrohen, um sie für seine Quotenforderungen gefügig zu machen. Aber selbst diese im höchsten Maße unlautere Methode im Kampfe der Zementgiganten hat weder das Gericht selbst noch die als Zeugen vernommenen Kollegen ten Hompels in Harnisch gebracht, die in Uebereinsümmung mit der Anklageschrift seine Kampfmethoden nur als unanständig, nicht als verwerflich bezeichneten, gewissermaßen nur als Verletzung des unter Generaldirektoren üblichen guten Tons. Selbst das war aber kaum mehr als eine Konzession an die im totalen Staat verlangte Heuchelei. Denn die Herren haben am Mißbrauch von ten Hompels Allgewalt über seinen Konzern mit profitiert Ten Hompel beziffert den Jahresgewinn, der den nord- und süddeutschen Zementverbänden allein aus der bloßen Existenz des westdeutschen Kartells zugeflossen ist, auf 15— 20 Millionen. Sie sind sicher Herrn ten Hompel dankbar dafür, daß er sie mit seinen falschen Außenseitern vor der gefährlicheren Konkurrenz echter bewahrt hat. Aber selbst das ist nicht mehr als»unanständig«, daß ten Hompel die falschen Außenseiter zwar mit gepumptem Gelde, aber nicht für Rechnung seines Konzems, sondern für eigene Rechnung gegründet hat. Allerdings nicht auch auf eigenes Risiko. Er würde, wenn es gut gegangen wäre, den Gewinn für sich behalten und den Spekulationskredit selbst zurückgezahlt haben. Da die Spekulation aber schief ging, hat er den Kredit nicht selbst eingelöst, sondern ihn von seiner Gesellschaft einlösen, diese also die Kosten seiner Spekulation bezahlen lassen. Das ist regulärer Diebstahl, begangen von Herrn ten Hompel an dem seiner Obhut anvertrauten Unternehmen. Aber in den Augen des Gerichts besteht sein Vergehen nicht darin, daß er seiner eigenen Gesellschaft Konkurrenz gemacht und diese auch noch von ihr hat bezahlen lassen, sondern darin, daß er sie nicht an dem Gewinn des Verkaufs eines der Außenseiter beteiligt, nicht wenigstens einen Teil des Geldes zurückerstattet hat, das er ihr vorher abgenommen hatte. Darin sieht das Gericht eine»schwere Untreue«. Für diese Untreue allein erhielt Hompel ein Jahr neun Monate Gefängnis und eine Geldstrafe von 20.000 Mark zudiktiert, den Rest für Vermögensverschiebungen, die darin bestanden, daß er eine Scheinschuld bei einer rechtlich seiner Frau gehörigen, aber selbstverständlich von ihm beherrschten Gesellschaft konstruierte, um sich dem Zugriff seiner rechtmäßigen Gläubiger zu entziehen und wegen Vergehen ähnlicher Art. lind der Aufsldiisrai All diese Schiebungen und Verschiebungen sind viele Jahre hindurch betrieben worden, ohne daß der Aufsichtsrat sich etwas merken ließ. Ten Hompel hatte vorgesorgt und dem Vorsitzenden des Aufsichtsrats mit dem Gelde des Wicking-Konzems dazu verhelfen, seine lästigen Teühaber loszuwerden. Der Aufsichtsratsvorsitzende wiederum versah mit seinem Prüfungsvermerk einen einfachen Zettel, auf dem ten Hompel sich 93.000 Mark Reisespesen verschreiben ließ. Allein die Tatsache, daß die bei dieser Gelegenheit enthüllte Methode der Bestechung auf Gegenseitigkeit, der Blindheit oder des Sichblindstellens der zur Ausübung der Aufsicht verpflichteten Personen, alle diese Gaunertricks sich in diesem Verfahren als durchaus übliche Geschäftspraktiken erwiesen haben, die bei Sachkennern kaum ein Kopfschütteln hervorrufen, könnte allein genügen, Untersuchungsverfahren gegen sämtliche deutsche Kon- zemführer und ihrer Aufsichtsräte einzuleiten. Damit das nicht geschehe und das Gericht dennoch die ihm anbefohlene Bestrafung des einen Opfers vollziehen konnte, war es gezwungen, ten Hompel für unanständig und untreu zu erklären, aber ihm vom Makel des Verbrechens zu reinigen. Die Fälle Lahusen, Favag, Ostwerke, hätten eigentlich Beweis genug sein müssen, daß das, was als Sensation erscheint, nur das im Verkehr von Wirtschaftsführern untereinander Uebliche ist und daß die Pechvögel nicht für ihre Vergehen bestraft werden, sondern nur dafür, daß sie sich haben erwischen lassen. Herr ten Hompel hat das Malheur gehabt, daß er ein Finanzgenie war, solange die Konjunktur auch ohne sein Bemühen günstig war, daß er aber, als sie schief ging, sich unwahrscheinlicher benahm als ein Verbrecher im Kriminalfilm. Er gab den Angestellten seiner Vermögensverwaltungsgesellschaft Anweisungen über Buchfälschungen, er ließ von seiner Sekretärin Briefe an sich selbst schreiben, er versteckte Anwaltakten hinter der Heizung seines Schlafzimmers usw. Er griff, wie die»Frankfurter Zeitung« schreibt, als er festgefahren war, zu den Schlichen des kleinen, unaufrichtigen Subalternen, der die Portokasse wieder in Ordnung bringen muß. Für die»Frankfurter Zeitung« gibt es keine Erklärung dafür, wie es kommt, daß der Zementkönig sich einmal wie ein echter Selbstherrscher und nachher wie ein kleiner Spitzbube benimmt. Des Rätsels Lösung liegt darin, daß die»Führer« nicht führen, sondern nur die Spielbälle ihrer eigenen Spekulationen sind, daß der Konzemkönig ein Herrscher nur von Gnaden einer günstigen Konjunktur ist und als kleiner Gauner das Opfer der sinkenden Konjunktur. Je mehr der Kapitalismus in riesenhaften Machtgebilden erstarrt, um so mehr werden ihre Beherrscher zu bloßen Parasiten, die an der Wirtschaft zehren, nicht sie fördern, um so mehr verführt die ungeheuerliche Macht einiger weniger über ungezählte Menschen und ungezählten Millionen zu Mißbrauch der Macht, die Verschachtelung von Interessen zur Verschleierung und die Verschleierung zum Betrug. Dort, wo an der Kapitalvergeudung mehr profitiert wird als an der Kapitalerzeugung, ist vom bewunderten Finanzgenie zum simplen Betrüger oft kein größerer Schritt als vom Erhabenen zum Lächerlichen. Das System für die Parasiten Der Prozeß ten Hompel bietet eine beispiellose Fülle von Material für den Beweis der Notwendigkeit, mit der Selbstherrschaft der Konzernmagnaten Schluß zu machen und sie unter wirksame gesetzliche Kontrolle zu stellen. Ist der Hitlerregierung, die den einen Konzemieiter so hart bestraft, nicht zuzutrauen, daß sie auch die übrigen ihre Strenge fühlen läßt? Sie hat mit der Zwangskartellierung die Wunden geheilt, die die Zementkartelle mit ihrer hemmungslosen Kapitalverschwendung sich selbst beigebracht haben. Noch mehr! Zur gleichen Zeit, da dieser Prozeß schwebte, wird das neue Aktienrecht vorbereitet, mit dem genau das Gegenteil dessen geschieht, was die Ergebnisse dieses Prozesses erheischen, nicht der Ausbau der öffentlichen Konzem- kontrolle, sondern ihr radikaler Abbau, nicht die Einschränkung der Allmacht der Generaldirektoren, sondern ihre gesetzliche Verankerung. So erweist sich der Prozeß ten Hompel als ein Schauprozeß, der mehr in das Ressort des Propagandaministers fällt als in das des Justizministers. Man bestraft den einen, der durch das System monopolistischen Parasitentums zum Sünder geworden ist, um damit zu verdecken, daß man dabei ist, das Volk vollständig diesem Pa- rasitentum auszuliefern. G. A Frey. Noralisdie Isolierungr Die»Times« schreibt über die Judeö�1"' folgung in Deutschland: »Die Ereignisse, die die fremde Meinung mit so vielen Zweitein, mit so viel tiefe nt und s t Tue m wider v�Tien" rrfu®* haben, sind in diesem Lande vielleicht mehr zu beklagen als in einem anderen. Sie sind ein ständiges und hartnäckiges Hindernis für I das bessere Verständnis zwischen den beiden Völkern, das. wie man hier immer stärker erkennt, den hohen Beitrag für die Entwicklung und die Organisation in Europa darstellt, den beide leisten können. Sie mögen die Korrektheit der Beziehungen zwischen den beiden Regierungen nicht berühren, noch den Abschluß besonderer Uebereinkom- men, die Staatsakte sind. Aber die Akte der fremden Diplomatie können kein Ersatz für den guten Willen des Volkes sein, der auf irgendeiner Gemeinsamkeit des Ausblicks, in der Annäherung an ein größeres Ziel beruhen muß.« Das heißt: korrekte diplomatische Beziehungen, aber moralische Isolierung. Wie in der Inflation Das Sinken der Reichsmark, das man im ganzen bayrischen Waldgebiet infolge des Grenzverkehrs mit der Tschechoslowakei sofort merkt, hat vor allem die Landbevölkerung zu Hamsterkäufen geführt. Die Bauern stoßen ihre Mark ab und decken sich mit allen möglichen Textilien wie Kleiderstoffen aller Art, Hemdenstoffen, Bettwäsche usw. weit über den Bedarf ein. Sogar Pelzmäntel haben sich schon Bäuerinnen gekauft. Die gleichen Erscheinungen wie in der ersten Inflationszeit. Die Lumpen In einem Artikel»Ehrt den Altstoff!«, der durch mehrere deutsche Zeitungen ging, heißt es: •»Wir sollten uns unserer ungeheuren Schätze bewußt werden, die heute auf Schutthalden verrosten. Wieviel reiche Möglichkeiten bieten Textillumpen zum Beispiel zum Aufbau unserer Wirtschaft.......< Sozusagen Aufbau-Lumpen, die solide Grundlage des Dritten Reiches. BiDe mitlachen! »Das deutsche Wild war, wie das ganze Volk, im Laufe der Systemjahre innerlich verrottet und entwurzelt. Auch ihm hat die neue Zelt die Seele wiedergegeben.....« � J Aus einer Jägerzeitung. Nr. 127 BEILAGE UcuccTJonoacfe 17. November 1935 hig„ihidiwiitdiä Mw Immmmi** W wu Vvür wWwfWWW1& vjlpy&Ww W��fwWMfwW� w Professor Karl Barth stäupt die thcologisdien Opposltionssdiwädilinge als solche, wie gerade Augsburg gezeigt hat, nicht dort. Sie denkt noch gar nicht daran, daB sie»ein Wort an die Obrigkeit« richtend, auch noch etwas anderes auszusprechen haben könnte, als die mit der Beteuerung ihrer politischen Zuverlässig. keit begründete»inständige Bitte« um die Erhaltung ihres durch die Reichsregierung garantierten Bestandes und sie denkt auch noch nicht daran, daß ihr Gebet um die von Gott gesetzte Obrigkeit seine Echtheit darin erweisen müßte, daß es, wo sie die Lüge und das Unrecht zum Prinzip erhoben siebt, eines Tages auch zu dem in den Psalmen vorgesehenen Der Fahneneid der Generale Das ist euer le�ter Meineid! Gebet um die Befreiung von einer fluchwürdig gewordenen Tyrannei werden könnte. Sie hat für Millionen von unrecht Leidenden noch kein Herz. Sie hat zu den einfachsten Fragen der öffentlichen Tätigkeit noch kein Wort gefunden. Sie redet noch immer nur in ihrer eigenen Sache. Sie hält noch immer die Fiktion aufrecht, als ob sie es in ihrem heutigen Staat mit einem Rechtsstaat im Sinne von Rom. 13 zu tun habe. Und es ist heute weniger als je zu erwarten, daß sich darin so bald etwas ändern wird. Es wird mir eine peinliche Erinnerung an die letzten zwei Jahre sein und bleiben, daß ich selber nicht kräftiger in der hier gebotenen Richtung vorgestoßen habe. Vielleicht stand es mir als Schweizer auch nicht an, dies zu tun. Jedenfalls könnte ich jetzt nicht mehr länger dabei mittun, zu schweigen, wo geredet werden sollte, zu reden, wo Schweigen die allein würdige Rede wäre...« Der Mann, der dieses grimme j'accuse hinausschleudert, ist ein ganzer Deutscher aus jenem besseren Teil der Volks- und Kulturgemeinschaft der Deutschen, der sich in der freien Schweiz die sittliche und politische Kraft seiner Väter erhalten hat, und zugleich ein Christ, dem der Nazarener und seine Botschaft noch etwas gilt und nicht die Pfründe, die Pensionsberechtigung, der hierarchische »Belang«. Ist das alles aber nicht auch die erschütternde Abrechnung mit dem Geist der protestantischen Kirche in Deutschland, wie sie nun einmal in Deutschland historische Gestalt angenommen hat? Es ist die Tragik des deutschen Protestantismus gewesen, Jahrhunderte lang seit seiner Entstehung Fürstenangelegenheit gewesen zu sein, wie es die besondere Tragödie des deutschen Volkes in derselben Zeit gewesen ist, im Volloder Halbabsolutismus seiner politischen Zustände dahinvegetieren zu müssen und bei dem florierenden Geschäft im Wilhel- minismus verlernt zu haben, noch an große und ewige politische Ideale zu glauben. Das sind die elenden Realien der deutschen Geschichte— viel, viel schlimmer als Versailles und alles, was zu ihm gehört—• von denen jetzt das braune politische Monstrum profitiert! Im religiös-sittlichen Bezirk kommt also jetzt derselbe aufrüttelnde Ruf aus den freien Bergen der Schweiz an diejenigen, die noch nicht ganz in Deutschland verderbt sind, wie er erst dieser Tage im politischen und kulturellen Bezirk gleicher Weise aus dem Mundo eines deutschen Schweizers, des ehemaligen Begründers der»Frontisten« erklang. Das ist kein Zufall! Das ist die Stimme des Gerichts über dieses Deutschland! H. E. Ausgewiesen Professor Dr. Karl Barth, der ehemalige berühmte evangelische Theologe und Dogma tiker an der Bonner Universität, die große und fast einzige Hoffnung aller jungen geistigen Kräfte in der lutherischen und kalvinistischen Glaubenswelt, die immer noch an die Möglichkeit einer »restauratio in Christo« des evangelischen Kirchentums im historischen Lande der Reformation glauben, von einem Berliner Disziplinargericht wegen Verweigerung der Eidesleistung auf Hitler in seiner Eigenschaft als Verkünder und Interpretator des Evangeliums verurteilt, vom braunen Kultusminister Rust dann schimpflich seines Amtes enthoben und vor einem halben Jahr nach seinem Schweizer Vaterland zurück»emigriert«, hat kürzüch an einen seiner Freunde in Deutschland einen Brief gerichtet, den die katholisch redigierte Kattowitzer Wochenschrift»Der Deutsche in Polen« in ihrer letzten Ausgabe abdruckt Der Brief Barths enthält nicht nur die furchtbarste Anklage gegen die Unmenschlichkeit und Unsittlichkeit des regierenden Systems in Deutschland selbst— aufpeitschend genug aus solchem Munde!— sondern erhebt sich darüber hinaus auch zu einer Abrechnung mit dem Geist der amoralischen Knechtseligkeit und Christus lästernden Unrechtsduldung und Verbre- chensvergötzung, die nicht zuletzt auch in der besonderen Haltung der sogenannten»Kirchenopposition« innerhalb des in zwei Lager gespaltenen deutschen Protestantismus im Dritten Reich ihren Ausdruck findet. Daß Barth dieser»Opposition«— der sogenannten»Bekenntniskirche« im Gegensatz zu der nur noch eine einzige Hitlerkaseme darstellenden »Reichskirche« des hakenkreuzlerischen »Reichsbischofs«— anfänglich als Rufer im Streit angehört hatte, verstärkt nur das Unabweisbare dieser seiner Anklage. Im einzelnen enthält Barths Brief folgendes: Der Schweizer Gelehrte erinnert zunächst in seinem Schreiben daran, daß die»oppositionelle« Bekenntniskirche nicht, wie er es gewissermaßen als ihr Begründer erwarten durfte, durch eine Berufung an eine ihm gebührende Wirkungsstätte auf seinem Verbleiben in Deutschland bestanden habe. Die führenden Männer der Bekenntniskirche hätten ihm weder das genügende Vertrauen noch die hinreichende Entschlossenheit entgegengebracht. Der führende Bekenntnispfarrer in Bonn habe es nach seiner(Barths) Suspension sogar flugs für richtig gehalten, ihm die eigene Kanzel zu verweigern, obwohl er, Karl Barth, dort in Bonn sogar Mitglied des Presbyteriums gewesen sei. Man habe ihn nach seinem politischen Denken auszuspionierenbegonnen, obschon das mit den theologischen Dingen nicht das geringste zu tun habe; habe ihm seine politische Auffassung»ohne jeden bekenntnismäßigen Grund« als Belastung ausgelegt— alles in allem: man habe es für richtig gehalten, sich dem»Staatsfeind« Barth gegenüber(wörtlich) �vorsichtig abzugrenzen, zu distanzieren, sich freizuhalten und sich selbst zu schützen«... Das Dokumentarische des Barth-Briefes ist aber in dem folgenden Abschnitt des Schreibens niedergelegt: »Meine Gedanken über da» gegenwärtige Regierun gMystem in Deutschland, die von Anfang an ablehnend waren. In denen ich mir aber anfangs, wie meine Veröffentlichungen zeigen, immerhin eine gewisse Zurückhaltung auferlegen konnte, haben sich mit der Zeit und im Laufe der Ereignisse so zugespitzt, daß meine weitere Existenz in Deutschland, da die Bekenntniskirche mich bei diesen Gedanken im Ganzen nicht tragen kann, sozusagen physisch unmöglich geworden ist. Ich zweifle nicht daran, daß unzählige ihrer Glieder im Stillen genau so denken, wie Ich und ich bin überzeugt, daß auch die Bekenntniskirche als solche über kurz oder lang vor der Frage stehen wird, ob sie nicht vom Bekenntnis her genau so denken und dann auch entsprechend reden und handeln müsse. Im gegenwärtigen Augenblick aber steht die Bekenntniskirche Auf dem Grenzbahnhof stieg er aus. Er meldete sich bei der PaßkontroUe. Der Beamte nahm Karls Paß an sich. »Sie sind reichsverwiesen? Kommen Sie mit.« Da wartete schon eine Familie, die auch aus Deutschland ausgewiesen war. Mann, Frau und zwei Kinder. »Da— sehen Sie den Mann?« fragte der Beamte. Er deutete auf einen Dasitzenden, der ein Paket in Zeltungspapier neben sich liegen hatte.»Wie Ihr uns— so wir Euch! Der Mann da ist ein Reichsdeutscher, den die Tschechoslowakei ausweist, nur well er mal „Heil Hitler!" gerufen hat.« »Wenn ich im Dritten Reiche„Freiheit:" gerufen hätte, wäre es wohl mit der Ausweisung nicht abgegangen«, erwiderte Karl gefaßt. »Und wenn Sie es hier rufen, kann Urnen auch noch was passieren, verstanden!« sagte der Beamte schroff:»Nehmen Sie sich in acht! Sie sind noch nicht drüben!« »Dann verkehren Sie bitte mit mir, wie es Ihnen Ihr Dienst vorschreibt, und erzählen Sie mir keine Geschichten!« erwiderte Karl aufgebracht.»Sie amtieren doch hier auf tschechischem Boden, nicht?« Der Beamte sah Karl wütend an. »Wieviel Geld haben Sie bei sich? Legen Sie her, was Sie haben. Zehn Mark in Silber dürfen Sie mitnehmen— auch als Ausgewiesener. Wenn Sie mehr haben, sagen Sie es lieber jetzt. Sie werden gründlich durchsucht. Ich mache Sie darauf aufmerksam.« Karl zählte sein Geld hin. Achtzig Kronen. »Deutsches Geld haben Sie nicht?< »Nein. Ich brauche kein deutsches Geld. Ich habe mir die zehn Mark schon drüben einwechseln lassen. Bitte— sehen-Sie nach; es steht im Paß eingetragen.« »Und mehr haben Sie nicht?« »Bei einem Arbeiter werden Sie kein Vermögen finden«, sagte Karl ruhig. »Ach was! Ihre Sache ist politisch. Sie können ja Parteigelder mit rübemehmen.« Karl lächelte.»Parteigelder? Die sind doch beschlagnahmt worden.« »Seien Sie still. Danach habe Ich Sie nicht gefragt.« Die Koffer der Ausgewiesenen wurden durchsucht. Karl als Einzelner mußte bis zuletzt warten.»Das ist die Rache«, dachte er lächelnd,»well Ich ihm Bescheid gesagt habe.« Ein zweiter Beamter forderte die Frau der Familie zum Mitkommen auf. Sie verschwand hinter einer Tür, hinter der man die Beamtin stehen sah, die die körperliche Durchsuchung der Frau vorzunehmen hatte. Besorgt sah Karl den Mann an. Wenn er etwas mit hatte, so hatte er es möglicherweise seiner Frau oder den Kindern zugesteckt in der Meinung, daß man um diese eich weniger kümmern würde. Aber so schlau, damit zu rechnen, waren sie hier auch. Der Mann Indessen erzählte leise, wie es Ihm ergangen sei. Nur ihn hatte man ausgewiesen, die Familie nicht. Natürlich nahm er sie mit. Ais er auf dem Ausländeramt wegen der Kosten des Möbeltransportes bis zur Grenze— von dort an übernahm sie, da dia Familie völlig mittellos war, der tschechoslowakische Staat— nachgefragt hatte, hatte Ihm der Beamte höhnisch geantwortet:»Was wollen Sie denn? Sie sind doch ausgewiesen fyitike juud Mie Juden Die SS-Zeitschrift das»Schwarze Korps« beschwerte sich kürzlich darüber, daß zu Goethes Geburtstag zwar allerhand über den Olympier geschrieben worden sei,»aber das wichtigste Thema,.Goethe und die Juden', wurde genau so wenig wie im Goethe-Jahr behandelt...< Und nun spuckt die Redaktion in die Hände, spuckt auf die Wahrheit und holt das Versäumte nach. Nun wird drauflos zitiert, ohne daß der Leser erfährt, woher die Zitate stammen. Sonst könnte Jemand nachschlagen. Z. B. in Wilhelm Meisters Wanderjahren. Dabei würde sich herausstellen, wie manch armes, frierendes Goethe- Zitat kopflos, schwanzlos, das Mittelstück gleichsam im KZ zurecht gebogen, durch die Nazipresae saust. Hier wenige Proben dieser Fälschungen. Da läßt man Goethe im»Schwarzen Korps« schreiben: »Mit dieser Rasse ist die Natur in eine Sackgasse geraten, wo sie nicht wieder zurück kann. Dieses Volk hat niemals viel getaugt, es besitzt wenig Tugenden, aber die meisten Fehler aller anderen Völker.« Der erste Satz ist aus einem anderen Zusammenhang gerissen und vor den zweiten geklebt worden, und diesem zweiten fehlt der entscheidende Schluß. Ungefälscht lautet jenes Stück aus Wilhelm Meister: »Das israelitische Volk hat niemals viel getaugt, wie es ihm seine Anführer, Richter, Vorsteher, Propheten tausendmal vorgeworfen haben; es besitzt wenig Tugenden u n d die meisten Fehler andrer Völker; aber an Selbständigkeit, Festigkeit, Tapferkeit und, wenn alles das nicht mehr gilt, an Zähheit sucht es seinesgleichen. Es ist das beharrlichste auf der Erde; es ist, es war, es wird sein, um den Namen Jeho- va durch alle Zeiten zu verherrlichen.« Anschließend rühmt Goethe dann den Juden die»treffliche Sammlung ihrer heiligen Bücher« nach.— Aehnlich ergehts im Naziblatt einigen Stellen, die es dem»Jahrmarktsfest zu Plundersweilem« entreißt. In diesem Puppenspiel sucht Hamann den König Ahasverus zu Judenverfolgungen aufzustacheln. Das Naziblatt zitiert; »Und dieses schlaue Volk sieht einen Weg nur offen, solang' die Ordnung steht, solang hats nichts zu hoffen.« Unterschlagen wird, wie Hamann gleich darauf diese Anschuldigungen einschränkt: »Gar mancher Bösewicht ist unter diesem Volk; doch alle sind'es nicht; Und vor unschuld'gem Blut mög sieh* Dein Schwert behüten! Bestrafen muß ein Fürst, nicht wie ein Tiger wüten!« Noch deutlicher wird Goethe im weiteren Lauf des Puppenspiels. Da sagt Hamann vom Juden: »Er weiß mit leichter Müh' und, ohne viel zu wagen, durch Handel und durch Zins Geld aus dem Land zu tragen.« und mit den Beamten lachend. Es war, wie Karl vermutet hatte, ein Polizeispitzel. Erlöst ging Karl nach dem andern Bahnsteig. So— auch das hatte er hinter sich. Die letzte Amtshandlung des Dritten Reiches... Manfred. Worauf Ahasverus abwinkt: »Ich weiß das nur zu gut Mein Freund, ich bin nicht blind; doch das tun Andre mehr, die unbeschnitten sind.« Wenn dies heute ein Schriftsteller im Dritten Reich einer seiner Figuren in den Mund legte, würde ihm die Schreiberlaubnis entzogen, sofern nichts Schlimmeres geschähe.— Dieser Goethe war eben ein»Judengenosse«, denn er schätzte die alten jüdischen Bücher, sein Faustvorspiel im Himmel lehnt sich ans Buch Hiob an, er verehrte Spinoza und verkehrte mit Mariane von Eubenberg, Michael Beer, Moritz Oppenheim und anderen jüdischen Geistigen. Bekannt Ist seine Freundschaft mit Mendel ssohn-Bartholdy, dem er im November 1821 den Vera widmete: »Wenn über die ernste Partitur Quer Steckenpferdlein reiten, Nur zu! Auf weiter Töne- Flur Wirst manche Lust bereiten, Wie Du's gethan mit lieb' und Glück; Wir wünschen Dich allesamt z u r ü c k.< Was die braunen Pogromhelden von dem größten deutschen Dichter zu erwarten hätten, ist nachzulesen in»Dichtung und Wahrheit«, wo er schildert, wie er den bedrängten Juden beim Frankfurter Ghettobrand beisprang: »In der sehr eng ineinander gebauten Judengasse war ein heftiger Brand entstanden. Mein allgemeines Wohlwollen, die daraus entspringende Lust zu tätiger Hilfe trieb mich, gut angekleidet, wie ich ging und stand, dahin... Ich sah gar bald, daß, wenn man eine Gasse bildete, wo man die Elimer herauf- und herabreichte, die Hilfe die doppelte sein würde. Ich ergriff zwei volle Eimer und blieb stehen, rief Andere an mich heran... Armselige Flüchtende, ihre jammervolle JJabe auf dem Rücken schleppend, mußten, einmal in die bequeme Gasse geraten, unausweichlich hindurch und blieben nicht unangefochten. Mutwillige Knaben-Jünglinge spritzten sie an und fügten Verachtung und Unart noch dem Elend hinzu. Gleich aber, durch mäßiges Zureden und rednerische Strafworte... ward der Frevel eingestell t.< Ein geschworener Gegner des Rassenwahns, schrieb er dem Nationalismus ins Stammbuch;»Mit dem Nationalhaß ist es ein eigenes Ding. Auf den untersten Stufen der Kultur werden sie ihn immer am stärksten und heftigsten finden. Es gibt aber eine Stufe, wo er ganz verschwindet und wo man gewissermaßen Uber den Nationen steht... Diese Kulturstufe war meiner Natur gemäß und ich hatte mich darin lange befestigt, ehe ich mein 60. Jahr erreicht hatte...« Wenn Leben und Werke des großen Olympiers eins beweisen, dann dies: daß er an allen Dingen des Daseins sowohl Licht wie Schatten sah und daß er hoch über nationalistischen Dogmen, Menschenhaß, Gewaltgeist und antisemitischer Bomierheit stand. Das SS-Organ weiß recht gut. warum die In Fälschungen nicht so geübte andere Presse des Dritten Reiches dem Thema»Goethe und die Juden« aus dem Wege ging, aber da in diesem Reiche die Korruption(He meisten Blätter immer Angst ums Wetter und um Sabal dien haben müssen, drucken einige— wahrscheinlich ahnungslos— die dringend offerierte Goetheschändung nach. Ihnen güt Goethes Wort:»Man wird nie betrogen, man betrügt sich selbst.« B. Br. Die Hltler-Olymplade Der Kampf gegen die Hitler- Olympiade nimmt immer größere Formen an und hat auch die bürgerlichen, demokratischen Kreise ergriffen. Die Ausführungen der reichsdeutschen Sportführer, die in striktem Widerspruch zu ihrer Auslandsheuchelei stehen, empört immer mehr und mehr alle fortschrittlichen Kreise. Während man nach außen hin allen Nationen Verbeugungen macht, wird in Deutschland selbst von den verantwortlichen Sportführem in der niederträchtigsten Weise gehetzt. Verkehr mit jüdischen Sportleuten trägt den Sportlern Konzentrationslager ein. Der< SA-Sport- f Uhrer Malltz sagt folgendes;»Wir Nationalsozialisten können für unser Volk keinen positiven Wert darin erblicken, Saujaden und Negern zu gestatten, durch unser Land zu reisen und in der Athletik mit unseren Besten zu konkurrieren.« Wir gratulieren heute schon den»Juden und Negern«, die trotz dieser Beschimpfungen nach Berlin reisen, oder der Olympiade zustimmen. Pflicht aller anständigen Sportler ist es, gegen diese Olympiade zu kämpfen und ihr fernzubleiben. Grenzen des Glaubens Aus einem westdeutschen Naziblatt: »Wir müssen lernen, aus dem verdammten Liebäugeln mit dem Ausland herauszukommen. Prägen wir uns ein; was wir machen ist besser und damit basta! Wenn wir es glauben, dann ist es auch schon so!« Der Glaube kann bekanntlich Berge versetzen. Aber es scheint, daß er nicht Butter zaubern kann! Propaganda hat Ihre Grenzen In Königsberg kamen die ostpreußischen Propagandaleiter und Pressewarte zusammen, um»Richtlinien für die Winterarbeit« entgegenzunehmen. Der Redner Pg. Paltzo versuchte ihnen den Unterschied zwischen Volksaufklärung lind Propaganda klarzumachen und sagte u. a.: Eis gehört In das Gebiet der Volksaufklärung, wenn wir z. B. den Hausfrauen klarmachen wollen, weshalb die Butterverknappung eingetreten ist. Hier wäre eine Propagandaaktion unmöglich. Damit hat er den Nagel auf den Kopf getroffen: hier hört die Propaganda auf, hier fangen die faulen Ausreden an. — nicht Ihre Möbel!« Die könne er doch nicht dalassen, hatte der Mann erwidert.»Machen Sie das, wie Sie wollen. Sie können die Möbel ja verkaufen.« Wegen des Fahrgeldes für seine Familie war es ihm ähnlich ergangen. »Ich habe es Ihnen ja gesagt: Sie sind ausgewiesen, Ihre Familie nicht. Für Sie haben wir eine Fahrkarte.« »Und was werden Sie nun beginnen?« fragte Karl. Der Mann zuckte die Achseln. »Wir gehen nach Prag. Wenn ich keine Arbeit finde, wird wohl nichts weiter übrig bleiben als die Ueberweisung nach der Hei- matgemeinde. Eän Dorf bei Gitschin. Und ich kann kein Wort tschechisch. Ich bin in Deutschland geboren und aufgewachsen. Mein Vater ist als Junger Bursche aus dem alten Oesterreich eingewandert und hat drüben geheiratet.« Als die Frau herauskam, wurden die Kinder hineingerufen. Die Frau hatte sich ausziehen müssen. Auch das Hemd. Die Beamtin hatte an Kleidern und Wäsche jede Naht ah- ge fühlt, ob etwa Geld eingenäht sei. Den Büstenhalter hatte sie ihr am Leibe abgetastet. Eis wartete noch ein Mann, ein Tourist anscheinend. Er trug Knickerbocker und eine buntgestreifte Jacke mit grünen Aermelauf- schlägen. Er stand herum, hielt sich in der Nähe der Ausgewiesenen auf und studierte harmlos tuend eine Bekanntmachung an der Wand. Kar! deutete mit dem Augen auf den »Touristen« und ermahnte das Ehepaar durch ein Zeichen, vorsichtig zu sein. Nach den Kindern kam der Manr. an die Reihe. »Mama«, erzählten die Kinder flüsternd, »wir haben uns ausziehen müssen. Der Schutzmann«— sie hielten den Zollbeamten für einen Schutzmann—»hat gefragt: Wo hat denn euer Papa sein Geld? Papa hat kein Geld, haben wir gesagt, wir sind arm« Die Mutter hörte mit nassen Augen zu und gebot den Kindern Schweigen, als sie sah, daß der Beamte sie unausgesetzt beobachtete. Auch der»Tourist« trieb Üch in ihrer Nähe herum. Dt Ehemann blieb sehr lange In dem Un- tereuchungsraum. Vor Aufregung bekam: die Frau hektisen rote Flecke im Gesicht und am Hals. Endlich kam der Mann heraus, ruhig, mit einem schnellen, beschwichtigenden Blick seine Fh-au streifend. Jetzt war Karl an der Reihe. Er mußte Jacke, Weste und Hose ausziehen. Der Beamte durchsuchte alle Taschen, fühlte Kragen, Taschenklappen und Nähte ab, klappte den Deckel der Uhr auf.»Rechten Schuh aus!« kommandierte er, nahm den Schuh, prüfte, ob etwa die Sohle abgetrennt und nach Verbergen von Geld wieder aufgenäht worden sei. »Soll Ich auch den linken Schuh ausziehen? Die Strümpfe?« fragte Karl sehr ruhig. »Nein, danke. Se können sich wieder anziehen?« Nachdem noch die Personalien Karls in ein Such eingetragen waren, durfte er gehen. Im Vorübergehen sah er den»Touristen« in der bunten Jacke im Zimmer der sächsischen Gendarmeriestation sitzen, rauchend Kurt Doberer: Emlgrantengrab Ich lieg In fremder Erde nicht und nicht bei fremden Leuten. Die mit mir ruhn in gleicher Schicht, die ruhten auf der Erden nicht, nun ruhn sie in der Erden. Mich drückt kein schwerer Eichensarg und kein Metallbeschläge. Ich lebte auf der Erden karg, doch leicht ist mir der Pappesarg. Bald küßt mich braune Erden. Euch gab man eine Gnadenfrist, die soll nicht leer verstreichen. Und wenn euch noch der Tod vergißt, vergeßt nicht, daß ihr kämpfen müßt, um Gleichheit über Elrden. Die Fludit In die Idylle Robert Grötzsch hat ein neues Buch geschrieben. Es heißt;»Wir suchen ein Land«. Es sind schon viele Emigrantenbücher erschienen, in der Gegenwart wie in der Vergangenheit. Tatsachenberichte, die alle Not und alles Elend der politisch Geächteten, in der Fremde sich Verzehrenden mit historischer Treue aufzeichnen, gelehrte Abhandlungen über Ursachen und Hoffnungen der Emigration, Romane, in denen die Probleme, vor allem die poUtischen, von allen Selten beleuchtet werden, in denen die Menschen nur(He Personifikation von Dialogen sind, die der Autor in sich führt, Lyrik, die entrüstet klagt, Haß hinausschreit und die Kampfeslust aufpeitscht, alle durchtränkt von der Atmosphäre der Zeit und ihren besonderen Bedingungen, doch ein Buch wie das von Grötzsch ist noch nicht geschrieben worden. Der Steinklopferhanns aus Anzengrubers »Kreuzelschreibem« ist in die Emigration gegangen und sagt jedem, der verzagen will, sein»Es kann dir nix g'schehn! Selbst die größt' Marter zählt nimmer, wann s'vorbei is!« Ja, Grötzsch sagt mit dem Steinklopferhanns noch mehr, wenn auch nicht mit der Feder in den Zeilen, sondern mit dem Herzen dazwischen:»Mlt'm Traurigsein rieht' mer nix! Die Welt is a lustige Welt!« Das sagt Grötzsch, der bettelarme Emigrant, der von sich und aus täglicher Berührung mit Leidensgenossen weiß, was Emigration bedeutet, sagt Grötzsch aus Sachsen, wo keine blaue Donau das goldene Wienerherz den Kindern schon In der Wiege beschert. sagt der Lyriker Grötzsch, der einen Roman geschrieben hat. Bei dieser Einstellung zu den Dingen tritt das Problematische, das Politische, in den Hintergrund, das Menschliche, wie Grötzsch es sieht und fühlt, triumphiert. Nichts vom ach so modernen Gezeter über die schwache Weimarer Republik, der sich der sozialistische Autor ganz anders verbunden fühlt als die scheinbar so klugen»unabhängigen« Schriftsteller, deren Stärke darin besteht, daß sie nie so stark waren, sich einer Sache ganz hingeben, ihr in allen Wechselfällen der Entwicklung treu bleiben zu können; da steht der Sozialdemokrat von altem Schrot und Korn, einer der Besten, die die Arbeiterbewegung hervorgebracht hat, und sagt allen Kleingläubigen In der Emigration:»Es kann Ehren nix g'schehn!« Held des Buches ist ein sozialdemokratisches Kollektiv, wie es aus der Not der Zeit mehrfach geschaffen worden ist, um die kärglichen Unterstützungen der Gastländer, die in Sorge um die eigenen Arbeitslosen keine Arbeit gewähren können, zum Lebensunterhalt der Flüchtlinge zu dehnen. Da ist Herkner, der erprobte, der gewachsene Führer, da ist der Kriegsverletzte Schwarzer und seine tüchtige vollbusige Frau, die Gusti, die für alle kocht, wäscht und schneidert, da ist Moses, der kluge verliebte jüdische Handlungsgehilfe. das Zwillingspaar Peter und Paul, der schwankende Grobklotz Frosch und der kleine Ernst, das Nesthäkchen der Kolonne Herkner, alles in allem acht Menschen, die die Heimat verloren haben. Dazu kommt später Justus, der zweiundsechzigjährige Schriftsteller, und Elva, die zwelundzwanzigjährige Jüdin,(He Steine sammelt und Ihr naturwissenschaftliches Referat vorbereitet und nicht macht. Und noch einige andere. Die Schicksale dieser Menschen verfolgt Grötzsch durch ein halbes Jahr, durch einen langen trockenen Sommer, und wenn er sie im Herbst verläßt, steht nochmals zwischen den Zeilen:»Es kann dir nix g'schehn!« Diese Menschen suchen für ihren Leib ein Land, das ihn ernährt, solange sie an den Feind nicht herankönnen, und für ihre Seele eine Zuflucht, solange sie warten müssen, bis es so weit ist, daß sie kämpfen können: denn von diesem Warten sind sie krank, weil immer wieder»die Wellen dunkler Fragen und Qualen« über ihnen zusammenschlagen; Warten ist das schwerste! Moses gelingt es, kör- perlich nach Palästina zu entkommen, dem kleinen Ernst mißlingt es; so oft er auch die griechische Grenze überschreitet, immer wieder wird er von Gendarmen zuriiekbefördert, denn er hat als Nichtjude kein Palästina- Visum. Eva landet schließlich an der albanischen Küste und zieht den alten jungen Justus nach, der Uberall schreiben zu können meint. Die anderen müssen bleiben, wo sie sind, für sie ist die körperliche Welt mit Brettern vernagelt, denn sie haben nicht nur kein Geld, sondern auch keinen Paß und ohne Paß Ist man ein Mensch ohne Rechte. Sie müssen an den dankbar gezeichneten Ufern der Moldau und Elbe bleiben, wo sie unstet von Bleibe zu Bleibe wechseln, immer dann wieder vertrieben, wenn sie sich häuslich eingerichtet haben. Ihre Suche nach Land ist die Suche nach einem böhmischen Dach über dem Kopfe. Aber auch für sie, für jeden bat Grötzsch einen Trost, eine Freude. Herkner, von Sehnsucht verzehrt, eüt auf Schleichwegen zur kranken Frau ins Dritte Reich, sieht sie gesunden und kehrt wohlbehalten zurück; Gusti sieht ihr Kind wieder und Auge in Auge mit ihm verfliegt die quälende Angst, es könnte den nationalsozialistischen Sirenen tönen erlegen sein; Frosch freut sich, daß er ein anständiger Kerl geblieben ist und der Verlok- kung zum Verrat der Kameraden nicht nachgegeben bat; und die anderen freuen sich, weü auch sie schließlich doch wieder Hoff" nung haben, daß der Tag kommen wird, an dem ihr EHnsatz nicht sinnlos sein wird, an dem sie wie er eine Chance haben werden- Bis dahin aber, während sie warten müssen, hat die Seele aller ein Land, eine Zuflucht: die Natur, mag sie sich nun als Rosenstock oder 1 Silisbußti dst Vf■ P 1P IP WQrlr W WrWWWWW Die inneren Widerspriidie des Systems Gewalt ist in den Augen der Nazis die einzige, ernsthafte Realität im Völkerdasein. Sie betrachten militärische Machtmittel sozusagen als internationale Währung. Wer genug davon besitzt, kann sich jedes beliebige andere Gut damit einhandeln. Nur Landesverräter und unheilbar verblendete Hlusioriisten können das Primat der Gewalt bestreiten. Den durch Hitler Erleuchteten aber ist es gegeben, das Dasein frei von allen Illusionen zu erkennen. Aus ihrer wahrhaft realistischen Betrachtungsweise heraus haben sie das gesamte öffentliche und private Leben dem gleichen obersten Gedanken, der Wehr- haftmachung des Volkes bis zur äußersten Grenze des Möglichen unterstellt. Gewöhnlich sind die Menschen, die vorgeben, das Leben illusionslos zu sehen, von ihren Mitgeschöpfen nur durch eines unterschieden: sie leben in anderen Illusionen, aber keineswegs in geringeren, als jene. Die angeblich illusionsfreie Betrachtung, die in der Anhäufung von Gewaltmitteln die entscheidende Lösimg aller Probleme erblickt, beginnt nämlich schon jetzt, sich in unentwirrbare Widersprüche zu verwickeln. Sicher ist eins: Niemals, auch zur Zeit des Kaiserreichs nicht, ist das gesamte Dasein Deutschlands so wie unter Hitler hundertprozentig der militärischen Aufrüstung untergeordnet worden. Darin, daß zu Zeiten der Hohenzollem noch zwanzig oder zehn Prozent der Wehrkapazität ungenutzt blieben, erblicken die Nazis den entscheidenden Fehler dieses Systems. Die — angeblich!— vom Reichstag verweigerten zwei Armeekorps, der Widerstand der Volksvertretung gegen Tirpitz' Flottenbau, sollen am Verlust des Weltkrieges schuld sein. Eis war eben der Kardinalfehler der damaligen Regierung, sich von der»Quasselbude« in Fragen der Wehrmacht hineinreden zu lassen.(Bei dieser üblichen Darstellung gehen die geschichtlichen Tatsachen wie Kraut und Rüben durcheinander: die bürgerlich nationalistische Mehrheit des Reichstags war in den Jahrzehnten vor dem Krieg in Heeressachen bewilligungsfreudig wie kein zweites Parlament Europas. Die größten Gegner des Flottenbaus saßen bis in die neunziger Jahre in den Reihen der parlamentsfeindlichen preußischen Junkerkaste!) Aber sicher redet nun keine»Quasselbude« mehr der Regierung in Tempo und Maß ihrer Rüstungen hinein. Hitler hat keinen Sündenbock, auf dessen angebliche Quertreibereien er ein künftiges Versagen der Gewaltpolitik abschieben kann. Diktatur bedeutet Ungehemmtheit der Regierenden in allen ihren Maßnahmen. Aber gerade diese Ungehemmtheit beginnt jetzt ganz ungeahnte Folgen zu entwickeln. Ungehemmtheit ist nämlich auch — das wird meist übersehen—, Ausschaltung der Widerstände gegen fehlerhafte Maßnahmen, gegen falsche Berechnungen! Niemand hindert jetzt die Regierung des Wehrprinzip in hundertprozentiger Reinheit zu verwirklichen. Aber niemand hindert sie auch,— abgesehen von den tatsächlichen Auswirkungen— es dadurch ad absurdum zu führen. Es läßt sich nämlich folgendes nicht verkennen: vom eigenen, nationalsozialistischen Standpunkt aus hat die Unterordnung des gesamten staatlichen Daseins unter den Wehrgedanken schon jetzt einige schwere Stöße erlitten, — weil sie nämlich infolge der starren Konsequenz der Durchführung anfängt, in ihr Gegenteil umzuschlagen. Die Wehrhaftigkeit ist ja eben auch nur eine einzelne Funktion des staatlichen Gesamtorganismus, und bei jedem Organismus besteht die gleiche Gefahr: übermäßige Entwicklung einer einzelnen Funktion kann zur Schädigung des Ganzen und dadurch wieder zu ungünstiger Rückwirkung auf die erstrebte Höchstleistung führen. In Deutschland ist es bereits so weit. Gehen wir von einer besonders markanten Erscheinung aus: der»Nahrungsfreiheit«, die ja einen erheblichen Teil der erstrebten Wehrfreiheit ausmacht. Um im Falle eines Krieges von ausländischer Nahrungszufuhr unabhängig zu sein, hat man die Nahrungs-Autarkie verkündet und erreicht, daß man eben die Hungersnot, der man im Kriege entgehen wollte, bereits im Frieden im Lande hat! Bei anhaltender, selbst nur geringfügiger Knappheit an Nahrungsmitteln müssen gleichzeitig alle jene Maßnahmen zu Wasser werden, die— aus militärischen Gesichtspunkten— im Interesse einer stärkeren Bevölkerungsvermehrung getroffen wurden. Die braune Regierung hat sich, wenigstens in der ersten Zeit ihrer Tätigkeit, die Vermehrung der Zahl der Eheschließungen etwas kosten lassen. Mit dem Abbau der großzügigen Ehestandsdarlehen gehen die Heiraten bereits auf den früheren Stand zurück. Aber auch die teuer bezahlten Plus-Ehen der vergangenen Jahre werden dem Staat die erwartete Bevölkerungsvermehrung nicht bringen: denn in Zeiten der Nahrungsmittelknappheit pflegen Geburten mit allen Mitteln verhindert zu werden. Wie die jetzige Teuerungswelle sich auf die Geburtenzahl auswirkt, wird man natürlich erst nach Ablauf einer entsprechenden Zeit feststellen können. Dazu kommt das Gefühl der allgemeinen Unsicherheit über die Zukunft der Währung, der Wirtschaft überhaupt. Aber hier muß die Betrachtung über die bevölkerungspolitischen Folgen hinausgehen. Die Aufrüstung der letzten Jahre hat die finanzielle Tragkraft der Wirtschaft unzweifelhaft weit überschritten. Keine »Quasselbude« hat dies»krämerhafte« Argument den hochfliegenden Rüstungsplänen der Militärs entgegengestellt Sie haben aus dem Vollen gewirtschaftet, aber die Illusion, daß dies alles sozusagen nichts gekostet hätte— außer der Ausfüllung von Wechselformularen— läßt sich auf die Dauer nicht aufrecht erhalten. Es war ein sehr schlauer Trick der Hitlerregierung, zunächst nur die positive gelte der Aufrüstung, die Arbeitsbeschaffung, fühlbar werden zu lassen. Um so sicherer kommt das dicke Ende hintern ach. Wie vernichtend das wahnsinnige Rüstungstempo auf die Reserven des Landes, die wirtschaftlichen und finanziellen, eingewirkt hat, ist in diesen Blättern so eingehend dargelegt worden, daß der Hinweis genügt Wie man aber die Rüstung eines Landes kriegerisch auswerten will, dessen Wirtschaft und Finanzen nicht 1914 sondern 1918 schreiben, ist im Grunde rätselhaft. Man müßte denn alles auf die Karte einer Ueberrumpelung des Gegners und einer ganz kurzen Kriegsdauer setzen. Aber dafür ist der Zeitpunkt verpaßt. Seit der Proklamierung der allgemeinen Wehrpflicht durch Hitler sind die Illusionen der bedrohten Länder verschwunden. Kommt es aber nicht in den nächsten Jahren zum Kriege, so wird die Frage zu entscheiden sein, wer die ungeheuer aufgetürmten Lasten tragen soll. Diese Frage entscheidet sich nach der Richtung des geringst en Widerstandes. Das bedeutet bei den klassenmäßigen Machtverhältnissen im Dritten Reich: die entmachtete Arbeiterklasse und mit ihr der kleine Mittelstand werden die Hauptleidtragenden sein. Damit wird die V e r- pauperisierung der deutschen Arbeiterschaft weitere Fortschritte machen. Gerade aber vor hundert Jahren machte man in Preußen— und zwar von mili- rischer Seite— die Entdeckung, daß ver- pauperisierte Proletarier aller- schlechtestes Soldatcnm uteri a 1 sind. Der kommandierende General für die Rheinprovinz und Westfalen berichtete damals nach Berlin: die Industriebezirke lieferten ihm das nötige Rekrutenmaterial nicht mehr. Dies Alarmsignal wurde zum Anlaß für die erste sozialpolitische Gesetzgebung Preußens. In einem Jahrhundert wird nicht nur viel gelernt, sondern" auch— das Beispiel zeigt es— viel vergessen! Schließlich kann man auch— gerade unter militärischen Gesichtspunkten— nicht vorbeigehen an all den sittlichen und seelischen Verwüstungen, die Kohlkopf, als leuchtender Halbedelstein oder blutwarmes Weib präsentieren. Auch durch dieses Buch zieht der Haß. wie sollte es anders sein, aber er ist durch den Glauben an das Leben verklärt. Er ist kein furchtbares»Schlagt ihn tot, das Weltgericht fragt nach euren Gründen nicht«, kein Kochen und Brodeln dunkler-Gefühle, sondern der beharrliche Glaube an das Recht, das verurteilen muß, weil es Verbrecher gibt, das aber, trotz aller starken Worte, nicht begehrt, selbst den Henker seines Amtes walten zu sehen. So treten auch die Bluttaten und Demütigungen, die der einzelne in den Konzentrationslagern erlebt oder von zerschundenen Angehörigen oder Kameraden erfahren hat, zurück, obwohl alles ausgesprochen und nichts unterschlagen wird, aber es wird nur nüchtern wie eine bereits allseits bekannte Tatsache festgestellt, es ist schon innerlich verarbeitet, der Autor hat dazu Abstand und gestaltet das Emigrantenschi cksal als solches, nicht als Ausklang des entsetzlichen deutschen Geschehens. Einer, der ein Pädagoge ist, ohne es zu wissen, hat dieses Buch geschrieben, einer, dem das Gefühl sagt, daß den schwersten seelischen Anfechtungen eine Armee ausgesetzt ist, die warten muß; sie gilt es. aufrecht zu erhalten, damit sie einst besteht, wenn die Trompeten der Freiheit rufen. Die Gegenwart ist grau, daran ist nicht zu deuteln. Sie wird nicht lichter, wenn man das tägüch dreimal wiederholt. Man muß die Freude suchen, wo sie zu finden ist, und Grötzsch findet sie in der Natur. Sie ist es, die alles verklärt, denn sie ist mit Lieoe gesehen, sei es der Fluß in der böhmischen Landschaft oder die Distel in den albanischen Bergen. Die zerrissene letzte Hose wird bei aller Wehmut doch nicht zur Tragödie, well es noch Immer etwas gibt, worüber man sich freuen kann. Es ist kein Zufall, daß in diesem Buche Christian Morgenstern zitiert wird. Von seinem Geiste ist Grötzsch und sein burschikoser Galgenhumor. Das happy end ist kein Vorwurf gegen den Dichter, der sogar entrüstet sagen kann, er habe gar kein happy end gewollt, denn die Kolonne Herkner müsse-wieder nach einer neuen Behausung ziehen. Aber sie hat diese für den Winter doch schon gesichert und wir sind nach 230 Seiten überzeugt, daß sie alle Winter ein solches Dach finden wird, bis sie wieder in die Heimat zurückkehren kann.»Es kann dir nix g'schehn!« So stark zwingt uns das Buch in seinen Bann, daß alle Bedenken schwelgen; die Menschen und die Landschaft stehen deutlich vor uns, nichts verwirrt den roten Faden der Handlung, die unentwegt unter völligem Verzicht auf artistische Mätzchen verfolge wird und sich lieber dem Vorwurf mangelnder Tiefe als mangelnder Plastizität auasetzt. Grötzsch sagt es nicht, aber er weiß es offenbar: nicht Wissen, sondern Glauben macht stark! Und diesem Glauben dient er mit seinem Optimismus.»Die Welt is a lustige Welt!« auch für den Emigranten, so paradox es klingt, sie müssen es nur verstehen und den Kopf hoch halten, selbst wenn der Magen darunter knurrt. Mit einem Witz kommt man über manches hinweg.»Und morgen wird die Sonne wieder scheinen!« hat ein Anarchist [gedichtet! Es ist eine Flucht der Seele in die Idylle, sei sie in Böhmen oder Albanien, weil die Idylle Erholung bietet und Kraft zu späteren Kämpfen. Keine Flucht mit Abbruch der Brücken hinter sich. Eva erfährt, daß man, eine Europamüde des zwanzigsten Jahrhunderts, weit in die Welt reisen und doch diesem Europa in sich und um sich nicht entfliehen kann. So verläßt sie die albanischen Hirten und wird an der adriatischen Küste Helferin in einem Malariaspital. Sie hat sich damit mit »Europa« abgefunden, aber nicht die Idylle aufgegeben. Und wenn sie schreibt:»Justus, es gibt keine Flucht ins Idyll!«, so straft sie dieser selbe Justus Lügen, denn er hält es im Kollektiv fern von ihr nicht aus und besteigt ein Schiff, das ihn zu ihr führt... Der Steinklopferhanns ist in die Emigration gegangen! Wenn er Hunger hat, klagen ihn keine Hamsunschen Phantasien, auch in der elendesten Kneipe sieht er kein Gorkisches Nachtasyl und was er sagen würde, wenn er in Dantes Inferno käme, kann man sich nicht einmal vorstellen. Doch das alles tut der Liebe zu dem Buch keinen Abbruch, man legt es mit dem Wunsche aus der Hand;»Ach, wäre doch jeder Emigrant ein Stednklopfer- hanns!« Fritz Tejessy. Kein Zwang Man schreibt uns aus Norddeutschland: Mein Sohn besucht das Gymnasium, er ist noch nicht in der Hitlerjugend. Ich wurde vor Erteilung der Herbatzensuren zum Direktor gerufen und gefragt, warum ich den Jungen»fernhalte«. Meine Antwort, das Rind sei zart und könne nicht soviel marschieren, schien den Herrn nicht zu befriedigen. Er das System verursacht Der eintönige Zwang, die nur vorgetäuschte Freiwilligkeit im sittiiehen Handeln(z. B. bei Spenden) zerstören mit der Zeit in den Menschen jede Selbstverantwortung, jede Neigung zum freiwilügen Opfer. Diese Eigenschaften aber sind für die moderne Kriegs- führung unerläßlich, ebenso wichtig wie die technisch vervollkommneten Waffen. Der stumpfsinnige Drill hilft auf dem Schlachtfeld des heutigen Krieges nichts. Schließlich tädsche man sich nicht: der gesamte kulturelle Niedergang drückt sich mit der Zeit auch wehrtechnisch aus. Im liberalistischen neunzehnten Jahrhundert war es ein geflügeltes Wort: der preußische Schulmeister habe die Schlacht von Königgrätz gewonnen. Unter den Schulmeistern der sechziger Jahre gab ee wenige, die nicht begeisterte Anhänger der geistigen Freiheit, der Erziehung zum selbständigen Denken waren! Zusammenfassend sagen wir: Die Hypertrophie des Militarismus in der Diktatur beginnt bereits, die tieferen Wurzeln, aus denen die Wehrfähigkeit des Volkes wächst, zum Absterben zu bringen. Und so wird dieser den Volkskörper überwuchernde Militarismus geschlchtüch verurteilt sein, durch sein eigenes Wirken den Beweis zu erbringen, daß der Glauben an seine Allmacht die größte Illusion von allen ist! Julius Civilis. Sledlanjv, streng parteiisch Das Redchsheimstättenamt der NSDAP und DAF gibt nun die Richtlinien für Heimstättensiedlungen bekannt. Diese Richtlinien bestimmen, daß jeder»SiedlungswUllge«, ehe er vorgemerkt wird, einen Fragebogen auszufüllen habe, der auch»die charakterliche Veranlagung berücksichtigt«. Charakterliche Veranlagung heißt im Dritten Reich bekanntlich: Parteinummer und Führungszeugnis der SA. Wer sich als besonders roher Schlager ausweisen kann, bekommt einen»Eignungsschein« und wer Mitglied einer Siedlung werden will, die mit öffentlichen Mitteln oder mit öffentlicher Förderung errichtet wird oder ist. muß den Eignungsschein haben. Zwar beherrschen die Siedlungspaschas, wie obiges Zitat zeigt, die deutsche Sprache keineswegs, aber eins werden sie desto besser verstehen: die unfähigsten und»charakterlich« übelsten Leute herauszusuchen. Sinnvolle Fehlgriffe Aus einer norddeutschen Familienzeitung; »Früher war alles sinnlos, seihst die Leistung. Heute hat selbst der Fehlgriff einen Sinn...« Bei so viel Fehlgriffen muß es schon ein sinnvolles Regime sein! Friedenspropaganda Ein deutsches Spielwareninserat: »Womit spielt Dein Junge? Mit unserem Flammenwerfer, der aus dem Geiste unserer Zeit geboren wurde!« An ihren Inseraten sollt ihr sie erkennen! möchte seine Schäfchen gern vollzählig organisieren und sich dafür eine Belobigung holen. Als mein Junge das Zeugnis erhielt, stand darauf, dick unterstrichen:»Ist noch nichtin derHitlerjugend.« Ich setzte mich mit anderen Eltern in Verbindung und erfuhr, daß viele von ihnen den gleichen Vermerk schon zum zweiten Mal auf dem Zensurbogen fanden, diesmal mit dem verschärften Wortlaut:»Ist noch immer nicht in der Hitlerjugend.« Ich ging erneut zum Direktor und fragte ihn, ob meinem Sohn irgendwelche Nachteile erwachsen würden, wenn er der HJ nicht beiträte. Mir wurde— obgleich das Kind zu den begabtesten Schülern zählt— unverblümt geantwortet, daß in diesem Falle für eine Versetzung nicht garantiert werden könne. In den Zeitungen aber liest man immer wieder, der Eintritt in die HJ sei durchaus freiwillig, es werde keinerlei Zwang ausgeübt. Wenn ich weiter lese, daß »trotzdem« viele Schulen schon zu 97 oder gar 100 Prozent organisiert seien, so begreife ich nach meinem eigenen Erlebnis sehr gut, wie solche großartige Erfolge zustande kommen. Der beste Scfiab Der Beauftragte für das Winterhilfswerk München-Oberbayem predigt in einem rührenden Aufruf: »Deutsche Eltern! Es gibt in der ganzen Welt keinen besseren Schatz als das deutsche Gemüt. In Eurer Brust tragt Ihr das deutsche Gemüt, und das ist aller wahren Not gegenüber weich.« Ein paar Kilometer weiter ist Julius Streicher zu Hause. Auslandsdienst der Arbeitsfront Ein Instrument für Völker verhetfunfj Der deutsche Faschismus bedient sich innen- und außenpolitisch derselben Methoden zu seiner Selbstbehauptung'. Ist innerpolitisch Gewalt und Terror Mittel zur Unterdrückung jeder dem Regime unerwünschten Gesinnung, so bleibt außenpolitisch Gewalt und Krieg das letzte Auskunftsmittel. Dip Methode der Diffamierung wird gegen den Feind im Innern mit derselben Gewissenlosigkeit in Anwendung gebracht, wie gegen Staaten, die als Opfer des Hitlerismus in der Außenpolitik ausersehen sind. Vor allem aber ist die Lügenpropaganda zum unentbehrlichen Politi- kum für die Nazis geworden. Adolf Hitler schreibt in»Mein Kampf«: »daß durch kluge und dauernde Anwen-! dung von Propaganda einem Volk selbst der Himmel als Hölle vorgemacht werden kann und umgekehrt das elendeste Leben als Paradies.« Ein weit verzweigtes Netz der braunen Propaganda durchzieht die Welt. Die Aus-! landsgruppen der NSDAP und aufgekaufte Zeitungen tun das ihrige, ihrer Aufgabe zur imperialistischen Völkerverhetzung gerecht zu werden. Als neuestes Instrument für die braune Auslandspropaganda und die faschistische Irredenta hat in letzter Zeit der Ley eine festlichen, feierlichen und selbst die auf bloßes Vergnügen abzielenden Veranstaltungen Förderung des Deutschtums.« Die Walter sollen so geschult werden, daß sie den Wertgehalt der Veranstaltungen ständig zu steigern wiesen, »sie sollen auch so vorbereitet und durchgeführt werden, daß sie im fremden Lande tätige deutsche Kulturpropaganda darstellen.« Regelmäßig organisierte Heimatreisen sollen die»Verausländerung« verhindern und die Erringung eines deutschen Mädchens als Lebensgefährtin erleichtem. »Hier ist eine völkische Aufgabe von außerordentlicher Bedeutung, für deren befriedigende Lösung wir alle verfügbare Kraft einsetzen müssen.« Für die Organisation einer besonderen Presse, deren Hauptorgan»Der Deutsche im Ausland« sein wird, wird vorsichtig gesagt. »daß sie unter Verzicht auf die politischkämpferische Form der Heimatpresse ihre sozialen, wirtschaftlichen, kulturellen und gemeinschaftserziehenden Stoffe aus der Begriffs- und Ideenwelt des Nationalsozialismus gestaltet.« So wird unter dem Deckmantel einer beruflichen Beratung und sozialen Betreuung ein weiteres faschistisches Pro- Auslandsorganisation der Deutschen Arbeitsfront aufgezogen, die nach einem aufklärenden Aufsatz von Georg Schuster im»Informationsdienst der DAF« bereits über 30.000 Mitglieder in 360 Auslands-Ortsgruppen verfügt. Während die Berufsverbände aller übrigen Länder, gleichviel welcher Richtung, ihre Ge- werkschaftsintemationalen haben, die bei Auswanderung die Ueberw eisung der Mitglieder an die zuständige Landesorganisation organisieren, schafft sich die Deutsche Arbeitsfront ihre eigene internationale Organisation. Selbst die Internationale Artisten-Loge, die bei dem internationalen Charakter dieses Berufes schon aus arbeitsmarktpolitischen Gründen unentbehrlich war, mußte kürzlich aufgelöst werden, das gleiche gilt für die Seeschiffahrt. Durch Erlaß vom 27. Juli 1935 ist die »Auslandsorganisation der Deutschen Arbeitsfront« verfügt worden, »die in ihrem Aufbau und in ihrer organischen Verbindung mit der Partei dem wohlerwogenen und bewährten Vorbild der Heimat entspricht.« Damit wird bereits offen zugegeben, daß die Auslandsgruppen der DAF ebenso wie»in der Heimat« als Hilfsorgane der NSDAP im Ausland wirken müssen. Die Zahl der im Ausland beruflich tätigen Reichsdeutschen wird mit einer Million- geschätzt. Da diese Schätzung eher zu niedrig, als zu hoch anzusehen ist, »ergibt sich also ein großes Werbe- und Arbeitsfeld, das jetzt unter Einsatz aller verfügbaren Kräfte beackert werden soll.« Bei Erörterung des Zwecks dieser Organisation wird zur besseren Tarnung empfohlen, die Gesetze des Auslands zu beachten, aber gleichzeitig soll der DAF die soziale Betreuung des Reichsdeutschen im Ausland übertragen werden. »Damit erfüllt sie ihre letzte Aufgabe, in Ergänzung der Parteiauslandsarbeit innerhalb der Reichsdeutschen im Ausland die wahre Volksgemeinschaft zu bilden.« Die Sozialarbeit soll so vor sich gehen, daß dem»Gesetz zur Ordnung der nationalen Arbeit« Im Ausland Eingang verschafft wird. Man sieht in dieser faschistischen Pionierarbelt in anderen Ländern keine Verletzimg fremder Gesetze oder unantastbarer Hoheitsrechte. Auch die»Selbsthilfeeinrichtungen« der DAF sollen in den Auslandsgruppen eingerichtet werden. Die Stellenvermittlung soll nicht nur bei der Arbeitsbeschaffung im Ausland helfen. Ihre Aufgabe erstreckt sich»bis zur planvoll geleiteten Unterbringung des qualifizierten Auslandspraktikers in der heimischen Wirtschaft.« Das Programm über Berufserziehung entspricht gleichfalls den Richtlinien der Arbeitsfront für Deutschland. Die berufliche Leistung wird durch entsprechende nationalsozialistische Erziehung gesteigert. Der Arbelbs- und Rechtsschutz erstreckt sich nicht nur auf Beratung im ausländischen Sozialrecht, sondern auch die Vertretung vor den Gerichten, eine Aufgabe, die bisher überall Sache der zuständigen Beruforganisationen des Landes war. Die eigentliche Nazi-Propaganda im Ausland wird im Abschnitt Kraft-durchFreude= Freizeitgestaltung angedeutet. Sie soll vor allem in Uebersee einen breiten Raum einnehmen. »Die Ortsgruppengemeinschaft verkör- paganda-Instrument ins Ausland getragen. Es frägt sich, ob die Länder sich derartige Zersetzungsapparate gefallen lassen werden. In Deutschland werden nationale Minderheiten seit Hitlers Machantritt überhaupt kaum noch anerkannt. Abgesehen von Polen gibt es für die sonstigen Volksangehörigen keine staatlich geregelte Minderheitsschulordnung mehr, geschweige denn daß ihnen eigene Gewerkschaften gestattet würden. Darauf müssen sogar die von Hitler geliebten Polen verzichten. Das neue Reichsbürgergesetz hat für die Reichsangehörigen anderer Volkszugehörigkeit die Lage noch außerordentlich erschwert. So haben neuerdings Dänen und Polen erklärt, sich am physischen Arbeitsdienst beteiligen zu wollen, wenn wenigstens die Freizeitgestaltung der Minderheitsangehörigen durch Lehrer aus den Reihen der eigenen Volksgruppen gestattet wird. Es sollte damit die Unterweisung in der eigenen nationalen Kultur und Geschichte ermöglicht werden. Die Hitler-Regierung hat diese Bitte abgelehnt, die jungen Nichtdeutschen werden gezwungen, dem deutschen weltanschaulichen Unterricht beizuwohnen, sie dürfen ihre Landessprache nur außerhalb des Arbeitsdienstes gebrauchen, die Zeitungen nationaler Minderheiten sind in den Arbeitslagern verboten. Den nationalen Minderheiten im Dritten Reich ist die Erfüllung jeder völkischen Aufgabe untersagt, die Deutsche Arbeitsfront aber geht ins Ausland, um ihre ganze Kraft für die Gestaltung der Nazi-Welt einzusetzen. Diese Auslandsorganisation der Deutschen Arbeitsfront ist um so gefährlicher, als es bekanntlich für die braune Propaganda an Geld nicht mangelt. Die Arbeitsfront hatte im Jahre 1934 eine Gesam tei n nahm e von 311 Millionen Mark, während ihre Unterstützungsleistungen an die Mitglieder noch keine 100 Millionen betragen haben, so daß für politische Propaganda und Korruption reiche Mittel zur Verfügung stehen. Die Auslandsorganisation der Arbeitsfront ist eine weitere braune Flut, der es gilt Dämme entgegen zu setzen, ehe es zu spät ist! Der Riidtgang des Wohnungsbaues Auf dem Wohnungsmarkt werden die Zu-, stände immer trostloser. In allen großen| Städten steigt die Wohnungsnot weiter an. Trotzdem werden die Zuschüsse zum Wohnungsbau immer weiter gedrosselt und den Sparkassen und Geldinstituten die Ausleihung von Hypotheken erschwert. Die Folge davon ist, daß die Wohnungsbautätigkeit scharf zurückgeht. In den ersten neun Monaten des laufenden Jahres sind in den Gemeinden mit über 10.000 Einwohnern insgesamt 90.500 Wohnungen fertiggestellt worden. Das sind lund 21 Prozent weniger als in der gleichen Vorjahrszeit. Ein Antrag des nationalsozialistischein Oberbürgermeisters von München, die Wohnungszwangswirtschaft der demokratischen Republik wieder einzuführen, ist vom Reichsarbeitsminister Seldte abgelehnt worden. Das tnde ist Hoksim Nazidiebstahl an Gcnossensdiaftselgen�um weil sie, wie die»Soziale Praxis« in ihrer Nummer vom 8. November offen zum Ausdruck brachte,»ein Schrittmacher und Ausdruck der erstarkenden wirtschaftlichen Kraft und des Selbstvertrauens der Arbeiterschaft wären.«" Durch das Gesetz vom 31. Mai 1935 wurde die Grundlage für eine Massenvernichtung der deutschen Arbeiter-Konsumvereine geschaffen. Große, bis dahin prosperierende Unternehmungen, die von der Arbeiterschaft in einem jahrzehntelangen Aufbauwerk errichtet worden waren, wurden von 1933 ab nach der Gleichschaltung von unzähligen Nazibonzen Die Löhne nldit— zugrunde gerichtet. Das Gesetz erleichterte ihnen die Liquidierung der Trümmer. Der grandiose Betrug an den Konsumvereinsmitgliedern wurde legalisiert und mit der Auflösung bis zum unverhüllten Raub getrieben. Eine Anzahl großer Konsumvereine sind mit Hilfe des Gesetzes liquidiert worden. In anderen Genossenschaften wird zur Zeit ein erbitterter Kampf um die Auflösung geführt, wobei ein Teil der ab März 1933 untergebrachten Bonzen um die Erhaltung ihrer neuen Futterkrippen streiten. Das ist z. B. auch In dem Konsumverein Leipzi g-P 1 a g- w i t z der Fall, wo man vor kurzem erst eine Aufforderung an die Mitglieder zur Erhaltung der Genossenschaft erließ und versicherte, daß eine Auflösung nicht in Frage käme. Tatsächlich verfällt aber auch die Leipziger Konsumgenossenschaft der Vernichtung. Da die Vorbereitungen dazu nicht überall so rasch betrieben worden sind, daß die im Gesetz festgelegte Liquidationsfrist(31. Dezember 1935) eingehalten werden kann, ist diese Frist jetzt durch eine Verordnung um einige Monate hinausgeschoben worden. Daran ist zu erkennen, daß das Vernichtungswerk so durchgeführt wird, wie es geplant war. Wie skrupellos dabei die armen Genossenschaftsmitglieder von den Nationalsozialisten geschröpft werden, das zeigt nach anderem vorausgegangenen Beispielen jetzt der Fall Chemnitz. Dort ist eben der Allgemeine Konsumverein in die Liquidation getrieben worden. Dabei wird den Mitgliedern die ganze Rückvergütung vom 1. Juli 1934 bis zum SO. November 1935 gestrichen. Ab 1. Dezember 1933 gilt die Genossenschaft als aufgelöst. Von den Spareinlagen werden nur die bis zu 100 Mark zurückgezahlt, alle höheren Spareinlagen sind verlor eh. Eine Auszahlung der Geschäftsanteile erfolgt nicht. Dafür wird das reiche Inventar des Allgemeinen Konsumvereins verschachert und die zahlreichen Geschäftsstellen werden den Nazilagerhalter U b e r g e b e n, die sie In eigener Regle weiterführen. So werden die hochentwickelten Genossenschaftsunternehmungen zerstört, nicht nur, weil sie einer angeblichen MlttelstandspoUtik pert die Heimat und'deshalb bedeuten alle bindernd im Wege sind, sondern vor allem, aber die Tantiemen Die etlichen Milliarden Reichsmark, mit denen über die Staatskonjunktur hinweg die deutsche Wirtschaft angekurbelt werden sollte, haben diesen Zweck zwar nicht erreicht, aber sie haben den Konzernkapitalisten und den Aktionären Profitsteigerungen gebracht, wie sie sie seit einigen Jahren nicht mehr gewöhnt waren. Wir wollen hier die Aufspaltung der Bilanzen der großen Industrie-Aktiengesellschaften vornehmen, um etwa nachzuweisen, daß der im letzten Geschäftsjahr erzielte Gewinn ungleich höher ist, als die Bilanzen ihn ausweisen. Nur an der zum Teil ganz außerordentlichen Erhöhung der Bezüge des Vorstandes einiger großer Unternehmungen sei nachgewiesen, wie sehr gerade die Großkapi- talisten mit der nationalsozialistischen Wirtschaftspolitik zufrieden sein können. Die Bezüge des Vorstandes betrugen: 1394/35 Bewag-Berlin.. 220.560 RM Klöckner-Konzem 235.000 RM Hoesch-Konzem. 464.527 RM Gute-Hoffnungshütte- Konzern.. 1,088.868 RM Diese Riesenbezüge von über 1 Million Reichsmark, die der Gute-Hoffnungshütte- Konzem im letzten Geschäftsjahr seinem Vorstand gewährt, erhalten vier Herren. Auf jeden einzelnen entfallen demnach mehr als 270.000 RM im Jahr. Das ergibt auf den Arbeitstag berechnet etwa 900 RM. Das ist genau der gleiche Betrag, für den der weitaus größte Teil der deutschen Arbeiterschaft ein volles Jahr schuften muß. Während die Hltlerreglerung unter dem Ablauf der Staatskonjunktur Jede Lohnerhöhung auf das strengste verboten hat, hat sie gleichzeitig die gewaltige Steigerung der Tantiemen der Generaldirektoren und anderer Konzernfürsten begünstigt. 1933/34 106.220 RM 117.000 RM 516.493 RM Fahnen raus— Profite rein! Im Organ der Uniform- und Waffenfabriken»Der Uniformmacher« wird festgestellt, daß die Produktion zurückgegangen ist und darum eine Verordnung notwendig sei, wonach Gartenhäuser, Hinterhäuser(und sonstige Häuser?) zu beflaggen sind. Kauft Fahnen, und wir bleib'n gesund! Das fehlende Bewußtsein In Nr. 6 des»Deutschen Volkswirt« vom v 7. November 1935 lesen wir: »Ein gesundes Volk braucht das Bewußtsein, in einem Rechtsstaat zu leben. Dieses Gefühl umschließt auch den Begriff sozialer Gerechtigkeit. Nur wo es vorhanden ist, haben Staatsgefüge und Wirtschaft die Garantie erschütterungsloser Entwicklung.« Da unter der nationalsozialistischen Diktatur dieses Bewußtsein im deutschen Volke nicht aufkommen kann, so fehlt es dem Dritten Reich auch an der»Garantie erschütterungsloser Entwicklung«. Leldit gesagt Die»Preußische Zeitung« berichtet; Auf einer großen Kundgebung der NS- Frauenschaft in Bad Mergentheim sprach der stellvertretende Gauleiter Schmidt über die Aufgaben der nationalsozialistischen deutschen Frau. Er ermahnte die Frauen, Interesse für das Volksganze zu zeigen und sich nicht in ihren täglichen Hausfrauensorgen zu verzehren. Die fehlende Butter ist durch stramme Haltung zu ersetzen. Kanonen Unter den Linden Die prachtvolle Lindenallee, der die Prunk- straße Berlins»Unter den Linden« ihren Namen verdankt, ist In diesem Herbst der Axt zum Opfer gefallen. Den Zweck dieser für alle Berliner schmerzlichen Operation enthüllt der»Völkische Beobachter« mit folgen-�, den Worten:»um DägroBen Aufmärschen auch die Mittelpromenade benutzen zu können, wird diese so stark befestigt, daß auf ihr sogar Artillerie fahren kann.« i Suche für einen gutgehenden Massenartikel einen HtalsKräfttyen TciMer Geschäftsräume und Maschinen sind vorhanden. Bevorzugt werden solche, die in Prag gute Verbindung haben. Anfragen erbeten an die Verwaltung des»N. V.« unter B. 120. llmccllornwcfe (SoshüdemofraHfcfyro tDodjcnblol. Herausgeber: Ernst Sattler; verantwortlicher Redakteur: Wenzel Horn: Druck:»Graphla«; alle in Karlsbad- Zeitungstarif bew. m. P. D. ZI. 159.334/VII-1933. Printed in Czecho-Slovakla. Der»Nene Vorwärts« kostet Im Einzelverkauf innerhalb der CSR. KC 1.40(für ein Quartal bei freier Zustellung Kö 18.—). Preis der Einzelnummer im Ausland Kö 2.—(KC 24.— für das Quartal) oder deren Gegenwert in der Landeswährung(die Bezugspreise für das Quartal stehen In Klammern): Argentinien Pes. 0.30(3.60). Belgien Frs. 2.45(29.50). Bulgarien Lew 8.—(96.—). Danzig Guld. 0.45 (5.40), Deutschland Mk. 0.25(3.—), Estland E. Kr. 0.22(2.64), Finnland Fmk. 4.—(48.—). Frankreich Frs. 1.50(18.—). Großbritannien d 4.—(Sh. 4.—), Holland Gld. 0.15(1.80), Italien Lir. 1.10(13.20), Jugoslawien Dln. 4.50 (54.—), Lettland Lat. 0.30(3.60), Litauen Lit. 0.55(6.60). Luxemburg B. Frs. 2.45(29.50), Norwegen Kr. 0.36(4.20). Oesterreich Seh. 0.40(4.80), Palästina P. Pf. 0.020(0.216), Polen Zloty 0.50(6.—). Portugal Esc. 2.— ■24.—). Rumänien Lei 10.—(120.—). Schweden Kr. 0.35(4.20), Schweiz Frs. 0.30(3.60), Spanien Pes. 0.70(8.40). Ungarn Pengö 0.35 (4.20). USA 0.08(1.—). Einzahlungen Können auf folgende Postscheckkonten erfolgen: Tschechoslowakei: Zeitschrift»Neuer Vorwärts« Karlsbad. Prag 46.149. 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