Np. 128 SONNTAG, 24. Nov. 1935 6osia(demDfraliftfo0 Verlag: Karlsbad, Haus„Graphia"— Preise und Bezugsbedingungen siehe Beiblatt letzte Seite Aus dem Inhalt; Deutsche Sanktionen? Sittliche Erneuerer Die Verschuldung Deutschlands Der Wahlskandal von Danzig Das System furchtet de SazIoNenoMe Schärfste Offensive der Gestapo Ans Westdeutschland erhalten wir Berichte über außerordentlich strenge Maßnahmen gegen die Sozialdemokratie: »Von verschiedenen Stellen wird mitgeteilt, daß die Gestapo mit geradezu wütendem Eifer gegen Sozialdemokraten vorgeht. Seit etwa sechs bis acht Wochen ist der Druck, das Spitzelunwesen und sind die Drohungen gegenüber unseren Genossen so stark geworden, wie noch niemals zuvor. Dabei ist ohne Unterschied festzustellen, daß die Maßnahmen der Gestapo nur gegenüber der SPD auf der ganzen Linie eingesetzt haben. Aus Kreisen der Polizei erfahren wir, daß die aus dem Ausland kommende Propaganda der SPD die Wut der Hit- lerregierung so erregt habe, daß Anweisungen ergangen sind, alle Kraft der Gestapo auf unsere Genossen zu konzentrieren. Es ist angeordnet, jetzt die Reste der KPD, die Kirchenopposition und die konservative Fronde außer acht zu lassen. Die ganze Kraft der Gestapo soll gegen die Sozialdemokratie eingesetzt werden. Ganz besonders hat das straffe und wirkungsvolle Berichtswesen der SPD die Regierung erregt. In den verschiedenen Orten sind eingehende Vernehmungen früherer Sozialdemokraten sehr zahlreich. Selbst jeder rein private Kontakt mit früheren Gesinnungsfreunden wird genau überwacht. Wenn sich zufällig frühere Sozialdemokraten treffen, werden sie illegaler Tätigkeit verdächtigt und zur Vernehmung geholt. Militärpflichtige Personen erhalten keinen Paß und keine Erlaubnis, ins Ausland zu fahren, auch vyenn es sich um einwand- freieste familiäre Angelegenheiten handelt. Die Verschärfung der Lage in Westdeutschland hängt natürlich mit der Zuspitzung der Maßnahmen gegen die Sozialdemokratie im ganzen Reiche zusammen. Die Hitleristen machen sich wegen der täglich fortschreitenden Verelendung des Volkes sehr große Sorgen um die Erhaltung des Systems. Nur ein Bild: Le- bensmittelmangel überall(pro Woche und pro Familie gibt es ein Viertelpfund Butter und ein Viertelpfund Fett, das ist die nackte Not!) Aerger, Enttäuschung, Wut in allen Graden, Unzufriedenheit eigentlich aller, feste Gesamtstimmung unserer Genossen, keine Hinneigung zum Kommunismus. Der Regierung ist natürlich nicht unbekannt, daß große Volksschichten in ständig zunehmendem Maße die Erkenntnis bekommen, sie auch sehr häufig äußern, daß die Demokratie nicht nur leichtsinnig verspielt wurde, sondern auch Grundlage für den Staat der Zukunft sein muß. Weit über die Sozialdemokraten hinaus besteht eine große Sehnsuchtnach der verratenen Demokratie, auch bei vielen ihrer ehemaligen Verächter. Dem System ist es sehr unangenehm, daß in der Opposition keine Stimmung für den Kommunismus besteht; auch bei vielen früheren Kommunisten nicht. Gegen die ganze Verrottung des heutigen Systems hebt sich immer mehr das Bild der modernen Arbeiterbewegung ab. Wir bleiben fest, auch wenn jetzt eine neue unbarmherzige Offensive der Diktatur gegen die Sozialdemokratie harte Opfer fordert.« Moralische Niederlage der Nazis in Danzig Das Obergericht bestätigt den Wahlterror Die Danziger Nationalsozialisten haben eine moralische Niederlage ersten Ranges erlitten. Das Danziger Obergericht hat die Wahlanfechtungsklagen der Opposition zum erheblichen Teil für berechtigt anerkannt. Es hat nicht die gesamte Wahl für ungültig erklärt, aber es hat den Nationalsozialisten rund 1 1.0 00 Stimmen aberkannt Demzufolge erhalten die Nazis ein Mandat wieniger, das an die Sozialdemokraten fällt Die Bemessung der abzuziehenden Stimmenzahlen ist nach reiner Opportunität erfolgt— sie sollte den Nazis nicht die Mehrheit nehmen. Die Begründung des Urteils aber entrollt ein Bild davon, was»freie Wahl« unter nationalsozialistischer Herrschaft bedeutet Es heißt darin: »Eine erheblichere Einwirkung auf die Wahl ist aber insoweit festgestellt, als die Regierung öffentliche Einrichtungen im Interesse der NSDAP zur Verfügung gestellt hat was nach der Rechtslage in Danzig unzulässig ist Der Staatliche Hilfsdienst, die Feuerwehr, die Arbeiter des Telegraphenamtes hätten nicht verwendet werden dürfen, um nationalsozialistischen Straßen- und Häuserschmuck anzubringen. Desgleichen hätten die Dienstgebäude nicht einseitig mit den Symbolen der NSDAP geschmückt werden dürfen. Auch hätten die Räume in staatlichen Gebäuden nicht einseitig der NSDAP zur Verfügung gestellt und Wahlversammlungen der Beamten und Angestellten in den Dienststunden abgehalten werden dürfen. Desgleichen hätte der Rundfunk und die Post nicht einseitig für die NSDAP verwandt werden dürfen. Eine amtliche Wahlbeeinflussung hat das Wahlprüfungsgericht auch darin erblicken müssen, daß der Gauleiter Forster in einer Versammlung der Beamten und Angestellten erklärt hat, daß jeder Beamte und Angestellte, der nicht nationalsozialistisch 11 ii ii——— wähle, aus dem Dienst des Staates und der Kommune unverzüglich entlassen werden würde. Es ist allerdings dargetan, warum auch dieser Verstoß keine erhebliche Wirkung gehabt haben dürfte. Schwerer ins Gewicht fallende Verstöße liegen aber darin, daß besonders auf dem Lande vielfach der Versuch gemacht ist, durch wirtschaftliche Maßnahmen, namentlich Entlassungen aus dem Arbeitsverhältnis, von behördlicher Seite die Wähler der anderen Parteien zur Abgabe ihrer Stimme für die NSDAP zu veranlassen. Insbesondere hat das Wahlprüfungsgericht in drei Fällen (Stutthof, Neulanghorst, Praust) festgestellt, daß die Betriebsappelle dazu mißbraucht worden sind, einen unzulässigen Druck auf die Wähler der anderen Parteien auszuüben. Besonders zu rügen ist hierbei, daß in einzelnen Fällen sogar versucht worden ist, durch derartige Maßnahmen einen Druck auf die Kandidaten der anderen Parteien auszuüben, damit diese ihre Kandidatur aufgaben. Was das Versagen der örtlichen Polizei anlangt, so wird dieser vorgeworfen nicht nur, daß sie zu Unrecht gegen Agitationshandlungen der nichtnationalsozialistischen Parteien eingeschritten sei, sondern auch, daß sie es unterlassen habe, gegen Uebergriffe einzuschreiten, die sich Anhänger der NSDAP gegen Angehörige gegnerischer Parteien aus politischen Gründen erlaubten. Ein derartiges Verhalten der Polizei kommt, wenn es erwiesen wird, der positiven Wahlbeeinflussung gleich und muß gleich dieser gewertet werden, denn es enthält wie dieses eine Vernachlässigung der Beamtenpflicht zum gesetzmäßigen Einschreiten und hat dieselbe Wirkimg, nämlich die Benachteiligung einer oder mehrerer Parteien. In der überwiegenden Zahl der von den Einsprucherhebem angeführten Fälle hat sich nun ein Versagen der Polizei nicht ergeben. Dies gilt auch von dem behaupteten mangelnden Schutz der Wahlplakate. ' Immerhin bleiben mehrere Fälle übrig, die sehr wohl geeignet waren, bei den Wählern der anderen Parteien das Gefühl der Schutzlosigkeit aufkommen zu lassen und die deshalb als amtliche Wahlbeeinflussung s c h w e re r A r t gewertet werden müssen. Hervorzuheben sind namentlich die Vorfälle in Zoppot (Viktoriagarten), in Neuteich und in Rosenberg; die erheblichen Ausschreitungen, zu denen es dort gekommen ist, hätten bei tatkräftigem Einschreiten der Polizei verhindert werden müssen.« Die vor dem Obergericht zur Sprache gekommenen Verstöße bilden nur einen kleinen Ausschnitt aus dem gewaltigen Terror, den die nationalsozialistische Partei bei der Aprilwahl entfesselt hat. Daß das Obergericht die Wirkung dieses Terrors gerade auf 11.000 Stimmen einschätzt, daß es überhaupt der Meinung ist, daß man seine Wirkimg genau auf drei Prozent der nationalsozialistischen Stimmenziffer bemessen könne, fällt ins Gebiet politischer Opportunitäts- entscheidungen. Die einzig mögliche und richtige Schlußfolgerung, die sich aus dieser Enthüllung des Wahlterrors ergibt, lautet: eine Partei, die so alle Mittel des Parteiterrors und des staatlichen Terrors einsetzt und dann doch nur knapp über 50 Prozent der Stimmen erhält, hat keine Mehrheit im Volke. Dies Urteil des Obergerichtes brandmarkt deshalb die nationalsozialistische Herrschaft in Danzig als verfassungswidrige Diktatur der Minderheit! Wieder ein Sdiand* urteil in Hamburg Und dennoch: sie zwingen uns nicht! Am 5. November 1935 fand vor dem Hamburger Oberlandesgericht ein weiterer Prozeß gegen frübere Sozialdemokraten statt. Es handelt sich hierbei um 12 Jugendliche, z. T. Lehrlinge, die wegen Hochverrat angeklagt: waren. Die Angeklagten waren früher Mitglieder der Sozialistischen Arbeiterjugend und wurden beschuldigt, die Sozialdemokratische Partei welter aufrecht erhalten und durch Verbreitung von Material, das zum Teil vom Ausland stammen sollte, hochverräterische Handlungen begangen zu haben. In dem uns aus Hamburg zugegangenen Bericht heißt es wörtlich: »Die gefällten Urteile übertreffen alle bisher in Hamburg verhängten; Julius Willemsen 5 Jahre Zuchthaus, 5 Jahre Ehrverlust; Philipp Borth(Lehrling) 3 Jahre Zuchthaus; Walter Böhls 2 Jahre Zuchthaus; sieben Angeklagte, unter denen sich die Genossen Strader, Otto Dehn- k e, A. Henke und Lorenz befanden, erhielten 2 aI wr a»*»-»!- 1« a r» i Nach der Statistik über den Marktverkehr in 48 Großstädten betrug der Auftrieb von Schweinen auf den Viehmärkten im September nur noch 148.000 Stück gegenüber 267.000 im August d. J. und 445.000 im September des Vorjahres. Berücksichtigt man auch die Direktzufuhren, die in diesem Jahre infolge des Ueber- gangs der Fleischer zum Selbstaufkauf auf dem Lande sich erhöht haben, kommt man zu einer Ziffer für die Großstädte von rund 270.000 Stück wirklichen Umfang der Wechselverpflich- tungen des Reiches, ja doch nicht klarstellen darf. Den gibt er nur auf 5 Milliarden an, die Ziffer, die Krosigk als Verpflichtung aus der Arbeitsbeschaffung längst zugestanden hat, und den es noch um rund eine Milliarde herabsetzt, weil in der Reichsbank dafür Schatzanweisungen als Garantie hinterlegt seien. Aber das, was alle Welt interessiert, sind nicht die 5 Milliarden Arbeitsbeschaffungswechsel, sondern die Summe der Rüstungswechsel, die weit darüber hinausgeht. Da verweigert das Institut jede Angabe, allerdings mit einer Begründung, die so köstlich ist, daß sie ausführlich wiedergegeben werden muß; »Die Summe der fundierten und der schwebenden Reichsschuld ergibt die gesamte»ausgewiesene« Reichaschuld. Neben dieser ausgewiesenen Reichsschuld gibt es keine»geheime« Reichaschuld— wie vielfach, vor allem im Ausland eingenommen wird— sondern nur(!!!) künftige kurzfristige Verpflichtungen des Reiches aus der Steuer- gutsohcinaktion, aus der Zinsvergütungs- uktion, aus der kurzfristigen Finanzierung der ArbeitsbeschaffungSprogramme, des Reichsautobahnbaues und schließlich(!) des Wiederaufbaues der deutschen Wehrmacht, die sich formal-rechtlich(!!) noch nicht(!) als Schulden des Reiches niedergeschlagen haben. Ueber die gesamte Höhe dieser außerhalb der ausgewiesenen Reichsschuld bestehenden künftigen Verpflichtungen hat der Reichsfinanzminister erst kürzlich Angaben gemacht(es sind die berühmten, bereits erwähnten 5 Milliarden. R. K.); einzelne (!) dieser Posten— wie der Umlauf an noch einzulösenden Steuergutscheinen, Zinsvergütungsscheinen und Arbeitsbeschaffungswechsel— waren der Größenordnung nach ständig bekannt. Da diese kurzfristigen Verpflichtungen des Reiches jetzt noch nicht fällig(!) sind, sondern— wie für den größten Teil dieser Verpflichtungen gesetzlich festgelegt— erst im Laufe der nächsten Haushaltsjahre bis 1938/39 einzulösen sind, köij- so 48 gegenüber 505.000 Stück im September des Vorjahres. Daß dieser riesige Rückgang durch eine Zunahme des Fleischverbrauchs außerhalb der Großstädte fast völlig kompensiert worden ist, ist durchaus unwahrscheinlich und die Angabe des Statistischen Amts Uber eine bloß zwei- oder vierprozentige Verbrauchsminderung deshalb ganz unglaubwürdig. Der»Reichsnährstand«, der angesichts der steigenden Preise und des zunehmenden Schwarzhandels eine weitere rapide Verminderung des Schweinebestandes für die Zukunft der Fleischversorgung besonders fürchtet, gibt sich alle Mühe, das Angebot von Schweinen noch weiter zu vermindern. Er schreckt dabei auch nicht vor weitgehenden Eingriffen in den einzelnen 1 bäuerlichen Betrieb zurück. Hausschlach- tungen von Schweinen bedürfen jetzt der Genehmigung durch den zuständigen Schlachtviehverwertungsverband, Absatz | von Fleisch aus landwirtschaftlichen Hausschlachtungen ist verboten. Das gewerbliche Schlachten von Schweinen unter 180 Pfund in Großstädten und unter 190 Pfund an den Märkten wird untersagt Das Verbot wird auch auf das Schlachten von unreifen Jungrindern ausgedehnt, ein Beweis, daß der Reichsnährstand auch eine Knappheit an Rindfleisch befürchtet. Ob aber die Bauern, denen jetzt der Verkauf ihres Viehs immer mehr erschwert wird, bei den hohen Preisen und der fortschreitenden Verknappung der Futtermittel, ihren Vieh1-.stand durchzu- große Neigung haben werden, ist mehr als zweifelhaft. Unterdessen versucht man die Einfuhr zu vermehren: durch Zugeständnisse für ihre Agrareinfuhr ist es gelungen, mit Polen und Ungarn zu Handelsabkommen zu kommen und man hofft, die vermehrte Agrareinfuhr mit verstärkter Industrieausfuhr bezahlen zu können. Also Rückkehr zur»liberalisti- schen Handelspolitik«. Aber ob es tatsächlich gelingen wird, Industrieprodukte in diesen von der Krise hart mitgenommenen, kaufkraftschwachen Ländern, noch dazu zu den hohen deutschen Preisen, im erforderlichen' Umfang abzusetzen, bleibt sehr zweifelhaft. Unterdessen gerät auch der K ä s e- markt in Unordnung. Die Nachfrage steigt. Die Wurst, für die eine Preisbegrenzung nur für bestimmte Sorten besteht, ist schlechter und teuerer geworden. Also wendet man sich dem Käse zu, zudem die Verkäufer beim Buttereinkauf einen Druck ausüben, den relativ teueren Käse mitzukaufen. Ebenso wird oft die M a r g a r i n e- L i ef e r u n g v o n der Mitnahme bestimmter Käsesorten abhängig gemacht. Dabei ergeben sich gewisse Verschiebungen. Hartkäse wird weniger gefragt, da bei dem Verzehr die gewohnte Butter fehlt. Dagegen hat der Verbrauch an Quark und Weichkäse stark zugenommen. Vorläufig scheint das Angebot einigermaßen auszureichen, da die Reichsstelle Quark noch Vorräte aus dem Frühjahr hat, die jetzt zur Verfügimg gestellt werden. Aber auch hier droht Knappheit in sehr absehbarer Zeit. Aber das sind nicht die einzigen Sorgen. Da die allgemeine Belebung der Wirtschaft ausgeblieben ist, die Konjunktur auf die Rüstungsindustrie beschränkt bleibt, wird die weitere Entwicklung des Arbeitsmarkts ein schwieriges Problem. Das Konjunkturinstitut bereitet die Oeffentlichkeit schon schonend vor. Es schreibt in seinem neuesten Wochenbericht über die wahrscheinliche Entwicklung im kommenden Winter: »Die saisonmäßige Zunahme der Arbeitslosigkeit im kommenden Winter wird von der Höhe der gesamten Beschäftigung, von der Strenge des Winters und besonders von der Zahl der Arbeltskräfte abhängen, die mit Außenarbeiten beschäftigt sind. In den Jahren 1925— 1935 lag die saisonmäßige Erhöhung zwischen 0.55 und 1.80 Millionen. Da im gegenwärtigen Aufschwung der Anteil der Arbeltskräfte, die In ihrer Beschäftigung vom Wetter abhängig sind, recht groß ist, so liegt eine saisonmäßig bedingte Zunahme der registrierten Arbeits. losen um mehr als eine Million durchaus im Bereich des Möglichen. Manches deutet darauf hin, daß sich die saisonmäßige der tatsächlichen Entwicklung voll auswirkt.« Zunehmende Lebensmittelschwierigkeiten bei steigenden Preisen und sinkenden Löhnen und dazu vermehrte Arbeitslosigkeit, das ist das Resultat der nationalsozialistischen Wirtschaftspolitik. R. K. Glück und Pedi bei Lulze In die Dahlemer VUla des Stabschefs Lutze ist ein Dieb eingebrochen. Er fand in einer Nachttischschublade einen goldenen Ring mit Aquamarin, eine goldene Halskette mit drei Aquamarinen(antike Filigranarbeit), einen goldenen Ring mit Jadestein, eine Halskette mit zwei Brillanten, ein silbernes Halsband mit Onyx und Markasit, eine ziselierte goldene Damenuhr, ein Granatarmband und eine Granathalskette. Femer fielen in seine Hände eine Reitpeitsche mit goldenem Knopf, eine goldene Schlipsnade! und ein goldenes Zigarettenetui mit eingraviertem Wappen. Herr Lutze hat wohl alle diese Wertsachen in der Meinung frei herumliegen lassen, daß sie, da er eine Haussuchung der SA nicht zu befürchten braucht, keines Schutzes bedürften. Er hat Jsich geirrt. Die Straflosigkeit, deren sich die Nazis erfreuen, wenn sie das Privateigentum politischer Gegner für sich in Anspruch nehmen, wirkt auch außerhalb ihrer Reihen wie eine Anstiftung zum Stehlen. Herr Lutze scheint ein sparsamer Mann zu sein. Bis zur»nationalen Revolution« war er nach seiner Angabe im Reichstagshandbuch»Kaufmann in Hannover«. Mit gutem Grunde sagt er über seine kommerzielle Tätigkeit nichts Näheres, denn sie nahm ein Ende mit Schrecken, nämlich für seine Gläubiger. Lutze machte bankrott Dies scheint in den Kreisen seiner Freunde nicht bekannt geworden zu sein, da er sonst wohl ebenso wie sein Parteigenosse R o e v e r- Oldenburg, der gleichfalls einen schönen Konkurs hingelegt hat, einen Statthalterposten erhalten hätte statt seines, wie das Schicksal seines Vorgängers Röhm zeigt, mit Gefahren verbundenen Amtes. Aber immerhin hat er es in kurzer Zeit zu einer Villa in Dahlem und zum Besitze einer Reihe von Gebrauchsgegenständen aus echtestem Material und von wertvollen Edelsteinen gebracht. Freüich hat er sich auf das unbedingt Notwendige beschränkt, denn wie sollte er ohne die Reitpeitsche mit goldenem Knopf bestehen können! Hoffentlich hat er aucn goiacnc ren. Wenn nicht, muß er sie sofort anschaffen, zwecks Vervollständigung der Beweise dafür, daß die Geschichte sich gern wiederholt. Wir denken dabei an die Betrachtung des angelsächsischen Mönchs in Heinrich Heines»Schlacht bei Hastings«: Der lausigste Lump aus der Norman die Wird Lord im Lande der Briten, Ich sah einen Schneider aus Bayeux, er kam Mit goldenen Sporen geritten. Die Gläubiger Lutzes aber, die aus der Konkursmasse nur einen seinen Fähigkeiten entsprechenden, also mehr als bescheidenen Teil ihrer Forderungen erhalten haben, werden sich freuen, denn da ihr Schuldner jetzt offenbar in glänzenden Verhältnissen lebt, wird er sie gewiß voll befriedigen. Oder denkt Herr Lutze:»Dazu habe ich nicht bankrott gemacht, um schließlich doch zu bezahlen?« Interessant ist, daß Lutze schon ein Wappen besitzt. Das Protzen mit Gold und Pre- ziosen genügt ihm nicht. Welches Emblemauf seinem goldenen Zigarettenetui zu sehen ist, wissen wir nicht. Am passendsten wäre im Hinblick auf seine Vergangenheit wie seine Zukunft ein Vogel: der Pleitegeier! Jurlsüsdies Examen Im juristischen Examen:»Herr Kandidat, beantworten Sie folgende Fragen: Mit welchen Personen darf ein Mischling mit nur einem volljüdischen Großelterntedl die Ehe ohne weiters eingehen, mit welchen Personen kann, aber soll er nicht die Ehe eingehen, mit welchen Personen kann er die Ehe nur kraft besonderer Erlaubnis und mit welchen Personen bei Zuchthausstrafe überhaupt nicht eingehen? Femer: Bei welchen Gruppen macht ein solcher Viertelsjude sich als Mann durch außerehelichen Geschlechtsverkehr strafbar: Bei Ariern, Viertelsjuden, Halbjuden oder Volljuden?— Sie wissen efl nicht? Nun denken Sie einmal, Herr Kandidat, Sie hätten durch Unglück eine jüdische Großmutter. Sie kämen ja im Leben nicht mehr aus dem Zuchthaus raus!« halten, geschweige denn zu vermehren iZunahme der Arbeitslosigkeit in Training »Der Abend begann mit einem schneidig Vortrag über unsere»Unsterblichen Leistu gen in Flandern«. Tod und Grauen zogen! uns vorüber und die Helden standen aus ihn Gräbern auf. Dann aber kam der Humor au giebig zu seinem Recht...« (Aus einem westdeutschen Naziblatt.) Nr. 128 BEILAGE HcüccUorMrfg 24. November 193� Der Herren eigner Geisri »Der Herren eigner Geist« ist ein Buch von einem Hans Günther. Der Verfasser gibt vor,»wissenschaftlich« verfahren und »die Ideologie des Nationalsozialismus« untersuchen zu wollen. Der Vorsatz ist gut, aber die Ausführung miserabel. Der Marxismus wird nicht nur in Deutschland totgeschlagen und verhöhnt, er hat auch stumpfsinnige Feinde im Lager seiner vermeintlichen Freunde. Das Buch Günthers ist ein eindeutiger Beweis dafür. Wie Götter sieht Günther»die Monopolkapitalisten« hoch oben im siebenten Kümmel thronen, die jeden Politiker an der Strippe halten und selbstverständlich niemals das Heft aus der Hand geben müssen. Die gerissenen Hunde! In der Republik haben sie die Sozialdemokraten an der Strippe gehabt, na, und dann haben sie ihre Marionetten spaßhalber mal ausgewechselt und sind vom;> Sozialf aschismus« zum richtigen Nationalf aschismus herübergewechselt. Mit Denkerfalten in der Stirn stellt dieser»Theoretiker« Günther(nicht Dinter) fest: (Demokratie in der Organisation F. W.) und schon damals traten seine besonderen Charaktereigenschaften und aeäne besondere Denkweise in Erscheinung: die Ueberzeugung von der Richtigkeit seiner Ansicht einerseits und der Glaube an die revolutionär theoretische Unfehlbarkeit der sich selbst ergänzenden Gruppe der Berufsrevolutionäre... andererseits. Lenin war gegen jede selbständige Arbeiterorganisation als solche, er war dagegen, daß man den Arbeitern irgendein besonderes Kontrollrecht einräume usw. Er sagte:»Wenn ihr klassenbewußte vertrauenswürdige einzelne Arbeiter habt, dann nehmt sie in die zentrale Gruppe auf, das ist alles. Darüber hinaus ist eine besondere Arbeiterpolitik nicht notwendig.« Das ist in der großen Gesamtausgabe»Lenin«, im IV. Band, 2. Halbband, S. 402, nachzulesen. Nun, diese Auffassung Proletariats erscheint dem Bolschewismus daher als die»Arbeiteraristokratie«, die korrumpiert wurde und— im Gegensatz zum modernen Arbeitersozialismus,— wo sie entscheidend ist, für den Kampf verloren ist. Der Nationalsozialismus ist über diesen Teil des Proletariats ebenfalls am meisten erbost, denn diese Schicht hat sich von der früheren Konzeption, deren erster Repräsentant in Deutschland Lasalle war, und die darauf hinauslief, Arbeiter, Kleinbürger und Bauern im Bunde mit anderen konservativen Schichten gegen das aufkommende Bürgertum zu führen, notwendigerweise immer mehr loslösen müssen. Die entwickelten Industriearbeiter schlössen sich dann der Perspektive von Marx und Engels an und machten im Gegenteil mit dem Bürgertum gemeinsame Sache gegen Konservativismus und Kleinbürgerei. Der Nationalsozialismus sieht hier den An- »Daß sich SPD und NSDAP nicht gleich waren, damit ist noch zu wenig behauptet Sie durften sich nicht gleichen, sie mußten sich in den Haaren liegen, wenn anders sie die gleichen klassenmäßigen Missionen erfüllen konnten. Der Schein ihrer prinzipiellen Gegnerschaft-war für die Bourgeoisie im Grunde das Wertvollste am ganzen Geschäft.« Das ist so intensiv gedacht, daß man förmlich das Gehirn schwellen sieht. Und das nennt sich»Marxismus!« Selbstverständlich kann Günther gar nicht in der Lage sein, weder den Nationalsozialismus, noch die Sozialdemokratie, noch den Kapitalismus zu begreifen. Günther stellt in bezug auf die sozialistische Arbeiterbewegung einen»grundsätzlichen Gegensatz« zwischen dem Parteiapparat und den Massen fest»Aber nicht, weil es ein Parteiapparat ist, soudexn dieser Parteiapparat, weil er zum Träger von Klasseninteressen geworden ist, die nicht die Interessen des Proletariats, sondern der Bourgeoisie sind.«(27) Wer hört hier nicht die Empfehlung, unser eigener Parteiapparat wird das anders machen? Da haben wir die Ideologie des Nationalsozialismus: Apparate machen die Geschichte. Sie thronen souverän über den Dingen, sie können Wege gehen, die ihnen richtig erscheinen und können sich soweit wie sie wollen, von ihrem sozialen Mutterboden entfernen. Die »Parteiapparate« sind nicht an die Gesetzmäßigkeiten der ihm entwachsenen Bewegimg gebunden, die Apparate können verraten und sonstwas tun, die Bewegung kümmert sich nicht darum, denn die Anhänger sind ja ohne Bewußtsein. So können dann freilich Apparate den Sieg des Nationalsozialismus verschuldet haben. Und das behauptet Günther auch, nur läßt er offen, warum denn der»geniale« kommunistische Apparat das nicht verhindert hat Offenbar gehört doch etwas mehr dazu. Der»Leninismus« muß wohl doch»die Fortsetzung des Marxismus« sein, denn der von Engels in seiner Analyse über die Revolution von 1848 ausgesprochene Gedanke, daß die Aussichten> einer politischen Partei, die solchermaßen denkt, recht klägüch sind, weil»kein vernünftiger Mensch je glauben wird, daß diese elf Männer von meist sehr mittelmäßiger Begabung im Guten wie im Bösen imstande gewesen wären,« die Katastrophe heraufzubeschwören, ist längst durch die»neue«»Erkenntnis« ersetzt, daß ein roter Hitler auch Sozialismus hätte machen können. Die Gegenüberstellung von Masse und Führer ist ja keine Neuigkeit, die Nazis sprechen ja auch von der »armen verführten Masse«. Der Bolschewismus muß bei diesem Problem absolut versagen, denn er steht selbst auf dem Boden des Führerprinzips, was die vorkapitalistischen Daseinsformen seines Ursprungslandes hinreichend erklären. Lenins Theorie wäre hier zu erörtern, doch begnügen wir uns mit einem Zitat aus B. I. Gorew, der im offiziellen Moskauer Staatsverlag 1924»Erinnerungen aus den Jahren 1895—1905« veröffentlichte und dort schrieb: »Lenin, der Hauptredner der»Alten« wandte sich aufs schärfste gegen die Neuerungen kann man haben, aber dann muß man gegen das Führerprinzip Zumindestens anders polemisieren als so: »Sie(die Nazis) bekennen sich zu der nicht weniger romantischen und undialektischen Antithese von Masse und Führer. Kurz, sie verhelfen auch der heroischen Geschichtsauffassung zu einer Renaissance.« Es bestehen selbstverständlich fundamentale Unterschiede zwischen dem Bolschewismus und dem Nationalsozialismus, aber modern proletarisch ist der Inhalt beider Strömungen nicht und aus diesem Grunde kann der Bolschewismus niemals eine gründliche Analyse des Kleinbürgertums geben, ohne sich selbst zu analysieren. Darum ist Günthers Buch so schwach. Die im Osten heraufsteigenden Bauernvölker müssen zunächst notwendigerweise — wenn das marxistische Gesetz vom gebundenen Sein noch in Kraft ist— eine Ideologie produzieren, die jener unserer eigenen Vergangenheit entspricht. Infolgedessen trägt der Bolschewismus eine Ideologie ins Land, die zwar von gewissen Schichten akzeptiert wird, von den entwickeltsten Proletariern aber nicht mehr angenommen werden kann. Dieser Teil des fang des Unglücks. So lange sich die Arbeiter im Schlepptau des Kleinbürgertums befanden, hielten sie die Arbeiterbewegung »für einen ganz gesunden Protest«. Im Bolschewismus sehen wir manches von der Lasalleanischen Konzeption neu auferstehen, doch ist der Tragödie die Farce gefolgt. Nicht nur in den Kolonien, auch im entwickelten Europa. Das selbst noch fast kleinbürgerliche, unreife Proletariat läßt sich weitaus günstiger beherrschen als der moderne Teil. Das mußte schon Lassalle erleben, als er seine Organisationsdiktatur durchzufechten suchte. Die große Industrie hat diese Kleingeisterei zerstört, die Elisen- acher besiegten die Lassalleaner. Und weil die moderne Arbeiterbewegung ihrem Wesen nach, solange sie allein nicht siegen kann, mit dem modernsten Teil des Bürgertums marschierte, sind die Kleinbürger mit Recht der Meinung, daß Marxismus und Liberalismus Geschwister sind. Sie sind das in der Tat gegenüber Zünftlerei und Kleinbürgerei. Der Bolschewismus bezieht mit seiner»Kritik« an der Sozialdemokratie und durch deren Gleichsetzimg mit der Bourgeoisie( Sozialf aschismus) die Position der kleinbürgerlichen Lassalleaner. Unter diesem Gesichtspunkt, der zugleich jener des kleinbürgerlichen Nationalsozialismus ist, verflucht er die genannte Bündnispolitik. Es verbirgt sich bei ihm dahinter auch die Furcht, durch den Sieg des reinen Arbeitersozialismus in Europa vom fortschrittlichen Westen erdrosselt zu werden, wie das in einer Reihe von russischen Theorien sehr klar zum Ausdruck kommt. Der Bolschewismus hegte den Wunsch, in Deutschland eine»Volksrevolution« machen und Arbeiter und Kleinbürger in einer Front sammeln zu können. Und weil er seinen Bankrott nicht eingestehen kann, muß er sowohl die sozialistischen Arbeiter, die schon zu weit waren, um dieser Illusion nachzujagen, wie andererseits den Kleinbürgern, die ihrerseits besser gemerkt haben als Günther und Genossen, daß das Industrieproletariat ganz etwas anderes anstreben muß als das versinkende Kleinbürgertum, grenzenlose Dummheit zum Vorwurf machen. Aber der Dumme ist ein ganz anderer! Günther redet sich ein, die Sozialdemokraten wurden von ihren Führern und die Kleinbürger von den Nazis »verraten«. Warum sie sich»verraten« ließen und nicht jenen folgten, die ständig »Verrat« geschrien haben, weise doch das eigentliche Problem, das Günther natürlich nicht behandelt. Das ist für ihn— dazu hat er die»Analyse« gemacht— ein Welträtsel.»Opfer, die sich selbst den Henkern übergaben! Sklaven, die freiwillig die Ketten schmiedeten. Ein Widerspruch, so unerhört, phantastisch und grotesk, daß er ohne Beispiel in der Geschichte ist. Wirklich ein Welträtsel.«(S. 53.) Vor diesem Buch wußten wir schon etwas mehr, besonders durch das Kommunistische Manifest, aber das ist ja nur Marxismus und nicht»Marxismus- Leninismus- Stalinismus«. In Günthers Buch sind nicht weniger Mythen enthalten als in Büchern, die er polemisch zitiert. Zuweilen weist er selbst darauf hin, wo er einzureihen ist. So wenn er gegen Spengler polemisierend sagt: »Vor dem Blickfeld der feudalen Ordnung werden die Parteien und Gewerkschaften des Proletariats— bitte nicht erschrecken!—■ mit der Hochfinanz identisch.« Warum sollen wir da erschrecken, wir kennen doch die»Theorie« vom Sozialfaschismus und es liegt doch wohl nun klar, daß ihr Ursprung ein ausgesprochen reaktionärer ist, denn auch vom Standpunkt des Kleinbürgers(nicht nur des Feudalen) sind moderner Industrialismus und modernes Industrieproletariat, also Bourgeoisie und Sozialdemokratie, eine Einheit, darum konnten sich diese beiden Kräfte ja auch stets verbünden, wie sich andererseits Kleinbürgertum und Feudale gegen die bürgerliche Erneuerung vereinigt haben. Diese Theorie— und dieses Buch— das ist eben»der Herren eigener Geist«. Das alles sieht Günther nicht, darum herrschen seiner Meinung nach heute auch noch dieselben»Monopolkapitalisten«, die gestern tonangebend waren. Da es außer dem modernen Industrialismus noch die Schwerindustrie, den Großgrundbesitz gibt usw. und in Deutschland stets scharfe Kämpfe zwischen diesen Gruppierungen geführt wurden und daß das Dritte Reich der Sieg ganz bestimmter sozialer Kräfte ist, das sieht Günther nicht. Wenn dies Buch Marxismus wäre, dann dürfte man allerdings sagen: er hat bankrott gemacht. Fred War. - ijmi Geistbetrieb Ein gewisser Karl Thiede aus Berlin hat unlängst Rundschreiben an deutsche Verlage gesandt. Es ist interessant und lautet im Auszug;»Ich habe die Absicht..., die Vertretung einiger Verlage zu übernehmen, die ihren Sitz nicht in Berlin haben. Der dauernde Wechsel auf manchen Gebieten, das Kommen und Gehen der Persönlichkeiten in maßgebenden Stellen macht eine dauernde Verbindung mit Berlin nötig... Auskünfte über Reichsstellen, über deren Absichten, über unerwünschte Autoren, Buchverbotswesen, Beschaffung von Empfehlungen, Fühlung mit der Reichspropaganda usw., können am besten von Berlin aus erledigt werden... Zu den maßgebenden Stellen habe ich gute Beziehungen. Auskunft... in der Reichs- Schrifttumskammer... Heil Hitler!« Der Niedergang Göbbels gegen die Kunst. Das beste, was die Weimarer Demokratie für die Kunst schaffen konnte, war die Freiheit der Entwicklung. So blühten die Bauhäuser, die Büchergemeinschaften verschiedener Richtungeri, die freien VolkSbülhnen und Theaterorganisationen auf und brachten jeder Schicht das, was ihrem Verständnis entgegenkam. Nur in diesem Wettbewerb war sowohl einfache wie verfeinerte Kunst denkbar. Heute gebärden sich die Hlüerschen Feldwebel, als hätte das Volk in dieser Blütezeit nichts von Kunst gewußt. Also schwadronierte zur Eröffnung des umgebauten Deutschen Opernhauses in Berlin— die Bauarbeiter waren mit»zu Gaste geladene— der Propagandhi drauflos,»es sei das Zieä der nationalsozialistischen Politik, die Kunst und Kultur wieder an die breiten Massen des Volkes heran zu tragen.« Dann kam der fulminante Satz; »Ich bin der Ueberzeugung, daß eine Kunst, die vom Volk nicht mehr verstanden wird, überhaupt keine Existenzberechtigung hat.« Das ist primitivste Demagogie. Was heißt denn in diesem F'alle»Volk«? Zu allen Zeiten der Geschichte hat das Gros des Volkes einfache Kunst bevorzugt, während feinere, über das allgemeine Zeitniveau hinaus ragen-[ de ästhetische Leistungen nur von einer| kleinen Schicht verstanden und gefördert wurden. Das aber war meist die Kunst der Zukunft. Wenn Göbbels Banausenwort richtig wäre, hätte Goethes Faust nie geschrieben werden dürfen, wären die stärksten Kunstleistungen der Weltgeschichte die möglich gewesen. Existenzberechtigung? Die fehlt vor allem einem Regime, das solchen kunstfeindlichen Ungeist losläßt. Ablehung im Ausland. Auch im Ausland will man mit dem neu- deutschen Mameluckenschrieb nichts zu tun haben. In einem Briefe an die»Literatur« (Stuttgart) schreibt ein besorgter Auslandsdeutscher: Fast an allen Universitäten des Auslandes seien Lehrstühle für deutsche Sprache und Literatur vorhanden, die zum Teil glänzend besetzt seien. Dagegen werde die deutsche Literatur sehr gering eingeschätzt:.....' »Von unsem gegenwärtigen Dich- : tem Ist verhältnismäßig wenig ins Engll- söhe und Französische übersetzt—(diese Uebersetzung ist unerläßlich für die Weltgeltung!),— und die Stoffe Interessieren ja auch den Ausländer meist nicht. Die i Form aber ist, seien wir ehrlich, in vielen Fällen nicht vollendet genug, um sich i durohzusetzen, und der innerste Gehalt ist für die Außenwelt oft zu neu, um zu wirken. Eis Ist überraschend, wie wenig von der deutschen Literatur im Ausland wirk- 1 lieh lebt. In der großen Welt lebt(he französische, die englisch-amerikanische, skandinavische und die altgriechische Literatur. In ihr lebt auch die russische von Dostojewski bis Bunin, selbst die italienische und spanische Literatur fängt an zu leben. Aber die deutsche Literatur steht noch weit zurück!« Das beißt zwischen den Zeilen; Was jetzt in Hitlerdeutschland produziert wird, ist Mist— während die literarischen Leistungen des demokratischen Deutschlands im Ausland beachtet wurden. Feuchtwanger, Brüder Mann, Zweig, Roth, Gläser, Hesse, Polgar etc. erschienen in vielen Sprachen; Georg Kaiser, Basenolever, Sternheim, Bruckner, um wiederum nur einige zu nennen, wurden auf allen großen Bühnen des Auslands aufgeführt. Und heute? Tot ist Deutschland drinnen und draußen. »Primitive Demagogie... Auch einer, der sich bisher neutral verhielt und jenseits aller Parteien steht, kann sich angesichts der Kunstfeindlichkeit des braunen Regimes nicht mehr bremsen und protzt ab. Es ist Hermann Hesse— und Will Vesper schreit in seiner Zeitschrift entsetzt auf;»Ein, wie ich betonen möchte, wirklicher Dichter und Arier...« Dieser H. Hesse achrieb unlängst in»Bonniers Litterären Magasin«, Schwedens führender kritischer Zeitschrift, über neue deutsche Literatur und begann mit einer Verbeugung vor Thomas Mann, nennt ihn: »einen dankbaren und echten Sohn und Erben der bürgerlichen deutschen Kultur, einer unmodernen und gegenwärtig von vielen Jungen verlachten Kultur,(He aber immerhin nicht nur Goethe und Humboldt, Schiller und Hölderlin, Keller, Storm und Fontane, sondern auch Nietzsche und Marx hervorgebracht habe.« Will Vesper schlägt die Hände überm Kopf zusammen: die besten Deutschen werden gegen das Nazitum beschworen und Karl Marx wird neben Goethe und Schiller gerückt! Schließlich werden Juden wie Kafka, Polgar, der Sozialist E. Bloch, Emil Lucka, Stefan Zweig gelobt, indes die Naziliteratur also unter den Tisch fliegt: »Die jetzige Generation zeigt dagegen einen Hang zu primitiver Demagogie und pathetischen Glaubenssätzen____ Ein Großteil der gegenwärtigen»schön- literarischen« Produktion in Deutschland trägt das Gepräge zufälliger Konjunkturen und kann nicht ernst genommen werden. Konjunkturen sind übrigens trügerisch;(He Verleger,(He z. B. alle unsre Bauernromane herausgeben, machen durchaus keine guten Geschäfte... Aber(He offizielle Kritik erwies sich als vollkommen verwirrt und ohne gesunde Instinkte.,.« Da bleibt Vespern nur das Stammeln: »Hesse tut, als habe das neue Deutachland keine Dichter; er verriet die deutsche Dichtung der Gegenwart an(He Feinde Deutschlands und an das Judentum...< Auch Norwegen gehört schon zu den Feinden 7 EJigentdich hätte Vesper einige Namen für das braune Lager zitieren müssen, aber Jobst und Ewers zu nennen, das war wohl für(He »Neue Literatur« zu viel Selbstüberwindung. —»Primitive Demagogie... das Gepräge zufälliger Konjunkturen«, sagt Hermann Hesse. dk dtii fktädmÜHHet Der braune Romanschreiber Hans Grimm hat auf. dem»Deutschen Tag« in New York die drei Nordmänner gefeiert. Wer ist das? Sdnds etwa die Skandinavier? Nein, diese echtesten der Norden wählen marxistisch und demokratisch, darum heißen die drei Nordmänner momentan Deutschland, England, Amerika. Die drei sollen den»Mensch- hedtsglauben der Nordleute« retten— ausgerechnet USA mit seinem Völkergemisch und seinen beinahe farbigen Südstaaten. Der braune Sendling sagte auf dieser Tagung der amerikanischen Nazi-Vorposten(wir zitieren nach der DAZ): »Aber zu dem Menschheitsglauben der Nordlemte gehört noch eines, zu ihm gehört die unerschütterliohe Ueberzeugung und der Wille und der Mut, daß eben wir Nordleute mit unseren verschiedenen Völkern mit unserem zutiefst gleichgearteten Wesen zu Vormännern dieser Erde berufen sind, und daß wir die V o r m a n n- schaft so lange behalten werden, so lange wir uns nicht durch müdes und auflösendes Denken und durch schwächliches und eigensüchtiges Handeln selbst verneinen.« Und um diese Vorherrschaft mit England und Amerika zu teilen, braucht Hitler- deutsohl and das Geld der anderen beiden Nordmänner. Sie sagen»V o r m a n n- I schaft« und meinen Kredite. Noch 1934 konnte man ganz anders. Da wurden (He Japaner als stammverwandte Nation gefeiert, da schrieb der germanische Rassenonkel Leere, man pfeife auf die»gelbe Gefahr«, wenn sie käme, werde das»unterdrückte Deutschland« sich nicht für die weiße Kultur engagieren, möge Europa in Trümmer gehen. Grimm weiß das recht gut und sucht darum diese Delirien zu verwischen, indem er meint, das sei einmal gewesen,»verzweifelte Tatmenschen« hätten damals so- gesprochen.»Es waren Jahre schwerster Versuchung.« In der Japanischen Botschaft reden die hakenkreuzlerischen Tatmenschen wieder anders, es kommt aufs Wort nicht so darauf an, wenn Kredite gebraucht werden. In New York salbadert ein Grimm von der»Pflege des Herrenrecht s, das mit jedem gesunden Menschen nordischen Wesens geboren wird,« während Hitlerdeutschland der italienischen»Mlttel- meerrasse« Kriegshilfe leistet und in München dieser Tage Mussolinis geschmeidiger Baron Aloisi mit den Hitlcrieuten schacherte. Denn sofern Nordbruder England keine Gelder zur neudeutsch em Weltkriegsrüstung gibt, soll er von der kurzbeinigen Mittelmeerrasse darf nicht dichten Die Sache mit Fritz begann auf der Hochschule. In einem jener gledchgeschal beten studentischen Internate nämlich, wo alle« Drill und selbst das Mittagessen eine militärische Uebung ist. Er war ein Schlappschwanz, dieser Fritz, er paßte einfach nicht in das Ehrenkleid. Sein viel zu langer Hals schien»ich über den Uniformkragen lustig au machen, daä rötliche Haar ließ die mit dem Hoheitszeichen geschmückte Mütze au Berge stehen, und den dürren Beinen waren die Stiefel eine elsenschwere Last. Kein Wunder, daß der Unteroffizier, der für die Wehrhaftmachung der jungen Leute verantwortlich war, sich diesen Fritz besonders aufs Korn nahm. Der Kerl--- recht geschah ihm!— kam manchmal vor lauter Strafdienst nicht zum Lernen. Aber das Tollste war: er hatte nicht einen Funken Ehrgeiz, der Jammerlappen. Kriegerische Haltung und soldatischer Geist, ohne die kein richtiger NS-Student denkbar ist, gingen völlig ab. Dafür verkroch er sich mit ein paar anderen, von ihm angesteckten, minderwertigen Burschen bei jeder Gelegenheit in einem Winkel und trieb dort verwerfliche Dinge. Da« heißt: er las vor. Natürlich keine patriotischen Bücher, sondern Gedichte. Gedichte! Noch dazu selbst geschriebene, lauter hochverräterisches, unmännliches Gern ecker gegen den totalen Staat. Daß dieser Fritz— er verdiente es wirklich nicht, den Namen des großen ETeußen- königs zu tragen— bis zum Examen geduldet wurde, statt vom Hörsaal direkt ins Gefängnis zu wandern, hatte er nur der Langmut einiger hoher Gönner zu danken, die dem Rektor immer wieder ein Auge zudrückten. Alles atmete auf, als der Schwächling, wie es sich für jeden Deutschen ziemt, von einer Kaserne in die andere, von der Universität zum Militär hinüberwechselte. Dort würde man ihn schon schleifen, meinten seine erbosten Lehrer. Natürücih kam er in die Sanitätsabteilung, denn für eine vernünftige Offizierskarriere wäre er nicht zu brauchen gewesen, Zu jener Zeit ging aufs neue eine Welle von Diohtverboten Uber das Land. Ganze lange Listen wurden angefertigt, auf denen(He Namen derer verzeichnet waren, die sich in Zukunft des Schreibens zu enthalten hatten. Fritz ließ sich solches keineswegs zur Warnung dienen. Im Gegenteil! Es wurde immer ärger mit ihm. In durchwachten Nächten beschrieb er das geduldige Papier welter mit seinen hetzerischen Unflätigkeiten gegen die Knechtung des Geistes, kam unausgeschlafen zum Dienst und steckte(He wohlverdientem Grobheiten seiner Vorgesetzten so seelenruhig ein, als ginge ihn der deutsche Umbruch überhaupt nichts an. Das mußte ein Unglück geben. Und es gab eins. Im Gasthaus zum Roten Ochsen— zum Roten Ochsen, bitte! Der Wirt war staatsfeindlicher Umtriebe verdächtig— sagte dieser Fritz wörtlich zu seinen Freunden:»Wir wollen ein Buch machen, das absolut durch den Schinder verbrannt werden muß!« Dann setzte er sich hin und beendet ein schon auf der Hochschule begonnenes Theaterstück, ein beinahe marxistisch zu nennendes, von jüdischem Ungeist diktiertes Machwerk, das den Titel trug-- doch davon später. Er verstand es, das Manuskript auf Umwegen ins feindliche Ausland zu befördern. Dort wurde (He abscheuliche Eselei unter Beifallsstürmen aufgeführt. In der Kaserne fanden sich zum Glück genügend Zwischenträger, tüchtige Jungen, denen die Gamaschenknöpfe am rechten Fleck saßen. Die Sache kam auf, Verhöre wurden angestellt, Fritz wurde vorgenommen, seine Freunde wurden vorgenommen, das Konzentrationslager schien dem schnöden Dichterling gewiß. Aber wieder bewährte sich die Güte der hohen Gönner, man Heiß es zunächst bei einer Militärstrafe bewenden— und setzte den Fritz außerdem auf die bewußte Liste. Das heißt, man gab ihm auf,»sich künftig aller nicht medlzinisoben Schriftstellerei und jeder Verbindung mit dem Ausland m enthalten.« Eine beilsame Erziehungsmaß nähme, wird Jeder Gutgesinnte sagen. Der Fritz war anderer Meinung. Er fühlte sich unmenschlich bebandelt und kochte vor ohnmächtiger Wut.»Fritze, Menschenskind.« rieten seine wenigen, wirklich aufrichtigen Freunde,»mach doch einfach ein schnaftee Gedicht auf un- sern Führer. Dann erlaubt er Dir das Schreiben bestimmt« Aber, wie nicht anders zu erwarten, der geborene Hochverräter wies diesen Gedanken entrüstet vom«eh. Fritz emigrierte. Bei Nacht und Nebel trug er sein schlechtes Gewissen ins Ausland. Dieses Ausland war nicht sehr weit entfernt. Er wandte sich nicht nach Paris und nicht nach Prag, er fuhr nur— und zwar Im Jahre 1782— von Stuttgart nach Mannheim. Dort hatte er, der Regimen tsmedtkua Friedrich Schiller, die Grenze hinter sich und war dem Machtbereich seines Führer», des Herzogs gepleeakt werden— und wenn darüber Europa in Flammen aufgeht. Man muß sich wundern, daß es noch Engländer und Amerikaner gibt, die sich solche Rettertiraden der Hltlerschen Apostel immer wieder anhören. Auch das fühlt Grimm und so verspricht er am Schlüsse, das»deutsche Ringen« ginge dennoch in einer einzigen Richtung: »... es geht auf eine saubere und klare Lebensordnung in der jeder begabte und gesunde Mensch zu seiner ganzen Entfaltung kommt und bei der nicht mehr ewig versprochen und schöngeredet und nie ehrlich gehalten wird.« Ein Geständnis des ewigen braunen Wortbruchs und der Treulosigkeit, das hiermit festgehalten werden soll. Das Paradies der Rüpel »Wenn Ihnen ein Jude in der Straßenbahn nicht Platz macht, so werfen Sie ihn nur vom Sitz. Er muß sich daran gewöhnen, daß heute andere Sitten bei uns herrschen als wie in der Systemzeit...« (Briefkastennotiz einer norddeutschen Zeitung.) Goldener Boden �esudit Im Briefkasten der»Preußischen Zeitung« fragt ein Meckerer an: »Wann war die Zeit, da das deutsche Handwerk goldenen Boden hatte?« Hat es im Dritten Reich keinen goldenen Boden? Dann müssen die nationalsozialistischen Agitationsredner vor der Machtergreifung mächtig gelogen haben. Ein schwieriger Fall »Die deutsche Frau, wie sie der Nationalsozialismus sieht, ist scharfäugig, hartgeschnitzt, welch im Herzschlag, muttersam und doch von jener erzenen Bestimmtheit umgürtet, die dem norddeutschen Welbtum Farbe und Gehalt gibt...< ( Aus einer nationalsozialistischen Frauenzeitschrift.) Keue deutsche Flüsterwitze Welches ist der teuerste deutsche Gesang* verein?— Der Deutsche Reichstag. Er singt zweimal im Jahre das Horst Wessel-Lied und jedes seiner Mitglieder erhält dafür 600 Reichsmark monatlich. Sein Dirigent ist mehrfacher Millionär geworden und besitzt Schlös- aar und LätkI- und Jagdhäuser. Wissen Sie schon, daß demnächst jede* Deutsche von Regierungs wegen ein paar Kaninchen bekommt?— So, warum denn? — Damit sie den Kohl fressen, denDeutsche Juristenzei- t u n g«, Berlin, veröffentlicht zwei gerichtliche Entscheidungen aus dem Dritten Reiche, die der Beachtung wert sind. L Im Rheinland verklagte ein Nationalsozialist einen Juden auf Zahlung von Schadenersatz. Er wünschte für eine Benachteiligung entschädigt zu werden, die ihm angeblich im Jahre 1924(n e u n z e h n h u.n d� r t v i e r- undzwanzig) zugefügt wurde. Damals ließ sich der Kläger, der als Reisevertreter für eine große rheinische Firma arbeitete, vom völkisch-sozialen Block zum Kölner Stadtverordneten wählen. Der beklagte Jude, zu jener Zeit Syndikus des rhein'schen»Zentralverbandes deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens«, machte die Firma höflich darauf aufmerksam, daß es zwar das gute Recht des Vertreters sei, sich in welcher Art immer politisch zu betätigen, daß man aber keinem aufrechten Juden zumuten könne, mit einem derart fanatischen Antisemiten in geschäftliche Verbindung zu treten. Da ihr Abnehmerkreis zu vierzig bis fünfzig Prozent aus Juden bestand, forderte die Firma den Vertreter auf, entweder das Stadtverordnetenmandat oder die Vertretung niederzulegen. Der Völkische entschied sich für den zweiten Weg, erhielt am 17. Mai 1924 die Kündigung und durfte sich seiner vertragsmäßigen Bezüge noch sechs Monate lang— bis zum 1. Dezember 1924— ohne Arbeit erfreuen. Nunmehr, im Jahre 1935, fordert er von dem damaligen jüdischen Syndikus eine Entschädigung für anschließende Arbeitslosigkeit. Dieser alte Kämpfer ist also jederzeit bereit, sich die Opfer, die er für seinen Führer brachte und deren er sich seither genugsam gerühmt haben dürfte, von einem Juden bezahlen zu lassen. Die Klage ging vom Landgericht an das Oberlandesgericht, von da an das Landgericht zurück und landete schließlich, weil den klei- Vater des Kreisleiters im gleichen Ort ein Geschäft gleicher Art und der Kreisleiter selbst sei Angestellter dieses Geschäftes. Unter diesen Umständen liege der Verdacht nahe, daß der Plakatkleber aus persönlichen Kon- kurrenzinteresse gehandelt habe. Sogar das Landgericht konnte sich diesen Gründen nicht verschließen und verfügte antragsgemäß. Aber das Oberlandesgericht versetzte der Vorinstanz eine dem Führer i&en' � Reichsgerichtsurteil Gewinn, zwar dürfte für den Sohn und Angestellten von diesem Gewinn einiges abgefallen sein, aber wenn eine Kreiskasse die Schiebung finanziert hat, fühlt sich jeder gleichgeschaltete Richter verpflichtet, beide Augen zuzudrücken und den Fall— wie es im Amtsstubenjargon heißt—»bewenden zu lassen.« Hält man die beiden zitierten Entscheidun- und die Verwohlgefällige Ohrfeige. Es legte dem Antrag- msunZ 663 Oberlandesgerichts nebeneinan- steller— also dem öffentlich zu unrecht an-<:ler' 30 ergiht sich folgender neudeutsche geprangerten Warenhaus— die Kosten auf Pvecl1l-egrundsatz- und sagte in der Begründung, der Rechtsweg sei von vornherein ausgeschlossen gewesen, weil der Kreisleiter nicht als gleichgeordnete Privatperson, sondern in Ausübung öffentlicher Gewalt gehandelt habe. Zwar habe er das nicht nach außen zu erkennen gegeben, denn ; die Plakate trugen keinerlei Unter- Ein Jude, der mit den Beleidigem und Verlefumdern seiner Rasse keine Geschäfte machen will, hat unrecht, denn er ver- quickt»politische und private Interessen«.— Ein nationalsozialistischer Parteipascha, der in amtlicher Eigenschaft und unter Inanspruchnahme öffentlicher Gelder einen Volksgenossen v e r- schrift, aber der Bericht des Stürmera sei 1 e u m d e t, um sich von dessen lästiger Kon- »erst nach Erörterung mit den Ortsamts- kurrenz zu �freien, hat recht, denn bei den leitem und mit Genehmigung des Gauamts- j braunen Volksführern fallen poUtische und leiters der NS-Hago« in Plakatform heraus- Private �teressen derart zusammen, daß eine noch engere Verquickimg garnicht möglich ist. gegeben worden. Das Schönste an der Begründung aber ist ein Nachsatz, der also lautet: •»Im Einklang hiermit steht es, daß die Drucklegung auf Rechnung der Kreiskasse erfolgt i s t.« Damit ist natürlich endgültig bewiesen, daß der Kreisleiter und Warentoaussohn mit lauterem Herzen gehandelt haben muß. Zwar zog sein Vater und einzig sein Vater aus der schmutzigen Plakataffäre klingenden Wenn das braune Deutschland von seinen Tyrannen in Grund und Boden gestampft würde, wenn künftige Geschichtsforscher kein anderes Material vorfänden, als ein paar nebensächliche Gerichtsentscheidungen aus dem Jahre 1935— sie könnten selbst von diesen mageren papiernen Zeugen über die staatliche Unmoral der nationalsozialistischen Schreckenszeit belehrt werden. werden kann. Die Steigerung von Gehalt und Tantieme des Vorstandes ist also nebenbei ein Mittel, sich der Verstrickung in die Schuldenwirtschaft des Dritten Reiches zu entziehen. Daran knüpft die»Deutsche Allgemeine Zeitung« an, wenn sie schreibt, auf längere Sicht gesehen dürfte das Bedürfnis des Staates nach Konsolidierung einen wichtigen und zeitgemäßen Beitrag zur Lösung des Problems der Direktorengehälter liefern. Das heißt: Man läßt den Unternehmern vorläufig ihre hohen Gewinne, um sie später zur Bezahlung der Reichsschulden beschlagnahmen zu können. Das ist aber nur eine Beruhigimg für naive Gemüter. Wie aus Schachts Dresdner Rede hervor- geht, rechnet er nicht damit, daß die Unternehmer dem Hitlerreiche helfen, sondern daß sie es um Hilfe angehen. Deshalb hat er sie nachdrücklich auf die Notwendigkeit der Bildung von Rücklagen hingewiesen, die nicht dazu verhelfen sollen, daß das Reich seine Ueberschuldung, sondern daß die Unternehmer, die nach Schachts Prophezeiung bevorstehenden»Notstände und Konjunkturschrumpfungen« durchhalten. Wenn sie eintreten, wird die Entrüstung sich nicht nur gegen überhohe Direktorengehälter richten, sondern gegen das Verhängnis nationalsozialistischer Wirtschaftspolitik. G. A. Frey. IVeuer Lohnabbau in Sicht! Aber Sdiu� den Direktorengehähern In diesen Tagen ist eine Durchführungs-: heirlicäikeit der»Führer« nicht mehr verordnimg des»Gesetzes zur Ordnung der stattfinden kann. nationalen Arbeit« erschienen, die den Treu- In einem Artikel»Das Führerprinzip im neren Richtern jeder Mut zur Entscheidung händer der Arbeit ermächtigt, einzelne Be- Aktienrecht«, enthalten in der»Frankfurter fehlte, beim Reichsgericht. Die dort nicht nur triebe oder Betriebsabteilungen oder in Amt und Würden, sondern"auch in Lohn bestimmte Belegschaftsmitglieder aus dem und Brot befindlichen Herren drehten und Geltungsbereich der sie betref- krümmten sich wie gewöhnlich und erließen fenden Lohntarife auszuschlie- endlich einen doppelzüngigen ßen, wenn es ihnen aus wirtschaftlichen Spruch, in dem sie erklärten, der Arbeit- oder sozialen Gründen geber hätte den Kläger auch entlassen, wenn erscheint. Das Institut er von anderer Seite auf dessen politische Tätigkeit aufmerksam gemacht worden wäre. Ein ursächlicher Zusammenhang zwischen dem»angezogenen« Brief und der Kündigung bestünde nicht, und es könne somit kein Schadenersatz gefordert werden. Aber— und nun kommt der edgentliche Dreh— der beklagte Jude habe»politische und private Angelegenheiten in unzulässiger Weise miteinander verdringend geboten für Konjunkturfor- auch Zeitung« vom 27. Oktober, rügt Reichsgerichtsrat i. R. Dr. E. Brodmann, daß mit der Ausschaltung der Generalversammlung bei der Festsetzung der Jahresbilanz»der Führer damit auch Uber seine eigenen Bezüge (Tantieme) selbstherrlich zu bestimmen hätte«. Bis dahin muß man sich begnügen, der Welt klarzumachen, daß zwar»der hart- arbeitende, ehrliche deutsche Unternehmer nicht will«, wie Schachts Organ»Der Volks- j wirt« schreibt,»daß das Volksempfinden schung- hat vor kurzem vorausgesagt, daß im Winter die Arbeitslosigkeit um rund 1(4 Million zunehmen würde. Die neue Verfügung soll also den Unternehmern ermöglichen, der Gefahr des Sinkens der Rentabilität' durch unmotivierte Steigerungen hoher Direk- auf Kosten der Löhne zu begegnen, torengehälter verletzt wird«, und zugleich zu Gleichzeitig würde dafür gesorgt, daß die erklären, woran es liegt, daß sie dennoch Fehlschläge nationalsozialistischer Wirt- 1 gesteigert werden. schaftspolitik in der Arbeitslosenstatistik nicht allzu sichtbaren Ausdruck finden. Die Verordnung bestimmt, daß die Außer- quickt«. Das widerspreche dem Emp- kraftsetznng des Lohntarif» auch mit rück- finden»aller �billig und ge r e�hjt wirken(jer Kraft vorgenommen werden kann. Der Arbeiter und Angestellte kann also ge- Denkende n«. Daß seit dem März 1933 aber tausend Neinsager um ihrer Gesinnung willen aus den Betrieben geworfen worden zwungen werden, dem Unternehmer den besind, daß sie ihre politische Einstellung mit höchst privatem Hunger büßen müssen, widerspricht diesem»Empfinden« offenbar nicht. Der reichsrichterliche Kratzfuß vor Streicher bedeutet natürlich Auslieferung des Juden an den sogenannten schwinglicher Volkszorn, bedeutet wahrscheinlich steht eine reits gezahlten Lohn zurückzuerstatten. Das Versprechen von Nürnberg, die durch die Teuerung entwerteten Löhne wenigstens dem Geldbetrage nach stabil zu erhalten, ist bereits nach einem Vierteljahr gebrochen. Während die Lebensmittel immer uner- und immer seltener werden, neue Lohnabbauwelle bevor. Schutzhaft und sicher Vernichtung der Exi- Gleichzeitig Stenz. Wehe dem Freigesprochenen! n. In dem zweiten Fall, über den dieselbe Zeitschrift am selben Tage berichtet, trat als Antragsteller ein Warenhaus auf, als Antragsgegner der stellvertretende, später otdentliche Kreisamtsleiter der NS- Hago in W. Schon diese Parteienkonstel- latio« ließ den Ausgang der Angelegenheit kaum zweifelhaft erscheinen. Was ging voraus? Der erwähnte Kreisamtsleiter ließ eines Tages an Häusern, Schaufenstern und Ladentüren des Ortes große Plakate anschlagen, auf denen das Warenhaus als»jüdisches Unternehmen« gekennzeichnet wurde. Es handelte sich dabei— wie gewöhnlich— um einen Textauszug aus dem»Stürmer«. Die in solcher Weise geschädigte Firma beantragte beim Landgericht, das Anschlagen der Plakate durch eine einstweilige Verfügung zu verbieten und begründete dies Verlangen damit, daß der Text nicht der Wahrheit entspräche. Der namentlich genannte jüdische Hauptaktionär sei inzwischen ausgeschieden und das Haus befinde sich in rein arischen Händen., Außerdem unterhalte der steigen aber die Tantiemen und Gehälter der Direktoren und Generaldirektoren, nachdem man eine Zeitlang in dieser Hinsicht eine gewisse Zurückhaltung geübt hat. Die Herren Wirtschaftsführer glauben mit Recht, daß sie der Welt keine Scham haftig- kelt im Nehmen mehr vorzutäuschen brauchen, weil sie hinter dem breiten Rücken Schachts sich vor scheelen Blicken sicher fühlen. Das hindert nicht, daß das Mißverhältnis zwischen Rieseneinkommen hier und sinkender Lebenshaltung dort so starke Erbitterung hervorruft, daß die nationalsozialistische Presse davon Kenntnis nehmen und dagegen ankämpfen muß.»Die Deutsche Allgemeine Zeitung« spricht davon, daß sich ein Unwetter der Mißbilligung und Kritik über jenen Direktorengehältem zusammenziehe, die im letzten Geschäftsjahr gestiegen sind. Nicht an der Höhe der Gehälter, aber an ihrer Veröffentlichung, ohne die es ja auch keinen Sturm der Mißbilligung gäbe, ist wieder einmal das»Schmachsystem« schuld. Die Regierung Brüning hatte verordnet, daß in den Geschäftsberichten die Höhe der Vorstandsbezüge mitzuteilen sei. Im neuen Aktienrecht wird dafür gesorgt sein, daß ein solcher Eingriff in die Selbst- »Für Riesengehälter und ihre Erhöhung ist freilich nicht die Zeit. Wo aber das feste Gehalt verhältnismäßig niedrig liegt und Tantiemeberechnung dafür sorgt, daß die Leistung bezahlt wird, die Leistung für den Betrieb und seiner Angehörigen, da wird im nationalsozialistischen Geist gehandelt.« Gehalt ist also liberalistlsch, Tantieme nationalsozialistisch. Nun ist zwar klar, daß che Entrüstung gegen die persönliche Bereicherung der»FCü- rerpersönlichkeiten« sich an das Symptom hält, anstatt bis zur Wurzel zu dringen. Die Direktorengehälter sind nur ein Teil, bei weitem nicht der größte der kapitalistischen Bereicherung, deren Kehrseite eine ebenso ungeheuerliche Verarmung ist. Man übersieht über dem Symptom das Wesen, daß die kapitalistische Produktion zwangsläufig über die Schranken des Absatzmarktes hinauseilt und schließlich den Wert ihres Kapitals durch Kapitalvemichtung zu retten sucht, für die das sinnfälligste Beispiel d i e deutsche Aufrüstung ist.»Der deutsche Volkswirt« begründet die Höhe der Direktorengehälter mit dem nationalsozialistischen Leistungsgrundsatz. Aber die »Staatskonjunktur« macht gerade die spezifische Untemehmerleistung überflüssig. Das Einkommen der Unternehmer der Rüstungsindustrie ist eigentlich nur eine Bezahlung dafür, daß sie sich zu ausführenden Organen einer ungeheuren Kapitalvergeudung gebrauchen lassen. So verwandelt sich im Dritten Reich der Untemehmerlohn in eine Staatspension. Die steigenden Einkünfte der Herren Direktoren sind aber nicht nur eine angenehme Sache für sie selbst, sondern auch eine nützliche für ihre Unternehmungen, denn sie erlauben, die Dividende so niedrig zu halten, daß die sonst gesetzlich vorgeschriebene Anlage in Staatspapieren umgangen Budieckern Die letzte Weisheit von Darre's»Agrar- sozialismus« Nicht nur die Schlangen der Hausfrauen, welche um Lebensmittel anstehen, kommen wieder, das Kriegs-Rationierungssystem für die Verbraucher, die Zwangsbewirtschaftung tür Erzeuger sind schon da. Jetzt ist auch, wie ebenfalls in den Kriegsjähren, das Sammeln der Bucheckern amtlich angeordnet. Die Landesbauernschaft Hannover gibt Jetzt für 17 Kredsbauernschaften zur »Ausnutzung der Buchenmast« die vorhandenen Oelmühlen bekannt. Die Bekanntmachung ward mit folgendem Aufruf versehen; »Wir haben in diesem Jahre im allgemeinen eine gute bis mittlere Bucheckernernte zu verzei ehrten. In Anbetracht der Oel- und Fettknappheit ist es deshalb dringend erforderlich, daß diese Ernte für die Oelgewinnung weitestgehend ausgenutzt wird. Um die Ernte an Bucheckern für(he Oelgewinnung nutzbar zu machen, sind Bucheckern auch in diesem Jahre in di® Förderungsmaßnahmen des Reichsministe- riunu für Ernährung und Landwirtschaft zur Oelgewinnung aus Oeiiwiatcn cmne*»-" gen worden. Die Oelmühlen werden durch Bewilligung einer Ausgleichsvergütung von 50 Mark für 1000 Kilogramm Oel. in die Lage versetzt, den Sammlern von Bucheckern einen Kaufpreis von 16 Mark für den Doppelzentner zu zahlen... Das Verwaltungsamt des Reichsbauernführers hat verfügt, daß die Waldbesitzer die Sammeltätigkeit im Zusammenwirken mit den Ortsstellen des Reichsnährstandes und den anderen beteiligten Stellen in die Wege leiten.« Dieser Notschrei beweist deutlicher als alle andere, daß es mit allen lebenswichtigen Nahrungsmitteln hapert und daß die Sorgen der braunen Machthaber schon sehr groß sein müssen, wenn sie sogar zum Sammeln von Bucheckern auffordern. Das deutsche Volk wird einen Hungerwinter erleben. llcucrUorumrrs (SoifoldemofraHfdjro tt>ocl>cnblaH Herausgeber: Ernst Sattler; verantwortlicher Redakteur: Wenzel Horn; Druck:»Graphia«; alle tn Karlsbad. Zeitungstarif bew. m. P. D. ZI. 159.334/VII-1933. Printed in Czecho-SIovakia. Der»Neue Vorwärts« kostet im Einzelverkauf innerhalb der CSR Kö 1.40(für ein Quartal bei freier Zustellung Kö 18.—). 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