\r. 132 SOIWTAG. 22. Dez. 1935 (Soalaltemfllraftfcfrgg a>od)cnblall Verlag; Karlsbad, Haus..Graph ia"— Preise und Bezugsbedingungen siehe Beiblatt letzte Seite Aus dem Inhalt: Geheimrat Sclimitj wird erpreßt Ein neues Bluturteil Terror im Geheimen Brief wegen Butter Verschwörung mit Hitler? Brauner Ansturm auf England— Offensive gegen den Völkerbund r>as Hitlersystem hält die Zeit für eine neue außenpolitische Offensive für gekommen. Das Ziel dieser neuen Aktivität ist England, das mit allen Mitteln der Propaganda bearbeitet wird. Die Absicht ist, ein»herzlich-freundschaftliches Einvernehmen: zwischen dem blutbefleckten Hitlersystem und dem im Kern demokratischen England herzustellen, das dem Hitlersystem freie Hand für eine kontinentale Auseinandersetzung geben soll. Es ist der gleiche politische Hintergedanke wie einst beim Flottenabkommen. Die Hoffnungen, 1 die das System an das Flottenabkommen geknüpft hatte, sind durch die Stärkung des Völkerbundsgedankens, durch das feste Bekenntnis der englischen Politik zum Völkerbund im Zusammenhang mit der abessinischen Frage empfindlich ge- j stört worden. Dennoch ist der Sturm auf England alsbald nach der Unterhauswahl wieder aufgenommen worden. Die Hoffnungen des Hitlersystems, den Völkerbund durch ein System nach dem Muster des Viererpaktes zu ersetzen, sind nicht aufge- j geben. Die englische Unterhauswahl war ein ganz eindeutiges Bekenntnis des englischen Volkes zum Völkerbund, zum Frieden, zur Politik mit den Mitteln des Rechts — alles in allem ein voller Gegensatz zu] den Grundprinzipien des Hitlersystems* Was die deutsche Politik und Propaganda von Regierung und Volk in England will, ist daher eine unkeusche Zumutung. Sie unterstellt, daß die englische Regierung zu schimpflichem Verrat am Volkswillen, zum Betrug des Volkes in einer geheimen Verschwörung mit den Verbrechern von Berlin bereit sein könnte, kurzum, die Hitlerregierung erweist der englischen Regierung die beachtenswerte Ehre, sie politisch und moralisch für ihresgleichen zu halten — und sie sucht das englische Volk von j ihren Verbrechen abzulenken durch Schmeicheleien, durch Sportveranstaltungen und Bankette, durch den ganzen Apparat einer mit großen Mitteln dirigierten Propaganda. Das Rezept ist, eine in der Sache durch nichts begründete Volksstim- 1 mung zu schaffen, ein unpolitisches Vor- j urteil'— um gedeckt durch diese Stirn- 1 mung mit den Männern der Regierung einen schimpflichen Handel zu schließen, der dem Hitlersystem für einen kommenden Krieg Opfer ausüefert. Es ist ein echt faschistisches Rezept, das verbrecherischer Gesinnung entspringt. Diesen Plänen ist in den letzten Tagen Vorschub geleistet worden von der englischen wie von der französischen Regierung. Es ist vor allem die Politik des französischen Regierungschefs L a y a 1, die; immer stärker nach den Grundsätzen ge- � führt wird, die Mussolini und Hitler eigen sind, und die darum niemals mit den Grundgedanken des Völkerbundes und der ehrlichen Zugehörigkeit zum Völkerbund vereinbart werden können. Diese PoüUK hat die berüchtigten französisch- englischen»Friedensvor schlage« im abessinischen K o n- f 1 i k t erzeugt, sie hat die Politik der Westmächte und damit den Völkerbund m ein gefährliches Zwielicht gestoßen, in dem großen Kampf zwischen dem Völkerbund und dem als Verbrecher am Frieden gebrandmarkten Feind des Völkerbundes hat sich Laval an die Seite Mussolinis gestellt. Laval hat ein Zwielicht geschaffen, wie es die Diktatoren und Kriegstreiber brauchen, ein Zwielicht, in dem alle' Grundsätze verdämmern. Die großen Prinzipien des Friedens und des Völkerbundes werden darin aufgelöst zu leeren, gefälligen, unverbindlichen Worten, nur bestimmt, um Völker einzuschläfern, damit hinter der Kulisse geheuchelter Grundsätze die Begierden und Verbrechen der Machtpolitiker freien Lauf haben. Welcher grundsätzliche Unterschied besteht dann am Ende noch zwischen einem Mussolini, der den Völkerbund mit brutaler Offenheit angreift, einem Hitler, der vom Frieden redet, um ungestört zum Kriege rüsten zu können, und einem L a- v a 1, der sich platonisch zum Völkerbund bekennt, aber seine Wirksamkeit zum Schutze des Rechts systematisch sabotiert? Das ist eine Politik der Auflösung, eine Politik gegen die europäische Demokratie, es ist eine geistige und moralische Kapitulation vor der faschistischen Machtpolitik. Das Hitlersystem zieht Nutzen aus dieser Politik. Eis hält die Regierungen, die sich vom Geiste des Völkerbunds entfernen, für reif, um in eine V er schwörung mit Hitler einzutreten. Es beginnt zu werben um folgenden Akkord: freie Hand für H i 1 1 e r d e u t s c h- l'and in Zentral- und Osteuropa. Was Mussolini recht ist, muß Hitler billig Sem...% Im Zuge der großen auf die Gewinnung Englands gerichtete Propagandaaktion hat einer der gewissenlosesten Propagandisten des Regimes, R; Kircher, in der Frankfurter Zeitung« eine Reihe von Aufsätzen über eine Reise nach England, Frankreich und Italien erscheinen lassen. Diese Aufsätze zeichnen sich durch einen ungewöhnlichen Zynismus aus. Der Verfasser, ein charakterloser Knecht des Pro- pagandanünisteriums, hat sich bemüht, die gleiche Mentalität und den gleichen Zynismus zu zeigen wie seine Herren, und seine Arbeit ist eine Offenbarung der amoralischen Machtpoütik des Systems geworden. In diesen Aufsätzen liest man; Die Atmosphäre, die man draußen antrifft, ist also an sich politisch durchaus hoffnungsvoll. Aber sie ist nicht ungestört — am wenigsten von der menschlichen Seite her. Alles, was unter dem Gesichtspunkt der Humanität in einer revolutionären Epoche gesagt und gedacht werden kann— zumal wenn man entschlossen ist. immer dann ein besonders strenger Richter zu sein, wenn es sich nicht um die eigene Angelegenheit handelt— wird draußen gedacht und gesagt, und macht sich in der allgemeinen Einstellung gegenüber dem neuen Deutschland geltend. Unbekümmert um dunkle Punkte im eigenen Leben halten sie uns die Prinzipien des Rechtsstaats entgegen, ihres Rechtsstaats natürlich.« Das ist nicht der Aufschrei eines Freundes der Humanität, der einen Zipfel des Schleiers von der Wahrheit lüften will, sondern die" Aussage eines eiskalten Zynikers, der nach dieser Konstatierung der Stimmung in England fortfährt; Aber das berührt uns nicht, daran müssen sie sich gewöhnen; denn wir sind stark, wir haben zum Kriege gerüstet, und unsere drohende Kriegsmacht zwingt die anderen, ah die Stelle des humanitären Protestes die bange j Frage zu setzen: Was gedenkt Deutsch- iland zu tun, wenn es wieder stark ist? j Diese Frage, so fährt er fort, �enthält ein Mißtrauen, setzt aber die Erkenntnis vor- [ aus, daß sich die Welt an den Anblick i eines starken Deutschlands gewöhnen muß.« Was wir da her Deutschland tun? Es ist das Wesen der Poütik des Systems, seine Ziele im Zwielicht zu lassen. Die Aufsätze von Kircher dienen der Erzeugung dieses Zwielichts. Sie lassen geflissentlichst erkennen, daß der Angriff der Systempolitik sich auf Zentral- und Osteuropa richten wird, ohne diese Politik exakter zu fassen. Es ist prinzipiell die gleiche Methode, die Laval in bezug auf das Verhältnis zwischen dem Völker- | bund, Mussolini und Abessinicn anwendet, eine Methode der Auflösung, der Zer- 1 Setzung der Stabilität, des Rechts und der Rechtsbegriffe, der schließlichen Zurückführen aller Verhältnisse auf die nackte (Gewalt, kurzum das. was das System»Dynamik« nennt. Diese Methode benutzt die Reserve der englischen Politik gegeiftiber den Ostfrageh, um sie in eine Zustimmung zum faschistischen Revisionismus in Zen- traleuropa umzudeuten; »Ist ep-vielteieht'nicht eine Tatsache, daß gerade cHo denkenden Engländer seft langem in bezug auf die Weisheit der Regelungen Im Osten Bedenken hatten? Deshalb.haben sie ja auch jede. Beteiligung an neuen Pakten und Verpflichtungen abgelehnt, die England automatisch in etwaige Verwickelungen im Osten einbeziehen müßten. Es kommt hin- T. G. Masaryk Ein Führer zum neuen Europa T. G. Masaryk, der Präsident der Tschechoslowakischen Republik, hat nach siebzehnjähriger Präsidentschaft sein Amt niedergelegt. Er scheidet als ein Weiser aus dem Amt— eine große Persönlichkeit, deren Größe nicht auf dem Spiel mit der Gewalt, dem Leben und dem Glück der Menschen beruht, sondern auf der Größe seiner Ideen, der Entschlossenheit und Lauterkeit seines Charakters. An dieser Gestalt stärken sich alle, die in verworrener Zeit für große Ideen kämpfen. Dieser Mann hat ein Leben lang gehofft und geträumt, gekämpft und gearbeitet ISr hat am Abend seines Lebens die Bitterkeiten des Exils auf sich genommen, er ist in Not und Unglück seinen Ideen treu geblieben— und er hat endlich ihren Triumph erlebt In diesen Jahren des Kampfes hat er nicht nur sein Volk befreit, sondern auch geprägt Er wollte nicht nur die Freiheit der tschechischen Nation, er wollte diese Nation erfüllt sehen von den Gedanken der Demokratie und der Humanität, von der Liebe zum Frieden. Für ihn war die Demokratie die politische Form der Menschlichkeit. Freiheit, Frieden, Demokratie, Menschlichkeit klangen ihm zusammen zu einem einzigen Akkord. Er wollte seinen Staat als einen Baustein zu einer besseren, menschlicheren, dauernden Ordnung des menschlichen und staatlichen Zusammenlebens in Europa. Die Kraft, die von ihm ausging, hat wesentlich dazu beigetragen, daß dieser Baustein in dem großen Einbruch der Gewalt, der Unmenschlichkeit, des militaristischen und faschistischen Lärms nicht verloren gegangen ist Dieser Mann ist uns, die wir für ein 1 besseres Deutschland und damit für die | Gesundung Europas arbeiten, ein Künder und Lehrer. Die große humanitäre Grundidee, die von ihm ausstrahlt, ist das Grundmotiv unseres Kampfes um die Befreiung Deutschlands. Er lehrt uns, wie sich Härte des Wollens und Unbeugsamkeit im Kampf vereinen mit der Gesinnung der Menschlichkeit, er lehrt, uns Treue im Kampf, und vor allem Geduld. Dieser große Mensch hat die Spannung zwischen Idee und Wirklichkeit erlebt. Er hat erfahren, daß die Verwirklichung großer Ideen nicht durch eine einmalige Grün- |dung erfolgen kann, sondern nur durch einen Prozeß des unablässigen Kampfes, nicht nur durch die Wandlungen von Einrichtungen, Staaten, Gesetzen, sondern vor allem durch die Wandlung der Menschen. Auch der Sieg, wie er ihn erlebt hat, ist kein endgültiger Sieg, sondern nur eine Stufe zu neuen Mühen in dem Streben, widerspenstige Wirklichkeit und in alten Ideen gefangene Menschen und Parteien im Geiste einer großen Idee umzuprägen. Er scheidet aus dem Amt in einer Zeit, in der Europa ein anderes Gesicht zeigt, als die Freunde des Friedens, der Demokratie und der Menschlichkeit nach dem Weltkrieg erträumten. Die Wogen des Machtwahns und der Kriegsrüstung branden hoch auf— rund um den Staat, der inmitten der Verwirrung in Zentraleuropa sein demokratisches Wesen noch behauptet. Die Trennung der Völker— geistig, politisch und wirtschaftlich— ist stärker als jemals zuvor. Die Zeit erfordert neue Geschichte und neue Planungen, die Bewältigung geistiger und organisatorischer Aufgaben, die aus dem Völkerleben der Nachkriegszeit hervorgewachsen sind— aber die Grundideen im Kampf um die Lösung dieser Aufgaben sind die gleichen: Frieden, Demokratie, Menschlichkeit, Freiheit. j In diesen Ideen und bei denen, die um ( sie kämpfen ist die Wirklichkeit und die ' Ordnung der Zukunft— nicht bei dem, I was heute die Völker zurückwirft, vorwirrt und trennt.• VolliKgonosse 4i*bestcr R«d<-Di»poHitioii für Robert .»Es wurde zwar nirgends ausdrücklich betont, daß das deutsche Arbeitertum dem Bauerntum als rassischer LebenqucJl nicht gleichgoachtet wird— von den oberen Ständen ganz zu schweigen— und daß es eine gleichartige Hegung nicht, verdiene. Viele rassenbiologiach- und gesellschaftlich gebildete Menschen werden sich aber im stillen darüber einig sein, in Ansehung der bisherigen übereinsti mmenden Ergebnisse sämthehe geaellschaftabiologischer Untersuchungen müsse es wohl wünschenswert erscheinen, daß das deutsche Volk des Jahres 2000 lieber einen gut Teil mehr Enkel heutiger Bauern oder Akademiker oder Handwerksmeister als Enkel heutiger Arbeiter enthalten möge.« Zu den nündestens..rassebiolqgiscii gebildeten Menschen«, die da was im stillen meinen, rechnet sich ganz bestimmt der »Führer!« Es genügt zu sagen, daß diese fulminante, den Arbeite™ so wohlgesinnte Feststellung ein Herr Dr. K. V. Müller im letzton Heft des»Archivs für Rassen- und Gesellschaftskunde« macht, das gleichzeitig das»wissenschaftliche Organ der Deutschen Gesellschaft für Rassenhygiene und des Reichsausschussea flu- Volksgesund- heit« nach seiner Angabe auf der Titelseite ist. Wann wird Robert Ley, worüber sein »Führer« und er selbst längst»im stillen einig sind«, das endlich in der nächsten Betriebsversammlung der A. E. G. oder der Krupp-Belegschaft verkünden?! m. da£ mancbo Ausländer ss�en; Eine Verwickelung brauche gar nicht durch irgend tine deutsche Unart zu entstehen, sogar nicht. einmal durch Verfehlungen irgendwelcher anderer Staaten, sondern sie könnte schon dadurch unvermeidlich werden, dafl Irgend ein neugeschaffener oder neu umgrenzter Staat an der Unzulänglichkeit der für ihn geschaffenen Verhältnisse eines Tages zusammenbricht. Es ist durchaus nicht etwa Oesterreich allein (oder auch nur in erster Linie), woran solche Skeptiker denken— es sind fn e h r e r e Staaten, die den Engländern und besonders den HYanzosen Sorge machen, beispielsweise auch die Tscbecho- s I ow a k e i... Es wäre natürlich bequem, wenn Deutschland die Garantie für den Bestand und das Gedeihen aller Schöpfungen oder Neuregelun- j deutschen Konzern-, TruM- und Monopol- geu des Versalller Vertrags und der anderen»Sozialismus« charakteristische Formulierung Friedensverträge mit übernähme, aber daß präjrte der Richter M der Crteilsverkün- dies etwas viel verlangt wäre, kann man Innung!) erhielt der Genosse Wanschura Paris ja au« der reservierten Haltung der—| z„ j.Tahre Gefängnis, der Genosse Engländerin diesen Fragen erkennen �Kuhimann zwei Jahre sechs Mona- Außerordentlich schwer ist es natOrllch auch,'te Gefängnis, der Genosse S t i e g 1 e r Der ZusammenH einer Anklage Dennodi Zadil hausurteile gegen Bremer Sozialdemokraten Der Strafsenat des banseariseben Ober- landesgeriebt unter dem Vorsitz seines Präsidenten Dr. Roth bat ein neues Zuchthaus- Urteil gegen die zweite Gruppe Bremer Sozialdemokraten verkündet; Wegen Vorbereitung zum Hochverrat verurteilte das Gericht den Genossen H a g r- mann zu zwei Jahren sechs Monaten Znchthans und drei Jahren Ehrverlust; den Genossen Firnhaber zu drei Jahren Znchthans und drei Jahren Ehrverlust- Wegen Verbrechens gegen das»Parteimonopolgesetz«(diese für den hlOer einem Franzosen klar zu machen, daß es ein dessen Frau im ersten Prozeß fünf Jahre großer Unterschied ist, ob eine Regierung xnchthaua zudiktiert bekam, zwei Jahre sich verpflichtet, ein anderes band nicht anzugreifen. oder ob sie in aller Form und für alle Zelt die für dieses band nach dem Weltkrieg getroffenen Regelungen als unveränderlich und damit als untadelhaft erklärt!« Hinter dieser Dialektik steht nicht ein großzügiger konstruktiver Plan zur Lösung der politisch wirtschaftlichen Verkrampfung in Europa, sondern die nackte Gefängnis ond der Angeklagte Schröder ein Jahr Gefängnis. Der Genosse B e r t h o I d, dessen Frau gleichfalls im Prozeß der ersten Gruppe zu vier Jahren Zuchthaus verurteilt wurde, erhielt wegen Beihilfe zur Vorbereitung des Hochverrates sechs Monate Gefängnis und der Genosse T h e i 1, von 1937— 1933 Führer der sozialdemokratischen Fraktion nationalistische Machtpolitik Wie könnte der zwedten Kammer des Freistaates Bremen, ea anders sein, da das System eine einzige geistig-politisch-wirtschaftliche Verkrampfung darstellt. Diese Dialektik soll die Verhältnisse in den Gebieten erweichen, auf die der Machtwille des Systems zielt. Wenn sie genügend weich sind, ward die Kriegsmaschine hineinstoßen. Das weitere zur Beantwortimg der Frage:»was wird Deutschland tun?« kann man in »Mein Kampf« von Hitler nachlesen. Im Grunde genommen ist der Revisionskrieg schon im Gange. Seinem Erfolg steht der Völkerbund im Wege, Das Ziel der Syatempoli- tik ist deshalb. England zu gewinnen gegen den Völkerbund. In der heuchlerischen, für die Völker bestimmten Sprache des Systems und seiner Propagandisten nennt man das Wirken für »ein verbessertes kollektives System, das bestimmt und geeignet ist, unhaltbare Zustände zu beseitigen und berechtigte nationale Ansprüche zu befriedigen«— in der Sache meint man die Ersetzung des Völkerbunds und seiner Rechtsprinzipien durch einen Viererpakt der Großmächte. Alles weitere wird sich dann später finden, wenn erst mit dem Völkerbund die Rechtsgrundsätze und das Rechtsgefühl bei den europäischen Völkern erweicht und beseitigt sein werden.,, Diese Zusammenhänge sind nicht dun ist nach dem Gesetz gegen heimtückische Angriffe auf die nationale Regierung zu z e h n Monaten Gefängnis verurteilt worden. Das Verfahren gegen die Genossin Reichenbach und den Genossen Nicolaus wurde auf Grund der Amnestie vom August 1934 ©ingestellt. Der Genosse Dr. Lutz Hammer- scblag wurde freigesprochen. • Dieses Urteil, da« in schroffem Widerspruch zu den Ergebnissen der Beweiaauf- nahme steht, muß man näher bctractiten, um die ganze verbrecherische Erbärmlichkeit neudeutscher Justiz ermessen zu können. Die »Beihilfe zur Vorbereitung des Hochverrats« de« Genossen Berthold besteht darin, daß er eine Schreibmaschine des Genossen Hage mann zu der im ersten Prozeß verurteilten Frau Carstens getragen hat. Obwohl ihm der Anklagevertreter, Oberstaatsanwalt Dr. Lehmann, nicht, widerlegen konnte, daß er Uber die Verwendung dieser Schreitama- schine Dichte gewußt habe, beantragte der Staatsanwalt gegen Berthold 15 Monate Gefängnis und verurteilte ihn das Gericht zu der oben angegebenen Strafe. Gegen die Genossen Wansctwim und Kuiü- mans weiß die Anklage nur vorzubringen, daß sie mit dem Im ersten Prozeß zu acht Jahren Zuchthaus verurteilten Genossen Osterloh befreundet gewesen seien. Da« genügt der Staatsanwaltschaft, der angeblich »objektivsten Behörde der Weh«, zu Zucbt- hauasnträgen von je zwei Jahren und dem Gericht als Rechtfertigung obiger Urteile! Der Genosse Fimhaber hat sich einen Antrag des Staatsanwalts auf vier Jahre Zuchthaus und da« unverantwortliche Schandurteil von drei Jahren Zuchthaus zugezogen, weil er nach der Anklage einen(!) hitlergegneri- adtea Zettel angeklebt haben soll. Gegen den Genossen Theil hatte der Staatsanwalt zwei Jahre Zuchthaus und drei Jahre Ehrverlust beantragt. Die Anklage behauptete, er habe einen»Hetzartikel« gegen das System geschrieben und weitergegeben. Der Genosse Theil bestritt diese Behauptung entschieden. Die Anklage, die mit fingierten Vorwürfen arbeitet, vermochte das Gegenteil nicht zu beweisen. Die ganze Brutalität des heutigen Nazissystems offenbarte der Staatsanwalt, al« er die Straf antrage gegen Theil damit begründete, daß dieser die Loyalitätserklärungen gegenüber dem System gebrochen habe, die ihm bei der Entlassung aus monatelanger, rechtswidriger Konzentrationslagerhaft im Jahre 1933 abgepreßt worden war. Wie sehr diese Anklage gegen Theil als Rache des Systems an früheren sozialdemokratischen Funktionären aufzufassen ■ist, bewies auch die breite Erörterung einer zweijährigen Festungsstrafe, die im Jahre 1917 gegen Theil anläßlich eines Kieler Muni tlonsarbeiterstrelks verhängt worden war. Der Gerichtshof hat sich redliche Mühe gegeben, diesen lästigen Funktionär der Sozialdemokratie, dem bürgerliche Gegner au« der früheren Bremer Bürgerschaft(dem Parlament) als Zeugen che sachliche und korrekte Arbelt be« tätigen mußten, ins Zuchthaus zu schicken. Sogar die Urteilsberatung unterbrach das Sondergericht am Mittwochnachmittag, trat nochmals in die Beweisaufnahme ein und fällte dann da« obige Urteil, das ebensosehr dem Rechtsempfinden widerspricht, wie es der vergebliche Versuch der Rechtfertigung einer einjährigen Untersuchungshaft gegen diesen aufrechten Mann Isf. Der Angeklagte Schröder, der ebenfalls seit einem Jahr in Untersuchungshaft sitzt, hat nie irgendwelche Beziehungen zu den übrigen Ar�eklagten gehabt. Er kennt niemanden von ihnen. Er ist ein unpolitischer. höchstens sozial interessierter Mensch, der nach der Aenderung der deutschen Verhältnisse unter seine frühere gewerkschaftliche Betätigung einen Strich gezogen hat, ins Ausland ging und als Teilhaber einer Textil- fabrik sich kaufmännischen Pflichten widmete. Anläßlich des Besuches seiner hochbetagten Mutter in Hamburg wurde er von einer holländischen Organisation um Ueber- bringung von Unterstützungsgel dem für Angehörige von KonzentraUonsIagcrhäfUingen gebeten. Dieser Menschenpflicht entzog er sich nicht. Die Korrektheit dieses Tatbestandes lag in eidesstattlicher Versicherung, abgelegt vor und beglaubigt von einem holländischen Notar bei den Akten des Gerichtshofes. Dennoch wagte der Staatsanwalt gegen Schröder zwei Jahre sechs Monate Zuchthaus zu beantragen! Und das Urteil des Gerichts, das die Untersuchungshaft rückwirkend in eine Strafhaft verwandelt, straft die Erklärung des Vorsitzenden im ersten Teil dieses Prozessen Lügen, wonach»gegen charitative Tätigkeit an sich nichts einzuwenden sei.« Die Brutalität des Nazisystems, die Vogelfreiheit aller Systeragegner, demonstrierte der Oberstaatsanwalt besonders deutlich an dem Angeklagten Dr. Hammerschlag, dem früheren Syndikus der Bremer Angestelltenkammer. Unter dem Vorwurf, der»Soziologischen Studiengesellschaft« nahegestanden (das Studium soziologischer Fragen ist im Dritten Reiche staatsgefährlich und hochverräterisch), marxistische Schulungskurse abgehalten und Illegale Schriften verbreitet zu haben, saß Hammerschlag seit einem Jahr in Untersuchungshaft. Bei seiner Vernehmung am zweiten Verhandlungstage, also noch vor Eintritt in die Beweisaufnahme, mußte der Oberstaatsanwalt die Aufhebung des Haftbefehls gegen Hammerschlag beantragen und der Senat diesem Antrag stattgeben. Nichts, aber auch gamichts konnte die Staatsanwaltschaft zur Aufrechterhaltung ihrer Anklage beibringen. Dabei genügen bei diesen Richtern doch wirklich die fadenechednlgsten Gründe! Zusammenfassend kann man feststellen. daß die Anklage schmählich zusammengebrochen ist, wenn das bei neudeutachen Justizmethoden auch nicht bedeutet, daß sich die Niederlage der Staatsanwaltschaft und de« Gerichtshofes in den Urteilen auswirkt. Dieser Prozeß hat in der Bremer Oeffentlich- kelt und darüber hinaus erneut bewieeen. mit welch skrupellosen Gewissenlosigkeit in Nazi- deutsch 1 and unschuldige Opfer des braunen Terrors jahrelang in Gefängnis geworfen werden, ohne daß auch nur ein Schein von Rechtsgründen dafür vorhanden 1*. Man wird gespannt sein dürfen, ob nach diesem Auffliegen einer haltlosen Anklage dies« Staatsanwaltschaft noch wagen wird, die Anklagen gegen weitere 22 Sozialdemokraten aufrechtzuerhalten! Gehelmrat Sduni� wird erpreßt Beidismlnister Seldte verdient bei IG-Furben .-, Die Zeitung des Reicbsministers Seldte, kel sie kommen vielmehr der englischen � relhum � größeren Industrieftrmen mit i«.-1-_ r,'•__ j:_ J» r___ l Oeffentlichkeit in der Krise, die die Laval Hoareschen Vorschläge im abessinischen Konflikt hervorgerufen haben, deutlich zum Bewußtsein. Am 13. Dezember meldete die»Times« aus Berlin: »Die Meinung hier vorhehlt kaum ihre Genugtuung mit der Wendung der Ereignisse im abossiniachen Konflikt. Für ein Land, da« sich ebenso stark um eine Dauerfreundschaft mit Großbritannien bemüht, wie ea die Rückkehr in den Völkerbund vermeiden möchte, könnten sich die Dinge kaum glücklicher gewandt haben. Die deutsche Sorge darüber, daß der Völkerbund al« Ergebnis kraftvoller britischer Führung neues Prestige gewonnen hatte, ist snchtllch geringer geworden. Die letzten internationalen Entwicklungen haben wiederum große Hoffnungen_ wie kurzlebig sie auch Immer sein mögen_ bei jenen einflußreichen Kreisen erweckt, die nicht durch«inen Erfolg der Völkerbundspolitik gezwungen werden wollen, eine Rückkehr in den Bund, auch nicht in einen reformierten Bund ine Auge zu fassen. Sie sehen schon den Völkerbund niedergebrochen, Großbritannien Frankreich entfremdet und deutschen Angeboten zugänglich und doch gleichzeitig keinen Mittelmeerkrieg und den italienischen Faschismus, wenn auch geechwächt, so doch gerettet.« Noch deutlicher sprach sich in der Unterhaussitzung vom 10. Dezember, die eine Explosion über die Laval-Hoareschen Vorschläge darstellte, die Abgeordnete der englischen Universitäten aus; »Ist, diese schmachvolle Kapitulation erfolg». weil die Regierung entdeckt hat, daß, wenn sie nicht vor Italien kapituliert, wir erpresserischen Methoden geschröpft hat, hat auch die IG-Farben angezapft- Die Vermittler bei diesen Geschäften waren wieder die beiden korrupten Offiziere Schäfer und Jobst- Major Schäfer von der Abwehrabteilung des Red chewehrrainl Stenum« vermittelte auf dem Wege über Geheimrat Schmitz der »Kreuz-Zeitung« ein großes Inseratangeschäft. Die IG-Farben gaben 52 Vi-Seiten Insertion, 1 Text: Leuna-Benzin, außerdem nahmen rie Abonnement« für ihre einzelnen Werke ab. Die»Kreuz-Zeitung« berechnete die Insera- tenaelte mit 1600 Mark, der Genamtauf- trag betrug über 100.000 Mark. Von diesem Betrag erhielt allein Major Schäfer 20.000 Mark- An diesem Geschäft war Hauptmann Jobst nicht beteiligt- Er beschloß, in Gemeinschaft mit den»Kreuz- Zeitungsrieuten ein weitere« Geschäft mit IG- Farben einzuleiten. Er ließ sich einen Mann von IG-Farben kommen und bearbeitete Um lange, ohne daß zunächst etwas herauskam. Schließlich erreichte er, daß Geheimrat Schmitz den Major a, D. Wulkow von der»Kreuz-Zeitung« empfing. Wulkow legte ihm einen InserUonsauftrag vor, wobei er auf die guten Beziehungen zur Reichswehr verwies. Schmitz war empört. Er sprach von einer Räuberbande, nnd drohte, er werde dem Führer einmal«»gen, was für Zn- stände an gewissen Stellen bestünden. Wulkow behielt Haltung und sagte dem Geheim rat Schmitz, das müsse er ihm überlassen. Nun wandte sich die»Kreuz-Zeitung, um Hilfe an Jobst. Jobst rief telephonisch an. Er verlangte von Geheimrat Schmitz zunächst eine Aufklärung über sein brüskes Betragen gegenüber dem Major Wulkow und sagte u. a., daß die« keine Art sei, weiter müßte die Reichswehr»ehr genau wlseen, Krieg mit Italien und mit Deutschland haben würden? Wenn 43 e- fahr von Deutschland droht, so ist das Haus berechtigt ea zu wissen, weil es dem einfachen Manne erscheint, daß die wahre Gefahr von Deutschland kommen würde, wenn wir Italien den Erfolg verschaffen.« Die Kräfte der europäischen Demokratie haben sich kräftig zur Wehr gesetzt gegen den Versuch, den italienischen Angreifer zu begünstigen und ihr Widerstand in Frankreich und England war stark genug, um den Faschisten aller Länder zu zeigen, daß sie ee nicht nur zu tun haben, mit Regierungsmännern, die zu Verrätern an feierlich anerkannten Grund- rait weicher Zeitung sie zusammenarbeite. Im übrigen würde er Schmitz empfehlen, sehr vorsichtig zu sein, er sollte ja nicht glauben, daß die Reichswehr etwa über seine Geschäfte mit der englischen Mond- Korporation nicht im Bilde sei. Darauf schwieg Schmitz eine Minute still. Nachher fing er an zu lachen und entschuldigte sich bei Hauptmann Jobst in aller Form. Der Auftrag kam zustande. Er war nur ein kleines Objekt, etwa 5000 Mark. Allerdings bekam Jobst, der ihn mit dieser schmutzigen Erpressimg herausgeholt hatte, davon 1000 Mark. Sätzen des internationalen Rechts und des Frieden» werden können, sondern mit großen demokratischen Volkskräften, deren Kraft mit der Drohung wächst.! Diese Kräfte erkennen immer klarer, daß das Paktieren mit den faschistischen Macht- politikern den Keim kommenden Unheils in sich trägt und daß die Abkehr vom Völkerbund und seinen Grundsätzen in die Unehrlichkeit, die Unmoral, die Unmenschlichkeit der nackten Machtpolitik führt, Der Verrat der Laval und Hoare au der Sache des Völkerbundes bat ihnen ein Beispiel dafür gegeben— und der Versuch Hitlers, den Verrat für sich zu nützen, muß ihnen eine neue Lehre und neuer Antrieb zum Kampfe sein. Mord Der Kommunist Rudolf Claus, ist am 17. Dezember in Berlin hingerichtet worden. Der sogenannte Volksgerichtshof hat ihn am 25. Juli 1935 zum Tode verurteilt. Sein »Hochverrate bestand darin, daß er für die »Rote Hilfe« gearbeitet hat. Was er getan hat. ist in jedem freien Lande erlaubt. Claus war vor dreizehn Jahren im Zusammenbang mit dem Holz- Putsch zu lebenslänglichem Zuchthaus verurteüt, aber späterhin amnestiert worden— auf Grund einer Amnestie, die die Nationalsozialisten beantragt und mit Hilfe der Kommunisten durchgesetzt haben. Das Verbrechen dieses politischen Mordes an Claus wiegt deshalb besonders schwer. Der frühere kommunistische Reichstagsabgeordnete Albert Kayser, der ebenfalls wegen Hochverrats zum Tode verurteilt worden ist, ist zu lebenslänglichem Zuchthaus begnadigt worden, nachdem man Um monatelang in der Todeszelle seelisch gefoltert hat. Zwei Männer, von denen der eine agitiert und organisiert, der andere die Hilfe für Gefangene organisiert hat, Der eine lebenslänglich im Zuchthaus, der andere auf dem Schafott verblutet! Die liste brauner Verbrecher ist übervoll. Deutsdie Streifliditer! Das Sdiutfjahr geht zu Ende Das in den V«rtrftg«n von Rom und Neapel den abstimmungsberechtigten Saarländern und den Saareinwohnern, die mindestens drei Jahre vor der Abstimmung im Saargebiet ansäßig waren, gewährte Schutzjahr geht am 29. Februar 1936 zu Ende. Dann verläßt der»Oberste Ahstlm mungsgerlchtsbof«. der Uber die Wahrung der Rechte der geschützten Gruppen zu wachen hatte, das Saargebiet. Es ist zu befürchten, daß dann eine neue Terrorwelle einsetzt und damit eine Wiederholung der Flucht vieler, die sich bedrängt, verfolgt und bedroht an Gut und Leben wissen. Das Judentum wird nahezu ganz das Saargebiet verlassen, da die durch che Verträge geschützten Saarländer und Saareinwohner bei rechtzeitiger Abmeldung ihr gesamtes Vermögen transferieren dürfen. Von Sozialdemokraten und Kommunisten werden hunderte Familien in die Emigration gehen, weil sie den beruhigenden Erklärungen der deutschen Regie- rungastellen nicht trauen. Zu zahlreich sind die drohenden Aeußenmgen der»Alten Kämpfer« und ähnlichen Gesindels:»Wir warten ab bis nach dem 1. März 1936.«—»Laßt einmal das Abstimmungagericht fort sein, dann werdet Ihr schon sehen.«—»Ks zum 1. März können wir Ja nichts machen, aber dann!« Man befürchtet insbesondere, daß genau wie im Reiche frühere politische Prozesse, die unter dem Völkerbundsregime nicht zur Zufriedenheit der Nazis erledigt worden sind, wieder aufgerollt werden. Ganz davon abgesehen, wird das»Volk« seine Rache haben wollen. Dafür liegen bezeichnende Aeußenmgen von höheren Beamten vor, die ihre Machtlosigkeit gegen den Mob zugestehen. Der Oberstaatsanwalt Welsch sagte einer Frau, die ihn fragte, ob ihr Mann aus Frankreich zurückkehren könne:»Von der Behörde aus wird Ihrem Manne nichts geschehen. Ob aber nicht das»Volk« etwas gegen ihn unternimmt, dafür kann Ich keine Zusicherung geben.« Genau dieselbe Aeuße- rung machte der Amtsanwalt Schulze in Sulzbach In einem anderen Falle:»Ich kann garantieren, daß behördlicherseits gegen K. nicht« unternommen wird, immöglich aber ist, ihn dagegen zu schützen, daß eine« Tages der Mob ihn aus dem Bette holt.« Schöner Rechtsstaat, dessen Polizei nächtlichen politischen ESabrechern und Totschlägern nicht «otgegenzu treten wagt! Ganz War sehen auch die Richter de« Ab- Btlmmungsgerichtshofes, welche Gefahren hinter dem 29. Februar 1936 lauem. In mehreren Fällen haben ausländische Richter zur Abwanderung aus dem Saargebiet geraten, und sie werden damit vermutlich Recht, behalten, Frankreich wird gut daran tun. sich für den Februar 1936 noch einmal auf eine Saaremigration«inzurichten. Das ist um so schwerer, als sehr viele der nun vor fast einem Jahre Emigrierten noch immer nicht im Wirtschaftsleben Frankreichs untergebracht werden konnten. Audi ein Yolkslleblinff In den Butter- und Schweinefleischreden, die Joseph Göbbels Jetzt immer wieder gal- genhumoristisch hält, fehlt auch nie der Hinweis, daß sich die Regierung nicht auf Bajonette stütze, sondern auf die Liebe des Volkes. Wohl zum Beweis dessen ist Göbbels diesmal wieder am Tage der sogenannten nationalen SoUdarität, also am Bettelsonntag, mit der Sammelbüchse auf die Straße gegangen. Der Photograpb, der die Szene für die natlonal- •oadal Istische Presse aufnahm, hatte leider Pech. Kr knipste gerade, als keine Hebe- apendenden Volksgenossen, desto mehr aber »Bajonette« vorhanden waren. Das nicht gerade große Kid zeigt dicht um Göbbels geschart genau dreißig uniformierte SA-, SS- und Pollzeileute, und die Im Hintergrund vetBchwlmmenden Mützen beweisen, daß da« Aufgebot von Bewaffneten in Wirklichkeit noch viel größer war. Göbbels weiß»ehr genau. wie es ib«" und seinen Komplicen ergehen würde, wenn ihnen nicht mehr da« KoinmenHo über ihre schwer bewaffneten. gut genährten und besoldeten Schutzgarden i bliebe. Hannes Wink- Marxismus u. Burtermisere Aus einem Erguß der Gauführung Hessen- Nassau dee WHW; Es würde von einem Bürger des Dritten Reiches als ungerecht empfunden werden, wenn etwa eine bedürftige Wöchnerin für ihr sauer eingeteiltes Geld im Laden nicht ihr Viertel Pfund Butter erhält, weil es der Ladeninhaber für eine bessere situierte Kundin zurücklegte. Im früheren System wäre man an dieser Ungerechtigkeit vorbeigegangen. Die nationalsozial istisebe Volksgemeinschaft aber... Ja, ja, der böse Marxismus! Er wäre wirklich an diesem Problem vorbeigegangen, weil Im Zeichen des Konkordais Die IVazi-Offensive gegen die kalholisdie Kirdie Innerhalb der großen Auaeinandersetzung der HlUerdiktatur mit dex katholischen Kirche häuften sich in den letzten Tagen die Offensivaktionen dee Regimes gegen den Kaukord s. tapartner so stark, daß es selbst der hitlerfeindlichen katholischen Bmigra- tionspreese oder Jenen großen katholischen Zeitungen Oesterreichs, die seit langem die Interessen des verfolgten reichsdeutschen Katholizismus glauben wahrnehmen au müssen, sebwer wird, eine gewisse Vollständigkeit allein bei der Registratur der vorgekommenen Fülle beizubehalten. Hier sei nur das Wichtigste, erwähnt: Nach der Verurteilung des Meißener Bischofs Legge zu bober Geldstrafe wegen angeblicher Begünstigung einer Devisen- Schiebung verlangt jetzt die Nazi-Presse in eboro— also offenbar auf Wink von oben— die sofortige Abberufung des kirchlichen Würdenträgers durch Rom. Der Vatikan hält aber seinen Diener auch In der komplizierten und fragwürdigen»Rechts«- Frage der Devisengeschäfte seines Büros für völlig schuldlos. Die Abberufung wäre also gar nicht ohne stärkste Selbstverdemütigung der Kurie möglich. Im Palais des neuen Beriloer Bischofs Grafen von Preyslng ist eine hochnotpeinliche Haussuchung durch die Gestapo vorgenommen worden. U.&. wurde dabei ein Schriftstück beschlagnahmt, daß die fortdauernden Verfolgungen, Mißhandlungen und Boykottierungen der ka- tholischnu»Jungmänner« oder deren Eltern durch die Nazis schildert und durch Sonderkuriere sämtlichen deutschen Bischöfen zugestellt worden war. Die Kuriere für Bamberg und für Regensburg■wurden verhaftet. Bei dieser Gestapo-Aktion In Bertin wurde vor allem aber auch der Berliner Prälat tot. Ihm zoll dem nächst dar Prozeß wegen Hochverrates vor dem Volksgerichtahof gemacht werden. Ferner rechnet man tan selben Zusammenhang noch mit weiteren Verhaftungen führender Katholiken im Reich, weil die Polizei im Berliner Bischof spalals auch riesiges Adresse nm&terial fand und mitnahm. Unterdessen liefen die Prozesse gegen Ordens- und Lalengetstlictae wegen angeblicher Devisenvergehen In der bekannten tendenziösen Aufmachung allenthalben weiter; zum Teil wurde im Berufungaver- fahren verhandelt, wobei auch die höhere Instanz die verhängten schweren ehrenrührigen Zuchthausstrafen im allgemeinen bestätigte. In Düsseldorf ist das katholische »Jugendbau a< von der Polizei geschlos-' sen und versiegelt worden. Es befinden sich in Ihm dl« Verwaltungszentralen aller großen katholischen Jugendvertoändc(katholischer Jungmännerverband, Sturmsoharen. Pfadfinderschaft St Georg, Deutsohe Jugendkraft) sowie die Redaktion des in einer Auflage von 300.000 erscheinenden»Ml chael«. der amtlichen Wochenzeitschrift der katholischen Jugendbewegung. Es ist nun das dritte Mal, daß diese Zeitung verboten wurde. Wichtiger ist aber, daß auch der frühere Berater des deutschen Episkopates für alle Jugendfragen(früher war er es zusammen mit den am 1. Juli 1934 von den Nazis gemeuchelten Adalbert Propst), der Kölner Dlözesanpräses Clemens verhaftet wurde. Durch die Gestapo festgesetzt und eingekerkert ist auch der Generalvikar der Diözese Würzburg, Mon- slgnore Miltenberd und der Domkapltu- lar Hürth. Die in Münster erscheinende »Katholische Korrespondenz«, von dem bekannten Jesuiten-Publizisten M u k- k o r m a n n begründet, wurde Jetzt wieder Dr. Bannasch, Leiter des Informations- verboten und ihre Räume versiegelt, obschon ebenstes des deutschen Episkopates verhaf-, bereits in diesem Sommer das Ausscheiden den alm bemodere gefährlich angesehenen Muckermann vom Oberpräsidenten erzwungen worden war. Angesichts dieser überraschend verschärften Sachlage im Konflikt ist In den allerletzten Tagen der Vorsitzende der deutschen Bischof skonferenz, dex Breslauer Kardinal Bertram, In Berlin mit Grat Preysing und dem päpstlichen Nuntius Möns. Orsc- nlgo zusammengetroffen. Uebex das Ergebnis der Beratung,.das auf jeden Fall der Informatorischen Bedienung Roms galt, ist nichts bekannt gerworden. Doch ist es bezeichnend, was die katholische Emigratlons- preese selbst Uber die allgemeine Stimmung nunmehr im Hinblick auf die vom braunen : Regime neugeschaffenen Tatsachen meldet: Es werde Jetzt auch in den diplomatische« Kreisen Berlins bereits mit der bevorstehenden Aufkündigung des Konkordats durch Rom als mit einer feste« Tatsache gerechnet... In den allerletzten Tagen wurde die Gestapo-Aktion im Frille Dr. Bannasch Uber da« Reich ausgedehnt; und zwar wurde« die General vikare des Bistums P a s s a u und dee Bistums Regensburg festgesetzt, so daß sich jetzt inageaamt fünf Generalvika- r e der katholischen Kirche in Haft befinden. Abgeschlossen dürfte aber diese Ver- haftungsserie noch nicht sfein, da der Informationsdienst des Berliner Prälaten Bannasch eben an alle episkopalen Verwaltungen Deutschlands ging. Ferner wurde die k a t b o- lisch-theologische Fakultät der Universität Würzburg geschlossen; der Grund ergab sich aus Streitigkeiten des Leiters der katholisch-theologischen Fachschaft, beaw. des Bischofs von Würzburg mit dem Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbund. jeder Ladeninhaber genügend Butter gehabt hätte, den Bedarf der Wöchnerin und der beaser adtuderten Kundin zu befriedigen. Arme Gauführung! Die Buttermisere bietet keine Möglichkeit zur Absendung von Hetzpfeilen gegen den Marxismus. Bis werden Bumerangs! Teppop im Gelieimen Hinter der Fassade des HltlerSystemS Ein Berichterstatter des»Daily Herald«, James Norman, hat eine Er- kundlgungsreise durch Deutschland unternommen. Er berichtet darüber in seiner Zeitung(11. Dezember 1935): »Tausende von Besuchern ans allen Ländern der Erde sind während der letzten drei Jahre in Deutschland gereist. Was sie gesehen haben, war nur die Fassade der Diktatur, die für ellige Besucher aufgebaut worden ist. Die wohlwollenden Berichte solcher»Augenzeugen der Geschichte« haben dem Hitlereystcm mehr genutzt als die ganze Göbbelssehe Propagandamaschine in zehn solcher Jahre hätte erreichen können. Ich kenne ein anderes Deutschland. Ein Land, in dem das Volk hart arbeitet und wenig ißt, während Tausende einen heroischen Kampf gegen die NazldlktAur führen. Zwei Jahre lang hat Hitler der Welt erzählt, daß es keinen organisierten Terror in Deutschland gebe, Menschen, die niemals den ganzen Druck, die Gewalt und die Brutalität des faschistischen Terrors erfahren haben, werden sich Ihn wahrochelnltch nicht vorstellen können, und ich weiß, daß viele es werden kaum glauben können, wenn man ihnen erzählt, wie er wirklich Ist Der physische und moralische Terror hat auch nicht eine Minute lang ausgesetzt. Er ist nur unsichtbar geworden— nicht nur für das Ausland, sondern auch für den größeren Teil dee deutschen Volkes selbst. Mehr als sechs Monate lang sind nun wahre Wellen der Verfolgung und des im großen Stile organisierten Terrors Uber das Land gegangen. Niemand kennt die genaue Zahl der Opfer, aber nach zurückhaltender und sorgfaltiger Schätzung beziffere ich sie auf wenigstens 1 0.0 0 0. Während der letzten neun Monate �Ind allein in Hamburg mehr als 1000 Personen ans politischen Gründen verhaftet worden. Viele meiner Freunde sind unter diesen Opfern. Eine« dieser Opfer— eine Frau von 34 Jahren— war schon wenige Stunden nach der Verhaftung durch die Gestapo tot. Bin Polizeioffizier lieferte ihre Kleider bei ihren Eltern ab. Die Nazis haben einen Namen für diese Todesart, sie nennen sie»Selbstmord«. Niemand durfte den Körper der Toten sehen, noch erfahren, wo er begraben wurde. Von anderen Freunden weiß ich nicht wohin sie gebracht worden sind, ob sie tot oder lebendig sind, ob sie auch ermordet worden sind, oder geschlagen und verkrüppelt oder durch Folterung In den Wahnsinn getrieben, wie es mit'zwei anderen Jungen Leuten geschehen ist die Ich kannte. Ich weiß, daß es Leute gibt die es«tn- fach nicht glauben wollen, daß diese Brutalität die Regel und nicht eine Ausnahme Ist Sie haben alle Unrecht Zu solchen Leuten wünsche ich zu sprechen. Ich will ihnen die Wahrheit sagen. Die Wahrheit ist, daß kaltblütig berechnete sadistische Folterung und Bestialität die Regel ist Uberall da, wo polltische Gefangene— seien es Pfarrer, Sozialisten oder Juden— von SS-Leuten gefangen gehalten werden.« |»Hirtenknaben«: wegen, die ihnen da« Leder ! gehörig gerbten, ergeben. In Aarau übernahm | sie die Polizei, die inzwischen telephonlscb verständigt wurde. Aber in welchem Zustande? Von Krawatten und Rockärmeln war nichts mehr zu sehen. Einer konnte nicht mehr stehen, ihm wurden beide Hosenbeine r über den Knieen abgerissen. Von Zürich bis Aarau wurde ein»Tlrolerbua« aus ihm ge- � macht. So endete die Propagand&reise dreier verblendeter Menschen, denen nur zu deut-' lieh verständlich gemacht wurde, daß die Kuhsohweizer zur Errichtung eines Gefängnisses»Made in Germany« noch nicht reif sind. IVazSpropagnnffa in der Sdiweiz Bkn Schweizer Eisenbahner schreibt uns: Stiegen da kürzlich drei junge deutsche Nazis in Zürich In den Schnellzug Zürich- Bern. Sie verteilten sich unter das Publikum und fingen sofort mit der Propaganda für das Paradies Hitler an. Ihre Redensarten wurden während der Fahrt immer frecher und provozierender, sodaß eine riemlich gespannte Situation unter den Reisenden entstand. Demjenigen Nazi, der neben mir saß, wurde durch einen Schweizer Ingenieur und durch mich tüchtig Aufschluß über da« verrückte Gebaren Im Dritten Reich gegeben. Als der Kerl aber mit Ausdrücken wie»Kuh- schweizer, Hirtenknabe, LUmmelsohwelzerc um rieh warf, konnte rieh der Ingenieur nicht mehr enthalten und versetzte dem Frooh- dacha mit dem Schirmgriff einen Hieb auf die Schnauze. Das war das Zeichen zum allgemeinen Angriff. Was nun folgte, ist mit der Feder schwer zu schildern. Die zwei anderen kamen sofort ihrem Pg. zu Hilfe, der mit den Fäusten kräftig um rieh schlug. Erst Jetzt gewahrte man, daß die drei zusammengehörton. Alles beteiligte rieh an der Keilerei. Das Bahn- personal konnte den Kampf nicht schilohten und schloß den Wagen ab. Ebner wollte die Flucht ins andere Abteil ergreifen und überrannte dabei eine Frau. Dadurch wurde das Publikum auf der anderen Seite des Wagens auch mobilisiert und während der Zug die schöne Gegend des Liramattais durchflog, ging jeder Befehl des Zugpersonals in Staub, Lärm und Hiebe unter. Ein Jüngling, der eine neue Brille in Zürich gekauft hatte, kletterte zum Gepäcknetz hinauf, um seine Brillengläser zu schützen. Die drei Hitlerjünglinge setzten sich kräftig zur Wehr, mußten rieh aber, der vielen Die EhrenvIKer In Deutschland ist ein»EJhrenführwring der Kinderreichen« gegründet worden. Zu den Ehren vätern, die trotz geringer Kinderzahl als »reich« zu bezeichnen sind, gehört neben Blomberg, Göbbels, Eltz-RUben- ach, Papen und anderen hohen Leuten auch Herr Krupp von Bohlen-Hal« bach. Dem Manne geht es gut: wenn die Kinder geboren werden, heimst er die Ehre ein— und wenn sie einige Jahre später an seinen Kugeln sterben, das Geld. Kurt Doberer: Die Zelle Unter den Leibern von Ungeheuern. bei der wandernden Roste Gerassel, vor den roten fanohenden Feuern, bei der verlöschenden Schlacke Geprassel, haben wir dich geworben. In halben Gesprächen mid ganzen Blicken, zwischen der Schaufel geschäftigen Blinken, geflüstertem Wort, zwischen Schweigen und Nicken, der Mittagspause Kauen und Trinken, wurdest du unser Mann. f Schon wenig Ist viel. Im morschen Gemäuer da stürzt eine Maus die wankende Wand. Du bist Jetzt unser. Nun wirf dsa Feuer ram nächsten Genossen nnd schüre den Brand. Noch einer muß brennen. Nur Zelt, nur Geduld, wir sind nicht gestorben. Wir glühen wie Fanken In fiebernden Nächten. Für Freiheit und Brot wird angeworben, vor Kessel und Feuer, am Webstuhl und Schächten. Immer noch einer! UeU$Muidek im DtitUk Utk Den Hungerriemen enger Xarhdem die Zahl der A r b e 1 1 s I o- diesen LÄndem den Ausfall von Australien s e n im Oktober um 114.000 Köpfe zuge- nicht ausgleichen konnte, mußten schließ- nonimen hatte, ist im November eine wci- lieh statt des Rohstoffs gewaschene Wolle tere Steigerung um 156.000 zn verzeichnen, und Kammzüge, also Halbfabrikate, ein- Die Gesamtzahl der Arbeitslosen betrug geführt werden. Ebenso mußte die Garn- Ende November 1,985.000. einfuhr aus England gesteigert werden. Die Der offizielle Kommentar fügt hinzu, Fol�e � daß frUher 111 Deutschland ge- dsli am gleichen Stichtag des Vorjahres Wiebene Verarbeitungslöhne jetzt ins Ausrund 370.000 Arbeitslose mehr gezählt und' länd fließen- � � Mehreinfuhr an Me- auch im Jahre 1929, in dem der Beschäfti- rinokammzügen handelt es sich im laufen- gungshöhepunkt der Nachkriegszeit er- den Jahre al,eil1 um 10 � 15 Millionen reicht worden war, die Arbeitslosenzahl im{'ei(dlsmarlt' November mit über 2 Millionen noch etwas �*s'st Grunde genommen derselbe höher gewesen sei als in diesem Jahre, �f>rSanS'"ä®1" sich in viel umfassenderer Dazu muß aber gesagt werden, daß die �ci36 i"'i61" Agrarwirtschaft ab- Arbeitslosenstatistik an sich der unzuver- Sespi€lt hat. Darre hat, um zur>Nah- lässigste und am meisten manipulierte Teil �nKsnüttelfreiheit« zu kommen, die Fut- der gleichgeschalteten Statistik überhaupt lerrnii-i;ele'nft1hr, also den Rohstoff, für die ist, und die heutigen Ziffern mit den frü- häuerliche Veredelungsproduktion, in un- heren wegen der willkürlichen Ausschal-■''nni»s�er �cise abgedrosselt. Jetzt miis- tung wirklich Arbeitsloser, der Einführung Hen d'e Fertigprodukte, Schweine, Rinder, der Zwangsarbeit im Land- und Arbeits- Butter' Fett,, um jeden Preis eingeführt dienst, schließlich auch infolge der Einstellung von mehr als einer halben Million in die Armee gar nicht vergleichbar sind. Erst recht bringt diese Statistik den Um- werden, damit die von den Nationalsozialisten produzierte akute Lebensmittelnot wenigstens einigermaßen gemildert wird. Aber es zeigt sich deutlich, daß der Rückrascher erfolgt und sich die Knappheit noch stärker vermehrt, als sie durch Stei- Dritteii lleidi fang der Kurzarbeit in keiner Weise?an» der deutschen Agrarproduktion noch zum Ausdruck. Gerade diese aber hat in- tolge der andauernden Krise in den wichtigsten Konsumindustrien' oerunS der Zufuhr ausgeglichen werden — in der Textilindustrie, wo ja nach den kann; Das Angebot ward immer geringer, Bestürmungen der Faserstoffverordnung und'mmer verzweifelter die Anstrengung nur 36 Stunden in der Wochfe gearbeitet j des Bs�dsnährstandes, die Marktpreise werden darf, in der Schuhindustrie, im nC)�'1 halbwegs lestzuhalten. Jeder Tag Nshi-ungsmittelgewerbe und in der Radio- dringt jetzt neue Anordnungen. Gab es bis- Industrie— andauernd zugenommen. Der d©r Festpreise für die Schweine, die zu Niedergang der Konsumindustrien ist es Markte gebracht wurden, so werden jetzt auch, der die Zahl der Voll-Arbeitslosen aucd"ü® Preise ab Hof festgesetzt und besetzt anschwellen läßt. Aber auch für die daß diese Preise mindestens um 1 Produktionsmittelindustrien sind die Aus- Mark je Zentner Lebendgewicht unter dem; sichten infolge der wachsenden Spannun-* es'-Pre's des nächsten Großmarktes liegen gen. die durch die Schwierigkeiten der rnüssen. Dadurch soll auch die Spanne für Finanzierung, der Rohstoffversorgung und den Viehhandel genau begrenzt werden.� der Ausfuhr hervorgerufen werden, nicht j Alle diese Regelungen bewirken nur eine günstig, und so erklärt sich auch die Pro- Ausdehnung des Schleichhan- gnose des Konjunktunnstituts, das kürz-' d e 1 s und eine imnler größere Verfeine- lich die Zunahme der Winterarbeitslosig- i runS der L'mgehungderPreis-und keit auf IV2 Millionen geschätzt hat. Marktordnung. Inuner häufiger wer- ■17„., c________________ uii 1 M®" die Klagen, daß die Fleischer beim Von diesen Spannungen ist augenbhek-. r,,-, t->■ l*„ _________ 7__.. Aufkauf auf dem Lande sich zwar formell heb die Rohstoffversorgung die n Höch8tpreise halteil> aber durch akuteste. Die Lebensmittelknappheit�hat 1 K 0 p p c, g c � h ä f t ea d, h, durch den eine Steigerung( ei in 11 r von le. Mitkauf mehr oder minder wertloser Ge- Fleisch und Fett erzwungen, die den knap-,...- �.. 1 vi- �enstanae, doch einen Ueber preis t>ezahlen. i pen Devisenvorrat immerhin in erhebh- de t l Naturwissenschaft ist jetzt ehern Maße beansprucht. Die Einfuhr von V aeutsene mnirwissenscnatc isi jeizi „...., �,__ ,. durch eine neue Erscheinung bereichert Rustungsrohstoffen will aber die Diktatur,,, 0.„ 1.4., � r>„i:v;i. worden; das Skat-Schwein. Kann nicht vermindern Das Op er dieser Politik � � verhindorn ist vor aHem che Textilindustrie r � des Geschäft3abschlusses einc i gelworden. Trotzdem infolge der sich immer mehr vermindernden Kaufkraft die Beschäftigung der Textilindustrie ständig zurückgeht und im ersten Halbjahr 1935 v{|-21 V Jj-%. reichlich ein Fünftel unter der Beschäfti-■ Bill gung von 1934 lag, reichen die Rohstoffzufuhren nicht einmal für diesen verringerten Produktionsumfang aus. Infolgedes-! Im Dritten Reich herrscht eine regelrechte son wird durch ein neues Spinnstoffgesetz Textilkrisc. Nach der letzten Veröffentlichung die Bewegungsmöglichkeit der Textiliridu- cler Forachungsstello für den Handel waren strie noch weiter eingeschränkt War sie � Umsätze des gesamten Einzelhandela im bisher nur durch die Maximalarbeitszeit Oktober nur um 1 Prozent höher als im Vor- von 36 Stunden in der Woche reguliert, so' jahre- 1)33 wiLr0 4130 einc»anz �erin&fii�gc soll jetzt für die Zehntausende von Betrie- Zunahme lediglich der Geldeinnahmen. Da die ben dieser Industrie von den Ueberwa- Waren inzwischen verteuert worden sind, chungsstellfen genau festgesetzt werden, müssen die verkauften Mengen zurückgegan- welche Mengen sie verarbeiten dürfen! gen sein. Da wachsende Teile des Arbeits- Das bedeutet natürlich in der Praxis eine| einkommens von der Lebensmitteltcuerung neue Verschärfung der Produktionsein- i aufgezehrt werden, bleibt für den Ersatz der schränkung und Vermehrung der Kurz- alten Kleider durch neue nichts mehr übrig. arbeit.; Daher ist der Rückgang der Umsätze des Die Textilindustrie ist überhaupt der: Textlleinzelhandel3 weit größer als des EinPrügelknabe der unsiurügen nationalsozia- �'handels überhaupt. Er war im Oktober listischen»Planwirtschaft�. Die Willkür-'iurchschnittlich um 7 Prozent niedriger als liehe Handelspolitik Schachts hat zu einer, ijna Vorjahre. Nach dem amtlichen Index ist Verteuerung der Rohstoffe geführt, j � Beeidung inzwischen um 4 Prozent teu- Schacht zwang die deutsche Textilindu- rer geworden. Aber der amtliche Index ist strie, ihre Baumwolle statt aus den Ver- bekanntlich trügerisch. einigten Staaten in steigendem Maße aus Das Fehlen von Käufern drückt auf die Aegypten, Brasilien und anderen Ländern Preise, aber in noch stärkerem Maße werden zu beziehen. Aber der Durchschnittspreis sie vom Mangel an Rohstoffen in die Höhe für die Baumwolleinfuhr aus Brasilien getrieben. Zweifellos ist die Bekleidung weit war 1932 um 7,9 Pfg. je kg niedriger als j teurer geworden als der amtliche Index an- für die Einfuhr aus den Vereinigten Staaten. Im ersten Halbjahr 1935 aber lag der Preis für brasilianische Baumwolle um 32,8 Pfg. oder mehr als 40 Prozent über dem der USA-Baumwolle! Aehnliche Preiserhö- l.ungen sind für die Einfuhr aus Argentinien, Peru und der Türkei zu konstatieren. Ebenso hat Schacht eine starke Herabsetzung des Bezugs der Merinowolle aus Australien erzwungen und dafür die Ein- " fuhr zum Teil auf Südafrika und Südamerika umgelagert. Die Folge war nicht nur eine Preiserhöhung für die in der Qualität geringere südafrikanische und südamerikanische Wolle, sondern, da die Einfuhr aus kleine Skatpartie mit den Bauern zu arrangieren, bei der er das Schwein, der Bauer aber»Schwein« hat. Schwierig ist aber bei den sich immer mehrenden Preisvorschriften die Abwälzung auf den Konsumenten und die Lage der Metzger, die immer größere Schwierigkeiten überwinden müssen, wird stets prekärer. So ist jetzt für Berlin angeordnet worden, daß 50 Prozent des angelieferten Schweinefleisches als Frischfleisch in Verkauf gelangen müsse. Die Herstellung von Kassler und von Wurst wird weiter verkürzt und den Fleischern aufgegeben, stärker als bisher die billigen Wurstsorten zu bevorzugen. Nun ist die Zwischenhandelsspanne des Fleischers in letzter Zeit durch die hohen Einkaufspreise sehr stark verkürzt worden und hängt vor allem von den Verkaufsmöglichkeiten für die bessere und teuere Ware ab. Und diese Möglichkeiten werden immer mehr eingeschränkt. Noch stärker als der Mittelstand werden die Fleischwarenfabriken, für die die Umgehung der Preisvorschriften schwieriger sind als für den Metzger und die kleinen Lebensmittelhändler überhaupt, von der nationalsozialistischen Agrarpolitik getroffen. Sie hat bewirkt, daß von Anfang 1933 bis Oktober 1935 die Viehpreise um 42 Prozent, die Fleisch- und Wurstpreise dagegen nur um 16,5 Prozent gestiegen sind. Die Folge ist eine schwereKrise der Fleischwarenindustrie, die etwa 600 Fabriken mit 20.000 Arbeitern umfaßt. Schon im September 1934 ist die bekannte Berliner Fleischwarenfabrik Robert Koschwitz AG zusammengebrochen. In der letzten Zeit häufen sich die Konkurse in auffallender Weise, sowohl in Berlin als in der Provinz. So ist z. B. in Hannover die große Firma Ahrberg mit einem weiten Filialnetz in Niedersachsen und mit etwa tausend Angestellten bankrott gegangen: ebenso Gebr. Schorn in Jena und Nahmer in Bielefeld. Der Beschäftigungsgrad der Industrie beträgt nur die Hälfte des Normalstandes und die Arbeiterstundenkapazität ist infolge vermehrter Kurzarbeit sogar nur zu 43,2 Prozent gegen 65 Prozent im Vorjahr ausgenutzt. Die neuen Vorschriften, die die Bereitstellung von möglichst viel Frischfleisch und Fett erzwingen wollen, werden die Produktionsmöglichkeiten der Industrie noch weiter erheblich verringern. Man sieht, alles deutet auf frohe Weihnachten im Dritten Reich! R. K. Igitafion und Ta�sadhen Wer regiert in Deutschland? An geschichtlichen Wendepunkten hat Deutschland inanver mindestens zwei Regnerungen. Während des Krieges war dies weltbekannt. Damals war unter anderem auch in der Frage: Stellung au Rußland bald dies, bald jenes zu hören, je nachdem, welche Regierung gesprochen hat. Das ist nie anders geworden, und heute schwebt das Dritte Reich ständig zwischen Kreuzzug gegen Rußland und großen Aufträgen für dieses Land. Während die nationalsozialistischen Roden gegen Rußland immer wütender werden, lesen wir im Handelsteil der deutschen Zeitungen:, »Das Rußlandgeschäft entwickelt sich auf Grund des 200-MilUonaalleferung3abkomrnens günstig... Zum Teil ist die Nachfrage aus Rußland anhaltend reger«(DAZ) Bei allgemeinem Rückgang der sowjet- russBschen Erdölausfuhr wächst der Anteil der deutschen Einfuhr. Deutschland bleibt also noch immer Hauptabnehmer. Der deutschen Industrie muß sehr viel an der Zusammenarbeit mit den Russen liegen. Außenhandelskommissar Rosengolz hat in der»Prawda« geschrieben: »Es sei nicht zweifelhaft, daß die deutsche Industrie weiter Interesse an sowjet- russischen Importaufträgen habe. Deutschland sei auch an der Einfuhr sowjetrusaischer Waren wie Naphta, Holz, Flachs, Pelzwaren usw. interessiert...« Allerdings, sagt Rosengolz. handelt es sich hier um Waren, die Rußland auch anderswo absetzen kann, und wenn Deutschland nicht bereit ist, günstigere Handelsverträge abzuschließen, dann würde Rußland andere Wege gehen. Die Russen müssen also an den Wirtschaftsbeziehungen zu Deutschland auch ein reges Interesse haben, sonst würden sie nach all den Erfaiuungen mit Deutschland nicht nur drohen, sondern auch anders handeln. Von einem Boykott gegen Deutschland kann russischersei ts jedenfalls keine Rede sein, wie andererseits von einem Rußlandhaß der deutschen Exportindustrie nichts zu bemerken ist Sie ist gar nicht der Meinung', daß der Bolschewismus die Zivilisation bedroht, im Gegenteil, sie weiß, daß der Antibolsche- wismus der hysterischen Nazis die deutsche Exportindustrie gefährdet, und damit die deutsche Zivilisation auch von dieser Seite her unterhöhlt Die primitive OegenilbersteUunx: hier fsoashstiaches« Rußland, dort Weltkapitalia- mus ist ja niemals haltbar gewesen. Große Teile des deutschen Bürgertums haben sich von solchen Propagandaformeln jedenfalls nicht täuschen lassen. gibt. Selbst wenn man ihn zu Grunde legt, ergibt sich ein Rückgang der umgesetzten Mengen von etwa XX Prozent. In Wirklichkeit ist er zweifellos erheblich größer, in einzelnen Branchen ist das Bild noch ungünstiger. Bei Kleider- und Wäschestoffen bewegen sich die Umsatzverluste um 30 Prozent Man kann annehmen, daß hier die Menge der verkauften Stoffe um 40 bis 50 Prozent srich vermindert hat. Ein großer Teil der Industrie arbeitet bereits verkürzt oder auf Lager. Betriebseinstellungen und Arbeiterentlassungen. wären in größerem Umfange bereits erfolgt, wenn sie nicht vorläufig noch von den Treuhändern aus Gründen der Propaganda verhindert würden. In den Berichten der Industrie- und Handelskammern wird die katastrophale Lage der Textilindustrie freimütiger zugegeben als in den Berichten de« Prof. Wagemann. Die Bergische Industrie- und Handelskammer Wuppertal-Remscheid meldet, die Lage der Textilindustrie sei weiter unbefriedigend. Aus dem Bezirk der Niederrheinischen Industrie- und Handelskammer wird berichtet:»Die Wirtschaftslage tn der Textii Industrie hat sich infolge Ausbleibens einer Saisonbelebung zugespitzt«. In der Trikotwarenindustrie Württemberg»sind Auftragseingang und Beschäftigungsgrad allgemein unbefriedigend. Die Lagerbestände nehmen zu, und In vielen Fällen mußte die Arbeitszeit weiter verkürzt werden. Eine saisonmäßige Belebung ist nur schwach und sehr vereinzelt festzustellen. Das Auslandsgeschäft ist bei stark gedrückten Preisen nach wie vor unbefriedigend. Ueberednstimmend wird über anhaltend schlechten Zahlungseingang geklagt.« In der Generalversammlung der Gladbacher Wollindustrie A. G. ist als Ursache für die Hintergründe der derzeitigen Absatzstockung angeführt worden, das Gesamteinkommen der Arbeiter sei nur dadurch gehoben worden, daß die Arbeiter einen Teil ihres Einkommens an arbeitslose Kollegen abgeben mußten und daß ihnen daher cfie Mittel zur Bestreitung ihres Bekleidungsbedarfs fehlen. Ferner habe die Aufrollung der Judenfrage in der Textil- wirtschaft zu mannigfachen Störungen geführt und auch die Schrumpfung des Exports habe sich nachteilig ausgewirkt. Wie»ehr muß die Krise In der Textilindustrie zutage liegen, wenn öffentlich festgestellt werden darf, daß der Massenverbrauch in Deutschland der Knegsvorbereitung und dem Propagandabedürfnis des nationalsozialistischen Regimes geopfert wird! q. a. F. Ein Kilometer Straßenbau —- eine Million Reidi»mark Der Bau eines Reichsautostraßennetzes war das Prunkstück de« großen Arbeitsbe- schatfftmgsprogramms, mit dem im Frühjahr 1933 nach ihrer Machtergreifung die Nationalsozialisten so laute Reklame schlugen."Viel mehr als eine Million Arbeiter sollten Beschäftigung finden und die ganze Wirtschaft mit der Inangriffnahme dieses Werkes angekurbelt werden. Nach mehr als zweieinhalb Jahren sind von geplanten 7000-km-Reichsautostraßen g a n- z e 1 1 0 km fertiggestellt. Die Zahl der bei diesem Straßenbau beschäftigten Arbeiter und Angestellten beträgt nur etwas über 100.000. Dieser Straßenbau kommt, wie die militärische Rüstung im ganzen, dem deutschen Volk recht teuer zu stehen. Berechnungen, che kürzlich im Reichsarbeitsblatt veröffentlicht wurden, haben für die erste Strecke Frankfurt-Darmatadt einen Durch- s c h n i 1 1 s a u f wan d von mehr als eine Million Re ichsmark Je Kilometer ergeben. Dieser Betrag erscheint den wirtschaftlichen Kreisen so gewaltig hoch, daß die »Frankfurter Zeitung« dazu bemerkt,»es wäre denkbar, daß die Strecke durch zahlreiche Brücken und Zuleitungen überdurchschnittlich belastet gewesen»ei. Auch wird man im übrigen aus den Erfahrungen bei den ersten Straßenbauten gelernt haben und jetzt vielleicht manche Ausgaben In leichter zu meisterndem Gelände vermeiden können.« Das ist eine sehr vorsichtige Kritik. Der ungeheuerliche Aufwand von mehr als einer Million Reichsmark pro Kilometer wird noch unerklärlicher, wenn man weiß, daß die Arbeiter bei dem Straßenbau uu Sehandlöhnen als Pflichtarbeiter beschäftigt werden. Vermutlich sind die Verwaltimgs- koeten viel höher als die Arbeiterlöhne. Auch die sprunghaft steigenden Gewinne der Bau- matorialienindustrie, die für dem Straßenbau Zement und anderes lletfert, geben einigen Aufschluß, warum die Baukosten so außer- ondemtUch hoch sind. Nr. 132 BEILAGE Dcu�lotttfirfs 22. Dezember 193� Jhom ffUhstk" im Deitieu Heid Das erste Kampfziel: Die Wiedergeburt des Willens zur Politik Jeder, der jahrelang in der politischen Emigration lebt, hat die gleichen Erfahrungen bei Besuchen aus der Heimat gemacht. Alles, was er über die Lage im Dritten Reiche, über die Institutionen und über die Menschen unter der Diktatur gelesen hat, erscheint ihm auf einmal abgeblaßt und problematisch. Jetzt soll er Bericht erhalten aus dem Bezirk der Selbsterlebnisse und der eigenen Anschauungen! Jetzt sollen die Zungen und die Gesten reden von dem, was tägliche Wahrheit ist im Hitlerlande! Es sind immer die gleichen Erregungen und zitternde Erwartungen, dem Lande gewidmet, dem man in der Not und im Leide noch tiefere Liebe schenkt als zuvor. Wiederbegegnungen Aber manchmal wird durch diese unmittelbaren Berichte das Dunkle noch dunkler, das Ungewisse noch ungewisser. Mit nahezu allen, die man nach Jahr und Tag wiedersieht, ist eine Wandlung vor sich gegangen. In die Gespräche mischen sich fremde Töne. Der politische und der geistige Standort ist nicht mehr der alte: Die Wiederbegegnungen erfolgen unter Menschen, deren Haltung sich verändert hat, weil sie die früheren Wertmaßstäbe nicht mehr besitzen. Unter Gefahren und Opfern fanden vor einiger Zeit ein paar junge Arbeiter den Weg aus dem Reiche zu uns, die wir von sozialistischen Bildungskursen her kannten. Sie hatten damals bescheidene Funktionen in der Jugendbewegung und traten nicht stark hervor. Jetzt aber standen diese Industriearbeiter im waghalsigsten illegalen Kampfe. Sie berichteten von der geheimen Organisation, die .«de leiteten, in welcher Weise sie Verbindungen herstellten, wie sie den Fallstrik- ken der Gestapo bei Haussuchungen und Vernehmungen entgangen waren. Die einst so stillen jungen Männer standen unter dem Zwang höchster Willenskräfte mit kämpferischen Motiven. Eis schien, als ob die Idee der sozialistischen Ordnung, zu der sie sich früher aus proletarischer Tradition bekannt hatten, sie jetzt erst aufgewühlt und fasziniert hätte. Kurze Zeit darauf kam anderer Besuch: ein sechsundzwanzigjähriges Mädchen und ein gleichaltriger junger Mensch. Sie wollten>alte Freunde« wiedersehen und hatten dafür einen Teil ihres schmalen Einkommens hingegeben. Sie war früher Angestellte eines der Arbeiterbewegung nahestehenden Betriebes, immer sehr temperamentvoll in der vordersten Reihe bei allen Zusammenkünften und Kundgebungen im blauen Falken-Kittel; er ein junger Handwerker, wie uns schien, immer brennend im Willen zur Mithilfe am ersehnten sozialistischen Aufbau. Diese beiden jungen Leute offenbarten bei unseren Gesprächen über die gegenwärtigen deutschen Zustände eine tiefe Resignation. Nicht nur, daß sie sich beide fernab vom illegalen Kampf hielten: aus ihrem Munde vernahm man vielseitig belegte Zweifel, ob die Massen des Volkes in Deutschland bald aktiv zum Kampf gegen Hitler zu gewinnen seien. Sie wiesen darauf hin— es war ihr stärkstes Erlebnis —, daß diese Massen zu einem großen Teil die verlorene politische Freiheit überhaupt nicht vermißten. Gerade davon, was sie am tiefsten berührte, werde an ihren gegenwärtigen Arbeitsstellen bei aller Mißstimmung und offener Kritik am wenigsten gesprochen. Der trommelnden Propaganda sei es gelungen. Unzählige von ihren früheren Gesinnungen und Ideaalen abzudrängen. Jeder Gedanke an das Vergangene sei begleitet von Vorwürfen gegen Demokratie, Parlamentarismus und sozialistische Parteien. Schon heute hätten weite proletarische Kreise von Rede- und Pressefreiheit überhaupt keine Vorstellung mehr und verlangten darum auch nicht danach. Wenn im Betriebe davon gesprochen werde, daß es früher»besser« gewesen sei, so stelle sich heraus, daß die übergroße Mehrheit von Lohnvergleichen ausgehe. Kurz, wir in der Emigration, wir sollten uns»keine Illusionen« machen. Der Bericht der beiden jungen Leute löste sich auf in Mitteilungen über einzelne Kameraden und Freunde und ihr gegenwärtiges Leben. Jeder Versuch, aus den uns persönlich herzlich zugetanen, ergebenen und wahrheitsliebenden Menschen etwas über stärkere Widerstandskräfte gegen das Regime zu vernehmen, blieb vergeblich. Sie hielten sich an das,»was sie täglich sehen«. Wir hielten ihnen entgegen, daß andere Freunde aus den gleichen westdeutschen Gegenden erfüllt seien von dem Erlebnis ständig wachsender Auflehnung mit höchster Einsatzbereitschaft. Es mag sein, lautete die Antwort, sie wünschten aufrichtig, daß es so wäre. Doch sie wüßten es nicht und könnten es sich nicht recht vorstellen. Seelische Revolution Woher diese Schwankungen zwischen aktiver Solidarität und den Entfremdungen im Glauben und in der Gesinnung— unter Menschen, die sich dem braunen System nicht verschworen haben? Sind sie die natürliche Folge des äußeren Drucks, auf den sehr verschieden reagiert wird? Es genügt, darauf hinzuweisen, wie sehr sich im Bewußtsein eines großen Teils der Arbeiterschaft das gesamte äußere Weltbild, also alles, was außerhalb der privaten Sphäre liegt, verändert hat Von den alten Einrichtungen, in denen ach die Arbeiterschaft polltisch, wirt- sc haftlich und seelisch geborgen fühlte, ist nichts mehr vorhanden. An ihre Stelle sind Zwangsorganisationen getreten, bei denen es auf eine eigene Entscheidung nicht ankommt. Der Akzent der Freiwilligkeit im Arbeiterleben besteht selbst in den Freistunden nicht mehr. Die Ka- meraderie am Arbeitsplatz ist einem peinlichen Ueberwachungssystem gewichen. Die alten Ideale, bereits Erbteile von Generationen, werden umgedeutet und umgelogen:»Sozialismus« ist zum Propagandamittel zur Befestigung der kapitalistischen Uebermacht geworden. An die Stelle von Lehre und Idee hat sich die Energie der Gewalt gesetzt. Die Folge ist, daß sich in der»Masse Mensch« des Dritten Reichs neue Typen- und G r u p p e n b i 1 d u n g e n vollziehen. Wir waren daran gewöhnt, die Arbeiter in den Gewerkschaften, in der Partei oder als Teilnehmer von Volkskundgebungen als»politische Wesen« anzusehen. Von ihnen gingen wir aus, wenn wir von der Stimmung der Arbeiterschaft sprachen, in der Vorstellung, daß dieser Arbedtertyp vom Bewußtsein der Benachteiligung in seiner gesellschaftlichen Situation erfüllt sei und sich in einer dauernden politischen Auflehnungsstimmung mit gesinnungsmäßigem Auseinandersetzungsdrang bewege. Aber das war nicht der Arbeiter schlechthin. Auf einen Politisierten, der an den öffentlichen Angelegenheiten dauernd interessiert war, kamen unendlich viele andere, die jene Spannungsreize gar nicht in sich verspürten. Ihre Anteilnahme an dem großen Willen der Gemeinschaft büdete oft nur einen winzigen Ausschnitt ihrer gesamten Lebensmächte. Den Arbeiter-Homunkulus, der zwecks Vereinfachung als Anschauungsmaterial in der sozialwissenschaftlichen Retorte gebraut wurde, hat es nie gegeben. Immer war die Welt des Arbeiters, auch des sogenannten Industriesoldaten, zugleich auch die Welt vieler einzelner Arbeiter. Bei allen Gebundenheiten und Verbundenheiten mit dem Schicksal der vielen erlebte es jeder und rang mit ihm auf seine Weise. Diese Fragestellungen sind heute von Grund auf verändert. Die einstige Unterscheidung zwischen dem politischen und unpolitischen Typus hat ihren Sinn verloren, weil es keine»Politik« mehr gibt, die die Menschen zu politischen Entscheidungen aufruft. Unzähüge einstmals Unpolitische lehnen sich heute bewußt und wülens- mäßig gegen das Dritte Reich auf. Umgekehrt ist zu beobachten, daß neben den unverbrüchlich Treuen, die in ihrer alten sozialistischen Gesinnung durch keine Propaganda zu erschüttern sind, viele alte Kameraden stehen, die in Verzweiflung, Enttäuschung und Furcht innerlich zermürben und einer fortschreitenden Abstumpfung ausgeliefert sind. Andere sind Opfer von seelischen Depressionen, finden sich in der verwandelten Welt mit bisher unbekannten Minderwertigkeitsgefühlen nicht mehr zurecht und haben nur noch einen Willen: sich den Arbeitsplatz zu erhalten. Kurz, die deutsche Menschen- und Massensubstanz steht unter dem Druck eines politischen, sozialen und psychologischen Verwandlungsvorganges, der heute noch unüberschaubar ist. Diese Unüber- schaubarkeit gründet- sich nicht darauf, daß das System freie Gesinnungsproben nicht zuläßt Die Veränderung hat viel tiefere Ursachen. Sie erzeugt tagtäglich unzählige seelische Revolutionen. Ihre Zusammenfassimg und Vereinheitlichung— die Aufgabe der Gegenwart und der Zukunft— schafft die Voraussetzungen für die kommende politische Revolution. Goring:»Gott hat uns gesegnet, und nicht die anderen« 4as der Rrnledrigang f zur Politik! Ihre Richtung wird sie von den aktiven Kämpfern in der Illegalität erhalten. Die Lösung der Aufgabe, die Verirrten oder Verwirrten, die Ohnmächtigen oder glaubenslos Gewordenen auf dem Weg der Freiheit und der Gerechtigkeit rurückru- führen, den die braunen Stiefel zerstampften, ist noch nicht bewältigt. Aber sie ist die Voraussetzung für das Kommende. Die mitreißende Kraft und das Beispiel der illegalen Kämpfer wird die»Masse Mensch« des Dritten Reiches an sich äehen. Aller Anfang dabei ist: den Sinn für Politik in ihrem höchsten Wortsinne zum leidenschaftlichen Bekenntnis zu erwecken; als Wille zur Mitverantwortlichkeit und zum Mitent- scheidenwollen. dessen Ertötung dem. Nationalsozialismus die Unterwerfung und Erniedrigung des deutschen Volkes ermöglichen sollte. Nichts kommt von selbst Ahes muß von Menschen gewollt weiden— von Menschen. die ihrem Stern folgen. In seinem klugen Buch»Erbschaft dieser Zeit« sagt Ernst Bloch, daß es bei der Einwirkung auf den lebendigen Menschen der»Z u- kunfts-Transzendenz« bedarf. die der marxistische Sozialismus implidte enthält Er ist eine Bewegung, worin menschliche Arbeit eingezahlt kann, ein Prozeß helfender Widersprüche sodann, zu einem dämmernden, erzmensch- fkätoAßts iiui&tLl tlliikküßld Die Geschichte könnte erfunden sein. Aber sie ist es nicht Ihre Daten finden sich vielmehr aufgezeichnet im VerhandliingisprotokoU des Königsberger Sondergerichts vom 12. Dezember 1935— und ein Sondergericht wird doch keine Greuotmirchen erdichten. So also und nicht anders geschah es im Jahre 3 der braunen Diktatur; Da« Mädchen Margot, 23 Jahre alt blond, deutochhiütlg und führergiäubig, lebte mit ihrer Mutter und ihren zwei jüngeren Brüdern in Memet Bs ging ihnen nicht«ehr gut dort. Um sich herum sahen sie die Krise— vom Dritten Reiche sahen sie nur die Zeitungen. Aber was waren das für Zeitungen! Sie schilderten eine Insel der Verheiaung, ein Märchenland, in dem gute braune Männer sich darum reißen, alles Ungemach von den | Schultern der deutschen Bruder und Schwe- 1 stem au nehmen, um es sich selber aufzupacken. ein Land, in dem es weder Hader noch Heimlichkeit weder Hungernde noch Frierende, weder Arbeitslosigkeit noch Krise gibt ein Land, in dem alle Menschen, frei und gleichgestellt erhobenen Hauptes und klaren Blickes über die geliebte Heimatschoile schreiten— ein Land noch dazu, in dem jedes Mädchen sofort einen blauäugigen SA-Prin- wliJäÜ Ze'n findet' Mar"t* und die Ihren lasen, lasen immer wieder das Gleiche und glaubten Immer fester daran und sehnten sich immer liehen Ziel: arbeitend, hoffend und erbend.'täj*er nart dem �esischen Lande Am I Heiligen Abend 1934 saßen fie alle um ihren Die Wiedergeburt einer deutschen etwas verkrüppelten Christ- Politik wird gelingen, wenn sie von diesen baunl � �rander; � nächste seelischen Kräften bewegt und erfüllt ist Unter den Fahnen dieser Erzmenschlich- keit beginnen sich die besten Deutschen zu sammeln, die einen schon geeint, die andern bald mitgerissen im Bunde, die Quadern des höllischen Dritten Reichs zu zerstören. Andreas Howald. ein B>Id des Führers. Margot bekränzte es mit zärtlichen Händen. Als der Sommer 1935 gekommeo war, schnürten sie wirklich ihr Bündel, nahmen tränenloeen Abschied und gingen hin, das Land au suchen, das ihnen der Engel vom Propagandaministerium verheißen hatte. In Königsberg ließen sie sich nieder. Glücklich und erwartungsvoH Kef die blonde Margot von einem Platzkonzert zum andern, von einer Versammlung in(He andre, von einem Aufmarsch zum andern. Alles war Ihr so neu und alles fand sie wundervoll. Sie schrieb Briefe an ihre Bekannten in Memel und lobte darin— so heißt es ausdrücklich im Gerichtsbericht—»die Ordnung und polltische Ruhe sie gab ihrer Freude Ausdruck über das gesittete Verhalten der Hitlerjugend und meinte, es sei ganz eigenartig, was Hitler in wenigen Jahren geleistet.« Dann kam der Alltag. Margot tauchte aus der Versammlungswelle auf. schnappte Luft und sah sich um. Sah sich nach den guten braunen Männern um,(fie alles Leid von des Volkes Schultern nehmen, nach den geraden und aufrechten deutschen Brüdern, nach den ehrlichen Blicken, nach den frei erhobenen Häuptern und arbeitgesegneten Händen. Aber siehe— es war alles ganz anders. Es war— wir brauchen es wohl kaum zu erzählen— eis war, wie es im Dritten Reiche eben Ist: die gern arbeiten wollten, mußton exerzieren, die gern die Wahrheit sagen wollten, mußten lügen, sonst hätte man«e niedergeknüppelt, einer fürchtete sich vor dem andern, statt der offenen Bücke Weihnacht werden wir in Hitlerdeutschland feiern.« Unter dem mageren Christbaum stand j sah das Mädchen geduckte Rücken, Arbeits- losigkeit und Hunger gab es mehr als anderwärts— und die guten braunen Männer nahmen ihren deutschen Volksgenossen zwar nicht das Leid und die Sorge, wohl aber verschiedenes andere ab. Vor allem sehr viel Geld, für das sie sich Autos und Villen und Jagdschlösser kauften. Margot schrieb wieder Briefe an ihr# Freunde in Memeä. Sie hatte ohnehin nichts Besseres zu tun. denn Arbeit gab es keine für sie. Und diesmal sahen ihre Briefe ganz, ganz anders aus. Kommt bloß nicht hierher, so etwa hieß es darin, und glaubt um Gotteswillen nicht, was in den deutsehen Zeitungen steht! Wir haben daran geglaubt, es ist uns schlecht genug bekommen. Dann schilderte sie das verheißene Paradies, wie sie es Jetzt sah und wie es wirklich ist Aber die Freunde und Freundinnen in Memel haben nichts davon erfahren, sie glauben noch heute, was Herr Göbbels ihnen sagt Denn Margots Briefe kamen nicht weit sie kamen nur bis zum Königsberger Postamt und von da zur Gestapo. Am 12. Dezember ist Margot vom Sondergericht zu Königsberg wegen Verbreitung »faustdicker Greuelmärchen« zu drei Monaten Gefängnis verurteilt worden. Sechs Monate hatte der Staatsanwalt beantragt Und wenn die Weihnachtsglocken des Jahres 1935 läuten, wird sie an den mageren Christbaum in Memel zurückdenken, die blonde Margot Aber ein Bild des Führers wird sie nicht bekränzen, denn ihr Weihnachtstraum vom Erlöser-Adolf, der wie ein Stern über Deutschland aufging, ist ausgeträumt für alle Zeiten. K— a. Der Weihnadb�smunn bei Streidiers Tün Pogromheid in fünfzig Prunkgemächern Die Stadt Nürnberg,— ao ließ sich dieser Tage der Londoner»Daily Telegraph« aus Hitler deutachl and kabeln— hat jetzt dem »Frankenführer« Julius Streicher ein monumentales Weihnachtsgeschenk gemacht: Sie übereignete ihm aus ihrem ImmobiMenver- mögen die Villa Cramer-Klett, eine Imposante Baulichkeit von der oe feststeht, daß sie mehr als fünfzig Gemächer, Zimmer, Hallen, Kemenaten umfaßt Um diese architekto- Mache Weitläufigkeit so wohnbar und anhei- melud za machen, wie- es einem erprobten Granden des Dritten Reiches gebührt. Ubernahm die großzügige Kommune auch die komfortable Innenarchitektur, das Aufstellen stilgerechter Himmelbetten, das Aufrollen von echt Smyma und Damaskus und was so aourt noch sich zu ereignen hat wenns bei Raffkes ein bißchen hübsch aussehen soll. Das aUea brachte dem Juhus Streicher der gledch- IWi liülliil»! Weihnachtsmann mit einer Hul- digungsadresse. die folgendermaßen wörtlich begann:»In Anerkennung Ihrer bleibenden Verdienste um den Antisemitismus. Wir gesteben es offen: Diese Morgengabe an Deutschlands rangäl testen Pornographen und geübtesten literarischen Latrlnenschmie- rer war schon längst fällig— insbesondere, nachdem dieselbe Stadt Nürnberg, freigebig. wie sie nun einmal seit Zerstückelung der verfluchten und korrupten Ii beralia tischen Aera geworden ist bereits der Gauleitung des Pg. Streicher einen prächtigen Neubau vor einem halben Jahr hingesetzt hat Ist Julius Streicher etwa weniger yerdtenstvoll als der doch nun allmählich schon etwas klapprig gewordene Papa Mackensen, dem man erst unlängst die Domäne BrUssow samt Gesinde und Rindvieh von Rechts wegen vermachte? Ist der Julius etwa weniger als der Hermann Göring, dem der»Führer« doch persönlich den Lenbachschen»Bismarck« vom Nagel in der Reichskanzlei herunterangelte, um das dem Reich gehörende Gemälde— was ist es unter Brüdern wohl wert?— dem preußischen Ministerpräsidenten gleich aufs frisch gemachte junge Ehebett hinzulegen? Darf nicht auch Julius vortreten, wenn ernsthaft zur Erörterung steht daß Adolf Hitler selbst mm endlich den von seinem allerdings kleineren und bescheideneren Vorgänger Bismarck eroberten Weifenschatz als Gabe der dankbaren Nation— zweite, dritte oder vierte Folge hinter dem Hohen Salzberg!— erhalten soll? Schlug er, der Julius, etwa keine Durchbruchsschlachten?— heb?! Wie wird das— die»Perl' im deutschen Land!«— unser schönes, ach, so deutsches Nümnberg ehren und zieren, wenn jetzt Julius Streicher mit der Reitpeitsche und den Wickelgamaschen des alten Kämpfeis neben den verblichenen Ahnbildom der Cramer-Klett in flgura stehen wird! Soll Albrecht Dürer nfcht gleich den Stift nehmen und(Uesen neuen Nobile eines Gemeinwesens, um dessen Zinnen und Türme, spitze Giebeldächer und anmutige Brunnen alle guten Geister deutscher Vergangenheit auch heute noch tanzen, in das ewige Pantheon der Kunst geleiten? Hat Hans Sachs nicht gar doch ein paar Huldigungsverse zu solchem Ereignis übrig? Kein Fladis. sondern WirklidikeU Vielerorts in Deutschland gebraucht man das Wort Flachs im Sinne von Scherz. Der Reichabauerntag hat sich einen großen »Flachs« geleistet, denn er hat dem Führer ein Flachagescbenk bereitet. Das heißt:-o«" Rahmen der zweiten Etappe der Erzeuguc�s- schlacht«(wir sprechen nicht über den bol- sebewiatisohen Fünf jahresplan, sondern über das antibolsobewistische Deutschland) soll »Jeder Bauer dessen Boden und Klima es er- mSgUctat, ein paar Quadratmeter Flachs bauen, die dann am nächsten Erntedankfest auf dem Büokeborg dem Führer als Geschenk des Reichsnährstandes überreicht werden«ollen. Auf dieser ganz kleinen Fläche kann so viel Rohstoff gewonnen werden, daß daraus jedem Soldaten unseres VoUtabecres ein Drll- Uchanzug gewebt werden kann.«(Preußische Bei Streichere war der Weihnachtsmann! Zeifcun�' ... Daß er. der himmlische Bote, sich frei- 1 Milch verweichlicht, Butter ist ein übera- lich in die allgemeine Korruption: les Vorurteil und der Drillicbanzug muß die des Dritten Reiches so mir nichts, dir nichts, mit vermengen ließ, das hätten wir wirklich nicht von dir gedacht, heiliger Christ! Hauptaorge des deutschen Bauern werden. Erst die Uniform und dann das Fressen. Wie lange wird man sich noch»verflachaen« e Hebers(hrlfi gesucht Redaktion«dnes Naziblattes. Erster und zweiter Redakteur im Gespräch. An dar Wand deutsche Kernsprüche. Erster Redakteur(mit einem Manuskript Uber der Schreibtischplatte wedelnd): Ihr Weihnachteartikel hat verschiedene Schön- hettafehler. Kollege. Vor allem fehlt der rechte elektrisierende Leitgedanke. Zweiter: Elektrisieren auch? Schwer haben wir» mit dem Fest der Liebe. Ostern hegt besser. Fest des Frühlings. Erneuerung._ Gibts da was zu lächeln? Kann doch noch kommen, trich... Erster: Außerdem haben wir ja tausend Jahre Zeit Zweiter: Oder Pfingsten, Auagioßung das heiligen Geistes... Auferstehung... Is teils geschehen, teils kann» noch werden, nloh. Erster: Jawohl, läßt sich noch allerhand versprechen. Zweiter: Sehn Sie, Aber Weihnachten, Fest der liebe. Frieden auf Erden... Alles feixt Wenn ich an»Mein Kampf« denke, der heilige Haß, die Reden von früher... Erster: Denken Sie nicht an früher, da achreibt siebe besser.(Mit Betonung): Der Frieden muß in Sperrdruck sein. Verehrte- ater. Allerhöchste Anweisung des Proml: Un- temtreichung des deutschen Friedenswillens. Immer wieder: Deutschland rüstet für den Frieden. Fettgedruckt möglichst fett Zweiter(versonnen): Fett...Fett fLeise. nach allen Selten sichernd): Segen Sie mal. haben Sie Butter? Erster(stutzend): Butter? Mensch, meckern Sie nicht so nun.(Die Hand auf dem Manuskript): VerscUedenes muß rein, verschiedenes raus. Sie achreiben von des>Un- geista zahllosen Gewändern«— da muß sieh doch der Kleiderständer getroffen fühlen. Und hier, die»Krüppeispur der Lüge«— müssen Sie so häßlich vom Klumpfuß reden? Vorsichtiger, mein Lieber. Auch mit den Kindern.(Zitiert):»Nur im Kreise von Familie und Kindern kann das deutsche Weihnachten mit ganzer Seele—— c, ja Mensch, sind Sie lebensmüde? Hier denkt doch jeder an eine.. eine gewisse Eigentümlichkeit des Führers! Der ist überhaupt zu wenig drin. Dreimal auf hundertfünf ig Druckzeilen. Unser achtzehnjähriger Volontär schmeißt das auf fünfzig Zeilen dreimaL ohne mit der Feder zu zucken! Am g-Mn—a fehlt eine Apotheose: hier Cbri- atus— hier unser--- c(Durch die Tür braust eine Sekretärin.) Sekretärin(schwenkt einen Zettel): Eben telephonisch durchgegcben. Vom Gauleiter.(Leaend):»In der Weihnschtammuner zu beachten: Scharf gegen Litauen; wir sind nicht waffenloa!«(Legt den Zettel auf den Tisch. Ab.) Erster: Sehnse, das muß auch rein. Zweiter: Und was bleibt von der Friedensliebe? Ist für uns der Promi mehr oder der Gauleiter? Ersten Momentan schwer zu sagen. Aber Friede auf Erden und Mem elbatz— geben Sie das Thema unsenn Volontär und alles ist In Butter. So jung und schon ao—. Zweiter: Ich höre immer Butter. Haben Sie welche? Erster: Mensch, reden Sie nicht ao verboten drauflos.(Starrt aufs Manuskript, denkt: Weiß er, daß wir backen wollen? Hat meine Frau etwa zu seiner gequatscht?— Laut und stark): Woher soll einer heute Butter haben? Zweiter: Es gibt welche, die kriegen sie aus dem Ausland. Erster: Für deutsches Geld. Sollen sich was schämen. Ich habe einen lungenkranken Vetter, trotzdem würde ich nie...(Stockt träumerisch, packt das Manuskript): Und nicht ao viel von Kerkern und Ketten tönen. Denkt jeder sofort ans KZ. Mensch, zu Weihnachten!— Ganz faul die Ueberschrift: »Deutsches Weihnachten«. Da schüttelt der Leser schläfrig den Kopf. Zweiter: Den schüttelt er immer... Wie wäre mit.:»Friedensbotschaft«. Vom Führer nämlich Erster: Feixt aHee. Zweiter: Oder»Brennender Baum«. , Erster: Denkt jeder an Göring. Zweiter-. Kann unser Leser dann nichts mehr objektiv hinnehmen? Erster: Doch. Den Eisenbahnfahrplan zum Beispiel.— Wie wärs mit»Ehemee Weihnachten«. Görings jüngstes Wort: Es kommt nicht auf Butter an, sondern auf Kanonen--. Zweiter: Haben Sie Butter? Erster(finstert unorforschlich die Stirn. denkt: Was weiß er nun eigentlich von meiner Speisekammer?) Zweiter: Sonst könnse nämlich welche kriegen. Vom Ausland. Wurst. Geselchtes. (Schnalzt): Ich dachte... für den Lungenkranken. Erster: Ach so, füm Kranken... Isn Gedanke.(Durch die Tür braust die Sekretärin.) Sekretärin(Zettel in der Hand): Der Gruppenführer gibt telephonlscb durch: Im Weihnachtsartikel einige Hiebe gegen die Altchristen. Wotan braust durch die Lüfte, wir hungern uns durch, heroisches Weihnachten...(Ab.) Zweiter: Des ist der Kampf gegen den letzten Abonnenten. Erster(artigen Blicks): Kollege, ich höre Elchen rauschen! Die große Ueberschrift hat" eich telephonlscb auf uns hemiederge- senkt: Heroisches Weihnachten! Zweiter; Fehlt nur noch der Artikel dazu.(Geht mit dem Manus durchaus unelastischen Schrittes in sein Zimmer, telepho- niert gedämpft an sein« Frau): Kannst dich aufs Backen einrichten... Jawohl, der Erste auch... Gemacht... Ja, ein SA-Mann wird an der Grenze-- das andere zu Hause. (Hängt ab. Aua dem Radio nebenan töot das Pausezeichen: Ueb Immer Treu und Redlichkeit) Karl Rothe. Heimatlose Der Faschismus bat in Europa die Heimatlosigkeit zum MsssenproUem gemacht Täglich wachsen vor allem«fie Scharen derer, die vom braunen Despotismus verjagt wurden. Der Mensch ohne Heimat der Mensch zwischen Grenzen, erhebt sich anklagend m einigen erzählenden Büchern der jüngsten Zelt Obgleich er ins IS. Jahrhundert zurück- schweift ist der Bauernroman»Volk in der Fremde«(Büchergilde Gutenberg) nichtsdestoweniger ein gegenwartsnahes Epos, das Brief wegen Butter! Mein ehemaltger Machbar! Lassen Sie mich mit einem Kompliment beginnen: entschieden passen Sie in die heutige Welt besser hinein als ich. Sie nutzten einstmals Ihre Beziehung zu mir, dem Sozialdemokraten, um sich für Ihr Amt empfehlen zu lassen, und heute— als einer der am frühesten Gleichgeschalteten— wissen Sie, sogar aus der Giftblüte meiner Emigration| für sich süßen Honig zu saugen. Briefe an Emigranten sind im allgemeinen, für den deutschen Absender gefährlich, und Ich kenne manchen, der bis heute auch nicht die kleinste Zeile an mich gewagt hat, obwohl er sich einst mein Freund nannte. Da sind Sie doch ein anderer Kerl! Unverzagt schreiben Sie, vorsichtshalber durch Ihre Frau an die meine, und ee ist auch ein ganz und gar hausfraulicher Brief: die freundnach- barliche Anfrage, ob wir nicht, da wir doch jetzt in Holland wohnten, ab und zu ein kleines Butterpaket an Sie senden könnten — eingedenk unserer früheren freundnachbarlichen Beziehungen! Lassen Sie mich meinem ersten Kompliment, mein ehemaliger Nachbar, ein zweites zufügen: Sie sind genau das, was ich mir unter einem erwachenden Deutschen vorge- j stellt habe. Helle, helle! Und vor allem unbeschwert durch irgendwelche romantischen, humanistischen oder sonstigen Ehr- und Ti�endbegriffe, die ja mit Recht heutzutage als völlig veraltet gelten. Der neudeutsche Rechtsgrundsatz»Recht ist, was mir nützte, brauchte für Sie nicht erst formuliert zu werden. Er ist in Ihrer Wesenheit bereits Substanz geworden. Butter im Leibe zu haben, ist Ihnen wichtig. Anstand im Leibe — damit macht man keine Familie satt! Ich will Ihnen verraten: Sie gehören zu jenen Deutschen, denen ich verdanke, daß ich mich im Ausland bereits heimisch fühle- Aber— zur Butter: Ich erinnerte mich Ihrer kleinen, damals, als ich noch Flur an Flur mit Ihnen wohnte, fünf- und dreijährigen Kinder. Ich hatte die WUrmchen ganz gern, und der Gedanke, daß sie hungern, tat mir weh— selbst wenn ihr Vater sie, woran ich nicht zweifle, inzwischen zur Hitlerjugend angemeldet hat. Wegen der Kinder ging Ich in ein Geschäft hier, eins von den großen, erkundigte mich, ob Pakete gestattet seien; »Gewiß«, sagte mir der Verkäufer,»unsere Firma liefert jetzt wöchentlich Tausende voa Liebesgabenpaketen nach Deutschland.« Da wurde ich stutzig. Tausenda— ein einziges Geschäft. Ich forschte weiter. Viele von den Absendern solcher Pakete sind Eml- 1 granten— politische und jüdische, die auf diese Art ihre hungernden Verwandten in Deutschland unterstützen. Ich erfuhr von einem Flüchtling, der neun Gulden wöchentlich Unterstützung empfängt und davon regelmäßig einen opfert, um seinen alten Eltern: in Deutschland ein Paket Butter oder Speck zu senden. Unsere Zeit ist in jeder Beziehung irrsinnig: der mittellose Emigrant spart sich -Ktig geworden, sagt ihm:»Nicht die Scholle ist das Wichtigste, sondern Recht und Gerechtigkeit und der Mut wie ein Mann zu leben...« Dies« opfervolle Marsch der Zwolfhun- dert ist vom Dichter groß gesehen, wird zum Abbild des Leldonszugee der Vielen, die wunden, cHesee Zuges, der durch die Jahrtausende klingt wie ein schweres altes Lied, Manche sieht man mit dem Rest Ihrer Habe auf dem Rücken, viele retteten nicht einmal das. Die schwedischen Kätner der großen Katharina durften Ihr Eigen immerhin mit Roß und Wagen davon fahren, d« braune Despotismus raubt hunderttausende seiner Bürg« erst aus bis aufs Letzte, ehe« ade ins Ehdi stößt. Was in Blomibeig» Buche eine ganze Gemeinde durchkämpft dB« leidet in dem Roman »Der Schlemlhl«(Allort de Lange) ein Einzelner:»Wo ist meine Heimat?« D« emigrierte Schriftarten« Hans Natonek erzählt hier vom unruhvollen Erdenwallen des Dichtere Chamisso, des franzöat sehen Adligen, von der großen Revolution nach Deutschlajid versprengt, preußisch« Qffizi« und Poet schwankend zwischen altem und neuem Vaterland, im napoleo machen Frankreich als Preuße, in Preußen als Franzose geltend, verkannt in dem einen wie In dem anderen Lande, unstet und zerrissen. Aua diesem Zwiespalt entsteht sein weltberühmtes Märchen vom Schlemihl, dem Mann, der sein Vaterland und damit seinen Schatten verlor und seiner Heimatlosigkeit mit Siebe nm eilenstiefeln zu entfliehen sucht Immer wieder verzichtet« auf den Schatten, um seine Seele au retten. Das ist Chamisaos Schicksal. Erst auf dem Scheitelpunkte seines Lebens wird Deutschland dem Weltwanderer eine neue Heimat und als um Um Abend werden will, gehört« gar zu den Nationaldichtern. Seine Gedichte kommen heraus, werden vertont, gesungen, dringen ins Volk; er wird ge sprechen zum deutschen Gemüt so wie er, I d« französische Emigrant mit dem ewig welschen Akzent dem die deutsche Sprache' wahrUch nicht an der Wiege gesungen wurde! Was macht das Dritte Reich mit diesem; Phänomen, das alle Blubodogmen ins Nichts sprengt 7! Natonok malt dieses ungiückHch-glückliche Stüde ErdenwaUen mit feinem Pinsel,] der reich ist an Farben und Nuancen. Manches kommt trotz der vierhundert Seiten zu kurz: Napoleons tiefere Bedeutung, der Kampf des jungem Deutschland für Einheit und Freiheit(He ewige deutsche Tragödie. Aber im Kerne enthält das Buch den großen Stoff von heute, die Tragikomödie des europäischen Menschen, der Uber die Ränder setner autark verengerten Vaterländer hinaus gewachsen ist und noch 1mm« von den ältesten nationalsoziallstiachcn Schitagworten umdröhnt wird. E2n Geschöpf aller europäischen Kulturen, vermag er Irgendwelchen Slnm der Entwicklung nur noch im Kampfe der sozialen Prinzipien, ab« nicht ' der nationalen Interessen zu erkennen. Ein ; He« solcher Europäer Ist herangewachsen i und wartet vom völkischen Kretinismus all« Faschismen angeödet und angeeckelt bis oben hin, auf seinen Dichter. Bruno Brandy. Man fliSsG r a p h i a«, Karlsbad. ItorHarmöris 6e|ial4(mcfratifcl>c0 IDochmbloK Herausgeber: Ernst Sattler; verantwortlicher Redakteur: Wenzel Horn; Druck:»G r a p h i a«; alle in Karlsbad. Zeitungstarif bew. m. P. D. ZI. 159.334, Vn.1933. Printed in Czechoslovakia. Der»Neue Vorwärts« kostet im Einzelverkauf innerhalb der CSR KS 1.40(für ein Quartal bei freier Zustellung KC 18.—). Prein der Einzelnummer im Ausland Kö 2.—(Kfi 24.— für das Quartal) oder deren Gegenwert in der Landeswährung(die Bezugspreise für das Quartal stehen in Klammem): Argentinien Pea. 0.30(3.60). Belgien Frs. 2.45(29.50). Bulgarien Lew 8.—(96.—). Danzig Guld. 0.45 (5.40), Deutschland Mk. 0.25(3.—), Estland E. Kr. 0.22(2.64), Finnland Fmk. 4.—(48.—). Frankreich Frs. 1.50(18.—), Großbritannien d 4.—(Sb. 4.—), Hollaod Gld. 0.15(1.80). Italien Lir. 1.10(13.20), Jugoslawien Din. 4.50 (54.—), Lettland Lat. 0.30(3.60). Litauen Lit. 0.55(6.60), Luxemburg B. Frs. 2.45(29.50), Norwegen Kr. 0.35(4.20), Oesterreich Sch. 0.40(4.80), Palästina P. Pf. 0.020(0.216), Polen Zloty 0.50(6.—). Portugal Esc,. 2.— (24.—), Rumänien Lei 10.—(120.—), Schweden Kr. 0.35(4.20), Schweiz Frs. 0.30(3.60). Spanien Pes. 0.70(8.40), Ungarn Pengö 0.35 (4.20). USA. 0.08(1.—). 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