\p. i34 SO]\0\iT4G, 5. Januar 1936 Aus dem Inhalt: Wirtschaftsjahr 1935 $Pod)$nfrlaÄ Verlag; Karlsbad, Haus„Graphia"— Preise und Bezugsbedingungen siehe Beiblatt letzte Seite 1000 Tage Arbeitertum Der Fall Ribbentrop Streichers Versöhnung Au! dem Ucee zur Volksreuuluflon Die Perspektiven des Hitlersystems Die Staatsgewalt des Dritten Reiches steht am Beginn des Jahres 1936 scheinbar allmächtig und ungebrochen da. Sie hat die Welt provoziert und ihren bösen Willen zur Kriegsvorbereitung durchgesetzt. Sie hat allen humanitären Anschauungen ins Gesicht geschlagen, ohne sich von der Kulturwelt zu isolieren. Sie bedrückt das eigene Volk, sie preßt es aus bis zum letzten für die Kriegsvorbereitung, und dennoch erträgt das Volk sie. Ist sie etwas neues in der modernen Geschichte, diese selbständige Staatsgewalt, ein mystischer Mechanismus, dem gegenüber die menschlichen Kräfte, Politik und Geist ohnmächtig sind? Mancher ihrer Feinde sehen sie so, voll Erbitterung und Verzweiflung. Das Urteil über die deutschen Dinge schwankt bei den Feinden der Diktatur in Deutschland und außerhalb Deutschlands, so wie Hoffnung und Stimmung eines jeden Menschen gegenüber gigantischen geschichtlichen Aufgaben schwanken. Der Sturz dieser reaktionärsten Macht in ganz Europa, die Wiederbefreiung des deutschen Volkes ist eine der gewaltigsten historischen Aufgaben, die der Lösung harren. Wie könnte «»-tuuiers sein, als daß bei denen, die sich dieser Aufgabe hingeben, als daß sie zwischen Ueberschätzung und Unterschätzung des Feindes hin- und herschwanken! Aber diese Staatsgewalt ist gar nichts Mystisches. Hinter dem Nimbus der Allmacht stehen auch Menschen, und was für Menschen mit ihren kleinen Interessen, ihrer Furcht vor den eigenen Verbrechen, ihrer Angst vor den unbekannten Kräften, die sie im Volke fühlen, ohne aie genau zu erkennen. Es ist eine der ältesten Erfahrungen, daß zur Herrschaft immer zwei gehören: nicht nur der Herrschaftswille auf der einen Seite, sondern auch die Ergebung in die Herrschaft auf der anderen. Diese andere Seite— das ist das Volk. Auch der stärkste Herrschaftsapparat, mag er noch so selbständig sein, so mechanisiert und automatisiert, so kastenmäßig abgeschlossen, kann nicht ohne das Volk leben. Wenn die Trennung vollkommen wird, wenn vom Volke her keine Kraftströme mehr diesem Herrschaftsapparat zufließen, so hat er die Höhe seiner Existenz überschritten. Dann beginnt jene Periode, in der die Herrschenden sich fragen; wie lange trägt es uns noch? Hier wird das nächste Angriffsziel sichtbar. Es gilt den Herrschafts- apparat zu isolieren. Diese Isolierung, seine vermeintliche unüberwindliche Stärke, ist sein schwächster Punkt. Wenn erst die persönlichen Träger der Staatsgewalt und das Volk nebeneinander und gegeneinander stehen wie zwei verschiedene Nationen in einer, dann naht der Augenblick heran, wo im Volke mit dem Bewußtsein der fremden Bedrückung auch der WUle zur Befreiung allgemein wird. Das Hitlersystem geht in das Jahr 1936 mit schweren Sorgen. Das deutsche Volk ist zwar noch weiter bedrückbar, ist immer noch ausbeutungsfähig. Die Hungerkur steht erst in den Anfängen und bis zum physischen Zusammenbruch ist noch lange Weile. Noch können gewaltige Wirtschaftswerte in die Rüstung geworfen werden. Das deutsche Volk hat Beweise dafür geliefert, wie weit seine Leidensfähigkeit"geht. Aber neben diesen materiellen Dingen stehen geistig-seelische Momente, steht der Prozeß der Isolierung der nationalsozialistischen Partei. Es sind zwei wesentliche Beobachtungen, die immer wieder aus Deutschland berichtet werden: der innere Abfall der Mitläufer, der großen Masse von der nationalsozialistischen Partei, und das Sich-Abschließen der fanatischen Nationalsozialisten von ihrer Umgebung. Die Mitläufer, die Enttäuschten wollen es heute schon nicht mehr gewesen sein. Sie lehnen die Verantwortung ab. Es beschleicht sie eine Ahnung, daß sie sich beizeiten in Sicherheit bringen müssen, wenn der Boden des Systems zu erzittern beginnt. Das sind jene Naziblüten, die einst laut und übermütig geschrien haben, und die jetzt laut meckern— weil sie die sie umgebende Volksstimmung verspüren. Das ist ein wichtiges Symptom der Isolierung des Systems vom Volke. Und die unentwegten Nationalsozialisten, die mit ihrer ganzen Existenz dem System verhaftet sind, so daß sie sagen müssen:»brichts, dann brichts auch bei uns:-, die deshalb mit Nägeln und Zähnen sich an ihren Anteil der Herrschaft anklammern, die aber das Volk nur als Objekt sehen, weil sie nur noch gegen das Volk existieren können, nicht mehr mit dem Volke, die sich verbissen abschließen, weil sie die Wirkungslosigkeit ihrer Phrasen und ihrer Sprache erkennen— das ist ein nicht minder wichtiges Symptom. Dieser Prozeß wird wettergehen. Es kommt nicht so sehr darauf an, welche Einzelinteressen und welche' Klasseninteressen dabei wirksam sind und zusammenfließen, es kommt vor allem darauf an, daß die große Zweiteilung— hier System, hier Volk— ins Bewußtsein der Volksmassen dringt. Damit erst bildet sich wieder ein Volk, wird aus einem Objekt des Systems wieder eine lebendige Kraft. Der allgemeine Schrei:»S o kann es nicht weitergehen!« ist in der ganzen menschlichen Geschichte immer die stärkste revolutionäre Kraft gewesen. Allgemeine Volksrevolutionen entstehen nicht über genau umgrenzte Forderungen, sie entspringen großen allgemeinen Gefühlen und Stimmungen, die schließlich zur Explosion drängen. Der moderne Putschismus in jeder Gestalt hat theoretisch und praktisch rasch wirkende Techniken des Staatsstreichs ausgearbeitet— aber die großen anonym wirkenden Volkskräfte lassen sich mit keiner Technik erfassen und auf die Dauer bekämpfen. Bei der Gleichung .Macht gegen Volk« wird am Ende das Volk immer der stärkere Teil sein. Das Volk, das sind jene Massen, die die Herrschaft nicht mehr ertragen wollen, und die sich darum zusammenfinden in dem allgemeinen Schrei nach Freiheit. Welche Fristen dieses Ringen allgemeiner Volksstimmungen gegen organisierte Herrschaftsmacht erfordert, wie lange es dauert, bis die moralische und willenmäßige Zersetzung bis in die Kem- stellungen des Systems vordringt, ist unberechenbar. Aber ein Blick auf die Geschichte der Revolutionen und der großen Zusammenbrüche lehrt, daß das Tempo solcher Entwicklungen von bestimmten Punkten und von besonderen Zufällen an plötzlich rasend schnell werden kann. Die führenden Köpfe des Systems wissen dies so gut wie wir. Daher die Dauerfurcht und der Dauerterror, die unaufhörliche Aufeinanderfolge der Verfolgungswellen gegen die offensten und kühnsten Feinde des Systems. Die Männer des Systems fühlen das.unerbittliche Schreiten des Schicksals, sie suchen ihm Dämme entgegenzustellen, aber immer stärker beschleicht sie die Sorge: werden die Dämme halten, wenn der Sturm kommt? Ihnen wie uns ist die genaue Kenntnis der Zukunft, die Kenntnis der Frist verschlossen, die dem System noch beschieden ist. Für uns heißt die Frage:..Wie lange werden sie noch widerstehen können?«— für sie heißt es:»Wie lange trägt es uns noch?« Damit aber sind die Kampfpositionen klar bestimmt. Wir sehen ganz anders auf das Jahr 1936 als das System. Für uns heißt es nicht Verteidigung, für uns heißt es: Zum Angriff' Amnestie in Oesterreidi Die Regierung Schuschnigg in Oesterreich hat alle sozialistischen Februarkämpfer bis auf 16 amnestiert. Diese Amnestie ist entstanden unter dem Drucke der Verlegenheiten der österreichischen Diktatur. Sie kann nicht leben ohne die politische und finanzielle Hilfe anderer Mächte. Sie braucht Auslandsanleihen und neue Wirtschaftsbeziehungen. Sie fühlt die Macht Mussolinis wanken, und strebt darum nach Neueingliederung in das mitteleuropäische System. Sie kann diese Ziele nicht erreichen, solange sie an dem bisherigen Charakter ihres diktatorischen Systems festhält. Sie hat deshalb eine Geste gemacht Diese Geste ist eine politische Klugheit: denn aie kommt dem Rechtsgefühl entgegen, das sich in der ganzen demokratischen Welt gegen sie wendet. Sie ist aber auch ein Geständnis: das Geständnis des Unrechts an den Fe- bruarkämpfem, das Geständnis, daß ihre politischen Perspektiven zusammengebrochen sind. Diese Amnestie wird viel sein, wenn sie der Beginn einer neuen Entwick- lung ist— sie wird ein Schlag ins Wasser sein, wenn sie nur eine einzelne isolierte Geste zu bestimmtem Zwecke bleibt. Unsere österreichischen Freunde verfahren gegenüber dieser Amnestie nach dem Grundsatz: Mit dem Gere sollst du Gaben empfangen, Spitze gegen Spitze! Sie weisen auf den Teilcharakter dieser Amnestie hin, sie fordern, daß die Amnestie ausgedehnt werde auf die Opfer des illegalen Kampfes um die Behauptung der Sozialdemokratie in Oesterreich. Ein System, das die Verfolgung der Februarkämpfe einstellt, das die Führer der österreichischen Sozialdemokratie aus diesem Anlaß außer Verfolgung setzt, muß der Tatsache ins Auge sehen, daß die Sozialdemokratie lebt, daß sie in dieser oder jener Form sich organisieren, zum Volke reden, politisch wirken wird. Das ist eine logische und politische Konsequenz, Sie würde zur Wiederannäherung Oestereichs an demo- Die detitsdie Fettkarte Merausgegeben von der Berliner Fleischer-Innung Sfinme be8 fföufer« ©obnung w -e s o SS 3d) fiobe•/« �funö inL/auäl. Sdjmalj/�ctt erhalten Jlame SBofjnunfl N üt c *C ■e- Sd) fjabc l'* ißfunö inl./auäl. Sdimalj/Je« erhalten Jiamr 3Bobnunp Das hat Hiller in drei Jahren erreidit! kratische Nachbarstaaten führen. Will die österreichische Diktatur diese Konsequenz vermeiden, so wird aus der politischen Klugheit nicht nur ein Betrug an den Amnestierten, sondern ein Selbstbetrug werden. Wir als deutsche Sozialdemokraten stellen den Unterschied zwischen der österreichischen Diktatur und der deutschen fest. Ehe österreichische Diktatur hat schwerste Schuld am Recht, an der Menschlichkeit, an der Freiheit auf sich geladen. Aber wenn wir das Treiben der deutschen Despoten mit dieser letzten Haltung der österreichischen Diktatoren zusammenhalten, so erhellt erst die abgrundtiefe Gemeinheit und Unmenschlichkeit der deutschen Despotie. Der riditi�e Bundesgenosse Aus Moskau und London werden Enthüllungen über ein deutschjapanisches Bündnis verbreitet. Verhandlungen zwischen Hitler und der japanischen Regierung sollen sich auf eine geheime Militärkonvention gegen die Sowjetunion und auf ein Abkommen zur Bekämpfung der kommunistischen Internationale erstrecken. Solche Verhandlungen würden durchaus in der Linie der braunen Außenpolitik liegen— Brandstiftung im größten Stile im Fernen und Nahen Osten, um in Europa im Trüben fischen zu können. Der japanische Imperialismus ist der richtige Bundesgenosse für die Hitlerdiktatur. Dies Bündnis würde gewissermaßen das Siegel auf das englisch-deutsche Flottenabkommen drücken. Die Flottenkonferenz in London ist so gut wie gescheitert. Die englischen Staatsmänner werden bald erkennen, welche Rute sie sich mit dem Flottenabkommen mit Hitler aufgebunden haben. Laval und Hitler Der französische Müuetorpräaident Laval hat in der Kammer eine Mehrheit erhalten, genügend, um Um im Amte zu hatten, ungenügend, um im Namen des französischen Vot- kes Außenpcditik zu treiben. Lten Rhmi bat über ihn das Urbedi gesprochen; seine Gegner glauben ihm nichts mehr, seine Freunde aber auch nicht! Laval hat von der NotsveixSghedt der deutsch-französischen Verständigung gesprochen. Er hat sich gerUhmt, daß er in Warschau eine dreistündige aufregende Unterhaltung mit Göring gebebt habe. Bf hat angedeutet, daß er diplomatische Beziehungen zu Hitler angeknüpft habe, die nicht aussichtslos seien und nicht gestört werden dürften. Er hat seine Bereitschaft erkennen lassen, nach Berlin zu Hitler zu fahren. Das Thema deutsch-französische Verständigung und französische Politik ist sin Thema für sich. Laval ist nicht dar erste französische Staatsmann, der dies Thema— eines der Grund themen der europäischen Demokratie— in einer Art und Weise behandelt, die seinem Sinne und den Interessen der europäischen Demokratie ins Gesicht schlägt. Wir sind sicher, daß die französische Linke Qua auf die Finger sehen wird— vorausgesetzt, daß er noch Zeit hat. als Ministerpräsident die Fäden zu Hitler weite rauspinnen. Aber wie doch die Freundschaft mit Diktatoren noch abfärbt! Erst Laval-Musso- llni und nun schon La v a 1-H i t le r? Well nach den letzten Erfahrungen die demokratische Regierung Englands dem Staatsmann Laval eiskalt gegenübersteht, zieht es ihn nach Berlin. Die Erfahrungen der französl- schen Politik mit Mussolini sind sprechend. Welche Erfahrungen würde sie erst mit Hitler machen? Deutsche Streiflichter Bauern im passiven Widerstand Die deutsch eo Bauern fühlen sich von Hitler und DomS betrogen. Eine Zwangswirtschaft ähnlich der im Kriege haben sie nicht erwartet. In ihren Ohren klingen noch (he Reden, daß«he Bauern die tragende Säule des deutschen Volkstums und seiner Wirtschaft sein müßten. Neben einigen Kostümfesten über bäuerliches Brauchtum, die auch schon stark an, Zugkraft einbüßen, sehen die Bauern von der Regierung des Dritten Reiches nur verschärfte Pressionen der Finanzämter und den Kleinkrieg zwischen ihnen und den Ablief erungs- und Prels- prüfungastellen. denn es herrscht in sehr weiten Gebieten schon ein Kampfzustand zwischen den Bauern und den Behörden und noch mehr zwischen Bauern und den verschiedensten Parteiinstanzen. Während des Krieges haben die Bauern einen Teil ihrer Erzeugnisse der Zwangswirtschaft entzogen, »»Eine Schuld denfsdier Frauengüte" Dicht neben dem Gestirn des Schlageter- Dichtcrs Hanns Jobst glänzt in der deutschen NazHltaratur Hsinz Steguweit, ein In den System jähren arg verkannter Lyriker und 1 Romanomacher. Jetzt ist er ein arrivierter Nazi: Feuilletonchef des»Westdeutschen Beobachters«, Vortragsreisender mit hohen Honoraren, und seine Bücher zählen zu denjenigen. die zu kaufen zu den Zeichen guter Gesinnung gehört. Neulich hat ihm der Chefredakteur des»Hannoverschen Kuriers« öffentlich vorgeworfen, dieser Steguweit sei ein literarischer Konjunkturritter. Er hat darauf leidenschaftlich erwidert, daß er je und je glühender völkischer Nationalsozialist gewesen sei. Jedenfalls hat ihn das früher nicht gehindert, mit Juden frsundschaftlichen Verkehr zu unterhalten, Wohltaten von ihnen entgegenzunehmen und sich sogar recht artig dafür zu bedanken. Wir stellen zum Beweis folgenden Brief des großen an tisemi tiechen Dichters an eine voll jüdische Frau zur Verfügung: Am 14. Schedding 1922. Hochverehrte Gnädige Frau! Gerne greift eine junge Menschenseele einen Faden der schnell verwelkenden Erinnerung auf; vor ein paar Jahren, es raste noch der Krieg, hatten Sie mich a uf V e r- anlassung eines Freundes meines Vaters, Herrn Hugo Heller (jüdischer Direktor eines jüdischen Unternehmens. D. R.) im Lazarett zu Marburg besucht, damals lag das Grauen Flanderns hinter mir und die ersten Heimat- blumen konnte ich von Ihnen empfangen; ich war damals recht müde und stumpf, da draußen war's halt bitter enwt, heute wo ich mir nach ruhlosem Uterarischen Schaffen einen Namen im Rheinland erkämpft habe, glaube ich in etwa eine Schuld deutscher Frauen- güt« ausgleichen zu könnea daher gestatten Sie meine Bitte, mitfolgende kleine Buchepende nach Ihrem Hause senden zu dürfan. es ist ein Stück licbtkämp- fende Sesle, ein Jawort der Herbe des Lebens und eine Niederschrift meiner letzten Bekenntnisse zur hoben Ethik. Vlei- leiobt läßt Ihr Bücherbord einen kleinen Raum für das Werkchen zu. Endlich bitte Ich die besten Empfehlungen von Frau und Eltern zu genehmigen,, meinerseits ihren sehr verehrten Herrn Gemahl unbekannterweise von Herzen zu grüßen. Hochachtungsvoll ergebener Heinz Steguweit. »Die Uchtkämpfende Seele«, die eine jüdische Frau geradezu andichtet, weil deutsche Frauengüte durch eine Jüdin die ersten Heimatblumen an das Lager des Verwundeton im Lazarett bracht«, weiß jetzt in den Nazizeitungen über die Juden nur als rassisch« Un- termensebentum zu schreiben. Die jüdische Familie aber, die Heinz Steguweit von ganzem deutschen Herzen anschwärmte, lebt nun im Exil, um sich vor den Steguweitsehen licht- kämpfenden Seelen in Sicherheit zu wissen. well sie diese nicht begriffen und hintenherum höhere Erlöse haben konnten. Die Aussicht, höhere Verkaufspreise zu erlangen, ist natürlich auch jetzt ein Grund für die Beteiligung der Bauern am Schleichhandel. Anders als im Kriege kommt aber jetzt hinzu, daß sehr viele Bauern sehr bewußt gegen die behördlichen Anordnungen aus politischer Opposition passiven Widerstand leisten und die Maßnahmen sabotieren. Man haßt und verachtet die Par- teibonzokratie, am meisten die Uniformier- ten, die sich mit hohen Gehältern in die verschiedenen ländlichen Wirtschaftsstellen eingenistet haben. Der passive Widerstand erstreckt sich auch auf die nationalsozialisti- 1 sehen Veranstaltungen. Man bleibt ihnen fern. Ist das nicht möglich, so hört man sich das Reden ruhig mit qualmender Pfeife an, 1 spuckt ab und zu mal kräftig auf den Boden und sieht zu, wie am Schlüsse die SA und die Hitlerjugend pflichtgemäß Beifall klatschen. Der Antisemitismus war auf dem Lande nie so gering wie jetzt. In den katholischen Landes teilen, wo der Zorn wegen der' Klrchenverf olgung zu den wirtschaftlichen Aergernissen hinzutritt, machen die Bauern aus ihrer Sympathie und Solidarität mit den wenigen Juden, die noch vorstreut auf dem Lande leben, kein HehL Den Kampf um die Seele des deutschen Bauern haben Hitler und Darrö verloren, aber, wie alle anderen oppositionellen Volksteile sehen auch die Bauern noch keinen Ausweg und keine neue Führung. Stimme aus dem deutsdieo EnternehmeHum Wie aus Luxemburg berichtet wird, hat dort der frühere deutsche Reichatagsabgeord- nete aus der Zentrumsfraktion, Clemens Lammers, über»Be ruf ständischer Gedanke und Unternehmertum« gesprochen. Herr Lammers ist eine international führende Persönlichkeit der Großindustrie und zugleich ein Mann, der im deutschen Katholizismus, auch als Wirtschaftsberater des Episkopats, einen erheblichen Einfluß gehabt hat und gewiß auch jetzt noch nicht einflußlos ist. Daß er Uber den etwas nebelhaften »Borufsatändischen Gedanken« nichts zu sagen wußte, war keine Ueber- raschung. Wie steht nun dieser einstige deutsche Unternehmerführer zum Diktatursystem? Vorab: der Name Hitler kam in seiner langen Bede überhaupt nicht vor und erst recht auch nicht Herr Dr. Robert Ley. Bei aller Vorsicht der Formulierung ließ der Katholik Lammere spüren, daß er sich politisch von der derzeitigen Regierung distanziert, zumal sich nach seiner Meinung— das sagte er wörtlich—»die Dinge noch im Fluß befinden«. Uneingeschränkt aber, und das zweifellos aus ehrlicher Gleichschaltung, lobte er die»Ueborwlndung des Klassenkampf«« durch die Nationalsozialisten. Das Gesetz zum Schutze der nationalen Ar- 1 beit wurde von Herrn Lammers— übrigens unter Bezugnahme auf die sozialpolitischen päpstlichen Enzykliken— hoch gepriesen, und er fügte ausdrücklich hinzu, das sei die Meinung dos deutschen Unternehmertums. Auch die Vertrauensräte erhielten eine etwas gönnerhafte gute Zensur, während das frühere Betriebsrätegesetz als ein Instrument des Klassenkampf« sehr schlecht wegkam- Er bezeichnete gerade die MitbestimmungB- rechte für die Arbeiter schlankweg als»Unfug«, feierte die Betriebsdiktatur des Unternehmers, der sich aus der Gesinnung wandeln müsse, und merkte nicht ein bißchen, ria(i er so in den alten etwas patriarchalisch umkleideten Klasse nkarapf von oben hinein geriet. Große Sorgen hat aber Herr Lara- mers um die deutsche Jugend. Daß sie, nach Herrn Lanuners, vom»Liberalismus« nichts mehr wissen will, findet er natürlich ganz In Ordnung, aber sie hat leider auch kein rechtes Verständnis mehr für die Bedeutung des freien Unternehmertums, redet despektierlich von Geldeäcken und dicken Zigarren, und es ist noch nicht ganz heraus, ob sie mehr zum christlichen Solldarismus oder zum sozialistischen Kollektivismus neigt. Jedenfalls versichert Herr Lammers glaubhaft und nicht ohne Bekümmernis, daß sie nicht mehr bürgerlich denkt und strebt, und das sogar in alten geldgescgneten Untemehmer- familien! Die Jugend wolle etwas Neues aus eigenem Wollen. In der»Masse«, die den Kapitalismus ablehne, dürfe man nicht mehr nur die Arbeiter sehen, sondern müsse ihr auch die in Krieg und Inflation herangereifte Generation hinzurechnen. Diese Jugend glaube an den Geist der nationalen Solidarität und an seine Verwirklichung, wolle auf Grund der völkischen Eigenart auch die internationale Verbindung und werde so der ganzen Weit noch zu schaffen machen. Elegisch empfahl Lammers als einzig« Rettungsmittel den tiefsten Sinn des Christentums: Einer diene dem andern und das Hingewandtsein zum Nächsten. Aus der gegenseitigen freundschaftlichen Hilfe müsse die Gesundung kommen. Von Rechten und Kontrakten zugunsten der Arbeiter im Wirtschaftsleben ist Herr Laramers kein Freund, und er bemühte zur Stütze für seine Theorie den schon seit Goethes Zeiten seiigen Justus Moser. Uns scheint die abgeklärte Weisheit des Herrn Lammers und seiner Unternehmerfreunde kaum ein Mittel zu sein, um den Sturm und Drang der revolutionären deutschen Jugend zu bändigen. Einen nachdenklichen Satz des Herrn Lammers wollen wir noch wörtlich zitieren:»Was wir heute für selbstverständlich halten, uns der Staatsgewalt so weitgehend zu fügen, das hätten wir früher nicht für möglich gehalten.« Ist das nicht zugleich eine Kritik an vergangener sozialistischer Politik und eine Mahnung für die zukünftige? IViedere Instinkte des Weilinadifsmannes Neben den bunten Glaskugeln am Chrlst- baum hangen früher auch allerlei liebliche Dinge aus Marzipan(auch Schinken und Würste), ohne daß man deshalb auf staatsfeindliche Gedanken kam. Jetzt ist das anders. Wie wir dem»Westdeutschen Beobachter« vom 16. Dezember entnehmen, tut sich in Köln folgend«: »Wenn man heute durch die Straßen unserer lieben Vaterstadt geht und sich dabei die Auslagen der Geschäfte der Süßwarenbranche besieht, dann sieht man, daß in der letzten Zeit verschiedene Geschäfte In einer geradezu geschmacklosen Art und Weise die leider augenblicklich bestehende Fettknappheit, deren Ursache zu bekannt ist, um nochmals eingehend erörtert zu werden, zum Anlaß nehmen, um damit Geschäfte zu machen. Möglichst auffallend werden aus Marzipan beigestellte Waren wie gute Butter oder geräucherter Speck in die Auslage gebracht und mit dieser Bezeichnung ausgestellt. Der Zweck ist eben so durchsichtig wie verwerflich: man appelliert an die niederen Instinkte derjenigen Volksgenossen, die in der Verknappung dieser Lebensmittel einen willkommenen Anlaß sehen, abfällig Uber die seitens der Reichsregierung in Ernährungsfragen getroffenen Maßnahmen urteilen zu dürfen, und ihre eigene unmaßgebliche Meinung über diese Dinge, wenn nicht bestätigt zu finden, so doch wenigstens durch Mitbringen solcher Geschenke gleichgestimmte Seelen»sinnig« erfreut zu haben. Man komme auch nicht mit der Ausrede, das habe es immer schon gegeben, besonders jetzt zur Weihnachtszeit- Gewiß hat es das schon gegeben, aber bei weitem nicht in dieser Art, wo man die Absicht leicht erkennt...« Der Weihnachtsmann gehört ins Konzentrationslager, zumal auch sein Lied»O du fröhliche, o du selige...« eine klare und offene Verhöhnung der Zustände im Dritten Reiche ist. Ein ladierlldies Theater Man hat nun endlich einen nationalsozialistischen katholischen Bischof. Allerdings nicht den Frei burger Dr. Groeber, der auf dem besten Wege war, sich mit dem Nationalsozialismus zu verständigen, wenn dieser ein wenig gewollt hätte, sondern nur dl® Karikatur ein« katholischen Bischofs, den Altkathoüken Kreuzer. Er hat nicht nur einen staatspolitischen, sondern einen parteipolitischen Treueid auf den»Führer« abgelegt. und« ist ihm deshalb durch den Reichsminister Kerri bei der feierlichen Handlung versichert worden, nun könne der Segen nicht ausbleiben, Uebcr den Umfang der alt- katholischen Sekte in Deutschland verriet man aber nichts. In Wirklichkeit ist der »Bischof« nichts ander« als der Vorsitzende und Geschäftsführer ein« winzigen religiösen Verband«, im Vergleich zu dem die Heilsarmee in Deutschland noch ein gewa'tiger Organisationskörper ist. Aus genauer Kenntnis wissen wir, daß die ganze»Kirche« in Deutschland noch aus etwa 15.000 Seelen besteht, die auf rund 50 Pfarreien, zum Teil sehr winzige, verstreut sind. Der Altkatboli- zismus ist im ständigen Rückgang und hat auch in den letzten Jahren trotz Adolf Hitlers Segen keinen Aufschwung erieben können. Die Altkatholiken haben sich seit jeher der Unterstützung deutscher Staatsmänner, Bismarcks zum Beispiel, erfreut, soweit man glaubte, eine Nationalkirche schaffen zu können. Der Erfolg sind in fast hundertjähriger Arbeit 15.000 Altkatholiken im ganzen Reich. Auch jetzt werden diejenigen, die sich vom Katholizismus abwenden, nicht bei einem I romfreien Ersatzkatbolizismus stehen bleiben. Daß der Kirchenminister Kerri aus der Eidesleistung d«»Bischofs« einer hoffnungslosen Splittergruppe eine solche Wichtigkeit 1 macht, spricht nicht gerade für Sieg«Sicherheit in seinen Kirchenkämpfen. Hann« Wink. Kein Zwang Den nationalaoziaUstischan Zeitungen scheint es wieder einmal bundaschlecht zu gehen, denn der Beichsinnenminister hat soeben seinen— zigsten Zeitungserlaß an die deutschen Beamten herausgegeben. Darin heißt es: »Der Beamte ist dem Führer und Reichskanzler Adolf Hitler durch den Eid, durch den er ihm Treue geschworen hat, zu unlösbarer Gefolgschaft verbunden. Nichts kann den Beamten aber über den Willen des Führers gerade in den gegenwärtigen Zedtverhältnlaaen eingehender und lückenloser auf dem laufenden halten als das Organ zur Verlautbarung sedner Absichten und Ziele: die nationalsozialistische Tagespresse. Ich halte es deshalb für selbstverständlich. daß jeder deutsche Beamte sich die Möglichkeit verschafft, ständig die nationalsozialistische Presse zu lesen, und auch davon täglich Gebrauch macht. Dabei ist an erster Stelle das alte Kampfblatt der Bewegung,»Der Völkische Beobachter«, zu nennen. Ein Zwang darf jedoch auf die Beamtenschaft nicht ausgeübt werden.« Natürlich nicht! Wer hätte auch anzunehmen gewagt, daß hier der Eher-Verlag wieder mal mit Hilfe d« Herrn Innenministers eine seiner üblichen Erpressungen begehen wolle? trage des Führers mitgeteilt, daß in einer Neuauflage des Buch«(fiese Stellen»ausgemerzt würden«... Mißverständnisse überall..! Zwischen China und HiUerdeutsobland ist ein Konflikt ausgebrochen. Dar Berliner chinesische Gesandte hat bittere Beschwerde geführt, wcU in»Mein Kampf« das chinesische Volk an mehreren Stellen als»rassisch völlig minderwertig« bezeichnet wird. Herr Funk hat Hitlers Beschimpfung der Chinesen als ein—»Mißverständnis« erklärt und im Auf- Gestfapo dient Streicher Die Gestapo hat In den letzten Tagen bei verschiedenen großen jüdlsoben Modehäusern in Berlin Einsicht in die Kundenkonten genommen, um festzustellen, wer heute noch in Jüdischen Häusern kauft. Ein Gesetz, das dies« Vorgehen auch nur Im entferntesten rechtfertigt, gibt es auch heute noch nicht in Deutschland. »Inerwünsditcc Wie die»Allgemeine Musikzeitung« mitteilt, sind in Deutschland alle Musikkataloge, die Schöpfungen jüdischer Komponisten wie Mendelssohn, Offenbach, Meyerbeer usw. enthielten. beanständet worden. Auf die Anfrage d« Deutschen Musikalienverioger-Vereins, ob die Einstellung der Werbung von jüdischen Komponisten geboten sei, entschied der Präsident der Reichsmusikkammer, daß»wogen der ovenbueUen wirtschaftlichen Schädigung der Verlage ein sofortig« Verbot nicht ausgesprochen wird, daß aber in Zukunft jed« Anbieten von Werken nicht gewünschter Komponisten zu unterbleiben bat« B« gibt in Deutschland verbrannte, verbotene und»nicht gewünschte« Werke. Die Verbrannten dürfen nicht erwähnt die Verbotenen nicht gehandelt und die Unczwünechten zwar unter Protest geliefert, aber nicht angeboten werden. Dann gibt ee noch die Gewünschten, für die jed« Reklame gemacht werden darf und soll, die aber keiner kauft. So gedeiht denn das deutsche Verlagswesen munter und stetig. Has Wlrtschafislahr 1935 Der Einfluß der Staatsmadbt auf die Oekonomle Das Wesen der Krise Das Jahr 1935 wird, wenn nicht alles trügt, in der Wirtschaftsgeschichte als das Jahr verzeichnet werden, in dem für große und entscheidende Teile der kapitalistischen Welt die schwerste Krise in der Geschichte des Kapitalismus zum Stillstand gekommen und eine deutliche Wiederbelebung sichtbar geworden ist. In der Beurteilung der Krise sind von Anfang an zwei entgegengesetzte Fehler Von Dr. Bichard Kern. 4 zu machen, auf den die gesellschaftlichen, derungen erfahren hatte, denen sie sich nur Kräfte oder Teile derselben nur mehr 1 allmählich und krisenhaft anpassen konnte. mittelbaren und stark abgeschwächten i Ohne auf Einzelheiten hier eingehen zu Einfluß üben können.| können, sei nur erinnert an die rasche ■ Die Wirkung des Krieges und der I Industrialisierung bisher rückständiger wachsende Eingriff der Politik in die| Länder, an die Zerreißung aiter wirtökonomische Gesetzmäßigkeit müssen also i schaftlicher Zusammenhänge, an die Ent- in erster Linie berücksichtigt werden, j stehung neuer Staaten, aber auch an die wenn man zu einem wirklichen Verstand-' während des Krieges erzeugte Disproportionalität zwischen den Wirtschaftszweigen, der Ueberexpansion der Kriegsindustrien einerseits, des Zurückbleibens aller anderen und insbesondere der Konsumindustrien andererseits, Zu diesen grundlegenden Acnderungen der Produktions- und Absatzverhältnisse fügte nun der Krieg noch die Zerstö- nis der wirtschaftlichen Situation gelangen will, und jede Analyse bleibt unvollständig und mangelhaft, die aus rein ökonomischer Gesetzmäßigkeit den Abgemacht worden. Die einen wollten in ihr lauf zu konstruieren versucht. Denn in nur eine der typischen zyklischen, in acht- j Wirklichkeit ist die Krise, die 1928/29 bis elfjährigen Perioden wiederkehrenden einsetzt, noch eine Liquidations- Krisen des Kapitalismus sehen, die sich krise des Krieges, und gerade ihre von den früheren nur durch ihr Ausmaß hervorstechendsten Merkmale sind ohne rung des Geld- und Kreditunterscheide. Andere, die sich dabei auf den Einfluß des Krieges gar nicht zu er- mechanismus hinzu. Die Zerstörung ihre vorgebliche �marxistische« Erkennt- klären. S überdauerte den Krieg, und die erste nis beriefen, erklärten diese Krise als eine jj j Nachkriegsperiode war mit den Versuchen Krise in Permanenz, als letzte Krise des' j ausgefüllt, allmählich zu stabilen Währun- niedergehenden Kapitalismus, der jetzt Der Einfluß des gen und zur Wiederherstellung der Kredit- endgültig in seine letzte Phase eingetreten WirlsdiaftsnatlonaHsmuS Beziehungen zu gelangen sei. Ungeheure Arbeitslosigkeit, fort- Die ungeheure Aufhäufung zuerst der schreitende Verelendung der Massen, D®1- schwere Charakter der Krise war politischen Schulden, dann der Wiederauf- Stagnation der Produktion werde diese zunächst bedingt durch das Z u s a m- baukredite führten zur Errichtung eines Zeit auszeichnen. Nur ein faschistisches menfallen der Agrar- und Roh- Kreditgebäudes, das einer schweren BeRegime werde stark genug sein, um die stoffkrise mit der Industrie- lastung nicht gewachsen war. Während in Empörung der Massen niederzuhalten und krise. Die Agrarkrise ist aber keines- typischen europäischen Krisen seit den Kapitalismus zu retten. Aber der Zu- wegs eine Erscheinung, die sich aus der Mitte des 19. Jahrhunderts Währungs- sammenbruch der kapitalistischen Wirt- Eigengesetzlichkeit der kapitalistischen knsen völlig unbekannt waren, Geld- und schaft bleibe auch dann zumindest eine Oekonomie herleitet. Im Verlauf der tno- Kreditkrisen keine entscheidende Rolle »Chance« für das Proletariat, dessen| dernen kapitalistischen Entwicklung hat spielten, war die Weltkrise in ihrer Inten- Machtergreifung erst wieder die stagnie- 63 nur eine Agrarkrise von größerer In- sität und in ihrer verwüstenden Kraft gerende Wirtschaft zu neuem Leben er- iensität und längerer Dauer gegeben, die- raDu und Kerkerqualen? Ihr wurdet von euren Gegnern nach mildestem Gesetz und Recht behandelt, eure Haft war Erholung— dafür erfandet ihr für eure Gegner die hündischste Folteret. Eure Erfolge? Auf dem Straßen steht der Hunger Schlange..■< Schweigen mußten sie und Streicher strahlte. In Dachau wird weiter gefoltert, in den Bunkern stöhnen die Gequälten— fünfzehn Fredgelassene mußten Stretchers Hohn widerspruchslos schlucken, mußten ihm aus der Hand fressen, denn in den Augen ihrer Frauen flackerte die Angst. Sie gedachten der Zinksärge, der Erschlagenen, Verscharrten, zu Tode Gequälten, die Schatten der Toten standen hinter den Stühlen der Fredgelasaenen, in ihren Ohren tönen noch die Schreie der Gemarterten— da hörten sie edne fettige Stimme:»Na Kinder, seid lustig und erzählt mal was vom KZ. War wohl ne zackige Zucht, was?«— Und der Feiste strahlt in seinem Fette. Wieder rocken empörte Fäuste, möchten In die breite Sadistenfresse schlagen, aber die Gesichter müssen lächeln. Maul- halten oder zurück in die Hölle. Daheim verdorren Frau und Kind. So verlumpt ist dies offiziöse Deutschland, daß der Münchner Sender dieses Zwangsmahl eine»besonders hochherzige Weihnächte- und Versöhnungstatc nannte... Hier hören die Begriffe auf, hier sind nur noch IHiustrationen zuständig. Als ein Opfer des Königssteiner KZ, der Parteilose Max T., nach wochenlanger Quälerei zer- sclmnden und zersdhlagem im Krankenhaus lag, tauchten bei seiner Frau eines Tages zwei seiner Schinder in SA-Uniform auf: »Is der Max da? Nee? Mir woJltn mal be- suöhm. Hamm mir mit dem ein Spaß gehabt in Königsstein! Was der alles hat machn müssn! Verdammich. Schade, daß er nlch da is...< So die Schüler. Einer ihrer Meister schmaust Inmitten seiner Opfer, im Hintergrund der brennende Christbaium mit Wedh- naohtsengel:»Kinder, wer jetzt noch nicht bekehrt is, der kriegt von mir sogar ein Frei- billet nach Rußland!« Was sollen uns Caligula, Nero und verwandte irrsinnige Blutsäufer! Hier versagen alle historischen Vergleiche. Denn die römi- sohen Cäsaren leugneten wenigstens vor der Welt nicht, daß sie gefangene Menschen wilden Bestien vorwarfen; sie rühmten sich auch keines Christentums und spielten keine gotteslästerlichen Weih nach tskomödien. Sie waren recht primitive Sadisten— Europa hat sich inzwischen an ganz andere Perversitäten gewöhnt. Sozialismus- das Wort! Eine säkulare Erinnerung Die säkulare Erinnerung an das Jahr 1835 weist im allgemeinen keine Daten auf, die sich auf den Tafeln der Weltgeschichte fest eingeprägt haben. Immerhin gibt es in diesem bewegten Jahrhundert überall historische Haltepunkte, wichtig genug, um im Wandel der Ereignisse und Erscheinungen der Vergessenheit entrissen zu werden. Im Jahre 1835 begann sich der deutsche Zollverein mit der Ueberwindung der Einfuhr- und Durchfuhrabgaben zu entfalten, die dem deutschen Frühkapitalismus den Weg ebneten, während das politische Deutschland noch unter der Obhut seiner 36 Monarchen schlief. Zwischen Nürnberg und Fürth wurde die erste deutsche Eisenbahn dem Verkehr übergeben, zum Entsetzen eines bayrischen Medizinalkollegiums, das den waghalsigen Passagieren heftige Ge- sundheitsschäden mit Atembeschwerden prophezeite. In Trier hatte der junge Karl Marx gerade sein Abiturientenexamen bestanden und bereitete sich darauf vor, an der Berliner Universität den preußischen Staatsphilosophen Hegel zu hören. In England entfaltete sich eine industrielle Hochblüte unter der Manchesterlehre. Schon wurden die ersten oppositionellen Arbeiterblätter, die den großen Chartistensturm vorbereiteten, unter den Massen verbrei- teL In Frankreich stritten sich die verschiedenen Sekten der sozialistischen Utopisten aufs heftigste miteinander, weil jede den einzig wahren Zauberschliissel 'zum kommenden gesellschaftlichen Paradies zu besitzen glaubte. Einer dieser Utopisten war Henri de Saint-Simon. Am Ende eines abenteuerlichen Lebens wollte er die Mitwelt endlich zum»Neuen Christentum« bekehren, wie sein wichtigstes Buch hieß, unter leidenschaftlichen und ehrlich gemeinten Anrufen der politischen und sozialen Moral. Als er 1825 gestorben war, ! setzten seine Schüler, im Vordergrunde Bazard und Enf antin, die Verkündigung seiner Erlösungsrezepte fort Ihr Publikationsorgan war die für die Geschichte der Sozialideen in Frankreich wichtige Zeitschrift»G 1 o b e«. Und in eben dieser »Glober. veröffentlichte vor genau 100 Jahren ein unbedeutender Schüler des großen Saint-Simon namens Jonciere, dem selbst die größten französischen Nachschlagewerke nur wenige Zeilen widmen, einen unbedeutenden Aufsatz. Aber darin war zum ersten Male in der Ideengeschichte das Wort Sozialismus(Socialisme) zu lesen. Dazu bedurfte es keiner besonderen Erfindungsgabe und kraftvoller Intelligenz, denn dieses Wort lag angesichts der geistigen und politischen Auseinandersetzung des damaligen Frankreich in der Luft. Aber dieses Wort— es hat die Welt erobert, kraft der von ihm umschlossenen Idee. Es bewegt die Herzen und die Köpfe von Millionen, In ihm lodert der Feuerbrand, der in unendlichen Verwandlungen, ja selbst noch in seinen Entstellungen und Mißbräuchen, Gegenwarts- und Zukunftsgeschichte der Menschheit bedeutet. * Von den Kämpfen um den»Begriff«, um die Definitionen, was unter Sozialismus zu verstehen sei, welche Gedanken um die Gesellschaft, welche Wünsche um ihre Neuordnung er umfaßt, davon zeugen ganze wissenschaftliche Bibliotheken. Die babylonische Sprachverwirrung der europäischen Menschen hat das übrige dazu getan. Welch ein Wechsel der weltanschaulichen, geistigen und politischen Standorte, von dem aus Sozialismus als Vorstellung und Wille verwirklicht werden sollte! Jonciere, der Worterfinder, verstand vor hundert Jahren unter Sozialismus ein von echter christlicher Demut gesegnetes Zukunftsgebäude der Gesellschaft, durch dessen Tor zunächst die Privilegierten und Erleuchteten Eingang finden müßten, ehe die Masse des niedrigen Volkes nachkommen könnte. Wie sein Lehrer Saint-Simon, griff Jonciere die Fürsten, die offizielle Kirche und die exklusive Aristokratie an, mit den gleichen flammenden Worten; »Hört die Stimme Gottes, die aus meinem Munde zu Euch spricht: Werdet wieder gute Christen! Vereinigt Euch im Namen des Christentums und erfüllt alle die Pflichten, die es den Mächtigen auferlegt; wisset, daß es diesen befiehlt, alle Kräfte der möglichst raschen Steigerung des •Mialen Glflclos der Armen so widmen?... lir nennt Eiich ChrWrten, und nocb grüntet Ihr Eure Macht auf die physische Gewalt. Ihr seid lediglich die Nachfolger Casars und yergeßt, daß die wahren Christen als Zweck ihres Wirkens die vollständige Vernichtung der Macht des Schwertes, der Macht C Saara und dli Gewalt wollt Ihr zur Grundlage der sozialen Organisation macben!< Diese Gottgläubigen waren zugleich Vemunftgläubige. Die Natur habe— über diese Probleme erhitzten sich vor hundert Jahren die Köpfe der sozialistischen Utopisten— den Menschen mit dem Adel der Gleichheit ausgestattet und ihn nicht in Kasten, Klassen, Rassen, Korporationen und Kategorien, nicht in Herren und nicht in Lastenträger abgeteilt. Hundert Jahre später erlebt ein großes Volk den»Sozialismus der Tat« durch Niedertrampelung der Natur und der Vernunft. Was einst auf Engelsfüßen oder auf Grund der natürlichen menschlichen Bestimmung Gestalt werden sollte, marschiert heute in braunen Stiefeln durch ein Meer von Blut und Tränen... * Keiner hat das, was man zu seiner Zeit landläufig unter Sozialismus verstand, schärfer abgelehnt als Karl Marx. Keiner hat die utopischen Vorläufer des modernen Sozialismus unter dem Appell seines Gewissens heftiger bekämpft als er. Jeder Blick ins Kommunistische Manifest lehrt, daß es keineswegs paradox ist, wenn man ihn als den Begründer der wissenschaftlichen Kritik am Sozialismus bezeichnet. Kapitel von beißender Ironie, gerichtet gegen die utopischen Sozialisten und gegen alle, die schon damals das schnell populär gewordene Wort zur geduldigen Kulisse benützten, zeugen davon. Ihm, der von der Erforschung der Bewegungsgesetze der kapitalistischen Wirtschaftsordnung ausging, waren die wohlmeinenden bourgeoisen Philantropen, die Sektengründer des exklusiven Intellektualismus, die vernünf tierischen Konstrukteure gesellschaftlicher Paradiese im tiefsten zuwider. Vor allem aber haßte er, was es schon damals gab, den spezifisch»deutschen« Sozialismus, den Schildhalter reaktionärer Interessen und romantischer Pfahlbürgered, In dieser protest- lerischen Auflehnung nannte er das große Dokument von 1849 nicht sozialistisches, sondern kommunistisches Manifest. Von nun an wurden Sozialismus und moderne Arbeiterbewegung voneinander untrennbare Begriffe. Vor allem aber sind jene Stellen von brennender Aktualität, die dem »deutschen« oder dem»wahren« Sozialismus gewidmet sind: »Das Gewand, gewirkt aus spekulativem Spinnweb, über- • stickt mit schöngeistigen Redeblumen, durchtränkt von liebesschwülem Gemütstau, dieses überschwengliche Gewand, worin die deutschen Sozialisten ihre paar knöcherne »ewige Wahrheiten« einhüllten, vermehrte nur den Absatz ihrer Ware beim Publikum. Der deutsche Soziallsmus proklamierte die deutsche Nation als die normale Nation und den deutschen Spießbürger als den Normalmenschen. Er gab jeder Niedertracht desselben einen verborgenen höheren sozialisti- sehen Sinn, worin sie ihr Gegenteil bedeutete. Er zog die letzte Konsequenz, indem er direkt gegen die»roh- Heinrich Heines politische Hnchtoirknns Ton Dr. phll. Walter A. ßerendsohn. Lyngby*) Bei meinen Sammlungen und Studien über die Nachwirkungen Heinrich Heines im germanischen Norden mußte mir das Problem aufstoßen, wie denn überhaupt ein Dichter einen dauernden Platz in der Weltliteratur gewinnt. Im vorliegenden Fall, beim Dichter des»Buches der Lieder« scheint die Antwort leicht und selbstverständlich: die Lyrik des jungen Menschen, der dem Llebeslcdd und dem Weltschmerz neuen, mit Ironie durchsetzten Ausdruck gab, hat überall die jugendlichen Herzen erobert, sie wurde unterstützt durch zahlreiche wundervolle Kompositionen, die»auf Flügeln des Gesanges« seine Worte über alle Grenzen trugen. Diese Auffassung ist zweifellos für den Anfang richtig; der erste Weltruhm Heines beruht auf einem Band Gedichte, und wenn man heute seinen Namen nennt, ist das»Buch der Lieder« in aller Gedächtnis fest damit verbunden. Man kannte meinen, daß alles andere demgegenüber von geringer Bedeutung gewesen ist Ich halte diese Auffassung, die weitverbreitet ist unter all denen, welche so gern Kunst und Dichtung ganz und gar losgelöst betrachten vom politisch-wirtschaftlichen Hintergrund, für falsch. Sie trägt viel dazu bei, Heines Gestalt die Gradheit und Festigkeit zu rauben, die sie in Wahrheit trotz aller menschlichen Schwächen besitzt. Zunächst ist darauf hinzuweisen, daß Heines Propa, beginnend mit seinen »Reiscblldern«, einen ebenso großen Einfluß, ja einen wedterreichenden ausgeübt hat als seine Poesie. In beiden Fällen wirkte der Inhalt auf die einen anziehend, auf die andern abstoßend; niemand aber konnte sich den Eindrücken und Einflüssen entziehen, die von der meisterlichen Behandlung der Sprache in Poesie und Prosa ausgingen. In diesem Sinne ist ganz zweifellos die gesamte literarische Kultur des Nordens von Heine durchsetzt und besonders die Journalistik ist ihm in ihren Anfängen zu großem Dank verpflichtet. Das Wachstum der Journalistik ist aber eng verbunden mit den politischen Strömungen der Zeit. Schon in seinen»Reisebildem« schlug Heine den aufrührerischen neuen Ton an. der das greifbare äußere Zeichen dafür ist, daß die Revolution in die Literatur etn- freiwülig war sein dauernder Aufenthalt in Paris nicht, wenn er auch im Jahre 1830 freudig dorthin eilte, um teilzuhaben an der neuen Freiheit. Er war Emigrant wie wir es heute sind. Es sind die deutschen Zustände, die ihn zum unaufhörlichen, immer schärferen Kampf reizen. Seine politische Dichtung und Journalistik ist ein ebenso organisches Gewächs aus der Verquickung seines Geistes mit seiner Zeit wie seine Liebeslyrik. Zwischen zwei Nationen stehend, selbst Jude, kann er im Praktischen bestenfalls Vermittlerarbeit leisten zwischen Deutschland und Frankreich. Das tut er eifrig. Aber wo es gilt, für Menschenrechte, für Freiheit und Humanität 201 kämpfen, da ist ein weites Feld für seinen beweglichen Geist, seinen scharfen Witz, sein spöttisches Lachen. In der dumpfen, scheinbar ruhigen Zelt vor dem Weltkriege neigte man dazu, diese Ideen als leere Schlagworte zu mißachten. Aber vielleicht versteht man in unserer Zeit der gewalttätigen Diktaturen, die alles gleichschalten um der Machtanhäufung willen, besser, daß es wertvolle Freiheiten zu verlieren und zu erkämpfen gibt Da Heine selbst nie einer Partei angehörte, keine feste politische Haltung gehabt, an praktischer Arbeit eines Volkes für die Gestaltung des politisch- wirtschaftlichen Lebens nie teilgenommen hat, ist es klar, daß sein Einfluß aufhören muß, wo die energische Beteiligung an praktischer Politik in einem Lande beginnt, Ueberau aber, wo eine revolutionäre Bewegung um die schlichten Menschenrechte kämpft oder wo eine Oppoeitionsgruppe die Freiheit erobern oder mehren wiU, da erlebt man ihn als Bruder Im Geiste, als lebendigen Zeitgenossen, lernt bei ihm che geistigen er hat sie überwunden und verspottet in sich! Waffen schärfen und führen. An ihm entdringt. Im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts entfaltete sich in Deutschland eine geistige Welt in Literatur und Philosophie, deren Gehalt man am besten unter dem Begriff Humanität zusammenfaßt. Sie ist nicht nur eine Angelegenheit der einzelnen Persönlichkeit, sondern stellt entscheidende Forderungen auch an die Neugestaltung des öffentlichen Lebens. Man denke an Kants Schrift »Zum ewigen Frieden«, Leasings»Emiiia Galotti«, Schülers Fredheitsdramen u. dgl. Das Ganze ist eine Paralellerscheinung zur französischen Revolution, nur daß sie noch nicht das politische Leben selbst in Bewegung setzt Aber über die Grenzen von 300 staatlichen Gebilden weg schafft sie doch Gemeinschaftsgefühl und gemeinsames Denken und bereitet so den Grund zur politischen deutschen Einheits- und Freiheitsbewegung des ganzen 19. Jahrhunderts. Nachdem man die Jugend in den Freiheitskriegen gegen Na� poleon gebraucht hatte, schlug man ihre freiheitlichen Forderungen in der Metternich- Zeit gewaltsam nieder. Die Predigt von Menschenwürde hatte man gelten lassen, die Begeisterung für die Freiheit, gegen die fremden Unterdrücker auch, aber nun wollte man keine Menschenrechte im politischen Leben gewähren. Die Poesie der Zeit, die Spätromantik, stützt die Reaktion oder ist unpoli tisch. »Das junge Deutschland« aber bedeutet die energische Abwendung von der Romantik, die Hinwendung zur Wirklichkeit, zugleich tritt die Religion zurück und die Kirche wird, als hemmend für die freiheitliche politische Entwicklung bekämpft; Politik wird Mittelpunkt des Denkens und Dichtens. In diesen Zusammenhang gehört Heine hinein. Gewiß hat ihn die Romantik genährt. Er hat viel von ihr gelernt und übeniommen, und draußen in der Welt. In ihm vollzieht sich unter Schmerzen die Wendung der Zeit. Es gibt wohlmeinende Verehrer seiner Kunst, die ihm ernstlich vorwerfen, daß er Deutschland verlassen habe. Er konnte es in der zündet sich das heilige Feuer, das man in den Wechselfällen solcher politischer Kämpfe nicht entbehren kann. *) Von dem Verfasser, der bis zum Hitier- umsturz Professor an der Universität Ham- dcutschen Stickluft nicht mehr aushalten, bürg war, ist soeben eine Schrift erschienen: Der deutsche Bund verbot alle seine Schrif- 1»Der lebendige Heine im germanischen Nörten, die erschienenen und die künftigen. Lange den.«(Dct Schönbergske Forlag, Kopenhagen. Zdt wäre er verhaftet worden, wenn er nreu- 5'50 dän- Kranen-) � vonstehende Auf- zeit waie er vernartet woraen, wenn er preu � Verfassers bildet keinen TeU dieses fj lachen Boden betreten hätte. Nein, so ganz( Buches, behandelt aber dasselbe Problem. destruktive« Richtung des Kommunismus i auftrat und seine unparteiische Erhabenheit über alle Klassenkämpfe verkündete.« Alles ist schon darin. Die Geißelung der irrationalen Gaukelei, die Anprangerung des Mißbrauchs und der Lüge, womit der»Sozialismus« im Dritten Reich des Nationalsozialismus realisiert worden ist. Marx erblickte im deutschen Nonnal- spießer mit der hintergründigen Rassenromantik die»süßliche Ergänzung zu den bitteren Peitschenhieben und Flintenkugeln«, womit die damaligen Regierungen die Arbeiterschaft regalierten. Heute liegen die»spekulativen Spinnweben« als würgender Strick um den Hals des deutsche® Proletariats. Marx, dem Sozialpsychologen von höchsten Graden, blieb nicht verborgen, daß die absoluten Herren zugleich vor zitternder Angst vor den Unterworfenen und vor ihren eigenen Kreaturen besessen sind. Aber man würde den sozialistischen Utopisten bitter unrecht tun, wenn man sie in innere Beziehungen zum Dritten Reich brächte. Denn es gibt eine u n a u s- löschbare geistige Verbindungslinie zwischen ihnen, die vor hundert Jahren ehrlichen Herzens ihre anklägerische Stimme erhoben, und ihrem scharfen Kritiker Marx. Ihre Maßstäbe waren die politische Freiheit und die bürgerliche Gleichheit, die Errungenschaften der großen Revoluiton. Die Saint-Simon, Fourier und Proudhon sahen, von welch verheerenden sozialen Folgen die»freie« Wirtschaft begleitet war und wie sehr sie von der gesellschaftlichen Unfreiheit der Maasen lebte. Ihre Proteste waren mit der Humanität im Bunde, mit dem Bekenntnis zur Wiederherstellung der menschliche® Geltung und der menschlichen Würde. Für ihren Widersacher Marx verstand sich alles Ethische in den Forderungen der Utopisten in bezug auf den Menschen von selbst. Kant, Fichte und Hegel haben das geistige und sittliche Menschensymbol verkündet, das Marx in revolutionärem gesellschaftlichen Umgestaltungswillen gegen seine Emiedriger wiederherstellen wollte. Damit gewinnt die Erinnerung an den bescheidenen Jonciere, der vor hundert Jahren das Wort Sozialismus zum ersten Male niederschrieb, ihren Sinn. Mit größerer Verantwortung als je zuvor steht der Sozialismus wieder vor den Anfängen: er sieht sich den Urt rieben der Gewalt, der Menschenverachtung und der Menschen- verniebtung gegenüber. Seine säkulare Aufgabe wird beherrscht vom revolutionären Kampfe gegen die braunen Schänder, die vor seinem Namen und vor seiner Idee den Galgen und das Blutgerüst aufgerichtet haben. Andreas Howald. Patrlotensdiwur Mein Vaterlaad, mir ist nicht bange! Ich übe einen neuen Trick: Steh ich nach Butter Hungerschlange, Lutsch' ich an einer Eisenstange. Eisen macht stark— Fett macht nur dick! Was man uns einst von Kalorien Und Vitaminen vorerzählt, Das sind Marxisten theori en! Wir danken Hitler auf den Knien, Daß seine Eisenkur uns stählt. Was Futter!— Wichtig sind Kanonen. Hat unser Volk nur Schießgewehr, Bekommt es Nahrung für Millionen: Denn füttert es mit blauen Bohnen Die andern Völker um rieb her! Die»große Zeit« von Vierzehn dämmert, So weit hat Hitler uns gebracht- Vom Schicksal werden wir gehämmert Bis zu dem Tag, an dam beläminert Das Volk aus seinem Rausch erwacht! Knax. Prügel, die sie redlich verdienten! Ernst Nieckisch und Rudolf Herzog erleben die Verwirklichung ihrer Ideale. Nachdem(fie»jüdische«, die»marxistlache« und die»pazifistische« Literatur genügend lange auf dem Scheiterhaufen des Dritten Reiches geschmort hat, suchen die Geist-Abdecker rund um Hitler neue Opfer. Ei sind jetzt, mangels anderer»Masse«, die Autoren dran, die formgerecht als Schrittmacher des regierenden und verwirklichten Nationalsozialismus im Deutschland der »Systemzeit«— mit oder auch ohne Talent — in die Literaturgeschichte eingingen. Als Geächtete dieser Kategorie wäre z. B. Möller van den Bruck zu nennen oder auch Ernst Jünger oder Frank Thieß- oder auch der Ullstein-Neoromancier Fallada. Herr Rosenberg und seine»Schrifttumsstelle« dulden als höchste Beckmesser- Instanzen des Dritten Reiches eben nur noch hakenkreuzkarierte Gesinnungswanzen im fünften Grad der Verkümmerung. Zwei Namen auf dieser neuesten Proskrip- ÜonaUste der»Schrifttumsstelle« tun freilich geradezu genießerisch wohl auf der Zunge des sonst unbeteiligten Gourmands für deutsches Geist-Menü; das sind die von Ernst Nieckisch und Rudolf Herzog! An ihrer»Affäre« mag man erkennen, wie die größte Ironie der Weltgeschichte auch immer Ihre höchste Gerechtigkeit darstellt. Dabei kann der eine als Prototyp der deutschen Schrif tstcllmacherei in Uebernationalismus auf politischem Gebiete gelten, der andere als sein Pendant für sogenannte Belletristik. Wer ist Ernst Nieckisch? Der ehemalige bayrische Volksachulmeister geriet im Verlauf des Weltkrieges ein bißchen aus der seelischen Balance. Jenes kann gewiß passieren und ist an sich auch noch keineswegs tadelnswert. Bedenklich wurde aber die Sache, als Ernst hinnen Halbjahreefrist rieh derart empormauserte, daß Räte-München keinen unentwegteren Sturmgeaellen als gerade Ihn kannte, den man an die Spitze des Zentralrates der Isar-Sowjet-Macht berufen konnte. Drei Jahre darauf schon aber war Ernst Nieckisch ein enormer Patriot Nimmermehr achlug er wie bisher, der preußi-, sehen Hydra des Militarismus(fie vorhandenen sämtlichen Köpfe ab: im Gegenteil! Ernst Nieckisch machte nun in»Schmachfrieden«. Emst Niockisch metzeite jetzt literarisch das » Sadistenvolk« der Poincarö und die»britischen Krämerseelen« nur so nieder.. Ernst Nieckisch war eben schon echter Nationalsozialist, als Adolf Hitler nocb hilflos an seinem»unabänderlichen Program m« knobelte. Um der historischen Gerechtigkeit willen verdient das klargestellt zu worden Jetzt hat ihm die bayrische Staatspolizei sein neuestes Werk»Die dritte imperiale Figur«(man sieht; selbst der»Mythos« ist bei Emst originär) auf den Index gesetzt. Deutschland ist in genau dem Geisteszustand, den Ernst für den normalen hält! Aber so viel Geduld und gütige Nachsicht, wie die gute Republik, hat mit Ihm besagter Geisteszustand gewiß nicht... Und wer ist Rudolf Herzog? Was Ernst im Versammlungslokal, ist Rudolf im Boudoir. Gehört jener mit einem monomanen Hurradoutschtum der ungewasoheoen Nachkriegszeit an, so ist dieaer ganz ondulierter und coiffierter Wilhelminismus, Schreibt jener für gewesene Baltikumer, so dieser für höhere Töchter. Rudolf Herzog hat einen neuen Roman dem Dritten Reich und Insbesondere dessen Reklame-General, dem »Sieger von Brezesiny«, dem totalitären Feldwebel Litzmann gewidmet. Das Opus heißt — buch, wie könnte es bei Herzog anders Helden She wir auf Gobbelß kommen, sei au ein Wort erinnert, daß G ö r i n g in seiner Hamburger Rede los ließ:»Schafft Charaktere, dann werden wir die Bewegung rein halt«!...< Woraus besteht im Dritten Reich das, was Göring einen Charakter nennt? Was soll er, was darf er? Zahlen, HSntopf easen, stramm stehen. Maul halten, keine eigene Meinung haben, Kameraden denunzieren— das Ist Nazicharakter, wie er schon bei den Du fieidfestkeUeU Budmom Seltsame Gewächse erblühen auf dem Bücherbeet des Dritten Reiches. Jetzt beschert die Jahreswende den ratlosen Käufern einen »neuen Büchmann«(Geflügelte Worte), der weder neu, noch geflügelt, weder gehauen noch gestochen ist- Wenn er erführe, was für ein Machwerk da unter seinem Namen segelt, der alte gründliche Philologe. Archäo- Pimpfen gezüchtet wird. Oder gilt das Vor- hüd des Püfcrers, auf den Göring pathetisch lo� W'1 Literaturkenner Dr. Georg Büch verwies? Das Vorbild der Führer? Autos, nxann Villen, Millionen, Wortbruch, Wehrlose quälen, Kameraden külen— Bei Wotan, eine Hochschule für Charakter. Göbbels will mehr, er verlangt Helden. Laut»Frankfurter Zeltung« erklärte er auf einer Tagung der Reichsfilmfach- schaft; »Das heldische Ideal werde im Film vielfach mißverstanden. Helden seien nicht immer nur Helden, sondern auch Men zornentbrannt aus seinem Grabe und liefe spornstreichs ins Propaganda- miuisterium. um Protest zu erheben. Denn von ihm schrieb sein bester Freund;»Nur der Lüge und hohlen Phrase oder der Unduldsamkeit gegenüber konnte er schroff werden.« Der soeben erschienene Hitler-Büch- m a n n wurde von Philipp Reclam jun. herausgegeben, einem einstmals anständigen und sauberen Verlag. In der Ankündigung liest man die Behauptung, der neueste Büch- sohen, und die Filmhelden sollten nicht mann sei»ein Volksbuch geworden« und wolle dauernd über Heldentum reden, sie sollten heldisch handel n.« »ein Schwert des Geistes« sein. Wir haben das Schwert des neudeutschen Geistes ge- An wen hält sich der handelnde Held im möchten es nicht wagen, mit die- D ritten Reich? An die Kührer? Siehe oben, auch nur eiri Theaterduell auszu- Villen. Autos, feiste Wänste, Leibgarden fechten Tag und Nacht. Am letzten Sammeltag| � Vorwort des Neubearbeiters Dr. Va- lehnte Göring immer an einer Hausmauer, j e r j u s Tornius heißt es; durch eine dreifache hufeisenförmige SS- Kette vom Volke getrennt; das Geld wurde, von der Kette bis zu dem Tapferen weiter; gereicht. Und Isidor? Auch er an sicherer Hausmauer. Bin sohmaler Gang, abgegrenzt durch SA-Reihen, führte zu ihm hin. So berichtete die DAZ. Nur ein Spender aufs Mal konnte durch diesen Gang, scharf beäugt von SA-Spalier. Woran also soll sich der Held halten? Ein HeldendarstelJer hats mal versucht, draußen in bescheidener Weise den Tapferen >... Endlich wurden in Uebcreinstim- mung mit den kulturpolitischen Richtlinien der Gegenwart die im Umlauf befindlichen Aussprüche nichtarischer Schriftsteller Im Textteil ausgeschaltet. Im alphabetischen Verzeichnis sind sie— da sie in Unkenntnis ihrer Herkunft noch vielfach verwandt werden — zum Zwecke der Aufklärung angeführt und als solche gekennzeichnet worden.« »Zum Zwecke der Aufklärung«— das bedeutet, jeder fügsame Deutsche soll vor geistiger Rassenschande gewarnt werden. Er soll, wie das Schlagwortregister lehrt, ktinf- weiter zu spielen. Es ist ihm schlecht bekam- _ T, 11•-v;„™ tig folgende Heinezitate vermeiden: nv»n Er war HauptdarsteUer in einem der,"_.._._ ersten braunen Filme, nämlich im»Hitler- jungen Quex«. Die Nazipresse rühmte das heroische Format des Darstellers. Er war sogar so heldisch, daß er seine Jüdischen Freunde partout nicht preisgeben wollte, mit »Du hast Diamanten und Perlen— Es ist eine alte Geschichte, doch bleibt äc ewig neu— Europamüde— Im wunderschönen Monat Mai-— Ich weiß nicht, was soll es bedeuten— Ein Talent, doch kein Charakter— Bin Narr wartet auf Antwort...« ihnen Tennis spielte, aus der Hitlerjugend und einige andere mehr. Auch die Börneflog, boykottiert und �bedroht wurde. as worte.»Vichts ist dauernd als der Wechsel« also darf Göbbels Held? und»Völkerfrühling« sind gestrichen und Das fragt sich auch der Hauptschriftleiter a1.rpng verpönt der Mainfrankischen Zc,tung... Wüi�burg.l un- wundert sich aber der lemwülige m sefiel ihm nddht. daß rund 400.000 Reichs- wenn er entdeckti �_ aUenfaUs mark. dtc kilrzMoh für die Opfer einer Brand- von � �_ Heine � Börne katastrophe gesammelt worden waren, für ,,.. _,v�.,,. offenbar die einzigen»Nichtaner« sind, von sein Würzburger Naziblatt verwandt® i.,»•» ®...,.- denen der gebildete und wohluntemchtete wurden. Er protestierte in einem vorsichtigen__°„ m, ,_T.., Buchmaimremiger Dr. Tormus]e m seinem Artikel mit der Ueberschrift:»Das Sammel-; T. f. jüdischen Leoen gehört hat Folgende Volljuden wur- J den von ihm in den Arierstand erhoben, und zu handeln, wenn wir gegen diese Auszeichnung prote- geid noch nicht an die Brandgeschädigten von Poppenroth a�eflüirt« er ging � Heß, � glauben � � er fuhr sogar zu Hitler. Resultat; fristlose Entlassung, Drohbriefe, er mußte t.tieren. verschwinden. Aufenthalt unbekannt. Der Ruf der Bonzerie nach Charaktern imd Helden ist ehrlich gemeint Sie aollen sich so zeigen, dag man sie greifen kann. Hinter den Mauern und Gittern des Dritten Reiches wimmelt es von Helden. 4ut! Drauf! Hurra! Am Wegesrand.die Blumen blühn. wenn Masch! nengeweh rkompagnien'gen Rußland ziehn— Auf! Drauf! Hurra! (Aus einem neuen SA-Lied.) Friedliche Inseltöne! Baruch Spinoza, der große jüdische Philosoph; Karl Beck. der deutsch-ungarische Kämpfer für die Befreiung des Proletariats— und der Juden; Karl Emil Franzos, in Galizien geboren, dessen bekanntestes Wort»Jedes Land hat die Juden, die es verdient«, von Tornius zwar unterschlagen, dessen Werk»Halbasien« aber als»ausgezeichnet« gelobt— oder vielmehr mit diesem Prädikat aus der alten Büchmann- Ausgabe übernommen wird; Loren zo(Da Ponte), der jüdische Text- verfaaser dreier Mozartopern CFigaros Hochzeit Don Giovanni, Cosi fan tutte), die in Streicherdeutschland noch heute aufgeführt werden; Rahel Varnhagen und ihr Bruder, der BütmenschriftsteUer Ludwig Robert; Der getaufte Jude Professor Friedrich Julius Stahl, von 1849 bis 1855 Führer der konservativen Fraktion im preußischen Herrenhaus. Von ihnen allen finden sich im Hitler- Büchmann geflügelte Worte..Sie wurden aus dem alten Büchmann sorglos, arglos und ohne die leiseste Vorkenntnis übernommen. Für ein Buch, aus dem, wie es in der Ankündigung heißt»die Zitate jüdischer Schriftsteller ausgemerzt wurden«, ist das eine gänz hübsche Liste. Zum Tröste der unzufriedenen Leser sei jedoch vermerkt, daß dafür einige Kernspriiche rein arischer Schriftsteller weggelassen wurden, die wohl nicht mehr»zeitgemäß« erscheinen. Der unschuldige Gustav Freytag z. B. wurde ganz von der Speisekarte gestrichen. Er war im alten Büchmann mit den Zitaten vertreten: »Er kann schreiben rechts, er kann schreiben links« und mit der Bezeichnung für minderwertige Zeitungsschreiber: »Schmock«. Tornius acheint sich seiner selbst und der gleichgeschalteten Presse geschämt zu haben. Noch begreiflicher Ist es, daß er den gleichfalls von Freytag in der»Verlorenen Handschrift« zuerst In deutscher Sprache gebrauchten Ausdruck »Cäsarenwahnsinn« wegläßt. Dem Judengenossen Gotthold Ephraim Lessing gar werden ein paar leuchtende Federn aus den Flügeln gerupft. Nebenbei tauft der Tornius diesen— im neuen Deutschland allerdings wenig bekannten— Dichter in»Gottfried« um!!! Man braucht, wenn man den Büohmann erneuern will, schließlich nicht jeden kleinen Schreiber der Weltliteratur zu kennen, nicht? Dieser »Gottfried« also hat mal in ein gewisses Theaterstück,»Nathan, der Weise« oder so, die Erzählung von den drei Ringen eingeflochten. Der alte Büchmann bringt daraus das Zitat; »Betrogene Betrüger«. Der neue bringt dieses Zitat auch— aber weiter hinten bei den alten Griechen! Porphyrxus, so hat der Neubearbeiter beim alten Büchmann gelernt, schrieb anno 300 mal die Worte:»Welche betrogen und selbst betrogen waren«. Darauf nun, so behauptet er frisch, gehe das geflügelte deutsche Wort vom betrogenen Betrüger zurück. Lessing Ist in keiner Weise daran beteiligt, denn der Nathan darf im Dritten Reich bekanntlich nur vom Kulturbunid aufgeführt werden. Deshalb mußte auch das Zitat: »Tut nichts, der Jude wird verbrannt« ausgerottet werden. Tut wirklich nichts, der Lessing wird auch verbrannt. Da es sich im ganzen angeblich um eine »Verknappung« handelt, sind viele Zitate beseitigt. Niemand glaube aber, daß etwa Unwesentliches weggelassen wurde und Wesentliches stehen blieb. Man gewinnt durchaus den Eüidruck: hier wurde blind gestrichen, hier wurde von einem Unwissenden und Ungebildeten mit dem Beil gehaust. Manche Zitate— neben den schon erwähnten— dürften immerhin nicht durch Zufall fortgeblieben sein. Etwa die folgenden: Revolution von oben(zuerst bei Schlegel) Es ist der Krieg ein roh gewaltsam Handwerk(Schiller Piccolomlni) Gestrenge Herren regieren nicht lange(an* dem Lateinischen) Das Stillschweigen der Völker ist eine Lohre für die Könige(Mirabeau). Wir könnten die Liste beliebig erweitern. Aber wir stellen gern fest, daß der Mann mit dem Beil auch verschiedene geflügelte Worte übrig gelassen hat. die für Meckerer eine reine FVeude sind. Z. B.: Allzu straff gespannt zerspringt der Bogen(Teil). Alle Räder stehen still, wenn mein starker Arm es will(Herwegh). Der Dichter steht auf einer hohem Warte als auf den Zinnen der Partei(Frei- ligrath). Die blonde Bestie(von Nietzsche auf den Deutschen gemünzt). Gedanken sind zollfrei(nach dem Lateinischen). Geben Sie Gedankenfreiheit!(Don Carlos). Auch von dieser Sorte gibt es mehr. Es wurde aufs Geratewohl ausgerottet, verstümmelt oder Gnade geübt. Und alle Kommentare sind, abgesehen von einigen Streichungen, sklavisch aus dem alten Büchmann übernommen. Neu sind nur ein paar»Führer- worte« am Schluß. Sie stehen alle auf der gleichen Höhe und sehen so aus: »Völkerschicksale wendet man nicht in Gla?6hanclschuhen.< »Mein Name, den ich mir aus eigener Kraft erwarb, ist mein Titel.« Man stelle sich das geflügelt vor! Die Bezeichnung»Arbeiter der Stim und der Faust« als Schöpfung des Herrn Göbbels hinzustellen, ist eine Verulkung aller Leute, die das Wort schon kannten, ehe Göbbels geboren war. Dagegen wird kein Vernünftiger die Weisheit: »Wissen ist Blei, Charakter ist Gold« für sich in Anspruch nehmen, Herr Schemm darf sich in den ewigen Jagdgründen getrost ihrer rühmen. Das wäre nun also so des deutschen Volkes neue Hauspostille. Sie wird eines Tages in der Reihe der Eüchmannausgaben eine große Rolle spielen— als Kuriosum, als abschreckendes Beispiel und als ein Beweis dafür, daß Hitler in Deutschland eine Zeit der Unbildung heraufbeschwor, eine Zeit der geistigen Verwilderung, wie sie schlimmer kaum gedacht werden kann. Kein Problem In der»Preußischen Zeitung« lesen wir: »Wenn schon die Frage der Jugenderziehung zu einem Problem zu werden beginnt, dann lassen gewöhnlich die ersten Anzeichen für einen Verfall nicht mehr lange auf sich warten.« Die neudeutschen Erzieher kennen in der Tat keine Probleme— sie sind selbst ein Problem. Schießen lernen und erschossen werden, das ist ihr Rezept für die Jugend des Dritten Reiches. Der Verfall kommt von selber nach. Der Reiter »Wir sahen gestern einen Arbeiter auf einem Pferd durch den Tiergarten reiten... Er ritt so sicher und so selbstbewußt, daß man an diesem proletarischen Reiter die ganze Größe des nationalsozialistischen Umbruchs ersehen konnte...< (Aus einer Berliner Wochenzeitung.) heißen?—»Uebers Meer Verwehte«: Falsch verschraubt zu sein, ist nämlich Rudolfs spe- ri fische Stärke. Seine deutschen Soldaten haben egal blitzblaue Augen, treue Schultern, zackige Schnurrbärte. Seine Regimentsfahnen sind grade so kugelzerfetzt, daß man immerhin noch die glorreiche Regimentsnummer ohne Brille erkennen kann. Seine Stabstrompeter blasen andauernd den markerschütternden Todeaklang von Mars la Tour, allerdings nach Noten. Bs gibt überhaupt nichts, was echt wäre an Rudolf Herzog; ob es sich nun um sein »rheinisches« Wesen handelt, das anscheinend daher rührt, daß er in Wirklichkeit im ganz kalvinistiscben Wuppertal geboren ist, ob er nun in einem Haus bei Unkel am Siebenge- hirge residiert, das aber gar kein Haus ist, sondern eine Burg, ob es seine silberne Dichterlocke ist, die zufolge der Bremischere täglich zustandezukommen scheint. Er ist das lebende Falsifikat! Aber ist es nicht auch eben das, was ihn unter allen Schreiberlingen Alldeutschlands zum Hauptverantwortlichen für die grenzenlose Verkitschung und Verwahrlosimg des deutschen Nationalgefühls macht? Es ist schwer zu berechnen, wie viel gerüttelt Maß Schuld die Heizogschen Roman- Verlogenheiten an Weltkrieg und allem, was ihm folgt«, getragen haben. Ohne diese maskuline Courths-Mahler Rudolf Herzog wäre, das steht fest, Hitler nie in der deutschen Mentalität möglioh geworden... Und ihm droht grade wegen seines letzten überpatriotischen Romans die Rosenbergsche »Schrifttumsstelle« sogar»geistiges Konzentrationslager« an! F. E. Roth. Familien-Chronik Der deutsche Untertan ist ein unerschöpfliches Objekt für Satiriker. Seit 1933 hat er einen neuen Kultus entwickelt: die Sippenforschung, die Religion der Ahnentafel. Die Chronik einer deutschen Sippe, erzählt Walter Mehring in einem satirischen Roman, betitelt: Müller(Gsur- Verlag, Wien). Nicht leicht für die Müllers, ihre Stammbäume bloßzulegen;es müllert bei diesem nicht gerade seltenen Namen ein bißchen durcheinander. Walter Mehring greift sich eine der unzähligen Seitenlinien heraus; sie gesht zurück bis in die Römerzeit und es ließ sich wohl leider nicht vermeiden, daß da so im I�aufe der Jahrhunderte allerhand fremdes Blut durcheinander kam. Nein, blond und blauäugig ging» dabei weiß der Himmel nicht immer zu. Und das ergibt denn eine nahezu komplette europäische Mischung— um kein härteres Wort zu brauchen— und einen typischen Stammbaum der»deutschen Rasse«. Aber die Wanderung dieser Müllers durch die Jahrhunderte entblößt gleichzeitig den Jammer der deutschen Geschichte. Man siebt sozusagen mit eigenen Augen, wie der preußische Untertan entsteht, wie er im Sumpfe despotischer Kleinstaaterei aufwächst. Als letzter Mannesap roß dieser Müller- sehen Sippe figuriert Dr. Armin Müller, Oberstudienrat zu Berlin-Dahlem, völkischer Prä- ceptor der Germanenkunde. Aber ach, gerade er verliebt sich als Kriegsverletzter in seine tüchtige jüdische Pflegerin, heiratet säe, treibt unentwegt Rassenschande, zeugt ein Kind und muß den Fehltritt in der Emigration büßen, nachdem dieser Vorkämpfer des Dritten Reiches einen verzweifelten Kampf um seinen im übrigen scheinbar arischen Stammbaum geliefert hat. Diese Sippenforschungen und das traurige Ende des Rasseverräters veröffentlicht Mehring. Wir befürchten trotzdem, daß die sinnreich-bittere Chronik im Dritten Reiche verboten wird, denn nichts j fürchtet dieses System mehr als Lachen und Gelächter über den pferdeapfelfarben gewordenen Untertan. Gleichfalls chronikartige Form hat der im selben Wiener Verlag erschienene Roman »Unsere Töchter die Nazine n«. In einfacher Form, durch Bericht und Tagebuch, läßt darin Hermynia zur Mühlen das blutige erste Jahr des Dritten Reiches in den Schicksalen einiger Frauen erstehen. Im Mittelpunkte zwei Mütter und zwei Töchter. Die drohende braune Barbarei macht die Mutter zu Kämpferinnen für die Menschlichkeit, ihre Töchter dagegen werden zu Hakcnkreuzlerinnen, glaubend an den »Retter« und cfie Reinheit der Bewegung. Einige Monate Schreckensherrschaft genügen — und sie stehen gegen den großen Volksbetrug auf. Das ist geschrieben mit zorniger, agitatorischer Feder, die weniger gestalten als durch den Mund der handelnden Menschen berichten will. Die Wirkung beruht also im Stofflichen und wiederum zeigt sich: man braucht die Geschehnisse in Hitlerdeutschland nur»sprechen zu lassen« und ohne stärkere Kunstmittel stellen sich Immer wieder jenes Staunen und jene Erschütterungen ein, die bei weniger barbarischem Hintergrund von der Phantasie des Dichters und seiner besonderen Art zu sehen erst erzeugt werden müssen. B. Br. Tmusend Tage Arbeiter tum issi Tausendjäbrigen Reieb Am Ahsdhluß des Dritten Jahres Hitler- 1 tausend kleinen und versteckten Tricks Diktatur, da die Nazis zum neuen Kampfab- durchgeführt werden. Zeitlöhne wurden schnitt gegen die Arbeiter rüsten, haben sie durch Stücklöhne ersetzt, die Lohnberech- sich vom dem einst yunabanderliohen Partei- nungsmethoden wurden verändert und un- programm« bis zu seiner Unkenntlichkeit ent- übersichtlich gemacht, das Hetz- und An- femt. Einzelne Parteiagitatoren dürfen wohl treibersystem hat zur Senkimg der Löhne noch gelegentlich vom»deutschen Sozialis- j geführt, ohne die»Tariflöhne« zu verändern. mus-:' reden. So deklamierte kürzlich der Pg. Köhler in Berlin: Es gäbe noch immer hoffnungslos verkalkte kapatalistäsche Gehirne, die noch nicht wüßten, »daß Kapitalismus bei Entrechtung der Arbeit beginnt und der Sozialismus bei Beseitigung dieses Mißstandes anfängt.« Bei den Bergarbeitern wurden Elendslöhne durch Almosen ergänzt. Nur der geringste Teil des Lohnabbaues ist aus der Statistik erkenntlich. Die Gesamtstatistiii umfaßt nur noch einen TeU ausgewählter Betriebe und wiederum nicht die wirklichen Löhne, sondern die Lohnsummen einschließlich der Der maßgebende Wirtachaftsdiktator Schacht Riesengehälter der Direktoren. aber verteidigte zur gleichen Stunde den Ka- Der Rest des Lohnabbaues ist durch pitalismus gegen die Gleichmacherei und lange Arbeitszeit und unbezahlte Ueberarbeit Lohn in Abzug gebracht worden sind. Der deutsche Faschismus glaubt Krisen der Wirtschaft und der Partei mit Gewalt und Anpassungsfähigkeit immer wieder überwinden zu können. Seine soziale Basis aber ist emstlich erschüttert, und die Arbeitsfront befindet sich nicht mehr im Stadium der Krise. Das Experiment der inneren Gleichschaltung der deutschen Arbeiterschaft kann am Ende des Jahres 1935 als bereits gescheitert angesehen werden. Die Arbeiter sind meinte: i geschafft worden. Die Verordnung über die weiter, bis die Zelt des Handelns »das deutsche Volk wird immer einen gro- 1 Arbeitszeit vom Juli 1935 macht die Aus- ßen Teil wohlhabeaider Leute brauchen nahmen vom Achtstundentag zur Regel. Es müssen. Man kann niemals Kunst und...____ i...__,.___„__ ,,,________., Schönheit in die Welt hineintragen, wenn � a ch keinen Rechtsanspruch. Im man nicht die Menschen hat, die Geld da- Bäckereigewerbe kann, in Durchführung der für auageben wollen.« I Achtundvierzigstundenwoche ohne Sonder- Der Hochkapitalismus triumphiert im bezahlung 54 Stunden gearbeitet werden. Die Januar 1936 über die alten Kämpfer vom j Wiedereinführung der Dreierschichten hebt Januar 1933 und er verhöhnt ihre»anti-!as Nachtbackverbot auf. Die»Tariflöhne« kapitaiistisohe Sehnsucht«. Adolf Hitler hatte| sind gesenkt, die ausgezahlten Löhne sind bei seinem Mach taintritt einen V i e r j a h- unter Tarif, die Akkordlöhne werden laufend r e s p 1 a n proklamiert, der die Arbeiter und vermindert, und Adolf Hitler verkündete auf Bauern befreien sollte. Aber schon nach dreiC0 Herausgeber: Ernst Sattler; verant- Bei den reichsgesetzlichen Krankenkas- führungsverordnung, wonach jede Tariford- 1 Schaftskammer hat als Spitzenorganisaüon s e„(jjg Gesamtausgaben für Leistun- Sozialetat. der vor Hitlers Machtantritt mit 1.7 Milliarden RM dotiert wir, eine Einsparung um 700 Millionen Mark. nung rückwirkend aufgehoben und von der Unternehmer unumschränkte Befugnisse. der bisher vorgeschriebenen Veröffentlichung Das Ganze leitet Schacht. Die»Kulturarbeit« der Treuhändermaßnahmen im Reichs- der DAF erschöpft sich in der Herstellung arbeitsblatt Abstand genommen werden von Fotografien über die Schönheit der Ar- kann. Es kann somit jede Verschlechterung belt und dem Reisesparverein»Kraft durch — der Lohnabbau— rückwirkend in Kraft Freude«. Die großen Arbeiter-Bildungsorga- gesetzt werden. Die untertarifliche Bezah- nisatlonen von früher sind bis zur letzten lung, die nach den Berichten der Treuhänder Zelle der Kinderfreunde zerschlagen. Die nahezu die Regel ist, wird nachträglich' Idealisierung des Arbeiters im Bilde hindert sanktioniert. Jede Tarifnachforderungsklage die braunen Kulturträger nicht, die schaf- wegen untertariflicher Entlohnung wird un- fenden Menschen Deutschlands zum Nutzen wirksam gemacht. Die letzte öffentliche und kapitalistischer Ausbeuter an die Grenze des betriebliche Kontrolle über die maßgebenden Hungers zu treiben. Löhne wird durch die Aufhebung der Be- 1 Das Schicksal dieser»Deutschen Arbeits- kanntgabe im Reichsarbeitsblatt beseitigt, front« hat die deutsche Arbeiterklasse im Der»gerechte Lohn« ist für die Nazis der Berichtsjahr besiegelt. Sie liebt die Arbeits- »Leistungslohn«, das heißt Absonderung des einzelnen Arbeiters von seinen Klassengenossen und Zerschlagung des gemeinschaftlichen Handelns. Der Unternehmer braucht die Rivalität seiner Gefolgsleute. Das Berichtsjahr hat aber bewiesen, daß die Solidarität der geschulten Arbeiter das Hitler- Regime überdauern wird. Darum mußte der Lohnabbau ohne jede zentrale Maßnahme in front, wie der Sträfling seinen Kerker. Alle Schulung, alle Feste und alle Ehrenerklärungen der Nazis für den deutschen Arbeiter haben ihn die Arbeitsfront nur verachten gelernt. Das Minus an Begeisterung hat sich in den letzten Monaten in einem förmlichen Beitragsstredk gezeigt. Beitragsfreudigkeit war nur dort zu finden, wo(Sc Beiträge gen an die Mitglieder von 1931 bis 1933 von 1.3 Milliarden auf 0.9 Milliarden RM gefallen. Seitdem ist durch Erschwerung der Bezugsbedingungen für Krankengeld und Heilmittel weiter»gespart« worden. Die Leistung pro Mitglied ist von 71 RM auf 54 RM gefallen. Noch deutlicher spiegelt sich die Renten- quetscherei in der Alters- und Invalidenversicherung. Rentenfälle Rentenleistung 1931.. 2,285.000 970 Mill. RM 1933.. 2,393.000 690„ Die neueren Ergebnisse des weiter andauernden Leistungsabbaues der Invalidenversicherung werden vorläufig noch geheim gehalten. Die Arbeitslosenversicherung hat ihre Bezugsbedingungen soweit verschärft, daß 1934 überhaupt nur noch 341.000 Hauptunterstützungsempfänger gezählt wurden, während Millionen Erwerbslose in die Krisenfürsorge, die Wohlfahrt, abgeschoben worden waren oder ohne Unterstützung ge- Printed in Czechoslovakia. Der»Neue Vorwärts« kostet im durch den Unternehmer zwangsweise vom j blieben sind. Die Reichsanstalt hat als gute Einzelverkauf innerhalb der CSR Kö 1.40(für ein Quartal bei freier Zustellung Kö 18.—). Preis der Einzelnummer im Ausland Kö 2.—(Kö 24.— für das Quartal) oder deren Gegenwert in der Landeswährung(die Bezugspreise für das Quartal stehen in Klammern): Argentinien Pes. 0.30(3.60), Belgien Frs. 2.45(29.50). Bulgarien Lew 8.—(96.—). Danzig Guld. 0.45 (6.40), Deutschland Mk. 0.25(3.—), Estland E. Kr. 0.22(2.64), Finnland Fmk. 4.—(48.—), Frankreich Frs. 1.50(18.—), Großbritannien d 4.—(Sh. 4.—), Holland Gld. 0.15(1.80). Italien Lir. 1.10(13.20), Jugoslawien Din. 4.50 (54.—), Lettland Lat. 0.30(3.60), Litauen Lit. 0.55(6.60). Luxemburg B. Frs. 2.45(29.50), Norwegen Kr. 0.35(4.20), Oesterreich Sch. 0.40(4.80), Palästina P. Pf. 0.020(0.216), Polen Zloty 0.50(6.—), Portugal Esc. 2.— (24.—), Rumänien Lei 10.—(120.—). Schweden Kr. 0.35(4.20), Schweiz Frs. 0.30(3.60), Spanien Pes. 0.70(8.40), Ungarn Pengö 0.35 (4.20), USA. 0.08(1.—). Einzahlungen können auf folgende Postscheckkonten erfolgen: Tschechoslowakei: Zeitschrift»Neuer Vorwärts« Karlsbad. Prag 46.149. 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