Kr. 135 SOKKTAG, 12. Januar<936 (Sflsialdgmflfraftftfog tttecfrgnfrla# Verlag; Karlsbad, Haus„Graphia"— Preise und Bezugsbedingungen siehe Beiblatt letzte Seite Aus dem Inhalt; Angst vor der Rechenschaft Die Stimmung im Ruhrgebiet Hure Statistik Die Woche des 5. Reiths Ziele der bnmnen Koloniolpolitlk Deutschland und fliederländisdi-Indlen Daa naÖonaJsoeiallstische Deutschland setzt jetzt mit einer großzügigen Kolonial- Propaganda ein. Der»Verein für das Deutschtum im Ausland« entwickelt dank besonderer RetchazuschUsse eine rührige Propaganda. An allen Universitäten sind im Laufe des Sommersemesters Arbeitsgemeinschaften zum Studium und zur Propagierung des Kolonialgedankens gegründet worden. Die Kolonialschule in Witzen- hausen-Werra hat mit Reichsmitteln wesentliche Erweiterungen erfahren und veranstaltet durch ihr Lehrkollegium unter Teilnahme von Schülergruppen Werbefahrten durch das Reich, Die Schmuckstücke der Kolonialvereine, die Generäle Lettow-Vorbeck und Reichsstatthalter Ritter von Epp, preisen mit viel schönen Reden die Notwendigkeit deutschen Kolonialbesitzes. Die Vereinsmitglieder werden mit Briefverschlußmarken»Deutschland hole deine Kolonien« versorgt. Vom 23. bis 25. November hat der Präsident des Redchs- postzentralamtes, der frühere Postdirektor Von Kamerun, P e g 1 o w, im Auftrage und mit MiUeto des Reiches rund �00 früher in den Kolonien tätige Post-, Telegraphen-, Vermessungsbeamte und Bauführer zu einer Konferenz in Berlin zusammengerufen. Als Zweck wurde angegeben, daß man eine Uebersicht über die vorhandenen Kräfte mit praktischer Erfahrung bekommen und eine Auswahl für die Ausbildung von Neulingen treffen wollte. Zentralkarteien über das Militärpersonal und die Verwaltungsbeamten bestehen bereits. Diese Liste preußisch-gründlicher Vorbereitungen erhebt keineswegs den Anspruch der Vollständigkeit. Es ist eine Auswahl, deren Buntheit zeigen soll, daß kein noch so abseits gelegenes Gebiet vergessen wird. Die deutsche Regierung erhofft sich eine starke Hilfe für diese wohlvorbered- tete Kolonialaktion in jenen allerdings noch vagen Gedankengängen, die der englische Außenminister Sir Samuel Hoare in seiner von der deutschen Presse immer wieder zitierten Rede am 11. September in Genf hat anklingen lassen: nicht Neuverteilung der Kolonien, aber Neuverteilung der kolonialen Rohstoffe. Seit wir alle die kritischen Stunden miterleben, daß das Kolonialabenteuer einer europäischen Großmacht die Gefahr eines europäischen Krieges heraufbeschwört, verstehen wir den Wunsch, ein Mittel zur Befriedung der Welt und zur Vorbeugung gegen solche Abenteuer zu finden. Allerdings scheint uns der Vorschlag»Neuverteilung der kolonialen Rohstoffe« nicht mehr als ein einprägsames Schlagwort, das ebenso sehr praktisch undurchführbar wie es der deutschen Propaganda zu ganz anderen Zielen dienlich ist. Wenn Deutschland beispielsweise keine größeren Mengen niederländisch-indischer Produkte importiert, so liegt es nicht daran, daß erst durch eine »Neuverteilung der kolonialen Rohstoffe« der deutschen Volkswirtschaft eine größere Quote niederländisch-indischer Erzeugnisse zugebilligt werden müßte, weil sich etwa die Holländer weigern, an die Deutschen zu verkaufen; sondern es liegt ganz einfach daran, daß Deutschland zahlungsunfähig ist Alle Anrechte ändern an dieser Pleite nichts. Und mit gutem Oelde könnte Deutschland auch heute, ohne irgendwelche vertraglich festgelegten Quoten, kaufen, soviel es wollte Diese»Neuverteilung der kolonialen Rohstoffe« hilft also keineswegs über die Gefahr irgendwelcher Abenteuer hinweg. Daa Ziel bei dem deutschen Kolonial- Propagaiidamarke des VDA hunger bleibt nach wie vor die Eroberung, die Besitzergreifung, die es ermöglicht, die koiotuaieu toUaeJUW»« mit ungedeckten Wechseln und schlechter Mark zu bezahlen. Der englische Vorschlag gibt allein den deutschen Weltanschauungsreisenden einen bequemen Anknüpfungspunkt zu Kolonialdebatten. Bezeichnenderweise schickt man zu diesem Zwecke nicht Herrn Hibben Lrop, sondern Herrn Kirchner, den Chefredakteur der»Frankfurter Zeitung«, nach London, Paris und Rom. Herr Kirchner hat die Schmerzen des Auswärtigen Amtes überbracht und— nach seinem sehr zurückhaltenden Bericht vom S. Dezember—»sorgsam zugehört«, wenn die Prüfung der unbefriedigenden Lage Deutschlands angeregt wurde»— zunächst nur unter der Spitzmarke des Rohmaterialbe- zuges—«!! Ein gut gemeinter, aber wenig tauglicher Vorschlag genügt der deutschen Propaganda als Mittel zum Zweck. Vielleicht meint man, es gehe lediglich um eine Rückgabe der ehemaligen deutschen Kolonien an das Reich. Doch überschätzt man die deutsche Bescheidenheit, wenn man in dieser Rückgewinnung das Ziel der deutschen Kolonialpropaganda sähe. Es gebt nicht um das Land, wo der Pfeffer wächst, nicht, um einen Kaffem- kral oder ein Hottentottendorf. Mit dem englischen Vorschlag»Rohstoffneuvertei- iung« wird das Kind schon beim richtigen Namen genannt, wenn Deutschland dabei auch nicht nur an theoretische Anrechte, sondern an territorialeEroberun- g e n denkt. Nun zeigt aber ein Blick in die Statistiken, daß sehr viele dieser begehrenswerten Rohstoffe in erheblichen Mengen längst nicht in Kolonien oder Mandatsgebieten, sondern in modern entwickelten oder jedenfalls fortgeschritene- ren Staatswesen produziert werden. Haniel hat sich der- dankenswerten Aufgabe unterzogen(Tagebuch i Nr. 42), aus dem deutschen Statistischen Jahrbuch die Produktionsmengen der wichtigsten Rohstoffe nach kolonialer und nichtkolonialer Gewinnung zusammenzustellen. Erfaßt sind dabei: Wolle, Zink, Tee, Baumwolle, Bauxit, Blei, Elisenerz, Erdöl, Kaffee, Kakao, Kautschuk, Kupfer. Phosphate, Reis. Tabak und Zinn. Dabei ergibt sich, daß allein Zinn, Phosphate und_ Kautschuk eine überwiegend koloniale Produktion haben. Und da außerdem nicht Die Angst vor der Rediensdiaft Das System fürditet sidi vor allgemeinen Wahlen Das System hat den experimentellen Beweis geliefert, daß eine Diktatur annähernd jedes Wahlresultat erzielen kamt, das sie wünscht. Wenn die Wahl zur bloßen Stimmabgabe für eine vom Staate befohlene Liste unter Aufsicht wird, wenn oppositionelle Gesinnung mit Totschlag und Konzentrationslager bedroht ist, wenn obendrein in der dreistesten Weise gefälscht wird— dann Ist die Wahl zur bloßen Komödie geworden. Sie hat mit freier Entscheidung nichts mehr zu tun, sie ist kein Ausfluß des Volkswillens mehr, kein Ausdruck wahrer Volkssouveränität, aus dem sich ein Mandat für die Staatsgewalt ableiten ließe. Gegenüber den Wahlmethoden der nationalsozialistisch-faschistischen Despotie ist die plebiszitäre Demokratie, wie sie Napoleon HI. geübt hat, noch geradezu ein Ausdruck der Volkssouveränität. Dennoch rät die deutsche Opposition ihren Anhängern, sich an diesen Wahlen zu beteiligen. Der Wert liegt nicht darin, daß die Wahlziffem das wahre Verhältnis von Opposition und Regierungsanhängem aus- aber für die herrschenden Faktoren ein sehr wichtiges Barometer der Stimmung im Volke und insbesondere in der Arbeiterschaft. Die Führung des Reiches habe darauf verzichtet, die Entscheidung des Volkes in allgemeinen Wahlen zum Ausdruck kommen zu lassen. Sie wende sich zunächst an den deutschen Arbeiter mit der Frage, ob die Schärfe seines Blicks in den letzten Jahren so sehr gewachsen ist, daß er die Größe des Erreichten über alle kleinen Opfer des Alltags nicht übersieht. So weit der»Angriff«. Eis mischen sich hier Geständnis und Lüge. Das Geständnis: daß das System nicht den Mut zu einer allgemeinen Wahl gehabt hat— weil es ein Fiasko des Terrors und der Fälschung fürchtet, daß es deshalb seine Zuflucht zu einer Teilwahl nimmt, aus der es auch bisher niemals ein Mandat herleiten konnte, und daß es trotzdem das Ergebnis dieser Wahl nicht veröffentlichen wird. Die Lüge; daß diese TeUwahl zu drücken, sondern darin, daß das Anwach- einer allgemeinen politischen Entscheidung sen des freien, kämpferischen Willens gegen den Terror festgestellt wird. Diese Entwicklung genügt, um dem System den fortschreitenden Zerfall seiner Massenbasis zu zeigen! Das System hat bei den Wahlen zu den Verträuensräten in den Betrieben die Erfahrung gemacht, was dieser Prozeß bedeutet Eis hat deshalb diese »Wahlen« immer stärker des Wahlcharakters entkleidet Es hat alle Mittel der Fälschung eingesetzt. Es hat sie manipuliert bis zum äußersten— und dennoch fürchtet es sie! dienen solle, während die ganze Kunst der braunen Wahlmanipulation darin besteht, dieser Wahl den allgemeinen Charakter zu nehmen, sie zu zerschlagen in Zehntausende von kleinen Wahlkomödien, von Ernennungen, von Schiebungen, von Entscheidungen über Personen, die mit einer politischen Entscheidung nichts mehr zu tun haben. Man hat die Arbeiterschaft atomisiert, man läßt sie in diesem Zustand unpolitische Wahlfarcen durchführen— um dann aus dem obendrein noch verfälschten Ergebnis politische Schlußfolgerungen zu- Der»Angriff«, das Organ der Arbeits- i gunsten des Systems ableiten zu können. front, bezeichnet die in diesem Frühjahr stattfindenden Wahlen zu den Vertrauensräten aller Betriebe als eine wichtige Probe für die nach Ablauf von vier Jahren der nationalsozialistischen Regierung versprochenen Rechenschaftslegung. Das Ergebnis dieser Wahlen werde zwar nicht veröffentlicht werden, bilde Aber versteht sich: nur die Schluß folgerungen will man veröffentlichen, das Ergebnis selber nicht! Wir haben nach jeder dieser»Vertrauensrätewahlen« gezeigt, wie sie gehandhabt worden sind und wie es für die Opposition immer schwerer geworden ist, diesen Absichten des Systems entgegenzuwirken. Dennoch wird die Opposition alles daransetzen, um auch diesmal dem System eine Enttäuschung zu bereifen. Sie wird durch die offenkundige Sorge des Systems angefeuert werden. ProbeaufdieRechenschafts- 1 e g u n g? Wenn das System diese Probe will, kann es sie haben! Zur Rechenschaftslegung gehört die freie Entscheidung, gehört die Freiheit der Beweisführung gegen die Regierung, gehört die Legalität der Opposition.»Drei Tage Pressefreiheit— und ich wäre verloren«— so sagte Napoleon I. Eine wirklich freie Wahlentscheidung in Deutschland, und wo wäre das System? ISs gibt ein Symbol dafür. In Bamberg hat sich ein Geschäftsmann im leeren Schaufenster seines Ladens erhängt mit einem Schild um den Hals;»Ich habe Hitler gewählt«. Das ist die einzige Form der offenen oppositionellen Abstimmung, die das System gestattet, weil es sie nicht verhindern und nicht nachträglich mit terroristischen Mitteln verfolgen kann. Aber es ist zugleich kennzeichnend für die um sich greifende Stimmung. Eine Wahl ohne Terror— und wir wollen sehen! Aber Probe auf die Rechenschaftslegung, ganz im geheimen, unter Terror und Fälschimg, ohne Veröffentlichung des Ergebnisses? Geht doch mit diesem Schwindel! Das System kann nicht in freier Wahl Rechenschaft ablegen— deshalb wird es einst auf andere Weise Rechenschaft ablegen müssen! Ein neues Zudilhausurteil Die Genossen Landtagsabgeordneten GustavAdolfMüller und Werner Zorn aus Leipzig sind nach viele Monate währender Untersuchungshaft zu zwei Jahren und zu einem Jahr sieben Monaten Znchthans verurteilt worden. Sechzehn weitere Angeklagte wurden freigesprochen, aber sofort ins Konzentrationslager überführt. »• in jeder Kolonie jeder notwendige Rohstoff vorhanden ist, ließe sich der deutsche Rohstoffhunger lediglich durch ein Dutzend Kolonien stillen. Vielseitig rohstoffreich ist eigentlich nur eine Kolonie: Niederländisch-Indien. Diese Kolonie ist Großlieferant in sieben wichtigen Stoffen; Erdöl, Kautschuk, Zinn, Kaffee, Tee, Tabak und Reis. Ausgerüstet mit diesem Wissen wird man das deutsche Werben um Niederländisch- Indien verstehen. Wer sich der Mühe unterziehen will, kann Tag für Tag das in holländischer Sprache für Niederländisch-Indien durchgeführte Programm des deutschen Kurzwellensender Berlin- Witz 1 e b e n abhören. Der Versuch des Reiches, mittels eines Börsencoups der holländischen Hausbank des Thyssen-Konzerns— Bank voor Handel en Scheep- vaart, Rotterdam— Einfluß auf die Nederlandse Handels-Maatschappij zu erhalten, ist noch in bester Erinnerung. Der Protest der holländischen Oaffentlich- keit hat dann dazu geführt, daß Anfragen in der Kammer und Interventionen der Regierung das Ergebnis zeitigten, daß der neue Großaktionär nicht nur von der Leitung der Bank femgehalten wurde, sondern auch um jeden nennenswerten Einfluß im Aufsichtsrat kam. Desgleichen sind in Holland die Manöver um das»A n e t a<- Büro nicht vergessen. Nach dam ergebnislosen ersten Versuch bemühte sich das deutsche Propagandaministerium, nach dem Tode des Besitzers und Begründers j des niederländisch-indischen Pressebüros lAnetai, dieses Nachrichtenbüro durch eine indische Bank als Mittelsmann zu erwerben, Der Plan scheiterte am Widerstand der niederländisch-indischen Ge- schäftswelt Dem mißlungenen großen Coup folgten mehrere kleine Fischzüge:| durch dieselbe indischcBank k a u f t e G öbbel s vi e r d er siebeni größten n i e d er 1 an d is c h-i n d i-, sehen Zei tu ngen auf, und zwar: den( »Java- Bode«, das»Algemeen Dagblad de Preangerbode« in' Bandoeng, die»L o c o m o t i e f« In Sema- rang und»Het Nieuws van den Dag voor Nederlandsch-Indie« in Batavia. Dieser deutsche Zeitungskon- zem forderte nun Einfluß auf das Nachrichtenbüro. Das wurde abgelehnt. Daraufhin gründeten die deutschen Stellen e i n eigenes Pressebüro, das jetzt dem offiziellen holländischen Konkurrenz macht. Seit dem 1. September ist das neue Büro in Tätigkeit Natürlich sind jetzt beide Büros nicht lebensfähig. Und wenn es noch des Beweises eines Einflusses deutscher Propagandastellen bedurft hätte, so ist er damit geliefert, daß dieses prodeutsche neue Nachrichtenbüro mit Zuschüssen, die sich nur politisch, nicht kommerziell begründen lassen, aufrechterhalten werden kann. Und wenn man unterstellen darf, daß die dünnen Ergebnisse der letzten niederländisch-japanischen Verhandlungen dem englischen Außenministerium nicht unbekannt geblieben sind, so darf man als ebenso sicher annehmen, daß Deutschland nicht nur von japanischer Seite auf dem Laufenden geblieben ist, sondern auch durch liebenswürdige und geistverwandte commis voyageurs holländischer Nationalität unterrichtet wurde. Die planmäßige deutsche Propaganda in Niederländisch- Indien, die geschickt die Krisenerscheinungen zu einer Kritik am Mutterland ausbeutet und daneben die besonderen kolonialen Fähigkeiten der Deutschen rühmend hervorbebt, läuft parallel mit einer plumpen Anbiederung an Niederländisch-Indien. So wird beispielsweise im Leitartikel des »Berliner Tageblatts« vom 8. Dezember die Ernsthaftigkeit einer japanischen Besetzung Borneos im Falle eines kriegerischen Konfliktes im Pazlfic mit der Mitteilung unterstrichen, daß alle Vorbereitungen zur Zerstörung der Oel- werke in Tarakan und Balik Papan für den Besetzungsfall getroffen seien. Gleichzeitig bieten sich die deutschen Retter als starke Herren Niederländlsch-Indiens an, da sich angeblich die Holländer durch den Abzug der Amerikaner von den Philippinen besonders bedroht fühlen. Sicherlich ist die Befriedimg der Welt, die Beseitigung von Kriegsgefahren große Opfer wert. Nur hat man sich angesichts der deutschen Mentalität vorzuhalten, daß seine Ablenkung nach Kolonien keineswegs seine europäischen Ziele neutralisiert. Hitlerdcutschland Ist überhaupt, daß, je größer seine Forderungsliate ist, desto größer als Verhandlungskompromiß, unter dem Druck der gewaltigen Militärmacht, der Gewinn sein werde. Und daß man, Deuisdie Streiflidiier Brüning; und Uhler Durch viele Zeitungen des Aualandes, auch katholische, ging Jüngst eine Meldung, der frühere Reichskanzler Dr. Heinrich Brüning habe bei Hitler brieflich angefragt, ob er mit Verfolgungen zu rechnen habe, wenn er nach Deutschland zurückkehre. Hitler habe ibm antworten lassen, der Rückkehr nach Deutschland stehe nichts im Wege, da sich Brüning im Auslände tadellos benommen habe. Dementsprechend, so wurde weiter berichtet, sei damit zu rechnen, daß Heinrich Brüning, der sich seit dem Juni 1934 Im Auslande aufhält, nunmehr wieder nach Deutschland kommen wende. Hs schien unglaubwürdig, daß Brüning sich zu einem Bettelbriefe an Hitler erniedrigt haben könnte. Dies umsomehr, als Brüning ja wissen mußte, daß eine Zusage Hitlers gar nichts bedeutet. Einmal, well er sich notorisch an sein Wort nicht gebunden hält, und zum andern, well er keinerlei Gewähr gegen die berüchtigten Elnzeiaktlonen übernehmen kann, zumal sie ihm oft sehr gelegen kommen. Daß Brüning aber gute Gründe hat, für immer dem Dritten Reiche fem zu bleiben, hat Jüngst Emil Dudwig in einer Rode auf dem an thl tierischen Deutschen Tag In New York gesagt. Nach dem In der»New Yorker Volkszeitung« erschienenen wörtlichen Bericht, hat dort Emil I/udwig gesagt: »Die Welt weiß, wodurch und wann »Deutschlands Erwachen« kam. Nicht durch empörte Herzen, sondern durch zwei Skandale: durch die Schulden der Nazis, die im Januar 1933 ein Bündnis mit den reichen Kohlenbaronen schließen mußten und durch die Angst Hlnden- burgs, die Affäre seines Neudeoker Gutes könnte seinen Kriegsrubm ruinieren, der ohnehin auf einer Legende ruhte. Niemand ahnt— selbst hier draußen kennen wir nicht den ganzen Gestank Jener Nebelwelt, aus der sich Hitler erhob, und wenn die Welt einmal die Aufzeichnungen Brünings lesen wird, die dieser mir kürzlich zu lesen gab, dann wird sich die Ironie vor jenen Quellen der Hitlerschen Macht in Abscheu verwandeln.« Als Brüning mit Schleicher, Gregor Straßer und vielen anderen auf die Mordliste des 30. Juni gesetzt wurde, wollte man also auch In ihm einen wichtigen Zeugen des üblen Geruch« um Hitler beseitigen und zugleich in den Besitz von wichtigen Material gelangen, das man zu fürchten hat. Man muß nun•wünschen, daß nicht nur Emil Ludwig, sondern sehr bald die Welt erfährt, was Heinrioh Brüning Uber die Vorgeschichte von Hitlers Macht erschlei oh ung mitzuteilen hat. Für d*e Milharisierung der Rheinlaude Bin Jahr seit der Saarabstimmung ist nun vorüber. Es folgte ihr nach zwei Monaten die Proklamierung der Allgemeinen Wehrpflicht, Jedoch hat Hitler die offene Aufkündigung der Paragraphen des Versailler Vertrages noch nicht gewagt, die das Unke Rhein- ufer und Brückenköpfe auf dem rechten ent- rrrilitarisierem. Zwar hat sich das Dritte Reich teilweise über den Inhalt der Paragraphen, che nicht nur Fastungen und Garnisonen, sondern auch JegUche militärische Vorbereitung für den Kriegsfall verbieten, hinweggesetzt, aber an dem offenen Soldatenleben der übrigen Landestelle fehlt es. Seit Monaten wird nun Berlin vom den Wirtschaftsorganisationen und vielen Gemeinden der Rheinlande unter Druck gesetzt, emdlich für die Remilitarisierung des linken Rhelnufers zu sorgen. In den Eingaben und persönlichen Konferenzen wird die Benachteiligung der Grenzlande beklagt, denen die Kasernen- und die Festungsbauten entgingen und zugleich die Belebung der Wirtschaft, die mit starken Garnisonen verbunden sei. Man nehme den rheinischen Gebieten zehntausend« Junger Leute, die als Abnehmer ausfielen, und stecke sie in innerdeutsche Garnisonen. Das sei für die rheinische Wirtschaft um so weniger tragbar, ais gleichzeitig Industrien aus strategischen Gründen weit in das Innere des Reichs verlegt würden. Tatsächlich ist die Arbatsioslg- keit nach der amtlichen Statistik auf dem linken Rheinufer wesentlich größer als in den meisten anderen Landesteilen, in manchen rheinischen Gebieten bis zu 50 v. H. Man wird also erleben, daß die Reichsregierung für ihr Ziel, die Entmilitarisierung des linken Rnein- ufera aufzuheben, auch wirtschaftliche Gründe in« Feld führen wind. Bek enntnisf ront t keine Massenbewegung Vor uns liegt der Freundschaftsbrief eines Jüngeren deutschen Landpfarrers, der immer kämpferischer evangelischer Christ mit strr- kem sozialen Wollen gewesen ist und sich niemals der Staatsdiktatur in der Kirche fügen wird. Wie manche andere seiner Amts- b rüder reist er durchs Land, um zum Widerstand aufzurufen und den Widerstand zu organisieren. Sein Wissen um die Dinge und sein aggressives Temperament machen seine Warnung besonders wichtig, man möge die Bewegung der Bekenntnisfront nur licht überschätzen. In Wahrheit erfasse sie zahlenmäßig nur sehr geringe Teile der Bevölkerung. Die große Masse bleibe religiös stumpf und von den Kirchenkftmpfen unberührt. Jedenfalls wolle sie keine Opfer bringen. Von der kirchlichen Oppositionsbewegung her, der evangelischen nämlich, drohe dem Staat wohl die eine oder andere Unbequemlichkeit, aber bestimmt keine Gefahr. Vielleicht sei in England das Interesse an dem deutschen Kircnon- srtreit größer als in Deutschland selbst. Die Gledchgültigkeit der Masse bedrücke viele Bekenntnispfarrer, die zuletzt doch nur von kleinen Teilen ihrer Gemeinden ideell und materiell gestützt würden. Dazu komme das Vordringen der anüklrchlichen staatlich geförderten Kräfte. Man treffe Jetzt freidenkerische Redner und Schriften, natüriith in der nationalsozialistischen Phraseologie, selbst in entlegenen Gebirgadörfern an, ia denen früher niemals ein Kirchenfeind gewagt habe, aufzutreten. Der Brief schließt mit dem Hinwels, daß viele Pfarrer nun die Wichtigkeit und Richtigkeit des alten JoTial- demokrati sehen Programmsatzes»Erklärung der Religion zur Privatsache« begriffen hätten und die Trennung von Staatund Kirche zu einer Forderung der deutschen Freiheitsbewegung werden müsse. Die Spaltung dar evangelischen Kirche in hitlerische Staatscfaristen und in freie Bekenntnischristen sei unvermeidlich. falls die Welt die deutschen Rüstungen auf diese Weise nicht gutwillig bezahlen will, auch zu äußerstem Einsatz bereit ist, steht außer allem Zweifel. Die Mentalität der Unersättlichkeit, die»Totalität« des»totalen« Staates, manifestiert sich beispielsweise in der Propaganda der»Deutschen Wehr«, einer dem Reichskriegsministerium nahestehenden Militärfachzeitschrift, die vom»totalen Krieg«, das will sagen vom Krieg mit allem und gegen alles, spricht L. J. Hochland. Verständigung— wie sie sie auffassen Der Göbbeische Propagandaapparat zieht seine eigenen Konsequenzen aus der Politik des französischen MiniBterpräakienten Laval. Er glaubt, daß die Gelegenheit günstig sei für eine Ausdehnung der Hltlerpropagaada in Frankreich. Er beschränkt sich nicht mehr auf die geheime Agentenwirtschaft, sondern geht offen vor. Der Anfang wurde gemacht mit der Gründung eines braunen Hauses In Paris. Bs folgte die Gründung einer H 1 1- lerseltung in Paria. Sie nennt sich: »Deutsche Zeitung in Frankreich. Das deutsche Blatt der In Frankreich ansässigen Reichsdeutschen. Nachrichten- und Mitteilungsorgan der deutschen Verein« und Verbände«. Sie wird von der nationalsozialistischen Ortsgruppe In Paris herausgegeben. Die Mitglieder der Hltlergeaandtschaft gehören zu Ihren Mitarbeltem, und Göbbela bezahlt das ganze. Bs versteht sich von selbst, daß diese Zeltung ein Mittelpunkt der nationalsozialistischen Spionage gegen die deutschen Emigranten werden soll. Wie das System die Lage In Frankreich einschätzt, geht auch aus dem Streich gegen den in Paris lebenden früheren sozialdemokratischen Oberbürgermeister von Altona, Max Brauer, hervor. Max Brauer wird vom System mit besonderem Hasse verfolgt. Als er sich in China eine neue Existenz aufbauen wollte, wurde sie ihm durch diplomatischen Druck des Systems zerstört. Jetzt hat man von Frankreich seine Auslieferung verlangt— well er angeblich bei der Vergebung einer Theatersubvention Bestechungs- geOder genommen habe! Die französischen Gerichte haben die Verlogenheit dieser Behauptung festgestellt und die Aua- Lieferung abgelehnt Die französischen Sozialisten setzen ihren erbitterten Kampf gegen Laval fort Läon Blum, der im Populaire täglich die verhängnisvollen Konsequenzen der Lavaischen Politik aufzeigt schreibt über das amerikanische Neutralitätsgesetz: »Wenn morgen der amerikanisohe Kongreß das Gesetz annimmt, das die kriegerischen und friedfertigen Mächte auf gleichem Fuße behandelt, das morgen im Falle einer europäischen Komplikation den amerikanischen Markt sowohl Frankreich als auch dem hitlerischen Angreifer verschließen würde, kann sich Herr Laval an die Brust schlagen und erklären: meine Schuld.« Das ist nicht nur eine französische, sondern auch eine europäische Frage. Jedes Paktleren mit dem Faschismus erhöht die Chancen der Kriegstreiber und der Feinde der Demokratie. Das Bündnis mit Mussolini stößt der französischen Demokratie längst sauer auf. und von der Verständigung mit Hitler erhält sie Jetzt schon einen kleinen Vorgeschmack. Der Vorstoß James G. Macdonalds Der zurückgetretene Hochkommissar für deutsche Flüchtlinge, James G. Macdonald, hat sich durch seinen Brief an das Generalsekretariat des Völkerbundes in die Schar derer eingereiht, die in der vordersten Reihe für Menschlichkeit und Gerechtigkeit fechten. Er hat den Mut gehabt, ohne diplomatische Rucksichten die Wahrhext Uber die deutschen Zustände auszusprechen, und alle Deutschen, die unter diesen Zuständen leiden und sie bekämpfen, werden ihm dafür Dank wissen. James G. Macdonald verlangt ein Einschreiten des Völkerbundes. Ein solches Einschreiten müßte selbstverständlich sein, wenn sich der Völkerbund zu einer vollkommenen Institution im Sinne der Prinzipien seiner Gründung entwickelt hätte. Da er aber em sehn gebrechliches Menschenwerk und überdies mit den Aufgaben schwer belastet ist, die ihm die italienische Diktatur gestellt hat, muß man fürchten, daß der Appell Macdonalds in Genf ungehört verhallen wird. Dennoch könnte dieser Appell geschichtliche Bedeutung gewinnen, wenn durch einen freien Zusammenschluß der Völker verwirklicht würde, was der Völkerbund zu leisten vielleicht nicht willens und nicht fähig ist Eine internationale Volksbewegung, geführt von den hervorragendsten Männern des öffentlichen Lebens, gestützt auf die Massen der rechtlich und freiheitlich gesinnten Bevölkerung wäre wohl Imstande, mit der Aussicht auf stärkste Wirkung an das Gewissen der deutschen Nation zu appellieren. Mit oder ohne Völkerbund: Die Völker selbst sollten dem deutschen Volke sagen, daß sie das, was In Deutschland vorgeht, nicht ertragen können! Ein deulsdier Offizier Wir haben In das Treiben einer korrupten Reichswehrclique hineingeleuchtet, die mit dem Reichsminister S e 1 d t e zusammen unsaubere Geschäfte gemacht hat. Als besonders korrupt ragte aus dieser Clique ein Offizier hervor: Hauptmann im Generalstab Jobst. In Nr. 5 de«»Völkischen Beobachters« vom 5. Januar 1936 finden wir einen Aufsatz: »Das wehrpolltische Jahr 1935« von Major Jobst, Reichskriegsministerium. Korruption schadet im braunen System dem Avancement nichts, und obgleich der Mangel an persönlicher Sauberkeit bei diesem Offizier öffentlich festgestellt worden Ist, kann er im Zentralorgan der NSDAP über den»Wehrwillen« der deutschen Nation schreiben. Wir steilen dies fest, es paßt zum Bilde de« Systems. Dieser Offizier aus Hitlers Reichswehr begeistert sich für Scharnhorst, Die Begeisterung solcher Männer ist wertlos. Man weiß nicht, ob sie aus der Gesinnung kommt, oder aus dem Portemonnaie. Aber welcher Weg von Scharnhorst bis zu dieser Sorte von Offizieren! »Der Duce hat immer redit'« Durch den Sand der Wüste von Ogaden marschiert eine italienische Kolonne. Bei einer Temperatur von vierzig Grad im— nirgends vorhandenen— Schatten hängt den Menschen die Zunge zum Munde heraus. Einer flüstert seinem Nebenmann zu: »Daß der Duce auch immer recht hat!« »Wieso?« »Nun, er hatte doch uns italienischen Arbeltern einen Platz— an der Sonne versprochen.« Gerechte Besonrim »Hermann«, fragt Emmi ihren Gatten, »wenn es bei uns auch soweit ist, daß die Trauringe abgeliefert werden— die Brillanten, die du mir zur Hochzeit geschenkt hast, kann ich doch behalten?« M. Hure Statistik Wagemanns neueste Leistung Von den vielen Punkten des natlonalsozla- liatischen Programma Ist die Vernichtung der Juden in Deutschland einer der wenigen mit einiger Konsequenz verwirklichten. Wie ist e« aber möglich, daß das»fremde Volke die deutsche Rasse zerstören oder mit Zerstörung bedrohen konnte? Verdankt es seine unh(Blm- liohe und unheilvolle Gewalt seiner großen Zahl? Aus einer V eröffontUobung in»Wirtschaft und Statistik*(1935, 2. November- Heft)»Die Glaubensjuden im deutschen Reich nach Staatsangehörigkeit, Gebürtigkeit, Alter und Beruf* ergibt sich das genaue Gegenteil. Die Zahl der Glaubensjuden, die»rasseraäßlg den Kern das gesamten im deutschen Reich lebenden Judentums darstellen«, betrug im Jahre 1933 rund 500.000, der Anteil der Juden an der Gesamtbevölkerung also nicht mehr als 0.7 Prozent. Herr Wagemann hat offenbar das dunkle Gefühl, daß sich mit solchen Zahlen die Judenaustredbung nicht begründen läßt und daß sie eher Wasser auf die Mühle des ehemaligen Flüchtlingskommls- j sars sind als ein Argument gegen ihn. Ueber- diea ist es die Aufgabe der Statistik des Dritten Reiches, nicht der verständnislosen Welt Jenseits der Grenzen, sondern dem Nationalsozialismus die von ihm begehrten Argumente zu liefern. In Federe Programmschrift wird »dio Unterbindung der Zuwanderung von Ostjuden und von anderen schmarotzenden Ausländern« gefordert. Es ist darin von den»gali- zischen und polnischen Juden« die Bede, die »wie Ungeziefer in die deutschen Städte« gekommen seien. Die Ost Juden waren also für Deutschland ein ähnlich grausiges Uebel wie die Heuschreckenplage für die afrikanische Steppe. In dem zum Abdruck in der nationalsozialistischen Presse bestimmten, dem Ar- 1 tikd vorgesetzten Inhaltsextrakt beißt es: »Unter den rund 500.000 Glaubensjuden, wie am 16. Juni 1933 im deutschen Reich (ohne Saarland) gezählt wurden, waren annähernd 100.000 Ausländer, die größtenteils aus den östlichen und südöstlichen Staaten Europas stammten. Die Gesamtzahl der auf Grund der Staatsangehörigkeit oder des Geburtsortes als zugewandert anzusprechenden Juden betrug rund 115.000.« Ist das nicht gräßlich? Jeder fünfte Jude ein dreckiger Gallzier oder Pole! Ist das Hlt- lerregime nicht von einer unverständlichen Milde, wenn nach der Angabe des Reichsstati- an.�hpn Amtes bis Jetzt nicht mehr als ein Zehntel der gesamten Judenschaft ins Exil getrieben worden ist? Herr Wagemann verläßt sich darauf, daß die Schriftleiter der Nazipresse über das In der Vorbemerkung zusammengefaßte Ergebnis der reichsstatistischen Untersuchung dermaßen in Entzückung geraten, daß sie darüber vergessen, den Artikel selbst zu lesen. Aua ihm könnten sie entnehmen, wie dem Statistischen Reichsamt die Feststellung gelungen ist, daß von den 500.000 Juden 380.000 im heutigen Reichsgebiet geborene Mind rund 120.000»zugewanderte« Juden sind und rund 23 Prozent aller Glaubensjuden umfassen. Es heißt in dem Aufsatz wörtlich: »Die außerhalb des Reiches geboreneu Juden kommen zum kleineren Teil aus den abgetrennten Gebieten, zum größeren Teil aus fremden Ländern. Von den im Ausland (ohne die abgetrennten Gebiete) geborenen rund 74.000 Juden stammen 68.000 oder 92 v. H. aus dem Osten und Südosten Europas.« Mit anderen Worten: die in den abgetrennten Gebieten, also im Deutschen Reich geborenen und im Deutschen Reich verbliebenen Juden werden als»Zugewanderte« gerechnet. Ihre Zahl beträgt 46.500, also fast ein Zehntel der gesamten Juden und 40 Prozent der als»zugewanderten« bezeichneten. Herr Wagemann müßte also eigentlich den für den Schmachfrieden Verantwortlichen dankbar ».in, daß sie ihm die Möglichkeit zu einem statistischen Fälechertrlck gegeben haben. Diese aus Posen und Oberschleelen»Zugewanderten« haben ihre Heimat verlassen, weil sie nicht Polen werden, sondern Reichsbürger bleiben wollten, und werden deshalb vom Dritten Reich jetzt als Polen bezeichnet. Die znhi der»Zugewanderten« reduziert sich also von 115.000 auf rund 70.000, also von 20 auf 14 Prozent Aber zu ihnen werden such die im Reich geborenen und der Relchsangehörig- keit teilhaftigen Kinder der zugewanderten Auslandsjuden gerechnet, also offenbar auch iie Kinder der sogenannten Zugewanderten, 11« niemals deutschen Boden verlassen haben. Damit verringert sich der Anteil der Zugewanderten auf höchstens 10 Prozent, wahr- «helnllcb noch weniger, also auf 40.000 bis >0.000. Es kommt demnach auf 1000 Deutsche och nicht ein Stück»Ungeziefer«. Also eine >cht barmlose Heuschreckenplage! Bs heißt in der Vorbemerkung weiter: »Die berufliche Tätigkeit der Juden erstreckt sich in der Hauptsache auf den Handel und auf eine Anzahl anderer Berufe mit überwiegend geistiger Arbelt. Mit der Die Stimmung im Ruhrgebiet »» Aus dem westlichen Industriegebiet uns berichtet: Wenn wir die Situation im Ruhrzentrum schildern wollen, finden wir Männer im mittleren Lebensalter in der Vergangenheit dafür kein Beispiel. So trostlose Zustände wie im Jahre 1935 haben wir noch nioht erlebt! Der Lohn ist niedrig, der Lebensbedarf teuer und die wichtigsten Lebensmittel und Bedarfsartikel sind knapp. Die Unterstützungen sind so weit abgebaut, daß sich die Familien nicht mehr genügend ernähren können. Man lebt von den geringen Einnahmen nicht einmal die vorbestimmte Zelt und sieht sich bei der täglichen Verschlechterung des Zustandes einer lähmenden Hof fnungslosigkei t gegenüber. Wir leben von der Hand in den Mund. Wenn auch nur eine einzige Woche das letzte bißchen Lebensmittel ausbleibt, kann bei der allgemeinen Stimmung eine allgemeine Eruption eintreten. Gerade jetzt ist au bedauern, daß die Kommunisten früher das Ruhrgebiet, diesen Unruheherd Deutschlands, so sehr vergiftet haben. Mit Ausnahme der christlichen Arbeiter, die bewußt antihiüerisch sind, haben mir die Sozialdemokraten eine ernsthafte Gesinnung. Die Kommunisten wissen überhaupt nicht mehr, was sie eigentlich erstreben müssen, zumal nur ein Bruchteil von ihnen eine gefestigte Weltanschauung hatte, der Großteil sich früher am Radau ergötzte und jetzt völlig ratlos ist. Auch das Bürgertum hat nicht die genügende Klarheit und fragt eich bei den Sozialdemokraten zu recht Wir haben eine gewaltige Aufgabe zu erfüllen, wenn mit unserer Hilfe einmal Ordnung in die Hinterlassenschaft Hitlere gebracht werden soll. Die große Masse denkt nur an materielle Erfüllungen und muß mit großer Ausdauer und Geduld zu moralischen So trostlose Zustände haben wir nodi nicht erlebt!' wird Verpflichtungen erzogen werden. Wir verzweifeln nicht wegen der Größe unserer Mission, wir erkennen die wertvollen seelischen Qualitäten des demokratischen Sozialismus unbedingt an und begreifen daran erst, wie tief Deutschland gesunken ist. * Daß es in Recklinghausen auf dem Wochenmarkt zu Unruhen gekommen ist, ist bekannt. Eis bestätigt die Meinung, daß im Kohlenpott eine beängstigende Stimmung vorhanden ist. Auch in Gelsenkircben kam es auf dem Wochenmarkt am Samstag, dem 21. Dezember, zu geradezu grotesken Vorfällen. Sie spielten sich folgendermaßen ab: um 9,15 Uhr morgens wurden an drei Ständen Schweinefleisch und an einem Stand Speck und Schweineschmalz verkauft. Die Metzger bekommen eine gewisse Menge von der Regierung geliefert mit der Maßgabe, einen bestimmten Preis einzuhalten. Dieser betrug 1,30 Mark pro Pfund. Der Preis wurde nicht eingehalten, sondern der Speck wurde mit 1,80 Mark pro Pfund verkauft. Deshalb herrechte begreifliche Aufregung unter den anwesenden Käufern, hauptsächlich Frauen. Als dann(he an und für sich geringe Menge verkauft war, kam es zu den Vorfällen. Frauen rotteiten sich zusammen und riefen: »W ir wollen Speck und Fett«,»Die Bonzen sind dickundfett, wiraber müssen hungern.« Mehrere Polizeibeamte versuchten die Menge zu beruhigen. Es gelang ihnen nicht. Vielmehr wurde es immer schlimmer. Immer mehr Menschen rotteten sich ausammein. Die Situation wurde immer bedrohlicher. Da kam berittene Polizei und zerstreute die Menge. Die Polizisten gingen äußerst behutsam vor. Die Metzger packten ihre Stände zusammen und verließen recht schnell den Wochenmarkt. Auch in B u e r-W estfalen ist es zu ähnlichen Vorfällen in einem großen Metzgerelbetrieb gekommen. Die Menge war drauf und dran, dieses Geschäft zu stürmen. Die tiefe Unzufriedenheit besteht welter. In der Zeit kurz vor Weihnachten besserte «ich die Stimmung etwas. Die Regierung warf besondere Fette auf den Markt. Vom 15. bis 31. Deaember durfte keine Fettwurst hergestellt werden. Dadurch wurde Fett für den Brotaufstrich und Fleisch für das Mittagaasen frei. Große Propaganda wird mit voraussichtlichen Lieferungen von Fleisch aus Brasilien und Australien gemacht. Dazu sagt die Bevölkerung allerdings; wenn das so einfach ist, warum hat man da nicht schon längst Fett und Fleisch eingeführt? Merkwürdig ist, daß es die Begierungspropaganda mit den dümmsten Mitteln immer wieder versteht, einen Teil der Bevölkerung zu fangen. So ist in weiten Schichten geglaubt worden, daß in Holland, Belgien, Frankreich und England eine viel größere Not an Lebensmitteln herreche, besondere an Fleisch. Auch gute Bekannte sind erstaunt, wenn man ihnen sagt, daß z. B. in Holland die Fleischläden mit allen Artikeln gefüllt sind. Die Propaganda und die Brutalität sind die bestem Stützen der Hitlermacht. In den Kinos wird in der Wochenschau z. B. gezeigt, wie mit freundlichen Lachen die Nazibonzen sammeln und— in England die Erwerbslosen aus dem Müll Abfälle suchen. Es werden FUmreportagen von Unruhen in Mexiko usw. gezeigt und anschließend Szenen von der Ruhe und Ordnung in Deutschland. Dabei kommt es allerdings vor, daß ein Teil des Publikums sehr drastisch die SS-Bewachung der sammelnden Nazibonzen feststellt und Glossen darüber macht. eigentlichen Produktionswirtsc hait befassen sie sich dagegen bedeutend weniger, als dem Anteil an der Gesamtbevölkerung entspricht.« Darnach gehören also die Berufe mit überwiegend geistiger Arbeit nicht zu der»eigentlichen Produktionswirtschaft«. Immerhin waren von den jüdischen Erwerbsperaonen 23 Fmiimt nlai faat tin Viertel Handwerker. und Arbeiter, der Anteil aller nicht handele-. mäßiger Berufe beträgt 40 Prozent, also nicht viel weniger als die Hälfte, der Anteil der jüdischen Erwerbspersonen an den Erwerbsperaonen überhaupt ganze 0.7 Prozent. Nur 2585 Juden mit dem unterdurchschnittlichen Anteil von 0.6 Prozent sind in Bildung, Erziehung und Unterricht beschäftigt. Sie hatten also eine, nur sehr beschränkte Möglichkeit, in Universitäten und Schulen, in Bibliotheken und Museen dem nordischen Empfinden das Gift jüdischen Geistes einzuflößen. Aus allen Beamtenatellon mußten Juden entfernt werden, well die Gefahr bestand, daß die insgesamt 1827 Juden, die im Juni 1933»im Wirtschaftszweig Reichs-, Landes-, Gemeindeverwaltung und öffentliche Rechtspflege sowie in der Wehrmacht« gezählt wurden, mit ihrem zwei Mann auf je tausend arische Beamte den»Staat verseuchen«. Die»Zugewanderten«, die zur Hälfte Einheimische sind, zeigen sich auch insofern als nicht zugehörig, als sie sich in das nationalsozialistische Schema des Judenhasses nicht einfügen wollen. Sind sie wirklich die Blutsauger, als die sie von Feder denunziert werden, dann müßten sie sich überwiegend als HäncHer betätigen und die»eigentliche Pro- duktionswlrtschaft« melden. Es verhält sich aber genau umgekehrt. Von allen erwerbstätigen»Zugewanderten« waren 52 Prozent, aia» mehr als die Hälfte in Land- und Forstwirtschaft, in Industrie und Handwerk und in häuslichen Diensten beschäftigt, und nur 22 Prozent, also noch nicht% im Handel. Bs waren»Zugewanderte« unter den jüdischen Hutmachem 56, Uhrmachern 51, Heimarbeitern 63, Schneidern 48, Schuhmachern 62 Prozent. Von den jüdischen Kürschnern auf dem Leipziger Brühl waren 73 Prozent zugewandert. Das sind hochqualifizierte Handwerker. woran nichts ändert, daß das Reichsstatistische Amt versucht, sie durch die Bezeichnung»Pelzjuden« zu disqualifizieren. Dieses»Ungeziefer« ist also überwiegend als Proletarier nach Deutschland gekommen und in Deutschland Proletarier geblieben. Bei dem ehrenwerten Beruf der Buchmacher allerdings,«he bekanntlich keine Bücher machen und wohl nicht zur»eigentlichen ProdukUonswirtscbaft« zu rechnen sind, sind die Juden in gar nicht mit der nordischen Rassenlehre übereinstimmender Welse nur schwach vortreten. Bei Ihnen beträgt der jüdische Anteil nur 4 Prozent oder deutlicher; 35 Mann und darunter sind»Zugewanderte« 5 Prozent, oder, verständlicher ausgedrückt. 7 Stück»Ungeziefer« unter 800 arischen Ehrenmännern. G. A. Frey. Aus dem Sumpf Wir erfahren aus Mannheim: Die Bevölkerung zeigt mit den Fingern auf die führenden Nazis. Es gibt hier eine besondere Blutenlese! Als erster Kurt Böger, bekannt als Messerstecher und Zuhälter der Neckarstadt. Als solcher gerichtlich abgeurteilt, und zwar im Jahre 1928 wegen Messerstecherei zu 9 Monaten Gefängnis, 1930 wegen Zuhälterei zu 8 Monaten Gefängnis und wegen Landesfriedensbruch zu einem Jahr Gefängnis verurteilt. Die»Nationale Bewegung« hat diesen Mann amnestiert und zum stellvertretenden Standartenführer gemacht. Als solcher mußte ihm auch eine angemessene Stellung zu Teil werden und dies geschah durch seine Unterbringung als Bxpeditionschef in einem ehemaligenjüdlschenWarenhaus. Nummer 2 ist ein ebenso sattsam bekanntes Verbrechersubjekt, Ernst Baumgart, ebenfalls aus der Neckarstadt. Im Herbst 1929 zu 14 Monaten Gefängnis und Stellung unter Polizeiaufsicht verurteilt. Körperverletzung mit nachgefolgtem Tode. Heute ist Baumgart Sturmfübrer. Für seine Verdienste im Konzentrationslager»Heuberg«, wo Baumgart als Wachthabender war und sich besondere durch tatkräftige Mithilfe beim Umlegen zweier Heilbronner jüdischer Volksgenossen hervortat, wurde Baumgart Abteilungsleiter im Konsumverein Mannheim und Umgebung. Nummer 3 ist der wegen des Ueberfalls auf das Jungbanner im Jahre 1931 abgeurteilte August Ludwig. Seine Strafe von 14 Monaten wurde ebenfalls durch die Ehre »Alter Kämpfer« rehabilitiert. Am Mittwoch den 6. Dezember 19 3 5 stiegen Im Palasthotel in Mannheim (Mannheimer Hof) zwei gut gekleidete Herren ab, wie man es In einem ersten Hotel am Platze gewohnt ist. Es waren zwar Gäste wie alle anderen, nur der eine von beiden machte ein recht regnerisches Geeicht. Ks Mitternacht verzehrten beide neben gutem Blasen auch Wein und Sekt nach besten Kräften. Die Herren zahlten und jeder suchte sein Zimmer auf. Nach etwa 20 Minuten erschien der eine Herr wieder im Restaurant und bestellte sich noch etwas zum Trinken. Kaum war eine weitere Viertelstunde vergangen, als der Ober erregt sn« Restaurant betrat und den alleinsitzenden dringend zum Portier bat. Dort wurde dem»Freunde« die Mitteilung gemacht, daß sich der Herr, mit dem er zusammen den Abend verlebte, soeben auf seinem Zimmer erschossen habe. Mit der größten Kaltblütigkeit und ohne jegliche Erregung veranlaßte der»Freund« den Abtransport der Leiche. Der Selbstmörder war der Gaukassierwalter des Gaues Mittelrhein der NSDAP, der 57.000 Mark unterschlagen hatte. Die Beerdigung wurde mit großem Pomp aufgemacht und der anwesende Reichsstatthalter fand für den»Unglücksfall« tröstende Worte für«He Hinterbliebenen und Angehörigen. Die Oeffentlich- kedt glaubte an einen Autounfall, doch das Personal des Mannheimer Hof-Palasthotels konnte mit Einzelhelten dienen. Um die Staatssicherheit nicht zu gefährden, mußte das Personal des Hotels einen Revers unterschreiben, wonach unter Strafandrohung strengste Schweigepflicht erzwungen wurde. Der Pg. Scherer, Geachäftsführer der DAF in Worms, wurde vor einem halben Jahr wegen Sadismus, Suff und Hurerei beurlaubt. Drei Monate später amtierte er als Geschäftsführer der DAF in Darmstadt. Man hört, daß er auch dort sich durch seinen »Lebenswandel« auszeichnet. Aehnllch liegt der Fall Gernsheimer, ehemaliger Kreiswalter der DAF in Worms. Dieser wurde wegen Unterschlagung und Bezug von Sekt aus einer jüdischen Sektkellerei beurlaubt. Ein halbes Jahr später wurde er, begünstigt durch den damaligen Minister Jung- Darm Stadt nach Hanau als Kreiswalter der DAF versetzt. Der Kreisleiter Heber aus Speyer wurde plötzlich versetzt. Grund Saufereien und Hurerei. Herr Bächtel, Bäckermeister und 2. Nazibürgermeister der Bisohofstadt Speyer, zählt zu den lOOprozentigen Hitlerknechten. Noch vor einigen Jahren, während der Bc- satzungazolt, fühlte sich Nazt-Bächtel bei den französischen Besatzungsoffizieren am wohl- sten. Dies bewiesen seine gemeinsamen Jagden mit französischen Offizieren. Heute zeigt er sein treudeutsches Herz als Bürgermeister der Nazis. Erfolg Aus der»Fränkischen Tageszeitung«: »Es kommt weniger auf den Inhalt, als auf die Wirkung eines musikalischen Werkes an. In dieser Beziehung muß sich so manches scheinbar epochale Werk gegenüber dem Horst- Wessel-Lied geschlagen erklären....« L. v. Beethoven—? Eine unterwertige liberallstische Kanaille gegenüber dem Zuhälter-Genie! ZoItTSrin »Arischer Geldmann, stets flüssig, zeitfirm, Gel egenh ei tsspeai allst, erbittet nichtarische Offerten...« (Reichsdeutsches Inserat.) Auf dem Oese zur braunen(ölrtscbuftsfirise Geständnisse der gleldigesdialteten Presse Die wirtschaftliche J ahresübersicht der »Frankfurter Zeitung« ist nicht uninteressant; denn in ihren Zeilen und noch mehr zwischen den Zeilen muß sie die Kritik bestätigen, die an dieser Stelle laufend an der deutschen Wirtschaftspolitik geübt worden ist. Aktien. Daher das Bestreben, die Preise, auch als die Kosten zu steigen begannen, unter Druck zu halten, so weit das eben möglich wäre. Dazu seien Sonderaufwendungen der Industrie für die Ausfuhrförderung gekommen, ohne daß sie die vorhergegangene Beeinträchtigung des Auslands- Das ist übrigens nicht so verwunderlich, I absatzes auch nur annähernd hätte ausglei- wie es auf den ersten Blick erscheinen 1 chen können. In allen nicht unmittelbar an könnte. Seitdem die Lebensmittelknappheit den Staatslieferungen beteiligten Industrie- immer größeren Umfang angenommen hat und mit ihrer weiteren Ausdehnung für die nächste Zeit gerechnet werden muß, verliert das simple Ableugnen seinen Sinn. Das Regime muß versuchen, die fortschreitende Verschlechterung der Lebenshaltung den Massen plausibel zu machen, ihnen ihre Not als e i n O p f e r im Dienst einer höhezweigen sei also fühlbar geworden, daß ein wachsender Teil des Sozialprodukts vom Staat selber beansprucht würde. Bei den Staatslieferanten aber hätten sich die Arbeitsbeschaffungs- und Rüstungswechsel gehäuft. Dies erkläre die »förmliche Hochflut von Ak- ren Idee darzustellen. Die Diktatur speku- tienpaketen liert dabei auf die tiefwurzelnde militaristische Gesinnung.»Butter macht fett, Erz macht frei«, diese Parole Görings soll das deutsche Volk darüber hinwegtrösten, daß es' die fieberhafte Aufrüstung und die Vorbereitungen für den künftigen Befreiungskrieg mit immer neuen Entbehrungen erkaufen muß. Wir haben stets darauf hingewiesen, daß die Aufrüstung eine Einschränkung des Konsums bewirken muß. Dasselbe sagt jetzt die»Fr. Ztg.«, wenn sie schreibt: »Es ist alles zu tun, um das Geaamtaus- mal?i der Investitionen zu begrenzen, also nirb*--v jede unrentable, sondern möglichst auch jede minder dringliche zu vermeiden, ui;;. igloich den Anteil der Sparrate am Sozialprodukt zu erhöhen, brauchsrate zu beschränken«. Sie zitiert in diesem Zusammenhang Ausführungen eines nationalsozialistischen Wirtschaftsführers in einer Bauernversammlung: »Wenn ein Dorf die wehrfähig gewordenen jungen Leute zum Heer schicken und mit Montur und Gewehr versorgen muß, dann werden die Bauern eben ihre Röcke ein Jahr oder zwei länger tragen und ihre Giebel ein Jahr oder zwei spä- und Unternehmungskäufen, Konzernbildungen und-Erweiterungen«. Und die»Fr. Ztg« findet dafür dieselbe Charakteristik, die wir selbst vor einigen Wochen an dieser Stelle gegeben haben:»M a n- che dieser Geschäfte erinnern fast an die wahllosen Konzern- bildungen in den Inflationsjahren«. Der Staatsbedarf, d. h. also die Rü- Aber das ist eine sehr beschönigende Darstellung. Nimmt man die Zahlen des gleichgeschalteten Konjunkturinstituts einen Moment lang als richtig an, so betrug das Einkommen aus Lohn und Gehalt auf dem Höhepunkt, im dritten Quatral 1929, 11.8 Mrd. RM. gegen 6.6 Mrd. auf dem Tiefpunkt 1932; es soll im dritten Quartal 1935 8.1 betragen haben. Seit dem Tiefpunkt wäre also eine Zunahme um etwas weniger als ein Fünftel zu verzeichnen. Die Beschäftigung der Industriearbeiter hat aber um fast drei Fünftel zugenommen. Auch wenn man berücksichtigt, daß in dieser Statistik das Einkommen der Beamten und Angestellten einbegriffen ist, bei denen die Zunahme der Beschäftigtenzahl hinter der der Arbeiter zurückblieb, so muß trotzdem der Lohndruck ganz außerordentlich gewesen sein. Nimmt man hinzu, daß gleichzeitig die Sozialrenten und die Arbeitslosenunterstützungen um Milliarden gekürzt worden sind, so wird es evident, daß das Einkommen der Arbeiterschaft trotz der starken Beschäftigung vieler Industriezweige insge- sohwendet, also In ihrer Punktion als Kapital vernichtet. Die Riesenprofite einer kleinen Gruppe von Großindustriellen der Waffenbranche zehrten an der Gesamtwirtschaft, diese wurde zugunsten jener gehemmt und der Krise zugetrieben. Nach Meinung des Professors Wagemann war im Jahre 1913 »ein gewisser Höhepunkt erreicht«.»Vielleicht hätte sich«, schreibt er,»dann eine Weltwirtschaftskrise von ungeheuren Ausmaßen entwickelt, wenn nicht der Weltkrieg Ueberproduktion und Ueberinvestition in einem furchtbaren Schmelztiegel aufgefangen hätte«. Webers Kritik an der Vorkriegszeit schließt in sich ein vernichtendes Urteil an der Wirtschaftsführung des Dritten Reiches. Die Waffenproduktdon war damals, wenn auch ein wachsender Teil, so doch immerhin nur ein Teil der Gesamtproduktion, die mit einem wachsenden Anteil am Aufstieg des Welthandels teilnehmen konnte. Im Dritten Reich ist die Gesamtwirtschaft den Bedürfnissen der K ri egs v o r b e r ei tu ng unterworfen, Ausfuhr und Einfuhr werden nach den Erfordernissen der Kriegswirtschaft reguliert, mehr als zwei Drittel der Gesamtproduktion ist Kriegsproduktion, also nicht nur ein Teil, sondern fast die gesamte, von oben kommandierte Erzeugung FehlanJage, Kapitalvernichtung. Was also Weber für die Zeit stungsausgaben, gehen aber nicht nur und Entwicklung ist die deutsche Industrie- nicht in erster Linie auf Kosten der Inve- belebung begleitet nicht von einer Bessestitionen in den Nichtriistungsindustrien, 1 rung der Lebenshaltung, sondern von einer sondern vor allem auf Kosten desVer-s t e i g e n d e n Verelendung der b r a u c h s. Die»Knapphaltung des' Massen. Dies tun so mehr, als ja zugleich Verbrauchs durch Verzicht sowohl auf mit der Senkung, Löhne infolge des Stei- Lohnsteigerungen wie auf Senkung der gens der Preise für alle lebensnotwendigen samt nicht zugenommen, sondern erheb- vor dem letzten Kriege feststellt, gilt in un- lich abgenommen hat. Im Gegensatz etwa zur englischen oder amerikanischen Steuern und Abgaben, ist ein entscheiden- also die V e r- der Beitrag zur Ermöglichung der Wieder- wehrhaftmachung.« Daher die Festhaltung der Löhne. Aber diese Festhaltung ist 1 offenbar sehr sonderbarer Art. Die»Fr. Z.« ist da einigermaßen zurückhaltend. Obwohl nach der Unterdrückung der Ge- , werkschaften auch die statistischen Veröffentlichungen ganz aufgehört hätten, lasse sich immerhin sagen, daß »In der ersten Zelt Aenderungen sich vorwiegend durch allgemeine Lohnsenkungen in einzelnen( 7) notleidenden Betrieben ergaben, ter streichen lassen; mllssen aber die| während im letzten Jahre wohl die individuellen(!) Erhöhungen im Vordergrund standen, veranlaßt vor allem durch den ausgesproche- Soldaten nicht nur Montur und Gewehr haben, sondern all das, was ein neuzeitliches Heer braucht, dann muß man auf die Anschaffung eines neuen Pfluges oder konjunkturell bevorzugten Industriezweigen, muß, daß Dazu kam in diesen Zweigen ganz allgemein aus den Bedürfnisse die Reallöhne, wieder im schärfsten Gegensatz zu England und Amerika, noch weit stärker gesunken sind als die Geldlöhne. Wir wollen für diesmal auf andere Punkte nicht näher eingehen. Wir wollen nur konstatieren, daß der vollständige Bankrott der nationalsozialistischen Agrarpolitik, das Zurückbleiben der Konsumgüterindustrien hinter den Rüstungsindustrien. das sich in der Textil-, der Schuh-, der Radioindustrie, in vielen Nahrungsmittelindustrien und in zahlreichen Zweigen des Handels bis zur Krise gesteigert hat, damit i aber die fortschreitende Disproportionalität zwischen Produktionszweigen, durch die I gleich höherem Maße für das Dritte Reich, das gewillt ist, das nationale Kapital solange nutzlos zu vertun, bis die gewaltige Vemidh- tung von Kapital in eine massenhafte Vernichtung von Menschen umschlägt. G. A. Frey. nen Mangel an Facharbeitern in zahlreichen, I ejne künftige totale Krise ausgelöst werden eines Traktors verzichten— und genau das muß die ganze deutsche Wirtschaft mache n«. Das ist allerdings deutlich genug, wenn auch die Konsequenzen nicht gezogen werden. Denn wenn es immer weniger Pflüge und Traktoren gibt, was wird dann aus der berühmten»Nahrungsfreiheit«, die doch für den nächsten Krieg nicht weniger bedeutsam ist als Kanonen und Tanks? Es ergibt sich dann die fortschreitende Zerrüttung der Agrarwirtschaft und jene Lebensmittelnot, die vom Regime bereits als eine unabänderliche Folge seiner Gesamtpolitik zugegeben wird. Die Erhöhung der Sparrate hat allerdings, wie die»Fr. Z.« bekümmert bemerkt, Grenzen, die sich schon aus dem starken Versorgungsbedürfnis der nationalsozialistischen Pgs. ergeben. So hat die»von der neuen Aufgabe ziemlich unberührte« preußische Verwaltung zwar 8000 Beamte eingespart, aber 27.000 Angestellte neu hereinnehmen müssen. »Ueberdles erfuhr der deutsche Verwaltungsapparat neben der in Angriff genommenen Vereinfachung auch erhebliche Ausweitungen, sei es Infolge der verstärkten Kontrolle des Außenhandels durch die zum Teil recht umfangreich gewordenen Ueber- wachungss teilen, oder infolge der wachsenden Durchdringung aller Zweige de» sozialen und kulturellen Lebens mitOrganenvonStaatnndPartei«. Diskreter kann man die Versorgung der nationalsozialistischen Bonzen aus öffentlichen Geldern und die fortschreitende Bürokratisierung der Wirtschaft kaum darstellen. Haben wir wiederholt darauf hingewiesen, daß die künstliche Rüstungskonjunktur keineswegs zu einer Ausdehnung der übrigen Wirtschaftszweige geführt hat, daß die sog. Initialzuwendung versagt hat, so bestätigt die»Fr. Ztg.« auch diese These: der Staat sei gezwungen, die ganze Kapitalbildung und den ganzen Spielraum für zusätzlichen Kredit für sich selbst in Anspruch zu nehmen. Daher das Investitionsverbot in vielen Wirtschaftszweigen und die Emissdonspapiere für neue eine Zunahme der Lohnsumme infolge der längeren Arbeitszeit; nur in manchen Ver- brauchsgütergruppen waren mit sinkender Arbeitszeit auch niedrigere Lohnauszahlungen verbunden. Im ganzen blieb das Lohnniveau wohl so stabil, daß für das Gesamteinkommen der Lohn- und Gehaltsbezieher die Zahl der Beschäftigten ausschlaggebend war, also mit i der naturgemäßen Verlangsamung des fort- i schreitenden Abbaus der Arbeitslosigkeit auch , die Zunahme des Arbeitseinkommens im Tempo etwas nachgab.« alle diese Erscheinungen auch vorsichtigen Darlegungen des gleichgeschalteten Blattes leicht zu entnehmen sind. Nur eines, vielleicht das wichtigste, muß verschwiegen bleiben: die inflationistischen Methoden, mit denen der gepriesene Wirtschaftsaufschwung bewerkstelligt worden ist. Denn wenn erst die Ueberzeugung von der kommenden Inflation von den Wissenden der kapitalistischen Kreise überspringt auf die Massen, dann wäre es um die Fortführung nationalsozialistischer Wirtschaft geschehen. Dr. Rieh. Kern. Kapital nu�los vertan Bs ist jetzt 27 Jahre her, seitdem der Uni- ' versltätsprofessor Adolf Weber, heute ein Grete, im Vorwort zu seinem Buch»Die Aufgaben der Volkswirtschaftslehre als Wissen- sdbaft« geschrieben hatte,»daß die deutsche Nationalökonomie vor einem Scheideweg steht,«e kann wählen zwischen unwiasen- schaftlioher einseitiger Gefühlapolitik und nur nach Wahrheit und Erkenntnis strebender Wissenschaft«. Im Dritten Reich ist es der Wissenschaft, nachdem sie vor dem Hakenkreuz kapituliert hat, nicht mehr erlaubt,»nach Wahrheit und Erkenntnis zu streben«, eine reinliche Scheidung zwischen den Fragen des»Seins« und des»Sein-Sollens« durchzuführen, sie hat nur zu sein, was sie nach Hitlers Kommando sein soll,»unwissenschaftliche einseitige Gefühls- politik« nicht zu verwerfen, sondern sich ihr zu unterwerfen. Abweichende Meinungen sind ihr nicht gestattet, oder nur dann, wenn sie, eingehüllt in das Gewand nationalsozialistischer Phraseiogie. fast unkenntlich geworden sind. So muß Professor Adolf Weber in seinem neuesten Buch, der»kurzgefaßten Volkswirtschafts 1, ehre und Volkswirtschaftspolitik in einem Bande«, sein Bekenntnis zur verlogenen Bapalität des»Gemeinnutz geht vor Eigennutz« ablegen, bevor er riskieren darf, auf dem sehr indirektem Wege des historischen Rückblicks, also durch die Blume, zu den Gegenwartsfragen von Schachts Wirtschaftsführung kritisch Stellung zu nehmen. Er weist auf die auffallende Tatsache hin, daß In der Zeit von 1890 bis 1900 in allen Ländern der Zinsfuß niedriger war als in der vorausgegangenen Periode der Depression, obwohl die Nachfrage nach Leihkapital unter dem Antrieb der revolutionierenden Wirkung der Elektrotechnik enorm zugenommen hatte. Nicht der Kapitalbedarf, sondern die Kapitalverwendung ist für die Menge des verfügbaren Leihkapitals und seinen Preis, den Zins, entscheidend. Nach der Jahrhundertwende stieg nach Weber in Deutschland, und ähnlich in der übrigen Welt, der landesübliche Zinsfuß von rund 3 auf rund 5 Prozent, ohne daß der Kapitalbedarf größer geworden wäre. Das erklärt Weber damit, daß der trotz lebhaftester Kapitalnachfrage niedrige Zins der 90er Jahre die Folge einer verhältnismäßig produktiven Anlage des Kapitals, daß aber in der Periode nach 1895 zwar auch noch die Ergiebigkeit gewachsen, aber nun in zunehmendem Maße durch unwirtschaftliche Verwendung überkompensiert war. Das damalige Wettrüsten führte dazu. daß Kapital für Zwecke der Heeresausstattung, des Flottenbaues in immer größerem Umfange»wirtschaftlich nutzlos vertan wurde«. In dem einen Falle war also die Kapitalbildung größer als der Kapitalbedarf, im anderen Falle blieb sie immer mehr dahinter zurück. Wachsende Teile des nationalen Kapitals wurden produktiver Verwendung entzogen und statt dessen unproduktiv ver- Felben der Hi«loB'herrsdiaft Im»Arbeitertum« vom 15. Dezember 1935 schreibt der Reichsleiter Alfred Roeenberg einen Artikel»Die Uebeiwindung des Kommunismus auf allen Lebensge bieten. Der Kampf um die Weltanschauung«-. Darin setzt er sich mit den Einwänden auseinander, die besonders von christlicher Seite gegen das vorgebracht werden, was die Nationalsoaa- listen Bestandteile ihrer Weltanschauung nennen. Er glaubt sie zu widerlegen. Wie er das tut, dafür nur eine Probe: »Und im Falle der Sterilisation: wenn es heute noch Menschen gibt, die sich Uber den Wert der ßterilisation strelteB, so begreifen sie nicht. daß ohne die Sterüjsa- Mon in wenigen JahriiurKlerten auf z w6 1 deutsche Menschen ein Idiot käme, daß alle kulturellen Schätze damit vernichtet werden.« Das sind freilich nette Aussichten, die Rosenberg schon nach drei Jahren Hitlerberr- schaft zu entdecken in der Lage ist. In den etlichen Jahrhunderten, mit denen sich das deutsche Volk vor dem Anbruch der nationalsozialistischen Diktatur in die Weltgeschichte eingetragen hat, hat es auf allen Gebieten hervorragende Leistungen vollbracht. Nicht nur Binzelpersönlichkeiten, sondern breiteste Volksschichten haben zu dem Aufstieg der Menschheit beigetragen. Wir wollen nur daran erinnern, daß auch die deutschen Waren durch die Qualitätsleistung der Arbeiter in aller Welt vordringen konnten. Diese Aufwärtsentwicklung ging ohne Steiüteation, freilich auch ohne nationalsozialistische Diktatur vor sich. Tausend Jahre wollen die Nationalsozialisten regieren!....(Aber schon nach drei Jahren erkennen sie, daß in wenigen Jahrhunderten ihrer Herrschaft auf zwei deutsche Menschen ein Idiot käme.) Vor dieser Degeneration kann das deutsche Volk keine Sterilisation, sondern nur die gründliche Ausräucherung des nationalsozialistischen Spukes bewahren. Oer Bauer In der»Deutschen Allgemeinen Zeitung« prangt folgende Geburtsanzeige: »Voller Freude zeigen wir die Geburt eines prächtigen Erbhofbauern an. Käthe Schmitz-Winnenthal. F. W. Schmitz- Winnenthal. Gut Große Spey. Der Säugling soll, kaum geboren, die Annahme von Milch verweigert und statt dessen stürmisch einen Schoppen bayrisch Bier und ein Paar altdeutsche Würstchen gefordert haben. Nach überstandener Mahlzeit begab er sich in Schaftstiefeln auf seine Erbfelder. Aussidifsreidie Slatlslik In Deutschland wird jetzt eine neue Kriminalstatistik aufgestellt, die zwischen Ariern und Nlchtariem»streng untenscheidet«. Man will auf diese Weise— und mit Hilfe gründlicher Fälschungen— Zahlen über die»jüdische Kriminalität« erhalten. Uns scheint die Gliederung unvollkommen. Wir schlagen vor, auch die Verbrechen der alten Kämpfer gesondert au registrieren. Dann wird sich herausstellen, daß Deutschland gegenwärtig voa 1 Kriminellen beherrscht wird. Nr. 155 BEILAGE UcucrUonoMs 12. Januar 1936 Unfrei ist der Bursdi.. 41i«Heidelbergs Glück und Ende Damals hat der deutsche Student geahnt, in welchen Tiefen eine wahre Bildungsinstitution wurzeln muß; nämlich in einer innerlichen Erneuerung und Erregung der reinsten sittlichen Kraft. Nietzsche über die Burschenschafter de« Vormärz. Märztage 1933. Die Sturm- und Rollkommandos der SA und SS hatten endlich das Signal der Plünderung»- und Mordfredheit erhalten. In einer deutschen Großstadt drang unter anderem edne Kolonne- um Mittemacht in die Wohnung eines sozialdemokratischen Hedakteurs ein, der, rechtzeitig gewarnt, nicht mehr in der Stadt weilte. Schränke und Schübe wurden erbrochen, es wurde gestohlen, was zu stehlen war— vor den Augen des von entsetzten Nachbarn herbeigerufenen Ueber- falikommandos. Am nächsten Tage erfolgte die systematische Zerstörung des Mobiliars Und des Hausrats durch einen zur rauheren Arbeit vorbestimmten Trupp. An diesem Vorfall ist scheinbar nichts der besonderen Erwähnung wert. Gleiches hat sich damals tausendfach, zehntausendfach ereignet und hat andere viel härter getroffen. Entscheidend ist auch nicht, daß die nächtlichen Besucher offen klagten, um die Ausführung ihres Mordplans gekommen zu sein. Die Variante des Falles liegt darin, daß diese E i n b rec h e r g r u p p e aus Studenten der großen Universität der Stadt bestand, geschult für>Spezial- aufgaben« durch einen früheren Offizier; aus jungen Leuten, die befehlsgemäß und überzeugungstreu handelten, Repräsentanten akademischer Ehre und Würde, in denen das Recht zur Beraubung und Ermordung des politischen Gegners bereits eine weltanschauliche Rechtfertigung angenommen hatte. Unter anderem war ihnen ein kleiner Teppich in die Hände gefallen. Er entging der Umwandlung in das Privateigentum eines andern, denn kurze Zelt darauf hing er im Kneipzimmer der prominentesten Burschenschaft der Universität an der Wand, versehen mit einem Schildchen: Erbeutet in der Wohnung de« marxistischen Juden X..... 9. März 1933. Eta war ein rechtes Gaudium. Befreundete Studlker bewunderten die Siegestrophäe und manch Floreat auf den Sieg, manch Heil auf den Führer wurde beim munteren Trunk darunter gesprochen. Noch im Frühjahr 1934 hing das Teppichstück an dieser geweihten Stätte. Sollte jemand diesen Bericht für ein aus schmutzigen Emigrantenfingern gesogenes Greuelmärchen halten, sollte jemand meinen. daß deutsche Studenten in solche moralische Abgründe nicht geraten könnten, so stehen Zeugen gerne zur Verfügung. Aber vielleicht täuschen wir uns in der Annahme, daß die Wahrhedtstreue dieses Berichtee angezweifelt werden könnte. Der Rechtsbruch, seine Rechtfertigung und seine Proklamation als Dienst am Volke sind auf akademischem Boden durch Schmitt, Frank und Kerrl sakrosankt geworden. Deutsche Studenten lernen an deutschen Universitäten, daß nur der Staatsknecht Subjekt des Rechts und der Exekutive sei. Der gewöhnliche»Mensch« der alten Gesetze ist nur noch Objekt ohne Anspruch auf Lebenarecht. Diebstähle, Einbrüche, Morde, verübt im Zuge der »nationalen Revolution« verleihen heute im Abglanz heroischer Leistungen den»alten Kämpfern« jene unvergängliche Tradition, vor der sich die blauen Augen des Führers immer aufs neue entzünden. * Die aktuellen Phänomene deutscher Geistigkeit und deutschen Akademlkertums zeigen die erschütternde Unsicherheit und Frag- würdigkeit des blinden Fortschrittsglaubens in der Geschichte. Auch vor hundert Jahren gab es Sturmkolonnen deutscher Studenten. in denen es fieberte, und die an wilden Gebärden der Gesinnung und der Tatenlust nicht zu überbieten waren. Sie verbrannten Büchor und Inslgnlen der Reaktion und des Gamaschenknopfs bei dem Fest auf der Wartburg von 1817. Einer aus ihren Reihen, der junge Sand, erstach 1819 in Mannheim auf der Straße in opferbereitem Freiheitsüberschwang den reaktionären Dichter Kotze bue, womit er dem tätigen Metternich-Geiste und der Heiligen Allianz den Weg ebnete. Um den Bundestag zu sprengen, stürmten Studenten j am 3. April 1833 die Haupt- und Konstabler wache in Frankfurt zum Protest gegen die Zensurbeschlüsse zur Unterdrückung der freien Presse. Mitglieder der Heidelberger Burschenschaft waren die Organisatoren des Putsches. dessen Beteiligte zu lebenslänglichem Gefängnis verurteilt wurden, bis man ihnen 1838 die Erlaubnis zur Auswanderung nach Amerika gab. Burschenschafter wie Wilhelm Liebknecht trugen in den ' Kämpfen von 1848 die schwarz-rot-goldene Revoluüons- und Studentenfahne voran, erglühend für das durch Freiheit und Gerechtigkeit zu schaffende Volks- und Menschenrecht gegen den Zwangsstaat der feudalistisch-monarchistischen Autokratie. Drei Jahrzehnte der studentischen Freiheitsbewegung, verschwärmt und überschwänglich, romantisch, deutschtümelnd und jakobinisch— immer liebenswert wegen des Durchbruchs adeliger Gesinnung und geistiger Unabhängigkeit gegen Ordonnanzen und Krückstöcke! Neben echten Revolutionären sangen phantastisch gekleidete Barden wilde Freiheitslieder, in denen das Fürstenblut aus harmlosen Reimen spritzte. Schon wuchsen daneben die großen geistigen Entscheidungen des Jahrhunderts heran. Die Junghegelianer, die Feuerbach, Rüge und Karl Marx, begannen bereits als Studenten die sozialen Erschei- und altfränkischen Trinksprüchen. Im Glauben an die eigene Geborgenheit versteckten sie sich hinter ihren Kulissen vor den sozialen Auseinandersetzungen und Entscheidungen— bis der Krieg und die Nachkriegszeit die Umwertimg aller akademischen Werte brachten. * Für die Weimarer Republik war in ihrer großen Nachsicht die»akademische Freiheit« so seHistverständlich, daß sie das studentische Verbindungswesen nicht antastete. Es blieb als Anachronismus bestehen. Wie einst im Mai erschienen die Herren Verbindungsstudios bei jeder akademischen Feder mit Säbel, Schnürrock und Stulpenstiefeln und mit dem kleinen schiefen Barett auf der neudeutschen Frisur. Korps, Burschenschaften, Landsmannschaften und Tnmerschaften, neidisch und zänkisch hintereinander, waren darin einig, daß die Republik, die Demokratie und der Sozialismus der »Feind« seien, weil er die Gleichberechtigung forderte und die akademischen Privilegien nicht mit Stacheldrähten beschützte. Hier fand der Nationalsozialismus seine frühesten Stützpunkte. Hier wurde der Geist der Schmähimg und der Gewalt gegen den politischen Gegner unter Führung von ausgesuchten Einpeitschern großgezüch- nungen und Gegensätze zu sehen. Sie traten tet. Herrenmenschentum und Menschenver- in offenen Gegensatz zum akademischen i achtung begegneten sich unter der Verbin- Verbindungskomment, hinter dem sich bald dungsfahne und dem Hakenkreuzbanner. Ne- nach 1848 die studentische Freiheitsbegierde ben den kalten Rechnern und brutalen Zyni- wieder zu verkriechen begann. kern standen die Gruppen verzweifelter und Als das Bürgertum seinen Frieden mit der hoffnungsloser Studenten, zerrissen von der monarchistisch-militaristischen Reaktion ge- Ungewißheit um ihre Zukunft, mit deren Seemacht hatte und sein Freiheitsverlangen in lischer und moralischer Schwäche die Dem- der Wirtschaft in reichem Maße gestellt agogen leichtes Spiel hatten. Von braunen wurde, vermählte sich die studentische Romantik mit dem nüchternen Karriere-Inter- Amtswaltem wurden nicht nur Rohlinge gewonnen. Sie verlockten auch' jenes schwär- esee. Die Korps stuften sich feudal und mende Menschentum, das nach Börnes Wort exklusiv ab. und die akademischen Individualitäten empfingen ihren Wertmaßstab beim in gefährliche irrationale Bezirke gerät, »wenn die Erde bebt«, drillten sie zum Men- Frühschoppen. Zivilcourage bewährte sich schenhaß und disziplinierten sie zur Gemein- nur noch auf dem Fechtboden. Wo einst der mächtige Bart den freibeitsdurstigen Studenten zierte, saß jetzt der Schmiß, che gute Empfehlung für das Amt, wo die von der älteren Korpsgeneration warmgehaltenen Sessel standen. Nach 1870 wetteiferten die Burschenschafter mit den Korps und begannen sich ihrer schwarzrotgoldenen Fahne zu schämen. Im Verlauf von fünf Jahrzehnten war das deutsche Studenten- tum die Sammelstelle und der Erneuerungsfundus der banalen Rückwärtserel geworden. Die Verbindungen sorgten für den Aufstieg auf der gesellschaftlichen Stufenleiter. Akademische Hierarchien mit»Alt-Herren<-Verbänden bildeten das verzopfte Gegenstück zur militaristischen Tradition des wilhelminischen Reiches. Die einen hatten ihr Sedan— die andern ihr Alt-Heldelberg, mit Illuminationen heit Hitler und die Seinen wußten— es ist eine oft bestätigte Lehre der Geschichte— daß entwurzelte jugendliche Intellektuelle in entscheidenden politischen Scbicksalsstunden die revolutionäre Vorhut bilden. Wie schnell wurde im Dritten Reich der jugendliche Enthusiasmus mißbraucht zur despotischen Unterdrückung der Freiheit, cfie im Vormärz kein Metternich und kein Gentz hätte wagen dürfen. Aber schon erwächst trotz aller Machtgebote aus den Reihen der studentischen Jugend ein gefährlicher Widerstand. Die selbständigen Funktionen und Entscheidungen des Geistes erscheinen einem großen Teil der studentischen Jugend längst wieder begehrenswert. An den deutschen Universitäten beginnen sich, trotz Ueberwachung durch die braune studen- tische�wangsorganisation, junge Akademiker um diejenigen Lehrer zu scharen, von denen sie wissen, daß sie che Rezepte der amtlichen Wissenschaft nicht mit Leidenschaft vertreten. Das Vorgeschriebene fängt an, sie zur Opposition anzureizen. Im Zwange der jugendlichen Selbstbehauptung sehnen sie sich nach der»Aussprache« im Gegensatz zur vorgeschriebenen nationalsozialistischen These, noch nicht als Abtrünnige, aber schon als Denkende, womit sie bereits gefährlich werden. Es ist bezeichnend für den Nationalsozialismus, daß er diesen geistigen Widerstand gegenwärtig weniger sieht, als denjenigen, der sich in den Korps und in den Burschenschaften gegen die formalen Glelchschaltungsbe- strebungen bemerkbar machte. Er ist machtbesorgt vor den vielseitigen akademischen Querverbindungen der alten Beamtenhierarchien. Er fürchtet hinterhältige Auflehnungen durch die Beibehaltung akademischer Sitten und ihres Komments, der sich der braunen Phrasologie noch nicht angepaßt hat. Er haßt die Kameraderie konservativer Elemente, die nicht aufhören, auf ihre Wiederkehr zu warten und sie in stillem Bündnis vorbereiten möchten. Der totale Staat handelte logisch, als er die Korps und die Burschenschaften teils verbot, teils suspendierte und der alleinigen Befehlsgewalt des nationalsozialistischen Studentenbundes unterwarf. Nach der Machteroberung begrüßten diese studentischen Verbindungen nichts lebhafter als die Vernichtung der Demokratie und die Zerstörung der sozialistischen Arbeiterorganisationen. Jetzt sind sie der gleichen Ty- rannis unterlegen und trauern vergangenen Tagen nach, wobei sie in verspäteter Reue mancherlei Gutes an»Weimar« entdecken. Einige von ihnen bezeugten bis zum Untergang Zivilcourage, um vom alten Traditionsglanz noch etwas zu retten. Die Alt- Heidelberger Studenten-Romantik mit ihren Postkarten- Kitschträumen wird nie mehr wiederkehren. Nur diejenigen, die mit Hilfe dieses Fassadenzaubers leichter ira Amt gestlegen sind, werden der Ansicht sein, daß damit ein wertvolles Stück deutschen Kulturlebens zugrunde gegangen sei. An diesen Gräbern ist kein Immortellenkranz am Platze. Die Ideen der Freiheit und des Menschentums, die einst In der Studentenbewegung erglühten und dann von den Enkeln verraten wurden, werden bei ihrer Wiederkehr mit einer neuen Jugend im Bunde sein. Die alten Tafeln der Burschenherrlichkeit sind zerbrochen, verworfen von der Geschichte. Auf diesen Trümmern werden sich die Fundamente echter sozialistischer Lebensgestaltung erheben, deren Werkleute, den braunen Despoten unsichtbar, bereits mitten Im Dritten Reiche tätig sind Andreas Howald. Kilo macht sich lustig August 1918. Durch die Nacht rollt Geschützdonner. Vorm Posten des Zeltbiwaks taucht ein Reiter auf. Ein Bügel klirrt.»Paul, Du blsts...« Der Meldereiter bindet sein Pferd an.»Was bringst Du denn?« fragt der Posten halblaut.»Drei Wagen müssen vor. Es gibt Dunst Und die Batterie hat wieder einen Rohrkrepierer gehabt Vier Mann tot Jetzt knallt die Batterie gerade noch mit zwei Haubitzen. Ehe die nicht auch hin sind, kommen wir niebt raus aus dem Schlamassel. Schnauze voll!« In den Zelten schnarchen die Soldaten. Der Reiter stolpert über eine Schnur. Flucht vor«ich hin, ruft gebückt ine Zelt des Kolonnenführers hinein. Eine aufgeschreckte Stimme fragt Der Reiter erstattet Meldung. Der Offizier kriecht aus dem Zelt, ruft:»Wachtmeister..,!« Der Wachtmeister taucht auf, in Reithose, Strickweate, ohne Stiefel.»Drei Wagen zur Batterie! Wer ist an der Reihe?« —»Wagen, sechs, sieben acht.«—»Gut Vizewachtmeister Lindemann führt. Unteroffizier Winlder redtet mit. In fünf Minuten marschbereit.« Schlaftrunken fahren die Soldaten in die Stiefel. Waffenrock, Stahlhelm, Gasmaske— alles liegt griffbereit. Pferde werden gesattelt Geschirre klirren. Verhaltende Schimpf- worte, Fragen, ein wütender Fluch.»Na, wirds bald«? ruft der Offizier ungeduldig, barsch.»Goldmann— wollen Sie gefälligst nun endlich Ihren Hut aufsetzen? Immer müssen Sie der Letzte sein!« Der kleine GaLdmann beeilt sich hastig. Ein Fahrer schimpft mürrisch, knufft seine Pferde; es gilt dem Offizier. Halbtaute Kommando rufe. Sechs Fahrer schwingen sich in die Sättel. Bracken klirren. Drei Wagen rollen dumpfpolternd in die Nacht * Die Nacht ist schwül, schwarz, sternen- los. Geschütze dröhnen. Dumpfe schwere Pauken, grelles sprengendes Krachen, grollendes Donnern, als rollten Eisenbahnzüge durch eine wilde Gewittemacht. Es riecht nach Staub, nach Rauch und Brand. Der Horizont zuckt und flammt trübrot, entzündet von fernem Mündungsfeuer. Leuchtraketen steigen, strahlen wie flatternde Sterne, sinken verlöschend, Scheinwerfer zeigen stell zum schwarzen Himmel, kreuzen sich, pendeln suchend, schlagen jäh zu Boden. Ein Flieger summt hoch, dünn singend. Plötzlich hängt weißes gleißendes Licht am Himmel, strahlend wie eine Bogenlampe, schwebend an seidenem Fallschirm, Kalkweiß im grellen Licht liegt die zerrissene Landschaft. Die drei Munitionswagen halten reglos zwischen zerfetz-' ton Waldstümpfen. Die Soldaten sehen einander In bleiche Gesichter. Vor ihnen senkt sich der zerklüftete Fahrweg ins»Todestal«. So wird die flache Mulde von ihnen genannt. Nacht für Nacht liegt sie unter feindlichem Artilleriefeuer. Es sind nur sechshundert Meter— sechshundert Meter Fouerspaller. Dahinter, eingebaut am scbußsicheren Hang feuern Haubitzen. Dort müssen sie hin. Das schwebende Licht verlöscht, sinkt als rötlicher Funken. Vizewachtmeister Lindemann reitet an den Wagen entlang.»Von der Waldeoke an Trab! Wenn's die Gäule hergeben; Galopp! Große Abstände! Auf Sprengtrichter achten! Unteroffizier Winkler— sie bleiben am Schluß.« Da strahlt wieder das grelle Licht, schwebt eine Ewigkeit, erlischt. Dünn singend streicht der Flieger ab. Winklers Stute scharrt, klopft mit dem Huf. Er tätschelt ihr beschwichtigend den Hals. Vizewachtmeister Lindemarm hebt die Hand. In Abständen fahren die Wagen an. Da ist die»Waldecfce«— drei zersplitterte Baumstümpfe, ragend wie die Kreuze auf Golgatha. Trab— Galopp. Die Lederpeitschen klatschen auf schweißnasse Pferde. Die Wagen poltern. Dumpf pauken die Geschütze Im Trichterfelde schießen Flammen- krater auf. Sic springen heran, berstend, krachend, jaulend. Irrwisch« aus Feuer und Elsen. Brüllend zerstampfen sie das Feld. Dl« Luft schreit. Eine schwere Granate schlägt auf den Weg, reißt kaum einen Trichter. In ungeheurer Brisanz versprengt sie Feuer und glühendes Eisen. Der Himmel beult, stürzt ein. Krachend speit die Erde Feuer— mit jähem Ruck steht der Wagen, mit zersplitterter Deichsel schräg hineingestoßen in einen Knäuel zerfetzter Menschen, zerfetzter Pferde. Wild um sich schlagende Hufe fletschen in zerrissenes Fleisch.»Vizewachtmeister Lindemann!« Ein Soldat schreit— es gellt wie ein Schrei nach dam Retter. Vizewachtmeister Lindemann— den gibt es nicht mehr. Blutige Fetzen, ein Steigbügel, ein Stiefel, ein abgerissenes Menschenbein im Leder— das ist Vizewachtmeister Lindemann. Unteroffizier Winkler sprengt nach vorn. Die brüllenden Irrwische tanzen im Feld. Rasselnd überholt der dritte Wagen den zweiten. Bracken und Stränge verwirren sich. Die Fahrer schreien.»Weiter! Gottverdammich! Weiter!« Fluchend springen die Kanonlere vor. taub im Krachen der Einschläge. Mit fliegenden Händen entwirren sie das Gestränge. Ein Soldat erhebt sich taumelnd, hebt eine blutig zerfleischte Hand. »Grimm?« Mit offenem Munde sackt der Verwundete zusammen.»Spranger! Hilf ihm— schlepp ihn in einen Trichter!« Bleich, wortlos gehorcht der Sanitätsgefreite. Ein abgedrehter Zünder schnurrt dicht über den Soldaten hin. Die Granate klatscht blind ins sumpfig zerstampfte Bachbett. Das Feld flammt. Eine Granate zerreißt den Wegrand. Dreck spritzt bis her.»Los! Weiter! Galopp!« Die Peitschen schlagen das Letzte an Kraft aus den Pferden heraus. Die zwei Wagen erreichen den Hang, die Geschützstellung. Die brüllenden Irrwische tanzen querfeldein, flammend, springend— hinüber zum Kolonnenweg jenseits des zerstampften Wäldchens; man hört Wagen rasseln, Schreie In der Nacht. Das Feuer springt weiter. Mit zwei Gespannen jagt Unteroffizier Winkler zurück. Die Reservedeichsel, an ein Handpferd gehängt, schleift schleudernd hinterdrein. Es ist grauenvolle Arbelt, den Wagen freizumachen, zurückzuschieben, anzuschirren. Die beiden Fahrer tun es. Winkler greift zu. Sie bringen den Wagen in die Stellung. Sechsunddreißig Schuß.»Mensch— Winkler!« ruft der Batte- rleführer.»Die Kiste haben Sie geholt?« Er sieht den Unteroffizier an, streift mit einem Blick den verblichenen Waffenrock, das schmale Gesicht. Er schwelgt vor einer Tat, die ihn erregt und die er selber nicht vermöchte— ehrlicherweise weiß er das.»Herr Hauptmann— holen müssen hätten die Leute den Wagen doch. Jetzt— gleich nach dem Beschuß wars noch am sichersten.« Der Hauptmann nickt vielsagend. Ja, er kennt den Kolonnenführer— diesen kaltherzigen Streber und seinen Ehrgeiz. Natürlich— der hätte die Karre nicht im Stich gelassen! Er holt sie ja nicht mit der eigenen Haut— der schneidige Herr! Düster blickt der Hauptmann auf die Kanoniere, die die Granaten in den knarrenden Geschoßkörben geschultert an die Geschütze schleppen— Familienväter wie er selber. Er stößt eine Granat« mit dem Fuß.»Wieviel Menschen ist so ein Mensch wohl wert?« Er sieht den blutbespritzten Wagen, die Soldaten mit fahlen Gesichtern, Und plötzlich greift ihn Erregung ans Herz. »Und wenn die Dinger schon im Rohre krepieren— den Toten kanna ja egal sein! Das ist auch Krieg! Da— mit den beiden ausgeleierten Donnerbüchsen markleren wir Batterie und mir haute die eigenen Leute kaputt! Immer weiter! Durchhalten! Tut sich was— da hinten die dicken Herren! Helden— Helden sind wir! Jawohl— und verrecken können wir hier wie die Ratten! Schluß mit der Chose! Weiter will ich nichts! Unterschrift: Bendler. Hauptmann und Batterieführer. Architekt im Zivilberuf. Sagen Sie das den Herrschaften dahinten, wenn Sie sie treffen!« Erregt sieht er den Unteroffizier an, ein Mensch den Menschen. Der Hauptmann greift in die Tasche, zieht ein Etui, schüttet dem Unteroffizier Zigaretten In die Hand.»Verteilen Sie die unter Ihre Leute. Mojn!« Heftig wendet er sich ab, geht, verschwindet im Unterstand. Gierig rauchen die Soldaten die Zigaretten. Winkler, matt in den Knien, geht zu seinem Pferde, zieht ein Stück Brot aus der Tasche. Leise wiehernd schnuppert es die Stute. Er gibt es ihr ins weiche Maul, klopft ihr den schweißfeuchten Hals. Dämmerung enthüllt das zerstampfte Gelände. Das Feuer schwelgt. Maschinengewehre plappern fern. Drei leere Wagen fahren zurück, zwei nur zweispannlg. Auf dem Wagen liegt die zerschmetterte Bespannung — blutiges Fleisch, Tuchfetzen, Leder. Einen Kopf mit zerfleischtem Gesicht bekränzen herausgerissene Pferdegedärme. Fahl breitet sich das Feld der Ehre. Aua einem Sprengtrichter winkt Spranger, grau im Gesicht, blutbefleckt. Er hat den verwundeten Grimm geborgen und verbunden. Ohnmächtig, mit blutgetränktem Notverband liegt Grimm im Trichter, reglos wie ein Sack. Und da— da liegt in ein Granatloch geschleudert der kleine Goldmann—»Immer müssen Sie der letzte sein!« Tot Blutjung— vor einem Monat erst als Ersatz im die Front gekommen. Ein glühender Eisenfetzen hat ihm die Kehle quer durchschnitten. Die gräßliche Wunde klafft mit versengten Rändern. Die Soldaten heben den Verwundeten auf den einen, den Toten auf den anderen Wagen. Eine Batterie bellt Geschosse ziehen hohe Bogen. Pfeifend, zischend schlagen sie drüben in den Splitterwald. Feurige Sträucher schießen auf, Palmen aus Dreck und Feuer, Baumkronen aus Qualm.»Aufsitzen! Galopp!« Heulend lachen die Granaten hinterdrein... ♦ Das war die Nacht der Eisernen Kreuze. Unteroffizier Winkler erhielt zum EK H das BK I. Der Artlllerlekamroandeiur selbst heftete es ihn an. Dem kleinen Goldmann gruben die Kameraden ein Grab am Waldrande. Siebzehn Jahre war er alt, als der Eisensplitter ihn erschlug— genau siebzehn Jahre später, im Jahre 1935, meißelten nationalsozialistische Kämpfer seinen Namen vom Kriegerehrenmal seiner Heimatstadt herunter, damit nicht länger ein jüdischer Name das Denkmal schände. Winkler erfuhr das aus einem Briefe seiner Frau— der kleine Goldmann stammte aus der gleichen Stadt; sein Vater betrieb dort ein Konfektionsgeschäft- bis die Nationalsozialisten ihn verjagten. Und Winkler— Mechaniker in der Näh- maschinenfabrik, Betriebrat Vertrauensmann der Sozialdemokratischen Partei, Stadtverordneter. Nach drei Monaten Schutzhaft im Polizeigefängnis weitere vier Monate im Konzentrationslager mißhandelt von braunen Sadisten geschunden, mit zerschlagenem Arm entlassen, erwerbslos. Dann einige Monate von Haus zu Haus, als Händler und als heimlicher Verbindungsmann der versprengten Genossen. Zuletzt verfolgt, gehetzt, jede Nacht in einem anderen Bett, immer In Sorge, Freunde zu gefährden, immer in Gefahr, den Häschern in die Hände zu laufen. Und dann Uber die Grenze. Nun lebt er in der Fremde, die ihm Freiheit und Leben schenkt Ein Vertriebener im Emigrantenkollektiv, Schicksalsgenosse unter seinesgleichen. Ehnes Tages bricht sein Freund über der | Zeitimg in Gelächter aus.»Da— Des das!« : Er reicht ihm das Blatt deutet auf eins Notiz. Winkler liest: »Kriegskameraden. Das Durchschnittsalter eines Pferdes beträgt zwanzig Jahre. Demnach sind noch nicht alle Pferde, die im Krieg waren, tot. In Deutschland werden nun alle Pferde, die den Weltkrieg überlebt haben, ein Metallschild auf der Brust tragen mit der Inschrift: Kriegskamerad. Und es ist in Zukunft untersagt, sie dem Fleischerhandel auszuliefern. Sobald sie krank oder arbeitsunfähig werden, werden sie in besonderen»Altersheimen für Pferde« untergebracht.« Winkler lacht auf, kurz, bitter.»Na— und Du?« fragt der Freund.»Kriegskamerad? Unteroffizier Winkler. Ritter des EK I und II. Was sagst Du nun?« Winkler schwelgt. Er denkt an jene Nacht im Todestal— eine Nacht von fünfzehnhundert Kriegsnächten. Vier Jahre Front— drei Jahre aktive Dienstzeit— sieben Jahre, ein Siebentel seines bisherigen Lebens fürs Vaterland— fürs Vaterland! Er denkt an sein Pferd, an dl« braune Stute, die aus der Versteigerung auf dem Kasernenhofe der Heimatgarnison ein alter Bauer wegführte auf seinen Hof, auf den welchen Friedensacker. Die Stute wird noch leben; sie war ein junges Tier damals — ein Vierteljahr nur war sie Kriegspferd. Nun trägt sie wohl das Ehrenschlid:»Kriegskamerad«... »Ja— und wir...?!« Winkler lacht.»Wie heißt gleich das Weibsbild? Kilo? Die Dame hat Humor— allerhand! Das muß man ihr lassen! Sie macht sich lustig...« Winkler wirft die Zeitung hin, steht auf, geht ans Fenster, steht, die Hände auf dem Rücken, schaut hinaus. »Uebrlgcns— wie ist denn das?« fragt der FYeund vom Tische her.»Ich denke gerade dran. Hat Kurt Bescheid? Fahren wir am Sonntag an die Grenze?« Winkler wendet sich um, lacht.»Ja— wir fahren. Aber schon am Samstag. Zwei Uhr zehn— gegen sieben sind wir oben.« Der Freund schlägt ihm auf die Schulter. »Munition an die Front! Alter Granatenkutscher! Kriegskamerad...!« Manfred. Heute HedeitWtieH Met»ieeee Mum Unter dem Titel:»Leere Räume« veröffentlicht die»Deutsche allgemeine Zeltung« eine»Mahnung eines englischen Generals«, dessen Name Waters ist. und der soeben ein Buch»Potsdam und Doom« veröffentlicht hat. In eben diesem Buch befindet sich die»Mahnung«. Worauf läuft sie hinaus? Auf nichts weniger als auf che Rechtfertigung des neudeutschen Imperialismus und der deutschen Blut- und Bodenmystik.»Kein Zweifel«, meint Waters, daß für das Britische Reich ein beschränkter Weltmarkt vorhanden sein würde, wenn Deutschland Kolonion erhielte. Das ist imbestreitbar. Aber was muß sich ereignen, wenn Deutschlands Bevölkerung, jetzt auf engem Raum zusammengepfercht, sich weiterhin vermehrt? Wann es nicht au einer freundschaftllcben Zuteilung kommen wird, wird es darum ringen. Es wird sich in der gleichen Lage befinden wie Japan, das man des Imperialismus anklagt...< Der Herr Brigade-General ist also auf die Argumente der deutschen Zivilisa tlonagegner hereingefallen. Die Weimarer Republik hat nicht daran gedacht, anderen Völkern Boden zu rauben, damit Deutschland seine überschüssige Bevölkerung ernähren kann. Der Begriff der überschüssigen Bevölkerung ist überhaupt sehr relativ. Wenn man durch Autaridewahnsinn die ExporUndustric zugrundegerichtet, gibt es sicher viel überschüssige Bevölkerung, aber diese Ist politisch bedingt. Und damit Herr Waters sehen kann, daß dies nicht die Argu- ss menteOcm böswilliger Emigranten hier der große deutsche Gelehrte Max Weber zitiert, der sich sehr viel Gedanken über Deutschland gemacht hat. »Man redet viel von der Notwendigkeit, Neuland zur Besiedlung für den Nachwuchs unserer Bauern zu schaffen. Aber wo? Draußen In Kurland?... Dabei ist aber unser eigener deutscher Osten um ein volles Viertel dünner be siedelt als das angrenzende kongreßpolnische Gebiet Dieses soll durch Fideikommißblldung verewigt werden, obwohl doch unsere dringendsten Interessen für die möglichste Verstärkung der Zahl der Landbevölkerung gerade im Osten sprechen. Reichlich zehn Armeekorps wären aus den Bauernstellen die Innerhalb unserer Grenze noch neugeschaffen werden könnten, in Zukunft zu rekrutieren. Im Barbarenlied Nur keine Sentimentalität Krieg ist Krieg, total ist total! Bomben auf Lazarett, Sanität! Genfer Abkommen— war einmal.... Wo man Verwundete nochmals zerreißt, Herrscht der faschistische Heldengeist Druff auf(He Aerzte— der Duce geben ts! Bomben— hurra— aufs Rote Kreuz! Nur keine Sentimentalität Staat ist Staat total ist total! Foltert das Schwein, bis es endlich gesteht! Rechtsgarantien?— Das war einmal.... Wo in den Mund man Gefangenen pißt Zeigt sich der National- Sadist Trampelt aufs Hirn— der Führer gebeut«, Schlagt Jesus, den Juden, nochmals ans Kreuz! Nur keine Sentimentalität! Bewahrt wird Jedes blutende Mal. Gemeinheit rast und Gemeinheit vergeht Auch von der wird es heißen: sie war einmal! Es kommt der Tag, da wird auf der Welt Das Recht das geschändete, hergestellt. Das ist die Stunde des Sterbegeläuts Für die Mörder von Pasclo und Hakenkreuz! Alexia Unser Paradies Kein Zweifel, unser Beruf wird meistens unterschätzt Er ist schwerer und sozialer als der Laie meint Wo bliebe diese Weltordnung, wenn wir nicht wären! Solange wir existieren, muß der Mensch auf reine Weste halten oder zahlen. Er gibt Dinge, die gegen die öffentliche Moral verstoßen, und die Gerichte stehen machtlos vis-ä-vls. Zum Beispiel In Sachen des Privatlebens, der Liebesmoral, der Geechäftskniffe etc. In solchen Fällen sind wir zuständig. Der Laie sagt: Erpresser. Ein häßliches Wort Reiniger sind wir, Erneuerer. Wir leben auch wirklich heroisch, denn manchmal gehts in unserm Beruf ums Leben. Ich habe ein paar Jahre in Amerika gearbeitet Müßte eigentlich gutes Gelände für uns sein. Sexuell prüde, alter pietisüsch-puntanl- scher Boden. Du darfst wenn es die Oeffeol- llchkeit nicht erfährt Gutes Jagdgebiet wie? Trotzdem Wn ich bald abgehaim. Ein wehrhaftes Volk. Der Gejagte knackt auch mit dem Revolver. Statt hundert Dollar hast Du plötzlich blaue Bohnen in der Weste. Wird dort vom Richter nicht tragisch genommen. Muß man schon Bohne gegen Bohne setzen. Gangsterei hat noch Konjunktur. Aber dazu war ich zu feig. Mein Talent ist überhaupt mäßig. Schon mein Onkel, der mich einst daheim anlernte — Schmiere stehn, Polizei irre führen, erpreßtes Geld abholen und so— tätigte betreffs meines Taleaits manch kräftigen Ausspruch. Kurz, ich übersiedelte von New York nach London. Uralter saftiger Mutterboden puritanischer Heuchelei: schwerlich einer als Minister denkbar, dessen Tante eines Fehltritts bezichtigt werden könnte. Aber die Polizei geht hier mit R einigem unserer Art etwas rücksichtslos um, drischt sie auf der Wache, und steht unserm Beruf geradezu feindselig gegenüber. Von gewissen anderen Ländern gar nicht zu reden. Hö'-e ich von Frankreich, denke ich mit Gruseln an Frau Caillaux, die jenen Redakteur, der ihre Liebesbriefe zu Druckerschwärze machen wollte, niederschießen durfte. Niemand ist dort derart vogelfrei, wie der heimliche Reimger. Es ist zu sehr das Land der allgemeinen Menschenrechte. Faul für uns, das Gelände im Westen.> Da, ich wollte es schon mit der Anständigkeit versuchen, entdeckte ich den großen Lichtblick in der»Times«. Dort stand:»... ist zum Paradies der Erpresser g e wo r d e n«. Ich zitiere den Titel des Lande« nicht mit, weil sonst der Zuzug der Reiniger ins Grenzenlose wächst Ein paar Tage später war ich schon dort und bei Gott die Time« hat nicht übertrieben. Hier bin ich daheim, Wer will ich bleiben Wer will ich eine Familie gründen. Wenn das mein Onkel selig, der alte Falschspieler, Nepper und Zangenbruder, der hier einst meine ersten täppischen Schritte lenkte— wenn der das noch erlebt hätte! Man braucht nur einen Mitbürger scharf anzusehn:»Mensen, mit der Nase wolln Sie Beamter sein? Ich als Rassehellseher sage Ihnen«-- und schon greift er nach dem Portefeuille. Das sind Jagdgründe, selbst für Talentlose. Hier hat jeder vor irgendwas Bammel. Man sitzt beim Skat und hört sie meckern. Am nächsten Tage schicke ich meine Gehilfen in die Wohnungen. Sie kassieren ganze Viertel. Natürlich ist die Konkurrenz erheblich und drückt die Preise. Meinem Onkel habe ich auf dem Sterbebett versprechen müssen, beim Skat immer mindestens achtzehn und beim Erpreß immer mindestens achthundert zu halten. Letzteres mußte ich brechen. Kleinvieh macht auch Mist, den Leuten in unserem Paradies fehlt« an Butter und Bargeld, und die Konkurrenz der kleinen Denunzianten geht schon auf Summen von dreißig herunter. Die Masse macht's. Ich habe in jedem Bezirke meine Filialen und denke an ein Hauptbüro in der Hauptstadt, Denn wo das ganze Volk meckert und Mleßmachered bestraft wird, kommt auch unsere Zunft mit den wilden Methoden unserer Gründerzeit nicht mehr durch. Zentralisation muß her, Organisation, Sammelmappen, Methode. Ich habe schon meine Zungenspezialisten für Raaaensonande, Kritlkastored, Erbuntaugllchkeit, getarnte Großmütter, Volksverrat. Eine Abteilung fvlr Hamsterei wird demnächst eröffnet. Die noch nie dagewesene Stärke unserer Zunft hierzulande: wir unterstützen das Regime gegen die öffentliche Meinung, die völlig verboten ist. Die Welt steht auf dem Kopfe: In den verwahrlosten Ländern der Demokratie konnten wir uns nur auf Gangster stützen— hier arbeiten wir mit dar Exekutive des Staate« Hand in Hand. Hier sind wir die treuesten, festesten Stützen des Systems, unsere Methoden werden von den allerhöchsten Kreisen praktiziert und zeitigen fabelhafte Ergebnisse: Autos, Villen Rittergüter, Zeitungen, Verlagshäuser— von den Jüdischen Geschäften, die den Obermeistern Innern du Reservoir an beriedhmgBfatjl- gem Boden zugninaten von Bodenkapttall- sten, die dem Briefadel eretreben, der Bauerneledking su sperren und dafür den deutschen bäuerlichen Nachwuche Hoffnungen auf Boden weitab von der Heimat au eröffnen, dieses»Ineinandergreifen« von östlicher Expansionspolitik des Reiches und Blnaenpolitik Preußens eröffnet unerwartete Perspektiven.« Du schrieb Max Weber im Jahr« 1917 in der»Frankfurter Zeltung«, einem Organ des beute verfemten LlberaJiamue. Man sollte meinen, Herr Waters sollte auf der Seite des liberaliemua und nicht auf Jener des Wim ei- mdnlfrnus in seiner Hitlerscfaen Ausgabe stehen. Wir haben hier kürzlich darauf hingewiesen, wie Deutschland Jetzt systematlech Bevöikerungsüberschuß produziert; Quantität statt Qualität ist du Prinzip, antikonzeptionelle Mittel kommen ins Verbrecheralbum, Geburtenregelung Ist Volksverbrechen. Begreift der Herr Waters nicht, daß Wer direkt der Krieg produziert wird, hat er denn gar- nlchts von Italien gelernt, wo die Menschen auch ins Ehebett kommandiert wurden, damit Kinder erzeugt werden, welche dann die Begründung für den Italienischen Raubzug darstellen mußten? Weiß der Herr Waters Weht, daß auch in Italien die Latifundien noch immer miangetastet sind? Und weiß er nicht, daß die Republik gesiedelt hat, während der Nationalsozi aliamufl gerade durch Jene gesiegt hat, die gegen den»Agrarbolschewia- mus« Brüninga und Schletohers in die Opposition getrieben wurden? Er möge du Buch von Erwin Topf»Die grüne Front, der Kampf um den deutschen Acker« lesen, dann wird er wissen, daß es in Deutschland sehr viel»leere Räume« gibt und er leere Redensarten macht. Oder sollte es gar nicht darum gehen? Friedrich Engels sagte einmal über die englischen Industriellen: man sagt Christentum und meint Kattun. Sagt man Jetzt vielleicht Boden für Deutschland und meint Bundesgenossen gegen Rußland? Zu dieser Vermutung paßt sehr merkwürdig die Tatsache. daß außer für Deutschland zugleich noch für Japan um gut Wetter gebeten wird. Und sagt man virileicht Raum für Deubschland und meint Hegemonie in Europa, Konkurrenz gegen Frankreich? Das englische Volk Ist ein friederubedürf- Uges Volk. Herr Waters wird Ulm verschweigen. daß seine Politik auf den Krieg hinausläuft und er Weht nur helfen will, das deutsche Volk in den Abgrund zu ziehen, sondern „offenbar auch noch England mit diesem Zusammenbruch zu verketten gedenkt. Du haben wir dem engUoohen Volk zu sagen, an deo- aen Bankrott wir als Sozialisten um so weniger Interesse haben, als dort unsere stärkste Hoffnung heranwächst, denn wir wissen: der Soziaidamus kommt Weht aus dem agrarischen Osten, sondern aus dem fortschrittlichen Westen. Heinrich Heines politische HnMtkuns Geist im Hemd! »Wer du wahre deutsche Geistesleben verstehen will, muß du braune Hemd am Körper tragen. Hier Ist der Sitz der neuen deutschen Gristlgkelt...< (Aus einer süddeutschen Zeitschrift.) Das glauben wir schon! n. Bald hier, bald dort tauchen im Norden schon früh Zeugnisse auf, wie sehr er als Vorkämpfer für die Freiheit verehrt wird. 1835 enscheint auf Island eine neue Zeitschrift»F J 6 1 n I r«. In ihr druckt man ein Stück politischer Prosa aus Heines»Reisebildern« ab und führt Ihn als einen unsteten Menschen vor, der nur Immer sich selber gleich Ist In seiner Liebe zur Freiheit,»wie alle die besten und weisesten Männer«. Der norwegische Dichter Henrik Wergelan d übersetzt Im Anfang der 30er Jahre Heines Vorrede zu Kahldorfs Buch vom Adel. Der Führer der konstitutionellen Partei, Schwelgaard, besucht Heine 1834 in Paris und wird von ihm angeregt zu einer scharfen Abrechnung mit der deutschen Gedankenwelt, zu einem Aufsatz, der In»La France LiWralre« 1835 erscheint. In Schweden Ist der Kreis um das erste große liberale Blatt | In Stockholm(Aftonbladet) in enger Fühlung mit dem»Jungen Deutachland« und mit Heines Werk. Palmaer übersetzt Um : Ende der 30er Jahre eifrig in seinem Pro- ivlnzblatt. Oscar P. Sturzen, Becker |(Orvar Odd), Lyriker und Journalist, steht stark In Heines Schuld. In Dänemark | tritt Heines politischer Einfluß In dieser Zeit nicht so sehr ans Licht. Aber G o 1 d- schmldt mit seinem Witzblatt»Der Korsar«, das Im Berliner»Kladderadatsch« Nachahmung fand, ist Ihm gewiß zu Dank verpflichtet. Auch in Finnland liegt er nicht so auf der Oberfläche. Alle diese Beziehungen der 30er und 40er Jahre sind noch zu wenig erforscht, um ihren Umfang klarzustellen. Die Aufmerksamkeit war noch zu wenig auf die Entwicklung des Stils der polltischen Journalistik gerichtet. Sehr viel greifbarer aber wird die Nachwirkung der politischen Dichtung und Journalistik Heinee in der Zeit nach 1870, als nun auoh in Dänemark und Schweden der Realismus zum Durchbruch kam, in der Politik, In der Weltanschauung, in der Literatur. Das norwegische Volk gewinnt in BJörnson einen königlichen Führer, der in seinem hohen Pathos für die Heinesche Art kein Organ besaß. In Dänemark dagegen erlebte die Heine-Verehrung eine neue Blüte und sie galt nun auch dem geistigen Revolutionär. Georg Brandes prägte das nordische Heine-Bild in sehr wesentlichen Zügen und berührte auch seine polltische Bedeutung, war aber doch wohl zu sehr Individualist, um diese Seite seiner Leistung voll zu würdigen. Holger Drachmann preist ihn In seinem Werk»Das heilige Feuer« in Vera und Prosa als Freund und Bruder und Freiheitskämpfer. »Was für ein guter Mann muß er nicht gewesen sein! Sich dies vorzustellen... sieben lange Jahre des Leidens auf seiner Matratze liegend— er so gut wie allein Von Dr. phil. Walter A. Berendsohn. fechtend mit dem Klüngel von Junkern und Pfarrern des ganzen Europas, gegen Scheinheiligkeit, Verdummung und Brutalität In jeder Form— du tut man nur aus unendlicher Güte gegen die Menschen, mit einem festen Vertrauen zur Gerechtigkeit und einem starken Glauben an sein Talent« J e p p e A a k j a r veröffentlicht aus seinen zahlreichen Heine-Uebersetzungen nur die zeitkritischen und politischen Gedichte und preist ihn als Befreier von der religiösen Tyrannei des Großvaters in seiner eigenen Lebensbeschreibung. »Gott weiß, ob die Jugend in unseren Tagen Heine liest. Sonst ist es schade um die Jugend. Sein scharfer Witz und starkgesalzener Spott würde gut wirken in unse- i rer schwülen, unfrisch-mystischen Atmosphäre. Heine hat eine ganz außerordentliche Bedeutung für mich gehabt...« »Heines Werk über»Die romantische Schule«, das den wildesten Hallo treibt mit den Pfarrern und allem, was Sache der Pfarrer ist, ist eines der krassesten Bücher, die ich gelesen habe. Alle Pfeile seines Spottes scheinen mir hier Schüsse ins Schwarze, ihre moralische Wirkungen müssen noch heutigen Tags in meinem Gemüt zu spüren sein. Meine religiöse Befreiung stammt im wesentlichen aus diesem Buch.« Aakjar war Sozialist und politischer Agitator großen Stils. Johannes v. Jensen rühmt in unvergeßlichen Sätzen Heines polltische Dichtungen: Juwelen von Phantasie, Witz und BUderpracht, in einer gesättigten, sprichwörtlichen Form sind die beiden großen erzählenden Gedichte»Deutschland« und»Atta Troll«, eine merkwürdige souveräne Mischung von lyrischer und politischer Poesie, In ihrer Art einzig dastehend, und blendende Lektüre noch heutigen Tags. Von selten der Form haben sie Eigenschaften, die niemals wieder erreicht worden sind, weder vorher noch nachher, Grazie und Energie im Ausdruck, Jede Strophe ein Edelstein.... Die beiden sprudelnden, gegossenen, beschwingten und schwerarmierten Dichtungen sind die einzigen Verse, die ich auswendig gekonnt habe, ich, der ich nicht einmal meine eigenen behalten kann.« In Finnland übersetzte H J a I m a r P r o c o p 4 1906 Heines»Deutschland, ein Wintermärchen«. In der Einleitung weist er auf die schweren Jahre der russischen Unterdrückung hin. In dieser Zeit hat er Heine als lebendigen Zeitgenossen und Blutverwandten erlebt, sein Werk als ganz modern im Gehalt und im Ausdruck. So ist diese schwedische Neudichtung entstanden. In Schweden hat Türe Nerman, selbst Sozialist, Im sozialistischen Verlag »Tiden« das stattlichste Heine-Werk des Nordens, eine dreibändige Auswahl aus Dichtungen, Prosaschriften, Briefen und verstreuten Gedanken In den Jahren 1926— 29 herausgegeben und In der Einleitung keinen Hehl daraus gemacht, daß nach•seiner Meinung Heine erst In der Gegenwart von der politischen Seite her zur Geltung kommt. Du kann ich aus meinem eigenen Erleben In Deutschland bestätigen. Ludwig Hardt sprach oft Heine, füllte ganze Abende mit»einen Werken, dabei rückte die politische Aktualität Ins hellste Licht. Die sich mehrenden Kampf-Kabaretts trugen Heinesche politische Gedichte neben Frank Wedekinds, Rlchand Dehrn eis, Kurt Tucholskys und Erich Kästners vor. Der soziaü- stische Verlag Dletz in Berlin brachte 1923 eine politische Auswahl Heineseber Gedichte »Wir weben, wir weben«(Refrain des Gedichtes»Die Weber«) heraus. Im Jahre 1032 gründeten wir In Hamburg eine Internationale Heinrich-Heine- Gesell- schaft, ganz bewußt als kulturpolitische Geste gegen die wachsende Barbarei der Zeit. Auf einem gut beeuchten Abend»Mit Heine am Teetisch« machten wir es wie die Kampf-Kabaretts und mischten seine politl- : sehen Gedichte mit modernen polltischen Chansons. Aebnliches ist Uberall möglich, wo heftige politische Kämpfe um Freiheit""d Menschenrechte entbrennen. Auch die politische Dichtung Heines gehört der Weltliteratur an, nie ist er so lebendig gewesen als politischer Dichter, wie in unseren Tagen. Seine geistige Gestalt erscheint fester, männlicher, heldischer, wenn man ihn auf dem großen Hintergrunde der politischen Kämpfe sieht. Welfsfrelt Wir lesen In der»Deutschen Allgemeinen Zeitung« ein Eingesandt, gezeichnet Oberpostrat R. Lieber, Major a. D. Eis lautet: Franz Konrad Hoefert schlägt vor, eine Trennung zwischen den Alt-Einwohnern von Berlin vor 1870 und den danach von außerhalb zugezogenen Pseudo-Berlinern dadurch zu machen, daß man erster«»Alt- Berliner Bürger« nennen solle. Sehr schön, ich begrüße solche Trennung an sich sehr. ... Aber die wirklich richtigen alteingesessenen Berliner Familien, zu deren Abkömmlingen ich mich auch zähle, rechnen mit Ihrer Tradition wohl mehr mit dem Jahr 1700 und der davor liegenden Zeit. Das Trennungsjahr 1870 des Herrn Hoefert würde viel zu viel Pscudo- Berliner als Alt-Berliner frisieren. Wie wäre ee, wenn auch die Reichsbürger In Altdeutsche und Paeudo- Deutsche eingeteilt würden? Man brauchte gar nicht bei 1700 anzufangen. schon du Stichjahr 1918 würde genügen, um viele hohe pseudo- deutsche Leute in größte Verlegenheit zu bringen. Z. B. die Herren Adolf Hitler und Alfred Rosenberg. Wahre Freiheit... »Nichts Ist so sinnlos wie die Phrase von der Freiheit des Individuums. Die wahre Freiheit ist immer die, die In Ketten geboren ist...« (Aus einem Feuilleton der»Rhein- und Ruhrzeitung«.) unserer Innung wie retfee Obst in den Schoß fallen, gar nicht zu reden. W i r regleren! So gebe lob einher wie In einem Märchenlande, von dem mein Onkel, der alte Zangen- obampion, nicht einmal zu träumen wagte. Wir, die Nervenärzte und die Totengräber müssen Ueberstunden machen. Unter einem Regime, du die Zange im Wappen führt, gerät natürlich auoh der Reiniger gelegentlich in«He Schere. Im Moment klemme auch Ich darin. Hinter mir stenen alte Kämpfer, die geschmiert sein wollen. Wer hinwiederum erpreßt sie? Eis Ist eine Kette ohne Ende, aber dafür bleibt du Jagdgebiet von unerschöpflicher Ergiebigkeit. Meine Strecke tot auf unendlich eingestellt und mein Onkel, der alte Neppmelater, Gott habe Ihn selig, wäre heute neben mir ein so kleiner Kräuter, wie der Kleinhändler neben dem Grossisten. Unerhörtes kann die Zukunft bringen; du öffentliche Denkmal für unsere Zunft. der Mann mit der Zange auf hohem granltnem Sockel. Könnte durchaus der Kopf elnea der obersten Oberbonzen drauf sein. Mit einem Lorbeerkranz zu Füßen. Den haben wir uns ChrHoh verdient. Denn ohne unser Heer und ohne dauerndes Revolvergeknack kracht das ganze System zusammen. Bruno Brandy. Der Froirigrelst Aus einem Artikel dar Frkf. Ztg. Uber Maß der Sprache: »Ee wäre schon ein großer Erfolg, würde man in der Begegnung mit echtem Sol- datentum lernen, mit der militärischen Metapher, die allzu bedenkenlos angewendet wird, vorsichtiger umzugehen. Es gibt Bezirke Im Dasein, denen man nicht ohne weiteres durch Uebertragung aus der Bilderwelt des Militärischen beizukommen vermag; man läuft zudem Gefahr, den Ernst des echten militärischen Lebens zu verkleinem.« An einem Landsknechtssystem prallen solche Beschwörungen ab. Zu der»Z e u- gungsscblacht« ist In der Nazapresse bereits eine neue Rubrik gekommen:»Von der Rindfettfront«. Kritik überflüssig Auf einer Tagung der deutschen Zeltungskritiker wurde von Göbbels und seinen Feldwebeln soviel über Grenzen, Möglichkeiten und»neue Maßstäbe« einer gutgesinnten Kritik geschwafelt, daß zum Schluß niemand mehr wußte, was oben und unten, was hinten und vorne ist. Am deutlichsten wurde schließlich der Vertreter der Presse, Schriftleiter C. M. Koehn. als er zum Thema Filmkritik meckerte; »Wenn man auf dem Standpunkt stehe, daß die K u n s t im deutschen Filmschaffen den Vorrang gegenüber der deutschen Wirtschaft behalten müsse, dann dürfe dem Kritiker nicht immer vörgehalten werden, er gefährde Interessen der Wirtschaft. Denn dann müsse er die Möglichkeit haben, sich mit den künstlerischen Bedingtheiten des Jeweiligen Films restlos auseinanderzusetzen. Sei man aber der Meinung, daß die Filmindustrie in diesen Entwicklungsjahren erst einmal eine Art von Burgfrleden brauche, um sich wirtschaftlich auf feste Füße zu stellen, •o müsse man auch die äußere Form de? Kritik fallen lassen, denn die vom Schriftleiter geforderte Verantwortung gegenüber der Oeffentüchkeit lasse es nicht zu, eine Stellungnahme vorzutäu-i sehen, die in Wirklichkeit eine Rücksichtnahme bedeutet.« Mit anderen Worten: die Jetzige»Kritik« ist ein hane büchner Schwindel und für den Leser überflüssig. Das Königaberger Naziblatt fragt in der Ueberschrift naiv: »Wer darf kritisieren?« Antwort: Keiner. Tüdlidies Kinderspiel Das Soldatenspiel hat die deutschen Kinder wie eine Seuche befallen. Immer mehr kleine Burschen gehen daran zugrunde, fallen von den Kugeln gleichaltriger Kameraden oder holen sich bei strapazenreichen winterlichen »Nachtübungen« den Tod. Die Eltern klagen, daß selbst die Zehnjährigen oft spät In der Nacht vom»Dienst« heimkommen und sich der elterlichen Kontrolle mehr und mehr entziehen. Beschwerden bei den Hitlerjugend- Instanzen werden mit der Begründung zurückgewiesen, Jede»Verweichlichung« der Kinder sei unzeitgemäß, Deutschland brauche keine Muttersöhnchen. Aus der Magdeburger Gegend wird ein neuer Fall kindlichen»Heldentodes« gemeldet, der auf die Zustände ein grelles Licht wirft: In den Wieglitzer Bergen bei Neuhaldens- leben hatten sich Gymnasiasten einen zwei Meter tiefen, vier Meter langen Unterstand gebaut, kriegsmäßig mit Brettern und Balken ausgekleidet und Uberdacht— genau so, wie es ihnen von den HJ-Führern beigebracht wurde. In diesem Unterstand übernachtete vor einigen Tagen(Im Januar!) der Gymnasiast Hans Drosen aus Neuhaidensleben. Er fuhr auch am folgenden Tage keineswegs nach Hause, sondern bereitete sein Mittagsmahl in der Erdhöhle auf einem Petroleumkocher. Dabei entwickelten sich giftige Dämpfe, die keinen Abzug fanden. Der Junge wurde von einem Kameraden erstickt aufgefunden. Der Gedanke, daß der Sohn nicht verweichlicht war und bei längerer Lebensdauer vielleicht ein tüchtiger Landsknecht in Hitlers Diensten geworden wäre, dürfte den Eltern ein schwacher Trost sein. Deuisdie Gedanken zur Sklaverei In Hitlerdeutschland ist Jetzt ein kleines Buch erschienen, das den Titel führt:»Die Sklaverei«. Verfasser ist ein Herr Robert Pfaff-Giesberg und erschienen ist es in einem Stuttgarter Verlag. Man weiß nicht recht, ob das Büchlein seine allfällige Aktualität von der italleniach-abessi machen Angelegenheit oder von den augenblicklichen innenpolitischen Zuständen in Deutschland herleitet. Vorsich- tigerwetoe behauptet der Verfasser das erstc- re.... In Jedem Fälle aber stellt er fest (Seiten 36 und 76 und Seite 83), daß die Sklaverei von»zerstörenden Wirkungen bezüglich der Herausbildung rassereinen Volkstums begleitet« sei und daß sie ferner»die Gefahr sittlicher innerer Verrohung« in sich schließe. Naiv bemerkt er zum Schluß, daß»noch im Jahre 1924 etwa sechs Millionen Menschen in China, Arabien und Afrika als Sklaven lebten und noch leben« Wie Ist das aber mit den siebzig Millionen In Deutschland 7 Und wie vor allem mit ihrem»rassereinen Volkstum« unter sotanen Umständen? Die Wodie des 3. Reichs Keine Butter, dafür ein Balkon Ein Opfer der Nürnberger Gesetze Flucht vor Streicher Deutsch-japanisches Bündnis Erkenntnis, die zu spät kommt Atfailsteßtd w � � �• p«wir# Wwrwrmfww�ß wßyrw' Keine Parole für 1936 Kurz vor Jahresschluß 1935 sind die Amtswalter der Deutschen Arbeitsfront, wie üblich, in Leipäg zur Arbeitstagung zusammengetrommelt worden, auf der Ley, die Parole für 1936 ausgeben sollte. Diese Tagung kennzeichnete die große Verlegenheit, in der sich das Regime nach dem Zusammenbruch der Arbedtaschlacht und Inmitten einer großen Absatzstockung und Arbeitslosigkeit befindet. Im Vorjahr hatte wenigstens Schacht mit seinem Befehl einer Unterordnung der Arbeitsfront unter»Die gewerbliche Wirtschaft«, noch einmal Leben in die Bude gebracht. Diesmal gab es nicht mehr die geringste Reorganisation, zum Thema Wirtschaftslage und Arbeitsschlacht durfte nicht gesprochen werden, noch weniger»vom gerechten Lohn«. Ley und Schacht haben wohl abwechselnd Reden gehalten, aber die anein- dergereihten Phrasen konnten die Langeweile der Teilnehmer nur erhöhen. In der Presse der Arbeitsfront wird von den»klassischen Ausführungen des Redchs- Dieser mehr als trübe Konjunkturüberblick des Buchdruckerblattes»Korrespondent« wäre durch zahllose Berichte aller Berufe aus dem Lande zu ergänzen, von denen wir nur einige symptomatische Nachrichten wiedergeben. In der Nähe von Hannover wird ein Militärflugplatz mit riesigen Kasemenanlagen gebaut. Nachdem die Gebäude im Rohbau fertig waren, wurden die Arbeiter Ende November 1935 gekündigt mit der Begründung, daß kein Geld zur Vollendung der Anlagen vorhanden sei. Auf den Kohlenzechen des Ruh'rberg- b a u e s mußten die Belegschaften in den letzten Monaten durchschnittlich zwei Tage in der Woche Feierschichten einlegen. Als die Bergarbeiter aufgefordert wurden, Spenden für das Winterhilfswerk zu zeichnen, haben sich 90 Prozent der Belegschaften auf allen Schachtanlagen in besondere Listen für die Nichtteilnehmer am WHW eingezeichnet und ihre Ablehnung mit ihrer eigenen leiters Dr. Ley« berichtet. Wir lesen da:»Von Bedürftigkeit begründet. Die Teilaktionen in zwei Welten, die miteinander ringen.« Ley den Betrieben gegen den Lohnabbau häufen nennt sie»gut oder böse«,»Feigheit oder sich wieder. So wird von einem mehrstündi- Tapferkeit«,»Diszipün oder Anarchie«,»Jude gen Streik in einem Gußstahlwerk in oder Germane«. Nach dieser»Wissenschaft- Hagen(Westfalen) berichtet. liehen« Verkündung orakelte der Ley für 1936 Den großen Ankündigrungen der Arbeits- noch einige Sprüche, wie: front für die Gewährung besonderer Weih- Wir werden im Kampf niemals nach- nachtsbeihilfen sind die Betriebe nur lassen. wenig gefolgt. In der Rheinisch- Westfälischen Es ist die Welt der harten Tatsachen,_____ zu der der Mensch erzogen werden muß. Metallindustrie sind zwar Weihnachtsbednlfen Wir haben eine Mission, die Mission des j für Ledige 10 Mark, für Verheiratete 20 Mark ewigen Deutschland. und für jedes Kind 5 Mark gewährt worden, Die Arbeit ist abhängig von der Rasse, aber mit der Maßgabe, daß diese Beträge bis Kultur ist der Ausdruck der Rasse. Aus der Disziplin und der Gesetzmäßigkeit der Dinge kommt der Gehorsam. Wir sind die Soldaten der Arbeit. Nun wissen die deutschen Arbeiter ganz gewiß, welch herrlichen Zeiten sie Adolf Hitler 1936 entgegenführen wird. Damit sie ; zum 1. April 1936 wieder an die Firmen zu- 1 rückgezahlt werden müssen, d. h. sie werden vom Lohn gekürzt. Die Firmen versichern jedoch, daß sie für diese Weihnachtsdarlehen keine Zinsen verlangen.— wie menschenfreundlich.— Auch die Rüstungsindu- nicht zu übermütig werden, hielt der Ley s t r ie, die bisher voll beschäftigt war, kün- Göbbels exportiert noch eine Programmrede, die»Der Angriff« unter dem Titel»Die Welt ist kein Wunschtraum« veröffentlicht. Nicht ganz so märchenhaft redete der Wirtschaftsdiktator Schacht. Er ließ die Arbeiter nicht im Zweifel, daß sie auch 1936 »unerhörte Opfer« zu bringen haben digt den Arbeitern bereits die Einschränkung der Beschäftigung an, ganz abgesehen von den Verbrauchsgüterindustrien wie Textil- und Schuhgewerbe, in denen die Absatzstockung seit Monaten einen gefährlichen Grad erreicht hat. Die Arbeitstagung in Leipzig ist an diesen werden. Das Problem der Arbeitsbeschaffung, brennenden Fragen der Arbeitsbeschaffung sei allmählich zum Programm der Wehrhaft- stillschweigend vorübergegangen, eine Vermachimg ausgebaut worden. Er wetterte I öffentlichung im Reichsarbeitsblatt bringt nur gegen jede Gleichmacherei, denn es müsse__ auch Menschen geben, die Geld für Kunst und sehr kleinlaut den Erlaß für Notstandsarbeiten um einen Teil der langfristigen Erwerbslosen wieder zu beschäftigen. Die Reichsanstalt will nur noch Notstandsarbeiten fördern, die solchen Arbeitslosen zugute kommen, die vorher entweder zwölf Monate lang überhaupt nicht, oder nur bis zu einem halben Jahr in Arbeit gestanden haben. Nach den statistischen Veröffentlichungen hätte man annehmen müssen, daß es im Dritten Reich überhaupt keine so langfristigen Erwerbslosen mehr gibt. Für die sogenannte»Grundförderung« von Notstandsarbeiten macht die Reichsanstalt weiter zur Bedingung, daß neben den Stammarbeitem nur Wohlfahrtserwerbslose eingestellt werden dürfen. »In Ausnahmefällen werden Notstandsarbeiter insgesamt nicht wesentlich mehr als bisher Unterstützung erhalten.« Das sind nach dem Erlaß die Ausnahmefälle, während in der Regel den Notstandsarbeitern eine Entlohnung noch nicht einmal in der Höhe der Unterstützung gewährleistet wird. In Leipzig hatte Ley ausgeführt, daß zum besten Lohn nicht nur Bargeld, sondern auch Kraft durch Freude gehört. Die Arbeitsfront hat sich angeblich zum Ersatz der abgebauten Löhne mit besonderem Nachdruck für die Schönheit der Arbeit und die Schönheit des Arbeitsplatzes eingesetzt. Ueber den Erfolg dieser Tätigkeit ist in Leipzig nichts berichtet worden. Zur Schönheit des Arbeitsplatzes gehörte in erster Linie der Gesundheitsschutz in den Betrieben und der Unfallschutz. Früher wurde alljährlich ein umfangreicher gedruckter Jahresbericht der Gewerbeaufsicht herausgegeben, der für jedes Gewerkschaftsmitglied reiches Material zur FTage der»Schönheit des Arbeitsplatzes« enthielt. Der Bericht für das Jahr 1934 war bereits abgeschlossen, durfte aber bisher der Oeffentlichkeit nicht zugänglich gemacht werden. Vor kurzer Zeit ist den Gewerbeaufsichtsämtern vom Reichsarbeitsministerium ohne jede nähere Begründung eine Anweisung zugegangen, daß für das Jahr 1935 von der Aufstellung eines Jahresberichtes Abstand zu nehmen sei. Wie schön muß der Arbeitsplatz im nationalsozialistischen Deutschland aussehen, wenn es der Gewerbeaufsicht verboten ist, ihn der Oeffentlichkeit sichtbar zu machen! Schönheit ausgeben wollen. Der nationalsozialistische Staat müsse versuchen, so viel an Steuern zu erhalten, wie nur möglich. An Steuerheraosetzungen sei nicht zu denken. Schacht sprach zum Schluß über seine Anleihepolitik und beruhigte das Volk:»Der kleine Mann brauche niemals Sorge zu haben, wenn er sein Geld zur Sparkasse trüge, daß er nicht jederzeit sein Geld wieder bekäme«. Ueber den Zweck der Deutschen Arbeitsfront erklärte Ley eindeutig, daß sie»keine Interessenvertretung, auch keine Versicherungseinrichtung für die Arbeiter sei, sondern der Exerzierplatz für nationalsozialistische Weltanschauung«. Um den letzten Zweifel über die Kursrichtung 1936 zu beseitigen, schreibt der Großindustrielle Klöckner in der»Berliner Börsenzeitung«: »Ich hoffe zuversichtlich, daß der Reichswirtschaftsminister und Reichsbankpräsident in seinen weitsichtigen Bestrebungen wie bisher auch in der Zukunft recht behalten wird und daß seine Kraft ausreicht, um sich nach allen Richtungen durchzusetzen.« Die Leipziger Tagung hat schon gezeigt, daß Schacht recht behalten wird und die Arbeitsfront zu schweigen hat In den Berichten über Leipzig überschlägt sich die gleichgeschaltete Presse und erzählt daß dort 1935 »als das Jahr des deutschen Aufstiegs gefeiert werden konnte«. Wie dieser Aufstieg aussieht verrät z. B. eine kleine Notiz des »Korrespondent«, zur gewerblichen Lage. »Aber noch immer liegt das graphische' einige Gewerbe weit unter dem Durchschnitt aller dieser Tage wurde wieder die völlige Stillanderen Beruf sgruppen. In Schlesien zeigte legung einer Schuhfabrik in Weißenfels gesteh kurze Adreßbuchbelebung. In Bran-' denburg machte sich die Abnahme öffentlicher Aufträge weiterhin stärker fühlbar. In Pommern brachten Zusammenlegungen von Zeitungen weitere Arbeitseinschränkungen. In Niedersachsen waren Buch- und Zeitungsdruckereien zwar gut beschäftigt, aber ohne größeren Bedarf an Arbeitskräften. Im Rheinland kamen nach Erledigung der Fahrplanarbeiten zunächst zahlreiche Aushilfskräfte wieder zur Entlassung. Auch aus Hessen wurden in letzter Zeit Entlassungen gemeldet- In Sachsen war der Geschäftsgang besonders in Leipzig sehr ruhig. Bayern hatte keine Besserung, viel mehr eine Verzögerung der jahresüblichen Belebung zu verzeichnen. Auch in Südwestdeutschland zeigten sich weitere rückläufige Anzeichen.« Industrie in IVot Im Gegensatz zu früheren Jahren, in denen der Schuhverbrauch sich im engen Zusammenhang mit dem Einkommen entwickelte, ist in den letzten zwei Jahren ein auffälliges Zurückbleiben hinter der Blnkom- mensvermehrung festzustellen. Nach dem im Wochenbericht des Instituts für Konjunkturforschung wiedelgegebenen Bericht ist das Einkommen von 1933 und 1934 um 12,7 Prozent, der Schuheinkauf aber nur um 5.5 Prozent gestiegen. Für 1935 wird das Einkommen noch höher geschätzt, aber schon jetzt ist kein Zweifel, daß der Schuhumsatz im Einzelhandel noch geringer sein wird. Für die beiden Jahre 1934 und 1935 bleibt der Schuhumsatz um mindestens 10 Millionen Paar hinter den Erwartungen zurück. Dieser erheblicher Ausfall ist zu verzeichnen, obwohl der Verbrauch der nationalsozialistischen Verbände und der Wehrmacht erheblich gestiegen ist. Als Folge des Absatzrückganges ist auch eine Abnahme der Sohuh- erzeugung festzustellen. Nachdem schon 1934 die Schuherzeugung noch hinter 1933 zurückgeblieben war, ist sie 1935 um rund 7 Millionen Paar geringer als im Vorjahre. Trotz dieser beträchtlichen Produktionsvermlnde- rung sind die Lager des Schuhhandels stark gefüllt. Die Kohkurswelle hat denn auch bereits größere Schuhfabriken erfaßt. Erst meldet, die bisher noch einige hundert Arbeiter beschäftigte. »Grlffosle Güte«... Giselher Spinoza »Spinoza dürfte kein Jude gewesen sein. Sein Fänfluß auf das Geistesleben ist zu nachhaltig dazu. Wenn ihn gekaufte»Wissenschaftler« Baruch genannt haben, so können wir, die wir die Schliche der Juden kennen, uns schon einen Vers daraus maehen...« (Aus dem»Judenkenner«.) (Si>|ialtomofraHfd>r0*Dod)ftü>IaH rin Herausgeber: Ernst Sattler; verantwortlicher Redakteur: Wenzel Horn; Druck:»G r a p h i a«; aüe in Karlsbad. Zeitungstarif bew. m. P. D. ZI. 159.334/VII-1933. Printed in Czechoslovakla. Der»Nene Vorwärts« kostet im Einzelverkauf innerhalb der CSR Kö 1.40(für ein Quartal bei freier Zustellung KC 18.—). Preis der Einzelnummer im Ausland Kö 2.—(Kö 24.— für das Quartal) oder deren Gegenwert in der Landeswährung(die Bezugspreise für das Quartal stehen in Klammem): Argentinien Pes. 0.30(3.60), Belgien Frs. 2.45(29.50). Bulgarien Lew 8.—(96.—). Danzig Guld. 0.45 (5.40), Deutschland Mk. 0.25(3.—), FMland E. Kr. 0.22(2.64), Finnland Fmk. 4.—(48.—), Frankreich Frs. 1.50(18.—). Großbritannien d 4—(Sh. 4.—), Holland Gld. 0.15(1.80). Italien Lir. 1.10(13.20), Jugoslawien Din. 4.50 (54.—), Lettland Lat. 0.30(3.60), Litauen Lit. 0.55(6.60). Luxemburg B. Frs. 2.45(29.50), Norwegen Kr. 0.35(4.20), Oesterreich Sch. 0.40(180), Palästina P. Pf. 0 020(0.216), Polen Zloty 0.50(6.—), Portugal Else. 2.— (24.—), Rumänien Lei 10.—(120.—). Schweden Kr. 0.35(4.20), Schweiz FYs. 0.30(3.60), Spanien Pes. 0.70(8.40), Ungarn Pengö 0.35 (4.20), USA. 0,08(1.—). 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