für. 139 SONNTAG, 9. Februar 1936 (SosialdgmpfraKfcfos Verlag: Karlsbad. Haus„Graphia">— Preise und Bezugsbedingungen siehe Beiblatt letzte Seite Aus dem Inhalt: Außen politische Katastrophe Die Kolonialforderung Der Schrei nach Schuldknechtschaft Emigration in der Geschichte Wendung sesen Westen Die Krämpfe der deutschen Außenpolitik Am Anfang der Außenpolitik des Dritten Reiches war der— Stammtisch. Vom »Volk ohne Raum« hatte man gehört und dem mußte abgeholfen werden. »Gen Ostland müssen wir reiten«, reiches Land erbeuten, wo wir unsere Söhne siedeln lassen; es wird uns reichlich liefern, was wir brauchen. Und die ganze Welt, soweit sie' nicht verjudet oder vemegert ist, wird uns helfen. Denn wir werden sagen, es ist ein heiliger Kreuzzug gegen den Kommunismus. Freilich, stark müssen wir werden und einig. Das ganze Deutschland muß es sein. Oesterreich muß wieder heim und die Deutschen Böhmens. Das fordert das nationale Selbstbestimmungsrecht, das unsere Vettern, die Angelsachsen, stets anerkannt haben. Die Italiener, die sind Faschisten wie wir, mit denen verständigen wir uns schon. Auf Südtirol freilich müssen wir verzichten, fürs erste wenigstens. Schrittweise muß man vorgehen, gescheit, nicht so dämlich wie der Wilhelm. Der hat nicht verstanden, daß man die Eng- linder heraushalten muß; mit seiner Flottenprotzerei und Kolonialschwärmered hat «r sie gründlich verärgert; gar nicht hat er verstanden, daß die Entscheidung doch zu Lande fallen muß. Und so haben die Engländer Frankreich noch einmal gerettet und die Amerikaner die Engländer. Deshalb müssen wir die Engländer, die die Franzosen hassen, zu Bundesgenossen haben oder wenigstens neutral. Kein Wort also von den Kolonien und nichts von einer großen Flotte. Das war der größte Fehler des Kaiserreiches, daß Deutschlands Zukunft auf dem Wasser sei. Ich Sag, Deutschlands Zukunft liegt auf dem Lande, und sie liegt im Osten. Freie Hand Im Osten! Und wenn der Erbfeind uns daran hindern will, dann muß er eben vernichtet werden. Und ohne England ist er geliefert Blut wird es kosten? Aber Kriege hat es immer gegeben! Wir müssen dieses Volk, das seine Ehre verloren hat, erwecken, erwecken. Eis muß lernen, heldisch zu sterben.— Wie hat der gute König gesagt: Hundsfötter, wollt Dir denn ewig leben? Aus dem Stammtischführer wurde der Reichsführer... Als HBtler zur Macht kam, stieß sein außenpolitisches Programm in dem Koalitionsministerium auf den Widerstand der Dcutschnationalen, die stets zu den Trägem der Rapallopolitik gehört hatten. In seiner Regierungserklärung vor dem Reichstag erklärte Hitler noch, daß der Vernichtungskampf gegen den Kommunismus eine innere deutsche Angelegenheit sei, der die Beziehungen zu Rußland nicht zu ändern brauche. In dem so oft und von Anhängern verschiedenster Anschauungen verkündeten Grundsatz, daß die innere Politik der Regierung eines Landes keine Rückwirkung auf die Beziehungen der auswärtigen Politik haben dürfe, begegnete sich Hitler übrigens mit einem Grundsatz auch der russischen Regierung. Hat doch sogar noch vor kurzem, im Januar, M o 1 o t o w, der Präsident des Rats der Volkskommissare, vor dem Zentralen Exekutivkomitee, nachdem er die neuen Wirtschafts- und Kreditverhandlungen mit Deutschland mit Befriedigung erwähnt hatte, erklärt: »Es entspricht der Politik der Sowjetunion, die Handels- und Wirtschaftsbeziehungen mit allen Ländern au entwickeln, ganz unbeschadet der Regie rungsf onm, die In dem einen oder anderem Land zeitweilig herrscht.« Kurze Zeit nach Hitlers Rede wurde in der Tat der Rapallovertrag mit seinen nicht nur wirtschaftlichen und politischen, sondern auch mit seinen militärischen Vereinbarungen erneuert. Das Auswärtige Amt schien zunächst gesiegt zu haben. Diese erste Phase dauerte nicht lange. Sobald Hitler die Alleinmacht sich gesichert hatte, setzte er den Stammtisch wieder in seine Rechte. Die Eroberungsziele im Osten wurden offen proklamiert, der Putsch gegen Dollfuß inszeniert, der mit der Ermordung, aber auch mit dem Aufmarsch der italienischen Armee am Brenner und dem Zerwürfnis mit Mussolini abschloß. Der Austritt aus dem Völkerbund wurde vollzogen, die Abrüstungskonferenz gesprengt und die deutsche Aufrüstung in fieberhaften Gang gebracht, Die Pläne Englands und Frankreichs, in einem Ostpakt den Frieden zu sichern, wurden vereitelt, mit Polen eine Verständigimg gegen Rußland gesucht, die Beziehungen zu Japan, dem anderen Gegner Rußlands, enger gestaltet. Das Ziel der deutschen Außenpolitik erschien jetzt eindeutig" gegeben. Aggression im Osten gegen Rußland, Anschluß Oesterreichs im Süden. Deshalb sollte der Westen neutralisiert und jedenfalls gespalten werden. Friedensangebote an Frankreich, mit dem es nach der Saarrückgliederung ja keine»territorialen Differenzen« mehr gäbe; Verständigung so weitgehend als möglich mit England; deshalb Ablehnung der Kolonialpolitik und Flottenübereinkommen auf der für England annehmbaren Basis. Durch Hitler bekam auch die Anschlußfrage ein neues Gesicht Oesterreichs Anschluß an das kriegsstarke und kriegsbereite Deutschland bedeutet die Umklammerung Italiens, die Vorherrschaft Deutschlands in Mittel- und Südosteuropa. das Ende der Selbständigkeit der Tschechoslowakei, die Unterwerfung Rumäniens und Jugoslawiens unter deutschen Einfluß. Sie verewigt die Feindschaft mit Italien. Die Eroberung des Baltikums und der Ukraine entspricht gleichfalls keinem deutschen ökonomischen Interesse. Wenn die Nationalsozialisten siedeln wollen, fänden sie in Ostpreußen genug Boden beim Großgrundbesitz und für ihre»Erzeu- gungsschlachten« reicht die landwirtschaftliche Bevölkerung Deutschlands gerade aus. Und wie wollen sie eigentlich den freien Raum in den ja ausreichend besetzten Gebieten fies Ostens schaffen? Soll die jetzige Bevölkerung vernichtet oder irgendwohin vertrieben werden? Deutschland ist heute kriegsstark. Aber die Rüstung ist kein Selbstzweck, am wenigsten in einem Lande, dessen Beherrscher sich als Fordernde fühlen. Die Frage nach dem Ziele der deutschen Außenpolitik ist ernst geworden. Mit dem Dilettantismus der Stammtischideen geht es nicht weiter. Die Minette Elsaß- Lothringens, die Erzfelder Briefs und Longwys, die reichen Kolonien Englands, Frankreichs, Belgiens, vielleicht auch— nach dem Siege — der kleineren Staaten— die Ziele, die im letzten Kriege lockten, die sind denn doch verführerischer als des armen Oesterreichs oder ukrainische Weizenfelder... Neben Hitlers Außenpolitik liefen von Anfang an die alten Zielsetzungen der Alldeutschen und der weltpolitischen Eroberungspolitiker. Die verschiedenen Strömungen schienen sich zu vereinigen. Im Widerspruch mit Hitlers»Kampf« propagierte Schacht an der Peripherie der Bewegung und der General von Epp in deren Innern auf den Tagungen der Kolonial- gesellschaften und der Auslandsdeutschen immer nachdrücklicher die Kolonialforderungen. Die deutsche Außenpolitik wurde zu einer Addition aller überhaupt nur denkbaren Macht- und Wunschträume. Neben den Attacken gegen das bolschewistische Rußland, gegen Litauen, neben den Einmischungen in Estland, den immer erneuten Treibereien in Oesterreich geht die Macht und Maditträume Am 30. Januar hat die braune Propaganda eine Wiederholung dea»sinnlosen Taumels« vom 30. Januar 1933 veranstaltet— Fackelzug der SA, Maasenbegeisterung in der Wil- helmstraße, Hitler auf dem Balkon. Die SA- Leute sangen: »Denn Deutschland gehört uns heute, und morgen die ganze Welt!« Es ist unbestreitbar, daß dem braunen System Deutschland so gehört, wie ein erobertes Land, daß aber ausgerechnet die SA sich der Nutznießung dieses Besitzes rühmt, ist eine Ironie. Die Frage, wem mm eigentlich Deutschland gehört, ist keineswegs mit der Antwort abzutun: Hitler, Göring, Göb- bels und Compagnie; denn gerade jetzt wird sichtbar, daß die groß-bürgerliche Ideologie die persönlichen Träger des Systems und ihre Politik immer stärker in ihren Bann zieht. Um so stärker ist auch das Bestreben der Hitler und Compagnie, ihre Rolle ins Heroische zu steigern und sich mit einer neuen Legende zu umgeben. Hitler selbst hat c*'e Fabrikation der Liegende übernommen. Im Gegensatz zu Göbbels, der in allen seinen Schriften erkennen läßt, daß die Reichskanzlerschaft Hitlers ihnen am 30. Januar 1933 wie ein Gottesgeschenk in den Schoß gefallen ist, hat Hitler am 30. Januar 1936 erklärt, die Macht sei ihm nicht wie ein Geschenk des Himmels zugefallen, sondern schwer und blutig aus eigener Kraft erkämpft worden. Das paßt ausgezeichnet zu der gewünschten Auffassung, daß Hitler die Kraft sei, aus der alles fließt— aber weder zu den geschichtlichen Tatsachen noch zur gegenwärtigen Lage. Hitler hat weiter deklamiert: »Da traten wir nicht eine Macht an, um hinter dieser Macht das Volk zu erobern, sondern Im Besitz des deutschen Volkes sind wir damals bereits gewesen.« Es genügt gegenüber dieser Geschichts- Wochen Terror, nach Reichstagsbrand und Unterdrückung der Opposition die Hitlerpartei bei der Reichstagswabl am 6. März 1933 von 39 Millionen Stimmen nur 17 erhielt. Und beute? Ausgerechnet am 30. Januar 1936, erschienen im Reichsanzeiger Vorschriften über den Waffengebrauch des Reichsheeres im Falle Innerer Unruhen. Gleichzeitig sprach der Stabschef der SA, Lutze auf einem Empfangsabend des außenpolitischen Amtes der NSDAP: »Dafür aber, daß bewaffnete Macht schlechthin innerpolitisch, also völkisch gesehen, nur ein bedingt stabiler Faktor ist, bietet die jüngste preußische und deutsche Geschichte genügend Beispiele.« Während das Redchaheer die Verantwortimg für die innere Sicherheit dea Systems übernimmt, haben die Nationalsozialisten Zweifel, ob diese Garantie ihnen wirklich Sicherheit bietet! Beides sieht nicht danach aus, als ob sie an die tausendjährige Stabilität ihres Systems glaubten. Deutschland gehört ihnen heute jedenfalls so, daß ihre Gedanken dauernd um das Problem kreisen, welche bewaffneten Kräfte sie dem Volke entgegenzustellen haben. Kein Zweifel, daß diese Kräfte heute dem deutschen Volke gegenüber noch übermächtig sind. Was aber die Eroberung der Welt anbetrifft, die sie morgen erobern wollen, so verschiebt sich das Kräfteverhältnis radikal zu ihren Ungunsten. Die Tat von Davos Der Landesgruppenleiter der Gruppe Schweiz der NSDAP, Gustloff, ist in Davos In sedner Wohnung von dem Studenten David Frankfurter erschossen worden. Gustloff war führender deutscher Natio- klitterung der Hinweis, daß nach sechs, nalsozialist. Er war die Befehlsstelle für die i Frontenbewegung in der Schweiz. Die Schweizer Linke hat seit langem die Unter- blndung der nationalsozialistischen Umtriebe in der Schweiz und die Ausweis upg dieses Mannes verlangt, um so mehr, da die Schweiz wiederholt der Schauplatz politischer Gewalttaten von Nationalsozialisten gewesen ist. Die nationalsozialistische Partei hat den politischen Mord zum System erhoben. Sie verherrlicht die Rathenaumörder. Sie schickt Agenten mit Mordaufträgen ins Ausland. Sie hat führende politische Gegner in Deutschland ermorden, ja in viehischer Weise zu Tode foltern lassen. Sie ist mit dem Blute der Erschossenen vom 30. Juni 1934 befleckt. Mit den Metho- 1 den des sadistischen Terrors treibt sie ganze Bevölkerungsgruppen zur Verzweiflung. Dies blutbefleckte System hat nicht das mindeste moralische Recht, sich über diese Verzweiflungstat zu entrüsten. Der Student Frankfurter hat sich seiner Verantwortung nicht entzogen. Er hat sich selbst der Polizei gestellt und erklärt, daß er aus politischen Gründen gehandelt habe. Seine Haltung unterscheidet sich von der nationalsozialistischer Mörder. Die Mörder, die Theodor Lessing in Marienbad erschossen haben, sind nach Deutschland geflüchtet. Einer von ihnen lebt heute— unbehelligt von Behörden, aber unterstützt von der nationalsozialistischen Partei— in München. Die Mörder des Ingenieurs F o r m i s sind nach Deutschland entflohen. Nach allem, was man weiß, stehen sie nach wie vor in den Diensten der Gestapo. Der Täter von Davos wird sich vor Gericht verantworten. Seine Verantwortung wird— daran zweifeln wir nicht— die größere Verantwortung dee braunen Mordsystems klarstellen. Klage um die mangelnden Rohstoff grund- lagei, um die Unentbehrlichkeit überseeischer Besitzungen. Aber immer deutlicher rücken, zum Teil in Zusammenhang mit den durch die deutsche Selbstblockade geschaffenen Rohstoff- und Lebensmittel- schwierigkedton, jetzt die Kolonialforderungen in den Vordergrund. Ergibt sich doch aus der von den Nationalsozialisten geschaffenen Not die gute Gelegenheit, die neuen Expansionsabsichten den Massen plausibel zu machen, ade als wahre Volksforderungen zu propagieren und zu popularisieren, den Eroberungskrieg der Diktatur als Volksnotwendigkeit darzustellen. Von der Peripherie rücken diese Forderungen rasch in das Zentrum der deutschen Außenpolitik. Nachdem die Schacht und Krosigk, die Epp und Ley vorausgegangen, hat Göbbels ihnen parteioffi- ziellen Nachdruck verliehen: »Einmal wird der Zeltpunkt kommen, wo wir von der Welt auch Kolonien fordern müssen. Auf die Dauer geht es nicht, wie wir heute leben. Die andere Welt schwimmt in Ueberfluß, und wir sind ein Habenichts! Daß wir Kolonien nötig haben, muß joder einsehen. Man hat sie uns genommen, obwohl die anderen sie gar nicht nötig haben und auch nichts damit anzufangen wissen. Wenn wir auch im abessinischen Konflikt unsere Neutralität beiwahren, so verstehen wir doch, daß ein Volk wie das italienische leben will. Sonst ist es eine Gefahr für die ganze Welt. Einmal muß der Kesiel platzen!« Wann der Kessel platzen werde, sagte Göbbels nicht. Er meinte nur, daß Deutschland seine außenpolitischen Forderungen»nicht nur mit der Kraft des Löwen, sondern auch mit der Schlauheit der Schlange durchsetzen« werde. Deutschland müsse teilnehmen an der Beherrschung der Welt. Dazu sei die Erziehung des deutschen Volkes zu einer Herrenmoral notwendig und dafür die nationalsozialistische Bewegung unersetzlich. Die Partei ist der Staat und jetzt hat Hitler selbst gesprochen. Sowohl in einem Interview mit der Vertreterin des »Paris Sair« als in einer MUnchener Rede vor dem»Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbund« hat Hitler unter völliger Verleugnung seiner Ausführungen im»Kampf« den Stellungswechsel vollzogen und sich die Kolonialforderungen zu eigen gemacht. Er hat's natürlich gleich auch mit der Weltanschauung: »Die weiße Rasse sei eine H e r r- • cherrasse. Aus Ihrer heroischen, völlig unpazifistischen Weltanschauung gehe ein unbewußter Drang zur Herrschaft hervor. Er schließe sich dem Wort eines großen englischen Staatsmannes an, wonach das britische Weltreich aus einer Kette von Abenteuern entstanden sei. Heute gebe es amerikanische Professoren, die die Richtigkeit dieser Auffassung anzweifelten; aber wenn die weiße Rasse(he Fundamente ihrer Weltherrschaft preisgebe, so gehe sie dieser Herrschaft verlustig, auf der die wirtschaftliche Struktur Europas beruhe.« Die Stelle ist in der deutschen Presse unterdrückt worden, die nur aus dem erwähnten Interview die andere mitteilen durfte; »Es gibt talentierte und nichttalentierte Völker auf der Welt. Die ersteren haben vorwiegend einen Mangel an Lebensraum, während den andern eine große und vielfach un- auagenlitzte Lebenafläche zur Vertilgung steht. Die europäischen Staaten gehören zur ersteren Kategorie. Man muß sich bewußt werden, daß sie in dieser Hinsicht eine Völkergemeinschaft darstellen, wenn sie auch manchmal eine streitsüchtige Familie sind.« Diese europäische Anbiederung hat Hitler bereits eine ernste Warnung von befreundeter Seite eingetragen. Das japanische Außenministerium erklärte offiziell: »Die Worte de« deutschen Reichskanzlers, wonach Europa bestimmt sei, die weniger zivilisierten Rassen zu beherrschen, erfüllen uns mit Erstaunen. Trotz der Achtung, die Japan für einen ausländischen Staatschef empfindet, wird es schwer halten, (He Reaktion der japanisohen Presse auf diese Behauptung zu unterdrücken, wenn Hitler fortfahren sollte, diese Diskriminierung, durch die wir uns getroffen fühlen, weiterhin aufrechtzuerhalten.« Aber das ist noch das wenigste. Entscheidend ist die Wendung, die sich damit in der deutschen Außenpolitik anbahnt Es ist der Kampf gegen den Westen, der Kampf gegen die großen Kolonialmächte, der da angekündigt wird, die Rückkehr zu dem Gemisch aus wilhelminischer Romantik und imperialistischer Eroberungssucht, unendlich verstärkt und ungeheuer gefähr- Außenpoliiisehe Katastrophe Aufgerüstet— ein hilfloser Koloß! In den ersten Tagen des vierten Hitlerjahres vollzog sich die außenpolitische Katastrophe des Dritten Reichs. Es vollzog sich vor den Augen der erstaunten Welt— die diplomatische Mobilmachung Frankreichs gegen die geplante Fortifikation des entmilitarisierten Gebiets, der Aufmarsch der Könige und Außenminister vor dem Präsidenten der Republik. Nach drei Jahren deutscher Aufrüstung, nach der Vergeudung ungezählter Goldmilliarden ist Paris wieder ein Machtzentrum geworden wie in den Tagen von Versailles. Es läge nahe, gegen die ungeheure Demonstration von Paris eine Gegendemonstration in Berlin zu veranstalten. Heute hätte der Abgesandte der kleinsten südamerikanischen Republik Aussicht, dort mit Triumphbogen und Festmusik begrüßt zu werden. Aber keiner hat Lust zu kommen. Italien wird sich hüten! Ungarn war in Paris durch Herrn Kanya als Beobachter vertreten. Japan hat soeben einen Bündnisvertrag mit Berlin dementiert und gegen eine blöde Führerrede über das Herrenrecht der weißen Rasse protestiert. Die deutsch-polnische Freundschaft aber steht, wenn nicht alle Zeichen trügen, hart vor einem brutalen Abbruch. Polen droht mit der Schließung des Korridors. Ein solcher Schritt hat auch in den Zeiten scharfer deutsch-polnischer Spannungen nicht zur Debatte gestanden. Man kann sich auch kaum vorstellen, wie er in einer Zeit der Redefreiheit und der hemmungslosen nationalsozialistischen Opposition beantwortet worden wäre. Heute droht Polen den Deutschen, es werde ihnen verbieten, von Berlin nach Königsberg zu fahren, und als Antwort darauf erfolgt nichts als eine revisionistische Rede des Schacht in Königsberg gegen die die polnische Regierung mit Recht protestieren kann, weil sie gegen das Freundschaf teabkommen verstößt Als Schutzherr des nationalsozialistischen Danzig in Genf und als strenger Gläubiger seiner deutschen Schuldner ist Polen heute Deutschland vielfach.überlegen. Hitler muß jede Demütigung, die aus Warschau kommt geduldig hinnehmen, er wird aber damit doch nicht verhindern können, daß er schließlich auch von den Polen allein gelassen wird. Hitler hat das System der kollektiven Sicherheit zerstören wollen, Folge davon ist, daß sich ganz Europa begeistert zu diesem System bekennt Er hat sich als Landsknecht gegen den Bolschewismus angeboten und hat damit erreicht, daß die Sowjetunion mit Ehren überhäuft und als der große Verbündete aller vom Hakenkreuz bedrohten Länder anerkannt wird. Das ist ein außenpolitischer Bankrott der in der Geschichte seinesgleichen nicht findet, eine Niederlage, die in ihrer Grenzenlosigkeit schon das Lächerliche streift Die Taten, die Wilhelm IL und seine Paladine begangen haben, verblassen dagegen zu nichts. Dazu also hat man alle diejenigen, die für Deutschland ehrlich und erfolgreich kämpften, als Landesverräter verfolgt, dazu hat man mit Mord und Brand die»deutsche Ehre gerettet« und die»deutsche Volksgemeinschaft wieder hergestellt«, dazu hat man Milliarden und aber Milliarden deutschen Volksvermögens verschleudert, Autostraßen gebaut Kanonen gegossen, Granaten gedreht Flugzeuge und Panzerschiffe gebaut, um schließlich so dazuliegen? Ein schwer gepanzertes hirnloses Ungetüm, ein hilfloser Koloß! Aber so hilflos dieser Koloß auch ist so ist er doch eben wegen seiner EOm- lo.dgkeit sich selber, dem deutschen Volk und der ganzen Welt gefährlich. Je grotesker seine Lage wird, desto größer wird die Gefahr eines sinnlosen Ausbruchsversuches. Es gibt nur noch die Frage, wer zusammenbrechen soll, dieses System oder Deutschland, oder beide zusammen. Und es gibt nur noch eine Hoffnung; daß Deutschland gerettet wird durch den rechtzeitigen Zusammenbruch des Systems. Man mag durch Terror und Olympia- Glockengeläute den Massen des Volkes die grausame Wahrheit noch immer verbergen können— der herrschenden Oberschicht, die ganz andere Möglichkeiten der Unterrichtung hat, ist sie bekannt Die herrschende Oberschicht sieht Deutschland in den Abgrund gleiten, sie hätte, wäre sie wirklich»national«, die Möglichkeit, die Katastrophe zu verhindern, aber sie tut es nicht Ueber diese Wissenden, die wirklichen Landesverräter, die für Gehalt oder Profit am Untergang Deutschlands mitarbeiten, wird das Volk eines Tages Gericht halten. Friedrich Stampfer. lieber durch das Prestigebedürfnis einer hemmungslosen Diktatur, der die wirtschaftlichen und finanziellen Nöte die Flucht in den Krieg immer wieder nahelegen, Diese Wendung wird auch in England immer mehr verstanden. Der sonst ziemlich milde»Economist« meint die Mächte, die über Kolonien verfügen, wüßten jetzt, woran sie sind. »Hätte Hitler seinen Verstand angestrengt, den sichersten Weg ausfindig zu machen, um uns jede Konzession an Deutschland auf kolonialem Gebiet unmöglich zu machen, so hätte er es gar nicht anders machen können als in dieser Rode. Ihr Kern ist die Ausdehnung der verderblichen Lehre von der Rassenungleich- helt von Europa auf die übrige Welt; Hitler hat es deutlich gemacht, daß, falls es Kolonien besäße, er die Eingeborenen in derselben Art bebandeln würde wie die deutschen Juden... Nach dieser europäischen»heroischen Welt- auffaasung« mlise man die Nichteuropäer erobern, um dann als Parasiten von ihnen zu leben. Aber da muß der Herr von Deutschland schon In seinem eigenen Namen sprechen. Wir sind schließlich auch Europäer, die da mitzureden haben. In unseren Augen ist aber Herrn Hitlers Politik eine bloße bewaffnete Raubpolitik, die einen Rassenkrieg in ganz Afrika entfesseln würde. Wenn das Hitlers letztes Wort in der Kolonialpolitik ist, sind die Aussichten für eine friedliche Aenderung wahrhaftig sehr trüb. Handelt es sich aber nur um einen unüberlegten Ausbruch, dann bleibt seine Verantwortungslosigkeit eine ständige Bedrohung der Wohlfahrt von Deutschland und der Welt.« Man sieht, die neueste Wendung der deutschen Politik bedeutet zugleich eine neue Verschärfung der internationalen Beziehungen, eine neue Vergrößerung der Gefahren, die der verbrecherische Leichtsinn der Diktatur über das unglückliche deutsche Volk heraufbeschwört. Dr. Richard Kern. md Es wurde am 30. Januar 1936 in Deutschland viel von Opfern und viel von Symbolen geredet— von Blutfahnen, Erinnerungafak- keln und braunen Kampfhemden. Wie ein arrivierter Großkaufmann gern auf die Zelten verweist, da er»klein anfing«, so pochen die nationalsozialistischen Anführer mit Vorliebe auf die»harten Tage des Ringens«, und wie ein Parvenü seine Untergebenen mit der Begründung schindet und auabeutet, er habe es früher auch nicht besser gehabt, so rufen die Millionäre von Hitlers Gnaden dem Volke immer wieder zu:»Ja, gebt euer Letztes! Wir haben lange vor euch und vor der Machtergreifung unsre Opfer dargebracht«. Ob die Thyssen und Krupp, die Herren von Stahl und Eisen nicht schmunzeln, wenn sie das lesen? Sie wissen nämlich, wer geopfert hat, und sie wissen auch, daß der Aufwand nicht umsonst war. Auf der kommenden Automobil- ausstellung am Kaiserdamm in Berlin sollen die Personenwagen gezeigt werden,»die der Führer und Reichskanzler während der vierzehn Jahre seines Kampfes benützt hat.« Es sind ihrer eine ganze Anzahl. Man hat sich halt kümmerlich von Limousine zu Limousine durchgeopfert, und über die Reisegepflogenheiten der hungernden Waaderredner von ist in den Büchern der Luxushotels aller deutschen Städte, vor allem in den Rechnungsbe richten des eleganten»Kaiserhofs«, Berlin, näheres nachzuschlagen. Es wurde am 30. Januar viel von Opfern und viel von Symbolen geredet. Der kleine Mann tut gut daran, sich in solchen Fällen nicht an die weithin sichtbaren, sondern an die versteckten Symbole zu halten, denn wo viel gebrüllt wird, gibt es immer Interessante Nebengeräusche. Zweierlei erschien und bei der»historischen« Jubelfeier besonders symbolisch: ein paar Sätze, die Adolf Hitler sprach und ein paar Handlungen, die er und seine Unteroffiziere vornehmen. Der Führer sagte in seiner Rede an die SA: »Ja, meine würdigen Kleinbürger, Opfer hat unser Kampf ununterbrochen gefordert. Das habt nur ihr nicht erlebt! Ihr bildet euch vielleicht ein, daß dieses heutige Deutschland geworden ist, well ihr keine Opfer gebracht habt! Nein! Weil wir Opfer bringen konnten und bringen wollten, dea- I halb ist dieses Deutschland gekommen! Wenn also jemand uns erklärt:»Auch die Zukunft wird also Opfer erfordern«, dann sagen wir;»Jawohl!« Opfer von den Andern nämlich. Aber nicht nur über Opfer wurde geredet. Der 30. Januar war auch ein Tag der Beförderungen. Allein im Propagandaministerium gingen ein neugebackener Ministerialrat und zwei nicht minder neue Reglerungsräte, lauter alte Kämpfer natürlich, siegreich durchs ZIeL Die anderen hohen Stellen— z. B. das Er- nährungsministerium— wurden nicht vergessen, und von der Spitze her setzte sich der Avancierungsmmmel bis in die kleinsten Ortsgruppen fort. In Berlin— Steglitz etwa versammelte sich alles Amtliche zu einem »Gemeinschaftsempfang« im Rathaus. Die Zeltungen meiden voller Ehrfurcht: »Nach Beendigung der Uebert ragung überreichte Bürgermeister Treff noch zwei Angestellten der Bezirksverwaltung 1 die AnstellungBiirkunden als städtische Be-■ amte mit dem Hinweis, daß dieser Tag i ihnen auch hierdurch besonders in Erinnerung bleiben möge. Das braune und schwarze Ehrenkleid, das sie trügen, gebe Ihm die Gewißheit, daß sie ihr Amt im nationalsozialistischen Sinne verwalten würden.« Berichte gleicher Art liegen aus anderen Landesteilen vor. Man kann laut und man kann leise befördern. In Günstlingastaaten ist es von jeher üblich gewesen— wir erinnern mir an die Geburtstage Wilhelms n._ bgj besonderen Anlässen laut zu befördern, im«. Orden und Ernennungaurkunden zu klimpern und zu rascheln. Das Dritte Reich ist ein Günstlingastaat, und deshalb wurde die festliche Sitte folgerichtig übernommen. Aber während die kaiserlichen Vorgänger immerhin den Anschein zu erwecken suchten, als fiele bei solchen Gelegenheiten»fürs Volk« auch etwas ab, bekennen die Herren des Dritten Reiches klar und offen: ihr bringt die Opfer, wir avancieren, uns das Zuckerbrot und euch die Peitsche. Denn darauf ist das Ganze aufgebaut Hitlers Hohnrede anS tader Tageblatt« und das»Nloderelbische Tageblatt« schlössen sich dem Protest an. Sie erklärten, das Urteil widerspreche dem Volksempfinden.»Wir erwarteten«, heißt es In einem dieser Artikel, 2 daß dem Revisionsanspruch stattgegeben wird und daß man Herrn Behrens der Auf- jgel zung zum Landf n edanab ruch, der Volka- vergiftung und der Gefährdung der öffentlichen Ordnung und Sicherheit anklagt.« Es kann gar kein Zweifel daran sein, daß in der Sache, wenn auch nicht in der Form, nach diesen Wünschen verfahren werden wird. Die Gewalttäter werden ihre Strafen nicht abzusitzen brauchen, der Geistliche aber, der von der Kanzel herab für das Christentum gegen den Roaenbergschen Blutmythos gepredigt hatte, ist ein erledigter Mann. Der Polizeimeister Koschlnsky, der vor Gericht unter seinem Zeugeneid die Wahrheit gesagt hatte, Ist sofort aus der natlonalsozlallstiachen Partei ausgeschlossen worden. Er hat gegen sich selbst Meineidsverfahren beantragt— man wird Ihm diesen Gefallen nicht tun, sondern auf andere Art und Weise mit Ihm fertig werden. Der Pastor und der Pollzelmelster werden die einzigen wirklichen Opfer des Prozesses sein. Deutsche Stretfliditer „Gangstep" In dem»Survey oi International Affaire 1034«(Jahrbuch der Internationalen Politik 1934), das da« Königliche Institut für Internationale Politik in London soeben veröffentlicht,»md Am in der Oxforder U niversl täts- d ruckerei gedruckt worden ist, also in einem mindestens halbofflzläsen Buch heißt es: »Es war abstoßend zu sehen, daß das Staatsoberhaupt im Stile eines Gangsters seinen früheren Knappen niederschoß. Aber das widerwärtige dabei war die nicht zu bezweifelnde Tatsache, daß das Beispiel, das Herr Hitler mit seiner»direkten Aktion« gegen seine Feinde und seinen eigenen Hofstaat vormachte, den Gangs- und Einzelpersonen das»igrmi zu einer Orgie ähnlicher Ab- schlachtungen gab. Dieser Tag habe endgültig die Maske von dem weggezogen, das von dem Dritten Reich zu erwarten sein würde, wenn es ihm gelänge, eine beherrschende Stellung in Buropa zu erreichen.« Joseph Görres Auch er ist nun zum Nationalsozialisten aufgerufen worden. Sein 160. Geburtstag wurde der Anlaß dazu. Der große rheinische Publizist und Gelehrte, von dem Jean Paul sagte, er sei ein Mann, der aus Männern bestehe, hat in seinem stürmisch bewegten Leben gewiß nicht nur einer Ueberzeugung gedient Vom revolutionären»Roten Blatt« über den an ti napoleonischen»Rheinischen Merkur« bis Tum Vorkämpfer katholischer Kirchen- nnd Staatspolitik reicht seine Entwicklung. In einem aber ist er sich immer treu geblieben: In tyrannos! Nieder mit den Despoten! Ob sie französisch oder deutsch redeten, ob sie Napoleon oder Friedrich Wilhelm hießen. Die Steckbriefe gegen ihn enthalten alles, was man uns nachzubrüllen pflegt: Landesverräter und Separatist Staatsverbrecher und Emigrant. Ist es nicht ganz aktuell, was einer der Biographen, der inzwischen gleichgeschaltete Richard Euringer, über Joseph Görres schreibt?: »Sie haben ihm sein Blatt gestohlen, sein bißchen Wohlstand ruiniert. Sie erbrechen sein Eigentum, öffnen die Briefe an seine Lieben, schikanieren die wehrlosen Seinen. Sie kastrieren seine Arbeit Sie haben ihn aus dem Amt gestrichen. Jetzt streichen sie ihm sein Wartegeld, das ihm zusteht vor Gott und der Welt. Sie lassen ihn verhaften...« In jedem Wort das Schickaal der Gegner des Nationalsozialismus! Und was hat der Journalist Joseph Görres, einer der größten in deutscher Sprache, über die deutsche Presse zu sagen?: »Was not tut vor allen Dingen, ist, daß in der Mitte der Nation eine feste bestimmte öffentliche Meinung sich bildet, die entschieden und unverkennbar den eigentümlichen Charakter des Stammes ausdrücke... Bs gibt kein Mittel, eine solche Meinung, die ohne Selbsttäuschung und Verblendung und Leidenschaft, ganz von selbst im Geiste eines Volkes sich gebildet hat, zurückzuhalten; es gibt eine Klugheit in der Art sie auszusprechen, der auch der übelste Wille nichts anzuhaben vermag; wo das Wort versagt, ist die Pan- tomine schon bedeutend und selbst das Schweigen beredt, wo es von gesammelter Aufmerksamkeit verstanden wird... Darum zage keiner. es gilt ein bedeutend Gut; gelänge es der Nation, die bisher lautlos stumm geblieben, solche Sprache zu gewinnen, alles Unglück.dieser Zeit wäre nur Vorbereitung ihrer Wiedergeburt gewese n.« Die Sorte Zeitungsschreiber, die feige die Zensur hinnahmen, ja sich ihr sogar willig gleichschalteten, waren für Görres»Canaille«. So wurde er denn verboten, verurteilt, verjagt. Ein Deutscher, und gerade darum ein heimatloser Kämpfer für die deutsche Freiheit. Der Despoten seiner Zeit konnte sich der Lebende erwehren. Daß nun sein Grab mit dem Hakenkreuz geschändet wird, muß er hinnehmen. Schlimmer ist, daß nicht einmal die Reste der katholischen Presse In Deutschland die geschichtliche Ehre des Mannes zu schützen wagen, dessen Name ein Kampfruf der deutschen Katholiken war. Und der Sozialismus? Wieder sind die Packelzüge durch Deutschland marschiert. Vi ei weniger zahlreich als vor 3 Jahren, aber marschiert wurde doch: Parade vor dem Obersten SA-Führer in Berlin! Eine Bede Hitlers, die— wie Ohrenzeugen berichten— mit unverminderter Stimmkraft gehalten wurde. Mehr Selbstlob denn je, aber nichts von sozialistischen Planungen und Zielen. Der Wirtschaftssachverständige Köhler redet, der Reichspressechef Dr. Dietrich doziert über nationalsozialistische Wirt- sohafts g e s i nn u n g! Worte und Worte, Predigten und Ermahnungen an Unternehmer und Arbeiter, an der Bußbank des Führers kapitalistische Sünden abzubitten und endlich ein Leben friedlicher Gemeinschaft zu beginnen. Eine Menge von Definitionen des Sozialismus erfahren wir. Sozialismus ist Gerechtigkeit, ist Wahrheit, tot Ehre, ist Wehrkraft, ist Jugend, ist Klarheit, ist deutsche Zukunft, ist Arbeit, ist Kameradschaft. Nur von dem Entscheidenden redet keiner: daß Sozialismus Wirtschaf tsretvolution und Wirtschaftsorganisation, planvoll geregelte Arbeit und deren Triumph über den desorganisierten Kapitalismus sein muß, davon verlautet nichts. Dieses Schwelgen aber offenbart mehr Schwäche und Ziellosigkeit als alle Führerreden und Kraftsprüche je verbergen können. Wie verräterisch sind doch manche Zeitungsberichte! So der Bericht über die Rede des Redchs- preasechefs Dr. Dietrich vor der Deutschen Arbeitsfront in Essen. Tausende Phrasen druckt jede Nazizeitung über diesen Vortrag, und zag und zart dazwischen ein Sätzlein: »Nach einer ausführlichen Widerlegung der Irrlehre des Juden Karl Marx, fuhr Dr, Dietrich fort.........« Gerade das, was zur Bekehrung der verstockten Marxisten notwendig wäre, wird nicht gedruckt! Vielleicht aus der Ahnung. daß es die Druckerschwärze nicht wert ist. Aber ganz läßt sich wirtschaftliches Denken auch aus dem»Sozialismus« der Nazis nicht ausschalten. So kommt denn der Handelsredakteur der zweitgrößten deutschen Nazizeitung, des»Westdeutschen Beobachters«, Pg. Leo Schäfer ausgerechnet am 50. Januar zu folgender Bilanz; »Wie sieht es nun In materieller Hinsicht aus? Eine der wichtigsten Voraussetzungen für das Gelingen der Arbeitsschlacht war die Stabilhaltung der Löhne und Preise. Unter Berücksichtigung der: noch auf ihre Einreihung In den Arbeitspro-; zeß wartenden Volksgenossen hatte der Ar- beiter Verständnis für diese Forderung. Die Löhne sind geblieben, dagegen die Preise mancher Lebensmittel und Gebrauchsgegenstände gestiegen. Die Verschiebung des Verhältnisses zwischen Lohn und Preis hat zweifellos den Arbeiter und kleinen Angestellten am stärk-i sten belastet.« Also Ergebnisse, wie sie der schönste kapitalistische Uberalismus auch nicht anders buchen könnte. Die Ueberschrifl ües Artikels aber lautet:»Noch sozialistischer!« Und diese Forderung richtet sich an die Herren Betriebaführcr, die doch geneigtest ihrer Belegschaft ebenso entgegenkommen sollten wie den Aktionären. Das Ergebnis dieser Sorte »Sozialismus« wird im vierten Jahre nicht andere sein als in den bisherigen drei Hitler- Hungerjahren. Auch für den Sozialismus gilt das Wort, daß er seiner nicht spotten läßt. Die chinesische Mauer Nach dem jüngsten Beschluß des Völkerbundes sollen nun auch die deutschen Emigranten(oder nur die Saarflüchtlinge? Im Wortlaut sahen wir den Beschluß noch nicht.) Nansenpässe erhalten. Manche haben schon ein solches Papier. Es fehlt dann nur noch eine Kleinigkeit zur Reise, wenn das Geld vorhanden ist: das Visum. Diesen Stempel zu erlangen, wird aber immer scbwle- ger und schwieriger, selbst fUr Leute, die eine schöne und klare Carte dldentitö ihres Gastlandes vorweisen können! Und nicht nur für die Emigranten besteht die Schwierigkeit, ein Visum zu erlangen. Mehr und mehr erstreckt sie sich auch auf die glücklichen Besitzer ordnungsmäßiger deutscher Reisepässe, deren Inhaber nie Politiker waren und sich nicht politisch betätigen wollen. Es gibt hunderte harmlose ausländische Kaufleute, die seit Monaten nicht mehr geschäftlich nach Frankreich können, weil man ihnen das Visum verweigert. Man wird vielleicht bestreiten, daß»verweigert« das richtige Wort sei, denn es sei noch keine Entscheidung gefallen. Nur liegen eben die Gesuche Monate und Monate am Quai d'Orsay. ohne daß Bitten oder Beschwerden, seihst von Handelskammern eine Beschleunigung herbeiführen. Was mag eigentlich der Grund sein? Mißtrauen gegen die Deutschen ganz allgemein, die nun einmal einen Hitler zum Staatsoberhaupt haben? Das kann nicht stimmen, denn nun kommt das Ueberraschen- de und Widerspruchsvolle: fast jeder Nazi, der seinen Paß im Inneren Deutschlands bei einem französischen Konsulat vorlegt, bekommt prompt und anstandslos das Visum. Er kann dann draußen die berühmten»Belange« vertreten, und die Herren Pg. tun es im Auslande recht gründlich und unter weltgehender Toleranz der P. T. fremden Regierungen. Wie wäre es, wenn die demokratischen Regierungen in der Paßfrage den wegen ihrer demokratischen und europäischen Haltung aus dem Dritten Reiche Vertriebenen annähernd das gleiche Vertrauen schenkten wie den Vorkämpfern der deutschen Aufrüstung und den Propagandisten der alldeutschen Hegemonie über Europa? Hannes Wink. Ein Bruder in Not Irrungen und Wirrnngen eines Wiener\az!-Agenteii Man hört nach! Der»SA-Mann« schreibt: »Es gibt Schweinehunde, die laut und deutlich und mit vorschriftsmäßig erhobener Hand ihr»Hell Hitler« brüllen und dabei allerlei Hundgemeines zwischen den Zähnen murmeln. Diese Gesellen sollen sich. gesagt sein lassen, daß wir Ihnen auch zwischen die Zahne nachhören...« Vermittels des Zahnmikrophons, das demnächst für jeden Hltlerbürger obligatorisch sein wird. Au« Wien wird uns geschrieben: Neben Herrn von Papen in offizieller Mission betrieb bis vor kurzem, mehr inoffiziell freilich, ein Herr Dr. Ewald Ammende an der schönen blauen Donau die ein wenig dunklen Geschäfte der Göbbelspropaganda. Pg. Dr. Ammende war Generalsekretär des Europäischen Nationalitätenkongresses. Daneben repräsentierte er die Wiener Zwelg- flliale der reichsdeutschen Organisation »Brüder in Not«— angeblich mit dem Vereinszweck der Unterstützung der»vom Bolschewismus geknechteten« Wolga-Deutschen, in Wirklichkeit nur unauffälliger Tarnung der braunen Staatsverschwörung dienend, sintemalen die Wiener»Brüder in Not« seit Jahr und Tag nicht mehr einen einzigen Groschen für ihre Schutzbefohlenen in Räte-Rußland locker gemacht haben, von Berlin aber dennoch mit nicht zu knappen Subsidien bedacht blieben. Pg. Ammende ist nun mit einem Male aus der schönen Donaustadt verschwunden. Gelegentlich einer Verhandlung vor einem Wiener Schöffengericht erfuhr man dort authentisch, daß sich der Pg.»auf einer Weltreise« befindet und daß die weitere Verhandlung und Insbesondere das Urteil vertagt werden mußten, bis— wie der Gerichtsvorsitzende ironisch bemerkte— »Dr. Ammende von seiner Weltreise zurückgekehrt sein wird, ein Jahr, vielleicht zwei Jahre...« Und worum mag so ein»alter Kämpfer« wohl eine Weltreise so dringend notwendig haben? Das ging auch aus der Verhandlung vor den Wiener Schöffen hervor; denn: angeklagt war wegen Erpressung ein junger Schlossengeselle und er hatte von dem hochmögenden Pg. Ammende 200 Schilling in bar, einen Winterrock und einen Anzug erhalten. Wofür? Ja. das war eben die hochnotpeinliche Frage! Denn bei der polizeilichen Vernehmung hatte der junge Mann angegeben, er habe die homosexuelle Neigung des Herrn Ammende zur Erpressung der Sachen benutzt Nun aber hat sich eben der Pg. und hohe Gönner»auf die Weltreise« begeben. Also kann er nicht mehr als Zeuge vernommen werden; und nun bestritt zwar der Schlosser nicht den Erhalt der Sachen, aber er leugnete, daß es dazu einer Nötigung seinerseits bedurft hätte... Ein ebenso verwickelter, wie pikanter Casus! Der Pg. Dr. Ammende ist neulich sogar noch vom Kardinal Innitzer empfangen worden und man hat gehört, daß er den Kirchenfünaten tatsächlich für die»Unterstützung der Wolga-Deutschen« unter Zuhilfenahme des bei jenem wirksamen antibolsche- wistischen Argumentes breit geschlagen habe. Aber das mit den»Brüdern in Not« war ja eben für diesen Herrn, der die Privatneigung der Röhm und anderer Granden des Dritten Reiches auch für sich reklamierte, nur das Schutzblech gegenüber der österreichischen Polizei. Wenn man suchen wollte, wo die Fäden der hitlerdeutschen Balkanpolitik In einem dicken Knoten zusammenlaufen— die Umtriebe in Rumänien gegen Titulescu, die deutschen Interessements an ungarischem Bauxit, die Freundschaften mit kroatischen V e r s ch w ö r e r grup- p e n— dann wäre früher in Pg. Ammendes wohl ausstaffiertem Wiener Büro dazu Gelegenheit gegeben gewesen. Wie schade, daß er jetzt eben schon auf dem Wege nach Honolulu ist... Weh dem. der sich wehrt Der Rechtsanwalt Kuhlmey In Magdeburg, der mit dem jüdischen Rechtsanwalt Fließ, einem zur Praxis zugelassenen, verdientem Frontkämpfer seit vielen Jahren in schärfstem Konkurrenzkampf und in persönlicher Fehde stand, hatte in einer Verhandlung de« Magdeburger Arbeitsgerichtes beantragt, Fließ als Parteivertreter abzulehnen. Kuhlmey beschimpfte Fließ aufs schwerste und sagte unter anderem, daß er tausendmal lieber mit einem schmutzigen NegeralselnemJudenverhandele. Fließ beschwerte sich bei der Anwalts- k a m m e r, die kalt lächelnd die Beschwerde abwies. Nun wurde der Spieß umgedreht. Der Staatsanwalt stellte auf direktem Befehl der Magdeburger NSDAP Strafantrag gegen den Beleidigten wegen»wissentlich falscher Anschuldigung und Beleidigung.« In der Verhandlung vor der Magdeburger Großen Strafkammer schworen der Vorsitzende und die beiden Beisitzer der Arbeitsgerichte Meineide, sie hätten zwar voll die Worte»Jude« und»Neger«, aber nicht in Bezug auf den Angeklagten gehört. Bs seien vielmehr»rein sachliche, aus Sachkenntnis und Verantwortungsgefühl geborene Bemerkungen zur Judenfrage« gewesen. Worauf das Gericht den Menschen, der so tollkühn war, als Jude sein Recht in Hitler- barbarien zu suchen, zu neun Monaten Gefängnis verurteüte. Kuhlmey aber hat auf der ganzen Linie gesiegt. Die jüdische Konkurrenz sitzt im Gefängnis! I Fiilsdfie und ediie Konjunktur Schachts Schrei nach der Schuldknechtschaft Wer es riskiert, die katastrophalen Aufgabe der W ehrhaf tmachung< und ihre Folgen der»Staatakonjunkturc aufzuzeigen, tut gut, sich auf die Autorität eines nationalsozialistischen Würdenträgers zu berufen, will er nicht Gefahr laufen, vom Blitz des allerhöchsten Zornes getroffen zu werden. Schachts Spezialorgan»Der deutsche Volkswirt« beruft sich in seinem Leit- artikel voan 17. Januar auf Bernhard Köhlers Forderung der»Ueberleitung von der Epoche umfassender Staatsaufträge zu einer möglichst ausgebreiteten freien Wirtschaft« und erinnert daran, er selbst habe schon vor einiger Zeit festgestellt,»daß die Grenzen für die öffentlichen Aufträge in der Tatsache lägen, daß der Staat nicht mehr ausgeben und verbrauchen könne, als ihm die Volkswirtschaft an laufenden Erträgnissen durch Steuern und an Ersparnissen In Form von Anleihen zur Verfügung zu stellen vermöge.« Die öffentliche Ueberschuldurxg braucht diese Grenzen nicht mehr zu erreichen, well sie sie längst überschritten hat. Das beiweist schon der Jahresbericht der Deutschen Girozentrale, der Spitzenoiga- nisation der Sparkassen. Ihm ist zu entneh- OLYMPIADE IM REICH »erfolgreiche Durchführung niemals auf Kosten der Wirtschaft gehen darf«, wird das private Unternehmertum»zu frühzeitiger Einstellung auf die kommenden Dinge« aufgefordert, d. h. schon Jetzt sich auf den Zeitpunkt vorbereitet, da die künstliche»Staatskonjunktur« durch eine echte Konjunktur ersetzt werden, die»Arbeltsbeschaffung« wieder »durch die viel erörterte private Initiative« erfolgen muß. »Die Erzeugung von Anlagegütem ist von ausschlaggebender Bedeutung für die Konjunktur«. Vorläufig wird die private Investitionstätigkeit durch die Staatskonjunktur gehemmt, nicht gefördert, weil für sie alle Kapitalreserven mit Beschlag belegt sind. Der »Deutsche Volkswirt« schreibt: »Der Kapitalmarkt ist zunächst dem öffentlichen Bedarf vorbehalten. Man scheint also vorerst eher einen Dämpfer als einen Anreiz der privaten Investitionslust notwendig zu halten, weil sonst das Investitionsvolumen im Vergleich zum Sparvolumen zu hoch werden würde.« Die Aufrüstung ist also ein Hemmnis der Produktionsentwloklung. Sie verhindert nicht nur, daß Deutschland technisch mit der übrigen Welt Schritt hält, sie läßt nicht einmal zu, daß auch nur»der normale Abschreibungsbedarf«»gedeckt« wird. Die Aufrüstung zehrt also nicht nur an der Reserve von Geldkapital, sondern auch an der Kapitalsubstanz. Sie gedeiht aber auch auf Kosten des Verbrauchs und der Verbraucherindustrie: »Die Konsumindustrien sind augenscheinlich deshalb in der Entwicklung so sehr zurückgeblieben, weil die Kaufkraft der Maasen schon bisher abgesehen von den allgemeinen Lasten, stark beansprucht war für die unentbehrlichen Güter wie die Le- benamittei.« Das Mißverhältnis zwischen Rüstungsproduktion und Verbrauchsgütererzengung ist ung'eheuer. »Gegenüber 1932 ist die Produktionssteigerung bei den Investitionsgütern um mehr als fünfmal so hoch wie bei den typischen Konsumwaren.« Der Umschlag von der künstlichen in die Ueberschreitung zu Betriebseinschränkungen und StlUegungen führen müßte.« Die Aufrüstung hat also auch die Reserven von Deutschlands internationaler Zahlungsfähigkeit verbraucht und die Abriegelung vom Weltmarkt den Konkurrenten ehemaliger Absatzmärkte überlassen. Es muß daher teuer kaufen und billig verkaufen. Im Wochenbericht des Instituts für Konjunkturforschung vom 15. Januar heißt es darüber: »Insgesamt mußte im Jahre 1935 um eine bestimmte Menge Einfuhrwaren bezahlen zu können, eine immer größere Menge von heimischen Gütern ausgeführt werden.« Das wird aber gerade bei»fortschreitender konjunktureller Belebung der Weltwirtschaft« nicht besser, sonder schlimmer, denn bei der Fertigwarenausfuhr kann»selbst bei steigendem Mengenahsatz der Charakter des Verlustgeschäftes durchaus bestehen bleiben«. Dagegen»In den Rohstoffländern wird demgegenüber ein Aufschwung immer von einer Stelgerung der Rohstoffpreise begleitet sein.« Es wird also der Devisenertrag im Verhältnis zur Ausfuhrmenge Immer kleiner und der Devisenbedarf im Verhältnis zum Einfuhrbedarf immer größer. Daher schreibt»Der Deutsche Volkswirt«: »Die steigende Aufnahmefähigkeit des Weltmarktes kann somit die deutschen Schwierigkeiten zwar mildern, aber vorläufig noch nicht beseitigen.«• Das ist eine trübe Fernsicht! Wie die Lügen des Dritten Reiches Zwecklügen, sind seine Wahrheiten Zweckwahrhelten. An wen sich die Offenherzigkeit von Schachts Leiborgan wendet, zeigt der Schluß des Leitartikels: »Die Steigerung der Austausches unserer Erzeugnisse gegen die uns fehlenden Rohstoffe kann sich In dem Augenblick, wo Deutschland nach wiedererlangter Wehrfreiheit sich mit anderen Nationen über eine friedliche Zusammenarbeit verständigt, ohne Sorge um neue Abhängigkeit auch auf die Kapitalskraft stützen, die die Weltwirtschaft für ihren endgültigen Wiederaufstieg aus der größten aller Krisen einzusetzen bereit ist.« Die verschleuderten Kapitalreservan der gen Kapitalvernichtung der Aufröstvjng liegt. Sie erweist sich damit als eine riesenhafte Unternehmersubvention. Krupp ist zur Zeit sehr intensiv für den Flottenbau beschäftigt. Die Friedr.- Krupp- Germaniawerft in Kiel hat»wieder erhebliche Aufwendungen für die Erneuerung und Instandhaltung ihrer Werksanlagen machen müssen«. Wie stark der Flottenbau forciert wird, kann man daraus entnehmen, daß nach dem Geschäftsbericht ein Auftragsbestand vorhanden ist,»der für die meisten Betriebe die bisherige Beschäftigung bis zum Frühjahr sichert«. Wie stark bei Krupp gerüstet wird, zeigen aber auch zwei Bilanzposten, für die die Aufklärung im Geschäftsbericht fehlt. Die Vorräte haben von 60 auf 77 Millionen zugenommen und sind damit verglichen mit 1933 verdoppelt Ferner haben die Schulden von 39 auf 68 MUIionen, also um fast 80 Prozent zugenommen. Da Krupp auf Kredit nicht angewiesen ist, kann es sich nur um Anzahlungen des Reiches für seine Heeresaufträge handeln. Aua den beiden Bilanzposten ergibt sich, wie stark Krupp für die forcierte Erledigung seiner Staatsaufträge gerüstet ist. G. A. Frey. echte Konjunktur setzt ober voraus, daß die- j Nation sollen durch internationalen ses Mißverhältnis verschwindet, denn nur dann kann die eine Industrie kaufen, was die andere erzeugt. Dazu müßte erst einmal der Teurung Einhalt geboten werden. »Die Verteurung gewisser Lebensmittel bedeutet eine Verminderung der Kaufkraft für andere Waren, denn das Verbrauchereinkommen hat sich nur verhältnismäßig wenig erhöht.« Der Herstellung des Glelchgeiwichts wirkt aber»eine zweite Bremse der künftigen konjunkturellen Entwicklung« entgegen:»Der Rückgang der Vorräte an Rohstoffen und Halbmaterial«. Er hat in manchen Industriezweigen ein Ausmaß erreicht, dessen weitere Kredit ersetzt und den Auslandskapitalisten Angst vor den Folgen eines deutschen Bankrotts eingeflößt werden. Die»Wiedererlangung der Wehrfreiheit« führt also zu»internationaler Schuldknechtschaft«. Bis Jetzt sieht das Ausland in der deutschen Aufrüstung nicht den Willen zu friedlicher Zusammenarbeit, sondern zum kriegerischen Angriff. Deshalb hat man dem kreditbegehrenden Schacht die kalte Schulter gezeigt, weil niemand das Holz für ein Feuer herbeischaffen will, in dem er selbst verbrannt werden soll. G. A. Frey. Eine neue Retterin In der Weimarer Republik sdnd gewaltig« Aufwendungen für Bergmannssi©dlungen gemacht worden, die alles weit übertreffen, was in Irgend einem Lande der Welt Jemals mit öffentlicher Hilfe für die Wohnungen von Bergarbeitern getan worden ist Auch in der Ausstattung waren sie durchwegs vorbildlich. Nun zeigt sich freilich, daß damals eine schwere Unterlassung begangen worden ist Zwar gab es Höfe und Gärten und Ställe für Kleintierzucht und Gemüsebau, aber auf die Verbindung zwischen Bergkumpel und Seidenraupenzucht war die Phantasie der republikanischen Siedlungspolitiker nicht verfallen. Das wird nun nachgeholt. Den Bergleuten wird nahegelegt sich in Ihrer Freizeit mit der Seidenraupe zu beschäftigen. Die staatlichen Beigwerke im Bezirk vom Reck- llnghausen werden 20.000 Maulbeeraträucher und die Stadt Gelsenkirchen 10.000 Sträucher pflanzen, und zwar inmitten der Bergmannssiedlungen, damit die Seidenraupen leichter an die gewohnte Nahrung kommen können , als die Bergarbeiter. Ob die deutschen Bergarbeiter mm wirklich Seide spinnen werden? ! Die KUmpeJs selber halten nichts davon, aber auch die Meinung der Fachleute ist sehr gr1 teilt. Die meisten erklären nüchtern, daß frühere Versuche gescheitert seien, und auch jetzt die Seidenraupe sich nicht als eine der Retterinnen aus Deutschlands Wirtschaftsnot erweisen werde. vetdieui oh den Mfoüsluup men, daß die Sparkassen zwar nur 10 Prozent der Spareinlage und 20 Prozent der Giroeinlagen nach gesetzlicher Vorschrift In Reichsanleihe anlegen dürfen, daß aber schon 1935 darüber hinausgegangen worden sei und daß das In Zukunft noch mehr der Fall sein würde. Ueberdles bestehen die Anlagen der Girozentrale In Wechseln zu 90 Prozent aus den faulen Wechseln des Dritten Reiches. Die Sparkassen werden demnach gezwungen, fast die ganze Summe der verfügbaren E 1 n 1 a g e g e I d er In da» bodenlose Faß der staatlichen Pumpwirtschaft zu schütten. Schon Jetzt also zehrt die Aufrüstung an der Kapitalsreserve. Das darf aber nicht zugegeben, denn als Konsequenz müßte der Abbruch oder wenigstens der Abbau derAuf- r ü s t u n g gefordert werden. Deshalb wird im»Deutschen Volkswirt« vorsichtigerweise hinzugefügt, es handle sich»hier nicht um eine aktuelle Frage«. Weil aber»die große Daß Krupp diesmal keine Dividende verteilt, ist völlig belanglos, well seine Aktionäre sich nur aus Familienmitgliedern zusammensetzen, denen es gleichgültig ist, in welcher Form sie ihr Einkommen beziehen. Es soll offenbar nur gezeigt werden, wieviel die Firma ihrem Werke und damit der»nationalen Befreiung« zu opfern bereit Ist. In dem Geschäftsbericht wird auch zugegeben, daß der erzielte Reingewinn an sich die Ausschüttung einer Dividende zulassen würde. Die Ausschüttung wird unterlassen, weil nach Meinung der Verwaltung des Unternehmens »auch in Zukunft noch erhebliche Aufwendungen gemacht werden müssen«. Krupp hat also das stärkste Zutrauen, daß nicht nur die Aufrüstung, sondern auch die Abschnürung vom Weltmarkt fortgesetzt wird, denn er hat nicht nur mehrere stilliegende Gruppen seiner eigenen Erzgruben wieder In Betrieb genommen, sondern überdies»beträchtliche Mittel« zur»Sicherung unserer inländischen Rohstoffversorgung« bereitgestellt. Es fällt auf, daß der Rohgewinn von 177 auf 23 2, also um ein Drittel und damit um den gleichen Prozentsatz gestlegen ist wie die Summe der Löhne und Gehälter, und ebenso verhält es sich mit dem Reingewinn. Eis hat sehr den Anschein, daß man den Geschäftsgewinn frisiert hat, damit nicht offenbar wird, daß der Ueberscbuß die Zunahme des Lohneinkommens weit hinter sich läßt. Allein Im letzten Geschäftsjahr sind nach dem Geschäftsbericht zur Errichtung von Anlagen 40 Millionen aufgewendet worden, das sind dreimal mehr als Im Vorjahre und ein Betrag, der dem vierten Teü des Aktienkapitals gleichkommt In den letzten beiden Jahren hat also bei den Anlagen eine Zunahme des Wertes um 55 Millionen stattgefunden, aber zur gleichen Zeit Ist der Bilanzwert der Anlagen um noch nicht eine Million gestlegen. Der Zuwachs ist also vollkommen abgeschrieben worden, d. h. er konnte ohne Zuhilfenahme von Krediten aus dem laufenden Geschäftsgewinn bezahlt werden. Aber außer den Aufwendungen für die bereits errichteten Anlagen sind ungeheure Rückstellungen für zukünftige gemacht worden, so daß also auch diese praktisch bereits bezahlt sind. Die offenen Rücklagen sind von 64 Millionen 1932 auf 93 Millionen 1935 und damit auf 60 Prozent des Aktienkapitals angewachsen. Das ergäbe In zwei Jahren einen Wertzuwachs von 50 Prozent des Aktienkapitals. Tatsächlich ist aber der Kapitalzuwachs noch weit größer. Das ergibt sich daraus, daß Krupp 1935 doppelt so viel Steuern bezahlt hat wie 1934. Ebnem Riesenunternehmen wie Krupp kann selbst das mißtrauischste Finanzamt nicht hinter die Schliche seiner Gewinnabrechnimg kommen, die Zunahme seiner Steuerzahlung wird also zweifellos weit hinter der Zunahme der zu versteuernden Gewinne zurückbleiben. Diese riesenhaften Ueber- schüsse sind deshalb bedeutsam, weil sie zweifellos aus der Aufrüstung stammen. Das Hitlerreich bezahlt seinen Rüstungslleferanten nicht nur den Ersatz ihrer Produktionskosten mit gutem Gewinn, sondern darüber hinaus noch seine Produktionsaufwendungen für eine ferne Zukunft. Das Hitlerregime entlastet also Krupp von dem Risiko, das in der gewalti- Die Zerstörung des graphischen Gewerbes Die Verwüstung, die die nationalsozialistische Herrschaft in dem deutschen graphischen Gewerbe angerichtet hat, geht noch immer weiter. Die Bucherschei nur�en, die zu den wichtigsten Aufträgen der graphischen Industrie gehören, sind von 31.000 im Jahre 1927/28 auf 20.800 Im Jahre 1934 zurückgegangen. In den ersten zehn Monaten 1935 waren 18.000 Buch-Neuerscheinungen zu verzeichnen. Von den 8000 Zeitschriften, die noch im Jahre 1932 in Deutschland herauskamen, sind mehr als ein Viertel eingegangen. Dazu kommt das massenhafte Zeitungssterben, das auch in den ersten zwei Monaten 1936 im lebhaften Tempo fortdauert. Die Produktionsverminderung gegenüber 1927/1928 beträgt mindestens 50 Prozent, während die Kapazität der graphischen Industrie mir zu knapp 40 Prozent auagenutzt wird. Durch Umschulung von Schriftsetzern und Buchdruckern versucht man der noch außerordentlich hohen Arbeitslosigkeit entgegenzuwirken. Eignungsprüfung In den Berliner Zeitungen werden junge Mädchen aufgefordert, sich als Krankenpflegeschülerinnen zu melden. Neben den üblichen Urkunden und Dokumenten sind, wie es in dem Aufruf wörtlich heißt»Zeugnisse von zwei älteren Mitgliedern der NSDAP über die politische Zuverlässigkeit beizubrin- g e n«. Wie viele Saalschlachten muß man im zarten Kindesalter geschlagen haben, um für die sachgemäße Pflege von Lungenkranken In Betracht zu kommen? Kopf ab! »Was Herr Hitler in drei Jahren erreicht hat, ist Titanenleistung. Wer darüber zu meckern wagt, ist eigentlich wert, daß er deshalb den Kopf verliert!« (Aus dem Mannheimer Naziblatt.), Nr. 1� 3EILAGE HciKcHöraiSrfs 9. Februar Petdse&iiUtds ffdßHMfififftmrti __ iri__ i i__ i:__«„i•. ,1.____ i n__ d___•__£__ i-" k c•■— ÜViederländisdi-Indien, Belgisdi- und PoHugiesisdi« Afrika An dieser Stelle wurde vor einigen Wochen die Aufmerksamkeit auf Hitler- deutachland allgemeine Kolonialpropaganda und auf die besondere Aktivität gegenüber Niederländisch-Indien gelenkt. Diese Propaganda verliert nichts an Tempo. Im Gegenteil. Wir kommen dem akuten Stadium immer näher. Vor uns liegt das Januar-Heft der »Deutschen Kolonialzeitung«. Dieses Organ der Deutschen Kolonialgesellschaft erscheint im Jahre 1936 im vergrößerten Format und stark erweitertem Umfang. Im Geleitwort wird davon gesprochen, daß»das neue Deutschland nach dem Willen und den Worten des Führers die Verwirklichung unserer kolonialen Forderungen bringen solL« Und weiter: »So gehen wir mit Zuversicht in das neue Jahr dem Ziele zu, das sich immer näher unseren Blicken zeigt.« Auch das Organ der Deutschen Kolonialgesellschaft hatte im Herbst vergangenen Jahres Anerkennung für Sir Samuel Hoare, daß er in seiner Rede im September in Genf nicht allein für Italien, sondern ganz allgemein das Kolonialprogramm auf die Tagesordnung brachte. Heute allerdings läßt man längst keinen Zweifel mehr, daß die Plattform der»Neuverteilung der kolonialen Rohstoffe« den deutschen Forderungen bei weitem nicht mehr entspricht Eine neue Form von Völkerbundsmandaten? Kommt gar nicht in Frage, erklärt Hitlerdeutschland. So weit es rieh um die früheren deutschen Kolonien handelt, sagt der Leitartikler der»Kolo- nialzeitung«: »Deutschland hat auf die Ihm geraubten Kolonien einen Rechtsanspruch, der mit der Idee des Mandats nichts gemein hat.« Und für die neuen Forderungen genügt ein Mandat, eine Treuhänderschaft im Namen des Völkerbundes keineswegs; denn »Deutschland hat keine Kolonien. Gerade deshalb ist die Kolonialschule der stärkste Ausdruck des Glaubens an unsere koloniale Zukunft. Ihre Jungen Landwirte sind gewissermaßen der Stoßtrupp, der auf den Einsatz »n gegebener Zeit wartet Die deutsche Kolo- nlalschule hält die Beziehungen zur praktischen Kolonialwirtschaft aufrecht und blickt voller Hoffnungen auf die Zeit in der die Kolonialfrage gelöst sein wird und alle Absolventen unter deutscher Flagge in deutsche Kolonien hinausziehen können.« So heißt es In einem Bericht der Kolonialhochschule Witzenhausen in Nr. 1 der »Deutschen Kolonialzedtung« von 1936. Deutlicher noch drückt diese Forderung der letzte Jahresbericht der Industrie- und Handelskammer Hamburg aus, in dem es nach einem Bericht der»Kölnischen Zeitung« vom 5. Januar 1936 heißt; »Auf Grund seiner geographischen Lage, der Dichte seiner Bevölkerung und der starken Industrialisierung hat Deutschland in weit höherem Maße Anspruch auf entsprechenden Großwirtschaftsraum als Irgend ein anderes Land. Alle Projekte, die darauf hinzielen, Deutschland In überseeischen Gebieten nur einen wirtschaftlichen Einfluß zuzubilligen, erfüllen diese Forderung nicht und können auch nicht als Wiedergutmachung eines Unrechts angesehen werden. Deutschland braucht einen überseeischen Kolonialbesitz unter eigener Verwaltung, mit eigener Währung, als einen eigenen Wirtschaftsraum....« Diese Sätze geben einen Vorgeschmack auf den Umfang der hitlerdeutschen Ko- lonlalforderungen. Nebenbei: der Hinweis auf den Bevölkerungsüberschuß ist natürlich unsinnig. Vor dem Kriege lebten in den gesamten deutschen Kolonien zusammen genommen nicht mehr Deutsche als allein in London. Aber wir brauchen uns nicht mehr mit Vermutungen über die deutschen Kolonialforderungen aufzuhalten. Jetzt hat erstmalig eine maßgebliche Stelle die Schleier gelüftet. Im dritten Dezemberheft der »Deutschen Volkswirtschaft«, nationalsozial i s'J scher Wirtschaftsdienst, wird in einem Leitartikel die neudeutsche koloniale Speisekarte vorgelegt. Der zynische Ton, der der Unverschämtheit der Forderungen entspricht, verrät die Vaterschaft(fieses Artikels eines parteioffiziellen Wirtschaftsorgans: des außenpolitischen Amtes der Nationalsozialistischen Partei. Was fordert Hitlerdeutschland nun? In einen Satz zusammengefaßt und der unverfrorenen Sprache des Artikels angepaßt, muß man zu dieser an die englische Adresse gerichteten liste der Ansprüche etwa sagen: Hitlerdeutschland ist bereit, Niederländisch-Indien als Geschenk in Empfang zu nehmen; allerdings nur, wenn es gleichzeitig die belgischen und portugiesischen Besitzungen in Afrika dazu erhält!! Begründet wird dieser nicht gerade bescheiden vorgetragene Wunschzettel folgendermaßen: »Das Weltkolonialproblem konzentriert sich heute auf Afrika— und die ostindischen Inseln. Die übrige Welt befindet sich, wie man so sagt, in„festen Händen".« Man sieht den kriegslustigen Artikelschreiber bei diesem Eröffnungssatz sich amüsieren darüber, wieviel weniger ihm »Umsonst wird Europas Hilfe und namentlich der anderen europäischen Großmächte nicht zu haben sein.« Soweit über die»europäische Interessengemeinschaft in Ost-Indien«, wfe der Vorschlag bezeichnet wird. Bezüglich Afrika sieht die hitlerdeutsche Argumentation nicht anders aus. »Worum es heute in Afrika geht? Die beiden Mehrheltabesitzer England und Frankreich müssen einsehen, daß sie, wenn sie nicht an das übrige Europa in Afrika sehr weltgehende Konzessionen machen, ihre Interessen in anderen Teilen der Welt im Ernstfall allein werden ausfechten müssen.« »Von den 29.8 Millionen km' afrikanischen Bodens gehören England etwa 40 Prozent, Frankreich 30 Prozent, Belgien 8 Prozent und Portugal 7 Prozent. Niemand wird sagen können, daß eine derartige Verteilung auch nur im entferntesten der Verantwortung entspricht, die den einzelnen europäischen Ländern dem Gesichtspunkte Europas gegenüber zukommt« werden wir uns auf europäischen Schlachtfeldern holen! Eis sind Kriegsfanfaren, die von der »Insel des Friedens« herübertönen, Kriegsfanfaren der kriegswilligen, kriegsbereiten und im Jahre 1936 auch kriegsfertigen stärksten Militärmacht Europas! L. J. Hochland. Der 30. Januar Seine Bundesgenossen gratulieren Zeichnung: Henry Dubois. als der übrigen Welt der»Besitz in festen Händen« imponiert Aber das ist gewissermaßen der erste und letzte Seitenblick auf die inländischen Komplizen. Dem Ausland, besonders dem Adressaten Elngland gegenüber, muß man natürlich eine plausible Begründung für seine Forderungen bringen. Und das sieht dann so aus: Europa und die Vorherrschaft der weißen Rasse werden heute in Siingapur verteidigt Japan ist sprungbereit Nicht nur zum Vordringen nach Ostindien, sondern von hier aus auch nach Afrika. Europas Vorherrschaft in Afrika würde unhaltbar, wenn erst Ost-Indien in den Händen der Japaner wäre. Darum bietet sich Hitlerdeutschland als Bundesgenosse einem England an, das die größten Anstrengungen zur Erhaltung seiner Machtstellung in Indien machen muß. Eis besteht für das übrige Europa»nach der ganzen Sachlage heute zum Wohle der Weltstellung der weißen Rasse ein Interesse, ja mehr noch eine moralische Verpflichtimg« zur Erhaltung der englischen Macht in Indien. Was ist aber zur Sicherung der englischem Position nötig? Daß das Empire in Ost-Indien neben Frankreich in Indochina einen stärkeren Bundesgenossen erhält, als es heute Holland ist; denn »selbst wenn nur der holländische Stein in Ostindien herausbricht, und Japan sich dort festsetzt, selbst für diesen begrenzten Anfangsfall wäre damit alles für Europa in Asien verloren. Kann Holland allein Ost- Indien verteidigen?« Natürüch nicht Man redet England gut zu, um schon jetzt, nicht erst in »höchster Not Europa zu Hilfe zu rufen«. »Europa«, das ist Wer Hitlerdeutschland. Freilich, so offenherzig ist man auch: Und plumpfreundschaftüch sagt sinngemäß der Leitartikler der Kolonialzeitung, daß es den Engländern doch nicht schwer fallen dürfte, auf Kosten anderer Leute Opfer zu bringen: »An Elngland ist es, weitherzig endlich die Initiative zu ergreifen, Opfer zu bringen, die schließlich keine sind.« Zu welch»großzügigen« Konzessionen dieses Dritte Reich heute schon gegenüber denen bereit ist, denen es morgen die Kolonien nehmen will, besagt der Satz: »Kein vernünftiger Mensch in Europa wird sich dabei etwa gegen den Gedanken von Kondominions in Afrika sträuben, d. h. niemand wird daran denken, die Belgier oder Portugiesen, die in Afrika leben oder hinein wollen, zu vertreibe n.« Und entsprechend der neudeutschen Diplomatie fehlt es natürlich nicht an Drohungen von so zarten Andeutungen, »daß die Dinge generell an den Punkt gelangt sind, an dem man vernünftige Entschlüsse ins Auge fassen muß, geht daraus hervor, daß Italien die Geduld verloren hat und— in Abesslnlen— selbständig handelt«, bis zu der unmißverständlichen Kriegsankündigung: »Wenn das bedeutet(die Haltung Englands gegenüber Italien), daß England Überhaupt nicht ernsthaft Uber afrikanische Kolonialfragen, bei denen es Konzessionen machen müßte, verhandeln will, so maß für die Zukunft mit noch Schwereren Konflikten der enropäischen Großmächte Afrikas wegen gerechnet werden.« Diese Sätze sind offenherzig. Sie sind eine kategorische Erklärung: was ihr uns nicht rasch und»freiwillig« gebt, das Kennst Du das Land? In einer amtlichen Bekanntmachung des Präsidenten der Reichskulturkammer beißt es: »Da die Reichskulturkammer die kraft Gesetzes bewirkte Zusammenfassung der Kulturberufsgruppen ist, so bereitet der Zusatz>M itglied der Reichskulturkammer« oder»M itglied der Reichsmusikkammer« zu einer Berufsbezeich- nung etwas Selbstverständlich ee, daher Ueber- flüaadges und unter Umständen Irreführendes. Denn dieser Zusatz ist in den Augen der Oeffentllchkeit, die über die Rechtsnatur der Kammern nicht genau unterrichtet ist, unter Umständen der Ausdruck einer besonderen Leistjungsbewertung oder der Zugehörigkeit zu einer aus der Berufsgruppe herausgehobenen Auslese. Ich verbiete deshalb allen Mitgliedern der Reichskulturkammer, sich in öffentlichen An- kündungen, auf Firmenschildern und dergleichen sich als Mitglieder der Rel chs k u 1 1 u r k am m e r oder einer ihrer E i n z e 1 k am m e r n zu bezeichnen. Zuwiderhandelnde haben den Ausschluß aus der Kammer und damit die Untersagung ihrer Berufstätigkeit zu gewärtigen. Entgegenstehende Bestimmungen der Kammern sind hiermit aufgehoben«. Und dabei hat doch Adolf Hitler nach eigener— kürzlich wieder erfolgter— Angabe die unbedingt größte Revolution aller Völker und Zeiten gemacht und Umwälzungen In Deutschland nur so auf Jahrtausende bewirkt. All-Deutschland, wie es hebt und lebt, aber singt Im Sinne der alten Bursohenherr- lichkeit ungeachtet aller hochfahrenden Gedanken des Führers über die angebliche Größe seines Umschmlsses: Die alte Schale nur ist fern, Geblieben ist uns doch der Rern! Und den laßt fest uns halten! Nidils wissen Ist Madit Der Relchafachschaftslelter für Mittelschulen im NS-Lehrerbund, Nicolaus Maaßen, schreibt In der»Deutschen Allgemeinen Zeltung«: »Heute blicken wir auf unser oft so gepriesenes Schulwesen als auf eine öffentliche EUnrtchtung, die unserem Volke einen ungeheuren Verlust an wertvollstem Erbgut zugefügt hat.« Darum rühmen»wir« und bei Jeder Gelegenheit und in den überheblichsten Tönen der deutschen Wissenschaftler, die aus der schädlichen Einrichtung des alten Schulwesens her- i vorgegangen sind. Und was werden»wir« in Zukunft gegen die deutsche Schule unternehmen? Pg. Maaßen verrät es im anschließenden Satz: »Die nationalsozialistische Ordnung der. i Dinge geht mm daran, den Schaden wieder gutzumachen und unser Bildungtswesen nach rassenpolitischen Gesichtspunkten aufzubauen.« Wer die meisten unverdächtigen Großväter nachweisen kann, wird von allen Prüfungen befreit und nach vollendeter Hitlerjugend- Dienstzeit zum Professor ernannt. Der llberalislisdie Ley Im»Völkischen Beobachter« erklärt der Kraft-duroh-Freude-Ley kurz und bündig: »Der Grundsatz unserer Sozialpolitik sieht vor, daß die Menschen die Dinge, die sie angehen, selbst regeln sollen. Der Staat Ist nicht die Amme für alles.« Nanu! Wir denken, es gibt kein Privatleben mehr? Doch! Wer Hilfe braucht, soll sich höchst privat selber helfen, denn der totale Staat Ist wirklich keine Amme, er ist nur ein Kerkermeister. Der Ewige Aus einer westdeutschen Nazizeitung; »Hitler ist, so wie Gott, Himmel und Erde. die Ewigkeit, Das dürfte allen Besserwissern genügen.« Eine kleine Ewigkeit, versteht sich! ScMdksal der deutschen Reformsdbulen Zum Verbot der Anthroposophi sehen Vereinigung in Deutschland. Die religiöse Sekte der Anthropoaophen, die vorläufig als letzte Organisation dem Herrachaftsbedtirfnis des braunen Regimes zum Opfer fiel, wird angeklagt, den Geist des Internationalismus in Deutschland verbreitet zu haben. Diese Unterstellung wiegt im beutigen Deutschland bekanntlieb fast so schwer wie eine Beleidigung des Führers und muß folglich mit der völligen Vernichtung bestraft werden. In Wahrheit ist an dieser Beschuldigung kaum etwas dran. Natürlich sind sie wie religiösen Strömungen auch zum Teil von ähnlichen ausländischen Bewegungen beeinflußt, so von den amerikanischen Theosophen, von der Christian Science und von Anhängern verschiedener indischer Geheimlehren. Sie glauben an Christus, Moses und zahlreiche andere HeUige. Aber sie geben sich die größte Mühe, ihre mystischen Lehren mit der deutschen idealistischen Philosophie zu untermauern, und das germanische Heldenbuch, die Edda, ist für sie ein Gegenstand besonderer Verehrung. Der Begründer der Anth roposop Irischen Gesellschaft und ihrer Lehre, Rudolf Steiner, war mehr oder weniger eng mit dem Reichskanzler Bethmann-Hollweg befreundet, aber nur das Gehirn eines Ludendorff konnte den Gedanken ausbrüten, daß er den Kanzler in den Bann okkulter Geheimlehren gezogen und zu einem Werkzeug der»überstaatlichen Mächte« in Ihrem Kampf gegen Deutschland gemacht habe. Die Anthroposophen verdienten kaum besonderes Interesse, wenn sie nicht eine gewisse und sehr eigenartige Bedeutung auf dem Gebiete des Schulwesens gehabt hätten. In Ihrer Bedeutung für das Schulwesen dürfte auch der eigentliche Grund für das Verbot durch die Nationalsozialisten zu suchen sein. Denn bekanntlich maßen sie sich ein Monopol für die Jugenderziehung an, und auch der Streit des Dritten Reiches mit der katholischen Kirche geht mit in erster Linie um die Frage, ob neben der Erziehung durch die Hitlerjugend und den Staat auch noch eine besondere konfessionelle Jugenderziehung zulässig ist. Einer der reichen Förderer der anthropo- sophlsohen Bewegung bestürmte den»Meister« Rudolf Steiner, in Stuttgart eine Schule zu gründen, in der vor allem Arbeiterkinder im Sinne der anthroposophiechen Lehre erzogen werden sollten. Er stiftete das Geld für die Stuttgarter Schule, nach deren Vorbild bald darauf in allen deutschen Großstädten weitere Schulen— Volks- und Mittelschulen gebildet wurden. Die Schulen erfreuten sich sämtlich eines guten Zuspruchs. Allein die Berliner Rudolf- Steiner- Schule hat mehr als 800 Schüler. Alle diese Schulen vermieden den Fehler, den die meisten Gründungen ähnlicher Ver- Wer rnadii Gesdiidite? Ein Budb Uber den deulsdien Imperialismus Der Sieg des Faschismus hat auch der heroischen Geschichtsauffassung einen neuen Aufschwung gebracht. Wieder erscheinen einzelne Männer als die bewegenden Kräfte der Weltgeschichte. Die Führer sind aliee, die Menschen sind nichts. So ist die Praxis des Faschismus, das ist seine Geschlchtsauffas- aing. Der heroische Aberglaube hat sogar gründlicher gesiegt, als es auf den ersten Blick scheinen will, meinen doch zuweilen sogar Antifaschisten, daß der Faschismus das Werk einer Handvoll Antisemiten, einiger Offiziere oder gar der Person Hitlers oder Mussolinis sei. Die repräsentativen Männer, die auf striche Welse erniedrigt werden sollen, gehen gerade umgekehrt beträchtlich erhöht aus diesem Angriff heraus, die kleinen Männer sind auf diese Welse unter der Hand recht bedeutend groß geworden. Diese im Grunde heroische W eä tauf assung hält bis heute auch die tiefen Quellen unserer Niederlage verschüttet, Indem die große deutsche Tragödie auf das Vensagen irgendeiner Parteiführung zurückgeführt wird. Angesichts einer solchen geistigen Situation muß es begrüßt werden, wenn wissenschaftlich denkende Menschen ihre anderslautenden Resultate langjähriger Forschung publizieren. Wir halten es um so eher für unsere Pflicht, unsere Aufmerksamkeit auf solche Veröffentlichungen zu lenken, als es eine durch die Erfahrung bestätigte Tatsache ist, daß Bücher, welche dem momentanen Geisteszustand der Massen entsprechen, von selbst ihren Weg ins Publikum finden. Schwerer dringt das Bleibende durch. Viktor Hugos ■sNapoleon der Kleine« erlebte rasch hintereinander 10 Auflagen und ist heute vergessen, während der dasselbe Thema behandelnde »Achtzehnte Brumaire« von Marx mit stets größerer Bewunderung gelesen wird, damals aber keine besondere Beachtung erfuhr. In diesem Sinne muß der soeben im Verlag Bditione Mätöore(Paris) erschienene »Vorkriegsimperialismus« von Wolfgang Hallgarten als eine Bereicherung der wisse nechaftlichen Literatur Uber die bewegenden Kräfte der Weltgeschichte begrüßt werden, so vieles im einzelnen zu diesem Buch an Kritischem zu sagen wäre. Wir halten es beispielsweise für eine Inkonsequenz, die These aufzustellen, daß die Ursachen des Weltkrieges nicht in Fehlern der diplomatischen Persönlichkeiten, sondern in den Interessenkonflikten verschiedener in der industriellen und agrarischen Produktion miteinander rivalisierender Staaten liegen und überhaupt stets auf die großen ökonomisch- sozialen und politischen Zusammenhänge verwiesen wird, andererseits also an einer Stelle, wenn auch nur als Fußnote, die Meinung geäußert wird, daß die Arbeiterbewegung durch »Verbürgerlichung der Gerwerkschafts f ü h- rung« den Kampf gegen den Imperialismus nicht in, der nötigen Schärfe geführt hat. Warum sollten dann nich tauch die Diplomaten dem Krieg verursacht haben? Ebenso hat man den Eindruck, daß der Verfasser angesichts der gegenwärtigen Wirtschaftsdepression hinsichtlich der weiteren Industrialisierung etwas zu voreilige Schlüsse zieht. Von einem Zerfall der europäischen Welt und von einem»Untergang des Abendlandes« kann man wohl schwerlich reden, wobei gar- nicht verkannt werden soll, daß das zersplitterte Europa durch schnell aufsteigende Kontinente eine untergeordnetere Rolle im Weltkonzert einzunehmen beginnt. Aber auch das ist nur eine Tendenz, der andere entgegenstehen. Marx hatte sobon In einem Brief vom Jahre 1858 solche Sorgen um die Zukunft Europas geäußert und während der großen Depression im Anschluß am den Krach von 1873, die bemerk enswerterweise ganz genau bis zum Fall des Sozialistengesetzes anhielt, sind solche Befürchtungen vielfach an der Tagesordnung gewesen. Doch bildet dies nicht das Kernstück des Buches von Hallgarten. Im Mittelpunkt steht vielmehr der deutsche kaiserUche Imperialismus, den zuerst Eckart Kehr In einer genialen Studie analysiert hat. Ihm ist übrigens dieses Buch von HaUgarten gewidmet. Die deutschen Kriegstreiber werden Wer an Hand eines reichhaltigen Materials und auf Grund authentischer Dokumente Ins grelle* Liebt wissenschaftlicher Kritik gerückt— weshalb die Gestapo den Autor und sein Werk verfolgte.— Klar kommt zum Ausdruck, daß es nicht nur einen industriellen, sondern auch einen agrarischen Imperlallsmua gibt. HaUgarten analysiert den Kampf der deutschem Agrarkonservativen gegen Bismarcks damalige Russenfreundschaft. Der Führer der konservativen Mültärpartei, Waldersee, verbündet mit dem Mittelstandspolitiker Stöcker, hetzte zum Krieg gegen Rußland. Treffend. wie der große Mann Bismarck in das damalige deutsche Kräftespiel hineingestellt ist und wie er schließlich vereinsamen mußte, als die Liberalen ihn wegen seiner konservativen Politik, die Konservativen ihn aber wegen seiner»liberalen« und russenfreundlicben Politik bekämpften. HaUgarten deutet am Schluß seines Buches an, daß nach dem Sturz der Republik nun wieder die alten Verhängnis- vollen Gewalten am Werke sind und Deutsehland all den geschilderten Gefabren erneut auagesetzt ist Das Buch ist also auch insofern aktuell. einiglingen begangen hatten. Sie betrachteten sich nicht in aller erster Linie als Propagandaanstalten der anthroposophischen Lehre. Die Anthroposophie spielte als Lehrfach nur etwa die Rolle, wie der Religionsunterricht an staatlichen Schulen. Im übrigen aber wurden an diesen Schulen bemerkenswerte fortschrittliche Unterrichtsmethoden angewandt. Wie die meisten mystischen Lehren, vergöttert auch die Anthroposophie die Individualität, und aus dieser Einstellung heraus wurde in ihren Schulen auf jenen Kadavergehorsam verzichtet, der sonst in den deutschen Erziebungsanslalten als unseliges Erbe des altpreußischen Militarismus auch in der Zeit der Republik fast überall aufrecht erhalten wurde. In den anthro- posophlschen Schulen gab es weitgehende Schülerselbstverwaltung, Ködukatlon, Lehrer und Schüler standen mit einander vielfach auf kameradschaftlichen Fuß,— kurz, wenn man von der weltanschaulichen Grundhaltung einmal abslebt, waren sie kaum von den fortschrittlichsten Schulen der deutschen Republik zu unterscheiden. Das Dritte Reich hat mit den freien Schulgemeinden, mit den fortschrittlichen Aufbauschulen usw. entweder ganz aufgeräumt, oder es hat sie in braune Kadettenanstalten umgewandelt. Kameradschaft zwischen Lehrern und Schülern, das ist In den Augen der nationalsozialistischen Scbulver- waltungen schon beinahe Marxismus: sie muß verboten werden. Die Anthroposophie blieb bestehen. Seihet den Nationalsozialisten kam es nicht gleich in den Sinn, die Anhänger des Eddakultes als Marxisten zu denunzieren. Man duldete die Bewegung, und man duldete ihre Schulen. In ihnen wurde der»deutsche Gruß« eingeführt, und im»staatsbürgerlichen Unterricht« wurde Hitlers»Kampf« gelesen. Aber die alten Unterrichtsmethoden blieben bestehen. Auch der schärfste Kritiker der anthroposophischen Weltanschauung muß diesen Schulen zugestehen, daß sie äußerst wohltuend von den Stätten der braunen Prügelpädagogik abstachen. Sie bildeten einen Fremdkörper im nationalsozialistiachen Schulsystem. Diese Schulen haben dar Anthroposophie nun also das Leben gekostet. Es begann mit der zwangsweisen Auflösung der Stuttgarter Schule. Die anderen Schulen wurden unter verschärfter Kontrolle genommen, und man erwartete ihr Verbot Mittlerweile eigneten sich die Nazis die Ludendorffschen Argumente gegen die Anthroposophie an, und schließlich griff man zu dem radikalsten Mittel, um die Schulen unschädlich zu machen. Man schritt zu dem Verbot der ganzen Bewegung. Franz Schlosser. Von Europa nach Germanien »Der beste Rundfunk der Weit ist sictier- lich der deutsche; aber das erst seitdem Deutschland nicht mehr in Europa, sondern wieder in Germanien liegt...« (Aus dem»Völkischen Beobachter«.) Der Zauberkünstler Eine Kurzkomödie in Zitaten. L Szene spielt im Winter 1932/1933. In das Zimmer Adolf Hitlers tritt eine Frauendel egation. Die Wortf Uhrerln:»Wie gedenkt der Nationalaozlaliamus die Frauenfrage zu löaen?« Adolf Hitler:»Darauf, meine Damen, werde ich Ihnen heute abend in der Versammlung antworten.« Vorhang. IT. Szene. Versammlung der NSDAP. Der Redner Adolf Hitler hat einen ganzen Nachmittag Zeit gehabt nachzudenken. Spannung beim Publikum. Adolf Hitler:»Ich bin heute gefragt worden, wie wir die Frauenfrage lösen wollen. Darauf habe ich eine einfache Antwort: Im Dritten Reiche wird jede Frau ihren Mann habe n.«— Frenetischer Beifall der anwesenden Nazissen. Vorhang. III. Szene spielt im Jahre 1936, zu einer Zeit also, da bereite aber Tausende von deutschen Frauen aus den Betrieben geworfen, am Studium gehindert, wider ihren WUlen in Land- und hauswirtschaftlicbe Dienste gepreßt worden sind. Arbeitszimmer des Kanzlers Adolf Hitler. Er gewährt einer Mitarbeiterin des»Paria Soir« ein Interview. Die Interviewerin:»Und wie hat der Nationalsozialismus die Frauenfrage gelöst?« Adolf Hitler:»In Jedem Falle hat eine Frau, die nicht heiratet und wir haben viele in Deutschland, da wir nicht genug Männer haben, das Recht ihren Lebensunterhalt zu verdienen wie der Mann. Ich erinnere Sie übrigens daran, daß es eine Frau war, die den großen Parteitagafilm gemacht bat und daß eine Frau den Olympiafilm drehen wird.« Eiserner Vorhang. Bauer und Blubo Eine Umfrage würde ergeben, daß die braunen Blubo- Romane am wenigsten Anklang auf dem Lande finden. Der rauchende Dunghaufen hat nur für verkorkste Städter ewige Romantik, weil sie weit vom Schusse sind. Der denkende losende Bauer von heute sehnt sich nach Technisierung seines Betriebes, es fehlen ihm nur die Mittel dazu. Die Schwärmerei schollenbegeisterter Städter für den Kuhdreck erscheint ihm komisch. Es ist kein Wunder, daß dies»Zurück zur Natur« gerade In dem industrialislertestem Lande Buropas zur krankhaften politischen Parole für eine Demagogenbewegung entarten konnte. Der deutsche Bauer Heß es sich gern gefallen; er fühlte, daß er damit im Ansehen stieg und knüpfte daran gewaltige Hoffnungen. Die Anbetung der Mistforke jedoch ist ihm im Grunde seines Herzens immer schrullig erschienen. Viele seinesgleichen, fühlen neuerdings auch, daß es dem Bauer unter einem verrückten System um so schlechter gehen kann, je mehr er besungen wird. In letzter Zeit wurde mehrfach von Versammlungen berichtet, in denen Naziredner vor Bauern über che Mißerfolge der braunen Agrarpolitik hinweg zu täuschen suchten. Sie redeten von Blut und Boden, von der hehren Bedeutung der Scholle für die Volkserneuerung, sie feierten den Bauern als ewigen Kraftquell der Nation, und die undankbaren Zuhörer quittierten mit recht materialistischen Zwischenrufen, wie:»Und die Eierpreise?«—»Und die Zwaagsablief erung?«— »Wo bleibt die Zinssenfcung?«—»Ihr fahrt Auto und wir sollen die Butter verschenken...« — Kurz, Darrös Vertreter sprach von Idealen und die Bauern redeten von Preisen. Es zeigte sich, daß man a/uf der»Scholle« das Blubo- gerede bis obenhin hat. Hierher gehört auch eine kleinere Angelegenheit, die von einigen Zeitungen nachdenklich kommentiert wurde. Die»Frankfurter Zeitung« berichtet: »Ein merkwürdiges Ergebnis hatte der seit längerer Zelt in der hannoverschen Landeskirche angestellte Versuch, plattdeutsche Gottesdienste einzuführen. Eine neuerdings veranstaltete Umfrage ergab nämlich, daß der Anregung vor allem in den Städten gefolgt wurde, während man auf dem Land zum Teil auf Widerstand traf.« Wieder waren es die Stadtgermanen, die den Blubo ruf begeistert aufnahmen, während die Dorfbewohner froh sind, wenn sie den neudeutschen Schollenschwindel wenigstens Sonntags In der Kirche mal los sind. „Ninapopo" Sollte jemand mit diesem Wort pornographische Gedanken verbinden, so bezeugt er damit seine Unfähigkeit, die künstlerischen Gipfelhöhen des Dritten Reiches zu besteigen. Ninapopo: das ist der geistige Kern eines Lustspiels»Die Weiber von Redditz«, das soeben an der Berliner Volksbühne am Nollendorfplatz»türmische Heiterkeit erzeugt. Ninapopo; das ist der abgekürzte Schlachtruf»Nieder mit Napoleon!«, proklamiert von einer schleklscbeo Komteß. Bot einem so anziehenden Losungswort kann man sich nicht wundern, daß die Bauemburschen von Ihrer feudalen Anführerin restlos hingerissen sind und ihr bedingungslos folgen, als die Trommel wider den Erbfeind ruft. Auch sonst bat die Junge adlige Dame einen animierenden Sauherdentron am Leibe, wenn wir der»Deutschen Allgemeinen Zeitung« glauben dürfen. Sie erntet Lacherfolge, wenn sie ruft;»Wetten das!« oder»Dich hat wohl die Laus gebissen!« Der Kritiker, der von den echten wie von den falschen Tönen des Stückes hingerissen ist, mäkelt ein wenig an diesem Satz:»Christus hat auch mit einem Dutzend Brote sechstausend Männer vom Kohldampf befreit.« Immerhin jubelt das Publikum. Der Autor des Stückes heißt Forster. Er hat einmal bessere Tage gesehen. Noch bejammernswürdiger aber ist Lueie Höflich. Diese Künstlerin, mit der großen Zeit des dramatischen Naturalismus eng verbunden, in der Weimarer Zeit mit echten künstlerischen Aufgaben betraut— was bietet ihr das Dritte Reich? Sie spielt in den»Weibern von Redditz« eine kriegerische Tante Olympia, wobei sie mit dem Gewehr auf der Schulter raube goldherzige Brusttöne»Schnickschnack« oder»Bas tat produziert. Kein Zensor hat etwas dagegen, daß mit der Szenerie der Befreiungskriege Ulk im StUe von»Cbar- leys Tante« getrieben werden darf. Im Hintergrund der Marschau Vorwärts, zum Schluß Verlobung, Trommel, Bledermederbett; nun darf»Kraft durch Freude« In unendlichen Delegationen den endlichen Aufstieg des Deutschen Theaters mitgenießen. H. in det fasduite Die Nazi presse, besonders die aualand- deutache, kennt kein ärgeres Schimpfwort als»Emigrant«, und durch unermüdliches Wiederholen hämmert ade ihren Lesern die Ueberzeugung ein, daß sich nur der schlimmste, verachtenswerteste Auswurf der Menschheit der Emigration schuldig machen könne. Die Geschichte, von der keine Ahnung zu haben oder die In Ihr Gegenteil zu verdrehen das besondere Vorrecht des»neudeutschen Menschen« ist, die Geschichte freilich weiß es anders. Sie kennt einige, verhältnismäßig ■wenige, Beispiele der politischen Auswanderung, deren Träger sich Irgendwo in der Perne in ohnmächtigem Groll über die Neugestaltung ihrer Heimat verzehrten, etwa die unentwegten Bourbonenanhänger zur Zeit der französischen Revolution und Napoleons oder die rückwärts gewendeten Propheten des russischen Zarismus heute. Aber in der erdrückenden Ueberzahl der Fälle waren die namhaften politischen Emigranten, wie das Buch der Geschichte auf mancher schönen und erhabenden Seite zu erzählen weiß, Wegbereiter des Neuen, vom Hauch des Werdens umwitterte Einsame, deren Geist von der Zukunft ihres Volkes auch der Menschheit trächtig war. Auf die Gefahr hin, die folgende Beweiskette in den Augen Jedes guten Nazi unrettbar zu diskreditieren, muß sie(schon aus chronologischen Gründen) mit den großen Propheten Ezechiel und Esra beginnen, die fem an den Wassern Babels die Wesensart der jüdischen Nation formten und für Immer bestimmten. Denn erst diese beiden schufen in genialer Konzeption des»auserwählten Gotteovolkee« und des Priesteretaates jenes wohldurchdachte Flechtwerk von geschichtlichen Legenden, Gesetzen, Verboten und Bräuchen, durch das sich die Juden von allen übrigen Völkern absondern und mit ausschließlicher Leidenschaft um den Tempel Jahwes in Jerusalem als Zentralheiligtum sammeln sollten. Und nach der Rückkehr aus dem Exil zerriß Esra, der wahre Erfinder des polltischen Rassismus und so der Ahnherr Hitlers, mit blutiger Härte Mischehen und festgefügte Fa- mllienbande und verjagte alle»Premdstäm- migen« aus Juda, nur um die Herrschaft der Leviten über die Jahwegläubigen unerschütterlich zu machen. Hat je ein nationaler Heros die Geschichte seines Volkes entscheidender beeinflußt als dieser Emigrant? Für die Bedeutung, welche die Emigration innerhalb der griechisch-römischen Kulturwclt hatte, zeugen die symbolstarken Sagen, daß der Gesetzgeber der Athener, Solon, und der Befreier der Römer von Königstyrannei, der ältere Brutus, •ich wahnsinnig stellen mußten, um ihre rettenden Taten leisten zu können. Nur so, als Sendboten der Götter aus einer andern Welt mit andern Gesetzen, vermochten sie ihre Völker zum Unerhörten mit fortzureißen, und im übrigen ist es sehr wohl möglich, daß auch die zahlreichen Reisen, die Solon vor »inH nach seinem Gesetzgeberwerk unternommen bähen soll, die freiwillige Flucht aus einem Staate bedeuteten, der seinem Ideal zunächst gar nicht und später nur unvollkommen entsprach. Auch sein großer Nachfolger Peisistratos, der»autoritäre Demokrat«, dessen Regierungsjahre im Gedächtnis der Athener als gesegnetes Zeitalter des Handels, der Künste und der Wissenschaften fortlebten, mußte zweimal die Vaterstadt verlassen, und bald nach seinem Tode brachten seine Landsleute die Emigration durch die Einrichtung des Ostrakismos, des »Scherbengerichtes«, sozusagen in gesetzliche Form: wer mit mindestens 6000 Stimm täf eichen dazu verurteilt wurde, mußte auf zehn Jahre In die Verbannung gehen, und es versteht sich von selbst, daß gerade diejenigen, die etwas Großes und Neues planten oder deren Fähigkeiten, die der Mitbürger gewaltig überstiegen, dem Mißtrauen der Masse zum Opfer fielen. Themistokles, Aristl- dee, Kimon und Alkibiades, Männer, an deren Namen sich die glänziencisten Taten Athens knüpften, gehörten zu Ihnen, und noch größer war die Zahl jener, die, wie der epochale Begründer der kritischen Geschichtsschreibung Thukydldes, freiwillig ins Exil gingen. Im Exil sammelte Thrasy- b u loa die notwendigen Streitkräfte, um die dreißig Tyrannen aus Athen zu vertreiben und dort die Demokratie wieder herzustellen, vom Exil aus befreite Pelopidas sein geliebtes Theben von der spartanischen Will- kürherschaft und erhob die Vaterstadt, so lange er lebte, zur unbestrittenen Vormacht Griechenlands. Reihen wir hier noch H a m 1 1- kar Barkas, den Vater Hannibals, an, der nach dem Mißerfolg des Ersten Punlschen Krieges nach Spanien zog, um hier die finanzielle und militärische Grundlage für die Erneuerung des Krieges mit den Römern zu legen, so können wir die Bedeutung der Emigration für das Altertum richtig ermessen: sie war das Asyl derer, die ihrer Zeit vorausgeeilt waren oder der Vulgärmeinung entgegen bandelten, und ließ in fruchtbarer Abgeschiedenheit Taten reifen, die in der Luft und Gewohnheit des Alltags kaum je gesetzt worden wären. Der große Flüchtling der frühmittelalterlichen Sage, Dietrich von Bern, gehört ähnlich wie Solon und Brutus wieder nur als bezeichnende Symbolgestalt hierher, weil der historische Theodorich nie landesverwiesen war, sondern als erobernder Usurpator Italien in seine Gewalt brachte; das spätere, christliche Mittelalter aber verlegte die Emigration zumeist aus dem Staatlich- Politischen ins Geistig-Religiöse. Es stieß, soll diese Feststellung besagen, den Mißliebigen aus dem Verband, der dem mittelalterlichen Menschen aller Zungen die eigentliche Heimat war: aus der Kirchengemeinschaft, und machte ihn so schutzlos auf Erden und im Himmel. Und merkwürdig, wieder sind es unter den geschlchtabekannten Persönlichkeiten die eigenartigsten, am entschiedensten in die Zukunft welsenden, die von dieser Form der Verbannung betroffen wurden, um nur einige au nennen: der hochbegabte Kaiser Heinrieh IV., der dem Widerstand der Herzöge und Bischöfe zutrotz die Einheit des deutschen Volkes herstellen und die kleinen Leute, Bürger und Bauern, fördern wollte; der sagenumwobene, im Kyffhäuser seines Triumph tages harrende Friedrich II. von Hohenstaufen, der erste moderne Fürst auf einem europäischen Thron; die große Reihe der Reformatoren von W i c 1 e f über Hus zu Luther. Calvin und ZwingH; der geniale Mystiker Meister Eckhart, an den sich Alfred Rosenberg mit imposanter Verdrehungskunst so gern anbiedern möchte, die Forscher und Denker Wilhelm von Occam, Glordano Bruno, Galilei und Campanella— fürwahr, wer dem Morgen diente und da« erstarrte, entseelte Heute bekämpfte, sollte im Reich der Kirche heimatlos werden. Die Sprengung dieses Reiches durch die Kirchenspaltung und die Kombdnierung der weltlichen mit der geistlichen Macht brachten in der Folgezeit eine wahrhaft erschütternde Flut der Einzel- und der Massenemlgration. Wie sturmgepeitschte Wellen folgten sie auf einander, geladen mit blindem Haß, blutiger Grausamkeit und lebenzeugender Befruchtungskraft: die Vertreibung der Juden aus Spanien, die Hugenottenverfolgungen In Frankreich, die deutsche Gegenreformation, die Puritanerbedrückung in England. Wohl brachten sie vielen der Betroffenen Jammer, Not und Tod: aber keines der Mutterländer, am wenigsten Spanien, wurde der Austreibung seiner Kinder in fremde Welten froh, und was uns hier noch weit mehr angeht, ist, daß die Verjagten ihren Gastländern durchwegs zur Zierde und zum Gewinn gereichten. Neben Spinoza, den Stolz der Niederlande, und neben die späte Verklärung der Salzburg er protestantischen Emigranten in»Hermann und Dorothea« treten da die Juden und hugenottischen Refugiös, die Holland zum mächtigsten Handelsstaat des 17. Jahrhunderts erheben halfen, treten die gewerbefleißigen französischen Einwanderer In Preußen und am sinnfälligsten die 102 puritanischen»Pilgerväter«, deren strengkirchliche Geisteshaltung den Nationalcharakter der Vereinigten Staaten im Guten und Bösen bis heute entschel- dend mltgeprägt hat. In solchen schöpferischen Leistungen bestätigt und bewährt sich die geistig-seelische Vorbedingung aller politischen Emigration: Lebenswille, Spannkraft und die feste Entschlossenheit, sich und die eigene Ueberzeu- gung in die Zukunft hinüber zu retten, der Schwache und Hoffnungslose unterwirft sich. Weil die besten, die geschlchtsträchtigen Emigranten ams solchem Holz geschnitzt sind, war für den Feuergeist Rousseau, als er die furchtbaren Brandpfeile gegen den umsburz- relfen französischen Staat vorbereitete, in der Heimat kein Raum; mußten der Freiherr vom Stein und sein treuer Gehilfe Arndt ( aus Preußen fliehen, um die rechten materiellen und geistigen Waffen gegen Napoleon zu schmieden: hätten Marx und Engels ihre umwälzenden Ideen zur Brneuerupg 6er Gesellschaft kaum je au Ende gedacht, wenn sie am heimlachen Herd verblieben wären; trieb«He Zomliebe zu Deutschland Nietzsche aus dem Biamarckschen Reich und ließ ihn sein Idealbild eines hohen freien und großen Menschen in der selbstgosuchten Verbannung finden; bereitete Lenin die Neugeburt Rußlands aus dem Geiste des Sozialismus als ruhelos umhergetriebener Flüchtling vor, unternahm Masaryk als einsamer, ganz auf sich selbst gestellter Exulant da« ungeheuere Wagnis, der eigenen Nation zuHebe das morsche Ha.baburgerrelch zu zerstören. Man versteht«He Wut der von ihm gefährdeten schwarzgelben Exzellenzen, begreift, daß Napoleon den Freiherrn vom Stein ächtete, daß die Beauftragten des Kapitals unzählbare Kübel der Verleumdung über Marx und Engels ausschütteten und daß Hitler zusamt seiner inner- und auslandsdeutschen Nazipresse kein ärgeres Schimpfwort kennt als -■Emigrant«. Aber dämm steckt in der Geschichte der poUtischen Bmigration doch ein konzentriertes Stück bester Weltgeschichte, leuchtet aus ihr die Erkenntnis hervor, daß zum Schluß, trotz aller Gewalt und allen Gezeters, nicht die Austreibenden, sondern«He Vertriebenen Recht behalten. Auch Hitler wird es erfahren. Alfred Kleinberg. Ean deutsdies Kämpf erleben Aus dem Nachlaß de« leibhaftigen Vorläufers Hitler«. Der kürzlich verstorbene Münchener Verleger J. F. L e h m a n n— der Dolchstoß-Lehmann, über dessen kongeniale VorläuferroUe im HinbUck auf Adolf Hitler gar kein Zweifel bestehen kann— hat eine Art literariechen Nachlaß dem deuteöhen Buchmarkt jetzt vermacht, eine Manuskript- und Briefsammlung, die seine Tochter Melanie Lehmann im»Börsenblatt für den deutschen Buchhandel« unter dem Titel ankündigen läßt:»Bin Leben im Kampf für Deutschland«. Das Buch er- stbelnt in Lehmanne Hausverlag. Im Werbeinserat werden eine Reihe Kapi- tel Überschriften dieses modernen»momnmen- tum Genmaniae« verheißungsvoll angeführt. Danach steht»Ein Leben im Kampf für Deutschland« folgendermaßen— wie man es sich allerdings auch vorgesteUt hat— au«: »Deutsche und Tschechen« »Bei Ohm Krüger« »Reine« Herz und Gottvertrauen« »Im Kampf um das Ohr des Kaisens« »Was von der Frankfurter Zeitung zu haiist« »Mein Anteil an Bethmannu Sturz« »Schütze Lehmann bei der Eroberung Münchens« »Der Jude und die Raasenhygiene« »Vom Recht der deutschen Ortsnamen« »An Hlndenburg über Gerechtigkeit« »An Brüning über Zinswucher« »Bekenntnis zu Hitler« »Gegen tacheohlsche Schuhe« »Ich dien', bis mir die Feder aus der Hand fällt.« Da kann man wirklich nur mit dem Dichter ausrufen: Welch ein Glück für die Feder! F. E. Roth. Sdlzdbens Ende Nun gebt auch er dahin, er, der die Tradition de« seligen Reichslügenverbandes so neckisch fortsetzte. Wenn später einmal die Schuldigen im Geiste aufgezählt werden, die Wegbereiter der braunen Schwammflut, die Streiter wider Freiheit und Gewissen, dann wiM sein Name auf der Liste einen Stern haben. In den Plaudereien seiner Korrespondenz war alles, was die Nazis später nur aufzunehmen brauchten: die Klubsessel der roten Bonzen, die korrupte Demokratie, die Juden- fresBered. Rumpelstilzchen unterzeichnete er. Vielleicht schämte sich der Major a. D., seinen Familiennamen Stein unter die Verleumdungen zu setzen. Die Nazipresse setzte seinen Schwindel nur fort und überrumpel- sülzte ihn um einiges,«odaß er schon unzeitgemäß geworden, als das Dritte Reich ausbrach. Außerdem konnte er einige alte Gewohnheiten nicht lassen: das Heraufbeschwören wilhelminischer Herrlichkeit, den Lobge- aang auf gute alte Zelten. Das konnte nicht gut gehen, denn Gangeterien schneidet bei jedem Vergleich schlecht ab. Die Nazipresse griff seine gesammelten Werke an. Nun bringt er seinen letzten Band. Der heißt. »Nee, aber sowas!«. Darin erklärte er, daß er die Feder niederlegen will. Die Zeiten seien so anders geworden; er verstehe sie nicht mehr ganz; sie vertrügen eine satirische Behandlung nicht mehr. Er weiß, daß auf jeden mißverstandenen Spaß mindesten« KZ stehen kann. Sofern Mut dazu gehört, macht diesen schreibenden Hajoren die ganze Erneuerung keinen Spaß mehr. Wenn aber Rumpelstilzchen die Zeit nicht mehr versteht, wer dann Uberhaupt? Er und seinesgleichen hatten sich die Auferstehung wohl anders gedacht: nicht ohne Hugenberg, nicht ohne Stahlhelm, nicht mit soviel Beschimpfung der Alten und wohl auch nicht mit soviel Maulkorb. Die Nazipresse benützt die Gelegenheit, um ihrem einstigen Vorkämpfer etliche Dreckbatzen nachzuschmeißen. Weg mit den alten Kämpfern! Futterkrippe frei! Jeder von den Lumpenhunden-wird vom andern abgetan. Sie überschreiben ihren Nachruf;»Ein Abschied ohne Tränen«. Einen großen Augenblick hat Scherls Major gehabt, als er sich den Kriegsnamen Rumpelstilzchen beilegte. Damals ahnte er wohl bereit«, daß er sich wie jene« ergrimmte Männchen im Märchen eines Tages mit einem Bein selbst in die Erde stampfen würde. Sieben Meter fünfzig Ein Königaberger Maler hat den Auftrag erhalten, eine Wand de« Unterofflzierakasino der Kraftfahrkaserne in Rotbenstein mit Malerei zu versehen. Das Königsberger Naziorgan gerät darob vor Entzücken aus dem Häuschen, denn auf dem Kolossalgemälde soll ao ziemlich alles sein, was das»Bekenntnis zum neuen Staat« auamacht. Und was ist das? Größe: 2.30 mal 7.50 Meter. Darauf ein kraftstrotzendes Siedlerehepaar komplett, nämlich mit Kindern; ein Pferd; ein Greis; ein feldgrauer Reiter mit Pferd und fahnenschwenkende Turnerinnen: »Bewußt hat hier der Künstler die vorwärtsstrebende Jugend durch Mädel symbolisiert, da der Gedanke, daß die Mädchen, die Mütter von morgen, dem Volke gegenüber große Verpflichtungen haben, nationalsozialistisch ist.« Ist er auch, denn vor Hitler hat noch niemand gewußt, daß Mädchen früher oder später Kinder zu kriegen pflegen. »Lengrüaser bat hier sehr modern und wirklichkeitsgetreu gemalt, der Reiter z. B. trägt die Uniform, wie es die Bekleidungsvorschrift heute erfordert.« Und jeder Muschkote kann daran ersehen, wie da« Koppel zu sitzen hat... Mit solch handfesten Maßstäben geht die Nazipresse an die»nationalsozialistische Kunst« heran! Einen Schönheitsfehler jedoch hat das Monumentalgemälde, die»Preußische Zeitung« sprich ts offen aus: Warum hat der Künstler, »da das Bild doch für ein motorisierte Truppe bestimmt ist, dies nicht angedeutet, sondern zweimal ein Pferd dargestellt?« Aber der Künstler bedeutete dem Interviewer, das Pferd sei zeltlos, dagegen»ein Wagentyp ändert sich jährlich...< Das will uns nicht elnleuohten. Den Wagentyp kann man jedes Jahr überstreichen und den jeweils neuen militärisch korrekt dafür rein pinseln. Wenn schon sieben Meter fünfzig, dann»wirklichkeitsgetreu«, wie es die Nazipresse versteht und an dem vorschriftsmäßig bekleidetem Reiter lobt. Diese meterlange Kasino-Banalität ist für das Naziblatt »Kunst de« neuen Deutschland«...« Tenop-Erso�: Ob ao ein Backfischchen für einen Leutnant schwärmt, für einen Tenor oder für einen Heldendarsteller etwa des Namens Adolf Hitler ist gänzlich einerlei. So oder so finden die unklaren und verworrenen Sehnsüchte des Entwicklungsalters ein Ventil, und wenn die Kinderkrankheit überwunden ist, stürzt das Idol gewöhnüch mit lautem Krach vom Sok- kel. Daß Tageszeitungen, die von Erwachsenen gelesen werden, schwärmerische Aufzeichnungen überschnappter Gören ernet nehmen, ist immerhin neu. Wir werden ein— selbstverständlich stank gekürzte«— Kabinettsstückchen solcher Art zitieren. Im»Westen«, Berlin, erzählt die Schülerin ürsala Bartsch aus Wilmersdorf den aufhorchenden Lesern, wie sie am 30. Januar mit einigen Freundinnen von früh%7 bia nachmittags Vr* Uhr vor der Reichskanzlei gestanden hat, um ihn, den Herrlichsten von allen, zu erwarten.»Mein schönstes Erlebnis«, so heißt die nicht mehr ganz neue, aber aicher ewig Junge Ueberschrlft. Nach 8% Standen und nach einigen Unannehmlichkeiten mit der SA und mit den Pförtnern gelingt der Durchbruch: »In zwei Gliedern angetreten!« hieß es. Und wer, denkt ihr. wer den Befehl gegeben hatte? Niemand Geringeres als der Führer selbst. Wie strahlten seine Augen, als er durch unsere Reihen ging und jede der einzelnen die Hand drückte!—»Heil, mein Führer!« brachte unsere Führerin noch eben heraus.»Heil, meine Mädel!«, lächelte er. Aber ich! Keinen Ton gab meine Stimme her. Und so ging es den meisten. Das Herz schlug uns bis zum Halse herauf! Und gar erst dann, als unser heißester Wunsch in Erfüllung ging. Denkt euch! Sein Bild mit seiner eigenhändigen Unterschrift, in unserer Gegenwart vollzogen, überreichte er uns. Daß ich das erleben durfte! Wie betäubt stand ich da. Erst als ich merkte, daß die andern sich in Bewegung setzten, kam ich zu mir.— Der Führer war gegangen. Wie wir aus der Reichskanzlei herausgekommen sind, weiß ich nicht. Aber da« weiß ich: Und wenn ich hundert Jahre alt würde, den Tag vergesse ich nie!« Pubertätsgefühle als staateerha'tende Kraft— ob solche Säulen sehr stabil sind? Zu Tiel bewiesen! Um die nationalsozialistische Behauptung von der fortschreitenden Verbesserung der Lebenshaltung des Volkes glaubhaft zu machen, hat die Forschungsstelle des Einzelhandels ein anhaltendes Steigen der Umsätze im Einzelhandel errechnet. Diese Umsätze sollen dem Werte nach betragen haben: 3. Vierteljahr 1935 Oktober 1935 vom 3.„ 1934 vom„ 1933 Lebensmittel- in% in% fachgeachäfte 107.0 121.4 Textilwarenfachgeschäfte. 103.0 127.4 Schuhwaren- fachgeschäfte. 98.0 118.0 Möbelfachgeschäfte 98.7— Haus- und Küchengeräte... 107.0 120.0 Drogerien... 106.0 116.0 Warenhäuser.. 94.0— Für die Schuhwaren- und die Möbelbranche und für die Warenhäuser läßt sich der Rück-■ gang des Umsatzes nicht leugnen. Dafür hat die Forschungsstelle die Lebensmittelumsätze im Oktober 1985 um 11 Prozent gegenüber dem Vorjahrsmonat und um 31.4 Prozent| gegenüber dem Oktober 1933 steigen lassen. Würde diese auffällige Sonderbewegung für die Lebensmittel nicht ausgewiesen, so 1 würden die Einzelhandelsumsätze im Oktober 1934 Insgesamt erheblich tiefer liegen als im Jahre vorher. Sind doch die Umsätze In Wirk- und Strickwaren um 11.5 Prozent, in Wäsche um 27 Prozent und in Kleiderstoffen gar um 30 Prozent gestiegen. Offenbar um den ungünstigen Eindruck dieser Entwicklung zu tarnen, hat sich die Forschungsstelle bei der Berechnung Ihres Indexes besonderer Methoden bedient, um auf jeden Fall ein Ansteigen der Lebensmittelumsätze ausweisen zu können. Zwar weiß man, daß die Lebensmittelpreise im Oktober 1935 höher lagen als im Oktober 1933, daß also die mengenmäßige Zunahme viel geringer ist. Da aber nach der Reichs- xnd ex Ziffer die Ernährungskosten sich im Vergleich zum Oktober 1933 nur um 3 bis 4 Prozent erhöht haben sollen, so müßte eine mengenmäßige Zunahme um 17 bis 18 Prozent erfolgt sein. Damit hat aber die Forschungsstelle zu viel bewiesen. Die»Frankfurter Zeltung« bringt ihr Erstaunen und ihre Zweifel wie folgt zum Ausdruck: •»Diese Ziffer muß in der Tat über- raschen. Nach den Berechnungen des Instituts für Konjunkturforschung über die Entwicklung der Lohnsummen und der Kaufkraft wäre eine solche Zunahme gegenüber dem Vorjahr nicht zu erwarten gewesen. Eis wäre von Interesse, einmal nachzuprüfen, ob die Menge der zur Verfügimg stehenden Lebensmittel gegenüber 1933 in der Tat um 17 bis 18 Prozent zugenommen haben kann. Die deutsche Agrarproduktion hat sich in den beiden letzten Jahren unter der Auswirkung der ungünstigen Witterung sicher nicht so stark erhöht(in den Oktober fällt auch bereits das Auftreten der stellenwelsen Versorgungsschwierigkeiten mit Butter und Schmalz). Die Zunahme des Zuckerumsatzes hält sich in den Grenzen von 5 bis 6 Prozent. Auch die Einfuhr an Nahrungs- und Genußmitteln kann gegenüber 1933nichtbe- deutend gestiegen sein. Ete wäre also zu prüfen, ob der den Erhebungen der Forschungsstelle zugrunde liegende Ausschnitt des Lebensmittelhandels tatsächlich repräsentativ ist, oder ob für die Umrechnung der Wert- auf Mengenumsätze nicht eine andere Indexberechnung zugrunde zu legen Ist.« Diese Prüfung Ist überflüssig. Da die Statistik Im Dritten Reich nur dem Zweck dient, das Regime und seine Politik zu glorifizieren, muß sie eben mehr beweisen als eine einwandfreie wissenschaftliche Statistik. So hat das deutsche Volk wenigstens nach der Statistik mehr verbraucht, als nach den Produktionsergebnissen, der Einfuhr und den Vorratsbeständen möglich Ist! dungsklage und nannte als Grund der Ehezerrüttung— die kommunistische Gesinnung seiner Frau, die er jahrelang seihst geteilt hatte. Der ISdeling wußte; auf diese Weise kann ich meine Gefährtin ins Konzentrationslager bringen, der Edeling wußte; mit der Frau gefährde ich ihre Freun- : de, die einst auch die meinen waren— aber was verschlugs, er wollte endlich als echter Nationalsozialist anerkannt werden, und je- , der Weg zum edlen Ziele war ihm recht. Das Oberiandesgericht in Königsberg hat gesprochen. Wie es von nationalsozialistischen Richtern nicht anders zu erwarten war, wur- 1 de die Frau für allein schuldig erklärt. Schwere Elheverfehlung: kommunistische Betätigung. In der Urteilsbegründung— wir zitieren nach der»Königsberger Allgemeinen Zeitimg«— heißt es: »SoziaEismiasc« als Reklame Nach dem Ausbruch des Dritten Reiches wurde in den Organen der Deutschen Arbedta- front und In der sonstigen nationalsozialistischen Presse die Schlagzeile eine tägliche Erscheinung; Sozialismus der Tat. Was unter diesem Rubrum berichtet wurde, das sollte sozusagen der Ausweis für den praktischen Sozialismus sein, dessen Verwirklichung sofort nach ihrer Machtergreifung die Nationalsozialisten vorher prahlerisch angekündigt hatten. Und was wurde da alles als»Sozialismus der Tat« präsentiert. Die Gewährung von einem oder einigen Tagen Urlaub, den die freien Gewerkschaften in zahlreichen Betrieben viele Jahre früher durchgesetzt hatten, war noch das wertvollste an diesem»Soziallsmus«. Aber Sozialismus war es auch, wenn ein Unternehmer NoueinsteUungen von Arbeitern bei Kürzung der Arbeitszeit und der Löhne für die ganze Belegschaft vornahm. Soziallsmus war es, wenn ein anderer einige Hunderter oder Tausender für irgendwelche Zwecke zur Verfügung stellte. Sozialismus war es, wenn ein Betrieb gemeinsame Ausflüge oder Bier- und Kegelabende veranstaltete und der»Herr Chef« dabei einige Bior- marken verteilte. Alles registrierte die Nazipresse getreulich und sie vergaß nie, das Unternehmen unter seiner ganzen Firma und seinen Sitz anzuführen und mitzuteilen. In welchem Geschäftszweig es sich betätigt. Es fehlte auch nie das obligate Lob des Unternehmers wegen der richtig erkannten Volksgemeinschaft und der echten nationalsozialistischen Gesinnung, die in solch edlem Tun lebendig sei. Wie wenig es sich aber darum, sondern um einen im Dritten Reich beliebten Reklame- triok handelt, das wird jetzt in der»Frankfurter Zeitung« bestätigt. In einem Artikel unter dem Titel»Gemeinschaft— keine Reklame« heißt es: »In dem Maße aber, wie die Beteiligung an so lobenswerten Tun sich auabreitet, in dem Maße auch, wie die Fähigkeit wächst, neue Wege zu einer Art»Betriebskultur« aufzuspüren, wird es deutlicher, daß es einige Unternehmungen gibt, die nebenher (manchmal entsteht der Eindruck, als handele es sich nicht einmal nur um ein»Nebenher«) noch andere Absichten verfolgen. Die Freude der Eetriebsgefolgsohaft sche'nt nämlich hie und da als Vorsnann benützt zu werden, um In der Oeffentlich- keit. das heißt vor allem in der Zeitung. möglichst häufig und in möglichst großer Aufmachung mit Firma(und so zugleich mit der Markenbeze'chnung ttmer Produkte) genannt zu werden. Ein Unternehmen, das mit derartigen Neibengedanken seiner Gefolo-onha.ft etwas Wetet. setzt seine soziale Gesinnung schließlich berechtigtem Zweifel aus. Und auf die Dauer kann das aufm e-ir"amen Beobachtern nicht verborgen bleiben...« Das Blatt entschließt sich darum zu folgendem Vorschlag: »Bei derartigen Anlässen sollte sich Jeder Betrieb, gleichgültig ob er zehn oder ob er tausend Mann beschäftigt so verhalten. als ob die Gefolgschaft ganz unter sich wäre. Oder, wenn Publizität aus staatspolitischen Gründern erwünscht ist. sollte das Ergebnis geschildert werden, ohne den Namen der Firma zu nennen.« Der Vorschlag wird kaum angenommen werden. Er sprechen»staatsfeindliche« Gründe dagegen. Denn nicht nur der kar>itali0tiache Unternehmer braucht diese Reklame, sondern das braune Regime auch! Schließlich ist doch der Bier- und Kegelabend-Sozialismus der einzige»SoziaUamus«, den es bisher verwirklicht hat. Das Paradies der Ausbeuter Der Unternehmer Herr im Hause— sagt das Belchsarbeitsgericht. In einem Klageverfahren vor dem Reichsarbeitsgericht suchte ein Arbeiter Recht. Er war länger als ein Jahrzehnt in einem Betrieb beschäftigt gewesen, bis er 1934 wegen Arbeitsmangel die Arbeit sechs Monate unterbrechen mußte. Nach der Wiederaufnahme wurde er den neueingestellten Arbeitskräften gleichgestellt, das heißt, es wurden ihm alle VergUnsttgtangen entzogen, die die länger Beschäftigten erhalten, wie Urlaub, höhere Entlohnung und anderes. Er klagte, weil er nicht glauben wollte, daß im Dritten Reich der Volksgemeinschaft dem Unternehmer so etwas gestattet sei. Er ging bis zum Reichsarbeitsgericht— und verlor seine Klage. Die Betriebsordnung besagt, daß die Vergünstigungen nur denen zustehen, die ohne Unterbrechung länger als zwei Jahre im Betrieb tätig sind. Der klagende Arbeiter schüttelt den Kopf: so kann es doch der Volksgenosse Unternehmer bei dem Erlaß der Betriebsordnung nicht gemeint haben. Aber darauf kommt es nicht an, sagt ihm das Arbeitsgericht, sondern nur darauf, was in der Betriebsordnung und In dem Gesetz steht. In der Begründung des Reichsarbeitsgerichts zu seinem ablehnenden Urteil wird mit der letzten Brutalität der Zustand der völligen Rechtslosigkelt der Arbeiterschaft in den Betrieben enthüllt. Es heißt da: »Wenn das Gesetz den Erlaß der Betriebsordnung grundsätzlich dem Betriebsführer zur Aufgabe macht, so läßt sich schon daraus erkennen, daß das Gesetz dem Betriebsführer als den für alle betrieblichen Angelegenheiten allein Verantwortlichen grundsätzlich die Macht zur Schaffung der Normen einräumt, nach denen sich für seinen Betrieb die Arbeltsbedingungen regeln sollen. Die vom Betriebsführer erlassene Betriebsordnung Ist die für den Betriebsangehörigen rechtsverbindliche Satzung, nach deren Vorschriften sich die Arbeitsbedingungen gestalten.« Der Herr-im-Häuse-Standpuhkt. den die Scharfmacher schon im wilhelminischen Deutschland mit aller Macht herbeigesehnt haben, hat sich demnach im Dritten Reich in vollem Umfang durchgesetzt, UfanjrelhaTles Erberinnern Weh dir, daß du ein Enkel bist! Unter der Ueberschrift»Die Ahnenforscher auf dem Zehlendorfer KUsterarat« veröffentlicht die»Deutsche Allgemeine Zeitung« folgende»Blutenlese aus Anfragen an das KUsteramt Berlin-Zehlendorf«: 1. Zwecks allgemeiner Umwälzung brauche ich den amtlichen Nachweis meiner Geburt. 2. Wegen Instandsetzung des Beamtengesetzes brauche ich raeine Urgroßmutter. 3. Da ich in Hannover keine Kermtnlaae besitze, komme ich mit meiner Geburt zu Ihnen. 4. Bitte senden Sie mir meine Arabische Großmutter mit Geburt und Tod. 5. Senden Sie mir bitte meine Geburt, Zweck ist die Eh esdh ließung. 6. Heute komme ich mit einer Angelegenheit zu Ihnen, die Sie aber gar nichts angeht. Ich brauche nämlich meine Großmutter, aber amtlich ist es noch nicht gefordert, 7. Ich bin Hoohzeltskind. Am Tage der Hochzeit meiner Hütern wurde ich geboren, meine E3tem getraut und ich getauft. 8. Meine Großmutter ist auch schon in der alten Gartonkirche geboren gewesen. Weil sie aber nicht mehr existieren soll, frage ich Sie nach der Zuständigkeit. 9. Ich bin agrarischer Herkunft, was ich zu bescheinigen bitte. 10. Mein Schwiegervater gibt an, arisch zu sein. Mündlich will man das nicht gelten lasseh, aber schwarz auf weiß kann man daran nicht zweifeln. 11.»Gott sei dank, daß die Großmutter unehelich ist, da brauche ich doch die Trauung nicht noch zu suchen.« 12. Sodann bitte ich um gefällige Auskunft, ob in den dortigen Sterberegistem mein toter Großvater erscheint. Er starb 1821 bis 1850. 13. Helfen Sie mir bitte zu meiner ansehen Großmutter, sie muß sich dort im Kirchenbuch befinden. 14. Ich quäle mich nun schon seit Jahren mit der Geburt meines Großvaters. Wollen Sie mich bitte dabei unterstützen. 15.»Ich will hier meine Großeltern feststellen.«— Frage;»Wie heißt die Familie?«_ Antwort:»Weeß ick doch nlch, soll'n Sie doch suchen.« 16. Das einzige, was ich von meinen Großeltern weiß, ist, daß sie in den Fünfziger Jahren an der Cholera gestorben sind. (Sie waren aber in den Siebziger Jahren an den Pocken gestorben.) 17. Ich habe die Arier im Konversationslexikon gesucht. Die wohnen in Asien. Da haben wir keine Verwandtschaft, wir stammen aus Prenzlau. Man sieht: manchen kommt die ganze Sache arabisch, anderen kommt sie agrarisch vor. Ahnenstolz und Rassebewußtsein greifen In rasendem Tempo um sich. Daß die Beklagte auch nach der Machtübernahme ihrer Anschauung treu geblieben und nicht mit dem Kläger zur NSDAP übergegangen sei, könne von dem Kläger nicht als ehewidrig empfunden werden. Er habe aber von ihr verlangen dürfen, daß sie nach der Machtübernahme Ihre politische Gesinnung als Kommunistin In der Oeffentlichkeit nicht in einer Welse zeige, die ihm in seiner Dienststellung zum Schaden gereichen müsse. Erwiesenermaßen habe sie jedoch noch im Sommer 1933 mit Kommunisten Beziehungen unterhalten, was dann auch zu einer Haussuchung bei ihr geführt habe. Zu dieser Zeit habe sich die Beklagte darüber klar sein müssen, daß sie durch Beziehungen zu kommunistischen Funktionären auch ihren Mann In Schwierigkelten bringen müsse.... Der Kläger habe sich, wie die Beweisaufnahme ergeben habe, als national und sozial denkender Mensch erwiesen. Jetzt hat ers geschafft, der Kläger. Jetzt ist er reif für eine Beförderung, der Edeling. Jetzt hat er endlich die braunen Weihen empfangen, der Tapfere, denn Männer solcher Art kann das Dritte Reich gebraucher »Die Treue Ist das Mark der Ehre« In Königsberg lebt ein neudeutscher Edeling besonderer Art. Sein Name ist uns leider nicht bekannt, aber seine Eheakten beim Oberlandesgericht Königsberg tragen das Zeichen 4 U 1 7 9/4. Bis zum Ausbruch des Dritten Reiches war er zwar nicht gerade organisierter KPD-Mann, jedoch sozusagen kommunistisch verseucht. Mit seiner Frau gemeinsam warb er jahrelang für die äußerste Linke, mit seiner Frau gemeinsam bekämpfte er die braune Gefahr, mit seiner Frau gemeinsam begeisterte er sich für die sozialistische Idee. Dann kam der März 1933. Da schaltete er sich gleich. Der Edeling war nämlich leitender Beamter einer Anstalt, und da kann man doch nicht— Sie verstehen! Eines Tages trat er ohne viel Federlesens der Hitlerpartei bei, die er ehedem gehaßt hatte wie die Sünde. Aber es gab eine Schwierigkeit: seine Frau blieb ihrer alten Ueberzeugung treu, seine FTau machte nicht mit, seine Frau saß ihm ständig wie eine lebendige Anklage vor der Nase, Als der Edeling vor einiger Zeit doch noch vom Pöstchen gewippt wurde, gab er seinem widerspenstigen Weibe die Schuld und wurde bösartig. Er verließ sie nicht einfach, er ging nicht still davon, er packte vielmehr die Gelegenheit beim Schöpfe, In aller OeffentPcbkeit seine s+ietsfreue Gerinnung zu dokumentieren. Eh erhob Schel- Herrenmensdien Die neue Ausgabe der»Deutschen Volkswirtschaft« befaßt sich mit einem wissenschaftlichen Aufsatz, der das kommende Gesetz über das Arbeltsverhältnis behandelt und die Bezeichnungen»Arbeitsherr« und»Arbeltsgehilfe« für den allgemeinen Sprachgebrauch empfiehlt. Die»Deutsche Volkswirtschaft« hält beide Ausdrücke nicht für glücklich und tadelt: »Besonders haben wir gegen die Neubildung»Arbeitsherr« Bedenken. Man»oufe» nicht übersehen, daß die Bezeichnung »Herr«, wo sie sich auf den Unternehmer beschränkt, sozialgeschichtlich vortislastet ist. Die Haltung jener Unternehmer, die sich allem Freiheitsstreben der Arbeiter widersetzten, wurde einst als»Herr-lra- Hause- Standpunkt« bezeichnet. Darin lag viel Bitterkeit, und das sollte hinreichender Anlaß sein, um bei sprachlichen Neuformungen auch den leisesten Anklang daran zu vermeiden.« Die tatsächlich unumschränkt herrschenden Herrenmenschen wagen nicht, sich Herr zu nennen— solche Herrenmenschen and das. ItepUoraife (5o}lal4emofraHfci)C0 UJocbmbteH Herausgeber; Ernst Sattler; verantwortlicher Redakteur: Wenzel Horn; Druck:»G r a p h i a«; alle in Karlsbad. Zeitungstarif bew. m. P. D. ZI. 159.334/VII-1933. Printed in Czechoslovakia. Der»Neue Vorwärts« kostet Im Einzelverkauf innerhalb der CSR Kö 1.40(für ein Quartal bei freier Zustellung K6 18.—). 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