\p. 142 SOiVTVTAG, 1. März 1936 Aus dem Inhalt: Zick-Zack-Kurs Deutsch- französische Jugend Die Internationale der Mörder Was sie unter Wahl verstehen Verlag; Karlsbad, Haus„Graphia*— Preise und Bezugsbedingungen siehe Beiblatt letzte Seite Heue BlutsM des Systems Die Verbrechen der sächsischen Gestapo Arthur Sdillle ermordet Ein Opfer der Dresdner Gestapo- Banditen. Mitte Januar wurde der frühere Bezirkssekretär des Deutschen Metallarbeiterverbandes für Sachsen, Arthur S c h i 1 1 e, in Dresden verhaftet. Zwei Tage danach wurde seiner Frau mitgeteilt, ihr Mann habe sich im Gefängnis erhängt. Aber jeder, der Arthur Schill e kannte, weiß, daß die Gestapo lügt, daß Schille in entsetzlicher Weise ermordet wurde. Mit seiner Verhaftung rechnete er schon seit langer Zeit, denn wiederholt war er von der Gestapo verhört, seine Wohnung durchsucht worden, aber ohne Erfolg. An alle Möglichkeiten dachte Schille, aber niemals an Selbstmord, den Gefallen tat er seinen Gegnern nicht. Wessen wurde er beschuldigt! Er soll eine befreundete Familie, deren Ernährer seit zwei Jahren von den Hitlerschergen festgehalten wird, unterstützt haben.,. Schille war selbst seit 1933 arbeitlos und lebte in kümmerlichen Verhältnissen. Aber diesem ruhigen, bescheidenen, unscheinbaren Manne war es wohl zuzutrauen, von seiner kargen Unterstützung noch etwas abzugeben an Menschen, die in noch größerer Not lebten. Für diese Beschuldigung wurde er verhaftet und ermordet! Die Mörder lieferten durch ihr Verhalten selbst den Beweis. Die Einäscherung wurde in größter Elle vorgenommen und nur den Angehörigen war es gestattet, die Leiche aufgebahrt zu sehen, um eine Untersuchung unmöglich zu machen. Trotzdem konnte die Gestapo nicht verhindern, daß es auch körperlich Beweise für den Mord an Schille gibt. Kein Wort durfte am Sarge gesprochen werden, nur ein kurzes Orgelspiel und der Sarg versank. Währenddem sicherte die Mörder-Gestapo den Friedhof, und jetzt glauben sie, sind alle Spuren verwischt. O nein! Der Mord steht fest und auch die Mörder, und wenn sie auch die schamloseste Lüge in den Aether funken, daß die Nationalsozialisten noch keinen Mord begangen hätten. im Februar 1935 im Polizeipräsidium Dresden totgeschlagen. Das Blut dieser Opfer kommt aufs Haupt des Kriminalkommissars Weser. Dieser Mann ist ein brutaler Mörder. Der lUord-Kommissap Das Polizeipräsidium In Dresden ist eine der berüchtigsten Mordhöllen in Deutschland. Hier leitet der Kriminalkommissar Weser die Vernehmungen der politischen Gefangenen. Die Brutalität und Grausamkeit dieses Mannes und seiner Untergebenen ist unbeschreiblich. Er hat in seinen Diensten außer den Gestapo-Beamten eine Reihe von Ueberläufem, die ihre frühere Tätigkeit in politischen Organisationen jetzt zum Schaden ihrer alten Parteifreunde benutzen. Weser läßt die Prügelfolter systematisch anwenden. Dabei zeichnet sich sein Untergebener Geiser besonders aus. Außer dem Genossen Schille sind drei Genossen von uns durch Weser und G e i- s e r zu Tode mißhandelt worden. Es sind Erwin Günther, BedaktionSvolon- tär, im Oktober 1933 im Polizeipräsidium Dresden totgeschlagen; Erich Otto, Keichsbannerfunktionär, 28 Jahre alt, im August 1934 im Beiseln Wesers im Polizeipräsidium Dresden totgeprügelt; Fritz Langhorst, Landtagsabge- ordueter und Gewerkschaftssekretär, Die Epmopdung von Max Sachs Wir erhalten den folgenden Bericht über die Ermordung unseres Genossen Max Sachs im Konzentrationslager Sachsenburg: Max Sachs, vor der Gewaltergreifung der Nationalsozialisten Redakteur der Dresdner Volkszeitung, wurde am 25. September 1935 verhaftet und einige Tage danach in das Konzentrationslager Sachsenburg eingeliefert. Sachs hat keine Ahnung gehabt von dem Schicksal, das seiner wartete, denn noch einige Tage zuvor hatte er einige Freunde zu seiner bevorstehenden silbernen Hochzeit eingeladen. Er lebte in glücklichster Ehe und war Vater zweier Kinder. Bei seiner Einlieferung ins Lager wurde er sofort der sogenannten Juden- und' Strafkompagnie zugeteilt und mußte im Steinbruch die allerhärteste Arbeit verrichten. Schon am ersten Tag waren seine Hände von dem Steineklopfen so zerschunden, daß er kaum noch den schweren Hammer halten konnte. Er wurde nun daraufhin als»Drückeberger« besonders»rangenommen«. Ob sich nun Sachs bei dieser Arbeit im Freien erkältete oder ob er sich durch das dauernde Angebrüllt- und Gehetztwerden oder gar durch Prügel einen Nervenschock zuzog, Tatsache ist jedenfalls, daß seine Schließmuskeln versagten und er infolgedessen nachts seinen Strohsack verunreinigte. Nim bestimmt ein Absatz der am 1. April neu erlassenen Ordnung des Konzentrationslagers Sachsenburg, daß Schutzhäftlinge, die sich nicht reinhalten, von der SS zur Sauberkeit angehalten werden können. Von dieser Bestimmung wurde bei Sachs ungesäumt Gebrauch gemacht. Vier Häftlinge, alles ehemalige SA-Leute, bekamen den Auftrag, das»Judenschwein« zu scheuern. Zu diesem Zweck wurde Sachs von den vier Mann unter Aufsicht von SS-Leuten in den Waschraum geschafft, dort entkleidet und gewaltsam in einen Waschtrog gepreßt Da bei den Waschtrögeu dieser früheren Fabrik die Wasserhähne nur knappe dreißig Zentimeter von den beiden Rändern der Mulde abstehen, wurde Sachs, der beleibt war, schon beim Hineinpressen unter die Wasserleitung schwer verletzt Er blutete und jammerte; trotzdem wurde er von den entmenschten Kerlen derart mit Wurzelbürsten geschrubbt, daß ihm die Haut in Fetzen hing. Mehr tot als lebendig wurde er hernach in den Bunker geworfen. Bunker sind die berüchtigten und gefürchteten Einzelzellen, in denen der sogenannte Arrest, die Dunkelhaft, bei Wasser und Brot an den Schutzhäftlingen vollzogen wird. Diese Bunker sind in die lichtlosen Trockenkammern der früheren Spinnerei eingebaut Am nächsten Tag wurde Sachs von den gleichen Leuten einer zweiten Scheuerprozedur unterzogen. Sie fiel noch gründlicher aus, als die erste, und an dem Körper des Unglücklichen war buchstäblich keine Stelle mehr heil. Die harten Wurzelbürsten hatten auch noch den letzten Fetzen verschont gebliebener Haut heruntergerissen. Am dritten Morgen wurde er wieder in den Baderaum gebracht Zu gehen vermochte er nicht mehr. Deshalb schleppten ihn seine Peiniger vom dritten Stock bis ins Erdgeschoß die schmale Treppe hinunter. Diese Treppe hat eisenbeschlagene Stufen, auf die Sachs beim Herunter- geschlepptwerden mehrfach mit dem Kopf aufschlug. Sachs ist eine halbe Stande später in der Badewanne infolge der erlittenen Mißhandlungen verstorben. Erst der Tod setzte seiner Qual ein Binde. Im Augenblick seines Todes war seit seiner Einlieferung in das Konzentrationslager knapp eine Woche vergangen. Die Mörder Die Namen seiner vier Mörder sind bekannt; es handelt sich um: 1. Hellmut Morgner aus Dresden, früher Angehöriger der Hitlerjugend und der SA; Schreiber der NSDAP-Land- tagsfraklion Sachsen. Von 1933 bis 1934 war Morgner nachgewiesenermaßen Gestapo-Spitzel in der Tschechoslowakei. Ins Konzentrationslager kam er wegen»homosexueller Verfehlungen«. Er hatte einem Hitlerjungen mit dem Dolch im Gesäß gewühlt, einen andern an der gleichen Stelle mit seiner Pistole eingeschossen und wurde deshalb aus Hitlerjugend und Partei ausgestoßen. 2. Hans Thlemann aus Dresden, ehemaliger SA-Mann, wegen Trunkenheit, Nachlässigkeit und Diebstahl an Kameraden vom Dienst entfernt 3. Bundesmann, ein SA-Truppführer aus der Zittauer Gegend, von Beruf Fleischergehilfe, körperlich sehr stark und als Schläger seit 1933 bei Verhaftungen und dergleichen berüchtigt. Aus seiner Partei wurde er ausgestoßen, weU er bei Haussuchungen gestohlen und später mehrfach SA-Führer verprügelt hatte. 4. Endesfelder, ein früherer Matrose, aus der Gegend von Chemnitz stammend, ehemaliger Leiter der NS- Arbeiterinvalidengruppe und Mitglied der NSDAP. Wegen Differenzen mit seiner Verbandsleitung bekam er 4 Wochen Gefängnis zudiktiert und wurde nach deren Verbüßung dem Konzentrationslager überwiesen. Die Todesanzeige Die Leiche von Sachs ist im geschlossenen Sarg dem Dresdner Krematorium zugestellt worden. Seine Freunde, die er zur Feier seiner sübernen Hochzeit geladen hatte, kamen auf den Tag genau zu seiner Einäscherung zurecht., Am Morgen des 11. Oktober erschien in den»Dresdner Neuesten Nachrichten« diese Todesanzeige: Dr. sc. pol. mal Sacfys •JJolt&tnrt unb©iptom-Kaufmann geb. 23. September 1883, geftS.Offober 1935 ® reaben-2l 29, Äommerbetg 2. SKaria Sact)5, geb. SOJeper, im Flamen fämtlic�et Äinferbüebenen. 3Mc Sinafcbcrung erfolgt am Freitag, bem 11. Ottober 1935, um*1,6 Hb*"** Ätcma- torium �oltemit).- Zwischen dem Todestag und dem Tage der Einäscherung liegt eine Frist von sieben Tagen. Brandstifter Am 27. Februar 1933 steckten Nationalsozialisten auf Geheiß Görings den deutschen Reichstag in Brand. Damit begann die Reihe der blutigen Verbrechen, die das Gangstersystem in Deutschland auf sich geladen hat. Das System hat alsbald seine verbrecherische Methode von der inneren auf die äußere Politik übertragen— bis schließlich alle Völker Europas zu der Ueberzeugung gelangten, daß gegen bewaffnete Verbrecher nur Gewalt schützt. Heute starrt Europa in Waffen. Wenn Recht und Freiheit zerbrechen, triumphiert der Militarismus. Die Verbrecher am deutschen Volk und am Brieden Europas sehen heute, wie sich gegen ihre Bajonette ein Wald von Bajonetten in Europa erhebt Sie spüren die Isolierung. Darum schicken sie ihre journalistischen Handlanger vor und lassen sie fragen:»Was wollt ihr eigentlich, was habt ihr vor, und was wollt ihr, daß wir Deutsche tun?« Eine schöne Frage von Leuten, die das Wettrüsten provoziert haben! Sie hüllen sich in den Mantel gekränkter Unschuld, sie schieben den anderen die Schuld am Wettrüsten, an der allgemeinen Kriegsfurcht zu, ja, sie greifen zu der Behauptung, daß die Schuld der anderen erwiesen sei; denn— Hitler habe ja längst seine Vorschläge zur Beschränkung der Rüstung unterbreitet Es ist die Methode Reichstagsbrand auf die internationalen Beziehungen angewandt. Sie soll den bösen Willen zum Verbrechen gegen den Frieden verdecken. Sie soll dem deutschen Volke die Tatsache verhüllen, daß die Politik des Systems in eine politische und moralische Niederl age geführt hat Die Außenpolitik des Systems hat sich zunächst mit dem beleidigten Rechtsgefühl des deutschen Volkes zu tarnen versucht Sie hat nach außen den Versuch unternommen, von der Politik der Weimarer Republik moralisch zu profitieren. Beides ist ihr in den Anfängen unstreitig gelungen. Aber diese Zeiten sind vorbei. Die Brutalität des Systems, die geheime und die offene Aufrüstung, die Drohungen gegen die Schwachen haben die Völker zum Nachdenken gebracht über den Unterschied zwischen einer Rechtsforderung und einer rein militärischen Gewaltpolitik, sie haben viele Augen geöffnet über das wahre Wesen der nationalsozialistischen Gewaltpolitik. Die Völker haben gelernt, daß Außenpolitik und Innenpolitik eines Landes nicht getrennt werden können, sie ziehen heute ihre Schlüsse aus dem verbrecherischen Wüten der Nationalsozialisten in Deutschland. Die Männer des Systems mögen glauben, daß über das Verbrechen des Reichstagsbrandes heute schon der Schleier des Vergessens gefallen sei— sie irren sich, je näher und unmittelbarer die Völker die Gefahr sehen, desto schärfer werden auch die innenpolitischen Verbrechen des Systems wieder in ihr Bewußtsein treten. Sie werden sich erinnern, daß die Männer des Systems als Brandstifter ihr blutiges Handwerk begonnen haben. Diese Brandstifter haben das deutsche Volk seines wertvollsten außenpolitischen Aktivums beraubt— wir meinen das Gefühl der Sympathie in allen Ländern mit einem Volke, das harten außenpolitischen Diktaten unterworfen war. Dies Gefühl ist gewichen— aber nicht, weil die Völker glauben, daß daa Unrecht der Diktatur wieder gut gemacht sei, sondern weil sie mit Unruhe, Mißtrauen und Angst erfüllt sind, daß das System sie kriegerisch Uber' fallen könne. Ein System, das nur mit Tanks und Flugzeugen rechnet, mag über diesen Verlust leichten Herzens hinweggehen— aber die Stimmungen der Völker sind reale Kräfte. Sie werden lange nachwirken. Es ist unvermeidlich, daß die Völ ker, die eine ernste Angriffsgefahr im Hitlersystem erblicken, auf die Dauer im deutschen Volk das feindliche Volk erblicken werden— sofern sie es nicht heute schon tun. Der Geist der nackten Gewaltpolitik hat zu einer geistig moralischen Isolierung Deutschlands geführt, und die Gefahr ist nahe, daß daraus stärkste deutschfeindliche Stimmungen entstehen. Die Fortsetzung der Aufrüstung verstärkt die Wirkung dieser geistigen Brandstiftung. Das deutsche Volk sieht in erster Linie nur die deutschen Rüstungen— aber nicht die der anderen. Die Differenz zwischen Deutschlands Rüstung und der Gesamtrüstung derer, die sich einem deutschen Kriegsexperiment in den Weg stellen würden, wird immer größer. Je stärker das System das natürliche deutsche Kriegspotential in sichtbare Militärmacht verwandelt, um so ungünstiger gestaltet sich das wahre mrilitaristisch-politische Machtverhältnis. Die Wehrhoheit bedeutet einen geringeren Grad der Sicherheit als die Wehrbeschränkimg auf Grund einer internationalen Konvention, die zur Sicherung gegen jede Vergewaltigung durch eigene militärische Kraft noch die Sicherung durch den Bestand der Konventionsmächte fügt. """ Diese wirkliche und wichtige Sicherung verachtet das System, es hat dafür eine nahezu vollständige Isolierung eingetauscht. Es hat eine im Gang befindliche Entwicklung zu wahrer Freiheit und Gleichberechtigung, zur stärkeren Anerkennung politischer, kulturpolitischer und wirtschaftlicher deutscher Interessen brüsk abgeschnitten. Und nun treten sie vor die Welt und fragen:»Was sind eure Vorschläge, was wollt ihr, daß Deutschland tun solle?« Könnten die Völker selbst reden, so würden sie auf diese Frage dem Gefühl der Unsicherheit und der Furcht, das sie beherrscht, Auadruck geben in der Antwort:»Wir trauen euch nicht!« »Deutschland hat in einer Art und Weise gehandelt, daß die Gefühle gegenseitigen Vertrauens in Europa zerstört werden mußten. Es hat den Weg zum Frieden verwüstet und ihn mit Schrecken umsäumt. Es fordert einen Grad von bewaffneter Macht, der ihm die meisten Völker Europas auf Gnade und Ungnade ausliefern würde. Ehe es das Mißtrauen gegen sich und die Angst vor sich erweckte, war Deutschland die sicherste Nation in ganz Europa. Das deutsche Volk, das jetzt Einkreisungserzählungen Glauben schenkt, kann unmöglich verkennen, daß seine jüngste Politik der militärischen Ex- panscon Angst und Unruhe in den Geistern jeder Nation, die von Deutschland getroffen werden kann, hervorrufen muß. Es hat nicht die Ehre und die Sympathie gewonnen, die es suchte; es hat den Verdacht praktisch sämtlicher Nationen in Europa erweckt.« Das schrieb im April 1935 M a c d o- n a 1 d, der stärkste Freund Deutschlands in England— und es ist heute noch wahrer als damals! Aber was kann Deutschland tun, um den Verdacht zu entkräften, um das drohende Gespenst des Krieges zu verjagen und Entspannung in Europa herbeizuführen? Eis ist nicht an den fremden Nationen, darauf zu antworten, es ist an uns, als Deutschen und Feinden des Systems, es ist an Deutschland selbst! Unsere Antwort lautet: solange Deutschland von Verbrechern und Brandstiftern regiert wird, solange Deutschland die braune Despotie duldet, solange Deutschland den Plänen dieser Verbrecher seine Finanz- und Wirtschaftskraft, seine Männer und Jünglinge zur Verfügung stellt, solange wird nicht Ruhe und Entspannung in Europa eintreten. Die Männer des Reichstagsbrandes, die Mörder und Terroristen sind keine geeigneten Partner für einen Vertrag, auf den der Frieden Europas gegründet wer den könnte. Erst wenn sie gestürzt und bestraft sein werden, wird ein wahrhaft europäisches Gespräch möglich sein. Erst dann wird auf die Frage;»Was will Deutach- Außenpolitlsicläer Zldczadk-ICtars Mit den Norden gegen Japan und Italien— mit Japan und Italien gegen die Norden Während in Mannhelm ein Stück für »deutsch-französische Verständigung« aufgeführt wurde, das auf eine schwere Beleidigung des französischen Parlaments hinausläuft, hielt der braune Schriftsteller Hans Grimm in Göttingen eine Nordrede, mit Nachruf auf Kipling. Der ist zwar erst jüngst von Göbbels verboten worden, aber ab und zu braucht man ihn als Kronzeugen für die Verbundenheit der»nordischen Menschen«. Laut DAZ»wuchs die Rede zum Weckruf von höchster politischer Bedeutsamkeit. als der politische Dichter Grimm aus der »Götterdämmerung« der nordischen Men- lands, Italiens und Japans. Ein anderer Grund ihrer Schicksalsgemeinschaft liegt in der Möglichkeit ihrer Einkreisung durch fremde Mächte.« Abschließend sprach Prof. Haushofer über verwandte Züge in der gegenwärtigen politischen Führung der drei Länder. Die engere Verwandtschaft ergibt sich für Deutschland und Ja- p a n.« Zu gleicher Zeit läßt Hitlerdeutschland in Jugoslawien alle Mienen springen, um es gegen England und Frankreich aufzubringen. In Presse, Literatur und sonstiger Proschen, der furchtbaren Gefahr, daß sie, die paganda zeigt also die deutsche Außenpolitik Vertreter des Hochwertigenlnim Moment folgendes toUe Spiel: für Verstän- der Welt, durch ihr Sich-Zerfleischen dem 1__ Minderwertigen unterliegen, sich warnend, dlgUns nut �anzösischen Fi ontkampf ern ge- an England und Deutschland wandte.«| oen c�e ihres Landes, mit den aus- >... wurde der Betrachter und Dichter erwählten zwei Norden gegen die übrige min- zum politischen Mahner, als er ausgehend derwertige Welt, mit England und Amerika von einem der unzähligen Berichte über die___ T___ r«. i--r» i,, bolschewistische Gefahr die nordischen Men- ecgen Japan' 11111 Itallen' Polen UIld JaPan sehen aufrief— zur Sammlung und zum gegen Frankreich und Rußland, mit den Gelben gegen die zwei Norden, mit Jugoslawien, wenn es gerade sein muß, gegen Italien, Bei Selbstschutz der großen nordischen Schicksalsgemeinschaft.« Zu diesen Menschen nordischen Wesens gehören nach Grimm auch die Leute von USA. Indes er jedoch so mit vollen Backen seine drei Norden als die»Hochwertigen In der Welt« pries, hielt der geopolitlsche Professor Dr. Haushofer— Hitlers geistiger Nährvater— In Köln vor seriösem Publikum einen Vortrag, In dem er die Schicksalsverbundenheit der»Völker ohne Rau m«, nämlich Deutschland, Italien und Japan, behandelte. »M ächte der Erneuerung« überschreibt die KVZ ihren Bericht, In dem es heißt: »In freiem Vortrag entwickelte er dann seine Gedanken über die drei Länder, die er als Mächte der Erneuerung den statischen, starren und gesättigten Mächten der gegenwärtigen Landkarte gegenüberstellte. Die Gemeinsamkeit des Schick- wieviel Schicksaisgemeinschaften sind sie nun eigentlich abonniert? Im totalen Staat fällt ohne Göbbels Willen kein propagandistischer Sperling vom Dache; was da geredet und geschrieben wird, entspricht den Intentionen und Plänen des Systems. Dieses verrückte Mosaik stellt also im Moment das dar, was man Im Dritten Reich die Außenpolitik nennt. In diesem wirren Intrigenspiel, In dieser Verhetzung der einen Völker gegen die anderen, spiegelt sich die ganze Treulosigkeit und Verlogenheit der braunen Desperados. Damit haben sie einmal innenpolitisch ein großes Spiel gewonnen. Warum soll es außenpolitisch nicht auch so verlaufen? So meinen ade. Wie der sohlechte Intrigant der Schmiere: sals der drei Länder gründet heute wohl man säe nach allen Selten jene gefährliche am stärksten in ihrer Raumnot. Andere � Verwirrung, die der eigenen Konfusion ent- I spricht— und der Gewinn wird nicht aus- Weltvölker haben eine räumliche Bewegungsfreiheit, die um ein sieben- bis zwan-... zigfaches günstiger ist als die Deutsch- bleiben. Verbrecherisch ist dieses Falschspiel, weil es zur Katastrophe führen muß■— für Deutschland oder für die ganze Weit Das deutsche Volk hat ähnliches schon einmal am eigenen Leibe erlebt. Unter Wilhelms H. Zickzackkurs. Das Ende ist bekannt. Aber Wilhelms Plötzlichkelten erscheinen neben dem gemeingefährlichen Falschspiel des Dritten Reiches beinahe harmlos. Wer soll einem Volk noch über den Weg trauen, dessen Despoten mit aller Welt liebäugeln, um jedes Land gegen das andere, jede Rasse gegen die andere kriegerisch in Harnisch zu bringen? Wer soll da an irgendwelchen friedlichen Willen, an friedliche Entwicklungsmöglichkeiten glauben? Keiner, der die Entwicklung der deutschen Tragödie mit offenen Augen verfolgt hat, wird über die Mentalität der braunen Oberbonzen staunen, die da meinen, die Welt müsse In Fransen gehen, wenn ihnen das Geld ausgeht. Aber es gibt da eine Reichswehrgeneralität, es gibt gleichgeschaltete Mitverantwortliche wie Papen, Neurath und ihre Kreise, es gibt die Spitzen der Industrie und Wirtschaft. Wir überschätzen ihre politische Intelligenz und ihre politische Gesinnungstüchtigkeit mitnichten. Sie zeigen im Gegenteil eine Charakterlosigkeit zum Brechen. Aber sie sind nicht gerade verrückt Sie alle haben die Folgen der wilhelminischen Zickzackpolltlk miterlebt, haben sie später preisgegeben und verdonnert. Und nun? Was lernten sie aus alledem? Unter ihren Augen vollzieht sich das dümmste Falschspiel der Geschichte; Doppel spiel wäre eine zu euphemistische Bezeichnung und Vereinfachung. Unter ihren Augen wiederholen sich alle bösartigen Dummhelten de« wilhelminischen Regimes verzehnfacht Keiner von ihnen steht dagegen auf. Darum werden sie für das Unglück, In das ein großes Volk durch Hasardeure und Betrüger hineinmanövriert wird, dereinst mit haftbar gemacht werden. Rassegese�e und Geldgier Am 29. Januar 1936 beging der Jüdische Rechtsanwalt Fließ im Magdeburger Gerichtsgebäude Selbstmord. Er hatte sich gegen die Beschimpfungen gewehrt, die sein nationalsozialistischer Kollege Kuhlmey ihm im Ge- richtssaal entgegenschleudert«, er hatte bei der Anwaltskammer ehrengerichtliehe Bestrafung des Beleidiger gefordert— und er, der Kläger, war»wegen wissentlich falscher Anschuldigung« zu 9 Monaten Gefängnis verurteilt worden. Da nahm er sich das Leben. Nun wissen die deutschen Untertanen zwar, daß sie von Verbrechern regiert werden und nehmen manche Gemeinheit mit fatalistischem Achselzucken zur Kenntnis, aber die Kunde von Verurteilung und Selbstmord de« unbescholtenen. In seinem Wirkungskreis beliebten, im Kriege mehrfach ausgezeichneten Anwaltes Fließ hat solchen Unwillen erregt, daß die Schuldigen sich genötigt sahen, den richterlichen Mord nachträglich durch die Magdeburger Ju- atlzpreasestelle beschönigen zu lassen. Wie sieht diese amtliche Beschönigung aus? Kuhlmey habe keine Beleidigung ausgesprochen, so heißt es In der»zusammenfassenden Darstellung deo Falle««, er habe nur »erklärt Im heutigen deutschen Arbeits- recht, das Im besonderen Maße vom nationalsozialistischen Gedankengut beherrscht sei. müsse ein Jude von der Mitarbeit ausgeschlossen sein. Auch jüdische Parteien könnten keinen jüdischen Anwalt verlangen, denn sonst könnten auch andere Fremd rassige, z. B. Neger, einen Vertreter ihrer Rasse als Anwalt verlangen, was natürlich ausgeschlossen sei. Kuhlmey habe dann noch hinzugefügt, irgend eine Wertung oder Herabsetzung der einzelnen anderen Rasse scheide bei dem. was er sage, aus, ihm komme es nur auf grundsätzliche Ausführungen an; wenn er z. B. von der Negerraase gesprochen habe, so habe er sie durch seine Ausführungen keineswegs beleidigen wollen, im Gegenteil, ihm sei mancher Neger lieber als mancher Jude.« Und das ist keine Beschimpfung? Die Absicht einer Beleidigung, auf die ea den Richtern bei solchen Gelegenhelten anzukommen pflegt, Ist hier nicht gegeben? Dann wäre Kuhlmey kein Nationalsozialist, kein Anhän» land?« eine wahrhafte und aufrichtige Antwort gegeben werden können, erst dann wird die Gegenfrage;»Was sind eure l Vorschläge, was wollt ihr, daß Deutschland tun solle?« mehr sein, als eine heuch- llerische Finte. ger Adolf Hitlers und seines Freundes Julius Streicher. Er ist aber Nationalsozialist, und wenn ein brauner Parteigänger in Rassefragen»grundsätzliche Ausführungen« macht, so ist die»Wertung und Herabsetzung der linderen Rasse« unvermeidlich, denn sie ist In den Grundsätzen inbegriffen. Aber der Fall Kuhlmey interessiert noch aus anderen Gründen. Dieser Kuhlmey hat den jüdischen Verhandlungsgegner abgelehnt, well er Jude war, und das Arbeitsgericht hat sich seinem Antrag gefügt. Entweder es handelt sich hier um eine»wilde E 1 n- z e 1 a k t i o n«, wie sie nach Verkündung der Nürnberger Gesetze ausdrücklich verboten wurde— dann wäre der Täter mitsamt den richterlichen Komplizen zu bestrafen— oder die maßgebenden Stellen sind damit einverstanden, daß zugelassenen nichtarischen Anwälten, sei es vor dem Arbeltsgericht oder sonstwo, auf Antrag des Gegners jederzeit das Mandat entzogen werden kann. Dann wäre die ganze Zulassung eine Farce. Nun— Kuhlmey Ist nicht bestraft worden, er hat also wohl»im Sinne des Führers« gehandelt, und dem Führer muß demnach auch die Forderung genehm sein, daß Juden sich von arischen Anwälten vertreten lassen müssen. Die Wendigkeit der rassischen Grundsätze verblüfft Immer aufs neue. Warum soll ein Jude, warum soll auch ein Neger, sofern er deutsche« Recht studiert hat, seinen Rassebruder nicht vor dem deutschen Gericht verteidigen? Sie sind doch so sehr für»reinliche Scheidung« zu haben, die Nürnberger Gesetzgeber, da müßte eine solche Regelung nur erwünscht sein. Man sollte meinen, jeder Arier werde es entrüstet ablehnen, sich zum Sprachrohr eines Juden machen zu lassen. Welch unbillige Forde-, rung, einen»Minderrassigen« zu verteidigen! Nein— sofern dem Juden Uberhaupt ein Anwalt zugebilligt wird, muß ea wohl schon ein jüdischer Anwalt sein. In der Tat Ist dieser Vorschlag einmal von einigen Rasserelni- gern gemacht worden, aber er fiel auffallend schnell unter den grünen Tisch. Warum wohl? Well arische Anwälte durch jüdische Klienten viel Geld verdienen— und well für ein gutes Geschäft der Rassestolz mit Freuden geopfert wird. Eine andere sinnvolle Erklärung gibt es nicht. Fließ ist das Opfer übler arischer Ge- schäftemachered geworden— die Bewegung und die Magdeburger Richter haben sich mit dem Mörder aus Konkurrenzneid solidarisch erklärt Damit ist endlich In. aller Oeffent- Uchkeit zugegeben worden, daß Berechnung, daß Geldgier und niedrige Gewinnsucht bei der Handhabung der Rassengesetze eine entscheidende Rolle spielen. So sind s*e überall Englische Faschisten als Gangsters ESner der Propagandaredner der Britischen Faschistischen Union wurde wegen Bruch dee Friedens verhaftet und unter Anklage gestellt. Vor einem Londoner Polizeigericht wurde Uber die Person diese« Oberfaschisten folgendes festgestellt: Richard A. Houston, 32 Jahre alt, wurde im November 1931 wegen Hehlerei verwarnt. Er erhielt Bewährungsfrist. Im Januar 1932 wurde er wegen Einbruchs und Diebstahls zu zwölf Monaten Gefängnis verurteilt. Im Juni 1933 erhielt er acht Monate Zuchthaus wegen Betrugs. Unmittelbar nach seiner Entlassung wurde er im April 1934 Redner der Faschistischen Union, und er übt diesen Beruf heute noch aus. Dieser Berufsverbrecher ist ein würdiger Kollege der Gangsters, die heute in Deutschland regieren. nhlerbeleidlgnngr Aufgehobenes Urteil wegen Beleidigung Hitlers in Polen. In Warschau erweckte vor einigen Monaten der Prozeß gegen den jüdischen Apotheker Halberstadt große Sensation, der vom Warschauer Bezirksgericht zu acht Monaten Gefängnis verurteilt wurde. Halberstadt sandte ein ungeöffnetes Offert einer deutschen pharmazeutischen Firma zurück und schrieb auf den Umschlag folgende Bemerkung:»Solange in Deutachland Hitler mit seiner Rotte an der Regierung sein wird, wird kein anständiger Mensch mit Deutschland Geechäfte machen.« Halberstadt legte gegen das Urteil Berufimg ein und die Angelegenheit keim dieser Tage vor das Appellationsgericht in Warschau, Der Staatsanwalt des Appellationsgerichta schlug vor, den Prozeß gegen Halberstadt einzustellen, da Inzwischen das Amnestiegesetz herausgegeben wurde. Der Vorsitzende des Gerichtstribunals nahm den Vorschlag des Staatsanwalts an und erklärte, daß dem Verurteilten auf Grund der Amnestie die Strafe von acht Monaten nachgelassen werde. Vom bräunen Putsdilsmus Geheime Kampfgruppen tu Polen Das System hat die Schweix mit Repressalien bedroht, well sie sich gegen das Treiben der nationalsozialistischen Organisationen in der Schweiz zur Wehr gesetzt hat. Genau zur gleichen Zeit hat Polen eine weltverzweigte Geheimorganisation»Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterbewegung« in Polen aufgelöst und verboten und viele Angehörige dieser Organisation verhaftet Das System, das der Schweiz gegenüber mit dem Säbel rasselt, schweigt zu dem polnischen Vorgehen In allen Tonarten, und von Repressalien ist natürlich nicht die Rede. Aber diese Gleichzeitigkeit ist enthüllend. Sie zeigt daß die offenen oder getarnten nationalsozialistischen Organisationen In allen Ländern eine gefährliche Aktivität entfalten. Sie sind die Vorhuten des Angriffs des Hitiersystems. Aus Ostoberschlesien wird uns über die Verhaftungen In Polen geachrieben: »Die polnischen Sicherheitsbehörden sind dieser Tage einer weitverzweigten Geheimorganisation»Nationalsozialistische Deutsche A r b ei t e r b e we- g u n g«, auf die Spur gekommen, worauf eine Reihe von Verhaftungen von deutschen Minderheitsangehörigen erfolgt ist Soweit Gerüchten zu entnehmen ist sollten Kampfgruppen aus der deutschen Minderheit heraus gebildet werden, die durch einen Putsch Ostoberschleelen von Polen losreißen sollten. So irrsinnig auch dieser Gedanke klingt er ist die Flüsterpropaganda der Naziorganisationen, die seit Hitlers Machtantritt und nicht zuletzt unter dem Eindruck der deutsch- polnischen Verständigung, gerade hier im Grenzgebiet unter den verschiedensten Namen In Erscheinung treten. Die Flüsterpropaganda geht dahin, daß Ostoberschlesien bald von Polen abgetrennt werde. Das eine Mal soll die Loslösung durch Rückkauf erfolgen, ein anderes mal wieder durch einen Auagleich mit Polen und schließlich durch den Krieg, wenn deutsche Truppen beim Krieg gegen Rußland durch Polen marschleren. Die Lage der deutschen Bevölkerung im Grenzgebiet Ist nicht beneidenswert. Die Hitlerorganisationen haben infolge der Massenarbeitslosigkeit guten Boden vorgefun- tten.'.......................-..........■ Nichts ist begreiflicher, als daß Irgend eine Stelle innerhalb der Naziparted sich gefunden hat, die ein Konkurrenzunternehmen gegen die Naziorganisationen in der Minderheit aufmachte und zugleich Kampfgruppen schuf, um mehr zu sein, als die Vielfalt dieser Organisationen, die hier als Volksbund, Deutsche Partei, Volksblock und Jungdeutsche Partei wirken und Im ständigen Kampf mit Saalschlachten und Enthüllungen sich um den hundertprozentigen Nationalsozialismus In den Haaren liegen, zur Freude des polnischen Lagern, welches so nicht mehr gegen die »deutsche Gefahre anzukämpfen braucht, da dies die Deutschen Jetzt untereinander am besten selbst besorgen. Die Auflösung der geheimen Naziorganisation hat nun Im Hitlerlager des oberschieet- schen Deutschtums Bestürzung hervorgerufen; nachdem man sich erst im Nationalsozialismus Ubereifert hat, rückt man jetzt von den verhafteten»Volksgenossen« ab, die man als Romantiker hinstellt, die Irregeführt worden sind und alles nachahmen wollen, was Im Dritten Reich vorgeht, obwohl doch bekannt sei, das der Nazismus»kein Exportartikel ist«. Und hier offenbart sich die Gewissenlosigkeit der Nazipropaganda Innerhalb der deutseben Minderheit In Ostoberschlesien: Man äfft jede Organisation des Dritten Reichs nach, schafft die Winterhilfe, richtet Ein topf- Sonntage ein und sammelt unter den»Volksgenossen«. wenn aber diese»Irregeführten« auch eine Kampftruppe mit Zustimmung relchsdeutscher Stellen errichten, rückt man von ihnen ab und will die loyalen Staatsbürger markleren, die unter keinen Umständen nach dem Dritten Reich heim wollen, sondern auf Befreiung durch die polnischen Brüder warten. Man spricht davon, daß die Gestapo mit den»Kampftruppen« in Ostoberschleelen Ihre Not hatte, daß man sogar einige dieser Führer bereits In Beuthen verhaftet habe und jetzt die polnischen Behörden Innerhalb der Organisation in Ostoberschlesien aufräumen läßt Erst die nächste Zukunft wird hier Klarheit schaffen. So nebenbei sei bemerkt, daß sich in Ost- obersohleslen das polnische Lager recht wenig um die deutsch-polnische Freundschaft kümmert und die»deutsche Gefahr« bei der Entlassung deutscher Arbeiter aus den Betrieben immer wieder betont, ohne daß die sonst so »volksgemeinschaftlich« eingestellte Reichspresse sich um diese Vorgänge bekümmert. Deutsche Strelfliditer IVanu, Herr von Blomberg? Seit dem Jahre 1924 gibt es bei den Olympischen Winterspielen auch Militärpatrouillenläufe. Es kommt nicht nur darauf an, gute Skiläufer In der Mannschaft zu haben, sondern auch gute Schützen, denn es sind auch bestimmte Schießbedingungen zu erfüllen. In Garmisch-Partenkirchen waren kleine rote Luftballons, die auf Schneerhöhungen lagen, auf 150 m Entfernung zu treffen. Der Reichskriegamlnlster höchstselbst, von dem Allerhöchsten Kriegsherrn gar nicht zu sprechen, war herbeigeeilt, um den Triumph der deutschen Mannschaft zu genießen. Unmittelbar vor dem Start wurden die deutschen Soldaten noch durch einige zackige Worte und mit einem Aufblitzen aus dem Feldhermauge Blombergs angefeuert, aber es gab dennoch einen Reinfall. Sieger wurden ausgerechnet die im deutschen Offizierskorps militärisch reichlich verachteten Italiener, während die Deutschen gerade noch den fünften Platz belegen konnten. Ein Gefreiter machte schon lange vor dem Ziele schlapp, wie überhaupt die Ungleichmäßigkeit der deutschen Mannschaft sportlich und militärisch auffiel. Es wäre für den militärischen Ehrgeiz der Deutschen noch zu ertragen gewesen, wenn sie nur im Skilauf mäßige Leistungen vollbracht hätten, obwohl es peinlich war, auch darin nicht nur von den Nordländern, sondern auch von den Italienern geschlagen zu werden. Ganz schlimm aber wirkte es, daß die deutsche Mannschaft auch Im Schießen zurilckblleb. Weitaus am besten schössen die Finnen und die Oeeterreicher, die bisher nicht als militärische Vorbilder galten. Nur die Schweizer und die Schweden schössen noch schlechter als die Deutschen. Bin Trost allerdings ist Herrn von Blomberg geblieben. Am allerschlechtesten liefen und schössen seine polnischen Verbündeten, die sich den unbestritten letzten Platz zu sichern wußten. Wir finden das Ergebnis für die neue deutsche Wehrmacht nicht gerade rühmlich, zumal nach dem Selbstlob, das sie täglich durch dfe Nazipresse verbreiten läßt. Die alte Schablone Neues fällt der Nazipropaganda wirklich nicht mehr ein. Die große Verhaftungswelle gegen die katholischen Jugendführer rollt genau nach dem System van der Lübbe ab. Nur Ist noch keiner von den katholischen Domen als Fanal für den Beginn des katholisch-kommunistischen Aufstandes In Flammen aufgegangen. Sonst aber Ist alles wie am 28. Februar 1933: der bedrohte nationalsozialistische Ordnungsstaat mußte in letzter Sekunde zugreifen, um den katholisch-kommunistischen Hochverrat niederzukämpfen, der sein grausiges Medusenhaupt drohend erhob, wie damals die sozialdemokratisch-bolschewistische Einheitsfront. Noch Ist nicht gemeldet, ob der katholische Jugendführer Generalpräses Prälat W o I k e r sein kommunistisches Mitgliedsbuch bei der Verhaftung mit sich trug, aber bei den hunderten Haussuchungen wird man wohl die nötigen Materialien gefunden haben, die ein enges Zusammenarbeiten, wenn nicht des deutschen Episkopats, so doch der katholischen Jugendführer mit der Dritten Internationale beweisen. In Wirklichkeit sind alle verhafteten Jugendführer entschiedene Gegner des Kommunismus, Ja neigen eher zur Rechten und würden sich auch mit Hitler abgefunden haben, wenn der Nationalsozialismus seine Totalltätsan sprtiche auf das wirtschaftlich- politische Gebiet begrenzt hätte. General- präses W o 1 k e r hatte sich den aus der nationalsozialistischen Gedankenwelt stammenden Jugendführer Probst nicht zuletzt wegen des Nationallsmus zum nächsten Mitarbeiter genommen. Probst war ein Freund Schlageters, und der Schlageterkult begann auch In die katholische Jugend einzudringen. Sogar die Bischöfe haben ja in einem ihrer letzten Hirtenbriefe den Nationalhelden Schlageter für den Katholizismus in Anspruch genommen. Probst als eines der Opfer des 3 0. Juni ist längst ermordet. Nichts hat es der katholischen Wenn irgend je die deutsche Minderheit von Ihrem Stammvolk verlassen wurde, so nach dem Machtantritt Hitlers, der die deutsche MI-der hei t nur als ein Propagandastück zur Verherrlichung des Dritten Reichs bedarf, sie sonst aber Ihrem Schicksal überläßt, wenn sie zu nationalsozialistischen Zwecken mißbraucht worden ist Die Vorbereitung des angeblichen Putsches ist aber ein Beweis mehr, wie die deutschpolnische Verständigung von relchsdeutscher Seite gedacht Ist! Jugendführung geholfen, daß sie dieses Verbrechen schwelgend hinnahm und Schritt für Schritt zurückwich. Nim ist auch ihre Presse dahin und Ihr Jugendverlag geschlossen, und sie erlebt daß der Jugendgeistliche Dr. Rous- selnt der»Verbindung mit kommunistischen Kreisen« beschuldigt wird, nur weü er Junge Menschen nationalökonomisch-soziologisch im Geiste der päpstlichen Enzykliken zu schulen unternahm. Im Vatikan, wo man bis in die jüngsten Wochen dem verständigungsbereiten Flügel der deutschen Bischöfe zuneigte, scheint nun die Wendung zum Pessimismus eingetreten zu sein, ob auch zum Kampf, wird sich bald zeigen müssen. Die Abgrenzung gegenüber den kommunistischen Versuchen, Anschluß an die katholische Opposition zu gewinnen, wird aber drinnen und draußen noch deutlicher vorgenommen werden als bisher. Aus einem rheinisdien Brief ---- Mangels anderer Ziele tobt sich jetzt der»Sozialismus« der Hitlerjugend an den bunten Schülermützen aus. Eigentlich waren diese Symbole der»Reaktion« und des»Klas- sendünkels« wohl schon mal bald nach der Machtergreifung abgeschafft und wurden an manchen Orten feierlich auf öffentlichen Märkten verbrannt, aber so nach und nach waren sie wieder gekommen. Nun zeigt sich, wie trotz allem wilden Geschrei der Einfluß der Hitlerjugend auf die höheren Schulen viel geringer ist, als man bisher angenommen hatte, wenigstens in katholischen Gebieten. Eine ganze Reihe von Direktionen haben die Herren Hitlerjugendführer abblitzen lassen, indem sie ihnen einen Erlaß des Pg. Reichainnenininlster Frick vorwiesen, wonach gegen das Tragen von bunten Schülermützen, die ein Mittel der Schulzucht seien, nichts eingewendet werden könne. Also wurden dann die Schülermützen in einigen Orten»freiwillig«,(Im heißt unter dem Druck der Hitlerjungen auf ihre anderen Schulkameraden, abzuschaffen versucht, aber das Resultat war so mäßig, daß sich zeigt, wie wenig die Drohungen der Hitlerjugend erreichen, wenn nicht die Gestapo dahinter steht. An und für sich geht uns schließlich dieser Mäusekrieg nichts an; es ist nur Interessant, weil damit die Hitlerjugendfühning den jungen Betriebearbeitern»Sozial Ismue« vormimen will, als ob an dem sozialen Unterschied zwischen einem Grubenproleten und einem Abiturienten dadurch etwas geändert würde, daß der bevorzugte Gymnasiast nun einen Hut statt einer Mütze trägt. Von dem Aufschwung des Kölner Karnevals wirst Du vielleicht lesen oder hören, zumal man mit großer Propaganda Uberall aus dem Reiche Reisegesellschaften nach Köln bringt. Sogar»Kraft und Freude« organisiert Karnevalsfahrten, aber in Wirklichkeit ist auch das berühmt« vaterstädtlsche Fest In vollem Niedergang, obwohl sich dieses Jahr auch die Nazibürgermeister amtlich in mittelalterlichen Ratsherrenkostümen maskieren. Um den Dalles in der Festkasse zu beheben, hat man straßenweise die Geschäftsleute Alfgesucht und Ihnen versprochen, daß der berühmte Rosenmontagszug auch ihre Straße berühren werde, wenn man fleißig Spenden gebe. Das Ergebnis war eine vollendete Pleite. Die Geschäftsleute haben richtig passiven Widerstand geleistet und die Sammler bekamen etwas Uber die Not und die Stimmung des Mittelstände« zu hören. Straßen mit hunderten Läden haben nicht einmal 200 Reichsmark, also weniger als eine Reichsmark pro Nase, aufgebracht und werden nun dadurch»bestraft«, daß der Rosen- montagszug einen anderen Weg nimmt, worüber sich aber niemand grämt, denn die Geschäftsleute wissen gut genug, öqß die Narretei die Kaufkraft nicht heben kann. Bei unserem Mittelstand haben die Nazis ganz gründlich ausgespielt... Die IVUrnberger Zelle Der Reichsjustizminister Dr. Gürtner gibt sich alle Mühe, den gewaltigen Prankenführer Streicher vergessen zu lassen, daß der notorische Verleumder mit der bayrischen Justiz In heftigen Konflikt geriet, als sie noch dem bayrischen Justizminister Dr. Gürtner unterstand. So schmeichelt er denn Streichers Eitelkeit. Im Beisein dea»Opfers« wurde Jüngst in der Strafanstalt Nürnbergs die Zelle, in der Streicher einmal dreieinhalb Monate absitzen mußte, zu einer Erinnerungsstätte geweiht. Ueber der Zellentür wurde eine Gedenktafel angebracht, die Wärter und Gefangene In Zukunft mit erhobener Hand zu grüßen haben. Bei der Einweihung hat als Vertreter des Reichsjustizministers der Generalstaatsanwalt Döblg angekündigt, daß die Zelle in Zukunft nicht mehr belegt werde. Wir wissen nicht, wie weit die»Zukunft« der Herren reicht, könnten uns aber denken, daß eine künftige Regierung die Veranstalter solchen Unfugs, also den Reich»- justizminister und den Generalstaatsanwalt, gerade In diese Zelle legen und ihnen den Herrn Julius Streicher als Gesellschafter geben. Nach drei Jahren Der»Westdeutsche Beobachter«(Nr. 68), das zweitgrößte Blatt der Natlonalsosiallsten, orakelt über»Europa und Sowjetrußland« und kommt zu diesem tiefsinnigen Schluß; ___ irgendwie hängen diese schwerwiegenden Dinge zusammen mit der Stellung Europas zur Sowjetunion.'Tatsache ist, daß seit den letzten zwei bis drei Jahren der diplomatische sowjetrusslsehe Einfluß in Europa in immer bedrohlicherem Maße gewachsen ist... Womit denn eine Zeitimg des Herrn Hitler dessen vollständigen außenpolitischen Bankrott zugibt und ihm zugleich das Lorbeer- kiänzchen nimmt, das er sich immer wieder mit der Begründung aufzusetzen liebt, er habe Europa vor dem Bolschewismus gerettet. Hannes Wink. Scfiamiosigkeli— pathologisdi Der Nazi-Film in Palästina In Prager Filmkreisen kursiert, wie die »Selbstwehr« mitteilt, das folgende Bettel- rundschreihen einer schönen braunen Seele aus dem Bekannten- und Schützlingskreis des Reichspropaganda-Ministeriums: »Jerusalem. Sehr geehrte Herren! Mit Rundschreiben vom 4. März 1935 baten wir Sie, nach Möglichkeit bei der Vergebung von Filmen nach Jerusalem Herrn Gottlob Bäuerle, der dort ein neues Filmtheater eingerichtet hat, in dem nur deutsche Filme vorgeführt werden solle», zu berücksichtigen. Herr Gottlob Bäuerle hat gegen die jüdische Konkurrenz mit großen Schwierigkeiten zu kämpfen. Bäuerle ist Deutscher und stellt für Vorführungen von Parteifilmen der Hitler-Jugend sein Kino zur Verfügung. Bis liegt also Im deutschen Interesse, Herrn Bäuerle zu helfen. Wir bitten, Herrn Bäuerle günstige Angebote von deutschen Filmen zu machen und uns über das Geschehene Nachricht zu geben. Die Anschrift lautet: Gottlob Bäuerle Jun., Bauunternehmer, Jerusalem, Deutsche Kolonie, Telephon 742.« Warum denn sollen sich die emigrierten deutschen Juden in Palästina etwa nicht für ihr gutes Geld einen Film, wie den vom letzten Nürnberger Parteitag und der von SA-Stlefel-Getrampel begleiteten Verkündung der Rassengesetze ansehen? Werden sie nicht gerade begeistert hinströmen? In Schwerin bei Gustloffs Begräbnis, hat der»Führer« selbst die— na sagen wir: Naivität zum obersten Staatsprinzip des Dritten Reichs erklärt, Warum sollen sich da die kleineren deutschen Film-Götter noch genieren? l'ropagundaprozeB Sieben Jahre Zuchthaus für einen kathoUsohen Geistlichen. Während der hohe katholische Klerus auf Ausgleich mit dem Hitler System sinnt, wütet die Maaohloe der Terror justiz gegen den niederen Klerus. Bs gibt kaum einen Tag ohne Terrorurteü. In Paderborn wurde ein Propagandaproizeß gegen den Vikar Heinrich Rupleper geführt. Vor einem Jahr wurde in dem Dorfe Kledhunden, wo Rupleper Vikar war, ein Arbedtsdlenstmann ersdhos- sen. Die braune Raohejustlz verurteilte damals Rupleper nach dem»Heimtüokegeseta« zu vier Jahren Gefängnis. Das Urteil schien nicht zur Vernichtung dea Mannes zu genügen. Man beschuldigte ihn, daß er sich als Präses des katholischen Ge- aellenverelns in Dortmund des Betrugs und der Urtcundenfälechung schuldig gamadht habe. Man kennt diese Sorte von Anklagen. Die folien Richter von Paderborn verurteilten den Mann zu sieben Jahren Zuchthaus und fünf Jahren Ehrverlust. Diese Verhandlung wurde— gegen den Protest de« Angeklagten und der Verteidigung— auf Wachs platten aufgenommen. Man hat sie auf Grammophon- platten gezogen, um damit Propaganda zu treiben. Dos Gericht hat dem Verfahren ausdrücklich zugestimmt. Dieser katholische Geistliche hat offensichtlich nicht nur aus Rache, sondern auch zu Propagandazwecken sieben Jahre Zuchthau« erhalten. Die feilen Richter werden sich einst wundern, wenn dies« Propagandaplatte» gegen sie zeugen werdMk Welthandel ausgeschlossen Die Folgen der braunen Wirtschaftspolitik Der Umfang des deutschen Außenhandels hat sich im Januar wieder verringert. Gegenüber dem Dezember ist die Einfuhr um 9 Millionen auf 364 Millionen und die Ausfuhr um 34 auf 382 Millionen zurückgegangen. Der Ausfuhrüberschuß ist auf 18 Millionen gegenüber 43 im Dezember gefallen. Die Verminderung der Einfuhr betrifft hauptsächlich die Erzeugnisse der Emährungs- wirtschaft, vor allem hat sich die Lieferung von Südfrüchten und Obst aus Sai songründen vermindert. Geringer war auch die Einfuhr von lebenden Tieren, etwas größer die von Nahrungsmitteln tierischen Ursprungs. Gestiegen ist dagegen die Zufuhr industrieller Rohstoffe, besonders von Textilien und Eisenerzen. Der Rückgang der Ausfuhr ist fast ausschließlich auf die Verminderung des Fertigwarenexports zurückzuführen. Das Statistische Reichsamt hat jetzt überraschend eine Neugliederung der Handelsstatistik vorgenommen. Bisher wurden— gemäß der Brüsseler Konvention, nach der die meisten Staaten ihre Handelsstatistik— drei Hauptgruppen unterschieden: 1. Lebensmittel (inkl. lebende Tiere) und Getränke, 2. Rohstoffe und halbfertige Waren, 3. Fertigwaren. Von jetzt an wird zwischen zwei großen Hauptgruppen, der Ernährungswirtschaft und der gewerblichen Wirtschaft, unterschieden. Innerhalb der Emährungs Wirtschaft erfolgt die Einteüung nicht nach dem Bearbeitungsgrad, sondern nach der Art der Erzeugnisse, wobei sich drei Gruppen ergeben, nämlich lebende Tiere, Erzeugnisse tierischen U r a.p r u n g s und Erzeugnisse pflanzlichen Ursprungs. Die Erzeugnisse der gewerblichen Wirtschaft werden eingeteüt in Rohstoffe, eine Gruppe, die alle Erzeugnisse der sogenannten Urproduktion, und zwar auch die der Landwirtschaft, umfaßt. Soweit hier eine industrielle Bearbeitung erfolgt ist, darf es nur um eine Reinigung oder Aufbereitung handeln. Die zweite Gruppe»H a 1 b- waren« umfaßt alle Erzeugnisse, die bereits einen industriellen Bearbeitungsprozeß hinter sich haben, aber von der Endstufe noch beträchtlich entfernt sind. Hierher gehören allerdings auch die Düngemittel sowie Mineralöle und Koks, die unmittelbar in der Konsumwirtschaft Verwendung finden. Die dritte Gruppe»Fertigwaren« umfaßt in einer Untergruppe alle unmittelbar für den Verbrauch bestimmten Waren sowie fertige Produktionsmittel, also Maschinen, Werkzeuge, Geräte und Fahrzeuge, Eine weitere Untergruppe büden die Vorerzeugnisse, die zwar fertig sind, aber im allgemeinen noch einer weiteren Verarbeitung unterworfen werden, wie Gewebe, Leder, Papier, Walzwerkserzeugnisse und manche chemischen Produkte. Gewisse Abgrenzungsschwierigkei- ten konnten allerdings nicht überwunden werden; so werden Teppiche als Gewebe unter»Vorerzeugnissen« aufgeführt, obwohl sie bereits verbrauchsreif sind. Es handelt sich um eine genauere Spezialisierung, und einige Ergebnisse sind recht interessant. Für 1935 bestand die Einfuhr zu 34.5 Prozent aus Nahrungsund Genußmitteln, einschließlich Futtermitteln, während 65.5 Prozent auf Rohstoffe und Erzeugnisse der gewerblichen Wirtschaft entfielen. Nach der alten Einteilung mußte man annehmen, daß die Ernährungsgruppe nur ein Viertel der Gesamteinfuhr geliefert hätte. Der wirkliche Anteil der Ernährungsstoffe an der Einfuhr ist also viel höher als das bisher zum Ausdruck kam, da besonders Rohtabake, Oelfrüchte und Oelsaaten, Oelkuchen, Kleie, Tran und Sämereien jetzt in die Ernährungswirtschaft eingegliedert sind, während sie bisher unter»Rohstoffen und Halbwaren« erschienen. Von der Ernährungseinfuhr entfallen 69 Prozent auf pflanzliche und 31 Prozent auf tierische Produkte. Die Abhängigkeit der deutschen Ernährung vom Weltmarkt ist aber viel größer, als es aus der bisherigen Art der Handelsstatistik hervorging. Das bedeutet aber einen neuen Schlag gegen die Autarkie-Utopisten und alle Wahrscheinlichkeit spricht dafür, darin den Grund der Aenderung zu erblicken. Es ist ein Schachzug Schachts gegen Darre. Auch für die gewerbliche Wirtschaft ergeben sich Resultate, die gleichfalls die unlösbare Abhängigkeit der deutschen von der Weltwirtschaft zeigen. Die Einfuhr bestand zu 55 Prozent aus Rohstoffen, zu etwa 30 Prozent aus Halbwaren und nur zu 15 Prozent aus Fertigwaren, von denen aber wieder 56 Prozent Vorerzeugnisse darstellen. Auf die Erzeugnisse der Endstufe entfallen nach der neuen Statistik nur 7 Prozent der gesamten gewerblichen Einfuhr. In der Ausfuhr entfallen 79.3 Prozent des Exports der»Gewerblichen Wirtschaft« auf Fertigwaren gegen 81.5 Prozent nach der bisherigen Statistik. Die Verringerung hängt mit der Ausgliederung der Garne zusammen, die jetzt unter Halb waren gezählt werden. Von der Fer- tagwarenausfuhr entfällt immerhin mehr als ein Drittel auf Vorerzeugnisse. Rohstoffe und Halbwaren machen je ein Zehntel der gewerblichen Ausfuhr aus. Am Rückgang der Gesamteinfuhr von 1934 auf 1935 waren Emährungs- und gewerbliche Wirtschaft mit 6.8 bezw. 6.4 Prozent ungefähr gleich beteiligt, doch war der Rückgang nach der Menge bei den Eraährungsstoffen am stärksten, da dort die Preise sich erhöht haben. Gesunken ist nur die Einfuhr von pflanzlichen Ernährungsstoffen, während der Import der Viehwirtschaft sich erhöht hat. Innerhalb der gewerblichen Einfuhr sind die Fertigwaren mit 30 Prozent am stärksten zurückgegangen, was zu einem kleinen Teil mit der Rückgliederung des Saargebiets zusammenhängt. Das Verharren der Ausfuhr auf ihrem niedrigen Stand trotz aller Subventionen bedeutet für die Aufrechterhaltung des deutschen Produktionsumfanges ein immer schwierigeres Problem Im Jahre 1935 standen noch Reserven in Gestalt bedeutender Lagervorräte zur Verfügung, die jetzt aufgebraucht sind. Dann machte Deutschland mit Hilfe des»Neuen Plans« rund 500 Millionen Warenschulden. Die auswärtigen Staaten bestehen aber jetzt auf deren Abtragung; Holland mit etwa 100 Millionen der größte Gläubiger, Polen, Frankreich, Jugoslawien, Rumänien und andere Länder verringern ihre für Deutschland zum Teil unentbehrlichen Lieferungen, um die Schuldentilgung zu erzwingen. Rußland hat 1935 alte Kredite mit 220 Millionen, und größtenteils in Gold und Devisen, abgedeckt, und wird 1936 höchstens noch 60 Millionen abzutragen haben. Eän Teil der deutschen Ausfuhr wird zudem überhaupt nicht In Devisen bezahlt In welchem Umfang dies geschieht, läßt sich nicht genau feststellen; aber einige Aufklärung kann man aus dem Bericht des Siemens-Konzerns schöpfen. Darnach betrug im Jahre 1935 die Ausfuhr des Konzerns 134 Millionen RM, an effektiven Devisen kamen aber nur 70 Millionen herein. Ein erheblicher Anteil des Geschäfts sei auf Kompensationsbasis erfolgt oder hätte umfangreiche Kreditgewährung erfordert. Wenn also das Wirtschaftsministerium erklärt, der im Jahre 1935 erreichte Ausfuhrüberschuß von III Millionen büde »keine Erleichterung, weil er teils durch Abdeckimg alter Warenschulden, teils durch die Befriedigung des Kapitaldienstes und teüs auch durch die Notwendigkeit die Kreditfristen bei der Ausfuhr zu verlängern, in Anspruch genommen« werde, so trägt dieses Zugeständnis der Wirklichkeit noch lange nicht voll Rechnung Denn das Problem besteht darin, daß die Ausfuhr, die jetzt nach Erschöpfung der Devisen-, der Rohstoffvorräte und der Warenschuldenmöglichkeiten allein den Umfang der Einfuhr bestimmt, unter allen Umständen gesteigert werden müßte. Das aber macht die nationalsozialistische Wirtschaftspolitik mit ihrer Ueberhöhung des inländischen Preisniveaus, mit ihrer Ueberbelastung der Binnenwirtschaft, mit ihrer Vergeudung der eingeführten Rohstoffe für die Aufrüstung, statt sie zur Herstellung von Exportgütem freizugeben, eben unmöglich. Das Wirtschaf tsministeri- um gibt selbst zu, daß die Tendenz des »Neuen Plans« sich ausschließlich auf die Verminderung der Einfuhr richtet(statt auf die Vermehrung der Ausfuhr), und daß Deutschland an der inzwischen eingetretenen Steige-| rung des Welthandels nicht beteiligt ist. Das ist aber das Eingeständ- 1 nis, daß die Einfuhr immer schwerer auch j nur auf dem bereits erreichten Minimum' wird festgehalten werden können. Neben den wachsenden Schwierigkeiten, die sich aus der inflationistischen Finanzierung ergeben, müssen sich die Hindernisse mehren, die abnehmende Rohstoff- und Lebensmittelzufuhren der Aufrechterhaltung des deutschen Produktionsumfanges bereiten. I Dr. Richard Kern. Hitlers Mensdienideal: der totale Militäranwärter Aus dem gleichen, im letzten Urgrund völlig kulturlosen und gesittungsfeindlichen Geist, dem die SterUisationsmanie des Dritten Reiches entspringt, ist nunmehr sein Erlaß des Reichs- und preußischen Ministers des Innern, des Herrn F r i c k, geboren, der die ganze biologische Einseitigkeit des Systems auch auf das nationale Erriehungs- problem verpflanzt und dort»die Auslese der Tüchtigen« in die Niederungen des stoff- und kraftandächtigen, orthodax-materialistischen Ungeistes verlegt. Bs handelt sich um den unter dem 30. Januar d. J. herausgegangenen »Erlaß über die körperliche Auslese der Schüler höherer Lehranstalten«— von der braunen Tages- prease bisher kaum beachtet oder gar kommentiert, um so mehr aber von der einschlägigen gleichgeschalteten Fachliteratur dos Dritten Reiches als die neue und jüngste Großtat des Nationalsozialismus auf dem Wege der Rettung Deutschlands mit allen Weihrauchkesseln der»gelehrten« Untertanenseele gefeiert. Der Erlaß bestimmt im einzelnen— wir zitieren das Wesentliche wörtlich—: Erstens: daß Jugendliche mit schwerem Leiden, durch die die Lebenskraft stark herabgesetzt und deren Behebung nicht zu erwarten ist, sowie Träger von Erbkrankheiten nicht in die höhere Schule aufgenommen werden dürfen«... Als solche Leiden werden u. a. eingeführt: schwere Herzfehler, starkes A s t b m a, ja auch nur— S e h- behinderungen! Bei einem Klumpfuß z. B. ist— Herr Göbbels wird da aufhorchen— von Fall zu Fall zu entscheiden. Zweitens:»Jugendliche, die eine dauernde Sehen vor Körperpflege zeigen und dieses Verhalten trotz aller Erziehungspflege nicht ablegen, werden von der höheren Schule verwiesen«... Drittens:»Ebenso führt ein dauerndes Versagen bei den Leibesübungen zur Verweisimg von den höheren Schulen.« Wie sich die ärztliche Fachwissenschaft der Sterilisationswut des Systems gehorsamst gefügt hat, so werden jetzt erst recht auch alle»führenden« Philologen All-Deutschlands eine Angelegenheit preisen, die aus dem Turnlehrer einen wichtigeren Garanten der Nationalerziehung macht, als es bisher der Deutsch- oder Geschichtsprofoasor oder gar der Religi onsl eh rer im Vaterland waren. Dabei kann gewiß, genau so, wie bei der Unfruchtbarmachung, ein Einzelfall eine durchaus diskutable problematische Bedeutung erlangen; niemand, der über genügend Sachkunde verfügt, leugnet das. Für den Arzt ebenso wie für den Pädagogen gehören gewisse Dinge in das Gebiet der verantwortungsbewußten Einzelentscheidung; ein Gesetz und ein Paragraph können da nichts anderes tun, wenn sie nicht mörderisch werden wollen, als Möglichkeiten eröffnen, niemals aber können sie die persönliche Verantwortung durch das anonyme Reglement ersetzen. Von dieser diskutablen Problematik in gewissen Grenzfragen des Lebens ist das Dritte Reich durch eine Welt getrennt. Ihm handelt es sich dabei nicht um ein Stück ernsten Fortschritts, semdern um»nationalsozialistische Weltanschauung«! Für das Dritte Reich ist der Mensch kein Geist-Wesen, sondern die sehr konkrete und kompakte Summe von Biceps plus Blutbehälter. Ihm geht es um Staatsräson, wo es im anderen Fälle und bei anderen Völkern um das Einzelleben und seinen Wert an sich geht, Nun ist es also heraus: Wer es in Hitlerdeutschland nicht bis zur großen Bauchwelle bringt, wer nicht ein Dutzend exakter Klimmzüge erledigt, hat dort künftig das Recht verwirkt, zur nationalen Auslese zn gehören! Andere Nationen zerbrechen sich den Kopf darüber, wie die höhere Schule vom Geldbeutel der Väter der Ihr Anvertrauten emanzipiert werden könnte: so ziemlich das einzige wirkliche»höhere« Schulproblem, das es selbst für den gibt, der sich gar nicht zu den Sozialisten rechnet! Wen aber quält d a s im Dritten Reich! Niemanden, und am wenigsten die Minister und den»Führer«! Für sie ist das einzige Problem der höheren Schule, daß die Auslese der Nation den möglichst großen Prozentsatz von ka-vau-Leuten ergibt! Auch die ganz unverhohlen militante, den Krieg bis in die letzte kleine Regung des Alltags vorbereitende Nuance dieser Frickschen Verfügung kann kein Nachdenklicher übersehen, Den selbst für den fachkundigsten Arzt sehr umstrittenen und dubiosen Begriff der »Erbkrankheit« wird hier in das ganz menschliche Verhältnis zwischen Schüler und Lehrer hineingezwängt. So dehnbar ist gerade hier der einschlägige Paragraph des Ukas gehalten, daß ein gleichgeschalteter Schultyrann mit Seelenruhe den auf wühlerischsten Inneren Konflikt und die tödlichste Kleintragödie im Elternhaus in Gang setzen darf. Wie lächerlich-, aber auch echt-preußisch, den kategorischen Imperativ der Schule sozusagen aus der Badewanne heraus zu verkünden! Als wenn bisher nur die Struwelpeter auf Deutschlands Gymnasien kultiviert worden wären! Daß der Gymnasiast beschnittene und gesäuberte Fingernägel hat, ist sicher wichtig; aber ist es ein Staatsproblem 7 Und wenn man es schon so auffaßt, was muß hinter der Gehirnschale stecken, hinter der das ausgeheckt worden ist? Sagen wir es rund heraus: es geht, genau wie bei dem Sterilisationsrummel, um den Typ des»neuen« deutschen Menschen... Um den neudeutschen— Renaissance-Menschen, wie sich ausgerechnet Herr Göbbels in der brünstigen Leidenschaftlichkeit des persönlich Enteigneten einmal ausgedrückt hat. Darf der Hitler- Junge überhaupt noch ein anderes Ideal haben als den Ehrendolch, mit dem er marxistische»Untermenschen«(auch diese immer ganz körperlich aufgefaßt) zu vertilgen hat? Millionen haft soll der neudeutsche Idealmensch erzeugt werden. der zwar sein Gehirn haßt und von seiner Seele mindestens nichts weiß, der sich aber fühlt als der Träger einer weltbezwingenden Muskulatur! Was in dieser Beziehung ein grausiger Kulturzerfall zu bieten und zu leisten vermag, war getade in diesen Tagen für jeden klarzustellen, der die Ohrenqual auf sich nahm, wenn auch nur für eine Viertelstunde, den deutschen Rundfunk für die Ueber- t ragung der Olympischen Spiele in seinen Lautsprecher zu bemühen. Das waren heisere Kehllaute aus der Höhle der Steinzeit; das war ein Aufstöhnen des menschlichen Urtieres en maase; das war das Vokal-Inferno der auf die Weisheit des Faustkeils wieder zurückgesunkenen Menschheit, wenigstens ihres hitlerdeutsohen Teiles. In diesem Geist begrüßen wir denn auch das neue Symbol jener deutschen Schule, die einmal als die beste der Welt galt und die zu ihrem Teil mit das Abendland an erster Stell« aufbauen half: es ist nicht mehr die Eule, der heilige Vogel der helläugigen, der dem Geist entsprungenen Athene: es ist der aus der Ausstopferei ausgeborgte germanische Auerochs. Flduzit! F. FI Roth. Zuckersüßes Zweckessen Die Hitlerpresse schwärmt von einem Herrenessen, das der Auslandspressechef der NSDAP, Dr. Ernst Hanfstaengl, anläßlich des Geburtstages von George Washington in seiner Berliner Prachtwohnung gab. Als Ehrengast war der amerikanische Botschafter geladen, ein Prinz wurde natürlich auch serviert, der Louis Färdmand von Preußen, Schacht, Staatssekretär Meißner, Dr. Fk:kener, Generaldirektor Dorpmüller und noch viele andere Großverdiener waren zugegen. Mit besonderem Stolz wird betont, das Hanfstaengl eine Tischrede In englischer Sprache hielt Jawohl! in englischer Sprache. Denn die Zeiten, da die Nazipresse einem Stresemann jedes fremdsprachige Wort als Kriecherei und Landesverrat ankreidete, sind längst vorbei. Und in der Tat— dieser Stresemann hätte ruhig deutsch reden dürfen, es hätte dem hohen Ansehen, das er in der Welt genoß, nicht geschadet Die deutschen Außenpoütlker von heute ernten dagegen eine Ohrfeige nach der anderen, da müssen sie sich schon ein bißchen einkratzen. Mit Prinzipienlosigkeit hat das nichts zu tun. Nr. 142 BEILAGE licmcUannSrfe 1. März 1936 deuUtte faead- itmcosistU jugad Die älteste enropäisdbe Demokratie in Gefahr? »Sie gehen jeder Frage direkt auf den Leib und zerren daran solange herum, bis sie entweder gelöst oder als unauflösbar beseitigt wird. Das ist der Charakter der Franzosen... Nein, Frankreich hat noch nicht geendet, aber— wie alle Völker, wie das Menschengeschlecht selbst— es ist nicht ewig, es hat vielleicht schon seine Glanzperiode überlebt, und es geht jetzt mit ihm eine Umwandlung vor, die sich nicht ableugnen läßt; auf seiner glatten Stirn lagern sich diverse Runzeln, das leichtsinnige Haupt bekommt graue Haare, senkt sich sorgenvoll und beschäftigt sich nicht mehr ausschließlich mit dem heutigen Tage— es denkt auch an morgen.«- Heinrich Heine:>L.utezia«, Paris, 13. Febr. 1841. Jedirr Bekenner der politischen Freiheit greift immer wieder zu Heines und Börnes Briefen aus Paris. Zwei Emigranten sehr verschiedenartigen Wesens, die Wahlheimat liebend und sich zugleich in Sehnsucht nach Deutschland verzehrend, geben Rechenschaft von den»rauschenden Bewegungen« eines Volkes, in dessen Schoß die tragenden Ideen der Zeit am frühesten in Europa Gestalt gewonnen hatten. Die Lektüre dieser Briefe ist zugleich geeignet, Legenden über die gute alte Zeit zu zerstören. In jenen Jahrzehnten hat es in diesem Lande nicht aufgehört zu wettern und zu stürmen, zwei Revolutionen folgten in einem Zeitraum von noch nicht zwanzig Jahren aufein ander, Ministerien kamen und gingen, und schon drängten von unten auf die sozia len Auseinandersetzungen mit ihren »heilenden Denker n«, wie Heine die sozialistischen Utopisten nannte. Vielleicht waren es auch manchmal Stürme im Wasserglase, die das Oel der allgemeinen menschlichen Bonhommie des französischen Volkes schnell wieder beschwichtigte. Aber es hat vor hundert Jahren Und später sein soziales und politisches Dasein keineswegs als Idylle erlebt, es hat in den Tragödien und manchmal auch in den Tragikomödien der Zeit immer mit Leidenschaft mitgespielt, und wir würden die Bedeutung der politischen Ereignisse von damals falsch und ungerecht einschätzen, wenn wir die heutigen Maßstäbe anlegten. Eines jedoch hat es in Frankreich in diesen Jahrzehnten der Krise und der Gärung fast bis zur Schwelle der neuesten Zeit nicht gegeben: eine Generationenfrage. Zwar bekämpften sich auf dem geliebten und traditionsreichen Schlachtfelde der Literatur»Alte« und »Junge«. Aber ein Aufstand der Söhne gegen die Väter, einen jugenddurchbrausten Ansturm gegen die staatlichen Fundamente, eine Separatrevolution neben den Aelteren oder gegen sie— das ist ein Novum für Frankreich. Das »Bündische« der deutschen Jugendbewegung, die Schwärme und Schwüre auf Führer, die programmatische Subordination, womit ein Teil der bürgerlich-intellektuellen Jugend seit der Tagung am Hohen Meißner alle individuellen Entscheidungen verneinte; das war für die französische Jugend bisher eine fremde und wenig liebenswerte Welt. Als diese organisierten Teüe der deutschen jungen Menschen bereits anfingen, die Idee der Humanität für veraltet zu halten und zu verleugnen— die Darstellung der Zusammenhänge zwischen bürgerücher deutscher Jugendbewegung und dem Nation alsozialis- mua muß noch geschrieben werden— lebte die französische Jugend im vollen Glaubenszauber der selbstverantwortlichen freien Entscheidungen des Geistes. Auch die Geschichte der europäischen Arbeiterjugendbewegung zeigt ähnliche Gegensätze. Sie sind nicht nur aus den Verschiedenheiten des Volkscharakters zu erklären. Die französischen Institutionen beruhen auf der kleinstädtischen bürgerlichen Mittelklasse und den Bauern. An diesen Betonwänden brachen sich immer wieder die politischen und sozialen Wellengänge. Als in Deutschland die Umwertung aller gesellschaftlichen und psychologischen Faktoren im fieberhaften Tempo der Nachkriegsjahre längst im vollen Zuge war, gab es in Frankreich im Bewußtsein der mittleren Schichten noch eine geordnete Hierarchie der Existenzsicherheiten und des Aufstiegs. I Feinere Ohren vernahmen bereits ein fernes Gewittergrollen. Aber noch war es weder ein Problem noch eine Gefahr. *** Einige Jahre später. Ueberau in Frankreich spricht und schreibt man von drängenden Jugendfragen. Turbulente Sekten mit esoterischen Königsträumen, die sich bisher mit gelegentlichen Straßenrevolten vergnügten, schweUen auf einmal zu»Bewegungen« an. Dem Obersten De la Roque folgen junge Leute mit extatischen Augen. Universitätskraverbünden zu können. Schon wird die Provinz, wenn auch noch in gewissen Abständen, von dieser Unruhe erfaßt. In mittleren Städten entstehen auf einmal Büros der nationalistischen Verbände, die von jungen Leuten umlagert sind, und mit geheimnisvollen Geldmitteln mieten oder erwerben sie Häuser, die beklemmende ParaUelen ins Gedächtnis zurückrufen. Selbst im sozialistischen und radikalsozialistischen Süden dringen sie vor, wenn auch noch bespöttelt und nicht ernst genommen von denen, die die französische Skepsis gegen jugendlichen Ueberschwang und Nachahmungstrieb mobilisieren. Ein Ley ist nicht glücklich »Wir wissen es aUe, daß die Satten nicht glücklich sind, im Gegenteil, sie haben manchmal sehr viele Bedrängnisse und Beschwerden.« (Robert Ley. Deutschland ist schöner geworden. Mit einem Porträt des Verfassers.) Zeichnung von Henry Dubois. walle studentischer Minderheiten, heimlich beschützt von konjunkturbeflissenen Hoch- schullehrem, erinnern peinlich daran, wie es in Deutschland»anfing«. Leon Blum, der Führer derjenigen Partei, die für die freiheitlichen Ideale der Nation am entschlossensten zu kämpfen bereit ist, wird von jungen Rüpeln mit Abzeichen auf der Straße überfallen und blutig verletzt. In die bisher so geschlossene Institution der Familie dringt— eine besonders aufschlußreiche Erscheinung— der Streit der Söhne gegen die Väter, der Brüder gegen die Brüder bis zur haßerfüllten Entzweiung. Das betrifft keineswegs allein das ewig bewegte Paris, wo die rivalisierenden Organisationen der Royalisten, der Feuer- kreuzler, der Patriotischen Jugend zu»Taten« entschlossen sind, ohne sich zu einer gemeinsamen Aktion zum Staatsstreich zunächst noch kleiner Teil der französischen Publizistik bekundet deutliche Sympathien. Schon argumentiert der politische Indifferentismus;»Man kann nie wissen«, und aus den Mittelschichten hört man den Ruf nach»Ordnung« und nach einem ehernen»Retter«... Manches kommt uns nur zu bekannt vor. Besteht bereits eine aktuelle faschistische Gefahr? Noch darf man die Frage verneinen. Es gibt in Frankreich keinen machtbeflissenen Großgrundbesitz, keinen Militärstaat im Staate, keine soldatisch gedrillte Privatarmee. Aber verdächtig bleibt im Hintergrunde, mit starken unterirdischen Einflüssen in den Parlamenten und in der Presse, die mit dem Finanzkapital koordinierte Schwerindustrie. Am Himmel der französischen Demokratie ballen sich Gewitterwolken. Es gibt keine Jeunesse doree mehr, aber schon taucht die Frage auf: wird sich die französische Jugend vom Golde kaufen und vom Golde mißbrauchen lassen, um den Spendern das faschistische Paradies zu bereiten? ♦*» Vor kurzem erschien in zahlreichen französischen Blättern ein Aufsatz von Joseph Caillaux:»Deutsche Jugend— französische Jugend.« Caillaux hat ein langes und bewegtes Leben als Parlamentarier in vorderster Reihe hinter sich. Sein großer Gegner Clemen- ceau ließ ihn unter der Anklage der Konspiration mit dem Feinde während des Krieges verhaften und verurteilen; seinen Kampf um Freiheit und Rehabilitierung hat Caillaux in einem eindrucksvollen Buche geschildert. Sein Spezialgebiet als Politiker waren die Finanzfragen der Nation. Die Tatsache, daß gerade er, ein kühler Rechner und, wenigstens nach außen hin, immer ein nüchterner und zurückhaltender Denker, sich jetzt auf einmal der brennenden Problematik der Jugend beschäftigt und Lösungsversuche für sie anstrebt, spricht für sich. Caiüaux steht diesen Gegensatz zwischen der deutschen und der französischen Jugend fest:-»Die französische Jugend würde sich nie so völlig in einen Staatsapparat einsperren lassen wie die deutsche Jugend, die in einer organisierten Gesamtheit lebt, wo aUes vom gleichen Geiste beseelt ist.« Durch Krieg, politische Umwälzung, Inflation und Krise sei die durch die Jugendbewegung disziplinierte deutsche Jugend in den Zustand einer»Angst vor dem Leben« hineingeraten, in viel stärkerem Maße als ihre ausländischen Kameraden. Zugleich aber sei ihr glaubhaft gemacht worden, daß die nationale Verantwortung überwiegend auf ihren Schultern ruhe; »Hitler machte sich zum Echo ihrer Ansprüche, mit einem solchen Verführungsreichtum, mit einer solchen Illusionsgewalt, daß sie zu ihm kam, für ihn kämpfte und ihn schließlich zur Macht trug. Der Jugend, die nicht mehr an das Leben glaubte, wurde vom Führer versprochen, die maßgebende Funktion in dem großen gemeinschaftlichen Werk zu übernehmen. Er glaubte, daß diese psychologische Anerkennung genügen würde, ihr den Willen zur Lebensbejahung wiederzugeben...« Caillaux sieht richtig, daß die Faszinierung einer verzweifelten und hoffnungslosen Jugend ein entscheidendes demagogisches Hilfsmittel des Nationalsozialismus gewesen ist. Wohl verstanden: vor allem der intellektuellen Jugend, die in einem politisch und sozial zersetzten Gesellschaftskörper am leichtesten»revolutionär« mißbraucht werden kann. Hat Hitler, so fragt Caillaux, der Jugend den »Glauben« erhalten? Der Hinweis auf die Minderung der Arbeitslosigkeit ist für ihn nicht beweiskräftig, denn für einen großen Teil der Jugend sei diese Frage»gelöst« worden in Arbeitslagern und Kasernen. Schon glauben die führenden Hitleranhänger selber nicht mehr an ihren psychologischen Erfolg. Unter der studentischen Jugend wittern sie bolschewistische Umtriebe, man fürchtet den Widerstand der katholischen Jugend, kurz, sie fühlen bereits angstvoll die Erschütterung des Vertrauens, mit banger Furcht vor dem Geiste, den sie selbst erweckt, bis»zur Lust zur Grausamkeit«. Und die französische Jugend? Auch sie wird stark beeinflußt von der ökonomischen Unsicherheit, wenn auch in anderer Weise als die deutsche. Noch ist die französische Mittelklasse nach der Meinung von Caiüaux sozial und politisch kräftig genug, die Demokratie zu sichern. Aber schon stehen daneben der Einwand und die Sorge: »Der soziale Konkurrenzkampf richtet sich auch In Frankreich mit voller Schärfe gegen die Intellektuellen... Dazu kommt die ungeheure Ueberfüllung der französischen Universitäten. In immer größerer Zahl werden Akademiker mit abgeschlossenem Studium in eine Gesellschaft zurückgeworfen, die bereits mit Intellektuellen übersättigt ist. Den Geisteszustand dieser Arbeitslosen kann man sich leicht vorstellen: sie verlleren den schönen Enthuslasmas nnd verfallen einem Pessimismus ohne alles Hoffen...« Sehr tief gehen Caillaux* Betrachtungen nicht. Er, ein Liberaler alten Schlages, wirtschaftlicher Individualist ohne alle Beziehungen zu den Problemen einer grundlegenden gesell schaf tlichen Neuordnung, begnügt sich zum Schluß mit einem unverbindlichen Optimismus. Er meint, die gleiche Jugendkrise müßte die beiden Völker zusammenführen, um der Welt endlich den Frieden zu geben. Es sei eine alte Wahrheit, daß die Not Haß und Intoleranz erzeuge Sowohl die Hitlerdiktatur wie die französische Demokratie sollten sich gemeinsam um die Jugend bemühen,»die zugleich die Hoffnung, aber auch die Gefahr für die Zukunft ist,« Caillaux sucht mühevoll nach einem Ausweg aus der Verlegenheit. Aus ihm spricht die Ohnmacht des Politikers der alten Schule vor Problemen, die bisher nicht aktuell waren. Zwar sieht er die soziale Seite der Jugendkrise mit der Begabung des geschulten Analytikers sehr genau, aber er sieht nicht die politische Sprengkraft dieses Phänomens, die auch in seinem Lande beginnt, die freiheitlichen Grundrechte der Demokratie zu berühren. Schon der Gedanke, daß die braune deutsche Diktatur gemeinsam mit der französischen Demokratie an der Ueberwindung der Leiden der Jugend arbeiten könnte, ist ein Musterbeispiel jener wohlmeinenden Illusionspolitik, die die Wachsamkeit vor den gewalttätigen Störern des europäischen Friedens in gefährlicher Weise schwächt. Deutsche Jugend, französische Jugend als Wegbahner des Friedens? Der Friedensgedanke von Caillaux läuft auf einen Frieden zwischen Wölfen und Schafen hinaus. Der unsrige ist anders. Die jungen Menschen sind, hüben wie drüben, mit verschiedenartigen Akzenten, Geschöpfe der Krise der kapitalistischen Welt. Wenn ihre Stimmen auch fremd und verworren klingen für jeden, dessen Ausgangspunkt für alle politischen und geistigen Entscheidungen die Anerkennung der Menschenrechte ist, so hört man hinter deutschen Kommandoschreien und französischem Straßenlärm doch den Sehnsuchtsruf der enttäuschten Jugend, endlich in einer neuen Sozialordnung der Gerechtigkeit ihren Lebensanspruch erfüllt zu wissen. Diese Jugend gebärdet sich nationalistisch und wird allzu leicht das Opfer kaltrechnender Demagogen, aber zugleich nimmt der sozialistische Gedanke, seinen Trägern oft unbewußt, als entscheidendes Bekenntnis von ihr Besitz. Um dieser Jugend willen muß der Sozialismus alte Formeln vergessen können, damit er verstanden werde und mit der Gesinnung zugleich die Fantasie entzünde. Nur auf dieser Ebene vermag die echte europäische Verständigung Gestalt zu gewinnen, und eines Tages, nach revoluüo- Von der Internationale der Härder Das Attentat auf Leon Blum und die Faschismus und nationalistische Hetze gehören zusammen. Die Morddrohungen der französischen Hetzer, gegen die das republikanische Frankreich und seine Regierung sich mit großer Entschiedenheit erheben, unterscheiden sich in nichts von den Morddrohungen, die wir in der deutschen Republik vierzehn Jahre lang erlebt haben. Die freiheitlichen Kräfte in den Völkern sind langmütig, viel zu langmütig gegenüber diesen öffentlichen Verbrechern! Haben wir es nicht erlebt, daß die Frick, Göbbels, Göring und andere von der Tribüne des Deutschen Reichstags ungestraft zum Mord auffordern durften, ohne auch nur einen Ordnungsruf zu riskieren, daß das deutsche Reichsgericht sich bei der Erklärung Hitlers beruhigte, daß Köpfe nur»ganz legal« rollen würden? Die gleiche Erfahrung wie wir haben auch die Franzosen gemacht— am Ende ihrer Erfahrungen stand die Ermordung von Jean Jaures. Der wirkliche Mörder von J e a n J a u r es ab er war Charles M a u r r a s, jener Literat, der heute wieder der intellektuelle Urheber des Attentats auf Leon Blum ist, und der bisher unbestraft zur Abschlach- tung von 140 Linkspolitikem auffordern konnte! Die freien Völker vergessen immer wieder, daß sie verbrecherische Feinde in ihrer Mitte haben! Sie wissen es, sie müssen es wissen, und dennoch vergessen sie. Unmittelbar nach dem Krieg veröffentlichte Joseph Caillaux ein Buch »Meine Gefangenschaft«, in dem er das Treiben dieser Verbrecher beleuchtete. Wir zitieren daraus: »Ein würdiger Nachfolger des Predigers Läncestre, der durch seine Kanzelreden den Pöbel entflammte, der im Verlauf der Messe die Wachsbilder von Heinrich von Valois und von Heinrich von Navarra durchstechen ließ, war Charles Maurras, der am 18. Juli 1914 in einem Artikel in der»Action Fran- gaise« Jean Jaurös als elende Kreatur behandelt, als Volksfeind, als Schandgeburt, als Verräter, und der zu schreiben wagt;»Bin jeder weiß, Herr Jaures ist Deutschland«, der mit einer Erklärung schließt, die mit einem Aufruf eine seltsame Aehnlichkeit hat: »Man weiß, daß unsere Politik nicht In Worten besteht. Dem Realismus der Ideen nären Prozessen und politischen Willensakten von unvorhersehbarer Größe, wird diese Jugend wieder wissen, daß es für sie kein lebenswertes Leben geben kann, ohne die menschliche Freiheit und ohne die menschliche Würde, weil ohne sie jede politische Formung und jeder gesellschaftliche Neubau in Staub und in Chaos endet. Andreas Howald. entspricht die Ernsthaftigkeit Handlungen.« Dreizehn Tage später wird das Oberhaupt der Sozialistenpartei tödlich getroffen. Er hatte es ein Jahr vorher vorausgesehen und vorausgesagt. Am jM. Juli 1913 rief er von der Rednertribüne der Kammer:»Zur Stunde gellt gegen uns in Ihren Zeitungen, in Ihren Artikeln, bei allen, die Sie unterstützen— Sie verstehen mich recht—, o h ne Ende Aufruf zum Mord. Es finden sich da Verleumdungen, mörderisch und dumm ohne Grenzen. So weit ist es mit Ihnen gekommen: Nach spaltenlangen Verleumdungen fügen dann Ihre Zeitungen im Hinblick auf mich, auf uns, auf unsere Freunde hinzu: »Zu dieser Erledigung wird am Tage der Mobilmachung eine gründlichere Hinrichtung kommen.« Die Hinrichtung fand statt. Sie wurde vollzogen durch V i 1 1 a 1 n, und ich wette, wäre er einem unverzüglichen Sühneakt zum Opfer gefallen, so hätten die, welche ihn angestiftet, zu seinen Gunsten in irgendeinem dunklen Winkel, in irgendeiner Kapelle der Rue Monsieur, welche die Eingeweihten wohl kennen, die Geste der Mutter des Herzogs von Mayenne und der Frau von Mont- pensier wiederholt, die zum Altar der Franziskaner hinaufgestiegen und bei Kerzenschein vor den knieenden Gläubigen Jacques Clement feierten.« »1917 wird eine royalist'sche Zeitung gegründet. Sie geht zunächst mit anderen Organen gleicher Färbung zusammen; bald saugt sie alle diese auf oder kontrolliert sie. Zwei Leiter: L4on Daudet, der Sohn des großen Romanschreibers, von dem Victor Bäsch geschrieben hat, ihm sei»nach Versuchen in allen Spielarten, nach reichlichem Verspritzen des Giftes, von dem er die Tasche voll hatte, auf die Aerzte— seine Meister—, auf die Schriftsteller und Journalisten— seine Kollegen—, und auf die Freunde seines Vaters— bei seinen vielfältigen Versuchen seine wahre Berufung zu Bewußtsein gekommen: er sei ein niedriger Pamphletist geworden, ein Pöre Duchene von Thron und Altar«; und Charles Maurrat, dessen hohen literarischen Wert alle Welt einmütig anerkennt, von dem jedoch die einen behaupten, daß»eine physiologische Schicksalsbestimmung ihn vom Leben der Gegenwart ablenkt«, daß»taub für den Ruf der Wirklichkeit, er dem widersinnigen Traum nachhängt, seine Taubheit auf ganz Frankreich zu übertragen«, daß er zuerst Frankreich In die Anarchie hat stürzen wollen und es nun unbedingt auf den Weg zum Königtum zurückbringen will, den andere, wie zum Beispiel Herr Joseph Reinach, für einen Skeptiker halten, der sich zum Royalisten und Katholiken entwickelt haben soll«, aus der Laune eines Einfalls heraus nach dem Vorbüde von Honorä de Balzac. Auf jeden Fall stellt Herr Charles Maurras In den Dienst der Sache, die er unterstützt, aus welchen Gründen es auch „Action Franca ise der n sei, ein seltenes polemisches Talent und eine, sagen wir ruhig unverschämte Dialektik; er hat das Andenken des Obersten Henry(des Fälschers der Dreyfuß- Affäre) mit über- schwänglichen Ruhmeserhebungen überhäuft: »Herr Oberst«, schrieb er im September 1899 in der»Gazette de France«,»Ihre unglückselige Fälschung wird zu Ihren besten Kriegstaten gezählt werden.« Er hat es gewagt, zu sagen:»Der Oberst Henry war zugleich unser Erzieher.« Wenn man den Satz auf die Goldwaage legen wollte, so müßte man daraus schüeßen, daß der Theoretiker der Monarchie sich gebildet hat In der Schule eines Offiziers, welcher der Fälschung überführt, aller Wahrscheinlichkeit nach der schwersten Verbrechen schuldig ist. Zugegeben, daß er sich an jenem Tage durch die Hitze der Polemik bat hinreißen lassen, so hat er doch, wie er dies unglaubliche Wort hinwarf, Gelegenheit geboten, einen Zynismus zu ermessen, von dem man zum mindesten sagen kann, daß er die Grenze des Wahrscheinlichen überschreitet. Solch unerhörte Kühnheiten werden verhökert In der»Action Frangaise«, einer Zeitung, in der man in den höchsten Tönen den Sturz der Republik verkündet, in der man neue Methoden ankündigt. Bs handelt sich nicht mehr darum, bei den Wahlen die Majorität am erringen; man versichert die Notwendigkeit eines Gewalt- streiches. Hat Charles Maurras übrigens nicht 1908 eine Schrift veröffentlicht;»Ob der Gewaltstreich möglich ist?«, und stößt man nicht in diesem Werk auf folgenden bezeichnenden Satz:»Die Ursache oder der Vorwand für die Umwälzung kann Sedan oder Waterloo sein— aber auch Langson!« Ein Spruch aller Bewunderung würdig, der bereits Herrn Clemenceau mit der Schutzgarde des Königtums vertraut macht, der ihm die Eignung zuschreibt— oder nicht? —, sich zu erheben gegen das, was er und seine Freunde»de Defaitismus« nennen. Aber man beschränkt sich nicht aufs Schreiben, man handelt. Rings um die Zeitung entwickelt sich eine wahre Kampforganisation, und wir werden sehen, ob es nicht am Platze ist, ihr noch einen anderen Namen zu geben. Die Kampforganisation verfügt über mehrere Blätter In Paris und in Frankreich, die alle Abzweigrungen der»Action Frangaise« sind, sie nimmt wichtige strategische Stellungen ein durch die Mitwirkung von ihr angehörenden Redakteuren in zahlreichen nationalistischen Zeitungen; sie beherrscht schließlich die ganze rechtsstehende Presse. Später erwirbt sie Zeitschriften, wie die»Revue Universelle«, hat sie ihr eigenes Verlagshaus: die»Nou- velle Librairie Nationale«, ihre Universität: das Institut der»Action Frangaise«, In dem Dom Bease den 1. Juli 1914 In Reden feiern soll. Sie soll sich ausbreiten in der Liga der »Action Frangaise«, in den Komitees royall- Maß SUr Maß Dramatisierter Stammtisch In der braunen Literatur klappt die neu- deutsche Außenpoütlk erheblich besser als in der rauhen Praxis. Göbbels Schmöcke parieren wie am Schnürchen. Der deutsche Osten wird verraten, die polnischen Grenzen werden für zehn Jahre garantiert— und die bis dahin üppig gediehene antipolnische Belletristik verschwindet auf Kommando aus der Nazipresse. Die Arbeitslosigkeit bleibt, eine Hitlerverheißung entpuppt sich als Schwindel— und Kolbenheyer muß bei den Marxisten abschreiben, muß ein Buch verfertigen über die Notwendigkeit der»übernationalen Produktionsregelung«. Der Kreuzzug gen Osten muß vorbereitet werden und neben antibolschewistischen Romanen erscheint ein Film»Friesennot«(an der Wolga!), der nicht nur dem deutschen Publikum, sondern selbst dem faschistischen Italien so dumm erschien, daß er dort verboten wurde. Die völlige Einkreisung Deutschlands droht, die Hoffnungen auf England verfliegen, also muß ein Ausweg in einer deutsch-französischen Verständigung gesucht werden— und prompt erscheint ein dementsprechendes, nach Maß gearbeitetes Drama:»Der Nachbar zur Linken«. Was?, Ihr zweifelt unsern Friedenswillen an. trotzdem ein diesbezügliches Schauspiel des Knechtes Steguwelt Uber alle unsere Bühnen ging und von unserer Presse befehlsgemäß gelobt wurde? Ein Stück für Völkerverständigung nannten es die Naziblätter, Verständigung»auf der Basis des Frontkämpf ertums«. Wenn die Pariser Regierung eben nicht will, muß man Krach zwischen ihr und den französischen Frontkämpfern zu säen trachten. So beschränkt und zerfahren wie die gesamte Hille räche Außenpolitik, ist die Handlung des neuesten Dramas, Wir zitieren das Königsberger Naziblatt; »Major Gurlitt, der sich anläßlich einer Feier seines Regiments in Berlin aufhält, trifft dort zufällig auf seinen früheren Kriegsgegner und Gefangenen bei Armen- lieres, den französischen Leutnant Fönälon, den er als Gast in«ein Haus bittet. Durch einen unglücklichen Sturz hatte Fänälon in Berlin den Arm gebrochen. Die Parlaer Gazette»Moniteur officiel«, deren Mitarbeiter der Franzose ist, verbreitete die Nachricht, F4nölon wäre auf dem Berliner Regimentsfest mißhandelt worden und läge Im Invalidenhaus. Diese Lüge zeitigt das berechtigte Mißtrauen Gurlltts...»Es scheint mir fast, als wären wir im Kriege gerechter voreinander gewesen«, ist des Deutschen vorwurfsvolle Antwort, bis er sich endlich von Fänälon Uberzeugen läßt, daß die Notiz der Pariser Journaille eine ohne sein Zutun frei erfundene Lüge Ist. Er will alles tun, diese Unwahrhelten über ihn in seinem eigenen Lande vor aller Welt Im Rundfunk zu dementieren. Vergebens aber wartet man am folgenden Tag auf seine Stimme, die der Wahrheit die Ehre geben soll. Gurlitt, der sich für Ihn verbürgt hat, Ist in seinem soldatischen Glauben tief erschüttert. Doch das Wunder geschieht: Leutnant Fen6Ion kehrt mit fünf Kameraden aus Paris zurück, man hatte ihm verboten, zu spreche n.« Aber die Wahrheit siegt, der»Frontkämpfergeist beider Nationen« steht auf wider die Lüge und für die Verständigung. Kann man blöder drauflos phantasieren? Kann man Volk, Parlament und Regierung von Frankreich dümmer beleidigen? Kann man die Vergangenheit des Hakenkreuzes unverfrorener verleugnen? Als in der.Weimarer Demokratie wuchtige Romane und Dramen gegen den Krieg und für emsthafte europäische Verständigung erschienen, saßen die Hakenkreuzler im Parkett Und protestierten mit Krawall, Stinkbomben und weißen Mäusen— heute stellen sie die Klaque für amtlich angeforderte Ver- söhnungsschmarm. Die damals wirkliche Friedensdichtung schrieben oder ihr anhingen, sind seit dem 5. März im KZ, verjagt oder gemordet. Die damals skandallerten— »Stresemann verwese man!«— machen heute Verständigungstheater. In Hitlers Memoiren aber bleibt die Stelle vom ewigen französischen Erbfeind, der zerschmettert werden müsse! Kann ein»totales Regime« totaleren Blödsinn durcheinander quirlen? Und wenn sich zeigt, daß auch diese neue Karte nicht sticht und etwa die Verständigung mit Rußland versucht wird, läßt man »Friesennot«(an der Wolga) einstampfen und schmalzige Dramen Uber den»Nachbar zur Rechten« erscheinen, vier Akte lang, drei Standen breit, alles prompt nach Maß und Bestellung gearbeitet. Nie vorher ist die blödeste Stammtisch- polltik mit derart deutscher Gründlichkeit organisiert und auf Kommando losgelassen worden.. B. Br. Kunstkritik Die»Schlesischen Monatshefte, Blätter für die nationalsozialistische Kultur des deutschen Südostens« loben das Werk eines schlesischen, parteitreuen Malers. Der Aufsatz beginnt; »Wer in der Folge seiner mütterlichen Ahnen, Generation um Generation, auf Bauerngeschlechter in Schlesien zurückblickt, wem väterlicherseits in der Reihe der gleichfalls schlesischen Vorfahren zu den Bauern Soldaten im Wechsel sich einfügten, wer dann einen Vater hatte, der, sicher nicht ohne Kämpfe, einem naturgegebenen Hang naengab und Zeichenlehrer wurde, dem sind wohl Eigenschaften mitgegeben, die sein menschliches Bild im Umriß sehr bestimmt hinstellen werden. Aber zugleich werden sie etwas Unerwartetes, den Drang eines persönlich prägenden Ausgleichs bedingen.« Die bevorzugten Maler des Dritten Reiches malen nicht mit den Pinseln, sie pinseln mit dem Stammbaum. Junge Didifung »Kürzlich hatte ich an den Feuilleton- Schriftleiter einer großen deutschen Tageszeitung geschrieben, er möge mir doch eine Anzahl der Gedichtbände schicken, die unter der Rubrik»Neuerscheinungen« in seinem Blatte verzeichnet waren: es werde mir Freude machen, etwa unter dem Titel »Junge Dichtun g«, eine zusammenfassende Besprechung der Gedichte zu schreiben... Der Redakteur tat mir meinen Willen, und heute kamen mir die Gedichtbänd- chen, vierzehn an der Zahl, ein dickes Päckchen, ins Haus. Nun habe ich die ganze Nacht gesessen und gelesen, gelesen, eins nach dem anderen— und nichts gefunden, was des Lesens wert war. Ich wollte das einfach nicht glauben: Sollte denn gar nichts von all den vielen...? Und ich habe dies und jenes bereits verworfene Bändchen wieder vorgenommen, darin geblättert und den oder jenen Vers, das eine oder andere Gedicht noch einmal, noch zweimal gelesen. rttecher Damen. Sie soO s!cti verliapven m>. ter zahlreichen Gruppen, von denen die wichtigste die Militärliga Ist, weiche die royalisti sehen Offiziere zusammenfaßt. Und um diese Institutionen herum schwärmen In lebhafter Erregung Banden von entschlossenen jungen Leuten, die»Camelots du Roi«, bereit zum Aufstand, den man ihnen täglich anempfiehlt und auf den sie sich in Schlägereien schulen, zu haben für die Beseitigung von Personen, die man nicht offen zu predigen wagt, deren Notwendigkeit man Jedoch durchblicken läßt. Hat Joseph de Malstre nicht geschrieben:»Um die Ideen zu töten, muß man die Menschen töten«? und hat 1911 Dom Besse auf die Frage, die eine katholische Zeitimg des nördlichen Frankreichs ihm stellte, ob man das Recht habe, die Republikaner zu töten, die einer Wiedereinsetzung der Monarchie sich widersetzen würden— hat er nicht geantwortet:»Im gegebenen Augenblick heben sich alle Gewissensbedenken von selbst auf. Die Pflicht erscheint dringend. Die Erörterungen sind in der Praxis müßig. Ich denke doch, daß im entscheidenden Augenblick die Katholiken in der ersten Reihe stehen werden.«»Die verwirrenden Einwände einer gegenstandslosen Kasuistik sind nicht mehr angetan, den Willen zu binden«?(Antwort unter dem Datum vom 7. Juni 1911, wiedergegeben im»Bulletin de la Semaine« vom 4. Oktober 1911.) Der Wille des Villain hat sich durch die verwirrenden Einwände einer gegenstandslosen Kasuistik nicht mehr binden lassen. Wenn man am Tage nach dem Attentat so neugierig gewesen wäre, nach der moralischen Mitschuld beim Morde zu suchen, wenn man geforscht hätte, was hinter der royalistischen Zeitung sich versteckte, dann hätte man mit Leichtigkeit entdecken können, was man 1917 erfuhr: man hätte wissen können, daß eine weit ausgreifende Verschwörung angezettelt war, und daß die »Action Frangaise« nicht nur eine Kampforganisation, sondern dazu noch eine wahre Organisation für Mord und Bürgerkrieg überdeckte. Als in der Tat Durchsuchungen angestellt wurden, hatte man schnell eine ganze Sammlung von Dokumenten, von Briefen und Abschnitten gefunden, die auf die unbestreitbarste Weise dartaten, daß im Augenblick des Kriegsausbruches die Royalisten von der »Action Frangaise« nicht etwa Ina Blaue hinein, sondern mit einer in die geringsten Einzelheiten gehenden Vorsorge den Gewalt- Streich vorbereitet hatten, der Philipp Vm. auf den französischen Thron bringen sollte. Alles war bis ins einzelne hinein geregelt: die Sektionen der»Action Frangaise« sollten hier (Besen Politiker, dort jenen Beamten— alle waren namentlich bezeichnet— dingfest machen; im übrigen machte man Aufhebens; von der Mitwirkung von Offizieren und Regimentern; die Umstände, unter denen der Prätendent die Grenze überschreiten sollte, waren vorgesehen.« Es sind dieselben Kräfte, die Frankreich heute wieder in den Bürgerkrieg Olympia-Geist! »Der deutsche Sportgeist ist berufen, der deutschen Zukunft Ihren Stempel aufzuprägen«— dieses Motto stellte Dr. Geisow, ein treuer Hüter des nationalsozialistischen Geistes innerhalb der deutschen Sportbewegung, seinem Buche:»Deutscher Sportgeist« voran. Dieses Buch erschien lange vor dem Ausbruch des Dritten Reiches und war erwachsen aus dem Kampf der bomiert-nationalistisch-chau- vinistlschen Strömungen im Lager des bürgerlichen �Sportes gegen die internationale sozialistische Sportgesinnung des Arbeitersports. Dieser völkische»deutsche Sportgeist« hatte sein wahres Gesicht schon gezeigt, ehe er das Prinzip des faschistischen Staates wurde. Mancher Skandal im deutschen Sportleben ist auf ihn zurückzuführen. Und was dieser»Geist« für das deutsche Ansehen und für die deutsche Kultur wert ist, das wurde nun auch wieder bei den Olympischen Spielen erkennbar. Das Land des»deutschen Sportgeistes« war ja bekanntlich das gastgebende Land auch bei den Wintersportkämpfen— der »deutsche Sportgeist« ist sich treu geblieben, das kann man ihm— leider!— beachelni- gen. In einer großen katholischen Zeitung, die außerhalb der deutschen Reichsgrenzen erscheint, konnten wir»Etwas über Sport- Moral« lesen, das wir unseren Lesern nicht vorenthalten möchten, da man deutscherseits ja schnell dabei ist, jede Kritik an den deutschen Verhältnissen, die unter aller Kritik sind, als»Emlgrantenhetze« zurückzuweisen. Das katholische Blatt schrieb über die Olympiade: »S o schlimm hatte man es sich nicht gedacht. So also hatte die Auslegung des feierlichen Olympia-Eides ausgesehen, der die repräsentativen Sportler verpflichtet, als echte Sportsleute zu leben und zu kämpfen. Repräsentative Eishockeyspieler hatten vor den Ehrengästen Ohrfeigenszenen geboten, bei einzelnen Eishockeyspielen war es zugegangen, als hätte man es mit Wirtshausraufereien oder mit Boxkämpfen auf dem Eise zu tun gehabt, die Schiedsrichter hatten einmal einer tobenden Primadonna nachgegeben und ihr einige weitere Siegespunkte stürzen wollen— zum Segen der europäischen Reaktion. Ihre innere Verwandtschaft mit den Nationalsozialisten ist unverkennbar,— hat man doch in den Kreisen der»Action Frangaise« der unverhohlenen Bewunderung für Hitler Ausdruck verliehen. Frankreich hat schon einmal diese Bande niedergeschlagen. Der große Kampf um die Dreyfuß- Affäre endete mit dem Sieg des republikanischen Frankreich über die reaktionären Verbrecher. Der französische Ministerpräsident Sarraut hat sich laut zum freiheitsliebenden Volk und seinen Organisationen bekannt; er hat die Anwendung der Gesetze gegen die Verbrecher verkündet Eine neue große Auseinandersetzung zwischen Freiheit und Reaktion ist in Frankreich in Gange. zugeschanzt das andere Mal waren sie dem Wunsche der reichsdeutschen Presse willfährig gewesen und hatten ein österreichisches Paar, wenn auch mit Dezim&lbruch- ziffer, um den verdienten Sieg gebracht einem österreichischen Skiläufer hatte man zwar im Abfahrtslauf das Einfahren der Strecke überantwortet, wobei er— so nebenhin— die beste Leistung gezeigt hatte, aber der offizielle Start war ihm doch nicht erlaubt worden; einem Skilehrer!« Da hat man dann plötzlich entdeckt daß dieser Skilehrer vom Sporte lebt also ein »Profi« ist. Ja, die Olympioniken das Herrn Tschammer-Osten waren natürlich alles echte Amateure! Sie wurden schon seit Monaten mit seidenen Handschuhen behandelt und nur über die Bahn gejagt, eine berufliche Arbeit hatten sie nicht zu leisten, aber von der sportlicben mußten sie auch nicht gerade leben, sondern sie wurden als»deutsche Voiks- genoasen« eben vom Staat zur»Erholung« geschickt. Sie hatten es als Staatsbeamte nicht nötig, Profis zu sein, sie Wichen»Amateure«. Und. was macht es schon, wenn es im Olympia-Eid anders lautet— man hat in Deutschland schon ganz andere Eide gebrochen! Warum soll man es im Sport so ernst nehmen, wo man es nicht einmal in der Politik getan hat? Die ausländischen Teilnehme- haben auch gar kein Recht, sich darüber zu entrüsten, denn Unkenntnis der Gesetze des Dritten Reiches schützt nicht vor Strafe! Aber die ausländischen Sportler sind noch gut weggekommen, die deutschen Antifaschisten kamen mit einigen Hockeyschlägen vor den Schädel nicht davon! Und kein Wintersporteis hat ihre brennenden Wimden gekühlt! Und vor allem sind sie nicht freiwillig in den Rachen des Löwen gekrochen. Immerhin, für ein»Sportfest« war das in Garmisch-Partenkirchen auch genug. Es kann natürlich nicht ausbleiben, daß in einer Nation, der täglich eingeredet wird, sie sei die beste aller Nationen, auch der Sportgeist entsprechend chauvinistisch und borniert nationalistisch sein muß. Wenn man dauernd Siege in der»Erzeugungsschlacht«, in der Außenpolitik, ja auf allen Gebieten des Daseins verkündet kriegt, dann ist es nur folgerichtig, daß man im Sport ebenfalls unter allen Umständen der Sieger sein muß, soll das künstlich hochgepeitschte falsche Selbstbewußtsein nicht einem elenden Katzenjammer Platz machen. Und siegt man nicht, dann muß es eben am Schiedsrichter liegen, der vom Weltjudentum bestochen oder vom rassenpolitischen Amt noch nicht unter die Lupe genommen wurde. Verständlich also, daß in Garmisch-Par- T.enkirchen eine fanatisierte und chauvinistisch überhitzte Zuschauermenge vollstänchg vergessen hat, daß die Olympiade im Zeichen des Symbols der fünf Ringe stattfindet, die nach der Auffassung ihres Schöpfers Coubertln die friedlich miteinander sporttreibenden fünf Kontinente darstellen soll. Es zeigt, sich eben immer wieder, daß der Sport eines Volkes niemals anderer Natur sein kann als seine allgemeine Kultur ist. Es war peinlich, in diesen Tagen die deutschen Sportberichte lesen zu mitesen. Der»Völkische Beobachter« berichtete z. B.: »Es gab Bilder, die mit lautem Jubel begrüßt wurden, und es gab solche, be» denen sich kein Mensch rührte, aus Furcht, einen schönen und viel zu kurzen Traum zu zerstören. Man saß vor diesem Wunder fassungslos, hingerissen und hatte nur ein Bedauern: daß die menschliche Sprache zu arm ist, um das Geschaute auch nur annähernd in Worte zu fassen. Wir schrien, zitterten, jubelten, saßen ganz still und wußten, daß wir eine jener Feierstunden hatten, die das Schicksal nur sparsam aim- teilt.« Und als die Deutschen Bcier und Herber zum Paarkunstlauf die Eisfläche betraten, flammten die Worte auf:»Siegreiches Deutschland«. Aber als die deutsche Eishockeymannschaft von der kanadischen mit 6:2 Toren für Kauada geschlagen wurde, da schrieb der»Völkische Beobachter« in fetter Ueberschrift:»Khrec volle Niederlage der deutschen Eishockeymannschaft«. Und was war das für eine schändliche Holzerei! Nicht einmal der»Völkische Beobachter« konnte verschweigen, wie schändlich die Mannschaft des gastgebenden Deutschland sich verhalten hat.»Kögel geht einen kanadischen Spieler unfair an und wird vom Eis gestellt«.,.»Kögel wird kurz darauf auf eine Minute hinausgestellt, da er einen kanadischen Stürmer von rückwärts den Stock logt und diesen so zu Fall bringt.« Wenn Deutschland mit 6:2 eingesackt wurde, dann jubelte man über die »ehrenvolle Niederlage«, siegte man um ein Haar, dann erschien das Transparent;»Siegreiches Deutschland«,— richtig verloren hat Deutschland niemals. Preisfrage: Wodurch unterscheidet sich eine solche»Olymplade«- Veranstaltung eigentlich noch von einer nationalsozialistischen Kundgebung? Und doch ist dies alles erst der Anfang. Laßt nur erst die Hauptkämpfc im Sommer kommen! Dann wird es vielleicht schwer fallen, zu unterscheiden, oh man sich noch im friedlichen Wettbewerb mit den verschiedenen Nationen oder schon im Kriege gegeneinander befindet. Hier fühlt er mit Adolf Hitler hat wieder zwei Mörder zu lebenslänglichem Zuchthaus begnadigt, den Karl Krüger, der vom Schwurgericht in Torgau zum Tode verurteilt wurde, und den Hellmuth Jäck, über den das Schwurgericht in Braunsberg denselben Spruch gefällt hatte. Beide Begnadigte sind Frauenmörder, der eine hat seine Geliebte, der andere hat seine Tante umgebracht. Es bestätigt sich hier zum achten und neunten Male, was wir schon mehrfach feststellten: der Führer bringt es nicht über sich, Frauenmörder ebenso sterben zu lassen wie politische Ueberzeugungstätor. Ich zieh mich selbst der Dumpfheit und Stumpfheit, der Kälte und Lieblosigkeit, der VerständnisloBigkeit und Ungerechtigkeit— und ich"«bm mir wieder einen Band vor. Aber das traurige Bild der ersten Verse wurde durch die letzten nicht verscheucht, und das zweimalige, dreimalige Lesen ein und desselben Buches machte mich nicht froher. Es machte müde und hoffnungslos: All diese vergebliche Versoschmlederel mitansehen zu müssen und unter den paar hundert Gedichten auch nicht eines zu finden, zu dem man sagen konnte»Ja!«, das einen froh und dankbar machte. Mit Liebe, mit Frische, mit Freude war ich bereit gewesen, viele Junge Dichter kennen zu lernen; wie gerne wollte ich mich mitnehmen lassen in den Schwung ihrer Verse, in den Klang ihrer Sprache, in die Bewegung ihres Fühlens und Denkens! Aber nun war ich traurig, da lag das dicke Versebündel, und was hatte ich vor mir: Papier, sonst nichts...« (Preuß. Ztg., Königsberg vom 7. Febr. 1936.) Dietmar Sdimidt, ein brauner Experte Neudeutschc Philosophiekritik. Herr Dietmar Schmidt— man sollte sich den Namen merken— veröffentlicht in der »Mitteldeutschen Nationalzeitung«»Gedanken zur neuen Philosophie«. Dabei setzt er sich sachverständig mit der»jüdischen Modephilosophie« auseinander,»deren vergiftendes Werken« ihm so vertraut ist, daß er sie noch nicht einmal richtig beim Namen nennen kann. Husserl und seine»Lebensschau« werden mit einer Erbarmungs- losigkeit zerpflückt, die etwas Heroisches an sich hat und die kaum dadurch gemildert wird, dnß ihn dieser Experte nationalsozialistischer Philosophie-Kritik konsequent»Hur- seri« nennt. Daß Schmidt die jüdischen Philosophen beschimpft, ohne sie auch nur beim Famllien- namen zu kennen, geschweige denn, ihre Werke gelesen zu haben, darf man ihm nicht verübeln. Das Ist schließlich sein Auftrag. Sehr bitter wird es jedoch, wenn er den eigenen Kampfgenossen, jenen Philosophen nämlidh, die' sich»am Nationalsozialismus ausgerichtet« haben, Ruhmeskränze windet, ohne zu wissen, wie sie eigentlich heißen. So viel Dummheit sollte selbst In Hitlerdeutach- land verboten sein. Herr Ernst Krieck ist, wie er schon mehrfach versichert hat,»in Geist und Herzen Nationalsozialist«, nldht etwa erst seit der Gründung des neuen Reiches«. Um so stürmischer sollte er Protest erheben, daß ihn Parteigenosse Schmidt beständig als»Emil K r 1 n k« apostrophiert! Auch Alfred Bäumler hat es nicht verdient, sich als B ä m 1 e r durch das Dritte Reich zu schlagen, wo er doch mit seinem richtigen Namen zur positiven philosophischen Garde des Mörderregiments gehört. Man könnte das Ganze für ein höchst wohlgeratenes Kuckucksei halten, das hier ein kühner Kobold der»Mitteldeutschen« ins parteiamtliche Nest gelegt hat. Aber Herr Dietmar Schmidt, Fachmann für all das, was er nicht kennt, ist der ständige philosophische Leitartikler für den geistigen Bedarf der Nazipresse. Und so sieht denn ihr Bedarf auch aus! Pierre. Greuelberldile Greuelberichte aus Sowjetrußland sind in der deutschen Presse sehr beliebt und werden vom Propagandaministerium besonders wohlwollend vermerkt. Es wird Rußlands Sache sein, dafür zu sorgen, daß solche Berichte zur Lüge und diese billigen Ablenkungen von den braunen Greueln unmöglich werden. Manchmal jedoch gehen die Gleichgeschalteten im Eifer zu weit und entblößen Deutschlands Schande. So bringt die»Köln. Volksztg.« einen Bericht:»Wie es in Rußland wirklich aussieht.« In diesem Bericht werden mehrere Fälle dargelegt, in denen die Sowjetbürokratie versagte, schiamperte,»Achtung vor der Persönlichkeit« vermissen und sich Uebergriffe zuschulden kommen ließ. Zweifel sind nicht erlaubt, denn— man zitiert ja aus der Sowjetpresse, man nennt Is- westja, Prawda und Molot. Wohlgemerkt: diese Blätter greifen ihre Partei-Instanzen wegen der oben genannten Fälle scharf an! Wo in HitlordeutschJand ist das Blatt, das sich gestatten könnte, Nazi-Instanzen wogen Korruption oder Uebergriffen auch nur mildo zu ermahnen? Wo? Im Gegenteil; vom Naziführem wurde mehrfach öffentlich vor »ungerechtfertigten Beschweiden« gewarnt; es war für alle ein drohender Wink mit dem Zaunpfahl. Merken die Gledchgoschalteten diesen krassen Unterschied nicht? Wenn die knechtselig gewordene KVZ ihren Rußlandbericht Uberschreibt»Land ohne Menschenwürde«, so weiß sie auch rocht gut, daß hunderte Ihrer Pfarrer im KZ geschunden wurden und noch werden, weil sie die vom Dritten Reich zertretene Menschenwürde: verteidigten. Der Leser weiß es ebenfalls, vergleicht und erkennt, daß sein Blatt keinerlei Gemeinhelten brauner Bonzen tiefer hängen darf, während in Rußland-- usw. Das scheint die Absicht dieser Berichte zu sein, denn sonst wären sie z u dumm... Kraus und verschlungen sind die Pfade, auf denen sich drüben der Geist ans Licht müllem muß. For»(iiungsstellen für deutsche WSssensdiufter Dr. Walter Heitier, damals Professor der Physik an der Universität Göttingen, hat für drei Jahre.eine Forschungsstelle für theoretische Physik an der Universität Bristol erhalten, Dr. Veit Valentin, eine Forschungsstelle für Geschichte am University College, London. Revolution im Frack Zum Abschluß der Reichstagung der nationalsozialistischen Propagandisten in München hielt G ö b b e 1 s eine Rede, in der er laut offiziellem Bericht u. a. sagte; »Nicht ob ein Mann mit einer Uniform oder einem Frack bekleidet sei, kennzeichne ihn als Revolutionär oder Nichtrevolutionär; das Herz, das unter dem Frackhemd und unter der Uniform schlägt, sei das Entscheidende.« Aber nur der Prack berechtigt dazu, keine Uniform zu tragen und sich dabei aufs revolutionäre Herz zu berufen, denn Frack und Uniform regieren in trauter Gemeinschaft. Wo sind die Zeiten hin, da Frack-Josef noch tapfer gegen die»feinen Leute« wetterte? Auf der Straße zum Krieg Arbeitssoldaientum— Frontkameradsdiaft—' Kriegsideologie Nationalsozialismus heißt Krieg. Hitler, jede Regung der Arbedtssoldaten— Solidarität verboten ist: »Gleichmacherei und nivellierender Kollektivismus sind unversöhnliche Gegensätze aristokratischen Lei- des neuen Arbeiterdrängt auf die territoriale Erweiterung des Landes und auf Ausdehnung der imperialistischen Machtsphäre. In drei Jahren sind die außenpolitischen Spannungen unerhört verschärft und Deutschlands Isolierung zur Tatsache geworden. Das Regime hat alles, nicht zuletzt Arbeit und Wirtschaft dem Kriegszweck untergeordnet. Denn Reichtum, der sich über das Heer ergießt, entspricht genau der Armut der Nation. Der faschistische Militarismus kann sich nicht begnügen, in Kriegsmaterial und Waffen zu erstarren. Er muß vor allem d i e Menschen im ganzen erfassen und sei es um den Preis einer völligen Verödung von Geist und Gemüt. In erster Linie sind Arbeiter und Bauern ausersehen, das Opfer dieser systematisch gezüchteten Kriegsideologie zu werden. Es war von Anfang an Wesen, Inhalt und Zweck der sog. Deutschen Arbeitsfront, die Einheit zwischen Arbeitertum und Soldaten- tum herzustellen. Begriffe, wie Volksgemeinschaft Gefolgschaft Frontgemeinschaft Betriebsappelle und Arbeitssoldatentum werden nun Jahr um Jahr in die Arbeiterschaft hin- edngehämmert Selbst die NSBO war noch zu zivilistisch angehaucht ihre Erziehungsmission haben neuerdings die Werkscharen übernommen. Während eine Zeitlang noch der schüchterne Versuch gemacht worden war, dem Sol- datentum in Wirtschaft und Betrieb ein soziales Mäntelchen umzuhängen, geht die Presse der DAF jetzt dazu über, in einer offiziellen Verlautbarung über»Arbeitertum und Soldatentumc unverblümt den Alleinzweck zu der nationalsozialistischen Erziehungsarbelt zu verkünden, nämlich Arbeiter und Angestellte kriegsreif zu machen. Die Erhebung des Dritten Reiches, des »starken Staates« über die Nationen wird als geschichtliche Aufgabe des»unbekannten Arbeiters und Soldaten« Adolf Hitler gefeiert. Dann wenden sich die Nazis an die Arbeiter; »Niemand vermag tiefer Wert und Notwendigkeit wehrhaften Geistes zu erkennen und niemand ist berufener zu entschlossener Tat, als der Soldat, der in den Schützengräben der Kriegsfronten und in den I Trichterfeldern der Materialschlachten seine Pflicht tat... Wie Arbeit und Wehr zwei untrennbare J Begriffe wurden, so sind Arbeitertum und Soldatentum aufs engste miteinander verbunden. Deshalb hat der Arbeiter im neuen Reich das gleiche Recht auf Ehre, Ansehen und Geltung, wie der Soldat«; Hier wird offen zugegeben, daß die Betriebsarbeiter im Dritten Reich ihr freies Arbeitertum und Ihr Arbeitsrecht gegen Unfreiheit Unterordnung und soldatische Befehlsgewalt des Unternehmers eingetauscht haben. Die»Frontgemeinschaft« aus der Kriegszelt wird in die Erinnerung zurückgerufen: »Ja der große Tod de» Krieges um uns schuf großes Leben in uns: Volkswende, Volkswerden, Kameradschaft. Nicht Menschenhaß— Menschenliebe wuchs zart aus den harten Herzen.« So feiern jene verlogenen Banden die Frontgemeinschaft aus dem Weltkrieg, die Tausende von Arbedter- Frontkämpfern um ihrer aufrechten Gesinnung, um Ihrer menschlichen Betätigung willen Tag um Tag schänden und zu Tode martern. Im gleichen Atemzug, In dem dar»Umwandlung»- und Annäherungsprozeß« im neuen Deutschland vorgetäuscht wird, schreibt der»Grundstein« in einer verlorenen Ecke selnea Blattes:»A propoe Geschäftsbericht« uhd macht sich lustig über den Inhalt der soeben erschienenen»Geschäftsberichte« der Industriegesell- schaften. Man sollte doch nicht mehr von sozialen»Lasten« berichten, wenn es darum geht,»den Mitarbeitern die Sorglosigkeit für ihr Leben« zu sichern. Man vermißt in den Geschäftsberichten etwas über»die soziale Betätigung«: >... es brauchen ja nicht immer Geldaufwendungen sein, über die man berichtet.« Nicht die Ausschüttung der Dividenden interessiert uns heute im Geschäftsbericht, vielmehr die Betreuung der Arbeitskameraden.« Offenbar ist aber über die Betreuung der Frontkameraden von einst wenig zu berichten und das»Frontwunder« wird von den privatkapitalistischen Unternehmern in den Schützengräben der Klassenkämpfe nicht gepflegt. Recht naiv schreibt der»Grundstein« an die Gegenseite seiner Frontgemeinschaft: »Ein Unternehmer soll also nicht immer daran denken, daß alles, was er unternimmt, in jedem Einzelfall rentabel im privatkapitalistischen Sinne sein muß.« Sofort aber wird dem Arbeiter von diesen deutschen»Sozialisten« wieder klar gemacht, daß es immer soziale Stufen gaben muß und stungsprinzip tums.« Darum muß der Arbeitssoldat im faschistischen Deutschland auch begreifen, daß die Personalhierarchie im kapitalistischen Getriebe aus Zweckmäßigkeitsgründen mit dem Vorgesetztensystem der Armee verglichen werden kann. »Vorbild der sozialen Stufung kann hier das Soldatentum sein, dessen vielgestaltige Rangstufimg der verschiedenartigen Leistung und Verantwortung entspricht.« So also ist die Arbeitskameradschaft zwischen Betriebsführer und Gefolgsmann gedacht. Vom General über den Feldwebel zum Gemeinen, vom Direktor über den Werkmeister zum Arbeiter wird aus der»Kameradschaft« der»Kadavergehorsam« nach dem hierarchischen Prinzip durchgeboxt. Die Heloten haben schließlich aus Verständnis für die Frontgemeinschaft Disziplin zu üben. So wird ihre Arbeit»Dienst am Volke«. So wird der Kriegswille des»Führers« zum Willen des Volkes gewandelt. Wir lesen in Hitlers»Mein Kampf«; »Der Kampf des Jahres 1914 wurde den Massen wahrhaftiger Gott nicht aufgezwungen, sondern von dem gesamten Volk selbst begehrL« Der faschistische Ausweg aus Wirtschaftsnot und Arbeitselend wird in seiner neuen Propagandaaktion für Arbeitertum und Soldatentum sichtbar. Der Marxismus, der in den Hirnen und Herzen der deutschen Arbeiterschaft lebt, soll durch die imperialistische Kriegsideologie überwunden werden. Das falsche Ethos der Arbeit soll abgelöst werden durch den Mythos des Völkerkriegs. So heißt es am Schluß der Kundgebung: »Aus Dichtung und Musik, aus Krieg und Frieden, aus Arbeitertum und Erfindergeist, aus den Ahnungen, Träumen und Sehnsüchten vergangener Jahrhunderte strömt nun endlich in das ganze deutsche Volk der klare Wille ein, den Hochdom der Seele für den lebendigen Geist der Nation zu bauen für die Volkskameradschaft. Neben jedem, der so erst wahrhaft lebend den neuen deutschen Geist schafft, schreitet ein Toter und baut heimlich mit.« Und Tausende von den toten Helden der deutschen Arbeiterklasse, die uns als Vollstrecker ihres mit rinnendem Blut geschriebenen Testaments zurückgelassen haben, schreiten mit uns, kämpfen heimlich mit uns im Krieg gegen den Krieg, im Ringen mit dem völkermordenden Paschismus. Die namenlosen toten Proletarier machen es den Lebenden zur Pflicht, sich zur echten Volkskameradschaft des anderen Deutschland zu vereinigen. Was das System Wahl nennt Terror bei der„Vertrauensrätewahl" In Selb war am 17. Januar 1936 Betriebs- vcraammhing der PorzeJJanfabrik Rosenthai. Die Belegschaft dürfte heute 1500 Personen zählen. Höchster Stand der Belegschaft waren 2100 Personen, tiefster Staad 1200 Personen, es werden im Verlaufe der»Arbedta- sch Lacht« 300 Personen eingestellt worden »ein, obwohl meist kurz gearbeitet wird. In dieser Bedegschaftsversammlung war als Referent ein Pg. Seidel von der DAF aus Söhiweinfurt da. Er sagte u. a.: »Es wäre ja nicht mehr notwendig, die Vertrauemsrätewahlen durchzuführen, wir könnten die Vertrau ensräte ja auch ernennen. Alber in der feertem Uoberaeugung, daß jeder deutsche Arbeiter sich restlos hinter die nationalsozialistischen Ziele von der Betriebsgemeinschaft steüe, lassen wir diese Wahl durchführen. Damit wollen wir eindeutig feststellen, ob es noch Feinde unserer Sache gibt. Sollte sieb zeigen, daß es im vierten Jahre unserer Herrschaft noch solche Elemente gibt, dann werden wir mit eisernem Besen auskehren und die Ausgekehrten rücksichtslos auf der Straße liegen lassen. Wer darum glaubt, seiner verbrecherischen Gesinnung gegen den Staat an diesem Wahltag Ausdruck geben zu müssen, der sei gewarnt, und er tue besser, wenn er gleich zu Hause bleibe statt wähle. Solche Schufte sind nicht wert, an den Erfolgen des Führers teilzunehmen, denn nur der Führer sichert ihnen den Arbeitsplatz. Die Wahl ist geheim, das Wahlresultat wird richtig bekannt- gegelben...« Hier erfolgte der Zwischenruf:»Schwindel!« Der Redner Seidel war einen Augenblick ganz bestürzt und schrie dann: >W er hat das gerufen, der soll sofort vortreten?!« Niemand trat vor. Darauf Unterbrechung der Versammlung mit der Aufforderung, der Rufer solle von den anderen, die ihn kennen, gemeldet werden. Nichts rührte sich. Darauf wurde die Versammlung wieder fortgesetzt und Pg. Seidel sagte nur noch: »Dieser feige Wurm wird noch festgestellt werden und dann wird er seine volks- ven-aterisebe Fresse rddht mehr anftan!«— Sprachs und hatte damit seine Rede beendet. Die Belegschaft bei Rosenthal ist der Ansicht, daß nach diesem Tobsuchtsanfall de» Naziredners weiter gespitzelt wird und daß die Wahlen richtige Terrorwahlen sein werden. Man glaubt, daß schon irgendein Verfahren bei der Wahl angewandt werden wird, das eine wirkliche geheime Wahl unmöglich macht. Man braucht ja nur nach einer numerierten Wählerliste abstimmen lassen und die Stimmzettel schön aufeinander in eine Urne legen. Beim Auaeähden der Stimmen hat man dann gleich che Kontrolle über die Wähler an Hand der Wählerliste. Sollten die Arbedter so etwas bemerken, dann erhält natürlich die offizielle Stimme hundert Prozent der Stimmen. A rbeitslosSgkeit als\ erbrechen Methoden der»Arbeitsbeschaffung« in Deutschland. Der nationaJsaziailistische Spießerglauben sieht alle Not der Welt als die bösartige Erfindung böser Personen an; nicht gegen eine untaugliche Gesellschaftsordnung richtet sich daher der Kampf der Herren des Dritten Reiches, sondern gegen Personen, die als die Träger des Bösen angesehen werden, wie die Juden und che Marxisten. Geht ein solcher Kampf mit einem auffälligen wirtschaftlichen oder politischen Mißerfolg einher, so werden neue Sündenböcke gesucht, an denen sich die Brutalität einer im letzten Grunde hilf- und ratlosen Politik austoben kann. Im Dritten Reicb ist nicht die verfehlte Agrarpolitik daran schuld, daß keine Lebensmittel vorhanden sind und daß gehamstert wird, sondern die Hamsterer haben die Lebensmittelnot erst verursacht: nicht die reaktionäre Wirtschafts- und Sozialpolitik Ist an der Unzufriedenheit breiter Kreise schuld, sondern die»Meckerer und Kritikaster« stören den»Aufbau« der tausendjährigen Zukunft Deutschlands, So ist es auch kein Wunder, wenn nationalsozialistische Kommunalpolitiker auf den genialen Gedanken kommen, daß an dem Weiterbesteben einer Massenarbeitslosigkeit, an der Pürsorgobedürftigkeit zehn- tausender seit vielen Jahren erwerbsloser Wohlfahrtsempfänger diese selben Arbeits- ganzen Geschichte:»Die Pflichtarbeit soffte dem Unterstützten die Arbeitskraft erhalten (! nicht etwa bessere Ernährung), ihm nach oft jahrelanger Untätigkeit den sittlichen Wert der Aitoedtaleistung wieder bewußt machen und ihm einen etwa fehlenden Auiftrieb zur Annahme einer regulären Freiarbeit geben. Wohlfahrtserwerbelose, die sich dem sittlichen Grundgedanken der Pflichtarbeit nicht beugen wollten, wurden von Jeden weiteren Unterstützungsbezug ausgeschlossen.« Neben den allgemeinen Pflicbtarbedtaraaß- nahmen»____ bestand zur verschärften Prüfung des Arbeitswillens eine besondere Arbeiterkolonie.« In dieser Arbeiterkolonie gab es sogar straf weisen Abzug von der Unterstützung bis zu 30 Pfennig pro Stunde bei unentschuldigter Arbeitsversäumnis und ungenügender Ar- bedtsledstung. Aber es blieb nicht nur bei der bloßen Un- terstützungasperre für»Arbeitsunwillige«. »Es war vielmehr angezeigt, die Polizei direkt zu verständigen, damit diese zur Aufrechterhaltung der öffentlichen Sicherheit und Sittlichkeit mit Arbeitsaufträgen und Bestrafung weiter vorgehen konnte.« Wer dann noch»arbeitsscheu« war, wurde ins»Arbeitsbaus« eingesperrt. Durch diese Maßnahmen hat man der Stadt München 1934 1.2 Millionen Mark»erspart«! Mitton im»Wirtsohaftsfrieden« werden also die Methoden der Militärärzte des Weltkrieges angewendet, die in den Lazaretten den Kranken das Leben durch alle erdenklichen Quälereien so unerträglich zu machen verstanden, daß sie das Trommelfeuer der Front der Hölle des Militärlazaretts vorzogen. Daß auch jetzt nach genau denselben Prinzipien die Opfer der Hitlerschen»Arbeitsschlacht« nur aus einem elenden Dasein in«in andere» gejagt werden, bestätigt noch viel eindringlicher der lakonische Satz des Stuttgarter Berichts;»Eine Reihe von Unterstützungsempfängern, deinen die Leistung von Pflichtarbelt auferlegt wurde, verzichtete auf weitere öffentliche Unterstützung und fand plötzlich wieder Arbelt.« »Der nationalsozialistische Staat ist ein Arbeitsstaat«— deklamiert der Münchner Bericht pathetisch— ja, er ist es; Ein Staat der Zwangsarbeit im tiefsten Elend. F. Schlosser. losen die Schuld tragen, weil es ihnen an »Arbeitswillen« mangelt. Diese Argumentation der spießigsten aller früheren deutschen Parteien, der Wirtschaftspartei, bat sich die Kommunalpolitik der Nationalsozialisten voll und ganz zu eigen gemacht. Zu welchen Brutalitäten gegen die WoMfahrtserwerbsIosen das führt, zeigen die Berichte der Wohlfahrtsämter der beiden süddeutschen Städte München und Stuttgart in der haJibamtlichan»Deutschen Zeitschrift für Wohlfahrtspflege«. Diese Berichte stammen aus einer Zeit, wo das System noch glaubte, in kurzer Zeit die gesamte deutsche Arbeätslosigkeit beseitigen zu können— heute liest man es schon anders. Aber damals— die Berichte wurden im November abgeschlossen und jetzt veröffentlicht— pries man noch die Brutalisierung und Versklavung der ärmsten Bevölkerungsschi ch tan als geniale Methode zur— Bereinigung der Statistik und Entlastung des Etats. Es ist fast selbstverständlich für diese Methoden, wenn in dem Münchner Bericht zu Beginn erklärt wird:»Keine Leistung der Fürsorge ohne Gegenleistung der Be- f ürsorgten.« Die sogenannte Pflichtarbeit für die Wohlfahrtsunterstützung dauert 40 Stunden wöchentlich.— Von einer Lieferung von Arbeitskleidung ist nicht die Rede, obgleich es sich meist um schwere Erdarbeiten handelt. Und dann kommt die Moral der Zeitschcifl füc Saziaiismus Das Februarheft der wissenschaftlich-theoretischen Monatsschrift der reithsdeutschen Sozialdemokratie enthält folgende Beiträge; Karl H enrichsen. Bürgerliche Opposition? A. J ugow. Die Stachanov-Bewegung Pierre Ponce, Der totale Krieg Fritz Alsen, Die Jakobiner-Legende Buchbesprechungen. Zu beziehen durch jede Buchhandlung oder durch die Verlagsanstalt„Graphia". Karlsbad.— IltticcHorraMs ©ojioWcmofraHfd)» H)od>cnbI<»H Herausgeber: Ernst Sattler; verantwortlicher Redakteur: Wenzel Horn; Druck:»Graphia«; alle In Karlsbad. Zeitungstarif bew. m. P. D. ZI. 159.334/VII-193S. Printed in Czechoslovakia. Der»Neue Vorwärts« kostet im Einzelverkauf innerhalb der CSR Kö 1.40(für ein Quartal bei freier Zustellung Kö 18.—). Preis der Einzelnummer im Ausland Kö 2.—(Kö 24.— für das Quartal) oder deren Gegenwert In der Landeswährung(die Bezugspreise für das Quartal stehen in Klammern): Argentinien Pes. 0.30(3.60), Belgien Belga 0.48(5.90). Bulgarien Lew 8.—(96.—). Danzig Guld. 0.45 (5.40), Deutschland Mk. 0.25(3—). Estland E. Kr. 0.22(2.64), Finnland Fmk. 4.—(48.—), Frankreich Frs. 1.50(18.—), Großbritannien d 4.—(Sh. 4.—). Holland Gld. 0.15(1.80). Italien LIr. 1.10(13.20). Jugoslawien Din. 4.50 (54.—), Lettland Lat. 0.30(3.60), Litauen UL 0.55(6.60), Luxemburg B. Frs. 2.45(29.50), Norwegen Kr. 0.35(4.20), Oesterreich Sch. 0.40(4.80), Palästina P. PL 0.020(0.216), Polen Zloty 0.50(6.—), Portugal Esc. 2.— (24.—), Rumänien Lei 10.—(120.—), Schweden Kr. 0.35(4.20), Schweiz Frs. 0.30(3.60), Spanien Pes. 0.70(8.40), Ungarn Pengö 0.35 (4.20). 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