Nr. 143 SONNTAG, 8. März 1936 (SosloltemalraKfcfos tt>od)gnfrla# Verlag; Karlsbad, Haus„Graphia"— Preise und Bezugsbedingungen siehe Beiblatt letzte Seite Aus dem Inhalt; Schacht gegen Hitler Das Rätsel van der Lübbe Die braune Betriebswanze Robespierre im Dritten Reich Unruhe Im uestdeutschen Industriegebiet Wachsende Unsicherheit bei den Behörden. Brutaler Gestapoterror.— Die Stimmung der Bevölkerung im Rüstungszentrum Einem Bericht der illegalen Sozialdemokraten und Gewerkschafter des Bezirkes Ruhrgebiet-Westfalen vom 26. Februar entnehmen wir: ... Je lauter und aufdringlicher die Nazipropaganda durch Presse, Radio und Reden die sozialen unfj moralischen Erfolge HlUer- deutschlands preisen, desto erbärmlicher ist der wirkliche Zustand. Der starke Mangel an wichtigen Lebensmitteln Im November und Dezember blieb bis weit in die Reihen des wirtschaftlich»besseren« Bürgertums nicht ohne Wirkung. In den Wirtschaftskreisen machte sich eine Unruhe bemerkbar, die abgesehen von rein politischen Ueberlegungen, die Oeffentlichkeit außerhalb der politischen Arbeiterschaft erregte. Die Geschäftswelt entschuldigte sich entweder bei der unbefriedigten Käuferschaft mit mehr und weniger vorsichtigen Hinwelsen auf die vernichtende Wirtschaftspolitik der Naziregierung oder erklärte grob, man solle sich doch an verantwortlicher Stelle Uber die unhaltbaren Zustände beschweren. Ganz ernsthafte Menschen im intellektuellen Bürgertum gaben In laufenden Diskussionen Ihre große Sorge um die wirtschaftliche Zukunft Deutschlands kund. Dennoch kann sich der Staat auch(fie drückendsten Maßnahmen noch immer erlauben, da er einmal die volle Macht hat und das polltisch ungebildete Bürgertum noch Immer in Furcht vor dem»Bolschewismus« lebt. Es gibt auch Stimmen im Bürgertum, die sagen:»Hitler hat ja auch eine furchtbare Erbschaft übernommen. Trotzdem hat er die Arbeitslosigkeit besed- Ugt und die Armee wieder aufgebaut. Ohne Hitler wären wir alle im Bolschewismus untergegangen.« Diese Teile Im Bürgertum sind parteipolitisch völlig indifferent. Das Intelligentere BUrgertum, man darf es trotz seiner bunten Gruppierungen nicht unterschätzen, ist a n 1 1- nationalsozialistisch. Sehr stark herrscht in diesen Kreisen auch eine anti- hitlerische Stimmung. Hier wächst bemerkbar eine polltische Haltung. In diesen Kreisen besteht auch beste Sympathie für Sozialdemokraten und Gewerkschaftler. Es handelt sich um Handwerksmeister, Gewerbetreibende, Werkmeister, Beamte und Angestellte In Verwaltung und Industrie, Lehrer, Aerzte, Rechtsanwälte, Wissenschaftler und Künstler. Früher haben viele Personen aus diesen Schichten in den Komunen und in amtlichen und halbamtlichen Einrichtungen sozialer und kultureller Art Funktionen ausgeübt. Sie waren in der ersten Zeit des Dritten Reichs erst einmal froh, daß sie keine Verantwortung mehr tragen und keine »lästige« ehrenamtliche Tätigkeit mehr ausüben brauchten oder sie hatten sich aus Existenzgründen gleichgeschaltet und müssen bis jetzt die verheerende Tätigkeit der neuen Herren mitansehen. Aua ihrer früheren Tätigkeit haben aber auch diese Menschen ein gewisses Urteil über öffentliche Tätigkeit und sind über die nationalsozialistische Praxis verbittert. Außerdem gehörten diese Bürgerlichen den verschiedensten kulturellen, wissenschaftlichen, sozialen und Berufsvereinigrungen an, die entweder völlig beseitigt sind oder so gleichgeschaltet wurden, daß sie ihrem Zweck nicht mehr gerecht werden können. Selbst die rein gesellschaftlichen Vereinigungen sind den Bedürfnissen des Dritten Reiches unterworfen. Dazu kommen Kirchenkampf und Judenverfolgungen. Es gibt wieder ein»gebildetes« Bürgertum, das den Reli- glona- und Rassenkampf aus moralischen, humanen und liberalen»Prinzipien« ablehnt. Im katholischen und protestantischen Westfalen ist im Bürgertum die Ablehnung der Kirchen- und Judenpolitik der Nazis gleich stark. Sie äußert sich bei den Katholiken durch die härtere Verfolgung mehr. Die Nazis gewinnen diesen Kampf auch nicht. Das geistige Band und die große Tradition sind so stark, daß der Staat vor diesen Leuten nur Ruhe bekommt, wenn er große Konzessionen macht Dabei hoffen diese Kreise immer noch, daß die wachsende militärische Macht künftig ihr Bundesgenosse wird. Die mutige Rede des Bischofs von Münster in Xanten hat über- fill große Genugtuung ausgelöst. Durch die Massenvcrhaftuugen von Katholiken, die zum Teil durch Sonderkommandos aus Berlin durchgeführt werden, entsteht wohl im ersten Augenblick lähmender Schrecken, aber die U©- aktiun zeigt sich stets gleich dariutch iu noch festerem Zusammenhalt der Katholiken und durch Massenbesuch der kirchlichen Dienste. Verbittert sind die Katholiken, daß man ihnen gemeinsame Sache mit den Kommunisten vorwirft. Ks werden einfach frühere Kommunisten und in den Gemeinden von früher bekannte Sozialdemokraten mitverhaftet und als»Bolschewisten« bezeichnet. Tatsächlich gibt es keine katholische Organisation, auch keine illegale, die mit Kommu- nisfen gemeinsame Sache macht. Zu Sozialdemokraten besteht hier und da edn freundschaftliches Verhältnis, und bei den katholischen Arbeitern die feste Meinung, daß es in Zukunft keine Spaltung zwischen christlichen und freien Gewerkschaften geben darf. Außerdem verbietet das Wesen illegaler Arbeit eine gemeinsame organisatorische Aktion. Das wissen Regierung und Gestapo sehr gut, behaupten aber das Gegenteil allein aus dem Grunde, weiter mit der Bolschewisten- gefahr operieren zu können. Mit der Zunahme der Arbeitslosigkeit und Kurzarbeit, selbst In verschiedenen Rüstungsbetrieben, mit der fortschreitenden Isolierung Deutschlands In der Welt, mit der hastigen Militarisierung Im Westen, auch In der entmilitarisierten Zone, wächst Im gleichen Tempo(he allgemeine Opposition der westdeutschen Bevölkerung, besonders im Ruhrgebiet und im industriellen Westfalen bis weit in das Münsterland. Die Staats- und Partei Instanzen greifen zu den brutalsten und verzweifeltsten Mitteln, den allgemeinen Abbruch der Stimmung aufzuhalten. Es ist für das System natürlich eine besonders peinliche Angelegenheit, daß in ihrem RUstungszentrum, in der politisch und militärisch so außerordentlich wichtigen Industriezone Deutschlands alle Opponenten aufeinandertreffen. Hier war die Festung des Zentrums, dessen Panelvolk heute fester denn je durch die Kirche zusammengehalten wird; hier sind die Millionenwähler der Kommunisten gewesen, die zu großen Teilen erst den Nazis zuliefen und jetzt wieder in Massen Opponenten des Nazismus sind; hier ist das eigensinnige westfälische Bürgertum, das den Parlamentarismus verwünscht hat voller Wut gegen die Despotie der Naziempor- kömmlinge; hier stehen aber auch die freien Gewerkschaftler und Sozialdemokraten unerschüttert zu ihrer Ueberzeugung. Alle fühlen, daß das System nicht nur wirtschaftlich, sondern auch außenpolitisch« in die gefährlichsten Konflikte kommen muß und dieses Gebiet und seine Bevölkerung dann der Amboß sein wird, auf dem alle Schläge niedersaußen. Hier gibt es keine Stimmung für einen Krieg, für Kolonien und großspurige Reden aufgeblasener Halbstarker gegen das Ausland. In unserem Gebiet weiß man, daß jetzt schon Knappheit an allen ausländischen und wichtigen Rohstoffen besteht. Wir fühlen den Mangel täglich in der Textilindustrie, selbst in der Rüstungsindustrie. Handel und Gewerbe fristen ein klägliches Dasein und ironisieren statistische Angaben der Herren von oben, daß sich die Umsätze in wichtigen Bedarfsartikeln erhöht hätten. Dazu sind die Abgaben aller Art unerhört hoch. Die Arbeiterschaft lebt schon seit 1934 und erst recht ab 1935 wie In den schlechtesten Kriegsjahren. Ihr imponieren die Phrasen von»Ehre« und»nationaler Freiheit«,»Schönheit der Arbeit« und »Kraft durch Freude« nicht im Geringsten. Mit den Bürgerlichen haben auch die Arbeiterkreise eine große Furcht vor einem neuen Kriege, der die Bevölkerung unseres ganzen Gebiets geopfert werden müßte. Darum glaubt noch jeder, daß sich die Mächte in der Welt aufraffen werden, daß sie es nicht erst zu dem großen Kladderadatsch kommen lassen, der in größerem Umfang vernichten müßte, was Uberall nach 1918 aufgebaut wurde. Gibt die Welt dem deutschen Volke keine Chance, sich von dem verbrecherischen System befreien zu können, hilft die Welt nicht, das System vor dem großen Unwetter in die Knie zu zwingen, dann werden in ganz Europa die Folgen furchtbar werden. Das deutsche Volk hat seine Art, seinen Kampf gegen die Barbarei des Hitlerfaschismus zu führen. Es liebt nicht, in so harter Not vom illegalen Kampf Reklame zu machen. Die Opposition sammelt sich vorsichtig aber entschlossen In vielen Lagern. Trotz aller Vorsicht sind die Opfer unermeßlich, wären sie der Welt in ihrem Umfang und in ihrem heroischen Katakombengeist bekannt, die Welt, würde vor Achtung weinen, Schon seit Wochen greifen die Menschenfänger In allen Orten des Westens in die Reihen der Aufrechten und auch im Hitler- faschismus Freien. Unerhörte Folterungen sind an der Tagesordnung. Frauen und Männer werden sadistisch mißhandelt. Wir können nicht einmal die Einzelfälle nennen, weil wir fürchten müssen, daß dann neue Totgeschlagene sich in ihrer Zelle»erhängt« haben. Die wahllosen Verhaftungen erfolgen vielfach aus dem Grunde, weil die Leiter der Aktionen Beute melden wol- I e n. Uns liegen Mitteilungen vor, die Verhaftungen seit Jahren völlig gleichgeschalteter Personen melden. Auch aus den geschilderten Gründen wird das System die Militarisierung der entmilitarisierten Zone durchführen, damit auch hier bei Unruhen die Vollzugsgewalt auf das Militär übergehen kann. Die Bevölkerung fürchtet das Militär nicht, weil man glaubt, daß es so grausam wie die Gestapo und SS nicht sein könne. Die Nazis fürchten aber auch eine Innerpolitische harte Abrechnung und glauben unter Militärbedek- kung besser durchkommen zu können. In verschiedenen Orten sind jetzt schon Eltern von wüsten Nazischlägern gekommen und haben Sozialdemokraten ihre Dienste angeboten, wenn sie später dafür sorgen wollen, daß ihr Sohn,»der ja auch nur Befehlen nachkommen mußte«, nicht zu leiden brauche.« Die ausgestreckte Freundeshand Hitler streckt den Franzosen wieder einmal die Friedenshand entgegen. Er hat nicht die übrigen Kanäle benutzt, sondern spricht durch die Zeitung eines bekannten deutschfreundlichen Franzosen gleich zum französischen Volke— so wie er und Göb- bels durch die gleichgeschaltete Presse zum deutschen Volke reden. Wir halten uns bei den Einzelheiten nicht lange auf. Die Lüge, daß das Buch»Mein Kampf« zur Zeit der Ruhrbesetzung entstanden sei, ist oft genug aufgedeckt worden, und die Deklamation, daß er die Korrektur seines Buches in das große Buch der Geschichte eintragen werde, ist mehr als aus- legungsfähig. Läuft die Geschichte nach seinen geheimen Plänen, dann wird diese Korrektur ganz anders aussehen, als seine Worte heute zu meinen scheinen. Man hat im Ausland, auch namentlich in England, die außergewöhnliche Herz- lichkeit und Wärme seiner Worte zu bedenken gegeben. Die Friedenshoffnungen finden immer noch einen letzten Strohhalm, um sich daran zu klammern. Was von Hitlers Friedensbeteuerungen im allgemeinen zu halten ist, hat man in der Welt allmählich begriffen. Aber vielleicht — so hofft man— sagt er wunderbarer Weise diesmal doch die Wahrheit? Er hat so warm geredet, daß es ihm in diesem speziellen Falle vielleicht doch von Herzen kommt? Das gute Herz und die unbestreitbare Friedensliebe dieser Hoffenden ist immerhin anerkennenswert, aber wehe der Welt, wenn der Friede auf das Wort, die Aufrichtigkeit, oder gar den Tonfall von Hitler gegründet werden sollte. Der Ton allein machts nicht. Auch F 1 a n d i n hat in der französischen Kammer sehr warme Töne gesprochen: »Unser glühender Wunsch ist es, eine große Nation, die der Kultur unbestreitbare und unbestrittene Dienste geleistet hat, ihren Platz in Genf wieder einnehmen zu sehen, auf dem Grund einer absoluten Gleichberechtigung, um mitzuarbeiten an der Wiederherstellung einer Welt, aus der die Arbeitslosigkeit, das Elend und der Krieg durch die Eintracht aller Nationen verbannt ist.« Darin liegt der ganze Unterschied. Flandin spricht von der Rückkehr Deutschlands zum System der kollektiven Sicherheit, für Hitler ist die deutsch-französische Verständigung eine Kriegslist im Kampfe gegen den Völkerbund für die europäische Anarchie, in der der Stärkste und Gewissenloseste Herr ist Das wichtigste an jenem Hitlerinterview über die deutsch-französische Verständigung ist das, worüber er nicht gesprochen hat. Wenn er stürmisch Frankreich seine Freundschaft anträgt, denkt er an den Osten und Südosten Europas, von dem er Frankreich isolieren will, an sein Programm der»Lokalisierung« europäischer Konflikte, das heißt an dielsolierung des Angegriffenen. Diese Politik ist überschrieben: teile und herrsche! Der französisch-sowjetrussische Pakt, gegen den diese ausgestreckte Freundes- Braune Propaganda hancl■jejichtct ist, ist(Ke immittelbare Folgt des Vertiagsbrnchs, der Rüstung und der Kriegsdrohung des Hitlersystems, Das System will nicht die Drohung beseitigen, sondern es will die Abwehr, die die Drohung unwirksam macht, zerbrechen. Wenn das System deutschfranzösische Verständigung sagt, meint es Isolierung Frankreichs. Das System hat den Alpdruck der Koalitionen— aber es hat diesen Alpdruck selbst geschaffen. Und nun stößt und drängt und agitiert es nach allen Seiten, um davon loszukommen. Es fühlt sich dabei schon so stark, daß es selbst ausgestreckte Freundeshände mit unverfrorenen Drohungen versieht. Das Verständigungsinterview und die Drohung mit der Kündigung des Locarnopaktes gehören eng zusammen. Von England will man eine Erweiterung des Flottenpaktes erreichen — aber man erklärt es von vornherein als »Vertragsbruch« wenn die Engländer sich nicht den deutschen Wünschen fügen. Man verhandelt eifrig mit Mussolini, um das Schreckgespenst einer deutsch-italienischen Koalition gegen den Völkerbund aufmarschieren zu lassen, und während man in Westeuropa mit dem bolschewistischen Gespenst Propaganda treibt, gibt man gleichzeitig zu verstehen, daß man sich im Notfall auch wieder mit Sowjetrußland vertragen könne. Die Korrekturen, die Hitler in das Buch der Geschichte einzutragen wünscht, sind durchaus freibleibend. Das ist eine schöne Sorte von Friedens- 1 und Sicherheitspolitik! Wer sich auf sie verlassen wollte, kann in vierzehn Tagen schon selbst völlig verlassen sein. Diese Politik kennt nur ein Prinzip: heute so und morgen wieder anders. Ihre Unberechenbarkeit, ihre Unzuverlässigkeit, ihre Hinterlist- ist unübertreffbar. Diese Politik hat auch ihre innerpolitische Komponente. Das System hat von allem Anfang versucht, seine Politik der Kriegsvorbereitung mit dem Friedenswillen des deutschen Volkes zu decken. Welche schauerliche Pervertierung hat es nicht mit dem Begriffe der Gleichberechtigung vorgenommen! Seine Propaganda will nicht nur die fremden Völker belügen, sondern auch das eigene Volk, daher der Lärm über die Einkreisung, die das System»ich selbst geschaffen hat, daher der Wunsch, sich als das friedfertige, arme, verfolgte Opfer einer Vemichtungs- politik der anderen hinzustellen! Die katastrophale Lage Deutschlands wird allmählich auch dem deutschen Volke bewußt Das System sucht Deckung vor der innenpolitischen Auswirkung dieser Erkenntnis. Je mehr es um seine Massenbasis bangt, um so lauter und herzlicher werden seine verlogenen Friedensgesten werden. Aber es ist nicht allein der Wille, die Kriegspolitik des Systems durch die Zustimmung eines getäuschten Volkes zu verstärken! Alle Machtpolitiker wiesen, daß der moderne Massenkrieg unmöglich ist wenn die Massen der beteiligten Völker nicht vom Kriegsrausch erfaßt werden, wenn es nicht gelingt, Ihnen das Bewußtsein zu geben, daß sie eine gerechte Sache führen. Alle Machtpolitiker suchen darum beizelten nach Deckung für ihre Manöver durch die Gefühle ihrer Völker. So hat Mussolini mindestens ein Jahr lang alle Mittel der Propaganda aufgeboten, um dem abesm- nischen Raubkrieg dem italienischen Volke als eine Angelegenheit des Rechts und der Gerechtigkeit hinzustellen— und es ist ihm gelungen, wider'alle Logik und allen gesunden Menschenverstand. Seit langem arbeitet das Hitlersystem daran, die seelischen Voraussetzungen für einen kommenden Krieg in Deutschland zu schaffen! Jede ausgestreckte Freundeshand ist nichts anderes als ein Stein in diesem Spiele. Je näher das System an den Punkt kommt, an dem seine Rüstung fertig sein wird, um so verdächtiger werden die Friedensbeteuerungen. Für diese Sorte von Machtpolitikern gilt der Satz; Wer am lautesten vom Frieden spricht, will am ehesten den Krieg! Diese Systeme sind mit normalen Regierungssystemen nicht vergleichbar. Wenn Völker aus den Erfahrungen anderer lernen würden, so müßten sie aus den Vorgängen in Japan lernen. Dort zwingt der extreme Flügel der Kriegspartei mit Gewalt und Mord der Regierung und dem Volke seinen Willen auf— den Willen zum Eroberungskrieg. Europa hat keinen Anlaß, über die Morde in Tokio mit der Tröstung hinwegzugehen, daß es sich um Sitten und Anschauungen eines völlig fremden Volkes handele. War nicht der Massenmord vom 30. Juni 1934 noch Eines der Instrumente der braunen Ausl andspropaganda ist der»Deutsche Fichte-Bund E. V., Reichsbund für Deutschtumsarbeit Gegründet Januar 1914«. Dieser Bund versandte Mitte Februar das folgende Werbeschreiben: »Anbei beh&ndigen wir Ihnen außer der deutschen nun auch die englische Ausgabe unseres Memel-Plugblattes. Im Druck befinden sich bereits die spanische, portugiesische und schwedische Ausgabe. Helfen Sie bitte, diese neuen Kampfblätter hinauszuschaffen. Auf Grund der treuen Mithilfe unserer Freunde haben wir im Januar bereits 370.000 Flugblätter In unseren Kampf neu einsetzen können. Wir müssen aber mehr schaffen, um den aus aller Welt einlaufenden Anforderungen zu entsprechen. Deshalb bitten wir Sie, helfen Sie uns durch Ueberwedsung eines Förderbeitrages, die Welt über das ungeheuere Unrecht, das unsere Volksgenossen im Me- melland erdulden müssen, aufzuklären. Außer den Memelflugblättern befinden sich folgende neue Kampfblätter nebst fremdsprachlichen Ausgaben unter der Presse: Nr. 811,»Das deutsche Winterhilfswerk« (Kernstück eines Vortrages, den Hauptamtsleiter Hilgenfeld auf dem Empfangsabend des Außenpolitischen Amtes Berlin hielt). Nr. 821,»Leistungen gegen Lügen«(Ein Tatsachenbericht von Dr. Ley). Abgabe sämtlicher Flugblätter unentgeltlich. Jahresbericht in knappster Form. Im Jahre 1935 haben wir herausgebracht: 11 Flugblätter in deutscher und 64 in fremden Sprachen. Druckaufträge wurden gegeben für 6, 54 5. 000 Flugblätter. Hinausgeschafft wurden 5,008.000 Flugblätter und rund 100 Zentner Bücher und Broschüren. Ein Packen von 1000 Flugblättern ist 6 cm hoch. Die hinausgeschafften Blätter, auf ei n- andergestapelt gedacht, ergeben fast die doppelte Höhe des Kölner Doms. Nebeneinandergelegt ergeben sie eine Wegstrecke von 1400 Kilometern. Postausgänge( ohne Bahn- und Schiffsfrachtsendungen): Briefe und Postkarten 10.451. Drucksachen, Päckchen und Pakete 159.846. Insgesamt 170.297. � Daß wir das schaffen konnten, ist Ihr Verdienst mit. Helfen Sie uns bitte, im neuen Jahr noch mehr für die Aufklärung der Welt und die Nlederringung des deutschen, Hasses tun zu können.« Es versteht sich von selbst, daß e« sich um eine getarnte Stelle der Göbbels-Pro- paganda handelt. grauenhafter als die Ermordung der japanischen Minister? Eß sind nicht die fremden Sitten, es ist nicht die andere Kulturauffassung des japanischen Volkes— es ist der Geist der Eroberungssucht, des imperialistischen Nationalismus und Militarismus, aus dem der Geist der Gewalt und des Mordes hervorwächst Es ist der totale Staat der es den Waffenträgem ermöglicht, willkürlich über die Geschicke des Volkes zu bestimmen. Was gestern In Japan geschehen ist, kann morgen in Deutschland entweder von den G e- stapotruppen oder von Offizieren des Heeres nachgeahmt werden. Die völlige Ordnung in den totalen Staaten ist in Wahrheit eine völlige Anarchie, Diese scheinbar so fest zusammengeschweißten Militärstaaten können am leichtesten die Beute von Abenteuern oder von Verbrechern aus den Reihen der bewaffneten Macht werden, Was sind alle Erklärungen der Staatsmänner solcher Gebilde wert, wenn sie Gefangene ihrer eigenen Gewaltideologie sind! Wenn Hitler heute vorgibt, eine Freundeshand Frankreich entgegenzustrek- ken, so ist diese Geste nicht anders zu bewerten, als wenn japanische Staatsmänner erklären, daß ade immer für den Frieden gewesen seien und nichts anderes wollten als den Frieden. Wahre Verständigung zwischen den Völkern setzt freie Völker voraus— nicht Völker, die im Griff von bewaffneten Aben teuerem und Verbrechern sind! Fünf Todesurteile Opfer der verbrecherischen Terrorjusttz. Im SogeoaimteB lUchardstraSeproseB In Berlin wurden fünf angeklagte Kommunisten: Paul Zimmermann, Bruno Schröter, Helmuth Schweers, Bruno Blank und Walter Schals zum Tode verurteilt, elf weitere Angeklagte erhielten insgesamt ISS Jahre Zuchthau». Die Angeklagten wurden der Erschießung des Gastwirts Borke in Berlin-Neukölln beschuldigt Begangen wurde die Tat im Jahre 1931 in einer Zeit des Bürgerkrieges, in der blutige U eberfälle von Nationalsozialisten auf Sozialdemokraten und Kommunisten an der Tagesordnung waren. Mord und Totschlag wurden von den Nationalsozialisten verübt, aber selbstverständlich denkt kein deutscher Staatsanwalt daran, auch nur einen einzigen Nationalsozialisten wegen seiner Taten von damals vor Gericht zu ziehen. Vielmehr werden die Mörder hochgeehrt, wenn sie Nationalsozialisten sind. Gegner des Nationalsozialismus aber werden, auch wenn sie ganz unschuldig sind, auf falsche Zeugnisse hin wegen Mordes verurteilt und hingerichtet In diesem Falle handelt es sich um einen Racheakt in Justizform. Die Tat ist vor dem Machtautritt Hitlers bereita Gegenstand eines rechtskräf- tigen Urteils gewesen. Von Mord kann bei der Tat nach dem deutschen Strafgesetz keine Rede sein. Die feüe Hit- lerjuatiz hat das rechtskräftige Urteil von damals umgestoßen, die Todesurteile von heute sind Akte jener aller Gerechtigkeit ins Gesicht schlagenden Justiz, die Spe- zialverordnungen mit rückwirkender Kraft an die Stelle des Strafgesetzbuches setzt. Eine Woge der Entrüstung muß die Vollstreckung dieser Todesurteile verhindern! Ehrenliste Das braune System hat abermals eine Reihe von Antifaschisten ausgebürgert, darunter mehrere Sozialdemokraten. Die Liste enthält folgende Namen: Becker, Paul, Chmara, Wilhelm, Doberer, Kurt, Edel, Oskar, Finsterbusch, Hans, Friedrich, Ernst, Goldbaum, Erich, Halle, Felix, Dr. Hallgarten, Wolfgang, Hamburger, Erich, Dr. Hirschfeld, Hans, Holland, Lothar, Dr. Lachmann, Fritz,, Langhoff, Wolfgang, Dr. Laserstein, Botho, Levlnä, geb. Broido, Rosa, May, Gustav, gen. Härtung, Menne, Bernhard, Mlddecke, Hlppollt, Paeschke, Carl, Pol, Heinz, Schumacher, Emst. Stahl, Herbert,-•- BUe Wollenberg. Brich. Zweig, Arnold. Das Vermögen der Ausgebürgarten ist beschlagnahmt worden. Der Haß des Systems ehrt die Betroffenen. Dud&mauser Die sogenannte»Deutsche Arbeitsfront« will Gesundbeitsstammbücher für die Arbeiter einführen. Diese Stammbücher sollen Typenbezeichnungen enthalten, wie »schneidig, schlapp, Veratandesmensch, Gefühlsmensch, Duckmäuser« usw. Diese Neueinführung Hegt ganz In der Richtung der wahren braunen Auffassung vom Arbeiter. Wie Stücke Vieh, die nach wenigen äußerlichen Merkmalen verhandeln werden, wie typisierte Waren sollen sie dem Unternehmertum zur Verfügung gestellt werden. Natürlich werden bei dieser Abstempelung alle Nazis schneidig sein, und alle Neinsager, die auf ihre Menschenwürde nicht verzichten wollen, Duckmäuser, Die Frage des Oberbefc"s Ludendorff hat vor kurzem in seinem Buche»Der totale Krieg« die Frage des Oberbefehls im Kriege aufgeworfen. Die Tendenz dieses Buches besteht in der Forderung, daß Staatsführung und Kriegsführung in der Hand des wirklichen militärischen Oberbefehlshabers vereinigt werden müßten. Die Presaeabteilung des Reichswohrministeriumr. antwortet darauf mit einer Schrift des berüchtigten Majore Jobst über die militärische Bedeutimg der nationalsozialistischen Umwälzung. Diese Schrift enthält ein Vorwort des Reichswehrministers Blomberg, in dem die Behauptung aufgestellt wird, daß die deutsche Aufrüstung von seiner Friedensliebe diktiert sei. Im übrigen vertritt sie die These, daß der totale Krieg den totalen Staat erfordere. Ueber den Oberbefehl sagt die Schrift, Hitler sei als Staatschef, Parteiführer und Oberster Befehlshaber der bewaffneten Macht der Herr von Deutschland, er halte in seiner Hand eine Gewalt, für die es keinen Vergleich in der Geschichte gebe. Aller Gegensatz zwischen Soldat und Bürger, zwischen zivilem und militärischem Denken sei in seiner Person aufgelöst. Man wird nicht verkennen, daß die Rolle, die damit Hitler zugeschrieben wird, einigermaßen der Rolle gleicht, die die japanische Kriegsparta dem japanischen Kaiser gibt. Wer verhaftet wen? Am 18. März beginnt in Berlin der Prozeß wegen des Elnsturzunglücka beim Bau des Berliner S-Bahn-Tuimels. Als Vorspiel zu diesem Prozeß hat sich ein sonderbarer Vorfall ereignet. Die Gestapo erschien in Moabit, um dea Sachbearbeiter der Angelegenheit, den Staat»- �nwaltassessor Riehl zu verhaften— angeblich wegen Homosexualität. Gegen diese Verhaftung widersetzten sich Oberstaatsanwalt R e i m a r und Generalstaatsanwalt Thomas— mit dem Erfolg, daß beide ihrer Aemter entsetzt wurden. Der Generalstaatsanwalt wurde verhaftet. Der beschuldigte Assessor flüchtete. Dieser Vorfall ist unter zwei Gesichtspunkten bezeichnend. Zunächst erhebt sich die Frage: aus welchen Motiven bat die Gestapo In ein schwebendes Verfahren eingegriffen? Hat sie im Dienste einer Interessentenbande gehandelt? Welter aber: die Gestapo ist in Deutschland die oberste Staatsgewalt Sie ist nicht nur den Justizbehörden gleichgeordnet sondern übergeordnet. Im Falle eines Konfliktes ziehen die Justizbehörden den kürzeren; denn die Gestapo vereinigt mit ihrem Machtanspruch zugleich die Anwendung der unmittelbaren Gewalt Die deutsche Justiz untersteht also der Parteipolizei des Systems. Das erklärt ihre Schandurteile. Die sogenannten Richter vergewaltigen das Recht, um nicht selbst von der Gestapo vergewaltigt und totgeprügelt zu werden. Was ist denn da los? Um Irrtümer bei dar Slgnalgebung Im Eisenbahnverkehr zu verhüten, hat der Redchsfin&nzminister angeordnet, daß die im Eisenbahnzolldienst tätigen Amtsträger der Reichafinanzverwaltung in Uniform im Bereich der Gleisanlagen, auf Fahr- zeigec und auf Bahnsteigen nicht mit dem Deutaohen Gruß, sondern in militärischer Form au grüßen haben. Und solche Irrtümer können nur im Bäsan- bahnzolldienst mqglioh sein? Da atärornt was nicht! »Rohstoffe« Die gleichgesohaltete Presse berichtet: Mit dem Schnelldampfer»Bremen« trafen in Bremerbaven sieben Elche und zwanzig Bison-Kühe ein. Die Elche sollen im Naturschutzgebiet Schorfheide ausgesetzt werden, während man mit den Bison-Kühen Kreuzungsversuchc mit europäischen Wisentarten, die bereits seit längerer Zeit in Deutschland gehalten werden, vornehmen will. Der Erwerb der Tiere geschah auf Anregung des Reichajäger- melsters Görln g.< Dafür hat der Schacht Devisen! Für das Privatvergnügen und die Spielereien der braunen Oberbonzen fällt immer noch etwas ab— selbst wenn die Rohstoffe für die Aufrüstung knapp werden. Wenn es keine Devisen mehr für Görlngs Privatwüneche gäbe— welchen Zweck hätte für ihn noch das Dritte Reich? \ Pas Rätsel ran der Lnbfee � V?.' ..... Ein Zeuge über den Reichstagsbrand taucht auf Deutsdie Streifllditer Von Oesterreich gesehen Ein katholischer Geistlicher, Josef Wagner, gibt ein Schulbuch heraus unter«y™ Titel»Das Ist mein Oesterreich«. Iii ist für den Geschichtsunterricht der Haupt- und Mittelschulen bestimmt. Wir lesen da folgende deutschbrUderliche Schilderung der rassischen Vorläufer unsrer heutigen Preußen: Schauen wir ein wenig! Das heute so protzige Berlin wird zur Zeit Leopold des Glorreichen Uberhaupt nicht genannt Die Bewohner seiner Gegend, der Mark Brandenburg, waren damals noch Wenden, also Slaven, und obendrein halbe Heiden. Und die Preußen. O jemine! Die waren zu jener Zeit noch keine Deutschen, son- rlem ein den heutigen Lettländem ver- ■vandter Stamm und gleichfalls Helden. Brst ein Menschenalter später wurde ihnen durch den Deutschen Ritterorden das Christentum und Deutschtum zugleich eingebläut. Dabei hielten sie sich damals schon fUr das klügste Volk der Welt. Kriegerlach und tapfer waren sie, fleißig auch! Aber Menschenopfer und Vielweiberei blUhten! Bier und Met kannten sie; aber gegorene Stutenmilch schmeckte doch viel besser. Gebrechliche Söhne durfte der Vater er- r.äufen; ebenso die Töchter bis auf eine. lanche radikalen Lehren des heutigen Na- t onallsmus mögen auf erblicher Belastung aus jener Zeit beruhen; vielleicht ist das auch bei den Nußknackergesichtern des deutschen Nordens der Fall. Sonst ist von er Kultur der Preußen aus jener Zeit we- uig zu berichten... In den siebziger Jahren des vierzehnten Jahrhunderts unternahmen Albrecht III. und Lepold HI., die Söhne Albrecnt n. des Weisen und Brüder Rudolfs des Stifters, einen Kreuzzug gegen die Preußen. Die waren damals fast so lieb gewinnend wie heute. Einer Ihrer Häuptlinge ließ Gefangene langsam verbrennen oder mit Keulen erschlagen oder mit den Beinen an einem Baum aufhängen. Der Höhepunkt ihrer Kultur aber war folgender: Man schnitt den Gefangenen den Nabel aus und nagelte ihn an einen Baum. Dann trieb man mit Keulenschlägen den armen Teufel so lange um den Baum herum, bis die Eingeweihte aus dem Leib herausgewunden waren. W o wäre einem Oesterreicher je so etwas eingefallen? Diese Brutalität schlägt heute wieder durch. Offenbar erbliche Belastung. Der Verfasser scheint sich bei aller Feindschaft die Geschichtsbetrachtung, die der Oeaterreicher Adolf Hitler den Juden, Marxisten und Freimaurern widmet, zum Muster genommen zu haben. Ueberhaupt sollte ihm die Tatsache zu denken geben, daß die Preußen trotz aller Brutalität und erblichen Belastung den Führer der SA und den Mann des 30. Juni nicht aus den eigenen Nußknackergesichtern hervorbrachten, sondern aus dem kaiserlichen Oesterreich beziehen mußten. Wenn die Jugend der Völker sich aus Geschichtsbüchern wie diesem und aus Dokumenten der Roheit kennenlernt, wie »Mein Kampf«, kann sich Europa noch auf etwas gefaßt machen. Propaganda der ünpopularilät Man sollte meinen, das Ziel jeder Propaganda sei Popularität. Von dem deutschen Reichspropagandamlnister Dr. G ö b b e 1 s hören wir in seinen neuesten Reden, zuletzt in Magdeburg, das Gegenteil. Er ersählt uns, der Nationalsozialismus habe schon in seinen Kampf jahren den Mut zur Unpopularität gehabt, während alle anderen Leute sich erinnern dürften, daß der Leitartikler des»Angriff« und unermtJdUche Volksredner alle Mittel der allerpopulärsten Demagogie angewendet hat, wie sein hoher Chef, der wöchentliche Zirkusredner auch. Im vierten Jahre der Regierung des Verbrechens, des Hungerns und des Schuldenmachens entdeckt man die Unpopularität als eine staatsmännische Tugend des Nationalsozialismus, der sich sonst immer wieder seiner Volksverbundenheit rühmt, sie freilich nie durch freie Aussprache oder freie Wahlen unter Beweis zu stellen wagt. Aber fragen wir uns doch einmal, was denn die von Göbbels nun wiederholt zugegebene Unpopularität bedeutet? Daß die derzeit Regierenden bei der Vielzahl ihrer Gegner, die aufzuzählen unnötig ist, nicht beliebt waren und sind, ist unbestritten. Wenn die Unpopularität des Göbbels und der anderen so wächst, öaB der Propagandaminister sie immer wieder zuzugeben gezwungen ist. so Üegt darin das Eingeständnis, daß die Enttäuschung, die Unzufriedenheit, das Mißtrauen mehr und mehr in die nationalsozialistischen Mitläufer und Keratruppen eindringt. Göbbels meinte in Magdeburg, die Regierung untermauere jede unpopuläre Handlung mit ebenso großen Sozialrevolutionären Verbesserungen. Das ist eine hohle Phrase, die an den Tatsachen zerplatzt. Er fügte hinzu:»Au sich verfügt der Staat über Mittel genug, sich Das Organ der Schwarzen Front veröffentlicht Enthüllungen über den Reichstagsbrand. Der Inhalt dieser Enthüllungen ist, daß Marinua van der Lübbe ein Nazispitzel gewesen sei, der den Auftrag zur Brandstiftung im Stabsquartier der SA- Gruppe Berlin-Brandenburg in der Hedemannstraße in Berlin erhalten habe. Als Zeuge meldet sich Heinz J ü r- ges, bis 1933 Stabswalter in der Gauleitung Berlin und engster Mitarbeiter von Göbbels. Der Zeuge lebt jetzt in Südamerika, er ist im Jahre 1934 in Chile einem Mordansch'ag von Naziagenten entkommen. In seinem Besitz befindet sich ein Ausweis, den van der Lübbe von der SA- Gruppe Berlin-Brandenburg erhalten hat. Das Organ der Schwarzen Front gibt die Aussage von Jürges folgendermaßen wieder: »Am 26. Februar 1933 war Jürges im Hause der Gauleitung Berlin, Vosstr. 11, in seinem Dienstbüro. Am frühen Nachmittag dieses Tages wurde J. von Göbbels Adjutant, Hauke, durch Haustelefon angerufen und aufgefordert. In das Büro des Gauleiters zu kommen. Dort erhielt J. von Hauke den Auftrag, in das Stabsquartier der SA-Gruppe Berlin-Brandenbuiig in der Hedemannstraße zu gehen, um dort In einer Besprechung zwischen einem Holländer und allein durch die Macht seiner Organe zu halten. Das werde aber eine Regierung von nationalsozialisUscher Prägung niemals tun und nie niemals tun wollen.«— Noch hat man die ganze Macht Wir bestreiten es nicht Aber Göbbels ahnt den Weg zum Untergang, wie lange die Entwicklung auch sein möge: zu einer gewissen Zelt wird die Unpopularität so groß werden, daß alle Macht nichts mehr hilft weil sie selber von der allgemeinen Vertrauenskrise erfaßt und erschüttert ist Bruchstellen der Totalität Bei der endgültigen Auflösung des»Stahlhelms« sind dessen Mitglieder, soweit sie noch aus der Kampfzeit stammten, freundlichst eingeladen worden, sich der NSDAP anzuschließen. Wir hörten jüngst von einem führenden Stahlhelm-Mann mit entsprechenden Flüchen auf das A— stloch Seidte, daß nicht ö v, H. der Stahlhelm er Im Reiche dieser Aufforderung zur Desertion gefolgt seien. Der Mann, der das und seine Treue zu Schwarzweißrot beteuert, ist heute ein großer Herr im deutschen Wirtschaftsleben und Im übrigen keineswegs in der Illusion lebend, daß schon bald in Deutschland aufgeräumt werden könnte. Seine Auffassung, daß die Zahl der wirklichen naüonalsoziallstlachen Kämpfer geringer sei, als man gemeinhin annehme, hat neuerdings wiederholt Bestätigung aus nationalsozialistischem Munde erfahren. Der Reichsstatthalter Hlldebrandt hat auf einer Kundgebung dei NS-Dozenten- sebaft in Rostock gesagt. daßnurlOv. H. der Hochschullehrer Parteigenossen seien. Auf einer Führertagung des NS- Lehrerbundes wurde mitgeteüt, daß große Teile der PhUoIogenschaft abseits ständen. In Pommern seien 50 v. H- der Philologenschaft nicht Mitglied des NS-Lehrerbundes, Generalleutnant Da- luege bat in der Zeitschrift»Der deutsche Polizeibeamte« den Anteil der Parteigenossen in der Polizei auf etwa dem SA-Gruppenführer Ernst als Dolmetscher zu fungieren. An dieser Besprechung, die nachmittag gegen vier Uhr stattfand, nahmen folgende Personen teil: SA-Obergruppenführer Edmund Heines, SA-Gruppenführer K. Ernst, Jürges als Dolmetscher und der besagte Holländer, der kein anderer war als eben dieser Marinus van der Lübbe. Die ganze Unterhaltung drehte ach in der Haupt. sachc um Mitteilungen, die v. d. Lübbe über seine Spitzeltatigkeit bei den Kommunisten zu machen hatte. Am Schluß der Besprechung richtete dann Ernst durch Jürges die Frage an v. d. Lübbe, ob er bereit sei und die Courage habe, an einer großen Sache gegen die Kommunisten teilzunehmen, die der besseren Wirkung halber kommunistisch getarnt werden müsse. Van der Lübbe erklärte sich dazu bereit. Am nächsten Vormittag wurde Jürges von Hauke abermals beauftragt, in einer nachmaligen Besprechung zwischen Ernst undv. d. Lübbe als Dolmetscher zu fungieren. Weiter erhielt er den Befehl, dem v. d. Lübbe einen ihm von * der Gauleitung ausgestellten Spezial-Auswels abzunehmen und bei ihm(Hauke) abzuliefern. Die zweite Besprechung im Stabsquartier 20 Prozent berechnet und dieser Prozentsatz ist auch nur erreicht worden, weil viele Republikaner— mehr als ein Viertel der gesamten Beamtenschaft— aus der Polizei hinausgedrängt und dafür»nur alte verdiente Parteigenossen eingestellt wurden.« Das klingt nicht gerade überwältigend und läßt gewisse Rückschlüsse auf die Wehrmacht zu, in die bei der allgemeinen Wehrpflicht ja nun keineswegs nur alte bewährte Parteigenossen eingestellt werden können. Ganz toll aber muß es, wenn man der Zeitschrift»Der SA-Mann« glauben darf, die »Reaktion« in der Studentenschaft treiben. Die alten Korps sind zwar suspendiert, aber sie lösen sich trotz allem Zureden nicht auf, und daß man es beim Zureden beläßt, zeigt, daß hinter den Korps Mächte stehen, mit denen die»Revolution« noch immer nicht fertig wird. Frech bis zum Aeußersten, was sich die Korpsstudenten trotz aller Suspendierung gegenüber den SA-Führern und ihrer geheiligten Hitleruniform herausnehmen. SA- Führer, die dem Befehl des Stabschefs nachkamen, und aus den Korps austraten, wurden von ihren Kommilitonen als ehrlos erklärt. Man verstieg sich zu dem Satze»Ein Hundsfott, der deswegen sein Band niedergelegt hat.« Ein anderer höhnte:»Mein Band lege ich nicht nieder, aus der Partei scheide ich nicht aus; dann werft mich aus der Partei heraus!« Der Aufsatz im SA-Mann klagt, daß SA-Führer und-Männer, die ihrem Diensteid gemäß handelt, als wortbrüchige Geaellen behandelt bürden und»in einer Weise beschimpft, wie man sich im Dritten Reich kaum denken kann.« Das ist immerhin allerhand, wenn man bedenkt, daß dieses offen sich bestätigenden Feinde des totalen braunen Hemdensta&tes Anwärter auf hohe Staatsstellen sind. An Bruchstellen im totalen Staate fehlt es nicht. Jede dieser Lücken erweitert sich, und alle Gewalt wird diesen Lockerungsprozeß nicht aufhalten können. Hannes Wink. der SA fand am 2 7. Februar 193 3, vormittags gegen 10�, statt, bei der aber diesmal nur Ernst, v. d. Lübbe und Jürges zugegen waren. Auch diesmal richteten sich die Fragen von Ernst hauptsächlich auf kommunistische»Putschabsich- ten«, von denen v. d. Lübbe angeblich Einzelheiten von führenden Kommunisten in Erfahrung gebracht haben wollte. Außerdem aber ließ Ernst dem v. d. Lübbe durch Dolmetscher Jürges sagen, er solle sich am Nachmittag gut ausschlafen, da esln der kommenden Nacht viel für ihn zu tun gäbe und an Schlaf wahrscheinlich nicht zu denken sei. Am Schluß dieser Besprechung nahm Jürges dem v. d. Lübbe dann noch den von Hauke erwähnten Ausweis ab und entfernte sich. Erst am Morgen traf J. den Hauke in seinem Büro, wo er ihn den Auswels des v. d. Lübbe übergab. Hauke zerriß denselben in kleine Stücke und warf dieaelben In den Papierkorb. Anschließend kam es dann zwischen J. und Hauke zu einer scharfen Auseinandersetzung wegen der Ursachen des Reichstagsbrandes. J. hatte die Gewißheit, von Göbbels und Hauke ohne vorherige Kenntnis ihrer Absichten In die Vorbereitungen zu einem Verbrechen verwickelt worden zu sein, das ihn möglicherweise mit dem Staatsanwalt in Konflikt bringen konnte. Als er dieser Ansicht Ausdruck gab, erteilte ihm Hauke den strikten Befehl, sowohl über die Besprechungen im Stabsquartier der SA als auch über den Aufenthaltsort des v. d. Lübbe absolutes Stillschweigen zu bewahren, widrigenfalls er die Folgen am eigenen Leibe zu fühlen bekäme. Einige Zeit später, nachdem Hauke das Haus der Gauleitung verlassen hatte, begab sich J. durch einen Nebeneingang, zu dem er einen Schlüssel hatte, in das Büro des Hauke und suchte sich aus dem Papierkorb die einzelnen Stücke des zerrissenen Auswelses heraus, um sich für den Fall, daß er In eine eventuelle gerichtliche Untersuchung verwickelt würde, ein Beweismittel zu sichern.« Jürges will die Einzelheiten seiner Kenntnis in einer Broschüre zusammenfassen. Dieser Jürges ist edn gewichtiger Zeuge, und seine Aussage wird vom System nicht mit einer Handbewegung weggelöscht werden können! Wie üblich: Selbstmord Das Königsberger Polizeipräsidium veraendet folgende Pressenotiz an die ostpreußi- sohen Zeltungen: »Beä der vor einiger Zeit gebrachten Notiz des Polizeipräsidiums Uber«inen Ueberfall in der Lindengrabonstraße, wonach ein Mann von mehreren ua bekannten Personen überfallen und erheblich verletzt worden sein sollte, handelt es sich, wie die Untersuchung ergeben hat, nicht um«inen Ueberfall, sondern um einen Selbstmordversuch des betraffenden Mannes.« »Vor einiger Zeit«— das Datum wird verschwiegen,»ein Mann«— der Name bleibt das Geheimnis des Polizeipräsidiums,»erheblich verletzt«— über die Art der Verletzungen wird nichts auageaagt. Und es müssen eigenartige Verletzungen gewesen sein. Man denke: einer richtet sich selbst auf der Straß« derart zu, daß es dm geübten Augen der Polizei erscheint, als sei er»von mehreren Personen überfallen worden«— dazu gehört schon was. Ungereimthelten solcher Art pflegen nur aus Diktaturländem gemeldet au werden, wo man Ueberfälle der staatlichen Terrorgardan nachträglich in Selbstmorde der Betroffenen umlügt. Wir sind fest überzeugt, daß der ge- heUnnisvolle Selbstmörder van der Linden- grahmstraße In Königsberg ein Jude, ein Marxist oder ein oppositioneller Nazi— in jedem Falle aber ein Neinsager war. Frontkämpfermjätik und WlrklldikeU »Die deutsche Reicharegierung hat als Ver- geitungamaß nähme dafür, daß aus Schweden drei Natiouaiaozialiston auagewiesen wurden, welche dort Propaganda getrieben haben, drei schwedischen Industriellen die Verlängerung der Aufenthaltsbewilligung für Deutschland verweigert. Außerdem hat sie einen Arbeiter schwedischer Staatszugehörigkeit, der aber noch nleraala In Schweden wohnte und während des Krieges In der deutscheu Armee gedient bat, ausgewiesen. Dieser Arbeiter ist mit Frau und Kind in Stockholm vollkommen verelendet eingetroffen. Die Polizei hat ihm ein Obdach geboten.«(Zeitungenotiz), r-- ' Ii*'&■ l•-! wi' 5r? v •£ i J r,"f.- X tf o"■;;% X '■ X* � V--"............ ., /«;•-"-*<• V TS*-■■%•; >/■•. .■<(,'*;■>*&£&'ii&J • e H& Ä p E - Ü äIS i|i| wfi. i p Tfhrwr ■' �1 H vm »Van der Lübbes SA- Ausweis« � dheind Selbstmordversuch und Teilnahme hieran strafbar?« auf folgende Weise beantwortet: »Ausgangspunkt muß geltenden Straf recht 5 142 nach dem jetzt StGB sein. Hiernach wird bestraft, wer sich vorsätzlich durch Selbstverstümmelung oder auf andere Weise zur Erfüllung der Wehrpflicht untauglich macht oder durch einen anderen untauglich machen läßt.., Der Versuch Ist strafbar. An aich erwähnt| 142 nur die Wehrpflicht. Gemäß I 2 StGB muß jedoch| 142 StGB im Wege der Straf rech tsanalogie auch bei Entziehung der Arbeltsdienstpflicht angewandt werden. Die Selbstvei-stüimneiuag ist ein Vergeben wider die öffentliche Ord- imng.« Und der Selbstmord ist auch ein Vergehen wider die öffentliche Ordnung, eine Abart des groben Unfugs. In dem zitierten Aufsatz heißt es weiter: »Daß jeder mit seinem Körper oder Leben nach Belieben verfahren kann, ist liberales Gedankengut.« Nein— Gadankangut ist das überhaupt nicht, sondern heller Blödsinn. Wenn die wlll- kürliche Schädigung des eigenen Körpers, (he Selbstverstümmelung, vor dem Anbruch das Dritten Reiches straffrei gewesen wäre, so hätte die»Deutsdhe Juristenzeituug« den bewußten 5 142 aus dem alten,»liberalen« Strafgesetzbuch garuiebt zitieren können. Den Selbstmord unter Strafe zu stellen, ist freilich ein ander Ding, und Hitlers totaler Staat, der mit Körper und Lehen seiner Untertanen nach Belieben und Willkür verfährt, der dem Beherrschten jedes Mitbestimmungsrecht Über sich selbst abspricht, hat wahrlich kein Recht dazu, von den Unterdrückten auch noch Lebenslust zu verlangen. Wie steht es denn mit den sogenannten Selbstmord«! In Gefängnissen und Konzentrationslagern? Hier ist es angeblich gerade die bedrohte»öffentlich« Ordnung«, die das strafbare Delikt gebieterisch erheischt. Der Häftling stirbt nicht, er wird gestorben, Die deutschen Rasse-Anbeter behaupten täglich aufs neue, ihr sogenannter Raasestolz und ihre sogenannte Rassenehre seien ihnen das Höchste auf der Welt Wir stellen fest daß dieses»Höchste« genau so abdingbar und genau so käuflieh ist wie alles, was die Nationalsozialisten als ihr unveräußerlich«? Ideengut bezeichnen. Hier der Beweis; Um ein paar Sportpreise mehr vom Olympiadeplatz zu tragen, bedürfen die stolzen deutschen Kämpfer der Hilfe— dreier Juden. Der Juden Helene Mayer, Rudi Ball und Gertrude Bergmann. Diesen drei»Minderrassigen« wurde, damit ihnen der Krafteinsatz für Hitlerdeutschlazul schmackhafter erscheine, die Reichsbürgerschaft angetragen. Daß sie, wie allgemein behauptet wird, unter dieser Bedingung wirklich mit der Hakenkreuzbinde in die Arena steigen wollen, beschäftigt uns hier nur in zweiter Linie. Feile Lumpen gibt es in jedem Lager— das zu betonen sah sich Hitler höchstselbst und nicht nur am 30. Juni 1934 genötigt— und für die verächtliche Haltung einiger Außenseiter wird man wahrlich nicht die gesamte Judenschaft verantwortlich machen dürfen. Wie aber steht es mit den nationalsozialistischen Werbern der drei jüdischen Sportsleute? Sind sie minder ehrlos? Sind sie nicht Käufer und Gekaufte in einem, bereit, für einen lumpigen Sportpreis das aufzugeben, was sie ihre rassische Ehre nennen und um dessent- willen sie hundertfach gemordet haben? Hier aber handelt es sich nicht um ein paar x-beliebige Einzelgänger, die an all ihren Brüdern schändlichen Verrat begehen, hier handelt es sich um die Exponenten eines ganzen Systems, hier handelt es ach um Menschen, die sich selbst mit dem nationalsozialistischen Staat und mit der nationalsozialistischen Bewegung gleichsetzen und durch deren Handlungen deshalb so Staat wie Bewegimg gerichtet werden. Auf dem letzten braunen Parteitag wurden mit viel Getöse die NürnbergerGesetze verlosen, die ausdrücklich und mit gewichtigem Pathos bestimmen, solange der Nationalsozialismus regiere, dürften nur Arier die deutsche Reicfasbiirgerschaft erwerben. Das war im September 1935. Im Februar 1936, kaum fünf Monate später, wird das feierlich verkündete Gesetz schon feierlich und von Staats wegen gebrochen, wird die sogenannte Erneuerung schon wieder verkauft _ um«inen Spottpreis, um einen Sportpreis. Wir schlagen vor, den fraglichen Passus der Nürnberger Gesetze zu ändern und ihm folgende Fassung zu geben:»Kein Jude, es sei denn, er zahle außergewöhnlich gut, darf künftig deutscher Reichsbürger sein.« Triumph! Der»Westen«. Berlin, bringt fett die jubelnde Ueberschrift:»Autobahn Berlin- Stettin fertig! In drei Stunden von Berlin zum Ostseestrand.« Die respektvollen Leser vertiefen sich in den Text und bekommen runde Augen, denn dort lesen sie: »Die Strecke wird in drei Abschnitten in Betrieb genommen, und der Im Frühjahr fertiggestellte erste Abschnitt reicht von der Auffahrt an der Straße Berlin— Stettin in Kilometer 4 bis zur Abfahrt nachEbersw&lde. Es folgt dann der zweite Abschnitt Ms zur Abfahrt bei Col- hitzow in Kilometer 113, der bis zum Herbst d. J. fertiggestellt werden soll. Der letzte Abschnitt, der mit der Ueber- querung des Odertales besondere Schwierigkeiten Wetet, soll bis zum FrÜh- sommer des nächsten Jahres beendet sein.« Der erste Abschni®»soll« im Frühjahr, der zweite Abschnitt»soll« im Herbst und der dritte Abschnitt»soll« im nächsten Jahre. Also nicht in drei Stunden, sondern in 18 Monaten zum Ostseestrand. Und das nennen sie»fertig«! Auf Soll-Triumphen dieser Art basiert das ganze Dritte Reich. S�peldiers Er zlehuogsf pü di tchen Die rheinische Presse berichtet: »Zwei junge Burschen im Alter von 19, bozw. 20 Jahren hatten sich vor dem Kölner Sondergericht wegen Betrugs. Amtsanmaßung, Erpressung, Diebstahls, Freiheitsberaubung und Unterschlagung zu verantworten. Von Juni bis zum August des vergangenen Jahres waren die beiden, teils In Gemeinschaft mit anderen Jugendlichen— die sich demnächst vor dem Jugendgericht zu vorantworten haben— bei nichtarischen Geschäftsleuten erschienen und hatten diesen unter der Vorspiegelung, für sie einen Art Hausschutz einzurichten, der für politisch anständige Nlchtarier vom Verlag des »Stürmer« organisiert sei, größere Geldbeträge abgeschwindelt... Den beiden waren■ ihre Manöver dadurch auch noch erleichtert; worden, daß sie eine Zeitlang den»Stürmer« verkauft hatten. Bei ihrem Vorgehen gegen die nichtarischen Geschäftsleute scheut«? sich die beiden Angeklagten auch nicht, • eine Erpressung zu begehen, eine Freiheitsberaubung vorzunehmen und sogar zu stehlen... Das Urteil erging gegen den jüngeren Angeklagten mit einem Jahr und go- der Strick wird ihm in die Zelle gehängt, und webe ihm, wenn er keinen Gebrauch davon macht. Der Selbstmord Ist verboten, aber— swer* Selbstmörder ist, dös be* s t im m i.« Wie dem auch sei; nachdem die Begründung einmal gefunden ist, dürft« das Geaet* nicht lange auf sich warben lassen. Es ist also damit zu rechnen, daß in der nächsten Seit der Selbstmord zum strafbaren Delikt erklärt wird, well er einen Versuch darstallt, sied! irgendeiner Staatsbürgerpflicht, etwa der Wehrpflicht oder der Arbeitsdienstpflicht oder der Luftschutz- oder der Steuer- oder der Fortpflanzungapflicht zu entziehen. Auch die Nürnberger Gesetze wären in diesem Falle zu ergänzen, denn der Selbstmord eines Juden ist Insofern doppelt strafbar, als er in der »taatsfelndliohen Absicht begangen zu werden pflegt, die deutsche OeffenUichkolt um ein Objekt des Volksaomes zu betrügen. Also; Verweigerung der Wehrlosigkeitspflicht. Das Gesetz wird kommen. Aber es wird seine Wirkung verfehlen, wann nicht neben dem Selbstmord einige andre Unarten dar widerspenstigen Staatsbürger verboten werden. Die Unart zu hungern, die Unart zu frieren und vor allem die Unart, in der Stickluft der Diktatur aller Menschenrechte bar, an Atemnot zu leiden. Georg Christoph Lichtanberg schrieb einmal; »Ein Philosoph auf der Insel Zezu hatte di« Frage aufgeworlha; wenn«Ich ein Mensch In einen Ochse» verwandeln könnte, ob das als ein Selbstmord anzusahen und der Ochse straffällig wäre? Im Dritten Reiche wäre er nicht straffällig, denn ein Ochse ist im Frieden nützlich und im Kriege sehr verwendbar, auch wird die untertänige Bereitwilligkeit, als Ochse zu leben, von keinem Diktator so Übel vermerkt wie der Wunsch, als Mensch zu sterben. gen den geistigen Urheber mit einem Jahr und sechs Monaten Gefängnis.« Gegen den geistigen Urheber? Der heißt Julius Streicher, bekMdst«Im Meng* hoher Ehrenposten, M. der Intimste Praand de« Führer« und läuft heute noch frei herum. Erbhotbaue p Ley hha« amtliche Meldung aus don Dritten Reiche lautet: »Durch den Ankauf de« Gute« RotUand ist Reichsorganisatlonaleiter Dr. Robert Ley Bauer In der Gemeinde Waldbröl geworden.« Das Krbhofgesetz besagt: »Nur der Eigentümer eines Erbhofes heißt Bauer. Der Eigentümer oder Besitzer anderen land- oder forstwirtschaftlich genutzten Grundeigentums heißt »Landwirt«. Da der Ley sich»Bauer« nennen darf, hat er sich wohl vom Gelde der Arbeltsfront gleich ein paar bäuerliche Ahnen mit gekauft? Emlgrantencafe Man schreibt uns aus Mitteldeutschland: Kürzlich besuchte ich einen Freund in L. Wir hatten uns lange nicht gesehen, und es gab mancherlei zu berichten. Was man einander Im Dritten Reich so zu berichten hat; Hier ein Kamerad verhaftet, dort einer Uber die Grenze geflüchtet, hier eine von Mund zu Mund geflüsterte Korruptionsaffäre der braunen Roglerer, dort ein JusUzBkandaJ, über den die Zeltungen nichts schreiben dürfen. Nachdem wir uns hinter verschlossenen Türen und Fenstern ausgesprochen hatten, fragte mein Gastgeber;»Gehst du mit ins Emlgrantcncafd?« Emlgrantencafä? Ick dachte an irgend eines Jener Lokale in Paris oder Prag, wo der von Göbbels oft beschimpfte»Auswurf« verkehrt und wo eifrig, manchmal übereifrig debattiert, gemutmaßt, prophezeit wird. Aber mein Freund nannte den Namen eines Kaffeehauses mitten in seiner Heimatstadt und versicherte mir, dies sei das hiesige Kmigrantencafä, es werd-s von den eingeweihten Stammgästen auch niemal anders genannt. Warum? Das würde ich seihst sehen. Und ich sah es selbst. Nachdem wir uns gesetzt hatten, brachte der Ober ohne«i fragen einige französische und englische Blätter an unseren Tisch. Wir verschanzten uns dahinter, lasen und tranken schweigend. Ich sah midi verstohlen um. Obgleich der ganze, nicht eben kleine Raum voller Menschen saß. hörte man nirgends auch nur das leiseste Wort. Und doch schienen viele Anwesende einander zu kennen. Wer aufstand, nickte dem oder jenem zu, hier und da wurden auch Zeltungen von Tisch zu Tisch gereicht. Alles geschah schwelgend wie in einer Taubstummenschule. Die ausländischen Blätter waren entschieden in der Mehrzahl, aber man sah gerade soviel gleichgeschaltete und partedamtlldhe Organe, daß der Eindruck neutralisiert wurde. Nicht sehr sprachenkundige Gäste arbeiteten unterm Tisch mit Wörterbüchern, verstohlen, als wachten die Augen eines pedantischen Oberlehrers über die Klasse. Plötzlich krachte von der Garderobe her lautes Gestampf— der typische rauhe Marschtritt des braunen Klüngels. Aber der da mit energischen Ruck die Tür aufriß, war kein Uniformierter, sondern ein Zivilist. Und doch kein Zivilist. Sicher merke er selbst nicht, daß er sich mit jeder Bewegung verriet, daß seine knallenden Absätze die Stille wie Gewehrfeuer durchbrachen. Mit einem schnarrenden»Gstattn!« setzte er sich an einen Tisch zu den schweigenden Lesern. Ir»le ich mich oder ging über viele Gesichter schadenfrohes Grienen? Nein, das war kein Irrtum! Die Stühle rund um den neuen Gast leerten sich auffallend schnell, und bald saß er auf einer einsamen Insel. Seine Auge» spähten nach jedem von Hand zu Hand wandernden Zeitungsblatt wie Habich taugen einer ersehnten Beute. Er schien auch jetzt noch zu glauben, daß sein Benehmen völlig unauffällig sei, räkelte sich scheinbar unbefangen auf seinem Sitz, rieb sich an der Stuhllehne und achlug die Beine mit Schwung übereinander. Nun war das Grienen ringsum schon zum reinsten Verschwörerhohn ausgeartet. Da begriff ich endlich ganz, was hier los war; Die da saßen, waren wirklich Emigranten,»innere Emigranten«, die lieber draußen als drlnn gewesen wären und denen das Dritte Reich schon zum Halse herauskam. Dos Merkmal der Emigranten cafes im Ausland ist lebhafter Gedankenaustausch— das Merkmal reichsdeutscher Emigrantencafes ist tiefe Schweigsamkeit. Die Gestapo schickt täglich Spione hin, denn sie weiß natürlich, daß dort»etwas nicht stimmt«, sie weiß, daß dort Meckerer, Miesmacher, Kritikaster, Rebellen und innere Feinde In hellen Trupps beieinandersitzen. Aber die Kerle sind nicht zu fassen, denn selbst gegen das unverblümteste Schweigen gibt es noch keinen Paragraphen. Außerdem wird jeder Spitzel sofort erkannt. Woran? Das ist das Geheimnis der Sbammgäste. Bin recht einfaches Geheimnis, aber die Gestapo wird nie dahinterkomme». Ich reise viel herum und bin seit jenem Tage in manche größere Stadt gekommen. Fast überall fand ich ein»Emlgrantencafä«, und fast überall kannten die Eingeweihten diese Benennung. In Dresden hat die Gestapo bereits die Nerven verloren. An dem dortigen Emigrantenlokal— es war das Cafä Eiden— prangte eines Tages ein Schild:»Geschlossen!« Man flüstert, daß nicht die finanzielle Lage an dieser Schließung schuld war. Aber die großen Schweiger sind in ein anderes Kaffeehaus umgezogen. In welches— das ist ihre Sache. Ich möchte nur noch zum Schluß versichern, daß die Stammkundschaft der geschilderten Lokale ständig wächst und daß die Sprachlehrer in Deutschland recht gut zu tun haben. Wahrlich nicht nur der Olympiade wegen. ftlopdlsdic Klage Im Pebruarheft der»Neuen Literatur« klagt ein hakenkreuzlcrischer Nordiandrelaen- der: »Während meines letzten Urlaubes war ich In Island und Norwegen und konnte so eine alte Sehnsucht erfüllen. loh hatte mir vorgenommen, Uberall in den Städten, wo es Buchläden gab, nach deutschen Büchern zu suchen. Reykjavik, dl« Universitätsstadt, mußte auch etwas vom deutschen Schrifttum zeigen; so dachte ich mir wenigstens. Das Ergebnis war t r o e t- los. Ich habe gesucht und gefragt, aber von wirklich deutschem Schnftt um der Gegenwart nichts gefunden. Und das andere, was den guten Isländern als deutsche Dichtung vorgesetst wird? Bs ist Uberall das gleiche Elend. Da lagen die neuesten Schriften von Feuoht- wanger, Arnold Zweig. Döblln, die Sammlung von Kesten, Georg Bernhard, Toller— deutsch und dänisch. Bis an die nördlichste Grenze des Germanentums Ist die jüdische Literaturseuche gekommen. Das Herz kann einem bluten, wenn man es mit eigenen Augen siebt. Und fragt man die Ladeninhaber nach deutschen Dichtern, so wissen sie nichts. Ich habe mir am dem Schiff vorgenommen, an die Buchhandlungen lange Listen von guten deutschen Dichtem mit ihren Werken zu senden... Hier, meine Ich, hätten die deutschen Konsulate auch eine Kulturauf- gäbe.« Sein blutendes Herz weiß zu wenig: die deutschen Konsulate leisten ja schon an brauner Propaganda, was sich andere ULnder irgendwle gefallen lassen, und Schmiergelder laufen auch genug um. Aber das echteste, nördlichste Germanentum ist allem»Blut- Instinkt« zum Trotz derart demokratisch und sozialdemokratisch verseucht, daß Jobst und Konsorten auch dort einen Dreck gelten. Wediselnde Wahlparolen Polltisdie.4bsenbIatt Herausgeber; Ernst Sattler; verantwortlicher Redakteur: Wenzel Horn; j Druck:»G r a p h i a<; alle in Karlsbad. | Zeltungstarif bew. m. P. D. ZI. 159.334/VII-1933. I Printed in Czechoslovakia. | Der»Nene Vorwärts« kostet im Einzel- ! verkauf innerhalb der OSR Kö 1.40(für ein ; Quartal bei freier Zustellung Kö 18.—). Preis | der Eänzelnunjmer im Ausland Kö 2.—(Kö ' 24.— für das Quartal) oder deren Gegenwert ' in der Landeswährung( die Bezugspreise für das Quartal stehen in Klammern): Argentinien Pes. 0.30(3.60), Belgien Belga 0.48(5.90). Bulgarien Lew 8.—(96.—). Dan zig Guld. 0.45 (5.40), Deutschland Mk. 0.25(3.—), Estland E. Kr. 0.22(2.64), Finnland Fhnk. 4.—(48.—), Frankreich Frs. 1.50(18.—), Großbritannien d 4.—(Sh. 4.—). Holland Gld. 0.15(1.801. Italien Llr. 1.10(13.20), Jugoslawien Dln. 4.50 (54.—). Lettland Lat. 0.30(3.60), U tauen Llt. 0.55(6.60), Luxemburg B. Frs. 2.45(29.50), Norwegen Kr. 0.35(4.20), Oesterreich Sch. 0.40(4.80), Palästina P. Pf. 0.020(0.216), Polen Zloty 0.50(6.—), Portugal Else. 2.— (24.—). Rumänien Lei 10.—(120.—), Schweden Kr. 0.35(4.20), Schweiz Frs. 0.30(3.60), Spanien Pes. 0.70(8.40), Ungarn Pengö 0.35 (4.20), USA. 0.08(1.—). Einzahlungen können auf folgende Postscheckkonten erfolgen: Tschechoslowakei: i Zeitschrift»Neuer Vorwärts« Karlsbad. Prag 46.149. Oesterreich:»Neuer Vorwärts« Karlsbad. Wien B- 198.304. Polen:»Neuer Vorwärts« Karlsbad. Warschau 190.163. Schweiz;»Neuer Vorwärts« Karlsbad. ZUrich Nr. VHI 14.697. Ungarn: Anglo-Cechoslovakische und Prager Creditbank Filiale Karlsbad. Konto»Neuer Vorwärts« Budapest Nr. 2029. Jugoslawien: Anglo-Cechoslovakische und Prager Credit- i bank, Filiale Belgrad, Konto»Neuer Vorwärts«, Beograd Nr. 51.005. Genaue Bezeichnung der Konten ist erforderlich.