Nr. 144 SONNTAG, IS. März 1936 6o$!aldgmfllraKfcfrgg SPocfonfrlg# Verlag; Karlsbad, Haus„Graphia"— Preise und Bezugsbedingungen siehe Beiblatt letzte Seite Aus dem Inhalt: Blomberg— Pazifist? Wahlkampf gegen Emigranten Der Weg in den totalen Krieg Yolkssozialismus Dem Abgrund einlesen nur Hitlers Sturz kann Deutschland retten Hitler fordert das deutsche Volk auf. seiner Politik zuzustimmen. Aber er hat ihm das Recht genommen, über diese Politik zu reden. Es soll urteilen und kann es gar nicht, weil ihm verboten ist, die Wahrheit zu hören. Die nationalistische Demagogie hat vor 22 Jahren Deutschland in den Weltkrieg gehetzt. Sie hat das Volk mit unerreichbaren Eroberungszielen geblendet. Sie hat unter dem Jubel aller Urteilslosen den unbeschränkten Ü-Boot- krieg erzwungen, Amerika in die Reihen der Feinde getrieben und damit den Zusammenbruch von 1918 herbeigeführt. Geblendet und betäubt taumelt Deutschland unter Hitlers Führung einer neuen Katastrophe entgegen, die noch schlimmer zu werden droht als die von 1918. Hitler hat in Rheinland Truppen einmarschleren lassen. Er hat damit nicht nur den Friedensvertrag von Versailles verletzt, sondern auch den Vertrag von Locarno gebrochen, den Deutschland, um seine Einheit zu retten und das besetzte Gebiet zu befreien, freiwillig mit Frankreich und Belgien geschlossen hatte. In der VerurteUung dieses Vertragsbruches ist die ganze Welt einig. Wo freiwillig geschlossene Verträge unter nichtigen Vorwänden gebrochen werden, gibt es kein Recht, keine Ordnung und keinen Frieden. Neue Paktvorschläge, die von dem Vertragsbrecher ausgehen, müssen dem schärfsten Mißtrauen begegnen. Hitler sät Haß gegen Deutschland. Furchtbar wird diese Saat eines Tages aufgehen. Hitler spekuliert auf die Furcht der Völker vor einem neuen Kriege und spielt Hasard mit dem Frieden. Eines Tages wird er das Spiel verlieren, und das deutsche Volk wird es mit seinem Blute bezahlen müssen. Nach drei Jahren Hitlerherrschaft steht Deutschland am Rande des finanziellen Ruins. Die Löhne sinken, die Lebensmittel werden knapper und teuerer, die Arbeitslosigkeit steigt wieder. In dem Maße, in dem sich die inneren Schwierigkeiten mehren, wächst die Neigung zu außenpolitischen Abenteuern. Militärmusik und Heilgeschrei sollen das Murren der ausgebeuteten und entrechteten Massen übertönen. Mit Militärmusik und HeUgeschrei marschiert Deutschland dem Abgrund entgegen. Wen hat Hitler zu Deutschlands Freund gemacht? Keinen! Wen hat er zu Deutschlands Feind gemacht? Alle! Die Freundschaft mit Sowjetrußland hat er einer tollen Bolschewistenhetze und sinnlosen Eroberungsplänen geopfert. Er hat dadurch Sowjetrußland in die Arme Frankreichs getrieben, wie er Frankreich durch seine Aufrüstung in die Arme Sowjetrußlands getrieben hat. Das neue französisch-russische Bündnis ist sein eigenes Werk. Italien? Polen? Ein Narr, wer glaubt, daß sie für Hitlerdeutschland einen Finger krumm machen werden. Sie werden auch diesmal wieder zu den Stärkeren gehen, und das sind die andern. Deutschlands 65 Millionen stehen im Ernstfall gegen 1000 Millionen Menschen. Macht und Reichtum der ganzen Welt werden aufgeboten werden gegen dieses einzelne Land, das durch die verderbliche Wirtschaft seiner Machthaber in immer tiefere Armut gerät. Das ist das wahre Gesicht jener Politik, der das deutsche Volk am 29. März seine Zustimmung erteilen soll. Es soll 600 HeUschreiern und Diätenschluckern die.Möglichkeit geben, ihren ertragreichen Müßiggang weiter fortzusetzen. Es soll für die Vernichtung seiner Freiheit, die Ermordimg vieler Tausend, für die Greuel der Konzentrationslager, für die schmachvolle Judenhetze, die Kirchenverfolgung, die Hinrichtung Unschuldiger, die Belohnung Schuldiger, für diese ganze namenlose Schande der braunen Gewaltherrschaft die Verantwortung übernehmen. Hitler ist Deutschlands Führer ins Verderben. Wer für ihn stimmt, weiß nicht, was er tut. Für die Klarblickenden, die Tapferen, die Ungebeugten gibt es nur eine Parole: Nieder mit diesem System! Für Deutschland gegen Hitler! Sozialdemokratische Partei Deutschlands. Diktatur überEuropa Am 7. März— unmittelbar nach der Reichstagsrede Hitlers— teilte der Vorstand der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands der Weltöffentlichkeit folgende Feststellungen mit: Hitler meldet mit seiner Rede vom 7. März 19S6 den Ansprach auf seine Diktatur Uber Europa an. Er verfährt dabei genau nach denselben Methoden, mit denen er seine Diktatur über das geknechtete deutsche Volk aufgerichtet hat. Mit der Behauptung, eine»sozialdemokratisch-kommunistische Einheitsfront« habe den Reichstag angezündet, begründete er die völlige Zerstörung der freiheitlichen Verfassung der deutschen Republik. Mit der Behauptung, der französisch-sowjetrussische Vertrag habe den Vertrag von Locarno ausgelöscht begründet er den Brach dieses Vertrages, den er selber offenkundig vollzieht. Die deutsche Sozialdemokratie war Trägerin des deut»cb-französlschon Verständigungsgedankens von Anbeginn. Sie war treibende Kraft jener Außenpolitik, die zum Abschluß von Locamo geführt hat. Dieser Vertrag, der Deutschland große Erleichterungen brachte und der Welt Hoffnung auf einen dauernden Frieden gab, ist von Deutschland freiwillig geschlossen worden. Hitlers Tat belastet Deutschland mit der Verantwortung für den Bruch einer freiwillig geschlossenen Vereinbarung. Im Augenblick seines Vertragsbruches Schlägt Hitler der Welt vor, neue Verträge mit ihm abzuschließen. Er wird auch für den Bruch dieser Verträge Vorwände finden, wenn er den Augenblick für gekommen hält. Der französisch-sowjetrussische Vertrag ist eine Folge der nationalsozialistischen Außenpolitik. Hitler hat die Politik der deutsch- russischen Freundschaftsverträge von Bapal- lo und Berlin leichtfertig seiner Hetze und seinen Eroberangsplänen gegen Sowjetrußland geopfert. Er hat damit ebenso Sowjetrußland In die Arme Frankreichs getrieben, wie er durch seinen provokatlven Austritt aus dem Völkerbund und die wahnsinnig übersteigerte- Aufrüstung Frankreich in die Arme Sowjetraßlands getrieben hat. Er hat dadurch und durch den Brach des Vertrages von Locarno das deutsche Volk In eine Lage ge- Wahlkampf gegen die Emigranten Göbbels kündigt Hitlers Weltherrsdiaft an Als Presse und Rundfunk die Eröffnung des»Wahl kämpfe s« in Deutschland ankündigten, lachte die ganze Welt. Gegen wen will denn Hitler den Wahlkampf führen, nachdem er alle seine Gegner Im Lande ermordet, eingesperrt oder mundtot gemacht hat? Göbbels hat in seiner Rede vom 10. März die Antwort auf diese Frage gegeben. Der »Wnhlkampf« wird gegen die Emigranten in Prag und Paris geführt. Der Nationalsozialismus, so sagte er, habe In Deutschland wenig Feinde, aber desto mehr in der Welt, Daran seien die Emigranten»chuld. Die Emigranten redeten immer dem Auslande ein, daß der Nationalsozialismus in Deutschland nicht verwurzelt sei und fänden immer wieder»Dumme, die es glauben«. Dm dem Ausland zu beweisen, daß die Emigranten unrecht haben, seien die neuen Reichstagswahlen notwendig geworden. Wir glauben nicht, daß es Göbbels mit seinen Reichstagswahlen gelingen wird, die Auffassung der Emigranten zu widerlegen— das um»o weniger, als er diese Auffassung in einem entscheidenden Punkt bestätigt hat. In den Feststellungen des sozialdemokratischen Parteivorstandes zur Hitlerrede vom 7. März heißt es, daß Hitler die Diktatur Uber Europa anstrebe, wie er sie über Deutschland angestrebt und erreicht habe. Fast genau So äußerte sich auch Göbbels. Nachdem er Hitler»den mächtigsten Mann Europas« genannt hatte, gab er seiner Deberzeugung Ausdruck, daß die Be- i strebungen Adolf Hitlers in Europa ebenso bracht, die es mit den schwersten Gefahren bedroht. Die sogenannten Reichstags wählen können kein Volks urteil über Hitlers Politik ergeben, well die wirklichen Freunde des Friedens und der Verständigung In Deutschland durch Mord ' und Morddrohung zum Schweigen gezwungen werden. Diese Diktaturwahlen haben mit Wahlen, wie sie in zivilisierten Staaten üblich sind, nichts zu tun, sie dienen nur durch nationalistische Aufpeitschung der seelischen Kriegsvorbereitung. von Erfolg gekrönt sein würden, wie sie in Deutschland von Erfolg gekrönt worden sind.« Der rasende Beifallssturm, der diesen Worten folgte— ebenso wie die Feststellung, daß Deutschland eine»Weltmacht« sei und sich seinen»Platz an der Sonne« erkämpfen werde — mußten jeden Zweifel an dem Sinn dieser Aeußerang zerstreuen. Yersdiärfte Grenzsperre Angst vor Opposition. Die Grenze zwischen der Tschechoslowakei und Deutschland ist seit dem 9. März von deutscher Seite her gesichert wie nie zuvor. Alle Reisenden und Grenzgänger werden der allerschärfsten Visitation unterzogen. Viele von Ihnen werden nackt ausgezogen und aufs gründlichste nach Konterbande untersucht. Was gesucht wird, sind verbotene Schriften. Die Angst der Machthaber, daß zu den Wahlen Illegales Material Ina Land gebracht werden könnte, muß riesengroß sein. »Der mächtigste Mann Europas«, wie Göbbels seinen Hitler genannt hat, zittert vor einem Stück gedruckten Papier! ter Zuchthausmauern verbannt haben, kann nur alle antifaschistischen and freiheitsliebenden Menschen in ihrem Willen bestärken, die Diktatur des Grauens zu stürzen, und sie werden ihre Gegnerschaft auch bei den kommenden sogenannten Beicbstagswahlen zum Aasdruck zu bringen wissen. Sozialistische Gesinnung— 10 Jahre Zudifhaus Der Volksgerichtshof in Berlin hat den Genossen Konrad Gersch wegen»Vorbereitung eines hochverräterischen Unternehmens« zu zehn Jahren Znchthans verurteilt Der Genosse Konrad Gersch Ist tschechoslowakischer Staatsbürger. Sein»Verbrechen« bestand darin, daß er auch nach Hitlers Machtantritt für seine sozialistische Veberzengung tätig war. Das neue Schreckensurteil des Volksgerichtshofes ist eine furchtbare Illustration der Freiheit des deutschen Volkes, in deren Namen Hitler das deutsche Volk jetzt wieder zu einer»Volksabstimmung« über seine Politik aufgerufen hat. Das Schicksal des jungen Sozialisten Konrad Gersch. den jetzt die Blutrichter des Dritten Reichs für ein Jahrzehnt hin- Sein wahres Ziel Vorherrschaft in Enropa. Wer hat es nicht gewußt, daß eines Tages Hitler den Vertrag von Locarno zerreißen und Truppen in die demilitarisierte Zone schicken würde, wer hat es nicht gesehen, daß seit Jahren die Vorbereitungen dazu in der demilitarisierten Zone im Gange sind? Seit langem sind Kasernen und strategische Straßen, Flugplätze und Befestigungen im Bau. Die Bevölkerung der demilitarisierten Zone hat seit langem die Wiederbesetzung erwartet. Niemand in England, Frankreich und Belgien kann darüber im Unklaren gewesen sein. Nachdem einmal die Zerreißung der Rüstungsbestimmungen des Versailler Vertrags mit platonischen Protesten hingenommen worden war, war die Wiederbesetzung der demilitarisierten Zone geradezu zwangsläufig geworden. Darüber konnten nur jene Politiker im Unklaren sein, die das Wesen und das innere Gesetz des Hitlersystems von Anfang an gröblich verkannt haben. Nur eine Politik des leichtfertigen Optimismus konnte sich dem Glauben hingeben, daß die militärische Expansion des Systems an dieser imaginären Linie im Innern Deutschlands haltmachen würde, und nur leichtfertiger Optimismus kann erwarten, daß eine Kapitulation vor dem Willen Hitlers in der gegenwärtigen Krise weiteren Gewalttaten ein Ende setzen und den Weg in den Frieden öffnen könnte. Die Zerreißung des Locarnopaktes, der Einmarsch in die demilitarisierte Zone ist ein Akt der Gewaltpolitik— wie jede Tat berg Pazifist? Um Blomberig' war es lange Zeit sehr still. Optimietlache Leute glaubten, er halte innere Einkehr und werde etwas kritischer in die Oeffentlichkeit zurückkehren. Nun hat er In der Staatsoper gesprochen, wo sich die»geladenen Gäste stumm zum deutschen Gruß erhoben«. Geladen waren säe crffenbar wegen der geschlossenen Front gegen die letzte Maßnahme Deutschlands und sprachlos, weil man glaubte, wenigstens einige Freunde bei dieser Sache zu haben. Bei dieser Gelegenheit erwies es sich: Blomberg hat inzwischen nicht die Geschichte des deutschen Zusammenbruches von 1918 studiert, er hat nicht Uber die wilhelminische Außenpolitik gearbeitet, er ist sich nicht der Rüstungsproblematik eines Staates wie Deutschland berwußt geworden. Nur an einer Stell« erweckte er den Eindruck, als ob er im Begriffe sei, kritischer zu werden: er warnte nämlich davor, eine frisch-fröhliche Romantik des Krieges zu pflegen und warnte auch vor dem falschen Bild eines»unentwegten Heroismus«. Der große Durchschnitt seien Menschen mit Schwächen und Gebrechen. Aber dann feierte er jene, die Pflege der Romantik usw. als ihren Hauptberuf betreiben und stattete Dank ab den»Blutzeugen der nationalsozialistischen Bewegung und den Opfern der Freikorps und der Frontkämpfer- blinde«. Wieder einmal, legte der Herr Reichskriegsminister ein offenes Bekenntnis zur nationalsozialistischen Bewegung der»unentwegten Heroen« ab. Von Blomberg ist man das ja gewohnt. Er polemisierte bei dieser Gelegenheit gegen die Munkeleien im Ausland, wonach zwischen Partei und Wehnnacht Differenzen bestehen sollen und betonte demgegenüber die volle Einmütigkeit und die gute Zusammenarbeit beider Organisationen. Zum Schluß versicherte der Krieganinister des Dritten Reiches, daß»wir keinen Angriffskrieg wollen, aber keinen Verteidigungskrieg fürchten«. Er betonte gerwiasermaßea seine imdge Verbundenheit nicht nur mit den Nationalsozialisten, sondern— da der General für die»Voiksgemeiaschaft« ist— auch mit den Pazifisten, denn er sagte tatsächlich, daß er hoffe und wünsche,»daß der Krieg als Mittel der Politik und als Gestalter der Völ- kersohlcksale verschwinde.« Das Kaiserreich glaubte ja auch, durch bloße Drohung die Weltherrschaftsträume reifen lassen zu können— es kam etwas anderes dabei heraus, wie wir wissen. Wir hoffen, daß die zweite Republik billiger zu haben Ist, sonst würden yir Herrn Blomberg»vorwärtstreiben«, denn auf diesem Wege geht es auch! Die alten Offiziere wieder obenaut! Eine vielsagende Berufastatiatik. Im Archiv für Sippenforscbuirg veröffentlicht Helene Prinzessin von Isenburg einen sehr aufschlußreichen Aufsatz über die Berufswandlungen ihrer Sippe. Erfaßt wird der Zeitraum von 1912 bis 1933, also ein Abschnitt deutscher Geschichte, der durch zwei große politische Umwälzungen gekennzeichnet iet. Aus der Statistik geht hervor, daß der Einfluß des Adels in der Republik beträchtlich geringer war, als vielfach angenommen wird. Der Adel wußte also, warum er gegen die Republik kämpfte. In der Vorkriegszeit war der Beruf des Offiziers der häufigste im deutschen Adel, was ja ohnedies bekannt ist. Dann folgte der Beruf des Gutabeaitzere, des Verwalters, des Juristen und schließlich des Diplomaten. So besagen es die Ziffern, die Prinzeasin Isenburg für das Jahr 1912 anführt. Ganz anders gestaltete sich das soziologische Bild des deutschen Adels im Verlauf der Jahre von Weimar. Im Jahre 1932, ein Jahr vor der»nationalen Erhebung« war der Beruf des Gutsbesitzers der häufigste im deutschen Adel, es folgen die Juristen, dann kommen die Verwalter— und ganz zuletzt die Offiziere. Dieser interessante Tatbestand zeigt die Deklassierung des adligen Offiziers. So»stellen wir zunächst die geringe Zahl der Offiziere im Jahre 1932 fest, die von über ein Drittel der gesamten Berufe auf 1,17 Prozent herabgesunken ist« Viele Offiziere wandten»eh bürgerlichen Berufen zu. Andere aber konnten sich in die deutschen Verhältnisse nicht mehr hineinfinden und wanderten aus. Trotz des Fehlens der Kolonien stieg dl« Zahl dieser Auswanderer von 1,50 auf 4,23 Prozent. Immerhin waren in der deutschem Reichswehr noch 27,15 Prozent aller Offiziere adlig. Das ist für eine Republik gewiß nicht wenig, aber es ist unsinnig, von dem»feudalen Offizierskorps der Reichswehr« zu sprechen, Mit Bedauern wird festgestellt daß das Schwinden des Offizieraberufee auf die Verkleinerung des Heeres nach dem Kriege zurückzuführen ist Dadurch konnten nur kaum ein Zehntel derjenigen Offiziere werden, die es vor dem Kriege geworden wären. Aus diesem Grunde haben die deklassierten Adligen es niemals unterlassen, für die Wiederherstellung des alten kaiserlichen Heeres zu kämpfen, obgleich(hesee Prinzip milltärsicb höchst umstritten ist Und nun haben srie wieder ihr kaiseriiehes Heer zurück, ihre alte Pfründe und ihr geliebtes Spielzeug! Sie jubeln wie toll, daß der Führer und Reichskanzler ihnen ihre alte soziale Stellung zurückgab und die Statistik wieder auf Jahr 19X2 zurückgedreht wird. Darin besteht für sie der Sinn der»nationalen Erhebung«. Diese Offiziere sind bestimmt keine Gefahr für das Regime, so viel sie auch daran auszusetzen haben mögen, denn sie sind dankbar und ergeben. Und auch beschränkt genug, um nicht zu erkennen, daß der heutige Weg in die Katastrophe führt Hitler ist der Krieg Der Sturz Hitlers ist der Weg zum Frieden des Httlersystein». Die Rede HJüers, die sie begleitete, soll Frankreich in die Rolle des Besiegten und Gedemütigten drängen. Es ist eine Revancherede, und aus ihren Verständigungsbeteuerungen leuchtet der Geist der Revanche und des Hasses hervor. Das deutsch-französische Verhältnis wird auf den Kopf gestallt. An die Stelle der Sünden und der Verbrechen des französischen Nationalismus von ehedem treten die Sünden und Verbrochen des hitler- deutschen Nationalismus. Der Geist des Ausgleichs, der wahren Verständigung ist dahin, neuer Haß und neue Verbitterung sind geschaffen, die noch lange nachwirken werden. Wie die Krise auch enden wird— selbst wenn Frankreich resigniert und sich im Augenblick mit der neugeschaffenen Machtlage abfindet, so wird von wirklichem Frieden und Verständigung keine Rede sein, sondern eine unheilvolle Verbitterung wird zurückbleiben, die auf viele Jahre hinaus das deutsch-französische Verhältnis belasten wird, eine Verbitterung, die der Keim kommender Kriege ist. Diese Krise ist nicht ein Akt im Kampf um die Verständigung und die Gleichheit der Völker in Europa, sondern eine Schlacht, die im Kampf um die Vorherrschaft in Europa geschlagen wird. Ja, Prankreich kann den Frieden von Hitler haben— wenn es sich unterwirft, wenn es die deutsche Vorherrschaft anerkennt, wenn es seinen Einfluß im Süden und Osten preisgibt, wenn es stille hält gegenüber allem, was Deutschland zur Organisierung Europas unter dem Diktat Hitlers unternehmen wird. Frankreich kann den Frieden von Hitler haben, wenn es die europäische Demokratie verrät Diese Rede Hitlers war ein einziger Haßausbruch gegen die Linke in Frankreich, gegen die Idee der Demokratie, der Freiheit und des internationalen Rechts, die sie vertritt. Heute muß es selbst der Widerwilligste sehen: wenn Hitler Bolschewismus sagt, meint er die Freiheit und das Recht. Er will die Diktatur über Buropa, um die noch freien Völker dem Gesetz des Nationalismus und des Militarismus zu unterwerfen, wie er das deutsche Volk unterworfen hat. Wer immer nach der Vorherrschaft in Buropa strebt, ist ein Feind der Freiheit und des Rechts. Jede Vorherrschaft erzeugt überhitzten Nationallsmus, der zur Gewalt drängt. Nur im Geiste der Demokratie, im Geiste der Gleichheit kann Europa friedlich organisiert werden. Diese Organisation setzt voraus, daß der Geist der Demokratie im Innern der Völker lebendig ist Zwischen freien und diktatorisch beherrschten Völkern ist auf die Dauer keine Verständigung möglich. Der Geist der Machtpolitik kann nur gebrochen werden, wenn freie Völker sich darin einig sind. Die wahrhaft europäische Föderation ist nur möglich, wenn die Fragen der polltischen Autonomie und Souveränität weit zurücktreten hinter der Gleichheit der Kulturauffaasung, der Freiheit der wirtschaftlichen Beziehungen und der Gemeinsamkeit der Recbtsauffassungen. Das Ziel des Hitlersystems ist alledem entgegengesetzt. Einst erklärte Hitler: Aufrüstung, aber Achtung vor Locamo. Heute erklärt er; Zerreißimg von Locarno, aber Achtung vor den Grenzen. Morgen wird er erklären, daß auch die Grenzen nicht mehr dem deutschen Lebensinteresse entsprechen! Die Völker Europas müssen bitteren und schweren Wahrheiten ins Gesicht sehen. Diese Entwicklung führt ebenso zwangsläufig in den Krieg, wie sie in die heutige Krise geführt hat. Das deutsche Volk, das künstlich in einen nationalisti- achen Taumel versetzt wird, vermag heute diese Wahrheiten nicht zu erkennen. Seit drei Jahren ist es abgeschnitten von der Wahrheit, einem System der Propaganda und der Lüge ausgeliefert, seine Jugend wird erzogen Im Geiste des nationalistischen Rauschs und der Ueberheblichkeit, der Verherrlichung des Krieges und der Verachtimg der Segnungen des Friedens. Der Mann an der Spitze dieses Systems, der nach außen von Frieden, von Verstän- digung und Verträgen redet, kennt im Innern kein höheres Ziel, als die Jugend in der Verherrlichung des Schwertrechts erziehen zu lassen. Wenn dieser überhitzte, künstlich hochgehaltene Nationallsmus im deutschen Volke die echte und dauernde Grundgesinnung des deutschen Volkes wäre, dann müßten alle Freunde des Friedens ihr Haupt verhüllen und dem Geschehen seinen Lauf lassen. Wenn dieser überhitzte Nationalismus in Deutschland das Recht zu jedem Rechtsbruch, zu jedem Gewalt- Die belgische Oeffentlichkeit hat den Gewaltakt Hltlere als unmittelbare Bedrohung Belgiens empfunden. Das Organ der belgischen Sozialdemokratie,>L e P e u p 1 e«, schreibt zur Lage: »Werden heute endlich die Regierungen von Frankreich, England und Belgien verstehen, daß nicht Deutschland an sich die große Bedrohung darstellt, sondern das hit- leristische, revanchelüsterne, brutale, barbarische Deutschland? Wollen sie immer noch nicht sehen, daß man sich mit einem demokratischen Deutschland leicht verständigen könnte auf einer Grundlage, die die Sicherheit aller gewährleistet, während die Gefahr eines blitzschnellen, nicht provozierten Angriffs immer bestehen wird, solange dieses verächtliche System in Deutschland existiert? In einem einzigen Satz kann man die gegenwärtige Situation aufzeigen, wenn man sagt, daß die Sicherheit von Belgien und Frankreich, daß der Friede Europas das Verschwinden des Hitlersystems In Deutschland erfordern. Wird man uns sagen, daß die anderen Länder keine Einwirkungsmöglichkeit auf das innere Regime Deutschlands haben? Wirtschaftliche Sanktionen würden durchaus genügen, um mit Hitler ein Ende zu machen. Vielleicht wird er damit drohen, auf friedliche Sanktionen mit Krieg und Invasion zu antworten. Wenn Buropa sich von solchen Drohungen beeindrucken ließe, würde es verloren sein. Diese Drohungen Hitlers sind nicht ein Zeichen von Kraft, sondern von Schwäche. Das Regime Hitlers kann einigen Wochen emsthafter Blockade nicht widerstehen. Die anderen Völker brauchten nur loyal das internationale Gesetz anzuwenden, das deutsche Volk würde das übrige tun. Nach kurzer Zelt würde die Hitlerbarbarei nur noch ein« wüste Erinnerung sein, und ein demokratische« und friedfertiges Deutschland könnte In die Gemeinschaft der zivilisierten Völker zurückkehren. Das ist eine Politik. Kann man Ihr eine andere gleich klare und schlüssige entgegensetzen?« HitlerwoHe, saAgemäß interpretiert... Es ist eine perverse Spezialität der braunen Propaganda, von der Friedensliebe des Mörderregimes zu fabulieren. Je mehr sie aufrüsten, je eindeutiger sich die Pläne der bankrotten Systembonzen entschleiern, desto lebhafter, ja hymnischer, sprudelt von den Lippen des führenden Vielredners das geheuchelte Bekenntnis zum Frieden. Diese Friedensliebe wird in der offiziösen Berliner»M 1 litä rwl ss enachaft- llchen Revue« folgendermaßen interpretiert: »Der Krieg ist der Höhepunkt der menschlichen Bestrebungen. Der Krieg ist die natürliche und letzte Phase einer Entwicklung in der Historie der Menschheit. Der Krieg ist der Vater aller Dinge und zu gleicher Zelt bereitet er das Ende einer Zeitperiode" für eine Nation"" vorT um"der Vater einer neuen Entwicklung zu werden.« Hier zeigt sich das andere Gesicht des Dritten Reichs— das wahre! W» man hinfiihlt: Sozialismus! Von der Durchschlagskraft der deutschen nationalsozialistischen Revolution. »Die Betriebsordnungen einzelner und nicht der unbedeutendsten Werke gleichen in den für das Arbeiterleben wesentlichsten Bestimmungen den alten Betriebsordnungen noch fast aufs Wort, andere aber weisen auf die Verbindung mit den besten Traditionen alter Betriebspolitik hin. Nicht umsonst konnten (darin) Betriebe wie Zeiß, Bosch u. a. an ihre Jahrzehnte lang erprobte soziale Einstellung anknüpfen...« So ein Herr Dr. Preller in der letzten Nummer der»Sozialen Praxis«. Womit also Herr Hitler und seine Getreuen, als ade gewissen proletarischen Schichten einzureden versuchten, daß»früher« der Arbeiter sozusagen verraten und verkauft gewesen sei, jetzt aber, gerade unter Ihnen, der»Soziallsmus« auf der ganzen Linie siegen werde, wirklich diese Gutgläubigen arg ge-p r e 1 1 1 hätten! land allein stehen— restlos allein, dann wird es die Verbrechen des Systems bezahlen müssen— denn aus einer neuen Kriegskatastrophe kann niemals ein gerechter, ein wahrhafter Frieden hervorgehen. An dieser Katastrophe werden alle Schuld tragen, die im leichtfertigen Optimismus daran glauben, daß dies System saturiert werden könnte. Dies System muß um seiner Existenz willen von Gewalttat zu Gewalttat vorwärts schreiten, es braucht die Gewaltakte, um nationalistischen Rausch zu erzeugen; denn nur durch den nationalistischen Rausch kann es seine Massenbasis behaupten. Für dies System gibt es keine Perspektive des friedlichen Lebens und der ruhigen Entwicklung, es kennt weder wirtschaftliche noch kulturelle Seisetzungen. Mit diesem System können friedliche Völker auf die Dauer nicht zusammen leben, ohne täglich den Angriff fürchten zu müssen. Es gibt nur einen Weg zum Frieden in Europa— den Sturz des Hitlersystems. akt begründet, wenn Europa ihn als Quelle des Rechts anerkennt,— welche Schranken lassen sich dann noch ziehen gegen jeden überhitzten Nationalismus? Dann regiert in Europa nicht mehr das Recht, sondern das Gesetz des Dschungels, Alle Einrichtungen des internationalen Rechts sind heute in Gefahr, in den Strudel dieser Krise hineingerissen zu werden— der Völkerbund voran. Jeder begeht höchstes Unrecht am deutschen Volke, der dazu beiträgt, es in dieser anormalen, künstlich erzeugten Geisteshaltung zu belassen. Es gibt eine Tendenz der englischen Politik, die das System immer wieder zu neuen Gewaltakten ermutigt. Es ist jene Tendenz, die den Willen zum Einsturz des Rechts für Ausfluß beleidigten Rechtsgefühle nimmt und dabei brutal Uber die Rechte anderer Völker hinweggeht. Elben erst hat die Systempresse einen Vortrag des Direktors des Royal-Instituts for Foreign Affairs in Deutschland benutzt, um die deutschen Revisionsforderungen gegenüber Litauen, der Tschechoslowakei, gegenüber Oesterreich zu vertreten. Wer diesem Geisteszustand nachgibt, der fördert ihn, der sorgt für die Gewißheit des kommenden Krieges. Das deutsche Volk muß wissen, daß dieser Nationalismus in eine Katastrophe von unabsehbarem Ausmaß führt. Jetzt benutzt das System taktische Erfolge, um den Nationalismus immer wieder hochzu- peitschen— aber es verschweigt dem Volke, daß mit jedem dieser Scheinerfolge der Ring um Deutschland sich immer fester schließt Wie immer auch die Krise von heute ausgehen mag; die politisch-moralische Einkreisung Deutschlands ist nach dem letzten Gewaltstreich eine Realität geworden. Das System benutzt jede dirigierte Wahl, die im militaristisch nationalistischen Taumel vorgenommen wird, um neue Gewaltakte vorzubereiten— bis es einen Streich führen wird, der die Explosion hervorruft, und dann wird Deutsch- Si rrsfhep— getarnt! Eüi Nazi-) Zigairenladen« mit Hinterstube. Aus Amsterdam wird uns geschrieben: Auf der Kalverstraat, der Hauptgeschäftsstraße Amsterdams, erregt seit einiger Zeit ein Zigarrenladen Aufsehen, der weit weniger eine Verkaufsstätte aromatischen Krautes, als vielmehr ein getarntes Haupt- und Sammelquartier der NSB, der holländischen Nazipartei ist Man bemerkt schon von ferne die vor seinen Auslagen angesammelten herumlungernden>Stehkonvente<, unter den Herumlungernden erkennt man unschwer die bekannten Schlägertypen der SA (hierorts WA genannt), die ihr erzwungenes Zivil— in Holland herrscht Unäforraverbot— durch martialische Reitstiefel und-Hosen (wiewohl sie nie zu Pferd sitzen) und dergl. zu verschönern suchen. Im Schaufenster verschwinden die Zigarrenkisten hinter den auf die Scheiben goklebten dickangestridhenen Ausschnitten aus»Volk und Vaterland«, der holländischen Nazizedtung. Die Zigaretten Uberschattet das umkränzte Porträt des»Führers« Mussert. Blickt man durch che meist offene Tür ins Innere, so fällt der erste Blick auf das riesengroße, als Wauddekoration dienende, dreieckige Parteiabzeichen der NSB. Als echte Nazikaserne hat dieser Laden seine besonderen Geheimnisse. Durch den allgemein zugänglichen Verkaufsraum geht es in ein Hinterzimmer, in das nur die Eingeweihten Zutritt erhalten. Etwas von dem, was dort getrieben wird, hat das holländische Publikum Jüngst durch eine parlamentarische Anfrage des liberalen Abgeordneten Boon erfahren. In aller Heimlichkeit wird dort u. a. — Julius Streichers»Stürmer« verkauft! Die Heimlichkeit hat ihre guten Grunde. Das holländische Gesetz zum Schutze der öffentlichen Ordnung von 1934 verbietet nämlich bei schwerer Strafe die Hetze gegen einzelne Bevölkerungsgruppen. Dagegen verstößt der»Stürmer« in Jeder Nummer, und somit ist die Verbreitung des Blattes im Regelfall als strafbare Handlung zu erachten. Der liberale»Freiheitsbund« hat durch mehrere seiner Mitglieder die Probe gemacht: Kam man in den Laden und verlangte den »Stürmer«, so wurde einem zunächst andere Nazi-Lektüre angeboten. Bestand man aber auf dem Kauf des Streicher-Blattes, so wurde man in das bewußte Hinterzimmer geführt, und beikam eine, von einem größeren Stapel genommene Nummer ausgehändigt mit der Bitte, ade gut wegzustecken, damit die Polizei nichts bemerke. Das Pikante an der Sache ist: die NSB behauptet, nicht antisemitisch zu sein und hat mit dieser Behauptung sogar einzelne Jüdische Mitglieder gekapert. Aber diesen wurde stets der Zutritt zu den hinteren Räumen unter allerhand Vorwänden verweigert. Die NSB verfährt also umgekehrt wie die NSDAP: Die deutsche Mutterpartei hat ein HinterstUboben für Juden ä la Rudi Ball und Helene Meyer,— der holländiscbe Sprößling entwickelt einstweilen den Antisemitismus in der Hinterstube... Inzwischen Ist wegen der Verbreitung des »Stürmers« eine gerichtliche Voruntersuchung eröffnet worden. Die von den Mitgliedern des »Freiheitbundes« gekaufte Nummer enthielt unter zahllosen andern Hetzereien den folgenden Venu Durch die Jahrtausende hinfort(!) Häufte der Jude Mord auf Mord, Der Jude läßt vom Morden nicht, Bis ihn erreicht da» Weltgericht. Besonder» interessiert in Holland auch folgendes Moment: die Ausfuhr des»Stürmer« wind wegen seines kompromittierenden Charakters im allgemeinen von der Deutschen Naad-Eeglerung selber verhindert. An die boHändische Bruderpartei aber darf er rrfft-ro-mr geliefert werden. Man erblickt hierin ein Symptom der engen Verbundenheit der holländischen mit der deutschen Nazi-Bewegung. Auf den Spuren der Alldeuisdteu Die Tragödie Deuisdilands Sdiwedisdier Protest Ein Schreckensurteil gegen einen schwedischen Seemann. In Stade an der Unterelbe verurteilte ein extra einberufenes Gericht einen schwedischen Seemann wegen Vorbereitung zum Hochverrat zu 5 Jahren Zuchthaus. Der»Verbrecher« trug eine Nummer der»Rundschau« bei sich, die er, während sie »ein Weilchen von der Arbeit verschnauften«, im Harburger Hafen einen Deutschen Ueü, als dieser ihm über die Meinung des Aualandes über deutsche Verhältnisee befragt hatte. Dem Angeklagten wurde kein schwedischer Verteidiger zugebilligt, sein deutscher Anwalt brachte immerhin den Mut auf, auf die so ganz ander» gearteten Begriffe und Anschauungen in der Heimat seines Klienten zu verweisen. Als der Krieg' zu Ende war und Deutschland geschlagen am Boden lag, erschien ein Buch;»DleTragödie Deutschlands«. Der Verfasser wollte ungenannt bleiben, um dadurch zum Ausdruck zu bringen, daß ihn weder Ruhmsucht noch Eitelkeit, sondern ausschließlich die Sorge um das Wohl des deutschen Volkes leitete. In diesem Buch— die erste Auflage erschien 1921, die zweite 1923— wurde nachgewiesen, daß der deutsche Zusammenbruch die zwangsläufige Folge der wilhelminischen Politik war. Insbesondere weist der Autor auf die verhängnisvolle Rolle der rassenwahnsinnigen Alldeutschen hin. Man denkt beim lesen des Buches in der Tat, eine Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus vor sich zu haben. »In der alldeutschen Politik herrscht eine derartig krankhafte Ueberschätzung germanischer Vorzüglichkeit, daß es dem kritiklos wallendem Gefühle einer Welterlösung durch die germanische Idee Hingegebenen garnicht zu Bewußtsein kam. wie lächerlich oder fürchterlich die alldeutschon Gedanken einer übrigen Welt, die mit sich selbst zufrieden war und zufrieden sein konnte vorkommen mußten.« Die Alldeutschen verlangten nach Zusammenfassung allen deutschen Blutes in der Welt au einem möglichst vollständigen All- deutschland, dessen gewaltiger Kern ein riesenstarkes mitteleuropäisches RelAi bilden sollte. »Wie sich die Alldeutschen Großdeutschland dachten, geht aus einer Schrift»Großdeutschland und Mitteleuropa um das Jahr 1950« hervor. Hier gehören zu Deutschland die Niederlande und das Königreich VLara- land, Luxemburg, Teile der Schweiz, Ungarn, Polen. Ruthemen, Rumänien, das großseibische Königreich und da« Kaisertum Oesterreich, das auf seine Marine zu verachten hat... Diese Schrift erschien schon 1895 und rief die Empörung Europas hervor.« Im anonym erschienenen Buch»Germania triumphans«(1895) äußert der alldeutsche Verfasser den Plan, halb Rußlandzu annektieren und ihm zu diesem Zwecke im Jahre 1903 den Krieg zu erklären. Das eroberte russische Gebiet sollte in 8 deutsche Bundesstaaten umgewandelt werden, in drei Herzogtümer, vier Großherzogtümer und in das Königreich Polen. Der Krieg hatte sich um 11 Jahre venspätet, aber alle diese Pläne wunde tan Osten tatsächlich zu verwirklichen gesucht. Ebenso wie Jene tan Westen und anderswo. In einer Reihe von Schriften wurde bereits damals betont, daß cfiejanigen Völker, die sich einem unter Führung Deutschlands zu bildendem mitteleuropäischen Zollverein nicht anschließen wollen, mit militä riechen Mitteln dazu gezwungen werden müssen. Der Verfasser der»Tragödie Deutschlands« verweist inebeeondere auf die alldeutsche Zeitschrift »Heimdal«.»Auch vor Eroberung dar sfcandl- navtechen Länder schrecken dJese Utopiateo nicht zurück... Bis nach Südamerika erstreckte sich die Eroberungslust der Alldeutschen. die sich mit einem»europäischen Allgermanien« noch nicht zufrieden gaben.« (S. 23). Der Leser wird bemerkt haben, daß der Verfasser des Buches bald m der Vergangenheit bald in der Gegenwart spricht Das ist sicher mehr als ein stilistischer Mangel. Vielmehr hat der ungenannte Deutsche, obwohl die Republik schon bestand, doch bereits die Formierung der Konterrevolution oriebt und er sah, wie die Bestrebungen der Vergangenheit schon wieder in der republikanischeo Gegenwart der damaligen Zeit zu beobachten waren. Der Kap p-P u t s c h lag hinter der ersten Auflage, der Münchner Putsch vor der zweiten. Damm stellte er damals fest; Die Republik hinkt auf Krücken,»vielleicht sind es ihre letzten Tage, in denen dieses Buch eines Parteilosen erscheint, das heute nur der deutschen Tragödie ersten Teil enthält. Der noch viel traurigere zweite Teil wird von uns allen erlebt.« Bei-eits vor dem Kri�e teilten die All- deutsohen die Welt in drei Gruppen ein. Der Maßstab war das Germanentum. Es gab reine Germanen, welche allein Bürger des neuen Reiches sein können und denen Polygamie gestattet ist. Das deckt sich durchaus mit der heutigem Praxis der Nationalsozialisten, Die Polygamie verficht.auch Rosenberg, von anderen abgesehen. Dann sah man H a J b- j g e r m a n e n, denen die Ehe mit Germanen verwehrt werden sollte. Und schließlich die Nichtgermanen, die wie die Heloten oder Sklaven des Altertiims behandelt wer- j den sollen. Als Endziel galt ihre völlige Aus- tilgung. Auf dam Jahresfest des Alldeutschen Ver- j baitdee 1913 wunde der Krieg mit Frankreich als unverm eidlich und notwendig bezeichnet. Man müsse die deutsche Politik aus der Friedenspolitik herausreißen und sie zwingen. Machtpolitik zu treiben. Ein Alldeutscher schriob in solchem Geist eine Broschüre unter dem Titel:»Wenn ich Kaiser wäre«. Dieser unfähige Herrscher hatte sich nach der Meinung der Alldeutschen schon zu eng mit dem pazifistischen Liberalismus eingelassen. Genau das werfen ihm auch die Nazis heute vor. Der Alldeutsche Tannenberg schrieb 1911 ein Euch, in dem er den künftigen Frieden von Brüssel schon in Paragraphen festlegte. Unter anderem hieß es; »Der Krieg darf dem tlnteriegenen nichts lassen, als die Augen znm Weinen über sein Unglück.« Wer wundert sich da noch, daß es auf der anderen Sexte Kreise gab, die genau nach diesem alldeutschen Grundsatz verfahren wollten? So also haben rieh die heutigen Förderer des Friedens die»Gleichberechtigung« gedacht. Wie schon erwähnt, spielten die Eroberungen im Osten in diesen Kreisen bereits vor dem Kriege eine große Rolle. In dem Buch»Deutschland bei Beginn des 20. Jahrhunderts« wird darauf hingewiesen, daß AUdeutsohland nur noch einer Niederlage Rußlands möglich sein würde. Schon 1893 forderte Kund von Strantz die Ostseeprovinzen zurück. 1895 forderte ein Alldeutscher In der Schrift»Germania triumphans« nicht weniger als Polen, Litauen, die Ostseeprovin- zen, Wolhynien, Podolien und Südrußland für Deutschland und kündigt für 1903 den Krieg gegen Rußlaad an. Es Ist wohl heute niemand glücklicher darüber, daß in Rußland der Bolschewismus siegte als die Alldeutschen. Können sie doch nun Ihre alten Ziele wunderbar tarnen. Doch dieses Spiel muß dem braunen Barbaren verdorben werden. Das bolschswistl- sche Regime ist nicht der eigentliche Anlaß der alldeutschen Eroberungslust vom heute, sondern Machtstärkung der reaktionären Mächte ist die Ursache der antlruarischen Politik, wie früher.»Reichlich wurden die deutschen Herrscherhäuser mit Kronen neuer Länder versehen. S ch a/umbu rg-Lippe wunde Fürst der Krim! Im Kriege folgten dann traurig lächerliche Vei-wirklichungen dieser FSeberträuimc.«(26). Wilhelm II. wurde von den Aildout- schen als Halbjude angesehen, weil er sich Infolge der widerstreitenden Intareosem nicht einfach auf die Seite dieser Kreise stellen konnte. Eis ist typisch alldeutsch, wenn die Nazis beute sagen, der Kaiser habe Ja inzwischen durch den Verlust seines Thrones orfahran, was er bedeutet, wenn man sich mit Juden einläßt. Wilhelm II. dieser närrische Kaiser, dieser Fatzke, wie Max Weber ihn nannte, war den Nazis noch nicht wilhelminisch, noch nicht fatzkisch genug. Das ist ihre»Kritik« an der Vergangenheit und am Regime des Kaisers. »Alldeutsche Offiziere sprachen währond des Krieges, als Wilhelm II. Tirpitz gehen ließ, per»der Schweinehund« von ihrem I Monarchen und wünschten, daß er einen Kopf kürzer gemacht wurde.« Und vor dem Kriege drohton die Alldeutschen bereits mit dar Revolution, wenn dar Kaisar nicht die alldeutsche Politik mitmache. iS. 26). Das Dreigespann, das Deutschland in die Katastrophe hineinzog, waren die drei Schöpfungen: Flottenverein Kolonialverein und Wehrverein. Drei Quellen furchtbarston Chauvinismus, drei Quellen der deutschon Katastrophe von 1913. Und das alles ist nun wiedergekommen. Der Linksliberalismus, der vor dem Kriege unterdrückt, 1918 im Bunde mit der Arbeiterschaft einen neuen Weg beschritt, wurde von der Mäch tekonstellafion der wilhelminischen Aera am 30. Januar 1933 besiegt. Schwerindustrie, Großgrundibesitz und die Alldeaitschen, das waren die Grundlagen des Kaiserreichs, und das sind nun heute wieder die sozialen Grundlagen de« Dritten Beioha. Wie der Alldeutsche Verband nach dem Fall des Sozialistengesetzes entstand(1891), so entstand der Nationalsozialismus nach dem Sieg der Demokratie und dem Erstarken von Linksliberalismus und Sozialismus. Besorgt um die Zukunft der fleutschen Nation stellte der Verfasser des ernsthaften Buches über die deutsche Tragödie 1823 fest; »Empörender Wirtschaftsegoismus gewisser Kreise verbirgt sich heute wieder unter patrlot isc he n Schlagworten. Verarmt, aller Hoffnung beraubt, vertraut das atme deutsch« Volk jedem Propheten besserer Zukunft und ist seit 1918 in eine kaum je dagewesene geistige Abhängigkeit gerade von den Menschen geraten, von denen frei zu werden innerer Sinn der deutschen Republik hätte sein sollen. Der politische Mord, von Rechtsradikalen zum System erhoben, hat aahl- redohe Opfer gefordert und eine Sumpf- atmosphäro geschaffen, in der der gesunde nationale Kulturgedanke zur nationalistischen Grimasse wird. Wer Augen hat m sehen, mag erkennen, daß wir heute deshalb so leiden, well wir vom Gestern nichts gelernt haben, weil Hunderttausende mit ihrem Verstände und ihrem Gefühl noch In diesem Gestern, da» uns den Zusammenbruch brachte, sich befinden.« Und nun haben jene Mächte von Gestern die Macht tax den Händen. Möge rieh die Welt dessen bewußt werden, was das für sie bedeutet. Dann besteht Hoffnung, das das deutsche Regime von heute bezwungen wird, ehe die Aildeutscheo von heute die Krlegafurie entfesseln können. Vergessen wir nicht, daß der Alldeutsche Kurd von Strantz bereits 1893 schrieb: »Bs kann für uns nur ein angeoiehmes Gefühl sein, daß unsere West- und Ostnachbarn uns mit ziemlicher Gewißheit die erwünschte Gelegenhat zur endgültigen und dauernden nationalen Abrechnung gewähren werden, so daß die ungeheuren Militärlasten nicht zwecklos vergeudet sind.« Auch die heutigen»ungebauren Militftr- lastenc sind»zwecklos vergeudet«, wenn nicht die»endgülitige nationale Abrechnung« erfolgt, dos heißt der Krieg provoziert wird. Nur der Stutz de« Hitler regime« sichert den Weltfrieden, da« lehrt die Vergangenheit! Fred War. Bei der Verurteilung zugegen waren der schwedische Generalkonaul als spezieller Vertreter seiner Regierung und der nicht zugelassene schwedische Anwalt als Repräsentant der Gewerkschaft der schwedischen Seeleute. Das Urteil hat hier großes Aufsehen erregt In Gotenburg, der zweitgrößten Stadt Schwedens, wandten sich 39 Stadtverordnete, darunter ein Konservativer, an das deutsche Konsulat zwecks Weiterbeförderung eine« Protestschreibens an die deutsche Regierung. »Dagens Nyheder« in Stockholm, die größte Zeltung der bürgerlichen Linken, schreibt zu dem Fall: »Das Zuchthausurteil gegen den schwedischen Seemann, der in Harburg»während des Verschnaufens« eine mißliebige Zeitung veriieh, macht einen abstoßenden Eindruck. Iii darf kein Wunder nehmen, wenn man mit diesem Anschauungsmaterial vor Augen sowohl gegen die Behandlung eines schwedischen Mitbürgers, wie auch gegen die Behauptung protestiert, die Mentalität der Schweden- der»eigentlichen Schweden« sei die gleiche, wie die der Deutschen. Wir sind nicht gesonnen, Hochverrat am schwedischen Humanismus und an schwedischer Rechtstradition zu begehen. Solange das nicht der Fall ist, ist die obengenannte Aehnlichkcit nicht vorhanden. Der Versuch, den vermeintlichen Kommunisten außerhalb der»eigentlichen Schweden« zu stellen, erscheint uns vollkommen absurd. Für schwedische Auffassung und nach schwedischem Gesetz gibt es keine Gradie- rung der Mitbürgerschaft, kein Kastenwesen mit Aufteilung in verschiedene Schichten mit verschiedenen Rechten. Das ist unsere Volksgemeinschaft, und die vexpflichtet unsere öffentliche Meinung und unsere Behörden, ihr Aeußerstes zu tun, um einen arg mißhandelten Landsmann in Not beizuspringen. Ganz ohne RUckricht auf sein politisches Glaubensbekenntnis(falls ein solches vorhanden ist). Schweden kann sich nicht an dem sinnlosen Resultat eine» widerrechtlichen Gerichtsverfahrens genügen lassen, tot auf übliche Weise, durch Revision keine Aenderung zu erreichen, so müssen andere Mittel versucht werden bei anderen Instanzen, die die Möglichkeit haben, das wieder richtig zu stellen, was in unseren Augen ein blutiges Unrecht, ein Uebergriff ist.« Wieder ein Leibgebegc Die ostpreußische Presse meldet: »In Labiau fand ein Kreisjägerappell statt, der mit einer Trophäenschau verbunden war und durch Krelsjägermcister von Knoblocfa-Friedrichsburg eröffnet wurde. Der Bestand an Schalenwild, besonders an Elch- und Rotwild, Ist so beachtlich, daß ein staatliches Revier des Kreises zum Elch- schutzgeblet und mehrere andere Reviere zum Leibgehege des Reichajägerraeisters Hermann Göring bestimmt sind.« Dem Volke der Elntopf, dem Reichsjägermeister ein»Leibgehege« nach dem anderen. Wenigstens sieht man am Gehege seine« Leibe«, wo die vielen Jagdschmäuse bleiben. Dsr Wes In den totalen Kried Die wirtsdiaftlldien Folgen des Gewaltstreidis Es ist in diesem Augenblick noch nicht zu übersehen, welche wirtschaftlichen Rückwirkungen der neue Gewalt- stredch Hitlers in der Außenpolitik zeitigen wird. Aber eines ist sicher; Aus den Plänen, das Rüstungstempo auch nur einigermaßen mit der Ertragfähigkeit der deutschen Wirtschaft in Einklang zu bringen, die Rüstungsausgaben dem primitivsten Anforderungen einer gesunden Finanzwirtschaft anzupassen, die schwebenden Schulden nicht zu vermehren, sondern durch Anleihen zu konsolidieren und das Budget ins Gleichgewicht zu bringen— ausall diesen Plänenkann jetzt n i c h ts werden. Denn die sehr gefährliche internationale Spannung, die Hitlers neuer Vertragsbruch hervorgerufen hat, bedingt zunächst die äußerste Beschleunigung der Rüstungen auf allen Gebieten, Die Militarisierung des Rheinlands bedeutet ja nicht nur den Einmarsch der Truppen; viel kostspieliger sind die allerdings zum Teil schon in Angriff genommenen militärischen Bauten, Kasernen, unterirdische Flugzeugplätze usw., vor allem aber die wahrscheinlich sehr bald erfolgende Befestigung des Gebietes. Wahrscheinlich ist gerade die Absicht gegenüber dem französischen Festungsgürtel einen deutschen Wall aus Eisen und Beton zu errichten, ein wesentlicher Bestimmungsgrund für den Bruch des Locamo- vertrags, der die Sicherheit der deutschen Grenzen imter die Garantie Englands und Italiens gestellt hatte. Nur daß das deutsche Befestigungswerk entsprechend der Offensivdoktrin des deutschen Generalslabs einen wesentlich anderen Charakter haben wird als die Defensivbefestigung der französischen Grenze. Das allein wird neue Rüstungsausgaben erfordern, die Milliardenhöhe erreichen werden. Unter diesen Umständen wird es ganz unwahrscheinlich, daß auch nur ein emsthafter Versuch gemacht wird, um auf dem Weg in das finanzielle Verderben Halt zu machen. Die über deutsche Verhältnisse oft recht gut informierte»Neue Züricher Zeitung« wußte schon vor einigen Tagen über eine mehrstündige Besprechung zwischen Hitler und Schacht zu berichten, in der die neuen Steuerpläne zur Erörterung standen, die Schacht und Schwerin-Krosigk für unbedingt erforderlich halten, um das Budget des neuen Rechnungsjahres auf eine einigermaßen solide Grundlage zu stellen. Aber das Programm der beiden Fach- minister sei im Kabinett bei den Wortführern der Partei auf Schwierigkeiten gestoßen, weil man sich hier vor den unpopulären Auswirkungen eines vermehrten Druckes auf die Schultern der Steuerzahler scheue. Unter diesen Umstän- cV" sei die Annahme der Steuervorlage, die bereits eine starke Verzögerung erlitten hat, überhaupt in Frage gestellt. Jetzt aber wird sich das Regime erst recht hüten, die neu entfachte nationalistische Begeisterung durch Steueranforderungen zu dämpfen. Es ist dieselbe Psychologie wie in der Kriegszeit, alsHelfferichausreichen- de Steuern verhinderte, um die patriotische Stimmung nicht zu verderben und versicherte, daß die Milliardenlast der Kriegskosten ja doch von den Gegnern getragen werden müsse. Wie es damals beim Notendruck büeb, so wird es jetzt bei der Wechselfabrikation bleiben, was ja genau dasselbe ist— nämlich Inflation! Ebenso bleibt es bei der Emissionssperre, bei der Beschlagnahme alles verfügbaren Kapitals und aller Ersparnisse für Rüstungszwecke, obwohl diese Maßregel jedes Nachkommen der Privatindustrie hinter den Rüstungsindustrien, ja jede noch so dringende Sanierungsmöglichkeit von Unternehmungen schon rein technisch verhindert. Zwei Beispiele: die Allgemeine Elektrizitätsgesellschaft, nach Siemens-Schuckert das bedeutendste Starkstromunternehmen, bedarf wegen ihres hohen Schuldenstandes von 200 Millionen Reichsmark schon seit Jahren dringend der Sanierung. Dazu bedarf es einer Kapitalherabsetzung, die Umwandlung eines Teils der Schulden in Aktien und der Wiedererhöhung des Kapitals. Das erforderte die Ausgabe und die Unterbringung neuer Aktien auf dem Kapitalmarkt. Diese kann aber nicht erfolgen, da der Staat des Emissionsrecht für sich allein in Anspruch nimmt, und die Aktien also nicht ausgegeben werden dürfen. Von viel größerer volkswirtschaftlicher und sozialer Bedeutung ist aber die Unterbindung der Pfandbriefausgabe, die zur Finanzierung des Wohnungsbaues unerläßlich ist Dieser aber stagniert immer mehr. Von der baugewerblichen Erzeugung entfielen 1935 nicht weniger als 70 Prozent auf öffentliche, das heißt Rüstungsbauten, ein bisher unerhörter Anteil, 10 Prozent entfielen auf gewerbliche und nur 20 Prozent auf Wohnungsbauten, während vor Hitler der Wohnungsbau weitaus den größten Teil der Erzeugung ausmachte. Betrug 1929 die Ausgabe für Wohnungsbau 3.2 Milliarden Reichsmark, so sank sie 1934 auf 1.2 Milliarden! 1935 sind dann noch infolge des Wegfallens der staatüchen Zuschüsse die Umbauten auf ein Drittel der Zahl von 1934 zurückgegangen. Die tatsächlichen Bauvollendungen in den Städten über 10.000 Einwohner sind 1935 gegenüber dem niedrigen Vorjahrsstand noch um ein Fünftel gesunken. Die Wohnungsnot ist im Hitlerreich im starken Antrieb. 1932 wurden 510.000 Ehen geschlossen, der Reinzugang an Wohnungen nach Abzug der Abgänge durch Abbruch, Brand usw. betrug aber nur 141.000. Im Jahre 1933 war das Verhältnis 631.000 zu 178.000, 1934 standen den 731.000 Eheschließungen nur 284.000 Wohnungszugänge gegenüber und im Jahre 1935 ist es noch schlechter geworden. Man nimmt an, daß die Hälfte der Eheschließungen als tatsächlicher Zuwachs von Haushaltungen zu betrachten sind, und man hat daraus geschlossen, daß allein in den Jahren 1930 bis 1934 ein Fehlbedarf von mehr als einer Drittelmillion aufgelaufen sei. der Gesamtfehlbedarf an Wohnungen beträgt natürlich das Mehrfache dieser Zahl. Zynisch bemerkt zu diesem rasch wachsenden Wohnungselend die »Frankfurter Zeitung«: »Eine große Lücke jedenfalls ist da, und über die bovölkerung-spolltlscüe und soziale Bedeutung einer ausreichenden Woh- nungaversorgung braucht gar nicht erst edn Wort verloren zu weiden. Indessen; in der nationalwirtschaftlichen Dringlichkeitsskala stehen zur Zeit andere Aufgaben noch weiter voran. Der Reichsfinanzminister hat kürzlich unterstrichen, daß die Sparkraft des deutschen Volkes vor allem in den Dienst der Wiederwehr haftmachung gestellt werden müsse. Das habe zur Folge, daß nicht nur Lieblingswünsche, sondern auch wirtschaftlich wertvolle und vielleicht notwend'ge Aufgaben, darunter auch der Wohnungsbau, zurücktreten müßten, damit dieses Hauptziel erreicht werde... Nichts ist logischer als dieser Gedankengang. Die Wehrausgaben, die zu einem großen Teil für öffentliche Hoch- und Tiefbauten erfolgen, werden keinesfalls gedrosselt, solange das Minimal- 1 Programm zur Wiederherstellung der deut- j sehen Sicherheit noch nicht erfüllt ist. Sie stehen so gut wie unverrückbar fest. Schon ihre Finanzierung ist jedoch nur mit äußerster Mühe durch Inanspruchnahme aller j erreichbaren Ersparnisse und durch Aufrechterhaltung von Krisenhöchststeuern auch im jetzigen Aufschwungsstadium(!) zu be-; werkstelligen. Andere Finanzierungsquellen als Anleihen und Steuern stehen jetzt nicht mehr zur Verfügung, nachdem die U m- J laufsmlttel in den letzten Jahren1 bereits bis zur äußersten vertretbaren Grenze ausgedehnt worden sind: folglich kann der Staat es nicht zulassen, daß durch verstärkte Förderung anderer Aufgaben— und seien sie auch so wichtig und dringlich wie der Wohnungsbau— die Erfüllung der Hauptaufgabe in Frage gestellt wird.« Das ist eben die Lehre vom totalen Krieg, wie sie kurz und bündig gerade erst in der»Berliner Börsen-Zeitung« vertreten wird: »Schon in Friedenszeiten muß die Armee und die Wirtschaft in engster Verbindung stehen. Der Soldat darf nicht erst auf die Initiative der Wirtschaft warten und die I Wirtschaft nicht auf die des Soldaten. Oft ist der Ausgang eines Krieges schon entschieden j vor der Kriegserklärung oder dem ersten Kanonenschuß. Des absolut Entscheidende ist die totale ökonomische psychologische, soziologische und technische Mobilisierung. Alles muß bereit sein, bevor noch die Kriegsgefahr akut wird. Das ist mehr als je die Schicksalsfrage für das Reich.« Aber einen wunden Punkt hat die deutsche Kriegsvorbereitung immer noch: ihre Abhängigkeit vom Aualand. Wir haben hier wiederholt geschildert, wie das Ausland pi Wirklichkeit einen erheblichen Teil zur deutschen Kriegsfinanzierung beigesteuert hat. Von 6 Milliarden Reichsmark auf etwas mehr als 10 Milliarden Reichsmark ist die deutsche auswärtige Schuld gestiegen, zum weitaus größeren Teil durch Nicht- bezahlung der auswärtigen Gläubiger. Die wichtigsten, für die Rüstung unentbehrlichen Rohstoffe, wie Nickel, Mangan, Bauxit, Eisenerz, Kupfer, Zellulose usw. liefert das Ausland, um die deutsche Kriegsrüstung schmieden zu helfen! Und diese Poütik wird fortgesetzt trotz allen Geredes von der»kollektiven Sicherheit, da Hitlers gute Friedensreden sie begleiten und sie begleiten werden, bis der totale Krieg nicht erklärt, aber da ist!« Dr. Richard Kern. Kew York will Fnrtwän«»Ier nldit Es ist fraglich, ob die Musiker bereit sind, unter ihm zu spielen. Der Bericht, daß Wilhelm Furtwängler als Nachfolger von Toecanini das New Yorker Philharmonische Orchester in der kommenden Saison dirigieren soll, hat heftige Entrüstung und Mißstimmung in den Kreisen der Musiker und Konzertbesucher von New York erweckt. Verschiedene Freunde des Orchesters, die diese Einrichtung seit vielen Jahren finanziell unterstützt haben, haben ihre Beiträge zurückgezogen und eine der größten Organisation der Orchester-Musiker hat In Erwägung gezogen, ihren Mitgliedern zu verbieten,»unter einem Nazi-Dirigenten zu spielen«. Auch In den Zeitungen sind viele Proteste erhoben worden gegen das Engagieren eines Dirigenten mit ausgesprochenen Nazi-Sympathien, was als eine sehr schlechte Nachfolge von Toscanini bezeichnet werden müsse, der seine Abkehr vom deutschen Faschismus nicht unter Stühlen und Bänken habe. Friedensapostel Hitler Nach den jüngsten Reden Hitlers stellt die Welt die schicksalsschwere Frage: Will Hitler den Frieden oder nur einen Aufschub bis zur Vollendung der militärischen und diplomatischen Vorbereitung des Krieges? Die Frage kann nicht auf Grund der Ergebnisse einer Durchleuchtung von Hitlers Seele, sondern nur mit Tatsachen beantwortet werden. Bs betrug in 1000 Tonnen die Produktion von: in Deutschland England Frankreich' Belgien Polen Roheisen Jan. 33 Dez. 35 403 1192 287 559 485 495 249 270 19 37 Rohstahl Jan. 33 Dez, 35 542 1442 444 812 505 560 241 260 48 63 Die Zunahme bei England entspricht der Steigerung der Weltproduktion. Diese ist von 3,1 auf 6,4 Millionen Tonnen Roheisen und von 4,1 auf 8,6 Millionen Tonnen Rohstahl, also auf das Doppelte gestiegen und bleibt weit hinter der deutschen Zunahme zurück. In den anderen Ländern, außer dem mit Es stieg: Deutschland befreundeten Polen, ist die Eisenerzeugung fast unverändert geblieben. Nur in USA kommt die vermehrte Eisengewinnung prozentual der deutschen gleich. Es war Im selben Zeitraum gestiegen in 1000 Tonnen die Gewinnung von Roheisen von 569 auf 2066, Rohstahl von 1017 auf 3153, also gleichfalls auf ungefähr das Dreifache. Aber in USA herrscht eine überwiegend auf privaten Investitionen beruhende Konjunktur, in Deutschland nicht. Von der Reichs-Kredit-Gesellschaft wird in ihrem Bericht»Die wirtschaftliche Lage an der Jahreswende 1935/36« festgestellt,»daß sich die private industrielle Investitionstätigkeit immer noch zurückhält«, daß auf öffentliche Aufträge 1934»nicht weniger als 70 Prozent aller Investitionen der deutschen Volkswirtschaft« entfielen und sich 1935»eine weitere Gewichtsverlagerung zugunsten der öffentlichen Hand ergeben haben« dürfte. Wie die private hinter die öffentliche, so tritt auch die notwendige Einfuhr hinter die für die Aufrüstung bestimmte zurück. Gleichzeitig war gestiegen in USA in 1000 Ballen der Verbrauch von Baumwolle von 470 auf 508, von Wolle In den Spinnereien von 35,5 auf 37,7. In den meisten Ländern wird für den Krieg gerüstet, In keinem anderen Lande aber die Wirtschaft so ausschließlich in den Dienst der Kriegsvorbereitung gestellt wie in Deutschland. G. A. Frey. Jeder sein eigener Sdiuffinann! Wer verhaftet wen— Im Dritten Reich? Der Reichs- und preußische Minister des Innern hat zu der bevorstehenden Umwandlung der öffentlichen Feuerwehren in eine Polizeiexekutive besonderer Art unter dem 12. 1. ds. einen Runderlaß veröffentlicht, in dem es u. a. heißt: »Ich lege besonderen Wert darauf, daß die Ortspolizeibehörden jetzt schon engste Fühlung mit den öffentlichen Feuerwehren(Berufs-, Freiwillige und Pflichtfeuerwehren) anstreben. Es empfiehlt sich, eine Zusammenarbeit mit diesen bereits jetzt so durchzuführen, als ob das Gesetz, durch das die öffentliche Feuerwehren eine besondere Exekutive der Ortspolizeibehörden werden sollen, bereits erlassen wäre.« Das hängt sicherlich zusammen mit den schlechten Erfahrungen, die hinsichtlich des zur wahrhaften Manie gemachten»Luftschutzes« die Nazis bei ihren Entrüm- peiungsaktionen und V erdunkt ungagroßmanö- vern mit der sehr negativen Stimmung der Bevölkerung allenthalben gemacht werden. Schließlich gibt es selbst im Dritten Reich noch andere Lebenszwecke, als durch Pubertätsexzesse der Kriegsphantasten schikaniert zu werden. Vom Anlaß aber abgesehen— hier geht es auch um Prinzip und Räson des Staatswesens, daß so etwas einführt. Jeder dritte Deutsche Im Hitlerreich ist allgemach Polizist geworden. Es ist der Totalstaat der Büttel und Abdecker! Wer wen wann und wie verhaften kann und darf— darin keimen sich kaum die Esoteriker des Regimee noch aus. Opfer der braunen Bestialität Genosse Ruggaber gestorben. Kürzlich starb der frühere Dimer und nachmalige Schwenninger Sekretär der Sozialdemokratischen Partei, Karl Ruggaber. An Seiner Beerdigung beteiligten steh 500 bis 600 Personen. Ruggaber war früher ein baumstarker und kerngesunder Mann. Viele Monate KZ und ein mühseliges Sloh- durchschlagcn nachher haben ihn körperlich ruiniert. Nr.<44 BEILAGE___TC.Tr. vi». m n nwin Wir haben keine territorialen Forderungen- Wir wollen die Welt! In seinem Artikel über»VoDcsrevolu- tion und Volksaozialismus« geht Sollmann ebenso wie in seinem Aufsatz über»Sozialistische Machtpolitik«(Zeitschrift für Soz., Sept/Okt. 1935) an die entscheidenden Fragen mit dem Fredmut und der Vorurteilslosigkeit heran, die erforderlich sind. Wer von der Notwendigkeit einer neuen sozialistischen Gesamtkonzeption im faschistischen Zeitalter durchdrungen ist, wird ihm in vielen Punkten zustimmen müssen. Was er über Maohtwillen, Uber Aktivismus und Idealismus, über die Rolle religiöser und seelischer Mächte, über die Realität der Nation gegenüber der Klasse, über die zentrale Bedeutung sozialistischer Militärpolitik, über die Spannung zwischen rein pazifistischer und revolutionärer Haltung sagt — all das ist sehr treffend. Nur denkfaule und phantasielose Doktrinäre werden es ohne weiteres ablehnen. Er hat auch recht mit seinem Urteil über die Nur-Wiasen- schaftler, Nur-Taküker, Nur-Organisato- ren in der deutschen Arbeiterbewegung vor 1933. Wahrlich tut uns innerhalb des Marxismus und über seinen Rahmen hinaus nicht eine Immer weiter getriebene Analyse, sondern längst eine Synthese not Nur mit ihr wird man die Ersatz-Synthesen des Faschismus bezwingen. Sollmanns Standpunkt ist ja im Grunde eine Weiterentwicklung der Stellungnahme aktivistischer und neu-revisionistischer Parteikreise, die infolge ihrer Einstellung zur nationalen Frage sich im allgemeinen um eine»junge Rechte« der Partei gruppierten. Doch hätte man sie zu Unrecht mit einem antirevolutionären»Reformismus« identifiziert. Hätten diese»Neosozialisten« von damals sich mit einer revolutionären jungen Partei-Linken rechtzeitig zusammenfinden und eine neue Führer-Generation herausbilden können,— das Ende von 1933 wäre ebenso gekommen. Manche innere Verbitterung und Zerrissenheit aber wäre erspart geblieben. Indessen die Diskussionen der ersten Emigrationsjahre über die Vergangenheit sind abgeschlossen. Hingegen ist Sollmanns Mahnruf an die sozialistischen und schließlich an alle Emigranten gegen eine intellektualistische Inzucht in der gegenwärtigen Emigrationsetappe recht aktuell. Zu leicht schwächt sich das Bewußtsein des Abgeschnittenseins von den deutschen Realitäten und ihrer Weiterentwicklung in uns ab. Auch deswegen ist der Artikel Sollmanns, losgelöst von dem Buche, das er bespricht, der Debatte wert. Dennoch muß gegen einige mißverständliche Wendungen bei ihm Stellung genommen werden. Sie sind vielleicht nur »falsche Zungenschläge«, aber auch als solche zeigen sie eine Gefahr dieser Denkweise an. Er spricht mit Ironie von den »allgemeinen liberalen Sentenzen« der Kreise, die sich um eine möglichst große antifaschistische Front bemühen, von großstädtischen Intellektuellen aller Art, die man dabei erfaßt. Es ist ferner viel von»deutscher Volksseele«,»deutschem Volksaozialismus« und von den»Urstoffen des Deutschtums« bei ihm die Rede, die genommen werden müssen, wie sie nun einmal sind. Er spielt mit einer gewissen Gereiztheit auf die von keinem Ernsthaften aufgestellte Behauptung an, die Franzosen, Engländer, Amerikaner überragten das deutsche Volk turmhoch. Nein, weder von den Individuen jener Nationen, noch von ihrer allgemeinen Kultur kann man das behaupten, wohl aber von ihren politischen Institutionen und ihrer politischen Reife. Diese Tatsache ist gewiß Ausdruck der geschichtlichen Tragödie und der nationalen Unvollendetheit des Deutschtums, von denen Jacksch und Sollmann sprechen. Aus der Tatsache aber, daß man zu kurz und schließlich auf den Nationalsozialismus heruntergekommen ist, ist gewiß noch kein Führungs-Anspruch für die Einigung Europas abzuleiten. Gegen diese Art der U eb erk om pen sa tio n von Minderwertigkeits g e f ü h 1 e n sollte man nicht mehr tolerant sein, solche Behauptungen soll man zurückweisen und nicht ihre»Kühnheit« rühmen. Es ist seit Fichte üblich, sich für politisches Elend durch ein spekulatives Auserwähltheitsgefühl nationalen oder revolutionären Charaktere zu entschädigen. Solche philosophische Haltung hat sich zu handfestem Pangermanismus und zum»deutschen Sozialismus« des Nazi- tums entwickelt. Besiegt man also den Nationalsozialismus einmal, so wird die Eingliederung eines freien Deutschland in ein friedliches Europa eine eminent schwere Aufgabe sein. Wenn ein solcher Rückfall zu überwinden, eine solche Schmach wie das braune Regime zu tilgen ist, wird man auf Jahre hinaus mit anderen wie mit Führungsansprüchen in Europa beschäftigt sein. Man wird mit all den Aus- landakräften zusammenarbeiten müssen, für die das Nazi-Regime eine unerwartete Rechtfertigung des Versailler Richtspruchs, ein nachträglicher moralischer Gewinn des durch physische Uebermacht gewonnenen Weltkriegs gewesen ist Und man wird nicht mit neuer Hegemonie-Mystik deren so notwendiges Wohlwollen verwirren dürfen. Alle größtenteils unverschuldeten und schicksalsbedingten Krankheiten der deutschen Volksseele sind im Nationalsozialismus zum Ausbruch gekommen und haben sich als brauner Schorf um dran deutschen Volkskörper gelegt Man kann nicht daran zweifeln, daß seine Beseitigung einen Eingriff bedeuten müßte, bei dem es aufs neue um Leben und Tod dieses Volkskörpere geht Höchstens, daß die Krankheit die Gewebe der alten bürgerlichen Struktur zersetzt hat, kann für eine sozialistische Gesundung nutzbar gemacht werden. Freimütig wollen wir also die Gefahr beim Neimen nennen, die in jenen Nuancierungen bei Sollmann sich andeutet ohne daß dabei er, ein Blutzeuge des Mands- mus, als Person getroffen werden soll. Am äußersten Ende des Volkssozialismus, der sich dem Klassensozialismus entgegensetzt, des aliberalen oder gar antiliberalen Sozialismus, mit seiner Einstellung gegen die Intellektuellen als»Ueberfremder« der nationalen Substanz steht— das Denken Winnigs. Wir nennen diesen, nicht weil er als einzelner wichtig wäre, sondern weil er vom marxistischen Sozialismus ausgegangen ist, und sich zum Nationalsozialismus entwickelt hat(Denn für die eigentlichen Nazis war ja Sozialismus nie mehr als eine Konfusion aus Propagandazwecken und Landsknechtgesinnung.) Es hängt hier eben alles davon ab, ob man jene völkischen Urstoffe als Ausgangspunkt, als reale Gegebenheit nimmt, die man umformen will, oder ob man jene»die Volksseele bewegenden Kraftströme« pseudo- romantisch verklärt und schließlich grob zweck hait mißbraucht Was aber die positive Lösung des echten und ernsten Problems: Klasse und Nation, Volk und Arbeiter betrifft, wissen wir es wirklich noch gar nicht, welche Fronten sich im antifaschistischen Kampfe herauskristallisieren werden? Im antifaschistischen Kampfe— auf ihn kommt es zunächst an. So gewiß dieser Kampf unmittelbar in den Kampf um den Sozialismus übergeht, mit der Sprengung des faschistischen Systems fängt dieser Kampf doch jedenfalls an. Für den antifaschistischen Kampf aber kommt jenen innerhalb der deutschen Emigration noch tastenden Einheitsbestrebungen wohl doch mehr Bedeutung zu, als Sollmann ihnen zugesteht, Ideologisch zeichnen sich die Fronten, die in diesem Kampfe sich finden müssen, ganz deutlich ab: sie heißen Sozialismus, Liberalismus, Christentum. Ihre Symbole sind die Jahre 1917/18, 1789, 1517 und das Jahr 1. Und wenn man auch gewiß nicht zuviel umfassen soll, selbst ein humaner Konservativismus hat noch in einer antifaschistischen Front Platz. Die Zusammenfügung von Liberalismus und Christentum ist durchaus nicht paradox, denn der moderne Liberalismus ist verweltlichtes Christentum und in seinem sozialistischen Sproß lebt dieselbe Tradition. Gewiß meint man nicht das Bündnis mit einem aggressiven Klerikalismus, wohl aber mit jenem Christentum, das den Faschismus als»fluchwürdige Tyrannei« CKarl Barth) zu empfinden beginnt Braunes Freidenkertum ist noch reaktionärer als katholische Orthodoxie, und nicht der Kardinal Faulhaber, sondern der aberwitzig-halbgebildete Rosenberg ist der»Dunkelmann« dieser Zeit. Aber natürlich bleibt das Bündnis von Liberalismus und Sozialismus der Kern der neuen Kampf-Front Diese Front ist heute, vor allem in dem Front Populaire Frankreichs die Avant-Garde des antifaschistischen Kampfes im Weltmaßstabe. Vielleicht in letzter weltgeschichtlicher Stunde ist die Wandlung eingetreten. Aber ade ist eingetreten. Wenn heute die kommunistischen Arbeiter mit der»Marseillaise« durch Paris marschieren und bürgerliche Radikale mit der »Internationale«,-— ao ist in diesen Symbolen die Wendung ebenso offenkundig, wie im Einbau der Sowjet-Union in die Sicherung des europäischen Friedens. Mag bei all dem von beiden Seiten noch taktiert und manövriert werden.»Widerwillig« ist dieses Bündnis nicht, vielmehr höchst natürlich, und der Glaube tapferer Massen und bester Köpfe wird über seine Ehrlichkeit auch gegen den allgemeine« Immoralisraus der Epoche wachen. Diese Massen fühlen und diese Führer wissen aber auch, daß der Antifaschismus nicht mehr bei bloßer Abwehr, bei einem formalen Republikanismus stehen bleiben kann. Sie wissen, daß die»industriellen Feudalitäten« in einem neuen 1789 zu brechen sind, daß danach ein moderner Staat erst geschaffen werden muß. Der Gedanke einer umgestalteten, einer organischen Demokratie, die weder alter Parlamentarismus noch russisches Rätesystem ist, die Menschenrechte wahrt, aber genug Autorität zum Eingriff in die Eigentumsverhältnisse besitzt, ringt sich — unklar noch— ans Tageslicht Auf die richtige Placierung des Liberalismus in diesem modernen Staate kommt es an. In der Dekadenz des alten Liberalismus wurde der ökonomische Liberalismus übermächtig, der politische und kulturelle schrumpfte immer mehr zusammen. Im Rahmem eines Volkssozialiamua muß dem ökonomischen Liberalismus der Garaus gemacht werden, damit der politische und kulturelle im Sozialismus auferstehe. Vom Modell solcher breiten Einheitsfront und von ihm allein h al) en wir 1 d e tn o gtxe ir a»u- zugehen. Wenn man darauf einwendet, daß dies ja im Grunde die alte Weimarer Koalition und nicht eine neue mitreißende Volksbewegung ist, so verkennt man gewisse kleine Unterschiede der nach-faschi- stischen gegenüber der vor-faschistischen Periode. Denn die Volksfront-Konstellation operiert mit einer Arbeiterschaft, die jede Spaltung verabscheut, sie kennt keine Gegner mehr auf der Linken, sie enthält einen neuen Liberalismus, der im sozial- revolutionären Freihedtswillen aufgegangen ist. In ihr stehen christliche Elemente, denen die Geschichte die Einheit von antifaschistischem und sozialrevolutionärem Drabtz&uuen und schiefen Pallisaden. Wer in dieser Zone der militärischen Unfruchtbarkeit wohnte, mußte den Herrn kommandierenden General selbst fragen, wenn er auch nur einen Starenkasten an seinen Birnbaum anbringen wollte. Dicht am Häusermecr der zu engen Großstadt wuchteten die Forts tief in der Erde: kahle rote Ziegelsteinmauem mit vergitterten Fenstern, Wallgraben wie riesige Menschenfallen, dürftiges Gestrüpp rund um Schießscharten. Die Spekulanten und Grund- stücksjopper hockten ringsherum wie die Geier beim Aas und freuten sich auf den Tag, an dem das alles in Staub zerfiel und die Preise für ein paar arme Quadratmeter— her mit der Mietskaserne! fünf oder sechs Nullen am Ende aufgewiesen hätten—— c Wieder tat der Vater Rhein einen bedächtigen Zug aus seinem Pokal. »Na ja—\ und da glaubten wir Kinder vom Rhein, der immer deutsch, aber nie preußisch war— schließlich, wir hätten's geschafft! Kam doch die Republik! Kam doch über Nacht die Freiheit, die wir meinen! Waren sie auf einmal verschwunden, wie die Gespenster im Morgengrauen, alle die Feldwebels, alle die rohen, schnarrenden Stimmen aus den Kasematten und betonierten Wallen! Und wir gingen hin und wandelten in schimmernde Rosengärten die Forts ringsum. Wir stellten den Volkspark hin mit weiten Wiesen, auf dem sich gesunde Kinder tummelten, wo früher der Muschkot auf hartem Sand geschliffen wurde. Die monoton-traurige Ringstraße, vierzig Kilometer lang um die Stadt herum, wurde Lebensader des riesigen. weitflächigen Grüngürtels mit Badeteichen und Ruhebänken, mit Spielplätzen und Interview mit Yater Rhein WM er erlebt hat— seit 1918 und schon vorher. Es war an jenem 7. März vor heute vor acht Tagen, gerade als der»Führer« die Unteroffiziersschule, die«ich jetzt»Deutscher Reichstag« nennen darf, wieder einmal exerzieren ließ und»von der geschichtlichen Stunde« kreischte, da in den westlichen Provinzen des Reichs deutsehe Truppen soeben ihre künftigen Friedensgarnisonen beziehen«... Ich traf den Vater Rhein in einer alten Weinkneipe, wie es ihrer viele gibt im helUgen Köln, in engen Gassen, Uber deaeh die Tauben von Sankt Maria im Kapitel kreisen, Giebeldächer, alte Portale noch mit den Schlagbolzen daran, darüber das Ma- dönnchen in buntgemaltem Stein, das immerzu lttch«1nd die drunter Wandelnden segnet, seit fünfhundert, vielleicht auch seit siebenhundert Jahren. Der Vater Rhein saß an einem holzgescheuerten Tisch und sah ein wenig nachdenklich durch die bunten Butzenscheiben; sein langer weißer Bart wallte bis hinab auf die Stuhllehne; die Bohlen auf dem Boden waren mit sauberem weißen Sand bestreut — ohne Parkett und ohne Bohnerglanz konnte man also, weiß es Gott, auch einmal leben— und fast sah es so aus. als ob von dem vielen weißen Sande auch der Bart des Alten etwas abgekriegt hätte. Draußen liefen ein paar Frauen und Män- n*r sichtlich erregt und lebhaft gestikulierend durch das Gäßchen.»Was ist mal wieder los?« knurrte der Vater Rhein zum Wirt in seinem runden Holzverschlag am Stubeneingang gegenüber, wo er gerade die Groachen- und Markstücke zu blanken Säulchen türmte. »Werden wohl mal wieder"nen Staatsfeind sich geschnappt haben. Der Martina-Pastor ist ja wohl schon lange fällig— für die!« Das»für die« klang nicht gerade freundlich und der Daumen war dabei verächtlich und despektierlich krumm, von dem mit entsprechendem Wink nach draußen dieser Ausdruck begleitet war. Fünf Minuten darauf legte Schang, der Zappes, das Extrablatt des »Stadtanzeigers« auf den Tisch, gerade vor den Vater Rhein:»Einmarsch der Armee in Köln!«»Adolf Hitler kündigt den Locarno-Pakt.«»Jeder nationale Kölner beflaggt sein Haus.« Mit einer müden Geste legte der Vater Rhein das Blatt Papier wieder auf seinen Platz.»Da ha'mer dä Rähn!«(Regen) meinte er philosophisch.»Tja«— echote der Wirt und zählte und häufelte an seinen Geldstücken weiter—»dat es wohl Rähn...!< Erst nach langem Schweigen, das nur das fast peinigende Ticktack der Kuckucksuhr im kleinen Raum unterbrach— auch der Aufruhr in der Gasse hatte rieh längst wieder gelegt und die Schwalben glitten um den runden Chor von Sankt Maria im Kapitol so sanft und ruhig ganz wie sonst— fing der Alte an, nicht ohne jenen schweren Husten, der aus den verbrauchten Bronchien betagter Zeitgenossen zu dringen pflegt, aber auch die Eindringlichkeit der Erzählung crhebUch verstärkt: »Die Jüngelchen, die uns heute kujonieren, lagen ja freilich damals noch in den nassen Windeln, als im November achtzehn der Tommy angerückt kam. Wissen Sie noch, Herr Wirt, die kurzen, bunten Röckchen, der Dudelsack, die Bänder an den Mützen? Dahinter? Kanonen, Maschinengewehre, Tanks. Im Rathaus, im Weißen Saal, standen damals die Herren von der Stadt— verstörte Gesichter; einer knabberte verstohlen an seinem trockenen schwarzen Stückchen K-Brot in der Hosentasche. Da klopft's wie das leibhaftige Schicksal dröhnend-dumpf an die Tür. Blaß geht der Oberbürgermeister selbst hinüber. Geht schon auf. Ein baumlanger Engländer steht plötzlich mitten im Saal, salutiert kurz, aber so, daß der Säbel höhnisch genug rasselt. Zieht eine weiße Visitenkarte aus der Diensttasche. Sir Ferguson, Generalleutnant, Kommandeur der 16. Division der»Royais Highlanderis« meldet der Stadt Köln den Einmarsch seiner Truppen,< Der Alte nimmt einen kräftigen Schluck aus dem-dunkelgrün geschliffenen Römer, der vor ihm steht. »War immer unser Schicksal— hier am Rhein, daß wir für die Preußen eroberte Provinz, angeblich notweftdlges Festungsglacis waren! Und blieben doch auch für die anderen immer nur die Fremden, die Boches... Ja, unter den Wilhelmen und den Friedrichen — da haben sie uns die Luft zum Leben gleich stückchenweise abgedrosselt- Da waren wir Festung mit einem Panzerkorsett um unsere Glieder, daß wir kein einziges davon recht rühren konnten. Da war der»Rayon« dicht am Herzen der Stadt, wüstes leere« Feld in Kilometerbreite im ganzen Umkreis: höchstens ein paar Holzbuden drauf oder eine'Altmaterialiensammlung mit häßlichen Willen eingehämmert hat. Kurz, ae wttrd» sich liier gar nicht um die Koalition nicht mehr existierender Parteien, sondern um die Volksbewegung handeln, die zugleich mit dem Faschismus die jede demokratische Republik und jeden sozialen Fortschritt hemmende Vorherrschaft der agrarischen und industriellen Feudalitäten zerbrechen will. Gewiß sind mit dieser Ideologie nicht die soziologischen Probleme in den fruchtbaren deutschen Realitäten gelöst. Diese Ideologie hätte sich vielmehr auseinanderzusetzen mit dem, was ein zusammenbrechender Faschismus als Erbschaft hinterlassen muß, mit der Heilung des vergifteten Bewußtseins der deutschen Massen, mit dem, was auch an der Revolution von 1933 nicht mehr rückgängig gemacht werden kann. Sie hätte Stellung zu nehmen zum Problem der Mittel einer das erstemal in breitester Front durchgreifenden deut- ' eben Volksrevolution. Sie muß in ihren Z 1 e 1 s e t zu n g en' hu m an i t ä r sein, aber als r e v o 1 u t i on ä r e D e m o- kratie zu rücksichtsloser Unterdrückung und Bestrafung der Vol ksf einde greifen können. In einem Vierten Reiche also: Parteien, aber wahrhaftig keine NSDAP mit ihren Neben-Organisationen! Keine mechanische Gleichschaltung, aber keine flagrante Ungleichschal t u n g in Heer, Justiz, Schule und Propaganda-Mitteln, wie sie der ersten deutschen Republik eigentümlich war. Wiederherstellung der Pwßfreiheit, aber nach gründlichen Eingriffen in die Eigentumsverhältnisse auf diesem Gebiet und mit Unmöglichma- chung jeder konterrevolutionären Agitation. Es ist zwecklos, sich heute Einzel- heiteu utopisch auszusinnen, aber man muß die Richtimg kennen. Und die heißt überall; von der revolutionären zur dirigierten Demokratie als Instrument der dirigierten Wirtschaft im Uebergang zum Sozialismus. Sollmann hat recht, wenn ihm das soziologische Problem der Gewinnung der Mittelklassen nicht durch vereinfachende Hegemonie-Parolen lösbar erscheint. Aber sorgt nicht hier der Faschismus selbst für den soziologischen und ideologischen Um- schmelzungsprozeß der Mittelschichten? Bilden sich nicht im Schöße der faschistischen Gesellschaft die Elemente ihres eigenen Unterganges? Noch ist es um uns Nacht, aber wir erleben in Europa die ersten Anzeichen, daß auch der faschistischen Nacht einmal ein Tag folgen muß. M. du Ijt. Hiäuc ifc dodm Kant ist entsdiuldigt Die»Preußische Zeitung« antwortet auf eine Briefkasten-Anfrage: »Kant war vorwiegend nordiacher Rasse, Augen blau, Haare hell. Längen-Breiten- Index des Schädels 88,5, also kurzköpftg. Diese Kur z k ö p f ig k ei t wird jedoch auf• englische Krankheit zurück ge führt.« Sein Glück! Konzentrationsdager Dachau, 17. Marz 1934. Ein warmer Vorfrühlingstag ging zur Neige. Es war kaum 6 Uhr abends und wir wurden von den Werkstätten weg in das mit elektrisch geladenem Stacheldraht umgebene Schutzhaftlager transportiert. Unsere Abendmahlzeit»Gäbe Gefahr« war nasch eingenommen. Sechs Gefangene waren wir, die auf der Bank vor der Baracke der 1. Kompagnie saßen. Doch keine Freude am herrlichen warmen Tage war zu merken, auf allen Gesichtern lag tiefste Aufregung, denn gerade heute war bei allen Kommandos wieder fürchterlich geschlagen worden. Sogar in der Werkstatt hatte man heute zwei Gefangene mißhandelt, obwohl in den Werkstätten nur äußerst selten geschlagen wurde. Die zwei Mißhandelten hatten angeblich SS- Scharführer nicht vorschriftsmäßig gegrüßt. Um Gründe zum Mißhandeln war man ja nie verlegen. Auch sonst war im Lager dicke Luft. Einer von uns Sechsen hatte die Mitteilung erhalten, dail er entlassen werde. Er spendierte aus Freude darüber einige Zigaretten. Dazu halte er auch eine Schachtel Streichhölzer gekauft. Beim Anzünden der Zigaretten ging den Kameraden Kammel das Feuer aus. Kamerad Doli warf die Streichholzschachtel dem Kammel zu, der sie auffangen wollte. Zu dieser Bewegung hatten sich beide von der Bank erhoben. Neben ihnen stand Kamerad C. Wir anderen dm schauten dem Pangespiei wie Kinder zu. denn unser Leben im Lager war ja so monoton, daß man jede harmlose Bewegung mit Interesse, wie eben ein Kind verfolgte. Da— psch.,. bang... zwei Schüsse hatten die Stille durchfetzt. Ich hatte mich sofort unter die Bank in Deckung geworfen, während die anderen noch sitzenden Kameraden erstaunt aufsprangen. Als Ich unter der Bank meinen Kopf hob, sah ich den SS- Posten mit dem Gewehr im Anschlag stehen. Auf und in meine Korporalschaftsbaracke springen, war das Werk eines Augenblickes. Das machte ich so energisch, daß ich auch noch den Kameraden M. mitgerissen habe. Drinnen gingen wir sofort an das Fenster, um zu sehen, was eigentlich geschehen war Da lagen sie nun vor dem Fenster, die Kameraden Franz Kammel und Josef Doli, zu Tode verwundet. loh konnte Kammel direkt ins Oe- ancht sehen und sah ihn sterben. Doli starb auch noch am gleichen Abend. Keiner der Gefangenen wagte sich aus der Baracke. Als nach einiger Zeit Führer der SS kamen, war uns klar, daß man ans bestenfalls neue Demütigungen bereite. Der Kompagnieführer Tambach stand mit rauchender Zigarre da und machte eine wegwerfende Geste. Dann war Zählappell; nur zwei Mann waren weniger! Und dann; »Schlafengehen!« Ich habe nicht geschlafen, vor mir lagen ständig im Bilde die sterbenden Kameraden Doli und Kammel. Endlich graut der Morgen. Es ist Sonntag, Sonntag, der 18. März 1934. Der 18. März! Anjährlich haben wir früher seiner feierlich gedacht. 18. März...! Doli und Kammel wurden auf dem Waldfriedhof in München beerdigt. Am 22. März 1934 aber meldete der»Volkische Beobachter«: »Im Lager Dachau mußte der Wachtposten von der Waffe Gebrauch machen, da die Schutzhaftgefaugeoen tätlich aufeinander losgingen. Dabei wurden zwei Mann erschossen.« Kukup-Olymplade Auch das soll es 1936 in Deutschland geben,»geistige Wettkämpfe auf dem Gebiete der bildenden Kunst, der Dichtung und der Musik«, wie es in einem gleichgeschalteten Berichte heißt. Allerdings ist eine Bedingung dabei: »Die Kunstwerke der drei Gattungen müssen eine Beziehung zum Sport oder doch wenigstens zum heldischen oder nordischen Gedanken haben. Ist da.« unmöglich? Werden hier der Kunst Fesseln angelegt? Es könnte so scheinen, und doch sind die führenden Männer die Gewähr dafür, daß kein Mißbrauch mit dem heiligen Feuer der Kunst getrieben wird. Wer sich innerlich unfähig fühlt, ein solches Thema künstlerisch zu gestalten. der wird ja nicht gezwungen, teilzunehmen. Die sich berufen fühlen, werden zum Wettaampf antreten,« Berufen fühlen darf sich auf deutscher Seite also nur die braune Mameluckenkunst; für deren»heiliges Feuer« die führenden Männer Gewähr leisten. »Die von den deutschen Prüfungsausschüssen ausgewählten Werke kommen vor internationale Ausschüsse, die aus allen Nationen die Kunstwerke sammeln und beurteüen.« Das heißt: der internationale Ausschuß bekommt an deutschem Wettbewerb nur zu sehen, was Göbbels zuläßt. Arme Olympiade- Jury, armer Baron de Coubertin, Neuschöpfer der Olympischen Spiele, der in diesem Völkerwettbewerb eine Begrenzung nach Weltanschauungen ausgeschlossen wissen wollte. Gerade diese Toleranz und Menschlichkeit darf im deutschen Wettbewerb nicht besungen werden. Daher der Name Kultur-Olympiade. Wie aber, wenn andere Nationin jüdische, liberale und freiheitliche Kunst mit großem Erfolg starten lassen und mit Lorbeer bekränzen? Nun, da wird das Dritte Reich den Devisen zuliebe ein Auge zudrücken. Geld stinkt nicht. Aber werden auch die preisgekrönten Werke der verjudeten Sieger dem Volke zugänglich gemacht werden, wie es dem Geiste und den Bestimmungen der Internationalen Olympiade entspricht? Göbbels wird drauf pfeifen und nach Tisch erst wird den anderen Nationen die Schamröte ankommen ob des traurigen Verrats, den sie 1936 am olympischen Gedanken und an der Kultur begingen! HöUc zum Streicher hinunter. Da ist wenigstens ein richtiger Betrieb.« Wörtliches Zitat aus einer kürzlich in Köln am Rhein gehaltenen Rede des Frankenführers und Hitler-Intimus Julius Streicher, dem die dankbare Reichsjustizverwaltung jetzt eine Ehren-Gedächtniszelle im Nümberg-sr Staatagefängnis für seine Verdienste um das Vaterland weihte... Streicher auf Dantes Spuren Nendeutsche Transzendenz. »Wenn ich einmal sterbe, dann wird mich der liebe Gott fragen;»Wie heißt du denn 7« —»Julius Streicher!«—»So so, du bist also der Streicher? Was willst du denn hier?«— »loh möchte in den Hinamel.«—>Na und wie steht's mit deiner Religion?«— Dann werde ich sagen:»Ja da gibts eigentlich keinen Namen dafür. Ich bin katholisch getauft, aber man soll Konfession und Religion nicht miteinander verwechseln. Religion habe ich schon!«— Da wind der liebe Gott sagen: »Schon ein bißchen ein freches Auftreten!« — Und er wird mich in die Hölle schicken. Dann stirbt vielleiclht der Grohö(Gauleiter von Köln! D. R.). Nehmen wir einmal an, der ist Protestant, ich weiß es nicht, und er soll in den Himmel kämmen. Da sieht er die Herren Klaas, Dr. Wohlmut. den Bischof von Mäßen dasitzen zur höheren Ehre Gottes. Da sagt der Grohe:»Da gehe ich lieber in die »FreiseeH« Wie die»Deutsche Rechtspflege« berichtet, wurde ein Gefolgachaftsnutglied einer oberschlesiscben Firma fristlos entlassen,»weil es sich bei einer Käse der NS- Gemeinschaft Kraft durch Freude anstößig benommen hatte«. Das Londasarbeits- amt Gleiwitz hat diese Entlassung gebilligt. In der Entscheidung heißt es, »daß auch das Verhalten außerhalb des Di e n s t e s einen Entlassungsgrund bilden kann. Die Fahrten der NS-Gemeln- schaft»Kraft durch Freude« seien keine einfachen Vergnügungsreisen, sondern einer der Wege zur Verwirklichung des Gedankens nationalsozialistischer Volksgemeinschaft.« Und wer kontrolliert, ob sich die Unternehmer in ihrer Freizeit»anstößig« benehmen? Fhen darum! Göbbels sagte in einer Rede: wenn manche Leute unsere Regierung so»witzig« fänden. so wisse er nicht, was daran witzig sei, wenn eine Regierung seit nunmehr drei Jahren unter einer Fülle von Sorgen sich abmühe um die Zukunft des deutschen Volkes. Das ist ja gerade der Witz dabei! Gartenkolonien. Die Spekulanten, die ein Gesetz der Weimarer Nationalversammlung enteignet hatten, schimpften zwar laut und zornig und wurden die ersten SA- Führer. Aber darum scherte sich wenig das freie, das gesunde Volk. Nie wieder!— hieß es damals--- Eine Pause in diesen Erinnerungen eines alten Mannes. Da fährt er plötzlich hoch: »Waren Säe übrigens dabei, als uns Kölner damals einmal Eduard Herriot, der klassische Franzose, besuchte? Es war im Pressa-Jahr. Wir gingen mit ihm hinüber über das Ausstellungsgelände, wo aus änem alten Pionierfort mitten zwischen farbensatten Rhododendron und blühenden Akazien das C&te chantant sich erhob. Wir tranken Rüdeshämer und sahen än wenig sinnend und grübelnd hinaus auf die Betonklötze, über (iis sich verschämt das Efeu geschmiegt hatte— Symbol des neuen Friedens! Ware nicht manches diesem Rhein erspart geblieben— diesem Rhein, diesem Deutschland, aber auch diesem Frankreich, das nach wie vor um seine Sicherhät heute mehr denn je bangt— wenn auch um das Seelische rechtzeitig genug jenes Efeu als Symbol gewuchert wäre??? Wer trägt die Schuld? Wer ist frei von Fehl?« Der Alte schwieg. Wir sahen uns. ernst und tief In die Augen. Ganz von ferne stampfte in Trommeln und Pfeifen der Hohenfried barger vorüber; eben zog das neue Kölner Tank-Bataillon ein. Aufgescheucht, wie in Sorge um ihre Jungen im warmen Nest, flatterten die Tauben jetzt um Sankt Maria im Kapitoi. E. E. Roth. Der braune Raabe Das Dritte Reich braucht Namen, sie können nicht mit allen Großen brechen; wenn es nicht anders geht, werden sie kastriert, wie jüngst Schillers»Kabale und Liebe« in einer Berliner Aufführung, über die die »Frankf. Ztg.« betrübt berichtet, daß der Abschied der Lady Milford und andere gegen den Despotismus gerichtete Dialoge eliminiert wurden, so daß vom jungen revolutionären Freiheitsdichtcr Schiller nichts mehr übrig blieb, als die Kabale. Auch Wilhelm Raabe muß zum Kronzeugen des neudeutschen Despotismus mißbraucht werden, der liberale Idylliker, der Dichter des Mitleids, der Feind aller Unduldsamkeit, Parteleng- berzigkeit und Brutalität. In einer Raabe- Fäer der Berliner NS-Kulturgemeinde strich Anton Dörfler diesen Vertreter der Mensch- lichkät braun an, indem er drauflos log: »Mit starkem Glauben und zuversichtlichem Stolz habe Wilhelm Raabe jenes Volksreich herbä gesehnt, das heute Tatsache geworden sä.« Dieser Lügner ist Träger des Raabe- Preises! Dann wurde Minister Rust losgelassen und wiederholte, es sä das Deutschland Hitlers, das Raabe ersehnt habe. Wenn wir nicht irren, bekannte sich der also im Grabe Geschändete als entschiedener Gegner des Antisemitismus und Rassismus, ja er hat sogar die Rassenschande begangen, einen Roman zu schreiben, in dem sich der Held für unterdrücktes Judentum änsetzt. Darf dieser»Hungerpastor« der Hitlerjugend ge- | lächt werden? Sie stehlen und fälschen Namen und Ideen em laufenden Band, nie fäl- i sehen unverfroren die Häden der Mensch- i llchkät zu Barbaren. Gibt es für die Kultur- Olympiade im Moment einen würdigeren Platz des Wettbewerbs?! Im gletdien Blatt Sie schlagen sich aufs Maul und wissen es nicht. Man braucht nur den Kunstteil einiger deutscher Blätter anzusehen, um dar-( über zu staunen, wie verschieden das definiert wird, was sie»arteigene» Kunst nennen. Ja, es kommt vor, daß im gleichen Blatt verneint wird, was einige Nummern vorher bejaht wurde. Greifen wir zum Königsberger Naziorgan. Da sagt der braune»Kunsthistoriker« Professor Straube in einem Vortrag, »daß durch die nationale Revolution äne Erlösung für die Künstler eingetreten und daß äne artfremde Kunst von nun ab ausgeschlossen sei.« Dieselbe Zätung hat, wie andere Blätter auch, mehrfach darüber geklagt, wieviä un- leutsche Kunst noch immer wuchere, und einige Nummern weiter bringt än Kritiker denn auch eine Blutenlese neuerer deutscher Schlagertexte, die an Trivialität kaum zu überbieten sind: der Kritiker donnert die Schlagerdichter an, sie möchten sich endlich umschalten und vom alten Kitsch loskommen: »Wir wollen uns die Aufzählung der deutschen Worte ersparen, die, gering an Zahl, unbegrenzt in ihren Möglichkeiten, von Ihnen als unentbehrliches Handwerkszeug immer wieder bis zum Ueberdruß mißbraucht werden. Wir wollen nur kurz darauf hinwäsen, daß von Ihnen oft in einer Weise mit der deutschen Sprache Schindluder getrieben wird, die nicht zu überbieten ist.« Nicht zu überbieten? Die Oberbonzen 1 wie die Oberbarden sprechen und schreiben än Deutsch, neben denen die vom obigen Kritiker servierten Schlagerzitate immer noch großartig einfach und klar wirken. Im selben Blatt tönt einer über die»neue Kunstgeainnung«; »Gerade bä unseren nationalsozialistischen Dichtern ist die Einfachheit ihres dichterischen Wortes und die Verbundenheit mit dem kernigen, un- parfümierten deutschen Menschen zu preisen. Ihre Gedichte gehören in die Schatzkammer zeitgenössischen Schaffens.« Vor einigen Wochen erst zitierten wir die Klage eines Rezensenten, der vierzehn Bände hltlerdeutscher»junger Dichtung« durchgelesen hatte, um betrübt festzustellen, daß er nichts gefunden, was des Lesens wert war...« Er wollte die Pläte nicht glaulren, er las das alles zwei- und dreimal; >Es machte müde und hoffnungslos... da lag das dicke Versebündel und was hatte ich vor mir; nichts als Papier...« Vergleiche oben:»Schatzkammer zätge- nöesischen Schaffens...« So schlagen sie sich dauernd auf das Maul, in der Kunst wie in der Politik. Heute so. morgen so. Aufnordung en gros Nicht weniger als 20 ostpreußische Gemeinden werden jetzt auf änen Hieb umgetauft. damit ihr slawischer Ursprung weniger auffalle. Z. B. wird P a t y 1 ß e n künftig Patilschen heißen, Szal girren verwandelt sich in SchaUgirren, S z a n z e 1 1 in Schanzeil, Szorkeninken in Schorkenin- ken usw. usw.— Wer nun noch bezweifelt, daß es sich um urgermanische Siedlungen handelt, wird erschossen. Die„FDhrer" der deutschen Netollurbelter sie ist es in dem Deutschland der Hitler und Ley nicht schöner geworden— für sie ist heute ärmer und kärglicher zu leben denn je! Drei Monate war der große Adolf bereits deutscher Reichskanzler und trotz Reichstagsbrand, Mord, Raub und Terror gegen die Arbeiterschaft war die Alleinherrschaft der Nazis noch nicht errungen, mußten sie die Regierung immer noch mit Hugenberg und den>feinen Leuten« teilen. Besonders richtete sich ihre Wut, ja der Haß gegen den kleinen Alfred, den sie als das wirkliche Hindernis gegen ihre Totalität ansahen. Eine große Masse»alter Kämpfer« sah die Bahn an die Futterkrippe des Staates noch gesperrt. Wie hatten sie doch gehofft, am Tage nach der»Machtergreifung« wie Heuschreckenschwärme in alle Amtsstuben einzufallen. Deutschland sollte von der Frontkämpfergeneration durch den Meldegänger noch einmal herrlichen Zeiten entgegengeführt werden. Neue Gelegenheiten mußten gesucht werden für den stürmischen Drang der Pg.'s nach Poeten und Aemtern. Die Gelegenheit kam. Am 2. Mai 1933»eroberte« Wilhelm Jäzosch an der Spitze bewaffneter Banden zusammen mit dem berüchtigten Johannes Engel, Berlin, das Hauptgebäude des Deutschen Metallarbeiter-Verbandes in der Alten Jakobsstraße. Seit dieser Zeit hat es Jäzosch verstanden, seinen Platz zu behaupten, während unter Ihm der Wechsel der braunen Spießgesellen nicht aufhört. Zwar werden die Metallarbeiter niemals gefragt, ob sie sich diesen jungen Mann als»Führer« gefallen laasein wollten, es wurde ihnen nicht einmal gestattet zu fragen;»Woher er kam der Fahrt, noch wie sein Nam und Art.« Es wäre auch nicht viel zu vermeiden gewesen, denn das einzige Positive war das Negative: Willi Jäzosch war kein Gewerkschafter, er hatte niemals einer Gewerkschaft angehört, hatte zu ihrem Aufbau nichts beigetragen. wußte nichts von ihren Ideen, Leistungen und Aufgaben. Er war ein alter Kämpfer gegen die Gewerkschaften. Er war auch kein Frontkämpfer, dazu war er zu jung, was ihn aber nicht hinderte, von Front- kämpfergeneration und Frontkämpfergesinnung zu schwatzen. Die Arbeiter, Gewerkschafter und Sozialisten mußten millionenfach an allen Fronten verbluten, sich zu Krüppeln schießen lassen, damit der kleine Jäzosch zu Hause seine Flegeljahre in Sicherheit verbringen konnte; so konnte er sich aufsparen für den Raub und die Gewalttätigkeiten an der Arbeiterschaft. Nach der Schulzeit wurde er Schreiber, Kontorist, mit einem Wort; Kaufmann, ein ehrenwerter Beruf. In der Handelsabteilung Berlin des Schwerindustriellen Thyssen fand Jäzosch eine Stellung, aber klein, so gar nicht den Ansprüchen an Bedeutung und— Gehalt genügend. Alle Welt weiß, daß gerade Fritz Thyssen der Finanzler Hitlers gewesen Ist, und dafür recht anständig bezahlt wurde aus dem Steuersäckel des deutschen Volkes, nachdem die Regierung an Hitler ausgeliefert war. Wefl nun Wilhelm Jäzosch gerade bei Fritz Thyssen die Zettel und Bücher vollschrieb, auch manchmal durch das Berliner Eisenlager ging, behauptete er 1933 mehr keck wie richtig, er sei aus der Metallindustrie hervorgegangen, was Wunder, daß er sich als den Führer der Metallarbeiter betrachtete.— Da unser Willi leider verhindert war, die Front im Weltkriege zu sehen und das Kriegsglück zu wenden, aber die Natur eines besseren Raufboldes besaß, fand er Gelegenheit zu löblichem Tun in Hitlers SA-Garde. Und als in den letzten Jahren vor der»Machtergreifung« die Nazis ihre Betriebszellen-Organisation aufbauten, zum Kampf gegen die Gewerkschaften, da war Jäzosch auch dabei. Hier kam er nun mit Engel, dem Leiter der NSBO Berlin zusammen, sie trafen sich auch wieder als Stadtverordnete im Parlament der Stadt Berlin. So konnte es nicht fehlgehen, daß Engel, seinen Freund, den Pg. Jäzosch, der doch nur ein schamloser Pj— Posten- Jäger war, zur gegebenen Zelt belohnte. So wurde er, der»Metallarbeiter« Wilhelm Jäzosch der»Führer« des DMV, der zerstört wurde zur»Reichsbetriebsgemeinachaft Eisen und Metall«. An den größten Vorbüdem, Hitler und Göring, geschult, versucht Wilhelm Jäzosch besonders den Letzteren an Brutalität des Mienenspieles noch zu übertreffen. Seine Brutalität ist aber nur einseitig nach»unten« gerichtet, gegen Untergebene, während er nach oben eine beträchtliche Feigheit und Kriecherei entwickelt. Unter ihm ist schon so mancher geflogen, aber er bleibt mit ausdauerndem Talent. Besonders fühlt er sich in seiner von einem erstklassigen Maßschneider angefertigten SA-Uniform mit langen Stiefeln und knallenden Absätzen. War er am 2. Mai 1933 im bescheidenen Zivil erschienen, in dem nur sein düsteres, typisch slawisches Gesicht auffiel, so kam er am nächsten Tag bereits in Uniform, um den Deutschen Metallarbeiter-Verband richtig führen zu können. Die Annehmlichkelten des Lebens weiß Wilhelm Jäzosch sehr zu schätzen, und er ging von der selbstverständlichen Voraussetzung aus, daß der Vorstand des Deutschen Metallarbeiter-Verbandes, wie überhaupt alle Angestellten recht ansehnliche Gehälter bezogen hatten, denn das gehörte doch zu der Korruption der Marxisten. Deshalb verlangte er am 3. Mai 1933 die Vorlage der Gehaltslisten des Verbandes und er war maßlos enttäuscht über die niedrigen Summen. Damit sanken ja seine eigenen Hoffnungen ins bodenlose. Er wollte es deshalb auch nicht wahrhaben, daß dem Vorsitzenden der größten Gewerkschaft das Gehalt sogar um die staatliche Angestelltenrente gekürzt wurde und ihm monatlich nur etwas über dreihundert RM. ausbezahlt waren. Auch die anderen Vorstandsmitglieder bekamen nur rund vierhunderttiRM. Das war für Jäzosch eine peinliche Entdeckung und so viel er mit seinen Bücherrevisoren und Bankbeamten auch die Kasse durchwühlte nach anderen »Zuwendungen«, es war nichts zu machen. So blieb leider nichts anderes übrig, als dem Verlangen der. Gewerkschafter nachzugeben und in einem Rundschreiben an alle Verwaltungsstellen diesen Tatbestand für alle Angestellten festzustellen. Was aber der»Führer« Wilhelm Jäzosch bekommt, das weiß niemand, als nur die mitbeteiligten Raubgesellen. Kein Mitglied darf danach fragen, kein Verbandstag beschließt wie früher über die Besoldung der Angestellten, und deshalb können die Mitglieder auch keine Vergleiche ziehen. Nur eins können die Mitglieder, mit Gewißheit feststellen, wie dieser wirkliche Bonze Wilhelm Jäzosch mit seinem herrlichen Merced es-Komp ressor-Wa- gen durch Deutschland fährt und von den Direktoren der großen Industrie empfangen wird, um den Metallarbeitern zu sagen, daß echter Nationalsozialismus blinder Gehorsam gegen den Betriebsführer ist. Es ist durchaus richtig, daß die Gewerkschaftsführer solchen Aufwand nie getrieben, solche»Taten« nie getan haben, ja, sie dachten nicht einmal daran; aber sie hätten es auch nur wagen sollen, wie wären die Mitglieder des Verbandes über sie hergefallen, und erst die Nazis, und erst Wilhelm Jäzosch! Was mag dieser Mann sich als Gehalt nehmen aus den Zwangsbeiträgen der Arbeiter, obwohl seine Leistung für das Einkommen der Arbeiter gleich Null ist! Die Frage nach dem Raub wird Jäzosch noch beantworten müssen bei der großen Abrechnung. Der Tag kommt! Nun ist den deutschen Metallarbeitern noch größeres Heil widerfahren, denn sie haben noch einen zweiten Führer, einen»stellvertretenden« bekommen. Ganz angenehm ist das dem bisherigen Führer Das teuerste Land der Welt Die Absperrung der deutschen Grenzen bewirkt, daß die Kurve der Lebenshaltungskosten in Deutschland genau umgekehrt verläuft wie in den meisten Ländern Europas. Der Index der Nahrungskosten sank nach der »Neuen Züricher Zeitung« in Gold von Ende nicht, denn dieser neue hat doch ein zu gro- �33 � Ende 1935 in ßg�en von 101 auf 71i ßes Gewicht und Wilhelm Jäzosch wird alle Wachsamkeit, alle Anpassungsfähigkeit anwenden müssen, denn dieser Stellvertreter Rudolf Blohm, in Firma Blohm und V o ß. Hamburg, ist kein Stellvertreter; hinter ihm steht der Wirtschaftsminister und Reichsbankpräsident Dr. Hjalmar Schacht und außerdem die Könige der schweren und großen Industrie im Zeichen des deutschen»Sozialismus«. Jetzt ist Jäzosch ganz klein und häßlich geworden, denn was kann ihm der Dr. Ley noch helfen, der auch nur muß. Der Willi Jäzosch mußte die Ernennung des Staatsrates Blohm durch Dr. Ley unterm 4. Februar 1936 natürlich amtlich bekannt machen und durfte hinzufügen; Frankreich 106 auf 91, England 94 auf 90, Itaüen 110 auf 101, Holland 119 auf 109, Tschechoslowakei 99 auf 86, Polen 80 auf 73, Schweden 77 auf 74. Nur in drei Ländern sind die Nahrungsmittel teurer geworden. Der Index war gestiegen in Dänemark von 69 auf 72, in der Schweiz von 117 auf 118, aber am meisten in Deutschland, von 114 auf 121. In England sind in dieser Zeit die Durchschnittslöhne gestiegen, noch stärker dank der Verbilligung der Lebensmittel die Reallöhne. Nur in USA ist die Teuerung der Nahrungsmittel annähernd so groß wie in Deutschland. Der Index der Nahrungskosten ist dort von 68 auf 78 gestiegen, aber 1935 stieg die Zahl der Beschäftigten um 8, die »Auf meinen Vorschlag.« Das tut Herrn I Summe der ausgezahlten Löhne um 21 Pro- Blohm nichts, er kann es sich leisten, daß zent- Die Verbesserung der Geldlöhne bleibt Willi sich seihst etwas vorlügt. Die Haupt- also nicht hinter der Teuerung zurück, der sache ist, er behält seinen Posten, das schöne I Reallohn ist also trotz Teuerung eher höher. Geld und das schöne Auto. Was tut man Iucf medrl�er forden. ,.„ j.. w• Nirgends werden den arbeitenden Massen nicht alles darum. Ein Gluck, daß die Arbei-„„. „ ,,,..,,. so große Opfer zugunsten der Knegsvorbe- ter-Kanaille nichts zu sagen, denn sonst-- ,,, 1 reitung aufgezwungen wie im Dritten Reich. Die Metallarbeiter haben es sich in ihren schlimmsten Tagen nicht träumen lassen, daß der»Metallarbeiter« Blohm ihr Führer werden würde. Der Herr»Kollege« Blohm gewiß auch nicht. Die Gegensätze waren denn doch zu schroff. Bei den vielen schweren Kämpfen der Werftarbeiter hatten sie keinen gehässigeren und rücksichtsloseren Gegner als die beiden Blohm, den alten wie den jungen. Sie waren die führenden Scharfmacher unter den Werftgewaltigen, die nur ihre eigene Macht, nur ihren eigenen Willen gelten ließen. Sie schufen in der Vorkriegszeit das meuchlerische Maßregelungsbüro gegen die Arbeiter: das Hamburger Arbeitsvermittlungsbüro der Unternehmer, gegen das sich der leidenschaftlichste Haß der gesamten Arbeiterschaft, nicht nur In Hamburg und Umgebung aufbäumte. Die Blohms haben das menschenmöglichste geleistet zum Zusammenschluß der Arbeiter in der Sozialdemokratie und den Gewerkschaften. Sie werden dieser Aufgabe auch jetzt treu bleiben. Herr Staatsrat Rudolf Blohm, Inhaber des größten deutschen Schiffbauuntemeh- mens Blohm und Voß in Hamburg, als»stellvertretender« Führer der deutschen Metallarbeiter und unter ihm der ehemalige Handlungsgehilfe der Firma Frttz Thyssen, Lager Berlin, als der»Führer« ohne und gegen den Willen der deutschen Metallarbeiter, das ist die groteske und tragische Komödie, die auf dem Rücken der Arbeiterschaft gespielt wird. Heinz Widia. G. A. F. Talentbewelse »Die Lübecker Bühne, die sich seit jeher die Aufführung Siegfried Wagnerscher Werke hat angelegen sein lassen, hat den glücklichen Gedanken gehabt, sich die Entwürfe seines Sohnes Wieland als erste deutsche Bühne zur Aufführung zu sichern. Der 19- jährige, augenblicklich im Abiturientenexamen stehende Wieland Wagner, der sich der Laufbahn eines Bühnenbildner s zu widmen gedenkt, hat durch besonders gelungene photographische Auf- nahmen des Führers und der letzten Bayreuther Festspiele die Aufmerksamkeit auf sich gelenkt.« (Mühch. Neueste Nachr.) „£s M äätmet �motdett m Deuistiätuid" Kassisdie Masdiinen Die Kommission für Wirtschaftspolitik der NSDAP veranstaltete wie üblich zu Ehren der Leipziger Messe eine Kundgebung in der Plelßestadt. Bei dieser Gelegenheit tönte der Ley: »Oberstes Gesetz sei es, den Takt der Maschine mit dem Rhythmus der Rasse in Einklang zu bringen. Nur dann sei mit der Uebernähme einer Rationalisierungsmethode amerikanischer oder russischer Prägung die höchste Leistung zu erzielen.« Die Rationalisierung russisch-amerikanisch, der Rhythmus nordisch und die Reden idiotisch. So lautet der Titel einer Schrift, deren Inhalt aus der Wiedengiabe der Reden und Artikel besteht, die der Leiter der Deutschen Arbeitsfront, Dr. Ley, in den letzten Jahren von sieh gegeben hat. Wie schön Deutschland geworden ist und wie schön es sich besonders für die Arbeiter und Angestellten in dem Deutsöhlaind der Nationalsozialisten laben läßt, das wird durch eine Statistik der Invaliden- und Angestellten-Versicherung dargetan. Sie gibt die Schichtung der Lohn- und Gebal tsei nkomm en wieder. Im Jahre 1935, also In dem Jahr, von dem das Regime behauptet, daß in ihm die Arbei tssohlacht endgültig gewonnen worden sei und der deutsche Arbeiter seinen Aufstieg in beschleunigtem Tempo habe fortsetzen können, ist der prozentuale Anteil der in den niederen Lohn- 1 klassen Veraioberten viel höher als im Jahre 1929. Damals, unter einer Regierung Müller,: war Deutschland auch noch nicht so schön geworden als heute unter Hitler und Ley. Der Anteil an der Gesamtzahl der Beiträge betrug h» den Lohhklassen der Invalidenversicherung: die fortschreitende Sohleoh terstell ung gerade der am niedrigsten bezahlten Arbeiterkategorien ihren Ausdruck. Den Lohnklassen bis zu 24 RM Wochenlohn gehörten 1929 45,3% der Gesamtversicherten an, 1935 aber 55,1%. Mit einem Woohenlobn von über 36 FtM waren 1929 37,8% versichert, 1935 dagegen nur 22,8%. Hier ist also ein Rückgang von 15 Prozent zu verzeichnen. Für die Angestellten-Versicherung ergibt sich eine ähnliche Verschiebung des prozentualen Anteils der einzelnen Gehaltaklassen an der Gesamtzahl der Beiträge. Es waren demnach 1929 in den beiden tiefsten Lohnklassen nur 15,8% versichert 1935 dagegen 25,4%. Darin findet 1929 betrug der Anteil der drei niederen Gehaltsklassen 58,4 Prozent. 1935 dagegen 65 Prozent. Mit einem Gehalt von mehr als 300 RM monatlich waren 1929 22,8 Prozent versichert, 1935 aber nur 16,9 Prozent. Bei der Beutteilung dieser Ziffern darf nicht außer Acht geilaasen werden, daß den Arbeiter und Angestellten seit 1935 keineriel Steuererlei chterungen zugute gekommen sind, daß sie im Gegenteil höhere Beträge für die nationalsozialistischen Organisationen zu leisten haben und sich beträchtliche Zwangsabzüge für die periodisch wiederkehrenden Zwangsbetteleden gefallen lassen müssen. Für BmeclormMa (SoitaldtmtfraHfdjro IPodjcnblaH Herausgeber: Ernst Sattler; verantwortlicher Redakteur: Wenzel Horn; Druck:»G r a p h 1 a«; alle In Karlsbad. Zeitungstarif bew. m. P. D. ZI. 159.334/VII-1933. Printed in Czechoslovakla. Der»Neue Vorwärts« kostet im Einzelverkauf innerhalb der CSR Kö 1.40(für ein Quartal bei freier Zustellung Kö 18.—). Preis der Einzelnummer im Ausland Kö 2.—(Kö 24.— für das Quartal) oder deren Gegenwert in der Landeswährung(die Bezugspreise für das Quartal stehen in Klammern): Argentinien Pes. 0.30(3.60), Belgien Belga 0.48(5.90). Bulgarien Lew 8.—(96.—). 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