Nr. 146 SONNTAG, 29. März 1936 (SostaJtemofraKfcfras tttecfonfrla# Verlag: Karlsbad, Haus„Graphia"— Preise und Bezugsbedingungen siehe Beiblatt letzte Seite Aus dem Inhalt: Die Politik der Internationale Der nationalistische Rausch Gestalten aus dem Dritten Reich Der Traumwaudler Dos Verbrechen an der Freiheit Die englische Hilfe für Hitler We engüsche Politik hat der Sache der europäischen Demokratie und des internationalen Rechtsgedankens einen großen Dienst erwiesen, als sie dem italienischen Angreifer entschieden entgegentrat und den Völkerbund zu Sanktionen gegen den Rechtsbrecher fortriß. Diese Politik war Dienst am Frieden und an der Freiheit, ade hat den Völkern Hoffnungen gegeben. Diese Leistungen und diese Hoffnungen Sind zerschlagen— zerschlagen von der englischen Politik selbst. In der Stunde, in der die Idee des Rechts, der Gedanke der kollektiven Sicherheit sich in Europa bewähren mußte, hat die englische Politik die Politik der kollektiven Sicherheit ersetzt durch die Wiederaufnahme einer Politik des europäischen Gleichgewichts nach dem Muster der Vorkriegszeit Sie hat die Politik des Vertragsbruchs, der Schaffimg vollendeter Tatsachen, wie sie Hitler führt, begünstigt Sie ist zur stärksten Helferin geworden für den hitl ersehen Versuch, von seinen innerwirtschaftlichen Schwierigkeiten durch ein außenpolitisches Abenteuer abzulenken. Sie hat durch ihre Stellungnahme und ihre Erklärungen, die nationalistische Propaganda in Deutschland gefördert Die englische Regierung und ein erheb- Dchar Teil der englischen öffentlichen Meinung sehen die geistige Haltung des deutschen Volkes durch einen Zerrspiegel Sie verwechseln den durch die Diktatur künstlich hochgepeitschten Nationalismus mit der natürlichen Grundstimmung des deutschem Volkes. Sie glauben, daß sie durch Entgegenkommen gegen den dirigierten Nationalismus ihn abschwächen, ja pazifizieren könnten. Sie sehen nicht da fl dieser Nationalismus das große Mittel für die Diktatur ist sich zu behaupten, daß sie ihn immer aufs neue aufpeitschen muß, wenn sie Schwierigkeiten zu überwinden hat Sie suchen den Grund für die Unruhe in Europa im deutschen Volke statt in der Hitlerdiktatur. Und weil sie no falsch sehen, haben sie jetzt eine Haltung eingenommen, die die Diktatur Hit- lers über das deutsche Volk stärken muß. Dieser Irrtum ist um so phantastischer, ab die englische Oeffentlichkeit eben erst «inen Anschauungsunterricht über die Erzeugung von Kriegastimmung und überhitzten Nationalismus erhalten hat Sie hat nun fast ein Jahr Zeit gehabt zu beobachten, wie die wilden Knegsreden Mussolinis, wie die Raserei seiner dirigierten Prease, wie die Aufpeitschung aller schlechten Leidenschaften durch die Propaganda der Diktatur den Geisteszustand des italienischen Volkes traurig verändert hat Und jetzt— jetzt bekräftigt sie selbst die Stichworte der nationalistischen Propaganda in Deutschland, jetzt fördert sie das schamlose Spiel, das die verlogene Hitlerpropaganda mit dem Begriff der Gleichberechtigung treibt jetzt ist sie selbst zum Narren dieser höllischen Dialektik der Hitlerdiktatur geworden! Soll das deutsche Volk nicht in einen sinnlosen Taumel nationalistischer Leiden Schaft rasen, wenn die Propaganda- m aschine der Diktatur ihm täglich ein- hämmem kann:»wir haben Recht w*1" haben Recht«, und wenn sie dabei täglich auf die englische Prease, auf die Erklärungen englischer Staatsmänner, auf die Haltung der englischen Regierung verweisen kann? Wie muß es auf die friedliebenden Völker in Europa wirken, wenn sie zusehen müssein, wie die mit Krieg drohende Hitlordiktatur neue Kraft aus der englischen Begünstigung ihres Gewaltstreiches zieht? Muß nicht die deutsche Diktatur zu dem Glauben kommen: alles ist erlaubt? Wohin muß es führen, wenn erst mit Hitler das ganze deutsche Volk der Selbsttäuschung verfällt: England erlaubt alles? Die Stellung der englischen Politik in der jetzigen großen Krise muß diese Selbsttäuschung erzeugen. Wenn aus dieser Selbsttäuschung heraus die Hitlerdiktatur, gestützt auf ihren inneren Prestigegewinn, zu neuen Abenteuern schreitet, die zur Katastrophe führen, wird die englische Politik ein voll gerütteltes Maß von Schuld daran tragen— und sie wird dann, wenn sie im Augenblick des Kriegsausbruchs auf der anderen Seite steht, im deutschen Volke wieder jene Haßstimmung gegen sich hervorrufen, die aus den Augusttagen von 1914 noch allen im Gedächtnis sein sollte! Die Politik der Stützung Hitlers steht im krassesten Gegensatz zu den Interessen der europäischen Demokratie, und es ist einer der tragischsten Züge der gegenwärtigen Geschichtsperiode, daß eine der stärksten Kräfte der europäischen Demokratie, daß die engüsche Demokratie verblendet zur Förderung der Macht und des Prestiges Hitlers beiträgt Und nicht nur Hitlers! Mit ihm gemeinsam zeigt sich heute Mussolini in der Geste des Triumphators über die Idee der kollektiven Sicherheit und den Völkerbund. Wer glaubt noch an eine Verschärfung der Sanktionen des Völkerbundes gegen den Angreifer Mussolini, ja nur noch an die Durchführung der bisherigen Sanktionen, nachdem die englische Politik vor dem Geist der Hitlerpolitik kapituliert hat? Wer kann heute den Schein zerstören, wenn Hitler und Mussolini vor ihre geknechteten Massen treten und ihnen sagen: wir haben einen großen Sieg über den Völkerbund davongetragen, wir haben bei allen Völkern sein Prestige zerstört, wir haben ihm die Waffe der Sanktionen genommen, wenn Hitler erklärt: ich habe Frankreich isoliert, eine wichtige Etappe meines Programms verwirklicht, die westeuropäischen Fragen von den osteuropäischen losgelöst, Macht und Prestige für Deutschland gewonnen? Es sind nicht die langen Perspektiven, die die geknechteten Völker sehen, sondern der Schein des Augenblicks, und es ist der Schein des Augenblicks, mit dem die Diktatoren ihre Völker betören. Daß neben dem entwerteten Völkerbund die bündnismäßigen Machtgruppierungen sich in den Vordergrund schieben, daß die Rüstungen gegen Deutschland weitergehen— nun erst recht, und um so erbitterter— daß die Kriegsgefahr nicht weicht, sondern wächst, daß aus dem Schutzbedürfnis der Bedrohten nun eine echte bündnismäßige Einkreisung zu werden droht— das geht heute im Rausch unter. Dieser Rausch soll ein Mittel zur Herbeiführung des Friedens in Europa sein, seine Förderung eine Politik, die den Völkern nützt? Eines Tages wird auch die englische Politik aus ihrem grandiosen Irrtum erwachen. Sie wird dann erkennen, was es bedeutet, wenn man Diktatorer. Tagestriumphe verschafft. Sie wird dann mit Entsetzen sehen, daß der nationalistische Rausch von heute die Generalprobe für den Rausch am Tage der Mobilmachung war. Der natlonalistlsdie Rausch «.Die Fahnen flattern hoch im Wind" Wieder und noch einmal wird die Stimmung des Festefeierns hochgetrieben, fast wie in den Friihlingswochen des Jahres 1933. Nicht der Truppeneinmarsch in das Rheinland hat zunächst und zumeist diese neue Stimmungswoge geschaffen, denn es war erst in der Volksmehrheit viel mehr Bestürzung und Verblüffung vorhanden als Begeisterung. Auch die Nazis, wenigstens der älteren Jahrgänge, wurden erst munter, als der erste Schrecken vor dem Kriegsgespenst Horizont zu weichen begann, und man mit beinahe ungläubigem Staunen wahrnahm, daß von keiner Seite her die befürchteten Aktionen drohten. Da erst setzte sich die»W a c h t- a m-R hei n<-S timmung durch, und die g ewaltige Propagandamaschine des Reichs und der Partei, die intensiver arbeitet denn je, fand das Feld zn ihrer Aussaat bereit. Auch jetzt noch gibt es Millionen und Millionen bedächtiger und sorgenvoller Menschen, zumal in der Arbeiterschaft und in der Geschäftswelt, aber die Volksmehrheit und gerade auch Jugend aller Schichten ist im Augenblick von dem nationalistischen Hochgefühl mitgerissen. Man muß sich das eingestehen und auch hinzufügen, daß die abenteuerliche Kühnheit der außenpolitischen Entschlüsse.und Kraftproben des Regimes unzähligen jungen Deutschen imponiert. Nur sollte man nirgendwo in Europa glauben, daß dadurch eine deutsche Jugend mit irgendwelchen Rechtsbegriffen für die Einhaltung internationaler Verträge heranwächst Wer in diesen Tagen Gelegenheit hatte, mit jungen Deutschen, die keineswegs Nazi zu sein brauchen, über Verträge mit fremden Staaten, über Vertrauen zwischen Völkern und so etwas wie internationale Moral zu sprechen, der wird gefunden haben, daß in dieser Jugend überhaupt jedes Gefühl dafür fehlt, daß ein friedliches Zusammenleben der Völker nur unter gewissen Rücksichten jedes Volkes auf jeden seiner Nachbarn möglich ist. Gewiß, man jubelt einer rednerischen Phrase zu, die auffordert, das Kriegsbeil zwischen Deutschland und Frankreich zu begraben, aber es kommt dabei keinem der jungen Menschen zum Bewußtsein, daß das unmöglich ist, wenn das Deutsche Reich die Vorherrschaft in Europa anstrebt, so wenig eine Verständigimg möglich war, solange Frankreich die Hegemonie ausübte. In dem Aufbrausen der Beifallsstürme äußert sich zugleich der Rausch eines unbändigen Kraftgefühls, das glaubt, durch Auftrumpfen mit der Militärmacht und dem Ertrotzen jeder Forderung die höchsten nationalistischen Ziele erreichen zu können. Deutlicher denn je lehren die lärmenden Volksparaden und Wahlfestaufzüge, die man jetzt in Deutschland erlebt, daß es eine hohle und brüchige Behauptung Hitlers ist, er habe die Synthese zwischen Nation und Sozialismus herbeigeführt. Tatsache ist, daß seine Bewegung den überspanntesten und aggressivsten Nationalismus geschaffen hat, der je in einem europäischen Volke lebte, und den man sich in dieser Raserei zuvor in Deutschland hätte gar nicht vorstellen können. Der Sozialismus dagegen, jede Art von Sozialismus verschwindet hinter den Kulissen der Fahnen und Girlanden. Aber er wird immer wieder in seiner ernsten und gebieterischen Forderung hervortreten, wenn die Fahnen dem Alltag und seiner Sorgen weichen müssen. Propa ganda kann viel, viel mehr als jeder von uns ahnte, aber sie kann nicht einen kor rumpierten und im Grunde seiner Zukunft selbst unsicheren Rüstungskapitalismus durch Militärmärsche und Radioreden in den Sozialismus verzaubern, den so oder so auch die meisten von den Deutschen wollen, die nun für einige Wochen sich im nationalistischen Festrausch betäuben. H. W. Das nennt sich Wahl! »Oazeta Polska« meldet aus Berlin; Der Verband der Polen in Deutschland hat beim InnenmiiniatÄriiim um Informatioo über die Möglichkeit der Vorlage einer Kandidatenliste zu den am 29. März stattfindeav- den Wahlen nadhgosrucht. Durch eine Zuschrift des Ministeriums wurde ihm mitgeteilt, daß keine anderen Kandidaten in Frage kämen außer denen, deren Name auf der amtlichen Einheitsliste der nationalsozialistischen Partei seien. Aus diesem Grunde sah der Verband ein, daß die polnische Beteiligung an den kommenden Wahlen zwecklos sei. Liebenswürdiger Gastgeber Göbbels lud 600 Arbeiter der Berliner Betriebe bei sich zu Gast. Er begrüßte sie mit den Worten: »Als Vertreter der Opposition hatten wir früher nichts mit dem zu tun, was Repräsentation heißt. Das ist heute. wo wir nicht nur eine Partei, sondern auch den Staat, und zwar nicht nur dem eigenen Volk, sondern auch der Welt gegenüber zu vertreten haben, anders geworden. Es ergeben sich daraus zahllose Verpflichtungen, über die der einzelne nicht mehr entscheiden kann und darf, ob sie ihm nun angenehm sind oder nicht. Und wenn ich Künstler und Wirtschaftler, Diplomaten und Politiker empfange, so liegt kein Grund vor, nicht auch die Arbeiter als Gäste zu mir zu bitten.« Angenehm war ihm der Besuch also nicht, aber die Repräsentationspflichten dem Ausland gegenüber— und das Wahlmanöver im Inland— erheischten gute Miene zum bösen Spiel. Deutlicher hätte ers seinen Gästen gar nicht sagen können. Nur gut, daß»Verpflichtungen« solcher Art aus dem Repräsen- tations- und Propagandafonds, das heißt mit den Steuergeldem des Volkes finanziert werden, sonst könnten vielleicht die Hochnoblen, brillantenblitzenden und sektschäumenden Hauskonzerte der Frau Magda darunter leiden. HitlerdeuiscSilaiifl— eine Demokratie? Ausverkauf von Idealen— Da« Hau« Hitler versucht es mit einer anderen Firmierung. Daß sie lügen, ist nicht neu, und wenn heute irgendein nationalsozialistischer Oberführer in öffentlicher Volksvensammlung die Behauptung aufstellte, der Mond sei ursprünglich grün gewesen und die Juden hätten ihm seine Farbe gestohlen, um ihre Synagogen damit anzustreichen, so würde das kaum noch überraschen. Nein, d a ß sie lügen ist nicht neu, es interessiert nur von Fall zu Fall die Frage, warum lügen sie so und nicht anders? Da fielen z. B. in den jüngsten braunen Wahlreden die folgenden Sätze: »Ich will weiter, daß durch diese Wahl der Welt gezeigt wird, Ha.a in Deutschland nicht die Bajonette ein Volk führen würden, sondern daß hier eine Regierung getragen wird vom Vertrauen des ganzen Volkes. Ich setze meinen Ehrgeiz darin(er sagte wirklich»darin«. D. Red.) keinen Staatsmann auf der Welt zu kennen, der mit mehr Recht als ich sagen kann, Vertreter seines Volkes zu sein!« (Hitler in Hamburg.) »Deutachland wird von einem Diktator regiert?« Wir angeblichen Diktatoren haben den Mut gehabt, in drei Jahren das Volk dreimal an die Wahlurne zu rufen!« (Göbbels in Leipzig.) »In Deutschland herrscht heute nicht, wie im Auslande vielfach behauptet wird, Diktatur, sondern vielmehr eine wahrhafte echte Demokratie.« (Frick in Brandenburg.) Die Behauptung, das Dritte Reich sei eine Demokratie, verliert natürlich nicht an Lächerlichkeit und gewinnt nicht an Glaubwürdigkeit, wenn sie mehrfach wiederholt wird, denn wie die»Volksbefragungen« In Hitlerdeutschland aussehen, daß die zustimmende Antwort mit Terror und Bespitzelung, mit Drohungen und Erpressungen, mit Gummiknüppel und Stahlrute erzwungen wird, weiß man im In- wie im Ausland. Und von der nachträglichen Umfälschung der dennoch abgegebnen Nein- und Ja-Stimmen wäre die Welt auch dann überzeugt, wenn die Kniffe geschickter gehandhabt und nicht immer wieder in den verschiedensten Wahlbezirken mehr Stimmen gezählt würden als Wähler vorhanden sind. Aber das Märchen von der nationalsozialistischen Demokratie ist nicht nur läppisch, es erscheint auf den ersten Blick auch überflüssig. Haben sich die Ha- kenkreuasführer nicht selbst oft genug damit gebrüstet, daß es ihnen gelungen sei, der »faulen« Demokratie den Garaus zu machen, alle Verantwortung auf die eigenen Schultern zu nehmen und das Führerprinzip bis in die Kanarienzüchtervereine hinein zu verwirklichen? Warum möchten sie nun die Welt durch ständige Wiederholung der gleichen Phrase glauben machen, daß sie selbst die Wahrer jener Demokratie seien, auf deren Zerstörung sie so stolz sind? Warum bekennen sie nicht so gerade und ehrlich, wie es dem»nordischen Menschen« ihrer eigenen Auffassung nach geziemt: Jawohl, wir regieren diktatorisch, weil wir die Diktatur hoch- echätzen und sie für den einzigen Weg halten, unsere Pläne zu verwirklichen«? Warum lügen sie? Sie lügen einmal, wen ade die Verantwortung, von der sie soviel reden, auf das ganze Volk abwälzen wollen. Denn was sie der wahren Demokratie anlogen; daß In ihr keiner die Verantwortung trüge, das haben sie selbst in ihrem eigenen Staat bis zum Exzeß verwirklicht.»Der Führer weiß das nicht«—»Uebergriffe untergeordneter Instanzen«—»Das Volk hat es selbst gewollt« — jeder schiebt es auf jeden, und wenn es gar nicht mehr anders geht, werden wie am 30. Juni 1934 ein paar hundert Mann abgeknallt, damit die anderen unbeschwert weiterwursteln können. Sie lügen also, well sie sich vor der Verantwortung drücken möchten. Aber das ist es nicht allein. Sie lügen auch, well sie Oese h ä f t e machen wollen. Geschäfte mit wem? Mit einer demokratischen Umwelt. Und hier wird die Sache erst eigentlich pikant. Den Herrenmenschen, den Fuhrernaturen, den angeblich sturen Geradeausgehern ist langsam die Erkenntnis gedämmert, daß die Diktatur nicht mehr hoch im Kurs steht, daß die Welt es müde geworden ist, daß die zivlllflerten demokratischen Völker es satt haben, statt mit gleichberechtigten Partnern mit ein paar Gefängnisaufsehern zu verhandeln, die vorgeben, im Namen der von Ihnen unter Verschluß gehaltenen, in Ketten gelegten Häftlinge zu sprechen. Die Aktien der Diktatur sind gesunken. Die Entwicklung In Spanien, In Oesterreich, in Rußland beweist es. Diktatur wird an der Völkerbörse unter pari gehandelt, und die Staatsmänner, die beweglich genug sind, ver suchen aus dem Geschäft auszusteigen. Die nationalsozialistischen Staatsmänner können nicht mehr aussteigen. Sie haben dem Die Politik«3ep Internationale Die Londoner Konferenz gegen Hitlers Vertragsbruch Am 19. und 20. März 1936 tagte in London unter denn Vorsitz von Walter M. Cltrine und Louis de Brouk- k e r e eine gemeinsame Konferenz der Exekutive der Somaliatlsohen Arbeiter- Internationale und des Ausschusses des üntemaitionaJen Gewerkschaftsbundes. Sie beschloß nach edr�ehender Debatte folgende Resolution zur internationalen Lage nach dem EMnmarsdh der deutschen Truppen in die Rhednlandzone: An alle Arbeiter! Wieder einmal droht der Welt ernste Gefahr für den Frieden. Wieder einmal will die Nazl-Diktatnr Ihre Ziele durch Wortbmch erreichen. Nicht allein der Vertrag von Versailles ist rücksichtslos zerrissen worden, sondern auch der Vertrag von Looamo, den Deutschland frei geschlossen und Hitler selbst noch im Mal des vergangenen Jahres ausdrücklich anerkannt hat. Die internationale Arbeiterbewejpmg verurteilt auf das schärfste diesen verbrecherischen Akt. Die Konferenz stellt mit Befriedigung fest, daß der Völkerbund den Bruch des Vertrages verurteilt hat. Würde ein solcher Bruch von Treue und Glauben geduldet, so würde alles Vertrauen In Internationale Verträge und das ganze System der kollektiven Sicherheit zerstört. Der Zweck dieses Jüngsten Gewaltaktes ist klar. Es Ist die Vorbereitung zur Befestigung der entmilitarisierten Zone und zur Errichtung von Flughäfen, also eine Vorstufe zum Angriff gegen friedliche Länder in Ost- und Westeuropa. Den Vorwand für diesen Bruch eines feierlichen Versprechens bildet die Behauptung, daß der französisch- russische Pakt mit dem Vertrag von Locarno In Widerspruch stehe. Dies zu entscheiden, gibt es ein einfaches Mittel. Im Jahre 1983 hat Hitler die von seinen Vorgängern feierlich ausgesprochene Annahme der Gerichtsbarkeit des Internationalen Gerichtshofes im Haag erneuert: man unterbreite also diese Streitfrage unverzüglich dem Haager Gerichtshof. Bei allen Verbandlungen mit Hitlers Abgesandten aber sind es die friedliebenden Staaten innerhalb des Völkerbundes, die den Inhalt und die Form dieser Verhandlungen zu bestimmen haben. Wir können nicht zulassen, daß Bitler den Völkern vorschreibt, welche Vorschläge geprüft werden sollen und welche nicht. Der Frieden der Weit ist in Gefahr. Es gilt, die Zivilisation auf eine sichere Grundlage zu stellen. Nur ein Mittel gibt©s, sie zu sichern: die entschlossene Verwirklichung der kollektiven Sicherheit. Die Grundsätze des Vertrages von Locarno müssen verstärkt und erweitert werden; das Gebiet ihrer Anwendung soll durch den Völkerbund so weit wie möglich ausgedehnt werden. Der Frieden ist ein unteilbare« Ganzes. Alle Staaten müssen sich ohne Zaudern zur Hilfeleistung für ein angegriffenes Land vereinigen. Ein Vertrag muß geschlossen werden, der diese Hilfeleistung sichert und schnelles und einheitliches Handeln zur Unterstützung jedes Opfer« eines Angriffes verbürgt. Der Vertrag muß allgemein sein, allen offenstehen, den Grundsätzen des Völkerbundes entsprechen und darf daher die Sowjet-Union nicht ausschließen, wie es Hitler will. Die internationale Arbeiterbewegung ist, wie sie im Falle des Itallenlsch-abesslnlschen Konfliktes erklärt hat, und noch heute erklärt, entschlossen, die Gefahren und Verantwortungen einer solchen kollektiven Organisation des Friedens auf sich zu nehmen. Diese Gefahren sind viel geringer als die jeder anderen Politik. Isolierung und das alte System der MUitärallianzen führen schließlich zum Krieg. Ein verbrecherischer Angriff kann nicht durch einen moralischen Appell verhindert werden. Jedem, der den Angriff wagen wollte, muß eine überlegene Macht entgegentreten, zu der alle Länder entsprechend einem vereinbarten Plan beitragen müssen. Gemäß diesem Zweck muß die Bewaffnung der einzelnen Staaten geregelt werden. In der Verbesserung des Systems der kollektiven Sicherheit liegt die einzige Hoffnung auf eine erhebliche Verminderung dieser drückenden Last. Die Abschaffung der privaten Rüstungsindustrie und des privaten Waffenhandels würde die Sicherheit noch wirksamer gestalten. Hitler sucht seine Angriffsabsichten unter Friedensbeteuerungen zu verstecken. Hitler spielt sich als Friedensstifter auf. Er kann die Aufrichtigkeit seiner Vorschläge nur dadurch beweisen, daß er im Einvernehmen mit den anderen Ländern seine Rüstungen durch ein internationales Abkommen begrenzt und sie internationaler Kontrolle unterwirft. Ein Abkommen über die kollektive Sicherheit durch gegenseitige Hilfeleistung und durch Abrüstung müßte die Grundlage bilden, auf der der Völkerbund Deutschland mit gleichen Rechten zum Abschluß eines allgemeinen Vertrages auffordern soll. Deutschlands Weigerung würde der Beweis seines unentwegten Willens sein, die europäische Ordnung und den Frieden zu stören. Es wäre dann die Pflicht der anderen Regierungen und Völker, den Frieden ohne Hitlerdeutschland zu organisieren, und alle Maßnahmen der kollektiven Sicherheit zu treffen, die nötig sind, um den Friede aufrechtzuerhalten. Ein dauernder Friede kann nur begründet sein auf soziale Gerechtigkeit und die Beseitigung der wirtschaftlichen Ursachen des Krieges. Darum fordern wir, daß eine entschlossene Bemühung zur Beseitigung dieser Ursachen unternommen werde. Die Organisation des Völkerbünde* muß derart ausgestaltet werden, daß sie die freie und systematische Erörterung dieser wirtschaftlichen Probleme und eine wirksame Aktion zur Hebung der Lebenshaltung der Arbeiter der ganzen Welt ermöglicht. Wir rufen die Arbeiter auf, äße Kräfte anzuspannen, um den Faschismus überall zu schlagen und den Weltsozialismos zum Siege zu führen. Wir rufen alle Freunde der Freiheit und des Friedens auf, kraftvoll and unablässig den Kampf gegen den Krieg zu führen. Wir müssen das Gefühl der internationalen Solidarität stärken. Wir fordern die an* angeschlossenen Organisal tonen auf,»u«« za tun, um alle Kräfte, die von gleichem Wollen erfüllt sind, zu einer gewaltigen Bemühung zusammenzufassein. Volk zuviel vorgelogen.»Wir sitzen alle In einem Boot« heißt ihre Parole, und ringsum lauert der Abgrund. Das geringfügigste Abweichen vom diktatorischen Kurs bringt das ganze Schiff ins Schlingern. Deshalb können in den Kabaretts seihet die gutmütigsten politischen Witze nicht geduldet werden, deshalb wurde die Narrenfreiheit am Karnevalstag reglementiert, deshalb folgt auf jede scheinbare Lockerung eine desto schärfere Terrorwoge, deshalb wird jeder Fetzen bedruckten Papiere«, der aus dem Ausland kommt und ein Stück Wahrheit enthalten könnte, ängstlich beiseite geschafft, deshalb werden die auswärtigen Sender durch Störanlagen für das Reichsgebiet unverständlich gemacht Nein— von der Diktatur können sie kein Jota preisgeben, aber sie versuchen sie weg- zulügen. Sie versuchen, sich der Zeltströmung, die nun einmal gegen die Diktatur gerichtet ist anzupassen, indem sie ihre Diktatur in eine Demokratie umtaufen, indem sie wiedermal ein Wort, das Wort Demokratie, in sein Gegenteil umfäl sehen, wie sie viele Worte— etwa Friedensliebe, Freiheit, Spende, Kundgebung— für den reicbsdeutschen Sprachgebrauch auf den Kopf gestellt haben. Aber der Streich wird Ihnen in diesem besonderen Falle nicht gelingen. »Demokratie« ist ein Fremdwort und daher gleichsam exterritorial. Sie haben es zwar glücklich durchgesetzt, daß die Deutschen im Reich und die Deutschen außerhalb der Grenzen, sofern sie nicht gleichgeschaltet sind. zweierlei Sprache reden, aber sie werden es nicht durchsetzen, daß die ganze Welt sich ihrem seltsamen Wörterbuch fügt. Denn wenn das Dritte Reich zur»Demokratie« ernannt würde— weis wären dann England, Frankreich, Schweden, die Tschechoslowakei — was wären dann alle wirklichen Demokratien der Welt? Vielleicht Diktaturen? Oder welchen Namen beliebt ihnen Herr Hitler frei- zuhalten? Nein— Demokratie wird Demokratie bleiben, diesem Worte werden sie nicht die Knochen brechen, und die Welt wird es sich nicht nehmen lassen, den Staat des Herrn Hitler weiter eine Diktatur, seine Herrschaft weiter eine Gewaltherrschaft, seine Regierungsmethoden weiter Tyrannei zu nennen. Und wenn die braunen Herrenmenschen zehnmal erkannt haben, daß Diktatur ein schlechter Artikel Ist: sie werden das Geschäft unter der alten Firma weiterführen müssen bis zum endgültigen Bankrott. Kriegswirtschaft Der Deutsche Reidhsanzeiger und Preußischer Staatsanzeigar vom 13. März 1936 Nr. 62 veröffentlicht folgende»Anordnung 22 der Uobarwaohungss teile für Laderwtrtechaft« (Scheren von Schaffellen) vom 13. März 1936: Auf Grund der Verordnung über den Warenverkehr vom 4. September 1934 (BedchiSgesetzbl. I S. 816) in Verbindung mit der Verordnung über die Errichtung vom UeberwaohsungasteUen vom 4. September 1934(Deutscher Redchsanzecger Nr. 209 vom 7. September 1934) wird mit Zustimmung des Relchawirtschaftsmlndsters folgendes aa�eondnet; § L Das Scheren von Schaffellen Ist verboten. Scheren ist jedes Abschneiden oder sonstige meohainJsohe Abtrennen der Wolle vom Fell. § 2. ZuwidorhaocLungen gegen diese Anordnung fallen unter die Strafvorschriften der §5 10, 12 bis 15 der Verordnung über den Wajeuverkelir vom 4. September 1934 (Riedchagesetzbl. I S. 816). § 3. Die Anordnung tritt am Tage nach der Veröffentlichung Im»Deutschen Reichsanzeiger« in Kraft. Berlin, den 13. März 1936. Der Reichsbeauftragte für Loderwlrbschaft: Steinbeck. Warum dieses Verbot? Weil die Reichswehr ungeschorene Felle für Militär- pelze braiuoht. Wozu die Militärpelze? Für einen Winterfeldzug im Osten. Frauenmörder begnadigt Die deutschen Zeitungen berichten: »Der Führer und Reichskanzler hat die am 3. Oktober 1933 vom Schwurgericht in Plauen gegen den am 23. Oktober 1886 geborenen Otto Wolfrum aus Plauen wegen Mordes ausgesprochene Todesstrafe im Gnadenwege in lebenslange Zuchthausstrafe umgewandelt. Der bisher gut beleumundete Verurteilte hat am 15. Mai 1935 in Plauen seine Stieftochter Elisa Schubert getötet.« Die begnadigten politischen»Verbrecher« brauchen wir nicht zu zählen.— Es gibt keine. Zu ermäßigten Preisen Adolf Hitler hat zu seiner Breslauer Rede 3000 schlesische Bergarbeiter »eingeladen«. Das heißt, er bat sie einladen lassen— in einen Eisenbahnzug und hat sie in die Gastspiel-Stadt verfrachtet. Gleich- zeltig melden die Zeitungen, daß aus der Provinz dreißig; Sonderzüge der Reichsbahn mit 75prozentiger Fahrpreisermäßigung nach Breslau rollten. Mit Hilfsmitteln solcher Art lassen sich schon eine Menge Leute auf die Beine bringen. Sein eigener Regisseur United Preß meldete: TTinen Blick hinter die technischen Kuliaoen des gegenwärtigen großen Wahlfeldzuges gewährte der Beauftragte des RedohasemdeleiteflS einer Karlsruher Zeitung. Eeaondere Beachtung verdient ein Rednerpult, das Hitler bei seinen Reden benutzt und mit dessen komplizierter technischer Eänriohtung sich die verschiedensten Effekte erzielen lassen. Dieses Pult, das äußerlich ganz unscheinbar ist — man sieht nicht edamai die Mikrophone— birgt mehrere Knöpfe mit denen der Führer persönlich die Seheinwerfer im Saal abblenden oder sich ebenfalls durch einen Flngendruok, mit den Kameraleuben der Wochenschauen in Verbindung setzen kann, um das Zeichen zur Aufnahme zu geben. Das funktechnische Material wind mit einem Sonderflugzeug von Ort zu Ort gebracht. Das Matertal für die Karlsruher Rede wog allein etwa, zehn Zentner, Kabel von 2,5 km Länge wurden in kürzester Zeit gelegt. Vom Offenbar ungseid zur Motor- Yacht Der erfolgreichste RevoUitionSgewinnler aller Zelten. Mitteilung der Berliner»Tetefunkanzei- tung« vom März dieses Jahres: »Anfang August vorigen Jahres wurde die für den Herrn Mänisterpräsldeaten, General der Flieger Hermann Görlng auf dar Yachtwerft von Claus Engelbrecht, Köpenick erbaute Motoryacht Oarin(Länge 16 Meter, Breite 3.60 Meter) von Telefuaken mit einer Funksende- und Empfangsanlage ausgerüstet. Es Ist gelungen, diese sehr lei- stungafähige EHnrichtuag im Durchgang auf der Steu erbo rdseite zwischen Außenwand und Innenarchitektur einzubauen, so daß sie keinen Platz wegnimmt.« Mit dem Telef unkenapparat sollte der Besitzer täglich dreimal schildern, wieso er zu der Yacht kommt.... Deutsdie Streiflidbiter Führerworte Hitlers Glück ist, daß die fremden Staatsmänner noch immer seine lockenden Friedensangebote emster nehmen als die etwas verklausulierten Expansionsziele, die er verkündet So sollte man zugeben, daß er seinen Willen, die Rheinlandzone militärisch zu besetzen, schon Iii seiner außenpolitischen Reichstagsrede vom 21. Mai 1935 ausgesprochen hat. Damals, als er die Entmilltarisie- rung einen unerhört hohen Beitrag Deutschlands zum europäischen Frieden bezeichnete und hinzufügte, daß es diese Vertragsbestimmung nur so lange halten werde, als auch die Partner ihre Verpflichtungen streng beachten. Eigentlich hätte man annehmen sollen, daß nur vollendete Trottel bezweifeln konnten, Hitler werde zur gegebenen Zeit einen Anlaß zum Einmarsch finden. Aber buchstäblich die ganze europäische Oeffent- Uchkeit las über die Hitlersche Formulierung hinweg, und in den Zeitungen aller Richtungen des Aualandes wurde kaum der Hauch eines Wißtrauens gerade gegen diese Stelle der Rede laut. Jetzt leistet sich Hitler in seinen Wahlvorträgen dasselbe Spiel. Neh men wir zwei Sätze aus seiner Königsberger Rede;»Ich biete— imd hinter mir steht dann geschlossen ein ganzes Volk— den anderen Völkern die Hand zur Versöhnung und zur Verständigung... Deutschland hat keine Eroberungs wünsche in Europa.« — Man beschwere sich da nicht über Mangel an Deutlichkeit. Ausdrücklich:»Keine Eroberungs wünsche.« Hitler spricht wohl überlegt nicht etwa von einem Verzicht auf territoriale Wünsche. Ist es Eroberung, wenn Eupen-Malmedy, das unter sehr anfechtbaren Bedingungen zu Belgien gekommen ist, nach Deutschland zurückzukehren beabsichtigt.(Und übrigens: der Wille dazu ist nach der Rheinlandbesetzung stärker denn je.) Ist es etwa Eroberung, wenn Danzig und Memel die Sehnsucht äußern, wieder Städte des deutschen Reichsgebietes zu werden und Hitlerdeutschland durch einen militärischen Vormarsch diesen Wunsch erfüllt 7 Ist es Eroberung, wenn S u- detendeutschland, wenn Deutsch- Oesterreich— vielleicht aus Anlaß sehr plötzlicher Ereignisse— hilfesuchend die Arme nach den Rettern in Berlin ausstrecken und diese dann im Namen des heiligen Selbst- beetimmungsrechts der Völker mit Truppen herbeieilen, um die bedrohten heimverlangenden Brüder zu befreien? Hitler wird einstweilen mit vollem Recht sagen können, daß er auf keines dieser Gebiete verzichtet hat, sondern nur auf den Eroberungskrieg, den er gewiß nicht führen will, wenn er auf leichterem und büligerem Wege zum Ziele kommt. Heute wird man das wieder nur in der oder jener Emigrantenzeitung lesen, aus der sich zu informieren unter der Würde eines europäischen Staatsmannes ist. Dafür wird man morgen wieder vor einem fait aeeompll stehen, und man sollte dann eigentlich zugeetehen, daß es der deutsche Führer und Reichskanzler lange genug vorher angemeldet hat Die 47 Parteien Gespräch mit einem Engländer:»... aber das werden Sie doch zugeben, eine Demokratie ist unmöglich, wenn sie mit 47 Parteien arbeiten soll, wie es vor Hitler in Deutschland der Fall war.« Und der britische Liberale hält einem ein paar englische Zeitungen vor, In denen aus einer Hitlerschen Wahlrede zu lesen steht daß vor seiner Herrlichkeit in Deutschland 47 Parteien das Volk verunreinigt, gespalten und verwüstet hätten. Eis ist schwer, dem Briten in höflichen Worten klar zu machen, daß ein Staatsoberhaupt nicht unbedingt ein Gentlemen zu sein braucht und zwischen den wohlabgewogenen öffentlichen Reden seines King und dem demagogischen Geschrei des ewigen Zirkusredners der Deutschen ein beträchtlicher Unterschied besteht Es ist unmöglich, sich vorzustellen, daß einer der westeuropäischen Monarchen oder der Präsident der französischen Republik vor seinem Lande eine Behauptung aufstellen würde, die aus jedem amtlichen Handbuch sofort zu widerlegen ist und der Opposition Gelegenheit gäbe, den hohen Redner zu tadeln. Der Führer der Deutschen aber sagt grob die Unwahrheit, well in seinem eigenen Lande ihm niemand widersprechen darf und das Ausland unbesehen die Worte hinnimmt. 47 Parteien? Schließlich kann in jedem freien Lande jeder Staatsbürger eine»Partei« gründen. Die Frage ist nur, was er hinter sich bekommt. Das Handbuch des letzten in Deutschland legal gewählten Reichstags— im November 1932_ zählt nicht 47, sondern 12 Parteien auf. Davon sind 6 Splittergruppen mit 1 bis 7 Reichstagsmitgliedern. Bleiben 6 Reichs- tagafraktionen übrig, von denen Zentrum und Der intemoHonole DemeindehonM im Dritten Deich Ein neuer Propagandasdiwindel muß verhindert werden! Es ist iBOhts Neues mehr, daß die natio- nalooedalieüBcbe Regierung jede Gelegenheit ergreift, um mit allen Mittete ihres Propa- gandamonopais ausländische Besucher Deutachlaads über die Innerdemtsche Lage »aufzuklären«. Die beste Gelegenheit ergibt sich bei intemationalon Kongressen und Sportveranstaltungen wie dar ebenfalls heuer stattfindenden Olympiade, wo da« Gasigeber- land die gesamte Organisation der Veranstaltung- in der Hand hat. Und noch schlimmer als bei Sportfesten wütet die braune Meinungafaibrik bei Kongressen, die dem internationalen Gedankenaustausch dienen sollen. Gedankein allein sind ja bekanntlich schon liberalistieche Erbsünde, um wieviel mehr der Austausch von Gedanken! So diente auch die Veranstaltung des im vorigen Jahr in Berlin abgehaltenen Interna- nalen Strafrechtskongresses zur Ausdehnung der rücksichtslosen Meinungsdiktatur auf Menschen, die sonst das Glück haben, nicht innerhalb der braunen Grenzpfähle au leben. Alle Proteste der ihrer Diskussions- und Abatimmurgefredheit beraubten Gelehrten fruchteten nichts. Die Hitler-Regierung hat mit dem im Juni 1936 in Berlin und München stattfindenden Internationalen Kongreß der Städte- und Lokal verwal tun- gen selbstverständlich genau dasselbe vor wie mit dem Internationalen Straf rech takon- greß im August 1935. Der Kongreß wird veranstaltet vom »Internationalen Städtehund«, dessen letzter Kongreß im Jahre 1932 in London stattfand. Der Einladung des deutschen Städtetages nach Berlin leistete der Kongreß Folge. Der damalige Präsident des Deutschen Städtetages, Dr. Oscar Mulert, vereihbarte mit dam Präsidium des»Internationalen Städtebundes« die Tagesordnung des Berliner Kongresses, der ursprünglich 1935 stattfinden sollte, dann aber auf 1936 verschoben wurde. Die Tagesordming lautet: 1. Der Kampf der Gemeinden gegen die Arbeitslosigkeit, 2. Die kulturelle Arbeit der Gemeinden. Die Bedeutung dieses Kongresses ist niemals gering eingeschätzt worden: 1932 hatte der englische König das Protektorat Uber Mm: 1936 hat Adolf Hitler höchstselbst die»Sehirmherraohaft« und F r i c k den Ehrenvorsitz des Kongresses übernommen. Außerdem wird zum Kongreß vom 6. bis 21. Juni in den Berliner AussteilungB- hallen noch vor der Olympia- Ausstellung eine besondere Propaganda- Ausstellung»Die deutsche Gemeinde« veranstaltet. Die deutsche Propagandamaschine arbeitet schon! »Spiegel der Selbstverwaltung.« Unter dieser Schlagzeile bringt der»Völkische Beobachter« vom 19. Februar einen Bericht über einen vorbereitenden Empfang beim Präsidium des»Deutschen Gemeindetages«. Was das Dritte Reich mit dieser Schau und diesem Kongreß will, sprach der Präsident des Deutschen Gemeindetages, Dr. Jeserich, offen genug dabei aus:».... eine längst erhoffte Gelegenheit, für die deutschen Gemeinden und Gemeindeverbände, ihre Leistung unter Beweis zu stellen.« Welche Leistungen? Wird man beim Tagesordnungspunkt»Arbeitsbeschaffung«»unter Beweis stellen«, daß z. B. die Gemeinde München im Jahre 1934 Iß Millionen Mark dadurch»erapart« hat, daß ade die Wohlfatorts- erwerbalosen dazu zwang, für die Unterstützung wöchentlich 40 Stunden schwere Erdarbeit zu leisten? Zweifellos nicht! Denn der von Dr. Jeserich schon verfaßte Bericht zur Tagesordnung stellt ja die deutsche»Ar bedtsbeachaffung« als Vorbild für die ganze Welt hin. Man wird(laut»Volk. Beob.«) zeigen,»daß die Gemeinde die äußere Form einer Selbstverwaltung des Gemeinwesens ist, daß mit ihr die freie Selbstbestimmung zum Nutzen der Allgemeinheit gewährleistet ist...!« Man will also etwas zeigen, was, nach eigenem Eingeständnis der Nazis an anderer Stelle, i n Deutschland nirgends mehr existiert. Auch in der Gemeindeverwaltung werden bekanntlich alle Körperschaften, einschließlich der sogenannten»Gemeindevertretung«, von oben herab, Von der NSDAP, ernannt. Und alle diese Körpersohaf teo stehen noch unter besonderer Kontrolle der örtlichen und provinziellen Nazihäuptlinge. Der»Spiegel der Selbstverwaltung«, der in Berlin aufgestellt werden soll, wird also nicht einmal ein Zerrspiegel sein, sondern die Propagandamaschine wird einfach mal wieder Nichtvorhandenes vorspiegeln. Es wird also mit System und Ueberlegung gelogen werden. Schon früher haben ja die Nazis die Zer- ; schlagung der kommunalen Selbstverwaltung | als die Vollendung des Werkes des Predherrn | von Stein gefeiert, der die Gemeindeselbstverwaltung schuf. Sie haben jetzt, wie der»V. B.« ebenfalls mitteilt, die Absicht zu beweisen, daß die Verschleuderung wertvoller Ver- sorgungsbetriebe der Kommunen an das Privatkapital am besten dem Grundsatz »Gemeinnutz geht vor Eigennutz« entspricht. Denn:»Unsere Gemeindeausstelktng wird der Welt zeigen, daß der Natlonalsozialismuä das ehedem... umstrittene Problem.Gemeinde und Wirtschaft'. gelöst hat... nach rein sachlichem Gesichtspunkt... auf die denkbar einfachste Weise: Er führte<äe Verwaltung wie die Wirtschaft auf das Ihnen wesentlich eigene Gebiet zurück. Jene auf das der Ordnung und Fürsorge, diese auf das des Wettbewerbs um die beste Leistung.«»Und über all diesen DarstcHungem aus der Arbeit der Selbstverwaltung wird das Wort des Führers stehen: Gemeinnutz geht vor Eigennutz.« Die Vergewaltigung der ausländischen Delegierten wird, wie die Erfahrungen des Internationalen Straf rech tskongroases und die Ankündigungen des»Völkischen Beobachters« über den Zweck des Kongresses zeigen, systematäsch und skrupellos betrieben werden. Auch für den Strafrechtskongreß war, wie jetzt durch Dr. Jeserich gegenüber dem Internationalen Städtebund, absolute Auasprache-, Delega- tlono- und Eerichterstatbungsfrelheit von Deutschland zugesagt worden. Das Dritte Reich hat keines von diesen Versprechen gehalten. Schon vor dem Strafrechtskongreß wurde der angesehenen englischen Howard League for Penal Reform auf diplomatischem Wege mitgeteilt, daß ihr Vorsitzender, der Rechtsanwalt Prltt-London, in Berlin nicht sprechen dürfe, wenn er als Delegierter käme. Dieser Bruch der deutschen Versprechungen und der Statuten des Kongresses hat die Howard League aetoerzeit veranlaßt, die BeteJügung am Kongreß überhaupt abzulehnen. Ihre Voraussage, daß dieser Kongreß wissenschaftlich völlig sinn- und nutzlos sedn würde, weU die drei notwendigen Fredlbeitien der Delegiertenwahl, der Diskussion und der Berichterstattung über den Kongreß nicht gesichert seien, hat sich nachher voll bestätigt. Denn die Debatten wurden ahsichtäich durch pomphafte Festveranstaltungen und endlose Propagandareden edngieengt. Unbequemen Delegierten wurde in der Debatte mehrfach das Wort verweigert, vor allem als es sich darum handelte, gegen die unverschämte Beschimpfung der sozialistischen Teilnehmer des Kongresses durch Göbbeäa zu protestleren. Durch das Mittel der Majori- sierung mit Hilfe der viel zahlreicher erschienenen deutschen Delegierten sollten Abstimmungen über Prinzipienfragen glatt in eine scheinbare Zustimmung des Gesamtkongresses zu den neudeutschen Rechtsanschauungen umgefälecht werden. In vielen Fällen setzte sich die Brutalisierung der Ausländer ohne weiteres durch, zum Schluß allerdings mußten die Deutschen in einigen Debatten und Abstimmungen nachgeben und Abstimmung nach Ländern zulassen, damit der Kongreß nicht auseinanderflog. Die Berichterstattung über dleaen Kongreß war so skandalös; sie verschwieg alle Differenzen und fälschte sie in begeisterte Zustimmung der gelehrten Welt zur deutschen Rech tsbar barei um, daß nicht nur namhafte Delegierte aus allen Ländern, sondern so zurückhaltende Zeitungen wie die »Times« einmütig feststellten, daß der Kongreß eine»betrübliche und unnütze Angelegenheit« gewesen sei. Noch verlogener! Nicht weniger»betrüblich und unnütz«, ja sogar schädlich, verlogen und bekämpfenswert wird das Stattfinden des Gemeindekongresses in Hitler-Deutschland sein! Denn auch und vor allem in dem Deutschland vor Hitler waren im wesentlichen Leistungen der Gemeinden gleich Leistungen der Sozialisten. Und wenn davon im Dritten Reich noch etwas übrig sein sollte, so werden es die Nazi« selbstverständlich für sich in Anspruch nehmen. Alle wirklich sozialen und kulturfördemden Züge und Faktoren in der Kommunalverwaltung haben aber die Nazis systematisch demoliert und sie unter dem alten Namen in Knechtungsinstrumente der arbeitenden Bevölkerung verwandelt. Auch im Internationalen Städtebund haben Sozialisten maßgebenden Einfluß. Ueberau in Buropa wird die fortschrittliche Kommunalpolitik von Sozialisten geschaffen und geleitet. Sozialisten können und dürfen sich dem Dritten Reich nicht als Staffage für eine neue Propagandaachwdndelei herge-• b e n! Sie können nicht auf einem Kongreß erscheinen, der von denen veranstaltet wird, die die fähigsten deutschen Kamrounalpoli- tlker eingesperrt, ausgebürgert oder zu Tode geprügelt haben. Aus diesem Grunde hat die Exekutive der Sozialistischen Arbeiter-Internationale im Januar den sozialdemokratischen Parteien aller Länder empfohlen, diesen Kongreß zum Bayrische Volkspartei weltanschaulich und poUUsch so verwandt waren, daß man sie beinahe in eine Fraktion rechnen kann. Praktisch schrumpfen also Hitlers 47 Partelen der Weimarer Zeit auf fünf Fraktionen im Deutschen Reichstage zusammen. Aber wer weiß es im Aualande? Kaum ein Berufspolitiker, von den Leuten auf der Straße ganz zu schweigen. Von den fremden Regierungen und den allermeisten großen Auslandzeitungen scheint noch immer nicht begriffen zu sein, daß es eine der dringlichsten Aufgaben jeder Demokratie sein müßte, sich gegen die hetzerische Vergiftung mit nazideutscher Propaganda durch sachkundige Aufklärung der Völker zu schützen. Einst- weüen sind sehr viele demokratische Auslandzeitungen geradezu Herolde der antidemokratischen Verleumdungen aus Berlin, weil sie wlderspruchsloe die Reden von dort vertreiben. In der Wahlzelle Brief aus Süddeutschland;»Die Handzettel sind gut, aber auch ohne sie hätten wir die Parole auf Ungültigmachung der Stimmzettel durchgeführt. Nur müßt Ihr draußen überall klar machen, daß das nicht so leicht durchzuführen ist. Bei früheren»Wahlen« konnte man wenigstens noch mit Ja oder Nein stimmen, während wir diesmal nur den einen und einzigen amtlichen nationalsozialistischen Stimmzettel im Wahllokal in die Hand gedrückt bekommen. Die meisten Leute, die trotz dem übernationalistischen Geschrei gegen die Nazibonzen stimmen möchten, wissen gar nicht, wie sie ee anfangen sollen. Außer den von früher noch1 geschulten Leuten und denen, an die wir die Parole weiter sagen können, weiß doch überhaupt kein Wähler— und erst die Wählerinnen— wie man einen Stimmzettel ungültig macht. Das ist auch wirklich gar nicht so leicht, zumal wenn man als oppositionell bekannt ist und im Wahllokale, in dem doch auch SA und SS steht und der Wahlvorstand meistens Nazi ist, genau beobachtet wird. Zerreißt man den Zettel In der dünnen Wahlzelle, um ihn zerrissen in das Kuvert zu stecken, so hören das Zerreißen unbedingt die Nächststehenden, zumal der Andrang bei der erzwungenen Wahlbeteiligung meistens sehr groß ist. Will man durch Ausstreichen der Kandidatennamen ungültig machen, so muß das ziemlich kräftig geschehen, wenn man jeden Zweifel bei der parteiischen Wahlleitung beseitigen will daß der Zettel wirklich durchstrichen ist. Man hört aber auch, wenn jemand ein paar kräftige Bleistiftstriche Uber das Papier zieht. Außerdem sind wir sehr im Zweifel, ob überall Bleistifte in der 2!elle liegen, denn sie werden wahrscheinlich von den ersten Naziwählern beseitigt werden, und man muß also seinen Bleistiftstummel in der Tasche haben. Selbst wenn alles glatt geht, ist es, zumal in kleineren Städten und auf den Dörfern, eine ziemliche Nervenprobe für unsere bekannten Leute, in einem Räume unter SA-Bewachung den Stimmzettel ungültig zu machen, denn bei der jetzigen Geistesverfassung der Nazis ist man dadurch als Landesverräter abgestempelt. Man sagt zwar allgemein, daß das Resultat auch diesmal fertig im Propagandaministerium liegt, und man wird sicher nie genau erfahren, wieviele Zettel ungültig gemacht worden sind, aber man sollte draußen überall verbreiten, welcher Schwindel diese Wahle ohne Wahl ist, und was dazu gehört, unter diesen Umständen überhaupt so etwas wie Oppositionsstimmen zusammen zu bringen. Man wird vielleicht niemals ein Beispiel in der Geschichte finden, daß eine Diktatur mit so raffinierten Gaunertricks der Welt eine Volksabstimmung vorgetäuscht hat, die nur ein Sklavenappell ist..« Hannes Wink. mindestem durch Mir« Mitglieder nicht beschicken zu lassen, wem möglich aber eine Ve riegung des Kongresses aus Deutschland durch den Internationalen Städtebund zu erreichen. Dieser Empfehlui� der Xntematianale ist ein Beschluß der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands vora/us- gegangen, für die Boykottierung dieses Kongresses zu wirikein. Die Schweizer Sozialdemokratie hat am 3. März 1936 einen Ihre Mitglieder zum Boykott des Kongresses und zur Boykottpropaganda verpflichtenden Beschluß gefaßt In der Tschechoslowakei haben sich die aozlaldamokra- tiach geleiteten Stadtverwaltungen von Pilsen und Aussig gegen eine Beteiligung an diesem; t�er �-�hißtrie am meisten zugenommen. BeKongreß erklärt; in den kommunalen Vec- i 3or>ders aufschlußreich ist der Vergleich mit einigungen d er tscheohdechen urvi deutschen| 19�2/33, dem letzten Jahr vor Hitler, weil er Gemeinden finden noch Erörterungen dieser Frage statt, wobei eine Reihe weiterer Gemeinden gegen die Beteiligung Front ge- RQstunsssewInne In Deutschland Kriegsgewinnler Siemens ▼erdient an der Wehrhaftmadiung Im Bericht über das abgelaufene Geschäftsjahr wird vom Siemens-Konzern festgestellt daß die Steigerung des Auftrageingangee»zum weitaus größeren Teile« auf das Inland entfallen sei. Infolge der»Aufgaben für Rohstoff Umstellung und Wehrhaftmach ung« hätten hier die Aufträge aus macht hat Ende MSrz tagt In Zürich die Gesahäfts- leitung des Internationalen Städtebundes zur letzten Vorbereitung des Kongresses. Die So- ziali�em im Ihternationalen Städtebund müssen für eine möglichst wirkungsvolle Boykottierung des Kongresses, am besten durch eine Verlegung oder Vertagung, kämpfen! Fr. Schlosser. Dollaranleihen zurückzukaufen. Nur so war es möglich, das letzte Jahr ohne Verlust aller- dinga auch ohne Gewinn zu überstehen, aber nicht den aus den vorangegangenen Jahren übernommenen Verlust von 57 Millionen gleich einem Drittel des Aktienkapitals auch nur zu verringern, geschweige denn zu decken. Dem Konzern ist es also auch im»Aufschwung« nicht geglückt, seine Unterbilanz loszuwerden. Die Auafuhr menge hatte zwar zugenommen, der Ausfuhr Umsatz aber nicht, war also nur unter verlustreichen Preisopfern aufrechtzuerhalten gewesen. Um so erstaunlicher ist daß die Zunahme des Gesamtumsatzes um 16 Prozent weit hinter der Steigerung des Bruttoertrages um 30 Prozent zurückbleibt. Die AEG hat sich also an den zeigt in welchem Umfange die Prosperität j des Konzerns mit der»Staatakonjunktur« zu- samimenhängt. Die Umsätze sind bei beiden| Spitzengesellschaften des Konzerns, der Sie- Inlandspreisen für den Ausfuhrverlust mehr mens-HaJake A.-G. und der Sieanens-Schuckert als sc�iac�c>s halten können. Ohne die Preis- A.-G. von 330 Milüonen 1932/33 auf 550 Mil- Steigerung, die bei der Schärfe der behördlichen Preisüberwachung eine versteckte würde die Unter- Der Aufschwung Die langfristigen Schulden der Gemeinden(ohne Hansastädte) sind nach einer Zusammenstellung In»Wirtschaft und Statistik« vom 31. März 1933 bis 31. Oktober 1935 von 5,2 Milliarden auf 7,4 Milliarden RM, also um 2,2 Milliarden angewachsen. Der Rückgang der kurz- und mittelfristigen Gemeindeschulden beträgt in dem gleichen Zeitraum 1,6 Milliarden RM, so daß sich unter dem Hitlerregime ein Steigen der Gemeindeschulden bis jetzt um 600 Millionen RM ergibt, obwohl die gemeindliche Sozialfürsorge zerstört und die Besteuerung der Gemeindebürger vielfach erhöht worden ist. ♦ Der Anten des deutschen Außenhandels an den Welthandelsumsätzen, der 1934 9,7 Prozent betrug, ist 1935 welter auf 9,4 Prozent zurückgegangen. 1932 hatte Deutschlands Anteil 10,2 Prozent betragen. * Die Erzeugung der deutschen Leder- schuh-Industrie blieb 1935 mengenmäßig ixm mehr als 10 Prozent hinter der des Vorjahres zurück, womit beinahe der gesamte im Jahre 1934 erreichte Aufschwung wieder verloren gegangen ist. Die Ausfuhr der Schuh warenindustrie erreicht nicht einmal mehr ein Prozent der Erzeugung! • Ans der Bewegung der Lebenshaltungskosten im gewogenen Durchschnitt von 72 deutschen Gemeinden ergibt sich im Februar 1936 gegenüber dem gleichen Vorjahrsmonat nach»Wirtschaft und Statistik« eine Pr.eiserhöhung bei folgenden Nahrungsmitteln: Graupen um 1,3 Prozent, Reis um 6,4, Speisebohnen 3,7, Gemüse um 9,2, Kartoffeln um 1,6, Butter um 4,0, Käse um 2,1, Margarine um 2,6, Hammelfleisch um 19,7 und Kalbfleisch um 24,8 Prozent. * Die Zahl der Aktiengesellschaften ist seit dem 1. Januar 1933 bis 3L Dezember 1935 von 9634 auf 7840 zurückgegangen. Die Gesamtsumme des Aktienkapitals sank in der gleichen Zeit von 22,3 Milliarden RM auf 19,6 Milliarden RM. Auf der Strecke geblieben sind überwiegend die kleinen und mittleren Aktiengesellschaften. Ihre Zahl hat sich um 1748 verringert, während der Abgang bei den großen Aktiengesellschaften mit mehr als 5 Millionen RM Aktienkapital nur 56 beträgt. Daß die national- lionen gestiegen, bei der Ausfuhr allein aber in derselben Zelt von 145 auf 130 Millionen gesunken. Der Gesamtumsatz hatte also um 70 Prozent zu-, die Ausfuhr um 10 Prozent j abgenammen. Im letzten Jahre war noch ] stärker als der Umsatz der Rohertrag gestie- 1 gen. Es wird aber im Geschäftsbericht ausdrücklich das Absinken der Ausfuhrerlöse beklagt. Wie ungeheuer groß muß also die Staatssubvention sein, die der Konzern in Gestalt der ihm vom Reichswehr- minister bewilligten Ueberpreise empfängt. Noch weiter als die Zunahme des Umsatzes bleibt die der Löhne und Sozialleistungen hinter dem Wachstum des Rohertrages zurück. Der Rohertrag stieg um 35 Prozent, die Löhne und Gehälter um 30, die Sozialleistungen bei Siemens& Hals- ke um 22 und bei Siemens-Schuckert nur um 14 Prozent. Die wirklichen Betrieb serträg- nisse lassen aber den ausgewiesenen Gewinn weit hinter sich. Die Neuanlagen, deren I Wert nicht mitgeteilt wird, sind voll abgeschrieben, also aus dem Gewinn des laufenden Geschäftsjahres ohne Zuhilfenahme von Krediten bezahlt worden; Deutlich ergibt sich die Gewinnverschleierung daraus, daß der Mehraufwand für Besitzsteuern die Zunahme der ausgewiesenen Gewinne und noch mehr natürlich die der Löhne übertrifft. Es sind von Siemens-Schuckert um 60, von Siemens& Halske sogar um 75 Prozent mehr Steuern als im Jahre vorher gezahlt worden. Daraus folgt nicht, daß Siemens dem Finanzamt gegenüber ehrlicher ist als bei der Aufstellung der Bilanz, sondern nur daß er vom ihm schärfer kontrolliert wird oder kontrolliert zu werden fürchtet, als es der Oef- fentlichkedt, zumal unter dem Hitlerterror, möglich ist Noch mehr als der Rohgewinn ist der Reingewinn frisiert, also der relativ kleine Teil des Ueberschusses, der den Aktionären zugebilligt wird. Die Dividende ist nach dem Ausspruch eines geistreichen Bank- direktors der Teil des Gewinnes, der beim besten Willen nicht mehr versteckt werden kann. Unter diesem Gesichtspunkt ist es bemerkenswert, daß Siemens-Schuckert nach fünf dividendenlosen Jahren eine Dividende, und zwar von 5 Prozent, verteilt und daß Siemens& Halske die Dividende von 7 auf 8 Prozent erhöht hat. G. A. F. * Aber Unterbilanz bei der AGG Ein Gewinnergebnis wie das des Siemens- konzema kann der Elektrokonzem der AEG, sein einziger ebenbürtiger Konkurrent nicht aufweisen. Die Gegenübe rstell ung zeigt, wie ausschließlich der industrielle Aufschwung Staatssubvention darstellt bilanz nicht gleichgeblieben, sondern noch vergrößert worden sein. Ohnehin führte sie zu einer steigenden Verschuldung, die mit der Zunahme des Umsatzes nicht abnimmt sondern wächst. Die zum größten Teil kurzfristige Gesamtschuld von 220 Millionen übersteigt das Aktienkapital um 20 Prozent. Nur eine rasche Finanzhilfe vermag den Konzern vor dem Bankrott zu retten. Es wird ihm aber versagt sich durch eine Sanierung von Bankschulden zu entlasten, weil Schacht alles verfügbare Kapital zugunsten der Aufrüstung gesperrt hat So wird ein großes Unternehmen von überragender Bedeutung für die deutsche Wirtschaft nicht nur der Kriegsvorbereitung, sondern auch dem Interesse seines vom Regime begünstigten Konkurrenten geopfert * Aufschwung durch Ausbeulung Riesengewinne bei OpeL Unter den Aufrüstungsgewinniern ist die Adam Opel AG die am reichlichsten bedachte. Kein anderes deutsches Industrieunternehmen ist im gleichen Ausmaße Nutznießer der Staatskonjunktur. Seit 1932 ist die Wagenproduktion von 21.000 auf 68.000 Stück 1934 und auf 100.000 Stück 1935 gestiegen, also in drei Jahren auf das Fünffache. Die Zunahme der Produktion seit 1933 bleibt aber weit hinter dem Zuwachs an Kapital zurück. 1933 schloß noch mit einem Verlust von 11 Millionen, 1934 war er getilgt, 1935 schließt mit einem Reingewinn von 20 Millionen. Es ist also im Laufe von zwei Jahren Drittes Reich ein Kapitalszuwachs von mehr als 30 Millionen gleich der sozialistische Poliük die großen kapitalisti- mit der Staatskonjunktur zusammenhängt. sehen Konzerne nicht nur nicht angetastet, sondern durch ihre Maßnahmen noch geför- Während Siemens Mühe hat, das volle Ausmaß seines Ueberschusses nicht in die Er- dert hat, geht auch daraus hervor, daß es sebeinung treten zu lassen, gelingt es der AEG nicht, ihre Unterbilanz los zu werden. Siemens macht sich am Staat gesund, die Ende 1935 in Deutschland 56 ganz große Ak tiengesellschaften mit einem Aktienkapital von mindestens 50 Millionen RM gab. Diese IaeG wird vom Staat 56 Gesellschaften, die nur etwa 3,2 Prozent aller Aktiengesellschaften ausmachen, verfügen mit 7,1 Milliarden RM über 36 Prozent des Kapitals aller Aktiengesellschaften. an der Sa- Inierung verhindert. Die beiden Konkurrenten haben es sich also im Dritten Reich nicht gleich gut eingerichtet. Der Unterschied kommt daher, daß bei der AEG im Gegensatz zu Siemens»direkte Staatsaufträge hier nur eine äußerst bescheidene Rolle spielen«. Deshalb liegt, meint die»Frankfurter Zeitung«, das Ausmaß der Erholung bei der AEG wohl zweifellos unter dem Durchschnitt der Gesamtwirtschaft.»Während vor Erfinderisch im Ueffeln In Quedlinburg ist als Sonderaktlon für che Winterhilfe damit begonnen worden, das Stadtwappen auf dem Marktplatz in buntem Mosaik neu zu pflastern. Es wird aufgefordert, ganze Teile zur Pflasterung au über- j der Krise der Umsatz der AEG in der Regel nehmen. So kostet das Tor mit dem Wappen-, höher war als der von Siemens-Schuckert, hund 2000 Mark. Kopf und Hals des Adlers j liegt er jetzt ein gut Teil darunter.« In der 1000 Mark. Der einzolne Stein ist für 5 Mark au haben... Genau wie in der»ganz großen« Zeit. Der Unterschied besteht nur darin, daß man Tat reichte der letzte Jahresgewinn der AEG gerade aus zur Deckung von Unkosten, Zinsen, Steuern und normalen Abschreibungen, aber selbst diese würden nicht haben vorge- „BeTÖlkerungssehlacht*4 verloren! Bs war ein großes Geschrei über den angeblichen Erfolg nartonalsozialistschjer Be- völkorungapolitlk, als im Jahre 1934 die Häufigkeit der Eheschließungen und auch die Geburtenzahl stark zunahm. Seit es wieder weniger Hhesohldeßungen gibt, und die Geburtenzahl einen erneuten Rückgang aufzuweisen hat, schweigt sich das Propagandaministerium über diese Entwicklung und ihre Ursachen aus. Die Ziffern über die Bevölkerungsbewegung in den Großstädten im Januar 1936 sind symptomatisch für den Umschwung, der in der Bevölkerungsbewegung zu verzeichnen ist. In den angegebenen Jahren entfallen im Monat Januar auf je 1000 Einwohner: 1936 1935 1934 Bhesohließungen... 5,7 6,7 7,5 Lebendgeborene... 15,1 16,0 12,7 Gestorbene..... 12,1 12,9 11,8 Die Eheschließungen, die sich schon 1935 gegenüber 1934 erheblich vermindert hatten, sind im Januar 1936 nochmals stark gesunken. Bei den Lebensgeburten ist gegenüber dem gleichen Vorjahrsmonat ebenfalls ein merklicher Rückgang zu verzeichnen, wenn auch die Ziffer noch über der des Jahres 1934 liegt. Während also die Ziffern für die Eheschließungen und die Lebendgeborenen gesunken sind, weist die Ziffer der Gestorbenen gegenüber dem Jahre 1934 sogar eine Erhöhung auf. IVoch immer wenig Fleisch Im neuesten Heft von»Wirtschaft und Statistik« sind die Ziffern über die Schlachtungen in Deutschland Im Januar 1936 wiedergegeben. Ein Vergleich mit den Sohlachtungen im Januar 1935 ergibt, daß sie in die- Hälfte des Aktienkapitals In den Gewixmzif- fern sichtbar geworden. Gleich groß ist der in der Aufsammlung von Reserven versteckte Gewinnzuwachs. Sie waren in den letzten zwei Jahren von 29 auf 60 Millionen, also gleichfalls um einen Betrag gewachsen, der der Hälfte des Aktienkapitals gleichkommt. Das ergibt also allein eine in der Bilanz sichtbar gemachte Verdoppelung des Kapitals. Unberücksichtigt bleiben dabei die stillen. In der Nichtbe Wertung oder Minderbewertung der Vermögenswerte verborgenen Reeerven. Wie riesenhafte Gewinne der Kenntnis der Oeffentllchkeit vorenthalten werden, zeigt die Zunahme der Besitzsteuern von 900.000 Mark 1933 auf 9 Millionen Mark 193 5, also auf das Zehnfache. Die Besitzsteuem machen also mehr als die Hälfte des bilanzmäßigen Gewinnes aus, der demnach nur eine kleiner Bruchteil des vom Finanzamt feststellbaren Ueberschusses sein kann, ganz zu schweigen vom wirklichen. Dieser war so groß, daß er trotz umfangreichen Betriebsausbaues im eigenen Unternehmen nicht entfernt untergebracht werden konnte. Die Barmittel(Bankguthaben, Kasse, Wertpapiere) betrugen 1933 4,8, 1935 46 Millionen. 1933 waren die laufenden Schulden um 1% Millionen größer als die Barmittel, jetzt sind diese um 40 Millionen größer als die laufenden Schulden, also um einen Betrag, der fast drei Viertel de« Aktienkapitals gleichkommt. Wie war es möglich, trotz Herabsetzung der Wagenpreise eine so unermeßliche Ge- wlnnsteigenmg zu erzielen? 1935 wurde in B r a n d en b u r g ein neues Lastwagenwerk und in Rüsselsheim neue Fabrikatlons- und Lagerräume erbaut. Trotz umfangreichen Aui Laues der Produktionsanlagen und Zunahme der Produktion um 41 Prozent ist keine Neueinstellung erfolgt, sondern die Belegschaftsziffer mit 1 8.0 00 unverändert geblieben. Die Lohnsumme war um 24 Prozent gestiegen, hatte also knapp mit der Teuerung, weit weniger mit der verschärften Anspannung der Arbeitskraft Schritt gehalten. Die gewaltige Profitvermehrung ist also darauf zurückzuführen, daß es gelungen ist, die Arbeiterschaft vom Anteil an dem gewaltig g e» t e i g e r t e n Ertrage der Produktion auszuschließen. Warum läßt man aber Opel vor anderen Industriewerken des Vorzuges teilhaftig werden, nicht zur Verbesserung der Arbeitslosenstatistik beitragen, nicht mehr Arbeiter beschäftigen zu müssen, als unbedingt gebraucht werden? Offenbar um dem amerikanischen Eigentümer dieses größten deutschen Auto- unternehmeos, der General Motor Company, gefällig zu sein! G. A. Frey. rung zu leiöen haben, dauert demnach trotz aller gegenteiligen Versicherungen der Behörden und der Propagandastellen fort. Bs wurden in- und ausländische Tiere geschlachtet: Ochsen.• Bullen.• Kühe... Jungrinder Kälber Schweine. Pferde., Es ist im Vergleich zum Januar 1935 die Zahl der geschlachteten Rinder um mehr als ein Fünftel gesunken. Am geringsten ist der Rückgang der Pferdeschlachtungen. Da kann man schon sagen: Es Ist schöner geworden in Deutschland. damals für 5 Mark einen Hindenburgnagel.: nommen werden können, wenn der Konzern 1 sem Jahre durchwegs erheblich niedriger diesmal jedoch nur einen Pflasterstein be- nicht die Abwertung des Dollars benutzt 1 waren. Die Fleischknappheit, unter der bekommt. hätte, um mit Extragewinn einen Teü seiner j sonders die Massen der arbeitenden Bevölke- Etatkünste Die Stadt Kassel hat Ihren verabschiedeten Haushaltsplan auf dem Papier ausgeglichen. Und zwar dadurch, daß der Wohlfahrtsetat nochmals um 800.000 Mark gekürzt, die Gemeindeatouem um 600.000 Mark erhöbt und die städtischen Betriebe verpflichtet wurden, die Leistungen an die Stadtkaase um 400.000 Mark zu vermehren. Diese 400.000 Mark sind eine nochmalige indlreikte Besteuerung der Einwohner. Bemerkenswert Ist außerdem, Kassel neben 1876 anerkannten Wohlfahrtserwerbe- loaen noch 1906 nicht anerkannte Wohl- fahrtserwerbsloee zugibt, die sonst in der Erwerbslosenstatistik nicht in Erscboinung treten. Grober Unfug. Zur Wahrung des Ansehens der deutschen Bauemsobaft bat der PohzoicHrektor von Ulm eine Verordnung erlassen, in der er dem jüdischen Viehhändlern androht, sie wegen groben Unfugs zu bestrafen, falls sie aioQ welter erlauben, einen Bauern oder eine Bäuerin mit Du anzureden, Nr. 146 BEILAGE UctKcHonaScfe 29. März 1936 r�/CHSMGSBRANp- KÄME POLL F 1X55 n O R D /AUfR Ef- E I Nt, ypOMl ErTS-fTi �R9fC/ATSCHEmCX Gestalten ans dem Dritten Heidi stimmeil. Man wirft ÜHn sträfHobe Vornach- läaaägung seiner Pflichten vor, verlangt seine Amtsenthebung, beantragt Gehalts- sperrung, wobei auf das Straßburg-er Beispiel verwiesen wird. Spahn stellt sich zu keiner Sitzung. Er denkt, als Doppel- und Dreifach- Verdiener noch weniger daran, auf Teile seines Gehalts zu verzichten. Er will den Vor- sitzenden des Kuratoriums, den Oberbürgermeister Adenauer zum Duell fordern— wobei er natürldcii weiß, daß dieser als Katholik und Zentrumamann nicht annehmen kann. Der reaktionäre Dezernent des Kultuamönisteriums, das damals von Dr. Becker geleitet wurde, wagt keine klaren Beschlüsse. Schiießllcih droht Spahn mit einer Beleidigungsklage, aber es bäieb bei der Drohung. * Schon rückte das Dritte Reich heran. Jetzt hieß es für Spahn erneut, rechtzeitig Anschluß zu finden, und glücklich, eine Prominenz zu hahen, die»voll und ganz«, zu ihm steht, hat ihm die Diktatur die Sdhmadh von Straßburg völlig vergeben. In ihren Ge- burtatagaartikeln bestätigt die nationalsoszls- listiache Presse Martin Spahn»tiefgründige wissenschaftliche Erkenntnisse im Geiste einer völkischen Gesohichtsschaiu.« Zeitlebens habe er, Spahn, als ein ehrlich um Volk, Staat und Reich ringender WiasenschafUer und Puhlmat gewirkt und— hier wird Spahn wörtlich zitiert— gegen das»immer breitere Eindringen der uns rassen- und raumf remden kapitalistischen Wirtschaft« Stellung genommen. Erst mit Wilhelm, dann mit Hilgenberg, heute mit Hitler! Dieser Martin Spahn steht auf der Liste der Camorra Deutschlands, und wenn es ihm heute mit andern manchmal auf der Hakenkreuzgeleere etwas unheimlich wird im mephistophelischen Sinne: Laßt uns aus dem Gedräng entweichen; Es ist zu toB, sogar für meinesgledcihen— so laßt uns geloben, daß es in der Stunde der wiedergewonnenen Freiheit für ihn und selnesglelaben kein Entweichen mehr gibt. Andreas Howald. * Oberpräsident Terboven Achtundvierzig Stunden vor dem Einmarsch der deutschen Truppen in die entmilitarisierte Zone fand in Köln ein Abend der zwekinddredßig Generalkonsuln und Konsuln statt, die als Vertreter ausländischer Regierungen im Rheinland sitzen. Die Sache war»zu Ehren des Oberpräsddenten der Rhednprovinz« einberufen, den der französische Generalkonsul Dohler in einer schmei- chelhaften Ansprache begrüßte, worauf der also Gefeierte gerührt das Wort ergriff, um zu versichern: >---- daß das Deutsche Reich unter der Führung des Führers und Reichskanzlers keine andere Absicht hat, als in einem Frieden der. Ehre und Gleichberectotigiung an dem unbedingt notwendigen Aufbauwerk Burapas ohne Hintergedanken mitzuarbeiten.«' Ohne Hintergedanken... den, der an diesem Donnerstag abend zweifellos im Kopfe des Herrn Oberpräsidenten herumgli�f, natürlich auagenommen. Davon würden Herr Dob- ler und seine Kollegen, wenn sie ihren Bericht Uber die oberpräsddentliche Rede eiben an ihre Regierungen abgesandt haben, noch rechtzeitig erfahren. Der Mann, der hier das neckische Ver- steckspid seines Meisters und Protägäs Göring mit Franeoit-Poncet dreist kopierte, ist der Gauleiter und Staatsrat Josef Ter- b o v e n, derzeit Oberpräsident der Rheinprovia z. Ein aus allen Hoffnungen geschleuderter Wedtkriegsäeutnant, trieb sich Tertooven nach dem November 1918 als Angestellter von Winkelbanken, vorübergehend Kommis in einem Eisenwarengeschäft und schließlich als er- werbsloeer Gelegenheatsagent durch den Westen des Reiches. Schulden und anrüchige Affären machten ihn bald auch dort unmöglich, wo er durch erdichtete Heldentaten aus seiner Fredkorpszeit vor München zunächst offene Türen fand. Seine Zeit kommt erst 1923, als er, aläerddngs aus der adoheren Etappe von Elberfeld-Barmen, zu den Organisatoren der Sprengungen und Attentate im französisch besetzten Gebiet gehört, Als er 1925 wieder an der Oeffentlichkedt, Oh deutsches Gelehrtenleben zu„Straßburg auf der Sthanz" Martin Spahn Martin Spahn, das»Spähnchen«, wie man ihn zur Unterscheidung vom seinem Vater, dem alten Zentrumaführer Peter Spahn, in politischen Kreisen nannte, Ist vor kurzem sechzig Jahre alt geworden. Schüler des gegenwärtigen Kölner Geschi ohtsprofeeaorB haben aus diesem Anlaß ein 460 Selten umfassendes Buch(Dümmlers-Verlag Berlin- Bonn) herausgegeben, das eine Reihe historischer Arbeiten Spahns bis im die jüngste Zeit hinein enthält. Nur aus einem Grunde lohnt es sich, darauf einzugehen, und der ist freUioh durchschlagend: es zeigt das Charakterbild deutscher Hochschullehrer, die die Despotie der Maschinen und der Kanonen gegen geistige Freiheit und kämpferische Menschlichkeit folgerichtig bis ins Dritte Reich hineinstützten, an einem besonders drastischen, wenn auch leicht tragikomischem Exempel. In den Aufsätzen von Spahn, sorgfältig ausgewählt, um vor dem heutigem Machthabe m gut zu bestehen, rauscht es von Volk und Reich, Blut und Boden, Mark und Ehre. Bin wissenschaftlicher Recke, der schon in jungen Jahren Hitler gewittert habe, wird uns präsentiert: eine ragende Gestalt, die das teure Erbgut germanischer Geschichtlichkeit gegen liberaldstische und materialisU- sohe Verderber habe beschützen müssen. Spahn wird gezeigt als einer der erstem, der in»Räumen« dachte;»Das Schicksal des deutschem Volkes vollrieht rieh vom Nord- meere bis zur Adria undvom Pariser(!) Becken bis hinüber nach Nowgorod— Warschau— Kiew. Diesen Raum zu gestalten, ist des deutschen Volkes mlttei- europäisebe Sendung, die dairin besteht, Mitteleuropa aus deutscher Art eine ionere Form zu geben.« 1931 schrieb er:»Staatlicher Boden und Lebten des Volkstumfl müssen wieder enge Beziehungen zuemander gewinnen. Dann wird Europa sein« französische Prägung aba troi Den und das Rettch Bismarcks wird zum Dritten Reich werden.« Ttorr. a.i« saß Martin Spahn in der deutsch- national em Redchstagsfraktion neben H u- genbarg, clcr den schmdegaamen Jünger heftig protegierte. Unter Hitler, als der alte Gehedmrat aus der Redchsregierung amage- aohifft wurde und rieh als betrogener Betrüger grollend in dem Scbmoilwtnkjel zurückzog, tat dies Martin Spahn mitnichten. Er trat freudig und begeistert am dte Seite seines Führens, dar, wie Spahn schreibt, das deutsche VoSk vom Kommi mismua gerettet, mit einer»urrvergled ablieben politischem Genialität« dem Schwung der Jugend ajm Aus- gleich der zur Zerstörung eil enden Maasen benutzt habe; ja, er, der Führer, habe durch dte Jt�emd auch das»Volkserlebnis des Krieges« wieder geweckt. Man rieht, Martin Spahn gehört ar dem wtaaeaschaftMchem Aktualitäten dos Dritten Reiches. Eh ritzt sicher tan Vertrauen der zuständigem braunen Inria.rwien und bewacht seriös seine Fakultätskallegen in Köln, deren uationalsori allst iflöhe Ueberzewgungstreme nicht über jedem Zweifel erhaben ist. Leider weist das dickbändige Erinnemngs- buch einige Löcken auf. Eis geht über die weltanschauliche, politische und heroisoh- soldatisohe Vergangenheit Martin Spahns so fluchtig hinweg, daß der gewissenhafte Chronist eines bewegtem deutschem Gelehrtenlebens sich der Verpflichtung zur Ergänzung wichtiger Daten nicht entziehen kann. Martin Spahn begann als praktizierender Katholik und unter den Traditionen des Vaterhauses kam er zum Zentrum. Seime 1906 erschienene»Geschichte der Zentrumspartei« bestätigt den jungen Gelehrten als Politiker aus Glauben. Da wird Wilhelm II., der den Kathohrismus versöhnlich Stimmern wollte, auf dem In Gegensatz zu seinem Vater recht konrihantem Martin aufmerksam gemacht. Gegen den Willen der Fakultät, die die wiasenschaftllche Eägnung Spahns bezweifelte, wird er als Lehrer für neuere Geschichte an der Universität Straßbürg durchgedrückt. Nun vergilt er Treue üm Treue. Er entwickelt rieh zum Apologeten der Hohenzollem. 1914 sah ihn als heftig«11 Kriegsschreier gegen den Erbfeind und emsigen Behüter der Straßburger Milchwirtschaft, hin und wieder beunruhigt durch fernem Kanonendonner. November 1918. Die deutsche Front bricht zusammem, che Franzosen nahem. Die Straßburger Undversitätabohörden beschließen, zu bleiben. Nur einer packt schleunigst seine Sachen und flieht aus Straßburg und aus dem Elsaß, so schnell er nur kann, ehe noch ein französischer Soldat richtbar wurde: Martin Spahn. Die Herren Kollegen sind entsetzt über che vorzeitig feige Preisgabe des Postens. Sie schicken In die Kölner Universität begriindet wird, übeimmmt mam Martm Spahn als Lehrer für neuere Geschichte. So bald er wieder im Sattel ritzt, wittert er, nach dieser Richtung bin stark talentiert, reaktionäre Morgenluft. Er bietet sich dem Stahlhelm am, verhetzt die Studenten, wird doutschnational, ist leidenschaftlich bei Schwarzweißrot während des Kapputsches und gründet gegen das Zentrum einen Bund Der Traumwandler „Pst! IVidit wecken, sonst fällt er uns auf den Kopf!*■ heller Ekutrüriung ProtesWauodgebungem gegen dem FlüchUlng nach Berlin. Die Studenten stellen im erregten Entschließungen dem Widerspruch zwischen den vaterländischem Worten Spahns und der Tat in der Stunde der Gefahr fest. Spahn aber, dessen Fran- zoeenangst mit seinem Eroberungsartikeln im Sinne der Vaterlandspartei zuaammenhlrg, bleibt verborgen. Dick gebündelt liegen noch im einstigem preußischem Kuitiiannimieterium die Akten zum Fall Spahn, Dokumente einer »Fahnenflucht« vor dem Feinde, wie rieh ein bekannter deutscher Hochschullehrer ausdrückte. In der Stille aber beginnt, in den Tagen der jungen und immer loyalen Republik, Martin Spahn erfolgreich am seiner Umstellung zu arbeiten. Er entdeckt seine stille Liebe zur Demokratie, antichambriert bei dem preußischen Kultusminister Konrad Haenlsch, und als 1919 unter Aariatenz vom»Weimar« deutschnationalar Katholiken. Als er neben seinem Reichstagsmandat noch die Leitung einer deutschmationalen politischen Lehrschule im Berlin übernimimt, verläßt er, genau wie sieben Jahre vorher Straßburg, mit Kind und Kegel Köln und zieht nach Berlin. Der ordentliche Professor begnügt rieh mit gelegentlichen Tagesgaatrodlen an der Undver- rität, die ihn voll honorieren muß. Im Zusammenhang mit seiner Tätigkeit an dieser deutschnationalen Lehrsohule stand eine andere Fähigkeit Spahns: er versuchte in Belgien eine vlämdsche Irredenta zu fördern, in Elsaß- Lothringen eine antifranzösische, sogar den Ere tonen wollte er in Flugblättern beibringen, daß sie keine Franzosen seien und rieh von Frankreich loslösen müßten. Andauernd faßt das Kuratorium die schärfstem Beschlüsse gegen Spahn, denen auch die deutschnationalem Mitglieder zu- Verstreldierte deutsche Justiz Tom Devisen* zum Kindersdiänderprozeß im deutsiiien Kulturkampf Das Dritte Reidi lebt vom amtlidien Skhmutj und Sdiund mal komplett aktenmäßig da! Seit zwei Wochen ungefähr hagelt es in fast jeder deutschen Großstadt mit dichterer katholischer Des Herrn RcachaminlaterB für Propaganda und Volksaufklärung rechte Hand, der unter ihm als wohlbestellter Oberregierungsrat nunmehr tätige frühere Nazi-Reporter Güttner hat jüngst in einen unbewachten Augenblick(„Zeltschrift für Politik", Januarheft 36) ein wahrheitsgetreues Geständnis über seinen persönlichen„Erfolg", den seines Herrn und Meisters und der nationalsozialistischen Bewegung überhaupt abgelegt. Er hat dargetan, wie die„Primitivität" der braunen Propaganda allein, die freilich arg vor der Machtergreifung„d 1 e Weisen molestiert" habe und„d e m bürgerlichen Philistertum als zu tadelnder Fehler erschienen" sei, Hitlers Unternehmen doch endlich den Triumph gebracht habe. In der Tat— das ist es! Bis handelt sich also jedesmal nicht nur um opportunistische„Ablenkung" der Maasen, wenn das braune System stänAg auf der Jagd nach Sensationen und Aufregungen handfester und knüppeldicker Art ist; solche Beurteilung würde den ganzen psychologischen Sachverhalt nicht völlig ausschöpfen. Auch wenn Herr Hitler eine andere als katastrophale Außenpolitik machen könnte oder wirklich gemacht hätte, auch wenn es keinen Butter-, Eller- und Fettmangel, keinen Zei- tungstod, keinen Devisenschwund, keine Ver- teuerungswellen gäbe, würde dennoch immer ein Joseph Göbbels die notwendigste Säule'immer nüchtern und langwellig. Kurz ent- des Regieningsprinzlps im Dritten Reich darstellen. Denn die Masse, die das Dritte Reich nun einmal seelisch alimentiert, die Masse der„revolutionären" Babuckea, die eigentlich nur eine einzige grandiose, durch die Weltkrise erzeugte Auslese der Untüchtigen der Nation darstellte, braucht nun einmal den Spektakel mit oder ohne gute oder schlechte Politik, mit oder ohne Butter auf das Brot. Sie ist tatsächlich jener„Primitivität" schicksalhaft verhaftet. Vor diesem masaenpsychologi sehen Hintergrund allein wird verständlich, wie sich seit kurzer Zeit ein gut einexerzierter, enorm aufschlußreicher System- und Methodenwechsel im Sektor des sogenannten„Kulturkampfes" gegen die katholische Kirche im Reich vollziehen konnte. Die außerordentlich zahlreichen, eigentlich am laufenden Band angestrengten Devisenprozesse gegen katholische Welt- und Ordenskleriker, gegen Priores und Generalvikare dienten gewiß— und zunächst auch wohl mit vollem Erfolg— dem Dauerbedürfnis des Regimes nach horriblen Zirkusspässen. Man erinnert sich In diesem Zusammenhang ja zwanglos der Tatsache, daß gleich beim allerersten dieser hochnotpeinlichen Verfahren— es rollte sich in Berlin selbst ab und angeklagt war eine rheinische Aebtissin— der Anklagevertreter mit pathetischer Geste verlangte, daß die Delinquentin, die nicht recht wußte, wie ihr da geschab, in demselben geistlichen Kleid auf dem Armsünder- bänkchen zu erscheinen habe, gegen das sie so gefrevelt habe; und es war ein deutsches Gericht und ein deutscher Gericbtsvorsitzen- der, der den zynischen Spaß sogleich verstand, sofort eine Extrapause einlegte und die Verhandlungen so lange vertagte, bis der Gerichtspedell die Nonnentracht aus dem Sankt Hedwigskrankenhaus besorgt hatte... Aber gerade diese Devisenprozesse nutzten sich ab. Schließlich sind auf die Dauer Kontozahlen, Bilanzziffern und Bankusancen schlössen riß man also jetzt die ganze Regie herum! Erfolgversprechender, weil prickelnder—: Man verurteilt jetzt einfach katholische Geistliche, ebenfalls am laufenden Band, wegen— Sexualdelikte;.. Welche neue Chance für den Regisseur! Allen sehr zahlreichen Prozesse dieser Art— und hunderte dürften noch bevorstehen— sieht man auf den ersten Blick an, wie sorgfältig die politische Regie sie vorbereitet hat. Angebliche schmierigen Dinge, die zehn oder gar zwanzig Jahre zurückliegen sollen, sind auf eln- aus dem zweiten Kriegsjahr(!) breitzubre- ten, nun doch etodge dicke Sachen nachgewiesen: er habe sdoh an der minderjährigen Tochter seines Parteigenoasen, des Bergmann Bilier, vergangen und das, als er Gast im Hause ihrer EOtem war. Terbwen wagte keine Klage, sondern begnügte sieb mit einer »ESnstiweiUgan Verfügung«, die ihm gefällige Richter mit der aus dem Simpliziealmus entsprungenen Begründung zugestanden, die behauptete Tat sei kein Vergeben an dem Mädchen, sondern an den— E2tem. Der Vorsitzende der damaligen Kammer, Herr Gäbet, prangt beute auf einem Ehrenposten im na- tionateomaiHsäscben»Juristentbund. Geschadet bat dem»keuschen Josef«, wie er seit der Affäre in Eissen hieß, die Sache natüriloh nicht. Zu seiner Hochzeit mit einer Dame aus der gesellschaftlichen Spitze der NSDAP, die am Vortage des Uiutlgen 30. Juni 1934 stattfand, erschienen Hitler und Göring als Trauzeugen. Und In der alten ehrwürdigen Münsterkirche zu Eissen bildeten weißgekleidete Jungfrauen(Jahrgang EJma Blller) das Ehrensp alier. Der Organiaator von Attentaten gegen die französischen Armee als Oberpräsident der deutschen Westprovinz, der Stipendiat der Ruhrindustrie als einflußreicher Mann im kämmenden Remihtaxisierungageschäft, der Verführer des Jungen Bergmannakindes als Hüter deutscher Sitte und Art am katholischen Rhein— wirklich der rechte Mann auf dem rechten Platz. Westfallkus. Bevölkerung Kinderschändungsprozesse gegen„vertierte" Geistliche, die so ganz und gar in den„großen Männerbund römische Kirche"(frei nach Rosenberg, aber wörtlich nach dem SS- Kampforgan!)„Das schwarze Korps"! passen. Nach dem„Westdeutschen Beobachter" sind im Regierungsbezirk Köln allein 8 Sittlichkeitsprozesse gleichzeitig anhängig gemacht. In Stuttgart gab es dieser Tage sogar einen Oberstaatsanwalt, der, wie die„Frankfurter Zeitung" mit jener Verlegenheit, die sich aus der Scham herleitet, berichtete, sogar in einer Eltemversammlung eigens aufs Rednerpult kletterte und die notwendige„Aufklärung" über die Verhaftung eines hochangesehenen Stadtgelstlichen wegen angeblicher Kinderschändung In 50 Fällen(!) gab(wie gesagt: „Volksaufklärung" in einem schwebenden Verfahren!) Ueberau auch die genau gleiche Prozeßstruktur: Der„zuständige" Ortsgruppenleiter der NSDAP. vernimmt angeblich geschändet« Schulkinder oder solche, die es gewesen sein wollen, zu Protokoll. Das Protokoll geht in allen Einzelheiten nicht nur an die Staatsanwaltschaft, sondern auch an die Redaktionen. Der „Stürmer" kann in förmlichen Spaltenkilometern schwelgen. Ehitscheidend aber ist gerade auch bei diesem ganz und gar unmenschlichen jüngsten Terror-Phänomen im Dritten Reich der raassenpsychoiogische Zusammenhang mit jenem fatalen Begriff der„Primitivität" des Reichsbürgers Pg. Babucke. Gibt es nicht auch— als die des ewigen Spießers— eine stupende Primitivität des Sexualgeechmackes und der Sexualmoral? Oh, Pg. Babucke hat sie! Und Herr Göbbels baut auf sie! Auch hier gibt es historische Parallelen direkt aus dem Dritten Reich und seiner dreijährigen Geschichte selbst. Denn; wer wüßte in der Welt nicht mehr, wie der Herr Reichsminister für Propaganda und Volksaufklärung höchstpersönlich dem Blutdunst der mörderlachen Nacht-ro» ao. Juni 1934 die dickaufgetragene Sexualplkan- terie in allen Details abzugewinnen wußte?! Ja, das war es, was damals Pg. Babucke auch hören wollte und was ihn— trotz achthundert Erschossenen— hörbar schmatzen ließ! War es nicht Kaviar für Jene Volkaaorte, die Träger des Dritten Reiches ist, als haarklein ihr geschildert wurde— ganz reichsamtlich, wie gesagt!— wer mit wem damals sich im Lotterbett gewälzt hat, bis dann freilich der strahlende Sankt Michael vulgo Hitler sozusagen mit flammendem Schwert— zwischen den wüsten Akt trat?! Jetzt, bei den Klnder- schändungsprozessen geht genau dieselbe Prozedur, die dem Pack jeden Alters, jeder d. fa. In der Unterweit gertraodeter Ktete- bürger auftaucht, ist er avanciert: Hitler hat ihn zum Gauleiter des Bezdrices Blasen der NSDAP ernannt und miit einer»besonderen Mission« betraut. Zu letzterer hatte sich der junge hoffnungsvolle Mann durch einen gelungenen Coup als überraschend befähigt erwiesen. Er benutzte nämlldh seine Kenntnis über die Versohacherung einer Sohloßfabrik in Velbert an amerikanisches Kapital, um den streng nataonalgeainmten früheren Inhaber zu erauchen, sich doch gefäUdgBt durch gute DoUars für die Parteikaase vom Vorwurf des »wirtsohaftlichen Landesverrats« zu retndgea. So einer war natürlich zu Größerem berufen. Seim EMhrer vertraute ihm die Aufgabe an, die sprödem Kassen der Ruhrindustnie zu lockern. Da er sich rechtaeitlg vom den Demagogen um Göbbels und Strasser getrennt hatte, erregte seine Haltung bei dem noch mißtrauischem Herren vom Stahl und Kohle noch wenig Anstoß. Die ersten erfoägredchen Bettelgänge girren zum»Strettfaotf« des alten Kirdorf, der einem im gutem Gold angelegtem Geheimfonds, den»Juliussturm« der Ruhrindustrie, verwaltete. Auch Herr r. Löwenstein, der Leiter des bergbaulichen Vereins, griff tief in die Kasse, als ihm Tetlboven vertraulich nahelegte, wie gut es für ihn sei, nun endlich den lange versuchtem»Sprung über den Namen« zu machen. Er war es auch, der die Sache mdit der seit dem Umzug der »Bergwerkazeibung« nach Düsseldorf loer- stehemden Druckerei des alten Scharfmacher- organs managte; so entstand von Gnaden der Bergherren und der hinter ihnen stehenden großen jüdischen Banken die Eissener »National-Zeitung«, an deren Kopf natürlich nicht Herr v. Löwenstedm, sondern Josef Terboven als Herausgeber prangte. Um diese Zeit schloß sich Terboven eng an den»großen Soldaten mit dem Kinderherzen«, Hermann Göring, an, der im dem skrupellosen Streber aus Eissen mit Recht einen verläßlichen Freund gegen Strassen und auch gegen Göbbels, aber auch einen brauchbaren Portier an den großdndustrdeillen Trutzburgen vermutete. Als 1932 der Pleitegeier beharrliche Kreise über den leeren Geldschränken der NSDAP zog, gelang dem behenden Kassem- kneeker Terboven sein Meisterstück: FYanz Bracht, Eissems Oberbürgermeister, der seinen Freund Brüning schnöde verlassen hatte, öffnete ihm im Vorahnung kommender Dinge ein Gehedmkonto der Stadt Elssem, das dem mysteriösen Namen»Primus Mangold« führte. Am diesem Tage kaufte sich der ehemalige Kommls einen Mercedes Benz— natürlich Achtzylinder. Da blieb die Oppositkm der Weinem Rentenempfänger im Braunhemd nicht aus, aber Hitler hielt seinem Mann die Treue. Mochte es im Elasen auch zu bösen Spaltungen kämmen, der Mitwisser der nationalaozialastiBchen Elnanzierungngeheimnisae blieb. Wae konnte ee demgegenüber bedeuten, daß seine Gegner schließlich auspackten und peinliche Details aus den Akten eines»USCHLA«-Var- fahrens gegen P. G. Terboven veröffentlichten. Darin wanden dem Sittenrichter Terboven, der sich nicht entblödet hatte, private Ange- legenbedten den Sozialdemokraten Landaberg Wahlzeit— Mahlzeit s Wer die Wahl hat, hat die QuaL Das will Göbbels schlicht vermelden und er läßt drum jedesmal auch beim Wählen keine Wahl. Wählen heißt hier: Sich bescheiden. Ja-Geschrei ist frei vernehmlich, Schweigen wirkt schon unbequemlich, doch die Nein sind rationiert. Ausgemerzt und ausflltriert werden Bote, Schwarze, Blaoe und die Braunen einrangiert. Ans dem Mark-Kurs auf den Börsen läßt sich einwandfrei erweisen, daß mit allen Butterpreisen auch die Kraft durch Freude steigt — wie der Wahlakt es nns zeigt. Diktatorisch wird, was sein muß, arithmetisch praktiziert und es kommt genau nach Vorschrift: Resultat, wie kalkuliert. Einfach ist die*, doch weit schneller ist die nächste Wahlmethode. Göbbels pfeift: Dann heben alle zur Bekräftigung die Pfote. Wie man sieht, erspart man hier tonnenweise Schreibpapier. Dieses rollt schon unterdessen durch die Relchsmark-Notenpressen. Festgeräusch, mit Unterton: Wie die Arbeit, so der Lohn. Mädchen am Fjord Wenn die Sanne hbmter dem Beigem ver- eohwtodet, setoimmert der Fjord grünlich, während von dem Feäaem herab bläuliche Schatten Uber die kleine Stadt fallen, die vom Meere her am Hange emporkl ettert. In diesem Städtchen wohnt da« Mädchen Helga, Verkäuferia im einem Papier- und Buohladem. Wenig geadhdeht im dem Orte. Nur die Schiffe, die hin und wieder anlegen, atshwam/men etwas Leben in die Bucht« Eänmal im FVühliag brachte so etn Dampfer auch doutsdhe Reisende mit. Sie stiegen in der kleinen Stadt ab und sangen in dem Cafä am Ufer ihre Lieder. Helga hörte ein Lied, da« ihr nicht wieder aus dem Kopfe wollte; es begann; Ich weiß nicht, was soll es bedeuten, daß ich so traurig bin... Und besang die Mär vom Loreleifelsen. Das paßte so schön zu dem Fjord und zu der Sage vom dem Trollmädohen, das bei Mondenschein oben auf der Klippe gesessen und so manchem Schiffer nächtens zum Verderben geworden war. Helga schrleto sich das deutsche Lied auf und lernte es singen, denn Sechzehnjährige sind nun mal im aller Welt so. Und weil das Lied gar so schön war, in- teresaderte sie Sich für dem Dichter, Heß seine Bücher kommen, las viel darin und veriletote sich In dem Poeten so nachhaltig, HmR sein Buch der Lieder auf Ihrem Nachttisch lag. Viele der Gedichte schrieb sie ihrem FYeun- de, der die Lieder auch so schön fand und ihr dafür andere Verse schickte; auch die stammten von jenem Dichter. Helgas schönster Traum blieb es, mit ihrem Freunde einmal an dem Rhein zu reisen und auf dem LoreleSfeleem mit ihm das Lied zwedsömmäg zu singen. Denn sie war inzwischen achtzehn geworden und Achtzehnjährige sind nun mal so. Ahe Jahre im Sommer kam ein Herr aus DeutscMand in dem Fjord und brachte Bücher für den Laden. Diesen Herrn frug Helga nach dem Dichter.»Ja«, sagte der Mann, »vom allen deutschen Lyrikern ist er der bekannteste, er steht auch in Schul-Lesebüchern...« Und schickte ihr später ein Buch, au« dem sie viel mehr über den Dichter erfiäir. Wie er Deutschland verlassen mußte, wie er nach Frankreich ging, wie er sich nach seiner deutschen Heimat sehnte und wie aus seiner Sehnsucht schwere und bittere Verse wurden.»Denk ich an Deutschland in der Nacht, so bin ich um den Schlaf gebracht...« Helga« blaue Augen glänzten feucht, wenn sie solches las, denn auch sie liebte ihre Heimat und vermochte nicht zu denken, daß man einen Menschen aus seinem Lande verbannen konnte, der so schöne Gedichte schrieb und Lieder dichtete, die man in-allen Ländern sang. Denn die blonde norwegische Helga war, wie ihr gleich hören werdet, edm verdorbenes Mädchen, ohne norcüschen Rassenstolz und germanischen Rasseinstinkt, und die Stunde ließ nicht auf sich warten, da sie eigentlich an sich hätte irre werden müssen. Das war, als ein Jüngerer deutscher Tourist durch ihr Städtchen reiste. Nicht gerade blond und blauäugig, aber dafür zackig gestrafft und mit schnarrendem Ton in der Kehle. Auf seinem Kopfe saß eine akalpertlge Tolle, die an den Selten kurz geschnitten und steil abfiel, wie die nackten Hänge de« Fjord«. Don also wehte ee auch in Helgas Laden. Dort stöberte er in den Büchern, schüttelte den Kopf Uber Ae undeutechen Namen, die er dort fand und die alle nach Emigration schmeckten. Leise zürnend frug er Helga, ob sie denn keine deutschem Dichter kenne. »Doch«, sagte Helga,»Heinrich Heine. Sein Buch der Lieder kann ich beinahe auswendig.« Unwillig schüttelte er seine Skalplooke und faßte das Mädchen strafend ins Auge. So blond und blaugestemt, wie aus der Edda entsprungen, mit klarer Stim und allen vom Professor Günther festgelegten germanischem Rassemerkmalen, inklusive der halbfcugeilgon Brüste-- und schon so verdorben! Und damit ihr an das Mädchen Helga glaubt und nicht denkt, diese Geschichte sei erdiobtet, wird nunmehr da« Februarhaft der»Neuem Literatur« zitiert. Dort berichtet der betroffene Hakonk reuzier seinem Schmerz über Helga und was er ihr antwortete:»Ich sagte ihr, daß der Mann kein deutscher Dichter sei, sonderm nur in deutscher Sprache geschrieben habe...« Neudeutsohe Autoren müsse sie lesen, die den nordischen Geist Deutschlands repräsentierten, denn sie«ei doch eine rassenreine Nordin und Wodans Tochter. Und weil die Törin wortlos staunte und sogar feixen mußte, empfahl er sich und einige Bücher. Ueber ein Kleines erhielt sie auch prompt ein Paket mit vielen Bänden. Obenauf ein Schild mit Hakenkreuz und der Inschrift: »Deutsche Dichter, Helga!« Aber als sie zu lesen begann, da war ihr, al« hätte sie nie Deutsch gelernt. Das dröhnte nur so von Blut „Weltanschauung- rtnö Jeder Ktaase rrtcfrt, was eben das Pack braucht, folgendermaßen von statten:„Hailoh, bailoh! Hier Königswusterhausen und die angeschlossenen deutschen Sender! In dem bekannten Prozeß gegen den katholischen Pfarrer; X. in Y. wurde heute das Urteil gefällt. Die Verfehlungen an kleinen Schulmädchen hat dieser Pfarrer teilweise in den Schulklassen verübt, so daß auch die Knaben Zeugen seiner Verfehlungen wurde n." Das ist eine Silbe für Silbe wörtliches Zitat aus einer deutschen Gerichtsmeldung— einer von täglich ein und derselben Gattung! Aber Pg. Babucke braucht mehr! Ueber folgendes berichtet die sehr seriöse, seit kurzem in Paris erscheinende katholisch-deutsche Korrespondenz„Kultur-Kampf"(Nr. 3): „Mit welchen Methoden vorgegangen wird, mag ein Vorgang beweisen, der zu unserer Kenntnis gekommen ist. Ein junger Kaplan(wir nennen absichtlich nicht den Ort) wird zu einem Kranken gerufen. Die Frau als ODielit brauner Zuchtbußen Deutsduland wird zum SA-Bordell erniedrigt! Er betritt das Haus und wird durch ein mit zahlreichen kartenspielenden Männern gefülltes Zimmer geführt, die ihn in das anschließende Zimmer verweisen. Im Augenblick des Eintrittes des Kaplans in dieses Zimmer fällt ihm ein dort wartendes nacktes Weib um den Hals, während aufzuckendes Blitzlicht die Szene auf der Platte festhält. Wir wissen femer, daß schon seit langem eifrig mit Photomontagen gearbeitet wird: echte Photographien von Geistlichem werden mit beliebigen anderen zusammengestellt und neu photographiert. Die pornographische Anstalt der Kirchenfeinde des Dritten Reiches wird uns noch manches Erzeugnis schmutziger Phantasie bescheren; überraschen wird sie uns nicht." Dazu stellt der christlich-soziale„Deutsche in Polen" in seiner letzten Nummer fest, daß auch der gegen„marxistische Untermenschen" oft genug angewandte Trick, den Opfern von Haussuchungen unzüchtige Artikel in die Schubladen zu schmuggeln, auch im„Kulturkampf" durchaus in Uebung ist. Was ist— nach alledem!— noch dieses Deutschland!? In der Geschichte der gesitteten Menschheit hat es manchmal Ochlokratien, Schreckensherrschaften des Pöbels gegeben—! Diese aber, noch nicht! Streicher, dem ja auch neulich eine Art Weihe-Zelle„im Namen der Reichejustizver- waltung" gestiftet wurde, Inspiriert praktisch und theoretisch die deutsche Gerich ts- berkeit; der„Stürmer" setzt die Normen des gewissermaßen amtlichen Sexualerlebena; Schmutz und Schund ist die tägliche Aktenarbeit eines ganzen Ministeriums mit hundert Referenten und zweihundert Fenstern; die Pornographie thront auf kulturellem Sessel; Bocksgeetank bis hinauf zum„Führer"! Dieses Deutschland—? Weine, Deutscher; du brauchst dich deshalb nimmer zu schämen. F. E. Roth. Der Teufel mag darüber philosophieren, i wie Hitler zu den Frauen steht, ob er eine hat oder keine will, ob er normal oder annormal»liebt«, ob er Komplexe hat oder impotent ist. Hitlers Sexualität kann uns schnuppe wie der Kehlkopf sein. Daß der Nationalsozialismus als Maasenbewegung keine so geheimnisvolle Einstellung zum weiblichen Geschlecht hat, das dürfte von größerer Wichtigkeit sein. Tatsache ist, daß die Frau im heutigen Deutschland zur »SA-Matratze« degradiert wird! Tatsache ist, daß jegliche Intimität in der mdhrüduellsten Sphäre des menschlichen Daseins mit brutalen SA-Faustschlägen zerstört wird! Tatsache Ist, daß die feinsten menschlichen Empfindungen dem verroh testen Pöbel preisgegeben werden, welcher von einer terroristischen Partei zu Hütern der deutschen Sittlichkeit bestimmt wurde! Tatsache ist, daß das menschliches Liebesleben dem Jahrmarkttreiben verwahrloster Lümmels ausgesetzt ist; Tatsache ist ferner, daß die Frau in Gefahr steht, einer Horde SA-Gesindel wehrlos ausgeliefert zu werden, um der Kuh gleich, als Objekt staatlich auserlesener Zuchtbullen zu dienen. Deutschland soll zum SA-Bordell erniedrigt werden! Verhängnisvolle Blüten treibt die Sumpf- blume der Rassezüchtung. Wir sind gewiß mancherlei gewöhnt— aber die folgenden Ausführungen aus zwei Werken von »Rassewissenschaftlern« sind von so provokatorischer Deutlichkeit, daß die selbst uns noch erschüttern, obwohl wir miterleben mußten, wie politischen Gefangenen, deren Frauen und Kinder In Schmerz und Kummer lebten, von verlumpten SA- und SS-Leuten gesagt wurde:»Na, wir werden eure Weiber mal besuchen,... wir können ja schließlich ooch wat!< In dem Buche> W eltanschauung und Rassenzüchtung« von dem Berliner Arzt Duprö Ist u. a. folgendes zu lesen: »Erbtüchtige Frauen wählen unter den vom Rat der Alten zur Auewahl gestellten Männern mit hochwertigen Erbeigenschaften den zur eigenen Veranlagung passenden Partner aus und bleiben mit ihm in streng monogamer Einehe bis zur eingetretenen Befruchtung vereinigt. Das Paar wird dann getrennt, und die werdende Mutter lebt bis zur Entbindung eheloe auf Kosten der Allgemeinheit. Nach etwa 2 Jahren wird sie in neuer, fruchtbarer Zeitehe mit einem andern hervorragend züchtungstüchtigen, männlichen Partner zusammengegeben. Solche natürlich auch besonders mutterschaftstüchtigen Frauen sollen auf diese Weise etwa sechs Kindern das Leben schenken, während das züchtungsuntüchtige Weib von der Mutterschaft auszuschließen ist. Letztere sowie die von der Fortpflanzung amgesohl oaserven züchtung»- untüchtigen Männer sollen in der gewollt unfruchtbaren Zeitehe die Möglichkeit zu einer vernünftigen Befriedigung des Geschlechtstriebes finden. Die Kinder werden in besonderen Frauenhäusem gemeinschaftlich von erprobten Erzieherinnen erzogen, die Knaben vom sechsten Lebensjahr an im Männerhaus. Die erbtüchtige Mutter lebt Im Schutze des Frauenhauses und empfängt auf Grund einer Vereinbarung mit der Obermatrone in gewissen Zeitabständen ihren zeitehelichen Partner.« Noch idyllischer, noch SA-männlicher stellt sich der Leipziger Professor Ernst Bergmann die deutschen Bordelle vor. In seinem Buch»Erkenntnisgeist und Muttergeist« ist folgendes zu lesen: »Einehe auf Lebenszeit ist widernatürlich und artschädiich. Wo sie wirklich durchgeführt wird— und bei Menschen ist dies trotz aller Gesetze glücklicherweise nicht möglich gewesen!!) — muß die Art verkümmern. In einem richtig gebauten Staat ist das Weib, das nicht geboren hat, unehrenhaft. Zur Begattung der vorhandenen Frauen und Mädchen finden sich Willige und Fleiß!- g e genug, und glücklicherweise genügt ein flotter Bursche für 10 bis 20 Mädchen, die den Willen zum Kinde noch nicht erstickt haben, bestände nur nicht die naturwidrige Kulturunsinn der monogamen Dauerehe.« ATan denke aber nicht, daß es sich hier um zwei Verrückte handelt,(he Ihre Privatmeinung wiedergeben. In Deutschland gibt es bekanntlich keine Privatmeinung mehr. Die hier wiedergegebene Stellungnahme ist im Keime sowohl im»Kampf« als auch in anderen nationalsozialistischen Schriften, besonders aber im>M ythos des 2 0. Jahrhunderts« von Alfred Rosenberg, dem Hüter nationalsozialistischer Weltanschauung, enthalten. Rosenberg verteidigt die Vielweiberei mit dem Hinweis auf ihre große Bedeutung für die»abendländische Kultur«. Daß die Frau eine Persönlichkeit ist, welche darüber zu entscheiden hätte, mit welchem Menschen sie eine innige menschliche Bindung eingehen könnte, kommt den braunen Barbaren überhaupt nicht in den Sinn. Sie denken aber auch nicht daran, ihr heuchlerisches Getue über die vom Marxismus angeblich so vorkannte Bedeutung der Persönlichkeit zu unterlassen. Und dabei ist niemand schärfer gegen die»tierische Form der Weibergemeinschaft« zu Felde gezogen, als gerade Karl Marx.»Im Verhältnis des Mannes zum Weib drückt sich aus, inwieweit seine menschliche Natur ihm zur Natur geworden ist. Ferner; inwieweit der Mensch dem Menschen zum Bedürfnis geworden ist, wieweit sein Dasein zugleich Gemeinwesen ist.« Man lese nach, was Marx in seinen wunderbaren Frühschriften über die Beziehung von Mensch zu Mensch gesagt hat, und man wird begreifen, warum der Nationalsozialismus den Marxismus hassen muß. Man soll nicht glauben, daß die neudeutschen»Liebesprinzipien« nicht schon vielfach in Wirksamkeit sind. Man macht sich keine Vorstellungen, was die Mädchen der Landhilfe ausgesetzt sind! Eis sind Fälle bekannt geworden, daß sich Angehörige der Mädchen bei nationalsozialistischen Instanzen Uber die sexuelle Verwahrlosung beklagt haben und sie prompt die Antwort erhielten: das mache doch nichts, die Mädels sind doch zum Kinderkriegen da! Die Praxis entspricht der Theorie. Brauner Nadiruf auf einen Emigranten »Kein deutscher Mann, kein Mann von Ehre Will Zensor fürder sein!« Freiligrath. Wie gesagt, es ist ein Kreuz mit den alten Achtundvierzigern. Einer wie Freiligrath steht in den Lesebüchern; man kann einen so klassischen Vorkämpfer der Demokratie und staatsbürgerlichen Freiheit doch nicht gut zmn Gegner des Dritten Reiches stempeln! Darum macht es die Nazipresse zu seinem 60. Todestag so:»Am 18. März starb vor sechzig Jahren...« Nun folgen einige Personalien, worauf sich der Kampf für Schwarzrotgold nicht mehr ganz verleugnen läßt und die Emigration auch nicht: »Durch die politischen Verhältnisse des Jahres 1848 wurde Freiligrath In die Revolutionswirren mit hineingezogen und mußte wegen der Veröffentlichung seiner»Neueren politischen und sozialen Gedichte« nach England flüchten. Durch eine Nationalspende wurde es ihm ermöglicht, im Jahre 1868 nach Deutschland helmzukehren.« Der Vorkämpfer und Sänger von 1848 wurde»in die Revolution mit hineingezogen...< Mehr läßt sich kaum bestreiten. Aber er hat diesen Muckern und Verfälschern deutscher Freiheitsgeschichte bereits mit fünf Zeilen geantwortet: Nein, ob ins Exil auch die Eidfesten schritten; Ob, müde der Willkür, die endlos sie litten, Sich andre im Kerker die Adern zerschnitten— Doch lebt noch die Freiheit, und mit ihr das Recht! Die Freiheit! Das Recht; Bedenkliche Zeichen. Während sich die Spareinlagen bed den deutschen Sparkassen im Januar 1935 um 327 Millionen Mark erhöhten, betrug die Erhöhung Im Januar 1936 nur 296 Milldonen Mark, wovon aber 172 MUlionen Mark auf Zinsgutschriften entfallen. tmd Boden. Heroismus und heiligem Krieg, Mannestreue Berserkergang und nordischem Geist. Noch schlimmer wuchtete die Sprache auf ihren Kopf: schwulstig, überladen und durcheinander wie bei den Irren. Helga hatte den Dichter verstanden, der kein Deutscher sein sollte, aber das hier, das Neudeutsche, das verstand sie nicht und ihr Freund auch nicht und niemand Im ganzen Städtchen, so verwahrlost war das Nest. Darum packte das Mädchen am ITjord öle seltsamen Bücher säuberlich wieder ein und schickte sie an die Skalplocke zurück und schrieb dazu, niemand Im ganzen Ort werde aus all dem klug und er solle ent- aohuldigen. Und wenn das Gedruckte nordischer Geist sei, so müsse der wohl noch Weiter Im Norden zu Hause sein, vielleicht bei den sagenhaften Trollen, oder bed dem Volk der Lappen. Oder vielleicht noch weiter oben bei den Eskimo, wo man Krieg und Menschenmord zwar verabscheue, die Eisbären aber immer noch mit dem Spieße gejagt und die Fische roh gegessen würden und die Menschen noch in Fellen einhergingen. Bruno Brandy. Mit Vollgas in�die Literatur Unter dieser schönen Ueberschrift wendet •Ich die katholische Zeitschrift Hochland (Kempten) gegen die anreißerischen Inserate, hüt denen sich im Dritten Reiche die neue gereinigte Schriftstellerei oft empfiehlt. Es heißt da: »Unsere Schriftsteller oder vielmehr nur diejenigen von Ihnen, denen man noch nicht die halbfertigen Manuskripte unter Verzicht auf Vollendung aus der Hand reißt, berufen •ich in ihren Anzeigen auf höchst merkwürdige und selbst für den Kenner ihres Zunftlebens befremdende Umstände. Hier ist keine Rede von hoher Einbildungskraft und von blendendem Stil, und falls einer wirklich mal auf die Idee käme, seine Gedanken als irgendwie belangvoll dabei im Text zu erwähnen, dann würde er sie doch höchstens als»zeitgemäß« bezeichnen. Aber was soll man nun davon halten, daß ein junger Mann, er mag ja Im übrigen sein, wie er will, den Besitz eines Führerscheins III, daß ein anderer eingehende Kenntnisse in Paläographie und Di- plomatik ins Treffen führt und das nicht etwa, um Schofför oder Bllblothekar zu werden. sondern um ein publizistisches Amt zu erlangen? Bei aller Weitherzigkeit, das geht nicht, das untergräbt das Ansehen unserer Berufastandes...< Denn man müsse doch auch an den Leser denken! Was entstört, wenn er solche aufschlußreiche Blicke in die neudeutsche Lite- ratenküche tut? »Der Leser verlöre den Respekt vor uns Schriftstellern... Jede menschliche Tätigkeit... hat ihre besondere natürliche Würde, über die man sich nicht so ohne weiteres hinwegsetzen darf. Es vorstößt aber gegen diese Würde, wenn sich, wie es tatsächlich geschehen Ist, ein Schriftsteller als»ersten Fachmann auf dem Gebiete des Spielbank- und Glücksspielwesens« ankündigt oder wenn ein anderer von sich berichtet, er sei ein gar »vielseitiger Verbindungsmann im Schrifttum«. Schwelgen wir von der Praxis, aber die Idee einer noch lebensvollen und vorwärtsdrängenden Nationalliteratur grenzt weder an die Erwerbssphäre eines Lotterieeinnehmers noch an die eines Immobilienagenten.« Die Gleichgeschalteten sollten respektvoller vom Lotterieeinnehmer reden. Er braucht Immerhin nur L o s e zu verkaufen, aber keine Gesinnung. Und um die Meinung der Leser braucht ihr euch auch nicht mehr zu sorgen, denn welcher Leser nimmt Literatur oder Zeitung im Dritten Reiche noch ernst? Fehlbese�ungen In einem Vortrag, den der Leiter im Außenpolitischen Amt der NSDAP, Thilo von Trotha, auf Einladung des Rassenpolltl sehen Amtes in der Berliner Universität hielt, forderte er, daß künftig die Helden im ETlm und auf der Bühne den Gesetzen der germanischen Schönheit entsprechen müßten, denn das sei nötig für die Fortpflanzung: »Flir uns weitet sich der Gedanke der Fortpflanzung zur sittlichen Forderung der Zucht; Mann und Weib... Der höchste Wert aber bleibt für den Germanen(der Grieche sah hier anders) der Adel der Gesinnung, der auch Mängel der leiblichen Gestaltung auszugleichen vermag. Das Idealbild des germanischen Menschen war stets der freie Geist Im gesundschönen Körper.« Das mit dem freien Geist in Gangsterien ist besonders schön. Dafür jedoch ist von Talent nicht die Rede; schon einer wie der eckige Kainz, ob Jude oder nicht, wäre für die neue braune Kunst kein richtiger Held gewesen. »Parzival, Gudrun, Kriemhild und Siegfried, sie alle zeigen In der edlen Hülle eines hochragenden Leibes starken Willen und reine Gesinnung. Es war ein verhängnisvoller Irrtum des Kunstschaffens der jüngst vergangenen Zeit, wenn man glaubte, daß die heldischen Gestalten des Dramas von unschönen, ja mißgebildeten Darstellern verkörpert werden könnten. Und vielleicht war es nicht einmal ein Irrtum, sondern der bewußte Wille den Hang zum Gesunden und Reinen v o r a 1 1 e m in der Jugend durch körperliche Fehlbesetzungen irre zu leiten oder zu ersticken.« Und wie steht das mit Göbbels, Gö- ring Hitler? Was Ist zu diesen»körperlichen Fehlbesetzungen« zu sagen? Darf das politische»Erziehungsvorbild« der Jugend so mies aussehen, wie es will? Darf es dem germanischen Idealbild derart Ins Geeicht schlagen, nur weil es gerade die Flitterkrippe dirigiert?! Hartnäckig schweigt sich das Rassepolitische Amt aus. Der Spazlerstodi Bei Rascher u. Cie., Zürich, hat I. P. Mayer ein Interessantes Buch mit Auezügen aus Nietzsches Werken heraus gebracht, worüber die»Neue Literatur« also klagt: »Auch diese Auswahl Ist tendenziös: sie zeigt uns in starrer Ausschließlichkeit den europäischen, besser den paneuropäischen Nietzsche, den großen Be- kämpfer der angeblich aufsteigenden Ver- herdung. Daß dabei ein dickes Buch von über 300 Seiten herauskommt, das weitaus nur antideutsche Aeußerungen Nietzsches... zusammenträgt, sollte doch manchem Uebereifrigen, der Nietzsche schlechtweg für den Philosophen des Nationalsozialismus erklären möchte, zu denken geben. Eis erscheint uns gewagt und wirklich nicht ungefährlich, die Verbindung zwischen den Idealen des neuen Deutschland und den Anschauungen dieses entschiedenen Verherrlichers welschen und jüdischen Wesens allzu eng zu knüpfen.« Solange haben die gebraucht, um dahinter zu kommen. Warum nicht ein bißchen früher? Wollte man erst Nietzsches völkische Schwester sterben lassen, die dem Elihrer einen Spazierstock aus Nietzsches Nachlaß verehrte?! Und warum hat man den ahnungslosen Karl May-Leser nicht früher über das aufgeklärt, was jeder Gymnasiast weiß?! Was fängt er nun mit dem verjudeten Spazierstock an? üdul SoJüiäitßulß Vermögensanlage der InTalidcn- und AngestelltenTersIdierung Die iinatioaale Befreioingc uad