Verlag; Karlsbad. Haus„Graphia"— Preise und Bezugsbedingungen siehe Beiblatt letzte Seite Hitler seht aufs Ganze Europa in größter Verwirrung (öDlioltemfllratifcty** Kr. 148 SONNTAG, 13. April 1936 Aus dem Inhalt; Der große Wahlbetrug Sorgen um die Aufrüstun Deutsch-polnische Verstimmungen Arische Riesenkorruption Die internationalen Verhandlungen haben in Genf wieder begonnen. Die Lage ist verworrener als jemals zuvor. In der gegenwärtigen großen Krise trifft alles zusammen, was in den letzten Jahren an kritischen, die Stabilität in Europa störenden Momenten aufgetreten ist. Die Schleier sind von den Dingen gezogen, hinter den Ideologien treten die harten Realitäten des Machtkampfes hervor. Der Sinn von Hitlers außenpolitischem Vorstoß war, wie hier von Anfang an gesagt wurde, d i e Erringung der Vorherrschaft in Zentral- und Osteuropa. Die Befestigung der Rheinlandzone soll das Eingreifen Frankreichs und Englands verhindern, wenn Hitler im Osten vorgehen wilL Worin bestand bisher die Gegenaktion der Westmächte gegen das deutsche Hegemoniebestreben? Sie haben bisher versucht, Hitler zur Rückgängigmachung oder wenigstens zur Abschwächung der Rheinlandbesetzung zu bewegen. Die deutsche Antwort war eine Abweisung dieses Verlangens, England hat darauf die Garantie der französisch-belgischen Grenze im Falle eines nichtprovozierten Angriffs Deutschlands erneuert. Diese Garantie ist dadurch verstärkt, daß trotz des Widerspruchs Hitlers die Generalstabsbesprechungen zwischen England und Frankreich jetzt aufgenommen werden. England ist auch noch einen Schritt weiter gegangen. Es hat zugesagt, daß im Falle des endgültigen Scheitern der Verhandlungen mit Deutschland über eine neue europäische Friedensorganisation sofort neue Verhandlungen zwischen England einerseits, FYankreich und Belgien andererseits über die gegenseitige Garantie der Grenzen gegen einen deutschen Angriff stattfinden sollen. Es ist wahrscheinlich, daß Italien, das bisher infolge des abessinischen Konflikts äußerste Zurückhaltung übt, sich dem englischen Vorgehen anschließt Aber mit dieser Aufrechterhaltung der Locarnogarantien für Frankreich und Belgien ist ja d a s w i r k- liohe Problem— eben die Befestigung der Rheinlandzone mit all ihren weittragenden Folgen— noch nicht einmal berührt Was wird nun weiter geschehen? Die deutsche Antwort vom 1. April läßt an Hitlers Absichten keinen Zweifel. Sie lehnt jedes Entgegenkommen ab; es bleibt bei der Rheinlandbesetzung und die deutsche Regierung würde höchstens für einen Zeitraum von vier Monaten, in dem die neuen, von ihr vorgeschlagenen Nichtangriffspakte abgeschlossen werden könnten, auf eine Verstärkung der im Rheinland befindlichen Truppen, unter Voraussetzung eines gleichen Verhaltens der belgischen und der französischen Regierung, verzichten. In bezug auf die Befestigungen übernimmt die offizielle Antwort überhaupt keine Verpflichtungen, und nur mündlich hat Herr Ribbentrop dem Staatssekretär Eden versichert, daß die Anlage der Befestigungen viel längere Zeit brauchen würde, als die vier Monate, in denen die deutschen Friedensvorschläge angenommen werden sollen. Die Vorschläge sind im übrigen die gleichen, die Hitler in seiner Reichstagsrede gemacht hat: fünfundzwanzigjähriger Sicherheitspakt zwischen Frankreich und Belgien einerseits und Deutschland andererseits unter englischer und italienischer Garantie, sodann Abschluß von einzelnen Nichtangriffspakten mit den Nachbarn Deutschlands an seiner Südost- und Nordostgrenze; Wiedereintritt in den Völkerbund und Bereitschaft zum Abschluß eines Rüstungsabkommens. In eine Kritik der deutschen Vorschläge nochmals einzutreten, erübrigt sich. Der Zweck, sich im Osten freie Hand zu sichern, liegt ja offen zu Tage. Zunächst ist von dem Angebot, Nichtangriffspakte abzuschließen, Rußland ausgeschlossen. Dann bedeutet der Abschluß von Nichtangriffspakten des mächtigen Deutschlands mit jedem einzelnen seiner schwachen Nachbarn nicht nur viel weniger als der Kelloggpakt, sondern auch viel weniger als bisher der Völkerbundspakt an Schutz für den Angegriffenen garantierte. Denn nach dem Flintritt Deutschlands in den Völkerbund würde Deutschland allein oder mit Hilfe seiner Bundesgenossen darauf rechnen können, die Feststellung des Angreifers jedesmal zu verhindern und damit den Angegriffenen des kollektiven Schutzes durch die Völkerbundsmitglieder zu berauben. Die Nichtangriffspakte wären also schon rein rechtlich selbst gegenüber dem bisherigen Zustand ein Rückschritt; aber wer zweifelt daran, daß Hitler in jedem Falle stets der Angegriffene sei, daß nie er, sondern der Jeweilige Gegner den Pakt gebrochen haben wird? Und da Hitler nach seinen eigenen Aeußerungen nie einen anderen Richter anerkennt als das von ihm selbst bestimmte souveräne Recht der deutschen Nation, so ist der mit solcher Reklame angepriesene konstruktive Teil des Friedensangebotes ein wirklicher Hohn auf jede ernste Friedenssicherung. Dasselbe gilt von dem Angebot eines Rüstungsabkommens. Der schwache Punkt der deutschen Machtpolitik ist heute vor allem der ungenügende finanzielle und wirtschaftliche Unterbau. Es ist kein Zufall, daß alle Mitteilungen über die Ausgaben radikal unterdrückt werden. Eben hat das deutsche Volk erfahren, daß das Kabinett den neuen Etat für das am 1. April beginnende Rechnungsjahr pünktlich verabschiedet hat, aber über den Inhalt erfährt es kein Wort Deutschland ist das einzige Land in der Welt ohne Budget. Seibat das faschistische Italien veröffentlicht— und dazu in einem Kriegsjahr— seinen Etat. Und mögen auch die Ausgaben für die Rüstung und den Krieg nur unvollständig oder auch irreführend sein, so werden doch eben die Angaben gemacht Nur die Hitlerdiktatur unterbindet völlig jede Kontrollmöglichkeit, und höchstens aus Verordnungen über neue Steuererhöhungen werden die Untertanen erfahren, daß die Rüstungsausgaben immer noch wachsen. Die wirtschaftlichen Schwierigkeiten sind also die einzigen, die die Diktatur mit Besorgnis erfüllen. Deshalb könnte Hitler nichts günstigeres passieren, als daß er ein Rüstungsabkommen erhält, das seine militärische Ueberlegenheit stabilisiert (ein anderes würde er nicht schließen) und ihm die finanzielle Ruhepause bringt, deren er so dringend bedarf. Es gibt ja überhaupt in dem deutschen Friedensangebot keinen einzigen Punkt, dessen Erfüllung nicht eine Stärkung der deutschen Machtpolitik und eine Erleichterung des künftigen deutschen Angriffs bedeutet Die Machtpolitik hat eben ihre eigene Logik. Wie verhalten sich demgegenüber die Weltmächte? Frankreich fordert eine neue Zusammenkunft der Loc arnomächte. Diese findet jetzt in Genf statt zusammen mit der Tagung des Achtzehner-Ausschusses, der über den abessinischen Konflikt beraten soll. Frankreich wird den Versuch erneuern, England für eine Verhinderung der Rheinlandbefestigung zu gewinnen. England sucht aber Zeit zu gewinnen und will die Tür zu Verhandlungen mi t D e u t s c h I a n d auf alle Fälle offenhalten. Um die Wirkung, die das Friedensangebot Hitlers auf einen Teil der englischen pazifistischen öffentlichen Meinung ausübt, abzuschwächen, macht Frankreich gleichzeitig einen Gegenvorschlag, der die kollektive Sicherheit durch den Völkerbund verstärkt und Rußland mehr als bisher in ein neues europäisches Friedenssystem einbezieht Man sieht, der Gang der Ereignisse wird auch in nächster Zeit durch das Verhalten Englands bestimmt Bisher sind die Westmächte auf die Stelle getreten, während Hitler gehandelt hat. Hitler wird auch die Zwischenzeit benutzen, um, während die anderen beratschlagen, den Festungsbau möglichst voranzutreiben. Gelingt ihm das, so kann ihm das spätere Schicksal seiner oder der französischen Sicherheitspläne ziemlich gleichgültig sein. E!s geht ja nur um die sehr einfache, aber auch sehr bedeutsame Machtfrage der Befestigung. Wird die englische Politik sie zu seinen Gunsten entscheiden? Unterdessen hat sich neuer Zündstoff aufgehäuft. Die italienischen Siege über die aller modernen Waffen ermangelnden Abessinier haben die Ansprüche Italiens gesteigert und ihr Vormarsch hat sie bis an den Tana-See, an das Quellgebiet des Blauen Nils, gebracht. In Afrika und in Europa zugleich fällt das italienische Gewicht nunmehr stärker in die Waagschale. Englands Abessinienpolitik ist in eine schwierige Lage gekommen. Oesterreich hat nach deutschem Vorbild die allgemeine Wehrpflicht proklamiert, ein neuer Vertragsbruch, sehr unbequem in dem Augenblick, in dem die Aufrechterhaltung der Verträge gewahrt bleiben soll. Oesterreichs Vorgehen muß aber das ungarische nach sich ziehen, und durch die ungarische Aufrüstung fühlt sich die kleine Entente noch mehr bedroht als durch die österreichische. Die Lage in Mitteleuropa verschärft sich also im gleichen Augenblick, in dem Hitlers Vorgehen schon ohnedies ernste Gefahren heraufbeschworen hat. Englands Politik hatte seit Kriegsende bis jetzt mit dogmatischer Starrheit das Ziel verfolgt, Verpflichtungen über den Schutz der französischen und der belgischen Grenze hinaus unter allen Umständen zu vermeiden. Hitler hat England jetzt vor die Entscheidung gestellt, ob ea an diesem Ziel noch länger festhalten kann, ohne ihm die Macht über Mittel- und Osteuropa auszuliefern, nach deren Erlangung nicht nur Frankreich, sondern auch England direkt bedroht wäre. Das macht die Entscheidung für England so schwer und läßt es nach immer neuen Kompromissen suchen. Hitler aber geht aufs Ganze... »Wahlen« in Hamburg lieber Lohn als Hitlerworte— Unruhe bei Blohm& Vofi— Luftsdiu� und Wahlarbeit■— Wunder der Stimmenzählung. Hamburg, Anfang April. Vor der Wahl: Werksversammlung bei Blohm& Vofl. Am Freitag, dem 27. März, nachmittags, hörte bekanntlich ganz Deutschland des Führers Rede aus der Kruppschen Liokomotlvhalle In Essen. Bei Blohm& VoB hatte che Werksleitung am Tage vorher durch Anschlag das Programm für die»Feier« bekann tgem acht; 1. Musikvorträge der Werk- Kapelle, 2. Ansprachen: a) Direktor Staatsrat, M. d. R. Blohm, b) Habedank, c) Reichsstatthalter Kaufmann, d) der Führer am Mikrophon. Aus diesem Anlaß allgemeiner Arbeitsschluß schon 15.20 statt 18 Uhr. Lohnzahlung nach der Führerrede. Nachmittags gegen 16 Uhr stauten sich die Massen(das Werk beschäftigt z. Zt. zirka 8500 Mann) vor der»Feierhalle«. In der Halle nur einige treue Seelen. Die Feder beginnt. Es reden Blohm, Habedank, Kaufmann. Die Massen stehen noch demonstrativ vor der Halle. Der Führer beginnt zu reden. Da setzen sich die Massen in Bewegung in Richtung auf die Lohnauazahl ungsschalter beim Ausgang. Hier verharren sie in aulgeregter Stimmung. Die Unruhe wird immer größer, als bekannt wird, daß auch die Im Flugzeugbau beschäftigten Schichtarbeiter, deren Schicht um 15 Uhr beendet war, nicht aus dem Betrieb gelassen wurden und noch um 16% Uhr auf ihren Wochenlohn warteten. Erst vereinzelt, dann stärker und endlich Im Sprechchor rufen.-ie: wir haben Hunger, wir wollen unseren Lohn haben. Einige Amtswalter in Uniform rasen heran, doch die Massen rufen welter: wir haben Hunger. Bs geschieht ihnen nichts. Um 17% Uhr werden die Lohnschalter geöffnet. Die Wahl: Mit allen nur denkbaren Mitteln des Individuellen Terrors wurden die Wähler an die Urne gebracht und ihre Stimmabgabe beeinflußt. Schwer kranke, vor Schmerzen schreiende Frauen hat man herausgeachleppt. In den Krankenhäusern und Stiften wurden die Kreuze in die Stimmzettel gesetzt— von den Wahlheüfem, Zum größten Teil waren die Wahlboxen so aufgestellt, daß man bequem vom Tisch aus in die Box sehen konnte. Ein bis ins kleinste organisierter Schleppdienst sorgte für Belebung der Treppenhäuser. Schon ab 13 Uhr kamen die Hitlerjungen etc. an die Türen. Die gesamten Luftschutzkräfte waren mobilisiert. Jeder Luftschutz-Hauswart erhielt ein Merkblatt für seine— Wahlarbeit. Er hatte »seine« Hausbewohner anzuhalten und zu überwachen, damit sie auf Jeden Fall ihrer Wahlpflicht genügten. Waren alle Hausbewohner zur Wahl, hatte der Luftschutz- Hauswart an der Haustür ein rotes Plakat mit der Aufschrift:»In diesem Haus hat alles gewählt« anzubringen. Man sah aber viele Häuser ohne Plakat. Nach der Wahl: Man sah in Hamburg viel lachende Gesichter: vor Verblüffung oder aus Ironie. Ueberau, wo jemand eine Zeitung in der Hand hielt mit dem Wahl ergeh- nls— In der Bahn— im Betrieb— beim Zeitimg'sstand— Immer das gleiche BUU: Schweigen— sieh anschauen, Kopfschütteln — und lachen. Ja, das ist es eben: der Wahlschwindel ist so plump, so greifbar, so offensichtlich, daß jeder nur eines denkt:>Wie kann dat angohn?«— oder>Wat et nlch all jifft...!« Nein, das.bat keiner gedacht, daß der Sieg so groß gemacht worden wäre... Jetzt haben der sarkastische Witz von dem bei Göbbels schon vor der Wahl gestohlenen Wahlresultat und die oft gehörte Redewendung:>ob wir zur Wahl gehen oder nicht — das Resultat liegt Ja schon fest...« ihre Krönung erfahren. Während man aber am Montag noch lachte, begann schon am Dienstag sich der Unwille auszubreiten. Mit wachsender Schnelligkeit und Intensität breitete sich die Ueberzeugung aus, daß eine ungeheuere Anzahl Wähler um ihren Willensentscheld gebracht wurde— dank des demagogisch gemeinen, raffiniert ausgeklügelten Systems der Abstimmung und der Gültigkeitserklärung der Stimmzettel. Ein Kreis auf dem Stimmzettel:>Dein Kreuz In den Kreis.« Warum nicht Ja oder nein? Was der Wähler tun soll, wenn er nicht einverstanden ist, das hatte man»vergessen« mitzuteilen, Da das Kreuz i n den Kreis gesetzt werden sollte, konnte auch nur ein derartig gezeichneter Stimmzettel gültig sein. So folgerten alle Irgendwie ablehnend eingestellten Wähler und machten jeder auf seine Art ihren Stimmzettel ungültig. Denn Jetzt stand die Frage Ja nur nooh: gültig gegen ungültig. Man hatte vergessen mitzuteilen, wann ein Stimmzettel gültig, wann er ungültig ist. Aber in den WahlrichUInien für die Wahlvorstände steht es— streng geheim— wie folgt: »Gültig Ist der Stimmzettel, wenn a) das Kreuz Im Kreis ist, b) das Kreuz über den ganzen Zettel gezogen ist, c) Pfeils triebe auf dem Zettel sind, d) etwas, oder alles durchstrichen ist, e) der Zettel eingerissen ist, f) Worte darauf geschrieben sind, g) das Kreuz fehlt.« Wann der Zettel ungültig ist, steht nicht im Reglement. Wie plump der Wahrheit Ine Oetdcbt geschlagen wurde, dafür einige Beispiele: In einem Hamburg er Bezirk wurden bei zirka 1000 Stimmen etwa 600 gültige, 180»Nein«- Stlmmen und 220 weiße Zettel abgegeben. Das Ergebnis lautet: 820 gültig, 180 ungültig. Noch plumper Ist es in zwei Barmbecker Lokalen vor sich gegangen, wo Jeweils von zirka 900— 1100 Wählern angeblich ganze acht ungültige Zettel abgegeben worden sind. Und in einem Bezirke Im Arbeiterviertel Rothenburgsort, am Röhrendamm: von zirka 1200 überhaupt keine ungültigen Stimmzettel! Und dabei waren in diesen genannten Lokalen auf Grund der amtlichen Zahl bei der Wahl am 19. August 1934 noch zirka 220 bis 360 Neinstimmen gezählt worden. Aber— und das ist ein aHgemelnea Gesprächsthema und Stimmungsbarometer: Ein System, das zu solchen Mitteln greifen muß, kann nicht von Bestand sein! Schalten Qher der deutsch-polnischen Freundschaft Hitlergruß- und Aus Polen wird uns geschrieben: Zu einem bemerkenswerten Zwischenfall kam es bei den Budgetberatungen im schle- , sischen Landtag, wo ein Regierungaabgeord- neter, Kubik, die kategorische Forderung erhob, den Hltlergruß und das Tragen des Hakenkreuzes zu verbieten, damit es gegen die dauernden Provokationen der gleichgeschalteten deutschen Organisationen nicht zur Selbstabwehr der polnischen Bevölkerung komme. Seitdem in Polnisch-Schleslen eine geheime Nationalsozialistische Arbeiterbewegung nach reichsdeutschem Muster von den polnischen Behörden liquidiert worden ist, Ist die Stimmung gegen Deutschland umgeschlagen. Aus den Grenzgebieten Polens, die an Deutschland anschließen, wird berichtet, daß die polnischen Organisationen sich gegen die Außenpolitik Becks wenden, dessen Deutschfreundlichkeit als eine Gefahr für Polen angesehen wird. Seit Wochen sind die Organisationen des Reglerungslagers bemüht, in öffentlichen Versammlungen Forderungen zu erheben, daß Deutschland seine Transitschulden bezahlen möge, vor allem aber, daß mit den Provokationen der Hitlerorganisationen Schluß gemacht werde, die zu einer Landplage geworden sind. Insbesondere werden heftige Proteste erhoben, daß die deutschen Organisationen bei verschiedenen Anlässen offen das Hakenkreuz, sei es auf Fahnen, Armbinden oder Kranzschleifen, zur Schau tragen, als wenn es sich um Propagandamärsche im Dritten Reich handeln würde. Es ist auch bekannt, daß der schleslsche Wojewode den deutschen Generalkonsul In Kattowitz auf die Gefahr aufmerksam machte, was es für Polgen haben kann, wenn die Deutschen in dieser Art ihre Hitlerfreundlichkeit zum Ausdruck bringen. Wie es heißt, hat dann der deutsche Generalkonsul seines Hakenkreuzverbot im Sdilesisdien Se|m gefordert befreundeten»Führern« zu verstehen gegeben, daß im Interesse der deutsch-polnischen Verständigung öffentliche Demonstrationen der Hitlerorganisationen zu unterbleiben haben. Daraus geht hervor, daß auch die polnischen Behörden bereits wissen, daß die Nazibewegung in Polen von relchsdeutschen Stellen geleitet wird. Die Proteste der polnischen Regierungsorganisationen richten sich ferner in aller i Schärfe gegen die Unterdrückung der polnischen Minderheit in Deutschland, der man nicht einen einzigen Abgeordneten zum Reichstag zubilligte, während polnischerseits der deutschen Minderheit zwei Senatoren zugestanden worden sind, die die Interessen der deutschen Minderheit in der Volksvertretung wahrnehmen können. i Jedenfalls spitzen sich die Verhältnisse zwischen Deutschen und Polen im Grenzgebiet zu und man hat den Eindruck, daß die polnischen Behörden sich gegen die»Hitlerokkupation« der gleichgeschalteten deutschen Minderheitsorganisationen entschieden zur Wehr setzen wollen. Die deutsch-polnische Verständigung, so wird im Lager der Regierungsorganisationen in Schlesien behauptet, wird von Deutschland dazu ausgenutzt, tun die polnische Staatsautorität zu untergraben und eine Stimmung zu schaffen, die Hitler dann berechtigen soll, nach Ablauf der Genfer Konvention über Oberschlesien eine neue Volksabstimmung zu fordern, was durch die Flüsterpropaganda auf 1937 festgesetzt wird. Ilm den Wellfrleden! In einer Reibe der Publikationen der von Lord C e o U ins Leben gerufenen»Weltvereinigung für den FYleden« erschien eine Broschüre in deutscher Sprache. Sie enthält eine Ueberaioht Uber die bisherige Zusammen- fassung der mächtigsten friedliebenden und völkerbundfreundlichen Organisationen und einen Ausblick auf den für nächsten September vorbereiteten»Weltkongreß für den Friede n«, der nach dem Beispiel des englischen»Peace-Ballot«, für das über 12 Millionen Engländer freiwillig votierten— die Millionenmassen eiller friedliebenden Völker zu aktiven, organisierten Unterstützung der Friedenspolitik mobilisieren und vertreten wird. Zu diesen Absichten äußern sich in der vorliegenden Schrift zahl red Ohe Staatsmänner wie u. a. Edouard H e r r 1 o t, Major A 1 1 1 e e, der Führer der Labour Party, Manuel A z a n a, Spaniens Ministerpräsident, Salvador de Madariaga, Präsident des Fünfer- und Dreizehner- Komitees des Völkerbundes. Die Bildung des tschechoslowakischen Komitees mit Eduard B e n e ä und Ministerpräsident H o d 2 a an der Spitze wird bekanntgegeben. Groß ist auch das Interesse der kirchlichen Organisationen, die sich der Initiative der für die Weltfriedensbewegung eintretenden Erzblschöfe von York und von Canterbury anschließen; nicht minder wichtig sind schließlich auch die im Namen von 42 Frontkämpferorganisationen, die Millionen von Frontk ämpf em vertreten, abgegebenen begeisterten Zustimmungserklärungen; sie folgen geschlossen dem Beispiel des General Pouderoux, der sich mit Pierre C o t an die Spitze des französischen Komitees gestellt hat. Von Persönlichkeiten der Sozialistischen Arbeiterinternationale haben u. a. die Genossen de Brouchire, Camllle Hoysmans, Grumbach, Albarda, Engberg, Dr. Dal ton, R. N. Baker, Soukup, Jaksch, Breitscheid und Stampfer ihre Mitarbeit zugesagt. Das inliegende Heft enthält Beiträge von Stampfer und Heinrich Mann. Wie der Betrug vorbereitet wurde Aus Zwickau wird uns berichtet: Die Wahlausschrelbungen der Wahlämter der Städte im Zwickauer Bezirk sind sehr lehrreich. Sie lassen erkennen, wie systematisch der Wahlbetrug vorbereitet worden ist. Stadt Aue: »Geben Juden dennoch eine Stimme ab, so setzen sie sich nach g 2 des Gesetzes Uber das Reichstagswahlgesetz recht schwerer Bestrafung aus. Die Stimmabgabe bei der Reichstagswahl erfolgt am besten in der Weise, daß der Stimmberechtigte auf den Stimmzettel in dem dafür vorgesehenen Kreise ein Kreuz einträgt.« Stadt Kirchberg! Der Wähler kennzeichnet den Stimmzettel am b e st e n In dem dafür vorgesehenen Kreis durch ein Kreuz oder Unterstrelchen. Stadt Planitz: Auf dem Stimmzettel hat der Wähler durch ein angebrachtes Kreuz oder andere Weise kenntlich zu machen, daß er dem Wahlvorschlage seine Stimme geben will. Man sieht daraus, daß Jeder Stimmzettel als gültige Ja-Stimme gezählt worden ist! Ob Kreuz oder nicht Kreuz, ob angestrichen oder durchgestrichen— alles ist als Ja-Stimme gezählt worden. Die wenigen Wähler, die es durchgesetzt haben, daß ihre Stimme nicht als Ja-Stimme gezählt werden konnte, haben in die Umschläge Schulstundenpläne oder Kaufhauskassenscheine gesteckt. Edkcner madit n Seilt mit Sein Name wird mit dem Bann belegt. Dieamai gesollt sich zu den namenlosen Opfern der deutsch an»Wahlfredhelt«, zu den ertappten Neimagem ein Mann, der durchaus nicht namenlos, der vielmehr in allen Ländern und Erdteilen bekannt ist— Dr. Eckener, der Präsident der Zeppelingesell- schaft, der Vorkämpfer des deutschen Luftschiffbaues. Er, der ehemals der demokratischen Partei angehörte, ist in Ungnade gefallen, weil er sich nicht erpressen ließ, weil er den Wahlmaohem unzweideutig zu verstehen gab, daß er die in allen Zei- tui�en und Reden zugesicherte Freiwilligkeit des Führerbekenntniasea für sich in Anspruch nehme und daß es sein freier Wille sri,«ich nicht zum Führer zu bekennen. Während Hunderte von deutschen Prominenten landauf und-ab, Männer der Bühne und des Films, Männer der Kanzel und der nooh immer so genannten deutschen Wissenschaft, ihr Werbaaprüohlein zu Papier brachten und rieb so— sei es auch zähneknirschend— für das verlogenste und veriumpte- ste aller Wahlmanöver einsetzten, schickte Eckener die braunen Autogrammsammler mit leeren Händen nach Hause; während der Name des deutschen Diktators an allen Anschlagsäulen, Häuserfronten und Knripen- sohildem prangte, während er von Lout- sprechern und Chören durch die Städte gebrüllt wurde, taufte Eckener das neue Duftschifft L. Z. 129 auf den Namen— H 1 n- den bürg, obgleich von Göbbels die Marke »Adolf Hitler« befohlen worden war; während alle Trommelfelle unter dem Adolf-Hitler- Gesohrri der Vorwahltage schmerzhaft zuckten. trank man rieh bei dem Presse-Dejeuner in Friedrichshafen mit»Hell Deutschland!« zu; während das ganze Reich mit Wablschildern und Wahlzetteln zugedeckt war, ließ Eckener die Wahlplakate aus dem Hangar des neuen Luftschiffes entfernen, und die wahlzritgemäßen Reklameflüge beider Luftschiffe geschahen gegen seinen deutlich zum Ausdruck gebrachten Willen. Das Sündenregister ist in der Tat lang genug, und in Berlin reagierte man eutspre- obend. Wie— ein Mann, der nicht katzbuckelt, ein Mann, der nicht kuscht, ein Mann, der Rückgrat zeigt? Sein Name — so ordnete Göbbels an— darf im Zusammenhang mit den Zeppeünflug in der deutschen Presse nicht genannt,»ein Bild darf nicht veröffentlicht werden. Wenn man den Vorkämpfer des deutschen Luftschiffwesens auch nicht gut tot- sc h 1 a g e n kann— die Augen der Welt-nnd auf ihn gerichtet— so kann man ihn doch totschweigen, vielleicht hilft das. Aber siehe— es hilft offenbar auch nichts. Die ganze Geschichte kam nicht mir in die Auslandspresse, sie wird auch im Dritten Reich von Mund zu Mund geflüstert, wobei kein Zweifel besteht, auf wessen Brite die Sympathie ist.- Eckener hat rieh to der Zrit vor Hitlers Machtantritt offen zur Demokratie bekannt, und daß er bei der Landung des Zeppelins in Amerika den Interviewerin versicherte, er sei eben»kein Politiker«, wird den Ober- mufti zu Berlin kaum milder stimmen. Auch bei einem derart verdienten Luftfahrer darf es allerhöchster Anrieht nach nicht geschehen, daß er die Welt aus der Vogel- statt aus der braunen FVoschperspektlve rieht und daß ihm dabei allerhand auffällt, was den in der Mssse eingekeilten verttorgen bleibt. Möglich auch, daß Eckener, wenn wlederm&l ein Jude mißhandelt, zu Unrecht ins Zuchthaus geworfen, seines Vermögens beraubt wird, gelegentlich an den ehemaligen Chefkonstrukteur In den Zeppelinwerken, an den Mitarbeiter beim Bau des Amerlkazep- pelina ZR III, an den Juden Karl Arnstein denkt, dessen Verdienste um den deutschen Zeppelinbau unbestritten sind und an den zu denken deshalb strafbar ist. Was Eckener tun und in weicher Weise er seine bedrohte Stellung bei den Zeppelinwerken erhalten wird, bleibt abzuwarten. Wir haben es mehr als einmal erlebt, daß es den braunen Gewaltherren gelungen ist, selbst die Wlderstrebendsten zum Kuschen zu zwingen, daß Neinsager, vor die Wahl gestellt, ihre Gerinnung oder ihre Lebensarbeit preiszugeben, rieb für das erstere entschieden. Ehnes ist Jedenfalls schon Jetzt sicher: Ehrenpforten wird man dem Präsidenten der Zeppellngoscllschaft bei seiner Helmkehr nach Deutschland keineswegs bauen. Der Krieg im 4ether Göbbels gibt Instruktionen zur Störung des Auslandsempfangs. Nachdem der nicht ganz zuverlässige Hörerverband der NSDAP aufgelöst ist und dessen Aufgaben von der Funkwarteorganisation der Partei übernommen wurden, erhielten diese Funkwarte besondere Instruktionen über die Störung und Verhinderung des Auslandsempfang. Mitte März wurden die Funkwarte in den Gauen zu einer Besprechung zusammengerufen, wobei strengste persönliche Kontrolle durchgeführt wurde. Den Funkwarten wurde nun mitgeteilt, daß das Ausland ebenfalls beginne, das bisher meisterhaft von Deutschland allein benutzte Instrument»Rundfunk«, unter Benutzung der deutschen Sprache, zu verwenden. Eis bestehe kein Zweifel, daß dies eine große Gefahr werden könne, da mit einer noch stärkeren Anwendung zu rechnen sei. Aus diesem Grunde habe man auch die Kreia- und Ortsfunkwarte eingeladen, denen noch besondere Instruktionen gegeben würden, wie sie mit Hilfe teehalscber Mittet die Wirkung der ausländischen Sendungen bekämpfen können, selbst auf die Gefahr hin, dadurch auch den Empfang der deutschen Rundfunkpro- gramme zu stören. Aber man sei gezwungen, mit allen Mitteln gegen die Wirkung der ausländischen Sendungen innerhalb Deutschlands, anzukämpfen. Was die besonderen Instruktionen betrifft, so können wir darüber mitteilen, daß diese rieh auf die Organisierung eines Netzes empf angsstörender Apparate beziehen. So u. a. Bau von kleinen Störsendern mit einem Wirkungsbereich von 500 bis 2000 Meter, Hochfrequenzmaschinen usw. Abgesehen davon wird auch die»amtliche« Störung des betreffenden Senders wirksam sein, indem man einen anderen Sender»drauf setzt«. Auf diese Weise bat man auch die Radiorede des Ministerpräsidenten Sarraut, die vom Straßburger Sender in deutscher Sprache wiederholt wurde, gestört. Ueberhaupt war diese Rede Ursache für die Göbbelsschen Instruktionen, da diese Rede einen tiefen Eindruck in Deutschland gemacht hatte. DleStimmen derAuslandsdeatsdien Aus durchaus zuverläseiger Quelle wird berichtet, daß das Deutsche Generalkonsulat in Katowice arbeitslose Reichsdeutsche zusammengerufen bat, die aus Geldmangel nicht nach Deutach-Oberschlesien zur Wahl fahren wollten. Man hat Ihnen die Stimmschrine vorgelegt, sie unterschreiben lassen, die Pässe abgenommen und hat die Stimmscheine allein nach der nächsten Wahlgrenzstation gebracht Da es rieh um Reichsdeutsche handelt die vom Generalkonsulat ihre Arbeitslosenunterstützung beziehen, so blieb diesen Menschen nichts anderes übrig, als sich für das Ja für den Führer zu erklären. Ebne ähnliche Maßnahme soll auch Im Posener Generalkonsulat getroffen worden sein. Korridorsperre für Kraftwagenverkehr Seit der Einschränkung des Zugsverkebrs Im Korridor ist der Auto-Durchgangsverkehr um ein Mehrfachas gestiegen, worunter dis Fahrstraßen erheblichen Schaden erleiden. Die polnische Regierung beabsichtigt deshalb, die Tryptiks für die Einfahrt in das polnisch» Staatsgebiet nicht mehr anzuerkennen. Dia polnischen Straßen würden damit praktisch für reichsdeutsche Autos gesperrt sein. Rimbomiptlon um arische Minen Heber 200 Behörden bestodien— Die NSDAP bremst die Justiz Deutsdbe Streif! iditer »Sind wir denn eine Hammelherde?« Wie viele ungültigre Stimmen bei der »Wahl« am 29. März abgegeben worden sind, wird schon deshalb nie zu ermitteln sein, weil nicht zu erfahren ist, was mit einem Stimmzettel geschehen sein mußte, wenn er als ungültig anerkannt werden sollte. In vielen Orten Ist Ja der»Sieg« peinlich komplett gewesen. So in Saarbrücken, wo den rund 81.000 Hitlersümmen nur 40 Irgendwie ungültige gegenübergestanden haben«ollen. Oder in der früheren kommunistischen Hochburg Dudweiler im Saargebiet, wo den 16.391 Hitlerstimmen nicht ein einziger ablehnender Stimmzettel entgegengesetzt worden sein soll. Das ist selbst für das Saarland etwas allzu wenig. Das Rätsel wird gelöst, wenn man erfährt, daß vielfach die ersten im Wahllokal eintreffenden Nazitrupps ostentativ erklärten, sie hielten ea für ihre Ehrenpflicht, öffentlich zu wählen. Entweder gingen sie überhaupt nicht in die Wahlzelle oder zogen den Vorhang nicht hinter sich zu. In sehr vielen Orten Westdeutschlands gab es Uberhaupt keine Wahlzelle, manchmal auch keine Urne. Sehr oft mußte am Tisch des von uniformierten Nazis besetzten Wahlvorstan- des angekreuzt werden. Abstimmungsberechtigte, die mit dem festen Vorsatz kamen, oppositionell zu stimmen, sahen sich so gezwungen, ihre Stimme für Hitler abzugeben. Daß diese Art»Wahl« auch für Nazis, soweit sie nicht zum Bonzenklüngel gehören, verblüffend und verbitternd war, zeigt ein uns im Original vorliegender Brief aus einer katholischen westdeutschen Kleinstadt. Schreiber und Empfänger sind uns genau bekannt, Der Brief lautet: »L. H.! Heute war Wahltag, aber die Wahl war überhaupt nicht geheim. Wir waren alle gezwungen, vor einer Reihe von SA-Männern unsere Stimme öffentlich abzugeben. Wenn jemand Protest erhob, wurde er als Dunkelmann bezeichnet. Obwohl ich immer nur für Hitler gestimmt habe, geht mir das denn doch zu weit. Du weißt, daß ich hier zu den ersten Anhängern dee Führers gehört habe, aber jetzt bin ich empört. Und alle Bekannten kommen und melden aus den benachbarten Orten dasselbe. Das ist keine geheime, keine ordentliche Wahl. Das ist Zwang und ungültig. So geht es nicht Sind wir denn eine Hammelherde? Ich bin überzeugt der Führer hat dies nicht gewollt So wird er ja lächerlich vor dem Aualande. Mit Recht kann Flandln nun sagen:»Das ist keine Wahl.« Besser wäre man mit 75 und 80 v. H., die auch bei ordentücher Abstimmung erreicht worden wären, nach London gegangen als so mit 100 Prozent... Hast Du auch am Freitag die Führerrede gehört, sie war herrlich. Außer einer solchen Wahl, was bisher auch noch nie der Fall war, habe ich nichts auszusetzen....< Also immer wieder und immer noch das Glau benwollen an den Einzigen hoch da oben; »Er weiß es nicht; er will es nicht« So weigern sich unendlich viele Deutsche, den Glauben zusammenbrechen zu lassen, den sie in «ich aufgerichtet haben. Nicht an eine Sache, sondern an einen Menschen, der all das, was sie ihm nicht zutrauen, nicht nur weiß, sondern aus«einem finsteren, verschlagenen und rohen Wesen will und befiehlt Daß Millionen sonst anständige und gebildete Deutsche trotz allem Jahre und Jahre in ihrer Hingabe an einen der unwürdigsten Menschen verharren, die je ein großes Volk beherrscht haben, bleibt für die Gegenwart rätselhaft und für die Zukunft erschreckend. Die allzu Harmlosen Wer Gelegenheit hatte, mit Auslanda- joumalisten zu sprechen, die zur»Wahl« nach Deutschland fuhren oder von dort zurückkamen, wird wissen, wie schwer, wenn nicht unmöglich, es ist diesen Zeltungsleuten den ganzen Schwindel der taitlerdeutachen Propaganda» und Wahlmache klarzumachen. Es zeigt sich auch im Politiacben die Erfahrung. daß Hochstapler mit ihren Gaunereien ins Märchenhafte geben müssen, wenn sie ihre Opfer überzeugen und ganz sicher machen wollen. So fragt ein großes belgisches Blatt »XX. Siöcle« naiv, warum denn die OppoaUioo nicht mit»Nein« gestimmt habe, wenn es wirklich eine große Opposition gebe? Darauf wisse, so meint diese Zeitimg ganz ernsthaft, niemand Auskunft zu geben. Von welcher Ahnungaloaigkelt manche Ausländer sind, beweist das verbürgte Verhalten eines englischen Journalisten, der in einer deutschen Industriestadt»studieren« wollte, daß die Wahl ordnungsmäßig stattfand. Nachdem er sich eine Zeitlang an der Türe eines Abstimmungslokals aufgehalten hatte, in das er von dem örtlichen, gut englisch sprechenden SA-Führer gebracht worden war, machte ihn dieser mit einem früher führenden Sozialdemokraten bekannt, der gerade von der Urne kam. Der brave Brite versuchte unseren Freund in Gegenwart des SA-Führers In «In politisches Gespräch zu verwickeln, dem Die Korruption im Dritten Reich stinkt zum Himmel. Die nationalsozialistische Partei, deren agitatorische, auf die niedrigsten Pöbelinstinkte berechnete Hauptwaffe das Korruptionsgeschrei gegen die Republik war, ist ein Sammelbecken aller korrupten Elemente. Es ist wahr, daß die Wirren der Inflationszeit alle dunklen Schieberelemente in der Republik begünstigt hatten, aber ebenso wahr ist es, daß nach der Stabilisierung die Republik mit fester Hand durchgegriffen hat Wovon sich die nationalsozialistische Agitation nährte, waren kümmerlich letzte Reste dieser Zeit, so die Berliner Sklarekaffäre. Als die NSDAP zur Macht kam, wurde es stille mit dem Kor- ruptionsgeschrei. Es gab nichts zu enthüllen! In Reich, Ländern und Gemeinden haben sie saubere Verwaltungen übernommen. Auf diese sauberen Verwaltungen haben sich die braunen Postenjäger wie Aasgeier gestürzt. Alle öffentliche Kontrolle wurde ausgeschaltet, ihr Treiben vollzieht sich im Dunklen. Ab und zu jedoch lüftet sich der Vorhang ein wenig und gewährt Einblicke, wie es jetzt in den damals sauberen Verwaltungen aussieht. Augenblicklich hört man aus Deutschland Andeutungen über einen riesigen Skandaifall, der in viele Stadtverwaltungen hineinspielt. Er wird sehr geheimnisvoll behandelt, denn das System will ihn unter Ausschluß der Oeffentlich- keit erledigen. Obschon bereits durch die Justizorgane über zweihundert Einzelfälle von Bestechung oder wenigstens versuchter Bestechung in derselben Sache aktenmäßig festgestellt sind und obschon, wie wir uns selbst überzeugten, in allen Bank- und Industriekreisen über den enormen Skandal bereits seit langem offen gesprochen wird, ist bisher nicht das geringste geschehen, um der Oeffentlichkeit(soweit man im Dritten Reich noch überhaupt davon reden kann) klaren Wein einzuschenken, weder über die Namen des oder der Schuldigen, noch über die einzelnen staatliehen und städtischen Behörden, die allenthalben im deutschen Reichsgebiet in die schmierige Affäre verstrickt sind. Die Tagespresse Hitlerdeutschlands hat bisher überhaupt noch keine Kenntnis von den in Frage kommenden Dingen und, wofern sie sie hätte, hat sie bisher noch nicht eine einzige Zeile über das, was in maßgebenden Kreisen doch schon Tagesgespräch ist, verlauten dürfen. Einiges Wenige— unter verschämter Varschweigung aller Namen und Titeln allerdings— hat sich lediglich bisher in die Fachpresse einschmuggeln können; ob mit, ob ohne Erlaubnis der Gestapo, ist schwer ersichtlich. Immerhin können wir registrieren, was ein— außerhalb seines Fachkreises freilich kaum gelesenes— Branche-Blatt, nämlich das in Hannover erscheinende Blatt»Der technische Handel«(Nummer 9/10 vom 5. März 1936) zu berichten hat. Es deckt sich nach unseren Feststellungen völlig mit dem, was in den Wirtschaftskreisen sich der Sozialdemokrat nur durch die Bemerkung entziehen konnte, er beschäftige sich seit dem Verbot der Partei nicht mehr mit Politik und lese kaum noch Zeitungen. Im übrigen seien alle deutschen Regierungen der Nachkriegszeit ohne Unterschied der Part eis tellung für Deutschlands volle Oleichberechtigung eingetreten. Der britische Journalist fragte welter— tauner ta Gegenwart des SA-Mannes—, ob man ihn denn nicht mit anderen früheren Sozialdemokraten ta Verbindung bringen könne und erhielt natürlich die Antwort, daß eine Verbindung zwischen früheren Sozialdemokraten nicht mehr bestehe. Ob es noch Kommunisten im Orte gebe? Achselzucken des Sozialdemokraten, der durch einen Sprung auf die gerade vorüberfahrende Straßenbahn weiteren Fragen des Interviewers entging. Es sollte uns nicht wundern, wenn der Brite an seine Heimatzeitung geschrieben hätte, er habe Sozialdemokraten und Kommunisten In dieser Industriestadt nicht mehr entdecken können—■ trotz fpoundildber Mithilfe der örtlichen SA! Bs mag schon sein, daß es sich hier um eine besonders einfältig« Seele handelte, die vorher nie in Hitlerdeutschland gewesen ist, aber sie läßt Schlüsse auf die Frage zu, wie sieh in Großbritannien der vielberufene»Mann auf der Straße« Regierung und Opposition im Dritten Reiche vorzuateilen pflegt. bereits seit Monaten herumgetragen wird: »Die fragliche Affäre wurde schon vor einiger Zelt anhängig gemacht von dem in Deutschland noch aus der Vorkriegszeit her bestehenden»Verein gegen Bestech u n g e n«. Eine sehr bekannte Großfirma der Ma- schlnenindustrle— übrigens völlig In rein arischen Händen— stellt Großäpparate her, die weniger in privaten, als vor allem In den größeren öffentlichen Betrieben des Staates oder der Kommunen Verwendung finden, am meisten bei den Elektrizitätswerken und Kraft- erzeugungsunteünehmungen gemischt- wirtschaftlichen Charakters. Um ihre Maschinen unterzubringen, unterhält die Firma Generalvertreter in fast allen größeren Städten des Reiches, die im wesentlichen nur die Aufgabe haben, der Zentrale sofort zu melden, wenn eine öffentliche Stelle Bedarf hat oder sonst Kaufneigung zeigt. Es ist nun festgestellt, daß ta genau 333 Fällen Beamten oder Festangestellten In fast ausschließlich staatlichen oder städtischen Betrieben entweder auf die kostspieligen materiellen Zuwendungen der Firma eingegangen sind oder doch entsprechend von der Finna bearbeitet worden sind. Die Firma verabreichte durch Ihre Generalvertreter opulente Essen in Nacht- und Schlemmerlokalen; es sind ganze Kofferladungen von goldenen Uhren von ihr verschenkt worden. Auch gab es für Gefügige oder für solche, die man dafür halten durfte, geschmackvolle Rauchutensilien, Ledersachen, Geschenkkörbchen oder gar— für die Damen Ihrer Opfer— Logenbilletts für die Oper. Folgender Brief eines Vertreters an die Zentrale charakterisiert am besten wohl die ganze Sachlage: »... dann teilen wir Ihnen mit, daß am Dienstag der Unterzeichnete mit Herrn... dem Prokuristen des Städtischen Elektrizitätswerkes in K., Sie besuchen wird. Wir Setzen vorau8, daß Herr... ta Z.'scher Welse in Empfang genommen wird, durch reingewaschene Ebrenjungfranen begrüßt und entsprechend seinem Vorhabon, nun bald eine Z-Anlage zn k a n f e n behandelt wird.« So weit die sachlichen Angaben, soweit sie— in der genannten Fachzeitschrift, aber auch noch in anderen auf einen beschränkten Interessentenkreis abgestellten Mitteilungsblättern in Deutschland bisher erschienen sind; sie lassen zwar den ganzen Umfang des gewaltigen Gestankes erkennen, aber gerade das Wesentliche, die Bekanntgabe der einzelnen Schuldigen — verschweigen sie, höchstwahrscheinlich nur mit Rücksicht darauf, daß es zur Hauptsache Parteinazis and »alt« Kämpfer« sein müssen, die in den Skandal verstrickt sind, da diese ja jetzt fast monopolartig die Pfründen gerade bei den»verdienenden« Stellen des Staates oder der Gemeinde besetzt halten. Was aber nun die prozessuale und strafrechtliche Seite der Angelegenheit angeht, so ist die folgende(wörtliche!) Schlußfeststellung der Zeltschrift»Der technische Handel« von geradezu grotesker Peinlichkeit für das ganze System: »Da die Anklageerhebung zur Zeit von der Staatsanwaltschaft bearbeitet wird, hat der Generalstaat8anwalt, um sich über die Stellungnahme der NSDAP unterrichten zu lassen, die mit dem»Verein gegen Bestechung« gemeinsam arbeitende»Abteilung zur Wahrung der Berufs- moral« in der Relchsleltung der NSDAP um gutachtliche Aeuße- r u n g Im einzelnen zu besonders wichtigen Fragen ersucht.« Auf Deutsch heißt das:: Was auch immer kommen mag, die ekle Sache wird von der Justiz in jedem Falle so geschoben, wie es die Parteibonzen haben wollen; wer verurteilt, ja auch nur genannt wird im kommenden Prozeß— vorausgesetzt, daß ihn besagte Parteiabteilung»zur Wahrung der Berufsmoral« nicht Uberhaupt verbietet— entscheidet allein das Interesse des»Führers« an seinen»alten Kämpfern« und das des Herrn Göbbels an allgemeiner moralischer Mondfinsternis zugunsten des Regimes... Aber war ein solcher Fall, so sensationell er auch auf den ersten Blick im einzelnen erscheinen mag, nicht eigentlich schon längst fällig? Ueber die Korruption im deutschen direkten Rüstungssektor sind an dieser Stelle alle jene Mitteilungen be- reits seinerzeit gemacht worden, die der Erkenntnis des wahren Sachverhaltes dienten und gerade die beteiligten Offiziere als keineswegs mehr angekränkelt vom altpreußischen Ehrbegriff in blanker Schönheit vorführten. Aber wenn das schon am grünen Holz der»alten« Armee geschah und geschieht— was mußte sich schon ganz zwangsläufig und logisch da ergeben, wo Hitlers Bankrotteure und Offenbarungseid-Helden in die fettesten Aemter bei den werbenden Unternehmungen der öffentlichen Hand in Scharen gekommen sind? Daß es da in bisher nicht gekanntem Ausmaß einmal stinken würde, das war schon jedem klar, als die große Invasion in die Aemter gerade erat begann und jeder auch die feinen Nummern kannte, die sich nun an die Schreibtische und neben die Kassenscbränke klemmten,— ehemalige Baltikumer, später Bananenhändler oder Hühnerfarmbesitzer und was so sonst da mit bei Hitlers emporgekrabbelt war.., Keinem Menschen, höchstens ihrem kongenialen Komplicen als»Kreis«- oder als»Gauleiter«, sind sie verantwortlich. Keine Behörde wagt sich an sie heran. Es gibt eine verantwortliche Erörterung öffentlicher Angelegenheiten überhaupt nicht mehr. Und— da s o 1 1- ten sie nicht klauen? Und wenn etwas aufkommt, fragt der Herr Generalstaatsanwalt gehorsamst an, ob und gegen wen und wie er überhaupt vorgehen darf... E. Deutsche Jugend Wir reden hier nicht von der deutschen Jugend ganz allgemein. Noch sind beträchtliche Kaders vorbanden, die durch die Schule der Sozialdemokratie, der Kommunisten und des politischen KathoUzJsmufl gegangen sind. Es bestehen in einem Teil der jüngeren Generation auch noch gewerkschaftliche Erinnerungen. Das ändert aber nichts an der Tatsache, daß ta den Jahrgängen bis zu 25, Ja vielleicht bis zu 30 mehr und mehr Menschen heranwachsen, die demokratische Freiheiten nicht mehr kennen gelernt oder sie doch nach drei Jahren Diktatur gründlich vergessen haben. Zwischen der Minderheit bewußt politischer Menschen und der großen Mehrheit der Volkstelle, die nur bei besonderen Aktionen rasch vorübergehendes politisches Interesse zeigen, ist jetzt ta Deutschland ein größerer Unterschied denn je. Zumal bei der Jugend. Beinahe alles Interessiert diese jungen Leute mehr als Furagen des Wahlrechts und der politischen Meinungsbildung durch geistiges Ringen. Wie wenige von den Jetzt 25jährigen in Deutschland haben sich noch aktiv am politischen Leben der Republik beteiligt, kennen eine freie Diskussion, eine unabhängige Presse, politische Parteien und selbständige Gewerkschaften noch aus eigener Erfahrung? Man sollte das bei der Beurteilung dee politischen Verhaltens sehr welter Schichten der deutschen Jugend keinen Augenblick vergessen. Diese jungen Menschen sind mm seit drei Jahren, nachdem sie vorher schon jahrelang mit wachsendem Unverständnis dem Streit um Verfassungsfragen zugehört und zugeschaut hatten, der raffiniertesten psychologischen Beeinflussung ausgesetzt, die Je auf die Jugend eines Landes ausgeübt worden Ist. Bei weitem nicht alle sind dadurch gewonnen, aber die Desorientierung auch der Zweifelnden und Kritischen ist groß. Bei so manchen wirkt sich allmählich die Gewöhnung an die Diktatur aus, und dahin geht wohl auch die Spekulation des Systems. Man tut dieser Jugend unrecht, wenn man bei ihr die Maßstäbe demokratischer Länder anlegt, und eine Verständigung mit ihr ist nicht möglich, wenn man mit politischen Begriffen und Vorstellungen arbeitet, die ihr fremd sind und aus einer versunkenen Welt zu kommen scheinen. Die deutsche Jugend ist äußerlich uniformiert, ob aber auch schon geistig, das ist noch sehr die Frage. In vielen jungen Köpfen ist mehr unklare Erwartung des Kommenden als Zufriedenheit mit dem Gegenwärtigen. Bei dem Blick ta die Zukunft ist diese Jugend aber unbeschwerter von politischer Erinnerung als vielleicht je eine Junge Generation vorher. Wir wollen das nicht vergessen. Hannes Wink. Düs dritte Reick Jm BmlUm »Der Kampf um die Seele des Auslandsdeutsditums endgültig verloren. ..« mn, Rio de Janeiro, anfangs März. In der letzten Zeit Ist die nationalsoziali- ßtisohe Orgumaatlon in Brasilien durch eine schwere Krise gegangen, deren Ende noch gar nicht abzusehen Ist. Schuld darin sind einige tolle Korruptlonaaff ären des örtlichen Pührercorps In Rio de Janeiro und Sao Paulo. In Rio de Janeiro haben aus Protest gegen diese von der Ausländsabteilung der NSDAP in Hamburg gestützten wilden Korruptionsgeschichten 66 Mitglieder(darunter alle Besitzer des goldenen Parteiabzeichens) ihren Austritt erklärt. Aehnlidh liegen die Dinge In Sao Paulo, wo einem der leitenden Mitglieder der Lan- Santos und dann auf Bord eines deutschen Schiffes gebracht worden. Wir geben diese Auffassung nur deswegen wieder, weil sie deutlicher als alles andere zeigt, was die eigenen Pgs. der Himmler-Tscheka zutrauen! AUerdings steht fest, daß in Rio Grande do Sul öffentlich gegen die NSDAP der Vorwurf erhoben wurde, sie beabsichtige die Entführung von drei ihr mißliebigen deutschen Antihitlerl- sten auf Bord eines deutschen Dampfers. Diesen Vorwurf machte sich sogar eine Zeitung zu eigen, ohne daß die NSDAP eine Berichtigung riskieren hätte können! desabtedlung, einem Baumeister, nachgewie-* sen worden ist, er habe durchsetzen wollen, j Für die Beurteilung der Stimmung gegen- daß die Reichsregierung eine bestimmte über der südamerikanischen Auslandsorgani- deutsche Schule nur dann weiter subventio-! sation der NSDAP ist aber nicht allein maß- niere, wenn er Im Konkurrenzkampf gegen gebend, daß sich die hier lebenden Reichsbilligere und tüchtigere Kollegen, den Zu- deutschen immer weniger durch den schlag für einen Schulbau erlange. jTerror imponieren lassen, mlnde- Aber das ist ja Im Grunde genommen nur' stens eben30 bedeutungsvoll Ist die folgende die übliche nationalsozialistifiche Korrupten, i Polemik des bedeutendsten Organs der Ted die für den, der den Aufstieg und die Regie- tobrasdedros, des rungstätigkeit der NSDAP kennt, nichts Erstaunliches bietet. Die Auslandsdeutschen beginnen sich aber doch zu wundern, und das wirkt sich gerade in dem von der NSDAP provozierten Kampf um die Schulen aus. InSaoPauloistes kürzlich gelungen, eine der wichtigatan deutschen Schulen von dem nationalsozialistischen Einfluß vollkommen zu reinigen. Sehr ungünstig steht es, um nur noch ein Beispiel zu nennen, auch um die Sache der Glelchsdhalter In der deutschen Schule von Montevideo(Uruguay). Dort hat es der Schulvorstand ausdrücklich abgelehnt, den von der R ei chsragi emng unter dem Druck, die Subventionen zu entziehen, auf- oktroderten Sohuldirektor anzustehen. In den kleineren Schulen im Inneren Südamerikas ist der nationalsozialistische Einfluß In zahlreichen Fällen ebenfalls ausgeschaltet worden. Dort hat man das meistens klug und unauffällig, aber auch energisch gemacht. Die Initiative erfolgte recht häufig durch alte Sozialdemokraten, die jetzt als Farmer oder Handwerker in den verschiedenen deutschen Kolonien sitzen, und ebenso geschickt wie zweckentsprechend ihre Pflicht erfüllen, obwohl die Verhältnisse oft alles andere denn glinstig sind. In manchen Gegenden ging wiederum die Initiative von Seiten katholischer Bauern aus,— auf jeden Fall steht dem Maulauf reißen der Nationalsozialisten eine zähe Abwehrartoelt der anderen gegenüber. Das bat dazu geführt, daß im den letzten vier Monaten der Apparat der Gestapo in ganzSüdamerlka eine außerordentliche Verstärkung erfahren hat. Die Nationalsozialisten verheimlichen viel weniger als früher die Existenz der Geheimen Staatspolizei im den verschiedenen südamerikanischen Staaten; derm nur ganz handgreifliche Drohungen können die rebellierenden Pgs. bei der Stange halten! Die Tätigkeit der Gestapo-Agenten betrifft aber nicht allein die Terrorisierung der auslandsdeutschen Organisationen,— man ist seit Ende November 1935 auch dazu übergegangen, alle nur einigermaßen bekannten Antl- hlUeristen dem Lande sbehörden zu denunzieren, indem man Ihnen nachsagt, sie bemühten sich, auf die innenpolitischen Verhältnisse der Gastländer Einfluß zu gewinnen und umstürzlerische Bewegungen zu unterstützen. Das ist natürlich ein absoluter Unsinn, aber es kommt Immer vor, daß diese nationalsozialistischem Denunziationen geglaubt werden und daraus für die betreffenden, wenigstens fürs erste, ernste Schwierigkeiten entstehen. Die Tätigkeit der Gestapo beschränkt sich aber nicht nur auf die Denunziation von Volksgenossen,— in sehr vielen Fällen versucht sie auch die Einscbmuggelung von Agents provocateur s. Bei den von Deutschland her politisch und organisatorisch geschulten sozialistischen Arbeitern, die das Kernstück der antlhltleristischen Verbände bilden, haben sie freilich mit solchen Mätzchen wenig Glück... Dagegen sieht man nicht klar, ob nicht die Gestapo-Arbeit bei der Aufdeckung oppositioneller Gruppentätigkeit innerhalb der hiesigen NSDAP erfolgreicher gewesen ist und sich nicht daraus mancherlei dunkle Konsequenzen ergeben haben. Bei einer kürzlichen Reise nach Sao Paulo konnten wir jedenfalls die Feststellung machen, daß innerhalb der NSDAP-Ortsgruppe selbst die Meinung vorhanden ist. Zwei Pgs. seien Im Zusammenhang mit der Gestapo verschwunden, d. b. gewaltsam von Sao Paulo nach »Deutschen Volksblatt« in Porto Alegre, gegen einen Aufruf des Gauleiters E. W. Bohle, seines Zeichens Leiter der Auslandsorganisation der NSDAP: »Der NSDAP-Gauleiter Bohle behauptet, daß die»deutschen Kolonien im Auslände faeute zum größten Teil fest auf dem Boden der nationalsozialistischen Weltanschauung stehen.« Abgesehen davon, daß diese Behauptung ja völlig Irrig ist, was Bohle vermutlich selbst weiß, aber wohlweislich ins Gegenteil verdreht, ist die darin ausgesprochene Forderung ein Wahnsinn. Es wird darin von brasiUanischen und anderen Staatsbürgern verlangt, daß sie auf dem Boden des Nationalsozialismus stehen. Wie gefährlich ein solcher politischer Wahnsinn für das Auslandsdeiutschtum wie auch in der Rückwirkung für Deutschlands Ansehen in der Welt selbst ist, haben wir schon unzähligemale deutlich genug dargelegt... Tatsache ist aber, daß die Ansätze (für eine wirkliche Einigkeit des Aualandsdeutschtums) vor der Einmischung des Nationalsozialismus in auslandsdeutsche Fragen und der katastrophalen Gründung der auslandsdeutschen Gruppen der NSDAP vorhanden waren, daß begründete Hoffnung bestand, daß die deutschen Vereine im Ausland sich mehr und mehr zu großen geschlossenein Verbänden zusammenfinden würden, daß aber gerade die auslandsdeutsche Politik des Dritten Reiches und vor allem die Politik der auslandsdeutschan Ortsgruppen der NSDAP so gut wie Überall im Auslandsdeutschtum einen Keil in die Volksdeutsche Gemeinschaft getrieben und eine Epoche der Spannungen, Kämpfe und erbittertsten Auseinandersetzungen e n- goleitet hat, die in erster Linie auf das Schuldkonto der NSDAP-Ortsgruppen fallen. Nicht so sehr das bloße Vorhandensein dieser Gruppen, als vielmehr ihre politischen Ansprüche und ihre Totalitätaforde- rungen haben es mit sich gebracht, daß das Dritte Reich den Kampf um die Seele der Ausländsdeutschen endgültig verloren hat.« Deutlicher die Pleite der NSDAP-Auslandsdeutschenarbeit feststellen kann man wohl nicht mehr! Die Kriegsrüstung in der diemisdien Industrie lind was dabei verdient wird Unter den Industrien, die im Dritten Reich eine besondere Förderung und einen kräftigen Ausbau erfahren, steht die chemische Industrie vorne an. Es sind für die ihr auteil gewordene höchste Aufmerksamkeit verschiedene Gründe ausschlaggebend. Einmal ist sie seit Jahren das Rückgrat des Außenhandels. Etwa 15 Prozent der gesamten deutschen Auafuhr entfallen auf chemische Erzeugnisse. Da die Auafuhr der chemischen Industriezweige nur einen verhältnismäßig geringfügigen fremden Rohstof fanteil enthält, bringt sie den größten Devisenüberschuß ein. Diesen Devisenüberschuß, der in den letzten Jahren infolge des Rückgangs der Ausfuhr im allgemeinen und der chemischen Erzeugnisse im besonderen geringer geworden ist, möchten die Gebieter über Deutschland gern wieder größer werden sehen. Darum der treibhausmäßige Ausbau, der der deutschen chemischen Industrie einen weiten Vorsprung vor der anderer Länder bringen soll. Daneben wird zugleich der andere Zweck verfolgt, durch die chemische Produktion Deutsehland auf allen Gebieten der Wirtschaft Immer unabhängiger von der Einfuhr aus dem Ausland zu machen. In der Ernährungswirtschaft soll sie den Reichsnährstand durch die Herstellung und durch die Ausnutzung der vorhandenen chemischen Hilfsmittel die»Emäh- rungsschlacht« siegreich schlagen helfen. Die für die Kriegsversorgung für notwendig gehaltene verstäricte Konservierung von Feld- f rüchten und Labenami tteln stellt sie vor neue Aufgaben, desgleichen die chemische Futtermittelgewinnung, bezw. die Erhaltung und Erhöhung des Eiweißgehaltes Im Grünfutter. Die Erzeugung chemischer Spinn- und Faserstoffe und von Mitteln, die eine bessere Stofferhaltung und pflegsamere Reinigung der im Gebrauch befindlichen Gewebe ermöglichen, erweitern ihre Aufgaben auf dem Gebiete der Bekleldungawlrt- schaft. Die synthetische Herstellung von Treibstoffen und Schmiermitteln durch Verflüssigung der Kohle oder aus Koksprodukten soll den ganzen deutschen Mineralölbedarf aus deutscher Kohle decken. Diese Oelautarkle wird durch die Erschließung neuer Erdöllager, die bisher freilich weniger ertragreich waren, zu beschleunigen und zu vervollständigen gesucht. Dazu kommt die Erzeugung von synthetischem Kautschuk, die Gewinnung und Verbesserung der Anstrichmittel gegen Rostschädon— die jährlich etwa 1— 2 Milliarden RM Unkosten verursachen— von elektrotechnischem Isoliermaterial, die gesteigerte Erzeugung von Sprergatoffen und die Bereitstellung der höchsten Produktionskapazität für Giftgase und ähnliches. Von letze ren schweigen natürlich die offiziellen Stellen. Um so lauter rühmen sie sich der gewaltigen Erfolge, die mit den Erfindungen in der Chemie schon erreicht worden sind und Deutschland schon aus der Abhängigkeit vom Ausland befreit haben sollen. Da ist es bemerkenswert, daß diese unter dem Druck der Devisennot vor sich gehende Jagd nach neuen Erfindungen und ihre Auswertung in der Chemleindustrie von berufener Seite eine ganz andere Beurteilung erfährt. In einer Arbeit»Alte und neue Aufgabengebiete der chemischen Industrie« sagt die »Dresdner Bank«: »Die chemische Industrie befindet sich seit mehr als einem Jahr in einem Zustand höchster Tätigkeit. Der erhöhten Beschäftigung entspricht auch eine erhöhte" Erzeugung, aber nicht im gleichen Auamaße. Neben der reinen Eraeugungstätigkeit läuft stets in der chemischen Industrie die Vor- beredtungstätigkeit für neue Arbeitsgebiete her, das Erforschen und Versuchen und weiterhin das Planen und Entwerfen, Bauen und Umgruppieren... Die Devisenschwierigkeiten haben die Erfindungen nicht hervorgerufen, sondern nur ihre industrielle Auawirkung beschleunigt. Für die chemische Industrie bedeutet das zwar eine erhebliche Begünstigung ihres Arbeitsfeldes, bringt aber auch die Gefahr der Ueberstürzung und der vorzeitigen Festlegung auf eine bestimmte technische Möglichkeit, die sich vielleicht später rächt als die günstigste herauas teilt. Auch die Länder, die über genügend Devisen und Rohstoffe verfügen, arbeiten an denselben Aufgaben. Sie können aber mit Ruhe die technische Entwicklung allseitig verfolgen und den Nutzen aus den anderweitig gewonnenen Ergobniasen ziehen. Der gleichmäßigen Systematik gegenüber ist ein beschleunigtes Varwärtstredben der technischindustriellen Entwicklung nur dann im Vorteil, wenn auch mögliche Fehlschlage einen solchen Schatz von neuen Btnzel- erfahrungen ergeben, daß der Vorsprung, den die besonderen Pionieranstrengungen erbringen, rächt einzuholen ist. Das Ist nun gerade auf chemischen Gebiet manchmal der Fall, well hier fruchtbare technische Anregungen und Gedanken aus einem Spe- zialbc reich auf den anderen eher übertragbar sind als in mechanischen Industrien.« Es wird also die vorsichtig formulierte Warnung ausgesprochen, die chemische Industrie aus der gegenwärtigen wirtschaftlichen Notlage heraus nicht auf Ersatzprodukte und Produktionsmethoden festzulegen, dlo morgen schon durch die Weiterentwicklung in anderen Ländern wertlos sein können und die sie den Ausland gegenüber Im Rückstand kommen lassen müssen. Eine Warnung, die nicht nur vom Standort der um Ihr« Gewinne besorgten Kapitalisten gerechtfertigt ist. Der überstürzte Ausbau der Produktion und der Produktlonakapazität hat sine Konjunktur in der chemischen Industrie ausgelöst, deren Auswirkungen ganz verschieden sind, je nachdem, ob es sich um die Aktienbesitzer und Börsenspekulanten, oder um die Arbedtersohaft handelt. Aus einer Ueberaicht, die der genannten Arbeit der Dresdner Bank angefügt ist, ergibt sich, daß der Betriebsertrag(einschließlich der außerordentlichen Erträgnisse) nach Abzug der Aufwendungen für Roh-, Hilfs- und Betriebsstoffe von 1932 auf 1934 von 743.1 auf 901,6 Millionen RM oder um 21,34 Prozent gestiegen ist. Die Summe der von den chemischen IndustrieaktlengeseUschaften ausgezahlten Dividende hat Im gleich«! Zeitraum eine Erhöhung von 62,0 Millionen auf 71,0 Millionen RM oder um etwa 14 Prozent erfahren. Viel gewaltiger noch sind die Gewinne, die durch die Kurssteigerungen der Chemie-Aktien erzielt worden sind. Im Vergleich zu dem Kursstand, den die Aktien der verschiedenen Chemie-Unternehmungen am Anfang des Jahres 1934 erreicht hotten, ergeben sich bis März 1936 folgende Kurssteigerungen: IG-Farben 25%, Hagedu, Berlin 60%. Guano-Werke, Hamburg 60%, Pfeilring, Charlottenburg 65%, Andrae-Nuris Jahn, Frankfurt, 100%, Concordia, Leopoldshall 100%, Gehe& Co., Dresden 100%, F. Reicholt, Breslau 93%, Chemische Fabrik, Radebeul 100%, Chemische Fabrik, Buckau 105%, Deutsche Gasolin, Berlin 130%, Th. Goldschmidt, Essen 193%, J. D. Riedel— E. de Haön, Berlin 140%, Bayrische A.-O., Heufeld 140%, BUt- gerswerke, Berlin 140%, Chemische Werke, Amöneburg bei Wiesbaden 175%, Heine& Co., Leipzig 175%, Scheidemantel, Berlin 260%, Schramm, Offenbach 270%! Bei anderen Gesellschaften sind die Kurssteigerungen niedriger; Kursrückgänge sind gegen Anfang 1934 nur ganz vereinzelt zu verzeiohnen. Es sind demnach einige hunderte Millionen Reichsmark Kursgewinne von den Aktienbesitzern und den Spekulanten allein mit den Chemiepapieren erzielt worden. Für diese Schicht im deutschen Volke ist die»Arbeitsschlacht« und die Herstellung der»W ohrbereitschaft« von unzweifelhaftem Erfolg gewesen. Aber für die Arbeiter der cbemischea Industrie? Leider ist eine genaue Erfaseung in der in den letzten Jahren gezahlten Löhne unmöglich. Aber der entschiedene Widerstand der Reichsregierung gegen jede Lohnerhöhung, der bis heute festzustellen ist, ist ein genügender Beweis dafUr. daß trotz der günstigen Entwicklung, trotz beträchtlich gesteigerter Gewinne für die Kapitalisten, für die Arbeiter der Chemieindustrie aus der erzielten Mchrwertatel- g e r u n g nichts abgefallen ist. Wohl aber ist die Ausbeutung ihrer Arbeitskraft weiter intensiviert worden. Es gibt eine Anzahl von Werken, die mit ihrer Produktion den Stand von 1929 erreicht oder gar Uberschritten haben, während die Zahl der Beschäftigten im Vergleich zu jenem Jahre noch erheblich tiefer Hegt! Ete ist überhaupt eine bezeichnende Er- sohonung, daß in einer Industrie, deren Pro- duktlonsapparat seit 1929 erheblich erweitert wurde, die Mehrzahl der Unternehmungen trotz des starken Ausbaues in den letzten zwei Jahren 193 4, bezw. 1936 weniger Arbeiter beschäftigt als 192 9. Dafür einige Beispiele: Die erste Ziffer gibt die Beschäftigt enzahl von 1929, die zweite den zuletzt ausgewiesenen Bestand— 1934, bezw. 1935 wieder: Union, Stettin 613, 442, Fritz Schulz, Leipzig 600, 400. Kokswerke und Chemische Fabrik, Berlin 25.733, 20.555, Rlebeoksche Montanwerke 8253, 7005, Kali-Chemie, Berlin 4823, 4058, Guano-Werke, Hamburg 674, 384. Th. Gdldschmldt, Eissen 712, 496, Farbwerke Köln-Mühlhelm 277, 170, Chemische Fabrik, Radebeul 2045, 1469, Scheidemantel, Berlin 3000, 2000, Chemische Fabrik Byk-Guldenwerke 870, 714. In den IG-Färben-Fabriken waren 1935 93.006 Arbeiter beschäftigt, auch ihre Zahl dürfte 1929 höber gelegen haben. Also durchweg eine teilweise sehr starke Minderbeschäftigung gegenüber 1929! Dieses Zurückbleiben der Beschäftigung in einer Industrie, deren Produktion geradezu mit Uebersteigerung vorwärts getrieben worden ist, berechtigt zu eindeutigen Schlüssen über die tatsächliche Entwicklung der Arbeltsschlacht auch in Jenen Industriezweigen, die eine so weltgehende Förderung nicht erfahren haben. Auf jeden Fäll muß danach der Umfang der Arbeitslosigkeit viel größer sein, als offiziell eingestanden wird. Darüber hinaus enthüllt die Entwicklung der Verhältnisse In der chemischen Industrie den eindeutigen Charakter der nationalsozialistischen Rüstungs- und Wirtschaftspolitik als einer Politik der intensivsten Förderung der Profitinte reesen des privaten Kapitalismus. GL Nr. 148 BEILAGE ItcucrUötmorfs 12. April 1976 SotQtH uktf da dtulstia D.e Kopfsdimerzen der Militärs Deutschland ist eine Nation ohne bürgerlich-freiheitliche Armeetradition. Aus der von Scharnhorst angestrebten Nationalisierung der Armee wurde die Militarisderung der Nation. Die Totalisderung des Krieges war zugleich seine»Zivilisierung«, die Aufhebung der Kriegerkaste. Die ulte Tradition wurde teilweise durchbrochen, nun tauchten selbst in Deutschland einige zlvilistisch denkende Soldaten und Militärs auf. Aber aus der feudalen In die bürgerliche Welt hinüber, das ist ein Sprung, den nur sehr wenige wagten, und auch diese blieben oft auf halbem Wege stehen. So leben sie im Grunde entwurzelt dahin, nicht mehr mit dem konservativen, noch nicht mit dem freiheitlichen Deutschland verwachsen, keine Kraft, die Initiativ werden kann, weil säe keine Welt hinter sich haben,| sondern immer nur zwei vor sich, die ihnen beide nicht behagen. Ihr Dilemma Ideallsieren sie als»überpartccliche« Schiedsiichterrolle zwischen den beiden Deutschland. Zu so großem fühlen sie sich vom Schicksal berufen. Einer der Repräsentanten dieser Kreise ist der General Horst von Metzsch. Er isre schriftstellerisch stets sehr hervorgetreten. Sein neuestes Buch hedßt:»Schlummernde Wehrkräfte«(Stalllng, Oldenburg). Nicht ohne Grund wurde dieses Buch den vielen verantwortungslosen Publikationen gegenübergestellt, die auf dem Büchermarkt des Dritten Roiohes zu haben sind. Metzsch beklagt im Vorwort seines Buches: »... daß das allgemeine wehrpolitische Verständnis in einem beträchtlichen Mißverhältnis zu dam großen Umfange unserer weh rpoli tischen Literatur steht. Liegt das nun an den Büchern oder an den Lesern? _ Das erste zu bejahen verbietet mir meine kollegiale schriftstellerische Zurückhaltung...« was natürlich schon ein böses Urtedl ist! Metzsch widmet sein Buch»ollen Deutschen, die dem. Dritten Reiche aufrichtig und aufrecht dienen«, aber dieses»Drittes Reich« ist nicht das heutige, sondern eine Privatvorstellung des Generals. Tollweise deckt sich diese mit Möller van den Bruck's«, der augenblicklich etwas unmodern geworden ist. Aber»Manches von ihm wird seinen Rang behalten«, wie Metzsch an einer Stelle sagt. Was Metzsch»neue soldatische Blickfelder« nennt, ist im Grunde doch nur die durch die Totalisierung des Krieges erzwungene Totalbetrachtung des Krieges, wie sie bei weniger konservativen Militärs schon immer üblich war. Allerdings, für den preußischen Soldaten ist das eine neue Welt. Metzsch sieht sich seinen ganz sturen Kollegen gegenüber gedrängt, zu unterstreichen:»Es wird hoffentlich niemand mir alten Soldaten unterstellen, daß Ich auf edne verminderte Bedeutung der Wehrmacht abziele.« Aber:»Die Wehrmacht muß verdorren, wenn die Wehrkraft verdorrt«, darum muß total geschaut werden, Das hat man früher nicht getan,»darum sind die Erfolge auch«militärisch geblieben, aber die wehrpolitischen Erfolge sind ausgeblieben.« Eine interessante Unterscheidung. Darum warnt er vor Aeußerllchkeiten, denn»am wenigsten würden natürlich verkleisternde Ornamente helfen. Das wäre dann Stuck statt Stärke.« Metzsch will zwischen Denker und Krieger nicht unterscheiden. »Rauflust, die In Deutschland Immer zu Hause war, Ist noch kein Sollatentum«, es gehört »die Studierstube zur Kasernenstube, Paust neben die Fäuste!« Die»glückliche Synthese zwischen dem denkenden Soldaten und dem soldatischen Denker ist geradezu eine Voraussetzung glücklicher deutscher Zukunft.« Wie sie im Dritten Reich zu verwirklichen ist, das verschweigt der General. Er polemisiert recht interessant gegen die Auffassung, daß alles, was nicht Wehrwert habe, Luxus sei. Für ihn gehört Kunstpflege, Musik und vieles andere mehr zur Wehrhaftmaohung. »Schließlich bat der alte Dessauer soviel Ordnung in se'ne Keris gobraoht. wie Mozart in seine Noten... Ihren tiefen Segen hatten beide... Rhythmen, beide»Stöcke«, nämlich der Taktstock und der Korporalstock. Am Ende standen harmonische Leistungen.« Aus dieser Total betrachtung ergibt sich die These;»Wehrpolitik muß dreispännig gefahren werden.« »Die drei Schimmel des Gespanns heißen: Wehrmacht, Wirtschaft und Kultur. Eine unwirtschaftlich aufgebaute Wehrmacht muß ebenso scheltern, wie eine militärisch ungeschützte Wirtschaft. Und beide, die Wehrmacht wie d e Wirtschaft, werden versagen, wenn sie nicht von einer Kultur durchflutet sind, die jedem waffentiagenden oder in der Wirtschaft stehenden Volksgenoasan wertvoll genug erscheint, um sich mit Gut und Blut für d'ese Kultur einzusetzen.« »M an darf also z. B. die Wirtschaft nicht der Wehrmacht opfern, oder die Wehrmacht nicht der Wirtschaft preisgeben oder in beiden, der Wehimacht und der Wirtschaft, nicht auf die Kultur pfeifen... wenn keiner weiß, was kulturell zu verteidigen ist, dann fällt die Wehrkraft auseinander.« Dann sind»sechzig Millionen mehr Last als Kraft, mehr Sorge als Stärke, mehr gefahrvoller Krater als hoffnungsvolle Quelle« — der General hat also etwas über das Schicksal des Kaiserreiches nachgedacht. Dem General fällt es oft sehr schwer, seine utopische Vision des Dritten Reiches zu vertreten, ohne mit dem tatsächlichen Dritten Reich in Konflikt zu geraten. So konstatiert er das Nichtvorhandensein der dreispännigen Wehrpolitik— an Rußland! »Wenn die Sowjetunion, zum Beispiel, ihre Völker zu Millionen verhungern und verkümmern läßt, um Devisen für Rüstungszwecke zu gewinnen, dann ist dieser zynisch kalte Kräfteverschleiß des Blutes zugunsten von Rüstiungsgütern weder naüonalsoziaU- stösche noch sozialistische, sondern militärische Wehrpolitik, die einspännig statt dreispännig gefahren wird.« Aber einige Seiten weiter merkt man doch, daß Rußland gesagt, aber Deutschland gemeint ist, dehn: »W I r können uns nur behaupten, nur wehren, wenn wir uns auf eine tüchtige Wehrmacht und auf eine gesunde Wirtschaft und auf eine kraftspendende Kultur stützen. Wir können nicht Waffen durch Waren oder Kultur durch Waffen ersetzen... Das schärfste Schwert nützt nichts i n wl r t sc h af 1 1 1 c h schwacher Hand. Das tapferste Herz nützt nichts mit militärisch unzulängllcber Waffe. Der wirtschaftlich gesündeste Volkskörper nützt nicht mit kulturell niederem Sinn.« Die Schwerindustrie ist darin ganz gewiß anderer Meinung, und wohl auch mancher Kollege von Metzsch! Das deutsche RUstungstempo macht dem General offenbar nicht weniger Sorge als die Vernichtung der Wirtschaft und Kultur durch die heutige deutsche Wehrmacht. Er hat überlegt, wie er das nun ausdrücken kann— und siehe da: Hitlers italienisches Vorbild eignet sich doch glänzend dazu. Also los: »Von einem nichtgenannten fünften Staat mikeen wir abwai ten, ob er nicht vielleicht seine Wehrpyramide schneller hochgetrieben hat, als sich das mit dem verfügbaren Baumaterial verträgt. Beton läßt sich In winzigen Zeitspannen härten. Völker brauchen längere Fristen. Ob sich au« dem weichen Neapolitaner ein harter Pie- mentese machen läßt, die Antwort darauf möchten wir Mussolini überlassen.« Metzsch hält das Dritte Reich mir dann für lebensfähig, wenn alle seine Anschauungen in die Praxis umgesetzt werden, d. h. wenn Hitlers Drittes Reich durch das Dritte Reich des General von Metzsch ersetzt ist. Eher darf auch kein Krieg begonnen werden, denn dieser wäre nicht zu bestehem. Kein Wunder, wenn er sich da bei seinen Kollegen von dem Verdacht reinwaschen muß, die Wehrmacht in ihrer Bedeutung zu beschränken! n. Kritik aus dem Lager der Wlrtsdiaft In einem Artikel der»Frankfurter Zeltung« vom 29. März»Mussolinis Anspruch an die Wirtschaft« heißt es: »Vor zwei Jahren hat Mussolini als eine der nächsten und dringlichsten sozialen Aufgaben den Häuserbau für die ländliche Bevölkerung bezeichnet; solche Pläne treten jetzt zurück hinter dem Zielpunkt: Rüstung.« Mussolini, der bereits einen Krieg führt, und Hitler, der ihn erst vorbereitet, gleichen einander darin, daß sie dem Volk Wohnungen versprochen haben, aber jetzt die Behausung um der Be- waßfnung willen vernachlässigen. Der öffentliche Wohnungsbau ist In der Nachkriegszeit ein entscheidender Anreger des Konjunkturaufstiegs geworden. Die Verwüstungen des Krieges hatten die Wohngelegenheit hinter dem Wohnungsbedarf zurückbleiben lassen, gleichzeitig aber auch da« Masseneinkommen hinter den Baukosten. Der Bau billiger Wohnungen war kein rentables Geschäft, deshalb sprang der Staat in die vom Privatkapital offengelassene Bresche. »Germany wants io see you!« Und nun willkommen zur Olympiedc! England und die Vereinigten Staaten vei danken ihren gegenwärtigen Konjunkturaufstieg wesentlich dem Wohnungsbau, hier vornehmlich dem öffentlichen, dort dem privaten. Von dem amtlich geschätzten Bedarf an neuen Häusern von 1.7 Millionen sind in England in den letzten vier Jahren bereits eine Million errichtet worden, er wird also bei Fortsetzung des gegenwärtigen Tempos der Bautätigkeit in 2 Jahren gedeckt sein. Im Jahre 1935 entfielen nach der Schätzung des Instituts für Konjunkturforschung 70 Prozent in Deutschland aller Neu- und Ersatzanlägen auf Bauten und nur 24 Prozent auf Maschinen. Man sollte also annehmen, daß wenigstens dieser Teil vom unveränderlichen Programm des Führers, der Vorrang der Sorge für die Behausung, erfüllt worden ist. Tatsächlich bleibt im Wohnungsbau das Dritte Reich weit hinter dem zurück, was die Republik geleistet hatte, als die Staatsfinanzen noch nicht durch die Krise zerrüttet waren. Nach der Feststellung der Reichskreditgesellschaft wurde im dritten Quartal 1935 zwar um ein Drittel mehr gebaut als 1928, 1934 aber Wohnungen um 66 Prozent, also um zwei Drittel weniger. Die Reichskreditgesellschaft spricht mit Recht von einer»im Vergleich mit der letzten Hochkonjunktur bedeutsamen Strukturwandlung«. 1935 hatten sich dann in den Städten mit mehr als 10.000 Einwohnern die Wohnungsbauvollendungen noch um 21 Prozent vermindert. Es wird also im»Aufschwung« des Dritten Reiches nur ein Viertel der Wohnungen gebaut, die Im Aufschwung der Republik errichtet worden sind. Während sich in England der Zeltpunkt der Sättigung des tinentbehrlichen Wohnungsbedarfs nähert, bleibt er im Dritten Reich immer weiter dahinter zurück. Im Jahre 1928 wurden 687.000 neue Ehen geschlossen und 310.000 neue Wohnungen gebaut. Etwas weniger als die Hälfte des zusätzlichen Wohnungsbedarfs blieb also unbefriedigt. 1934 standen 731.000 Eheschließungen nur 284.000 Wohnungszugänge gegenüber, es blieben also mehr als zwei Drittel aller Neuverheirateten ohne Wohnung,»und im Jahre 1935 ist immer noch keine Verbesserung dieser Verhältnisse eingetreten«. Da die Staatsgewalt die Zügel der Wirtschaft in der Faust hält, muß die Zurückdrängung des Wohnungsbaues von ihr gewollt sein. Den Grund hat der Reichs- flnanzmlnlster vor einigen Monaten deutlich genannt: die Sparkraft des deutschen Volkes müsse vor allem in den Dienst der Wehrhaftmachung gestellt werden. Damit dieses Hauptziel erreicht werde, müßten nicht nur Lieblingswünsche, sondern auch wirtschaftlich wertvolle und vielleicht notwendige Aufgaben, darunter auch der Wohnungsbau, zurücktreten. Alle Sparzugänge sind»für öffentliche Zwecke«, d. h. zur Anlage in den in Aufrüstung umgesetzten faulen Schuldpapieren des Dritten Reiches beschlagnahmt und die Pfandbriefanstalten durch gesetzliche Emissionssperre gezwungen, sich ihrer eigentlichen Aufgabe, der Finanzierung des Wohnungsbaues, zugunsten der Wehrfreiheit zu verschließen. Welche Art Bauten ist auf Kosten des Wohnungsbaues gefördert worden? Nach der Reiohskredltge- sellscbaft kommt im Bau von Nlchtwohnge- bäuden die bedeutsame Stelgerung der öffentlichen Bautätigkeit zum Ausdruck. 1935 wurden um nicht weniger als 338 Prozent mehr Bauten begonnen als 1933. Die industrielle Bautätigkeit, heißt es ausdrücklich, hat an dieser Belebung nur einen untergeordneten Anteil. Das dem Wohnungsbau entzogene Kapital ist also für den Bau von Kasernen und Prachtbauten nach Görings Protzengeschmack verschwendet worden. Die Frage, was werden soll, wenn die»Staatskonjunktur« abgebaut werden muß und sich nicht mehr selbst finanzieren kann, macht emsthaften Leuten ernste Sorgen. Der ehemalige Preiskommissar, der Leipziger Oberbürgermeister Dr. Coerde- 1 e r, kanzelt im»Deutschen Volkswirt« vom 27. März mit einer für das Dritte Reich erstaunlichen Schärfe den Dr. Ley ab. Dieser hatte jedem eine»Volkswohnung« wie Hitler jedem ein»Volksauto« versprochen. Dazu sagt Gocrdeler: »Wenn es heißt, ea gibt jetzt eine Volkswoh- nung für 3500 Mark, aber verschwiegen wird, daß die Miete rund 30 Mark kostet, und wenn dann der einzelne sieht, was er für diese Miete bekommt, dann ist zweifellos eine natlonalpolltiscb gute Wirkung nicht erreicht. Denn der einzelne hat auch seinen Kopf, mit dem er denkt, und seine bestimmten klaren Vorstellungen.« Mit anderen Worten: Leys Reden verhelfen ihm nicht zu einer Wohnung, er muß sie auch bezahlen können. Daran fehlt es aber eben, denn»wir sind aus den verschiedensten Gründen in einem Zeitraum einer für den einzelnen sinkenden Kaufkraft«. Deshalb befürwortet er die Verwendung von Reichsmitteln anstatt zum Bau von Kasernen zur Erstellung von Wohnungen, die die Masse der Arbeiter bezahlen kann. Dazu bedient er«ich allerdings einer Geheimsprache, die allzu verfängliche Worte umschreibt, aber für Eingeweihte verständlich ist: »Es kommt darauf an, billige, wirtschaftlich vernünftige Einrichtungen zu treffen, um das immanente und naturhafte Wohnungsbedürfnis zu befriedigen. Der Einsatz hierfür, selbst wenn er zu gewissen Beschränkungen auf anderen wichtigen Gebieten führen sollte, ist ebenso wichtig wie andere national p o 1 i t i s c h e Notwendigkeiten. Denn die Punktionen eines Volkes kann ich nicht aufteilen. Ich kann nicht sagen: Dies und das geht mich im Augenblick gar nichts an: nein, die Funktionen eines Volkes sind ein harmonisches, organisches Ganzes und müssen in vollkommener Uebereinstlmmung miteinander ausgebildet und gefestigt werden, um eine wirklich auf organischer Wirtschaft aufgebaute moralische und politische Kraft des Volkes zu erzielen.« Er sagt dann weiter: »Kein Volk kann mehr ausgeben, als es erarbeitet oder erarbeitet bat Es kann eine Zeitlang auch Schulden machen, dann verbraucht es das, was ea erarbeitet hat... Genau so im Leben des einzelnen Menschen. Wenn er aufgezehrt hat, was er hatte, ist nichts ■mehr da. Im allgemeinen pflegen da nicht andere Menschen anzutreten, die sagen: Wir wollen dir gern etwas schenken; und insbesondere wird kein Volk ein anderes Volk finden, das ihm schenkt was es selbst nicht hat, aber gern mehr verbrauchen möchte. Jeder muß sich an die harten Tatsachen halten; ein Volk, das sich Tatsachen verschließen sollte, würde sich eines Tages ganz außerordentlichen Ueberraschungen hinsichtlich seiner Lage und Selbständigkeit ausgesetzt sehen.« Was das für»andere nationalpolitische Notwendigkeiten« sind, in denen Beschränkung empfohlen wird, weiß man. Die Lebensnotwendigkelten als nichtige Angelegenheiten behandeln, wie es im Dritten Reich geschieht heißt, will Goerdeler sagen, nicht nur mit der »moralischen und politischen Kraft des Volkes«, sondern auch mit seiner materiellen Schindluder treiben, aber eben deshalb, weil Hitler den Tag näherkommen sieht, an dem das deutsche Volk die»außerordentlichen Ueberrasdhungen« erlebt, die Goerdeler prophezeit, ist er ins Rheinland eimnarschlert. G. A. Frey. llpfel aus dem Jenseits Hoffmann von Fallersleben an Adolf HUIcr Mein nachgeborener Führer, soeben lese ich im völkischen Hlramels- Beobachter eine Nachricht, die mich aufs tiefste rührt Sie haben für die Erneuerung meines Geburtshauses in Fallersleben, in dem Ich 1798 das Licht der Welt erblickte, einen größeren Geldbetrag gestiftet. Eis soll der Dank der Nation sein für das von mir gedichtete Deutschlandlied— eine Ehre, die ich um so höher zu schätzen weiß, als Deutschland in der Welt nie zuvor so über alles gellebt wurde wie heute, wo es durch die Vorsehung mit Ihnen beschenkt worden ist. Nur eines bedrückt mich: die Frage, ob Sie den Sinn meines Liedes nicht ein wenig mißverstanden haben. Einigkeit— ich dachte dabei an die Einigkeit aller Deutschen unter meiner schwarzrotgoldenen Flagge. Recht— es war für mich das gleiche Recht für alle, der Freiheit ihrer Gesinnung in Wort und Schrift dienen zu dürfen. Einer Ihrer Unterführer namens Ley hat neulich gesagt, daß in den vergangenen drei Jahren das deutsche Volk glücklicher geworden sei. Seines»Glückes Unterpfand« hatte für mich, in heute allerdings etwas abgelebten Zeiten, wie ich bescheiden zu bemerken wage, einen etwas anderen Sinn. Immerhin: Sie, mein Führer, entschädigen mich für die leichte Enttäuschung. Sie wollen, daß aus meinem Geburtshause ein Museum mit»Erinnerungsstücken« werde. Sie wünschen sogar, daß Fallersieben demnächst eine»Hoffmann-Woche« veranstalte. Ich glaube, einige Kompetenz zu besitzen, wenn ich Ihnen hiermit Vorschläge zur Ausgestaltung des Museums mit der Bitte um freundliche Prüfung unterbreite. Im Jahre 1841 erschienen meine»Unpolitischen Lieder«. Ea gibt darin Verse, die Ihr geneigtes Ohr zu finden verdienen. Etwa diese: Noch schlimmer sind und noch verächtlicher, Die da beschönigen, was dumm und schlecht,— Und das gesunde Urteil eines Volks Und den Begriff von wahrer Sittlichkeit Mit Gründen zu entstellen sich nicht acheun: Aus einem Heuchler wird ein Ehrenmann, Aus einem Lump ein echter Patriot, Aua einem eitlen Geck ein Mann von Welt.. Ich möchte, mein Führer, nicht mißverstanden werden. In den vergangenen drei Jahren ist Deutschland dank Ihrer Energie von solchen vormärzlichen Gestalten gesäubert worden. Mein Hohn von damals ist nicht mehr angebracht. Heute gelten diese meine Verse, zu singen nach dem Sandwirt von Passeier: Alle sind wir unsresgleichen: Die Gemeinen wie die Feinen, Und die Armen wie die Reichen Sehn wir hier sich froh vereinen. Gleiches Recht gilt ja für jeden: Jeder kann sich amüsieren, Jeder kann im Freien reden, Tanzen, springen und spazieren. Einst schrieb ich über die unterdrückte Preß. freihelt; Ja, Ihr habt es nun endlich vollendet: Euch gehöret die Presse der Nacht, Denn die Presse des Tags ist geschändet, Und zum ewigen Schweigen gebracht. Nichts als Lügen und fade Berichte 1 Nichts als ewig« Lobhudelei'n! Das ist unsere neuste Geschichte— Und es lohnt sich, ein Deutscher zu sein.,. Wegen solcher Sprüche wurde Ich von den damals Herrschenden verfolgt und gehaßt. Man verjagte mich von der Breslauer Universität und verbot mir, Uber deutsche Literatur zu schreiben und zu sprechen. loh muate ein unstetes Wanderleben führen, von Land zu Land trieben mich polizeiliche Dekrete, meine Lieder trug ich vor wie ein Bänkelsänger, ein verachteter und verstoßener Emigrant: Und dennoch hält uns nichts zurück; Lebt wohl! Uns treibt es fort. Was hier das arme Herz nicht fand, Ein freies glücklich Vaterland, Leb wohl! Wir suche n's dort... Ist öd und arm die neue Welt, Frei ist die Luft, frei ist das Feld, Und frei ist Schrift und Wort. Welche starken Eindrücke dürfte ea auf die Besucher des mir gewidmeten Erinnerungsmuseums machen, wenn Sie die in den geheimen Staatsarchiven schlummernden, gegen Herr Krause will das Rheinland wieder haben Herr Krause will das Rheinland wieder haben. Das heißt, das Rheinland selber bat er schon. Er kann sich aber nicht am Haben laben. Er meint, man soll dort Schützengräben graben. Er wünscht, daß dort Kanonenrohre dröhn. Ein Land, das man besitzt, muß man armieren. Und wer In Stiefeln denkt, der soll marschieren. Sonst braucht man keine Stiefelschaftnatlon. Drum schreit Herr Krause auch nach Kolonien. Und wenn er wieder Kolonien hat, dann wird er stolz mit durchgedrückten Knien aufs neue laut vom Stimmbandleder ziehen: — dem gleichen Rechte eine freie Statt! Hell Oesterreich, Elsaß, Luxemburg und Polen. Der Teufel hole da», was wir nicht holen. Wer Frieden will, der mache uns erst satt.— Europa hat so viele Schöne Staaten. Mein Vaterland, wenn du an Baumnot kranket, dann mache mich zum ewigen Soldaten. Ich will für dich In Blut und Boden waten, solange du es nur von mir verlangst. Meint ihr, Herr Kraus« sei ein WoltkHeg«. schürer? Ach nein. Er wird geschürt von seinem Führer. Und hat von nichts als vor dem Führer— —— Angst. Der Rote Hans. Wanderer Ins Nidits Vor zwei Jahren erschien ein Roman von Oskar Baum, der den inneren Kampf zweier befreundeter Studenten widerspiegelte; Hakenkreuzler der eine, Unksradikai der andere. Beide fest auf dem Boden ihrer Anschauungen stehend, beide die Sterne ihrer Ideale zu ihren Häupten, beide hartnäckig miteinander ringend, wobei der Hakenkreuzler im Laufe der nationalsozialistischen Entwicklung um einige schöne Illusionen ärmer wird, und sich dagegen sträubt, den Rest seiner Ideale zu verlleren. Eine im Kerne tüchtige Jugend, die kämpfend Ihren Weg geht, um die Welt zu verändern; junge Intellektuelle, die der geistige Sauerteig jeder Bewegung sind und Fuhrerqualitäten aufweisen. Es gibt auch ein anderes Lager Intelligenzler: das der Zuschauer und passiven Kritiker. Da sie für den wirklichen polltischen Kampf weder genügend Selbständigkeit noch hinreichende Ausdauer aufbringen, machen sie gern aus der Not eine Tugend, bestarren ihren Nabel und glauben damit Uber den Partelen zu thronen. Ihre Aktivität besteht gelegentlich darin, krittelnd hinter dem Wagen der Geschichte drein zu räsonnieren, statt historische Gesetzmäßigkeiten zu kapieren. In diesen Tagen erschienen drei Bücher, die symptomatisch für diese Art Geistige sind. Eis ist kaum nötig, daß von den drei Autoren die wirkliche Existenz ihrer Hauptpersonen betont wird. Die Verfasser identifizieren sich mit ihren Helden, deren Profil jeder aus eigenem Erleben kennt Der eine Verfasser, Martin Kaller, will mit seinem etwas burschikos gehaltenen, im Europa- Verlag erschienenen Roman»Ein Mann sucht seine Heimat« für die Flucht aus der Politik gewiß nicht unmittelbar Propaganda macht, aber zwischen den Zellen ertönt der Stoßseufzer:»Wir Unpolitischen sind doch bessere Menschen!« Sein Held ist der klassisebe intellektuelle Zuschauer, was ihn freilich nicht vor, den Gefahren der Zelt schützt Als Im Jahre 1933 die braune Schlammflut Uber Deutschland hereinbricht, wird auch er in den Strudel gerissen und beinahe zu Tode geschleift Er, der ehemalige österreichische Frontkämpfer, der am Ende des Krieges zu optieren vergaß und staatenlos wurde, glaubte nach langen Irrfahrten und vielen Hungerjahren seine Heimat In einem kleinen deutschen Städtchen gefunden zu haben, in seiner kunstgeschichtlichen Forschungsarbeit für dieses Städtchen. Aber daß er einen linksstehenden Redakteur aus allgemein menschlichen Gerechtigkeitsgründen beispringt daß er politischen Mord einfach Mord zu nennen wagt trägt ihm den Haß der braunen Horden ein. Als man ihm gar seine jüdische Abstammung nachweist, wird er halbtot geschlagen und seine Freundin mit dem üblichen Schilde»Judenllebcben« durch die Straßen gezerrt Obgleich der also Verfolgte einmal selbst seinem Vorgesetzten Ina Geeicht schreit:»Ich weiß, Herr Professor, Sie sind ein objektiver Mensch, Gott behüte einen vor Ihrer Objektivität«, findet er selbst keinen stärkeren Standpunkt. Der Schluß: er flüchtet mit seinem Mädchen über die Grenze. Aber bis zur letzten Seite des Buches hat weder der politisch Unfreiwillige, noch sein Dichter erkannt oder demonstriert, um was es eigenb- lich geht Ein barbarischer Exzeß der Weltgeschichte. Fertig. Ernsthafter geht der junge Schriftsteller Ernst Erich Noth in seinem Roman »Der Einseigänge r«(Schweizer Spiegel-Verlag) an sein Thema heran. Er schildert die Nöte, die Verzweiflung, die Ausweglosigkeit junger Menschen von heute. Studentisches Milieu, mitten drin der junge Günther. Frühzeitig skeptisch geworden, steht er zwischen den Parteien. Die Roheit der Nazioten stößt ihn ebenso ab, wie die primitive Derb- fäustigkeit der Kommunisten. Revolver und Gummiknüppel sind keine Argpimente. Doch in die Gedankenwelt der kämpfenden Lager dringt auch er nicht ein. Er erkennt die sachliche Arbeit der Sozialdemokratie, aber sie zeigt Ihm zu wenig Willen zur Macht, zur kühnen, radikalen Umwälzung. Menschen In Not nehmen Heber die unberechenbare Unsicherheit des gefährlichen Experiments in Kauf, als die berechenbare Unsicherheit des Herkömmlichen. Ausweglose Jugend pfeift auf Logik und statistische Beweise und verlangt Wagemut. Günther steht zwischen den Extremen; er möchte die Synthese sein, aber die Zeit hat dafür keinen Sinn. So wandert er seinen Weg als Einzelgänger weiter. Wohin? Vielleicht findet er seinen Weg noch, er ist ein Suchender. Aber vorläufig hat auch sein Dichter keine Antwort. Handelte es sich mit diesen ersten beiden um literarisch ernst zu nehmende Bücher, so ist der dritte, gleichfalls im Spiegel-Verlag erschienene Band der Schundliteratur verwandt. Ein italienischer Emigrant namens Rossi schludert darin die Geschichte eines Historie und Legende Büdier über Ganz so, wlo Friedrich Stampfer es unlängst auf diesen Blättern dartat, ist es nun doch nicht: daß nämlich die gesteigerte Vorliebe unserer Gegenwart für Biographien nur eine Begleiteracheiming dee Faschismus sei, eine Vertjeugung vor dem Führerprinzip, ein Rückfall in die überwundene fetiach-gläubige Art der Geschichtsbetrachtung, nach der »große Männer« nach Belieben die Geschichte »machen«. Vielmehr sind Monographien bedeutender Persönlichkeiten mehr als berech- tigt, wenn sie dem Tautropfen gleichen, in dem sich das AU spiegelt, d. h. wenn sie im Ablauf eines Elnaelschicksala ein Stück Entwicklung erkennen lassen. Zudem ist es allemal ein seelische« Labsal, sich von dem neudeutschen Menschenkehricht, den ein historischer Windstoß in die Höhe gewirbelt hat, und der lediglich Ekelgefühle hervorruft. Gestalten der Vergangenheit zuzuwenden, über denen auch im Verfehlen noch ein Abglanz echter Größe Uegt. Das gilt für Lafayet- t e, den sich Andrea« L a t z k o, das gilt nicht minder für M a z z i n 1, den sich Adolf S a a- g e r zum Gegenstand der Darstellung gewählt hat. Beide Werke, des eine bei Rascher& Cie., das andere Im Europa-Verlag, Zürich, erschienen, maJen einen Mann auf dem Hintergrund seiner Zeit— in sauberer, unterhaltender, fesselnder Art, daher entweder ohne Quellennachweis oder doch ohne Fußnoten und Anmerkungen. Es sind Bücher, die sich wie Romane lesen und dabei Einblick In die Geschichte vermitteln sollen. Allerdings huldigen beide etwas zu sehr dem Glauben an den Zufall: Latzko nennt ihn ein wenig geschwollen»den allmächtigen Spielleiter, dessen Laune den Marionet ton tanz unseres Lafayette, Mazzinl und Napoleon Liebesdienst dem in der Entwicklung unter Ihm stehenden Bruder zu leisten. Welch beglückendes Erleben ist es für uns deutsche Menschen, zu erfahren, wie die Führer des deutschen Volkes täglich, stündlich unter der willigen, freudigen Hingabe Ihrer eignen Persönlichkeit dieses Opfer jedem ihrer Volksgenossen bringen und wie durch die Macht dieses leuchtenden Beispiels das Bewußtsein der Bruderschaft des Volkes auch in den Volksgenossen, die erst noch widerstrebend und zögernd abseits standen, erwacht...« Oh. Pg. Erna! Wie bildschön Ist das doch gesagt! Nur— das gerade mit Deinen »höheren Seelen- und Geisteskräften«— das, traun fürwahr, müßtest Du freilich uns zuerst noch klar machen! Nur gepumpt »Mögen auch die kulturschaffenden Menschen nicht vergessen, daß sie alle ihre Autorität im Grunde genommen nur ableiten von der de« Führers, und daß alle Vorräte an Autorität sozusagen ausgeliehen sind von seiner Autorität.« (Göbbels auf der Arbeitstagung des Reichskultursenat« im Kaiserhof, Berlin.) Erdenwallehs lenkt«, und Saagor meint: statt de« unfähigen Generais Ramorino ein Garibaldi an der Spitze des Mazziniachen Putschee von 1834, und das Schicksal Italiens hätte vleiledcht einen anderen Verlauf genommen. Nun mag eine Zelt, da in Deutschland ein»Zufall«— der Osthilfeskandai mit Drum und Dran— eine schon rückläufige Bande politischer Abenteurer ans Ruder brachte, solchem Glauben manche Nahrung zuführen; gleichwohl verbaut er die wahre Einsicht und Erkenntnis. Auch bringt es die chronologische Art der Erzählung mit sich, daß die Probleme Im Leben der beiden Freiheitskämpfer nicht genug vertieft werden; das Lafayet- tes bestand darin, daß ein Sproß des Hochadels, wie nicht wenige seinesgleichen, die Sache des Bürgertums zur eigenen machte, aber die Ansprüche der nachdrängenden Massen nicht zu begreifen vermochte, das M a z- z 1 n i s darin, daß seine Stärke wie seine Schwäche seiner Eigenschaft als ewiger Emigrant entfloß. Hätte die oft zwiespältige Haltung des Vorkämpfers der Italienischen Einheit, dessen geistige Abhängigkeit vom Saint-Simondsmua Otto V o ß 1 e r vor etlichen Jahren in einer Spezialstudle nachwies, zur Arbeiterfrage eine besondere Betrachtung verdient, so fehlt es beiden Monographien auch nicht an mehr oder minder groben sachlichen Irrtümern. Wenn bei Latzko dem Postmeister Drouet bei»einem tollen Ritt, durch den er die Flucht Ludwigs XVI. bei Varennea vereitelt, die»Marseillaise«»unhörbar um die Ohren braust«, ist Geisterspuk im Werke: Rouget de Liale schuf seine unsterbliche Hymne erst im April 1792 und die königlichen Ausreiiier wurden schon im Juni 1791 gestellt! Auch gehört Marat als»Tierarzt des Grafen Artcls« der gegen revolu ti onären Legende an— er war Arzt bei der Edelmanns- kompagnie dieses Bruders des Königs—, und »alter Esel« auftreten, uns ficht adehea subjektive Urteil nicht an. Denn wie gern vernimmt man von Männern, auf deren Stirn die Flamme eines erhabenen Gedankens brannte, wenn man eine Weile nur von Phrasendreschern und Vorstadtkomödianten ä la Hitler und Göring, Streicher und Göbbels gehört hat! Große Ideologen und Idealisten waren La/ayette und Mazzkii und hatten auch dieses gemein, daß sie nur eine kurze Weile In die Geschichte Ihres Landes eingreifen durften, der eine von 1789 bis 1792 und wieder ein wenig um 1830, der andere 1834 und 1848, um für den langen Rest ihres Lebens von der Entwicklung aufs tote Gleis geschoben zu werden. Aber well sie den unverbrüchlichen Glauben hatten, verzagton sie weder im Kerker noch im Exil. Für unsere Generation, die so viel vor der rohen Gewalt gekrümmte Rücken sieht, hat die Festigkeit, mit der beide ihrem demokratischen Ideal, das die eigene Nation wie auch die Menschheit umfaßte, die Treue wahrten, etwas Erhebendes. Mazzini verzehrt sich bis zum letzten Atemaug im Dienst seines Wahlspruchs: »Das Leben ist Mission«, und der greise La- fayett« ist noch derselbe, der die Erklärung der Menschenrechte der Konstituante vorlegte. Wenn Joseph Roth ein ungleich stärkerer Gestalter ist als Latzko oder Saager, ein großer Meister deutschar Prosa, so verlieren wir dafür an seiner Hand ganz den Boden der Wirklichkeit unter den Füßen. Der Napoleon, den sein Roman»Die Hundert Tage«(Allert de Lange, Amsterdam) heraufbeschwört, hat mit dem historischen Rückkehrer von Elba kaum etwa« gemein ale den Namen, die Gestalt und die Uniform. Der wirkliche Napoleon war nach dem Bankerott von Waterloo ein gar nicht bußfertiger Sünder, aber bei Roth fühlt er nach ob man Robespierre als»froschblütigen, dür- dem Zusammenbruch xhe Seligkeit, die der reu Provinzadvokaten« und Mirabeau und Danton als»käufliche Gladiatoren der politischen Arena« abtun kann, steht wieder auf einem anderen Blatt. Ebenso weckt bei Saager der nachlässig mit dem Monokel spielende Karl Marx»im feinen, schwarzen Rock« einen ganz falschen Eindruck, und ein von Bebel und Liebknecht gezeichnetes Schreiben der Sächsischen Volkspartei von 1867, das von»Triest, dieser deutschen Gründung« sprach wie vom»Trentino, das seit Jahrhunderten ein Teil Deutschlands ist«, mit dem entrüsteten Ausruf begleiten:»Das war der deutsche Internationalismus!«, heißt abermals seltsam auf dem Holzwege sein: Bebel und Liebknecht als Führer der Sächsischen Volksparted dachten großdeutsch, nicht international. Aber Lafayette und Mazzini haben genug Persönlichkeitsgehalt, um die Bücher,(He sich mit ihnen befassen, trotz solcher Ausrutscher anziehend au machen. Mochte Napoleon Lafayette als»Trottel« behandeln, und Mazzini im Briefwechsel von Marx und Engels als Verzicht gewäbx-t«, koatet»die erste Ahnung von dem Glück, das die Schwäche bereitet, das die Ergebenheit beschert«, und hält, da ihm der Unsinn der Gewalt aufgeht, innere Einkehr wie ein zerknirschter Held Dostojewskis:»Ich glaube nicht mehr an all das, woran ich immer geglaubt hatte: an die Gewalt, an die Macht und an den Erfolg. Noch kann ich zwar nicht an das andere glauben, an die Macht, die wir nicht kennen. Aber dazwischen stehe Ich eben heute. An die Menschen glaube ich nicht mehr, und an Gott glaube ich noch nicht. Ich fühle Ihn aber schon ich beginne schon ihn zu fühlen.« Historie? Nein, Legende, Mythus, Dichtung— die Figur Napoleon ist ein zufällige« Gefäß, In das Roth seine Botschaft an alle gießt. Aber daß derart ein begnadeter Dichter gerade den großen Machtmenschen In einen Verieugner des Machtwahn« verwandelt, ist nicht auch das ein beredter Widerspruch gegen eine Zeit, in der die brutalste Gewalt dicke Trümpfe auf den Tisch haut? Pierre Ponce. mich gerichteten Aeehtungsbefehle ausstellen ließen, um zu zeigen, wie man einst In Deutschland— ehe S 1 e kamen— die KUn- der der Freiheit und der Ehre verfolgte. Nun haben Sie, mein Führer, das Unterpfand der nationalen Größe dem deutschen Volke zurückerobert: O, wie schreit ihr so laut, Daß das Vaterland In Gefahr ist! Wie patriotisch! Und doch— seid ja nur ihr In Gefahr! Vieles habt ihr studiert, doch eines nur lerntet ihr gründlich: Systematisch das Volk machen zum zahlenden Knecht,., Und lassen Sie, mein Führer, wenn ich noch eine Bitte aussprechen darf, nachdem ich nun von Ihnen nach langer Degradierung in den parteiamtlich genehmigten Dichterhimmel versetzt worden bin, auf der mir gewidmeten Woche in Fallersleben die folgenden Verse im Sprechchor erschallen und im Einvernehmen mit Herrn Göbbels durch den Rundfunk verbreiten: Von allen Wünschen in der Welt Nur einer mir an jetzt gefällt, Nur: Knüppel aus dem Sack! Und gäbe Gott mir Wunsches Macht, Ich dächte mir bei Tag und Nacht Nur: Knüppel aus dem Sack! Ich gäbe drum, Ich weiß nicht was, Und schlüge drein ohn' Unterlaß Frisch: Knüppel aus dem Sack Aufs Lumpenpack! Aufs Hundepack! Womit die Ehre hat, sich mit einem leidenschaftlichen»Heil Hitler!« In steter Treue und r r kbarkelt zu empfehlen Heinrich Hoffmann von Fallersleben. Affen Die»Frankfurter Zeltung« scherzt; »Berlin hat sich, in alter Pflege, auch diesmal wieder bandfest In den April geschickt, unter den Normaluhren sab man diesmal mehr als sonst solche, die gründlich versetzt worden waren, und die Zeltungen wollten ihren Lesern summa sum- marmn Affen aufbinden, weshalb sie wohl keinen einzigen losgeworden sein werden, wie etwa auch nicht jenen Affen, der In der Mitteilung einhergesprungen kam, daß statt der Sieges säule auf dem Königplatz eine neue Friedens säule errichtet werden solle, das»höchste Bauwerk der Erde«, das ein»Beispiel gigantischen Auf- bauwillcns« gebe.« Friedensaffen ziehen nur im Ausland. Wie Erna das Drille Ucidi sieht Volksgemeinschaft dnreh GymnastHt. In der letzten Nummer der»Theosophl- achen Kultur«— und das ist eine relchs- deutsche»Monatsschrift zur Entwicklung der höheren Seelen- und Geisteskräfte«— schreibt Pg. Erna Pusch: »Jeder Mensch streckt eine Hand nach oben, dem älteren Bruder, zu, um mit seiner Hilfe auf eine höhere Stufe der Entwicklung gehoben zu werden, und die andere Hand nach unten, um den gleichen jungen italienischen Intellektuellen herunter, der nacheinander durch die faschistische, die liberale, die sozialdemokratische und die kommunistische Bewegung läuft, um schließlich, an allem irre geworden, das Heil In der eigenen Seele zu suchen. Ein oberflächliches Pamphlet, das in Dialog, Milieuschilderung und Oesinnung gleich minderwertig, unecht und innerlich unwahrhaftig ist. Man könnte es damit ad acta legen und höchstens noch der Verwunderung Ausdruck geben, daß ein solches Machwerk im gleichen Verlag erscheinen konnte. In dem die»Moorsoldaten« herauskamen. Aber gerade dieser Autor ist typisch für die peinlichste Sorte Intellektueller, die es gibt: dar arrogante, mit allen Problemen rasch fertige Dilettant. Er treibt«ich im faschistischen Lager herum, aber nicht dessen zusammengeborgte, verlogene Gedankenwelt stößt Ihn ab, sondern die barbarischen Methoden. Dieser»Geistige« hospitiert bei allen Parteien, sieht immer sich Im Mittelpunkte und ist immer bereit, mit fliegenden Fahnen in ein anderes Lager Uberzugehen. Ein paar »Bonzen« gefallen ihm nicht, ein paar Arbeiter erscheinen ihm rüd oder primitiv Und schon läßt er Sache und Idee im Stich. Sein Autor redet geschwollen von seiner Seele, well er keine hat. Mit den Frauen hält er es wie mit den Fahnen: er geht rasch von einer zur andern über. Immer ist seine unsichtbare Seele nicht genügend beachtet worden. Das quasselt von beseelter Liebe und huldigt der primitivsten; recht viel und von der gewöhnlichsten Sorte, wie es bei Wedekind heißt. Das Ist Jener hochnäsige Typus Intellektueller, der nie und nirgends und in keinem Fach standhaft sein wird, well er sich; nie wirklich einer Sache ergeben kann. Daß Rossl davon nichts weiß und nichts erfühlt und daß Phlllsterium seines kleinen Ich für etwas Auserwähltes hält, vollendet das peinliche Bild dieses nicht unbekannten Typs. Es fällt schwer, Rossls Machwerk neben die beiden anderen, literarisch annehmbaren Bücher zu rücken, aber alle drei zeigen einige gemeinsame Züge, zeigen unfreiwillig die Hilflosigkeit und Schwäche des Indifferenten Intellektuellen. Tiefere soziologische Einsicht fehlt allen diesen Wanderern Ins Nichts, den ehrlichen Suchern wie den Zuschauenden, den Ringenden wie den arroganten Dilettanten. Sie alle führen gehobene Gespräche, die Autoren lassen Ihre jungen Menschen sprechen wie Privatdozenten der Philosophie, sie reden mitunter geradezu langwellig druckreif, aber das Wissen um die Hintergründe des Geschehens ist denkbar schwach. Mehr noch als durch Enttäuschungen wird durch dieses Manko die resignierte Abkehr von der Politik erklärt. Schließlich bleibt ihnen nur noch die Hoffnung auf das»rettende Weib«, der Traum so vieler Innerlich Schwächlichen. Einen Schritt welter, und dieser ausweglose, halbpolitische Snobismus landet in der Religion des schrankenlosen»Sichauslebens«. Wie noch alle polltischen Erdbeben, so zeltigte auch die mißglückte russische Revolution von 1905 In den Reihen der russischen Intelligenz eine solche Welle. Ihren sensationellsten literarischen Ausdruck fand sie in Artzlbascbews Roman»S s a n l n«, dessen Helden und Heldinnen anderen den Kampf überlassen und die Erfüllung ihres Daseins lediglich in schrankenloser Sexualität suchen.] j Dem krampfigen Rausche folgt der Katzenjammer, da« Nichts, die völlige Leere, der Selbstmord. Ein typischer Verlauf. Nicht jeder ist zum politischen Menschen geboren, nicht jedem sind die Voraussetzungen für soziales Kämpfertum gegeben. Man kann trotzdem ein hochachtbarer Zeltgenosse sein. Aber wer in diesen Zelten den passiven Zuschauer spielt und sich für keine Front zu entscheiden vermag, soll daraus keine höhere Tugend machen und den Indifferentismus nicht zur tieferen Lebensweisheit umfälschen. B. Brandy. Jugenderziehung Die sogenannten NS-Kulturgemeinden führen der Hitlerjugend einen Freikorpafüm vor; er nennt sich»Um das Menschenrecht« und wird in der Nazipresse also empfohlen: »Wohl selten ist ein Film eo wie dieeer geeignet, der Jugend die traurigen Zeiten der Novemberrevolte von 1918 vor Augen- zu führen. Die Zelt der Räterepublik; Erschießung der Geißeln, die feige Diktatur landes- und rassefremder Elemente wurde uns wieder gegenwärtig, ebenso das Sehnen der Frontsoldaten nach dem wahren Sozialusmus, wie Ihn der Nationalsozialismus heute verkörpert. Der Film möge aber unsere Jugend daran erinnern: Traurige Zustände würden heute in Deutschland herrschen, wenn nicht der Nationalsozialismus die Herrschaft übernommen hätte.« Von der ganzen Umsturzzelt 19X8/1919 wissen sie nichts an Greueln zu berichten als die Erschießung der MUnchener Geißeln. Der Hitlerjugend muß direkt auffallen, wie we- n i g Blut die Novemberumwälzung kostete— wenn man von den Greueln der nachmals braunen Freikorpsbanditen absieht. Wann aber wird endlich»die Nacht der langen Mes-J aer« verfilmt? Wann rollt der 30. Juni über die Leinwand? Wann werden die»Moorsoldaten« und andere KZ-Berichte gedreht?! Kullurarbeil: In der Nazipresse fabelt Stabschef Lutze über die bekannten Kulturkräfte der SA; »Nirgendwo aber Ist das Erlebnis des Kampfes und Gemeinschaft lebendiger als In der SA des Führer«. Und es Ist darum kein Wunder, daß gerade aus Ihren Reihen eine überraschend große Zahl von jungen Kräften hervorgegangen Ist, die neue Wege künstlerischen Schaffens gingen und so zu Bahnbrechern wurden für ein kulturelles Werden, das, ebensoweit entfernt von blutleerem Aesthetizismus wie von tendenziöser Banalität, den Charakter unserer Zelt zu prägen beginnt.« Warum hat man diese gewaltigen Werke bisher der Oeffentlichkeit vorenthalten? Die weiß nur, daß es nie eine Gemeinschaft gegeben hat, aus der soviel gehässige Anekdoten gegen die eigenen Führer hervorgingen. Diese Schöpfungen sind sogar derart bahnbrechend, daß die Weiterverbreitung mit Kerker bestraft wird. Sdion um? Wir empfingen einen Brief aus Norddeutschland, in dem es heißt: »Bei uns führen jetzt SA und SS mit Vorliebe ein Reklamestück auf»Kampf um Deutschland«. Wo immer sie»freiwillige« Zuhörer zusammentrommeln können, wird das Schauerdrama losgelassen. Auch ein Sprecbchor gehört dazu;»Erwache, mein Volk, aus tausendjäh rigemWahne«. Die Leute flüstern einander zu:»Schon um, die tausend Jahre? Wie die Zeit vergeht!« Die arbeitende Jusend im Dienst des Hllilorismus »Deutsdie Jugend geh' aufs Land!" Der deutsdhe Faschismus, der augenhllok- 11 ch über ein grenzenloses Elend des Volkes, Uber Wirfcschiafts- und Arbeitsnot, über geistige Oede und dumpfe Verzweiflung der Massen durch einen mit den verwerflichsten Mitteln hochgepeitsobten Chauviniamus und Hurrapatriotismus hinwegzukommen sucht, setzt seine Hoffnung auf die Jugend. In einer Sonderkorrespondenz»Arbeit und Jugend« ergießt adch zur Zeit eine Flut von Unwahrheiten und Geschlchtsfäischiungen über die heranwachsende Generation. Die Serie dieser Lügensammlung beginnt mit den Worten: »Die junge Generation, die beute in Deutschland heranwächst, stellt jenen Teil des deutschen Volkes dar, der zwar den Krieg nicht im Bewußtsein miterlebt hat, der aber trotzdem unter seinen fürchterlichen Auswirkungen zu leiden hat.« Es wird den Jugendlichen berichtet, daß sie bis zum Einzug Hitlers nur»als notwendiges Uebel« betrachtet worden wären. »Man kümmerte sich in keiner Welse um ihre sozialen Belange, man war nicht bemüht, der Jugend eine geordnete Berufsauobildung zu verschaffen, kurz man überließ sie ihrem Schicksal.« So wird das erste Bedürfnis jeder Jugendpflege, das Bekenntnis zur Wahrheit mit Füßen getreten, die größte Unsittlichkeit die Lüge an die Spitze der Nazi- Jugendarbeit gestellt. Jene stolze Arbeiterjugend, die bis zum Gewaltstreich Hitlers mit heißem Herzen und brennendem Auge in eine freiere Zukunft Deutschlands strebte, muß totgeschwiegen werden, um das Jungvolk des Dritten Reiches wieder kriegsredf machen zu können. Die große staatliche Jugendfürsorge, die sozialistische und gewerkschaftliche Jugenderziehungsarbeit, Sport, Wanderung und Kulturarbeit werden aus der deutschen Geschichte elimininort, die Jugend war vor Hitlers glorreicher Regierungszeit»ihrem Schicksal überlassen.« In»Jugend und Arbeit« weiß man nicht mehr, daß die Berufsschule entwickelt worden war und daß ein großes Gesetzgebungswerk, das Berufsausbildungsgesetz, nur deshalb nicht verabschiedet werden konnte, weil sozialreaktionäre und muckerische Kreise durch die Hitlerpartei einen unerwarteten Machtzuwachs erfahren hatten. Die Nazi-Schwätzer von heute wissen nichts vom Reichsausschuß der deutschen Jugendverbände, der in Gemeinschaft mit den sozialistischen Kräften einen erfolgreichen Kampf für Freizeit, Jugendarbeitsschutz, Urlaub, Freies Wochenende, Arbeitszeitverkürzung, J ugenderholungaf Ursorge und Jene Jugendherbergen geführt hatte, die kein anderer als Adolf Hitler der wandernden arbeitenden Jugend wieder geraubt hat. Es war allerdings eine verantwortungsfreudige Arbeiterjugend, die der Faschismus nicht brauchen konnte, weil sie sich weder das Leben abschnüren noch die Zukunft versperren lassen wollte. Sollen wir den Jugendbefreier Hitler daran erinnern, daß die Sozialdemokratie um soziale Einzelfragen, wie z. B. Gewährung der Arbeitslosenunterstützung an die Jugendlichen jahrelang« erbitterte Kämpfe im Redchspariament geführt hat, während die Nazis jede Parlamentsarbeit systematisch sabotierten. »Arbeit und Jugend« schreibt vom»Abstand zwischen dem sozialen Elend der Jugend im Weimarer Zwischenreich« und dem heutigen Glück der arbeitenden Jugend. Was besagen die Nachrichten von den angeblich sozialen Arbeit in den Betrieben für Verkürzung der Arbeitszelt, des Schutzes der jugendlichen Arbeitskräfte gegen Ausnutzung, vom neuen Lehrvertrag, vom erhöhten Unfallschutz usw., wenn man die erschütternden Berichte der Gewerbeaufsioht liest, über die im NV Nr. 136 und Nr. 147 berichtet worden ist. Der»Achtstundentag« wird bis zu 12' stündiger Arbeitszeit übertreten, die Lehr- UngszUohterei hat alle Grenzen durchbrochen, weil die Unternehmer, wie die Nazis selbst zugeben mußten, geglaubt haben, daß sie mit dem»Sieg der nationalen Revolution« auch aller sozialpolitischen Bindungen bar und ledig geworden seien. Das sog. Jugendamt der Arbeitsfront feiert die Erfolge in der Neugestaltung des sozialen Frauenschutzes und der Kinderarbeit. Eis wird die neue Erkenntnis gerühmt,»daß nur gesunde Jungen und Mädel einen leistungsfähigen Nachwuchs für Staat und Volk bilden können.« In der Praxis aber stellen die Gewerbeaufsichtsbeamten fest, daß Dreizehnjährige zehn Stunden In Fabriken, Kinder entgegen den Verboten In Steinbrüchen, bei Transportarbeitern und Maurer beschäftigt werden. In der Urlaubsfrage begnügt man sich bescheiden mit den»Empfehlungen« der Treuhänder, die auf dem Papier der Nazi-Propaganda stehen. In einem besonderen Artikel befaßt sich die Deutsche Arbeits-Korrespondenz mit der Unterbringung der Jugendlichen, die in den Osterwochen neu in das Berufsleben eintreten werden. Da es mit dem»Arbeitseinsatz« nicht recht klappen will und das neue Gesetz über Arbeitsvermittlung, Berufsberatung pnd Lehrstellenvermittlung als Mobilmachungsplan zweckdienlich, für die Arbeitsbeschaffung aber untauglich ist, so gibts nur noch eine Rettung: »Deutsche Jugendgeh' aufs Land.« Die Städte sind»übervölkert«, der Nährstand ist die»Grundlage« des Staates«, auf dem Lainde bestehen noch»Aufstiegsmöglichkeiten« und»gerade der intelligente junge Mensch wird auf dem Lande heute besondere Entwickluugsmäglichkelten finden«, so und ähnlich lauten die Nazi-Rezepte, nachdem man vorher den Systemparteien von einst vorgeworfen hat, die Jugend ihrem Schicksal überlassen zu haben. Jetzt wird zugegeben. daß dank der famosen Arbeitseinsatzpolitik (Arbeitsvermittlung ist unmodern geworden) die Stadt jugendli oben keine Lehr- und Aus- bildungiastel 1 en finden können, »well die Zahl der zur Verfügung stehenden AusMldungisplätze der Zahl der Schulentlassenen nioht entspricht.« Die Abschiebung der Jugendlichen in die Zwangsarbeit der»Landhilfe« gilt selbstverständlich vor allem für die»schaffenden Mädels«, deren»körperliche und seelische Gesunderhaltung« im nationalsozialistischen Staat»unter einem ganz besonderen neuen Gesichtswinkel« gesehen wird. In einer anderen Korrespondenz»Volka- gesundhedtc wird freilich festgestellt, daß die Gesunderhaltung der arbeitenden kommenden Generation auf dem Lande zu wünschen übrig läßt. Die Sterblichkeit an Tuberkulose und Krebs hat bedenkliche Ausmaße angenommen. In Nordwestdeutschland(Hannover, Westfalen), im Rheinland zeigen die Landbezirke die höchste Tuiberkülosensterblichkeit. »Beispielswedae zeigt in Ostfriedland das flache Land 3% mehr Schwindsüchtige als die Städte. Besonders beachtentswert ist Pommern... In Stralsund kamen auf 10.000 Lebende 9,96 Todesfälle an Tuberkulose.« Der Bezirk steht hinter Berlin und Oppeln an dritter Stelle, an Sterblichkeit infolge Krebs sogar an erster Stelle. Bei der Untersuchung, wieso das Land, der»Hüter des Blutstroms« diese trüben Ergebnisse aufzuweisen hat, werden ziemlich fadenscheinige Gründe zusammengesucht, nur die traurigen Arbeitsverhältnisse in der Großlandwirtschaft bleiben dabei unerwähnt. Die Arbeitsfront schließt ihren begeisterten Aufruf: »Mancher Jugendliche kommt gestählt fürs Leben zurück... mancher hat den Wert und die Schönheit des Landlebens kennen gelernt und will nie mehr zurück In die Enge der Großstadt... den Weg zum Lande weist euch das Arbeltsamt.« Für das werdende neue Jugendarbeiterrecht erinnert»Arbeit und Jugend« an die Uranfänge eines solchen Rechts, die gerade »in einer Zeit der wiedergewonnenen Wehr- freiheit« interess'eren müßten. Zu Beginn des vorigen Jahrhunderts mußten nämlich anläßlich der Aufstellung des Rekrutennach- wuohses die preußischen Stellen eines Tages feststellen, »daß in den westlichen Teilen Preußens der notwendige Nachwuchs nicht mehr gestellt werden konnte, weü die Beschäftigung der Jugendlichen in den Fabriken so schwere gesundheitliche Schäden bei diesen hervorgerufen hatte, daß sie für den Heeresdienst untauglich waren.« Mit diesem historischen Hinweis wird der sog.»Leistungswille« der Hitlerjugend nicht unzutreffend oharakterialert. Der bescheidene Jugendscbutz, dessen sich die Nazis rühmen. entbehrt aller Voraussetzungen, wie sie zur beruflichen Ertüchtigung notwendig wären, er reicht aber gerade aus, um den militärtauglichen Rekrutennachwuohs sicher zu stellen. Ueberdies sind die jugendlichen Arbeitssoldaten in Stadt und Land lediglich ein Bestandteil der allgemeinen Wehrpflicht. Das werdende»Jugendarbeitsrecht« ist schon ein Stück Kriegsrecht. So klafft allerdings eine tiefe Kluft zwischen der Jugendarbeit im republikanisohen Deutschland und dem remilitarisierten Ju- genddrill von Potsdam unter Adolf Hitler. Aber gerade die arbeitende Jugend wird den Weg aus der notvollen Nacht der faschistischen Gegenwart zu Licht und Freiheit, zu Lebensraum und Lebensrecht wiederfinden. Kriegszensur im Dritten Reich »Durdh Unfall verstarb plötglidi Am 2. April erschien in der»Preußischen Zeitung«, Königsberg, diese Todesanzeige: »Am 1. April 1936 entriß uns der Tod 5 Kameradinnen auf dem Wege zum Dienstantritt in das Lager Tawe(folgen die Namen der Mädchen). Wir werden Eurer, die ihr freiwillig zu uns kamt, immer gedenken. Reichsarbeitsdienst Die FUhrerin des Bezirks I Ostpreußen des Frauen- Arbeitsdienstea: Gerda Walendy. Gleichzeitig gaben die Eltern des einen Mädchens den Tod ihrer Tochter»Im Dienst am Vaterland« bekannt. Wir sahen die vorhergehende und die nächsten Nummern der»Preußischen Zeltung« aufmerksam durch, wir fanden Meldungen Uber gestürzte Pferde, über die Verhaftung von Tlerquälem, über die Verlegung des Prus- sia-Museums— aber der Unfall, den die fünf Mädchen erlitten hatten, wurde mit keinem Wort erwähnt. Endlich am 4. April erschien eine klein gedruckte Notiz des Inhalts: »Die Namen der fünf Toten bei dem Schiffszusamraenstoß auf der Strecke Marlenbruch— Tawe sind...<(folgen Namen und Adressen.) Kein Wort darüber, was nun eigent- H c h geschah, ob es sich— wie so oft— um ein Außerachtlassen von Vorsichtsmaßnahmen handelte oder um ein unabwendbares UnheU, Die braune Presse im Reich nahm von dem ganzen Geschehen Uberhaupt keine Kenntnis. Nun ist ein Unfall, der fünf Junge Men achenleben kostet, wirklich keine Privatangelegenheit der betroffenen Eltern, In der ungewöhnlichen Schweigsamkeit liegt Methode. Der geschilderte Fall ist zwar besonders kraß, steht Jedoch keineswegs einzig da. Täglich finden sich in der deutschen Presse Todesanzeigen wie diese, täglich geben Eltern den plötzlichen Unfallstod eines jungen Sohnes bekannt, ohne daß die örtliche Unfallchronik den Leser darüber unterrichtete, was geschah. Bei den 16jährigen fängt das an— Hitlerjungen, SA-Männer, Arbeitsdienstler,. Flieger und Flugschüler sind es, die»im Dienst fürs Vaterland« ihr Leben lassen und auf deren Tod man nur durch die Rubrik»Familiennachrichten« aufmerksam wird. Wir erinnern uns einer Zelt, da die Zeltungen ähnlich verschwiegen waren, einer Zelt, da gelegentlich ganze Fabriken oder Arsenale in die Luft flogen, ohne daß die Presse darüber Meldung erstatten durfte. Es waren die Jahre 1914— 1018. Und eine Art Kriegszensur ist es auch Jetzt, die den deutschen Blättern immer wieder Schweigen auferlegt. Im Dritten Reich ist der Vorkriegszustand verhängt, die Bevölkerung darf nicht»beunruhigt« werden, darf nicht erfahren, wie viele Opfer der Krieg, der noch nicht einmal begonnen hat, schon heute fordert, wie viele Junge Menschen durch verirrte Geschoß e, durch Epidemien in den Massenquartle- r e n, durch Explosionen, durch unglaublich leichtsinnige Beförderung zu den Dienststellen ums Leben kommen. Das braune Gewaltregime spielt so verantwortungslos mit Menschenleben, daß nur die Vertuschung der Tatsachen den Schuldigen eine Empörungswelle ersparen kann.— Wenn einst die Verlustlisten des deutschen Vorkriegs veröffentlicht werden, wird die ganze Welt vor den grauenhaften Ziffern erschauem. Kinder auf Bestellung Anfang 1934 wurden in Berlin die sogenannten Ehrenpatenschaften eingeführt, die ein kanl ncherthaf tes Ansteigen der Geburtenziffer hervorrufen sollten. Der Erfolg des ersten Jahres ist nunmehr überprüft worden, er war mehr als kläglich. Insgesamt waren im Haushaltsplan 2000 Ehrenpatenschaften vorgesehen. Aus ganz Berlin gingen nur 2002 Anträge ein, 1264 davon waren bis zum 1. April 1935 fertig bearbeitet, und nur in 311 Fällen konnten tatsächlich Ehrenpatenschaft ein verliehen werden. 411 Anträge wurden wegen bereits bestehender Schwangerschaft abgelehnt, denn die Bastim mi mgen fordern, daß die Eltern den Antrag auf eine Ehrenpatenschaft für ihr noch nicht vorhandenes Kind vor Eintritt der Schwangerschaft stellen. Nachher ist es schließlich keine Kunst mehr. Darüber hinaus sollen die künftigen Väter und Mütter, ehe sie ihre löbliche Absicht verwirklichen, auch noch den Beweis der»biologischen Hoohwertigkeit« erbringen. Die Bevölkerung reagierte auf diese widerliche Groteske denkbar erbgesund— nämlich so gut wir gamicht, und als der Gauamtsleiter für die Kommunalpolitik Groß- Berlins, gleichzeitiger Bürgermeister von Berlin-Steglitz, Herbert Treff, sich die Statistik und den Schaden besah, empfahl er schweren Herzens eine Reform. Die Berliner Zeitungen berichten: »Treff empfiehlt,(Je Bestimmung, daß der Antrag vor der Schwangerschaft gestellt werden muß, entweder ganz oder teilweise fallen zu lassen. Dadurch dürfte zweifellos eine erheblich höhere Zahl von Ehrenpatenschaften zur Verleihung kommen. Die Scheu, sich zu offenbaren, sei unzweifelhaft mit ein Grund für die geringe Zahl von Anträgen. Auch die zweite zwingende Bestimmung, daß die Eltern biologisch hochwertig sein müssen, dürfte, wenigstens zur Zeit, noch nicht am Platze sein. Der Hauptgrund für die Einführung der Ehrenpatenschaften sei(He Wiederbevölkerung Berlins, und erst in zweiter Linie kam die Aufartung In Frage Wenn man eine starke Vermehrung der Geburtenzahl wolle, dann dürfe der Kress der In Frage kommenden Elternpaare nicht zu klein bemessen sein. Auf die biologische Hoohwertigkeit wird zugunsten der Krlegaverwendiungsfähigkeit verzichtet. Weniger Arbeit— Mehr Polizei! »Immer wieder wenden sich Volksgenoasen an führende Männer der Bewegung und an höhere Parteidienartstellen mit der dringenden Bitte, Ihnen doch einen Arbeitsplatz zu beschaffen. Auch zur Gau- waltung der DAF. In Eissen kommen und schreiben täglich lObisßOMenschen, die bisher noch nicht in den Arbeitsprozeß eingegliedert worden sind. Es ist gewiß ein außerordentlich erfreuliches Zeichen, wenn der DAF. ein derart großes Vertrauen entgegengebracht wird. Aber leider Ist die DAF., so gern sie allen noch arbeitslosen Volksgenoasen helfen würde, auf Grund einer gesetzlichen Verfügung aus dem vergangenen Jahre nicht In der Lage, aktiv in eine Arbeitsvermittlung einzugreifen.« (Kölnische Volkazeltung, S. 4. 1936.) »Nach§ 20 des Gesetzes zur Oranung der nationalen Arbeit Ist der Unternehmer eines Betriebes verpflichtet, wenn er größere Entlassungen vornehmen will, dem Treuhänder der Arbelt schriftlich Anzeige zu erstatten. Ich muß Immer wieder feststellen, daß diese Bestimmung In den Betrieben nicht bekannt ist.« (Mitteilung des Treuhänders der Arbeit In Westfalen vom 3. 4. 1936.) »Die Auasichten für die Offizierslaufbahn der Schutzpolizei sind zur Zeit als günstig zu bezeichnen.« (Aus einer Bekanntgabe des Reichsinnenministers, wiedergegeben in der Preußischen Zeitung vom 31. 3. 1936.) ItecUarmorte (SMiaUemDfraHfcI)*« VDochenblaH Herausgeber: Ernst Sattler; verantwortlicher Redakteur: Wenzel Horn; Druck:»G r a p h 1 a«; alle in Karlsbad. Zeitungstarif bew. m. P. D. ZI. 159.334/Vn-1933. Prlnted in Czechoslovakia. Der»Neue Vorwärts« kostet Im Elinzel- verkauf Innerhalb der CSR Kö 1.40(für ein Quartal bei freier Zustellung KC 18.—). Preis der Eänzelnummer im Ausland Kö 2.—(KC 24.— für das Quartal) oder deren Gegenwert In der Landeswährung(die Bezugspreise für das Quartal stehen In Klammern): Argentinien Pes. 0.30(3.60), Belgien Belga 0.48(5.90). Bulgarien Lew 8.—(96.—). Danzig Guld 045 (5.40), Deutschland Mk. 0.25(3.—). Estland E Kr. 0.22(2.64), Finnland Fmk. 4.—(48.—), Frankreich Frs. 1.50(18.—), Großbritannien d 4.—(Sh. 4.—), Holland Gld. 0.15(1.80) Italien Lir. 1.10(13.20). Jugoslawien Dln. 4.50 (54.—), Lettland Lat. 0.30(3.60), Litauen Llt. 0.55(6.(50). Luxemburg B. Frs. 2.45(29 50), Norwegen Kr. 0.36(4.20). Oesterreich Sch. 0.40(4.80). Palästina P. Pf. 0.020(0.216), Polen Zloty 0.50(6.—). Portugal Else. 2.— (24.—). Rumänien Lei 10.—(120.—), Schweden Kr. 0.35(4.20), Schweiz Frs. 0.30(3.60), Spanien Pes. 0.70(8.40). 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