Verlag; Karlsbad, Haus„Graphia*— Preise und Bezugsbedingungen siehe Beiblatt letzte Seite 1 1 1 Das Niiitar diktiert den Etat Oöring über Schacht— Vorherrschaft der Kriegswirtschaft Ibctl der RonflskatiMi zweite Auflage. Nr.«> SOPHWAC, Mal WN Aue dem Inbah; 'Ferrorjustiz Der Kampf der iMegeden SPD Das Ghetto Europas Pohttk der Kriminellen der Umsatzsteuer Tür Agrarprodukte, Erhöhung der Vermögenssteuer etc. und wehrten sich gegen eine große Vermögensabgabe, die von den»radikaleren« Elementen verlangt wurde. Aber sie sind gescheitert, und obwohl bereits der erste Monat des neuen Etats abgelaufen ist, ist die Diktatur vor der Verhängung neuer Steuern nicht zurückgeschreckt. Schacht änderte seine Taktik um so eher, als selbst ihm klar sein mußte, daß auch noch so einschneidende Steuererhöhungen, selbst wenn sie wirtschaftlich und sozial überhaupt noch erträglich wären, sinnlos bleiben müssen, so lange die tolle Ausgabenwirtschaft so weiter geht Im»Deutschen Volkswirt« ließ er verkünden, die Ausgaben müßten eingeschränkt werden. Das Reich habe, hieß es in dem Artikel, das heilige Recht, alles das, was zusätzlich gegenüber 1932 an Steuern und Abgaben im weitesten Sinne eingenommen werde, zu sich herüberzu- zweigen. Es könne aber nicht zusehen, wie die LÄnder, die Gemeinden, die Kirchen und eine Unzahl von Or g.a n i s a- t i o n e n und Verbänden das Individualeinkommen sogar noch durch Beitragserhöhungen etc. schwächen und dadurch den kollektiven Erstgeburtsansprüchen in den Rücken fallen. Das Reich allein könne die Vordringlichkeit der Rüstung gegenüber anderen Wünschen, sei es kultureller oder sonstiger Art, abwägen. Deshalb forderte Schacht eine Reichszentralstelle, sei es der Reichsfinanzminister oder einReichs- ausgabenkommissar. In jedem Falle müßte diese zentrale Stelle mit u m- fassendsten Vollmachten ausgerüstet werden, Der Reichsausgabenkommissar sollte natürlich Schacht sein. Statt dessen erfuhr er— darin stimmen die Meldungen der best unterrichte tsten Auslandszeitungen überein— in seinem Urlaub in Badenweiler, daß ihm die Verfügung über die Rohstoffe und Devisen entzogen sei. Statt der erwarteten Machterweiterung wurde Göring über ihn gesetzt und ihm der we- TerrorjusäLz gegen Volks willen Die wahre Stimmung In Deutschland— Massenprozesse gegen die illegale Sozialdemokratie— Der Wahlsehwindel wird Lügen gestraft Am 27. April erschien folgende amt- Bche Mitteüung: »Da bei der Bearbeitung der die Rohstoffe und Devisen betreffenden Fragen zahlreiche staatliche und parteiliche Stellen zusammenwirken müssen, hat der Führer und Reichskanzler den Preußischen Ministerpräsidenten mit der Führung und Anordnung aller erforderlichen Maßnahmen beauftragt. Ministerpräsident Generaloberst Göring kann hierzu alle staatlichen und parteilichen Stellen anhören und anweisen. Er kann sich von den zuständigen Reichsministem unterstützen und nötigenfalls vertreten lassen.« Bisher hatte Schacht die unumschränkte Verfügung über die Rohstoff- und Devisenzuteilung. Erst dies machte ihn, den Wirtschaftsminister und Reichsbankpräsidenten, zum unumschränkten Wirtschaftsdiktator. Jetzt geht die entscheidende Machtposition auf Göring über. Die Wirtschafsdiktatur wird jetzt von ihm, nicht mehr von Schacht auageübt. Das ist der unbestreitbare Tatbestand. Die gleichgeschaltete Presse darf außer der nackten Mitteilung kein Wort über das seit Juni 1034 wichtigste Ereignis in der inneren deutschen Politik bringen, trotz der großen Aufregung, die in allen Wirt- achaftskr eisen entstanden ist und sich auch zunächst in einem Kursrückgang der deutschen Aktien manifestiert hat. Um so lebhafter hat die außerdeutsche Presse reagiert, zum TeU sichtbar irregeführt durch Berliner Informationen, die sich bemühen, die Bedeutung des Wechsels in der obersten Wirtschaftsführung zu vernebeln. Wir haben hier seit Beginn der Schacht- poHtik zweierlei vertreten: einmal, daß sie unvermögend sei, die wachsenden Schwierigkeiten, die sich aus der uferlosen Ausgaben politik ergeben, zu lösen; zweitens, daß sie immer neue Spannungen zwischen dieser Politik und nationalsozialistischer Parteiachichten hervorrufen werde, ganz unabhängig von den subjektiven Absichten und Motiven Schachts und seiner Gegner. Elf« wirkliches Urteil über die Unterordnung Schachts unter Göring läßt sich nur gewinnen, wenn wir die objektiven Schwierigkeiten und die daraus sich ergebenden Spannungen betrachten, die zu dieser Personalveränderung geführt haben. Diese Spannungen sind jetzt am stärksten auf dem Gebiete der Finanzpolitik und der Rohstoffversorgung. Die Finanzfragen Die Reichssteuereinnahmen sind infolge der inflationistischen Wirtschaftsbelebung, der Erhöhimg der Steuern und der schärferen Steuereintreibung nicht unbeträchtlich von 6,65 Milliarden RM 1932 auf 8,22 in 1934 gestiegen. Das am 31. März beendete Etatjahr 1935/36 soll rund 9,5 Milliarden RM erbracht haben. Die gesamte Steuerbelastung hat unter Hitler beträchtlich zugenommen. Die Erträge sind während der letzten vier Jahre um rund 45 Prozent gestiegen, während sich das Einkommen aus Lohn und Gehalt, wenigstens nach den amtlichen Angaben, um etwa 2- Prozent gehoben hat. Aber alle Etatsjahre haben mit einem b e tr ä c h tl i ch en D e- fizit geschlossen, und obwohl die Ausgaben verschwiegen werden, so schätzt man in Berliner Wirtschaftskreisen den Fehlbetrag des letzten Budgets auch diesmal wieder auf über 1 Milliarde RM. Seit Monaten ging nun der Kampf Schachts und Krosigks auf Deckung wenigstens des Defizits im ordentlichen Haushalt Sie verlangten eine Erhöhung Am 21. April hat in Dortmund ein Massenprozeß gegen 54 sozialdemokratische freigewerkschaftliche Funktionäre aus Remscheid, Solingen und Lüdenscheid begonnen. Der Hauptangeklagte ist E r- win Welke, früherer Kreisleiter der Schufo. Alle Angeklagten sind frühere bekannte Vertrauensleute der Arbeiterbewegung. Welke erschien mit dem Arm in der Binde vor dem Gericht, da man ihm den Arm gebrochen hat Alle übrigen Angeklagten sind wie er im Mordkeller in der Steinwache in Dortmund mißhandelt worden. Ueber den Prozeß selbst und die Urteile berichtet die gleichgeschaltete Presse: »Der Strafsenat des Oberlandeagerichts Hamm verurteilte nach neuntägiger Verhandlung eine Anzahl von Angeklagten wegen Vorbereitung eines hochverräterischen Unternehmens und Beihilfe dazu rn Zuchthausstrafen von anderthalb Ns fünf Jahren und Gefängnisstrafen von acht Monaten bis zn eüiem Jahr neun Monaten. Die Straftaten waren durch Unterstützung der Illegalen SPD begangen. Da es sich hier um das erste Verfahren gegen Angeklagte handelte, die sich der Unterstützung der illgealen SPD schuldig gemacht hatten, mußte, wie in der Urteilsbegründung ausgeführt wird, die Frage geprüft werden, ob die illegale SPD als hochverräterische Partei oder Organisation zu gelten habe. Der Senat hat diese Frage bejaht. Der hochverräterische Charakter der SPD gehe deutlich aus zwei programmatischen Erklärungen hervor, die In der In Prag erscheinenden Zeitung»D e r Neue Vorwärts« im Jahre 1934 zum Abdruck gekommen seien. Die Illegale SPD sei danach nicht nnr eine hochverräterische geistige Bewegung, sondern auch eine hochver- räterlsche Organisation, deren Unterstützung objektiv betrachtet die Vorbereitung eines hochverräterischen Unternehmens darstelle. Es sei dabei gleichgültig, welche Form und welchen Umfang diese Unterstützung gehabt habe. Bs genüge dabei die Propaganda von Mund zu Mund und die Verbreitung der Gedanken der SPD, weiterhin Beitragszahlungen oder sonstige geldliche Zuwendungen. Bei den zur Verhandlung stehenden Fällen bilde die Verbreitung von Flugschriften eine besondere Rolle. Entgeltliche oder unentgeltliche Entgegennahme und Weitergabe derartiger Flugblätter sei als Unterstützung der hochverräterischen SPD zu bewerten. Es sei daher immer wieder vor dem Umgang mit Illegalen Druckschriften zu warnen. Wer derartige Druckschriften verteile oder annehme, setze sich der Gefahr der Anklage wegen Vorbereitung eines hochverräterischen Unternehmens und entsprechender Bestrafung aus. Auch das Unterlassen der Ablieferung solcher Flugschriften und das Unterlassen einer Anzeige bei Kenntnis Ihrer Verbreitung stehe unter Strafdrohung. Die im vorliegenden Falle verteilten Flugschriften seien Ihrem Inhalt nach und wegen der Aufforderung zu Gewalttätigkeiten nach Auffassung de« Gerichts fast schlimmer als kommunistische Schriften gewesen.« Das System, das angeblich das deutsche Volk hundertprozentig hinter sich hat, fürchtet sich vor den Gedanken der Sozialdemokratie! Es bedroht den sozialdemokratischen Gedanken an sich mit Zuchthausstrafen, wenn er auch nur im vertrauten Gespräch geäußert wird. Das ist eine Bankrotterklärung des Propagandaachwindeis in Deutschland. Jene Optimisten und Ignoranten, die im Ausland erzählen, daß der Terror gelockert sei und man in Deutschland frei leben könne, mögen dies Urteil zur Kenntnis nehmen. Dieser Massenprozeß ist nicht der einzige, Während in Wuppertal noch der Massenprozeß gegen mehr als 6 0 0 Gewerkschafter durchgeführt wird, wurde bereits in Essen unter Ausschluß der Oeffentlichkeit gegen 300 Antifaschisten verhandelt In Vorbereitung ist die Anklage gegen 400 Sozialdemokraten, die im Zusammenhang mit der Brotfabrik»Germania« im Gebiet von Duisburg bis München-Gladbach verhaftet .wurden., sentliche Teil seiner diktatorischen Befuc nisse genommen. Damit ist sogleich seine Stellung als Reichsbenkpräsident zu der eines ausführenden Organe des Devisen- und Rohstoffkommissars Göring herabgemindert Die Rohstoff sorgen Das andere Spannungsmoment bildet die Rohstofflage. Die Einfuhr von Rohstoffen ist heute ausschließlich abhängig von der Höhe der Ausfuhr. Der Aualandsabsatz der Industrie, also nicht der Agrarproduktion, sondern der industriell erzeugten Rohstoffe, Halbfabrikate und Fertigwaren betrug laut Konjunkturinstitut 1935 nur 4,1 Milliarden RM(1934: 4,0), während er 1932 noch 5,4 Milliarden und 1929 gar 12,4 Milliarden RM betragen hatte. 1935 wurden nur 11,5 Prozent der Industrieproduktion exportiert, 1932 waren es 24,9 Prozent und 1931 sogar 29,4 Prozent. Dabei betrug 1935 der Wert der Industrieausfuhr nur 33 Prozent des Wertes der Ausfuhr von 1929, dagegen die In Hamburg laufen seit Monaten Massenprozesse. Ein Prozeß gegen 2 7 0 Angeklagte ans Elmshorn and Umgebung und ein Prozeß gegen 5 40 Angeklagte ans Harburg werden in Teilabschnitten dnrehgeftthrt. Seit Januar erfolgen in Essen Massenverurteilungen unter strengstem Auaschluß der Oeffentlichkeit. Die Gerichte tagen im Gefängnis, damit durch den Transport der Angeklagten Aufsehen vermieden wird. Selbst die Angehörigen erhalten keine Mitteilung. In deutschen Zeitungen wurde nur das Urteü gegen sechs Angeklagte veröffentlicht. Es lautet auf Zuchthausstrafen von sechs bis fünfzehn Jahren. Die Angeklagten haben sich in allen Prozessen sehr tapfer benommen. Ein Angeklagter wurde in einem anderen Prozeß als Zeuge vernommen. Auf die Frage des Vorsitzenden erfolgte die Antwort: »Ja, ich kenne viele von den Genossen. kenne aber auch keinen. Ich bin durch die Folterkammer der Gestapo gegangen und habe geschwiegen, und Ich werde auch jetzt schweigen. In ein paar Tagen wird vielleicht mein Kopf rollen, dann werde Ich ewig schweigen.« Die Angeklagten nahmen die hohen Zuchthausurteile gelassen hin, was den Senatspräsidenten zu der Bemerkung veranlaß te: »Komisch— alle stecken die Zuchthausstrafen ein, wie ich mir eine Zigarette In den Mund stecke!« • Im März 1935 sind in Zeitz hundert« Männer und Frauen verhaftet und grausam mißhandelt worden. Viele mußten später aus der Haft entlassen werden. 140 stehen jetzt unter der Anklage. Der Prozeß wird in zehn getrennten Abschnitten durchgeführt. Der erste Teilprozeß gegen 14 Angeklagte fand am 16., 17. und 18. April in Magdeburg statt. Dreizehn von den Angeklagten erhielten Zuchthausstrafen zwischen drei und elf Jahren, einer wurde freigesprochen. Alle Verfolgung jedoch vermag die illegale Sozialdemokratie nicht zu brechen. Der sozialdemokratische Gedanke lebt, er ist nicht zu erschüttern! Menge der Ausfuhr noch rund 60 Frozen das heißt aber, daß die durchschnittlich erzielten Preise beinahe auf die Hälfte gefallen sind. Dieser Prozeß setzt sich weiter fort. Der Wert in den ersten zwei Monaten ist zwar um 27,7 Prozent größer als in der Vorjahrszeit, aber die Menge mußte um 32,9 Prozent gesteigert werden. Deutscher Ausverkauf! Dieser Ausfuhrumf ang genügt nicht zur Deckung des deutschen Rohstoffbedarfs. Deshalb sind die deutschen Rohstoffvorräte erheblich gesunken. Man schätzt die Lagerverminderung im Jahre 1935 auf etwa 400 Millionen Reichsmark. Das gilt besonders für Metalle, Textilien, Häute usw. und führt nicht selten zu umfangreichen Fabrikationsstockungen. Dieser fehlende Import muß über kurz oder lang nachgeholt werden, wenn die Produktion nicht gedrosselt werden soll. Ferner sind zirka 500 Millionen RM Warenschulden neu entstanden, die trotz aller An- stre.gungen bisher nicht gedeckt worden sind. Wurden sie in England oder Holland zurückbezahlt, so entstanden n'ue in Polen, Rumänien, Jugoslawien, Ungarn oder Südamerika. die zu immer neuen Repressionsmaßnahmen und zu immer neuen Störungen führen. Schon daraus ergibt sich, daß die Einfuhr 1935 um mindestens 1 Mil- llarrle RM zu gering gewesen ist, ganz abgesehen von der ungenügenden Futtermittel- und Lebensmittelzufuhr. Daher der Versuch, den Export um jeden Preis zu steigern, indem den deutschen Exporteuren beträchtliche Zuschüsse gezahlt wurden, zuerst auf dem Umweg der Verwendung von Sperrmark oder Rückkauf von Bonds aus dem Ausland, seit Juni 1935 durch direkte Subventionen aus einem von Schacht gebildeten Dumpingfond». Nach der bisherigen Regelung sollte rund 1 Milliarde RM aufgebracht werden, davon rund 700 Millionen RM durch die Industrie und knapp 300 Millionen durch den Handel und die Banken. In Wirklichkeit hat die Industrie nur 600 Millionen aufgebracht, und auch Handel und Banken sind hinter dem Soll zurückgeblieben. Schacht will nicht nur diese Regelung, die zunächst bloß für ein Jahr gelten sollte, beibehalten, sondern er will die Milliarde erreichen, indem er die Landwirtschaft mit einem Betrag von rund 200 Millionen heranziehen will. Gegen diesen Plan haben sich starke Widerstände erhoben. Die Industrie sträubt sich aus Leibeskräften, und vor einer Belastung der Bauern schreckt das Regime erst recht zurück. Aber Export muß sein, will man anders die Einfuhr von Lebensmitteln und Rüstungsrohstoff en aufrechterhalten. Um der direkten Belastung zu entgehen, treten deshalb sehr erhebliche Teile der Industrie, besonders der Exportinduatrie, und der Landwirtschaft für die Abwertung der Mark ein. Die Löhne und die Zinsen würden dann in entwerteter Papiermark gezahlt und auf Kosten der Arbeiter und Sparer die Exportprämien für die Ausfuhr erzielt werden. Aus Furcht vor der Wirkung der neuen Belastungen treten erhebliche Teile der nationalistischen Partei, für die das »Schwarze Korps« das Sprachrohr darstellt, gleichfalls für die Abwertung ein, was den angeblichen»Radikalismus« dieser Kreise wohl genügend kennzeichnet. Eine am 30. April schon unter Vorsitz Görings tagende Wirtschaf takommiaRion, der»amtliche für Wirtschaftsfragen zuständige Minister angehören, kam zu keiner Entscheidung. Schacht, der bisherige Diktator, konnte seinen WUlen, wenigsten» zunächst, nicht durchsetzen. Mehr als die Hälfte der anwesenden 35 Industriellen sprach sich für die Devalvation, gegen die Exportabgabe aus. Schließlich hat Hitler noch einmal die Exportabgabe befohlen. Schacht ist zur Zeit gegen die Abwertung, die er wohl auch für später als unvermeidlich ansielit, die er aber für die von ihm erwartete Zelt der Normalisierung— darin ist der Mann Utopist— reservieren will. Er möchte deshalb am liebsten neue Stea- ern, jedenfalls Aufrechtcrhaltung der bisherigen und vor allem der Milliarde Exportabgabe, und da das nicht ausreicht, Senkung der Ausgaben. Aber die Etats der Gemeinden und der Kirchen sind ja auf Kosten vor allem der sozialen, kulturellen und Wohnungsaufgaben ohnehin auf das Aeußerste beschnitten. Bleiben die Ausgaben für die»Organisationen«. Gewiß sind sowohl die politischen als auch die wirtschaftlichen nationalsozialistiflchen Organisationen ein ungeheuer kostspieliger Saustall. Aber glaubt jemand im Ernst, daß die Nationalsozialisten sich von Yolksfroni und Fasdiismus Der Faschismus hat in Europa eine Niederlage erlitten und in Afrika einen blutigen Sieg davongetragen. Der überwältigende Wahlsieg der französischen Volksfront, der der gesamten Linken eine parlamentarische Majorität gibt, die außer allem Zweifel ist, zeigt, daß Frankreich noch das Land der Freiheit ist. Die reaktionären Kräfte, die zur Zeit der Dreyfuß- affäre um die Macht rangen, sind auch heute wieder geschlagen worden. Eine kompakte Volksmehrheit hat sich gegen die Reaktion erhoben. Die Schläger- und Mörderbanden der französischen Faschisten sind vom Volke verurteilt worden, und eine der dringendsten Aufgaben der kommenden Linksregierung in Frankreich wird darin bestehen müssen, diese verbrecherischen Organisationen zu zerschlagen und gegen sie die ganze ungebrochene Strenge der Staatsautorität und der Strafjustiz einzusetzen. Außenpolitisch wird die kommende Linksregierung in Frankreich vor einer schwierigen Aufgabe stehen. Der italienische Angreifer hat sich in Abessinien seine Beute geholt. Er hat die ihm vom Völkerbund gegebene Pause benutzt, um mit Gewalt das primitive abes- sinische Staatsgefüge zu zerbrechen. Er erklärt dem Völkerbund ins Gesicht, daß Abessinien italienisch sei und bleiben werde, daß ein römischer Friede den Krieg beenden werde. Die Annektion Abessiniens ist durch Mussolini de facto vollzogen. Der Sieg des Angreifers ist die politische und moralische Niederlage des Völkerbundes, und sowohl Mussolini als auch Hitler werden daraus die Konsequenzen ziehen. Sie rufen heute schon nach Revision des Völkerbundes in ihrem Sinne. Ein Völkerbund, dem Mussolini und Hitler gleichzeitig angehören, dem die Zähne des Artikels 16, d. h. des Sanktionsartikels gezogen sind, hört auf, ein Instrument des Friedens, des Rechts und der internationalen Moral zu sein. Wenn in den nächsten Tagen die unterbrochenen diplomatischen Gespräche in Europa wieder beginnen werden, wird der faschistische Sieg in Afrika unheilvoll auf sie zurückwirken. Hier steht die kommende Regierung der Linken in Frankreich vor einer ungeheuren Aufgabe. Schacht an die Grundlage ihrer Macht rühren lassen werden? Die Antwort war eben die Bestellung Görings zum Wirtschaftsdiktator. Unlösbare Fragen Aber selbst wenn Schacht sich durchsetzte, wenn er ein oder einige Dutzende Millionen an den»Organisationen« ersparte, was wäre schon damit erreicht? Und damit kommen wir zu der wirklich entscheidenden Frage. Die fortschreitende Zerrüttung der Finanzen ist nicht eine Folge der Ausgaben der Gemeinden, Kirchen und nicht einmal der Organisationen. Sie ist entstanden durch die Milliardenausgabe für die Rüstung. Und gegenüber den 10— 15 Mil- üarden jährlich, die diese jetzt kosten, spielt die Ersparnis von wenigen Dutzenden Millionen einfach keine Rolle. Dabei ist einerseits keineswegs mehr mit dem bisherigen Ausmaß der Einnahmesteigerung zu rechnen. Andererseits läßt sich das Rüstungstempo gerade jetzt nicht verlangsamen. Denn die auswärtige Politik Hitlers läßt ihm gar nicht die Wahl. Er muß alles daran setzen, um in zwei oder drei Jahren»fertig« zu werden. Fertig werden mit den Festungen, fertig werden mit der Motorisierung, der Luftflotte und der schweren Artillerie. Und dieses Fertigwerden hat in Wirklichkeit kein Ende, da ja jetzt auch die anderen »fertig« machen müssen. Nicht Verlangsamung, sondern Stelgerung der Rüstungsausgaben ist die Parole und daran kann auch Schacht nichts ändern, selbst wenn er wollte, denn darauf steht KZ. Daß aber an die Rüstungsausgaben nicht gerührt werde, dafür ist Generaloberst Gö- ring als Diktator eingesetzt. Damit ist zugleich gesagt, daß es weder nach der Methode Schacht, noch nach einer anderen eine wirkliche Lösung der Finanz- fragc geben kann. Es bleibt bei der Wechselreiterei, bei der Fortdauer und Beschleunigung der Inflation. Ebenso unlöe|bar ist die Exportfrage. Durch Prämien, die dem Ausland geschenkt werden, durch immer billigeren Ausverkauf mag der Export, wenn ihn das Ausland nicht durch Zölle oder Kontingentierungen verwehrt, vielleicht etwas gesteigert werden. Ob die Prämien dabei durch direkte Steuer, Industrieabgabe, oder indirekte Abwertung aufgebracht werden, ist für die Ausfuhrgeetaltung nicht das Entscheidende. Wir haben gesehen, daß der Fehlbedarf Milliardenhöhe erreicht, während die durchschnittliche Ausfuhrprämüerung von 20— 25 Prozent, die sich für die Fertigwaren noch erheblich steigert, im Jahre 1935 gerade 100 Millionen erreicht hat. Auch hier gibt es keine Lösung, auch hier kann weder Schacht, noch können seine Gegner das Zaubermittel entdecken, wie eine Volkswirtschaft, in der man die Gestehungskosten ständig verteuert, deren Erzeugung man von der Schaffung produktiver und deshalb ausfuhrfähiger Güter auf die Produktion Rohstoff verzehrender, aber nicht gegen Rohstoffe austauschbarer Kanonen, Tanks usw. umgestellt hat, die notwendige Einfuhr sichern kann. Ob also Schacht oder seine Gegner sich schließlich durchsetzen, ist eine für die Volkswirtschaft sekundäre Frage. Der Wirtschaftsruin setzt' sich fort. Aber Göring wird darüber wachen, daß die Bedürfnisse der Kriegswirtschaft rücksichtslos auf Kosten aller anderen Interessen durchgesetzt werden. Seine Ernennung bedeutet die völlige Absolutierung der Vorherrschaft der Kriegswirtschaft, das Hinwegsetzen über alle Hemmungen, der letzten Reste wirtschaftlicher Vernunft. Fertigwerden um jeden Preis, Bereitsein für den Krieg— das ist Generaloberst Göring als Wirtschaftsdiktator. Anders steht es um die sozialen Wirkungen. Die Abwertung der Mark bedeutet natürlich noch vermehrten Lohndruck, neues Anziehen der Preise, rasche Zunahme der sozialen Spannungen. Aber warum die merkwürdigen Meldungen aus Berlin, daß sich nichts geändert hat, daß Schacht und Göring die besten Kameraden, daß Göring nur als Schützer Schachts sein Gebieter geworden ist? Schacht ist der einzige Mann, der trotz allem in gewissen internationalen Finanzkreisen ein gewisses Ansehen genießt. Namentlich der schrecklich überschätzte Gouverneur der Bank von England ist sein Freund geblieben und Herr Montague Norman wird nicht müde, die Märchen, die Schacht ihm aufgebunden hat, nicht nur in der London City, sondern auch in amerikanischen Finanzkreisen zu verbreiten. Schacht, das sei das letzte Bollwerk gegen den Naüonalbol- schewismus, der einzige Mann, der wieder Ordnung schaffen und den Zusammenbruch verhüten könne. Ihn müsse man deshalb gegen die»Radikalen« schützen. Reiche Früchte hat dies Märchen Hitler- deutschlands bei den Stillhalteverhandlungen und anderen Gelegenheiten getragen und noch mehr zu erreichen, hat Schacht gehofft. Die Ernennung Görings hat gerade in England Erregung und Befürchtung ausgelöst. Deshalb die Berliner Stimmungsmache, Göring sei nur zum Schutze Schachts gekommen. Möge das glauben, wer an den aufrichtigen Friedenswillen Hitlers glaubt. Wir aber sehen in der Erhöhung Görings nur die totale Indienststellung der deutschen Wirtschaft für die Vorbereitung des totalen Krieges. Dr. Richard Kern. Redeverbot für Prof. Krebs Nach einer Meldung der katholischen Emi- grantenprease ist gegen den Freiburger Theologen Prälaten Krebs ein Redeverbot erlassen worden. Krebs hat seit dem Anbruch des Dritten Reiches eine vollkommen reservierte Haltung eingenommen. In früheren Zeiten allerdings stellte er sich durchaus positiv zur Republik. Als die Regierung Hennann Müller im Herbert 1928 einen Sammelband herausgab»Zehn Jahre Deutsche Republik« veröffentlichte Prof. Krebs dort eine vielbeachtete Abhandlung, in der er u. a, schrieb: »Wie ein neuer Frühling ist es über die befreite Kirche Deutschlands gekommen. Ein Wachsen und Treiben und Leben erfüllt sie, wie es bei der furchtbaren Nach- kriegsnot kaum zu erhoffen war.« Krebs hat bestimmt nicht den Zustand, in dem sich die Kirche jetzt befindet, mit dem von damals verglichen— hätte er das getan, so säße er längst im Konzentrationslager. Aber kann man einen Mann, der solche Sätze geschrieben hat. reden lassen? Kein Wunder, daß man es ihm verboten hat! »Wir Deutschen...« In einem Vortrag vor der Deutschen Weltwirtschaftlichen Gesellschaft sagte der Gouverneur i. R. Dr. Schnee, der zur Zeit nationalsozialistischer Reichstagsabgeordneter ist, u. a.: »Wir Deutschon sind der Meinung, daß es tür unser übervölkertes rohstoffarmes Land keine heilsame Zufcunftsentwlcklung gibt, wenn wir nicht unseren eigenen Kolonialbesitz erhalten. Wir glauben auch, daß keine Handlung mehr geeignet ist, das gute Einvernehmen und die friedliche Zusammenarbeit der Völker zu sichern, als die Rückgabe der deutschen Kolonien... Es läßt sich nicht bezweifeln, daß die jetzt unter fremder Marulatsver- waltung stehenden dentschen Kolonien beträchtliche Teile des deutschen kolonialen Rohstoffbedarfs erzeugen können... Die Rückgabe der Mandatsgebiete an Deutschland würde lediglich eine Wiederherstellung des früheren Zustande« sein, der ohne Einverständnis der Eingeborenen geändert wurde, und er würde sicher auf deren freudige Zustimmung stoßen... Wir Deutschen zweifeln nicht daran, daß wir die Gleichberechtigung auf kolonialem Gebiete erlangen werden. Bis dieser Tag kommt, wollen wir weiter daran arbeiten, Verständnis dafür zu erwecken, daß zu den Notwendigkeiten deutschen wirtschaftlichen Gedeihens auch eine Rohstoffbasis in eigenem Kolonialbesitz gehört.« Wir Deutschen? Es darf im Aualand nicht verschwiegen bleilben, daß Millionen Deutsche mit dieser Forderung nach einem Kolonialreich nichts zu tun haben wollen. Daß sie es ablehnen, um seiner Verwirklichung willen das Volk in eine neue Katastrophe hineinzutreiben. Aber die Deutschen werden heute um ihr Einverständnis ebenso wenig gefragt wie seinerzeit die Eingeborenen in den Kolonien. Nadi dem lOOprozenligen Wahlsieg Der SS-Oberabschnitt Nordost hielt am 25. und 26. April in Köngiabeng eine Führer- t a g u n g ab... SS-Gruppenführer R e d i e ß hielt den SS-Fiihrem eine kurze Ansprache. »Wir haben gesehen, daß das Volk in überwältigender Einmütigkeit hinter dem Führer steht. Dies Treuebekenntnis eines Volke« zum Führer hat doch an der großen Aufgabe nichts geändert, die der Schutz- staffel gestellt ist.« (»Preußische Zeitung«) »Der Leiter des Preußischen Geheimen Staatspoilzeiamtes, SS-Gruppenführer Richard Heydrich, macht in einem Leitaufsatz eingehende Ausführungen über die Bekämpfung der Staatsfeinde. Er betont einleitend, daß gerade nach dem hervorragenden Wahlausgang die alten großen Gegner jetzt ihre Anstrengungen verdoppeln und verdreifachen werden, um das Werk des Führers doch noch nach Möglichkeit zu zerstören oder wenigstens zu hemmen.«(NSK) »Noch leben wir in einer Zeit, über der die Schatten der Vergangenheit hegen. Noch befinden sich unter uns Millionen von Volksgenossen, die irgendwie erfüllt sind von Vorstellungen, die sie aus dieser Vergangenheit in die Gegenwart mit übernommen haben.« (Aus der Mairade Adolf Hitlers an die Jugend.) Heroische Haushalissehule Die»Kölnische Zeitung«(Nr. 208) berichtet: »Schlleßkotbe, Koffer und Kisten waren die Vorboten der aus allen Teilen Deutschlands eintreffenden Teilnehmerinnen für den ersten Lehrgang der Hauahaltungsschüle des BDM-Obergaues 11 Mittelrhein in Köln. Am 22. April standen Mädel aus Ostpreußen, Kurhessen. Holstein, Thüringen um die Fahne der Obergauschule auf der Innern Kanalatraße geschart, um den Einklang eines ernsten Lemjahres auf der Hausöial- tungsschule des BDM zu feiern. »Es ist nicht nötig, daß ich lebe, Wohl aber, daß ich meine Pflicht tue.« Diesen Spruch gab die Obergauführerln den Schülerinnen mit auf den Weg.« Die Obergauführerin hat zwclfelloe«in« sehr heldenhafte Auffassung des Kochlöffels. Die Frage ist nur, wofür das Kochen nötig Ist, wenn nicht zum loben? Potttik der Kriminellen Zum Amnestieigesetac vom 23. April 1936. Im Aprfl 1933 wurden mit acb&nfatea Worten von autoritativster Steile»ESnzelaktiorianc Im Dritten Reich untersagt. Strengste gerioht- Uohe Strafe wurde angedroht, wer die»Dis- ziplin der nationalsozialistiBchan Revolution« verletz an und gesetzwidrige Handlungen begehen würde. Seither haben die>ELnzelaktio- nen« niemals aufgehört, es wurde weiter gemordet, gefoltert, erpreßt, unterschlagen, gestohlen, bestochen, betrogen, alles zu Ehren der»erwachenden Nation« und des»Durchbruchs zur Freiheit«. Wie ging das vor sich? Alle Straftaten bis zum 21. März 1933 waren durch das Gesetz vom gleichen Tage für straffrei erklärt worden. Die Mörder von Po- tempa wurden ebenso in Freiheit gesetzt, wie alle übrigen Totschläger, Meineidige usw., die im»Kampfe für-die nationale Erhebung des deutschen Volkes« mit dem Gesetz in Konflikt geraten waren, obwohl einst die Gesetzmäßigkeit dieses Kampfes feierlich beschworen worden war. Im Jahre 1933 wagte natürlich kein Staatsanwalt, eine Anklage gegen einen Nazi au eri Aen, der eine»Einzclaktion« durchgeführt hatte. Das wäre ja Hochverrat, war Bestätigung von»GreuellUgen« gewesen. Keinem Staatsgegner, keinem Juden ist ja damals ein Haar gekrümmt worden. Der Staatsanwalt ist den Weisungen seiner vorgesetzten Dienst stellen unterworfen, klagt er nicht an, so kann kaln Richter urteilen. So konnte die »Einzelaktion«, die Privatrache, das Mittel zur ungeahnten Bereicherung, aber auch die von oben befohlene illegale Propaganda ungestört ihren Fortgang nehmen. Das ging bis zum Juli 1934. Die Zerset- zurgserscheimingen innerhalb der Nazis machten dieser Idylle ein Ende, denn bald konnte nicht mehr übersehen werden, woher derartige Binzelaktionen kamen und wohin sie führten. Die generelle Amnestie durch die Verwaltungspraxis mußte durch eine gesetzliche Amnestie ersetzt werden. So kam das Gesetz vom 3. Juli 193 4, das die Führer für che Einzelaktionen des 30. Juni amnestierte, es kam die Amnestie vom 7. August 19 3 4 für die weniger prominenten Nazis. Diese Amnestie bestätigte das Vorhandensein von»Einzelaktionen«. Sie bedeutete eine AWkehr von dem Versuch, der Welt einzureden, das Gangstersystem bestehe nicht. Man voEzog eine" Schwenkung' von 180 Grad; Ein- zetektionen kämen schon vor, sie seien aber verboten und die Täter würden unnachsicht- Bch zur Rechenschaft gezogen. Unaufdringlich. vorsichtig dosiert las man in der Presse von derartigen Strafverfahren. Harte Strafen waren verkündet und viele leichtgläubige Beobachter des Dritten Reiches glaubten an den Ordnungastaait, glaubten an die Varadoherung, daß Recht und Gesetz herrsche. Diese Propa- gandaprozesse häuften sich, ihre Opfer, die Angefldagton and Verurteilten, wurden aber «MSdg Diese Unruhe führte nunmehr zu eteau neuen, dem vierten Amneotiegeseta im Dritten Reiche, das, kurz nach dem Geburtstage des Führers, am 23. April 1936 verkündet warde, Dieses Geseta verwendet zum zweiten Mal die offizielle Formel für»Einzelaktionen«, es atnd nämlich»Fälle«, in denen sich der Täter durch Ueberelfer im Kampf für den national- aoedalistlschen Gedanken hat UnreiQen lassen.« Dieser Ueberelfer muß also auch zwischen dem 2. August 1934 und dem 20. April 1936 za vielen Straftaten geführt haben. Nur wertvoEe Nazis werden dieses Straferlasses teilhaftig, nicht etwa jene,»(bei denen die Art der Ausführung oder die Beweggründe eine gemeine Gesinnung erkennen lassen.« Auf die Höbe der verwirkten Strafe kommt es gar nicht an, auagenommen End lediglich vorsätzliche Tötungen. Man muß wiederholen; nur idealistische, Ubereifrige Nazis, die Im Kampf für den natlonalsoeiallstiscban Gedanken eine Straftat begangen haben, werden amnestiert, nur dürfen diese Edeänaturen in diesem edlen Kampfe keinen Menschen vorsätzlich getötet haben. Da das Gesetz diesen Fall ausschließt, steht fest, daß derartige vorsätzliche Tötungen auch noch in den Jahren 1934 bis 1936 stattgefunden haben, sonst hätte man diese Ausnahme nicht erwähnt. Welch klares, unbestreitbares Dementi des bekannten Wortes: »Auf unserem Wege Hegt nicht ein einzelner Toter der Gegner.« Weshalb konnten Mörder von der Amnestie ausgeschlossen bleiben? Derartige Taten lassen sich übersehen, mögen sie tausende oder zehntausende Male im Jahre vorkommen. Zu deren Erledigung genügt der Apparat der Ahklagobehörde, der derartige Fälle ohne Anklage erledigen kann, da nach der Gnadenordnung vom 6. Februar 1935 Straftaten jeder Art vor Einleitung des Strafverfahrens medeigeschlagen werden können. Für Einzelfälle die Niederschlagung des Verfahrens, im übrigen aber von Zeit zu Zeit Deuisdie Strelflidiier Herr Colin Roß Aach er, der jetzt weitbekannte Reiae- schriftsteOer, war beileibe nicht immer faschistischer Nationalist. Seine Bekehrung datiert, wie«He so vieler, von Hitlers Ernennung zum Reichskanzler. Vorher gab es von ihm nur einmal einen sehr kurzfristigen Versuch zur politischen Laufbahn. Der Hauptmann Colin Roß betätigte sich als S o I d a- t e n r a t einige Wochen— oder warerf es gar nur Tage?— im Vollzugsrat d.*r »Novemberverbreche rc. Sefti revolutionärer Ehrgeiz machte allerdings nur schlechte Erfahrungen. Man setzte ihn und einige andere Intriganten an die Luft. Nicht etwa wegen faschistischer Umtriebe, die damals niemand, am wenigsten der Soldatenrat Colin Roß ahnte. Er war der internationalsten, demokratischsten und pazifistischsten einer. Nichts war ihm radikal und nichts antimilitaristiscH genug. Sein Revo- lutionsedfer wurde höchstens noch durch seine Korruptionsverdächtigung der Genossen und Kameraden im Vollzugsrat überboten. Dann wurde er Reiseschriftsteller und philosophischer Essayist. Ohne daß vorher seine Entwicklung zu Hitler erkennbar geworden wäre, stand er auf einmal in dessen Diensten als eine Art kleinerer Ribbentrop. Seit einem reklamemäßig aufgemachten Besuche bei dem»Führer« benutzt er seine ausländischen Beziehungen, um draußen das berühmte Verständnis für Hitler und seine Taten zu wecken. Insbesondere konservative und religiöse Kreise, in England Quäker, nimmt er sich aufs Korn, und Hitler erscheint dann in seinen Schilderungen als der verkannte Gottcsmann und Menschenfreund. Zwischendurch schreibt er an die nationalsozialistische Presse politische Reisebriefe, die so sind, daß er die Amnestie für seine roten Novemberverbrechen reichlich verdient. Da ist zum Beispiel seine Beurteilung der inneren Politik Englands. Lockend hält er den deutschen Nazis das ersehnte Wunschbild einer baldigen Faschisierung Englands vor; »Ein erheblicher Teil der scheinbar so friedlichen und harmlosen Abgeordneten der Arbeiterpartei karm sich von heute auf morgen als Kommunisten entpuppen, und bereits bei den nächsten Wahlen mögen die Schwarzhemden fH" vT5 U lg unerwarteter Stärke in das Parlament einmarschieren.« Allerdings scheint das in Colin Roßscher Geschichtsbetrachtung keinen großen Umschwung zu bedeuten, denn die deutschen Pg. erfahren von Ihm;»Der britische Premierminister hat beispielsweise fast die gleiche autoritäre Machtfülle wie Hitler oder könnte sie wenigstens haben, wenn er seine Vollmachten auszuüben wagte. Dabei ist seine demokratische Grundlage wesentlich schmäler.« Eigentlich ist also Hitler die Verkörperung der Demokratie im Vergleich zu dem ängstlicheren englischen Premier. Die Kleinigkeit, daß der britische»Kollege« Hitlers mit den Gegengewichten der Krone, der Häuser der Lords und der Gemeinen und einer in jeder Beziehung freien öffentlichen Meinung zu regieren hat, die Winzigkeit, daß er jederzeit parlamentarisch gestürzt werden kann, interessiert unseren radikalen Soldatenrat von ehemals weiter nicht. Der politische Redsende Hlt- eine Anaoestie. das sind die Garanten uational- soria/Hsttsctoen Gangstertums: Straffreiheit für Jede Untat. Jeder Strafprozeß gegen-einen Nazi ist lediglich eine Propagandaaktion, ein Versuch, die bestehende Gesetzes- und Reohts- anarchie zu tarnen. Tarnungszwecken dient auch der weitere Inhalt des Amnestiegesetzes vom 2 3. April 19 3 6. Da werden zunächst politieohe Nörgler und Schwätzer amnestiert, soweit die Strafe nicht mehr als sechs Monate Gcfängms beträgt. Für die Praxis hat diese Amnestie so gut wie keine Bedeutung, weil die Strafen für derartige Vergehen meist sechs Monate bei weitem überschreiten. Endlich werden alle Strafen amnestiert, die bis zur Höhe eines Monats ergangen sind. Die Sinnlosigkeit der Vollstredkung kurzer Strafen führt Im»Wohlfahrtsstaat« zur Begnadigung nach Prüfung des Einzelfalls. Im Dritten Reich wird daraus ein Geburtstagagesdhehk. In den Gefängnissen sitzen dreimal soviel Häftlinge wie 1932. Der Platzmangel dürfte der wichtigste Anlaß für diesen Teil der Amnestie gewesen sein. Nach dem Wortlaut des Gesetzes wurde diese Amnestie aus»krkninalpolitischen Erwägungen« erlassen. Hier scheint eine Ideenassoziation im Unterbewußtsein mitgespielt zu halben. Die Begriffe Kriminalität und Politik haben Im Dritten Reich au ganz neuartigen Verknüpfungen geführt. len erzählt seinen Nazis noch mancherlei. so zum Beispiel, daß es in England viel Elend und im Dritten Reich kein« mehr gibt und daß es den englischien ArbeitaloBem schlecht geht aber ohne daß ein Vergleich zwischen englischer und deutscher Erwerbslosenrente gewagt wird. Ueber vieles plaudert Herr Colin Roß. Nur über eins schweigt er sich in allen Aufsätzen gründlich aus: Was ihm nämlich die Engländer, mit denen er spricht über die inneren Zustände des Dritten Reiches und über ihre Auffassung von seinen Führern gesagt haben. Das zu erfahren, wäre aber gewiß für Colin Roß' deutsche Leser besonders interessant Wo der Schwindel versagt Von der»Frankfurter Zeitung« bis zum letzten Nazi-Lokalblatt hat man am 1. Mai die Deutschen zur totalen Freude ermuntert Wörtlich:»Mensch, seien Sie doch vergnügt!« Trotz des Befehlstone« acheint es nicht überall geholfen zu haben. Im Berliner Lustgarten war die Stimmung jedenfalls mau, kühler als das Wetter. Göbbels und Hitler prunkten sehr damit, daß hier zu Hunderttaju- senden die BerHner Arbeiter aufmarschiert seien. Wenn dem so war, so haben diese Arbeiter, kritisch wie sie immer waren, nirgendwo an einer der dazu bestimmten Stellen der Führerrede ihrer Zustimmung zu den oratorisch hoch gerühmten dreijährigen Erfolgen auch nur mit einem Mindestmaß von Begeisterung Ausdruck gegeben. Nur Gleichberechtigung und Frieden fanden lauten Widerhall. Das sind aber für die Arbeiter vor- hitlerische Parolen. Im übrigen haben die regierenden Hochstapler unsere Erwartungen voll erfüllt. Keiner hat auch nur«n Wort zu der im vorigen Jahre durch den Ley feierlich verkündeten Zusage gesprochen, daß an diesem 1. Mai die Ergebnisse tiefsinniger Forschungen Uber den gerechten Lohn dem deutschen Arbeiter vorgelegt werden würden. Nichts mehr von Lohn überhaupt! Wer daran erinnert, ist ein Staatsfeind und Materialist. Nur Ley selbst hat sich in Gestalt eine« Rittergutes von 300.000 Reichsmark eine Abschlagszahlung auf seinen gerechten Lohn geleistet. Für die 30 Millionen Menschen hinter ihm— so bezifferte Ley die Mitgliedermasse seiner»größten OrganlaaOoo aller Zeiten«— hat der Leiter des Amtes Soziale Selbstverwaltung In der Deutschen Arbeitefront, Dr. Hupfauor, einige Tage vor der Malfeier das Thema»Erhöhung des Lebensstandards« laut einem Bericht des Deutschen Nachrichtenbüros wie folgt beantwortet: »Die gesamte Leistung des deutschen Menschen müsse zur Erhaltung der Lebenskraft und des Lebensraumee des Volkes dienen. Dem einzelnen Menschen müsse als Lohn ein Anteil werden an dem Gesamt! eben des Volkes, an allen Mühen und Segnungen. Eins Erhöhung de« Lebensstandards liege darin, den Waohstumswiilen de« Volkes dadurch anzuregen, daß man Ihm art gemäße Wege weise.« Ueber die Lohnfrage wurde nur noch berichtet, daß der Betriebswalter König vom Elsen- und Stahlwerk Hoesch die monatliche Lohnzahlung empfahl. Dr. Ley höchstselbst hatte bei öieser Gelegenheit— es handelte sich um die dritte Tilgung der Reichaarbeitskammer— nur mitzuteilen, daß ein großzügiges Siedlungswerk »in wenigen Jahren in Angriff genommen würde«. Ein seltenes Maß von Bescheidenheit! Aber noch nicht bescheiden genug, wenn man weiß, daß in diesem Jahre aus Mangel an Rrichsmitteln 38.000»Not- und Behelfswohnungen« mit öffentlichen Zuschüssen gebaut werden sollen. Das sind Elendsstätten, die früher nur aus Materialmangel, wie unmittelbar nach dem Kriege, oder zur schnellen Behebung von Notständen, wie für Flüchtlinge in den Grenzgebieten (Oberschlesien!) zugelassen wurden. Jetzt werden sie ein wichtiges Stück der mit Reichsmitteln unterstützten Wohnungspolitik und sind somit ein deutliches Alarmzeichen der Wohnungsnot(1,5 Millionen Wohnungen fehlen!) und des Absinken« der Wohnkultur, die erste Voraussetzung Jedes körperlichen, geistigen und sittlichen Aufstiegs ist. So zeigt sich auf jedem Gebiete, daß auch die raffinierteste und kostspieligste Propaganda am Fels des realen Lebens ihre Grenzen hat. Schwindelhafte Versprechungen werden durch Tataachen erschlagen, und das ist auch in Deutschland nicht für alle Zeiten geheim zu halten. Kriegsfupcht In allen Ländern, die an da« Dritte Reich j J grenzen, hält die Kriegsfurcht an. Da« gilt 1 insbesondere für Belgien, Luxemburg und Frankreich. Vonsichtige Unternehmer weigern sich, neue Investitionen in ihren Betrieben vorzunehmen. Das Publikum kauft nur das Allemotwendigste und stellt größere Anschaffungen zurück. In Städten wie Metz, die inmitten des stark besetzten Festungsgürtels liegen, ist das Frühjahrsgeschäft fast tot. Der Anschauungsunterricht über die Gefährlichkeit der unverminderten deutsch- französischen Spannung ist in diesem Gebiet so deutlich, daß Optimismus nicht aufkommen kann. Die Panik, die unmittelbar nach dem 7. März einsetzte, ist vorüber, aber die dauernde Beunruhigung ist geblieben. Man traut dem Frieden nicht und macht sich bereit. Ueberraschungen möglichst schnell und mit möglichst geringen Verlusten ausweichen zu können. Amnestie Man hält es kaum für möglich, aber es war da und dort zu lesen, der»Gnadenakt« Hitlers vom 23. April 1936 sei ein erster Erfolg der einstweilen nicht gerade imponierenden Weltbewegung für die Freilassung der politischen Gefangenen in Deutschland. Man wird sich bemühen müssen, solchen einfältigen Glauben gutmütiger, aber Hitterdeutsch- land schlecht kennenden Ausländer zu zerstören. Daß nicht ein einziger politischer Kämpfer amnestiert worden ist, dürfte nicht bestritten werden. Wie eng die Amnestie aber auch selbst gegenüber religiöser Betätigung ausgelegt wird, zeigt eine Verhandlung fünf Tage nach dem Amnestiegesetz vor dem Kölner Sondergericht. Es waren Mitglieder der Internationalen»Bibelforscher- Vereinigung« angeklagt. Einige waren auch nur»Sympathisierende«. Die ganze Staatsfeindschaft bestand darin, daß diese sonderbaren Heiligen sektiererische Zeitschriften gekauft, gelesen und in einigen Fällen auch verbreitet hatten. Trotz der Amnestie und unter ihrer ausdrücklichen Ablehnung wurden über fünf Angeklagte Verurteilungen bis zu 6 Monaten ausgesprochen. Der Vorsitzende Landgerichtsdirektor van V a- c a n o belehrte die armen Sünder dahin, sie seien nicht deswegen bestraft worden, weil sie diese oder jene religiöse Ueberzeugung gehabt, sondern weil eie die Geset r e de« Staate« übertreten hätten� und für solche Leute gebe es keine Amnestie. Woraus auch für den Harmlosesten ersichtlich ist, wae p o 1 i 1 1 sehe Kämpfer von der»Gnade« des Dritten Reiches zu erwarten haben. Hitler mag sich noch so blähen; er ist menschlich viel zu klein, um seine Rachsucht an Wehrlosen Uberwinden zu können, und die Erbärmlichkeit seiner Justizkreatnren folgt dem Beispiel des Obersten Gerichtshcrm. Der Nachwuchs In Frankfurt am Main sind kürzlich 900 Kaufmannslehrlinge»freigesprochen« worden. Vorher mußten sie eine Pflichtprü- fung bestellen. Die Anforderungen, die gestellt wurden, scheinen weniger als primitiv gewesen zu sein, denn der Geschäftsführer der Abteilung für Arbeitsführung und Be- mfeerziehung beim Rhdn-MaJnischen Industrie- und Handelstag, Eilen, klagte:»Geradezu erschreckend sei in vielen Prüfungsarbeiten das Bild der Rechtschreibung und der Zeichensetzung, vor allem bei den Lehrlingen, die die Berufsschule nicht besucht hätten. Zudem zeige es sich, daß in der kaufmännischen Praxi« besonders die Lehrlinge versagen, die aus höheren Schulen kommen.« Dem nach scheint es, daß die eine Hälfte der Stifte in der Theorie einschließlich der einfachsten Orthographie und die andere in der Praxis nichts taugt, well die Beine und die Kehlen mehr als der Verstand geschult werden. Es paßt in dleaee Bild, daß zu den ständigen Klagen der Untemehmerpreese und der Untemehmertagungen der Mangel an Facharbeitern gehört, die früher gewohnten Anforderungen einigermaßen genügen können. Man ruft sogar schon nach dem Richter, um das gegenseitige Wegengagieren von brauchbaren Kräften zu verhindern. Aus der Jugend wächst nämlich nichts mehr zu, was dem alten Arbeiterstamm gleichwertig wäre. Der einfache Tatbestand ist: das Dritte Reich zehrt, wie auf so vielen anderen Gebieten, auch In der Arbeiterbildung noch von den Leistungen der Sozialdemokratie und der Gewerkschaften. Es verwüstet, ohne neue Werte schaffen zu können. Hannee Wink. W mr-w~�- f Wt�w�warwWf V wWIrWwWwU ' Unsere Pflicht®� zur politischen Betätigung In einer in Deutschland lllegtü er- acheinenden sozialdemokratischen Zeitung lesen wir: In demokratischen Zeiten pflegte man von der Pflicht eines jeden Menschen zur Politik zu reden. Und wirklich muß sich jeder— gleichgültig ob er Arbeiter, Kaufmann, Künstler, Landwirt oder was sonst immer ist— politisch betätigen; denn erst dadurch hilft er mit, die Bedingungen zu schaffen, unter denen seine Arbeit wirklich fruchtbar werden kann, Wenn wir heute unsere Pflicht zur politischen Betätigung erfüllen, dann steckt man uns ins Zuchthaus oder ins Konzentrationslager. Was einst Pflicht des Staatsbürgers war, das ist heute Verbrechen von Staatsfeinden. Man fordert heute sentimental von uns, daß wir dem Hitler vertrauen wie einem Vater, weil dieser Hitler für das Volk alle politischen Entscheidungen trifft wie für unmündige Kinder. Wir wissen aber, wohin es führt, wenn ein Volk die politischen Entscheidungen von Imperialisten»väterlich« treffen läßt. Und darum halten wir daran fest, daß für jeden von uns die politische Betätigung eine Pflicht ist, weil es sich eben um unser und unserer Kinder Wohl handelt Aus Malmedy wurden vier Einwohner wegen nationalsozialistischer Agitation ausgewiesen, die sich die belgische Regierung nicht gefallen lassen will. Auf einen Pfiff aus dem Propagandaministerium brach die Presse in ein Geheul darüber aus, daß hier Menschen wegen ihrer Gesinnung aus dem Lande ausgewiesen würden. Wir fragen; warum werden aber in Deutschland Zehntausende und aber Zehntausende von deutschen Arbeitern und andere aufrechte Männer in die Marterhöhlen der Konzentrationslager und der Zuchthäuser gesperrt? Erschossen, mißhandelt und eingesperrt werden in Deutschland nicht vier, sondern Zehn- tausende von Männern und Frauen, Jugendlichen, und Greisen, Vätern und Mflttecm, nur wegen ihrer Gesinnung, nur deswegen, weil sie in Treue zu ihren Idealen halten! Beim feierKchen Empfang der vier Ausgewiesenen war der Aachener Äegierungspräsident zugegen, sie wurden im besten Hotel untergebracht Bs war rfn Staatsempfang. Dagegen ist jede Verurteilung aufrechter Menschen wegen ihrer Gesinnung begleitet von Beschimpf ringen dieser Menschen als Volks- ▼erbrecher und Verräter ihres Landes. Und dabei wären alle diese Verurteilten froh, wenn sie ausgewiesen würden, weil sie draußen wenigstens mit Menschen zasammenkämen, statt mit diesen sadistischen Sklavenhaltern dieses verruchten Systems. Die Verurteilung aufrechter Menschen wegen ihrer Gesinnung bat in Deutschland einen ungeheueren Umfang angenommen. 27 Sondergerichte, denen die Gestapo und ein Spitzelsystem, das sich in die persönlichsten Angelegenheitein der Menschen einmischt, Zutreibe r- (üenste leisten, wollen das Rückgrat des deutschen Volkes brechen. Hat sich unter den 90.000 Beamten des deutschen Justiz- efienstes bisher auch mir einer gefunden, dar dieses Wüten gegen die Gesinnung, das in Deutschland furchtbarer ist als in einem anderen faschistischen Kerkerland, als unmenschBch oder als unrecht bezeichnet hätte? Es fand sich unter den Hütern des Rechtes keiner! Die deutsche Justiz ist tatsächlich eine Dirne, die sich jedem kleinen, verwahrlosten Bonzen hinzugeben hat. Jeder Kreisleiter ist für die Richter eine politische, rechtsschöpferische Autorität, die Tatsachen schaffen kann, die von keinem Gericht zu beseitigen sind. Das ist die Rechtsunsicherheit in Deutschland, die Grundlage dieses wie jedes Systems der Willkür. Kürzlich mußte Ribbentrop den Engländern auseinandersetzen, daß im Hitlerreich jeder politisch Andersdenkende gerecht und menschlich behandelt würde, während in der Republik alle Nationalisten unter einem Ausnahmegesetz gestanden hätten. Das glauben die Englän der nicht, denn es ist bekannt, daß deutsche Gerichte infame Verleumder deutscher Minister freisprachen, während das Reichsgericht und demzufolge auch niedrigere Gerichte nationalsozialistische Hochverräter nie verurteilten. Heute genügt schon der Verdacht, daß einer treu an seiner sozialistischen Ueberzeugung festhält, um Ihn ins Gefängnis zu bringen. Jeder anständige Mensch weiß, daß von einer Heiligkeit des Rechts oder vom gesicherten Rechtszustand niemals in irgendeinem Lande weniger die Rede sein konnte als heute in Deutschland. Nicht umsonst sagt man in aller Welt, daß Deutschland ein Volk der Richter und Henker seL Unser Land seufzt unter einem Gesinnungsterror ohnegleichen. Man kann heute in Deutschland nur offen und froh sein, wenn man in einem kleinen Kreise gesinnungstreuer Menschen ist. In der deutschen Oeffent- lichkeit, die Heuchelei, Lüge und Betrug ist, gibt man uns kein Recht auf politische Betätigung. Und darum erfüllen wir diese politische Pflicht heute noch im Stillen. Es ist nicht unsere Schuld, wenn wir dabei verschlagen werden, wenn wir heucheln, um im Stillen um so eifriger gegen das System zu arbeiten. Wir bekämpfen das System so, wie es bekämpft werden wül! Der Gegner ist es, der uns heute noch die Bedingungen des Kampfes vorschreibt. Wir bekämpfen dieses System nicht irgendeiner Theorie zuliebe. Was uns zu diesem Kampfe immer anspornt, ist die Tatsache, daß wir keine Boto- kudenund Buschmänner sind und es auch nicht werden wollen, sondern daß wir deutsche Arbeiter sind, mit starkem Selbstbewußtsein. Wir empfinden diese dumpfe, stickige Luft der deutschen Lüge als unerträgHch für aufrechte Menschen. Wir wissen, daß der Nationalfaschismus uns alles genommen hat, was uns deutschen Arbeitern die Gewähr gab, einmal■wirklich gleichberechtigte Bürger in diesem unserem Lande zu werden: die Möglichkeit, das Sklavendasein des Arbeiters in der kapitalistischen Gesellschaft durch organisierte Kraft zu verbessern, das kulturelle E5 genleben, das wir selbst ohne Staatshilfe aus eigener Kraft uns schufen. Das einzige, was wohl zu verfolgen, aber nicht zu vernichten und zu rauben ist, das ist die sozialistische Gesinnung, aus der immer die Kraft der Arbeiterklasse entspringt und in der alle Hoffnung auf eine menschliche, sinnvolle Gestaltung der Gesellschaft ruht Diese Gesinnung ist wichtiger als alles, was man uns raubte. Denn aus dieser Gesinnung wird alles wieder geschaffen. Wenn wir also an dieser Gesinnung festhalten, dann ist damit die Gewähr gegeben, daß das Hitlerreich durch ein sozialistisches Reich abgelöst werden wird. Der Feind der sozialistischen Arbeiterschaft und ihres Kampfes um Befreiung der Arbeit, um ein würdiges Leben, um Anteil an allen Schätzen des Lebens, der Feind einer vernünftigen, sittlichen Regelung der Beziehungen der Völker und der Menschen zueinander, das ist der Faschismus aller Länder! Der Faschismus hat die Arbeiterklasse entrechtet und den Menschen entwürdigt Der Faschismus läßt das arme Volk hungern, um einen imperialistischen Krieg vorzubereiten, in dem wieder Millionen unserer Brüder hingeschlachtet werden sollen. Es ist unsere menschliche Pflicht dieses System zu bekämpfen und wir machen kein Hehl daraus, daß wir es einmal mit allen Mitteln bekämpfen werden. Nennt uns immer Hochverräter, nennt uns Landesverräter: Es kümmert uns nicht! Jede revolutionäre Bewegung hat Hochverrat getrieben, bis säe zum Siege gelangte. Wer den Hochverrat scheut, der ist kein Revolutionär und wird nie siegen. Aber während aus dem vierzehnjährigen Hoch- und Landesverrat der Nationalsozialisten ein Unglück und eine Schande, ein Unglück und eine Verwüstung sondergleichen hervorging, wird aus der sozialistischen Revolution neues Recht und neue Würde, Glück der Aermsten und ein neuer Aufbau hervorgehen. Ist das nicht besser für ein Volk als ein neuer imperialistischer Krieg, in dessen Giftgas- und Sprengstoffhöllen dieses System uns hineinjagen will? Landesverrat ist das, was dieses System seit drei Jahren vorbereitet— aber wir müssen diesen Verrat des Landes und Volkes abwehren! Wir betrachten die Politik nicht sentimental. Vierzehn Jahre hat Hitler Hoch- und Landesverrat getrieben. Deutsche Richter, deutsche Verwaltungsbeamte der Republik haben es ihm ermöglicht. Ein Staat, dessen beauftragte Beamte diesen Hochverrat nicht kräftig abwehrten, sondern ihm in einer falschen, zu Formaltemus erstarrten Auffassung der Demokratie den Weg ebneten, ein solcher Staat mußte untergehen. Gleiche Rechte haben die Staatsbürger, aber nicht die Staatsfeinde; diese Selbstverständlichkeit haben die Organe der Republik nicht beachtet. Solche Kerle wären auch die heutigem Machthaber, wenn sie zusähen, wie der Boden unterhöhlt wird, auf dem ade stehen. Wenn sie auch Betrug, Unrecht, Lüge und Heuchelei vertreten, so müssen sie eben das Recht, die Wahrheit und die Ehrlichkeit unterdrücken, die von den Gegnern des Systems vertreten werden, unterdrücken, wenn sie nicht wollen, daß dieses System durch die Mächte der Wahrheit und des Rechts gestürzt wird. Vom" Standpunkt der Machthaber ist es also ganz in der Ordnung, daß wir verfolgt werden. Wir finden uns damit ab. Es ist eben das Recht des Stärkeren in der Politik. Aber wenn trotzdem unser Mut nicht sinkt, wenn wir trotzdem starke Fortschritte machen, so deshalb, weil die charaktervollen Massen des Volkes bei uns stehen. Und schließlich meinen wir doch, daß es nicht unwesentlich ist, daß Ehrlichkeit, Anständigkeit, Gesinnung und Charakter auf unserer Seite sind. Was muß unsere Sache an innerer Wahrheit und an Recht besitzen, wenn das System gezwungen ist, immer neue Zuchthäuser und Gefängnisse zu errichten, um die Tausende und aber Tausende dort unterzubringen, die in jedem Monat neu verhaftet werden. Auch wir werden einmal das Recht des Stärkeren besitzen. Dann haben wir die Pflicht, den sozialistischen Aufbau gegen Sabotage und Zersetzung zu schützen. Und das wird geschehen im Namen des Volkes, im Namen des Rechts und der Wahrheit. Da tlilitammus aschlist die(Dlssenschaft Technische Hochschulen gehen ein Scheobt weiß, daßIn der Fachrichtung »Elektrotechnik« betrug die Zahl der entsprechenden Absolventen im Jahre 1930 noch 1213, um bis 1934 auf 863 abzusinken«. Eine ganze Anzahl Höherer Lehranstalten ist »in Ihrem Bestände gefährdet«.»So kannte großen Verdiensten and gefestigter Tradition« wie Mittwelda, Strelitz, Ilmenau, Bingen, Friedberg usw. sind»in ihrer Existenz gefährdet«. Es drohe, xfaBa nichts Hinreichendes dagegen getan wird, die Gefahr, daß wtr In absehbarer Zeit nicht mehr in der Lage sein werden, unsere Betriebe, For- scbmgs- und Produktionsstätten anarol- chend mit gut vorgebildeten Ingenieuren jeder Art m besetzen.« Der Propagandist der chemischen Industrie Amerikas F. P. Garvan stellte bei der Orün- duzg der amerikanischen Zweigstelle des deutschen Ohemietrusts vor etwa einem Jahrzehnt als das Ziel Deutschlands hin: Weltmacht dnreh auf Wissenschaft gegründetes Monopol. MM diesem Wort wollte er seine Landsleute ermahnen, sich nicht durch, dieses deutsche WSasenschaftamonqpol überwältigen zu lassen. Der technische Vor- aprung Deutschlands, der in dem Bündnis zwischen seinen Fabrikanten und seinen Professoren bestand, droht verioren zu gehen und die deutsche Industrie aus der vorderen Reihe Ins Hintertreffen zu geraten.»Der deutsche Volkswirt« hält das mit Recht für»eine Gefahr, die sowohl unter wirtschaftlichen wie unter wehrpold tischen Gesichtspunkten nicht zu unterschätzen ist.« Denn die Industrie Ist ein Bestandteil der modernen Armee, wichtiger als die kämpfenden Truppen selbst. Da ist es eine nicht geringe Ueber- raschung, daß Hitlerdeutschland, das alle Kräfte In den Dienst der Kriegsvorbereitung stellt, gerade diese wichtigste Voraussetzung der nationalen Wehrkraft vernachlässigt. Welches sind die Ursachen? Es wird geltend gemacht, daß die zahlreichen Entlassungen In der Industrie während der Krisenzeit psychologisch nachwirken. Um so weniger ist zu verstehen, warum gerade in der Zeit des natlo- nalsozdaldstisohen Wirtschaftsauftriebs der Hochschulbesuch nicht nur nicht wiederbelebt, beispielsweise das Städtäsche Hindenburg- sondern erst recht weiter abgesunken ist, und Polytechnikum in Oldenburg, das für den daß erst im Dritten Reich nicht nur die Nachwuchs an Maschinenbauern und Elektrotechnikern Bedeutung hatte, nicht gehalten 1 werden.« Andere Anstalten ähnlicher Art»von, Frequenz der Hochschule, sondern sogar ihre Existenz in Frage gestellt äst.»Der deutsche Volkswirt« schreibt: »Endlich bieten<äe Wtodetbdobang nn- sores Wirtsohattslebens und der Neuanf- ban unserer Armee gute Entwick- langsanflslohtea In anderen Berufen und lenken dadaroh van der Technik alMi Wenn die jungen Leute andere Berufe— vor allem den Offmersbemf— dem Ingenieur- beruf vorziehen, muß der Besuch der Inge- nieurschrulen freihoh zurückgehen. Aber die Frage ist eben, weshalb ihm gerade im Dritten Reich andere Berufe vorgezogen werden. Dafür allcixtingB gibt»Der deutsche Volkswirt« eine ausreichende Erklärung; nach ihm »ist es der Arbeits- und Wehrdienst, der die Berufsausbildung gegen früher bdnausschiebt.« Der junge Mensch, der gezwungen wird, seine besten Jahren dem Soldatensplelen zu opfern, muß auf das Studium verzichten, wefl er es sich nachher nicht mehr leisten kann, sondern Geld verdienen muß. Mit der Ersertzuag der Wissenschaft durch den Parademarsch. des ernsten Studiums durch die Kniebeuge, der Schulung des Kopfes durch die Schulung der Beine wird die Wehrkraft der Nation nicht gestärkt, sondern vergeudet. Was bat SchaohtB Organ vorzuschlagen, um den Verlust von Deutschlands wirtschaftlicher Weltgeltung aufzuhalten?»Eine Werbeaktion zu vermehrtem Besuch deutscher technischer Studlenstehen durch Ausländer.« Das könnte bestenfaUs das Eingehen einiger Lehranstalten, aber nicht den Rückgang Ihres Besuches von Deutschen aufhalten.»Der deutsche Volkswirte sagt dann auch, der Erfolg der Aktion würde xmir dann gesichert sota. wenn auch von anderer Seite alles geschieht, tun den Bestand unserer technischen Lehranstalten... zu erhalten.« Was das für eine»andere Seite« ist, kann ohne Lebensgefahr nicht auagesproefaen werden. Aber gemeint ist de Naziclique, de auf die Pfründen der KorporalsteUen ebensowenig verzichten kann wie auf Ausschaltung der Kopfarbeit durch die Beinarbelt, de eine der wesentlichsten Grundagen das Nazlreglmes Ist G. A. Frey. Nr. 152 BEILAGE "ÖctKclönnoffe 10. Mai 1936 Das Ghetto Europas Zum hundertfünfzigsten Geburtstage tou Ludwig Börne FYeiheit sei die Seele meiner Feder, bis sie stumpf geworden ist, oder meine Hand gelähmt. Börne. Da Ludwig Börne in der politischen Totenstille des Vormärz den Verdauungs- schlummer der Gewalthaber aufs Empfindlichste störte, schrien die journalistischen Gassenbuben, die im Solde der Regierungen standen, hinter ihm her: Itzig! Schmul! Hepp hepp! Wenn ihn die»Stuttgarter Hofzeitung« einmal eine»erbärmliche Judenseele« schimpfte, einen frivolen Juden, dem nichts heilig sei, war das der Grundton vieler Schmähungen. nichts vor dem Ludolf voraushabe, stammt von diesem auch die Entdeckung, daß die Juden nach der Weltherrschaft strebten; ja, sogar die»rassische« Gesetzgebung des»Dritten Reiches« ist ein Abklatsch dieses Machwerks, das dartut, jüdisches Blut bedürfe zu seiner Reinigung einer dreifachen Filtrierung,»und erst dem Enkel eines getauften Juden, und auch nur in dem Falle, wenn er sich mit einer christlichen Familie vermählt, wären Staatsbürgerrechte einzuräumen«! Wenn einer, schaute Börne auf den Grund dieser Judenhetze und erkannte, ,..,. o t j-o- v daß sie ein Ablenkungsmanöver war, den In der Tat hieß Ludwig Borne, ehe er®.,*. „____________,, T__ Deutschen mcht zum Bewußtsem der eigenen Knechtschaft kommen zu lassen; das deutsche Volk wurde»zum Gefängnis- warter der Juden bestellt, weü die Ge- 1818 zum Christentum übertrat, Low Baruch, und da er am 6. Mai 1786 in der Frankfurter Judengasse zur Welt gekommen war, reichte er noch ins tiefste Mittelalter zurück. Denn gerade die freie Reichsstadt tat sich auf dem Felde der Judenentrechtung eine besondere Güte an. Noch galt die sogenannte»Stättigkeit« aus dem Jahre 1617, die die Juden in ein Ghetto sperrte und in allem und jedem zum rechtlosen Vieh herabdrückte. Da die französische Revolution in Gestalt der napoleonischen Herrschaft über Deutschland ausstrahlte, fielen mit anderen auch diese rostigen Ketten, und die Juden wurden gleichen Rechts mit ihren übrigen Mitbürgern; zum lebenden Zeichen dessen saß der Dr. Börne, der in Berlin, Halle und Heidelberg erst Medizin, dann Kamerai Wissenschaften studiert hatte, von 1808 bis 1813 als Aktuarius auf dem groß- herzoglich frankfurtischen Polizeiamt seiner Vaterstadt. Aber als in den Befreiungskriegen, die alles, nur keine Freiheitskriege waren, die Deutschen das Joch fremder Tyrannei abgeworfen hatten, um sich das Joch der einheimischen Tyrannen desto fester auf den Nacken zu laden, wurde auch den Juden das alte würgende Halseisen wieder angelegt Und nicht genug, daß Gesetze und Verordnungen ihre Rfechtsminderheit aussprachen, fand sich auch schreibfertiger Pöbel, um den analphabetischen Pöbel zu Judenverfolgungen anzustacheln. Was alles heute die Hakenkreuzler an Unrat aufklauben und gegen die Juden schleudern, stank schon in den Tagen Börnes zum HimmeL Es gab»Die Weisen von 23 on«, nur daß ihr Titel anders lautete, nämlich:»Johann Andrea Eisenmengen, Professor der Orientalischen Sprachen bei der Universität Heidelberg, Entdecktes Judentum oder Gründlicher und wahrhafter Bericht welchergestalt die verstockten Juden die Hochheilige Dreieinigkeit Gott Vater, Sohn und heil. Geist erschrecklicherweise lästern und verUnehren, die heQ. Mutter Christi ver- schmähen, das Neue Testament die Evangelisten und Aposteln, die christliche Religion spöttisch durchziehen und die ganze Christenheit auf Hm Aeußerste verachten und verfluchen usw. usw. Alles aus ihren eigenen, und zwar sehr vielen mit großer Mühe und unverdrossenem Fleiß durchlesen en Büchern mit Ausziehung der hebräischen Worte und deren treuer Uebersetzung in die teutsche Sprach kräftigllch erwiesen... Allen Christen zur treuherzigen Nachricht verfertigt und mit vollkommenen Registern versehen. Mit Seiner königl. Majestät in Preußen allergnädigsten Spezdal-Privi- legio. Gedruckt zu Königsberg in Preußen, im Jahr nach Christi Geburt 1711.« Und was sich der Verfertiger von »Mein Kampf« allen Ariern»zur treuherzigen Nachricht« in mühsamen Satzbandwürmern abgetrieben hat, steht alles schon In ainAm dicken Schmöker von 1821, den Börne an den Pranger nagelte:»Judentum in allen dessen Teilen, aus einem staatswissenschaf tlichen Standpunkt betrachtet. Von Dr. Ludolf Holst.»Daß die Juden in Kunst und Wissenschaft nicht einen großen Mann hervorgebracht hätten, Haß Haß, Neid, Geiz, Habsucht, Bosheit, Betrug, Rohheit und alle übrigen Laster jüdische Eigenschaften seien, daß »der gesamte in den Händen der Juden befindliche Handel« als Wucher betrachtet werden könne, das alles und noch viel mehr von den Enthüllungen der Nazis steht schon bei Holst. Damit der Adolf Gestalt der Welt geändert haben. Das Schießpulver, die Buchdruckerei, die Reformation sind aus ihrem Schoß hervorgegangen«. Aber eben deshalb brannte ihn die Scham, daß dieses Volk politisch »in schmachvollster Unmündigkeit« dahinvegetierte. O, diese Deutschen, die eine vielhundertjährige Zwingherrachaft zu zahmen Haustieren gemacht hatte!»Wir haben«, klagte er,»keine Geschichte, kein Klima, keine Volksgeselligkeit, keinen Markt des Lebens, keinen Herd des Vaterlandes, keinen Großhandel, keine Seefahrt, und wir haben— keine Freiheit, zu sagen, was noch mehr wir nicht haben.« Und wie unheilvoll offenbarte sich diese politische Unmündigkeit der Deutschen in ihrem europäischen Schicksal!»So ehrliche gute Häute als wir, hat die Welt nicht mehr, % ► Der totgesagte Marxismus fangenen den Kerker nicht verlassen dürfen«. Nicht minder ging ihm auf, daß häuflig mit judenfeindlicher Rüpelei nur ein Minderwertigkeitsgefühl betäubt werden sollte.»Der Verfolgungstrieb«, so traf er den Nagel auf den Kopf,»liegt in dem Hochmut aller Menschen, die, weil sie keinen inneren Wert haben, nach den Zeichen eines Wertes geizen. Wer nicht von Adel sein kann, um auf Bürger herabzusehen, will wenigstens ein Christ sein, um die Juden unter sich zu haben.« Aber nicht im Traum kam es ihm bei, die Judenfrage als A und O seines öffentlichen Wirkens zu betrachten. Die Unterdrückung der Juden war ihm nur ein Sinnbild für dte allgemeine Unberdrük- kung der Deutschen—»Ist nicht Deutschland das Ghetto Europas? Tragen nicht alle Deutschen einen gelben Lappen am Hute?«— und um die Befreiung der Deutschen ging es ihm. Dieser Sproß der Frankfurter Judengasse war ein größerer, ein glühenderer deutscher Patriot als alle Jahnschen Bärenhäuter zusammengenommen. Nicht leicht konnte man eine höhere Meinung von den Deutschen haben, da er sie für»das gebildetste, geistreichste, tüchtigste und tugendhafteste Volk der Welt« hielt; er sah in Deutschland»die Mutter jener Entdeckungen, welche die Das wissen auch die Gerber überall, und seit Jahrhunderten haben wir Europa mit Pergament, Trommelfellen und Sohlleder versorgt, und seit Jahrhunderten hat unsere Haut zu allen Verträgen und zu allen Kriegen gedient.« Wie alle freien Geister seiner Zeit richtete Börne nicht nur den Blick, sondern auch das Herz nach Frankreich, dem Mutterland der großen Revolution, und als im Juli 1830 der Vulkan wieder zu speien begann und den Thron Karls X. unter feuerflüssiger Lava begrub, riß es ihn ans dem deutschen Phüisterland gebieterisch nach Paris, wo er die letzten sieben Lebensjahre als Emigrant unter Emigranten verbrachte. Aber wenn seine Neigung dem Frankreich galt, von dem die elektrischen Schläge über den ganzen Erdball ausgingen, so stellte schon ein französischer Zeitgenosse fest: Börne liebte Frankreich um Deutschlands willen! Suchte Börne die Deutschen aus ihrem zähen politischen Schlaf wachzurütteln, so hieß das erste wie das letzte Wort, das er ihnen in die Ohren schrie: Freiheit! Mehr Liberaler als Demokrat, ging er von dem Gedanken aus, daß," ganz gleich, unter welcher Regierungsfonn, zuviel regiert werde. Im Namen des freien Einzelmenschen forderte er, daß der Staat sich möglichst wenig zeige; der später von Lassalle verspottete»Nachtwächterstaat« war eigentlich recht sein Ideal, und er hatte den Mut, auszusprechen:»Freiheit geht nur aus Anarchie hervor.« Die neue Organisation der Gesellschaft? Sie kümmerte ihn wenig. Einer seiner Biographen nennt ihn zwar»einen der ersten Sprecher der sozialen Fragen des Jahrhunderts«, aber hinter diesen Titel gehört ein großes Fragezeichen. Je mehr Börne nach 1830 erkannte, daß man vom Wort zur Tat übergehen, daß man die Revolution vorbereiten müsse, desto besser erkannte er auch die wichtige Rolle des Volksteils, den die ewig Gestrigen naserümpfend den Pöbel nannten: Pöbel—»das heißt die armen Leute, das heißt die einzigen, welchen das verfluchte Geld nicht die ganze Seele, allen Glauben abgehandelt, die einzigen, denen der Müßiggang nicht alle Nerven ausgesogen und die einen Geist haben, die Freiheit zu wünschen, und einen Leib, für sie zu kämpfen«. Auch gewahrte er in dem Frankreich des Julikönigtums mit steigendem Mißbehagen, daß eine »giftige Geldwirtschaft« wie der Schirokko alle Adern austrocknete und daß sich eine neue, eine Geldaristokratie herausbildete, aber an den Saint-Simonisten, den Vorläufern des modernen Sozialismus, fand er, anders als Heinrich Heine, nur ein mäßiges Wohlgefallen, und nur mit Schaudern erwog er die Möglichkeit, daß das französische Volk früher oder später den Besitz als Grundlage der neuen Geldaristokratie zu erschüttern suchen werde, »und dieses wird zur Güterverteüung, zur Plünderung und zu Greueln führen, gegen welche die der früheren Revolution nur Scherz und Spiel werden gewesen sein«. Aber es war nun einmal cBe geschichtliche Aufgabe Börnes, den deutschen Menschen lediglich aus den staatlichen, ständischen und zünf tierischen Bindungen, in die er mumienhaft gewickelt war, herauszuschälen und auf eigene Füße zu stellen. Dieser Aufgabe widmete sich der kleine, kränkliche Jude mit der ganzen Leidenschaft einer großen Seele.»Ach, sie glauben«, bekannte er,»ich schreibe wie die anderen, mit Tinte und Worten, aber ich schreibe mit dem Blute meines Herzens und mit dem Safte meiner Nerven.« Obwohl die deutsche Sprache unter seinen Händen zu einem Instrument wurde, das mächtig tönte, obwohl er mit Ernst und Scherz, Pathos und Satire, Grimm und Witz ein großer Stilist war, wies er es weit von sich, ein Dichter, ein Künstler zu sein. Ein Kunstmensch war der»StabUitätsnarr«, der»gereimte Knecht« Goethe, den er mit einem alle Maße sprengenden Haß verfolgte—»seit ich fühle, habe ich Goethe gehaßt, seit ich denke, weiß ich, warum«—, Börne aber beschied sich mit der Rolle eines Tagesschriftstellers, der aus dem Tag für den Tag zu dem Tag das Seine sagt; der stete Tropfen wollte er sein, der den Stein höhlt. Gelegentlich träumte er wohl davon, eine Geschichte der französischen Revolution zu schreiben, in Wirklichkeit nahm er nie den Anlauf zu einem größeren Werk. Was immer er zu geben hatte, ist verkrümelt und verstreut in tausend Artikeln, Feuilletons, Kritiken und Briefen und bildet doch, belebt von ein und demselben Hauch, eine unzerstörbare Einheit. Wie kein Zweiter kannte Börne die seelenlos träge, unbewegliche Masse der deutschen Philister, diesen furchtbaren Hemmschuh jeden Fortschritts, aber der göttliche Odem in ihm war so stark, daß er sich nicht entmutigen ließ. Er hatte den Glauben. Er glaubte an die Idee, an die Entwicklung, er glaubte an Deutschland. Sogar in der Judenfrage war er unverzagt, da er es noch zu erleben hoffte, daß man kein»aufrührerisches oder albernes Buch gegen die Juden wird schreiben dürfen, ohne ins Zuchthaus oder ins Tollhaus zu kommen«. Hundert Jahre später erschien»Mein Kampf«. War nun Börne ein heüloser, ein verblendeter Optimist, oder haben wir allen Grund, vor Scham zu erröten? Pierre Poncc. Krieg und Kultur Die»Frankfurter Zeitung'« stellt in ihrer Nummer vom 15. März interessante Betrachtungen über»Persönlichkeitsmangel« an. Obwohl sich dieser Artikel nicht In erster Linie auf Deutschland bezieht, ist doch in erster Linie Deutschland gemeint. Bs wird betont, daß überall ein Mangel an»Individualitäten mit vielversprechenden, originellen schöpferischen Anlagen fehlen...« Eis wird viel geschrieben, aber es wird immer flacher, scbe- ma tischer und gleichförmiger...»Man hält sich an Schlagwörter oder diktatorische Programme. Scharfsinn gepaart mit Intuition, kritisch wissenschaftliches Denken verbunden mit Herzenswärrae sind seltene Kombinationen.« Eine Ausnahme machen die exakten Naturwissenschaften. Diese begeistern auch die Jugend noch Immer,»hier herrscht kein Mangel an Jungen Persönlichkeiten ersten Ranges«. Die»Frankfurter Zeitung« hat sich auch darum bemüht, zu erfahren, aus welchen Gründen dieser Persönlichkeitsmangel besteht. Sie meint, junge schöpferische Menschen müßten eine Zukunft vor sieh sehen, um arbeiten zu können. Sie sehen aber nur immer den Krieg vor sich. Nirgends sehen sie so einheitliche und geschlossene Lebenspläne wie in bezug auf den Untergang: den Krieg.»Die großen Widersprüche und Sinnlosigkeiten des Berufslebens scheinen die Ansätze der Originalität zu töten. Denn gerade schöpferische Junge Menschen verzweifeln zuerst.« Eis ist nicht zu ermessen, wie viele Quellen menschlicher Kultur gerade der nationalsozialistische Kriegswahn verschüttet. Tragikomisch ist daran, daß er nicht nur Verzweiflung gebiert, sondern durch dieselbe Verzweiflung seine Macht befestigt. Aber freilich kann eine Nation von Verzweifelten im heutigen Weltringen nicht bestehen. So sehen wir denn ja auch jetzt schon die Auflösung und den Untergang des deutschen Nationalstaate«. Hitlers Reidiselnheit Theorie und Praxis im Dritten Reich— Die Scfaablonisierung allein tuts nicht! zwei Jahren in einer Zwölfxnimitensitzui�: des sogenannten»Deutschen Reichstages« jenen „Hitlers motorisierte StoßarmeeM Der Verfasser dieses in der Edition du Carrefour, Paris 1936, erschienenen 220 Seiten starken Buches, A. Müller, weist die Welt auf die großen Gefahren hin, die ihr vom Dritten Reich her drohen. Die allgemeine Mmtorisicrung der deutschen Nation wird Qberzeugend dargestellt und insofern hat das Buch seine Werte. Eis stellt sich darüber hinaus jedoch eine Aufgabe, der ee nicht gewachsen ist»Wer seinen Gegner bekämpfen wm, muß flm kennen«, sagt der Verfasser. Diese Kenntnis fehlt aber in sehr wesentlichen Punkten. Müller setzt voraus, daß ein säbel rasselndes Regime zugleich eine wirksame und ver- aOnföge ROstungspolitik betreiben kann, die Größe des Verbrechens, die daa Regime an der Nation zu verüben im Begriffe Ist, wird auf diene Weise bedeutend verringert. Denn das Entscheidende Ist doch, daß das Regime einerseits provokatorische Außen�1 und Rti- stungepohtlk betreibt, andererseits jedoch aus In der autoritativen Zeitsdhrift für des deutsche pädagogische Interesse, in der von Kapazitäten wie Th. litt und E. Spranger herauflgegebaoen Leipziger Monatsschrift »Die Erziehung« lesen wir mit einigen Ehstaunem folgende Feetsteälungen In einem ArtflceJ intormatordschar Art über»die pädagogische Lage in Deutschland« als dessen Einleitung: »Der vorliegende Bericht hobt die pädagogischen Maßnahmen der Unterrichtsver- walbungen der einzelnen deutschen Länder besonders hervor. Der Zug der Zentralisierung in den Grundformen und im Aufbau des deutschen Eirziehungslebens legt ee nahe, die allgemein geltenden großen Richtlinien, die vom Reidheerzaehungamimsterlum gegeben werden, in den Vordergrund zu stellen. Man würde jedoch ein ednseatigee und deshalb falsches Bild vom Erziebuugsleben erhalten, wenn man die von den Ländern geleistete Ahbedt zur Durchführung jener Richtlinien nicht genügend beachtete. E s entspricht dem geschichtlich bedingten Kulturaufbau Deutschlands, daß die einheitlich bestimmten G r u n d ri ch t u n- gender Schulpolitik in derprak- tischen Arbeit eine Aufgliederung erfahren müssen, wenn die wertvolle Vielheit und der Reichtum der Kultur- und Bildungsgüter der Landschaften und Stämme zur Entfaltung kommen und -wenn die Schulorgandaatianen die verschiedene örtlichen Voraussetzungen mit Erfolg in ihren Dienst stellen sollen.« Klingt das nicht ein wenig verdächtig nach Weimar und nach»Judenrepubllk«? Die republikanische StaatSkonzeption ist allerdings den schwierigen, dem täppdsohen Kommißstiefel immer verwehrten Weg zwischen straffer, antidynastischer Reichseinheit im Notwendigen und föderativer Freiheit in den Bezirken deutsahen kulturellen Seins gegangen, aus deren bunter, oft genug stark antagonistischer Vielheit das deutsche Wesen— zum Unterschied vom romanischen oder angelsächsisch-amerikanischen— gradezu bestand und mit der es wesentlioh seinen Rang als einer der ganz großen Eewegungafaktoren der Gedstigkeit der weißen Rasse und des Abendlandes bestritt. Der Randdeut- scfae Hitler— mit allen verdrängten Fehlkomplexen des Randdeutschen— mußte grade kämmen, um mit seiner ganzen Ignoranz über die wahrhafte deutsche Problematik, die auch immer die geschichtlich-herbe Größe dieser Deutschen war, wirkliche und lebendige Reichseinheit mit einem Schablonen- und Konfektionsstange n-D eutschland zu verwechseln! Eis gehört zu den tragikomischsten Exzessen des Dritten Reichs, wie man vor Hitler-Eänbeitastaat durch ein stupendes Aomel-Hochrecken statuierte... Wer behauptet— und es gibt sogar unter den Hitler- Gegnern leider so unwissende Beurteiler— daß mit dieser öden Schematiaienmg und Gledchhobelei teils durch einen Ueber-Terror teils durch eine Ueber-Bürokratie auch nur das Geringste an Wertvollem und Bleibendem zum eigentlichen Thema gestiftet worden wäre, kennt einfach sein eignes Vaterland nicht; oder kennt es doch mindestens nicht besser als der große»Führer« und Traran- wandlar aus Braunau. Die deutschen Pädagogen, soweit sie weiter ernst zu nehmende»Männer vom Bau« sind, mucken"bereits über diese heute herrschende Geist-Gendarmerie auf. Erziehung_? Freilich, das ist die allerdings prekärste Frage in der Vielgestaltigkeit deutschen Schicksals immer gewesen. Wird es Herr Hitler und werden es die Seinen je begreifen? Wir glauben nicht. Aber wir glauben auch eben nicht, daß diese ihre E3efantenrolle Im deutschen Geistgarten von jenem»tausendjährigen Bestände« sein wird, von dem der»Führer« im Interesse der Auflageziffer seiner Schwarte bekanntlich träumt und phantasiert. H. E. seinem konservativ-reaktionär arbeiterfeindlichen Charakter heraus gar nicht in der Lage ist, die Rüstung mit der Abenteuerpolitik in Uebereinstimmung zu bringen. Schon das Kaiserreich ist an diesem Widerspruch zerbrochen. Müller übersieht auch, daß über die deutsche Rüstung keineswegs so einheitliche Auffassungen bestehen, wie es scheinen mag. Gerade gegenwärtig sind die Gegensätze sehr sichtbar. Die widersprechenden Nachrichten über Truppengliederung, Heeresgröße usw. begreift Müller nicht aus den in Deutschland vorhandenen Gegensätzen, sondern bewertet er einfach als»Manöver«. Müller zitiert Nehring, Metzsch, Füller und andere fortgesetzt als Zeugen für die Wirksamkeit der heutigen deutschen Rüstungspolitik, während gerade diese drei eine prinzipiell andere Konzeption haben. Er zitiert die»Berliner Börsen-Zeitung«, die als Organ des konservativen Reichswehrflügels gegen die kleinen Heere Stellung nimmt und weiß mit deren Polemik gegen andere Auffassungen nichts zu machen. Daß verschiedene Strömungen vorhanden sind, wird nicht beachtet, Seeckts Theorie von den kleinen mechanisierten Heeren wird einfach als das Streben nach einem Kaderheer für eine Millionenarmee bezeichnet, während sie gerade auf der Erkenntnis beruht, daß die Zeit der Millionenheere überholt ist. Auch die wirtschaftliche Mobilmachung sieht Müller reichlich unprobl ematisch, die wehrpolitisch verbrämten Autarkiegelüste binnenwirtschaftlich orientierter Kreise nimmt er für bare Münze, auch den Straßenbau und vieles andere. Gut gesehen ist die Fünktion des Nationalsozialistischen Kraftfahr-Korps, durch das sich das Regime so weit wie möglich vom modernen Industriearbeiter, der im Zeitalter mechanisierter Heere der geeignetste Soldat ist, unabhängig machen will. V ierzehnlährlgc an die Gebärfront I Der braune Stadtmedizmalraf Koch in Leipzig hat mit besorgtem Stirnrunzeln darauf hingewiesen, daß bei den deutschen Mädchen seit zwanzig Jahren eine Wachstumszunahme und damit wohl ein entsprechend früheres Reifen und Altem zu verzeichnen sei. Er warf die Frage auf, ob nicht daraufhin das Heiratsalter für Mädchen herabgesetzt werden müsse,»damit nicht der Ausfall von zwei Jahren der Ge- bärfähigkolt eintrete«— Zwar haben außerordentdäch viele BDM-Mädchcn In ganz Deutschland diese Frage schon überflüssig gemacht, in dem sie von ihrer rGebär- fähigkeit« praktischen Gebrauch machten, aber(fie»Deutsohe Kämpferin« glaubt dennoch protestieren zu müssen. Sie schreibt: »Wichtiger, als daß die Vierzehnjährigen gebären, erscheint uns eine verantwortliche Klarstellung darüber, was vierzehnjährige Kinder gebären können. Für das deutsche Volk ist und bleibt der Wert sednes Nachwuchses für alle Zukunft ausschlaggebend wichtig. Vielleicht bliebe, wenn auch nur so ganz nebenbei, auch noch zu bedenken, welche Folgen das Gebären im Kindesalter für die Frau selber, für ihre gesamte leib-eeelischc Entwicklung haben wird. Oder ist auch dieses nur»unerheblich? Sollen wir uns in hundert Abwandlungen täglich von neuem sagen lassen, daß das Weibwesen keineandereBestim- mung als die des Gebärens bat?« JawoM, sie sollen sich's täglich hundertmal sagen lassen, bis sie begriffen haben, daß die deutsche Frau als Zuchtkuh betrachtet werden wird, solange der Natianalsorialismus das deutsche Volk regiert und schändet. „Undeflnlerlmrer Nensdh heh sgedanke� Unter den deutschen Polizeibeamten wurde kürzlich ein schriftlicher Wettbewerb veranstaltet, der den Schutzmännern der neuen Ordnung gute Gelegenheit gab, ihre hundertprozentige Führertreue und Mordbereitschaft zum Ausdruck zu bringen. Jetzt veröffentlicht die deutsche Presse die Arbeit des Kriminal aaaästenten Hans Werner(Bergedorf), die mit dem Preia des Reichsinnenministers Friek ausgezeichnet wurde. In dem Aufsatz heißt es: »Mögen ganze Welten reden von einem undefinierbaren Menschheits- gedanxen. und mögen, wie es immer geschieht, einige empflndllcheGeister am Wege stehen, wenn der Polizeibeamte gegen einen Schädling handelt. Mögen diese empfindlichen Geister in Unkenntnis der Sachlage ihrem Mitleid mit dem»armen Menschen« Ausdruck geben und den Polizisten vielleicht noch»Rohling« nennen, so läßt sich der Polizist nicht beirren.« Wenn der Mann so weitermacht, kann er im Dritten Reiche leicht vom Prelsausschrei- bengewlnner zum Minister avancieren. Deotodbc Frähftingslandsdhaft Die FrtthHngseomv» leuchte* selbstvergessen auf einem abgegrasten Weidegnmd. Die Herde blökt. Sie bat nicht viel zu fressen. Den Hirten schützt ein schnrf dressierter Hund. Der Dunst hegt blau auf braunen Niederungen. Schalmeien und Trompeten machen Wind. Die W underblürachen schauem glUokdurch- drungen, weil alle Molche fett und fröhlich sind. In seichten Sümpfen tummeln sieh die Lurche. Kloakentiere schwelgen im Morast. Der Erbhofbauer gräbt in dürrer Furche nach einem einwandfreien Stammbaumast. Das Knüppelholz gedeiht in diesem Wetter, Allein der FreUieitobaum schläft fest und tief. Im Rinnstein modern ein paar welke Blätter. Sie stammen noch vom letzten Lohntarif. An allen Wegen wehen bunte Fetzen. man hängte sie gewiß zum Lüften hin. Sie sind bedeckt mit weißen Spinnennetzen. Die Spinnen hocken Sek und schwarz darin. Der Frühling läßt sich davon nicht beirren. Er Ubersteigt das Stacheldrahtstaket. Dort läßt er seine schönsten Lerchen schwirren. Und neue Hoffnung pflanzt er im Kazet. Die Unke ruft beharrlich aus dem Kolke. Die Uagerwache friert in ihrem Turm. Die Sonne flüchtet hinter eine Wolke und wartet bleich auf einen großen Sturm. Der Rote Hans. Neue Bücher Scbalom Aschs Heimat ist das Ostjudentum. Er kennt ee wie seine Tasche, er hat ee geschildert wie kein anderer, er bringt dies verschrieene Ostjudentum mit seiner starken Gläubigkeit, seiner Famüiensolidari- tät und Opferfähigkeit jedem aufgeschlossenen Leser so menschlich nahe, daß man die Kraft dieses Volkstums bestaunen lernt. Vielleicht kennt er auch die deutsche Judenschaft, vielleicht auch den deutschen Menschen aus eignem Erleben, aber seine Schilderungskunst versagt vor beiden. Hier ist er nicht daheim. Drum wird sein Roman »Der Krieg geht weiter«(Verlag Allert de Lange) zu einer Enttäuschung. Ein Stück Geschichte deutscher Inflation auf 650 Seiten, 1917 einsetzend, bis 1923 gespannt, breit und offenbar schlecht übersetzt, langatmig und zerfließend. Der jüdische Schieber neben der aasirailierten westlichen Juden- familie mit alter Kultur, beide Teile von so papiernem Leben wie die ganze Inflation, in deren Wirbel die einen steigen und die anderen sinken. Wieviel feiner, treffsicherer, gerechter hat Feuchtwanger solche Familien mit der Hälfte des Seitenumfangea konterfeit! Asch streift auch die Arbeiterbewegung und schon bei der flüchtigsten Begegnung merkt man, wie sehr er sich auf Angelesenes stützt, wie wenig er von den psychologischen Nuancen weiß. Ein sozialdemokratischer Proletarier donnert einen Kommunisten an:»Schweig, roter Hund!« Fän Roter den anderen! Betroffen blättert man weiter und möchte Schalom Asch bald wieder auf sicherem Boden sehen, in einem ausgereiften Werk, möchte Gestalten begegnen, denen sein Kiel das Blut ihrer Erde mit gegeben. Denn er ist ein Dichter, der sich einen großen Namen redlich errungen hat. ♦ Der kommunistische französische Schriftsteller Andr6 Malraux schickt seiner Erzählung»Die Zeit der Verachtung«(Editions du Carrefour, Paris) ein Vorwort voraus, um zu erklären, warum er seinen Kommunisten Kaßner so und nicht anders zeichnet, nämlich in der Verschmelzung mit der Idee, in der Herausarbeitung jener allgemeinen Wesenazüge, die ihn mit den Menschen seiner Gesinnung verbinden. Diese marternde Haft in der Dunkelzelle des Dritten Reiches, diese hochreißenden und niederdrückenden Stimmungen des lebendig Begrabenen, die Rettung und Flucht— das alles hat dichterische Färben und heroische Töne, die wie Musik schwingen und verwehen. Eine Gestalt bleibt nicht. Denn Menschen leben mm einmal nicht durch den inneren Gehalt irgend eines Kollektlvums allein. am stärksten bleiben in uns die Sonder- z ü g e einer Gestalt haften, das, was sie von anderen unterscheidet. Der Leser fühlt sehr bald, daß das eine die fortgesetzte Wiederholung einiger genormter Seelenbilder, das andere aber die Buntheit des Lebens bedeutet. Und die lockt Ihn auf die Dauer, weil sie rätselhaft, überraschungsvoll und unergründlich erscheint. Nebenbei: wenn Malraux die Märtyrer»von Thälmaan bis Torg- ler« feiert, so geht er im kommunistischen Eifer wohl etwas zu weit; bei Torgier haben sich Veränderungen herausgestellt, die in einer eventuellen Neuauflage eine Korrektur notwendig erscheinen lassen. * Sein Buch»Theodor Chlndler« nennt Bernhard von Brentano vielverheißend Roman einer deutschen Familie (Verlag Oprecht, Zürich). Eän Kriegsbuch des Hinterlandes und wohl in der Absicht geschrieben, den Wurzeln heutigen Geschehens bis ins kaiserliche Deutschland nachzuspüren— etwa die Sucht vieler Deutscher nach unausweichlichen Gehorchcnmüssen aufzuzeigen. die Sucht, alle Verantwortimg In die Hand vorgesetzter Mächte zu legen, seien sie auch noch so unzulänglich beschaffen. Nun wäre auf 464 Seiten wirklich Raum genug, manches zu Finde zu sprechen. Der Autor zieht es leider vor, allzuviel Fragen anzuschneiden, ohne sich mit ihnen gründlicher auseinander zu setzen, ohne sie zu durchdenken oder sie in Schicksalen lebendig zu machen. Der Autor politisiert so munter, schief und unbeschwert an den Tatsachen vorbei, als hätte er niemals davon Kenntnis erhalten, als hätte er nicht selbst zwanzig Seiten zuvor darauf hingewiesen. Daß die Umwälzung von 1918, der Zeltmode entsprechend, mit aphoristischen Andeutungen und hohnvoller Ueberlegenheit abgetan wird, überrascht nicht. Der Roman startete mit großen Empfehlungen gewichtiger Namen; wir glauben nicht, daß der emigrierten Literatur mit solchen Irrtümern gedient ist. ♦ In der Büchergilde Gutenberg ist ein neuer Traven erschienen: er setzt die Reibe jener Bücher fort. In denen der che Welt und die Leiden der mexikanischen Urproletarier Wahr sdi elnlldikeiten Ich habe einen neunzehnjährigen Nachbar. Er trainiert von früh bis apät, Morgens Gymnastik, dann Dauerlauf, Message, Seilspringen, Schattenboxen, Uebung am Punchball, Training im Ring mit Sparringspartnern usw. usw. Dazu eine Diät, die ihn stark und doch mager erhält. »Wann steigt Ihr erster Boxkampf 7«, fragte ich ihn. Er schaut mich erstaunt aus treubiauen Augen an. »Boxkampf?— Aber ich verabscheue diesen rohen Sport. Ich bilde mich zum Krankenpfleger aus.« ••• Mein Freund Theobald ruiniert sich um ein Mädchen. Er hungert sich das Geld für Blumensträuße und Konfekt ab. Er steht jede freie Minute vor ihrem Fenster Wache, Er ritzt ihr Monogramm in sämtliche Parkbänke, er verfaßt Gedichte ajuf die Schöne. Neulich hat er eine Wohnungseinrichtung bestellt, an der vermutlich noch seine Erben abbezahlen werden. »Wann hältst Du um Inge an?«, forsche ich. Theobald grinst verächthoh:»Du glaubst doch nicht etwa., ich bewerbe mich um die? — Kein Mansch ist mir auf der ganzen Welt so unsympathisch.« ••• Ein Land gibt aU sein Geld für Rüstungen aus. Es drillt seine Bewohner, Frauen und Kinder inbegriffen, für den Krieg. Es gibt noch mehr Geld für Rüstungen aus. Es ruiniert seine Finanzen, um sich besser zu bewaffne«. Es erzeugt zugleich mit dem Ueber- maß der Waffen künstliche Hungersnot, Rohstoffmangel und Armut, es erklärt Kanonen für wichtiger als Brot und Butter. Wann wird dieses Land Krieg führen? Nie, nie, nie! Bs rüstet allein für den Frieden! Mo. Abtotimg des Fleisches Geharnlsichtc Sonette »Gold gab ich für Eisen« in der Hitlerparaphrase, 1.»... endlich ist die Einstellung zum Gesetz und zu aednem Zweck schief, wenn man einem Erbkranken die Sterilisierung jsrspa- ren« möchte. Das ist an sich ebenso unmöglich, wie man einem Soldaten nicht den FeldtBenst und den Soldatentod, einer Frau nicht die Miuttersohaft»ersparen« kann.« 2.»... Das Opfer, das der Erbkranke brirgt, wird nicht verkannt. Es ist eine sittliche Tat!« Diese ethischen Pfefferkörner sind entnommen dem jetzigen Heft 22, Jahrgang 1 des hitleT-redchoamtlichen»O effentlichen Gesundheitsdienstes«— und zwar In dessen Auslaasungan Uber das Sterilisa- Ooasgesetz. Wie hätte Theodor Kömer ahnen sollen, daß er einmal am vaterländischen Operationstisch und die patriottsohe Lokad- betäubung noch aus dem Grabe heraus be- fitagen würde. Wie gesagt: mit Leycr und Schwert und Rasiermesser.., H. E. Ich spreche von jener Religion, die durch die Lehre von der Verwerflichkeit aller irdischen Güter, von der auferlegten Hundedemut und Engelsgeduld, die erprobteste Stütze des Despotiamius geworden. Heinrich Heine Immer dann, wenn es den Menschen besonders schlecht ging, haben sich Propheten gefunden, die aus der Not eine Tugend, aus dem Hunger eine verdienstvolle Heldentat machten. Im Mittelalter, vor allem zu jener Zeit, da mit der niedergehenden Zunftwirt- sohaft die Zukunftshoffnungen vieler junger Menschen ins Bodenloee sanken, da aber Tausend»ewige Gesellen« trotz harter Arbeit in Armut dahinlebten, wahrend das Meister- Privileg, der goldene Boden des Handwerks, von den Söhnen und Schwiegersöhnen der alteingesessenen Zunftherren edfersüohtig bewacht wurde, erfüllte die katholische Kirche noch das Amt des Trösters, das sie seit Jahrhunderten übernommen hatte, das Amt des Vertrösrters auf die ewige Seligkeit.»Ab- tötung des Fleisches« hieß der Preis,»Himmelreich« hieß der versprochene Lohn, und die Herren der irdischen Welt vertrugen sich mit den Propagandisten der himmlischen aufs beste, ohne übrigens deren strenge Enthaltsamkeitsregeln für ihre eigene Person allzu ernst zu nehmen. Genug, daß die meisten Habenichtse daran glaubten, daß sie über diesem Glauben an eine Erhöhung nach dem leiblichen Tode das Aufbegehren gegen ihr Elend und gegen ihre Unterdrücker vergaßen, genug, daß sie»dem Kaiser gaben, was des Kaisers war«, ohne für sich selbst hinieden mehr denn eine Schütte Stroh und ein tägliches Stück trockenen Brotes zu begehren. Zwischen dem Verwelken der handwerk- lich-zünftlerischen Blütezeit und dem Niedergang der kapitalistischen Wirtschaft liegen Jahrhunderte der Aufklärung, der Rebellionen und Revolutionen, liegt eine Zeit, da sich die Masse Mensch auf sich selbst besann, auf das Recht des Einzelnen an die Güter der Welt, auf die Schönheit des Leibes und den Glanz der Sinnesfreude. Die alte Melodie von der Verrechnung irdischer Entbehrupgen in einer besseren Welt verlor mehr und mehr ihre betäubende Kraft— und im gleichen Maße, wie das geschah, änderte die Kirche ihre einseitige Taktik,»ging sie mit der Zeit«, wurde sie»modemer«. Von den Geißlerzügen bis zu den christlichen Gewerkschaften führt ein weiter Weg, ein Weg übrigens, auf dem sich viele kirchliche und halb kirchliche Funktionäre unmerklich von den herrschenden Be- sitaschichten entfernten. Konnte ein mildes christiioh-sozial es Reformstrelben in der Aufstiegszeit des Kapitalismius noch geduldet werden— ja mochten damals die kirchlichen Arbeitervereine als willkommene Auffangvorrichtung für Unzufriedene, als Damm gegen das Anschwellen des Sozialismus' die Unterstützung der Regierenden finden, so scheint jetzt der Zeitpunkt zu nahen, da jeder frei- wihage Zusammenschluß der Besitzlosen, unter welcher Flagge immer, der um ihr Leben ripgenden Wirtschaftsform gefährlich werden kann. Und jetzt wird die Kirche— vor allem in den kapitalistischen Diktaturataaten, in denen die brutale Gewalt den Sieg davontrug, — aufs neue vor die Entscheidung gestellt; auf welche Seite sie sich schlagen, ob sie mit den Herren oder mit den Entrechteten gehen will. Diese Entscheidung scheint nicht leicht zu sein, sie fiel zunächst keineswegs einheitlich aus. Während anderwärts, etwa in Oesterreich und Italien bereits der Friede mit den kapitalistischen Despoten geschlossen wurde, ist in Deutschland ein Vakuum entstanden, ein Zögern zwischen Ja und Nein, gewiß kein Bekenntnis zu den gegenwärtigen Siegern, aber auch kein eindeutiger, entschlossener Widerstand. Inzwischen hat sich gerade in Deutschland eine neue Situation ergeben. Die Machthaber wollten nicht warten, bis die Kirche sich entschlösse, das Zwischenspiel der christlichen Gewerkschaften zu vergessen und wieder wie einst die Abtötung des Fleisches, die demütige Ergebenheit in alle irdische Ungerechtigkeit, den unbedingten Gehorsam gegenüber der jeweiligen weltlichen Obrigkeit zu predigen. Die nationalsozialistischen Unterdrücker haben sich selbst daran gemacht, diese Predigerrolle zu übernehmen. Fredlich verweisen sie dabei nicht auf das himmlische, sondern auf das Dritte Reich und seine in der Zukunft irgendwann einmal zu erwartende Seligkeit. Wo wir hinblicken— in Arbeitsdienst- und Schulungslagern, in HJ-Helmen und ESnitopfküchen, überall wird ein»hartes Leben« als besonderes Verdienst gepriesen, als nationale Tat, als eine Art Fahrkarte in die Herrlichkeit der noch zu erkämpfenden Zukunft des eigentlichen, vollendeten Hitlerstaatee. Zelte, Feldbetten, spartanische Kost, rauher Drill, früh um vier aprur�auf marsch marsch aus dem Stroh, abends totmüde wieder hinein, dazwischen roboten, daß die Haut von den Händen fällt. Wozu haben die Menschen sich in der Herstellung von Betten vervollkommnet? Damit möglichst viele von ihnen auf Strohsäcken schlafen. Wozu haben sie Bequemlichkeiten aller Art erdacht und unzählige Annehmlichkeiten geschaffen? Damit möglichst Wenige davon Gebrauch machen. Wer etwas anderes meint, wer die Butter auf dem Brot nicht verachtet, wer seine Kinder lieber satt auf dem Spielplatz als hungrig auf dem Exerzierplatz sieht, wer gar ein menschenwürdig bezahlte Arbeit dem? anbezahäten Arbeitsdienst vorzieht, der ein elender Materlallst, ein Marxist, ein Verräter, ein Ketzer, der versündigt sich an der der neuen Religion, die den Führer zum Gott und den Hunger zum Gottesdienst erhaben hat. Wirklich zufrieden wären die nationalsozialistischen Fl edsohab töter eigentlich erst dann, wenn ganz Deutschland vom Direktor abwärts wieder in Zelten schliefe. Wobei die Regierenden in Politik und Wirtschaft sich selbst natürlich ausnehmen, wie etwa die frommen Fürsten und viele Priester und Mönche des Mittelalters es taten. In den Villen und Palästen der Machthaber wird die Erinnerung an das Gegenteil der Askese, an »die verweichlichende Zelt feudaldstlachen Wohllebens« liebevoll gepflegt und konserviert. Auch für die Gefolgschaft gibt es zwischendurch einmal Kraft durch Freude, versteht sich, Madeirafahrten oder Gebirgsreisen. Aber so etwas wird karg zugemessen und selbstverständlich aus den eigenen Beitragsgeldern der zu Dank Verpflichteten bezahlt. Ventilvor- richtungen solcher Art sind nicht neu— selbst das weitabgewandteste Mittelalter hatte seine Kamevalstage und Volksfeste. Der Grundton aber bleibt: hart leben, gefährlich leben, unbequem leben und immer bereit sein, für Gott Führer und Himmelreich Vaterland rauh und schmerzhaft zu sterben. Denn daß der Militarismus mit dem heiligen Feuer seine Gulaschkanonen anheizt, daß er zu den Triebkräften der mittelalterlich- neuzeitlichen Askesebewegung gehört, braucht wohl kaum gesagt zu werden. Wer Landdienst und Arbedtalager hinter sich hat, dem kommt die Kaserne am Ende noch wie eine Sommerfrische vor, und wer an Kohldampf gewöhnt ist, für den ist wenigstens diese Seite des Krieges, für den sind Hunger und minderwertige Ernährung kein Grund zum Meutern. Uetorigens dient auch die Auffassung, daß die Frau eine Zuchtkuh zu sein habe, zwedfeWoe der Abtötung jeglicher Fleischeslust. Vielieloht würde man der Kirche das Einschwenken in die Pührerfront leichter machen, wenn sie nicht Inzwischen entbehrlicher geworden wäre, wenn der Staat nicht selbst die wichtige Aufgabe übernommen hätte, den Menschen, die er nicht sättigen kann, dem Segen der Enthaltsamkeit au predigen. Vielleicht auch tut die Kirche gut daran, sich einmal abseits zu halten, denn<*« Geschichte beweist, daß diese Art, aus der Not der Askese eine heroische Tugend zu machen, immer geendet hat mit dem Niedergang eines Volkes— oder mit Explosionen. rrm Das Herz lacht Auf einer Kundgebung im Dresdner Auf' Stellungspalast sagte Alfred Rosenberg: »Entgegen den Vorwürfen, die man uns macht, hin ich der tiefsten Ueberzeugung, daß erst durch(He nationalsozialistische Bewegung die Freiheit der Forschung wiederhergestellt worden ist. Die nationalsozialistische Revolution hat so viele Gedanken reif zur Ausarbeitung gemacht und so viele Auablicke in die Zukunft und Vergangenheit eröffnet, daß einem Forscher und Denker heute das Herz im Leibe lachen muß.« Vor allem einem Forscher auf dem Gebiet der Geisteskrankheiten. «larstellt. Auch diese» Buch»DI« Troza« schwankt zwischen Roman und sachlichen Schilderungen einer exotischen Arbeitswelt. Die Diktatur der Beutemacher lastet über dem Lande und die barbarischen Methoden des Konzentrationslagers machen arme Indianer im Reiche des Mahagonibaumes zu Sklaven. Der Mahagonischrank entsteht unter Blut, Tränen und allen Höllenqualen der mexikanischen Dschungel. Traven wird nicht müde, die Unterdrücker zu geißeln, aber die Wirkung wäre stärker, wenn er weniger in <5e Breite ginge. B. Br. „Ehrung4* ZeltungBmeJdung: »In Nordhausen wurde zur Ehrung ■tem 44 hier noch lebenden Pferden, die den Weltkrieg mitgemacht haben, eine Feier veranstaltet, au der(He Pferde geschmückt auf dem Neumarkt aufzogen.« Ehr Glück für die Pferde, daß sie Pferde «od! Denn wären sie nicht Pferde, sondern Men- fichen und hätten sie als Soldaten am Weltkrieg teilgenommen und Ihn lebend überstanden und sich danach ertaubt, ihre Liebe für Volk, Land und Freiheit zu bekunden,« könnten<äe Jetzt hinter den Drahtzäunan der Konzentrationslager, hinter Gefängnis- und Zuchthauamauem und In der Emigration sich jener schweren Zeit erinnern, in der sie ihr Lebet» für Deutschiend einsetzten, während die Göbbels, Frlok, Ley, Darrt und hunderte �hdere Naziführer aiohs in der Heimat gut- gehen ließen oder gar, wie Rosenberg, auf der Seite der Gegner gegen Deutschland kämpften. Aber da sie Pferde sind, ehrt das Regime sie"t'» Kriegsvoteraaien. „Sein Geist weht überall...** Uetoer den künstlerischen Tiefstand der Theater im Dritten Reich gibt der Spielplan des Staatlichen Schauspielhauses in Dresden für März 1936 Aufschluß. In diesem ehemaligen Königlichen Schauspielhaus, das unter der Aera Graf Seebach-Zeiß europäischen Ruf genoß und in dem sogar während des Krieges unter der Königlichen Generalintendantur Rosenows»Kater Lampe« und Gö rings »Seeschlacht« aufgeführt wurden, kamen in der Zeit vom 1. bis 31. März 1936 folgende Autoren und Stücke zur Aufführung: Schüler; Don Carlos...... 5 mal Sohiller: Maria Stuart..... 2„ Schiller: Wilhelm Teil..... 1„ Ibsen: Peer Gyrat....... 3„ Zerkaulen: Der Sprung aus dem Alltag.......... 8„ Lilientfedn: Annemarie gewinnt das Freie.......... 4„ v. d. Schulenburg: Schwarzbrot und Kipfel.......... 3„ Lützkendorf: Alpenzug..... 2„ Kaergel: Rübezahl(Uraufführung) 2„ Kuebe: Totila........ 1„ 31 Tage Ob in Schillers»Don Carlos« der Satz: »Geben Sie Gedankenfreiheit, Sir!« gesprochen oder ausgemerzt wurde, wußte leider der Gewährsmann nicht. Und neben achtmal Schiller und zweimal Ibsen 21mal gesinnungszahme Nichtigkeiten bedeutungsloser Autoren _ das ist der Monatsspielplan eines mit ataatlichen und städtischen Mittön reich ausgestatteten Staatstheaters.____ Zerkaulen Ist ein von jeher sehr anpassungsfähiger Journalist, der sich vom Aus- ateUungs-P reaseamt und von der Dresdner Korrespondenz für die»Vossische Zeitung« her rechtzeitig auf den nationalsozialistischen Pegasus geschwungen hat. Als seinerzeit der Demokrat Dr. Külz Dresdner Bürgermeister wurde, schrieb der pausbäckige Streber Zerkaulen für eine Dresdner Tageszeitung flugs einen überschwänglich servilen Lobeshymnus auf Dr. Külz; Zerkaulen reflektierte damals heftig auf eine Berufung in das geplante städtische Presseamt. Nim hat ers als brauner Hoftheaterdirektor geschafft. Hans Christoph Kaergel war früher im katholisch orientierten Bühnenvolksbund tätig, dessen Dresdner Organisation gegen die »Dresdner Volksbühne« aufgezogen wurde. Nebentoer war ea als harmloser Heimatdichter bemüht. Sein Stück»Rübezahl« nennt er ein »Spiel aus Schlesiens Bergen«. Es handelt von einem aufsäßigen Waldarbeiter, einem Aufwiegler, der sich über Rübezahl lustig macht und, während seine Frau krank liegt, mit der Kellnerin einer Riesengebirgsbaude ein Liebesverhältnis anbändelt. Rübezahl mischt sich ein und bekehrt den Spötter am Sterbebett seiner Frau zum Glauben an— Rübezahl: Der Uraufführung am 26. März 1936 ging ein von einem Schauspieler mit Hltlergruß deklamierter Vorspruch voraus, in dem der»Führer« mit einem starken Baum im Walde als Baum unter Bäumen verglichen und von ihm dem Sinne nach gesagt wurde: »Sein* Geist weht überall— auch hier in unserer Mitte weilt sein Geist!« Wahrscheinlich stammt auch dieser Vorspruch von Kaergel. Die übrigen vier Autoren des Märzapiel- plana sind bisher unbekannte Größen. Aber da ihre Stücke aufgeführt wurden, werden sie ebenso gesrnnungstüchtig sein wie ihre braunen Gönner. Und so ist dieser Monatsspiel- plan kennzeichnend für den Tiefstand das Theaterwesen» Im Dritten Reich wie für die braune»Kultur« überhaupt. Manfred. Volksbildung Die Volksbücherei Beriin-Steglitz hat, wie sie der Presse mitteilt, folgende Bücher neu eingestellt: R. Pregel; Das Schicksal des Memel- gebiets. 1935. H. Fetost: Bolschewismus und Judentum. 1934. Fr. Hasselbacber: Entlarvte Freimaurerei. 1934. K. Th. Wedgel: Runen und Sinnbilder. 1935. K. Hau Ohof er: Wehrwiile und Volksziel, 1934. Fr. Kopp: Der Kampf um das MetneMand. 1935. Wenn diese Auswahl den FriedenswiMen der Leeer nicht stärkt, dann gibt es kein Mittel mehr. Heidnisdies Eisbein In einem Buch» AJtgermamsche U eberlief orangen in Kult- und Brauchtum der Deutschen« stellt der Autor Georg Buschan die Behauptung auf, daß Eisbein, ein Festschmaus de» Berliners— den er besonders gern am Donnerstag(Tag des Donar) einnehme—»eis Brauch ein Ueberrest des heidnischen Opferfestes bedeute.« Da» dazu geooasene Sauerkraut versinnbildlicht demnach wohl die blonden Haara der Freys und seilte eigentlich vor dem Genuß zu Zöpfen geflochten werden. SluUntüM duuk AtßiUsttßid wWWWWrwWW W WWrinrTWUwrWrWr Www MSchis als Trommler Die Deutsche Arheitafrorrt bringt es fertig. in Erinoorung an die ersten Versprechungen der>Reichsbetriebszellen-Abteüung« bis zum Jahre 1931 zurück die früheren Versprechungen mit den späteren Taten zu vergleichen, um festzustellen, daß die Nazis»hielten, was sie versprachen«. Zu diesen Versprechungen gehört auch>der rücksichtslose Kampf gegen den Weltkapitalismus und für sozialistische Geredhügkoiit« Das»Arbedtertum« vom 1. Mai 1936 leistet sich zu diesem Zweck die folgende Lüge von einem Aufruf: »Der international- kapitalistischen Welt steht allein die nationalsozialistische Welt gegenüber. Wir Nationalsozialisten demonstrieren am Feiertag dieses nationalsozialistischen Dritten Reiches für die Gemeinschaft aller Schaffenden Deutschlands. Dem kriegshetzerischen, international-kapitalistischen Imperialismus der Welt steht die völkische Idee des Nationalsozialismus als starke Priedenfigarantie entgegen. Wenn in der kapitalistischen Welt das Kapital als das höchste Gut angebetet wird, so haben wir diesen Götzen entthront und aufgerichtet das hohe Ideal der Arbeit.« So durften die schlimmsten Kapitalistenknechte und Kriegsbrandstifter auch in diesem Jahr die deutsche Arbeiterschaft wiederum verhöhnen. Es war ein Maifeiertag des deutschen Imperialismus und des Weltkapitalismus. Aber die Demonstranten mit den geballten Fäusten waren sich bewußt, daß die Komödianten nicht ungestraft die Maisymbole des Sozialismus mißbrauchen dürfen; aus der Komödie wird die Tragödie werden. Lohnanspruch zum 1. Mal Die Korrespondenz der Arbeitsfront beteuert wieder eänmal, daß der 1. Mal heute nicht mehr»der Tag unerfüllter Wunsch- träume« sei, sondern das Symbol der Volksverbundenheit und daß sich die deutsche Justiz in vorbildhcher Weise in der Arbeits- rechtspreohung zum 1. Mai als eine»Hüterin deutscher Ideale« erwiesen hätte. Man könnte glauben, es folgte nun ein Urteil des Reichs- arbedtsgerichts, wonach der Lohnanspruch für den Maifeiertag auf Grund des Sondeigeeetzes vom 26. Aprfl 1934 uned ageschränkte Bejahung erfahren würde. »Sollte doch gerade durch dieses Gesetz Jeder Streit über den Ldhnanspruch an die- son Tage, der seiner Bedeutung Abbruch tun müßte, von vornherein ausgeschlossen werden.« Was folgt sind aber Urteile, die rein negativ aussprechen, welche arbeitsrechtlichen Fbigen sich für den Gefolgsschaftsmann aus der Nächtbeteiligung an dem Maitheater ergeben kfinnen. So wind in etoem Urteil des Landes- arbeitsgerichtB Berlin erklärt, daß dem Führer eines Betriebes die W e 1- terbeschäf tlgung eines Gefolgsmannes, der trotz Belehrung dar Maifeier fern geblieben ist, nicht zagemnitet werden könne. Ob »«toatafelnd&che oder religiöse Gründe« maßgebend waren, Ist gleichgültig. »Die Regelung der Lohnzahlung erfaßt naturgemäß nicht alle vorkommenden Fälle.« OnontoStdlch erklärt die Arbeitsfront auf Grand der bisherigen Rechtssprechung eine Entscheidung als maßgeblich, die besagt: »daß zwar in der NlchtbeteUigung an der Betriebsfeier am 1. Mai der Ausdruck staatsfeindlicher Einstellung erblickt werden könne, daß aber die Teilnahme als solche nicht etwaVoraus- setzung für den Anspruch auf Lohnzahlung ist.« Da» FerhMeiben von den Federn ist rechtlich von Bedeutung, aber die Teilnahme an der Feder verleiht keinen Rechtsanspruch auf den Lohn. »Denn auch hier steht für die Beteiligten die materielle Seite der Angelegenheit im fernsten Hintergrund.« Dieser»nationalsozialistische Gedankengang« g®t für den Gefolgsmann, nicht für den Unternehmer— ein Symbol der Volksvertnun- denbett. Auflockerung der Tarifordnung Im»Recht der Arbeit« werden zum 1. Mal 1936 die Verbesserungen der Tarifordnungs- besti mmungen besprochen. Es wird wiederum an ein Urteil erinnert, wonach ein freiwilliger Verzicht auf tarifliche Ansprüche redhtsun- wirtesam sei. Also Schutz gegen untertarifliche Entlohnung. Ja— aber xum hierdurch entstehende Härten zu vermeiden, gibt eine Durchführungsverordnung dem Treuhänder die Möglichkeit aus»wirtschaftlichen Gründen« durch Anordnung die Geltung einer Tarifordung für einzelne Betriebe oder Gefolgschaf tamitglieder auszuschließen.« Seihst die völlig ungenügenden Tarifordnungen können vom kapitalistischen Unternehmer mit Unterstützung des Treuhänders außer Kraft gesetzt werden. So hat der Na- tianaisoziahamus den»Götzen kapitalistischer Weiit entthront« Sind wir nur Trommler? Das»Artoeitertum« seihst sieht sich genötigt, die Festbetrachtungen und die Reiseberichte von»Kraft durch Freude« mit Betrachtungen über die Erfolglosigkeit der Arbeitsfront zu unterbrechen. Es liegt daran: »Die Deutsche Arbeitsfront wird oftmals noch in ihrem Wesen mißverstanden.« Aber dann kommt daß»Arbeitertum« doch zur Erkenntnis, daß vielfach auch»Böswilligkeit die Triebfeder« des Außenseiter- tums sein müsse. Die gute DAF hat nämlich zwei Gruppen von Gegnern, und zwar »sehen die einen in der DAF die Fortsetzung der früheren Gewerkschaften und halten sie für eine reine Arbeitnehmerorganisation, während die anderen nur die Tatsache ins Auge fassen, daß in der Deutschland— eine Spielschule Die Untertanen werden zu»Kindern a. D.« ernannt— ein Baurat faltet Papierfrösche— eine Dame in Trauer tröstet sich mit Klötzchen. Die Leiter der»NS-Kulturgemeinde« haben einen Einfall gehabt, der ihnen dem höchsten Orden des Reiches eintragen sollte. Sie sind zu dem Entschluß gekommen, demnächst im Westen Berlins und später in vielen Städten eine Spieischule zu erridhten— eine Spielschule für Erwachsene. Eine Beritner SchriftateHerin und Hätlerike namens Ilse KattenUdt, die am der Sache mitarbeitet, empfing mehrere JoumaJiaten und führte ihnen die ersten Experimente vor. Sie begründete den genialen Plam also: »Erwachsene empfinden die Wirklichkeit des Lebens bisweilen bis zum U e b e r- dru ß. Sie spielen dann gern— spielen sich aus der Wirklichkeit hinaus ... Im Gegereatz zum glücklicheren Kind, das sich noch in die Welt hineinspielt, dessen Spielzeug der Wirklichkeit entsprechen soll. Der Erwachsene aber— je i n Kind a. D.' _ findet im Spiel wieder zum Ur-Iöh zurück und gewinnt, derart entfernt von der Wirklichkeit, eine neue Stellung zu dieser.« Bin Teilnehmer der Journal istenexpedition, ein findiger Kopf, wollte sich als erster Schü- ler anmelden, wahrscheinlich in der Hoffnung,«TvfHr.h einmal ohne Aufsicht des Zensors und uniter dem Vorwand der Spielerei still vor sich hin meckern zu dürfen. Dun wurde jedoch, wie die Berliner Tageszeitung »Der Westen«, berichtet, eine Ueberraschung zuteil. Er war gar nicht der erste. Die gute Tante der NS-Kultuigemelnde beiehrte ihn: »Glauben Sie nicht, daß Sie der erste sind! Das ist ein Berliner Bau rat— jawohl!—, und der nimmt bei mir schon seit Wochen Unterricht im Fadenspiel. Er ist auch fürs Spielen hochbegabt. Da— diesen reizenden Frosch aus Papier hat er selbst gefaltet und mir geschenkt. Und sehen Sie einmal nebenan hinein...< Sie öffnet eine Sedtentür des Arbeitszimmers. Im Nebenraanm sitzt eine Dame am Tisch, die tief darin versunken Ist, eine Anzahl Holzklötzchen, deren Seiten Deutschen Arbeitsfront auch Betriebsführer organisiert sind«. Es soll, wie ausgeführt wird, sogar einige Fachverbände von Akademikern geben, die sich einbilden, Beruf smtereasen vertreten zu wollen.»Denn«, so seufzt die DAF,»wo sollen wir hinkommen, wenn wieder jeder Beruf seinen Laden aufmacht.« Diese ewigen Sonderinteressen der Klassen müssen endlich aufhören. Es seien auch immer dieselben, die die DAF von ihren Aufgaben eines Reisebüros abdrängen wollen »und es damit genügen lassen wollen, daß die Deutsche Arbeitsfront nur zur Rolle eines Trommlers für die Idee der Volksgemeinschaft herabgewürdigt wird. Die DAF denkt gar nicht daran, sich zu einer solchen Rolle herzugeben«. Warum wehrt sich eigentlich die Arbeitsfront so sehr gegen die Rolle des Trommlers? Die alten Kämpfer müssen doch schließlich in einer ihnen arteigenen Weise beschäftigt werden. verschieden gefärbt und numeriert sind, so zusammenzustellen, daß Farben und Zahlen der einzelnen Klötze in ein bestimmtes Verhältnis zueinander kommen. Die Spielende bemerkt uns gar nicht. Sie trägt Trauerkleidung... Auch behutsam wird die Tür gesöhloasen.« »Sie trägt Trauerkleidung...« Vielleicht ist ihr Mann im Konzentrationslager erschlagen worden, vielleicht ist ihr kleines Söhnchen beim staatlich befohlenen Kriegaspiel tötlioh verunglückt. Da darf sich die FVau nun beim Anblick bunter Holzklötzchen ins Reich der Vergessenheit htnüberapielen. Denn spielen ist besser als nachdenken. Nachdenken dürfen die »Kinder a. D.« nicht, dagegen muß eingeschritten werden, sei es nun mit HUfe der Polizei oder mit Hilfe einer Kindergärtnerin. Während ihrer nächsten Tagung in München vom 14. bis zum 21. Juni wird die NS- Kulturgemeinde erstmalig eine Ausstellung »Die Welt im Spiel« veranstalten, die den Heben Käaderchen vom 30 Jahren aufwärts zeigen soll, wie man sich von dieser Welt des Jammers und des Hlüer-Terrors durch Papierfrösche ablenkt. Inzwischen spielen die Anführer weiter mit Giftgas, Autostraßen und Kruppstahl, bis den harmlos bastelnden Untertanen eines Tages das Dach überm Kopf wegbrennt. Neue Tarnung Lache mit Entrüstung! In Deutschland gibt es jetzt eine regelrechte Angst vor Witzen. Sie werden nur flüsternd im engsten Kreise weiter gegeben, denn sie sind entweder politisch gefährlich oder sie verletzen irgendiwelche Ehre. Nachdem jeder Stand seinen Führer hat und selbst der Reichsanglerführer über seiner oder der Ehre seines Sports wachen muß, hat die Humorlosigkeit des deutschen Untertanen derartige Dimensionen angenommen, daß sämtliche Ehrengerichte Ueberstunden machen müssen und selbst die»Deutsche Arbeitskorrespondenz« sich genötigt sieht, vor zuviel Humorlosigkeit zu warnen. Es heißt da laut DAF: »Wer mit»außenpolitischen« Argumenten gegen einen Berufswitz kocnca� der erhebe einen lächerlichen Einwand, der schon seihst ein Witz sei. Und ein Anzeichen beginnender Schwermut sei es, Berufewitze damit zurückzuweisen, daß wir alle schwer zu arbeiten hätten, unsere Pflicht für die Gemeinschaft erfüllten und uns deshalb nicht anzapfen zu lassen brauchten. Jeder in Deutschland habe schwer zu arbeiten, aber deshalb weil wir unsere Pflicht erfüllten, brauchten wir noch lange nicht trübsinnig zu werden.« So wahTVsnrrig sieht es drüben jetzt aus, und mitunter hält es allerdings schwer, darüber nloht trübsinnig zu werden... Wie Jedoch, um wieder auf die DAK zu kommen, stehts eigentlich mit den»Berufswitzen« gegen die Bonzerie? Wie schon berichtet, wurde kürzlich ein Zentrumsarbeiter in Elfsen eines Hitlerwitzes wegen zu 15 Monaten und dieser Tage ein Handelsmann in Hagen wegen der gleichen Majeatätabel eadigung zu 12 Monaten Kerker verurteilt. Das Dortmunder Naziblatt berichtet darüber: »Der Angeklagte woilte dem Dortmunder Sondergericht erzählen, er habe den »Witz« kurz zuvor von einem Unbekannten gehört und ihn nur voller Entrüstung wiedergegeben. Das war aber nicht der Fäll, dann er hatte ihn ja im Anschluß an andere wirkliche Witze lachend vorgetragen.« Wie aber, wenn der Handelsmann den Witz nachweisbar mit Entrüstung vorgetragen hätte? Wäre er dann frei gekommen? Das muß nach dem Bericht angenommen werden. Damit ergibt sich ein neues Rezept: Man erzähle die Etihreranakdoten der SA mit zitternder Eknpörung weiter. Das Ist außerdem eine besonders komische Nuance, und so kann die Welt ein Volk erleben, daß für alle Fälle jeglichen Spaß mit gerunzelter Stirn und mörderischen Flüchen gegen den volksverräterischen Urheber weiter gibt und jegliches Lachen in bebende Elntrüstung wandelt. Vielleicht wird das mit den übrigen Berufswitzen(siehe obiges Zitat) bereits so gehandhabt und die volksfremden Bonzen der DAK verstehen ihre Untertanen nur nicht mehr so recht! Wie gesagt, man findet sich da von draußen nicht mehr ganz hinein! Die Renegaten-Schau Das Königsberger Naziblatt verkündet hoch erfreut, daß man am 1. Wni endlich eine »richtunggebende« Revue gehabt habe. »So ist zum Beispiel unter den zahlreichen Darbietungen, die In letzter Zelt die Erhebung des Proletariats zum deutschen Arbeiter, zum Volksgenossen zum Thema hatten, selten eine so eindrucksvolle gewesen wie etwa das 8. Bild dieser Revue »Befreiung aus Vulkanfeseeln«.« EJrhebung des Proletariats zum Untertan mit Maulkorb— wieder eine Verheißung erfüllt! Ganz am Schlüsse erfährt man rian zu den Vätern der braunen»Schau« auch Hans Reimann gehört, vor 1933 ein kesser Satiriker wider das Hakenkreuz. Wir haben immer gesagt, daß es nicht aus ihren Reihen, sondern von Renegaten stammen wird, wenn sie einmal etwas Brauchbares zu fassen kriegen sollten. ItopHorraMs iBeikädtmcfcaUfdye» iDodyenbUM Herausgeber: Ernst Sattler; verantwortlicher Redakteur: Wenzel Horn; Druck:»G r a p h 1 a<; alle in Karlsbad. Zeitungstarif bew. m. P. D. ZI. 159.334/VII-1933. Printed in Czechoslovakia. Der»Nene Vorwärts« kostet im Einzelverkauf innerhalb der CSR Kö 1.40(für ein Quartal bei freier Zustellung Kö 18.—). Preis der Einzelnummer Im Ausland Kö 2.—(Kö 24.— für das Quartal) oder deren Gegenwert in der Landeswährung(die Bezugspreise für das Quartal stehen In Klammern): Argentinien Pes. 0.30(3.60), Belgien Belga 0.48(5.90). Bulgarien Lew 8.—(96.—). Dan zig Guld. 0.45 (5.40), Deutschland Mk. 0.25(3.—), Estland E. Kr. 0.22(2.64), Finnland Fmk. 4.—(48.—), Frankreich Frs. 1.50(18.—), Großbritannien d 4.—(Sh. 4.—), Holland Gld. 0.15(1.80). Italien Lir. 1.10(13.20), Jugoslawien Dln. 4.50 (54.—). Lettland Lat. 0.30(3.60), Utauen Lit. 0.55(6.60), Luxemburg B. Frs. 2.45(29.50), Norwegen Kr. 0.35(4.20), Oesterreich Sch. 0.40(4.80), Palästina P. Pf. 0.020(0.216), Polen Zloty 0.50(6.—), Portugal Else. 2.— (24.—), Rumänien Lei 10.—(120.—), Schweden Kr. 0.35(4.20), Schweiz Frs. 0.30(3.60), Spanien Pes. 0.70(8.40), Ungarn Pengö 0.35 (4.20), USA. 0.08(1.—). 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Die neudeutsdie Frau kehrt zur Großmutter heim »I5s ist eine Lüge, wann immer wieder behauptet wird, der NatdonalaozialismAM würde der FYau nicht die Ausbildungsmöglichkeit geben, die ihr entspreche.« Rei chaf rauertf ührerin Scholz-Kllnk auf einer Kundgebung der NSDAP In Aachen. »Wir werden keine weiblichein Pfarrer und keine weiblichen Richter oder Bürgermeister mehr erleben; dies waren Fehlentwicklungen einer rückliegenden Zeit. Die Frau muß Im Studium daher vor allem auf die Lehr- und Heiliberufe verwiesen werden. Dazu iot zu sagen, daß für eratere die Aufnahme In den Numerus clausus nötig ist, daß bei den letzteren die Zahl der Kinder- und Frau enärztirmen bereits bedenklich groß ist.« »Badische Schule«, Heft 2, 1936. »Da zur Zeit zahlreiche Studienassessorinnen und Stilldienreferenda rinnen vorhanden sind, und noch viele Studentinnen mit der Absicht studieren, später Studien rätin zu werden, muß der Zugang zu diesem Beruf vorübergehend unterbrochen werden. Aus diesem Grunde werden an den preußischen Hochschulen für Lehrer- ( innen)bildung zum Wintersemester 1036/1937 noch keine Abiturientinnen, die Studien- rätinnen werden wollen, aufgenommen. Den Abiturientinnen in Preußen, die hiernach im Jahre 1937 das Studium für das Lehramt an Volksschulen beginnen wollen, wird empfohlen, den Arbeitsdienst zu leisten und sich nach Möglichkeit auf haue wirtschaftlichem Gebiet oder in der Landwirtschaft zu betätigen.« Mitteilung in der gesamten Preußischen Presse. »Die Zahl der weiblichen Studierenden ist sehr stark im Abnehmen begriffe n. So hat sich vom Sommersemester 1931 bis zum Wintersemester 1933/34 der Besuch der philosophischen Fakultäten durch FVauen von rund 6000 auf 3800 vermindert. Bei der Naturwiasenschaft ist ein Rückgang von 3600 auf 2000 zu verzeichnen, bei der Rechtswissenschaft von 1200 auf 500 und bei der Voiks- wirtschaft von 700 auf 220. In der gleichen Zeit sank die Oesamtzahl der Handelawiasen- BChaftlerinnen von 730 auf 400, dl« der Vo«ks- und Beruf sschullehrerinnen von 2500 auf 1300, die der weiblichen Studierenden der evangelischen Theologie von 315 auf 270 und cfie der Zahnheilkunde von 2150 auf 1160.« »Die Deutsche Kämpferin«, Aprilheft.