Nr. 153 SONNTAG, 1?. Mai 1936 6�ial�molra�ifc�gg SPpcfrgnfrto# Verlag; Karlsbad, Haus„Graphia"«— Preise und Bezugsbedingungen siehe Beiblatt letzte Seite Aus dem Inhalt; Kapitulation vor der Gegenrevolution Schachts Todesahnung Polen, wohin? Schwerindustrie will abwerten Diktatur über Europa Vom Mussolinifrleden zum Hitlerfrieden Mussolini hat Abessini en erobert und seinen Schattenkönig zum Kaiser von Abessinien befördert. Die Eroberung hat nicht Jahre gedauert, wie die meisten militärischen Sachverständigen voraussagten, sondern nur sieben Monate. Die Gründe sind klar. Noch nie ist ein Kolonialkrieg mit so überwältigender Uebermacht an Material und Mann geführt worden. Die Motorisierung und die Flugwaffe reduzierten die Gelände- und die Nachschubschwierigkeiten in unerwarteter Weise, machten jeden Widerstand geschlossener Formationen, die nicht über gleichwertige Aus- rüstung verfügten, aber auch den gefürchteten Guerillakrieg unmöglich. Soweit es zu kriegerischen Handlungen kam, war es das Morden fast Wehrloser durch die Italiener, und auch Giftgase durften nicht fehlen. Jubelnd feiert Rom die Heldentaten seiner Armee. Mussolini hat nicht nur den Völkerbund zerrissen, er hat auch die Verträge von 1906 und 1925 über die Abgrenzung der Interessensphären Italiens, Frankreichs und Englands durch die nunmehr proklamierte vollständige Besitzergreif ung Abessiniens vernichtet. Das ganze Abessinien muß es jetzt ga«. Dgs igt u.« fax gern a n a, der faschistische Friede.... Bedeutet Hitlers Rheinlandbefestigung den beginnenden Umsturz der Machtverhältnisse in Europa, so Mussolinis Sieg den Ausgang für weitreichende Aenderungen in den imperialen Beziehungen. Abessinien, in der kriegerischen Hand der italienischen Diktatur, ist eine unmittelbare Bedrohung der englischen Stellung in Aegypten, dem Sudan und in Kongo, der Durchfahrt durch das Rote Meer und damit des Seewegs nach Indien, die sich zur Schwächung Englands im Müttelmeer gesellt. Es ist die stärkste Gefährdung des englischen Imperiums seit der deutschen Kriegserklärung von 1914. Mussolini konnte das abessinische Abenteuer wagen infolge der völligen Aende- rung der europäischen Machtlage durch die deutsche Aufrüstung. Die, die heute seine Untat verurteilen, das Binde des Völkerbundes, das Ende der»kollektiven Sicherheit« bejammern, damals aber die Aufrüstung Hitlers ruhig geschehen ließen, damals als es Zeit war, und es keinen Krieg und kein einziges Menschenleben gekostet hätte, tragen die Mitverantwortung. Aber damals hat die englische Regierung, hat die Labour Party, ach, so viel Verständnis für die Gleichberechtigung des Gangsters gehabt, hat die Labour Party sich gegen jede wirkliche Verständigung mit dem unmittelbar bedrohten Frankreich gestemmt, hat jede wirksame Aktion vereiteln helfen. Als Deutschland von der heimlichen Aufrüstung zur offenen überging, als es die Abrüstungskonferenz sprengte und den Völkerbund, auch da wäre es noch Zeit gewesen, und wieder wurde sie versäumt Wieder versagte die englische Hilfe, wieder panzerte sich die Labour Party mit ihrem unerschütterlichen Pazifismus, die französischen Regierungen fühlten sich allein zu schwach und die französischen Sozialisten pflanzten mit schöner Geste noch am Grabe die Hoffnung auf und forderten die»Fortsetzung der Abrüstungskonferenz mit oder ohne Deutschland. Mussolini wurde dabei vergessen und die beiden Diktatoren bereiteten unterdessen ungestört ihre Kriege vor, Hitler in seinem Vertrauen auf die englische Politik neu bestärkt durch das Flottenabkommen mit England, das seinen Vertragsbruch sanktionierte. So kam, was kommen mußte. Frankreich, angesichts der Bedrohung durch Hitler von England immer wieder in Stich gelassen, suchte seine Position zu stärken; Bund mit Rußland, Annäherung an Italien, die England unterstützte und der es sich in Stresa anschloß. Die»Front von Stresa« sollte die neue Garantie des europäischen Friedens sein, im Völkerbund ließ sie eine drohende Verwahrung gegen künftige deutsche Vertragsbrüche beschließen, und geschah auch nichts gegen die fieberhafte deutsche Kriegsvorbereitimg— die Abwehr der Völkerbundswelt unter Führung der drei Großmächte und der Hilfe Rußlands schien gesichert. Aber Mussolini ist kein Friedenswächter und die Sicherheit Frankreichs ist nicht seine erste Sorge. Der Diktator geht seinen Weg und— als Mitglied des Völkerbundes oder nicht— die kollektive Unsicherheit und nicht die kollektive Sicherheit ist sein Interesse. Die Tragödie nahm ihren Verlauf. Hätte der Ausgang verhindert werden können? Frankreich wußte in seinem Rücken das stets anwachsende Heer Hitlers. Sollte es Italien in die Arme Deutschlands treiben oder es als künftigen Factor gegen Hitler ausschalten? Konnte es andererseits zulassen, daß ein ungestörter Krieg gegen ein Völkerbundsmitglied den Völkerbund zerstörte, auf dem bisher seine Politik der Sicherheit beruhte, die gerade jetzt so gefährdet war? Aber der Völkerbund hatte soeben in der alles entscheidenden Frage der deutschen Aufrüstung versagt und der Beweis war erbracht, daß ohne England die anderen Regierungen— Rußland vielleicht ausgenommen— kein Vorgehen wagen wollten oder konnten, das ohne England für sie Kriegsgefahr bedeutete. Ohne völlige Einigung zwischen England und Frankreich auf allen wichtigen Gebieten der Politik ist der Völkerbund aktionsunfähig. Sollte Frankreich seine ganze Kraft gegen Italien zur Verfügung stellen, dessen Annäherung ihm eben erst erlaubt hatte, seine Truppen von der italienischen an die deutsche Grenze zu verlegen, so mußte es wenigstens der englischen Unterstützung in Zukunft gewiß sein, wenn es um lebenswichtige Fragen seiner Sicherheit und um die des europäischen Friedens in Mittel- und Osteuropa geht. Aber gerade eine solche zuverläßliche, bestimmte, verpflichtende Zusicherung war von England nicht zu haben. So blieb Frankreich in dem unauflöslichen Dilemma stecken, in das es die Weigerung Englands, Verpflichtungen über einen unprovozierten Angriff Deutschlands auf Belgien oder Holland hinaus zu übernehmen, gebannt hat Die Diktaturen, wie immer ihr momentanes gegenseitiges Verhältnis ist, stützen einander durch ihr bloßes Vorhandensein. Denn indem jede jeweilig in erster Linie eine Bedrohung für eine Macht oder" Militärgruppe ist, spalten sie die Interessen der Abwehrmächte und verhindern, jeder zum Vorteil des anderen, deren Zusammenwirken. War Mussolinis Krieg nur möglich durch die deutsche Aufrüstung, so Hitlers Rheinlandbesetzung nur durch das abessinische Abenteuer. Und Mussolinis Sieg bekräftigt Hitlers entscheidenden Erfolg. War England— und zwar wieder Regierung ui�d. Labour Party•— schon während des Krieges nicht bereit etwas Wirksames gegen die Wiederbesetzung der Rheinzone und gegen deren Befestigungen zu tun oder zusätzliche Garantien gegen Friedensstörungen in Mittel- und Osteuropa zu übernehmen, so noch weniger nach Italiens Sieg. Denn da dieser eine permanente und gefährliche Steigerung der italienischen Macht bedeutet, so wird die Abneigung Englands, neue Verpflichtungen einzugehen, sicher nicht verringert werden und das Bestreben, Hitler-Deutschland zufriedenzustellen, ein Zusammenwirken beider Diktatoren auf alle Fälle zu verhindern, vielleicht noch seltsamere Blüten treiben als bisher. Bald zehn Wochen sind seit dem 7. März vergangen und England ist so weit, an Hitler einen Fragebogen zu richten, in dem er um nähere Auskünfte über seinen Friedensplan ersucht wird. Von der berühmten Uebergangsperiode, in der die deutsche Grenze von englisch-italienischen Truppen— komisch, nicht?— besetzt werden, das deutsche Militär beschränkt und Befestigungen unterlassen werden sollten, ist nicht mehr die Rede. Die deutsche Zementproduktion hat allerdings unterdessen eine neue Rekordhöhe erreicht Wann und was Hitler auf die Fragen wegen seiner Absichten in bezug auf Sowjetrußland oder Oesterreich, auf seine Kolonialansprüche oder gar auf seine Absicht, in Zukunft Verträge zu halten, antworten wird, steht dahin. Aber es ist auch ganz gleichgültig. Denn was wird geschehen, wenn die Antworten ungenügend und unbefriedigend ausfallen? Das ist schon vor- i gekommen, zum Beispiel neulich, als Hitler sich weigerte, einem Friedenspakt im Osten beizutreten oder kürzlich, als Hitler die freundliche Aufforderung Englands, einem Luftpakt anzuschließen, unbeantwortet ließ. Der Ostpakt wurde fallen gelassen, der Luftpakt wurde nicht geschlossen. Hitler braucht also nur wieder seine allgemeinen Redensarten zu wiederholen und die Akten werden eine Zunahme erfahren. England wird sich hüten, Deutschland in die Arme Mussolinis zu treiben, wie sich Frankreich gehütet hat, Italien in die Arme Hitlers zu treiben. Mussolini hat ein Reich, das dem Völkerbund angehörte, er hat wichtige Verträge vernichtet, aber die Illusionen zu zerstören, hat er nicht vermocht. Die französische Politik träumt von einer Wiederherstellung der Stresafront Aber die römische»Tribuna« erklärt in einem halbamtlichen Artikel:»Wir möchten diejenigen, die es wagen, von der Stresafront zu sprechen, wenigstens um ein Mindestmaß von Schamgefühl bitten«. Und Hitler läßt bereits die Wiederaufrichtung der Stresafront in seiner Presse als eine neue Bedrohung Deutschlands hinstellen. Weder in Paris noch in London will man sehen, daß die aggressiven Diktatoren sich ihrer innersten Natur nach nicht in ein Friedens- Die Gestapo darf morden! TSn ganzes Heft der Zeitschrift»Deutsches Recht«, dem Zentralorgan der NS-Juristen- schaft, ist der Geheimen Staatspolizei gewidmet. Vorab verdienen zwei Sätze festgehalten zu werden. Es heißt dort: »Alle staatlichen Einrichtungen müssen an sich unbedingt in festen und gleichbleibenden Formen arbeiten, wenn nicht das ganze Staatsgefüge erschüttert und aufgelöst werden soll. Allein die Wehrmacht im Kampf gegen den äußeren Feind, die Geheime Staatspolizei im Kampf gegen den inneren Feind müssen von solchen Bindungen freibleiben.« Die Gestapo kennt also keine Bindungen an das Recht, keine Schranke der Rechtsordnung. Die Rechtsgüter des Lebens, der Gesundheit, des Eigentums und der Ehre, Verträge und Verpflichtungen, alles das existiert für die Gestapo nicht. Die Mitglieder dieser Behörde sind Hilfsbeamte der Staatsanwaltschaft. Sie haben die Pflicht, jedes Recht zu verletzen, das ihnen hinderlich erscheint. Wird endlich die Welt begreifen, daß die von der Gestapo durchgeführten Strafverfahren auch nicht mehr das geringste mit einem ordentlichen Verfahren gemein haben? Die Gestapo hat als Polizeibehörde mannigfache Beziehungen, zu den Polizeibehörden anderer Staaten. Können diese Staaten an der Tatsache vorübergehen, daß diese deutsche Polizeibehörde keine Voraussetzung einer zivilisierten Staatseinrichtung besitzt? Die oben zitierten Sätze sagen dem Kenner deutscher Verhältnisse nichts neues. Aus Tausenden von Einzelfällen mußte er zu dem Schluß gelangen, der ihm jetzt amtlich vorgesetzt wird. Denn diese Sätze stehen nicht nur in einer offiziellen Zeitschrift, sie stammen auch von zuständiger Seite, da ein Regierungsdirektor im Geheimen Staatspolizeiamt— also ein Stellvertreter des Chefs dieser Behörde— ihr Verfasser ist. Sein Name ist Dr. Werner Best, weiland Verfasser der Boxheimer Dokumente, deren Richtigkeit damals von dem Führer der NSDAP so heftig bestritten wurde, daß es der republikanische Oberreichsanwalt glaubte. Das Bestäche Agrarprogramm ist allerdings vergessen. Desto konsequenter ist sein Tot- schlagsprogramm durchgeführt worden und man wird zugeben müssen, daß die Stelle eines Regierungsdirektors der Gestapo mit keinem würdigeren Jüngling besetzt werden konnte, als mit diesem Herrn Best. Volksgerlffat auf Lebenszeit Faschistische Machthaber verzichten auf kein Mittel zur Sicherung ihrer Position. Sie bauen diese Sicherung im Gegenteil nach allen Richtungen aus. Das zeigt auch das neue Gesetz über den Volksgerichtshof, durch das dieses Gericht, dessen Geltungsdauer ursprünglich befristet war, eine dauernde Einrichtung wird. Die barbarischen Untersuchungsmethoden dieses Gerichts, die völlige Rechtswillkür seiner Verhandlungs- weise,' der politische Fanatismus, der durch die nichtrichterlichen Beisitzer, die aus SS und Militärkreisen stammen, noch verschärft wird, sollen den Charakter des Volksgerichtshofes als einer Abschrek- kungsinstanz noch verschärfen. Von besonderer Bedeutung ist, daß die Beisitzer des Volksgerichtshofes jederzeit abberufen werden können. Sie haben also keinerlei richterliche Unabhängigkeit. In ihrer Besoldung werden sie den höchsten Reichsrichtem gleichgestellt, also besser gestellt als sonstige Richter. Zuckerbrot und Hungerpeitsche, das sind die Mittel, mit denen der Nationalsozialismus die Richter dauernd zwingt, seine politischen Gegner nicht zu verurteilen, sondern zu verderben. systerr»'nfTgen lassen, so lange sie nicht müsssi! Und müssen werden sie nur, wenn sie sich einer überwältigenden militärischen Uebermacht gegenübersehen und wissen, daß davon auch Gebrauch gemacht werden würde. Das ist eine bittere Wahrheit, aber daß es soweit gekommen ist, daran sind die schuld, die nicht den Anfängen gewehrt haben. Die französischen Sozialisten werden in einigen Tagen die Verantwortung für die Außenpolitik Frankreichs übernehmen. Leon Blum hat ein ausgezeichnetes Ziel proklamiert; den entwaffneten Frieden. Eine gerechte Abrüstungskonvention soll mit oder ohne Deutschland abgeschlossen werden.(Italien wird wieder vergessen.) Dann soll Deutschland zum Beitritt aufgefordert und im Weigerungsfall durch friedliche wirtschaftliche Mittel dazu gezwungen werden. Ein schönes Ziel, aber ein langer Weg. Denn leicht wird der Abschluß nicht sein. Japan, das eben jede Flottenvereinigung abgelehnt, mit China permanent Krieg führt und für Rußland Wie sie lügen Infame Verleumdung eines Terroropfers Wir waren geneigt zu glauben, daß die Geschicklichkeit der Nazi in Lügen auf der gleichen Höhe ist wie die Unverschämtheit, mit der ade dieses Metier betreiben. Das war ein Irrtum, Die Leser erinnern sich des Falles des jüdischen Rechtsanwalts Fließ in Magdeburg. In einer Verhandlung vor dem Arbeitsgericht hatte sein nationalsozialistischer Gegner Rechtsanwalt K u h 1 m e y, mit Erfolg beantragt, Fließ die ihm bereits erteilte Ermächtigung, für eine jüdische Partei aufzutreten, wieder zu entziehen. Das Argument, daß man einem Juden gestatten müsse, sich durch einen Stammesgenossen vertreten zu lassen, hatte Kuhlmey mit der Bemerkung bekämpft, dann würde auch ein Neger beanspruchen können, daß ihn ein farbiger Sachwalter bestellt werde, wobei er kein unbedingt friedlicher Nachbar ist, j bemerkte, daß er die Negerrasse damit nicht wird einige Schwierigkeiten machen. Und beleidigen wolle. Er würde unter Umständen Rußland, das gegen Japan nicht abrüsten 1 Heber mit einem Neger als mit einem Juden kann und damit Deutschland den Vorwand i verhandeln. Daß Kuhlmey durch diese Worte liefert, militärische Stärkeverhältnisse zu Fließ seine Geringschätzigkeit zu erkennen fordern, die für Frankreich unannehmbar geben, ihn wegen seiner Zugehörigkeit zur jüdischen Gemeinschaft als minderwertig besind? Und Italien? Aber wozu weiterfra- gen? Bevor noch die ersten Schritte zurückgelegt sind, ist die Kriegsstärke erreicht, die Deutschland erlaubt, der Welt zu zeigen, was nach der Fax Romana eine Fax Germanica bedeutet. Dr. Richard Kern. zeichnen wollte, liegt auf der Hand. Fließ beschwerte sich über seinen vornehmen Gegner beim Vorstand der Anwaltkammer, deren stellvertretender Vorsitzender Kuhlmey Ubri- geais trotz moralischer und intellektuericr Inferiorität und unvorstellbaren Liederlichkeit in der Bearbeitung der ihm anvertrauten Sachen ist. Natürlich fand der Vorstand keinen Anlaß, gegen sein kostbares Mitglied, das Fleisch von seinem Fleisch Ist, einzuschreiten, veranlaßte vielmehr den Staatsanwalt, gegen Fließ Anklage wegen wiasent- gegen italienische Antifaschisten gefällt: jlch faiacher Anschuldigung zu erheben. Arbeiter Giuseppe Taucer zum Tode pueß war solchem Uebermaß von Gemeinverurteilt und In Rom erschossen: i.,______,____,, ,v,,,. Siebzehn Arbeiter aus Reggio Emilia helt&ewach3en und machte 8111 zwei- Die Kulturträger Terror-Urteile In Italien, Im Monat Februar hat das faschistische Sondergericht die folgenden Schreckensurteile zu insgesamt 102 Jahren Zuchthaus verurteilt; vier Arbeiter in Malland zu Insgesamt 45 Jahren Kerker; Guemandi Gino, 24 Jahre Kerker; Dr. Michele Giua, berühmter Techniker, 15 Jahre Kerker, weil er sich weigerte, den Faschisteneid abzulegen und Beziehungen zu seinem Sohne unterhielt, der als Emigrant in Paris lebt; Dr. Augusto Monti, Dichter und Schriftsteller, 5 Jahre Kerker, well er sich der Kinder Gluas angenommen hatte; Dr. Manimo Mlla, Dichter und Kunsthistoriker, 8 Jahre Kerker; Signor Perelli und sein Sohn Je 8 Jahre Kerker. Das ist das System, das den Abessiniem mit Giftgasen die Kultur beibringt. Der»geredite Lohn« Direktorenlöhne verdoppelt, Arbeiterlöhne gesenkt. Am 1. Mal 1835 hatte der Ley versprochen, bis zum Maitag 1936 für»Sicherung des gerechten Lohnes« zu sorgen. Zwar geschah nichts dergleichen, zwar wurde den Arbeitern anstatt dessen geraten, sich ohne gerechten Lohn»ihres Lebens zu freuen«, aber eine andere Schicht des deutschen Volkes hat«ich inzwischen die Scheibe vom Braten abgeschnitten, die den Arbeitern versprochen worden war. Das ist sogar der»Preußischen Zeltung« aufgefallen. Sie schreibt: ten Weihnachtsf eiertag v. J. einen erfolglosen Versuch des Selbstmordes. Am 15. Januar d. J. fand die Hauptverhandlung gegen ihn statt Die Strafkammer, deren»rechtskundige« Mitglieder der Landgerichtsdirektor P I p p i g und die Landgerichtsräte Henning und Friedrich waren, erkannte gegen Fließ wegen wissentlich falscher Anschuldigung auf neun Monate Gefängnis. Der Vergleich zwischen Jude und Neger habe, wie Fließ klar erkannt habe, keinen für ihn beleidigenden Charakter gehabt, habe vielmehr nur völlig objektiv die nationalsozialistische Weltanschauung zum Ausdruck bringen wollen. Die Behauptung von PMefl, daß Kuhlmey ihn beleidigt habe, sei also wissentlich falsch gewesen. Am 29. Januar d. J. schied Fließ freiwillig aus dem Leben. Der Beweis dafür, daß ein das Recht verletzendes Urteü auf Rechtsbeugimg beruht, ist nicht leicht zu führen. Hier ist er mit ungeheurer Wucht erbracht Einen Mann, der verächtlich behandelt war und Schutz suchte, mit harter Strafe dafür zu belegen, daß er es gewagt hat sich gegen die ihm zugefügte Herabeetzimg zu wehren, einen offensichtlich aus antisemitischen Beweggründen begangenen Vorstoß als rein sachlichen und weltanschaulich motiviert hinzustellen, das konnten nur Richter fertigbringen, die entschlossen waren, das Recht zu vergewaltigen. Wie weit die Objektivität Kuhlmeys gegen »Der gleiche Schritt und Tritt, mit dem.,,,. die Arbeitskameraden am 1. Mai durch die I Jüdische Beruf sgenoasen geht, beweist die den Straßen marschierten, sollte Sinnbild der Arbeitsweise und der Gesinnung in den Betrieben sein. Dieses Idealbild, das wir uns von den Betrieben machen, ist leider vielfach noch nicht verwirklicht, denn immer wieder müssen wir feststellen, daß sich, nach manchen Geschäftsberichten zu beurteilen, die Gehälter der Direktoren verdoppelt haben, während die Gefolgschaftsmitglieder auf dem gewiß nicht hohen Lebensniveau gehalten werden.« »Gehalten«— das heißt: die Löhne sind um so viel gesunken,, als die Lebenskosten und die Zwangsabgraben gestlegen sind, und die Direktorengehälter sind in dem Maße gestiegen, wie die Auspowerung des Volkes fortgeschritten ist. Anders haben wir uns die»Sicherung des gerechten Lohnes« auch niemals vorgestellt. dred Richtern natürlich bekannte Tatsache, daß er die Verweisung der jüdischen Anwälte aus dem allgemeinen in ein besonderes»jüdisches Anwaltazimmer« durchgesetzt hat. Das Urteil erregte denn auch großen Unwillen, nicht nur im Ausland, sondern auch Im Inland, wo man doch durch die Leistungen der nationalsozialistischen Justiz gegen richterliche Niedertracht einigermaßen abgestumpft ist. Fließ war ein scharfsinniger, kenntnisreicher, bienenfleißiger, uranständiger und namentlich sozial empfindender Mann, übrigens polltisch völlig uninteressiert gewesen. Er bearbeitete alle seine Sachen, große wie kleine, mit derselben Gewissenhaftigkeit, hörte Jede Partei, mochte sie seine Zeit noch so sehr in Anspruch nehmen, mit Engelsgeduld an, well er fürchtete, sie durch eine Unterbrechung zu verwirren, wurde niemals heftig und schickte Minderbemittelten grundsätzlich keine Rechnung. Bezeichnend ist für ihn, daß er die letzten Stunden seines Lebens dafür verwendet hat, in jedes seiner Aktenstücke über laufende Sachen eine Notia hin einzuschreiben, die seinem Nachfolger im Mandat Fingerzeige für die Bearbeitimg geben sollte. Die Beisetzung des Märtyrers fand unter einer Massenbeteiligung statt, die eine wirkungsvolle Verurteilung des an ihm verübten Verbrechens war. Im Interesse der Aufrechterhaltung der Autorität Pippigs und seiner Komplicen ließ die Magdeburger Justizpressestelle nach dem Tode von Fließ Anfang Februar d. J. eine Darlegung erscheinen, in der sie sich um die Führung des Nachweises bemühte, daß die Verurteilung völlig zu Recht erfolgt sei. Man hatte den Eindruck, daß die Arbelt von einem Idioten herrührte, sie hätte auch nur auf Geistesverwandte des Verfassers Eindruck machen können. Für alle verständigen Menschen blieb es dabei, daß an Fließ ein Justizmord begangen war. Deshalb hat jetzt die Magdeburger Gestapo elae infame Verleumdung de« Toten begangen, um ihn der Voraoh- tung preiszugeben und auf diese Welse den Blick von dem gegen ihn gefällten Urteil abzulenken. In Magdeburg schwebt zur Zeit ein Strafverfahren gegen einen jüdiachen Bankier S. und verschiedene Mitschuldige wegen Kapitalverschiebung. Am 18. April d. J. hat nun die Gestapo öffentlich bekanntgegeben, daß Fließ an den Verfehlungen des S. beteiligt gewesen sei. Wäre dem so, dann würde das Urteil gegen Fließ dadurch nichts von seiner Ungeheuerlichkeit einbüßen. Aber es ist überdies nachzuweisen, daß hier nationalsozialistische Schufte einen Ehrenmann in seine letzte Ruhestätte hinein verleumdet haben, genau so, wie den früheren Präsidenten des Städtet&gee, M u 1 e r t, dem Dom- kapitular Dr. Banasch, dem Oberbürgermeister Luppe, dem Profeaaor Dessauer und viele andere anständige Menschen erwiesenermaßen von behördlicher Seite fälschlich Straftaten nachgesagt worden sind. Sie alle wurden genau wie jetzt Fließ in amtlichen Verlautbarungen als schwere Verbrecher überführt hingestellt, die ausschließlich in der Phantasie der Polizei existierte. So einfach wie im Fälle Fließ war aber die amtliche Verlogenheit wohl noch niemals nachzuweisen. Die Gestapo Ist nämlich so unvorsichtig gewesen, ihrer Anschuldigung gegen Fließ folgenden Satz hinzuzufügen:»Rechts- orfahren, daß seine Mittäterschaft bei anwalt Fließ hat um die Jahreswende dem Devisenverbrechen aufgedeckt war; kurze Zeit darauf hat er Selbstmord begangen.«� Wie?»Um die Jahreswende« war der Behörde bekannt geworden, daß ein Rechtsanwalt in unerhört pflichtwidriger Weise sich an Verbrechen schwerster Art beteiligt hat, wofür ihm eine vieljährige Zuchthausstrafe drohte, und man hat ihn nicht verhaftet, obwohl in sedneP Person der straferschwerende Umstand seiner Zugehörigkeit zum Judentum gegeben war? Daß es in deutschen Landen Brauch ist, Juden, die sich keiner Straftat schuldig gemacht haben, ihrer Eh-eiheit zu berauben, wußten wir, daß man aber solche, die einer schlimmeren Verfehlung überführt sind, auf freien Füße läßt, ist uns neu. Sollte die Magdeburger Gestapo etwa verjudet sein? Und dann: die Gestapo sucht den Eindruck zu erwecken, daß Fließ wegen der Aufdeckung seiner Teilnahme an den Devisenverbrechen des S., nicht wegen seiner bereits erfolgten Verurteilung Selbstmord begangen habe. Warum hat man dann in der weitschweifigen Erklärung, In der die Justizpreseestelle das Urteil der Strafkammer verteidigte, kein Wort über den angeblichen wahren Grund des Selbstmordes gesagt? Damals war doch, denken wir, die Mitwirkung von Fließ an der Kapitalverschiebung der Gestapo bereits bekannt. Wenn dies wahr wäre, hätte sie sofort die Staatsanwaltschaft Uber Ihre Feststellungen unterrichten müssen und unterrichtet. Mit welcher Wollust hätte dann aber die Justizpressestelle das Untersuchungsergebnl« gegen Fließ ausgeschlachtet! Nein, die Justizpressestelle wußte Im Februar und lange danach nichts von der»Entdeckung« der Gestapo und diese selbst hat, wie ihre Passivität und ihr Schweigen beweist, Spuren einer Mitwirkung von Fließ an der Tat des S. nicht ermittelt, weder»um die Jahreswende« noch später. Erst im April ist ein beamteter Ehrabschneider auf die Idee verfallen, den ins Grab gehetzten Fließ, der den 8. In seinen Zivilprozessen vertreten hatte, mit dessen angeblichen Straftaten in Verbindung zu bringen, um durch diese Offensive den Pipplg und seine Kumpane zu entlasten. Karl V. hat am Grabe Luthers gesagt: »Mit Toten führe ich keinen Krieg.« Das ist fast 400 Jahre her. Die»Objektivität der nationalsozialistischen Weltanschauung«, um mit Herrn Pippig zu sprechen, läßt die Beleidigung der Majestät des Todes zu. Zahllose jüdische Fliedhöfe sind von Nationalsozialisten zerstört worden. Wird aus dem Fürther jüdischen Krankenhaus ein Jude zur Bestattung hinausgetragen, so begleiten Gefolgsleute Streichers in Mengen den Zug, wobei sie immer wieder im Sprechchor brüllen: »Gott sei Dank, wieder ein Jud' verreckt.« Und die Magdeburger Gestapo verleumdet einen jüdischen Ehrenmann, der sich nicht mehr wehren kann, weil er durch elende Machenschaften von Antisemiten in und ohne FUchtertalar unter die Erde gebracht ist! Der einzig« zur Milde stimmende Umstand Ist dabei die Plumpheit des Schwindels, die es ermöglicht, dem Leichenschänder den von ihm erzeugten Schmutz ins Maul zurückzuwerfen. Die FPudit vor der Zeilang Obwohl die nationalsozialistische Presse Im weitesten Umfang von Jeglicher Konkurrenz befreit worden Ist, und die Partei und ihre Gliederungen auf dem Gebiete der Fachzeitschriften die ausschließliche Herrschaft haben, gelingt es den nationalsozialistischen Presse Unternehmungen doch nicht, auch nur annähernd jene Auflageziffern zu erreichen, die früher im deutschen Zeitungs- und Zeit- schriftenwesen zu verzeichnen war. Wer sich dem Abonnement der Partei- und der Fachpresse entziehen kann, der tut es. Kein Wunder, daß die nationalsozialistischen Zeitungaverleger mit finanziellen Schwierigkeiten zu kämpfen haben. Viele von ihnen hätten ihren Betrieb längst wieder zumachen müssen, wenn nicht eine kaum vorstellbare Korruptionswirtschaft ihnen öffentliche Aufträge zuschanzen würde, die ihnen Ihre weitere Existenz ermöglichen. Wie stark die Abneigung des deutschen Volkes gegen das Lesen der nationalsozialistischen Preaseerzeugnisse iat, das ist aus einem Aufruf zu ersehen, den der Reichsminister und Reichsbauemführer Daräe soeben erlassen hat Darin heißt es u. a.: »Bei der wachsenden Arbeit in den Sommermonaten glauben manche Bauern und Landwirte, keine Zelt für ihre ständige Un-| terrichtung auf politischem, kulturellem 1 und wirtschaftlichem Gebiet mehr erübrigen zu können, so daß sie ihre Tageszeitung und ihre Fachzeitschriften abbestellen. Solche Unterbrechung des Zeitungs- bezuge« läßt«Ich jedoch in keiner Welse verantworten... Bs ist eine selbstverständ- 1 liehe staatsbürgerliche Pflicht eines der nationalsozialistischen Zeitungen und Zeitschriften ausdrücklich zur»selbstverständlichen staatsbürgerlichen Pflicht« erklären muß, wenn zudem andere Partei- und Reichastellen den Zwang zum Zeltung«- und Zeitschriftenabonnement Immer mehr verstärken, so darf man daraus schließen, daß die Ablehnung und der Boykott gegen die nationalsozialistischen Preaseerzeugnisse noch immer weitere Ausdehnung erfahren. »Feige und diarak�erlos« In einem Aufsatz der»Deutschen Justiz« heißt es: »Die Fälle, in denen Alkoholmißbrauch nachweisbar die Ursache von meist sehr schweren Verkehrsunfällen ist, sind leider nur zu häufig, und die Fälle der Führerflucht haben in letzter Zeit so erheblich zugenommen, daß eine deutliche Warnung am Platze ist.... Wer Führerflucht begeht; handelt feige und charakterlos.« Eine»deutliche Warnung« hilft da gar nichts. Die Fälle von Führerflucht werden in Jeden Bauern und Landwirts, auch im Sora mer trotz der erhöhten Arbeltslast seine Deutschland zunehmen, solange Feigheit Zeltung regelmäßig zu lesen.« Wenn schon ein Reichsminister das Lesen und Charakterlosigkeit sich ausbreiten. Feigheit und Charakterlosigkeit werden sich ausbreiten, solange daa deutsche Volk unter der braunen Gewaltherrschaft steht. Und am Ende dieser Gewaltherrschaft wird vielleicht eine»Führerflucht« stehen, die alle Schandtaten betrunkener Automobilführer in den tiefsten Schatten stellt Die Soldatcnehre Ein Bericht aus Tokio meldet, daß die Infanteriedivision, die die Ministermorde ausgeführt hat, nach der Mandsohurel gesandt wird. Der neue Kommandeiur hat dazu erklärt, die Division werde in der Mandschurei »ihre Solldatenehre wieder herstellen.« In der Mandschurei herrscht angeblich eitel Ruhe und Ordnung, und kein Feind ist vorhanden. Wo wird die Wiederherstellung der Soldatenehre erfolgen? Wenn man demnächst Berichte Uber blutige Grenzzwischenfälle an der Grenze zwischen Mandschukuo und der mit der Sowjetunion verbündeten Aeußeren Mongolei lesen wird, dann wird man wissen; Die Division, die in Tokio mit Gewalt eine Kriegspolitik herbeiführen wollte, hat in der Mandschurei ihre Soldatenehre wieder hergestellt. Die heilige Uniform Ein Scharführer der SA in Baden, also einer der untersten Dienstgrade, bat einen früheren SA-Mann, jetzigen politischen Gegner im Handgemenge erstochen. Angeblich in Notwehr. Solbstveretänd- lich kam der Messerstecher straflos davon. Die Amnestie befreite ihn von einem Urteil, dae bestimmt nicht hart ausgefallen wäre, wann man die Begründung des Geriohtevor- sitzenden für die Einstellung des Verfahrens hört. Er sagte nämlich, das Schwurgericht nehme den Standpunkt ein, daß jeder SA- Mann seine Uniform vor Beleidigungen zu schützen habe und als politischer Soldat in der Notwehr von der Waffe nicht nur Gebrauch machen dürfe, sondern daß es seine Pflicht sei, sich energisch zur Wehr zu setzen. Von da bis zur öffentlichen Belobigung eines Rächers der Ehre seiner Uniform ist nicht mehr weit. Neu ist das alles nicht. Es ist der Ehrenkodex des kaiserlichen Heeres. Damals ertrug zwar die Hure der Uniform, daß ihr gemeiner Träger bcachimpft, geohrfeigt und getreten werden durfte, aber nur mit Blut konnte der Angriff eines Zivilisten auf das zweifarbige Tuch gesühnt werden. Da gab es zum Beispiel vor mehr als 40 Jahren den Fall Lück. Ein Soldat fühlte sich auf Wache von einem betrunkenen Zivilisten gehänselt. Er schoß den Untertan mausetot. Als der damals noch junge Wilhelm II. das erfuhr, beförderte er den sicheren Schützen zum Gefreiten und ließ ihn vor der Front des Regiments durch den Kommandeur öffentlich beloben. Die Folge war ein großer Presse- und Parlamentslärm, nicht nur bei den Sozialdemokraten, sondern auch Im bürgerlichen Liberalismus. Grundsätze, wie sie jetzt ein deutsches Schwurgericht aufstellt, sind damals nur von Militärgerichten gewagt worden. Man sieht, wie sich Deutschland vorwärts und aufwärt« entwik- kelt. Allerdings trugen damals nur die Soldaten den»Ehrenrock des Königs«. Jetzt sind Millionen Deutsahe mit dem heiligen Rock des»Führers« angetan, den keiner von dem zivllistischcra Kestbestand der Deutschen scheel anzusehen wagen darf. Schutz der Ehre Uber alles, wenn sie mit Uniformtuch bekleideit ist. Polen, wohin? Ein problematisdier Trumpf in Hitlers Hand „Gen Ostland"— nur dnrdi positives Christentum! Hitler entdeckt seine Begeisterung für den ........ Popen.'... Der deutsch-katholischen Pariser Korre- apomdenz»Kulturkampf« entnehmen wir folgende nicht urnntereasante Mitteilung: »Auf fall enderweise ist die russisch- orthodoxe Kirche, die in Deutschland nur eine ganz verschwindende Zahl von Angehörigen hat, soeben zu einer Körperschaft des öffentlichen Rechtes erhoben worden. Gleichzeitig hat dl« russisch-orthodoxe bischöfliche Synode in Sramald-Karkowzi In Jugoslawien den in Berlin lebenden russischen Bischof Tyohon als orthodoxen Bischof von Berlin und Deutschland bestätigt. Der Reichskirchenmlnister Kerrl hat Ihm zum Neubau einer russisch-orthodoxen Kathedrale in Berlin einen Bauplatz zur Veifügung gestellt; der Kirchenbau soll »aus Mitteln der Gläubigen, der Reichsund preußischen Regierung(!) und der Deutschen Arbeitsfront(!!!)« bestritten werden.« Auch der KolonialimperlallsmuB benötigt heute neue Wege und modernere Methoden als noch vor ganz wenigen Jahrzehnten. Früher war es so, daß erat hinter dem Missionaren der Imperien die Kanonen und die Gouverneure derselben»Mächte« au folgen pflegten; die pi nheimiap.hpn Fetische wurden zuerst weggenommen; dann kamen die Aek- ker und das Elfenbein ganz von selbst daran. Wer allerdiig's Jugoslawien oder gar Sowjet- rußland»kolonisieren« und»erschließen« will, muß es mutabls mutanefls, zur Zeit wohl eigentlich grade umgekehrt machon. Man muß quasi»demokratisch« vorgehen, kompliziert, llsüg, auf Hintertreppen, selbst wenn sie ein verschnörkelte« religiöse« Geiänder haben müßten... Hitler braucht den Popen zu sei n«m»B ol sch ewls t enschreck«! Er Ist dermaßen»positiv christlich«, daß es ihm gar nicht darauf ankommt, ob sich der Stellvertreter Gottes nun grade auf Rom oder auf Byzanz beruft— die Hauptsache ist, daß er auch seine, Hitlers, Generalvertretung gratis mit übernimmt. Bis auf weitere« natürlich und freibleibend! Herr Rosenberg aus dem Baltikum weiß eben, was der Muschik einfach benötigt. Und es wäre Ja auch nicht zum ersten Mal, daß die Talley- rands es mit jeder Betschwester an Frömmigkeit aufzunehmen versuchten. H. E. NazSfurdit vor der polnisdien Minderheit Innerhalb der polnischen Arbdteraohaft in Deutsch-Ohe rachleslen ist seit etwa drei Jahren eine prächtige Arbeitersportbewegung entstanden, die nach dem offiziellen Verbot Zwei Jahre nach dem Abschluß des deutsch-poLnischen Freundschaftsvertrage« setzt die innere Lage bei diesem öetlichen Verbündeten Hitlers in die ohnehin verworrene europäische Situation ein neues Fragezeichen. Aus den Pdenartiketa der deutschen Blätter spricht seit einiger Zelt wachsende Unsicherheit; die Presse der europäischen Linken hingegen greift die polnischen Ereignisse mit warmer Hoffnungsfreudigkeit auf. Wird nach Spanien und Frankreich nun auch an der Weichsel sich der langersehnte Rückschlag des politischen Pendels fortsetzen? Und welche Auswirkungen wind das in der Frage haben, die alle polnischen Probleme mit besonderer Hochspannung belädt; In dem Verhältnis zu Deutschland? Eine realistische Einschätzung der inner- polnischen Situation wird allerdings von der Feststellung ausgehen müssen, daß von einer wirklichen Erschütterung des Systems i der Diktatur bis zur Stunde keine Rede sein kann. Weder hat der militärische und poli- zciliöbc Machtapparat, der in Polen weit aus- ■ schließlicher als in Italien und Deutschland 1 der Hauptpfeiler des Regimes ist, auch nur eine Sekunde geschwankt, noch zeigt sich im Lager seiner Gegner eine irgendwie geartete Kraft, die den Kampf gegen ihn mit der ge ringsten Erlolgschance aufnehmen könnte. Aber die schweren Fieberschauer, die das Land in den letzten Wochen heimgesucht ha ben, sind doch Symptome einer tiefgehenden Unterminierung der sozialen Basis, auf der letzten Endes auch die voiksfremdeste, rein apparatistische Diktatur sich erhebt. Die grausige Not und Verelendung des polnischen Bauerntums, die sich noch vor Jahresfrist in Winden Revolten und Attentaten ein Verzweiflungsventil schuf, beginnt nun langsam das Ferment einer gefährlichen Zersetzung zu werden. Wie J. Landau in der»Zeitschrift für Sozialismus« mitteilt, hat z. B. der Kongreß der großen polnischen Bauernpartei ein— von der Zensur unterdrücktes— Programm angenommen, das in erstaunlicher Klarheit radikal-sozialistische Gedankengänge entwickelte und folgende Forderungen proklamiert: 1. Enteignung des Großgrundbesitzes ohne Entschädigung und Uebergabe des Bodens an diejenigen, die ihn persönlich bearbeiten; 2. Uebemahme der Großindustrie durch die Gesellschaft,(Genossenschaften, Selbstverwaltung); 3. Vergesellschaftung der Banken: 4. Ersetzung des Privathandels durch die Genossenschaiften. Daß solch entschiedene Stimmungen In den Bauemmillionen eine« Bauernlandes wie ein zündender Funke auch die von der Krise getroffenen Arbeiterschdchten mitreißen müssen, ist klar. Aus dieser Wirkung ist das plötzlich so drohende Aufflackern der Krakauer und Lemberg er Unruhen zu begreifen, die dem Expremier Bartels den fredllch tendenziösen Angstschrei entlockten: »Das sieht schon stark naph Revolution aus!« Soweit ist es mm allerdings noch nicht, wenn auch die oppositionellen Anwandlungen des dreifach gesiebten Sejms und die personellen Verschiebungen an der Spitze der autoritären Machtpyramide deutlich zeigen, wie stark der Widerschein der Vorgänge unten auch oben hoch in der Gesellschaft ist. Die Unsicherheit selbst der siegreichen Richtung K o S z i a 1 k o w s k i- Kwlatkowskl offenbart sich besonders deutlich in ihrer lavierenden, widerspruchsvollen Haltung in der SchlUaBelfrage des künftigen polnischen In- nehkurse: der Währungspolitik. Der neue Letter der Bank Polakl, Oberst Koc, hat sich zwar für die Fortsetzung de« bisherigen D ef 1 a t i o n« k u rs es ausgesprochen, ist aber gerade in den letzten Tagen vor seinem zweiten Programmspunkt, der Freizügigkeit der Devisenbewirtschaftung, abgegangen. Ob allerdings nach einem Scheitern der Anledhe- verhandlungem in London und Paris sich die Abwertung dos Zloty vermeldem läßt und ob dieser Schritt bei der geschwächten und unterminierten inneren Lage ohne ernste Erschütterungen abgehen wird, ist mehr als zweifelhaft. XI. Die Frage, welches Gesicht ein System- wechsel in Polen haben wird und welcher Art Insbesondere seine außenpolitische Folgen sein können, bleibt damit aber noch immer unbeantwortet. Das aufgerüttelte Bauernlager darf nämlich nicht zu dem Trugschluß verleiten, daß das Pilsudskd-Regime lediglich von links bedroht sei; auch die heroische Todbereitschaft der Lemberger Kämpfer ist noch kein Beweis für das Vorhandensein einer aktiven, bewußten, zielklaren politisohen Kraft im Lager des polnischen Sozialismus. Dieser hat bisher weder seine selbstzerstörerischen Rivalitäten noch die doktrinäre Erstarrung in Uberholten Begriffen soweit überwunden, daß von seiner Seite etwa schon jetzt Kraftwirkungen wie in Frankreich oder Spanien zu erwarten wären. Ansätze in dieser Richtung fehlen ndoht, wenn sie auch an ihrer Reife hinter der der objektiven Lage weit zurückbleiben. Um so aktiver ist die politische Rechte, die von den Nationaldemokraten, der Partei der antisamitisch-natianalistiachen Reaktion, repräsentiert wird und die immer mehr faschistische Züge annimmt.»In den Hochschulen«, berichtet J. Landau,»beherrschen sie mit brutalem Terror das Feld. Von dort aus ergießt sich diese Welle in alle Winkel des Landes. Landauf, landab, ziehen besondere die radikal-reaktionären Elemente der Nationalderaokraten mit der Botschaft herum, in kürzester Frist würden sie die Macht Ubernehmen.« Ein dunkles aber zutreffendes Bild, da« wir lediglich durch die Feststellung ergänzen wollen, daß die Nationale! emokraten vor allem die Staatabhrokratlc, natürlich mit Ausnahme der wenigen politischen Spitzen, beherrschen. Prophezeihungen darüber, welcher der beiden Pole der antipilsudskischen Bewegung da« Erbe des toten Marschalls antreten wird, sind heute müssig. Währungserschütteruogen, Wirtsohaftäkraohs und auch die Auastrahlungen der gesamteuropäischen Lage können das innere Kräfteverhältnis jederzeit überraschend ändern. Soviel eher ist gewiß: die im übrigen Europa vorherreohende Meinung, das jede Wandlung der innerpolnischen Situation und etwa auch der bloße personelle Sturz des Obersten Beck die außenpolitische Linie Warschaus in bezug auf Berlin annullieren würde, Ist Irrig. Nicht seine»rechtzeitige DistanzieiTung« von der Oberetengruppe hat den Außenminister Beck»gerettet«, sondern die medst übersehene Tatsache, daß seine Politik der Ausdruck ganz realer Besorgnisse jeder bürgerlich- reaktionären Regierung Polens ist Zwischen Deutschland und Rußland liegend, mit schweren, ungelösten Minderhelts- problemen überbelastet, muß der Polenstaat solange sein Innenkurs ähnlich dem heutigen ist, eine Politik vorsichtiger Rück- versicherung nach Ost und West treiben. Solange Frankreich dar scharfe Gegenspieler Berlins und auch Moskaus war, befriedigte die engste Anlehnung an Paris ein vitales Bedürfnis Warschaus. Das französisch-russische Bündnis hat den Wert der Pariser Rückendeckung gegen den Sowjet- nachbarn, mit»einer gefährlichen Anziehungskraft auf die ukrainischen und weiß- russischen Gebiete Polens, merklich herabgemindert In diese Lücke hat sich im Frühjahr 1934 Deutschland geschoben. So wenig die zweifellos germanophile Haltung Becks zu einem Abreißen der Fäden nach Moskau und Paris führte, so wenig würden die antideutschen und profranzösischen National dein ok raten nach einer etwaigen Machtergrei- futjg auf den deutschen Trumpf gegen den Sowjet nachbarn verrichten. Und schließlich darf nicht übersehen werden, daß da« polnische Bündnis für Bertin eine vorwiegend temporäre Aufgabe hatte: es diente der Sicherung des»Marsches durch die Gefahrenzone«, der mit der Rheinland- bef estigung als beendet angesehen werden kann. Auch ein heutiger Rücktritt Polens von der Seite Deutschlands würde die verbrecherischen Konsequenzen seiner zweijährigen Hältung nicht ungeschehen machen. Nicht der»Sturz des Pilsudakikurses« an sieh, sondern nur der Machtantritt einer irgendwie formierten polnischen Arbeiter- und Bauernlinken würde die von der europäischen Demokratie ersehnte politische Verschiebung in Osteuropa bringen. Daß eine solche Möglichkeit überhaupt gestellt werden kann, bedeutet allerdings eine fühlbare Entwertung der polnischen Karte In den Händen der Berliner Kriegsspieler. Aber wie gesagt: Ueber- raschungen vorbehalten! B. M. Sozlallstisdic Einigung In Polen In Warschau tagte am 3. Mai eine Konferenz der sorialisüschen Parteien Polens, die von der PPS einberufen wurde, um eine gemeinsame Front gegen den polnischen Faschismus zu schaffen. Sie war von den Deutschen, Ukrainern und Juden beschickt und läßt außerdem den Weg frei zum Anschluß der Poale Zlon, wobei auch die Möglichkeit einer Volksfront mit dem Bauern und den Kommunisten offen gelassen wurde. Das Ergebnis der Konferenz wurde in zwei Manifesten zusammengefaßt, von denen das eine die Bildung einer Bauern- und Arbeiteregierung fordert, sich mit den zur Zelt gebotenen Konzessionen seitens des Regierungslagers nicht begnügt, sondern Neuwahlen nach einem Gesetz fordert, welches den Ansprüchen der breiten Arbelterund Bauemmassen entspricht. Die gegenwärtige Wahlordnung Ist einseitig bestimmt, um nur dem Regierungslager, früher der sogenannten Oberstengruppe, die Mehrheit im Sejm und Senat zu sichern. Das wirtschaftliche Manifest fordert den U ebergang Polen« zur Planwirtschaft nach dem Muster der Sowjetunion, Inabesondere eine Agrarreform, die den Landhunger der polnischen Kleinbauern weitgehen dst befriedigen soll. Die Konferenz erfüllt einen langjährigen Wunsch der Deutschen Sozialistischen Arbeiterpartei, die für die Schaffung einer Internationale der polnischen Sozialisten mit den Sozialisten der nationalen Minderheit forderte und darüber hinaus auf die Schaffung einer einzigen sozialistischen Partei in Polen hinzielt, die den nationalen und kulturellen Belangen der Minderheiten auf förde- ratlve Grundlage entgegenkommen soll. In der Republik Polen wirken nicht weniger, als zwei polnische, eine deutsche, drei jüdische, zwei ukrainische, zwei weißrussische sozialistische Partelen, von denen fünf der Soriall- sttsahen Arbeiterinternationale angehören. Die erste gemeinsame Konferenz der obenerwähnten sozialistischen Partelen Polens kann als ein bemerkenswerter Fortschritt in der Konsolidierung der polnischen Arbeiterbewegung bezeichnet werden. der Polnlsch-Sozlallstisohen Arbeiterpartei Im Reich, ein Sammelbecken der polnischen klassenbewußten Arbeiterschaft büdet. Begreiflich, daß da« den Nazimaohthabem nicht In den Kram paßt und sie Jede Gelegenheit benutzen, um diese Bewegung zum Stillstand zu bringen. Wie ade vor Monaten einen christlichen Gewerkschafter der polnischen Minderheit In Deutsch-Oberschlesien, Wltczak, kommunistischer Propaganda beschuldigten, so werden die polnischen Arbeltcrspo rtler der illegalen Arbeit innertxalb der Minderheit in Deutsoh-Oberschlesien verdächtigt. Man hat auch im Vorjahre den Führer der Arbeiter- sporüer, Gen. Trombalritl, verhaftet, mußte gm aber freisprechen, nachdem hinter den Kulissen das Polnische Generalkonsulat intervenierte und schließlich vor dem Volksge- riebt In Breslau die Anklage gegen Gen. Tromibalßkl als eine verfehlte Spitzelarbelt des Kriminalkommissäre Weißgerber in Hln- denburg demaskiert wurde. Jetzt hat man gegen die polnischen Arbeitersportler einen neuen Vorstoß unternommen und die polnische Staatsangehörige Gen. Füanka verhaftet, well sie bei den Ar- beitersportlerinnen gymnastischen Unterricht erteilte. Auch hier wird die Verdächtigung ausgesprochen, daß Filanka illegales Material aus Polen nach Deutsch-Oberschlesien kolportiert haben soll. Aber so stark, wie sich die Gestapoagentan gegen ihre eigenen »Volksgenossen« fühlen, mußte auch hier die Gestapo Ihren Rückzug antreten und nach Intervention polnischer Behörden bed den Oppelner deutschen Regierungsstellen, die Gen. Filanka nach wenigen Tagen wieder frei lassen. Jedenfalls haben die mächtigen»Steger« vom 29. März eine heillose Angst vor der Wahrheit, die sich auf Grund der zugelassenen polnischen Presse über die Zustände im Dritten Reich Bahn bricht. Während man in Polen mit Hitleragenten kurzen Prozeß macht und sie verurteilt, kuschen die Agenten Hitlers vor der polnischen Minderheit, um nur nicht die Freundschaft mit Warschau zu verlieren. Das ist das wahre Gsaicht der Nazimachthaber! die Sciweeutäusitie will aUweäet* Die Redinung der Interessenten Nach einer Meldung' der»Times« hat Schacht in den Tagen um den 1. Mai mit seinem Rücktritt gedroht. In einer Konferenz zwischen Regierungsvertretem und Industriellen war darüber beraten worden, ob die zur Behebung der Rohstoffschwierigkeiten unentbehrliche Steigerung der Ausfuhr durch Erhöhung der Exportabgabe öden durch Abwertung der Mark betrieben werden soll. Schacht besteht auf Ausdehnung der Export Umlage auf Handel und Landwirtschaft und hält an seiner Gegnerschaft gegen die Devalvation fest. Aber mit Heim Darr 6, der die Mißstimmung der Bauern gegen das Regime nicht vermehren will, sprachen sich von den anwesenden 35 Industriellen zwar nicht Etile, aber immerhin mehr als die Hälfte gegen die Fortsetzung der Exportumlage und für die Devalvation aus. Es ist für einen Minister des Dritten Reiches, wie die»Times« ganz richtig bemerkt, nicht ganz leicht, aus seinem Amt zu scheiden, solange der»Führer« ihn halten will. Hitler hat sich für Schacht und die Exportabgabe, gegen Darre und die Devalvation entschieden, aber gleichzeitig SchEicht der Aufsicht Görings unterstellt. Warum wehrt sich Schacht mit Klauen und Zähnen gegen die Devalvation? Nicht weil er sie nicht will, sondern weil er ihre Zeit noch nicht für gekommen hält. Er erwartet, daß der Zeitpunkt nicht mehr fern ist, da die Opfer, die Frankreich der Erhaltung des Frankenwertes bringt, sich als zu groß erweisen werden und daß es sich entschließen muß, den Franken dem Wege des Pfunds und des Dollars folgen zu lassen. Mit der Angleichung der wichtigsten Währungen der Welt würde die internationale Währungsstabilisierung akut, die, besonders von EnglEind, als Voraussetzung füö die Festigung der Weltkonjunktur angesehen wird. Bis es so weit ist, will Schacht warten. Er hätte dann Gelegenheit, sich die Zustimmung zur Abwertung der Mark und die Beteiligung am Währungsabkommen mit Großkrediten abkaufen zu lassen. Er wäre dann zugleich von Rohstoffsorgen und von innerer Verschuldung erleichtert, die Fortsetzung der Aufrüstung also gesichert, und zwar so, daß sie zum Teil von den ausländischen Kreditgebern und zum anderen Teil von den heimischen Sparertl und Verbrauchern bezahlt würde. SchEicht weiß aber auch, daß er nicht mehr viel Zeit zu- verlieren hat. Ein großer Ten von Ausfuhr wie von Einfuhr werden nur durch Aufrechnung unbezahlter Schulden und Forderungen ermöglicht. Die Zeit rückt aber immer näher, da die alten Schuldkonten geglättet sind, und neue Mittel der Rohstoffbeschaffung wirksam gemacht werden müssen. Bis seine Hoffnung auf den großen internationalen Kredit sich erfüllt hat, will Schacht mit der Exportumlage durchhalten In der Erwartung, daß sich das Kapitalopfer später bezahlt machen wird, weil dann die Rohstoffbeschaffung geschert und die »Staatakonjunktur« durch Anschluß sin die Weltkonjunktur unterbaut ist. Ein Ten der Unternehmer ist aber des Durchhaltens überdrüssig, und zwar ist es gerade die Schwerindustrie, also die politisch einflußreichste und den Nazia am nächsten stehende Untemehmerschlcht, es sind die Herren Reusch, Klöckner und Thyssen, die sich bei der bewußten Besprechung in die Anti- Schacht-Front eingereiht haben. Die Exportabgabe wird von einem Teil der Industrie für den anderen Teil aufgebracht. Am meisten-wird empfangen, wo der Anteil der Ausfuhr am Gesamtabsatz am höchsten, am meisten wird gezsihlt, wo er am niedrigsten ist. Bei dem riesigen Umfang der Rüstungsaufträge muß die Schwerindustrie zweifellos mehr zahlen, als sie gezahlt bekommt. Aber da sie auch mittelbar am Export aller anderen Industrien profitiert, kann der Gesichtspunkt, eine lästige Steuer loszuwerden, nicht allein ausschlaggebend sein. Vielmehr ist es bezeichnend, daß gerade die Industrie, die aus der Staatskonjunktur den größten Nutzen zieht, das größte Mißtrauen in ihre Dauerhaftigkeit und die stärkste Ungeduld zeigt, den Anschluß an den Weltmarkt, sei es auch mit einem Radikalmittel von zweifelhaftem Erfolg, zurückzugewinnen und damit für die Zeit vorzusorgen, da die Rüstung abgebaut oder gar abgebrochen werden muß. Allercfings ist die Devalvation für die Industrie ein zweischneidiges Schwert, Im gleichen Maße, wie die Ausfuhrpreise im Verhältnis zu den WüüuvsJ-ktpreisen sinken, steigen, die Einfuhrpreise ausgedrückt in Mark. Der VuiteTl der Ausfuhnsteigerung würde durch den Nachteil vermehrter Rohstoffschwierigkeiten aufgewogen. Man sollte also meinen, daß die Abwertung gerade von der Großindustrie auf die stärkste Gegnerschaft stößt. Da wird es aber Schacht zum Verhängnis, daß er mit der Art seiner Devisenbewirtschaftung selbst das Interesse an der Erhaltung des Markwertes geschwächt, selbst sich seine Gegner gezüchtet hat. Sein neuer Plan erstrebt Rohstoffbeschaffung ohne Aufwendung von Devisen. An die Stelle der Baraahlung tritt der direkte Tausch von Ware gegen Ware, das Kompensationsgeschäft. Da zur BezEihlung der Ware keine Devisen nötig sind, erübrigt sich also auch der Erwerb von Devisen gegen Mark. Das Verhältnis des Wertes der Mark zu anderen Währungen spielt also bei diesem Geschäft keine Rolle, nur der Weltmarktpreis, aber nicht sein Ausdruck in Reichsmark. Auf(fiese Art von Geschäften ist also die Abwertimg ohne Einfluß. Wer sich auf diese Welse Rohstoffe beschaffen kEinn, genießt bei der Abwertung den Vorteil der Steigerung seiner Verkaufspreise, ohne den Nachteil der Verteurung seines- Rohstoffbezugs in Kauf nehmen zu müssen. Bei dieser Art von Geschäften sind aber die Großkonzerne mit Weltruf im Vorteil, die Uber landeskundige und angesehene Vertretungen verfügen und mit ihren Riesenumsätzen den Vorrang vor anderen Bewerbern um Kompensationsgeschäfte sich sichern können. Sie genießen die Vorteile, die übrige Industrie die Nachteile der Rohstoffverteuerung, und zwar diese um so mehr, je höher der Anteil der Auslandsrohstoffe am fertigen Produkt ist. Uebertfies genießen(De Großkonzerne mit ihren ausländischen Zweigstellen und engen Auslandsverbindungen den Vorteil, den Gegenwert ihrer Ausfuhr im Ausland stehen lassen zu können und einen Devisenvorrat zu stammeln, der sich dem Zugriff Schachts und seiner Kontrolle entzieht. Es besteht also heute eine Art Rohstoff- und, was das gleiche ist, Devisenmonopol der vertrusteten Großindustrie, dsis bei Devalvation zu einer ungeheueren Verstärkung ihrer Monopolmacht und zur Aufsaugung der durch die Devalvation geschwächten Industrien führen muß. Die Leidtragenden werden die Arbeiter sein, deren Löhne bei steigenden Preisen unter Druck gehalten werden, und die große Masse der Sparer, auf deren Kosten sich alsdEinn das Dritte Reich entschuldet. Die Abwertung der Mark braucht nicht die gleiche Wirkung zu haben wie die völlige Entwertung, solange das Dritte Reich die Zügel der Wirtsc haft fest in der Hand behält. Aber die Schwerindustrie verbindet mit dem Wunsch nach Abwertung die Absicht die Lockerung der staatlichen Bevormundung, vor allem durch die einem staatlichen Außen- han delsmonopol gleichkommende Diktatur von Schachts UeberwachungssteJflen zu erreichen. Soll die Abwertung ihre Wirkung auf die Ausfuhr nicht verfehlen, dann muß die Freiheit des Unternehmers, zu verkaufen an wen und zu kaufen von wem er will, wieder hergestellt werden. Daß die Abwertungsfreunde mit der Förderung der Ausfuhr die Befreiung von ihren bürokratischen Fesseln verbinden wollen, geht aus einer Stelle eines jüngst von den Generalreferenten im Reichswirtschaftsministerium und Reichsbank(firek- tor Dr. Blessing gehaltenen Vortrag hervor: »Wenn einige wenige Leute glaubten, man könne alle Schwierigkeiten, die mit der gegenwärtigen Außenwirtschaft verknüpft sind, mit einem Schlag durch eine Devalvation beseitigen, so haben diese Leute das Problem nicht zu Endo gedacht. Bei einer Abwertung der Mark würden wir alle die bürokratischen Hemmungen, die mit den neuen Plan verbunden sind, nicht los werden. Denn es sei unwahrscheinlich, daß wir in der heutigen Welt der Kontingente und Einfuhrbeschränkungen mit abgewerteter Mark einen größeren Devisenanfall erzielen würden als heute.« SchEicht will aber die staatliche Lenkung der Einfuhr nicht preisgeben, um den Vorrang der Rüstungsei nf uhr zu sächern. Er vertritt als konsequentester unter den deutschen Imperialisten das Interesse des Großkapitals und der Wehrmacht zugleich. Er schränkt dessen Handlungsfreiheit ein, nicht um ihre gesellschaftliche Macht zu schwächen, sondern um sie zu erhalten. Aber die Schwerindustrie rieht den Sperling in der Hand der Taube auf dem Dache vor. Sie will den Vorteil ihrer Lage zur Stärkung ihrer Monopolmacht ausnutzen und kann sich dabei der Bundeagenossenschaft der Nariclique erfreuen, die hofft, mit der Entschuldung auf Kosten der Sparer ihren eigenen Abbau vermeiden zu können. Wer wird schließlich Sieger bleiben? Vorläufig kann sich Schacht hinter dem breiten Rücken Görings verstekken, aber man hat es schon erlebt, daß aus dem Beschützer ein Henker wird. G. A. Frey. Sdiadits Todesahnung »Ith kann morgen Im Juni vorigen Jahres ist durch Verordnung die»ReichaatoUe für Raumordnung« ins Leben gerufen worden. Ihre Aufgaben sind fast unbegrenzt. Es ist nicht weniger damit bezweckt als die einheitliche Lenkung der räumlichen Verteilung der materiellen und menschlichen Produktivkräfte, selbstverständlich unter dem leitenden Gesichtspunkte der Kriegsvorbereitung. Darunter fällt die bäuerliche Und nichtbäuerllche Siedlung, die Umlagerung von Industrien und Industrie- arbedtem, die Organisation der Bodenmeliorationen, die Ausrichtung der Verkehrswege usw. Kein Kabinettsressort bleibt von den Aufgaben dieser Reichsstelle unberührt. Bei der Riesenhaftigkeit der Aufgabenstelle wäre eine sorgfältige Durcharbeitung und Durchberatung des Gesetzes am Platz gewesen. Da aber im Dritten Reich staatliche Maßnahmen gleichzeitig Mittel zur Auskragung von Intrigen der Führer untereinander sind, ist die Verordnung von Hitler unterschrieben worden, ohne im Kabinett durchberaten worden zu sein. Die Minister, mit Ausnahme des Herrn KerrL der sonst die religiösen Angelegenhelten der Nation betreut und von Hitler zum Führer der neuen Reichsstelle eraarmt worden war, sind ebenso wie die übrige Welt davon überrascht worden, daß eine Verordnung Gesetzeskraft erlangt hatte, die sie vorher nicht zu sehen bekamen. Die Folge weit die Einberufung einer Ministerkonferenz durch Schacht, in der er forderte, daß das Gesetz gründlicher durchgearbeitet und(De Befugnisse der Reichsstelle genauer präzisiert würden. Das ist dann auch geschehen, und zwar durch zwei Erlässe, den vom 18. Dezember 35 und den vom 15. FebniEir 36, auf Grund deren die Reichsstelle Tür Raumordnung»organisch ausgebaut werden soll«. Bis jetzt ist eü so der »organische Ausbau« noch nicht erfolgt. ersdiossen werden« Es wurde aber Herrn Schacht nicht gerade leicht, die Aufnahme dieser Arbeit durchzusetzen. Herr Kerrl widersetzte sich in der Ministerkonferenz aufs Aeußerste und berief sich auf des»Führers« vollzogene Unterschrift. Als alle anderen Argumente ihr Ziel verfehlt hatten, führte Schacht das letzte ins Treffen, indem er darauf hinwies, daß selbst im Dritten Reich Minister sterblich sind. Er sagte; »Herr Kerrl, wir haben bisher keine Differenzen miteinander gehabt und werden auch in Zukunft keine haben. Solange wir leben, ist also eine Festlegung Ihrer Befugnisse überftiissig. Aber wir beide können sterben, ich kann morgen erschossen werden und Sie kann mor- gen der Schlag treffen.« Darauf allgemeines Gelächter, in das auch Kerrl wohl oder übel mit einstimmen mußte. Der»organische Ausbau« wurde beschlossen. Diese Episode, die keine Erfindung ist. sondern einen wirklichen Sachverhalt wiedergibt, ist kennzeichnend für den Zynismus, mit dem die Naziführer dem Nariregime und ihrer eigenen Rolle darin gegenüber stehen, und zwischen der Verehrung des»Führers«, die sie draußen verkünden, und der Mißachtung, mit der sie ihm innerlich gegenüberstehen. Generationen der von so gut wie gar keiner Seite bestrittene Brennpunkt des internationalen Pelz- und) Rauchwarenhandels; aber auch der Rauchwarenverarbeitung, also der kunsthandwerklich oder auch schon industriell betriebenen Kürschnerei. Der Gedanke der Leipziger Messe als einer international anerkannten, monopolartigen Einrichtung des Welthandels basierte eigentlich auf dem, was sich in seinem spezifischen Kreis der Pelzhandels bereits immer in Leipzig geschaffen hatte. Leipziger jüdische Rauchwarenfirmen gehörten an erster Stelle zum kommerziellen Patriziat der sächsischen Metropole; ohne seine Bücher, aber auch ohne seinen»Brühl« wäre Leipzig kaum mehr als ein erweitertes Döbeln oder Oschatz gewesen. Was ist aus diesem weltbekannten»Brühl« geworden? Die Leipziger Handelskammer hat eine Untersuchung über(De Lage der Grundstücke Elm»Brühl« veranlaßt, wohl von dem richtigen Gedanken ausgehend, daß sich der Wohlstand am ehesten im leicht kontrollierbaren Besitz von Immobilien an Ort und Stelle selbst äußert und daß auch ein Niedergang wiederum hier am deutlichsten»graphisch« dargestellt werden kann. Nach dem Untersuchungsergebnis, das sich auf 80 Geschäftshäuser erstreckte, die zusammen einen Wert von fast 37 Millionen Mark darstellten, ergab sich, daß die Belsistung fast 13 Millionen Mark betrug. Etwa 10 Prozent der Grundstücke stehen unter Zwangsverwaltung, die im übrigen Stadtgebiet nur mit 1 bis 2 Prozent zu veranschlagen ist! Ungefähr ein volles Fünftel des nutzbaren Geschäftsraumes steht am»Brühl«— Leipzigs wichtigster City-Verkehrsader, kaum dreißig Schritt vom»größten Bahnhof Europas« entfernt— leer. Der enorme wirtschaftliche Zusammenbruch läßt gerade hier seinen einzigen und unmittelbaren Zusammenhang mit dem arischen Hexenwahn der Hitlerei ganz klar erkennen. Mit billigen Witzen über Leben und Treiben am»Brühl« bestritt früher jeder nationalsozialistische Redner-Boxer sein Repertoire im Hinblick auf den»Aufbruch der Nation«. Die Rowdys haben nun eben wahr- gemacht, was sie vor ihrer gouvemementalen Zeit als die deutsche Rettung hinstellten: den Judenmord, boahafter und barbarischer, weil systematischer, als je im»finsteren« Mittelalter. Der»Brühl« widerlegt in seinem jetzigen, durch die Leipziger Handelskammer amtlich festgestellten Zustand der ArmpTOrKt-— rung aber auch die elende diplomatische Zwecklüge des Systems, daß es den Juden, jenseits der Politik, nie besser gegangen wäre, als jetzt. Mit Politik haben Persianer oder Skunks nie etwas zu tun gehabt; ausgerottet aber wird doch! Wo sind die Fadiarbeiler? In Deutschland herrscht großer Facharbeitermangel. Die Reichswehr hat sich eine Vorzugsstellung geadohert, um zuerst berück- siciitigt zu wenden. Keppler, Beauftragter des PUhrens und Reichskanzlers für Wirt- schaftsf ragen, ertäßt einen»Aufruf zum Lehrlingsei nsatz«, Hecker, Leiter der Reichswirtschaftskammer, ermahnt die Eltern ebenfalls, für die Erhaltung deutscher Qualitätsarbeit und also für die Ausbildung von Facharbeitern zu sorgen. Wie wäre es denn, wenn Herr Keppler und Herr' Hecker dem Führer empfehlen und einen Aufruf erlassen würden, die qualifiziertein deutschen Facharbeiter aus den Gefängnissen, Zuchthäusern und Konzentrationslagern zu entlassen? Da sind säe nämlich! Ruinen am Brühl Ein Stück deutscher Weltgeltung— geopfert dem arischen Moloch. Im Jahresbericht der Leipziger Handelskammer über 1835, der soeben herausgekommen Ist, wird sin konkreten und realen ökonomischen Tatsachen illustriert, wie sich die arische Berserkerei des Dritten Reiches an der deutschen weltwirtschaftlichen Bedeutung blutig rächt Es handelt sich um eine Enquete, die in diesem ihrem Bericht die Kammer der Lage am Leipziger»Brühl« gewidmet hat Der»Brühl« war seit vielen Was die Deulsdien flüstern Zwei Freunde gehen am Rhein angeln. Einer ist in Zivil, der andre in SA-Uniform. Stundenlang sitzen sie und werfen ihre Köder aus, ohne daß ein Fisch anbeißt. Schließlich sagt der Zivilist zu dem Braunen;»Es ist wirklich kein Wunder, daß keiner anbeißt Wenn die Fische Deine braune Uniform sehen, wagt doch keiner das Maul aufzumachen.« • Weiches ist die größte deutsche Zeitung? —»Die Schnauze!«, denn sie wird von 65 Millionen Deutschen gehalten. * Ein Aualänder reist von BerHn nach München. In seinem Abteil sitzen mehrere SA- und SS-Leute, die sich auf unverständliche Art die Zelt vertreiben. In dem sie sich gegenseitig Nummern zurufen, die jedesmal dröhnende Lachsalven zur Folge haben. Also: Nr. 16!— Nr. 24— Nr. 31 etc. und jedesmal brüllendes Gelächter. Schließlich fragt der Ausländer:»Aber meine Herren, Ich verstehe dem Grund Ihrer Heiterkeit nicht. Was ist das eigentlich für ein Spiel?«— Einer antwortet flun:»Ja, wissen Sie, wir erzählen(Da politischem Witze vorsichtshalber nur nume-* rierLc Nr. 1*3 BEILAGE UiuecUanttflrfs 17. Mai 1936 m det Hmdet-lUvetuiioH 1. Umwertung der sozialistisdien W er te? Es gibt keine Patentmedizinen gegen den Faschismus. Nichts ist gefährlicher als der Versuch, ihn mit einem künstlichen Prophetentum bekämpfen zu wollen, das die geistige Verworrenheit der ■faschistischen Anhänger sich aneignet, statt sie durch bessere Erkenntnis zu bekämpfen. Jeder solche Versuch nimmt eine Begleiterscheinung für die Sache selbst, er muß notwendig in der Charla- terie enden, die die Ideologen des Faschismus auszeichnet, und seine Wirkung wird lediglich eine Vergrößerung der geistigen Verwirrung sein, aus welcher der Faschismus Nutzen zieht. Jeder solche Versuch schließt aber auch eine geistige Kapitulation in sich: die Verzweiflung an den eigenen Werten und ihrer Ueberein- stimmung mit den Werten des Volkes, die stillschweigende Anerkennung, daß die Sprache und die Argumente des Gegners wirksamer seien. Wer daran verzweifelt, seine eigene Wertordnung mit seiner eigenen Sprache, seinen eigenen Argumenten vertreten zu können, wer seine eigenen Erkenntnisse mit denen des Gegners glaubt maskieren zu müssen, um sie an den Mann zu bringen, der ist innerlich erschüttert. Bei manchem Sozialisten ist unversehens aus der Prüfung der Frage, wie die sozialistische Politik in der konterrevolutionären Periode zu orientieren sei, eine Frage nach der Neuorientierung der Idee geworden, und einige sind dabei unter dem Einfluß der nationalsozialistischen Macht und ihrer Propaganda über die Grenzen hinausgetragen worden, innerhalb derer wirkliches Bekenntnis zur echten sozialistischen Idee noch möglich ist. Das Tasten und Rufen nach neuen Werten, nach neuen Göttern und nach. neuen Gebetsfonnen, das Streben, den Sozialismus durch den»Volkssozialismus«: zu ersetzen, durch den»deutschen« oder den»nationalen« Sozialismus offenbart den Zweifel dieser Kreise an der Güte der sozialistischen Idee an sich, die durch das vom Gegner erborgte Flitterwerk höherwertig gemacht werden soll Dabei wird aus der Erkenntnis, daß der Nationalsozialismus eine geschichtliche Tatsache ist, vor der die sozialistischen Politik die Augen nicht verschließen kann, unversehens eine Anerkennung und Ueber- nahme des Nationalismus. Auf diesem Wege ist die Linie sehr leicht überschritten, die erkenntnismäßige Verarbeitung neuer politischer Tatsachen von der geistigen Gleichschaltung mit der konterrevolutionären Ideologie trennt. In diese Reihe gehört das Buch von Emil Franzel, Abendländische Revolution(Verlag Eugen Prager, Bratislava). Es ist weit jenseits der Linie. Mit seiner Verherrlichung des Mittelalters, seinen nachempfundenen Kapuzinerpredigten gegen den Liberalismus, seiner geistesgeschichtlichen Ableitung des Sozialismus aus der kriegerischen Gemeinschaft der germanischen Stamme, seinem Pessimismus gegenüber den Fortschritten und kulturell-technischen Eroberungen des bürgerlichen Zeitalters, seiner Schwärmerei für Friedrich IL von Hohenstaufen, den Vertreter der antidemokratischen absolutistischen Staatsidee und des totalen Staates, gehört es in eine ganz andere Literaturklasse als in die sozialistische. Es ist Geist vom Geiste jenes falschen Prophetentums, das das geistige Vorlauf erstadium des Dritten Reiches in der deutschen Republik ausgezeichnet hat. Zufällig lenken zwei Ereignisse den Blick schon äußerlich auf diesen Zusammenhang: das Buch Franzel mit seinem Kulturpessimismus und seiner Schwärmerei für das mittelalterliche Ordensntter- tum erscheint in den Tagen, In denen Oswald Spengler gestorben ist, und in denen das braune System seine Ordens- burgem eröffnet hat. Wir haben das Wachsen der nationalsozialistischen Ideologie in Deutschland aus der Nähe beobachtet— von den Anfängen an bis zu der grauenhaften Ausprägung der nationalsozialistischen Herrschaftsperiode, und die innere Verwandtschaft der Franzelschen Auffassung mit dieser Vorläuferideologie schlägt unseren Blick. Es genügt, diese Vorläuferideologie mit wenigen Strichen zu zeichnen, damit dem Leser des Buches das Verständnis für diese Verwandtschaft aufgeht. 2. Die ideologisdien lorläufep der deut* sehen Konteppevolu* tion Als das deutsche Volk aus der Verwirrung des Krieges auftauchte, waren für die nichtsozialistischen Deutschen die alten Tafeln zerbrochen. Die Kriegsliteratur mit ihrer Verherrlichung und Verabsolutierung des Krieges, mit ihrer Lehre vom auserwählten Volke, in der aller Wust und aller Wahnwitz der alldeutschen Literatur in die offizielle Literatur emporgehoben worden war, mit ihren afterwissenschaftlichen Geschichtsdeutungen für die Zwecke des deutschen Imperialismus, war mit einem Schlage abgeschnitten. In dies Vakuum stieß nun die Literatur der politischen Romantik der Nachkriegszeit vor. Zu ihren frühesten Erscheinungen gehören Spenglers»Untergang des Abendlandes« und Rubinsteins»Romantischer Sozialismus«, der Kulturpessimismus und die Flucht aus der Gegenwart in die romantisch verklärte Vergangenheit. Es gehört zum Wesen der politischen Romantik, daß sie schülert und tausend Möglichkeiten offen läßt, während sie die Gegenwart verneint— und darauf hat in diesem Stadium der Geschichte der Nachkriegszeit die Wirkung dieser Literatur beruht. Ihre wesentlichste Punktion war, daß sie der sozialistischen Idee und der sozialistischen Politik entgegenwirkte, und dabei den verschiedensten Anschauungen ihrer Gegner dienlich war. Der Spenglersche Kulturpessimismus und der romantische Sozialismus sind in ihren wesentlichsten Elementen in die gesamte konterrevolutionäre Literatur eingegangen. Man findet diese Spuren nicht nur in der Literatur, sondern auch in der Politik. Von Spengler geht eine Linie zu C a r 1 Schmitt, der alle Politik auf das Freund-Feind-Verhältnis zurückführt, und damit den Krieg verabsolutiert, aber auch zu den Fememördern und den Führern der Bürgerkriegsbanden, die die Spenglerschen Lehren von der Raubtiernatur des Menschen und vom Cäsar zur inneren Rechtfertigung ihrer blutigen Verbrechen benutzten; von Rubinstein geht eine Linie zu G r e- gor Strasser und Otto Strasser, und, damit wir es gleich sagen, zu jenen Leuten, die heute mit Otto Strassers »nationalen Sozialismus« liebäugeln, weil sie sonderbarer Weise diese konterrevolutionäre Angelegenheit für revolutionär halten. In einer folgenden Schrift Spenglers »Preußentum und Sozialismus«, wurde der Versuch unternommen, die sozialistische Idee militaristisch zu pervertieren. So wie Franzel heute lehrt, daß die germanische Kriegshorde der Inbegriff des Sozialismus gewesen sei, und wie er die Habsburgische Reichsidee mit dem Sozialismus zusammenschmeißt, so erhob Spengler die Tradition des militaristisch-merkantilistisch-absoluti- stischen Staates Friedrich II. zum Range einer sozialistischen Organisation und erklärte den preußischen Generalstab für die reinste Ausprägung der sozialistischen Idee. Zur Zeit des Erscheinens dieses Buches war der deutsche gegenrevolutionäre Nationalismus schon wieder zu einer gefährlichen politischen Kraft geworden und seine Literatur sammelte Anhänger aus allen Kreisen um ihn. Der Nationalbolschewismus war einmal sowohl im sozialistischen als auch im bürgerlich-nationalistischen Lager als eine reale Alternative der Politik angesehen worden, die die Nationalversammlung schließlich eingeschlagen hatte, und so kam es, daß die Wirkung dieser Literaturgattung über die Grenzen hinausgriff, die ihr früher gesetzt waren. Dazu kam ein anderes; aus der Tatsache der Organisation an sich war auch im sozialistischen Lager ein gewisser»Formalsozialismus« hervorgewachsen, ein Glaube, daß Organisation überhaupt, sei es auf wirtschaftlichem, politischem oder sozialem Gebiete, schon die Entwicklung zum Sozialismus manifestiere und fördere. Daß»Kriegssozialismus« nicht Sozialismus ist, Waffen- und Munitionsbeschaffungsämter und Kriegsgesellschaften nicht Ausprägungen der sozialistischen Idee, das hat der Sozialismus auch in der Nachkriegszeit immer aufs neue gegenüber der konterrevolutionären Literatur nachweisen müssen, die den Formalsozialismus für ihre Zwecke gebrauchen wollte, und das ist heute noch eine der wesentlichsten Aufgaben der sozialistischen Aufklärungsarbeit gegenüber den Versuchen des Nationalsozialismus, die dem Volke einreden wollen, daß in Ordnung, Zucht und militärischer Disziplin das Ganze des Sozialismus beschlossen sei. Dieser Kampf muß schon deswegen immer wieder erneuert werden, weil dieser Formalsozialismus, das dem»nationalen« oder»deutschen Sozialismus« oder»Volkssozialismus« von heute zugrundeliegende pseudosozialistische Gedankenelement ist. Zur Zeit als Spenglers»Preußentum und Sozialismus« erschien, begannen auch die Gedankengänge der Kriegsliteratur und der alldeutschen Afterliteratur wieder in die konterrevolutionäre Literatur in Deutschland einzufließen. Die gedanklichen Elemente, aus denen die späteren »Besteller« der deutschen Gegenrevolution, Hitlers Kampf und Rosenbergs Mythos zusammengeflickt wurden, erschienen nun allmählich alle wieder auf der Bildflächa. Es ist wesentlich, daß in der gleichen Zeit, in der Landsknechtsführer und politische Abenteuerer politische Gewalthaufen sammelten, sich um die konterrevolutionäre Literatur Gruppen und Cliquen zusammenschlössen, die alle für sich den Führungsanspruch erhoben und sich für die einzig wahren Propheten hielten. Sie sind teils untergegangen, teüs im braunen System verschmolzen, aber ihre romantische verworrene Ideologie ist zu einer ideologischen Kraft zusammengeflossen, die der Nationalsozialismus benutzt hat. Zu diesen Kreisen gehörte Moeller van den Bruck, der Jünger um sich sammelte. Von diesen Kreisen gehen Linien zu Hitler und Rosenberg, der schließlich allen Wust zusammenkehrte, den die Afterliteratur aller Zeiten jemals produziert hat, aber auch zur Literatur jener kleineren Propheten, Charlatane und Hellseher, die den Aufstieg der deutschen Konterrevolution begleiteten. Sie waren niemals politisch ganz unter einen Hut zu bringen, aber sie erkannten einander wie am Abzeichen eines Ordens an einer bestimmten Terminologie, an einer bestimmten Sprache—• und sie dienten alle gemeinsam der Konterrevolution. Während die einen mordeten und putschten, arbeiteten die anderen am Verderben der Jugend. Sie fischten nach der bürgerlichen Jugend, die alle Orientierung verloren hatte und den modernen Heüandsfirmen, den Rudolf Steiner, Johannes Müller und Graf Keyserling nachlief. Hier ist nicht der Ort, die soziologische Bedingtheit dieser Erscheinung und des schließlichen Erfolges der nationalistischen Heilandsfirmen über die anderen bei der Jugend aufzuzeigen, hier genügt es auf die geistesgeschichtlich-ideologischen Zusammenhänge hinzuweisen. Sie fingen sie mit der Parole;»Gegen das Bürgertum, gegen den Liberalismus«. In der gröbsten Form, in der Propaganda der vaterländischen Verbände hieß das: »Die Feinde der vaterländischen Verbände sind ebenso die zum Umsturz geneigte und dem Bolschewismus nahe verwandte Sozialdemokratie, wie das materialistische, ideal- lose, Internationale, pazifistische, zersetzende Asphaltbörsianertum, das keinerlei Verständnis für Heimat, Eodenständlgkeit, Blut, Ge- schichte, Volkstum, Religion und geistige, seelische und sittliche Vertiefung besitzt.« (von der Goltz, Die vaterländischen Verbände Deutschlands. 1928.) Der»Bürger« und»das Liberalistische« wurden die Hauptschlagworte einer auf die Verführung der Jugend gerichteten Propaganda, in der Ideologen und Literaten und gerissene Demagogen zusammen- spielten. Dazu kam die Anbetimg des Irrationalen. Da wird nicht mehr geforscht und versucht und erkannt, da wird »erfühlt«, da tritt an die Stelle der Erkenntnis»die Schau«, da wird Geschichte »gedeutet«, so wie sie vor dem Kriege und nach dem Kriege gedeutet worden ist zur höheren Ehre der deutschen Weltherrschaft. Der wesentlichste Faktor der bürgerlichen Kultur, alles, was im Menschheitsglauben des europäischen Humanismus Vernunftglaube ist, das Erbe der antiken Philosophie, wird verdammt als unvereinbar mit der aus Blut und Boden erwachsenden völkischen Kultur. Die neue Bewußtseinsfonn für die Spannung zwischen gesellschaftlicher Autorität und persönlicher Freiheit wird die Anerkennung der Totalität des Führerbefehls. Alle, die am Gewebe der konterrevolutionären Ideologie mit gewoben haben, haben teil an dem blutigen Verbrechen des braunen Systems. Es ist nicht nur intellektuelle Schuld. Zwischen der gegenrevolutionären Literatur und dem gegenrevolutionären Putschismus haben immer Querverbindungen bestanden. Im Kreise Moeller van den Brucks, aus dem die Zeitschrift»Das Gewissen« hervorging, traf sich der Ideologe mit der antibolschewistischen Liga, die das Geld gab. Hier gaben ihre Propagandisten, die Stadler und Compagnie, Gastspiele.»Gewissen« und»R i n g«, Moeller van den Bruck, antibolschewistische Liga, Reichsbürgerrat, Vereinigung deutscher Arbeitgeberverbände, Herrenklub— alles war mehr oder weniger eng miteinander verfilzt, auf alle Fälle aber eine konterrevolutionäre ideologische Einheit. Diese ideologische Macht hat auch Sozialisten erfaßt. Niekisch und Otto Strasser, Zeitschriften wie»Der Firn« und der»Widerstand« sind die besten Beispiele dafür. Sie hat schon vor dem Machtantritt Hitlers eine kleine Gleichschaltung bei einigen Sozialisten bewirkt, die sich besonders in der Gewerkschaftsbewegung geltend machte. Sie hat große Teile der bürgerlichen Jugendbewegung ergriffen, die um ihrer inneren Unklarheit wUlen leicht zu ergreifen war.(Dafür gibt uns heute Franzel zu verstehen, daß diese unklare Bewegung zukunftsträchtiger gewesen sei als die ganze deutsche Sozialdemokratie.) Sie hat die besseren Leute gesammelt— aber auch die unklaren Schwärmer gegen»die Reaktion«, sie hat den Nationalismus zur Erkennungsmarke der besseren Leute und zur Sehnsucht des Aufstiegs der Massen zü den besseren Brot und Wein Brot und Wein sind elementare Dinge; In Italien umschließen sie den Alltag des kleinen Mannes. Brot und Wein sind auch religiöse Symbole: Leib und Blut des Erlösers, Erinnerung an urchristlichen Kommunismus, Sinnbilder der Brüderlichkeit und Solidarität. »Brot und Wein« nennt Ignazio Silo n e seinen neuen Roman(Verlag Oprecht und BUchergllde Gutenberg, Zürich); er spielt wie Fontamara in Südtltalien und'fordert Im politischen Kampfe che Rückkehr zu den elementaren Wahrhelten. Der Rückkehrer Ist ein mandstlscher Emigrant. Der Freiheitskampf aus der Feme. der Streit der Richtungen und Gruppen war ihm Beruf geworden und hat Ihn leergebrannt.»Traurige Folge aller Berufe, die »das Heil der Welt« zum Ziele haben! Um die anderen zu retten, verliert man schließlich sich selbst... Ist die Wahrheit für mich nicht die Wahrheit einer Partei geworden? Die Gerechtigkeit nicht die Gerechtigkeit einer Partei?«— Paolo will sich wieder finden; die gefährliche Wirklichkeit des Heimatbodens lockt Ihn. Verkleidet lebt er in den Abruzzen, geht als Priester verkleidet durch die Heimat, um unmittelbar für die Freiheit zu wirken und erlebt so die veränderten Menschen. Es sind arme Cafonls, Halbbauern, wie man sie aus»Fontamara« kennt, aber der Faschismus hat sie völlig verdummt. Der abeasinische Krieg bricht aus, Rundfunk, Kirche und Obrigkeit reißen diese hungernden, ewig rebellierenden Landproletarier in einen nationalsozialistischen Rausch, der bei ihrer Zurückgebliebenheit groteske Eroberer- Phantasien erzeugt. Was Paolo heimlich im- Leuten gemacht. Sie hat schließlich die soziologische Wissenschaft korrumpiert. Aus ihr entsprangen die Schlagworte von der»Revolution von rechts«, von der»konservativen Revolution«— im engen Zusammenhang mit den Schwärmereien der Z e h r e r, Fried und Compagnie, die Armut in der Autarkie predigten. Ueber dies Vorläuferstadium ist jetzt ein Vorhang gefallen. Die siegreiche Konterrevolution zeigt ihre wahren Ziele mit brutaler Offenheit. Ihr nationalistisch- imperialistischer Charakter liegt offen zutage. Sie hat es nicht mehr nötig, sich im schillernden Gewände der Literatur der Vorläuferzeit zu zeigen. Jetzt wird die Ideologie stramm ausgerichtet und kommandiert. Sie hat ihre Schuldigkeit getan. 3. Durch Verwirrung zur Gleidisdialtung Aber die Gedankenelemente aus der konterrevolutionären Literatur in ihrem Vorläuferstadium leben fort, und wir finden die wesentlichsten von ihnen wieder in Emil Franzeis Abendländischer Revolution. Es ist verblüffend, wie sehr dies Buch mit seiner Mentalität und Sprache, wenn wir es mit den reichsdeutschen Erscheinungen vergleichen, in die Literatur der politischen Romantik zwischen 1919 und 1923 gehört. Es ist ein frei schwebendes Buch; mit seiner Ideologie und seiner sogenannten Theorie Jiann man alles machen: sowohl Pan-Gennanismus ohne Hitler, als auch Habsburger Monarchie, autoritäre Diktatur so gut wie deutsches Kaisertum. Nur eines verträgt sich nicht mit den Anschauungen dieses Buches: die Freiheit. Dies Buch, das eine Umwertung der sozialistischen Werte bezweckt, stellt an die Spitze seiner neuen Wertordnung die Gebundenheit. Auf die Frage, wie die Spannung zwischen Autorität und persönlicher Freiheit gelöst werden soll, kennt es nur eine Antwort: den Hinweis auf die angebliche Herkunft der sozialistischen Idee aus der Wertordnung der germanischen Kriegerhorde:»Ordnung, Zucht, militärische Disziplin!« Daher der Name konservative Revolution. Wir müßten blind sein gegenüber unseren eigenen Erfahrungen im Kampfe mit der Konterrevolution, wenn wir uns eine Theorie der konservativen Revolution als sozialistisches Gedankengut unterschieben lassen würden. In diesem ganzen Buch, das sich schwärmend ins Mittelalter vertieft und in der Gebundenheit das Ideal sucht, das die Hörigkeit für den wahren Sozialismus hält, ist kein Funke des Verständnisses für den Sozialismus als kämpfende Bewegung. Für dies Buch ist der Sozialismus, so wie er in der Geschichte, sei es in Parteiform, sei es als geistige Bewegung gelebt hat, im Grunde genommen nur ein Abfallsprodukt der bürgerlichen Epoche— und die bürgerliche Epoche seit dem Jahre mer wirkt, die Dummheit verfälscht es. Alle Begriffe sind zertreten.»In keinem Jahrhundert sind die Worte so sehr von ihrem natürlichem Zwecke, die Menschen miteinander zu verbinden, abgelenkt worden, wie heute. Sprechen und betrügen(oft auch, indem man sich selbst betrügt), bedeutet fast dasselbe. Und zwar in einem Maße, das ich jetzt, wo ich mit euch sprechen will, aufrichtig, brüderlich, ohne jeden anderen Zweck, als euch zu verstehen und mich euch verständlich zu machen, daß Ich dabei wirklich in Verlegenheit komme, wenn Ich die Worte suche— so sehr sind sie verfälscht, entstellt, abgenützt und entwertet...< Tragödie eines illegalen Heimkehrers. Denkende junge Menschen sind da, die glauben an ein Flüstermärchen: Mussolini hat die»zweite Revolution« gewollt, aber das Großkapital hat ihn gefangen gesetzt. Im Kellergeschoß der Banca Comerciale In Rom— an seiner Stelle amtiert ein Double, eine Redemaschine mit Kinnbacken; es gilt, den Führer aus der Gefangenschaft der Kapitalisten zu befreien... In Rom findet Paolo einige illegal arbeitende Gruppen, aber im»totalen Staat« ist jeder Dritte ein Spürhund, die Kerker füllen, die Opfer türmen sich. Der totale Staat ist so stark, daß er nicht ein einziges Nein ungestraft vertragen kann.»Im Lande der Propaganda bringt ein Mensch, jeder beliebige kleine Mensch, der mit seinem eigenen Kopfe zu denken fortfährt, die öffentliche Ordnung in Gefahr. Tonnen bedruckten Papiers verbreiten die Parolen des Regimes... Aber es braucht nur ein kleiner Mensch, ein einziger kleiner Mensch nein zu sagen, seinem Nachbarn nein ins Ohr zu flüstern oder 1250 ein einziger Verfall und Rückschritt. Eis ist unberührt vom Emanzipationskampf der Arbeiterklasse, von ihren Kämpfen um den Aufstieg zur Teilnahme an der bürgerlichen Kultur, um Freiheit, um Rechtsgarantien. Denn die bürgerliche Kultur, die Freiheit, die Rechtsgarantien des Liberalismus, sind für Franzel nur Schemen und Irrwege aus einer jahrhundertelangen Verfallszeit. Kein Wunder bei solchen Anschauungen, daß Politik und Kampf der reichsdeutschen Sozialdemokratie eine geradezu groteske Verurteilung erfährt: »Welche herrlichen Gelegenheiten hat der deutsche Sozialismus in seinen liberalen Ver- irrungen versäumt, da er es unterließ, der Spottgeburt des preußischen Herrgotts die Vision dieses deutschen Gottes, dem Kasernenstaat das Reich, der hohenzollemschen Kaiseridee die mittelalterlichen Kaiser und der ganzen Siegesallee von Feldwebeln die Reihe der großen deutschen Kaiser entgegenzustellen von Karl dem Großen über Otto dem Großen, Konrad II., Heinrich m., Heinrich IV,. bis zu den Hohenstaufen und endlich noch Rudolf von Habsburg, dem Erneuerer des»Friedens«, der im Interregnum verloren gegangen war. Hier, im deutschen Mittelalter, liegen die mächtigen Wurzeln des deutschen Volksstaats, hier liegt seine demokratische und sozialistische Tradition.«(S. 64 65.) Der ganze Mangel an wirklichem geschichtlichem Verständnis, der diese Art von Geschichtsdeuterei auszeichnet, enthüllt sich in solchen Sätzen. Welche Verkennung der politischen, sozialen, psychologischen Situation des deutschen Volkes und seiner Arbeiter in der Epoche, da der Sozialismus in Deutschland Fuß faßte, welche Verständnislosigkeit gegenüber der deutschen Sozialdemokratie als einer geschichtlichen Erscheinung in ihrer geschichtlichen Bedingtheit— welche Verfälschung aber auch des historischen Tatbestands im Mittelalter, Jahrhunderte vor jener Zeit, in der sich Nationen bildeten. Schlimmer noch wird es, wenn das Buch auf die uns am nächsten liegenden Ereignisse eingeht Da wird(siehe S. 246/247) die gesamte Politik nicht nur der deutschen Sozialdemokratie, sondern der gesamten Linken in den Jahren von 1919 bis 1933 zu einer einzigen Sünde gegen die sMasse der Nation«, da wird ihr vorgeworfen, daß sie gegen die Revancheidee, gegen den Nationalismus, gegen die gesamte nationalistisch-militaristische Konterrevolution gekämpft hat, statt vor deren Ideologie zu kapitulieren. Alles das, was Gegenstand des politischen Ringens um das Volk in diesen Jahren gewesen ist, das wirft Franzel in einer einzigen großen Kapitulation hin, er streicht den Kampf und den Sinn des Kampfes aus. Er geht soweit, daß er sogar noch den Vorwurf des Landesverrates rechtfertigt, der seit 1918 an unaufhörlich gegen die deutsche Linke erhoben worden ist: »Man wird bei einer gerechten Wertung, will aagen bei einer historisch-objektiven Betrachtung der deutschen Nachkriegage- nachts auf irgend eine Mauer nein zu schreiben, ao ist die Ordnung in Gefahr...« Was ist da zu tun?— fiebert der kranke Paolo. Man muß zurück zur alltäglichsten Wahrheit. Parteiprogramme sind in dieser Stunde nichts, die einfachste Wahrheit, die elementarsten Forderungen der Menschlichkeit und Gerechtigkeit sind alles. Man muß bei dem verwirrten Denken dieser Menschen anknüpfen, muß ihnen Beispiele im Alltagsleben geben, muß ihr Denken neu entzünden, Schritt für Schritt, muß Opferbereitschaft zeigen, muß dem Bedürfnis der Sehnsüchtigen und Verängstigten nach Brüderlichkeit im Alltagsdaseln gerecht werden. »Wenn du ihr Vertrauen gewonnen haben wirst, dann kannst du versuchen, ihnen klar zu machen, daß es sich nicht darum handelt, neue Formeln, neue Gesten oder neue farbige Hemden in Umlauf zu bringen, sondern vielmehr um eine neue Art der Lebensführung.,. Wir haben uns so sehr vom Menschen entfernt, daß jeder, der sein gegenwärtiges Elend mit dem vergleicht, was es sein könnte, bestürzt sein muß, sagt Paolo zu einem seiner Kameraden.»Der Wahrheit leben, nichts als der Wahrheit—»ich weiß zur Stunde nichts anderes.« Paolo wird erkannt und verraten; er muß flüchten. Das Buch schließt damit. Die praktische Erkenntnis, die der Held hinterläßt, mag manchem problematisch, unvollkommen oder bekannt erscheinen. Silone kennt die Notwendigkeiten der Emigration, seine Bücher sind Zeugnis dafür. Er weiß auch, von welchen Voraussetzungen das persönliche Beispiel unterm Faschismus abhängt. Aber wenn sein Held von jedem Einzelnen ein schichte nicht übersehen dürfen, daß sich das Denken der deutschen Intelligenz auf einer Linie bewegte, die sie weitab von den Problemen führte, welche die Masse der Nation bewegten. Der Kampf gegen die Reparationen, gegen die einseitige Abrüstung, gegen die Pariser Verträge überhaupt, die moralische Entrüstung über den Bruch der Wilsonseben Versprechungen und die Verletzung der feierlichen Zusicherungen der Lansing- note, der Kampf gegen die Kriegsschuldlüge (der nicht nur Demagogie war, sondern auch ein Kampf gegen die einseitige, ohne wissenschaftliche Nachprüfung erfolgte Verurteilung Deutschland� und gegen die sture Weigerung der Gegenseite, die wissenschaftliche Ueberprüfung zuzulassen), die Enttäuschung über die Demokratie, von der man 1918 naiverweise ein Paradies erwartet hatte, die Empörung über die Kormptionsersch einungen im neuen Staat, all diese Gefühle fanden kein Echo in den Zeitschriften, Zeltungen und in der künstlerischen Produktion der deutschen Linken. Das Volk hatte das Gefühl—■ und gegen Gefühle haben verstandesgemäße Argumente nur eine sehr beschränkte Wirkung— daß hier Landesverrat vorliege. Faktisch wäre natürlich unter gleichen Voraussetzungen die geistige Haltung der linken Intelligenz zu den nationalen Problemen auch in jedem anderen Lande als Landesverrat angesehen und verfolgt worden.«(S. 246/247.) Das ist ein typisches Zusammenknicken der»erfühlten« Theorie vor den Tatsachen der Konterrevolution. Franzel spaltet von den Anfängen der Nachkriegszeit an die Intelligenz— will sagen das für Frieden und Verständigung ringende Deutschland — von der»Masse der Nation«. Er unterstellt, daß von vornherein der Revanchenationalismus die Masse der Nation bewegt habe, er eskamotiert den ganzen Kampf der Linken gegen die Reparationen, um die Befreiung von der Besetzung, die immer wiederholten Versuche und Anläufe zur Befreiimg durch Verständigung, und die Erfolge dieser Politik. Der ganze komplizierte Prozeß, der nicht nur Gesinnung und Politik der Linken umfaßte, sondern auch die Politik und den haßerfüllten Kampf der nationalistischen Gegenrevolution, die Rückwirkungen der französischen, englischen, polnischen, russischen Politik auf Deutschland, das Auf und Ab von fünfzehn Jahren wird von Franzel Angrst vor Erbhöfen Das Anerbengericht Neidenburg(Ostpreußen) teilt der deutschen Presse mit: »Nach dem Stand vom 1. März dieses Jahres konnte das Anerbengericht Neidenburg 1665 Erbhöfe nachweisen... In 425 Fällen wurde gegen die Aufnahme in das gerichtliche Verzeichnis Einspruch eingelegt, in fünf Fällen gegen die Nichtaufnahme. 69 Einsprüche mußten abgewiesen werden.« Die Landwirte reißen sich ganz offensichtlich um die Ehre, zu Erbhofbauern ernannt zu werden und dadurch allen Kredit zu verlieren. Höchstmaß von Ideallsmus fordert, so gilt das wohl für den revolutionären Kampf aller Zeiten. Mit dieser Skizze wird der Gehalt des Buches nur flüchtig angedeutet; es stellt eine interessante Mischung von Gedanklichem und Gesehenem, von geistigem und elementarem Leben dar, es wimmelt von Typen und farbigen Situationen. Zweimal stutzt man, stolpert man: über Tierepisoden, in denen die Leiden der stummen Kreatur sehr robust übergangen werden. Das Mitleiden des Helden erscheint da plötzlich recht primitiv. Es ist für Silone charakteristisch, wie dicht er den Gegensatz von denkerischem Ernst und robuster Komik des Lebens nebeneinander setzen kann. Zwischen Tragischem, Schwerem stehen Dinge von trockenem Humor und verhaltener Ironie. Dabei sucht das Buch überall den Zug ins Große, Ewige. Man wünschte, daß die freiheitlichen Bücher deutscher Zunge so fern allem Richtungsgezänk wären und so feindlich aller billigen Parteirechthaberei. In diesem Buche ist alles auf das Positive, Gemeinsame, Ewige des Freiheitskampfes gerichtet. Es ist für diesen Kampf geschrieben, es sprüht ein Leben, das sich um das Heute dreht, aber es wird dieses Heute weit Uberdauern, weil es frei ist von Schablone und well es trotz aller starken Tendenz den Menschen so einfach und naturhaft zeigt, wie Brot und Wein. Br. Brandy. Ppelslräifep Der nationale FUmprcia 1935/36 wurde von Göbbels dem Regisseur Fröhlich für seinen Film»Traumulus« zuerkannt. Für die reduziert auf die Formel: Unverständnis der Geistigen für die»Sehnsüchte der Masse der Nation«. So sagt es die deutsche Gegenrevolution, so sagt es Hitler auch! Und so kommt er zu jener Aussage, die wir voll Scham in diesem Buche lesen, daß die Masse der Nation die Geistigkeit in Deutschland als Landesverrat empfunden habe. Fühlt er nicht, daß diese gänzlich falsche Aussage die Taten der Fememörder, den Mord an Erzberger und Rathenau, das Treiben der gegenrevolutionären Putschisten nachträglich rechtfertigt mit der Aussage: die Masse der Nation empfand sie als gerecht? Niemals ist eine falschere Aussage gemacht worden von einem Historiker, niemals ist der wahre Ablauf der Entwicklung der politischen Ideologie des deutschen Volkes falscher dargestellt worden! Das kommt davon, wenn man nur die »Masse der Nation« nach der Denkweise der Konterrevolution ins Auge faßt, wenn man die realen Tatsachen der Differenzierung des deutschen Volkes, der Arbeiterbewegung in Deutschland, außer acht läßt, wenn man»deutet«, wo es Wahrheiten erkenntnismäßig festzustellen güt. Und es geht ja nicht nur ums Gewesene! Wohin gelangen wir, wenn von solchen Anschauungen aus die Erneuerung der sozialistischen Lehre erfolgen soll, die die Lehre den»Sehnsüchten der dumpfen Masse« anpassen soll, der»Masse der Nation«, so wie Franzel sie versteht? Darauf muß eine sehr klare Antwort gegeben werden: auf diesem Wege kommt man zur Konterrevolution. Zum Nationalsozialismus, zu Hen- lein oder zu Schuschnigg— je nach dem geographischen Standort. Das Buch enthält Wegweiser genug in dieser Richtung. Da ist die Mahnung, die lebendige Lehre des Marxismus in die »Sprache des 20. Jahrhunderts« zu übersetzen, wobei als Sprache des 20. Jahrhundert die der konterrevolutionären politischen Romantik anerkannt wird. Da ist die Nachbetung der faschistischen Theorie von der revolutionären antikapitalistischen Jugend. Man vergleiche nur einmal diese schwärmenden Stellen aus Franzeis Buch (S. 250 ff.), die eine Suppe zusammenrühren aus dem Hohen Meißner, Gustav Landauer und dem Kindermord von Lange- marck— besser konnten es die Propagandisten der deutschen Gegenrevolution auch nicht— mit der kritischen, objektiven Würdigung bei de Man(Die Idee des Sozialismus, S. 177 ff.) und man wird den Unterschied zwischen falschem Propheten- tum und Wissenschafter erkennen. Da ist Karl der Große, der Sachsenschlächter, wie ihn die nationalsozialistische Geschichtsdeutung nennt, der Franzel Anlaß gibt, im Blubostil über die mit den»Flüchen der sterbenden Väter, mit den Gebeten der Mütter, mit dem Blute weitervererbten Schuld Europas an den Niederdeutschen« zu reden. Da ist die Spielerei mit einer mystischen Reichsidee, die verräterischer ist als manches andere: »Im Reichsgedanken blieb immer etwas von der alten deutschen Kriegerdemokratie erhalten und von der Idee der sozialen Gerechtigkeit, welche die jungen Völker von ihren Wanderungen und aus ihren Wäldern mitbrachten und die sie mit der Idee des christlichen Gottesstaates zu vermählen trachteten. Sicher hat das Reich auch etwas Mystisches, und das Wort selbst wirkt als Mythos... Das stupende Unverständnis der deutschen Liberalen für alles historisch Gewordene, für Tradition und Gefühlswerte nahm ihnen auch die Möglichkeit, das Wort und den Begriff des»Reiches« zu verstehen. Er stand lediglich ihrer Auffassung der Republik als einer esteuropäisch-liberalen Staatsform im Wege und sie witzelten über Ihn wie über alles, was sie nicht rationell ergründen konnten.«(S. 62/63.) Und so sollen wir denn künftig nicht mehr Sozialismus sagen, sondern»das Reich«, um die»Masse der Nation« an uns zu ziehen— während die,' die heute das Reich sagen, alles andere meinen als den Sozialismus. Ja, das Wort Reich hat wirklich etwas Mythisches an sich, nämlich etwas vom Mythos des Alldeutschtums, des Reiches vom Belt bis an die Adria; für andere wieder, mit dem Standort in Oesterreich, vom Mythos des Habsburgerreiches, vermehrt um Süddeutschland. Und was es mit dem Reich auf sich hatte Im Sprachgebrauch der deutschen Konterrevolution; das haben wir auch erfahren. Sie haben»das Reich« gesagt, wenn sie ihr konterrevolutionäres Staatsideal der Verfassung von Weimar gegenüberstellen wollten. Da sind viele selbstverräterische Stellen, aus denen ganz naiv hervorleuchtet: das Abendland, das sind eigentlich wir Germanen. Das sind Stellen von einem Helldunkel, in dem die geheime alldeutsche Sehnsucht sich nur noch schwach verbirgt. Vor allem aber deutet in diese Richtung die Wendung gegen den Liberalismus, die Verleugnung des Freiheitskampfes von Jahrhunderten. 4. Kein Sozialismus ohne Freiheit Wir haben bereits die Tiraden des Konterrevolutionärs von der Goltz gegen das»materialistische, ideallose Asphalt- börsianertum« zitiert, das»keinerlei Verständnis für Heimat, Bodenständigkeit, Blut, Geschichte, Volkstum, Religion und geistige, seelische und sittliche Vertiefung besitzt«. Göbbels hat seitdem dies Thema mit unnachahmbarer Virtuosität variiert. Von der Aufklärung an bis auf dem heutigen Tag ist alles»liberalistische« im Dritten Reich verflucht. Bei Franzel reicht die Verfluchung zurück bis ins 14. Jahrhundert. Das Bürgertum der großen französischen Revolution ist ihm»die vernunftbesoffene Bourgeoisie«, Vernunft und Fortschritt nichts als Raserei: »Man braucht nur In den Chorus einzustimmen, Jede sittliche Bindung zu leugnen, die Religion zu bespötteln, und man wird damals und bis in die Spätzeit der liberalen Presse als legitimer Vertreter von Vernunft und Fortschritt anerkannt.«(S. 226.) Die deutschen Arbeiter und Sozialisten kommen nicht besser weg: »Auch sie verkannten die gewaltige Bedeutung des Organischen, Naturgewachsenen, der Nation, der Rassenfrage, des Generatio- nenproblems, ahnten nichts vom Gesetz der ewigen Wiederkehr, vom Altem, Sterben und der Geburt der Völker und ihrer Kulturen. Auch sie hielten wenig von Tradition, geistiger Bindung und Erbfolge.«(S. 181/182.) Wer die konterrevolutionäre Modeverfluchung des Liberalismus mitmacht, der verfällt notwendig eben auch in die Sprache der Konterrevolution. Wo ist da noch der Unterschied gegenüber den Deklamationen eines von der Goltz? Er ist so minimal geworden, daß Franzel schließlich bei der feierlichen Verfluchung von Freimaurern und Jesuiten landet(S. 223) — wie es überhaupt kaum ein konterrevolutionäres Gedankenelement gibt, das in diesem Buche nicht adaptiert worden wäre. Diese Absage an den Liberalismus als weltgeschichtliche Ideenbewegung ist— von allem anderen abgesehen— eine feige Flucht vor der Spannung zwischen Autorität und persönlicher Freiheit in einer sozialistischen Ordnung, so wie die Flucht ins Mittelalter und die Absage an den technischen Fortschritt— um mit Marx zu reden— einen feigen Katzenjammer gegenüber den riesig entwickelten Produktivkräften unserer Zeit darstellt. Es gibt der Fragen genug, denen sich der Sozialismus heute gegenüber sieht— gerade vom geographischen Standort Franzeis aus: die politische Stellimg zu den inneren Klassenkämpfen in den nach dem Krieg neuentstandenen Ländern, die Stellung der Sozialisten zur Staatsräson dieser Länder, zur Verbindung zwischen Autarkie und Nationalismus, die Störung der ökonomischen Dynamik durch politische Eingriffe, die große Frage der wirtschaftlichen Belebung Südosteuropas. Statt einer Antwort auf diese Fragen gibt Franzel eine Schwärmerei für das Heilige Römische Reich, und ein Bekenntnis zur Autorität gegen die Freiheit, gehüllt in eine Verfluchung des Liberalismus. Der geistesgeschichtliche Standort solcher Verdammungen des Liberalismus ist längst und auf das schönste gezeichnet worden von de Man, dessen Ausführungen wir nun folgen lassen; »In Deutschland und in den anderen Ländern, in denen sich das Bürgertum bis zuletzt mit dem Obrigkeitsstaat abfand, hat man allerdings von diesen revolutionären Bewegungen(in der Blütezeit des Liberalismus) recht wenig gespürt; aber das legt den Gedanken um so näher, daß man hier in bürgerlichen— und leider nicht nur in bürgerlichen— Kreisen unter der verächtlichen Etikette»liberalistisch« manche« als überwundenen Standpunkt hinstellt, was man in Wirklichkeit aus Mangel an Männerstolz vor Königsthronen noch nicht einmal erreicht hat. So kommt es, daß man im wirrsten Durcheinander antikapitalistischer Ressentiments, romantisch feudaler Traditionen, müitaristischer Autoritätssucht, spießerlichen Sicherheitsverlangens und kapitalistischer Besitzangst den verdienten Mißkredit einer parteipolitischen Ideologie aus der Verfallszeit der bürgerlichen Demokratie ausdehnt auf eine weltgeschichtliche Ideenbewegung, die wahrhaftig noch etwas mehr umfaßt und noch etwas anderes bedeutet. Denn es geht nicht an, einen Camphauson mit einem Cromwell, einen Eugen Richter mit einem Danton, einen Schulze-Delitzsch mit einem Adam Smith, einen Ludwig Büchner mit einem Descartes, einen Schleiermacher mit einem Hus oder auch mit einem Luther in einen Topf zu werfen. In Wirklichkeit erstrebt die Bewegung für die Freiheit der Person, die vom städtischen Bürgertum des Hochmittelalters ausgegangen, und deren Führung erst im Laufe des letzten Jahrhunderts vom kapitalistisch gewordenen Bürgertum auf die sozialistische Arbeiterklasse übergegangen ist, nicht Zerstörung von Gemeinschaften durch ihre Atomisie- rung, sondern Erweiterung des Kreises, innerhalb dessen die Menschen ihre konkrete Freiheit verwirklichen sollen, bis zu der menschlichen Gemeinschaft überhaupt. In Anbetracht dessen sind alle Versuche, die Bindimg der Personen durch nationale und sonstige Teilgemeinschaften zu verstärken, in ihrem tiefsten Wesen reaktionär und der Richtung einer aus Jahrtausenden kommenden Entwicklung zuwiderlaufend... Die universelle Menschheitsidee des sozialistischen Internationalismus ist nur die konsequente Weiterführung von Geistesströmungen, die schon lange vor dem Kapitalismus dem bürgerlichen Denken die Richtung gaben.«(Die sozialistische Idee, S. 225 ff.) Von solcher Weite und Tiefe des Blicks ist das Franzelsche Buch weit entfernt. Es leistet nichts für die geistesgeschichtliche Untersuchung der Herkunft des Sozialismus, es trübt nur bereits errungene Erkenntnisse auf diesem Gebiet durch den geistigen Wust der konterrevolutionären Ideologie. Es will ein Schrittmacher sein für die»konservative Revolution«. Warum nicht einfach und gleich: Konterrevolution? Da zur großen Mode der Sprache des 20. Jahrhunderts auch der geopolitische Begriff des Raumes gehört, sollen schließlich noch einige Bemerkungen über den Das Recht, strammzustehen Das Handwerk hat heute keine Interessenvertretung mehr, genau so wenig wie es andererseits die Ihm zustehenden Rechte predegeben wird. Nur der Weg dazu bat sich geändert. Im nationalsozial istischen Deutschland bringt das Handwerk sein Recht dadurch zur Tait, daß es die Ihm oblle- genden Pflichten freiwillig übe r- nimmt. (Relchahandwerkmeister Pg. Schmidt vor den oetpreußischen Handwerkern In Hielt am 30. 4. 1936.) Verfilmung des Dramas eines alten Demokraten, der sich zur Linken rechnete und dessen Werke gesammelt In einem marxistischen Verlage enschienen, wie denn auch sein»Phan- tasus« samt der»Blechschmiede« alles andere denn»aufbauend« im braunen Sinne sind. Aber sie brauchen nun mal Namen und wehrlos muß Holz die braune Okkupation Uber sich ergehen lassen. Den»nationalen Buchpreis« erhielt Standartenführer Gerhard Schumann für einen seiner Gedichtbände. Die Nazipresse druckt als Talentbeweis ein Gedicht von ihm, das die ganze Mittelmäßigkeit brauner Lyrikerei aufweist. Wir zitieren: Nun aber steht ein Haufe von Entschlos- aenen, aus deren Blick der blanke Wille schießt. Sie träumen nachts vom Blut, dem hinge- gossnen, und von dem Führer, welcher einsam Ist. Diese Trivialität des Stofflichen, wie der Form, der hilflose Reim»schießt— Ist«, das Ist wahrlich gekonnt und preiswürdig. Wir geben.einen anderen Vers wieder: Gesegnet sei der Tod. der ihre Schwaden mit hartem Schnitt ine Ewige geholt. Gesegnet sein die stummen Kameraden. Unsterblichkeit strahlt um die stummen Taten._„ Die Fahne rauscht. Gott hat es so gewollt. Und das wird von der Nazipresse sue- drückllch als besonders glänzende Probe zitiert! Nicht einmal dilletlerende Gymnasiasten reimen geholt auf gewollt! Und in der dritten Zolle meint er natürlich:»Gesegnet seien...« Aber er weiß die Schwierigkeit nicht zu bändigen und wagt eine Wortver- stümmolung, die lächerlich provinziell wirkt. Hier ist wiederum nur die»rauschende Fahne« prämiiert worden, die brave Gesinnung des Standartenführers, der einmal recht untertänig reimt;»In ihrer Seele tragen sie den Gral, Knechte des Führers, Hüter und Rächer zugleich. Diese Knechte repräsentieren heute in Deutschland die»neue Kunst«. Zu Großem berufen Folgende Bedingungen haben in Deutschland die Anwärter eines bestimmten Berufes zu erfüllen: »Der Bewerber muß< das Reifezeugnis (Abitur) beasitzeu, er muß arischer Abstammung sein und die deutsche Staatsangehörigkeit besitzen. Seine politische Zuverlässigkeit muß außer Zweifel stehen, der Bewerber muß den Gedanken der Volksgemeinschaft voll In sich aufgenommen und Ihn auch bereits i n d I e Tat umgesetzt haben. Der Nachweis darüber, daß der Bewerber dieser Anforderung gerecht wird, ist durch eine Bescheinigung über die erfolgreiche Teilnahme an solchen Einrichtungen zu erbringen, bei denen junge Leute aller Volkskrelse zum Zwecke der Erziehung zur Valksgemeinadhaft im naticmalaozialisti- seben Sinne zusammengeführt werden (SA, SS, Arbeitsdienst usw.). Im übrigen muß der Bewerber körperlich und geistig vollkommen gesund sein und auch sonst allen Bedingung on entsprechen(guter Leumund, unbestraft, geordnete häusliche Verhältnisse usw.).« Was kann einer werden, wenn er all diesen Anforderungen gerecht wird? Reichskanzler? Minister? Kommandierender General? Nein— Postsupernumerar. Der Fnlermensdi Gauleiter A. E. Frauenfeld, Oberbonze der Reichstheaterkammer, mauschelt In der DAZ über die marxistische Volksbühne von ehedem: »Das war der Bolschewismus auf der Bühne. Das Kulturprogramm des Bolschewismus hieß Kampf gegen Jede Kultur. Das Ideal des Bolschewismus war der wurzellose. Jeder seelischen Substanz beraubte Untermensch, der Hochstapler, der Zuhälter, die Dirne, der internationale Bastard ohne Heimat, ohne Familie, ohne Liebe, ohne Glaube, ohne Treue,— der Untermensch, dessen Leben allein der Haß gegen alles Edle, Bessere und Größere antrieb. Und dieses Untermenschentura stand schließlich auch im Mittelpunkt des deutschen Theaters. Sehr leicht scheint das vergessen zu werden.« Längst ehe diese Unteroffiziere eine Ahnung von Theater hatten, spielten die freien Volksbühnen Klassiker, Ibsen, Björnson, Strindberg, Wedekind, Shaw und das beste der modernen. Gerhart Hauptmann, Arno Holz u.*., die heute drüben verfilmt werden, verdanken dieser Volksbühne die ersten Schritte. Damit vergleiche man die elenden Spielpläne der Theater des Dritten Reiches! So wird heute drüben die Jugend angelogen, so wird Geschichte gefälscht. Byzanz Bei der Verteilung der Nationalpreise für Buch und Film sagte Göbbels in einer Rede laut Nazipresse: »Ein Volk sind wir, einem Führer gehorchen wir. Ein Volk der Dichter und Denker, der Arbeiter, Bauern und Soldaten! Und über diesem Volk steht der Mann, der als Dichter den Traum dea ewigen Deutschland träumte, der ihm als Denker das geistige Fundament schuf, der ihm als Arbeiter den Segen der Arbeit aufs neue vermittelte, der Ihm als Bauer sein tägliches Brot zurückgab und ihm als Soldat die Waffe schmiedete, die Reich, • Volk und Nation beschützt. In diesem Sinne grüßen wir ihn.« Das Ist alle»? Seine Malerei, srine mit eigenem Namen signierten plagiierten Bilder von ehedem— das ist nicht»? Und Seefahrer war er nicht? Und nicht Entdecker, als er entdeckte, daß die Ukraine eigentlich deutsches Land ist?! Und nicht Erfinder, da er das bis heute noch unbekannte Gehelmrezept zur Rettung Deutschlands erfand?! Ein kielner Neider, dieser Göbbels! Ein alter Kämpfer Der aus seinen Saufgelagen, Schlägerelen und Unterschlagungen bekannte Bürgermeister FUlusch In Hlndenburg, alter Kämpfer mit goldenem Parteiabzeichen, Ist beurlaubt worden. Obgleich Ihm gerichtlich durch seinen Mitkämpfer Pelka In Hindenburg die Unterschlagung von mehreren 1000 Mark Partelgeldem nachgewiesen wurde, er sich bei der Saarabstimmung geäußert hat, »Scheiß auf die Saar, wir haben hier Kohlen genug«, konnte er nicht gestürzt werden. Jetzt hat er sich bei der Verschickung neuer Mädchen zum Landjahr am Bahnhof Hlndenburg Im besoffenen Zustand an diese herangemacht und sie betastet, was den Widerwillen des Reisebegleiters hervorrief, so daß es fast zu einer Schlägerei kam, die die Schupo verhinderte. Filluach schlug dann im Wartesaal des Bahnhofs Gläser und Möbel kurz und klein. Jetzt Ist er für einige Monate in»Urlaub« geschickt worden und soll auf einen höheren Posten abgerufen werden. Raum gemacht werden, der dieses Buch bestimmt. In Deutschland hat die nationalsozialistische Gegenrevolution gesiegt, in Oesterreich die christlichfaschistische. Beide üben einen großen ideologischen Druck aus, sowohl in ihren Ländern als auch über die Grenzen hinweg auf die R a n d d e u t s c h e n. In Deutschland wie in Osterreich wehren sich die Sozialisten im illegalen Kampfe gegen die ideologische Assimilierung durch die Gegenrevolution, gegen die Gleichschaltung. Sie wehren sich mit Erfolg, wenn sie auch nicht verhindern können, daß dieser oder jener hier und da in den Bann der Ideologie des Gegners gezogen wird. Aber die Kampfsituation und die ideelle Position ist für sie durchaus klar und eindeutig. Sie verfallen nicht der Verführung der Macht— weil sie ihr wahres Wesen und ihre Wirkungen am eigenen Leibe verspüren. Da ist kein Platz für weltferne Spekulation. Anders in dem Raum, auf den die Macht ideologisch wirkt, ohne daß sie herrscht. Hier kann leicht eine Geisteshaltung eintreten, die jener der deutschen politischen Romantik in den ersten Nachkriegsjahren verwandt ist. Das Franzel- sche Buch ist der Beweis dafür. Man wird verstehen, daß wir nicht die mindeste Neigung verspüren, die sozialistische Bewegimg in Deutschland im Franzelschen Geiste erneuern zu lassen. Ebenso gut könnten wir gleich vor der nationalsozialistischen Ideologie kapitulieren. Es wäre lächerlich, wenn man den Sozialisten empfehlen wollte, den Kampf um die Freiheit gegen die nationalsozialistische Diktatur zu führen mit Verfluchungen des Liberalismus, mit der Verleugnung aller bürgerlichen geistig-politischen Freiheitskämpfe, auf deren Schultern wir stehen, kurzum mit einem Fluche gegen die Freiheit. An der Spitze unserer sozialistischen Weltordnung steht immer noch die Freiheit! Max K 1 i n g e r. »Sozialismus der Tat« Ea Ist nicht recht verständlich, warum cße hitl erdeutsche Zensur über den Prozeß des großen Berliner Bauunglücks eine Berichterstattung zuläßt, die geradezu erschütternde Einblicke nicht nur in das Fehlen des primitivsten Arbeiterschutzes zuläßt, sondern auch eine Zerstörung der Arbeitersolidarität zeigt, die sich in einigen Fällen bis zur zynischen Verlumpung steigert. Da soll der Schachtmeister Dümcke kurz vor seinem Tode zu seinem Vorarbeiter gesagt haben:»Na, heute kommen wir ja noch aus dem Loch heraus, dann können ja die anderen sehen, wie sie fertig werden!« Aber sie kamen nicht mehr heraus, und die»anderen«, die einige Tage später die Arbeit fortsetzen sollten, wurden durch das Unglück ihrer Arbeitskameraden gerettet Jedenfalls ist erwiesen, daß man die große Gefahr erkannt hatte.»Die Arbeiter raunten sich gegenseitig zu, was sie zu beanständen hatten. Aber keiner fand den Mut auf eine Abstellung zu dringen aus Angst vor der Entlassung.« Das also berichtet die Presse einer Partei und eines Staates, die nach ihren Worten den Sozialismus für Arbeiter und Unternehmer in Deutschland verwirklicht, die den Arbeitern Ehre, Freiheit und Selbstbewußtsein wiedergegeben, die Deutschlands 30 Millionen schaffende Menschen in der Arbeitsfront organisiert und sie unter eine in Worten allmächtige diktatorische Führung gestellt haben! Keiner der gegen Hungerlohn in Todesgefahr arbeitenden Männer kannte in dem ganzen»aoziallstl-« sehen« Deutschland eine einzige Instanz, an die er sich mit seinen Sorgen um sein und seiner Kameraden Leben hätte wenden können. In den alten Gewerkschaftsbüroe sehen diese Arbeiter unwissende und unfähige Nazischmarotzer sitzen. Die Presse der Arbeitsfront und die Tagespresse sind Beschwerden verschlossen. Belegschaftsversammlungen mit freier Aussprache sind unmöglich. Bauarbeiterschutzkommissionen gibt es nicht mehr; es waren Einrichtungen marxistischer Verhetzung. So haben diese Arbeiter nur den grauenvollen Trost: Wenn es nur uns noch aushält. Mag es dann hinter uns zusammenbrechen! Soziallsmus der Tat! Und solche Zustände sind nicht auf einer Winkelbaustelle, sondern inmitten der Reichshauptstadt, an einem behördlichen Bau, sozusagen unter den Fenstern der zur Aufsicht verpflichteten Behörden, unter den Augen von zehntausend aus erpreßten Beiträgen schmarotzenden Naziführem möglich. Berliner Arbeiter, die vor Jahren noch freie, aufrechte Männer waren, schufteten als verängstigte, die F.ntiassung mehr als den Tod fürchtende Heloten unter Tage. Gewiß werden einige den alten Trotz und das sozialistische Freiheitsgefühl noch in sich getragen haben, aber auch sie mußten schweigen, wenn sie sich den Arbeitsplatz erhalten wollten. Um mehr als ein halbes Jahrhundert ist die deutsche Arbeiterklasse zurückgeworfen worden. Man muß diese knechtische Gegenwart sich ganz klar und scharf vor das Blickfeld rücken. Nicht nur, um richtig zu erfassen, was verloren ist und Schuldige dafür zu suchen, sondern auch, um sich zu erinnern, was die deutsche Sozialdemokratie und die Gewerkschaften in zwei Generationen materiell und geistig für die deutsche Arbeiterklasse errungen hatten. Daß das so wenige zur rechten Zeit begriffen und so viele es heruntergerissen haben, gehört auch zur großen Schuldfrage dieser Zeit. Es ist kein künftiges sozialistisches Deutschland denkbar, wenn nicht der Mut zum Bekenntnis des Positiven es beherrscht und der Wille, die in ihren Grenzen zu halten, denen die Kritik ein Mittel zur Selbstvernichtung ist. Ein Arzt über Konzentrationslager Im»Internationalen Aerzt- lichen Bulletin« schreibt Dr. Valentin, ein Arzt, der 19 Monate in verschiedenen sächsischen Konzentrationslagern zugebracht hat, in a. das folgende: »Die Krankenversorgung in Hitler-Deutschland reiht sich würdig in die»Umformung« des öffentlichen und auch des privaten Lebens ein, auch ist sie typischer Ausdruck einer»Neuen Zivilisation«. Wenn in einem Artikel in der Zeitschrift d. gee. Neur. Psych. F. Knigge schreibt: »Der Uebergang von bewußter Simulation in hysterische Krankheitszustände kann j durch Intensive Beschäftigung verhindert j werden, die vielleicht am zweckmäßigsten i in Konzentrationslager verlegt würde, in' denen nach sachkundiger Angabe weder Simulation noch Haftpsychose vorkommen« so ist diese Meinungsäußerung nicht als eine vereinzelte, sondern als die Ansicht des offiziellen Deutschlands zu betrachten. Die wirklichen Kranken Ziffern in deutschen Konzentrationslagern sind außerordentlich hoch. Wenn auf der Burg Hohenstein z. B. nach drei Wochen endlich der Lagerarzt wieder einmal erscjilen, so begehrten oftmals 200 bis 300 Gefangene ihn zu sprechen(von 1500 Inhaftierten). Die SA-Sanitäter waren brutal und zumeist unwissend, absolut unbeschwert von dem primitivsten medizinischen Wissen. Das galt auch für einen Teil der SA-Aerzte, die häufig ebenso verantwortungslos handelten wie die Sanitäter. Selbst die SA- und SS-Führer hatten kein Vertrauen zu ihnen, ließen sich z. B. in Sachsenburg lieber heimlich von den jüdischen Häftlingsärzten Dr. Mannheim und später von Dr. Serelmann behandeln, als daß sie die Sprechstunde des berüchtigten SS- Sturmführers Dr. Gebhard aufsuchten. Wesentliche medizinische Hilfe wurde fast immer nur von gefangenen Aerzten geleistet, gerade deshalb wurde sie immer und überall nach kurzer Zeit untersagt. Die gefangenen, zumeist jüdischen Aerzte, hätten sicher sonst zu viel gesehen. Eines Nachts wurden wir im Polizeipräsidium Chemnitz durch laute Schreie geweckt. Der frühere Vorätzende des V. S. Ae. in Chemnitz Dr. Geis wurde aus seiner Zelle geholt, um erste Hilfe zu leisten. Medizinalrat Dr. Ganspach lehnte es ab, während der Nacht zu kranken Häftlingen zu kommen. Geis kam zu einem Manne, der über und über mit Brandwunden am ganzen Körper bedeckt war. Er versuchte zu helfen, aber am nächsten Tage wurde ihm jede weitere ärztliche Tätigkeit untersagt. Erst nach zwei Tagen wurde der Schwerkranke, ohne daß ihm inzwischen Hilfe durch Gr. Ganspach geleistet worden wäre, ins Krankenhaus überführt und starb dort. Der am 18. März 1936 in Mittweida ermordete tapfere Antifaschist Alfred Röhricht hätte gerettet werden können, wenn er in Sachsenburg in der Behandlung des Gen. Dr. Serelmann geblieben wäre. Herr Dr. Gebhard hat den Tod Röhrichts und vieler anderer Gefangener auf dem Gewissen. Die mästen Zugänge im Revier erfolgten jeweils nach dem Strafexerzieren, das in Hohenstein z. B. sehr häufig— für die Juden mindestens einmal in der Woche— stattfand. Den Höhepunkt der Brutalität erlebten wir bei dem 12stündigen Strafsport am 30. April 1934, 150 Kameraden, z. T. Gräse und Kriegsbeschädigte, blieben ohnmächtig auf dem sogenannten Schleifstän liegen. Die SA- Sanitäter sahen angesichts solchen Massenelends käne Möglichkeit zu helfen. So blieben die meisten der Zusammengebrochenen stundenlang auf dem Platze liegen, niedergetreten von den weiterexerzierenden Inhaftierten. An Stelle der Sanitäter nahmen die SA-Führer Wiederbelebungsversuche mit Hilfe des Ehrendolches und kalter Waase rduachen vor. Unvergeßlich wird allen Hohensteinem dieser 30. April 1934 blähen, ebenso wie die Pfingstfeiertage desselben Jahres, an denen wir 17 Stunden SA-Lieder ängen mußten, während gleichzätig die Bautzener Kommunisten, der SPD-Abgeordnete Liebmann und der jüdische Student Walter Freund und andere entsetzlich gefoltert wurden. Liebmann, Freund und andere erhielten klaffende Wunden an den Köpfen. Auch diesmal ließ erste ärztliche Hilfe lange auf äch warten. Liebmann starb Ende 1935 an den Folgen der qualvollen Leiden. Die Krankenkost in Hohenstein war noch schlechter als die allgemeine.'Bettwäsche war nicht vorhanden. Urinflaschen gingen von Bett zu Bett, ohne monatelang auch nur gesäubert oder ausgespült zu werden. Ueber- haupt lag der Dreck im Revier berghoch.« Die»Krankenveraorgung« in den Konzentrationslagern ist än wichtiger Täl der Schutzhaftschmach im Driten Räch. Sie zu bekämpfen ist nicht zuletzt Aufgabe aller freiheitliebenden Aerzte der ganzen Wät. Greuelpropaganda... »Das Regensburger Krankenhaus beherbergt in der Person änes jungen Burschen aus Nürnberg, namens Brunhüber, einen ungewöhnlichen Dauergast. Brunhüber soll nämlich seit Monaten in das Konzentrationslager Dachau geschafft werden, wäß es aber immer wieder dadurch zu verhindern, daß er, sobald ihm der Abtransport droht, änen Kaffeelöffel verschluckt. Man muß ihn dann ins Krankenhaus bringen und den Löffel operativ entfernen. Trotz aller Vorächtsmaß nahmen, die demzufolge bereits getroffen worden sind, hat der Dauerpatient jetzt schon den siebenten Löffel erwischt und mußte oben wieder dem Krankenhaus zugeführt werden.« Der ganze Jammer des vom Nazismus versklavten deutschen Volkes schreit einem aus dieser Nachricht entgegen, die naive Leute sicher für eine ganz gemeine Greuellüge der Bmigranten erklären werden. Wir machen deshalb ausdrücklich aufmerksam, daß wit diese Mädung wortwörtlich dem »Berliner Tageblatt« Nr. 209, 7. Betblatt, entnommen haben, wo äe der braunen Leserschar als lustige Kurioätät unter dem gemütvoll schmunzelnden Titel»Stets rettet ihn der Löffä... schwer bekömmlich, aber wirksam« vorgesetzt wird. Dokument von dieser Zäten Schande...! Studentfsdie Auslese Der Bizeps entscheidet. Reichserziehungsminister Rust hat einen neuen Erlaß herausgegeben, dar die Auslese derjenigen Studenten regelt,' denen eine »Studlenförderung« zuteil werden soll. Es wird bestimmt: »Zur Durchführung einer planmäßigen Auslese und Förderung der Tüchtigsten im sirLT» nationalsozialistischer Forderungen üben die Berwegurg, der Arbätsdienst und die Schule(die Schule zuletzt! Red. d. NV.), ihr Vorschlagsrecht in der Form aus, daß äe geeignete Abiturienten auf den»Meldebogen für Studionförderung« dem Reichs- Auf Tlllys Spuren Der glühende Pazifismus Adolf Hitlers, der äch in der Beantwortung des lieblichen englischen Fragespiels demnächst wieder einmal der Wät demonstrieren wird, äußert äch innerhalb Deutschlands manchmal in sonderbaren Formen. Das neueste Vorbild der Hitlerpädagogen für die Erziehung der Staats j ugend zur Friedensliebe änd die Fiaub-, Brand- und Plünderzüge des Dräßig- j ährigen Krieges. So erfährt man jetzt, daß die Pimpfe, also die hoffnungsvollen jüngsten Jahrgänge von Hitlers Friedensarmee, in Stärke von 10.000 Jungen zur Eroberung Magdeburgs angesetzt werden. Parole»Magdeburg wird erobert« wie anno Tilly. Aus »Zeltburgen« rings um die Stadt bricht nach entsprechender pazifistischer Schulung am 8. August das Heer der Jungen auf, um mit stürmender Hand Magdeburg zu nehmen und dann äegräoh in die Stadt einzuziehen. Kaum je hat die Soldateska des Dreißigjährigen Krieges in einer deutschen Stadt so gehaust wie in Magdeburg, das bis auf den Dom, seine Umgebung und änige Fäscherhütten in Schutt und Asche sank, und dessen Männer, Frauen und Kinder den wildesten Untaten der Horden TlUys und Pappenheims auageliefert wurden. Alle Schandtaten der Banditen Hitlers haben hier ihre Vorläufer, und auch das Ableugnen der»Greuelmärchen« war schon snimaia sehr im Schwünge. Insofern können ädh die Pimpfe darauf berufen, daß sie än Stück Trachtion harter und heroischer Landsknechte zu pflegen haben, und man begreift den Oberbaimführer Meyforth durchaus, wenn er sagt:»Der Pimpf könne äch nur bogäste rn für eine Sache, unter der er äch auch etwas vorstälen könne.« Unter Hitlers Friedeng eochwafä mögen sich viälächt westeuropäische Staatsmänner etwas vorstellen, nie und nimmer aber än deutscher Pimpf oder irgend än älterer Jahrgang des Hitler- tums. Man muß auch gegen Pimpfe gerecht sein wollen! Wie wir übrigens von dam Herrn Oberbannführer erfahren, wird vor dem äeg- räohen Einzug»Kampf und Uebergabe« sein. Wir hätten nichts dagegen, daß äch che Pimpfe gegensätig verbimsen, und hoffen nur, daß die Zerstörung Magdeburgs nicht etwa an änigen Marxistenhäusern und ihren Bewohnern vorgeführt wird. Studenteinwerk bekanntgeben... Die Auslese wird nach Abschluß des Arbätsdienst- halbjahres in mehrtägigen Ausleselagern vorgenommen, an denen Beauftragte der vorschlagenden Dienststellen teilnehmen.« Daß in diesen Auäeselagern nicht studiert, sondern exerziert wird und daß der Befähl- gungsnachwois nicht mit dem Kopf, sondern mit Beinen und Fäusten erbracht wird, versteht äch von sähst. Weder Schiller noch Kant hätten im heutigen Deutschland äne »Studienförderung« zu erwarten, denn für körperlich zarte Gedateshäden hat Adolf Hitlers rauher Kriegerstaat käne Verwendung. Erbgut In der Köln. Volkszeitung klagt eine Frau: »Eis werden läder wieder weniger Briefe geschrieben. Briefe schräben an ferne, einsame Menschen, große oder kleine Kinder trösten, erzählen, mitteilen, abgeben von seinem Reichtum und seinem Glück, — dos ist so recht Frauensache. Be tot unvecan twortlich, daß wir Uns verhältnismäßig wenig um dieses kostbare Erbgut umsehen.«- Vor allem kommt heute viel weniger von diesem»kostbaren Erbgut« an, vieles bleibt gleich in den Händen der Gestapo hängen. Neuer Gottesdienst Heute abend 8 Uhr hält Kastor K r a h n in der Kreuzkirche am Hohenzoll emdamm einen Rtistgott es dienst ab, zu dem herzlich ängäaden wird. (»Der Westen«, Berlin.) BwcrUoroiarfe (SoiialAemnf raHfdj» IDodjfnblaH Herausgeber: Ernst Sattler; verantwortlicher Redakteur; Wenzel Horn; Druck:»G r a p h i a<; alle in Karlsbad. Zätungstarif bew. m. P. D. ZI. 159.334/VXI-1933. Printed in Czechoslovakia. Der»Neue Vorwärts« kostet Im Einzel- verkanf innerhalb der CSR Kö 1.40(für än Quartal bei freier Zustellung Kö 18.—). 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