Nr. 1S6 SONNTAG,?. Juni 1936 tttecfonftta# Verlag; Karlsbad. Haus �Graphia"— Preise und Bezugsbedingungen siehe Beiblatt letzte Seite Aus dem Inhalt: Integraler Sozialismus Die russischen Erfahrungen Die Tragik des Konservatismus Liebesgaben für Konzernführer Mrunsssmi des Dritten Reichs Der Kurs Schadbits geht zunächst weiter Die Verschärfung der wirtschaftlichen Schwierigkeiten Deutschlands drückt sich im Diktaturstaat aus durch eine noch gesteigerte Unterdrückung aller wirtschaftlich bedeutsamen Nachrichten und Erörterungen in der deutschen Presse. Um Schacht, dessen Politik so heftig umkämpft war, ist es merkwürdig still geworden. Das bedeutet natürüch nicht, daß der Konflikt beendet ist Hinter G ö r i n g, bei dem jetzt die letzten Ent- scheidungen über die Währunga- und Wirtschaftspolitik liegen, steht der preußische Finanzminister P opitz, Schachts alter Feind, und noch gefährlicher vielleicht kann ihm Herr K e p p 1 e r werden, der zu den engeren Vertrauten Hitlers gehört und überzeugt ist, daß er zur Rettung der deutschen Wirtschaft viel eher berufen sei als der Reichsbankpräsident aus der Weimarer Zeit Unterirdisch gehen so die Intrigen zwischen den Anhängern Schachts und den Befürwortern der Devalvation fort Zunächst allerdings scheint das System der Devisenzwangswirtschaft aufrechterhalten zu werden. Denn gerade jetzt sind einige Verschärfungen verfügt worden, deren wirtschaftliche Bedeutung nicht mehr weitgehend ist, die aber um so bezeichnender sind für die große Devisennot einerseits, für den Drang zur Flucht in die Sachwerte andererseits. Zunächst wird die Freigrenze, innerhalb derer Zahlungen an das Ausland ohne Beschränkungen möglich sind, weiter verengt Bei Einführung der Devisenzwangswirtschaft nach der Bankenkrise von 1931 betrug der Reichsmarkbetrag, bis zu dem Auslandszahlungen genehmigungsfrei blieben, 3000 RM: er wurde sukzessive auf 1000, dann 200, dann 50 RM vermindert und schließlich bei Einführung des»Neuen Plans« Schachts im Herbst 1934 auf 10 RM herabgesetzt Jetzt hat man die Verwendung auch dieses geringen Betrages für Bezahlung von Waren— hauptsächlich handelte es sich um den Bezug von Büchern und Zeitschriften aus dem Auslande ■— und für Unterstützungen an Ausländer, die mit dem Einzahler nicht verwandt sind, verboten, so daß die Freigrenze nur mehr für den Reiseverkehr und die Verwandtenunterstützungen benutzt werden darf. Denn, sagt— und das ist das Interessante— die Begründung, die Belastung der Devisenbilanz hat— durch diese Bagatellzahlungen!— ein Maß «reicht, das angesichts des Ernstes der Devisenlage nicht mehr»tragbar« erscheint! Eine andere Bestimmung dehnt das Verbot der Einfuhr und der Annahme aus dem Ausland stammender deutscher Banknoten auch anf die deutschen Scheidemünzen aus, um dem zunehmenden Schmuggel entgegenzuwirken. Viel symptomatischer aber noch ist eine weitere Anordnung, die die Versendung von Edelmetallwaren ins Ausland, die übücherweise nicht aus diesen Edelmetallen hergestellt werden, an eine Genehmigung der Devisenstellen bindet Um was es sich dabei handelt, erfährt man aus einem Runderlaß der Reichsdevisenstelle, in dem festgestellt wird, daß Gardinenringe und Autonummernschilder aus Gold, sowie Spiegel aus Platin hergestellt und ins Ausland verbracht werden— ein interessanter Beitrag dafür, welche Wege «ingeschlagen werden, um Vermögensteile noch rechtzeitig aus der blühenden deutschen Wirtschaft zu retten. An sich haben natürlich solche kleine Mittel der Kapitalflucht ebensowenig Bedeutung, wie die Maßnahmen zu ihrer Bekämpfung. Von anderen hört man aber nichts. Noch ist die Art, wie die neue Abgabe von einer Milliarde RM zur Subvention der Ausfuhr aufgebracht werden soll, nicht bekannt und schon kündet der Staatssekretär im Reichsfinanzministerium Reinhart an, daß das Steueraufkommen für das laufende Finanzjahr um eine Milliarde gesteigert werden müsse. Das bestätigt zunächst unsere Angabe, daß das am 1. April abgeschlossene Etatjahr trotz der gestiegenen Einnahmen wieder ein Defizit im»ordentlichen« Haushalt von min- destens einer Milliarde aufweist. Es ist aber nicht recht zu erkennen, woher die neue Milliarde herkommen soll, Daß, wenn man innerhalb dreier Jahre 30— 40 Milliarden künstlich geschaffener Zahlungs- und Kreditmittel in die Wirtschaft pumpt, die Steuern höhere Beträge liefern müssen, ist selbstverständlich, aber diese Zunahme ' Grenzen; denn hat die hiä pansions der Wirtschaft einmal eine- besiiUiiiilLVtl> tiftirt 11� BlitMCui, bO■ ufe- mit auch die weitere Vermehrung der Steuerergiebigkeit auf. Entweder müßten also die inflationistisch finanzierten Staatsaufträge auch in diesem Jahre noch erhebüch vermehrt werden, was einerseits Wachsen des ungedeckten Defizits bedeutete, andererseits aber an die Schranken der Rohstoffbeschaffungsmöglichkeiten stößt, oder aber, es müßten neue Steuererhöhungen vorgenommen werden, und das ist schon, als Schacht und Krosigk es forderten, dem bisher unüberwindlichen Widerstand der Partei begegnet. Auch mit den Versuchen, wenigstens einen Teil der kurzfristig«! Schulden in langfristige Anleihen umzuwandeln, ist Schacht in letzter Zeit nicht mehr recht vorangekommen. Nicht nur die Ver- sächerungsgesellschaften, sondern auch viele Industrieunternehmungen, die Banken und Sparkassen sind mit Reichsanleihen voll gestopft und die Zuflüsse bei den Sparkassen verlangsamen sich deutlich. Die Spareinlagen sind bei den deutschen Sparkassen im März um 22.2 auf 13.954.9 MU1. gestiegen, aber nur durch Zinsgutschriften, Umbuchungen usw.; ohne diese hätte sich ein Aus- �aklungsüberschuß von&9 Miil. ergeben, nachdem bereits im Februar eine Verringerung des Einzahl un gsüber Schusses eingetreten war. Die Auszahlungen sind im März um 62 Millionen gestiegen, die Einzahlungen dagegen sind um 26 Millionen zurückgegangen. Beide Erscheinungen, bemerkt die»Frankfurter Zeitung« dazu, sind offenbar zum Teil saisonbedingt; offenbar werden aber auch die bei den Sparkassen angelegten Spargelder stärker für eigene Bedürfnisse und wirtschaftliche Aufgaben eingesetzt Zum Teil aber ist die Abnahme der Einlagen auch auf die zunehmenden Währungsbesorgnisse zurückzuführen. Die Bevölkerung weiß allmählich, daß ihre Einlagen nicht mehr in soliden Wirtschaftskrediten und Hypotheken angelegt werden, sondern in einem wachsenden und schon längst ungesund gewordenen Umfang in Reichsanleihen, deren Wert immer problematischer wird, und sie zieht es deshalb vor, die Ersparnisse, soweit sie solche angesichts der zunehmenden Teuerung überhaupt noch erübrigen kann, in wertbeständigeren Gütern als den Reichspapieren anzulegen, Da Schacht mit der Fundierung der schwebenden Schuld lucnc vorwiu LSicommi, sucht er wenigstens die Ansammlung Dnnzisn üoMmine- m\ Monate verboten Ein Erfolg Mr. Edens Als der Völkerbundsrat sich zum letzten Male mit den Danziger Angelegenheiten befaßt hat, hat Mr. Eden als Berichterstatter in leise drohendem Ton den bösen Buben Greiser zur Ordnung ermahnt. Der hat nach bewährtem Muster Besserung gelobt und vor allem versprochen, daß die nationalsozialistische Methode der Presseknebelung in Danzig aufhören solle. Niemand, der die Dinge näher kennt, nimmt solche Versprechungen für bare Münze. Inzwischen ist mancherlei geschehen; der Zusammenbruch Abessiniens, die Rheinlandbesetzung, und das systematische Sichtotstellen des Völkerbundes. Auf der anderen Seite gewinnt die Danziger Volksstimme, das Organ der Sozialdemokratie, immer mehr an Boden in der Danziger Bevölkerung. Also hat Herr Greiser beschlossen, die Volksstimme zu erwürgen. Der Anlaß, den er benutzt hat, ist bezeichnend: Greiser hat als stellvertretender Gauleiter der NSDAP von Danzig am 28. Mai 1936 in Schidlitz eine Rede gehalten, in der er mit nationalsozialistischer Dreistigkeit seine Folgerungen aus der Ohnmacht des Völkerbundes gezogen hat. Ueber diese Rede hat die Danziger Volksstimme am 29. Mai das folgende berichtet: »Greiser versicherte, daß, wie der Mensch nichts gegen eine Naturgewalt tun könne, so wenig werde m«" auch in Danzig den Nationalsozialismus stürzen können. Das Dan' ziger Parlament verglich Präsident Greiser mit einem»Affentheater«.(Bekanntlich sind die Abgeordneten in ihrer Mehrheit Nationalsozialisten! Die Red.) Es sei richtig, daß auch manche Gegner des Nationalsozialismus ein nationales Empfinden besäßen. Bei diesen könne das noch geweckt werden, allerdings nicht bei den Führern. Aber auch sie würden eines Tages verschwinden. Er, der Redner, wolle als Präsident nicht sagen, daß sie an die Wand gestellt würden, aber kaltgestellt würden sie werden, so wie es das Schicksal wolle. Alle Kritik, die man an dem Nationalsozialismus übe, fechte ihn nicht an. Die Nationalsozialisten arbeiteten nach Anweisung einer höheren Stelle. Danzig, das auf Vorposten stehe, habe es schwerer als das Reich, das die Hauptarmee bilde. Wenn man von der Hauptarmee keine Munition bekomme, so müßte man sich eben einrichten, damit man nicht die eiserne Ration anzubrechen brauche. Dieser Umstand habe dazu beigetragen, daß der Gulden abgewertet werden mußte, denn hätte Danzig genug Munition gehabt, dann hätte es heute keine Arbeitslosen mehr und besäße genau so schöne Chausseen wie Deutschland. Wenn auch immer die Rede von dem Zehnjahrespakt zwischen Deutschland und Polen sei, so könne man doch nicht sagen, daß dieser Vertrag ewig dauere. Die Nationalsozialisten hätten 15 Jahre lang gewartet. Warum sollten sie jetzt nicht auch noch 5 bis 10 Jahre warten? Präsident Greiser ging dann kurz auf die Januarsitzung des Völkerbundsrates ein und erklärte, daß man den damaligen Streitfragen einen außenpolitischen Charakter gegeben hätte. Es hätte sich schon wieder ein Netz Uber Deutschland zusammengezogen. Die anderen Staaten hätten geglaubt, daß Deutschland sich einmischen werde, aber Deutschland brauche Ruhe. Der Völkerbund befinde sich augenblicklich in einer schweren Krise. Das könne sich einmal-such auf die Garantie des Völkerbundes in be- zug auf die Danziger Verfassung auswirken. Jetzt würde zwischen Genf und Berlin verhandelt Man müsse hoffen, daß bald zwischen Berlin und Warschau verhandelt werde. Zum Schlüsse forderte der Präsident de« Senats alle Parteigenossen auf, treu zusammenzustehen und auf- den Führer zu vertrauen.« Die erste Wirkung dieser Rede war, daß der Vertreter Polens beim Danziger Senat vorstellig wurde, die zweite, daß die»Danziger Volksstimme« auf zwei Monate verboten wurde. Warum? Weil sie angeblich Greiser»Formulierungen in den Mund gelegt hat, die er nicht gebraucht hat«. Welche Formulierungen er gebraucht haben will, das wird wohlweislich verschwiegen. Die Rede und das Verbot zeugen beide von der tiefen Achtung, die der Danziger Senat dem Völkerbund entgegenbringt. Der Erfolg Mr. Edens in Danzig ist ebenso glorreich wie sein Erfolg in Abessinien. Das Gese�t des Dsdiungels Europa befindet sich in einem Zustand völliger Rechtsunsicherheit Alle internationalen Verträge sind mehr oder weniger devalviert, es gibt keinen, dessen Kurswert al pari stünde. Die sogenannten Friedensvorschläge Hitlers vom 7. März existieren nicht mehr. Der englische Fragebogen an Hitler interessiert die deutsche Diplomatie nicht. Hitler sitzt in Berchtesgaden und pfeift auf den Fragebogen und die Engländer, die auf Anwort warten. Die Engländer wieder wissen, daß sie angesichts der Agonie des Völkerbundes und der Verlegenheiten ihrer eigenen Politik nicht auf eine Antwort zu rechnen haben und daß— wenn sie in einem späteren Stadium eine Antwort erhalten werden— sie ungünstig sein wird. Italien nimmt Abessinien fest in Besitz, Oesterreich führt seine Wehrpflicht durch und rüstet auf. Alle rüsten fieberhaft Und der Völkerbund? Nun, er tritt am 16. Juni zusammen. Praktisch lebt Europa heute bereits unter dem Gesetz des Dschungels. Deutsche Streiflichter Und die Bischöfe? Wohl nur wenige Katholiken werden bestreiten, daß die bisherige Taktik der deutschen Bischöfe den deutschen Katholizismus unter den Offensivstößen des Nationalsozia llsmus von Niederlage zu Niederlage geführt hat. Er ist seiner Presse und seiner Organisationen beraubt, verliert in rapidem Tempo in den Schulen und ist praktisch auf