Xr. ISO SOXXTAG, 28. Juni 1036 Verlag: Karlsbad, Haus„Graphia"— Preise und Bezugsbedingungen siehe Beiblatt letzte Seite Aus dem Inhalt; Hitler erobert Danzig Englands falsche Rechnung Reformierter Nationalsozial ismus Jubiläum in Walhall Das Evangelium der Gewalf Brauner Justlzterror am Werk Stettiner Sozialdemokraten zu hohen Zudithausstrafen verurteilt Stettin, Ende Juni 1936. Auf Seite ISS des 1. Bande« seiner Selbstbiographie»Mein Kampf« erklärt Hitler, daß nur»In der ewig gleichmäßigen Anwendung der Gewalt« die Voraussetzung zum Erfolge liege. Diesem Ausspruch bleibt er, im Gegensatz zu anderen Ankündigungen seines Buches und seines angeblich unabänderlichen Programm«, durchaus treu. Ohne jede Abschwächung läßt Hitler, ewig gleichmäßig, die nackte Gewalt auf das deutsche Volk niedersausen. Gefügige Richter verhängen unausgesetzt vieljährige Zuchthaus- und Gefängnisstrafen, am laufenden Band werden die politischen Prozesse mit hunderten von Angeklagten abgerollt. Im Dritten Reich wird alles ins gigantische überdimensioniert; die Rüstungen, die Rechtlosigkeit und auch die Prozesse. Diese Prozesse jagen einander. Sie enthüllen, was es mit der Stabilität des Systems auf sich hat. Die Zahl der ungebrochenen Feinde des Systems, die in die Konzentrationslager geworfen worden sind und noch geworfen werden, kann notdürftig verborgen oder abgeleugnet werden— aber die Opfer, des Justizterrors werden weithin achtbar! Der braune Justiztenor ist die Ergänzung zu den erpreßten, verlogenen, gefälschten Plebisziten der Diktatur. Hier wird die wahre Stimmung des Volkes sichtbar, die Empörung gegen die Despoten, der Geist der Revolution, der vor dem Opfer der eigenen Person um der Sache der Freiheit willen nicht zurückschreckt Jedes Zuchthausurteil gegen einen illegalen Kämpfer in Deutschland ist ein Schlag gegen die Propagandalügen des Systems. Masaenprozesae gegen Illegale— das Ist der Beweis für die Maasenhaftigkeit der systemfeindlichen Bewegung, mit der der braune Terror nicht fertig wird. Es gibt keinen Bezirk in Deutschland, in dem nicht Massenprozesse an der Tagesordnung sind. Am 15. Juni schloß in Stettin eine Prozeß-Serie gegen sozialdemokratische, freigewerkschaftliche und kommnnistisebe Funktionäre mit hohen Zuchthausstrafen ab. Seit dem 12. Mai tagte der 4. Strafsenat des Berliner Kammergerichts unter dem Vorsitz des Senatspräsidenten Dr. Deerberg. Dabei sind die Proresse noch nicht abgeschlossen. Ab 30. Juni bis 6. Juli wird weiter gegen 4 Gruppen sozialistischer Arbeiter verlhandelt. Auf der Anklagebank saßen bisher unbescholtene junge Männer im Alter von 22 bis etwa 40 Jahren, von denen eine Reihe den Krieg im Schützengraben mitgemacht hat. Sie saßen teilweise seit Juli bezw. August 1935 in Untersuchungshaft. Die lange Haft hat sie zwar physisch, aber nicht seelisch zermürbt. Stumm warten ade auf den Einzug der Richter, ihr Gesichtsausdruck hat etwas Feindseliges, manchmal umspielt ein ironisches Lächeln ihre Lippen und bald beweisen sie durch ihre Aussagen, daß sie trotz der Gefangenschaft nicht umgestimmt werden konnten und ihre oppositionelle Auffassung gegen das Hitler-Regime beibehalten. Mitunter werden sie vom Vorsitzenden auf die Widersprüche zwischen ihren Aussagen vor der Polizei und denen vor Gericht aufmerksam gemacht, dann packen sie aus und erzählen von Drohungen und Mißhandlungen, denen sie aus gesetzt waren. Der Richter ist dann bemüßigt, so rasch wie möglich über dieses unerquickliche Thema hinwegzukommen. Die Anklage lautete auf Vorbereitung eines»hochverräterischen Unternehmens«, und zwar sollen die Angeklagten im Jahre 1934 und 1935 mit Funktionären der SPD in Kopenhagen in Verbindung getreten sein, Nach- richtenmaterial aus Deutschland nach Kopenhagen geleitet und weiter illegale Propagandaschriften von Kopenhagen nach Deutschland gebracht haben. Sie sollen ferner versucht haben, die Sozialdemokratische Partei Deutschlands in Stettin neu zu errichten, ebenso die freien Gewerkschaften und einen kommunistischen Jugendverband. Weiter sollen sie von der Gestapo Verfolgten zur Flucht geholfen und eine Hilfsorganisation für Ver. hafteteund Verurteilteund deren Angehörige organisiert haben. Die Prozeßführung erfolgte Immer in Gruppen und Teilabschnitten gegen die Angeklagten. Die Urteile waren überaus hart und haben die Erbitterung der Stettiner Bevölkerung gegen das Hitler-Regime noch erhöht. In der braunen Presse wurde die Hakenkreuzjustiz in Stettin totgeschwiegen. Ueber die verhängten Strafen können wir folgende Uebersicht geben: Karl Krahn,, Richard Friede!■ Walter Bredow. Hermann Glandcr Erich Wiesner, Gerhard Debrow. 31 Jahre alt, 29„„ 24„„ 33„„ 39„„ 23„„ Zwei weitere Angeklagte wurden wegen Begünstigung Angeklagter mit 3 Monaten Gefängnis bestraft. Walter Richter. Otto Sepke.. Albert Last•. Kurt Westphui. Gerhard Zcnk• Paul Schultz.• Georg Slegert Franz Faick.« Wilhelm Zander Ernst Decker Heinz Brunck Fritz Raabe•. Heinz Witte.. Erich Lnkascewicz Otto Will... Alfred Holz.< Kort Will,.. Heinz Schumann Werner Behrendt Gerhard Dachner Karl Dorka.. Ewald Kultermann Georg Boldt.. Erich Vcrwiebe 5 Jahre Zuchthans, 5 M„ 5„„ 5 m m 4 m 1 J. S Moru Gefängnis, zu je 8 Monaten 5 Jahre Ehrverlust 5 m m 5 m m 5 m m 4 m m Gefängnis, ein Gegen alle zu Zuchthaus Verurteilten wurde Polizeiaufsicht angeordnet. Die barbarischen Zuchthausstrafen, die das Gericht in Stettin verhängt hat, werden die Fortsetzung der illegalen sozialdemokratischen Arbeit nicht hindern. Gegenüber dem festen tschloasenen sozialistischen Karapf- willen ist die Waffe des braunen Terrors stumpf geworden. Eine illegale Bewegung, die 3 Jahre des schlimmsten Terrors überstanden hat, ist nicht mehr zu unterdrücken. Sie ist ein Auafluß fester Gesinnung, getragen von den ehrenhaftesten Motiven, von der Liebe zu Freiheit und Gerechtigkeit. Wenn auch die verurteilten Kameraden von dem Staatsanwalt als»Staatsfeinde« bezeichnet wurden, die Ehrenrechte aberkannt bekamen und unter Polizeiaufsicht gestellt wurden, die Bevölkerung Stettins nimmt vor diesen mutigen Männern den Hut ab! Lebenslän gl idies Konzentrationslager! Es ist im Reiche wieder sinkende politische Konjunktur. Die Gauleiter und örtlichen Bonzen erlassen öffentliche Warnungen gegen anonyme Briefe, die anscheinend keine Schmeichelelen enthalten. In zahlreichen katholischen Gemeinden ist es zu stürmischen Auftritten gekommen, weil man die Unsitt- lichkeitskampagne gegen katholische Pfarrer für eine politische Mache hält. Die Be- lastungszcuginnen werden geächtet. An mehreren Stellen mußte die zuständige Kreisleitung»Aufklärungsabende« veranstalten, aber die Zuhörer zweifeln weiter, weil sie überhaupt niemandem mehr glauben, der Staats- oder parteiamtlich zu ihnen spricht. Auch in der Hauptstadt der Bewegung, in München also, scheinen sich die ein Prozent Staatsfeinde der letzten Reichstagswahl unbegreiflich rasch vervielfacht zu haben. Der Gauleiter Wagner hat deshalb auf einer Kreistagung in Ebersberg gedroht: »Ich habe mir vorgenommen, jeden Gegner unseres Staate«, den wir zum zweiten Male im Kampf gegen unseren Staat antreffen, nie wieder ans dem Konzentrationslager herauszulassen. Diese Menschen werden ihr Leben lang dort bleiben müssen.« Mitten in Europa; Lebenslänglichen Kerker und lebenslängliche Folterung! Verhängt nicht nach einer gerichtlichen Untersuchung und einem Gerichtsurteil, sondern durch den Raohespruoh eines provinziellen Parteiautokraten! Und nur für die geistige Vertretung einer Idee! Blindheit sdiü# nldit Blinden Eheleuten soll künftig bei der Ehe- Schließung das Buch»Mein Kampf« in Blindenschrift überreicht werden. ,(Deutsche Zeitungsmeldung.} Im Zeidien des 30. Juni Dreiundfünfzig Nationen rüsten ihre Delegationen, die an den olympischen Spielen in Berlin teilnehmen sollen. Es stört sie nicht, daß in Deutschland geschunden, gefoltert, gemordet wird, während sie Feste feiern werden, es stört sie nicht der Weheruf von zehntausenden gefangenen Opfern des Systems, nicht das Knirschen seiner Feinde. Die Herzen sind träge, und die Gewissen robust. Sie könnten daran denken, daß hier in Berlin die große Verschwörung gegen den Weltfrieden betrieben wird, daß hier das Zentrum der ungeheueren Rüstungen ist, die sich gegen die meisten der Nationen richten, die zum Festefeiern nach Berlin kommen. Aber sie wollen nicht daran denken, sie wollen die Augen verschließen. Und dennoch steht am Beginn dieser heuchlerischen Feste ein Gedenktag, der ihnen allen einen Schauder einjagen müßte: der 30. Juni. Der 39. Juni 1934, der Tag des Massenmordes, an dem Hitler samt seinen Spießgesellen sich Stabilität und Fortdauer seiner Herrschaft mit Blut erkauft hat. An diesem Tage sind in Deutschland die Köpfe aller derer gefallen, die zu Führern einer möglichen Opposition, zukünftigen Regenten Deutschlands hätten werden können. An diesem Tage hat die Diktatur Aufgaben, die sie selbst mit ihren Terrormethoden nicht bewältigen konnte, mit Blut gelöst. An diesem Tage ist das Bündnis auf Gedeih und Verderb zwischen Hitler und der Reichswehr besiegelt worden— mit dem Blute Röhms wie mit dem Blute Schleichers. Dieser Tag ist die eigentliche Geburtsstunde von dem, was die Propaganda des Systems die nationale Wiedererhebung Deutschlands nennt Von diesem Tage an hatte das Hitlersystem ein festes Gesicht; eine auf den Krieg gerichtete Despotie, gestützt auf die Armee und die monopolkapitalistische Wirtschaft. Das Blut vom 30. Juni hat sie alle zusammengeschweißt. Die Gewalt, die blutige Gewalt ist das Evangelium dieses Systems. Alles, was es seitdem getan hat, entspringt der Gewalt und zielt auf neue blutige Gewalt. Die Einführung der allgemeinen Wehrpflicht, die Wiederbesetzung des Rheinlandes, jede Aktion des Systems, die in der gleichen Richtung geht, hat ihren dunklen Ausgangspunkt im 30. Juni 1934, an dem der deutsche Militarismus und Imperialismus seine schrankenlose Herrschaft über das deutsche Volk wieder befestigte. Die Züge seiner Herkunft und das Blut der Stunde seiner Wiedergeburt haften seiner Politik an. Was er vorbereitet, ist der 30. Juni 1934 im Weltmaßstabe. Auf den 30. Juni 1934 folgte der 25. Juli— der Tag des nationalsozialistischen Putsches in Wien, in dessen Verlauf Dollfuß ermordet wurde. Wenn das Dritte Reich heute putscht, so putscht es mit anderen Methoden und anderer Macht. Denn aus dem Bündnis vom 30. Juni 1934 ist ein Instrument herausgewachsen, das heute die Sorge aller europäischen Staatsmänner ist, das Millionenheer des Dritten Reiches. Das ist die Drohung, die den Willen der Schwächeren brechen soll, allein durch seine Existenz, das ist das Instrument des mörderischen Ueberfalls für den Tag, an dem»der Führer« mit träum- wandlcrischer Sicherheit die Stunde für günstig halten wird. So wenig der 30. Juni 1934 ein Tag der Befriedung, ein Tag des Willens zum Recht gewesen ist, so wenig zielt die Politik des Dritten Reiches auf den Frieden und das Recht! Die Politik des Machtdruckes hat längst begonnen. Er liegt auf den kleineren Staaten des Balkan. Jugoslawien empfindet ihn so gut wie Bulgarien, und es sind der An- Englands falsdie Rechnung Der Zusammenbrudi der Politik Baldwin— Edens Der Menschheit ganzer Jammer faßt den an, der die Debatte im englischen Unterhaus über die Aufhebung der Sanktionen liest Die Rede des englischen zeichen genug, daß dieser Druck immer j Außenmhiisters ist der klägliche Abge- stärker auf die Tschechoslowakei gelegt; sang eines Liedes, das als Heldengedicht begonnen hatte und als Elegie endet, und werden soll. Die Völker Mittel- und Südost' europas sollen unter die Botmäßigkeit eines Systems gebracht werden, das seine Auffassung von Toleranz und vom Rechte anderer am 30. Juni 1934 gezeigt hat Sie sollen zu Vasallen einer blutbefleckten Despotie gemacht werden. Jede Macht in Europa, die ein möglicher Gegner des Dritten Reiches sein oder werden könnte, wird von dieser Despotie mit mörderischen Blicken betrachtet— und alle müssen damit rechnen, daß die Despotie blutige Pläne zu ihrer Vernichtung spinnt. Das Evangelium der Gewalt ist mit grenzenlosem Machtwahn untrennbar verbunden. Eis soll erobernd über ganz Europa und über die Grenzen Europas hinausgetragen werden. Seit dem 30. Juni 1934 hat sich ein unaufhörlicher Zerfall des internationalen Rechts und der politischen Moral vollzogen. Das Herannahen des Krieges stumpft wenn der Antrag der englischen Regierung, in der kommenden Völkerbundsversammlung die Sanktionen gegen Italien aufzuheben, den schlechten Abschluß eines jammervollen Abschnittes der englischen Politik bildet, so läßt keine Rede bisher erkennen, daß die nächsten Kapitel besser sein werden. Regierung und Opposition behandeln die Sanktionen als ein Ding an sich, das ohne Zusammenhang mit der übrigen Politik steht. Die Sanktionen haben aber versagt, weil sie in einer politischen Konstellation angewandt worden sind, die es Mussolini erlaubte, den Sanktionen zu trotzen, und diese Konstellation hatdie e n gl i s c h e P o Ii t i k herbeigeführt. Denn Mussolini wurde stark, weil England Deutschland zur größten Militärmacht werden ließ. Das lähmte Frankreich. Als Frankreich, unmittelbar die Völker ab gegen innerpolitische wie ge- 1 bedroht durch die deutsche Aufrüstung, gen internationale Verbrechen. Eis gibt der Anzeichen genug, daß Europa im Begriff ist, in einen blutigen Abgrund zu stürzen — und dennoch geschieht nichts dagegen! Die Regierungen, die nach dem 30. Juni 1934 die deutsche Despotie weiter als eine normale Regierung angesehen haben, die aus ihrem Gedächtnis den 30. Juni 1934 verbannen, wenn sie mit der Regierung des Dritten Reiches verhandeln, die ihr Gedächtnis so weit vergewaltigt haben, daß sie von den Männern des 30. Juni Rettung und Frieden für Eluropa erwarten, oder wenigstens vorgeben es zu tun, sind an diesem Verfall mitschuldig. Sie sind mitschuldig an der wahnwitzigen Tatsache, daß heute dreiundfünfzig Nationen zum Festefeiern rüsten, während allenthalben die Waffen schon klirren. Tanz auf dem Vulkan? Eis ist eine Flucht, eine Flucht vor dem Wissen um die unbarmherzigen, unwiderruflichen Tatbestände, die heute das politische Gesicht Europas bestimmen. Eine Flucht vor der Kriegsvorbereitimg, eine Flucht vor dem Wissen um die mörderische Brutalität, um das wahre V/esen des Hitlersystems— eine Flucht im Zeichen der Olympiade. Deutschland aber steht im Zeichen des 30. Juni 1934, und die Völker werden eines Tages begreifen, daß dies Zeichen auch über ihnen hängt. Müssen sie nicht fürchten, daß mitten in den ablenkenden Festestaumel hinein die nächste Tat des Mannes vom 30. Juni fällt, die Bombe, die Eluropa in Brand setzt? Hiller» Herr aller Ausländsdeutschen Proklamation de« Senatspräsidenten von Danzig. In Danzig hat, begünstigt durch die Schwäche des Völkerbundes, der»Umbruch« eingesetzt. Die vierzig Prozent der Bürger, die bei der letzten Wahl für die Aufrechterhaltung der freiheitaiahen Verfassung stimmten, wer von England ausreichende Sicherungen für sich und seine Verbündeten forderte, wenn es das Risiko verschärfter Sanktio nen und damit der italienischen Feindschaft auf sich nehmen sollte, blieb es ohne befriedigende Antwort. Trotzdem machte es die Sanktionen mit, trotzdem erklärte es, im Falle einer kriegerischen Verwicklung auf die Seite Englands treten zu wollen. Aber die militärische Auseinandersetzimg scheute England, weil es militärisch unvorbereitet war. Also ging es in der Anwendung der Sanktionen gerade so weit, als Mussolini sie noch hinnahm. Petroleum und Eisenerz wurden ausgenommen, die Sperrung des Suezkanals für die italienischen Truppen- und Materialtransporte unterblie,!). Der Versuch der englischen Regierung, noch im letzten Moment durch das faule Kompromiß des Hoare-Lavalplanes den Konflikt zu beenden, wurde angesichts des Widerstandes der öffentlichen Meinung aufgegeben. Mussolini siegte, wie er wollte. Daß die englische Politik den Konflikt mit Italien weder dnreh ein rechtzeitiges Kompromiß zn vermeiden, noch ihn rasch und radikal nach seinem Ausbruch zu beenden verstanden hat, hat ein noch folgenreicheres Ergebnis gehabt: die Wiederbesetznng und Befestigung des Rheinlandes. Die italienische Okkupation Abessiniens hat einen schweren und dauernden Gegensatz zwischen Italien und England erzeugt. England sieht sich an vielen für den Zusammenhalt seines Imperiums lebenswichtigen Punkten, in Aegypten, dem Sudan, in Kenya, unmittelbar bedroht, der Durchgang durch das mittelländische und das Rote Meer ist gefährdet. Italien hat die Stützpunkte für seine Schiffe und Flugzeuge in Sizilien, in Libyen, in Dodekanes, auf den Inseln und der Küste des Roten Meeres ausgebaut. Ein Verzicht würde für Italien die Sicherheit der Verbindungen im Mittclmeer dauernd auf erhöhtem Stand gehalten und die britischen Stützpunkte für die See- und Luftstreitkräfte ausgebaut und vermehrt würden. Die Wiederherstellung der Stresafront ist also noch in weitem Felde. Der italienisch-englische Gegensatz bleibt auch nach Aufhören der Sanktionen, und ob eine dauernde Beilegung möglich ist, eine offene Frage. Warum hält aber dann die konservative Regierung, der doch die imperialen Interessen sicher nicht gleichgültig sind, nicht an den Sanktionen fest, deren Aufrechterhaltung Labour Party und Liberale so stürmisch verlangen, und die auf die Dauer die Wirtschaftskraft Italiens und damit seinen Widerstand immer mehr vermindern müßten? Eden und Baldwin erklären, daß nach dem Siege Italien nur durch militärische Gewalt aus Abessinien zu vertreiben wäre, daß es in äußerstem Falle bei Aufrechterhaltung der Sanktionen zu den Waffen greifen, daß aber England weder militärisch noch moralisch zum Krieg bereit sei, und andere Länder noch viel weniger. Einen anderen Grund haben sie nicht ausdrücklich genannt, aber es geht deutlich aus ihren Ausführungen hervor. Beide haben sich eingehend mit der Stellung Deutschlands beschäftigt. Wir haben hier schon dargelegt, daß die Befestigung des Rheinlandes, die in wenigen Monaten vollendet sein wird, eine völlige Revolution in den europäischen Machtverhältnissen herbeiführt. Frankreich, aber damit auch England, wird von den Entscheidungen im ganzen zentral- und osteuropäischen Bereich weitgehend ausgeschaltet. Stich gelassen und all das als unentwegter Wahrer der»kollektiven Sicherheit und des Völkerbundes, der wenige Monate vorher auf ihren eigenen Antrag— damals nach Stresa gemeinsam mit Frankreich und Italien jeden neuen Vertragsbruch mit schärfsten Sanktionen bedroht hatte. Aber jetzt fühlt England selbst die deutsche Gefahr, die es selbst — und alle englischen Parteien haben daran ihren Anteil— großgezogen hat. Jetzt fragt die englische Regierung, was wohl die deutsche Haltung sein könnte, wenn die Aufrechterhaltung der Sanktionen England in einen Krieg verwickelte. Jetzt begreift sie, daß ein Krieg gegen Italien Deutschland sofort zum Schiedsrichter EJuropas machen, ihm auf jeden Fall die letzte Machtentscheidung zuweisen würde, jetzt, wo es zu spät ist. Und in beschwörenden Worten bitten Baldwin und Eden Deutschland um die Beantwortung des lächerlichen Fragebogens, erklären ihre Bereitschaft, Deutschland mit England und Frankreich in einer neuen Konferenz zur Sicherung des Friedens zusammenzuführen und ernten als Dank das verdiente Hohngelächter nicht nur des »Völkischen Beobachters«, sondern auch der offiziösen»Deutsch-diplomatischen Korrespondenz«. Die Labourleute und die Liberalen verschließen dagegen absichtlich die Augen vor Deutschland, verlangen auf alle Fälle die Aufrechterhaltung und Verschärfung der Sanktionen auf jedes Risiko hin, vielleicht bis auf das eine: beim Wort genommen zu werden. It is a pity, es ist ein Jammer! Eden und Baldwin sprechen von einem Dentschland, zur stärksten Militärmacht Versagen der Völkerbundspolitik. Wir baden als Freiwild behandelt und auf der zwischen dem Mutterland und den Kolo- Straße niedergeschlagen. Ihre Versammlungen werden gesprengt, ihre Zeitungen unterdruckt. Es wird in Danzig jetzt ungefähr dasselbe versucht, was in Deutschland nach dem Reichstagsbrand geschehen ist. Für dieses Vorgehen der NSDAP hat nun der Danziger Senatspräsident Greiser eine Begründung gegeben, die die Aufmerksamkeit der ganzen Welt verlangt. Von seiner am 20. Juni gehaltenen Sonnwendfeierrede gibt der»Völkisohe Beobachter« einen ausführlichen Bericht, worin man liest; »Präsident Greiser brandmarkte dann die ungeheueriiehe Unvenschämtheit der Oppositionspresse, die anläßlich der Staa-s- trauer um die gefallenen nationalsozialistischen Kameraden wieder versucht habe, die Ideologie der nationalsozlaUstischen Bewegung als für Danzig nur parteimäßig gebunden hinzustellen. während jeder Mensch in der ganzen Welt wisse, daß diese Idee heute die nien gefährden— ein Beweis nebenher, daß eine Neuverteilungvon Kolonien nicht die Kriegsgefahren vermindern, sondern nur neues Wettrüsten erzeugen würde. Eden hat in der Tat bereits angekündigt, nicht nur, daß die Abreden mit den anderen Mittelmecrmächten gegen einen etwaigen Angriff zunächst in Kraft bleiben, sondern daß die britische Flotte der Welt geworden, hat sich eine außerordentliche Bewegungsfreiheit gesichert; seine Anziehungskraft auf zahlreiche Klein- und Mittelstaaten ist gesteigert und in den Dienst der Erwerbung politischer Freundschaften stellt es. nie die Reise Schachts beweist, auch seine Wirtschaftspolitik. Was hat England angesichts dieser Entwicklung getan? Darüber hat Eden mit einer Offenheit gesprochen, die man versucht sein könnte, zynisch zu nennen, wäre sie nicht so verflucht naiv. Er schilderte zunächst seine vergeblichen Versuche, Hitler zu einem Einvernehmen mit England und FVankreich und zum Abschluß eines Luftpaktes zu bewegen, bis schließlich diese Illusionspolitik durch die Besetzung des Rheinlandes ein vorläufiges Ende fand. Was Eden dann tat, schildert er so: »Die Plötzlichkeit dieses Vorgehens(also nicht das Vorgehen selbst!) schuf in Frankreich und Belgien, aber, auch in anderen europäischen Ländern große Beunruhigung. Unter diesen Umständen mußten wir versuchen, die Besorgnisse zu zerstreuen und eine Situation zu schaffen, in, der ruhige Ueberlegung und sorgfältige Verhandlungen möglich wären. Wir haben nicht angenommen, daß die Aktion der deutschen Regierung rückgängig gemacht werden könnte, und wir haben das auch gar nicht verlangt, wir hofften, von der deutschen Regierung nur einen Beitrag, der den, wie sie selbst sagte, rein symbolischen Charakter ihrer Aktion zeigen würde. Wir ersuchten deshalb die deutsche Regierung spontan einen Beitrag zur Wiederherstellung des Vertrauens zu leisten. Die deutsche Regierung war unglücklicherweise der Meinung, das nicht tun zu können.« Die englische Regierung hat sich also vom ersten Moment an vor dem fait accom- pli gebeugt— ebenso wie es die Labour Party hingenommen hat— sie hat Frankreich im selben Moment, wo sie seine bedingungslose Unterstützung gegen Italien gefordert hat, in einer Lebensfrage im ben gesehen, es handelt sich um das Versagen der englischen Politik, besonders seit dem Machtantritt Hitlers und darum allein. Eden und Baldwin sprechen von der notwendigen Reform des Völkerbundes. Wenn sie darunter die Reform ihrer eigenen Politik verstünden, könnte es angehen. Aber die Aussichten sind recht ungewiß. Englische Minister haben davon gesprochen, daß die Völkerbunds Verpflichtungen• klarer umschriebeiwr. sein müßten, daß die Friedenssicherheit in bestimmten Gebieten durch Regionalpakte der unmittelbar Interessierten vermehrt werden könnte. Regionalpakt c, das ist das, was man früher Militärbündnisse nannte, und die Einsicht, daß gegen die schwer gerüsteten, zum Sprung bereiten Diktaturen nur militärische Ueber- legenheit Schutz gewährt, wäre nach dem pazifistischen Gerede zu begrüßen. Aber entscheidend dabei ist heute wie nie zuvor Englands Rolle. Daß England einen siegreichen Angriff Deutschlands gegen Belgien und Frankreich nicht ertragen könnte, dazu bedarf es nicht erst der Verträge, da handelt es sich ja für England reibst um eine Existenzfrage. Aber die ersten Entscheidungen über das künftige Schicksal des Westens sie können im Zentrum und Osten Europas fallen! Und um die Stellung der englischen Politik zu den zentral- und osteuropäischen Problemen handelt es sich, um die Verantwortung, die England selbst hier für die Aufrechterhaltung des Friedens übernehmen will Und da scheint es, daß der neue Gegensatz zu Italien, daß die neue Macht Deutschlands England vor der Uebcrnahme von Verpflichtungen eher abschreckt. Ohne den entschlossenen Einsatz der Macht Englands aber an jedem Punkt, an dem der Frieden bedroht ist, bleibt trotz aller englischen Glaubensbekenntnisse die kollektive Sicherheit eine trügerische Illusion. Dr. Richard Kern. rer und das ganze deutsche Volk an der Bahre dieser Kämpfer.« Die von Greiser genannten drei Männer sind in einem schmachvollen Kampf gegen ihre eigenen Volksgenossen umgekommen, denen sie ihr« Freiheit rauben wollten. Für das Hakenkreuz sind sie so die richtigen Märtyrer. ___________________ Worin aber besteht die»Unverschämtheit Schranken einer parlamentarischen Partei der Opposition«? Nun eben darin, daß sie in längst gesprengt und die Einigungsformel für das gesamte deutsche Volk innerhalb und außerhalb der deutschen Reichsgrenzen geworden sei. Wenn Männer wie Deskowaki, Fressonke der NSDAP in Danzig nur eine Partei neben andern sieht, die alle vor Gesetz und Verfassung gleichberechtigt sind. Demgegenüber vertritt der Nationalsozialist Greiser, der höchste Würdenträger der»Freien Stadt« und Lu�g in Da�g fallen, so stehe wie � XuffMBUng, daß der Mon0p0i. das äußerlich sichtbar bd ihren Begräbnis-..,,„. aen zum Ausdruck gekommen sei, der FUh- ansprach des Hakenkreuzes auf die Men sehen deutscher Herkunft und Muttersprache nicht nur im Reich, sondern auch jenseits der Reichsgrenzen besteht, also z. B. in Danzig, Oesterreich, der Tschechoslowakei, der Schweiz, den Vereinigt en Staaten usw. Ueberau dort haben nach der Theorie des Senatspräsidenten von Danzig, die An- hänger Hitlers das Recht, andersdenkende Voiksgenoesen zu schlagen, zu töten oder ins Gefängnis zu werfen. Es scheint uns, daß Herr Greiser den eigentlichen Sinn der nati onalsozlal tstisch= n Ausl and»Organisationen und gewisser getarnt nationalsozialistischer Partelen treffender interpretiert hat als irgend jemand zuvor. Nur die Raudier? In Mecklenburg ist durch eine Polizeiver- Ordnung allen Jugendlichen unter 18 Jahren das Rauchen an allen der Oeffentliohkeit zugänglichen Plätzen verboten worden. Dia »Frankfurter Zeitung« schreibt dazu: »Die Erinnerung an die Zeit vor 25 Jahren wird unwillkürlich wach. Nichts reizt bekanntlich den Widerspruch und auch das geheime Verlangen junger Menschen mehr als das Verbot von Genüssen, die eich die ältere Generation gestattet.« Ganz richtig— je mehr man verbietet und befiehlt, desto mehr raucht es. Was die Frankfurter Zeltung alles merkt! Hitler erobert Danzlg! Ein Protestsdireiben der Opposition an den Senat In Danzig sind die Nationalsozialisten an der Arbeit, mit blutiger Gewalt und Verbrechen jeder Art die letzten Reste der bürgerlichen Freiheit zu vernichten und die Opposition so rechtlos zu machen, wie sie sonst in Deutschland schon ist. In Danzig aber hat die Opposition den Kampf noch nicht aufgegeben. Wie sie ihn führt, sagt das nachstehende Dokument: Danzig, den 17. Juni 3936. An den Senat der Freien Stadt Danzig Danzig Die unterzeichneten Parteien sind der Ansicht daß die öffentliche Sicherheit und und Ordnung durch die Vorfälle der letzten Woche aufs schwerste gefährdet ist, und daß durchgreifende Maßnahmen zur Wiederherstellung gesetzmäßiger Zustände erforderlich sind. Sie überreichen in der Anlage: 1. eine Denkschrift der Sozialdemokratischen Partei der Freien Stadt Danzig vom 17. Juni 1936 über die Folgen der Alarmierung der SA gegen die F 1 u g b 1 a 1 1 v e r t e i I e r der SPD, über die Wirkungen der Stellungnahme des Gauleiters Forster der NSDAP und der nationalsozialistischen Presse zu diesen Vorgängen auf die nationalsozialistischen Parteigänger und über die Mitschuld der nationalsozialistischen Parteileitung an den Vorgängen des 12. und 13. Juni und über das Versagen der Polizei in allen diesen Fällen. 2. eine Darstellung der Deutschnationalen Volkspartei Uber den Ueberfall auf das St. Josephs- h a u« am 12. Juni 1936. 3. eine Darstellung des Bundes Deutscher Frontkämpfer des Weltkrieges e. V. über den Ueberfall auf die Versammlung vom IS. Juni im Hotel>Resi< in Oliva. Im Hinblick auf die ausführlichen und in fast allen Fällen durch Zeugenaussagen belegten Darstellungen sind die unterzeichneten Parteien der Ansicht, daß es einer gründlichen Aufklärung über die Ursachen des Versagens der Polizei bedarf. Die unterzeichneten Parteien sind dahin informiert worden, daß die Reviere angewiesen seien, zum Schutze von' Ve rsäfnnUungen erst dann einzugreifen, wenn die politische Polizei zum Eingreifen die Genehmigung erteilt habe, und daß die Revierbeamten zum Schutze der Angehörigen der Oppositionaparteien bei Schlägereien nur dann eingreifen sollten, wenn feststehe, daß die Nationalsozialisten nicht in der Uebermacht seien. Die Oeffentlichkeit hat das Recht, vom Senat zu erwarten, daß er die Voraussetzungen dafür schafft, daß niemand an der Objektivität der Polizei zweifelt. Es sind— nach Ansicht der unterzeichneten Parteien— daher zur Wiederherstellung der öffentlichen Ordnung und zur Wiederherstellung des Vertrauens der Bevölkerung auf den Schutz der Behörden gegen jeden Ueber- griff folgende Maßnahmen zu treffen: 1. Der Gauleiter der NSDAP, Forster, ist wegen der von ihm begangenen strafbaren Aufreizung zu Gewalttätigkeiten und Anstiftung zu Verbrechen strafrechtlich zur Verantwortung zu ziehen. 2. Die Polizeibeamten sind anzuweisen. mit allen verfügbaren Mitteln zum Schutz des Lebens und Eigentums der Angehörigen der Opposition einzugreifen. 3. Die seit dem 20. Juni 1933 eingestellten Polizeibeamten sind zu entlassen. 4. Es ist eine richterliche Kommission zur Untersuchung der Ursachen der Ter- rorfälle und zur Vorbereitung der durchzuführenden Straf- und Disziplinarverfahren einzusetzen, deren Mitglieder im Einvernehmen mit den Vertretern der oppositionellen Parteien zu bestellen sind. 5. Die Verordnung vom 30. Juni 1931 über den Waffenbesitz und die Vorschriften des Vereinsgesetzea über das Erfordernis polizeilicher Genehmigung von Aufzügen sind unter Aufhebung der Vorschriften, die einer Anwendung dieser Bestimmungen auf die nationalsoziaUstischen Verbände entgegenstehen, auch auf die nationalsozialistischen Formationen anzuwenden. Die Sturmlokale der uniformierten Verbände, in denen ständig bewaffnete Wachen liegen, sind zu schließen. 6. Die bis zum Jahre 1933 geltende Fassung des§ 128 StGB, nach welchem die Zugehörigkeit zu einer Vereinigung verboten war, In welcher dem Führer unbedingter Gehorsam geschuldet wird, ist wiederherzustellen. Der Senat wird sich der Notwendigkeit dieser Forderungen nicht verschließen können, die von den Vertretern von— schon nach dem Wahlergebnis vom 7. April 1935— 40 Prozent der Wähler Im Interesse der Sicherung ihres Lebens und Eigentums aufgestellt werden und ohne deren Erfüllung ein sehr großer Teil der Bevölkerung sich nicht mehr im gesicherten Besitz seiner natürlichen und verfassungsmäßigen Rechte sieht. Die unterzeichneten Parteien erwarten im öffentlichen Interesse vom Senat, daß er sich davon fernhält, in der Oeffentlichkeit den Eindruck entstehen zu lassen, als billige er den aggressiven und hetzerischen Ton, mit welchem die NSDAP in ihren Presseveröffentlichungen und in den Reden ihrer Führer die traurigen Ereignisse der vorigen Woche zu Propagandazwecken ausnutzt. Die unterzeichneten Parteien mißbilligen es daher, daß der Senat die Beflaggung der öffentlichen Gebäude und Schulfeiern zu Ehren des bei dem Ueberfall auf das St. Josephahaus ums Leben gekommenen SA-Mannes De- skowski angeordnet hat. Sie halten es für unzulässig, daß der Senat diese Anordnung damit begründet, daß der SA-Mann»für seine Heimat und das deutsche Volk gefallen« sei. Die unterzeichneten Parteien haben von ihren vorstehenden Forderungen auch den Herrn Hohen Kommissar des Völkerbundes in Danzig in Kenntnis gesetzt. Für die Sozialdemokratische Partei: gez. Arthur Brill. Für die Zentrumspartei: gez. Dr. Stachnik. Für die Deutschnaüonale Volkspartei: gez. Gamm. Die beigefügten Anhänge ergeben folgende Tatbestände: I. Am 10. Juni veranstalteten die Sozialdemokraten eine F 1 u g- blattverteilung. Zehn Minuten, bevor sie beginnen sollte, wurde die Verteilung verboten. Gegen die schon unterwegs befindlichen Verteiler wurde eine förmliche Hetzjagd in Szene gesetzt. Nationalsozialisten verfolgten sie, schlugen auf sie ein, durchsuchten sie und nahmen ihnen die Aktentaschen weg. Die Nationalsozialisten maßten sich dabei Polizeibefugnisse an, die wirkliche Polizei, die unter nationalsozialistischem Kommando steht, verhielt sich teils passiv, teils nahm sie für die Prügelhelden Partei. Auch Frauen wurden beschimpft und geschlagen, sie flehten die Polizei vergeblich um Schutz an. Die Nationalsozialisten drangen in die Wohnungen sozialdemokratischer Funktionäre ein, wobei sie Türen und Fenster zerschlugen, und mißhandelten die Einwohner. Bei diesen Vorgängen wurden nicht nur zahlreiche Sozialdemokraten, sondern auch ein Nationalsozialist verletzt. Die NSDAP erklärte, sich infolgedessen sofort für»verfolgt« und rief mit dem Alarmschrei»bestialische Bluttat an einem Nationalsozialisten« zu Kundgebungen auf. II. Am 12. Juni tagte imStJosephs- h a u s eine deutschnationalc Versammlung, zu der ausdrücklich den Nationalsozialisten der Eintritt verboten war. Es sprachen die Danziger deutschnationalen Parteiführer Weise und Gamm. Als die Versammlung zu Ende war und die Teilnehmer den Saal verlassen wollten, wurden sie von einer Horde von Nationalsozialisten, die mit Gummischläu- chen, Uebungshandgranaten und Nagelbrettern bewaffnet war, überfallen und zurückgejagt. Frauen und alte Leute wurden, als sie schon auf dem Boden lagen, nochmals geschlagen und fürchterlich zugerichtet. Bei dieser Gelegenheit kam der SA-Mann Deskowski ums Leben, wie seine Freunde behaupten durch deutschnationale Schüsse. Dagegen stellt die deutschrt&tio- nale Denkschrift fest, daß laut Obduktionsbefund Herzschlag infolge syphilitischer Gefäßentzündung als Todesursache feststeht. Am Tage der Beerdigung Des- kowskis flaggten die Staatsgebäude Halbmast, die Aemter schlössen vorzeitig, in den Schulen wurden Gedenkfeiern veranstaltet. HI. Am 13. Juni war eine Versammlung des Deutschen Frontkämpferbundes geplant. Der Vorsitzende Pietsch beschloß, angesichts der drohenden Gefahr, auf die Versammlung zu verzichten. Er ging aber doch zum Lokal, um den kommenden Bundeskameraden mitzuteilen, daß die Versammlung abgesagt sei. Gleich nach seiner Ankunft drangen 80 bis 100 Nationalsozialisten em. Ueber das weitere berichtet Pietsch folgendermaßen: »Im Vorraum des Versammlungslokal« wurde ich von etwa 50 Mann, die sämtlich mit Totschlägern, Gummiknüppeln und Stahlruten, sowie mit Uebungshandgranaten bewaffnet waren, angefallen und solange geschlagen, bis Ich bewußtlos war. Man deckte mich mit Stühlen zu, weil man annahm, daß ich tot sei. Als ich zur Besinnung kam, brachten mich Friedrich Rohman aus Oliva, Heinrich Steinbrinker aus Langfuhr, Egbert Stobbe aus Langfuhr und meine Ehefrau zu der Aerztin Frau Stein. Als wir das Haus verließen, hatte sich eine Menschenmenge, die ich auf 300 bis 400 schätze, angesammelt. Der Angestellte des Steueramtes Brandstädter aus Oliva, der schon bei dem Ueberfall auf mich im Resi eine führende Rolle gespielt hatte. forderte seine Gesinnungsgenossen auf, mich auf der Stelle tot zu schlagen und drang selbst auf uns ein. Steinbrinker und Rohman wurden mißhandelt. Selbst als sich späterhin 4 oder 5 weitere Polizeibeamte hinzugesellten, hörten die Mißhandlungen nicht auf. In der Nähe des Bahnhof« der Straßenbahn wurde ich wiederum niedergeschlagen. Drei Mann drangen auf mich, als Ich am Boden lag, mit gezückten Messern ein. Meine Frau warf sich über mich, um mich zu schützen. Sie wurde mit Totschlägern mißhandelt, um sie von der Stella zu bringen.« In Danzig rast der Terror. Aber die Angegriffenen wehren sich noch, der Kampf ist noch nicht entschieden. Was sagt die Welt? Was tut der Völkerbund? Hhlers Leibblatt •Nach dem Zeugnis seines Duzbruders Julius Streicher ist es das pornographische deutsche Wochenblatt»Der Stürmer«. Der deutsche Führer-Reichskanzler hat seinen Streicher nie dementiert. Optimisten, die immer noch glauben, daß Leute wie der Frankenführer und Seinesgleichen sich ihrer Schweinereien wenigstens schämten, haben verbreitet, der»Stürmer« sei angewiesen worden, sich im Olympiajahr eine gewisse Zurückhaltung aufzuerlegen. Andere wollten wissen, Streicher werde sich mit Millionengewinn aus der geschäftlichen Pornogrraphie zurückziehen, und der»Stürmer« werde dann unter den Fittichen der Reichsaufsicht ein wenig gesäubert werden. Daß man daran nicht zu denken braucht, beweist die neueste, die Juninummer von Hitlers Lieblingszeitschrift. Sie ist den»Saarjuden« gewid- fnet. Daß die Juden aus dem Saargebiet unter dem Schutze internationaler Abkommen nicht nur ungeprügelt, sondern sogar unter Mitnahme ihres Hab und Gutes abziehen durften, wurmt den Streicher fürchterlich. Er schimpft mächtig hinter Ihnen her, weil sie nicht ihr Vermögen auf dem Altar de« Vaterlandes, das sie ja wirklich kindlich lieben sollten, geopfert haben. Was dann alles Hitlers Duzfreund an Bettgeheimnisscn auspackt, ist für ihn und seinen»Stürmer« keine besondere Leistung. Aber er glaubte, in dieser Saar-Nummer doch einen Gipfel der Gemeinheit ersteigen zu müssen, und so bringt er Bild und Namen eines dreizehnjährigen angeblichen Rassenschänders. Liest man die streicherisch ausgeschmückte Schlaf Zimmergeschichte genau, so stellt man mit Beruhigung fest, daß überhaupt nichts passiert ist und die angeblich bedroht gewesen sein sollende arische Jungfrau den offenbar sehr schwächlichen Jungen mit einem einzigen Schlag auf den Boden strecken konnte. Aber das alles ist ja dem Nürnberger Pornographen nebensächlich, die Hauptsache Ist der Pranger für den knabenhaften»Blutschänder«. Preisfrage: Ist außerhalb de« Dritten Reichs ein Staatsmann möglich, mit dessen Namen ein Geschäftsmann wie Streicher Reklame treiben darf? Propaganda— und ein Dreck dahinter! Dkr Vorschußlorbeeren für ehr nationalsozialistische« Gesetz. Ein großer Renommierrummel wird zur Zeit im Dritten Reich um die neue Hitlersche Großtat der Einführung eines angeblich verbesserten deutschen Patentrechtes(durch Gesetz vom 8. Mai 1936) veranstaltet. Es entspricht zwar der Methode des Faschismus allenthalben, und des deutschen speziell, die Kunst der Propaganda zu einer Art Hochstapelei zu erheben. In diesem besonderen Falle aber wollen die dicken und geschwollenen Redensarten— auch wenn sie einem so trivialen Gegenstand wie dem Musterschütz und der Patentgebühr gewidmet sind— schier kein Ende nehmen. Nun ist es jedem klar, daß allerdings da« moderne Patentwesen tief in die Problematik der Gesellschafts- und Sozialverfassung hinübergreift. Gerade beim gegenwärtigen Status einer schon überkomplizierten Technik fallen die Erfindergedanken nicht mehr wie Meteore vom Himmel, sondern die»Neuhelten« werden mühsam an Hand eines schon vorhandenen Apparate« hoher und höchster Entwicklung als Vervollkommnungen und Verbesserungen errechnet und erarbeitet. Erst recht und fast ausschließlich gilt das für die beiden Haupt- gebdete, wo früher die eigentlichen großen Erfindergewinne möglich waren, in der Maschinentechnik und in der Chemie. Wem gehört aber der Apparat ohne den die Erfindung heute gar nicht hätte gemacht werden können? Nun, im kapitalistischen Staat eben dem Kapitalisten. Es ist in dessen Geist durchaus logisch, wenn in allen kapitalistischen Staatsordnungen der Erfinder-Angestellte so gut wie rechtlos und vogelfrei im Hinblick auf den Gewinn seiner Arbelt ist. Was»in der Fabrik« erfunden wird, gehört der Fabrik— und sonst niemand. Seit fünfzig. ja seit hundert Jahren hat es nie eine andere, als ausschließlich diese Problematik des Erfinderschutzes gegeben! Nun müßte man also annehmen— nach Kenntnisnahme aller jener Lobsprüche, welche die gleichgeschaltete braune Presse für das Hitlersche»Gesetzeswerk« wie Palmzweige vor dem Esel des Erlösers ausstreut — daß an diesem allein wichtigen und kritischen Punkt der Gesetzesfrage das Entscheidende Jetzt geschehen wäre. Man wühlt sich ai«« durch den Wust von belanglosen Einzelheiten de« neuen Gesetzes mühsam durch und -— entdeckt(zum Beispiel in der»Deutschen Juristenzeitung«. Heft 11, aus der Feder des Prof. Hartmann, Mitglied der— ganz Hltler- schen— Akademie für Deutsches Hecht) die folgende Klärstellung, die aus den Göbbels- schen Jubel- und Fanfarentönen ebenso viele und lautstarke Miau-Laute macht: »Eine schwierige Frage, die nicht ohne Zusammenhang mit dem Persönltchkeits- rccht und der Aufdeckung des wahren Erfinder« ist, hat das Gesetz von 1936 noch offen gelassen. Das ist die Angestellten- oder Betriebserfindung. An diesem Problem wurde schon in der Vorkriegszeit gearbeitet und nicht nur in Deutschland, sondern auch anderwärts ist sein großes Gewicht von den gesetzgebenden Instanzen erkannt worden Es schlagen hier wichtige Gesichtspunkte aus der Welt des Arbeitnehmers ein. Gerade Deutschland hat bekanntlich sein Arbeitsrecht auf völlig neue Grundlage gestellt. Die Ehre, die persön- | liehe Ehre ist auch hier zu einem obersten Wert geworden. Aber es muß auch in sorgfältiger Abwägung das Wechselverhiltnis zwischen Führertum und Gefolgschaft, zwischen Einzelmitglied und Betrieh geklärt werden. Darum ist die Frage nach dem rechtlichen Schicksal einer mitten aus dem lebendigen Betrieb herauswachsenden Erfindung, insbesondere die Frage des vermögensrechtlichen Ausgleiches, vorerst noch nicht gesetzlich erfaßt worden. Dies bleibt, wie der Reichsjustizminister bekannt gegeben hat, der gesetzlichen Gestaltung des Arbeitsvertragsrechtes oder vielleicht einem Sondergesetz vorbehalten.« Nun hat dieser Reichsjustizmlnister auf dem letzten Deutschen Juristentag von dem neuen Patentgesetz wörtlich gesagt, daß»i n Ihm Denken und Fühlen des nationalsozialistischen Staates am stärksten zum Ausdruck komme«... Nehmen wir also den besagten Reichsjustizmlnister beim Wort; dann kann das, nach jener obigen Kostprobe auf den »nationalsozialistischen Staat« und sein »Denken und Fühlen« bezogen, doch nur heißen: das ganze lebt von der sachlichen Drückebergerei: das existiert vom bloßen Quatsch; das ist, bei Licht besehen, nur gerade Gerede und Propaganda und sonst nicht viel mehr als ein Dreck. Wer es anders Interpretieren kann, möge steh melden! F. E. Roth. Der Wahpsppudi Der Frauenarbeitsdienst versäumte es bei dieser Gelegenheit nicht, der Reichsfrauen- führerin seinen Nachmittagsspruch zuzurufen:»Fröhlich sei das Kaffeetrinken«. (Offizieller Bericht über die Kundgebung der ostpreuflischen Frauenschaft in Osterode.) Die Lohnpolitik des Dritten Die nationalsozialistische Lohnpolitik geht angeblich von dem Grundsatz aus, daß die Löhne auf dem Niveau von 1932 festgehalten würden. Diese Behauptung, die auch im Ausland hier und da Glauben gefunden hat, hält einer ernsthaften Nachprüfung nicht stand. Die»Deutschlandberichte der Sopade«, die seit mehreren Jahren vom Vorstand der Sozialdemokratischen Partei in regelmäßiger Folge herausgegeben werden, bringen erneut umfangreiches Material über die tatsächlichen Lohnverhältnisse im Dritten Reich. Wir müssen uns im folgenden darauf beschränken, die Ergebnisse dieser eingehenden Untersuchung zusammenzufassen. Offene und verstedete Tarlfvepsddediterung Mit der Zerschlagung der Gewerkschaften ist auch der kollektive Arbeitsvertrag beseitigt. Das Tarifsystem existiert nur noch dem Namen nach. Die Tarifverträge sind durch Tarifordnungen, d. h. durch das Diktat der Treuhänder der Arbeit, die Branchentarife zum Teil durch Betriebsordnungen und durch Finnentarife, d. h. durch das vom Treuhänder gedeckte Diktat der Unternehmer außer Kraft gesetzt. Die Bestimmungen der großen Tarifverträge werden zwar nach Möglichkeit noch aufrechterhalten. Es wird dadurch der Anschein erweckt, als seien sie nach wie vor in Kraft, in Wirklichkeit wird aber mit einer Fülle von den Treuhändern verfügter Einzelverschlechterungen eine Senkung des Lohnniveaus herbeigeführt. In einigen Fällen war es möglich, die jetzt neu festgesetzten Löhne mit denen von Ende 1932 auf Grund der Statistik des Allgemeinen Deutschen Gewertcschaftsbundes zu vergleichen. Alle diese Fälle zeigen mehr oder weniger große Abweichungen nach unten. Wir greifen einige Beispiele heraus: 1932 1936 Stundenlohn Tischler, Magdeburg. b 87 Pfg. SO Pfg. Maurer, Dresden..-. 96„ 88„ Bäcker, Dortmund u. Essen 83.7„ 75„ Maurer, Hannover(Autob.) 95„ 78„ Maurer, Magdeburg„ 89„ 78„ Steinmetzen, Braunschweig 105„ 72.8„ Maler, Halle(Saale). 85„ 74„ Das beliebteste Mittel der Lohnsenkung ist nicht die Aufhebung, sondern die Veränderung von Tarifordnungen. Bs hat den Vorzug, daß die alten Tarifsätze »erhalten« und trotzdem das Lohnniveau gesenkt werden kann. Ein bevorzugtes Verfahren ist die Versetzung einzelner Arbeiterkategorien in niedrigere Lohn klassen. So hat der Treuhänder für Mitteldeutschland für die Zementarbeiter des Baues der Reicha- autobahn bei Halle, die bis dahin den Facharbeitern zugerechnet waren, eine eigene Lohngruppe mit um 5 bis 7 Pf. niedrigeren Löhnen geschaffen. Noch beliebter ist die Lohnverschlechterung durch Aenderung der Orts klasseneinteüung. So ist z. B. für das Schlosser- und Maschinenhandwerk in Baden die Stadt Wertheim von Ortsklasse 4 nach 5 versetzt worden. Das bedeutet für die Facharbeiter über 25 Jahre eine Herabsetzung des Stundenlohnes von 70 auf 60 Pfennig. Der Nachweis derartiger Tarif Verschlechterungen auf Grund amtlicher Veröffentlichungen wird aber immer weniger möglich, weil neuerdings ein großer Teil der Anordnungen der Treuhänder von der Veröffentlichung ausgenommen ist. Die folgenden Fälle, einige von vielen, stammen aus unmittelbaren Berichten. So gibt es in einer neuen Tarifordnung für die gesamte deutsche Schuhindustrie jetzt Schuhfabrikarbeiter, angelernte Arbeiter, berufsfremde Arbeiter und Lehrlinge. Früher gab es nur Altersklassen»und die Organisationen wehrten sich stets mit Erfolg gegen die jetzt gemachten Unterscheidungen«. In zahlreichen Fällen wird aber der Treuhänder gar nicht gefragt und Tarife vom Unternehmer auf eigene Faust außer Kraft gesetzt. Er verläßt sich auf die nachträgliche Zustimmung des Treuhänders oder auch darauf, daß ein Einspruch aus Furcht vor Verlust der Arbeitsstelle oder schlimmerem nicht riskiert wird. Auf allen Gruben des Eschweiler Bergwerks-Vereins ist den Arbeitern mündlich mitgeteilt worden, daß ab 1. Februar ungelernte Arbeiter statt 5.75 Mark in den höchsten Lohnklassen nur noch 5.10 Mark, Gedinge- und Reparaturhauer anstatt 6.70 nur noch 5.70 Mark je Schicht erhalten, In einem Leipziger Unternehmen schlug der Betriebsführer vor, daß jeder Arbeiter auf einen Teil seines Wochenlohnes verzichte, um den abzubauenden Belegschaftsmitgliedern die Arbeit zu erhalten. Weil jeder um seinen Arbeitsplatz bangte, wurde dem Vorschlag zugestimmt. In der Nazipresse feierte man den Vorgang als großen Erfolg der neuen kameradschaftlichen Arbeitsgesinnung. So bedienen sich che Unternehmer der Volksgemeinschaftsphrase und zugleich der Furcht der Arbeiter vor Entlassung, um ihnen jede gewünschte Lohnkürzung aufzuzwingen. Leistafigslohn und Akkorddrüd&crel Nach| 29 des Arbeitaordnungsgesetzes sind in die Betriebsordnungen nur»Mindestsätze« mit der Maßgabe aufzunehmen, daß für die seinen Leistungen entsprechende Vergütung des einzelnen Berufsangehörigen Raum bleibt. Diese Formulierung erweckt den Eindruck, als sei nichts anderes bezweckt als übertariflichc Entlohnung für überdurchschnittliche Leistung. In Wahrheit stellt der Begriff des Leistungslohnes den radikalsten Einbruch in das System der Tariflöhne dar. Damit ist das Tarif- system praktisch außer Kraft gesetzt, obwohl es formell noch besteht. Der Leistungslohn ist das wichtigste Mittel zur Erreichung des Zieles nationalsozialistischer Politik; Atomisierung der Arbeiterschaft und Zerstörung ihrer Klassensolidarität. Eis ist nicht überall wirksam, am allerwenigsten bei Qualitätsarbeitern, die rar und für die Aufrüstung unentbehrlich sind. Aber in den meisten Fällen wird das Mittel seine Wirkung nicht versagen, weil die Furcht vor Verlust des Arbeitsplatzes vorherrscht. Für die Unternehmer besteht der Vorteil in einem Antreibersystem mit der Tendenz, die Höchstleistung als Durchschnittsleistung gelten zu lassen und entsprechend zu bezahlen. Durch die Bestimmungen der Treuhänder über minderleistungsfähige Arbeiter wird das Hetztempo außerordentlich gesteigert. Sie wirken als ständige Bedrohimg gegen Arbeiter, die es wagen sollten, das Hetztempo nicht mitzumachen und die fürchten müssen, als minderleistungsfähig mit Lohn abzug bestraft zu werden. Der Leistungslohn ist vor allem ein Freibrief für Akkorddrückerei. In den Betriebsberichten kommt immer wieder zum Ausdruck, daß es der Zweck der nationalsozialistischen Lohnpolitik ist»mit allen Mitteln Zwiespalt in die Reihen der Arbeiter hineinzutragen«. Aus einem Automobilbetrieb z. B. wird eine sehr starke Kürzung der Stundenvcrdlenste gemeldet, für Qualitätsmetallarbeiter von früher 1.10 auf heute nur noch—.76 Mark, und hinzugefügt, offiziell würden zwar die Tarife nicht abgebaut, man zahle aber einen sogenannten Leistungslohn. Das führe dazu, daß einzelne Leute für sich soviel wie möglich herauszuholen suchen, die Masse der Arbeiter dagegen müsse sich mit niedrigeren Löhnen abfinden. Die Mittel, Lohnvorteile zu erreichen, haben sich seit der Zerschlagung der Arbeiterorganisationen gründlich gewandelt. Das Gesetz des Dritten Reiches verbietet das kollektive Auftreten der Belegschaft, nur der einzelne Arbeiter darf sich um Lohnerhöhimg bemühen. Daher die starken Unterschiede in der Entlohnung. Besonders unentbehrliche Arbeiter beziehen Löhne, die oft höher sind als in der Zeit vor dem Umsturz. Weil aber keine Organisation den Arbeitern den Rücken stärkt, kann das Regime es sich leisten, zu differenzieren. Wenn die einen mehr bekommen, wird den anderen um so mehr abgezogen. Das Resultat ist das Wiedererwachen des Konkurrenzkampfes unter der Arbeiterschaft und niedrigere Durchschnittslöhne. Aus einem Metallbetrieb wird gemeldet, daß der Lohn, wohlgemerkt für die gleiche Arbeit, zwischen 93 und 114 Pf. die Stunde schwankt. »Eis sind natürlich nur einige wenige, die den Spitzenlohn bekommen.« Nicht die Akkordarbeit an sich wirkt als Mordarbeit, sondern der fehlende Schutz des Akkordarbeiters durch eine hinter ihm stehende Organisation. Das wirkt sich besonders verhängnisvoll bei der Festsetzung neuer Akkorde aus. Aus einer südwestdeutschen Fabrik für landwirtschaftliche Maschinen, wo es eine Weihnachtsgratifikation von 75 Mark gegeben hat, wird berichtet, nach der Jahresinventur habe mit erhöhtem Druck die Kalkulationsmaschine eingesetzt.»Der Kalkulator kam an jeden Arbeitsplatz, stoppte mit der Stoppuhr jede einzelne Arbeit ab und setzte den neuen Akkordsatz fest. Diese sind durchschnittlich um 15 Prozent gekürzt worden. Das gleiche wird aus anderen Betrieben dieser Gegend gemeldet.« Erhöhung der Arbeitszeit Auf dem Gebiet der Arbeitszeit wird die Elntrechtung der Arbeiter und Angestellten besonders sichtbar. Auch hier verfährt das System nach dem Grundsatz, die Errungenschaften der Republik dem Scheine nach zu erhalten, sie in Wirklichkeit aber zu beseiti- Reiches gen. In§ 3, Abs. L der Arbeitszeitordnung vom 26. Juli 1934 steht geschrieben: »Die regelmäßige werktägliche Arbeitszeit der Beschäftigten darf ausschließlich der Pausen die Dauer von 8 Stunden nicht überschreiten.« In der gleichen Arbeitszeitordnung sind aber 7 Ausnahmen vorgesehen, darunter drei ohne Vergütung der Mehrarbeit. Alle diese Vorschriften sind Kautscbukparagra- phen schlimmster Art. Denn der § 8 gibt den Treuhändern das Recht, die Arbeitszeit durch Tarifordnung zu regeln. Von diesem Recht machen sie ausgiebig Gebrauch. Eis findet sich fast keine Tarifordnung, In der nicht Mehrarbeit zugelassen würde. In den vom Treuhänder für das Wirtschaftsgebiet Nordmark erlassenen Richtlinien heißt es kurz und bündig:»Mehrarbeit soll nach Möglichkeit vermieden werden«. In zahlreichen Tarifordnungen wird als»Arbeitsbereitschaft« oder»vorbereitende Arbeit« erhöhte Arbeitszeit verordnet ohne Ueberstun- denzuschlag, teilweise ohne Bezahlung. Als Mehrarbeitszuschlag gilt nach der Arbeitszeitordnung ein Aufschlag von 25 Prozent auf den Stundenlohn als angemessen. Die meisten Treuhänder halten sich aber daran nicht. Allein in der Zeit von Ende September 1935 bis Anfang Mai 1936, also in 7 Monaten, sind nicht weniger als 40 Tarifordnungen erlassen worden, in denen U e be rs t u n d e n zu s c hl ä g e von 15 bis herab zu 5, ja sogar zu 0 Prozent festgestellt worden sind. Ein Maler aus Dresden berichtet; »Der Stundenlohn beträgt noch unverändert 90 Pf., aber Zuschläge werden weder für Ueberstunden noch für Sonntagsarbeit bezahlt. Bei Beschwerden wird von der Arbeitsfront gesagt, die Bestimmungen seien nur Kann-Bestimmungen; wenn eben ein Geschäft es nicht trage, sei es nicht zu machen«. Allprcnieinvcrbindlidikeit und llnabdingbarkeit abgeschafft Das Wesen und der Wert der alten Tarifverträge lag in ihrer allgemeinen Verbindlichkeit und Unabdingbarkeit. Im Gegensatz zu den Tarifverträgen haben die Tarifverordnungen einen unverbindlichen Charakter. Sie können jederzeit von Fall zu Fall von den Treuhändern außer Kraft gesetzt werden. In der Tarifordnung für die deutsche Hartsteinindustrie vom 21. Oktober 1935 heißt es:»In besonderen Ausnahmefällen kann der Treuhänder der Arbeit Abweichungen von den Bestimmungen dieser Tarifordnung zulassen.« Derartige Klauseln sind sehr häufig. Nach der 14. Durchführungsverordnung zum Arbeitsordnungsgesetz können neue Tarifordnungen auch mit rückwirkender Kraft erlassen werden. Der Zweck ist, Fälle, in denen Tarifordnungen in ganzen Wirtschaftsgebieten nicht eingehalten worden sind, nachträglich vom Treuhänder legalisieren zu lassen. Daß sich Unter- nehmeran die Tarifordnungen nicht kehren und ade durch eigene Machtvollkommenheit verschlechtern, ist nicht selten, da die Kontrolle der Arbeiterorganisationen fehlt. So mußte der Treuhänder für das Rheinland eine Bekanntmachung erlassen, worin es heißt:»Bei der in letzter Zeit durchgeführten Lohnkontrolle mußte ich feststellen, daß eine ganze Anzahl von Gefolgschaftsnütgliedem untertariflich entlohnt wird«. Dann folgt eine zaghafte Ermahnung, worin an»die freudig übernommene Verantwortung für das Wohlergehen der Gefolgschaft und die nationalsozialistische Gesinnung des Betriebsführers« appelliert wird. Als Illustration dazu wird aus dem Rheinland berichtet, der Tariflohn für Fuhrleute betrage 30 Mark, gezahlt würden aber nur 16, für Chauffeure statt 38 nur 20 Mark. Kommt es zur Klage vor dem Arbeitsgericht. dann vertrete die Deutsche Arbeitsfront die notleidenden Unternehmer. Neueingestellte Arbeiter erhalten meist eine geringere Entlohnung. Aus Baden wird berichtet, daß zwar die Tarife aus der Weimarer Zeit noch gelten, Neucingestellten aber nicht mehr der Grundlohn plus Leistungszuschlag, sondern nur noch der Grundlohn bezahlt würde, was einem Lohnabbau von 10 bis 20 Prozent gleichkomme. Der Sinn des alten Tarifwesena war die Sicherung des Arbeiters vor einseitiger Ausnutzung der Unternehmermacht. Dadurch, daß die Tarifbestimmungen, sei es vom Treuhänder, sei es vom Unternehmer selbst, willkürlich aufgehoben oder abgeändert werden können, ist der innere Sinn des Tarifwesens und damit praktisch das Tarifwesen selbst beseitigt. Die Ktindifirunirsfristen ES wäre ungerecht zu behaupten, die nationalsozialistische Arbeilspolitik erschöpfe sich In der Verschlechterung der ArbeTtsb»- dlngiingen. Spielte früher für die Arbeiter der Preis der Arbeitskraft die Hauptrolle, so trat im Laufe der Krise das Bedürfnis nach Sicherung des Arbeitsplatzes in den Vordergrund. Diesem Bedürfnis trägt das Hitlerregime Rechnung, um so die Arbeiter über die Verschlechterung der Arbeitsbedingungen hinwegzutrösten. Die Kurzarbeit vermehrt, die Kurzar beitenmterstützimg erhöht und der Kündigungsschutz verstärkt Sehr viele Tarifordnungen sehen grundsätzlich 14tägige Kündigungsfrist vor, in zahlreichen Fällen noch längere. Eis gehört zur nationalsozialistischen Taktik, das Interesse des Arbeiters an der Erhaltung des Arbeitsplatzes dadurch zu erhöhen, daß die lange Kündigungsfrist in der Regel erst nach sehr langer Beschäftigung im gleichen Betrieb zur Anwendung kommt Bs ist eine Maßnahme, die den Unternehmer nichts kostet aber auf den Arbeiter nicht ohne Eindruck bleibt. Der Urlaub In der gleichen Richtung liegen die Ur- lauhevorachriften der Tarifordnungen. Auch sie sollen das Interesse des Arbeiters an der Erhaltung des Arbeitsplatzes erhöhen dadurch, daß die Dauer des Urlaubs mit der Bctriehsrugehörigkeit wächst Die Verlängerung des Urlaubs soll aber zugleich als Entschädigung für die Kürzung der Löhne und die gesteigert« Ausnutzung der Arbeitskraft wirken. Der Arbeiter soll sich»auch wieder mal als Mensch fühlen«, damit ihm seine Entrechtung und seine Herabsetzung zum Arbeitssklaven weniger fühlbar werde. Keine neuen Tarifordnungen werden ohne Urlaubsregelung erlassen, für viele als Tarifordnungen weitergeltende Tarifverträge ist der Urlaub verlängert worden. Die neuen Vorschriften bringen fast ausnahmslos Verbesserungen gegenüber 1934 und 1935. Ehn exakter Vergleich mit den Regelungen vor dem Umsturz ist mangels geeigneter Unterlagen nicht möglich. Im allgemeinen wird man annehmen können, daß die jetzigen Regelungen Verbesserungen gegenüber dem Zustand vor dem Umsturz gebracht haben. Nimmt im allgemeinen die Urlaubszcit mit der Dauer der Betriebszugehörigkeit zu, so ist es bei den Jugendlichen regelmäßig umgekehrt. Der Urlaub ist zu Beginn der Lehrzeit am längsten, im letzten Lehrjahr am kürzesten. Die Erklärung dafür findet sich in einer Urlaubsboatimm ung der Tarifordnung für die badische Steinindustrie vom 20. Juli 1934:»Für die Lehrlinge und Jungarbeiter ist hierbei Bedingung, daß die Urlaubezeit in einem Schulungslager der Hitlerjugend verbracht wird, sofern die Möglichkeit hierzu gegeben ist«. Das ist ein Beispiel von vielen. Der»Urlaub« für Jugendliche verdient also diese Bezeichnung kaum, er ist vielmehr ein Teil des nationalsozialistischen Wehrprogramms. Die Praxis der Urlaubsregelung steht allerdings nicht ganz mit den Tarifordnungen im Einklang. Die Unternehmer nehmen nicht selten von den Bestimmungen der Tarifordnung keine Notiz. Der Treuhänder für das Wirtschaftsgebiet Brandenburg erließ Anfang Mai eine Kundgebung, worin er darauf verwies, daß er»unter ausdrücklicher Verweisung auf den Weg der innerbetrieblichen Regelung die Mindestbestimmungen über den Urlaub in der Metallindustrie aufgelockert habe, wider Erwarten würden ihm aber bereits Bestrebungen einer Anzahl Betriebe gemeldet, ohne wirtschaftlich begründete Notwendigkeit die für die Gefolgschaften bisheir günstigeren Bestimmungen zu verschlechtern.< Von der Berliner AEXJ sind die Urlaubsbestimmungen der Tarifordnung aus eigener Machtvollkommenheit beseitigt und durch schlechtere ersetzt worden, ohne daß der Treuhänder eingriffen hätte. Erhaltung oder Senkung des LohnnWeaus? In dam Aufklärungs- und Propagandamaterial der Reichspropagandaleitung der NSDAP und das Propagandaamtes der Deutschen Arbeitsfront(»Arbeitspolitik« vom 4. April 1936) heißt es, eine Erhöhung der Löhne oder der Preise bedeute eine Steigerung der Kosten des Wehrprogramms. Darum sei auch nach Inangriffnahme des Wehrprogramms die Parole, das Lohnniveau zu halten. Damit wird deutlich ausgesprochen, daß die Arbeiter nur an den Kosten, aber nicht an dem Ertrage der»Staatskonjunktur« beteiligt werden sollen.»Gehalten« worden sind allenfalls che Tariflöhne, aber sie gelten zumeist nur dem Scheine nach, in Wirklichkeit sind sie, soweit sie nicht auch offiziell beseitigt sind, durch Einzelverschlechterungen und noch mehr durch eine ungeheuer gesteigerte Ausbeutung der menschlichen Arbeitskraft unwirksam gemacht! Nr. 15>9 BEILAGE HcutfUönturfs 28. Juni 1956 Reformierter Nationalsozialismus Die Sdiwarze Front und ihr Programm marxistischen Arbeiterbewegung für die breite Masse des Volkes ausdrücklich und zustimmend anzuerkennen«. Otto Strasser bekennt sich als ein Schüler Spenglers, aber sein gutes Herz erlaubt ihm nicht, an den»Untergang des Abendlandes« zu glauben. Er predigt»die Auferstehung des Abendlandes« durch die deutsche Revolution, die Erneuerung der Gesellschaft im Geiste des Mittelalters. Darum soll es im Lande des deutschen Sozialismus kein»Eigentum« mehr geben, sondern nur noch»Lehen«, keine»Klassen«, sondern »Stände«, von denen z. B. die»Offiziere der Wirtschaft« den einen bilden sollen, die»vollberechtigten«, gewinnbeteiligten Arbeiter einen anderen. Zünfte und Innungen sollen wieder zu Ehren kommen. Dem »liberal-kapitalistischen und liberal-marxistischen Ideal einer Höchsterzeugung von Waren« wird»das konservative Ideal eines voll ausgefüllten freien Lebens« entgegengestellt Damit wird»eine gewisse Götzendämmerung der Technik« verbunden sein, die dem konservativen Denken des Verfassers keineswegs als ein Rückschritt erscheint. Auf die»neue Geisteshaltung« kommt es ihm an, auf die Schaffung einer neuen Eüte»ritterlicher Menschen«. Mit der Auferstehimg des Abendlandes will er den Ritter wieder auferstehen lassen, »jene gewaltige Frühschöpfung des Abendlandes, die weit über alle Grenzen hinweg das Sinnbüd der ganzen abendländischen Gemeinschaft war und nun folgerichtig mit ihrer Renaissance seine Auferstehung feiert«. Man wird nach alledem vielleicht fragen: wodurch unterscheidet sich nun dieser reformierte vom sonstigen Nationalsozialismus? Die Antwort kann nur lauten(es ist aber wirklich keine beleidigende Absicht mit dieser Feststellung verbunden): vor allem durch ein gewisses Maß von Liberalismus. Strasser lehnt den »totalen Staat« ab, er will eine gewisse Pressefreiheit gewähren und die Juden wieder als Menschen behandeln.»Die Vernichtung der Parteien« will er aber zum Dauerzustand machen und auch auf die NSDAP ausdehnen, hoffentlich auch auf die Schwarze Front! Das Recht, sich frei nach Weltanschauung und Gesinnung zusammenzuschließen und für den Sieg dessen, was man für richtig hält, zu kämpfen, hat, wie es scheint, in seiner Konstruktion keinen Platz. Strasser will auch kein Parlament, sondern ein kompliziert ineinander geschachteltes System von»Berufsräten« und »Ständekammern«. Das Reich teilt er in »Landschaften« ein mit Landschaf ts- Ständekammem und vom Reichspräsidenten ernannten»Landschaftspräsidenten«. Aus den Landschaftspräsidenten und dem Präsidium der»Reichsständekammer« setzt sich der»Oberste Rat« zusammen, der den Reichspräsidenten auf Lebenszeit wählt. Das ganze läuft auf ein System der Oligarchie, die Herrschaft einer dünnen Oberschicht hinaus— eben der Leute, die sich für die modernen Ritter halten. Das deutsche Volk wäre zu bedauern, wenn es nach dem lebensgefährlichen Experiment der Hitlerei auch noch diese Pferdekur durchzumachen hätte. Trotzdem erscheint Otto Strasser, vom Standpunkt der nationalsozialistischen Orthodoxie aus gesehen, als ein»L i b e- r a 1 e r«, ein»Demokrat«, ein»Marxist«.»Was Sie da sagen, ist einfach Demokratie!«»Was Sie Sozialismus nennen ist reiner Marxismus!«— das sind die Ausrufe, mit denen Hitler in den veröffentlichten Gesprächen mit Otto Strasser seinen Gegner immer wieder unterbricht. Hitler hat eben von Demokratie und Marxismus seine eigenen Auffassungen! * Zwei Fragen sind zu beantworten: 1. Was bedeuten Otto Strassers Theorien für Deutschlands Zukunft? 2. Sind sie ein Fortschritt über den Marxismus hinaus oder ein Rückschritt hinter ihn zurück? Zur ersten Frage ist zu sagen, daß ihre Beantwortung davon abhängt, ob man als nächsten Impuls der Entwicklung eine Auseinandersetzung innerhalb des Nationalsozialismus selbst erwartet oder aber eine Auseinandersetzung des Nationalsozialismus mit seinen geschichtlichen Gegnern, d. h. vor allem mit den Arbeitern. Im ersten Fall wird man den Theorien Strassers eine gewisse Bedeutung zuer kennen, im andern wird man sie ihn ab sprechen. Denn— und damit kommen wir schon zur zweiten Frage— außerhalb der Auseinandersetzungen im Nationalsozialismus selbst kann den Theorien Otto Strassers keine große Bedeutung beigemessen werden. Sie sind nichts als einer der ungezählten, mit unzulänglichen Kräften unternommenen Versuche, den Marxismus durch ein neues System zu ersetzen, und es wird ihnen dasselbe Schicksal beschieden sein wie jenen Vorgängern: man wird bald aufhören, von ihnen zu sprechen. Auch die sozialistischen Kräfte, die in der NSDAP in irgend einem geistigen Urzustand vorhanden sein mögen, werden eine andere Schulung brauchen, wenn nicht bei ihrem Zusammentreffen mit den geschulten alt- sozialistischen Kräften neue Verwirrung entstehen soll. Der Streit wird sich, soweit er theoretisch ausgefochten wird, um das Verhältnis von Sozialismus und Liberalismus drehen. Der Kampf gegen den Liberalismus ist wirklich nicht die Erfindung irgendwelcher sozialtheoretischer Neutöner. Er ist mit viel größerer geistiger Schärfe als von ihnen von den»marxistischen« Sozialisten geführt worden, nicht zuletzt von den »typischen Liberalen Marx, Engels und Kautsky« selbst. Diese allerdings haben auch einen Unterschied zu machen gewußt zwischen dem Wirtschaftsliberaüsmus, dem Manchesterliberalismus und dem geistigen Liberaüsmus; sie haben den einen ebenso bekämpft, wie sie sich dem anderen selbstverständlich verbunden fühlten. Wenn Otto Strasser diese beiden Begriffe von Liberalismus durcheinanderwirft, so ist das kein Fortschritt, sondern ein arger Rückschritt. Sozialismus und Wirtschaftsliberalismus scheiden sich wie Wasser und Feuer. Sozialismus und geistiger Liberalismus gehören unzertrennlich zusammen, weil echter geistiger Liberalismus nur durch den Sozialismus verwirklicht werden kann. Wenn man diese Verbindung als eine »Ueberfremdung« bezeichnet, und sie durch eine neue Verbindung»Sozialismus- Nationalismus-Mystizismus« ersetzen will, so können wir dazu nur erklären, daß dieser neuartige Sozialismus nichts zu tun hat mit dem, was in Deutschland seit siebzig Jahren als Sozialismus gegolten hat. Daß übrigens der Nationalismus ein typisches Erzeugnis des liberalen Zeitalters ist, während der Konservatismus kein Nationalbewußtsein, sondern nur ein Untertanen tum kennt, daß der Liberalismus auch nicht weltanschaulich mit dem Materialismus identisch ist, sondern im Idealismus der klassischen Philosophie seine Wurzel hat, das sind Tatsachen, deren Uebersehen man allenfalls nur durch das Bekenntnis zum Mystizismus begründen kann. Wo der Mythos beginnt, hört die Welt des Wirklichen auf. Otto Strassers Haß gegen alles Liberale wird nur noch verdächtiger durch seine Gefühlsausbrüche für Mittelalter, Lehenwesen, Zünfte und Rittertum. Mit solchen Schwärmereien hat sich schon einmal eine deutsche Emigration herumschlagen müs- Der entfesselte Gangster Der falsdie Kommissär von München Die Reversseite des»totalitären« Machtstaates bildet die»totalitäre« Emigration. In ihr sind alle Parteien vertreten, die in Deutschland vor der Errichtung der Diktatur eine Rolle spielten, die Nationalsozialisten nicht ausgenommen. Die nationalsozialistische Gruppe der Emigration, die sich selber die Schwarze Front nennt, zeichnet sich durch lebhafte Aktivität aus. Ihr Führer ist Otto Strasser. Otto Strasser, der jetzt am Anfang der Vierzig steht, war nach der Revolution von 1918 Sozialdemokrat, Vor- standsmitgüed des Republikanischen Führerbundes und Sekretär Emst Heilmanns. Beeinflußt von seinem älteren Bruder Gregor vollzog er seinen Uebergang zur jungen Nationalsozialistischen Partei. Er wollte aber auch dort Sozialist bleiben und hoffte, gemeinsam mit seinem Bruder und — Joseph Göbbels einen sozialistischen Kurs durchsetzen zu können. Dabei hatte er freilich selbst vom Sozialismus keine viel klarere Vorstellung als sie sonst in Köpfen junger Kriegsleutnants zu finden war. Wir alten Sozialisten kamen alle irgendwo von der klassischen Philosophie, der französischen Revolution und dem Jahr 1848. Sozialismus war für uns: Schaffung der materiellen Voraussetzungen für die Herstellung der persönlichen Freiheit. Die jungen Kriegsleutnants aber gingen vom»Fronterleben« aus, in dem sie gelernt hatten, daß man eine Truppe verpflegen muß, wenn sie kämpfen soll. Die persönliche Freiheit war etwas, womit sie gar nichts anfangen konnten. Im Schützengraben war dafür kein Platz. Eines Tages erkannte Otto Straaser, daß die NSDAP kapitalistischen Zielen diente und daß der Sozialismus in ihrem Namen nur Betrug war. Er hatte damals sehr lange Unterhaltungen mit Hitler, der sich bei dieser Gelegenheit als ein ent- schiedener Anhänger des kapitalistischen Wirtschaftssystems zu erkennen gab. Otto Strasser erhob im Sommer 1930 die Fahne der Rebellion. Ihm folgten der Major Buchrucke r, Hauptmann S t e n n e s und Herbert Blank, während Graf Reventlow und Dr. von Leer seine Gefolgschaft verließen. Auch Gregor Strasser blieb linientreu, und allen voran hatte sich Göbbels rechtzeitig in Sicherheit gebracht. Mit dem Rest der Getreuen bildete Otto Strasser die Schwarze Front; er veröffentlichte im Jahre 1931 eine programmatische Schrift:»D er Aufbau des deutschen Sozialismus«. In der Prager Emigration, im Grunov-Verlag, ließ er nun eine zweite Auflage erscheinen, die den seit 1931 eingetretenen Ereignissen Rechnung trägt. Aus seiner kurzen»marxistischen« Vergangenheit hätte Otto Strasser wenigstens das eine lernen sollen, daß es ein gefährliches Unterfangen ist, mit der geistigen Leistung von Marx und Engels in Wettbewerb zu treten und ihr ein neues System entgegenzustellen. Er hat trotzdem diesen Versuch unternommen, und man muß schon sagen, er hat es mit mehr Mut als Glück getan. Strasser will entdeckt haben, daß es in der Geschichte immer abwechselnd 150jährige Perioden der Gebundenheit und der Ungebunden- heit, des Konservativismus oder des Liberalismus gegeben hat. Die letzte liberale Periode hat mit der Erklärung der Menschenrechte 1789 begonnen, sie gent also jetzt zu Ende, und es beginnt eine konservative Periode mit der deutschen Revolution. Was gewesen ist und was— nach seiner Meinung— wird, faßt er zusammen in die Formulierung: »Der Liberalismus umschließt naturnotwendig den Kapitalismus, den Individualismus, den Rationalismus.« »Der Konservatismus umfaßt naturnotwendig den Sozialismus, den Nationalismus und den Mystizismus.« Den Marxismus betrachtet er als einen »liberal überfremdeten Sozialismus«. Marx. Engeis � sind für ihn»alles typische Liberale«. Dennoch hält er es»für eine Pflicht des An- standes. die großartigen Leistungen der In Pari« wurde dieser Tage ein internationaler Hochstapler verhaftet, hinter dem die Steckbriefe mehrerer Länder her waren. Zu den Leidtragenden gehörte auch Hitlerdeutschland. Der Schwindler heißt Friedrich Hahn, war vor dem Kriege Leutnant bei der k. u. k. Kavallerie, mußte wegen fortgesetzter Schwindeleien den bunten Rock ausziehen und fledderte seitdem Amerika und Europa. Erst durch seine Verhaftung erfährt man etwas über die wilde Gastrolle, die er nach dem HlUerumsturz im braunen Lager spielte. In den Märztagen 1933 erschien er unter dem klingenden Namen Paul Freiherr von Hahn mit Vollmachten der Nazipartei im Verlagshaus Knorr u. Hirth in München, gab sich als Staatskommissar aus, kündigte die Redakteure, beschuldigte die Chefredakteure des Hochverrats, ließ sie nach Dachau bringen, bestimmte die Schreibweise der neuen Redaktionen und»griff durch«, vor allem durch die Kasse. Das hatte er den braunen Oberbonzen richtig abgeguckt. Wie einst der Hauptmann von Köpenik einfach die Methoden des preußischen Militarismus kopierte, so ahmte Hahn die braunen Allüren nach: Braunhemd, Tressen, Litzen, Adelstitel, schnarrender Offizierston, Geschrei wider die Landesverräter, Brutalität und Kasse. Das genügte, das alles wirkte hinreichend echt. Ein zugereister Gangster düpierte die eingesessenen, organisierten. Uniform und Hakenkreuz fanden den üblichen blinden Gehorsam, jede SA- und SS-Abteilung hörte auf sein Kommando. So weit wäre alles nach der sturen Logik verlaufen, die für alle mllitaristisch-cäaaristi- schen Systeme gilt, nur eins hebt diesen Streich über alles Dagewesene hinaus; Umfang und Dauer des Rummels. Der Hauptmann von Köpenik konnte seine Rolle nur einige Stunden spielen, dann war es au». Hahn aber richtete ein längeres Schreckensregiment an, plünderte nicht nur eine Kasse, sondern schickte harmlose bürgerliche Redakteure Ins KZ, ließ verhaften und mißhandeln, machte eine ganze Weile in neuer Presse, ehe es einem Detektiv der Münchner Polizeidirektion gelang, den wilden Gangster zu entlarven und dorthin transportieren zu lassen, wohin er andere verbannte, nach Dachau. In Dachau war er den Häftlingen kein Unbekannter. Noch im Juli 1933 weilte er dort anläßlich der Enthüllung des Schlageter- Denkmals als Ehrengast. Wenzel Rubner berichtete in dem Buch»Konzentrationslager«(Verlag»Graphia«, Karlsbad) über seine spätere Gastrolle als Gefangener: »Er kam als Häftling und wurde in die Dunkelzelle eingeliefert. Wir sahen ihn. wenn er ins Freie kam, furchtbar entstellt. Er sah aus wie ein Schatten«. Er wurde von den anderen streng isoliert, niemand sollte seine Geschichte erfahren. Wo ist eine solch blutige Groteske je möglich gewesen?! Man kennt in der neueren Geschichte kein ähnliches Beispiel. Er erscheint als ein unwahrscheinlich tolles Versagen der staatlich organisierten Gangsterei auf jenem Gebiet, auf dem sie sich am stärksten fühlt: der totalen Organisation! So scheint es. Aber gerade zu diesem System des barbarischen Parteistaates gehören die Durch- einauderregiererei, die Cliquenwirtschaft der großen und kleinen Despoten, die Kamarillen. Immer fühlt sich einer durch den anderen gefährdet, immer steht eine Kamarilla gegen die andere. Wenn Göring einem Göbbels mann auf die Zehen treten läßt, fällt bei baldiger Gelegenheit ein Gö ringmann irgend einem Unfall zum Opfer. Und umgekehrt. Planwirtschaft mit Blutrache. Zu diesem Cliquendunst gehört der 30. Juni ebenso wie der entfesselte Gangster Hahn. Wer ihm mit Mißtrauen entgegentrat, riskierte die Rache seiner Clique und Dachau. H e 1 m 1 i c h mußte sich die Münchner Polizei ihre Beweise besorgen... Das war noch nicht da! Der falsche Staatskommissar entkam schließlich aus Dachau nach Frankreich. Wäre er dort nicht geklappt worden, wüßte die außerdeutsche Oeffentlichkeit bis heute noch nichts über diese tolle Blamage des Dritten Reiches. Die helmische Presse aber muß weiter schweigen. San, nämlich die des Vormärz. Und Heinrich Heine war es, der damals spottete: Das mahnt an Kreuzzug und Tumei, An Minne und frommes Dienen, an die ungedruckte Glaubenszeit Wo noch keine Zeitung erschienen. Das Mittelalter immerhin Das wahre, wie es gewesen, Ich will es ertragen, erlöse uns nur Von jenem Zwitterwesen: Von jenem Gamaschen-Rittertum, Das ekelhaft ein Gemisch ist Von gotischem Wahn und modernem Lug' Das weder Fleisch noch Fisch ist. Heine war gewiß ein»typischer Liberaler« und ein boshafter Polemiker dazu. Doch darauf kommt es hier weniger an als darauf, daß er die Abneigung gegen Druckerschwärze und den»gotischen Wahn« zu jener Zeit deshalb bekämpfte, weil sie für den romantischen Absolutismus des verrückten Friedrich IV. die ideologischen Grundlagen lieferten. Jetzt hat abermals eine Welle des Roman tizismus Wesentliches dazu beigetragen, die Köpfe für Hitler vorzubereiten. Die Hitlerdiktatur ist auch schließlich die richtige Konsequenz solcher geistigen Strömungen. Ohne Bücherverbrennung, Ketzervertilgung und Judenvertreibung bliebe das Mittelalter ja doch nur halb. Nur vom Standpunkt des kleineren Uebels aus, also rein taktisch gesehen, läßt sich ein positives Verhältnis zwischen Sozialdemokratie und Schwarzer Front denken. Im Grundsätzlichen ist ein Kompromiß unmöglich. Es ist notwendig, das mit voller Schärfe auszusprechen. Der hier schreibt, ist kein orthodoxer Marxist, er ist bereit, neue Erkenntnisse, die über die Lehren von Marx und Engels hinausgreifen, freudig zu begrüßen. Aber was Otto Strasser bietet, reicht nicht über den Marxismus hinaus, sondern fällt weit hinter ihn zurück. Es ist ein Teil jener Kraft, die aus Deutachland das gemacht hat, was es jetzt ist, und die wir darum zu bekämpfen nicht aufhören dürfen, wenn wir nicht aufhören wollen, Sozialdemokraten zu sein. Friedrich Stampfer HqMtotim»et äet Heidetteveiutiek? ff Eine Enige�nung Dr. Emil Franzeis Der Ordensritterpimpf Bin Hitlerjunge, der in der»Nationalsozia- lietischen Rheinfront« schreibt, hat sich die gotische Spitzmarke»Ordensritter- pimpf« beigelegt. Er steht mit dem Wunsch, sich als»Ritter lobesam« zu fühlen, nicht einzig da. Seitdem die braunen Ordensburgen eröffnet wurden, wimmelt es im Dritten Reiche von Roman ti ziemen solcher Art.»Zurück ins Mittelalter« heißt die Parole einer Jugend, der man den Weg in die Zukunft verdunkelt hat. Wenn der Ordensritterpimpf ein ausgewachsener Ordenöritterflegel geworden ist, wird er erkennen, daß sich heutzutage nur noch das Raubrittertum mit einigem Erfolg nachahmen läßt— und wird seine praktischen Schlußfolgerungen daraus ziehen. Dr. Emil Franzel, der Verfawer des Buches»Abendländische Revolution« schreibt uns: »Es ist— mindestens angewandt auf mein Buch»Abendländische Revolution«— nicht richtig, daß das »Tasten und Rufen nach neuen Werten, nach neuen Göttern und nach neuen Gebets- formcln, das Streben, den Sozialismus durch den Volkssozialismus zu ersetzen.,. den Zweifel dieser Kreise an der Güte der sozialistischen Idee an sich, die durch das vom Gegner erborgte Flitterwerk höherwertig gemacht werden soll«, offenbart. Richtig ist, daß ich— und meine Freunde, auf die mit dem Wort »Volkssozialismus« angespielt wird— an der Güte der sozialistischen Idee niemals gezweifelt haben, selbst in den düstersten Tagen des Niederbruchs sozialistischer Parteien nicht. Es ist unrichtig, daß ich die sozialistische Idee durch erborgtes Flitterwerk höherwertig machen will. Richtig i s t, daß ich den Versuch unternehme, die Wertordnung des Soziallsmus von der Ueber- fremdung durch die liberal-bürgerlich-tiapi- talistlschen Wertbegriffe zu befreien, und sie in den organischen Zusammenhang mit den der abendländischen Kultur Immanenten Werten wieder einzuordnen. Es ist unrichtig, daß meine Auseinandersetzung mit dem Weltbild des Liberalismus»nachempfundene Kapuzinerpredigten« seien. Richtig ist, daß es sich hier um sehr originale Empfindungen handelt, die len dem Liberalismus seit eh und je entgegengebracht habe. Richtig ist, daß ich seit vielen Jahren in Wort und Schrift einen leidenschaftlichen Kampf gegen die Ueber- fremdung der sozialistischen Gedankenwelt und der sozialistischen Kulturbewegung mit liberalen Ideologien geführt habe. Eis ist unrichtig, daß »Franzel heute lehrt, daß die germanische Kriegerhorde der Inbegriff des Sozialismus gewesen sei«, und daß mein Buch auf die Frage, wie die Spannung zwischen Autorität und persönlicher Freiheit gelöst werden soll, »nur eine Antwort: den Hinwels auf die angebliche Herkunft der sozialistischen Idee aus der Wertordnung der germanischen KriGgerhordc, Ordnung, Zucht, militärische Disziplin«' kenne. Richtig ist vielmehr, daß der Grundgedanke meines Buches, an zahlreichen Stellen, vor allem auf den Selten 16 ff.,:18 und 215 eindeutig mit aller Schärfe zum Ausdruck gebracht, die Erkenntnis von dem unlösbaren Dualismus der abendländischen Kultur, der Snythese aus den jungen Völkern und der antiken Kultur ist, und daß auch der Begriff eines europäischen Sozialismus für mich unlösbar verbunden ist mit diesem Dualismus: »Zwischen der christlichen und der germanischen Staatsidee entstehen die Spannungen abendländischer Politik... Im Aufeinanderprall des pazifistischen, moralisch gerichteten, gewaltslosen Sozialismus des 19. Jahrhunderts und des gewalttätigen, auf Macht gerichteten, kriegerischen Faschismus ist sie wieder akut geworden. Doch wie jener ideell und praktisch' vor der konkreten Aufgabe der Machtergreifung und des Feathaltens der Macht versagen mußte, so kann dieser nur zerstören, nichts schaffen, nur Gewalt und Barbarei um ihrer selbst willen züchten.(S. 38.) Aber es ist gerade heute nicht minder dringend, den Lobrednern eines besonderen deutschen, germanischen und in seinen Auswirkungen barbarischen Sozialismus entgegenzuhalten, daß die Krieg- und Wanderordnung der Nomadenstämme nicht Sozialismus im Sinne eines Zukunftsideals unserer Zeit sein kann. Nur sofern der Krieg Selbstzweck und das Sterben des Lebens einziger Sinn wäre— was ja in der Ideologie des Nationalsozialismus als Leitmotiv immer wiederkehrt— wäre mit dem Kriegssozial ismus der Hirtenvölker schon alles erreicht, was die Menschen anstreben und wünschen können... So wenig aber Krieg und Wanderung ein Dauerzustand und ein ewiges Ideal seßhafter, ackerbautreibender, gewerblich tätiger Menschen sein können, so wenig können so vergesellschaftete Menschen in dem Zurück zur Zelt- und Marschordnung der kriegerischen Hirtenvölker die Idee des Sozialismus beschlossen sehen. Darum ist Preußentum nicht Sozialismus...«(S. 215.) Richtig ist, daß ich die Elemente von Ordnung und Disziplin für eine Komponente des europäischen Sozialismus erkläre und sage, daß derjenige kein europäischer Sozialist sein könne, dem der Sinn für diese Werte abgeht. Es heißt aber meinen Gedanken verkennen, wenn nur diese Erwägung herausgehoben und nicht erwähnt wird, daß ich die Komponente der Humanität für ebenso wichtig erachte und von den Verächtern der Humanität sage: »Wem sich aber der Sozialismus in der kriegerischen Zucht erschöpft der ist es (ein Sozialist) erst rech't nicht.« (S. 216) Aus diesen wenigen Stellen schon, denen sich andere Zitate und Hinweise hinzufügen ließen, geht hervor, daß gerade mein Buch an jene Aufgabe herantritt, die Max Klinger— in einem künstlich konstruierten Gegensatz zu dem Gedanken meiner Arbeit— als eine der wichtigsten unserer Zeit bezeichnet: --"�Daß Kriegssozlallsmu« nicht SosiaHs- mus ist..., das ist heute noch eine der wesentlichsten Aufgaben der sozialistischen Aufklärungsarbeit.« Dies zuzugeben und zugleich meinem Buch den Vorwurf zu machen, es stelle sich nicht nur nicht diese Aufgabe, sondern beweise das Gegenteil, heißt den wiederholt ausgedrückten Grundgedanken meiner»Abendländischen Revolution« verkennen. Eis ist ferner unrichtig, daß ich von meiner angeblichen Parole des Zurück zur germanischen Kriegerhorde den Begriff der »konservativen Revolution« beziehe. Richtig ist, daß ich den Sinn der konservativen Revolution von den kulturellen Werten des Abendlandes und von den eittlichen Ideen einer solidarisch geordneten Gemeinschaft herleite.(Z. B. S. 256 u. a. a. O.) Es ist unrichtig, daß sich in meinem Buch »kein Funke des Verständnisses für den Sozialismus als kämpfende Bewegung« finde, und daß für mich der Sozialismus »im Grunde genommen nur ein Abfallsprodukt der bürgerlichen Epoche und die bürgerliche Epoche seit dem Jahre 1250 ein einziger Verfall und Rückschritt« sei. Richtig ist, daß für mich der Sozialismus nicht Abfallsprodukt, sondern der tausendjährige Gegenpol und Gegenspieler der bürgerlichen Gesellschaft ist. Richtig ist, daß ich den Sozialismus in seinen sämtlichen historischen Erscheinungen(S. 230 ff, S. 104) als kämpferische und geistige Bewegung ebenso würdige, wie ich die Leistungen der reformistischen Arbeiterbewegung rühmend erwähne(»deren Früchte vielleicht erst spätere Geschlechter gerecht beurteilen werden.« S. 12), wahr ist, daß ich mich an zahlreichen Stellen meines Buches auf die wissenschaftliche Arbeit und die soziologischen Entdek- kungen von Marx, Engels, Rosa Luxemburg, Otto Bauer, Hilferding, Max Adler u. a. berufe, daß ich insbesondere die Leistungen Karl Renners, Georg Lukacs, der»Sozialistischen Monatshefte«, daß ich die politisch« Führerschaft Victor Adlers, Jaurös u. V. a., daß ich die Gestalt Lassalles mit höchstem Respekt nenne. Ehn Blick in das Personenregister meines Buches allein spricht gegen die Darstellung meines Buches als einer anti- sozialistischen Schrift. Eis ist ferner unrichtig, daß Politik und Kampf der deutschen Sozialdemokratie durch mich eine»geradezu groteske Verurteilung« erfahren. Richtig ist vielmehr, daß ich mich nicht nur unter Berufung auf Arthur Rosenberg gegen die Versimpelung der Schuldfrage im sozialistischen Meinungsstreit wende, sondern daß ich dem Kampf der deutschem Demokratie, also auch der deutschen Sozialdemokratie, eine weltgeschichtliche Bedeutung beimesse und für seine Tragik Verständnis zeige: »diese deutsche Demokratie hat sich nicht nur für Deutschland, sondern für Europa geopfert. Ihre Selbstaufopferung hat Europa durch anderthalb' Jahrzehnte das Schwerste vom Schweren erspart, die Fortsetzung des Krieges durch einen Verzweiflungskampf... das Chaos...<(S. 193). Eis ist unrichtig, daß ich»alles das, was Gegenstand des politischen Ringens um das Volk in diesen Jahren gewesen ist« in »einer einzigen großen Kapitulation hinwerfe« .... und daß meine Darstellung der geistigen Isolierung der deutschen Linken ein »typisches Zusammenknicken der»erfühlten« Theorie vor den Tatsachen der Konterrevolution« ist. Richtig ist vielmehr, daß Max Klinger den Sinn meiner Darstellung der »beiden Deutschland« mißverstanden hat. SturaiTogel der ReYolution »Dumme Pinguine bergen ihren feisten Leib im Felsen... Nur der stolze Sturmeskünder schwebt in kühnem, freiem Fluge über grauem Meeresschaume.« Aus G. G o r k 1 s»Lied vom Falken«. Als Maxim Gorkis»Lied vom Falken« im Jahre 1901 in Rußland veröffentlicht wurde, wirkte es auf weite Kreise der Jugend und der Arbeiterschaft wie ein Ruf zur Revolution, wie eine von herrlichem Schwung erfüllte Ankündigung umwälzender Ereignisse, auf die breite Kreise des russischen Volkes sehnsüchtig warteten. Von diesem Augenblick an war Gorki, der bisher nur als Verfasser origineller und aufwühlender Erzählungen aus dem Landstreicherleben bekannt geworden war, der erklärte Liebling und Wortführer des oppositionellen Rußland. Seine Herkunft, sein abenteuerlicher Entwicklungsgang, seine tiefe Kenntnis des russischen Volkslebens, sein Abscheu vor allem Engen. Satten, Kleinbürgerlichen, sein vorwärtsstürmender Elan und unbändiger Freiheitsdrang prädestinierten ihn zur Rolle eines der literarischen Führer der revolutionären Bewegung, die sich seit der Jahrhundertwende immer stärker im Zarenreiche ankündigte.»Sturmvogel der Revolution« wurde er später, in Anlehnung an sein berühmtes Falkenlied, genannt. Er war es in der Tat, denn was spontan aus den Leiden des Volkes und seinem Freiheitsstreben hervorbrach. wurde von ihm in herrliche Worte gekleidet, die die Jugend mitrissen und die im stillen wirkenden oppositionellen und revolutionären Kräfte mit neuen Hoffnungen erfüllten. Die praktischen Handlungen des jungen Volksdichters«landen im Einklang mit seinem literarischen Schaffen. Von der Welle der Popularität emporgetragen und zu einem der Wortführer der Oppostion gemacht, vertrat er mutig und rilekenstark die Interessen der anschwellenden freiheitlichen Bewegung. Im Januar 1905 wurde er in Verbindung mit den Ereignissen des Petersburger Blutsonntags verhaftet, in der Peter-Pauls-Feetung interniert und vor Gericht gestellt. Nur seine große Popularität schützte ihn vor einer harten Strafe. In dieser Zeit bekannte er sich offen zur damals illegal wirkenden Sozialdemokratischen Partei, mit der er schon einige Jahre früher in Beziehungen getreten war. Nach der Niederlage der Revolution von 1905 verließ er Rußland, um in den westlichen Ländern und in den Vereinigten Staaten offen gegen die materielle und Ideelle Unterstützung des zaristischen Regimes zu agitieren. Rückschauend kann festgestellt werden, daß diese Agitation, die Gcrki viele Sympathien Im Westen kostete und ihrer Form nach auch von manchen seiner Gesinnungsfreunde nicht gebilligt wurde, von dem richtigen Gedanken getragen war, daß nur kompromißloser Kampf gegen den Absolutismus, moralischer und materieller Boykott des demokratischen Westens gegen die zaristische Barbarel den Sieg der russischen revolutionären Bewegung beschleunigen könne. Vieles, was Gorki damals in seinen leidenschaftlichen Pamphlets gegen die preußisch-deutsche Reaktion und die französische Plutokratle voraussagt«, ist buchstäblich eingetroffen.»Die russische Revolution— schrieb er in seinem offenen Brief an Prof. Aulard— ist langsam, sie wird noch lange dauern; aber sie wird mit dem Siege des Volkes enden!... Ich bin fest überzeugt, daß das russische Volk den Franzosen ihre Anleihen, die es schon längst mit seinem Blute bezahlt hat, niemals zurückgeben wird! Niemals!« ♦ Von der Insel Capri aus, wo Gorki seinen ständigen Wohnsitz genommen hatte, blieb er In ständigem Kontakt mit der Sozialdemokratischen Partei, und zwar vorwiegend mit dem bolschewistischen Flügel, dem er einen großen Teil seiner schriftstellerischen Einnahmen zur Verfügung stellte. Trotz der schweren Niederlage, die die revolutionäre Bewegung erlitten hatte, verfiel er nicht der Resignation, sondern war im Gegenteil eifrig bestrebt, einerseits die illegale Bewegung In Rußland und andererseits den Kampfeewillen der Arbeiterschaft und Ihre sozialistische Erkenntnis zu fördern. Er gründete auf Capri eine Parteischule, in der eine Anzahl junger Arbeiter, die von illegalen Organisationen in Rußland delegiert wurden, eine gründliche Ausbildung erhielten. Er vertiefte sich auch selbst in das Studium philosophischer und soziologischer Probleme, und wenn er auch auf diesem Gebiet nichts Originelles leistete, so verband ihn diese Arbeit immer stärker mit der sozialistischen Bewegung. Sein dichterisches Schaffen wurde inzwischen immer reifer; an die Stelle des früheren unklaren Rebcllentums trat zielklare sozialistische Erkenntnis. Werke, wie die»Mutter.«, die »Beichte«,»Märftien der Wirklichkeit« und andere sichern Gorki für immer einen EEiren- platz nicht nur in der russischen, sondern in der internationalen proletarischen Literatur. Hier ist er der mit mandsttschen Erkenntnissen ausgerüstete Arbeiterdichter, der sich schroff von der bürgerlichen Welt abgrenzt, der Reaktion, dem Kleinbürgertum, dem Nationalismus tödlichen Kampf ansagt und mit der Schaffung der Vorausotzungen einer radikalen polltischen und wirtschaftlichen Umwälzung auch die Schaffung einer sozialistischen Kultur in den Mittelpunkt seines Wirkens stellt. ¥ Die weitere Entwicklung Gorkis verlief nicht ganz so, wie ursprünglich zu erwarten war. 1913, nach der verkündeten Amnestie nach Rußland zurückgekehrt, nahm er sofort eine führende Stellung in der literarischen Welt ein. Bei der Revolution von 1917 wirkte er begeistert mit. er grenzte sich aber nach der bolschewistischen Novemberrevolution schroff von seinem bisherigen Freund und Kampfgenossen Lenin ab. In seiner Zeltung »Nowaja Shisnj« übte er scharfe Kritik an der bolschewistischen Diktatur und warnte vor Überstürzten wirtschaftlichen Elxperimen- ten, die die Revolution gefährdeten. Da er sich mit dem bolschewistischen Regime nicht abfinden konnte, ging er 1921 wieder ins Ausland, wo er bis 1928 verblieb. Als er dann in die Heimat zurückkehrte, wurde er mit großen Ehren empfangen und an die Spitze schriftstellerischer und kultureller Verbände gestellt. Der unleugbare kulturelle und wirtschaftliche Aufschwung, den er vorfand, ließ ihn die Schattenseiten nicht sehen, die er bislang kritisiert hatte, und ver&nlaßtc ihn sogar zur öffentlichen Verleugnung jener frei- Unrichtig ist es obendrein, daß Ich hier etwas zu widerrufen gehabt hätte. Mein Urteil über diese Dinge stand längst fest und ist wiederholt ausgesprochen und niedergelegt worden, ehe die Katastrophe der deutschen Linken ausgereift war. Richtig ist, daß m meinen verwerflichsten Lasten die Voraussicht gehört, die ich den deutschen Begebenhelten gegenüber erwiesen habe, richtig ist, daß der»ganze Mangel an wirklichem historischem Verständnis«, den Max Klinger bei mir feststellt, sich u. a. darin erwiesen hat, daß ich den Untergang der Weimarer Demokratie auf Grund nicht erfühlter, sondern sehr rechenbarer Vorzeichen als unabwendbar erkannte. Wenn ich kapituliert habe und zusammengeknickt bin, so ist das lange vor 1936. lange vor 1933 und sogar lange vor 1930 geschehen, und in der Form, daß ich mit meinem völligen Mangel an geschichtlichem Verständnis immer noch der Einäugige unter Bünden gewesen sein dürfte. Unrichtig ist aus den schon angeführten Gründen, daß ich die Morde der Konterrevolution an Erzberger und Rathenau rechtfertige, richtig ist vielmehr, daß für meine Beurteilung politischer Morde der moralische Standpunkt der Masse nicht maßgebend ist. Richtig ist. daß ich mich auf eines der ersten Opfer der mörderischen Konterrevolution, auf Gustav Landauer, als auf einen geistigen und sittlichen Führer durch diese Zeit öfter berufe als auf jene Vorbilder, die Max Klinger für mich entdeckt hat. Es ist unrichtig, daß man auf meinem Wege zur Konterrevolution kommt. Es ist unrichtig, daß ich im Blubostil über Karl den Großen schreibe: richtig ist im Gegenteil, daß ich gegenüber der zaristischen Geschichtskritik die europäische Leistung Karls de« Großen unterstreiche. Es ist unrichtig, daß ich zu einer feierlichen Verfluchung von Jesuiten und Freimaurer komme, richtig ist, daß ich diese beiden sozialen Gruppen in durchaus rationaler Weise als gesellschaftliche Produkte der bürgeriiehen Entwicklung erkläre. Richtig ist allerdings, daß mir die Zugehörigkeit zu einer Loge mit der zu einer sozialistischen Partei in Widerspruch zu stehen scheint. Eis ist unrichtig, daß sieh unter meinen Ausführungen eine»geheime alldeutsche Sehnsucht« verbirgt. Richtig ist, daß ich solche Sehnsucht nicht empfinde, und daß jeder objektive Leeer meines Buches schon aus meiner Wertung der preußisch-österreichischen Polarität, aus meiner Wertung des alten Reichsgedankens, aus meinem Bekenntnis zu Europa, zum Gedanken der Europäischen Föderation, aus meiner Wertung der slawischen Völker ebenso wie aus meiner Wertung Frankreichs und endlich aus meinen Darlegungen über das besondere Problem der deutschen Zwischenstellung in Europa entnehmen muß, daß ich das alldeutsche Programm für eine gefährliche Illusion halte und die europäische Föderation als das Ziel ansehe, für das sich auch der nationale Deutsche einzusetzen hat. Es ist unrichtig, daß meine Absage an den Liberalismus eine»feige Flucht« darstelle, und daß meine Ablehnung einer Vcr- götzung der Technik und der Unterwerfung der Menschen unter die Maschine ein»feiger Katzenjammer« sei. Richtiger würde mein Verhältnis zum Liberalismus gekennzeichnet als das Gefühl eines unüberwindlichen Ekel« vor einer zur Unsauberkeit und schleimigen Verwesung entarteten, in ihren Anfängen einst großen Weltanschauung. Richtig ist, daß man einen Katzenjammer nur nach einem Rausch haben kann, daß ich aber von der Technik niemals berauscht gewesen bin, sondern daß sie in meiner— eben nicht liberalen Wertordnung— stets einen untergeordneten Platz jeinnahm, so daß mir eine Strophe von Claudius, Mörike oder Liüencron die Erfindung des Rotationsdrucks und des Rundfunks, vom Telefon und der Untergrundbahn nicht zu reden, bei weitem aufwiegt. Es ist unrichtig, daß Ich fordere, wir sollten künftig nicht mehr Sozialismus sagen. es ist unrichtig, daß ich für die Freiheit — eine allerdings nicht liberal verstandene Freiheit— nichts übrig hätte. Richtig iet vielmehr, und richtig bleibt, daß ich immer wieder darauf verweise, daß es ohne eine sozialistische Ordnung überhaupt keine Zukunft für das Abendland gibt. Richtig ist, daß mein ganzes Buch ein einziges Bekenntnis zur Idee und zur Moral des Sozialismus darstellt. Richtig Ist, daß ich die Freiheit, die von der Idee der HumanflSt und der Demokratie nicht zu trennen ist, zwei Ideen, die ich im Abendland durch die Jahrhunderte wirken und mit seinem Schicksal dauernd verbunden sehe, als ein Element des Sozialismus ansehe, richtig ist, daß ich mich um eine Synthese aus FYedhelt und Bindung(S. 256) bemühe, in der ich den Sinn unserer Geschichte sehe, richtig ist, daß ich mein Buch»Abendländische Revolution« mit den Worten schließe: »Im sozialistischen Abendland wird ein freies Deutschland aufgehen. Fan freies Deutschland wird dem Abendland das Brot des Lebens reichen: den ordnenden Geist des Sozialismus.« Jubiläum in Walhall Zum 30. Juni 1936 Vorspiel auf Erden (Friedhöf. Am Grabe des Hitlerchauffeurs Schreck sind alle Größen des Dritten Reiches versammelt. Das breite Tor im Hintergründe gewährt einen Durchblick auf die■ wartenden Luxusautomobile der national- soziallstlschen Arbeiterführer. Zum offenen Grabe tritt:) SS-Führer Himmler;»So wie wir kämpfen, dienst du droben In Walhall für deinen Führer, für die Bewegung und für Deutschland!« I. Szene (Walhall. Zeit, Bühnenbild, Personen: siehe obiges Gemälde.) Der greise Präsident: Mäßige Weisheit wahre der Mann, er werde nicht allzu weise: sorglosen Sinn hat ein solcher allein, dem sein Schicksal dunkel. Schleicher(ehrfürchtig): Er redet in Runen, und Worte der Edda entquellen dem zahnlosen Mund. O rührt nicht am lieblichen Wahne, er glaubt, er sei Wotan persönlich. Röhm: Quatsch, Wotan! Gebrochene Eide machen noch längst keinen Gott. Der greise Präsident: Es jährt sich zum anderen Male der Tag nun... Röhm: Da uns ein natürlicher Tod traf. Ernst: Natürlich? Das nennt er natürlich! Röhm(Strafend): Gekillt zu werden, mein Schätzchen, ist wahrlich im Dritten Reiche der weitaus natürlichste Tod. Stimme aus dem Rundfunk: Denn Deutschland ist schöner geworden. Der greise Präsident; Es jährt sich zum anderen Male der Tag nun... Röhm: Jetzt fehlt Ihm schon wieder die Spucke. Wo bleibt denn der Meißner, der Kerl? Heines: Vielleicht kommt er heute(Zwischenruf: Nu wenn schon!) Mich juckt meine Narbe, mir scheint es nalit sich uns bald wieder Saure«. Der greise Präsident: Es naht sich zum anderen Male der Tag nun...(kommt ins Sabbern:) Der Tag nun... Denn ist nicht, o Freunde, Die Mark... unsre Ehre und Treu... Denn Ist nicht der Osthilfe Ehre... äh, Neudeck ... die Treue der Mark... Schleicher(drückt ihm ein Manuskript in die Hand): Da hier, Exzellenz, Ihre Rede! Der greise Präsident(nimmt das Manuskript und liest beinahe fließend); Es jährt sich zum anderen Male der Tag nun, da jener gewaltige Mann. den ich übers Vaterland setzte, die eigenen Freunde im blutigen Stahlbad ersäuft. Sagt, ist nicht die Treue das Mark unsrer 'Ehre, und hielt er nicht mannhaft den Freunden die Treue, wie weiland ich selber dem Weimarer Staat? Chor der Oekillten: Kein schönrer Tod ist in der Welt, als wer vom Freund erschla— agen. Röhm(auf den greisen Präsidenten zufahrend): Hör auf mit dem schleimigen Sabbern! Dir dank ich den ganzen Salat. Schleicher(flehend): Belaßt ihn im lieblichen Wahne! Böhm: Was Wahn! Seit wann setzt man Mörder zu Hütern de« Vaterlandes ein? Seit wann werden Lumpen Minister? Seit wann lenken Räuber den Staat? Schleicher(kalt): Seitdem wir mit Ihresgleichen uns listig vereinten, Herr Röhm! Der greise Präsident(ist von der Debatte völlig unberührt, buchstabiert an dem Manuskript herum. Liest weiter): Nach vierzehn Jahren der Schande... Röhm: Kein Wort, das er spricht, ist von ihm. Heines: Bei Wotan! Sein Testament noch ließ er von anderen fälschen. Emst(beginnt zu schluchzen): Nach vierzehn Jahren der Schande begann erst der richtige Stunk. Sie haben mich meuchlings erschossen. Was tat ich denn andres als sie? Ich schlemmte— und was tut der Hermann? Ich soff auch— und was tut der Ley? Verblaßt nicht mein lumpiges Auto vor Baldurs Privatlimousine, und ist etwa gerade der Baidur son anders veranlagt als ich? Röhm: Mach Schluß mit dem knechtischen Winseln! Du wußtest zu viel. Sei ein Mann! (Gekicher im Hintergrund: Mann is gut!) Ernet(fortfahrend): Und als wir den Reichstag verbrannten, strich Hermann so sanft übers Haar mir, versprach mir metallene Ehren.., Röhm: Die hast du bekommen, halts Maul! Oder war jene Kugel aus Pappe? Heines: Mich juckt meine Narbe, o Freunde, noch heute erleben wir Arges, und ihr hört nicht auf, euch zu zanken. Ich warn euch: noch lebt, der uns trog. Ernst; O nenn nicht den furchtbaren Namen! Heines: Selbst wenn du nicht flehtest, du Feigling, verböte es mir die Zensur. heitllchsn Grundsätze, die er früher propagiert hatte. Dennoch: trotz dieser Schwenkung. die viele»einer Freunde enttäuschte, bleibt Gorki im Gedächtnis der Nachwelt nicht nur als Sturmvogel der Revolution lebendig, sondern vor allem als großer proletarischer Dichter, der während seines ganzen Lehens dem Worte treu blieb, das er in den letzten Jahren als Richtlinie für die Jungen prägte: aoziallstlschcn Realismus mit revolutionärer Romantik zu vereinigen. v. Landesverräter Gestapo and Feuilleton. Ab und zu tauchen in der Nazlprease kleine Geschichten auf, In denen Meckerer und Miesmacher au/s Korn genommen werden und da« Publikum in der Form der Unterhaltung gegen alias Oppositionelle scharf gemacht wird. Solche Geechichten braucht die Gestapo. Wir zitieren ein neues Muster aus dem Königsberger Naziblatt: Bin Verfolgter dringt in eine Wohnung, bittet eine Frau, mit der Pistole in der Hand, um Versteck.»Der Mann hat ein junges, ebenmäßiges Geeicht...« Die Frau duldet, daß er sich unterm Sofa verbirgt. Gleich darauf dringt ein Poüzist ins Zimmer, fragt nach dem Flüchtling. Die junge Frau bleibt erst abwedsend, dann fragt sie, was der Gesuchte getan habe. »Der Polizist hat eine abweisende, amtlich strenge Miene aufgesetzt. Als hätte er eine andere Antwort im Sinne gehabt, sagte er nach einigem Ueberlegen scharf:»Landesverrat— einwandfrei überführt!« Es ist der Frau, als ob ihr ein Stück Eis durch die Kehle glitte. Sic sieht auf einmal alles unheimlich deutlich. Auch den hellen Schimmer hinter den Fransen de« Sofas. Das ist das Geeicht des Fremden... Klar und laut spricht sie in den Raum: »Er liegt da unter dem Sofa, nehmen sie ihn fest! Aber er hat eine Waffe...« Der Gesuchte hat ein sympathisches Aeuße- res.»Staatsfeinde« sahen in der braunen Literatur bisher aus wie echte Untermenschen. Kommt man mit der alten Schablone nicht mehr durch? Die Verfolgten des Dritten Reiches pflegen die offenen geraden Gesichter der Wahrheitskämpfer zu haben, also muß endlich vor den Sympathischen gewarnt werden:»Achtung! So sehen Staatsfeinde auch oft aus!« Und da sie der Bevölkerung immer sympathischer werden, müssen die Verfolgten einen abschreckenden Namen kriegen: Landesverräter. In der Literatur aller Zeiten genießt der wehrlose Gejagte einen ungeschriebenen Schutz und ruft MenschUchkcitsregung wach. Dutzende Balladen erzählen davon. Bei den nordischen Völkern galt der Schutz des Herdes, zu dem einer flüchtete, noch Im Mittelalter. Diese altüberlieferten, altgermaniachen Vorstellungen bedrohen den Gangsterstaat. Ein brauner Anhänger bekehrt keinen mehr, aber ein Meckerer macht tausend. Jagt ihn, er ist ein Mensch! Der Staat dient der Gangsterci, das Feuilleton der Gestapo. Wen sie sucht, der ist eo ipso ein Landesverräter. Platz der neuen Volkserziehung! Gedämpfter Sex-Appeal Hin und wieder gehen durch die Nazipresse lange Fetzen, in denen mit Zitaten die Verworfenheit der Lyrik und Moral vor 1933 bewiesen werden soll. Wir vermissen dabei immer wieder die Unterleibsdichtung des Gottfried Benn ebenso wie die Schwülitäten von anderen Leuten, die jetzt braun dichten. Um so mehr wird die Dreigroschenoper ausgeschlachtet, denn der nicht beschlagene Leser weiß ja nicht, daß Brecht mit seinen Gassensongs darin die Moral und Stickluft einer faulenden Gesellschaft treffen will.»Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral« — so ist der Brecht. Und die Schlager von ehedem!»Wer hat den Käse nach dem Bahnhof gerollt«— das war die Demokratie, das waren ihre Lieder!— So wird drüben der Nachwuchs informiert. Was aber hat sich Im Dritten Reich am Schlagerblödsinn geändert? Nichts. Er ist höchstens noch spießeriger geworden. Da wird gesungen: Ein älterer Herr mit angegrauten Schläfen und mit gedämpftem Sex-Appeal, der ist für alle Ehehäfen der jungen Mädchen heißersehntes Ziel. Der bietet Schutz und sorgenloses Leben, Er küßt die Hand, vielleicht auch noch die Stirn. Doch braucht man ihm nicht alles hinzugeben, man braucht bei ihm niemals ganz sich zu verllern. Neudeutsche Operette! Oder wie hört sich dss an:»Hab mich Ueb, hab mich lieb,— einmal nur in Teneriffa!— Bleib bei mir,— o du schöner fremder Schlffa!« Dies nur einige Proben neudeutscher Schlagerkunst; sie könnten beliebig vermehrt werden und es würde sich dabei zeigen, daß der»Omama ihr Häuschen« daneben nicht einmal zum Dümmsten gehört. Das Dümmste sind jene Schlager, die »aufbauend« sein wollen und die Natur zu Oaascnhauern verarbeiten. Davor bekreuzigte sich jüngst sogar das Dortmunder Naziblatt. Pallas Athene— abgcset|t Die deutsche Presse meldet; »Die neue Fassade des neuen Universität sg e b ä u d e a in Heidel- b e r g; die bisher die Inschrift»Dem lebendigen Geist« und eine Skulptur der Pallas Athene trug, hat anläßlich des 550jährigen Jubiläums der Universität die Inschrift»Dom deutschen Geist« und einen Bronzeadler erhalten.« Den»lebendigen Geist« hat man also auegelöscht, und statt der Göttin der Weisheit haben die Heidelberger nunmehr einen Vogel. Wohl bekornms! Wer anderer Meinung ist... In Wehlau(Ostpreußen) wurde der nationalsozialistische»Prcgelgautag« abgehalten. Am Eröffnungetage versammelten sich die alten Kämpfer. Krelaleiter Wagner erteilte dem Intendanten Dr. Lau das Wort, und über die Rede dieses Pg. Dr. Lau heißt es wörtlich im Bericht des nationalsozialistischen Amtsblattes»Preußische Zeitung«, Nr. 167 vom 17. Juni 1036: »Was der Führer sogt, ist richtig, das wissen wir, und wer anderer Meinung ist, dem schlagen wir die Knochen ein.(Stürmischer Beifall.)« Wir schlagen vor, diese markigen Worte an allen Ecken de« Olympiadorfes zu plakatieren. Es klopft. (Alle Anwesenden fahren zusammen. Ernst verkriecht sich hinter Röhm, verschiedene Köpfe verschwinden unterm Tisch, Heines greift an seine Narbe.) Heine« Ha, sagte ich nicht schon, es juckt mich! Auf, Heimdall, trompete ins Horn und schau, wen es diesmal erwischt hat! Heimdall(sieht durchs Guckloch und fährt mit gesträubten Haaren zurück): O Grauen, mir schlottern die. Därme, da draußen steht wahrlich— er selbst! Ernst(laut mit den Zähnen klappernd): Er wird mich aufs neue erschießen! Ich überleb' es nicht wieder, Hilf Röhm mir, beschütz mich— mir graut! (Die Gruppe der großen Deutschen, die bisher schweigend verharrte, wird lebendig) Goethe(belustigt): Platz, Junker Schreihals kommt, Platz, süßer Pöbel, Platz! Bismarck: Wir Deutschen, wir fürchten nur Gott— Ihr aber, ihr undeutschen Memmen, ihr fürchtet den Götzen aus Brauns�. Friedrich der Große: Gähs in Berlin heut noch Richter, man brächt' zur Raison den Gefreiten. Schüler: Weh! Spräche ich jetzt»In Tyrannos«, mein Kopf käme leicht mir ins Rollen. 11. Szene (Die Vorigen, der Neue.) Der Ankömmling(tritt die Tür ein): Heil Hitler! Ihr seid wohl besoffen? Empfängt man so Gäste wie mich? (Einen Augenblick lang herrscht erstarrtes Schweigen, dann erhebt sich ein brüllendes Gelächter.) Heines(jubelnd); Er ist's nicht, Heil Hitler, er ist's nicht, es ist nur sein Doublee, sein Schreck! Böhm(ebenso): Zu Saufen! Bringt mir Bier in Schläuchen! Sein Kugelfang ist's, dieses Roß! (Die Gruppe der großen Deutschen drängt nach vom. Alle Blicke richten sich ungläubig auf den Chauffeur.) Friedrich der Große(allmählich begreifend): . Wie wird mir? Ein Herrscher der Deutschen schickt andre für sich vor den Lauf? Der Soldatenkönig(grimmig): Ein Kugelfang? Wie denn, das Heldchen verborgt sein Gesicht und entflieht? Chor der Despoten: Das hat es noch niemals gegeben, so drückte sich nie ein Despot. Kein Nero, kein Iwan, kein Philipp hat so unsre Ehre geschändet, hat so unsre Gilde beschmutzt. Der greise Präsident(war über seiner Rede eingeschlafen, jetzt rappelt er sich hoch und liest weiter): Heroisch ist, Freunde, die Zeit, der wir dienen, ein Heros ist wahrlich, den Führer ihr nennt! Böhm: Schluß jetzt und genug mit dem Schwindel! (entreißt ihm das Manuskript. Wendet sich an Schreck): Und du, mein gewes'ner Genosse, wie kommst du so plötzlich hierher? Schreck(dreht sich vorsichtig um, legt den Finger ans Bärtchen): Pst, Ruhe! Ihr brüllt wie die Ochsen, euch hat man wohl lang nicht gesäubert? Ernst(staunend): Nein so was, sie flüstern noch leiser, seitdem wir den Schauplatz verlassen! Wenn sie in dem Tempo beharren, ist bald nur noch Mimik erlaubt. Heine«(geht auf Schreck zu): Du hast ja ein Loch in der Stirnc— Ei schau mal, ein prächtiger Schuß! Wem hat denn die Erbse gegolten, die dir unters Stimlöckchen fuhr? Schreck(wütend); Es erwischt eben immer die Falschen. Lenk du doch da unten sein Auto! Ich bin schon der Dritte, den's trifft. Böhm: Was heulst du? Was gibt's da zu winseln? Ein Doublee des Herrn Diktatoren, das nicht eines Tags übern Harz geht, verfehlte bei Gott den Beruf. Die Gruppe der großen Deutschen bewegt sich entschlossen dem Ausgang zu. Goethe: Mit euch in Ewigkeit zu weüen. ist weder Ehre noch Gewinn! Chor der Großen: Das weit're findet sich in Götz von Ber- lichingen. Wir ziehen vor, den gmrst'gen Stall zu räumen. (Sie tun es.) Der greise Präsident(will ihnen nach). Böhm(packt ihn von rückwärts); Du bleibst bei uns, mein lieber Mit- Ganove, denn wer mit uns vom gleichen Troge fraß, soll auch mit uns in Ewigkeit verdammt sein. Donnerschlag. Vorhang. Der Stil— das ist das Regime! Le style— c'est l'homme, der Stil— das ist der Mensch: diesen Erkenntnisbeitrag zur Psychologie, den man dem kiassiachen Lande der guten Form, Frankreich, verdankt, läßt sich unschwer und zugkräftig variieren; der Stil— das ist auch das Regime! Wer die Sprache des deutschen Nazismus von dem Gesichtspunkt aus prüft, wie weit sich in Ihr che ideellen Besonderheiten des »Aufbruches der Nation«, die Hysterie seiner Anstifter, das Strolchtum seiner Banden, die Pubertätsexzesse seiner»alten Kämpfer« und so vieles andere an wirklichem Untermenschentum äußern, kommt zu ganz überraschenden Resultaten. Nie ist die deutsche Prosa (und die Poesie gleich mit) so mit schiefen Bildern angefüllt gewesen, als zur Zeit. Das schauerliche Wort»restlos«(beispielsweise tut es der Nationalsozialismus prinzipiell nie darunter, daß er Marxisten oder Reaktion eben»restlos« vernichtet) findet sich in charakteristisch-nationalsozialistischen Stilproben mindestens so häufig, wie der gewöhnliche Sterbliche, der deutsch spricht,»und« oder »aber« gebrauchen muß: es entlarvt sowohl den bornierten Materialismus wie das geistigdynamische Unsicherheitsgefühl der Bewegung. Man will, auch in der sprachlichen Neuschöpfung, volkstümlich sein, aber wirkt nur ganovenhaft. Sogar gewissen ganz Gleichgeschalteten des Dritten Reiches fällt diese Sprache der Gosse und Kaschemme, die heute Verlagsanstalt»GRAPHIA« Karlsbad Dtei Jteuc BücUec: FRIEDRICH STAMPFER DIE 14 JAHRE DER ERSTEN DEUTSCHEN REPUBLIK 640 Seiten. Großformat. Für die CSR kartoniert: Kö 80.—, Leinen: Kö 105.—, England;&—.16.6(Leinen&—.19.3), Dänemark: Kr. 16.50, (21.60), Holland: hfl. 5.50(7.—), Polen: ZI. 20.—(25.50), Schweiz: Fr. 11.25(14.80), USA$ 3.65(4.80) und für andere Länder in entsprechender Umrechnung. Friedrich Stampfer war als Chefredakteur des Berliner»Vorwärts« (1916 biß 1933), als Reichstagsabgeordneter und Mitglied des Sozialdemokratischen Parteivorstandes an allen Kämpfen beteiligt, die die erste Deutsche Republik, von ihrer Entstehimg bis zu ihrem Sturz nach innen und nach außen zu führen hatte. Sein inhaltsreiches Buch ist erlebte Geschichte. Keines der zur Rechtfertigung geschriebenen Memoirenwerke, sondern ein gewissenhafter Tatsachenbericht, der ausführlichste und tiefgehendste, über die in jeder Hitlerrede geschmähten und doch so bedeutungsvollen»VIERZEHN JAHRE«. In einem kurzen Vorwort bekennt sich Stampfer zur vollen Mitverantwortung gegenüber allen Vorwürfen, die von Freund und Feind gegen die sogenannten»Schuldigen« am Fall der Deutschen Republik erhoben werden. Im übrigen drängt er dem Leser seine Meinung nicht auf. Er liefert ihm die Grundlagen zur Bildung eines eigenen Urteils. Ein ausführliches Personen- und Sachregister machen das Buch zum unentbehrlichen Hand- und Nachschlagewerk der Deutschen Geschichte bis 1933. ALEXANDER STEIN: ADOLF HITLER. SCHÜLER DER»WEISEN VON ZION« 120 Seiten. Broschiert für die CSR: Kö 18.—, England:£—.3.3, HoUand: hfl. 1.20, Polen: ZI. 4.40, Schweiz; Fr. 2.50, USA:$—.80. Das Thema dieser Schrift ist nicht etwa künstlich konstruiert. Durch Gegenüberstellung der wichtigsten programmatischen Erklärungen Hitlers und Rosenbergs mit den politischen Rezepten in den legendären»Protokollen der Weisen von Zion« wird tatsächlich der Beweis erbracht, daß diese mit Theorie und Praxis des Nationalsozialismus übereinstimmen und: durchgeführt werden. Die erste quellenkritische Untersuchung, die das Weltbild Hitlers, die Methoden seiner Politik und die Ursachen seines Erfolges aufdeckt und erkennen läßt, was von ihm und dem Nationalsozialismus an U eberrase hungen noch zu erwarten ist. GREGOR BIENSTOCK:: EUROPA UND DIE WELTPOLITIK DIE ZONEN DER KRIEGSGEFAHR 84 Seiten, mit vier Kartenskizzen. Für die CSR brosch.: Kö 15.—, England: £—.2.9, Holland: hfl. 1.—, Polen: ZI. 3.65, Schweiz; Fr. 2.10, USA:$—.70. Gregor Bienstock entwickelt hier sehr klar und übersichtlich die Kernprobleme der heutigen Weltpoütik. Jedermann, der Anteü nimmt an dem Weltgeschehen, das heute oder morgen sein eigenes Schicksal werden kann, braucht einen Führer durch das Labyrinth der Außenpolitik: Hier findet er ihn. BESTELLUNGEN DURCH JEDE BUCHHANDLUNG ■' X so gut wie zur Reielw- Amtssprache geworden ist, nämlich auf die Nerven. So lesen wir jetzt in der Zeitschrift»D ie Literatur«, die allerdings schon ihren 38. Jahrgang feiert und darum zum Unterschied von Hitlers»alten Kämpfern« immer noch wenigstens ungefähr weiß, was deutsch in gutem Sinne ist und was nicht, folgende immerhin mutige Bemerkung zu einer typischen Nazi-Buchneuheit, dem»Werk« eines Fr. Wenker-Wildberg über »Bemadotte. Soldat— Marschall— König«, erschienen im alt-ehrwürdigen Verlag Hoff- mann- Campe, Hamburg-Leipzig; »Störend ist der offenbar auf Forschheit bedachte, in Wirklichkeit jedoch salopp wirkende Ton der Darstellung. Worte wie»Stehkragenproletarier«,»meckern« und dergleichen, Sätze wie»Bonapartc bedankte sich für die Ehre, der politische Liftboy der Nation zu machen« passen nicht in das Zeitkolorit. Es findet sich andererseits kaum eine Formulierung, die aufhorchen ließe: dafür gibt es Stilblüten solcher Art;»Mit Riesenschritten steuerte das Staatasch iff auf den Abgrund zu«---. Gilt diese Beaaständung nun nur dem besagten Buch? Oder gilt sie nicht genau so etwa den höchsten Rednern oder Schreibern des Systems? Die Frage bleibt offen; aber jeder versteht, daß es sich über eine bloße Buch- und Schmökerkritik hinaus um Wesentliches handelt! H. E. Schwester Lisas einziger Wunsch Einer Roten-Kreuz- Schwester namens Lisa Raumann wurde kürzlich das Frontkämp- ferkreuz vorliehen. Die braune Presse veröffentlichte daraufhin lange Interviews mit der Auagezei ebneten. Sie schildert darin anschaulich, wieviel Schwerverwundete sie gepflegt, wieviel sie in Schmerzen stöhnen hörte, in zuckender Todesqual sterben sah. Ihr einziger Sohn war darunter. Am Ende des Gesprächs wagte der Journalist eine Frage, ob sie, die mm schon betagte Kriegsschwester Lisa, heute im Dritten Reich endlich ganz wunschlos sei. Da»leuchteten ihre Augen noch einmal im alten Glänze und sie antwortete wörtlich: »Meine Wünsche sind nicht materieller Art, aber ich habe einen ganz großen Wunsch: loh möchte ein ma 1 den Führer ganz von der Nähe sehen, und ich hoffe, daß dieaer Wuimoh noch ednmal in Erfüllung geht. Einen ganz Meinen Wunsch habe ich auch noch: wenn im Felde die Flieger über uns schwebten, dann wäre ich gern einmal selbst mitgeflogen. Aber das war streng verboten. Vielleicht nimmt mich aber doch noch einmal jemand mit zu einem Flug durch die Wolken.« Kein Massengrab hat diese wackere Schwester Lisa zum verwedchlichtem Pazifisten bekehren können. Den Führer sehen, dann noch einmal fli�en, möglichst mit «rem Bomber, der in kräftigen Explosionen wohltätige Gase versprüht: der Platz im zweiten Parkett von Walhall ist ihr gewiß! UmecUormMs 60|ialAcm0fraH�f>» UfedvrtütaH Herausgeber: Ernst Sattler; verantwortlicher Rodakteur; Wenzel Horn; Druck:»G r a p h i a<; alle in Karlsbad. Zeitungstarif bew. m. P. D. ZI. 159.334/VII-1933. Printed in Czechoslovakia. Der»Nene Vorwärts« koetet im Einzelverkauf innerhalb der CSR Kö 1.40(für ein Quartal bei freier Zustellung Kö 18.—). Preis der Einzelnummer im Ausland Kö 2._(Kö 24.— für das Quartal) oder deren Gegenwert in der Landeswährung(die Bezugspreise für das Quartal stehen in Klammern): Argentinien Pes. 0.30(3.60), Belgien; Belg. Frs. 2.45(29.50) Bulgarien Lew 8.—(96.—). Dan zig Guld. 0.45 (5.40), Deutschland Mk. 0.25(3.—), Estland E. Kr. 0.22(2.64), Finnland Fmk. 4.—(48.—), Frankreich Frs. 1.50(18.—), Großbritannien d 4.—(Sh. 4.—), Holland Gld. 0.15(1.80), Italien Lir. 1.10(13.20). Jugoslawien Din. 4.50 (54.—), Lettland Lat. 0.30(3.60), U tauen Lit. 0.55(6.60), Luxemburg B. Frs. 2.45(29.50), Norwegen Kr. 0.35(4.20), Oesterreich Sch. 0.40(4.80), Palästina P. Pf. 0.020(0.216), Polen Zloty 0.50(6.—), Portugal Esc. 2.—- (24.—). Rumänien Lei 10.—(120.—), Schweden Kr. 0.35(4.20), Schweiz Frs. 0.30(3.60), Spanien Pes. 0.70(8.40), Ungarn Pengö 0.35 (4.20), USA. 0.08(1.—). Einzahlungen können auf folgende Postscheckkonten erfolgen: Tschechoslowakei: Zeitschrift»Neuer Vorwärts« Karlsbad. Prag 46.149. Oesterreich:»Neuer Vorwärts« Karlsbad. Wien B- 198-304. Polen;»Neuer Vorwärts« Karlsbad. Warschau 190.163. Schweiz:»Neuer Vorwärts« Karlsbad. Zürich Nr. VIII 14.697. Ungarn: Anglo-Cechoalovaklschc und Prager Creditbank Filiale Karlsbad. Konto»Neuer Vorwärts« Budapest Nr. 2039. Jugoslawien: Anglo-Cechoslovakiache und Prager Creditbank, Filiale Belgrad, Konto»Neuer Vorwärts«. Bcograd Nr. 51.005. Genaue Bezeichnung der Konten ist erforderlich.