Nr, 20$ SONNTAG, 6. Juni 193? 6i>$iald*mo$ra*ifd)£0 iDocbmWatt Verlag: Karlsbad, Haus„Graphia"— Preise und Bezugsbedingungen siehe Beiblatt letzte Seite Aus dem Inhalt; Vierzehn Jahre Sozialdemokratie Mord im Konzentrationslager Die braune Schlammflut Die Friedensoffensive als Kriegslist tlfflKe gesen dos deutsche Volk Das Verbrechen von Almeria» Vorbereitung künftiger Katastrophen An die Müller in Deutschland und Italien! Offener Brief von Herberl Morrison, M. I*., Sladtpräsidenl von London Die Beschießung der spanischen Hafenstadt Almeria durch deutsche Kriegsschiffe ist eine schändliche Tat, ein Ausfluß verbrecherischer Gewaltgesinnung. Sie ist zynischer noch als die Verbrechen deutscher Flieger in Guernica— denn die Tat von Almeria ist von der deutschen Regierung befohlen worden. Der Tod der Frauen und Kinder, die in Almeria von deutschen Granaten zerfetzt worden sind, ist von der deutschen Regierung gewollt worden, er wird von ihr mit Befriedigung zur Kenntnis genommen, und sie rühmt sich amtlich ihrer Tat. Wäre eine solche Tat von der Regierung eines demokratischen Landes befohlen worden, so hätte sich in Parlament und Presse und Oeffentlichkeit ein Sturm leidenschaftlicher Empörung gegen die verbrecherische Unmenschlichkeit eines solchen Vorgehens erhoben. Die Demokratie ist ein Korrektiv gegen verbrecherischen Machtwahn und militaristische Blutgier. Da in Deutschland die Demokratie zerbrochen ist, kann die herrschende Clique das Volk mit solchen Taten beschmutzen— sie hat die Demokratie zerbrochen, um freie Bahn für solche Taten zu haben. Der Ueberfall der deutschen Kriegsschiffe auf Almeria ist ein Höhepunkt in der Geschichte der deutschen und italienischen Intervention in Spanien. Die Diktatoren sind immer nervöser geworden, je weiter sie die Aussicht auf den Erfolg • der Rebellen verschwinden sahen, je stärker sie den diplomatischen Druck empfanden, der auf die Beendigung der Intervention abzielt. Der Angriff auf Bilbao stockt — und die Methode des Angriffs hat moralischen Zorn und Abscheu in der ganzen Welt gegen die Diktaturen gesammelt. Sie haben in der dreistesten Weise das Nicht- interventionsabkommen gebrochen. Sie haben die Balearen zu einer Basis für die neuen Angriffe gemacht, die sie gegen das republikanische Spanien planen. Von hier aus haben sie ihre Flugzeuge gegen Barcelona und Valencia geschickt, hier ist die Basis für ihre Unterseeboote, von denen eines, dessen Nationalität nicht erkannt �urde, einen spanischen Passagierdampfer ohne Warnung torpediert hat, wobei 50 Passagiere ums Leben gekommen sind. Hier treffen neue Flugzeuge aus Deutschland und Italien ein, hier bereiten sie sich vor auf den Gaskrieg aus der Luft gegen die Städte des republikanischen Spanien. Sie mißbrauchen die Seekontrolle zur Begünstigung der Rebellen, und als die spanische Regierung Flugzeuge einsetzte zur Aufklärung und zur Bekämpfung der Rebellen auf den Balearen, hat der Führer der deutschen Flotte offen angekündigt, daß seine Schiffe schon bei Annäherung von Regierungsflugzeugen schießen würden. Daraus ist der Zwischenfall von Ibiza erwachsen. Die»Deutschland« hat geschossen. Die Regierungsflieger haben geantwortet und getroffen— und nun hat die deutsche Regierung die Maske der Nicht- intervention abgeworfen und ist zu offenen Kriegshandlungen übergegangen. Angesichts der ungeheuren Erregung, die diese Haltung allgemein hervorgerufen bat, sucht sie sich mit der Behauptung zu rechtfertigen, daß die spanischen Regierungsflieger einen unprovozierten Angriff auf die,»Deutschland« unternommen hätten. Sie will das Treiben dieses Schiffes, das in Ibiza, innerhalb der französischen Ihr Mütter der Deutschen und Italiener, die nach Spanien gesandt wurden, um für Franc« zu kämpfen, ich grüße euch! Wenn die Nachrichten, die wir in England erhalten, richtig sind, dann sind es gute Nachrichten. Ihr habt, so besagen sie, begonnen, widerspenstig zu werden. Dir wollt eure Söhne wiederhaben. Ihr sagt, daß das Leben der Jungen Deutschen und Italiener nicht geopfert werden darf für den Versuch, die Freiheit in Spanien zu erwürgen, und daß das deutsche Volk kein Interesse hat an einem Siege Francos. Ihr habt recht, ihr habt tausendmal recht! Wenn es euch gelänge, eure Stimme mit solcher Macht zu erheben, daß eure Regierungen genötigt würden, sich von ihren spanischen Abenteuern zurückzuziehen, dann würdet ihr damit euren Söhnen, eurem Lande, ja, der ganzen Welt, einen guten Dienst erwiesen haben. ♦ Gewiß, eure Gedanken sind in weitem Maß von eurem Instinkt bestimmt. Doch dieser Instinkt ist sehr gesund. Die Wahrheit über Spanien ist in den Zeitungen, die von euren Regierungen kontrolliert werden, nicht zu finden. So laßt denn mich versuchen, euch zu erzählen, wie es kam, daß eure Regierungen von euch das Opfer eurer Söhne fordern. Nehmt zugleich meine Versicherung entgegen, daß ich nicht als ein Feind des deutschen oder des italienischen Volkes schreibe, sondern als Freund. Ich wünsche keinen Streit zwischen meinem Volke und irgend einem anderen in der Welt. Eure Söhne, sind nicht ausgeschickt worden, um für ihr Land zu kämpfen. Sie sind von eurer Regierung ausgeschickt worden, um für die Ziele und die Macht einer einzigen Partei zu kämpfen. Wirkliche deutsche und italienische Interessen werden durch dieses blutige Abenteuer nicht gefördert. Eure Machthaber versuchen, ihre eigenen politischen Ideen einem fremden Volke aufzuzwingen. Sie mischen sich in die inneren Angelegenheiten Spaniens ein. Dafür werden eure Söhne verstümmelt und getötet. Es ist nicht nur euer Recht, sondern eure Pflicht, dagegen zu protestieren. Macht doch dieses üble Beginnen euer Land in der ganzen Welt verhaßt! Am 22. Mai kamen in England 4000 Baskenkinder an, auf der Flucht vor deutschen Flieger- attacken. Jedes dieser Kinder ist ein Blutzeuge gegen die Grausamkeit der Nazi- regiemng in Berlin. * Es war im Sommer 1936, als der spanische Bürgerkrieg begann. Nicht lange zuvor hatte das Volk ein Parlament gewählt. Die Linke hatte die Mehrheit. Eine liberale Regierung, keine kommunistische oder sozialistische, war im Amt als verfassungsmäßige gesetzliche Regierung. Diese politische Situation, so gesetzlich und verfassungsgemäß sie auch war, gefiel den reichen Leuten nicht, sie gefiel den Offizieren nicht, die zu den Reichen gehörten oder in ihrem Dienst standen. Dg nun gingen die(Jenerale, die der verfassungsmäßigen Regierung Treue geschworen hatten, in den Bürgerkrieg. Sie überfielen das arbeitende Volk. Sie wollten die rechtmäßige Regierung mit Gewalt stürzen, das Recht des Volkes, selber seine Regierung zu wählen, vernichten und es durch die Diktatur eines einzigen Mannes ersetzen, eines politischen Stümpers, des Generals Franco. Eure Regierung ist die Diktatur einer einzigen Partei, die die Freiheit zerstörte und einem Manne alles übertrug. Darum hilft sie jetzt auch Franco, die Freiheit in Spanien zu vernichten. Und eure Söhne, Opfer der Tyrannei daheim, sind nach Spanien gesandt worden, für die Tyrannei \ auch dort zu kämpfen. Manche eurer Söhne haben das schon erkannt und sind der Dinge ebenso überdrüssig wie ihr. » Nicht nur Soldaten hat eure Regierung nach Spanien geschickt, sondern auch Geld, Flugzeuge, Ausrüstung usw. Die Kosten werden euch auferlegt, ihr müßt Steuern zahlen nicht zur Förderung wirklicher deutscher oder italienischer Interessen, sondern um die persönlichen Meinungen eurer Machthaber einem fremden Volke mit blutiger Gewalt aufzuzwingen. Kanonen für Franco statt Butter für deutsche Kinder! Von diesen Zusammenhängen haben eure Söhne in Spanien mancherlei erfahren. Darum können sie nicht mit dem Herzen in diesem Kampfe sein. Deutsche Flieger sind in vielen Fällen geschlagen worden. Die italienische Armee hat versagt. Trotz aller Hilfe kann Franco nicht siegen. Nein, nur Verzweiflung und Elend ist sinnloserweiser Uber das spanische Volk gebracht worden. Millionen spanischer Mütter wissen ihre Männer und Söhne draußen im Kampf. Spanische Mütter haben ihre kleinen Kinder gesehen, verstümmelt und getötet durch Bomben von Flugzeugen, die aus euren Ländern kamen. Spanische Mütter sind verstümmelt und getötet worden, Tausende von Kindern sind mutterlose Waisen, und ihr Heim liegt in Trümmern. Mütter aber, das wißt ihr wohl, sind Mütter, ob sie Deutsche, Italienerinneu oder Spanierinnen sind. Mit den spanischen Müttern habt ihr keinen Streit. Eure deutschen, eure italienischen Herzen schlagen für eure Kinder in dem gleichen Takt, in dem die Herzen der spanischen Mütter für die ihren schlagen. Mütter der Welt, vereinigt euch für Frieden, für Brot, für Freiheit! * Eure Herrscher lieben eure Söhne nicht. Sie hätten sie sonst nicht nach Spanien geschickt. Sie betrachten sie als bloße Sachen, die im Spiel der Diktatoren eingesetzt werden, um den Ehrgeiz einiger Größenwahnsinnigen zu befriedigen. Doch dazu habt ihr eure Söhne nicht zur Welt gebracht. Möge darum euer Flüstern und Raunen anschwellen bis zum unwiderstehlichen Schrei: Wir wollen unsere Söhne wieder! Wir wollen unsere Söhne wieder! Wo sind unsere Jungen? Wir wollen sie wiederhaben! Englands Mütter, ich weiß es, sind euch in schwersterlichen Gedenken verbunden. Sie grüßen euch! Möge euren bedrängten Herzen der Friede kommen! Mit allen guten Wünschen euer aufrichtig ergebener Herbert Morrison. Kontrollzone, innerhalb spanischer Hoheitsgewässer nichts zu suchen hatte, mit der Flagge des Kontrollausschusses dek- ken. Aber wer wird ihr Glauben schenken, nachdem sie eben erst mit so unverfrorenen Lügen ihre Schuld an der Greueltat von Guernica abgeleugnet hat? Gegen die deutsche Regierung zeugt die lange Liste ihrer Taten in Spanien: die Entsendung der Kriegsschiffe, die Drohung mit bewaffnetem Eingreifen und der Aufbringung des Dampfers»Kamerun«, die Wegnahme spanischer Regierungsdampfer durch deutsche Kriegsschiffe und ihre Uebergabe an Franco, die Leistung von Späherdiensten für Rebellenschiffe und Rebellenflugzeuge durch deutsche Kriegsschiffe, die Teilnahme deutscher Kriegsschiffe bei Angriffen auf die spanische Küste, der Transport schwerer Artillerie für die Rebellen durch deutsche Kriegsschiffe, der fortgesetzte Bruch des Nicht- interventionsabkommens und des Freiwilligenabkommens durch die deutsche Regierung, die nach wie vor, sei es über Portugal, sei es nach Sevilla, den Rebellen Material und �Mannschaften liefert und dafür etwa hundert Dampfer im Dienst hat. Gegen sie zeugt vor allem die Art der sogenannten Repressalie, die sie ergriffen hat, und die nicht einmal durch einen wirklich völlig unprovozierten Angriff zu rechtfertigen wäre. Die Beschießung von Almeria ist eine wilde, grausame, rechtlose Tat, die in eine entfernt zurückliegende Zeit gehört, in der die Mächte sich allgemein wie Raubtiere benahmen und ihre»Kulturmission« mit Morden zu beweisen suchten. Diese Tat zeigt der ganzen Welt, daß die deutsche Regierung die großen Verbrechen dieser zurückliegenden Zeit neu beleben will, daß sie die Gewalt als politische Methode anbetet, daß sie eine wilde, grausame, gesetzlose Politik führt;— nach innen und nach außen. * Man muß prüfen, in welcher Situation diese wilde Tat beschlossen wurde, um ihre wahre Bedeutung zu ermessen. Am Tage des Zwischenfalles von Ibiza hat der Völkerbundsrat seine Tagung geschlossen. Diese Tagung stand im Zeichen der eindrucksvollen Anklagerede des spanischen Vertreters Del Vayo gegen die Intervention Deutschlands und Italiens. Das dokumentarische Material, das die spanische Regierung in Genf vorgelegt hat, ist unwiderlegbar. Es hat große Wir- kungen bei allen Delegationen hervorgerufen. Die Stellung der spanischen Regierung auf dieser Völkerbundstagung war gefestigter als auf vorhergehenden Tagungen. Keine Stimme der Verteidigung oder der Beschönigung hat sich zugunsten Italiens oder Deutschlands zu erheben ge- wagt. Die moralische Isolierung der Angreifer ist sichtbar geworden. Nach dieser Tagung ist vor allem das faschistische Italien vor der gesamten Weltöffentlichkeit gebrandmarkt. Der einstimmig gefaßte Beschluß des Völkerbundsrates, gemäßigt und zurückhaltend in der Form, unterstreicht diese Tatsache. Er ist die Antwort auf die spanische Anklage, die Feststellung der Tatsache, daß diese Anklage gerechtfertigt ist. Dieser Beschluß anerkennt, daß die Verpflichtung zur Nichtintervention nicht innegehalten worden ist, er stellt sich hinter die Forderung der Zurückziehung der fremden Truppen in Spanien, er vermeidet das fälschende und irreführende Wort »Freiwillige«. Er zieht die Konsequenzen aus dem Nachweis der Anwesenheit regulärer fremder Truppen in Spanien, indem er von der Notwendigkeit der Zurückzie hung aller»nicht-spanischen Kombattanten« aus Spanien spricht. In harten Wor ten verurteilt er die Greuel von Guernica und die barbarischen Methoden deutscher Flieger: »Tiefbewegt durch die Greuel, die der An Wendung gewisser Kriegsmethoden entspringen, verdammt er die Zuflucht zu Methoden im spanischen Krieg, die mit den Menschen- i'echten unvereinbar sind, und das Bombardement offener Städte.« Dieser Beschluß macht es deutlich, daß Spanien jederzeit als letztes Mittel die Zuflucht zum Völkerbund offen steht, wenn die Bemühungen scheitern sollten, die der Intervention der Angreifer ein Ende bereiten sollen. Das Ergebnis der Völkerbundstagung zeigt die wahre Position der Achse Berlin- Rom in Europa. Es ist kein lärmendes Faktum, aber es bezeichnet eine politische und moralische Niederlage der deutschen und italienischen Diktatur, wie den wachsenden Widerstandswillen der demokratischen Mächte. Der Lärm der Kanonenschüsse gegen die offene Stadt Almeria, diese Zuflucht zu unmenschlichen, feierlich verdammten Methoden, soll vor dem deutschen Volke die Tatsache der wachsenden politischen und moralischen Isolierung des Hitlersystems in den Hintergrund treten lassen. Der brutale Mord soll die Aufmerksamkeit von der Verdammung der Politik Mussolinis, von der Anklage gegen die faschistischen Verbrechen ablenken. Der spanische Krieg ist in Deutschland unpopulär. Deshalb versucht das angreifende System sich als verfolgte Unschuld hinzustellen, und die Toten, die als Opfer der dreisten Verhöhnung des Völkerrechts durch die deutsche Regierung gefallen sind, als Opfer eines»unprovozierten bolschewistischen Angriffs«. Es geht dem System um die Rettung eines zusammenbrechenden Prestiges— nach innen wie nach außen. Die brutale Geste soll vor dem deutschen Volke die wahre politische Position des Systems in der Welt verschleiern. Aber mit der Demonstration barbarischer, verdamm enswerter Gewalt läßt sich der Ring der moralischen Isolierung nicht sprengen. * Gegenüber dieser Enthüllung brutaler IHe spasifisdae Anklage Zur Vorgesdildite des Zwlsdhenfalls »Die«panische Regierang bat die Auf- ihre Dienste verrichtet, Flugzeuge der Bepn- merksamkeit des Völkerbundes wiederholt auf blik, die die deutschen Schiffe überfliegen, die Gefahr hingelenkt, die durch die beschießen müßte. BSezu bemerkt die Zusammenarbeit der Flotteneinheiten fremder Mächte mit den Rebellen für den internationalen Frieden entstehen könnte. Die Regierung hat gleichfalls darauf hingewiesen, daß an verschiedenen Punkten der spanischen Küste von fremden Flotteneinheiten Angriffe unternommen worden sind. Der Londoner Xichtedn- mischungsausschuß hat es für gut befunden, die Kontrolle den Einheiten einzelner Großmächte zu Uberantworten. Die deutsche F I o 1 1 e im besonderen war beauftragt, einen Teil jener Mittelmeerküste zu überwachen, wo die spanische Regierung ihre legitimen Rechte ausübt. Die Note der spanischen Regierung verweist dann darauf, daß sie wiederholt auf die Gefahren aufmerksam gemacht habe, die aus den Diensten entstehen müßten, die von den deutschen Kriegseinheiten den Rebellen geleistet werden. Die spanische Regierung sehe ihre Befürchtungen tragisch bestätigt und schildert die aktuellen Ereignisse wie folgt: »In den ersten Morgenstunden des Samstag hat der Chef der deutschen Mltteimeer- flotte Kontreadmlral von Flschel an die Regierung in Valencia ein Telegramm gerichtet, in dem er mitteilt, daß die deutsche Flotte, die in der Kontrollzone spanische Regierung, daß die Kontrollschiffe angehalten sind, mindestens zehn Meilen von der Regierungszone sich aufzuhalten. Sie sind berechtigt, die Häfen, die von den Rebellen besetzt sind, zu besuchen. Solche Besuche würden nur dazu angetan sein, die Operationen der spanischen Regierung zu unterbinden. 1. Die spanische Regierang hat infolgedessen dem Admiral geantwortet, daß selbstverständlich die Kontrollzone stets geachtet werden würde, daß aber für solche Kriegseinheiten, die ohne Berechtigung Häfen anlaufen würden, keine Garantie übernommen werden könnte. Die weitestgehende Sicherheit werde der Kontrolle gewährleistet; es sei aber nicht möglich, Schiffe zu schonen, welche sich dazu hergeben, den faschistischen Angriff auf Spanien aktiv zu unterstützen. 2. Am Nachmittag desselben Tages haben zwei Flugzeuge der Republikaner einen E r- kundungsflug über das Rebellenzentrum bei Ibiza unternommen. Diese beiden Flugzeuge wurden, wie es der deutsche Admiral angekündig hatte, b©- schössen. Die spanischen Flugzeuge antworteten durch eine Bombardierung des deutschen Schiffes. S. Die deutsche Regierung wartete volle 3* Stunden, ehe sie auf die Bombardierung der »Deutschland« reagierte. Diese Verzögerang steht im direkten Widerspruch zu dem Ankündigungstelegramm des AdmiraJa von Flschel. 4. Auf Grand der deutschen Version über den Zwischenfall haben Einheiten der deutschen Flotte gestern früh den Hafen von Almeria bombardiert. Um 6 Uhr 45 haben ein Kreuzer und vier Zerstörer 200 Kanonenschüsse auf Alroeria abgegeben. 35 Gebäude sind vollkommen zerstört. Bis jetzt konnten unter den Ruinen 19 Tote, davon fünf Frauen und ein Kind, gebor- * gen werden. Ich habe die Ehre, diesen neuen nnbe- sohreibüchen Angriff der deutschen Seemächte, dieses schwerste Attentat auf einen unabhängigen und souveränen Staat, diesen schwersten Angriff auf den europäischen Frieden und auf den Frieden der Weit, dieses Attentat auf alle Regeln und Gesetze internationalen Ueberelnkommens, dem Völkerbund mitzuteilen. Ich erachte es Insbesondere In Anbetracht des Umstände«, daß Deutschland die Entsendung neuer Kriegsschiffe In das Mittelmeer ankündigt, für notwendig, die Aufmerksamkeit des Völkerbundes auf die ob«» geschilderte Tatsache zu richten.« Der spanische Delegierte ersucht das Generalsekretariat des Völkerbundes, die Note allen Mitgliedstaaten zu übermitteln. zerstört, Frauen und Kinder getötet haben. Sie mögen auch glauben, daß sie nun, nach dem Austritt aus dem Nichtinterventions- ausschuß, Gelegenheit zu neuen Material- und Truppensendungen, zu neuen direkten Eingriffen in den spanischen Krieg haben. Aber mit diesen Mitteln sind keine weltpolitischen Entscheidungen zu erreichen— es können damit nur künftige weltpolitische Zusammenbrüche vorbereitet werden. Die Zeit der»Ueberraschungen« ist wirklich vorbei, und es werden sehr drohende Positionen gegen die faschistische Gewaltpolitik sichtbar. Der italienischen Gewaltpolitik in Abes- sinien ist keine Gewalt entgegengesetzt worden. Sie hat in Abessinien gesiegt— aber heute wirken die Folgen in unerbittlichem Schreiten gegen Italien, und während die inneren Nöte und die wirtschaftlichen Sorgen wachsen, zerfällt die weltpolitische Position, die der italienische Diktator errungen zu haben glaubte. An den deutschen Diktator aus Not herangedrängt, wird er von der Logik seiner Gewaltpolitik weitergerissen, während gegen ihn in moralischer Empörung das britische Weltreich in einem Maße rüstet, mit dem er nicht entfernt wetteifern kann. Der Gewaltanwendung Deutschlands und Italiens in Spanien ist außer der legitimen Gewalt der spanischen Regierung keine Gewalt entgegengesetzt worden. Die Nichtinterventionspolitik der demokratischen Mächte ist unter dem Gesichtspunkt des Rechts im Geiste des Völkerbundspak- Gesetzlosigkeit war der»Panthersprung« tes wie unter dem Gesichtspunkt des un- nach Agadir zur Zeit Wilhelms H. noch zweifelhaften Rechts der spanischen Reein Akt gemäßigter und zivilisierter Po- gierung eine furchtbare Belastung des litik. Dennoch war der»Panthersprung« Rechts und eine ernste Bedrohung der spa- ein Glied in der Kette, die mit dem Untergang des kaiserlichen Deutschland geendet hat. Auch die Tat von Almeria wird ihre geschichtlichen Folgen haben. Als»Zwischenfall« mag sie heute abgeschlossen erscheinen, ohne immittelbare weitere verhängnisvolle Folgen nach sich zu ziehen —- aber sie wird trotzdem weiterwirken. Sie enthüllt einen Geisteszustand, aus dem in der internationalen Politik und bei den demokratischen Völkern Folgerungen gezogen werden, mögen sie auch nicht sofort sichtbar werden. Sie enthüllt, daß die Politik des Hitlersystems eine Mischung aus Arroganz und Unsicherheit ist, die gleiche Meinung, die das Wesen der Politik Wilhelms H. und seiner Berater ausmachte. Wie Wilhelm und Bülow in der Zeit des Marokkokonfliktes, so sucht das System seine»erst kürzlich erlangte Autorität als Weltmacht«— so schrieb Bülow — durch Brutalität unter Beweis zu stellen. Immerhin übte das kaiserliche System seine Tobsucht an Großmächten, und nicht an Frauen und Kindern einer fremden Stadt. Es ist die schlimmste und gefährlichste Wiederauferstehung der bösesten Traditionen der kaiserlichen Politik in wahnwitziger Uebersteigerung. Für dieses Prestigebedürfnis mag es eine Befriedigung sein, daß sie eine Stadt nischen Freiheit. Dennoch bedeutet ihre letzte Phase, die Forderung nach Zurückziehung der»fremden Kombattanten«, in der Sache die Forderung nach Einstellung der deutschen und italienischen Intervention, und darüber hinaus den Willen, der deutschen und italienischen Expansion im westlichen Mittelmeer einen Riegel vorzuschieben. Hinter der spanischen Frage erscheint in großen Umrissen ein« fernere weltpolitische Auseinandersetzung, für die die Fronten sich zusammenschieben. Für diese Auseinandersetzung rüstet das britische Weltreich. Für diese Auseinandersetzung arbeitet die französische Politik mit England wie mit Sowjetrußland zusammen. Das Eingreifen der Regierung der Vereinigten Staaten und ihre Vorstellungen in Berlin zeigen, daß ein offener Ausbruch der deutschen Diktatur auf eine übermächtige Weltkoalition stoßen würde. Was dieser Zusammenarbeit an Entschlossenheit, an Kampfwillen, an Unbedingtheit noch abgeht— das wird durch Taten geschaffen, wie sie die deutsche Regierung vor Almeria begangen hat. Die Greuel der Italiener in Addis Abeba, das grauenvolle Verbrechen deutscher Flieger in Guernica, die wilde gesetzlose Tat der deutschen Regierung gegen Almeria— das sind Dinge, die die internationale Diplomatie heute mit gemessener Zurückhaltung behandelt, und die dennoch auf das stärkste auf die Willensbildung der Völker und der Staatsmänner einwirken. Für das deutsche Volk hat sich durch die letzten Geschehnisse die Lage sehr verdüstert. Immer stärker wird es durch die Taten der Hitlerregierung in eine moralische Isolierung hineingetrieben, die in einer neuen Katastrophe enden muß— wenn es sich nicht rechtzeitig ermannt, um sein Geschick nach dem Vorbild demokratischer Völker in die eigenen Hände zu nehmen.. Teppop-Ilrteile Massen-Prozeß gegen hallesohe Sozialdemokraten. Im Febraar und März dieses Jahres fand, ein Massenprozeß gegen eine Reihe früherer sozialdemokratischer Funktionäre statt, von denen bereits Im Herbst vorigen Jahres 150 in Halle verhaftet worden waren. Unter den damals Verhafteten befanden sich der frühere VolksWattredakteur W i e 1 e p p, ein Mann von nahezu 70 Jahren, sein Kollege K a s p a- r e k, gleichfalls Uber 60 Jahre alt und der frühere Leiter der sozialdemokratischen Studentengrappe Wolf. Der fünfte Senat des Kammergerichtes, der In Halle zusammengetreten war, verurteilte alle führenden Angeklagten zu Zuchthausstrafen von d n r ch s oh n 1 1 1 1 ic b drei Jahren wegen angeblicher Illegaler Fortführung der Sozialdemokratischen Partei. Schwere Zuchthausstrafen wurden auch in dem im Mär* in Berlin stattgefundenen Prozeß gegen Sozialdemokraten, SAP- Leute und Kommunisten verhängt. Der Prozeß lief unter den Namen Bonnann und Genossen und brachte Zuchthausstrafen bis zur Höhe von 5 Jahren. gen In seiner Sportpalastrede zur Rechtfertigung der Priesterskandalprozesse bereits deutlich gemacht: man will auch die höchsten bischöflichen Stellen Deutschlands als Zeugen-Angeklagte in die pornographische Justiz des Dritten Reiches mit verwickeln und nacheinander einzeln alle Kardinale auf diese Weise vor die Schranken der»Volksgerichtec zerren. Der Reichsinnenminister Frick Ist dann einige Tage nach der Göbbelsrede noch weitergegangen und hat das offizielle Verbot für die Kirchenhierarchie angekündigt, überhaupt noch In Form von Hirtenbriefen mit Ihren Gläubigen die Verbindung aufrechtzuerhalten. Bei der völligen Unterdrückung des früheren katholischen Schrifttums in Deutschland würde das praktisch die Verhängung der totalen Terrorblockade in denkbar schlimmster Form bedeuten! Neben diesen»taktischen« Repressivmaßnahmen gehen dann die »strategischen«— die Schließung Katholischer Anstalten aller Art, die Organisation der Massenklrchenaustritte, die Verstaatlichung auch noch des letzten Restes Katholischer Jugend— selbstverständlich mit gesteigerter Wucht nebenher. Die Kirche muß also fechten, mag sie wollen oder nicht! Wir finden, daß sie Ihre Position wahrhaftig nicht dadurch verbessert hat, daß sie Uber vier Jahre lang dem Un- ausweichbaren zu entrinnen versuchte. Sie kann aber auch in Deutschland nur dann mit einiger Chance auf Erfolg kämpfen, wenn sie grundsätzlich und an allen Stellen der Welt endlich aufhört, die moralischen Kräfte des Fortschritts, der Freiheit, kurz, einer gesunden Demokratie zu schmähen und zu hemmen, in deren Bannkreis und Namen ja eben auch ein Mann wie Mundelein tapfer genug gesprochen hat. Ultimatum an den Vatikan Völlige Entrechtung der katholischen Kirche in Deutschland Die Politik der drastischen Handgreiflich" keiten, von Hitler und seinen Getreuen in vielen tausend Saalschlachten wohleinexerziert und jetzt gerade am barbarischen Fall Almeria erneut unter Beweis gestellt, hat das Dritte Reich nunmehr auch in seinem»Kulturkampf« gegen die katholische Kirche bis zum letzten Grad der Wirksamkeit gestei- gert. Dem Vatikan wurde durch den deutschen Gesandten von Bergen, der damit zugleich auch seine Aratsabschiedshandlung vornahm, eine Note überreicht, in der der Heilige Stuhl in jenem unmißverständlichen Befehlston, der aus den Funksprüchen deutscher Admirale In spanischen Gewässern bereits genügend bekannt ist, aufgefordert wird, sich wegen der bekannten Rede des Chicagoer Kardinals Mundelein förmlich zu entschuldigen, andernfalls... Was unter andernfalls in solchem Falle zu verstehen ist, hat Göbbels vor acht Ta- „Eln elnfadier Wann*4! »Daily Herald« über Baldwin Im»Daily Herald« schreibt Harald Tjkm über Baldwin; »Man darf sich nicht täuschen lassen von dem gefälligen Anschein der Einfachheit, deo er sich zu geben liebte. Ein einfacher Mann wäre nie Premler von England geworden. Ein einfacher Mann hätte nie den Generalstreik, die Krise von 1931 oder die Abdankirngs- krise mit solcher außerordentlicher Geschicklichkeit, wie Mr. Baldwin sie in jedem Augenblick bewies, zu Ende bringen können... Sein Einfluß war immer gemäßigt, Uberredend, Nie ist er als der Mann erschienen, der spielt, um zu gewinnen, er hat nie intrigiert, um zu herrschen... niemals aus Liebe zur Macht nach Macht gestrebt. In seinen persönlichen Beziehungen war er freundlich und ehrenhaft, nie hat er ein gespreiztes und überhebliches Benehmen zur Schau getragen. Der Mann auf der Straße hat ihn geliebt, well er sein eigenes Ebenbild In Ihm zu erblicken glaubte.« So sieht der leitende Staatsmann eines Kulturvolkes aus! So spricht von ihm, da er seinen freiwilligen Rücktritt vollzieht, die Opposition seines Landes! Welche Vergleiche drängen sich auf! Muß man als Deutscher nicht vor Scham in den Boden sinken!?, Die neue Friedensoffensive der Di&tnturen Sie brauchen eine Atempause Den früheren Friedensoffensiven Mussolinis und Hitlers folgte stets der Angriff auf dem Fuße: die Eroberung Abessiniens, der Bruch des Locamovertrages, die Besetzung und Befestigimg der Rheinlande, der deutsch-italienische Angriffskrieg gegen Spanien. Jetzt ist eine neue kombinierte deutsch-italienische Friedensoffensive im Gang. Monatelang hatte Mussolini die wildesten Drohreden gegen die verfaulten, degenerierten Demokratien geführt, Frankreich und England der schlimmsten Angriffsabsichten beschuldigt, die italienischen Journalisten aus England abberufen und seiner Presse jede Berichterstattung über die Krönungsfeierlichkeiten verboten. Noch vor zwei Wochen hatte er den Uebergang Italiens zu völliger Autarkie angekündigt und sie als unentbehrliche Kriegswaffe bezeichnet. Jetzt gibt er plötzlich einem amerikanischen Journalisten ein Interview, in dem er seine Bereitschaft zu Verhandlungen über eine internationale Rüstungsbegrenzung verkündet— er, der kurze Zeit vorher den großen Faschistenrat neue verstärkte Rüstungen hatte beschließen lassen. Jetzt lädt er Roosevelt ein, eine internationale Abrüstungskonferenz einzuberufen— derselbe Mussolini, der nicht genug Hohn über internationale Konferenzen ausgießen, nicht genug Verachtung den Bestrebungen zur Rüstungseinschränkung erwiesen konnte, er, der ruchlose Verherrlicher des Krieges. Gleichzeitig erscheint Schacht in Paris, spricht von der Notwendigkeit gemeinsamer wirtschaftlicher Zusammenarbeit, vom Frieden als dem einzigen Ziel »seines Führers«, und von der heiß ersehnten Verständigung mit Frankreich. Stellt Mussolini die militärpolitische Frage, so Schacht die wirtschaftliche in den Vordergrund, und so ergänzen sich die beiden Diktaturen trefflich, wie bisher in der Kriegsvorbereitung, so jetzt in der Friedenssicherung. Man sieht: die Friedensoffensiven folgen einander. Aber sie gleichen sich nicht. Gewiß muß man bei jeder außenpolitischen Betrachtung den Vorbehalt machen, daß die Entscheidung über Krieg und Frieden heute in der Macht weniger, machtgieriger, geistig nicht ausgeglichener, völlig unverantwortlicher Menschen ruht. Trotzdem hat die Auffassung wohl die größte Vr ahrscheinlichkeit für sich, daß es den Diktatoren augenblicklich wohl weniger um die Vorbereitung eines unmittelbaren neuen Schlages geht als um die Erringung einer Atempause, in der sie Sich von den bisherigen Anstrengungen erholen und neue Kräfte für den künftigen Sprung sammeln können. Und die Diktaturen bedürfen gar sehr der Pause! Die Nöte des Fasdiismus Die Kosten des abessinischen Abenteuers werden offiziell auf 12.111 MUlionen Lire angegeben; dazu kommt ein nicht bekannter Betrag von mehreren Milliarden, der während des laufenden Finanzjahres— das italienische Etatjahr beginnt am 1. Juli— ausgege- � wurde. Die Kosten der Erschließung Abossinlena, wo für das erste recht kostspielige Hafen-, Städte- und Straßenbauten notwendig sind, werden auf eine Milliar- densumme geschätzt, die hinter den Ko- sten der Eroberung nicht zurückbleiben wird. Die Staatsschuld erreichte am 30. April 1937 nach der offiziellen Finanzstatistik 101,2 Milliarden Lire gegenüber 92 Milliarden am 30. Juni 193� � En(ie des letzten von Kriegsausgaben noch freien Jahres. Der Goldbestand ist auf 4 Milliarden abgewerteter Lire, zirka 500 MUlionen Goldmark, gesunken. Dazu kommen noch schwebende Schulden in unbekannter Höhe, darunter neue Kredite bei der Notenbank von 3 Milliarden Lire. Der ordentliche Haushalt der beiden letzten Finanzjahre schloß mit einem Defizit von 5 Milliarden, und für das kommende Finanzjahr wird das Defizit auf 3 Milliarden veranschlagt. In Wirklichkeit ist das finanzielle BUd noch viel ungünstiger. Aus äer kürzlich gehaltenen Budgetrede des italienischen Finanzministers ergibt sich, daß vom 1. Juli 1934 bis Mai 1937 nicht weniger als 25,3 MUUarden Lire aus Kreditquellen aufgenommen worden sind; diese mehr als 25 Milliarden stellen also den Betrag dar, der notwendig war, um neben den Steuereinnahmen, die Kriegskosten und die Rüstungsausgaben zu finanzieren. Daß solche Beträge— es handelt sich dabei, wohlgemerkt, um offizielle Angaben, die noch mannigfache Lücken aufweisen— nicht aus echten Ersparnissen der italienischen Wirtschaft herrühren, sondern in Wirklichkeit durch eine fortschreitende Inflation aufgebracht werden, versteht sich von selbst, und fand im letzten Herbst in der rund 40prozen- tigen Entwertung der Lire ihren offiziellen Ausdruck. Die Festhaltung des Preisniveaus wird immer schwieriger; das Steigen der Preise hat bereits zum zweiten Male die Diktatur zu einer Lohnerhöhung gezwungen: die Gefahr der offenen Inflation ist in Italien noch unmittelbarer als in Deutschland. Die Erreichung der Autarkie ist in diesem Lande mit seinen unzureichenden Kohlen, Gel- und Erzvor- räten und dem viel unentwickelteren Apparat eine noch größere ülusion als in Deutschland. Die englische Aufrüstung, die die englische Ueberlegenheit zur See und in der Luft anstrebt, trifft aber Italien viel direkter als Deutschland..Und England finanziert diese Aufrüstung auf dem Höhepunkt seiner Wirtschaftserholung fast spielend mit einer leichten Erhöhung der Einkommensteuer, einer mäßigen Gewinnzuwachs-Abgabe und mit einer Anleihe von 100 Millionen Pfund, ohne im geringsten die Solidität seiner Staatsfinanzen zu gefährden. Italiens Wirtschaft ist dagegen in vorgeschrittener Zerrüttung und seine Finanzkraft der Erschöpfung nahe. Kein Wunder, daß Mussolini plötzlich seine Neigung zu einer Rüstungsbegrenzung entdeckt, die vor allem eine Begrenzung der englischen Rüstung sein soll. Sie soll ihm erlauben, das augenblickliche, für Italien jedenfalls günstigere Stärkeverhältnis zu konsolidieren, ihm gestatten, die inflationistische Verschuldung zu verlangsamen und ihm vielleicht gar noch die Hilfe, ausländischen Kapitals für die Erschließung Abessiniens verschaffen, auf die er gar sehr angewiesen ist. Die Krise der deuisdien Ruslungspolitik Nicht gleich, aber prinzipiell ähnlich ist die Situation Deutschlands. Auch Deutschland gelangt allmählich an die Grenze seiner Finanz- und Wirtschaftskraft. Deutschlands Aufrüstungskosten haben von 1934 an einen noch höheren Betrag verschlungen als selbst das Abes- sinien-Abenteuer. Die deutsche Rüstung ist aber nach der Ueberzeugung der Generalität für einen großen und langdauernden europäischen Krieg nicht ausreichend, und die Erfahrungen in Spanien lassen immerhin eine kostspielige völlige Ueberholung der deutschen Luft- und Tankwaffen nötig erscheinen. Die deutschen Produktivkräfte sind dagegen an der Grenze ihrer Beanspruchungsmöglich- keit angelangt. Es fehlt an Rohstoffen — nicht nur an ausländischen, sondern auch an einheimischen— und an der genügend raschen Ausweitung der technischen und Arbeitskraft-Kapazität. In der Tat häufen sich seit einiger Zeit Nachrichten aus Deutschland, daß im Rüstungstempo, das in England und Frankreich beschleunigt wird, eine gewisse Verlangsamung zu verzeichnen sei. Aber sei dem wie es wolle, sicher ist, daß das System an einem Punkt angelangt ist, in dem es nur die Wahl hat, einer weiteren starken Einschränkung der Lebenshaltung oder einer stärkeren Bereitstellung von Produktivkräften für die Exporterzeugung statt für Rüstungsproduktion. Dies um so mehr, als es nur dann hoffen kann, die neuen Produktionsstätten für seine Autarkiepläne, die die künftige Aufrüstung erleichtern sollen, rechtzeitig fertigzustellen. Deshalb haben Hitler und Göring Schacht erlaubt, jetzt in Paris zu versuchen, ob sich nicht die dummen Feinde aufs neue einwickeln lassen werden. Deshalb Schachts Anerbieten der Bereitschaft Deutschlands zur wirtschaftlichen Zusammenarbeit. Denn wenn es Deutschland gelänge, Exporterleichterungen, weitere Schuldenstreichungen oder gar neue Kredite oder Rohstoffkolonien zu erhalten, dann wäre es aus allen Schwierigkeiten heraus. Das verlohnte ja sogar das Eingehen gewisser politischer Verpflichtungen, deren man ja im gegebenen Moment schon rechtzeitig ledig würde. Dann ließe sich eine augenblickliche Verlangsamung der Rüstungen, zu der man ohnehin aus wirtschaftlicher Bedrängnis gezwungen ist, gar teuer verkaufen in der Gewißheit, nach Ueberwindung der augenblicklichen Schwierigkeiten um so freiere und stärkere Hand zu haben. Sdiadit in Paris Schacht ist in Paris mit, wir müssen schon gestehen, übermäßigen Ehren aufgenommen worden. Er hat wieder einmal seinen alten Trick angewendet, seinen Gastgebern zu versichern, er kümmere sich nicht um Politik, von der er nichts verstände, er spräche nur als Wirtschaftler. In Wirklichkeit hat Schacht von je und eh immer machtpolitische Forderungen vertreten. Er hat in allen Wirtschaftsverhandlungen mit Belgien die Rückgabe von Eupen und Malmedy verlangt, und die Nachricht klingt recht glaubwürdig, daß er diese Forderung neuerdings wieder in den Gesprächen mit Van Zeeland und dessen Abgesandten Freres angemeldet hat. Er hat 1929 mit seinen Kolonialforderungen fast die Pariser Reparationskonferenz gesprengt, und diese Forderungen neben »Siedlungsgebieten« im Osten im Verein mit Hugenberg bei der Londoner Weltwirtschaftskonferenz wiederholt. Er hat stets die völlige Einstellung zuerst der Reparations-, dann aller privaten Schuld- und Zinszahlungen vertreten und diese Forderung auch jetzt in Paris deutlich angemeldet. Er hat dafür etwas von der Rückkehr Deutschlands in den Völkerbund gemurmelt, natürlich nur dann, wenn durch entsprechende Aushöhlung des Statuts der Völkerbund aufgehört hätte, auch nur im geringsten als Instrument der Friedenssicherung dienen zu können.... Schacht hat viel gefordert, in Wirklichkeit nichts weniger als die Hilfeleistung Englands und Frankreichs für die Verlängerung und Stärkung der Diktatur, für die Ueberwindung ihrer wirtschaftlichen Schwierigkeiten und für die Erleichterung der künftigen Kriegsvorbereitung. Und er hat als Gegenleistung—- einen Fetzen Papier, irgendeine Konvention in Aussicht gestellt, die die Diktatur halten würde, so lange sie ihr nützt. Durdisiditige Kriegslist Aber die Zeiten sind diesen Friedensoffensiven nicht allzu günstig. Mussolini hat sich bei Roosevelt eine Abfuhr geholt, denn der amerikanische Präsident weiß, daß England erst seine so spät begonnene Aufrüstung fertig haben will, bevor es sich auf Gespräche mit den Angreifern einläßt, und man darf annehmen, daß Roosevelt diesen Standpunkt aus vollem Herzen billigt. Und ebenso wenig Glück wird dem»Wirtschaftler« Schacht beschieden sein. Deutschlands Wirtschaftskraft stärken, heißt heute sein Kriegspotential vermehren, und die Zahl der Leute, die das endlich begreifen, hat sich in letzter Zeit denn doch erfreulich vermehrt. Die Friedensoffensiven der Diktaturen sind schwerer geworderl, seitdem man sie als Kriegslist erkannt hat. Dr. Richard Kern. Sieg der Demokratie in Holland Sozialdemokratie gewinnt 100.000 Stimmen Die Wahlen zur zweiten Kammer, die am 26. Mai in Holland stattfanden, bedeuten das Ende eines langen und außerordentlich hartnäckigen Wahlkampfes. Die niederländische Sozialdemokratie führte diesen Kampf gegen zwei Fronten; gegen alle Gegner der Demokratie, insbesondere gegen die holländischen Nationalsozialisten, und gegen die Wirtschafts- und Krlsenpolltik der Regierung Colijin. Im Kampf für die Demokratie entwickelte sich im Laufe des Wahlkampfes eine breite Front aller emsthaften politischen Parteien von der sozialdemokratischen Arbeiterpartei bis zu den bürgerlichen Regierungspartelen und diese Zielsetzung bestimmte schließlich das Gesicht des Wahlkampfes In viel höherem Ausmaß als die Propaganda der Partei für ihren Plan der Arbelt. Der Sieg der Demokratie ist vollständig! Die Parteien der Regierung und die Sozialdemokratie sind die eindeutigen Gewinner des Wahlkampfes. Die beiden wichtigsten Regierungsparteien, die anti-revolutionäre Partei und die römisch- katholische Staatspartei, konnten ihre Mandatszahl um je drei Sitze, von 14 auf 17, bezw. von 28 auf 31, steigern, während sich die Mandatszahl der Sozialdemokratie von 22 auf 23 erhöhte. Die holländischen N a- tionalsozialisten erlitten eine vernichtende Niederla g«e. Sie waren In dem alten Parlament nicht vertreten, aber sie hatten bei den letzten Gemeindewahlen im Jahre 1935 rund 294.000 Stimmen erhalten, was einer Fr&ktionsstärke im Parlament von etwa 8 Sitzen entsprochen hätte. Am 26. Mal erzielten die Nationalsozialisten aber nur 171.000 Stimmen, so daß sie In der neuen Kammer nur mit 4 Mandaten vertreten sein werden. Die Kommunisten gewannen zwar gegenüber den Gemeindewahlen rund 10.000 Stimmen, aber sie verlieren einen Sitz, so daß sie mit einem Drel- Männer-Kollegium in die zweite Kammer zurückkehren. Die neue Mandatsverteüung bringt den Erfolg der Demokratie nur unvollkommen zum Ausdruck. Man muß vielmehr In Betracht ziehen, daß die Wahlbeteiligung am 26. Mai eine für holländische Verhältnisse Rekordhöhe erreichte. Es beteiligten sich 9 4,7 Prozent aller Wahlberechtigten an der Wahl. Die Neuwähler wandten sich aber nicht den Extremen zu, sondern sie strömten vornehmlich ins Lager der Regierung und der Sozialdemokratie. Die römisch-katholische Staatspartei, die stärkste Partei im holländischen Parlament, gewann seit den Gemeindewahlen rund 140.000 Stimmen, die anti-revolu- ■tlonäre Partei, die Partei des Ministerpräsidenten Colijin, steigerte ihre Stimmenzahl von rund 421.000 Stimmen im Jahre 1935 auf rund 665.000 Stimmen und die Sozialdemokratische Arbeiterpartei verbuchte bei einer Erhöhung ihrer Stimmenzahl von rund 782.000 im Jahre 1935 auf 890.880 Stimmen am 26. Mai einen Gewinn von 10 8.0 00 Stimmen. Da die zweite Kammer eine feststehende Zahl von 100 Mitgliedern zählt, kommt die Aktivierung neuer Wählerschichten für die Demokratie nur unvollkommen in den Verschiebungen der Fraktionsstärken zum Ausdruck. Die große europäische Bedeutung dieses Wahlresultats liegt auf der Hand. Das niederländische Volk hat aus dem Anschauungsunterricht bei dem großen Nachbarn Hitlerdeutschland eine unmißverständliche Lehre gezogen: Es will in einer Demokratie leben! Und es will nichts wissen von den holländischen Nachbetern Hitlerscher Dikta- turvorstellungen. Auf Brüssel mit seiner glänzenden Absage an De grelle folgt nun der Sieg der Demokratie in Holland und die Faschisten in Mitteleuropa werden sich damit abfinden müaseh, daß der Siegeszug ihrer Propaganda an der Westgrenze Deutschlands einen unüberwindlichen Widerstand findet. Für die deutsche Sozialdemokratie ist es eine besondere Genugtuung, daß unter den Siegern der holländischen Demokratie die Sozialdemokratische Arbeiterpartei Hollands mit an erster Stelle steht! Britischer»Raum ohne Volk« Nazi-Kommentare zur Empire-Konferenz. Die Konferenz der Regierungen des britischen Empire, eine machtvolle Kundgebung des Willens zur Selbstbehauptung, wird von der Nazipresse zum Gegenstand tiefsinniger Betrachtungen gemacht, in denen— man merkt die allgemeine Weisung— immer dieselbe Prägung wiederkehrt:»Das englische Weltreich ist Raum ohne Volk— Deutschland ist Volk ohne Raum.«— Die naheliegende Konsequenz daraus ergibt sich für jeden propagandagläubigen Deutschen, aber auch für jeden hellhörigen Engländer von selbst. Die englische Presse beeilt sich, die Aufsätze des»Angriffs« der Essener»Nationalzeitung« und anderer Schalltrichter des Propagandaministeriums ausführlich wiederzugeben. Das Echo aus Kanada, Südafrika, Australien, Neuseeland, Länder, auf die die Nazipresse liebevoll als»Raum ohne Volk« einzeln hinweist, ist noch nicht da, doch kann man es sich vorstellen. Es wird ungefähr lauten: Türen zu, die Deutschen kommen! In Hitlers»Kampf« findet sich ein einziger vernünftiger— und natürlich nicht neuer— Gedanke: daß man sich mit dem englischen Weltreich gut stellen müsse. Auch den haben sie längst aufgegeben! Mord Im Lager Sadisenbnrg Max Sachs wurde zu Tode gequält— Die Gerichtsyerhandlung: eine Farce Es mag manchmal den Anschein haben, als gerieten die Verbrechen der braunen Mordkolonnen nach einiger Zeit in Vergessenheit, als verliere das deutsche Volk durch immer neue Abscheulichkeiten den Maßstab für die Schwere der jahraus jahrein verübten Greueltaten. Dem ist nicht so. Sobald einer der Gepeinigten freiere Luft atmet, wird sein Mund entsiegelt— und es zeigt sich, daß nichts vergessen wurde, nicht die Qualen der Opfer, nicht die Namen der Mörder, die das »Ehrenkleid der Bewegung« tragen, Von einem ehemaligen Häftling des Konzentrationslagers Sachsenburg, der Deutschland vor kurzer Zeit verlassen zuber zusammenbrach, drückte ihn ein anderen Morgen sollte Sachs von Häftlingen SS-Mann mit dem Gesicht in die Jauche. Der Mißhandelte wurde hochgezogen und als er nicht stehen konnte, in den vollen Jauchenzuber gesetzt. Die Häftlinge mußten ihn mit eiskaltem Wasser abspritzen Dies alles konnte ich von der Bibliothek aus mit anderen Häftlingen beobachten. Ich machte mir einen Behelf und ging nach dem Häftlingsklosett, das neben der Jauchengrube war. Sachs lag vollständig erschöpft am Boden und ich konnte hören, daß Sachs leise röchelnd flehte, ihn doch lieber res Genossen Max Sachs im September 1933: zu erschießen. Standartenführer hat'Jrhilten�ir.f0l�nD i e vierzehn Jahre der ersten deutschen Republi k«, das im vorigen Jahre bei der Verlagsanstalt Graphia in Karlsbad erschienen ist Dieses Buch sollte einer künftigen unbefangenen Geschichtsschreibung die Bausteine liefern. Darum habe ich darin nur aufgezeichnet, was entweder dokumentarisch feststellbar war oder nach gewissenhafter Prüfung in meiner eigenen Erinnerung feststand. Auf Hintertreppenklatsch habe ich mich nicht eingelassen. Ueber die Meinungen, die ich äußere, bin ich bereit zu diskutieren— ich habe übrigens bereits in der Vorrede meines Buches darauf hingewiesen, daß ich für sie wie für das Buch die Verant- wortung allein trage. Für die Tatsachen, über die ich berichte, stehe ich ein. Kritik muß ich mir gefallen lassen. Sie reizt mich nicht zur Polemik. Wenn also Herr R u d o 1 f O 1 d e n in Nr. 17 des »Neuen Tagebuchs« damit beginnt, witzig gemeinte Vergleiche zwischen mir und— Julius Streicher zu ziehen, um mich schließlich mit einer eleganten Handbewegung in das»modrige Grab der Zukunft« zu schleudern, so muß ich das hinnehmen. Etwas anderes freilich ist es, wenn sich herausstellt, daß es Herrn Olden gar nicht darauf ankommt, ein Buch und seinen Verfasser zu kritisieren, sondern viel mehr darauf, die deutsche Arbeiterbewegung und ihre Geschichte kri- tik- und verständnislos zu verunglimpfen. Dann ist eine öffentliche Erörterung zum Zwecke der Richtigstellung und Abgrenzimg allerdings nicht zu vermeiden. Herr Olden geht so weit, sein Bedauern darüber zu äußern, daß mein Buch überhaupt gedruckt werden durfte, da es in den Köpfen Uninformierter Schaden anrichten könnte. Nachdem nun infolge eines beklagenswerten Versagens der Zensur dieser Schaden doch entstanden ist, muß untersucht werden, worin er nach Herrn Oldens Meinung besteht. Sozialismus und Republik Am Anfang meines Buches schüdere ich die ungeheueren Schwierigkeiten der ersten Jahre nach dem Kriege. Sie nahmen die Partei so stark in Anspruch, daß die Frage einer sozialistischen Umgestaltung der Wirtschaft weit in den Hintergrund trat. Von den Sozialdemokraten wird in diesem Zusammenhang gesagt; »War erst, so dachten sie, das Schlimmste überwunden, die demokratische Republik gerettet, so kam der Sozialismus immer noch nicht zu spät.« Das bezieht sich auf 1918— 1920. Zum Schluß aber, nach 1932, heißt es: »Die Republik zerbrach an der Weltwirtschaftskrise. Es fehlte die Kraft, die imstande gewesen wäre, durch Maßnahmen eines praktischen Soziallsmus die Krise zu mildern oder zu beseitigen.« »Zwei einander diametral widersprechende Anschauungen!« ruft Herr Olden triumphierend aus. Und er knüpft an die glückliche Entdeckung dieses katastrophalen Widerspruchs folgende Schlußfolgerung: »Haben wir erst einmal realisiert(?). wie verwirrt und in sich widerspruchsvoll die Auffassung Stampfers von der Geschichte der Republik ist, an deren Gestaltung er tätig teilgenommen hat, so wird es uns weniger erstaunen, daß auch seine nachträgliche Darstellung, unklar und verwirrend ist. Sie ist nur eine folgerichtige Konsequenz seiner, und anderer, politischen Haltung«. Was will nun Herr Olden eigentlich von mir? Wenn meine Darstellung»die folgerichtige Konsequenz« der von mir und meinen Genossen eingenommenen Haltung ist, so ist sie doch gerade das, was man von mir verlangen konnte. War in unserer Haltung ein Widerspruch, so mußte er auch in meiner Darstellung zum Ausdruck kommen. In diesem Fall liegen jedoch Widerspruch und Verwirrung durchaus beim Kritiker. Wäre er in seinem Eifer noch einiger Ueberlegung fähig gewesen, so hätte er selber bemerken müssen, daß das, was 1920 richtig war, 1932 falsch sein konnte, und umgekehrt. Wirtschaftspolitische Maßnahmen, an die man im Chaos der Niederlage und der Putsche noch nicht denken konnte, mochten nach zwölf Jahren angebracht und nützlich sein. Der Schaden besteht in diesem Fall einzig und allein im Kopf des Kritikers. Ich habe ihn nicht angerichtet. Leider wird es mir auch nicht gelingen, ihn zu reparieren. Die Anti-Eberilegende /um zweiten rechnet mir Herr Olden es als eine schwere Sünde an, daß ich den Ausspruch, den der Prinz Max von E b e r t gehört haben wül,»ich hasse die Revolution wie die Sünde«, für unecht halte. Darüber ist er so aufgeregt, daß er, unfähig einen ganzen Satz zu bilden, nur noch stammeln kann: »Und also Prinz Max, den alle für einen ehrlichen Mann hielten, ein Lügner?« Warum die Aufregung? Ich habe die Gutgläubigkeit des Prinzen mit keinem Wort angezweifelt. Aber der Prinz hat in seiner kurzen Kanzlefzeit auch verschiedene andere Dinge, nicht nur dieses, durcheinandergebracht. Was Ebert wirklich gesagt hat, oder wer das gesagt hat, was er Ebert in den Mund legt, kann ich nicht wissen, und Herr Olden kann es auch nicht wissen. Ebert aber habe ich genau gekannt, und ich weiß, daß dieser Ausspruch gar nicht zu ihm paßt.' Warum ist mein gelinder Zweifel an der Max-Ueberlieferung Herrn Olden so wichtig, daß er ihn zu einem Hauptpunkt seiner Anklage macht? WeU jener Ausspruch zu den Prunk- und Paradestücken der Anti-Ebertlegende gehört. Er ist für diejenigen, die ihre Pflege auch heute noch für wichtig halten, ein so kostbarer Besitz, daß sie jeden als ihren Feind betrachten, der an ihn rührt Sie haben noch nicht begriffen, daß Ebert nach seinen geschichtlich bezeugten Taten und nicht nach den Klatschgeschichten, die über ihn erzählt werden, beurteilt zu werden verdient. Schließlich hat doch dieser Mann ein Hauptverdienst daran, daß die Republik immerhin vierzehn Jahre gedauert hat und nicht, wie es zunächst scheinen wollte, nur vierzehn Tage. Auch sein»historisches Telefongespräch mit Groener« habe ich so wenig wie Herr Olden mit abgehört. Dagegen steht durch übereinstimmende Aussagen von Ohrenzeugen fest, daß Ebert am 9. November zu den Unabhängigen sagte:»Bringen Sie unsLiebknecht. Wir werden mit ihm arbeite n.« Es war nicht Eberts Schuld, daß die»Volksfront«, die er damals wollte, und die länger als 14 Jahre lang den Bestand der Republik hätte sichern können, nicht zustande kam. Wie dem auch immer sei, welchem politischen Zweck glaubt Herr Olden zu dienen, wenn er Eberts Andenken verunglimpft? Deutschland wäre wahrlich ein glückliches Land, wenn es vor Ebert und nach ihm Oberhäupter besessen hätte, die ihm an Klugheit und Rechtschaffenheit gleichwertig waren. Keiner ist gezwungen, alles, was der erste Präsident der Deutschen Republik getan hat, zu billigen— die Verdienste und die Bedeutung dieses phrasenlosen Arbeiters am Wohle des Volkes sollte jedermann neidlos anerkennen, der den Feinden der Republik nicht in die Hände arbeiten wül. Die Reidiswehrlegende Herr Olden erblickt die Irreführung der Uninformierten durch mich besonders auch darin, daß ich den Einfluß der Generale auf die politische Entwicklung in Deutschland nicht so hoch einschätze wie er. Er ist geradezu entsetzt darüber, daß Schleicher bei mir erst auf Seite 561 vorkommt. Ich will ihm gerne glauben, daß er mit diesem sagenumwobenen General schon auf Seite 1 begonnen haben würde. Ist doch Herr Olden ein Haupt- träger jener Legende, für die die Reichswehrgenerale die eigentlichen Beweger des Menschengeschlechts und die Urheber aller Dinge sind. Wie anderen Leuten die Juden oder die Engländer, die Freimaurer oder die Jesuiten als Urquell aller Uebel erscheinen, so den Gläubigen dieser neuen Lehre die Generale. Ich muß dagegen aus meiner Kenntnis der Dinge und Personen daran festhalten, daß diese Auffassung auf einer maßlosen Uebertreibung beruht. Wäre der märchenhafte Einfluß, den man den Generalen zuschreibt, Wirklichkeit gewesen, so hätten sie wenigstens untereinander einigermaßen einig sein müssen. In Wirklichkeit hat aber in entscheidenden Situationen fast immer jeder von ihnen an einem anderen Strang gezogen. Hindenburg gegen Ludendorff, Ludendorff gegen Hindenburg, Hindenburg gegen Groener, Groener gegen Hindenburg, Schleicher gegen Groener, Groener gegen Schleicher. Die Herren haben wie Hiob erst die Republik über sich ergehen lassen, die sie nicht gewollt haben und dann das Dritte Reich, das sie auch nicht gewollt haben. Immerhin brachten sie gegen dieses etwas mehr Energie auf als gegen jene— sandten sie doch einen der ihren zu Hindenburg, um gegen den Hitler-Papenplan zu protestieren. Aber es half nichts.»Der Alte hat ihn rausgeschmissen«, lautete tags darauf der Schlachtbericht. Und ihr persönlicher Erfolg? Wer von ihnen hätte mit ihm zufrieden sein können? Hindenburg mit der traurigen Rolle, zu der er durch seinen eigenen Streich verurteilt wurde? Groener mit seinem klanglosen Verschwinden in der Versenkung? Oder gar— Schleicher? Richtig ist, daß die Generalität in der Vertretung ihrer Ressortinteressen zu allen Zeiten viel Glück hatte. Das lag aber weniger an ihrer Geschicklichkeit, als an der berechtigten Auflehnung des ganzen deutschen Volkes gegen die Diskriminierung,<üe ihm durch den Frieden von Versailles auferlegt worden war. Wenn ich also durch meine eigene Beobachtung gegen den Aberglauben von den Weisen in der Bendlerstraße hinreichend geschützt bin, so bin ich doch weit davon entfernt, die Bedeutung der bewaffneten Macht für den Staat zu unterschätzen. Darum bin ich, wie viele anderer meiner Genossen, für den Eintritt der sozialdemokratischen Arbeiter in die Freikorps eingetreten. Herr Olden weiß nicht, daß ein Bezirksparteitag im Jahre 1919 dem»Vorwärts« den Abdruck von Werbeaufrufen für den Wehrdienst verboten hat. Ich mache ihm daraus keinen Vorwurf. Immerhin war seinerzeit diese Tatsache dem »Vorwärts« zu entnehmen. Sie ist leichter beweisbar als die willkürliche Behauptung des Herrn Olden, die sozialdemokratischen Arbeiter hätten sich zur Reichswehr gedrängt, und die Kontingente, die im Jahre 1923 in Sachsen einmarschierten, hätten zum großen Teil aus— Sozialdemokraten bestanden. Nach meiner Unterrichtung waren die Soldaten, die sich damals bedauerliche Uebergriffe gegen die wehrlose Zivilbevölkerung zuschulden kommen ließen, rechtsgerichtete Angehörige »besserer« Kreise und keine sozialdemokratischen Arbeiter. Die Anti« Welslegende Den Hauptschlag gegen mich führt aber Herr Olden mit der höhnenden Frage, warum ich denn meine Darstellung mit der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler abschließe. Er hat mit gutem Spürsinn herausgefunden, daß es in der Zeit nach Hitlers Ernennung Dinge gegeben hat, über die zu reden für einen Sozialdemokraten schmerzlich ist. Jawohl, es ist damals manches geschehen, was ich nicht rechtfertigen will und kann. Wie aber um alles in der Welt kommt Herr Olden dazu, zu diesen nicht zu rechtfertigenden Dingen die Erklärung zu zählen, die Otto Wels am 23. März 1933 für die sozialdemokratische Fraktion im Reichstag abgab? Hat Herr Olden überhaupt eine Ahnung, was in dieser Erklärung steht, wie sie zustande gekommen. ist, und welche Bedeutung ihr in der damaligen Situation zukam? In der sozialdemokratischen Fraktion kämpften damals zwei Strömungen miteinander; eine, die keine Möglichkeit mehr sah, den Kampf weiter zu führen, und eine andere, die trotz alledem seine Fortführung forderte. Die zweite war es, die in der Fraktionssitzung vor dem 23. März siegte. Man beschloß, in den Reichstag zu gehen, gegen das Ermächtigungsgesetz zu stimmen und eine entsprechende Erklärung abzugeben. Daß das unter den damaligen Verhältnissen mit einer gewissen Gefahr für Leib und Leben verbunden war, darf wohl behauptet werden. Es gab auch in der Fraktion einige Ehrgeizige, die dem Parteivoraitzenden das Risiko gerne abgenommen und an seiner Stelle die von der Fraktion beschlossene Erklärung verlesen hätten. Wels bestand jedoch auf seinem Recht, als Vorsitzender der Partei und der Fraktion, im Augenblick der Gefahr vorne zu sein. Ein Zentrumsführer beschwor ihn händeringend, von seinem Vorhaben abzustehen. Er und die ganze sozialdemokratische Fraktion würden den Reichstag nicht mehr lebend verlassen, wenn diese Erklärung abgegeben würde. Wels dankte dem wohlmeinenden Warner, ging durch die Spaliere der SA und SS vom Reichstagsgebäude in die Kroll-Oper hinüber und sprach. Herr Olden fragt mich höhnend, waru�, ich über»das Auftreten Wels in der Kroll- Oper«, das er eine»erschütternde Episode des sozialdemokratischen Ausgangs« nennt, nicht spreche. Wie man sieht, tue ich ihm den Gefallen, das nachzuholen. Aber ich frage auch: Auf welchem Monde hat wohl Herr Olden im März 1933 gewohnt, wenn er von jenen Vorgängen so wenig weiß? Wie kommt dieser Mann dazu, von oben her höhnisch aburteilend über etwas zu sprechen, wovon er doch offenbar nicht die geringste Ahnung hat? Da zeigt sich, daß es ihm gar nicht darauf ankommt, zu erkennen und zu urteüen, sondern nur darauf, einer blinden Schmähsucht Befriedigung zu verschaffen. »» Die vierzehn Jahre der SPD" Mein Buch heißt:»Die vierzehn Jahre der ersten deutschen Republik«. Herr Olden überschreibt seine Kritik:»Die vier- Kleine Rassentragikomodie Spanien von morgen Von AWarez del Vayo, Vertreter der spanischen Regierung beim Völkerbund Die Verbündeten von 1914 kommen wieder einmal zusammen; aber der Chor, der einst »Deutschland über alles« und den»Königsmarsch« sang, wird jetzt von den frischeren Stimmen der»Giovinezza« unterstützt. Die Achse Berlin-Rom schafft sich in Bur- gos die Basis, die sie für die Expansion ihrer Politik an diesem äußersten Ende Europas gebraucht. Von dort aus werden Berlin und Rom die westlichen Demokratien überwachen, über die der Duce sich damals, als er das Gentleman-Agreement unterzeichnete, mit tatsächlich außergewöhnlicher Verachtung ausgesprochen hat. Die faschistischen Staaten haben so die Möglichkeiten Spaniens als eines Paktors erster Ordnung in der Zukunft Europas einzuschätzen gewußt— und das ist ihr Verdienst. Sie haben der Tatsache Rechnung getragen, daß die Theorie von der Unteilbarkeit des Friedens in sich selbst etwas sehr viel Positiveres und sehr viel Extrakteres enthält als eine einfache doktrinäre oder sentimentale Haltung. Da sie gleicherweise überzeugt sind — wie wir übrigens auch— daß Spanien nicht neutral bleiben könnte, wenn der Krieg ausbräche, so werden sie versuchen, wenn män zehn Jahre der SPD.« Ich habe nichts dagegen. Woh! habe ich eine Geschichte nicht der sozialdemokratischen Partei, sondern der Republik geschrieben, doch gebe ich gerne zu, daß die Republik ohne die Sozialdemokratie nicht denkbar ist. Die vernünftigste, freieste und menschlichste Periode der deutschen Geschichte ist von der Sozialdemokratie vorbereitet und herbeigeführt worden. Ohne die Arbeit der Sozialdemokratie hätte sich Deutschland nicht aus dem Abgrund der Niederlage erheben können. Ohne die Sozialdemokratie hätte es in Deutschland nie eine Zeit gegeben, in der die Arbeiter freie Menschen waren. Ohne sie hätte auch die Republik niemals soziale Reformen durchführen können, die jetzt in Frankreich und in Amerika Nachahmung finden und dort mit Recht als die neuesten großen Errungenschaften gefeiert werden. Also warum nicht»Die vierzehn Jahre der SPD«? Die Tatsachen sprechen ihre eigene Sprache, sie entheben mich der Notwendigkeit, dem Beispiel des Herrn Olden zu folgen, und gegen ihn nach dem Zensor zu rufen. Sie sind wichtiger als mein bescheidener Versuch, sie in das rechte Licht zu rücken, wichtiger als die Kritik, die Herr Olden an ihm übt, und wichtiger als alle Literatenfehden, die in der Emigration ausgefochten werden. Und somit genug davon! Friedr. Stampfer. es ihnen erlaubt, Spanien an ihren Kriegswagen festzubinden. Unzweifelhaft wird Spanien aus dem Kampfe als eine Militärmacht hervorgehen, was immer auch sein Ausgang sein möge. Es würde ein Militärmacht sein, wenn Franco siegen würde, weil er nur mit Hilfe eines sehr starken militärischen Apparates sich gegen die Feindseligkeit eines ganzen Volkes behaupten könnte. Diese Feindseligkeit ist so stark, daß er heute selbst in den Gebieten, die er beherrscht, und die unter einem brutalen Terrorsystem stehen, täglich seine Zuflucht zu einem halben Dutzend exemplarischer Exekutionen nehmen muß, um der feindseligen Bewegung der Bevölkerung Herr zu werden. Und außerdem, weil seine faschistischen Verbündeten ihn zur Schaffung eines Heeres, einer Luftwaffe und von Flottenstützpunkten im Dienste ihrer Kriegspolitik zwingen werden, um so viel Nutzen wie mög- lich aus ihrer gegenwärtigen Zusammenarbeit zu ziehen. Auch wenn wir siegen, woran wir nicht einen einzigen Augenblick zweifeln, wird Spanien eine Militärmacht sein, weil wir nicht leicht die Erfahrungen der letzten Monate vergessen werden, in deren Verlauf eine Handvoll Generale, die Verräter an ihrem eigenen Lande sind, die größte Infamie haben fortsetzen können, die Jemals gegen das spanische Volk begangen worden ist, dank der Unterstützung der faschistischen Staaten. Das Argument, daß Spanien am Ende des Krieges so erschöpft sein würde, daß es sich nicht den Luxus erlauben könnte, eine müi- täriche Macht zu werden, fällt in sich zusammen, wenn man sich erinnert, wie die Sowjetunion, die fast alle Völker schon als tot ansahen, als Ich sie zum ersten Male im Jahre 1922 als Delegierter Nansens besuchte, aus dieser Prüfung mit ihrer bewundernswerten Vitalität von heute hervorgegangen ist. In dem einen wie in dem anderen Falle wrird es also ein starkes militärisches Spanien geben. Aber In wessen Dienste? Da gewisse Teile der demokratischen Meinung in Europa sieh in dem Irrtum verrennen, da sie glauben, man könne den Krieg verhindern, indem man die Augen schließt, und daß eine Politik der Kapitulation die beste Friedenspolitik sei, da sie glauben, sich von ihrer historischen Verantwortung befreien zu können, indem sie sagen:»Der spanische Bürgerkrieg ist eine Angelegenheit, die nur die Spanier angeht«, so hat der internationale Faschismus in seiner brutalen Realistik schon auf die Frage geantwortet, die wir soeben gestellt haben. Er sagt:»Das Spanien von morgen wird in unserem Dienste stehen«, und da die Faschisten ernste Leute sind, so haben sie schon damit begonnen, die tatsächlige Knechtschaft Spaniens zu verwirklichen. Sie haben mit gutem Grunde vom ersten Tage ab in den Völkeppecht Wem» einer der Unsem in euerem Land solange zündelt und schwindelt und hetzt, bis endlich ein Aufstand mit Gifthauch und Brand eure Städte zerstört, eure Menschen zerfetzt— wagt nicht, diesen Mann untern Galgen zu fuhren, wagt nicht, diesen Mann auch nur hart zu berühren. Die Verhaftung ist schon eine Provokation, Wenn tausend von uns, teils zu Schiff, teils zu Fuß, im Tank und im Flugzeug, mit Bomben und Gift euer Land überziehn, wenn ihr tödlicher Gruß eure Städte und Dörfer im Lebensnerv trifft— so merkt euch: wir wollen euch sittlich erneuem, wagt nicht(wie auf Kriegsgegner) auf uns zu feuern, denn das wäre ja schon eine Provokation. Wir haben in unserem eigenen Reich das Leben der Bürger ja auch nicht geschont. Euch lieben wir gleich und behandeln wir gleich, nur— fügt euch! Wir sind keine Notwehr gewohnt, und wagt ihr das Werk unsrer Helden zu hindern, geb acht! Wir vergoitcn's an Frauen und Kindern. Das ist nur der Lohn— keine Provokation— denn wir als das starke und edle Geschlecht sind immer im Recht. H— n. Eine Deutsche erzählt englisch Lilo Linke»Restless FTags« 1914. Ein achtjähriges Mädchen fährt bei Kriegsanbruch mit seinen Eltern aus der ostpreußischen Sommerfrische nach Berlin. 1933. Eine 27jährige nimmt In Berlin Abschied von der Mutter, um nach England zu emigrieren. Was an persönlichen und bewußt erlebten allgemeinen Schicksalen dazwischen Hegt, ist auf 350 Seiten in englischer Sprache erzählt. Das Buch heißt»Restless Flags«(Ruhelose Fahnen) und ist bei Constablc und Co. Ltd. in London erschienen. Die Eltern sind Kleinbürger in Berlin O. Lilo erlebt das typische Schicksal des großstädtischen Kriegskindes. 1918 sieht sie rote Fahnen und hört, wie ihre Mutter die Kommunisten verflucht, doch sie versteht nichts davon. ITjährig wird sie Lehrmädchen in einer Leihbücherei beim Post dam er Platz. Hier stillt sie ihren Bildungshunger und erlebt erste Liebesabenteuer. Aus schwüler Luft rettet sie sich in die Frische der Wandervögelbewegung. Sie wird Mitglied einer unpolitischen aber republiktreuen Gewerkschaft: Jungsozialisten, Nie-wieder-Krieg, Nacktkultur, und andere Bewegungen der Zeit treten zum ersten Mal in ihren Gesichtskreis. Es gibt Ausflüge, Reisen, Diskussionen, platonische Freundschaften, doch das Ganze endet mit Krach und Bruch. spanischen Ereignissen eine eminent internationale Angelegenheit gesehen, und sie haben es verstanden, aus jeder Schwäche der anderen Nutzen zu ziehen. Sie wissen, daß wenn die Welt alarmierter wird, es genügt, eine einfache Deklaration abzugeben, die die Achtung der Integrität von Spanisch-Marokko und den Balearen enthält, damit wieder Ruhe eintritt. In Marokko sind es in der Tat noch die rebellischen Generale, die wie man von außen beurteüen kann, das Kommando zu führen scheinen; die wachsende Germanisierung des Protektoratsgebiets ist noch nicht dazu gelangt, das Hakenkreuz auf den weißen Burnus des Kalifen zu sticken. Auf den Balearen hat sich die zu deutlich sichtbar gewordene Silhouette des Grafen Rossi diskret zurückgezogen; aber alle seine Mitarbeiter sind geblieben. Auf den canarischen Inseln, die viel zu sehr vergessen werden, arbeiten die Marinetechniker sehr aktiv, ohne Geräusch zu machen. Wenn man Garantien gibt— die übrigens von jenen gegeben werden, die die Verletzung der Verträge zur Praxis ihrer internationalen Politik gemacht haben— und wenn man sie mit einem Seufzer der Erleichterung hinnimmt, so vergißt man, daß für die praktischen Zwecke und unter dem Gesichtspunkt der Drohung gegen die Demokratie des Westens eine Einflußzone dieselbe Bedeutung hat wie ein annektiertes Gebiet. Es genügt den römischen und den Berliner Kanzleien zu wissen, daß die Balearen und die canarischen Inseln, ohne daß ein Flaggenwechsel erfolgt, morgen ausgezeichnete Flotten- und Luftstützpunkte unter Franco sein werden, die zur restlosen Verfügung Ihrer tatsächlichen Besitzer stehen würden, und daß Im marokkanischen Protektorat ohne jede Notwendigkeit der Aen- derung der Verträge Hunderte von deutschen Agenten sich niederlassen könnten mit dem Auftrag, im benachbarten Gebiet Unruhe zu stiften, und daß die von dem Generalissimus eingeladenen Techniker dafür sorgen würden, daß die während der Periode der Rebellion begonnene Arbeit gekrönt werde. In wessen Dienst wird das Spanien von morgen stehen? Im Dienste des internationalen Faschismus, der seine Pranke gegen die Existenz der westlichen Demokratien erhebt, oder im Dienste der kollektiven Sicherheit und des Friedens, im Dienste einer wohldefinierten Politik, die in erster Linie mit den Interessen Frankreichs und Englands zusammentritt? Das ist für mich der grundlegende Gesichtspunkt. Indem ich die wesentlichsten Elemente zur Beurteilung dieser Frage offen lege-, wünsche ich, daß die Stimme des republikanischen Spanien gehört werde, das sich schlägt und sein Blut vergißt nicht allein für sich seibat, sondern für alle Demokratien gegen den Faschismus. 1926 geht Lilo nach Hamburg und nimmt dort eine Stellung an. Ein junger Mann bringt sie in den Kreis der Jungdemokraten, an dem sie mit lebhaftem Interesse teilnimmt. Sie bewlhbt sich um eine Anstellung bei der Partei, deren Größen sie auf einer Konferenz In Heldelberg kennen lernt, und wird schließlich rechte Hand des Generalsekretärs der Jungdemokraten in Berlin. Jetzt beginnen auch bekannte Figuren aufzutauchen: Koch, Külz, Georg Bernhard und Lemmer(für den sie ein sehr durchsichtiges Pseudonym erfindet). Sie ist nun überzeugte Demokratin, erkennt aber, daß sich im kapitalistischen System die soziale Gerechtigkeit nie verwirklichen läßt. So müßte sie Sozialdemokratin werden, fände sie nicht, daß die Sozialdemokratie. eigentlich noch rechts von den Jungdemokraten stände...! Nach dem Zusammenbruch der demokratischen Partei kann sie sich doch nicht zum radikaldemokratischen Experiment ent- schliessen— einer hoffnungslosen Parteigründung, die einige ihrer Freunde unternehmen — sondern tritt in die Sozialdemokratische Partei ein. Inzwischen ist es schon kurz vor zwölf. Sie erlebt eine Hitlerversammlung, deren barbarischer Fanatismus sie abstößt. Sie steht nun, politisch geschult, in den Reihen der Sozialdemokratie. Mit Bitterkeit im Herzen, aber in klarer Erkenntnis, daß es anders nicht geht, stimmt sie 1932 für Hindenburg. Am Morgen nach dem preußischen Staatastreich kommt sie in eine parteigenössische Familie und findet ihren Freund Karl übernächtig in Reichsbanneruniform— er hat die ganze Nacht gewartet. ob ihn die Führer nicht rufen würden... Dann kommen die Wahlsiege Hitlers, der steigende Terror, die Verzweiflung, die Rechter Hand, linker Hand, beides vertauscht... Stände sie nicht mit allen Detail in Westdeutschlands größtem Blatte, dem»Westdeutschen Beobachter«, man könnte glauben, daß der nachstehende Bericht über eine Gerichtsverhandlung in Köln eigens erfunden sei. um die deutsche Rassengesetzgebung zu verhöhnen. Fritz Kirchheimer heißt er, 23 Jahre alt, Reisender, so strohblond sein Haar, so blau sein Auge, so hell sein Teint, daß er »nach seinem gesamten Aeußeren keineswegs den Eindruck machte, ein Judenstämmling zu sein«. Er war es aber mit der ganzen Quantität seines Blutes, das ungeachtet der arischen Fassade in orientalischer Sinnenlust gärte. Eines Tages lernte er in einem Restaurant ein junges Mädchen kennen, in deren Herz er sich mit dem Raffinement seiner Rasse einzuschmeicheln verstand, zumal sie keine Ahnung davon hatte, daß es sich bei ihrem Geliebten und Wohngenossen"m einen Juden handelte. Soweit ist die Geschichte mitsamt ihrer Szenerie vor Gericht ziemlich banal. Hier aber entwickelte sich die folgende Tragikomödie. »W i e der A»n geklagte nicht den Eindruck eines Juden machte, so sehr war die Zeugin von geradezu auffallend jüdischem Typus. Auf den ersten Blick hätte jeder Unbefangene sie zweifellos für eine Vollblutjüdin angesehen. Wenn der Angeklagte mit diesem Einwand gekommen wäre, so würde er damit bestimmt keinen Zweifel erweckt haben. Die Zeugin erklärte aber, sie sei arischer Abstammung und katholischer Religion. Allerdings wußte sie von ihrer Mutter nur, daß sie ein angenommenes Kind gewesen war. Von ihren Großeltern mütterlicherseits wußte sie überhaupt nichts, hatte diese auch nie gekannt. Nach ihrer eidlichen Bekundung hat sie zuerst nicht gewußt, daß der Angeklagte ein Jude war.« Es lag also ein Kurzschluß vor, der die klare Linie der Rassen- und Sippenforschung auf peinliche Welse unterbrach! Der hochblonde Fritz, die tiefschwarze Grete: zwei lebendige Zeugen gegen die Güntherseben Rassentafeln, die zum Glaubensbekenntnis und zum Wissenaschatz des Natl onalsozialls- mus gehören. Der Staatsanwalt der Kölner Strafkammer wollte die Problematik dieses aufregenden Tatbestandes, der an sich schon heimtückisch und staatsfeindlich war, am liebsten übergehen. Er donnerte wider die »Dreistigkeit« des Angeklagten und forderte gegen den noch gänzlich unbestraften Fritz eine Zuchthausstrafe von zwei Jahren drei Monaten nebst drei Jahren Ehrverlust. Mehrere Stunden hindurch dauerte die Beratung der Kammer. Aus der Gerichts- bibllothek wurde ein Buch nach dem andern beordert, um sich über die Möglichkeit rassi- Verwirrung. Lilo nimmt von ihrer Mutter, einer gläubigen Hitlerverehrerin, Abschied und fährt nach England. Das Buch würde verdienen, auch in deutscher Sprache zu erscheinen. Es ist in Form einer Selbstbiographie ein wesentlicher Beitrag zur Geschichte der jüngsten Vergangenheit, und für die Politik ist manches daraus zu lernen. Man begreift, daß die junge Generation von 1925 ganz anders als etwa die von 1890 die Sozialdemokratie erleben mußte— das war nicht mehr die kleine geächtete Minderheit, zu der man sich In schweren Inneren Kämpfen durchrang, sondern eine regierungsfähig gewordene Massenpartei, die an den politischen Verstand appellierte, nicht mehr an die Phantasie und an die Leidenschaft. In Lilo Linkes Darstellung, die den Eindruck großer Aufrichtigkeit macht, würde das Gefühl überhaupt kaum noch eine Rolle spielen, wenn es nicht als Abwehrreaktion gegen die braune Barbarei lebendig würde. War am Ende diese Wiedererweckung eine geschichtliche Notwendigkeit?' F. St. Aufsa�fthemen— zeitgemäß Deutsche und Polen mitten im Göring-Beek- Arrangement... »Der Auslandsdeutsche« vom April dieses Jahres in Stuttgart, der vom»Deutschen Auslandsinstitut« in dieser»Stadt der Auslandsdeutschen« mit mannigfachen fetten Spesenrechnungen, die man an Herrn Göb- bels weiterzuleiten hat, herausgegeben wird, schreibt über das auch noch außerhalb einer gewissen Kabinettspolitik ganz interessante Thema des Verhältnisses der Deutschen und Polen: scher Abnormitäten oder Qaerrerbindungwn im Zusammenhang mit den Nürnberger Gesetzen zu informieren. Wir kennen das Resultat dieses Studiums nicht im einzelnen, sondern nur das Ende der Verhandlung: Vertagung, weil sich das Gericht nicht entschließen könnte, ein Urteil wegen Rassenschande zu fällen,»ehe nicht auch die Abstammung der Zeugin geklärt sei«. Eingehende Erhebungen sollen feststellen, ob die Zeugin»einwandfrei artscher Abstammung« oder vielleicht»nicht- arischer Herkunft« sei. Im letzten Falle würde natürlich überhaupt keine Rassen- schande vorliegen... Fritz K. mußte jedenfalls wieder in die Untersuchungshaft zurück. In acht Wochen soll er wieder vor Gericht erscheinen. Möge es der Himmel gnädig mit ihm meinen; daß die Untersuchung der Sippentafel seiner Grete eine ausreichende Portion nichtarischen Blutes konstatiert! H. Wohnungsnot wädist— Wohnungsbau nimmt ab!: Um ihrer Vorliebe für kostspielige Parteipaläste willen und um die phantastische militärische Aufrüstung durchführen zu können, haben die Nationalsozialisten jahrelang den Wohnungsbau in der rigorosesten Welse gedrosselt. Die vorher für diesen sozialen und gemeinnützigen Zweck zur Verfügung gestellten öffentlichen Mittel wurden gestrichen, so daß der Zuwachs von Wohnungen und Kleinsiedlungen, der unter dem»Weimarer System« beträglich zugenommen hatte, im Dritten Reich stark zusammenschrumpfte. Die Folge war, daß die Wohnungsnot sich verschärfte. Weiterblickende Kommunal- und Sozialpolitiker signalisierten den Machthabem die Folgen, die sich beim Anhalten dieser Entwicklung ergeben könnten. Das führte schließlich dazu, daß die Kreditsperre für den Wohnungsbau ein wenig gelockert und außerdem mit viel Reklame eine Aktion für den Bau von Arbeiterwohnungen eingeleitet wurde. Aber diese Aktion ist sehr rasch stecken geblieben. Der Rohstoffmangel, den man bei der Aufrüstung nicht spürbar werden lassen möchte, der auch den Bau der Parteipaläste kaum verzögert— er wird für die neuerliche Einschränkung des Wohnungsbaues verantwortlich gemacht. Im ersten Vierteljahr 1937 hat der Wohnung s- und Siedlungsbau Im Vergleich zum ersten Vierteljahr 1936 einen bedeutenden Rückgang zu verzeichnen. So ist die bi der Baubeginne auf 18.070, die Zahl der Bauerlaubnisse auf rund 20.500 zurückgegangen. Bei den ersten beträgt der Rückgang 8.7%, bei den letzteren gar 18.3%! Die Bauanträge selbst sind nur um 13% zurückgegangen, ein Beweis dafür, daß für einen erheblichen Teü der geplanten Wohnungsbauten der notwendige Unbedenklichkeitsbescheid verweigert worden ist. Auch die Zahl der mit Kleinsiedlungsmitteln hergestellten Wohnungsgebäude ist von 1481 im ersten Vierteljahr 1926 auf 787 im ersten Lohn und Arbeitszeit »Unebenes Gelände in der Lohnfrage« In der letzten Rede, die Joseph Göbbels anläßlich des Kirchenkonfliktes am 28. Mai in der Deutschlandhalle gehalten hat, war im ersten Teü eine Regiestörung passiert. Göbbels hatte zweimal angesetzt, um mit den bekannten Argumenten gegen Lohnerhöhungen zu sprechen. Das Verhängnis, daß jede Lohnerhöhimg eines Preiserhöhung im Gefolge haben müßte, hätte sich im Ausland erwiesen. Aber hier versagte die Claque, denn es ist wohl auch den dümmsten Nazis nicht verborgen geblieben, daß im Dritten Reich ohne Lohnerhöhung eine furchtbare Teuerung der Lebensmittelpreise um sich gegriffen hat. Nach den neuen Feststellungen des Instituts für Konjunkturforschung wird für Butter eine Preissteigerung von 35 Prozent, für Margarine sogar um 44 Prozent seit 1933 ausgewiesen. Göbbels half sich bei dieser Stelle seiner Rede über das eisige Schweigen seiner unbegeisterten Hörer mit der Bemerkung hinweg:»Ich weiß, daß das unpopulär Ist.« Die Entwertung der Löhne wird aber außerhalb der Deutschlandhalle noch weit bitterer empfunden. Es ist bald komisch, mit welchen Mitteln gegenüber dieser wachsenden Mißstimmung nun der»Aufklärungsdienst« betrieben wird. Die»Soziale Praxis« vom 21. Mai bringt umfangreiches statistisches Material über die»Arbeitsverdienste in der deutschen Industrie«. Wir wollen nicht wiederholen, wie diese Ergebnisse errechnet worden sind. Die neue amtliche Lohnerhebung, die sich auf 15 Gewerbe erstrecken soll, wird diesmal um zwei große Industrien gekürzt. Einmal ist die eisen- und stahlerzeugende Industrie, über die zuletzt im November 1935 berichtet worden war, inzwischen aus der Gesamtstatistik herausgenommen worden und zum anderen ist stillschweigend der gesamte Bergbau verschwunden. Es muß ferner auffallen, daß für die verbleibenden Gewerbe Löhne aus den Erhebungen vom August 1935, Dezember 1935, März 1936, Juni 1936 angegeben werden. Die letzte amtliche Erhebung vom Dezember 1936 wird unterschlagen, so daß Vierteljahr 1937 also um rund 50%, zurückgegangen! Besonders scharf hat sich diese rückläufige Entwicklung im Wohnungsbau im März 1937 auageprägt. In diesem Monat betrug in den Groß- und Mittelstädten die Abnahme der Bauerlaubnisse 29.9%, der Baubeginne 26.2%. Daraus darf geschlossen werden, daß die mit dem Mangel an Baueisen begründete Einschränkung des Wohnungsbaues in den folgenden Monaten noch fühlbarer und die Wohnungsnot. unter der freilich nur die ärmeren Bevölkerungsschichten zu leiden haben, noch drückender werden wird. die ganze Veröffentlichung überhaupt nur überholte Zahlen enthält. Es ist auch in keiner Weise ersichtlich, inwieweit Zeit oder Akkordlöhne zugrunde gelegt sind. Trotzdem bleiben die errechneten Löhne hinter den tatsächlichen Arbeitsverdiensten zurück, wie sie noch im Statistischen Jahrbuch 1933 aus der Zeit der Republik bekanntgegeben werden mußten. Im Baugewerbe ergeben sich z. B. folgende Vergleichsziffem: Bruttostundenverdienste (in Pfennig) 1932 1935 1936 Aug. Sept. Juni Maurer..... 97,9 80,2 80,9 Zimmerer.... 99,8 84,0 84,1 Bauhilfsarbeiter.. 81,6 68,0 69,0 Tiefbauarbeiter.. 70,9 61,0 62,1 Die»Soziale Praxis« hebt hervor, daß die Steigerungen der Löhne in den Gewerben, in denen die Zunahme des Arbeitsbedarfes besonders stark ist, den höchsten Grad erreicht hat und führt die Metallindustrie als Beispiel an. Die Zahlen zeigen, daß in diesem Zweig, d. h. in der Rüstungsindustrie, die Löhne hinter der früheren Zeit ebenso zurückbleiben wie die der Bauarbeiter. Metallverarbeitende Industrie: 1931 1935 1936 « Okt. Dez. Juni 113,9 96,4 98,3 101,7 84,5 86,9 79,0 65,8 66,8 Facharbeiter.. Angelernte Arbeiter Ungelernte Arbeiter In den übrigen Gewerben ist der Lohnrückgang im Dritten Reich gegenüber der Zeit vor 1933 noch deutlicher. Wir erwähnten das Bau- und Metallgewerbe, weil die»Soziale Praxis« beide hervorhebt und auf Grund ihrer Veröffentlichung zu dem Ergebnis gelangt, daß die Löhne allgemein vom März bis Juni 1936 um rund 2 Prozent gestiegen seien, das Blatt fügt aber selbst hinzu: »Die Ursache hiefür liegt in einer Verlängerung der durchschnittlichen wöchentlichen Arbeitszeit um etwa 1,7 Prozent im Gesamtdurchschnitt.« In einer Bemerkung zur Lohnsteigerung in der Metallindustrie heißt es; »Diese Erhöhung dürfte überwiegend auf ein stärkeres Gewicht der Ueberstunden- zuschläge zurückzuführen sein.« Tatsächlich liegt in der verlängerten Arbeitszeit der Schlüssel zu den Lohnschwankungen, die sich zwischen 1935 und 1936 ergeben haben. Die Löhne sind unter dem Hitler-Regime dauernd gesunken, ein geringer Teü des Lohnverlustes wird ausgeglichen durch eine maßlose Ausbeutung der Arbeitskräfte In verlängerter Arbeltszeit. Die Hitler-Regierung hatte 1933 die Internationale Arbeitskonferenz verlassen, weil sie jede Bindung an den Achtstundentag los sein wollte. Heute zählt Deutschland zu den Ländern mit der längsten täglichen Arbeitszeit Die sog. Arbeitszeltverordnung war 1934 derart abgeändert worden, daß die Bemessung des Arbeitstages ganz in das Belieben des Betriebeführers gestellt ist. Ein Achtstundentag existiert nicht mehr. In der Rüstungsindustrie ist die zehn- bis zwölf- stündige Arbeitszeit längst keine Seltenheit mehr. Es gibt Tarifordnungen, in denen für Arbeiter, bei denen in erheblichem Umfang »Arbeitsbereitschaft« vorliegt, wie Wächter, Pförtner, eine wöchentliche Arbeitszelt von 60, aber auch 72 Stunden zulässig ist. In den Betriebsordnungen ist die Einschaltung von Sonn- und Feiertagsarbeit vorgesehen. Außerdem kann der Ausfall an Arbeitsstunden innerhalb von vier Wochen nachgearbeitet werden, ohne daß eine Ueber- stundenvergütung zu erfolgen braucht. Die Erklärung der»Sozialen Praxis«, daß im Durchschnitt eine Arbeitszeitverlängerung um 1,7 Prozent erfolgt sei, ist von der Wahrheit nicht weniger weit entfernt, wie die übrigen Zahlen dieser Statistik. Sie kann das Komma streichen und wird mit 17 Prozent ungefähr das Richtige treffen. Es gibt allerdings eine unfreiwillige Arbeitszeitverkürzung im Dritten Reich, nämlich in jenen Betrieben, die trotz der Heeresaufträge Feierschichten einlegen oder Kurzarbeit anordnen müssen,-weil ihnen die Rohstoffe fehlen. Die Regel aber bildet in der Rüstungsindustrie ein unerträgliches Arbeitshetztempo, dessen gesundheitsschädliche Folgen aus neueren amtlichen Veröffentlichungen bereits herauszulesen sind. Das ganze Lohnelend der deutschen Industriearbeiter ist nur zu ermessen, wenn man die ohnehin unzulänglichen Wochenverdienste im Zusammenhang mit der übermäßig langen Arbeitszeit betrachtet. Dieses erschreckend bunte Bild des heutigen Deutschland deutet die»Soziale Praxis« nur ganz verschwommen an, indem sie zum Schluß ihrer Uebcrsicht schreibt: »Das Lohnniveau bildet keineswegs ein einförmiges ebenes Gelände, es ist ein abwechslungsreiches Gebiet mit vielen Höhen und Tiefen. Das lassen die Lohnerhebungen deutlich erkennen.« Einige Wochen vorher hatte die»Soziale Praxis« noch soviel Mut, die soziale Notwendigkeit einer Verkürzung der Arbeitszeit auszusprechen, heute wird nur noch von dem unebenen Gelände der Lohnfrage gesprochen. Daß Herr Göbbels in seinen Phantasien über die soziale Leistung des Führers das Wort Arbeitszeit nicht zu gebrauchen wagte, versteht sich am Rande. In den weiteren Unterhaltungen über »Schönheit der Arbeit« dürften die Nazis manchmal daran erinnert werden, daß eine sozial erträgliche Arbeitszeit noch wichtiger wäre, als Blumentöpfe an den Fenstern der Fabrik. »In den wenigen Schulen Ostoberschlesiens. in denen noch deutsche Lehrkräfte unterrichten, wurden in den letzten Tagen von den Schulinspektoren eingehende Prüfungen durchgeführt. Hierbei hatten die Kinder in den unteren Klassen sechs bis zgbn Fragen, in den oberen Klassen bis dreißig Fragen zu beantworten. Einige dieser Fragen verdienen es wirklich. hier wiedergegeben zu werden: Wer gefällt Euch besser: Hitler oder PUsudski? Welcher Adler gefällt Dir besser; der polnische oder der deutsche? Warum kommen die Deutschen nach Polen einkaufen? Was geschieht mit Schlesien nach Ablauf der Genfer Konvention? Es bedarf wohl keiner Erläuterung, zu welchem Zweck diese Fragen gestellt werden____< Nein, einer solchen Erläuterung bedarf es nicht! Ebenso wenig, wie der vom»Führer und Reichskanzler« inaugurierte und vom »Reichsjägermeister« mit gelegentlichem Bärenschießen untermauerte deutsch-polnische»Freundschaftsvertrag«. Nur das wäre allerdings zu erläutern, ob solcher Chauvinismus hüben und drüben der Grenze überhaupt vegetieren könnte, wenn— nun ja, wenn es eben nicht die von einein gewissen Reichspropagandaministerium mit Schwung betriebene»völkische« und»rassische« Idee mit allem Zubehör gäbe! „Freiwillig«* Es hat wieder so viele Eltern- und Schulbeschwerden gegen den totalen Jugenddrill gehagelt, daß die Leitung der Hitler-Jugend sich endlich genötigt sieht,»Abhilfe zu schaffen« und ihren kleinen Soldaten eine gewisse Freizeit für die Schularbeiten einzuräumen. Nur leider— die Sache hat einen Haken. In der Presse wird nämlich bekanntgegeben; »Für die Sommerarbeit der HJ hat die Reichsjugendführung einen neuen Dienstplan ausgearbeitet, der in diesen Tagen den nachgeordneten Dienststellen bekanntgegeben wird. Der Dienstplan unterscheidet zwischen dem Pflichtdienst und einem Freiwilligendienst. Zum Pflichtdienst gehört der Heimabend, der einmal wöchentlich durchgeführt wird und zwei Stunden dauert. Ferner einmal im Monat eine Wochendendfahrt oder eine Tagesfahrt. Ein Sonntag im Monat ist dem Sport vorbehalten. In der sportlichen Betätigung wird jetzt in den Sommermonaten vor allem auch der Geländesport bevorzugt werden. Dazu kommt Kleinkaliberschießen, bezw. Luftgewehrschießen für das Jungvolk. Ueber diesen Pflichtdienst hinaus steht es allen Jungen und Mädeln frei, sich an dem freiwilligen Sportdienst, der wöchentlich einmal zwei Stunden und an zwei Sonntagen des Monats durchgeführt wird, zu beteüigen. Ein Sonntag für die Wochenendfahrt, ein Sonntag für den Pflichtsport, zwei Sonntage für den freiwilligen Sport. Das sind vier Sonntage, und mehr pflegt ein Monat nicht zu haben. Neu ist nur, daß es nun auch einen»freiwilligen« Dienst gibt, der natürlich genau so freiwillig ist wie etwa die Winterhilfsabgaben oder das Anhören der Führerreden oder der l.-Mai-Aufmarsch. Wehe dem Kind, das fernbleibt. Immerhin— die Eltern sollen sich noch einmal beklagen! Die HJ zwingt doch keinen— die Jungen wollen ja schießen statt zu lernen!— So werden Beschwerdeführer durch Gaunertricks mundtot gemacht. Die Stimme des Blutes In der»Preußischen Zeitung« Nr. 144 erschien folgende Anekdote: »Ludwig Börne befand sich in seinem zwanzigsten Lebensjahr mal in der Gesellschaft einiger älterer Herren und wurde gegen seinen Willen in ein Gespräch verwickelt. Einer der Herren, der sich mit seinem Standpunkt nicht durchsetzen konnte, denselben aber um so heftiger vertrat. fuhr den jungen Börne, der seine Meinung geschickt zu vertreten wußte, mit folgenden Worten barsch an:»Als ich noch so ein junger Mensch war wie Sie, war ich noch ein recht großer Esel!« »Da haben Sie sich aber ganz hervorragend gehalten!« antwortete Börne kurz und verließ die Gesellschaft.« Ein böswüliger, m eckerischer Einsender hat also nachprüfen wollen, ob in seinem Redakteur»die Stimme des Blutes« spricht. Sie hat nicht gesprochen, er hat den Juden Ludwig Böme-Barbuch nicht gewittert, er hat ihm sogar gegen einen Arier recht gegeben, die ganze Blubo-Erziehung war für die Katz. Kleine Regiefehler Auf einer»Kulturtagung« in Danzlg sagte Göbbels unter anderem nach dem»Angriff«: »Es sind auch noch niemals in Deutschland so viele Talente entdeckt worden wie heute, niemals ist so viel gebaut, gedichtet, komponiert und gemalt worden, wie in den letzten vier Jahren, und niemals hat über dem Künstler eine so großzügige staatliche Organisation als warmherziger Förderer gewaltet wie heute, als ein Förderer, der ständig auf der Suche nach Talenten ist und sich jedes Talents annimmt, das er nur finden kann.« In der gleichen Nummer des»Angriff« liest man in einem Bericht über eine Tagung der Reichsstelle für Förderung des deutschen Schrifttums in Nordkirchen: »In den Vorträgen kam zum Ausdruck, daß der Reichtum des deutschen Lebens nicht durch Uniformierung geschmälert werden dürfte. In diesem Zusammenhang verdient der Ausspruch Hagemeyers Beachtung, daß schöpferische Vorgänge sich nicht organisieren ließen, und daß man Geduld üben müsse, damit die schöpferischen Kräfte, die einmal kommen offene Ohren finden.« Dieser skeptische Hagemeyer scheint noch nicht genügend ausgerichtet zu sein. Wenn er diese Extratour wider die Ansichten seines Herrn und Meisters nur nicht hart büßen muß! Feuerwehr! »Der Reichsführer SS und Chef der Deutschen Polizei stellt in einem Runderlaß fest, daß die von ihm angestrebte Verjüngung des Führerkorps der Feuerwehren, die für die Schnelligkeit des Einsatzes unbedingt notwendig ist, nicht überall durchgführt wird... Der Reichsführer wendet sich auch gegen die vielfach auf Grund der bisherigen Vorschriften noch üblichen»Führer- wählen« und erklärt, daß Führerwahlen, die auf Grund von Mehrheitsbeschlüssen der Mitgliederversammlungen Zustandekommen, mit den Grundsätzen der nationalsozialistischen Weltanschauung nicht vereinbarsind...«« (Deutsche Zeitungsmeldung) Die braune Schlammflut Von Röhm und Schirach bis zum Pater Soundso auch wo Ich spreche hier als deutscher Fa-| Und die Kirche segnete ihre braunen schaft berichten können? Und damit und Führers Liebling. Ein Günstling Gömilienvater, dessen kostbarstes Streiter. Wer hätte damals geahnt, daß würde an den Kern der jetzigen Dreck- rings, Staatsrat und Intendant des Berlipersönliches Gut auf Erden seine vier mußte des Scheins Kinder sind... Ich kann als solcher diese Kostgänger sämtlicher affären gerührt. Der deutsche Familien- ner Staatstheaters, die Gefühle der um die Seele und um Kirchen, daß diese braunen Schmarot- vater sucht vorzubeugen: wegen heiraten. Eine Ehe zwischen den Körper ihrer Kinder betrogenen zer des Christentums einige Jahre später>> Man wird mir vielleicht entgegenhalten: zweien, die beide in punkto punkti durchEltern verstehen, deren kostbarstes mit erpreẞten Geständnissen öffentliche so etwas kann auch wo anderes vorkommen. aus» artfremd« empfinden und dem eigeGut hier vertierten und skrupellosen Jugendschändern ausge- Schauprozesse gegen tausend Priester und Gewiß, es kommt anders nen Geschlecht huldigen. In Berlin pfeiliefert gewesen ist. Nonnen liefern und die saftigsten Ver- vor, und dann greifen auch selbstverständ- fen es die Spatzen von den Dächern. Ver( Göbbels am 28. Mai.) handlungen per Rundfunk übertragen lich die Staatsanwaltschaften ein und tun nünftige Menschen betrachten das als Nicht die verlogene Reinigerpose, nicht würden, um Kruzifix und Altar bis zur dem Recht Genüge. Dafür sind ja die Ge- Privatsache, sofern die annormale Verandas Geschimpfe gegen die Kirche, nicht die Unkenntlichkeit zu bedrecken! Wer hätte setze geschaffen. Wenn man mich nun fragt, lagung nicht gerade Minderjährige gefährkünstlich aufgedonnerte Entrüstung über das noch vor einem Jahre ahnen können, warum die Verhandlungen in solchen Fällen det. Aber daß dieselben Braunen als Sitdie» Verbrechen hinter Altar und Kloster- als Hitler die Seinen ausziehen ließ, um nicht öffentlich sind, so antworte ich: Weil tenrichter auftreten, die sich mit pervermauern<<, nicht dieses Wühlen im Schwü- die spanischen Klöster, Non- es bisher noch keinem anderen sen Günstlingen umgeben, die Röhmlinge len, war an Göbbels jüngster Rundfunk- nen, Priester und Kruzifixe Arm in Stand eingefallen ist, solche auf die Jugend losließen und in den Hänrede das Widerlichste. Nein, das Beschä- Arm mit Allahs Kriegern zu retten? Wer Schweinereien zu decken, und weil den der Hitlerjugend wie in den SA- Kamendste für das deutsche Volk war das Logik, Gesinnung oder den Hauch eines sich außerdem in keinem anderen Stand eine sernen noch heute reichlich zu reinigen Gebrüll, mit dem das braune Publikum sittlichen Gedankens im braunen Gewürge derartige hordenmäßige Unzucht hätten, das macht diese Heuchelei eckeldas Getobe des Propagandi begleitete, das sucht, wird immer wieder genarrt werden. breitgemacht hat wie in dem in Frage ste- haft bis zum Erbrechen. hysterische Gekreisch verhetzter Hitleri- In diesen Niederungen gilt nur ein Ge- henden.<< Diesen Sumpf kennt Göbbels sehr gut ohne zu und er weiß, wie man Kardinälen den In einer Mund stopft. Er droht allen, die in diedeutliches Wort riskieren ken:» Hängt die Priester! An danke: Wie bleiben wir an der Krippe? Mit solcher Stirn zu lügen, den Galgen!« Das Gewieher, wenn Wie retten wir uns vorm Weltgericht! ersticken, das will gelernt sein. Hitlers Schimpfgewaltigster zwischen Al- Hätte sich die Kirche völlig gleichge- ganzen Bewegung machte sich diese ser Sache ein tar und Sakristei umher wühlte, Sexual- schaltet, die Jugend dem Schwertgott aus- bodenmäßige Unzucht breit! Nirgends könnten: schmutz mit Segen, Kruzifix und Christus- geliefert und Hitler mehr gelten lassen, wurde dem Maskulinen krankhafter gehul-» Untersteht sich noch einmal eine dieser als Christus kein Hahn hätte digt als in der Nazipartei. Die deutsche Stellen, Mißtrauen gegen die Unantastbarhunderttausender Kinder, Unreifer, nach dem gekräht, was hinter Kriminalpolizei könnte das aktenmäßig be- keit und Sauberkeit der deutschen Justiz zu Halbwüchsiger. Es geht uns Klostermauern vorgeht, und legen. Röhm, Heines, Ernst, eine Reihe säen, dann werden wir einige sehr hohe schlecht, das Volk meutert, die Rohstoffe Priester könnten heute noch in deutschen hitlerscher Jugendführer, waren dem Osaf Personen des Klerus vor die Notwenfehlen- auf! werft ihm Mönche und Non- Gassen umhergehen, ohne bespien zu wer- mindestens zehn Jahre vor digkeit stellen, vor Gericht unter Eid Rede bildern berichtete. Und das vor den Ohren Wenn nen vor. Her mit der Jugend, impft sie den. Aber die Kirche bestand auf einem dem 30. Juni als aktive Homos be- und Antwort zu stehen.<< mit Haß und Gemeinheit, besudelt jeden Minimum von Gedankenfreiheit und alt- kannt. Sie blieben trotzdem seine Lieb- Eine feine Erpressermethode. Geisteskampf, damit diese Jugend immun christlicher Ideologie. Also mußte nach linge; er machte die Böcke zu Gärtnern.» hohe Personen< des Klerus vorhanden gegen geistige Waffen werde! Welch altem Rezept» Korruption und Reinigung« Die antifaschistische Presse hat vor 1933 sind, die von den Verbrechen gewußt hasozialistischer Freidenker möchte mit die- gespielt werden. den schwulen Sumpf des braunen Lagers ben oder allerhand auszusagen hätten, ser volksschändenden, bestialischen Art >> Die NSDAP hat selbst ein klares Bei- immer wieder aufgedeckt, ganze Listen warum zitiert man sie nicht vor Gericht? des Kirchenkampfes irgend etwas gemein spiel gegeben, als sie 1934 über 60 Personen, brauner Perverser und Schänder aufge- Der deutsche Familienvater gibt damit zu, haben? Die braune Methode ist stets die die in der Partei diese Laster zu stiften such- stellt nichts geschah. Die Kin- daß es nicht um Reinigung geht, gleiche, um welchen» Hauptfeind« es sich ten, kurzerhand erschießen ließ, derschänder blieben Jugend- sondern um politische Greuelproimmer handelte. Immer überschlägt sich daß so rief Göbbels aus. In den Berichten der führer. Erst als einige der Oberschwu- pa ganda, man vor den> hohen die Entrüstung über die Splitter in den Nazipresse fehlt dieser Passus. Wurde er len in den Verdacht oppositioneller Gesin- Personen« Halt macht, um drohen, Augen der anderen und immer ist Ab- hinterher als peinlicher Zungenschlag nung gerieten und mit der Berliner Clique bluffen und politisch erpreswechslung in diesem Programm. Innen- empfunden? Reut Göbbels das» kurzer- in Rivalitätskämpfe gerieten, erst da und sen zu können. wie außenpolitisch. Welche außenpoliti- hand erschossen«, daß es nicht in den Be- deshalb erfolgte der 30. Juni. Hunderte Wenn der Vatikan nicht selbst der Gesche Kampagne, bei der die Gegner nicht richten kommen darf? Das deutsche Volk wurden gemeuchelt, die nichts mit den fangene politischer Intrigen und reaktiozum Abschaum und Kultur- könnte ja fragen: Warum denn da- 175ern zu tun hatten. närer Umtriebe wäre, so könnte er den schreck degradiert wurden? Das be- mals keine Prozesse? Hätten die Noch heute spielen Röhmlinge in der braunen Reinigern eine Antwort geben, gann mit Rußland, ging mit Litauen Röhmlinge etwa zuviel über den stinken- NSDAP eine leitende Rolle. Baldur von die selbst einem Göbbels die Luft verweiter, eines Tages könnte es ebenso gut den Nazisumpf und Hitlers Mitwisser- Schirach ist immer noch Jugendführer schlüge! Nicaragua sein.» Oesterreich auf dem Wege zum Bolschewismus!<< Selbst Habsburg konspirierte mit dem Kreml gegen Europa. Dann die Tschechoslowakei. Welch eine täglich üppiger werdende Lügenflut, bis die englische Das Reichsheer als nationalsozialistische Versorgungsanstalt Oeffentlichkeit dagegen aufstand. Dann Spanien. Die» roten Horden<< schänden Die für den Offiziersnachwuchs| leute und Oberleutnants, die aus Männer im Reichsheer dem Hunderttausend- Mann- Heer Nonnen, brennen Klöster und Kirchen nie- verantwortlichen die Hände. Die meisten jungen stammen, oft aus dem Mannschaftsstand der, bedrohen die europäische Kultur. ringen Zwischendurch Amerika. Ein Senator Leute, die ihnen von der Partei als besonders emporgestiegen und» echte, wehrhafte Solspricht gegen die braune Barbarei, ein geeignet teils empfohlen, teils aufgezwungen daten sind«, und endlich in» die jungen etwas beweisen soviel Selbstüberschätzung, Offiziere, die erst durch den wie Lubbe präpariert wurde und wie die GeNew Yorker Bürgermeister italienischer werden, bringen in den stapo Geständnisse erpreẞt. Herkunft prangert die braune Weltgefahr Schmarotzertradition, Ahnungslosigkeit und Nationalsozialismus an. Auf, dreht den Spieß um: in Amerika Brutalität mit, daß sie jede Disziplin stören Stand gesetzt wurden, Soldat zu was schlimmer ist die Mannschaf- werden. regiert die Gangsterei. Neger werden gelyncht, gegen Streikende wird der Gummi- ten in eine unheilbare Oppostionsstimmung predigt: knüppel losgelassen. Bei uns ist er abge- hineinkommandieren. Da offenbar Bitten und schafft. Seht die Bilder und Artikel im Beschwörungen erfolglos geblieben sind, ver>> Schwarzen Korps<: Neger braten über sucht man es gegenwärtig mit einer dem Lynchfeuer, streikende Arbeiter bre- sichtigen Pressekampagne. Hier und da erscheinen chen in Maschinengewehrfeuer zusammen. Ihr redet vom deutschen KZ? Erziehungs- militärischen und Erholungsparadiese sind das! aufgezäumt. Der braune Offiziersnachwuchs und voroffensichtlich von hohen Stellen inspirierte Artikel, die sich mit der Nachwuchsfrage auseinandersetzen und zu sehr pessimistischen Feststellungen gelangen. So zitiert die Deutsche Allgemeine Zeitung«< in ihrer Nummer 232 das» Militär- Wochenblatt<< Diese Chuzpe, diese verlogene biedermännische Kulturmaske, das hat ihnen, seit die Welt besteht, keine Despotie vorgeahmt, das macht ihnen keine nach. Sozialdemokraten, Juden, Liberale, Stahl- Nr. 43: helm, Deutschnationale eine Opposition nach der anderen wurde zum Hauptfeind und Kulturschreck Zum Schluß blieben die Reservatrechte der Kirche. Vorsicht, der Führer hat sein Attentat auf die Volksrechte mit dem lieben Gott gemacht. Vorsicht. Wozu haben wir unser altes Klischee? Und dann gings los: Priester im Bunde mit dem Bolschewismus. Die Kirche zerreißt die deutsche Volksgemeinschaft, weil ihr Judengott international ist... Liefert uns die Jugend aus. Wollt ihr Beweise für die Verkommenheit dieser Kirche? Hier sind sie! Unzucht in Nonnenklöstern, Knabenschändungen hinter Klostermauern, Kirchen als Puff... So lauteten die Ueberschriften der Nazipresse. Die Dreckschleusen auf, damit wir wiedermal als die reinen Reiniger dastehen. Daß es Ihnen gilt die folgende Straf» Der Nationalsozialismus, der die neue Wehrmacht schuf, brauchte die jungen Leute. Er nahm sie, weil Offizier- Sein auch Wissensmut bedeutet, vorerst aus der gesetzt angezweifelt und als aufgebläht hingestellt werden, sah sich der Kreisleiter von Altenkirchen veranlaßt, an sämtliche Geistliche seines Kreises Einladungen ergehen zu lassen zur Teilnahme an den Prozessen für die kommenden Wochen und Monate. Sein Dienstwagen steht jederzeit zur Verfügung. Bei einer größeren Zahl von Anmeldungen werden kostenlose Sammeltransporte organisiert.<< Als ob Prozeß- Aussagen in Deutschland könnten! Man weiß doch, Neuer Vormärts Sozialdemokratisches Wochenblatt Schicht der Abiturienten. Später Herausgeber: Ernst Sattler; verantwenn es die Zeit zuläßt, werden die Bah- wortlicher Redakteur: Wenzel Horn; nen für alle offen sein. So aber kommen Druck:> Graphia<; alle in Karlsbad. die jungen Offiziere aus der Sicher- Zeitungstarif bew. m. P. D. Zl. 159.334/ VII- 1933. heit des Bürgertums und genießen Printed in Czechoslovakia. Kontrollpostamt: den Schutz der finanziellen Sicherheit des Poštovní úřad Karlovy Vary 3. AufgabeVaters, so wie es auch sein muß. postamt Karlsbad 3. Das ist der Ursprung der jungen Offiziere und ihnen gegenüber Der» Neue Vorwärts« kostet im Einzelsteht keinesfalls gleich- verkauf innerhalb der ČSR Kč 1.40( für ein geartete Mannschaft unseres Quartal bei freier Zustellung Kč 18.-). Preis der Einzelnummer im Ausland Kč 2.-( Kč Heeres. Der junge Offizier darf nicht spielerisch 24. für das Quartal) oder deren Gegenwert sein und labil, er darf nicht den grauen in der Landeswährung( die Bezugspreise für nationalsozialistischen das Quartal stehen in Klammern): Argentinien Hoheitsabzeichen tragen, um gut aus- Pes. 0.30( 3.60), Belgien: Belg. Frs. 2.45( 29.50), die Ausgeglichenheit Bulgarien Lew 8.-( 96.-). Danzig Guld. 0.45 des soldatischen Dienstes als schönen und( 5.40), Deutschland Mk. 0.25( 3.-), Estland E. Kr. 0.22( 2.64), Finnland Fmk. 4.-( 48.-), erfreulichen Beruf zu nehmen. die Rock mit dem zusehen und um >> Man hat merkwürdige Begründungen gehört, warum ein junger Mann den Offizierberuf als Laufbahn wählt. Da herrsche Betrieb, sagt der eine. Ein anderer läßt durchblicken, daß er sich eine gute Versorgung für die Zukunft verschafft. Andere sind vielleicht der Ansicht, weil sie sportlich gewisse Leistungen aufzuweisen haben, sei der Offizierberuf das Richtige für sie. Sie sehen verächtlich auf diejenigen herab, die sich wissenschaftlich weiterbilden und oft als Bücherwürmer evrschrien sind. Im Herbst dieses Jahres werden wieder viele junge Deutsche als Fahnenjunker bei den Regimentern der Wehrmacht eintreten, beim Heer, bei der Marine und bei der Luftwaffe. Sie müssen sich darüber klar sein, daß die höchsten Ansprüche an sie vom ersten Tage an gestellt werden. Jeder Ausdruck ernster Besorgnis. Das heißt, deut> Wenn der Nationalsozialisprüfe sich reiflich, ob er dazu jederzeit be- licher gesagt: ist. Wenn nicht, bleibe er mus fortfährt, das Offizierskorps mit aufgeblasenen braunen Nullen zu verseuchen, dann ist die ganze, von ihm geschaffene Armee im Ernstfall für die Katz<<. beit fern.< Noch deutlicher wird Dr. Joachim FischerMainz in einem Aufsatz, der durch die auch hinter Klostermauern» Wehrbeilagen der Tagespresse geht. Er sexuelle Irrungen, Wirrungen und Verbre- teilt die deutschen Offiziere in> drei wesenschen gibt, war längst vor Hitler bekannt. mäßige Gruppen< ein: in die Stabs offiDie es sagten, wurden von Hitler und den ziere, die den Weltkrieg mitgemacht haben Seinen als Gottlose, Religionsschänder und denen» unsere bewundernde Achtung gedenunziert. Damals hört, weil sie die Brücke für die militärische und Untermenschen brauchte das Hakenkreuz die Kirche noch. Zukunft bauten«; in die jungen Haupt- l Die jungen Offiziere dürfen nicht glauben, Frankreich Frs. 1.50( 18.-), Großbritannien daß der Nationalsozialismus zusammen mit d 4.-( Sh. 4.-), Holland Gld. 0.15( 1.80). Itaden Generalen und Stabsoffizieren nur lien Lir. 1.10( 13.20), Jugoslawien Din. 4.50 ge-( 54.-), Lettland Lat. 0.30( 3.60), Litauen Lit. deswegen die Wehrmacht schaffen habe, daß sie dort eine 0.55( 6.60). Luxemburg B. Frs. 2.45( 29.50), sichere Zuflucht in ein wohl Norwegen Kr. 0.35( 4.20), Oesterreich Sch. 0.40( 4.80), Palästina P. Pf. 0.020( 0.216), ausgestattetes Leben haben.< ( Zitiert nach» Wehrhaftes Volk«, Bei- Polen Zloty 0.50( 6.- 5, Portugal Esc. 2.( 24.-), Rumänien Lei 10.-( 120.-). Schwelage der» Preuß. Ztg.<< Nr. 136.) das ist der den Kr. 0.35( 4.20), Schweiz Frs. 0.30( 3.60), Das ist mehr als Meckerei Spanien Pes. 0.70( 8.40), Ungarn Pengö 0.35 Freifahrt ins Schlammbad Aus Koblenz läßt sich die> Preuß. Ztg.< ( 4.20), USA 0.08( 1.-). Einzahlungen können auf folgende Postscheckkonten erfolgen: Tschechoslowakei: Zeitschrift» Neuer Vorwärtse Karlsbad. Prag 46.149. Oesterreich:> Neuer Vorwärtse Karlsbad. Wien B- 198.304. Polen:> Neuer Vorwärts< Karlsbad. Warschau 194.797. Schweiz:> Neuer Vorwärts Karlsbad. Zürich Nr. VIII 14.697. Ungarn: Anglo- Čechoslovakische und Prager Creditbank Filiale Karlsbad. Konto> Neuer Vorwärts Budapest Nr. 2029. Jugoslawien: berichten: Anglo- Čechoslovakische und Prager Credit>> Da in gewissen Kreisen, insbesondere bank. Filiale Belgrad. Konto Neuer Vorin denen der Geistlichkeit, die Tatsachen- wärts<, Beograd Nr. 51.005. Genaue Bezeichberichte über die Sittlichkeitsprozesse fort- nung der Konten ist erforderlich.