Neuer Vorwärts Sozialdemokratisches Wochenblatt Nr. 211 SONNTAG, 27. Juni 1937 Dachau Aus dem Inhalt: Propaganda als Waffe Vorgeschichte der Priesterprozesse Hitlers Zwing- Uri Verlag: Karlsbad, Haus„ Graphia" Preise und Bezugsbedingungen siehe Beiblatt letzte Seite Das Dritte Reich provoziert Neue Gefährdung des Weltfriedens durch den Faschismus 1. Der Viererpakt der Kontrollmächte Das Dritte Reich hat der Welt einen neuen und niederschmetternden Beweis geDie deutsche Regierung droht, gegen das republikanische Spanien auf eigene Faust vorzugehen. So wie die Deutschen und die Italiener Franco bei der ErobeSozialdemokraten im Zuchthaus Bericht: Die Terrorjustiz im Dritten Reich die war eine verzu Tod im Kerker In Breslau wurden 21 SozialdemokraUnter den eingekerkerten Sozialdemokraten haben sich in der letzten Zeit folgende Todesfälle ereignet: EBlinger- Dresden, im Zuchthaus Waldheim erhängt, Karl Rüfer- Hamburg, in der Zelle erhängt, August Erder, im Gefängnis in Landau gestorben, a. M., Valentin Schmetze r- Frankfurt im Zuchthaus gestorben, Landgerichtsrat Dr. Hirschberg- Berlin, im Zuchthaus Braunschweig plötzlich gestorben. ihr liefert, daß es sich niemals grund- Ueber Verurteilungen von Sozialdemokraten handlung durch die Aufsichtsorgane Reihe früherer sozialdemokratischer sätzlich für eine Politik des durch Gerichte des Dritten Reichs, die in den sehr brutal. Funktionäre statt, von denen bereits im Friedens entscheiden wird. Wenn letzten Monaten erfolgt sind, geben Die Frau von Franz Faltner befindet Herbst vorigen Jahres 150 in Halle verhafdie Zeichen für brutale Gewaltanwendung» Deutschland- Berichte« der Sozialdemokrati- sich noch im Frauenkonzentrationslager Mo- tet worden waren. Unter den damals Vergünstig zu sein scheinen, vergessen die schen Partei folgenden zusammenfassenden ringen. Seine beiden Kinder sind in Für- hafteten befand sich der frühere VolksblattDiktatoren alles, was sie soeben erklärt sorgeerziehung. redakteur Wielepp, ein Mann von nahezu haben und schlagen mit dem Säbel auf den >> Im April 1935 war der Kellner Josef In Karlsruhe wurden drei Sozialdemo- 70 Jahren, sein Kollege Kasparek, Verhandlungstisch. Sie sind eine dauernde Lampersberger aus der Tschechoslowakei kraten vor dem Zweiten Senat des Volksge- gleichfalls über 60 Jahre alt und der frühere Bedrohung des Friedens. nach Deutschland verschleppt, nach mehre- richtshofs wegen» eines hochverräterischen Leiter der sozialdemokratischen Studentenren Monaten auf Grund einer tschechoslowa- Unternehmens«. zu zehn, acht und fünf gruppe Wolf. Der fünfte Senat des Kamkischen Intervention jedoch freigelassen wor- Jahren Zuchthaus und Ehrverlust ver- mergerichts, der in Halle zusammengetreten den. Sein Münchner Freundeskreis wurde urteilt. war, verurteilte alle führenden Angeklagten verhaftet und zunächst fünfviertel Jahre In einem Prozeß gegen 17 Kommunisten zu Zuchthausstrafen von durchschnittlich rung von Bilbao geholfen und damit den lang in Untersuchungshaft gehalten. Ende und Sozialdemokraten vor dem Landgericht 3 Jahren wegen angeblicher illegaler Fortdemokratischen Westmächten ihre Ver- Juli 1936 wurde die erste Gruppe von 31 An- Stuttgart, bei dem insgesamt 28 Jahre führung der Sozialdemokratischen Partei. achtung des Rechts ins Gesicht geworfen geklagten in München vor Gericht gestellt. Zuchthaus und acht Jahre Gefängnis haben, so will jetzt Hitler unter offenem Es wurden Zuchthausstrafen und Gefängnis- hängt wurden, erhielt der Sozialdemokrat ten, SAP- Leute und Kommunisten abgeurHohn auf die sogenannte Nichtinterven- strafen bis zu drei Jahren verhängt. Das Eugen Wick, früherer Unterbezirksleiter teilt. 9 Sozialdemokraten erhielten Strafen tionspolitik das republikanische Spanien Verfahren gegen den Hauptangeklagten der Sozialistischen Arbeiter- Jugend, 1 Jahr von 6 Monaten Gefängnis bis zu 3 Jahren erwürgen. Zu diesem Zweck ist seine Flot- Faltner, München, und gegen zwei weitere 3 Monate Gefängnis, sein Bruder Emil 9 Zuchthaus. te im Mittelmeer und er droht, daß sie Angeklagte wurde damals abgetrennt. Erst Monate Gefängnis, ein weiteres Mitglied der wieder schießen werde. nach abermals neun Monaten, also nach mehr Sozialistischen Arbeiter- Jugend, Erwin Seit der barbarischen Tat von Al- als zweijähriger Untersuchungshaft, wurde Ackermann, ebenfalls 9 Monate. Sie meria haben sich im rasenden Tempo gegen diese Gruppe vor dem Berliner Volks- waren seit Ende 1934 in Untersuchungshaft. eine Reine von wichtigen Ereignissen ab- gerichtshof verhandelt. Zu der Verhandlung In Hamburg wurden folgende Sozialgespielt, die Zeugnis für die unvermindert wurden aus München 30 Zeugen gebracht, demokraten aus Nord- Barmbeck verurteilt: gefährliche Hochspannung in Europa ab- die 14 Tage in einem Viehwagen auf dem Hansen zu 4 Jahren, Oettinger zu legen. England und Frankreich Transport waren. Die meisten von ihnen 3 Jahren, Schumann zu 2 Jahren 9 Monahaben nach der Beschießung von Almeria kamen aus dem Konzentrationslager Dachau. ten, Wiese zu 2 Jahren, Lübsted durch deutsche Kriegsschiffe mit Faltner, der sich während seiner ganzen 2 Jahren Zuchthaus, Spangenberg erDeutschland und Italien einen Haft und auch im Prozeß der ersten Gruppe hielt 12 Jahre Gefängnis. Pakt der Kontrollmächte abge- sehr vorbildlich benommen hatte, wurde zu Vor dem Hanseatischen Sondergericht schlossen, der das offene Zerbrechen der zehn Jahren Zuchthaus verur- wurde der Sozialdemokrat Johann SchröNichtinterventionspolitik verhindern sollte. teilt. Der Staatsanwalt hatte Todesstrafe der wegen Vorbereitung zum Hochverrat Dieses Uebereinkommen stellt eine Ver- beantragt. Der Mitangeklagte Faltners, Jo- zu einer Zuchthausstrafe von 2 Jahren 6 Mowirklichung der Viererpaktsidee dar sef Feuerer, wurde zu drei Jahren naten und zu 3 Jahren Ehrverlust verurteilt. In Chemnitz- Hilbersdorf vergiftete die angewandt auf das im Augenblick bren- Zuchthaus verurteilt, ein anderer Ange- Der Volksgerichtshof in Berlin ver- Frau eines Sozialdemokraten, der zum zweinendste Problem Europas. Es drängt die klagter, Alois Weber, verstarb auf dem urteilte die Berliner Sozialdemokraten A1- ten Mal verhaftet und ins Konzentrationsanderen Nichtinterventionsabkommen in Transport nach Berlin in Halle a. Saale an fred Nowak zu 5 Jahren Zuchthaus und lager geschafft worden war, sich und den Hintergrund. Der Rückzug der demo- Herzschlag. Er konnte die Strapazen Bauernschäffer zu 4 Jahren Zuchthaus. dreijähriges Töchterchen mit Gas. Der 18kratischen Westmächte ist sehr weit ge- der langen Fahrt nicht aushalten. Im Frühjahr fand ein Massenprozeß gegen jährige Sohn blieb am Leben. gangen: zunächst aus dem Völkerbundsrat in den Nichtinterventionsausschuß, dann aus dem Nicht- gierung haben diesen Pakt mit anderen schrieb unser Mitarbeiter Dr. Richard, hat seine gewaltige Aufrüstung unternominterventionsausschuß in die Botschaf Absichten geschlossen. Die englische Re- Kern noch vor dem Bekanntwerden der men und sein Bündnis mit Frankreich so eng terkonferenz der Viererpaktmächte. gierung, die dabei führend gewesen ist, neuen deutschen Provokationen: gestaltet, gerade um kriegerische VerwickDie gefährliche Tendenz, die diesem Rück- hat mit diesem Pakt neue brutale Aktio- Die Einladung des deutschen Außenmini- lungen verhindern zu können. Wenn England zug innewohnt, ist gekennzeichnet durch nen ausschließen, sie hat vor allem die sters nach London soll das deutsch- englische von der Loslösung des Völkerbundspaktes eine Protestnote der Sowjetunion an den Weiterberatung der Zurückziehung der Gespräch in Gang bringen. Spanien, die Er- von den Friedensverträgen spricht, meint es Vorsitzenden des Nichtinterventionsaus- deutschen und italienischen Truppen aus neuerung des Locarnopaktes, die europäische etwas ganz anderes, und gerade das Entschusses. Diese Note verweist darauf, daß Spanien im Nichtinterventionsausschuẞ Friedenssicherung, der Völkerbund und die gegengesetzte von dem, was die deutsche und die vier Mächte keinerlei Mandat zum Ab- sichern wollen. Sie hat den eifrigen, aber wirtschaftliche Zusammenarbeit sollen seinen die italienische Diktatur meinen. Es ist beschluß dieses Paktes gehabt haben, daß wenig fundierten Einflüsterungen Glauben Gegenstand bilden. Dem Teil der englischen reit, deutsches Prestigebedürfnis zu befriedidies Vorgehen völlig ungerechtfertigt sei, geschenkt, daß das Dritte Reich sich aus Oeffentlichkeit, der noch immer an die Siche- gen, aber keineswegs Deutschland freie Hand da die Kontrolle nicht auf die vier Mächte Spanien zurückziehen wolle. Sie hat die rung des Friedens durch freundliche Gesprä- zu kriegerischen Unternehmungen zu lassen. beschränkt sei. Sie nennt diesen Pakt spanische Frage der allgemeinen europäi- che glaubt, und namentlich dem Empire, muß Es ist dieser Gegensatz, um den sich das einen Bruch der Regeln des Nichtinterven- schen Frage unterordnen wollen, weil sie bewiesen werden, daß die englische Regie- Londoner Gespräch im letzten Grunde dretionsausschusses, der die Existenz dieses geglaubt hat, daß das Dritte Reich bereit rung ihre Friedenspflicht erfüllt. Sie sieht hen soll. Ausschusses gefährden könne, als die und sie sei, eine Versöhnungspolitik einzuschlagen. sich dazu um so mehr veranlaßt, lehnt jede Verantwortung für den Pakt Die Gestaltung des Kräfteverhältnisses in Empire- Konferenz in ihrem Schlußkommu- den Gegensatzes im Ausgangspunkt die engund seine praktischen Wirkungen ab.. Europa nach der englischen Aufrüstung, niqué zwar nochmals die Treue Englands und lische Regierung den neuen Versuch unterGerade um dieser gefährlichen Tenden- sowie die wirtschaftlichen und rüstungs- der Dominien zur Völkerbundspolitik hervor- nimmt, entspringt aber nicht nur der Rückzen willen ist die Achse Berlin- Rom auf politischen Schwierigkeiten in Deutschland gehoben, aber zugleich die Loslösung des sicht, die sie auf das Empire nimmt, sondern diesen Pakt eingegangen. Sie hat darin schienen objektiv diese Auffassung zu Völkerbundspaktes von den Friedensverträauch der objektiven Situation, Der» Temp3< eine Handhabe erblickt, um die Sowjet- stützen. Deshalb hat die englische Regie- gen empfohlen hat. Es ist die deutsche Forvom 20. Juni schildert das folgendermaßen: union zunächst in der spanischen Frage, rung dem Abschluß dieses Viererpaktes derung, durch deren Erfüllung man den Wiedann weiter in den europäischen Fragen der Kontrollmächte unverzüglich eine Ein- dereintritt Deutschlands in den Völkerbund überhaupt zu isolieren. Sie hat diesen Pakt ladung an den deutschen Reichsaußenmi- zu erreichen hofft. Freilich bleibt es unklar, als eine moralische Isolierung des republi- nister Neurath nach London folgen lassen. was sie bedeuten soll. Denn von den Bestimkanischen Spanien ausgedeutet und aus- Dort sollte ein deutsch- englisches Gespräch mungen der Friedensverträge sind ja heute gebeutet. Sie hat auf die verderblichen in Gang gebracht werden, das alle euro- nur noch die territorialen in Kraft. Hitlers Rückwirkungen dieses Viererpaktes auf päischen Fragen berühren sollte. den inneren Zusammenhalt der Völkerbundsmächte gerechnet. Sie hat vor allem die Möglichkeit erkannt, diesen Pakt zu Aktionen gegen das republikanische Spa- s nien zu miẞbrauchen. Die BePELL 2. Die Hoffnungen der Westmächte und Mussolinis Ziel ist es allerdings, den Völkerbund auch als Instrument, der Sicherung gegen eine gewaltsame Aenderung der Grenzen auszuschalten, und eben deshalb verlangen sie die Beseitigung von Artikel 16 Ueber die Hoffnungen, die die West- des Paktes, der die gemeinsame Abwehr geDie englische und die französische Re- mächte mit dieser Politik verknüpften, gen den Angreifer statuiert. England aber Daß trotz des unüberbrückbar scheinen>> Der Lauf der Dinge in Spanien hat den beiden Diktaturen einige Enttäuschung bereitet. Die Erfahrung auf dem spanischen Boden hat bewiesen, daß der moderne Krieg trotz der Wirkungskraft der aufgewandten Kriegsmittel notwendigerweise von langer Dauer ist. Denn die neuen Waffen begünstigen die Defensive nicht minder als die Offensive. Diese Lehre mußte Deutschland zögern lassen, die Dinge auf die Spitze zu treiben. Infolge seiner geographischen Lage und seiner ökonomischen und finanziellen Situation konnte es vernünftigerweise keinen Krieg von langer Dauer ins Auge fassen. Zugleich war Berlin überrascht durch die militärische Kraftanstrengung Frankreichs und die finanzielle, die England aufbrachte, um seiner Wiederaufrüstung ihre ganze Größe zu geben. Von da an wurden die ersten Symptome einer Entspannung fühlbar. Die Vermutung wäre vielleicht zu kühn, daß die Leiter des Dritten Reiches definitiv und unter allen Umständen auf eine Gewaltlösung der europäischen Probleme verzichtet haben; aber man kann zugeben, daß sie Im Augenblick auf die Absicht verzichten, systematisch einen Konflikt zu provozieren, und zumindest die Notwendigkeit einsehen, Zeit zu gewinnen und sich für die Zukunft vorzubereiten. Ein neuer Versuch mit der Politik der Zusammenarbeit scheint sich ihnen gerade im Interesse der normalen Weiterentwicklung der deutschen Macht aufzudrängen. Diese Entwicklung kann für die Zukunft Europas vielleicht entscheidend sein, denn die Zeit arbeitet jetzt zugunsten der Konsolidierung des Friedens. Wenn der Krieg schon am Ende des letzten Jahres für die, die versucht sein mochten, ihn zu unternehmen, zu riskant schien, so werden seine Zlis'ken in zwei oder drei Jahren noch viel größer sein, sobald England seine Wieder- aufrüstung vollendet und die französische Militärmacht ganz auf die Höhe gebracht ist. Der Besuch Neuraths in London kann also zum Ausgangspunkt für eine neue Aktion in Europa werden. Er beweist jedenfalls, daß Deutschland noch nicht definitiv zwischen Friede und Krieg gewählt hat, und daß im Augenblick alles zu einer Zusammenarbeit mit den Westmächten drängt, zunächst um das spanische Abenteuer zu liquidieren, dann um die Situation im Westen zu stabilisieren in der Hoffnung, sich damit eine gewisse Bewegungsfreiheit m übrigen Europa vorzubehalten.« Man sieht, der»Temps« erkennt die Situation, ohne sich über die Natur der deutschen Politik viel Illusionen hinzugeben. Das Entscheidende bleibt, wie England sich gerade zur Frage der Bewegungs-, soll heißen Angriffsfreiheit Deutschlands im Osten verhalten wird. Denn gerade die Unentschlossenheit Englands, in Zentral- und Südosteuropa die notwendigen Verpflichtungen zur Friedenssicherung gegen die Diktaturmächte auf sich zu nehmen, bedeutet ja die europäische Unsicherheit. Wie Englands Sprache also lauten müßte, ist ganz klar. Sie wird von dem»Economist« folgendermaßen umschrieben: »Wir glauben, daß in den nächsten Wochen für den Frieden und die Wohlfahrt Europas viel geleistet werden kann; dazu bedarf es nur eines Entschlusses Deutsdhlands auf aggressive Taktik zu verzichten und die Notwendigkeit bestimmter Garantien für diesen Verzicht anzuerkennen. Das gäbe die Möglichkeit vereinter ökonomischer Expansion, die das Vertrauen wieder herstellte, das durch die Furcht vor gewaltsamer politischer Expansion zerstört wurde. Daß Deutschland zuerst durch eine solche allgemeine Befriedung seine Prosperität erlangen würde, liegt auf der Hand. Dafür muß es natürlich einen vernünftigen Preis zahlen, indem es auf die wahnwitzige Autarkie und einseitige Gewaltpolitik verzichtet. Ist Deutschland nicht bereit, diesen Preis zu zahlen, so wäre es eine verbrecherische und feige Verantwortungslosigkeit der britischen Regierung, Herrn von Neurath zu erlauben, mit der Idee nach Hause zurückzukehren, daß Deutschland, so lange es nur die Westgrenzen respektiert, soweit England in Betracht kommt, mit Polen, Litauen, Oesterreich und der Tschechoslowakei nach Belieben verfahren könne. Eine solche unerhörte Verantwortungslosigkeit der britischen Außenpolitik würde England teurer zu stehen kommen als jede andere mögliche Politik.« Aber nicht nur das einflußreiche liberale Wirtschaftsorgan, auch die»M o r n i n g- Post«, das Blatt der Rechtskonservativen, vertritt im Grunde genommen einen ähnlichen Standpunkt. Es wendet sich gegen die alte Lieblingsidee Mussolinis, die jetzt auch von Berlin aufgegriffen wurde, gegen den V 1 e r- mächte-Pakt, der Rußland von der Mitwirkung in Europa ausschließen würde, und meint; »Ein Viermächte-Pakt, der in Deutschland den Eindruck erweckte, als könnte es in Mittel- und Osteuropa unbehindert vorgehen, und der den britischen Einfluß auf dem kontinent schwächen würde, wäre für den Frieden vernichtend.« Das Londoner Gespräch hat also In letzter Linie das Problem zum Gegenstand, ob die finanziellen und ökonomischen Schwierigkeiten der Diktaturstaaten, sowie das große Risiko der Fortsetzung ihrer aggressiven Politik bereits so bedeutend geworden sind, um sie zu einem Zurückweichen zu zwingen.« Wenn das deutsch-englische Gespräch zu einem Ergebnis hätte führen sollen, so hätte die Politik des Dritten Reiches zu- mindestens auf längere Zeit eindeutig definiert werden müssen. Das Dritte Reich hat sich dem entzogen, indem es das Zustandekommen des Gesprächs verhindert hat. Herr von Neurath geht nicht nach Lon- Braime Korruption Schwere Mißwirtschaft in Dresden. Der Dresdner Oberbürgermeister Z ö r n e r hat Selbstmord begangen. In Dresden erhält sich hartnäckig das Gerücht, er sei auf Befehl Hitlers erschossen worden. Zömer war ein korruptes Subjekt. Als Kaufmann in Braunschweig hatte er Bankrott gemacht unter besonders faulen Umständen. Nach dem Bankrott wurde er Sekretär der NSDAP in Braunschwelg. Im Jahre 1930 wurde er Landtagspräsident in Braunschweig. Er zeichnete sich sofort durch knotige Rüpelhaftigkeit und Parteilichkeit aus. Er bereicherte sich schamlos und ganz öffentlich— namentlich nachdem er zum Braunschweiger Oberbürgermeister avanciert war. Er war ein alter nationalsozialistischer Großwürdentrager. Auch der Hauptkassier der Gartenschau in Dresden hat Selbstmord begangen. In der Stadtkasse ist ein Defizit von drei Millionen Mark aufgedeckt worden. Bisher sind 17 Verhaftungen erfolgt. Es wird geflüstert, daß auch Mutschmann seiner Funktion als lauleiter enthoben worden sei. Hitlers Zwing-Url Die Bauten am Obersalzberg. Aus der artidöatiidhen Ecke Bayerns, wo Adolf Hitler seinen Samnjensitz aufgeschlagen hat, wissen die»Deutschland- Berichte« der Sozialdemokratischen Partei Interessantes zu erzählen: »In der letzten Zeit herrscht im Volke besondere Erbitterung über die Großbauten am Obersalzberg. Mit dem Kauf don— und den Vorwand dazu liefert eine neue dreiste Provokation der deutschen Gewaltpolitik. 3. Neue Provokationen Die Gewalthaber des Dritten Reiches glauben, daß Frankreich, Sowjetrußland und seine Verbündeten im Augenblick aktionsunfähig sind. Dieser Glaube stützt sich auf den Rücktritt der Regierung Blum in Frankreich und auf die Abschlagung der'Köpfe des russischen Generalstabs durch die Stalindiktatur. Man scheint im Dritten Reich geglaubt zu haben, daß bei einem Sturze der Volksfrontregierung in Frankreich das Chaos folgen würde— ganz im Stile jener Lügen, die die Göbbelspropa- ganda im Januar 1937 in der Marokkokrise verbreitete. Damals meldete das Deutsche Nachrichtenbüro, in Südfrankreich sei eine Sowjetrepublik ausgerufen worden. Es ist bezeichnend für die putschistische Mentalität der Diktatoren, daß sie in einem parlamentarischen Regierungswechsel nur den Anlaß sehen, um ein Chaos zu schaffen. Was mag sich Hitler vom Rücktritt der Regierung Blum versprochen haben? Was er sich von den russischen Vorgängen verspricht, hat die dirigierte Presse des Göbbels offen zu erkennen gegeben. Daß diese Vorgänge vom Dritten Reich zu neuer provokatorischer Aktivität benutzt werden, ist übrigens eine direkte Widerlegung der Anklage Stalins und Woroechi- lows gegen die erschossenen Generale: denn als diese angeblichen Verräter noch am Leben waren, hätte ein provokatorischer Angriff größere Chancen gehabt— wenn sie eben Verräter gewesen wären. Diese russischen Vorgänge haben bewirkt, daß überall weiße russische Emigranten sich schon fertig machten, nach Rußland zu gehen, weil sie die Zeit für ihre Zwecke gekommen glaubten. Ebenso wie sie hat Hitler seine Zeit für gekommen gehalten. Er ist schleunigst von Berchtesgaden nach Berlin geeilt, weil er»den Tag« nahe glaubte. Er hat damit gezeigt, daß sein Friedenswille darin besteht, daß er losschlagen will, sobald eine günstige Konstellation da ist. Aus dieser Einschätzung der Lage sind drei Aktionen des Dritten Reiches entsprungen: Wiederaufnahme der Hetze und der Drohungen gegen die Tschechoslowakei, neue brutale Gewaltdrohung gegen das republikanische Spanien, Brüskierung Englands durch die Absage des Besuches von Neurath. Die Hetze gegen die Tschechoslowakei geht von dem Fall des Nationalsozialisten Bruno Weigel aus, der angeblich in der Polizeihaft in Prag mißhandelt worden sein soll. Mit amoralischer zynischer Schamlosigkeit wirft das Dritte Reich einem demokratischen Lande vor, wessen es selbst in den Augen der ganzen Welt hunderttausendfach schuldig ist. einer kleineren Villa hat es bogormen, dann kamen die Garagen dazu, dann ein Anbau usw. usw. und heute gräbt»der einfache Arbeiter seines Volkes«, Adolf Hitler, mit einer Belegschaft von 4000 Mann den ganzen Berg um und richtet sich ein wie ein römischer Cäsar. Alte herrliche Bauernhöfe werden niedergerissen, der Grund wird zwangsenteignet. In einem Hofe z. B. lebte eine alte Bäuerin, deren Vorfahren 200 Jahre auf diesem Besitz saßen. Sie wurde gegen Entschädigung zwangent eignet, weil sie sich weigerte, von ihrem Besitz zu gehen. Der alten Frau ist das so nahe gegangen, daß sie den Verstand verlor und heute in einem Irrenhaus untergebracht ist. In der Bevölkerung werden solche Vorfälle eifrig kolportiert und tragen viel dazu bei, daß auch Hitler seinen Glorienschein bei uns verliert. Die Großbauten, die am Obersalzberg errichtet werden, sollen viele Millionen kosten. Für die Wachmannschaft wird eine eigene Kaserne gebaut. Die Wache hat die SS- Standarte Deutschland in München übernommen. Z. Zit. ist die Wachmanosohaft eine Kompagnie stark. Jeden Monat wird sie ausgewechselt und kommt von München eine neue Abteilung. Was aber in unserem Bezirk die Stimmung gegen die Nazis besonders verschärft, ist die Anwesenheit aller hohen Parteifunktionäre Die Bevölkerung bei uns kann das Leben und die Taten der Parteiführer aus nächster Nähe beobachten. Man sollte glauben, daß die Anwesenheit Hitlers und seiner Trabanten im Volke besonders begrüßt würde. Nichts davon trifft zu. Hltlerwirdwohl im ganzen Reich kaum einer solchen Ab- Für die Drohung gegen Spanien wird der Fall des Kreuzers»Leipzig« herangezogen. Es waren Gerüchte verbreitet, daß er torpediert worden sei. Da der Kreuzer offenkundig gänzlich unverletzt sein Unwesen im Mittelmeer treibt, hat das Dritte Reich selbst diese Gerüchte am 15. Juni als Lügen dementiert. Am 19. Juni sind sie wieder ausgegraben worden, und nun wird behauptet, auf der»Leipzigs habe man vier Torpedos verbeiiaufen gehört. Ob man auch gehört hat, daß es spanische Torpedos waren, bleibt dunkel. Jedenfalls genügte den Gewalthabern des Dritten Reiches diese offenkundige Lüge zur Begründung rier Forderung, daß der Viererpakt der Kontrollmächte gegen das republikanische Spanien zu funktionieren habe. Sie demonstrierten den Westmächten, was nach deutscher Auffassung der Sinn des Viererpaktes sei Sie forderten eine Flottendemonstration der vier Machte vor der Küste des republikanischen Spaniens, sie forderten, daß die Regierung von Valencia mit Gewalt des Gebrauchs ihrer Flotte beraubt werde. Mit einera Worte, sie verlangten von Frankreich und England, daß diese beiden demokratischen Mächte gemeinsam mit den faschistischen Angreifern das republikanische Spanien erwürgen sollten. Sie haben hinter diese Forderung die Drohung gestellt, daß sie sich selber»ihr Recht« verschaffen würden, wenn der Viererpakt versage, das heißt, sie haben mit einem neuen Fall Almeria gedroht. Nicht genug, daß deutsche und italienische Flugzeuge, deutsche und italienische Artillerie Bilbao zu Fall gebracht haben, sollen deutsche und italienische Schiffe die Regierung von Valencia ihrer Kriegsmarine berauben— und englischen und französischen Schiffen war die schändliche Rolle zugedacht, dabei mitzuwirken, um dieser verbrecherischen Tat auch noch den Schein des Rechts zu geben. Die Durchführung eines solchen Planes hätte nicht nur den Verrat Englands und Frankreichs an dem republikanischen Spanien bedeutet, sondern zugleich die Anerkennung der Hegemonie der Achse Berlin-Rom in Europa. Die englische und die französische Regierung haben diese Zumutung abgewiesen. Das aber hat nun wieder das Dritte Reich als willkommenen Vorwand benutzt, um den Besuch Neuraths in London abzusagen und sich der unangenehmen Notwendigkeit zu entziehen, über seine politischen Zielsetzungen Auskunft zu geben. 4. Sie warten auf den Tag Das ist die Antwort des Dritten Reiches auf die Hoffnung, daß objektive Notwendigkeiten seine Politik zwingen würden, »im Augenblick darauf zu verzichten, systematisch einen Konflikt zu provozieren«— so wie es der»Temps« formuliert hatte. Wenn das nicht systematische Provokation ist, dann gibt es überhaupt keine! lehnung im Volke begegnen wie hier im Rupertigau, wo er seine Hochburg aufbaut. Hier kann das Volk die Groß- mannasucht der Naaäbonzen in ihrer schönsten Entfaltung bewundem. Hier zeigen sich die Herren Deutschlands, wie sie wirklich sind. Rücksichtsloaee Vorgehen gegen die El nh edmischen, wüste Herr anmani eren und Größenwahn, das kann jeder sehen, der hier lebt.« Verhaffunjofen Pfarrer Niemöller, der Führer des oppositionellen Protestantismus, sowie drei andere führende Mitglieder der Bekenntniskirche, sind verhaftet worden. Gegen den Bekenntnispfarrer J a c o b i, der ebenfalls verhaftet ist, erhebt die Gestapo kriminelle Anschuldigungen. Die Methode solcher Anschuldigungen ifft so hinlänglich bekannt, daß kein Mensch ihnen Glauben schenkt. Brauner Terror in T$4 Das Buch von Erich Remarque»Der Weg zurück« wird in Amerika verfilmt. Der deutsche Konsul in Los Angeles, Georg Geyßling, hat zwölf an diaeem Film beteiligten Schauspielern Briefe gesandt, in denen er ihnen mit dem Boykott in Deutschland droht. Jeder Film, In dem sie künftig auftreten würden, so schrieb er ihnen, würde in Deutschland verboten werden, falls sie an Filmen teilnehmen, die der deutschen Regierung mißliebig sind. Das amerikanische Staatsdepartement hat eine Untersuchimg über dieses Erpressungsmanöver angeordnet. Im ersten Augenblick, der den Hitler, Görin g, Göbbels und ihrem militärischen Anhang günstig erscheint, treiben sie die Dinge bis an den Rand des Auabruchs, zeigt das System sein wahres Gesicht. Ueber ihre wahren Absichten kann demnach kein Zweifel mehr sein. Sie wollen freie Hand im Osten, das heißt, sie wollen in einem günstigen Augenblick zunächst die Tschechoslowakei überfallen. Sie wollen von Spanien aus Frankreich an der Pyrenäengrenze bedrohen. Sie wollen ganz allgemein ihre Absichten mit Gewalt durchsetzen. Wenn sie England neutralisiert wüßten, würden sie Frankreich sofort überfallen. Sie haben den bösen Willen dazu in diesen Tagen ganz eindeutig erkennen lassen. Sie legen nicht einmal mehr Wert darauf, ihre Provokationen zu bemänteln. Der Fall Weigel zeigt, daß ihnen der dümmste Vorwand gerade gut genug ist, um gegen die Tschechoslowakei vorzugehen. Gegenüber dem Fall des Kreuzers »Leipzig« und der»gehörten« Torpedos ist der Reichstagsbrand geradezu noch ein genialer Vorwand. Daß sie diese offenkundige Lüge den ISngländern als Begründung eines Verrats an Spanien zumuten, zeigt ihren Zynismus. Sie haben diese Lüge in dem gleichen Augenblick serviert, in dem Admiral R a e d e r öffentlich eingestanden hat, daß die»Deutschland« auf die spanischen Regierungsflieger geschossen habe. Sie wollen die Engländer nicht nur zu Mitschuldigen ihrer eigenen Verbrechen machen, sondern auch zu Teilhabern an ihren Lügen und an ihrer moralischen Verkommenheit. Ueber die Franzosen glauben sie bei diesem Versuch mit hohnvoller Vernachlässigung hinweggehen zu können. Gewalt geht vor Recht und Moral— das ist ihr Prinzip. Diese Ausnutzung einer ihnen günstig erscheinenden Situation zu lärmenden Provokationen, die zu dem von zynischer Schamlosigkeit sind, ist Geist vom Geiste des Wilhelminimus. Wän- rend der Konferenz von Algeciras 1906 verlockte eine parlamentarische Krise in Frankreich die deutsche Politik zu provokatorischstem Vorgehen. Der deutsche Gesandte, Graf Tattenbach,� drohte mit dem Krieg und prahlte:»Wir werden sie wie die Wanzen zerdrücken.« Vor dem Beginn des Weltkrieges spekulierte die deutsche Militärpartei auf die Regierungskrise in Frankreich und auf die Streikwelle in Rußland. Sie wartete auf»den Tag«. Ihre braunen Nachfolger haben jetzt eindeutig erkennen lassen, daß sie ebenfalls auf »den Tag« warten. Dieser Geist der lauernden Gewalttätigkeit hat schon einmal der Welt die schreckliche Erfahrung des Weltkrieges eingetragen und dem deutschen Volk die noch schrecklichere Erfahrung des Zusammenbruchs! Ein Ermächtigungsgesetz für braune Justiz- Gangsterei Kein Gerichtsfreispruch soll einen» Staatsfeind«< mehr schützen dürfen! Vorgeschichte der Priesterprozesse Alle Länder unter diktatorialer» VerfasZentraler Befehl zum Radhekrieg gegen die Bischöfe. Wie alles sung« verwenden ihre Justiz als Freuden>> schlagartig« funktionierte.- Die Wirkung auf die Katholiken. mädchen ihrer besonderen Staats- und Spitzenräson. Zum Unterschied aber etwa von Aus einer rein katholischen würdige dieses politischen Bütteldienstes,| Aussagen vor, die man rechtzeitig sicherRußland oder Italien geht diese Schändung Großstadt Süddeutschlands keineswegs nur Katholiken, und wenn die stellen konnte. Dieses Material reichte in Deutschland, dem Land der Dichter und wird uns geschrieben: waren, aus, um die deutsche Justiz Denker, nicht ohne theoretische Vorexerzitien, ohne Begriffsabstracta und säuberlich deduzierte Lehrsätze ab. Die Praxis der HitlerJustiz, politische Prozesse, die längst durch ein wohl begründetes Gerichtsverfahren und der seit Herren genügend» unter sich<< wenn es es der Die sogenannten praktizierenden Katho- scheuten sie auch vor respektloser Kritik noch ein deutsches Recht und eine deutliken unserer Diözese wußten schon an ihren Auftraggebern nicht zurück. Aber sche Gerechtigkeit gäbe! auf Jahre Monaten von dem neuen großen Schlage die blasse Furcht um die Karriere war An- hinaus zu beschäftigen. Schon der Gesporn genug. Seit dem jüngsten, von Alles klappte, die Prozesse danke, daß ein Staatsanwalt wagen gegen die Kirche. konnten steigen, und sogar die sprich- könnte, ohne die Genehmigung zuallen Kanzeln verlesenen Hirten-Urteil abgeschlossen waren, wieder aufzuschreiben der Bischöfe, wörtlich bequemsten Vorsitzenden der ständigen braunen Parteibehörde, Anklage dessen rollen, dergestalt, daß Handlungen, wegen Text im engen Einvernehmen mit dem Gerichtshöfe überraschten die Wissenden zu erheben, ist absurd. Nur wenn man es derer früher ein offizieller Freispruch oder durch eine profunde Kenntnis der Materie. hier für richtig hält, einen Beschuldigten Heiligen Stuhl aufgestellt worden war, relativ milde und verständige Urteile überlebten wir in dicker Luft. Sie wußten, daß in jeder Verhand- aus politischen Gründen fallen zu lassen, Dabei ist es zeugungsgemäß ergangen waren, nunmehr charakteristisch, daß es nicht in erster lung mehrere scharfe Aufpas- kommt es zu einer fast stets geheimen mit allerhöchsten Strafmaßnahmen, in den Linie der Inhalt des Hirtenschreibens war, ser der Gauleitung und der Ge- Verhandlung. meisten Fällen sogar mit der Todesstrafe belegt wurden, ist bekannt und hat wesentlich mit dazu beigetragen, der Welt die Augen darüber zu öffnen, wie weit die hitlerdeutschen Siegfriede den moralischen Nihilismus verkörpern. Daß dabei Verurteilungen selbst zum Tode nach sogenannten >> Gesetzen<< ergehen, die erst Jahre nach Begehung der Tat» erlassen< worden sind, ist die beinahe schon als selbstverständlich hingenommene Zutat; beim ersten eklatanten Fall des angeblichen Reichstagsbrandstifters van der Lubbe, der genau nach dieser Norm vom Leben zum Tode befördert wurde, ist es bekanntlich keineswegs geblieben. Es handelt sich also eigentlich schon So um eine Art Gewohnheitsverbrechen der Diktatur! Nur das ist jetzt am Komplex neu, freilich auch typisch deutsch, daß nunmehr auch die feierliche Einholung dieses Rechtsanarchismus in ein theoretisches Stück deutschen nationalsozialistischen> Gedankenguts< zur Rechtstheorie erfolgen muß. Zwar ist um den hier vorliegenden doktrinären Fragenkomplex vorläufig ein Streit in Hitlerdeutschland entstanden, der von den alten» liberalen<< Rechtstheoretikern auf den Universitäten einerseits und den Justizbürokraten Hitlers an den entscheidenden Amtsstellen andererseits einstweilen noch geführt wird. Wie aber schon die Macht im totalen Parteistaat verlagert ist, kann der Ausgang dieser Fehde keineswegs zweifelhaft sein! Es handelt sich theoretisch darum, ob im Strafprozeß( und die Nazis sind ja emsig um fiel. war, ausEs die maßgebenden nationalsozialisti- stapo saßen, in voller Dienstbereit- Göbbels hat unter Beschwörungen des schen Führer so erbitterte, so scharf auch schaft, jeden menschlichen, weltanschau- Führers die Sauberkeit des Dritten Reidie Verurteilung lichen oder juridischen Schwächeanfalll zu ches feierlich gerühmt: Es habe so und so der widerchristlichen protokollieren. Verletzungen des Konkordats darin viele solcher Sünder und Volksverderber lassen. Und nun hat Göbbels gesprochen. kurzerhand erschießen Der Hauptzorn galt der Tatsache, daß es keiner einzigen der mit scharfen Jeder Katholik weiß, daß ihm die Kosten war ein offenherziges BekenntBefugnissen amtlichen seines Studiums zum ausgerüsteten größten Teil von nis zum Staatsverbrechen. Die Uebrwachungsstellen gelungen die der Charitas des Volksvereins in Rheidt Katholiken sind Göbbels für diese Wahrzur Zurückzahlung heitstreue aufrichtig dankbar. Denn die nächtliche Uebermittlung des Schreibens bezahlt worden sind; durch Kuriere aus den Bischofssitzen zu der Summen entschloß er sich freilich erst Kirche hat damit ein neues wirksames den Pfarrämtern zu verhindern. Es war auf Grund eindringlicher Mahnung, als er Propagandamittel gegen die Untaten des ein geglückter Stoß ins Herz bereits materiell saturiert war. Seine mit Dritten Reiches, das unterirdisch und in derbraunen Polizeireputation, erpresserischen Pikanterien geschmückte der Stille die Seelen aufrüttelt. eine Blamage für das kosts pie- Rede, diese Mischung von infernalischen lige und überorganisierte Kon- Haß und durchsichtiger Heuchelei hat in trollsystem. Die telephonischen Ver- der Glaubenswelt die gegenteilige als sie haben bindungen zwischen den verantwortlichen Wirkung erzielt, In der katholischen Kirche sind Gestapostellen und den Propagandabüros sollte. net. den Ministerien unbeeinflußbaren und Göbbelsprozesse Idioten zeugen für Deutschland. Aus Baden- Baden wird einer Anzahl außerdeutscher katholischer Blätter, so der >> Reichspost« in Wien, berichtet: Hier stand ein Geistlicher unter der Andreimal!< mal!< der Gauleiter auf der einen und den Ber- der religiöse Inhalt und die päpstliche und liner Zentralen auf der anderen Seite zeu- bischöfliche Hierarchie von einander unten tagelang von der maẞlosen Wut der trennbar. Der Nachweis von priesterlichen Ueberraschten. Es gab kräftige Nasen Verfehlungen, inszeniert in widerkirchlichen klage von Sittlichkeitsverbrechen, begangen Absichten im politischen Kampf, führt und durchgreifende Strafversetzungen. an einem Schwachsinnigen, den der StaatsDann aber wurde die Rache angeord- unter glaubensstarken Katholiken nur da- anwalt, wie in allen solchen Prozessen üblich, Sie kam nach langen Beratungen in zu, sich noch fester um den von mensch- als Hauptbelastungszeugen antreten ließ, vor dem Gericht. In der Verhandlung fragte der Hauptanreger war das lichen Schwächen Anwalt des Angeklagten plötzlich den Propagandaministerium» schlagartig nicht zu erschütternden Felsen Petri zu Zeugen:» Und wie oft habe ich mich an in der Gestalt der Sittlichkeitsprozesse scharen. Das sollten Göbbels und die anIhnen vergangen?< Antwort:» Zwei- bis da- deren immerhin aus der über fast 2000 gegen Priester und Ordensleute, um auf Dann, der Anwalt den mit der kirchlichen Autorität einen töd- Jahre reichenden Kirchengeschichte geGerichtsvorsitzenden weisend:» Und lichen Streich zu versetzen. Auf Grund lernt haben. Und die Bloẞstellung der wie oft hat sich dieser Mann da mit Ihnen gemeinsamer Beschlüsse des Reichspropa- Bischöfe? Unbezweifelbar, daß einige von eingelassen?<< Diesmal antwortete der Krongandaministers, des Reichsinnenministers ihnen an Autorität eingebüßt haben und des Reichsjustizministers und natür- aber entscheidend wegen ihrer nachsich- zeuge von Göbbels sogar:» Zehn- bis elfDas war freilich dem Vorsitzenden lich im engen Einvernewmen mit dem Füh- tigen Schwäche gegenüber dem Dritten wider den Strich. Eiligst sprach er den karer wurden sämtliche General- Reich und ihrer opportunistischen AnpasOberlandesge- sung an die braune Staatsmacht. Die Ak- tholischen armen Sünder frei und schloß die die Wiederaufnahme eines Verfahrens( zur Durchsetzung der marichts- und Landgerichtsprä- tion der Prozesse und die Drohungen des Sitzung. Was dann er und der mit blamierte braune Staatsanwalt unmittelbar nachher geteriellen Gerechtigkeit<<) sidenten für ihre Bezirke dazu Ministers haben jedoch, wie unzählige pridie zu Unguntan haben, kann man nur erraten: sicher ist, verpflichtet, die schwebenden vate Bekenntnisse und Briefe sten eines Angeklagten stattfindet, in ihren daß der Anwalt, der so eindrucksvoll Herrn Verfahren gegen Geistliche so- die bischöflichen Behörden Bedingungen und Normen gleichgesetzt werGöbbels in fort abzuschließen und beweisen, ihre Position vor den Gläubigen die Propaganda pfuschte, schon den soll mit solcher Wiederaufnahme, die zuam anderen Tage bei sich zu Hause einen Verhandlung zu bringen. Wer viel mehr gestärkt als erschüttert. gunsten des Angeklagten erfolgt! Die Brief vorfand, daß ihm die Anwaltspraxis die Praxis der Gerichte kennt, der kann Hinzu kommt, was jeder weiß: daß es Strafprozeßordnungen aller zivilisierten Staaentzogen sei! ten machen hier mit Recht wesentliche Un- sich eine Vorstellung davon machen, wie in allen Gauleitungen der NSDAP, bei den terschiede, die das eine erleichtern und das schwierig die Durchführung einer solchen Gestapo- und bei den Justizstellen ungeandere erschweren. Sie machen es aus der Anordnung gewesen ist. Fieberhaft wur- zählte Aktenbündel über sittselben» liberalistischen< oder humanistischen de Tag und Nacht gearbeitet. Verteilte liche Verfehlungen von SS- und Vorstellung über das Wesen und die Rolle des Akten mit Zeugenaussagen wurden im Eil- SA- Führern und von Leuten gibt, Hitler. Wir haben kein anderes... und denen die Jugend beider Ge- Es beseelt uns eine uns ag bare und unStaates im Strafprozeß, die auch daran fest- dienst zusammengeholt. Direktoren hält, daß der Staatsanwalt eine objektive Staatsanwälte, Referendare und Assesso- schlechter unter uniformier- bändige Lebensfreude.<< Befehlsgewalt ausgelieBehörde<< darstellt oder doch wenigstens dar- ren knirschten mit den Zähnen wegen der ter stellen soll. Aber das ist es grade, was die auferlegten Ueberstunden. Nicht fert ist. Auch in den erzbischöflichen Nazi- Juristen weit von sich weisen! Ihre Ju- wenige unter ihnen empfanden das Un- Sekretariaten liegen darüber protokollierte dessen>> Reform<< im Sinne eines> deutschen< Strafrechts bemüht) stiz soll Schrecken schlechthin und nichts als Schrecken verbreiten! Ihre Justiz hat sich nicht nach den Bedürfnissen des Menschen und der Menschlichkeit, sondern nach den Anforderungen einer besonderen Staatsapparatur zu richten! Die könnte leiden nicht, mit staatsanwälte, ihnen zur an Anklagen zu erheben, in der beruhigenden Gewißheit, daß ja noch gar nichts verloren ist, wenn der erste Anlauf nicht gleich zur Verurteilung führt.<< Ley hat's gut einfach » Unser Rezept heißt Adolf ( Ley auf der KdF- Reichstagung in Hamburg. Zitiert in» Deutsche Zukunft«. 20. Juni. Brauner Raubzug im Großen Gegen die Familie Lachmann- Mosse, die früher Besitzerin des Verlages Rudolf Mosse in dem> Berliner Tageblatt<< erlassen worden. Die im Reichsjustizministerium, der alte KämpGroßwürdenträger fer Freisler, der NSDAP, hat die Sache vorgebracht und versucht sie gegenwärtig in allen zuständigen Beratungen über die Der Professor- Graf führt auch sehr pla- in Berlin war, Strafprozeßreform wenn zu viel, sondern wenn zu wenig bestraft, durchzudrücken. Innerhalb der Professoren- stisch die wohlerwogenen Gründe dafür an, und» Berliner Volkszeitung erschienen, ist zu wenig die Zuchthäuser angefüllt, zu wenig schaft der deutschen Rechtsfakultäten aber warum die beiden Wiederaufnahmeverfahrens- ein Steuersteckbrief die Richtblöcke bemüht werden. Die bisherige versucht man bei aller Vorsicht in der möglichkeiten bisher im zivilisierten Straf- Familie Lachmann- Mosse, die jetzt in Paris > liberale<< Unterscheidung zwischen Wiederaufnahme zugunsten und zu Ungunsten des Ausdruckweise des Protestes wenigstens recht verschieden behandelt wurden.» Denn wohnt, schuldet eine Reichsfluchtsteuer von an diesem Punkt noch den Rest eines Rechts- was auf Seiten des schuldlos Verurteilten den insgesamt 5.7 Millionen RM.-- entsprechend Beschuldigten schmälert den Beuteanteil staates im Sinne überkommener Zivilisation dieser so aufgefaßten Nazi- Justiz; sie widerCharakter harmloser und häufig auch recht- einem Vermögen von 23 Millionen RM. Wiezu retten. So sind denn zur Stunde die deutspricht ihrem Grundaxiom, das man lich hilfloser Bemühungen um die Darlegung viel von diesem Vermögen noch dem Zugriff Schrecken und Grauen die Menschen in ihrem schen Literaturerzeugnisse, die sich mit den seiner Unschuld trägt, kleidet sich auf Sei- der braunen Gangster unterliegt, ist nicht Dingen des Rechts im> neuen Staat< abgeben, ten des Staatsanwaltes immer in das Gewand Nebeneinander zusammenhalten muß. Im poübereinstimmend mit dem Pro und Contra litischen Strafprozeß- Sonderfall aber dieser rechtstheoretischen Gewissensfrage an>> Staatsfeinde<< nämlich! kein noch so begründeter Freispruch mehr gefüllt. Einer der tapfersten Protestler scheint gestatteten und tief in die Rechtssphären anderer eindringenden Hoheitsaktes; si Professor zwischen Delinquenten und Richtblock drän- der Bonner Kriminal jurist gen dürfen. Wo ein Gericht und ein Einzel- Graf zu Dohna zu sein. In der Zeitschrift faciunt, non est idem richter da schon einmal Rückgrat ausnahms-> Deutsches Strafrecht«( Juni- Heft 37) schil- tun, ist es nicht dasselbe) weise zeigen sollte, wird ihn künftig die über- dert er eindringlich die Folgen der Aufhebung hier in besonderem Maße.<< des alten Rechtsgrundsatzes geordnete» Wiederaufnahme«-Instanz vormaFreislerschen Bestrebungen! chen, wie der Staat solche Sachen angepackt wissen will und man wird ihn hernach entsprechend anprangern dürfen...: Das ist Kern und Sinn des jetzt entbrannten rechtstheoretischen Familienkrachs im Dritten Reich. gegen soll sich künftig Zur Ehre der deutschen Rechtswissenschaft, so weit sie überhaupt noch besteht, sei es gesagt: sie will wenigtens nicht sangund klanglos da vor Hitlers Paragraphengladiatoren kapitulieren! Der Staatsekretär gegen die wie folgt: eines mit allen Emblemen seines Autors ausbekannt. duo Für den Mundgebrauch ( wenn zwei dasselbe der Satz gilt Die nazistische Neue Literatur« ist ein wirklich gutes Witzblatt. Mit besonderem Verdie Buchkritiken gnügen pflegen wir darin Es kann nach Lage der Verhältnisse gar eines Herrn Karl A. Kutzbach zu lesen. Sie keine Frage sein, wer in dieser Schlacht der >> Unter allen Umständen muß es sicher- Gangster gegen die protestierenden Unter- pflegen lustig zu sein. In Heft 6, Jahrgang gestellt werden, daß der rechtskräftig Frei- tanen, auch wenn sie auf hohen Lehrstühlen 1937, bespricht Kutzbach das neueste Versgesprochene erst dann in die Rolle des In- sitzen, Sieger bleiben wird. Hier galt es auf- buch eines Nazidichters, dessen Gedichte er kulpaten wieder zurückversetzt werden zuzeigen, wie der totale Staatsanwalt, der in den höchsten Tönen lobt, denn sie seien kann, wenn durch Richterspruch bekundet »> immer gesund und kräftig für den ist, daß die Voraussetzungen für die Wie- unsterbliche Assessor Wehrhahn aus Gerhard vorliegen. Hauptmanns Komödie Mundgebrauch<. des Verfahrens deraufnahme am Ende des» AufSonst besteht die Gefahr, daß die An-| bruchs der Nation« steht und wie systema- Herr Kutzbach ist klug. Er rechnet vorsorgklagebehörde unbekümmert um einen in- tisch und theoretisch exakt das Dritte Reich lich damit, daß die Nazilyrik nicht dem zwischen erfolgten Freispruch ihre Erhebungen fortsetzt und sich langsam daran gewöhnt, mit unzulänglichem Material die tät vornimmt! die Vollendung und Krönung seiner Bestiali-» Mundgebrauch«, sondern einer... anderweiH. E. tigen Verwendung zugeführt werden könnte, »Propaganda als Waffe« Bemerkungen zu einem Budi Woher eine deutsche Sowjetrepublik ihren Wirtschaftsminister, ihren Finanzminister, ihren Kriegsminister genommen hätte, weiß niemand, aber ihr Propagandaminister war schon lange da. Er brauchte sich nur an den Schreibtisch zu setzen, und es konnte losgehen. Kein Zweifel, wenn Deutschland nicht ein Drittes Reich, sondern eine Sowjetrepublik geworden wäre, dann wäre Willi Münzenberg heute, was Göbbels ist. Nun hat er ein etwa 300 Seiten starkes Buch geschrieben:»Propaganda als W a f f e«, das im Pariser Verlag»Edi- tions du Carrefour« erschienen ist. Es ist— wer bestreitet es,— das Buch eines Fachmanns. Es ist ein gutes und nützliches Buch, das die ungeheuere Betriebsamkeit, Wendigkeit und Verlogenheit der Hitlerpropaganda von allen Seiten schildert, eine gewaltige Menge von Material enthält, wertvolle Anregungen bietet und in seiner Grundtendenz lobenswert ist. Eine andere Frage ist, ob dieses Buch eines Kommunisten auch ein kommunistisches Buch ist. Diese Frage ist zu verneinen. Es ist kein kommunistisches Buch, es ist aber auch kein marxistisches Buch. Mehring und seine Schule hätten CS' vor dreißig Jahren als ein Produkt der »ethisch-ästhetischen« Richtung und als »kleinbürgerliche Seichtbeutelei« abgelehnt. Der deutsche Kommunismus hat auf der theoretischen Flucht vor sich selber längst die Positionen des linken Sozialismus passiert und ist im Begriffe, auch die des rechten zu überholen. Münzenbergs Buch ist ein neues Zeichen dafür. Münzenberg allerdings macht— zum Unterschied von anderen— gerade dort halt, wohin ihm ein Sozialdemokrat noch folgen kann. Man bemerkt bei dieser Gelegenheit, daß auch die meisten Sozialdemokraten im Kampf gegen Hitler nur noch sehr wenig klassenkämpferisch und viel mehr ethisch argumentieren. So verfährt auch Münzenberg. Mit voller Zustimmung zitiert er die Worte von Tho- ma�T Mann: Wir haben es erlebt, daß es falsch ist, den Mächten des Bösen und der Ge- w tf 1 1 allein die Offensive zu überlassen, die Mittel der modernen Propaganda zu ihrem menschenfreundlichen Nutzen zu verwenden. Die Weltlage verlangt, daß der Geist seiner angeborenen Müde und Lässigkeit zum Trotz zu kämpfen und sich zu wehren versteht. Hier wird also nicht das Proletariat aufgerufen zum Kampf gegen die Bourgeoisie, sondern der»Geist trotz seiner angeborenen Milde« gegen»das Böse und die Gewalt«. Ein solcher Aufruf schließt die Anerkennung in sich ein, daß Gut und Böse absolute Werte sind, die sich durch eine Aenderung ihres Standortes im Klassenkampf nicht verändern. Das Böse kann nicht dadurch gut werden, daß es im Namen des Proletariats oder zu dessen angeblichen Nutzen getan wird, sondern es gibt allgemein gültige sittliche Maßstäbe, die an jedes Regime angelegt werden müssen, gleichviel im Namen welcher Klasse es geführt wird. Tatsächlich würde ja auch der Kampf gegen»das Böse und die Gewalt« in Deutschland jede Kraft verlieren, wenn man das Böse und die Gewalt in anderen Ländern mit Stillschweigen übergehen oder gar verherrlichen wollte. Mir scheint, Münzenberg weiß es schon,— wenn er auch noch weit davon entfernt ist, es auszusprechen— daß man den Kampf gegen das Hakenkreuz wirksam nur führen kann nicht als Bolschewik, sondern als Demokrat. Hier beginnt aber eine andere Frage zu spielen, die sich mir bei der Lektüre dieses Buches aufgedrängt hat: kann für den demokratischen Sozialismus, der aus Wissenschaftlichkeit, Wahrheitsliebe, Anerkennung der ethischen Werte seine Kraft schöpft, das Wort»Propaganda« überhaupt noch denselben Sinn haben wie für die nationalsozialistische Demagogie? Daß die Gegner des Hitlerismus Propaganda treiben müssen und abermals Propaganda, daß die Menschen in allen Ländern der Welt aufgeschreckt, aufgerüttelt werden müssen, damit sie den geistigen •Kampf gegen den Feind der Menschlichkeit mit verhundertfachten Kräften aufnehmen, darüber besteht kein Streif Aber das ist eine offene Frage, ob diese geistige Gegenmacht, die der faschistischen Barbarei entgegenzustellen ist, sich derselben Mittel bedienen kann wie jene, oder ob sie nicht vielmehr einen neuen Stil der Propaganda entwickeln muß, der ihrem eigenen Wesen gemäß ist. Für uns Deutsche ist nun diese Frage noch nicht sehr brennend. Wir müssen aus der Not eine Tugend machen. Wir können nicht Aufmärsche von Uniformierten inszenieren, wir können keine Blechmusik ertönen lassen. Wir können auch keine Massenversammlungen veranstalten, in denen schweißtriefende Redner wild um sich schlagen und mit verdrehten Augen das Blaue vom Himmel herunterlügen. Wir haben im eigenen Bereich zuvörderst keine andere Propagandamöglichkeiten als ein kleingedrucktes Flugblatt, heimlich von einem dem anderen in die Hand gedrückt, und die Aussprache eines vertrauten Kreises, bei der keiner die Stimme zu laut erheben darf, damit es der Nachbar nicht hört. Wenn wir aus dieser Enge herausstreben— soll unser Sehnsuchtsziel sein, dann das zu machen, was jetzt die anderen tun? Uniformen, nur andere Litzen? Blechmusik, nur andere Weisen? Rhetorik, die Beifall sucht, sei es auch auf Kosten der Wahrheit und des guten Geschmacks? Es war vielleicht einer der großen Fehler der Weimarer Demokratie, daß sie geglaubt hat, jeder Partei ihre eigene uniformierte Truppe und ihre eigene Blechmusik gestatten zu müssen. Auf diese Weise ist an die Stelle eines geistigen Wettkampfes die Konkurrenz der Reklamezeichner und der geistlose»Betrieb« getreten. Als Ergebnis ist die allein marschierende, allein musizierende, allein brüllende Partei übrig geblieben, die auf allen Straßen und Plätzen Orgien feiernde totalitäre Hirnlosigkeit. Solche Spuren sollten schrecken. Aber wie kann in einem Mehrparteiensystem eine verantwortungsbewußte Parteiführung, die die ganze Sinnlosigkeit und Geschmacklosigkeit eines solchen Betriebs erkannt hat, sich dem Zwange der Konkurrenz entziehen? Werden ihre eigenen Anhänger es ihr nicht als Unterlassungssünde anrechnen, wenn sie alle plumpen, auf bloßen Gimpelfang berechneten Propagandakünste den Gegner überläßt? Wird sich nicht nach jeder Niederlage, nach jedem hinter den Erwartungen zurückbleibenden Erfolg aus den eigenen Reihen der Ruf erheben:»Wir müssen es auch so machen wie die anderen!?« Helfen kann hier nur der Staat. Er muß den Parteien jede Gelegenheit geben, ihre sachliche Meinung über die beste Art der Staatsführung dem Volke verständlich zu machen, er muß aber auch auf dem Felde des politischen Meinungskampfes für fair play sorgen und jeden unlauteren Wettbewerb ausschließen. Einschränkungen werden sich in weitem Maß ertragen lassen, wenn sie alle gleichmäßig treffen. In diesem Sinne hat die englische Gesetzgebung einige Schritte nach der richtigen Richtung■ getan, indem sie für den erlaubten Geldaufwand bei Wahlkämpfen Grenzen gesetzt und das Tragen politischer Uniformen fwie• z. B. die grünen Hemden der Mosley-Faschisten) verboten hat Staatliche Maßnahmen sind freilich nur ein notwendiges Uebel. Der anzustrebende Idealzustand ist ein Staatsbürger lieber Büdungszustand, der alle poüzei- liche Einmischung überflüssig macht. Heute sind doch wohl die meisten Menschen gebildet genug, um sich im Falle ihrer Erkrankimg an einen wirklichen Arzt zu wenden, und nicht an irgend einen Doktor Sassafraß, der vor seiner Jahrmarktbude marktschreierisch seine Salben und Mixturen preist. Man kann sich denken, daß in einer späteren glückücheren Zeit die erdrückende Mehrheit der Menschen gebildet genug sein wird, um auch an den Buden der politischen Heilschwindel mit stillschweigender Verachtimg vorbeizugehen. Ein Verbrechen stirbt am sichersten dann aus, wenn es ein Geschäft wird, das sich nicht mehr rentiert. Glücküch das Volk, bei dem der politische Massenbetrug aufgehört hat, ein lohnendes Geschäft zu sein! Nicht Gewalt, sondern Geist, nicht Lüge, sondern Wahrheit, nicht Rausch, sondern. Nüchternheit, nicht Pomp, sondern Einfachheit! Keine theatralischen Fahneneide, sondern tiefinnerliche Hingabe an ein großes Menschheitsideal— mit einem Wort: Verinnerlichung, Vergeistig u n g, das sollen die unterscheidenden Merkmale unserer Propaganda sein gegenüber der anderen! Was zum Schluß entscheiden wird ist nicht der lautere Lärm und die größere Buntheit, sondern die geistige und sittliche Ueberlegenheit. Wir haben sie. Den ihr entsprechenden Propagandastil zu schaffen, ist eine Aufgabe, die noch zu lösen ist. Vorbilder sind weder im Dritten Reich, noch in Sowjetrußland zu finden. F. St. Die ErzeiMsschlnclit eine Hiederlnse Statt Kährfreiheit— Nährunfreiheit In der Rangordnung der Epnahrungasorgen des Hitlerregiim-e« ist die Fett- und Fleiach- not, obwohl kaum minder dringlicih, an die zweite Stelle gerückt. An erster Stelle steht heute die Sorge um die Belieferung der Bevölkerung mit Brot und Mehl. Die Getreidevorräte in Mühlen und Lagerhäusern betrugen Ende 1935 3.2, Ende 1936 1.6 Millionen Tonnen, sie waren also halbiert. Um die schwindenden Vorräte zu strecken, wird die Qualität des Mehls bis zur Ungenießbarkeit verschlechtert. Bereits Anfang Januar war die Zahl der bis dahin erlaubten 8 Mehltypen auf 3 x reduziert worden. Aus der verfügbaren Kommenge sollte eine möglichst große Mehlausbeute herausgeholt werden. Von den drei Mehltypen, durften eine mittelhelle und eine dunkle Sorje von den Mühlen nur gleichzeitig und in Jeweils gleichen Mengen hergestellt werden. Die Folge war, daß auch die Mehlhändler das hellere Mehl nicht verkaufen wollten, ohne daß zugleich das dunkle Mehl abgenommen wurde. Die Hausfrauen weigerten sich aber, das dunkle Mehl zu nehmen, und erst recht hatten die Teigwarenfabriken dafür keine Verwendung. Um deren Versorgung sicherzustellen, können nach einer neuen Verordnung die Mühlen verpflichtet werden, einen bestimmten Prozentsatz Ihrer Mehlerzeugung dem zuständigen Getreidewirtschaftsverband zur Verfügung zu steilen. So wird von vornherein ein Teil der Erzeugung besseren Mehls den Bäckereien entzogen. Um das Mehlhamstern zu unterbinden, dürfen die Verarbeiterbetriebe nicht mehr auf Lager halten, als sie In drei Wochen verarbeiten können. Nichts ist kennzeichnender für den inneren Sinn der Wirtschaftspolitik des Dritten Reiches als die Tatsache, daß von dieser Beschränkung der Lagerhaltung zwar die Krankenhäuser betroffen sind, dagegen nicht die Verarbeitungsbetriebe der Wehrmacht. Die Ursache des Mangels an Brotgetreide ist aber nicht allein die nicht einmal schlechte, sondern nur unterdurchschnittliche Ernte des vergangenen Jahres, vielmehr vor allem die durch sie verschärfte Futtermittelnot, die die Bauern zur Verfütterung von Brotgetreide zwingt. Um zu verhindern, daß Weizen und Reggen anstatt In die Mühlen zu wandern, in den Tiermägen verschwindet, hat man die sogenannte Umtauschaktion inszeniert. Die Bauern sollten über die Pflichtmenge hinaus abgelieferten Roggen in Mais oder Gerste umtauschen können und so zur Mehrablieferung von Brotgetreide angereizt werden. Die Aktion hat offenbar ihre Wirkung verfehlt, denn man Ist nunmehr von der Verlockung zum Zwang übergegangen. Bisher hat eine Ablieferungspflicht nur für Brotgetreide, Weizen und Roggen bestanden, nunmehr ist das feste Ablieferungskontingent auch auf Gerste und Hafer ausgedehnt. Der Landwirt kann an Stelle der vorgeschriebenen Menge Gerste und Hafer Roggen oder Weizen abliefern, er darf also das kontingentierte Fut- tergetreide nur dann im eigenen Betrieb verwenden, wenn er entsprechend mehr Brotgetreide abliefert. Die Wirkung kann im günstigsten Falle sein, daß sich die Brotversorgung auf Kosten der Fett- und Pledschver- sorgung bessert. Göring hat aber befohlen, daß im Zuge des Vierjahresplanes die 17- prozentige Auslandsabhängigkeit in der Lebensmittelversorgung verschwindet. Deshalb soll der Bauer dadurch zur Leistungssteigerung gezwungen werden, daß sein Betrieb völlig nationalsozialistischer Kontrolle unterstellt wird. Für jeden landwirtschaftlichen Betrieb wird eine sogenannte Hofkarte ausgestellt.»An Hand der Hofkarte wird es überhaupt erst möglich, festzustellen, was denn der einzelne nun wirklich leistet« und was er leisten könnte, wenn er seinen Betrieb nach dem Kommando des Reichsnährstandes führt. Der Bauer wird also in Zukunft seinen Betrieb nicht nach eigenem Ermessen, sondern nach amtlichen Befehl bewirtschaften. Um die Umtauschaktion zu ermöglichen, mußte die entsprechende Menge Futtergetreide vorhanden sein. Darrö mußte sich also entschließen, die Einfuhr von Futtermitteln zu erhöhen, und D r. Schacht, den Devisenaufwand für die Aufrüstung zugunsten des Futtermittelimports zulassen. Nach Feststellung des»Nationalsozialistischen Wirtschaftsdienstes«(1- Mai- Heft) hatte betragen der Devisen- und Verrechnungsmarktaufwand für die Getreideeinfuhr im ganzen Jahre 1936 24 Millionen, aber allein im ersten Vierteljahr 1937 23 Millionen Mark. 1933 waren für diesen Zweck 45 Millionen verbraucht worden. Auf das Jahr umgerechnet hat sich also seit dem vorigen Jahre der Devisenaufwand für den Getreideimport vervierfacht, seit 1933 verdoppelt. Die Nährfreiheit also fast In Nährun- fredheit umgeschlagen, die Auslandsabhängigkeit in der Nahrungsmittelversorgung ist In vier Jahren Drittes Reich eher vergrößert als verringert. Aber hinter der Vermehrung des Geldaufwandes bleibt die Zunahme der Ein- [ fuhrmenge weit zurück. Darrö hat das Pech, daß seit Beginn der Erzeugungsschlacht eine Welthausso für Getreide eingesetzt hat, daß also zur Bezahlung der gleichen Menge Getreide mehr Devisen aufgewendet werden, mehr Exportwaren hergegeben werden müssen. So hat sich im ersten Vierteljahr 1937 gegenüber dem ersten Quartal 1936 die Weizeneinfuhr verdoppelt, aber der Devisenaufwand für Getreide vervierfacht. Der Getreidekauf ward als Zahlungsmittel für politische Freundschaften verwendet und ist daher um so kostspieliger, je mehr die bevorzugten Länder durch die Getreidehausse von überflüssigen Getreidevorräten befreit werden. Im ersten Vierteljahr 1936 wurden aus Frankreich 21.000 Doppelzentner Weizen eingeführt, im ersten Vierteljahr 1937 nur 17.000 Doppelzentner, dagegen aus Jugoslawien 1936 0, 1937 136.000 Doppelzentner. Zur gleichen Zeit verminderte sich die Weizeneinfuhr aus Kanada von 49.000 auf 23.000 Doppelzentner, vermehrte sich dagegen aus der Türkei von 2.600 auf 80.000. Der »Nationalsoz. Wirtschaftsdienst« schreibt dazu: »Die Südostorientierung, auf die wir bereits bei der Weizeneinfuhr aufmerksam machen konnten, ist auch, in eher noch verschärften Ausmaß, bei der Maiseinfuhr festzustellen. Hier ist jugoslawischer, rumänischer und ungarischer Mais in bisherigem Verlauf dieses Jahres in sehr großem Umfang auf den deutschen Markt gelangt, während die Maiseinfuhr aus Argentinien zwar auch im Vergleich zur em- arp rech enden Vor jahreszeit etwas aber längst nicht in dem gleichen Ausmaß wie die aus den vorgenannten Ländern gestiegen ist.« Aber diese Mehr einfuhr von Mais hat keineswegs nur zur Verbesserung der Futter- mittelversorgung gedient, sondern hat sich vor allem,»als notwendig erwiesen«,»weil jetzt auch die Bäcker gehalten sind, 7 bis 10 Prozent Mais-Backmehl bei der Brotherstellung zu verwenden, um unsere Roggen- und Weizenvorräte zu strecken.« Solange also die Aufrüstungseinfuhr den unbestrittenen Vorrang hat, kann das Loch im Futtermittel bedarf nicht durch Einfuhr beseitigt werden. Warum wird also der bäuerliche Betrieh amtlichem Kommando unterstellt? Nicht um die Versorgung mit Nahrungsmitteln zu verbessern, sondern um die Einfuhr von Futtermitteln zu ersparen und dadurch Devisen für Aufrüstungseinfuhr frei zu bekommen. Um der Kriegsvorbereitung willen wird also der Bauer zum Arbeitssoldaten der deutschen Landwirtschaftsarmee degradiert. G. A. F, Nr. 211 BEILAGE IkiccUatttwrfö 27. Juni 193? Die»Deutschland-Bö richte der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands«(4. Jg. Nr. 5, Mai 1937) veröffentlichen eine Reihe ausführlicher Berichte über deutsche Konzentrationslager. Diese Berichte stammen aus den Monaten April und Mal 1937. Sie zeigen, Uaft Jas System noch ebenso barbarisch und blutig ist wie am ersten Tage. Wir veröffentlichen den Bo- richt über das Lager Dachau. I. Heber den Aufbau des Lagers Je 54 Mann sind eine»Stube«. Früher wurde die Stube Korporalschaft genannt. Der Leiter ist ein Gefangener, der die Bezeichnung»Stubenältester« führt. Fünf Stuben oder Korporalschaften sind zu einem»Block« zusammengefaßt. Früher bezeichnete man das als eine»Kompagnie«. Jeder Block ist in einer eigenen Baracke untergebracht. Der volle Block hat demnach 270 Mann. Ueber den Block ist ein »Blockältester« gestellt, ebenfalls ein Gefangener. Der Blockälteste ist dem»Blockführer« unterstellt, einem SS-Mann, meist im Range eines Scharführers oder eines Oberscharführers. Ueber dem Scharführer steht der»Rapportführer«, der ein SS- Sturmführer ist. Dann folgt der Gefangenenlagerführer im Range eines Standartenführers. Das Gefangenenlager einschließlich des Lagers für die SS büdet das»Lager Dachau«. Das Lager Dachau in seiner Gesamtheit ist dem»Lagerkommandanten« unterstellt, der im Range eines SS-Oberführers steht. • Bei den Gefangenen haben sich die neuen Bezeichnungen nicht eingebürgert. Sie sprechen immer noch von Korporalschaften und Kompagnien. In Dachau gibt es neun Blocks oder Kompagnien, Sie sind in verschiedenen Baracken untergebracht. Wir bringen nachfolgend eine Schilderung dieser Blocks. I. Kompagnie; Hier sind die sogenannten»Zweitmaligen« zusammengefaßt, d. h. alle politischen Schutzhäftlinge, die schon einmal in Dachau waren und die wegen irgendwelchem Vergehen, oft auch nur wegen eines Verdachts, ein zweites Mal eingeliefert worden sind. Diese Zweitmaligenkom- pagme gehört zu den traurigsten Kapiteln von Dachau. Sie wurde erst im dritten Jahr nach der Machtergreifimg Hitlers gebildet und ist heute zum Kern des Lagers geworden. Die Zweitmaligen befinden sich nämlich innerhalb des Konzentrationslagers noch einmal in einem Konzentrationslager. Eis dürften nach genaueren Schätzungen 190 bis 200 Mann sein, Sie sind gänzlich von den anderen Gefangenen abgeschlossen. Keiner der Lagerinsassen darf mit ihnen in Verbindung treten. Ihre Baracke ist im Lager von einer starken Umzäunung umgeben. Die Zweitmaligen dürfen sich auch nicht wie die anderen Gefangenen in ihrer Freizeit im Lager ergehen. Sie haben einen»Freiplatz« zur Verfügung, der zwischen zwei Baracken eingeschlossen ist und ein Ausmaß von ca. 70X5 m hat; das heißt, nicht mehr als ein schmaler Gang. Das ist alles für 200 Menschen. Es ist weniger als in jedem Gefängnis. Ihr Blockführer ist der SS-Scharführer Dambach. Er behandelt die Gefangenen sehr übel. Man hört oft sein brüllendes Geschimpfe. Vor der Tür der Baracke stehen Posten und keiner der Gefangenen darf in den Lagerhof treten. Es wird ihnen erklärt, daß keiner hoffen könne, unter 10 Jahren das Lager wieder zu verlassen. Für alle besteht ein Rauchverbot. Alle drei Monate dürfen sie einen einseitigen kleinen Brief schreiben und einen empfangen. Alle drei Monate dürfen sie 10 Mark geschickt bekommen, um sich Lebensmittel zu kaufen. Man sieht die Gefangenen nur, wenn sie zu ihrer Arbeitsstätte geführt werden. Sie werden zu den schlechtesten und schwersten Arbeiten verwendet. Bis Herbst 1936 waren viele von ihnen noch in der Schreinerei beschäftigt. Das ist jetzt eingestellt. Alle wurden dann zum Abbruch der alten Bunker verwendet, die in einem verfallenden Fabrikbau untergebracht waren. Anfang Februar erfolgte dort beim Abbruch einer Decke ein Unglück. Eis gab einen Toten und mehrere Schwerverletzte. Die Zweitmaligenkompagnie gilt im Lager als Hölle. Die Gefangenen, die meist in der Baracke gehalten werden, sehen sehr schlecht aus. Ihre Gesichter sind von der strengen Haft gezeichnet. Es sind fast ausschließlich ehemalige politische Funktionäre. Man wirft ihnen vor, die Tätigkeit gegen das Regime nicht aufgegeben zu haben, trotz der Versprechungen, die ihnen bei ihrem erstmaligen Aufenthalt in Dachau abgenommen wurden. Die Stimmung unter den Gefangenen ist gedrückter als im übrigen Läger. Sie werden von den übrigen Dachauer Häftüngen sehr bedauert. II. Kompagnie; Hier befinden sich die asozialen Elemente. Meistens Leute, die sich ihren sozialen Verpflichtungen entzogen haben: Bettler, Säufer usw. Sie sind die einzigen, die wissen, wie lange sie in Dachau bleiben, denn sie sind abgeurteilt. Die Zweitmaligen vom Arbeitszwang kommen auch immer in die gleiche Kompagnie. Durchschnittlich bleibt ein Asozialer 6 Monate in Dachau. Wird er ein zweites Mal eingeliefert, so muß er ein Jahr bleiben, beim dritten Mal zwei Jahre. Unter den Asozialen befinden sich auch viele vorbestrafte Verbrecher. Die Asozialen fühlen sich meist gehobener als die politischen Gefangenen. Zwischen beiden Gruppen bestehen kaum Beziehungen. III. Kompagnie: Hier sind lauter politische Schutzhäftlinge zusammengefaßt. Die Kompagnie hat 270 Mann. Sie werden zum Arbeitsdienst herangezogen und je nach ihrem Beruf verwendet. IV. Kompagnie; Auch sie besteht ausschließlich aus politischen Gefangenen, aber meist aus solchen, die schon sehr lange in Dachau sind. Auch fast alle prominenten Persönlichkeiten, wie z. B. der frühere sozialdemokratische Ministerpräsident von Braunschweg, Jasper, sind in dieser Kompagnie. Jasper wird noch immer sehr schikaniert. Ihm wurde erklärt:»Solange noch ein anständiger Arbeiter in Dachau ist, kommst Du nicht heraus.« Er wird zu Erdarbeiten herangezogen. V. Kompagnie: Ebenfalls politische Gefangene. VI. Kompagnie; Judenkompagnie. Hier befinden sich ca. 100 Mann, alles Juden. Nun sollen alle Juden, die im Reich in Schutzhaft sind, nach Dachau kommen. Im Februar und März sind schon Transporte eingelaufen. Die Juden werden sehr schlecht behandelt. Sie sind großen Schikanen ausgesetzt. Ihnen wird ständig gezeigt, daß man sie verachtet und als niedere Kreaturen ansieht. Alle Juden, ganz gleich, welchen Beruf sie im Leben ausgeübt haben, werden zur Kiesarbeit verwendet. Sie müssen schwere Arbeit verrichten und werden dabei rücksichtslos behandelt. Auch unter den Gefangenen gibt es viele, die die Juden verachten. Die Lagerleitung geht in der gemeinsten Weise gegen die jüdischen Gefangenen vor. Bei ihnen ist Strafexerzieren an der Tagesordnung. Oft kommt es vor, daß die Judenkompagnie, ähnlich wie die Zweitmaligen, von den anderen Gefangenen abgesperrt werden. Bei ihnen geht man zeitweilig noch weiter und sperrt sie einfach in ihre Baracke ein. So wurden sie z. B. einmal drei Monate völlig eingesperrt. Die Türen der Baracke wurden vernagelt,, die Fensterscheiben wurden überstrichen. Nur wenn das Eissen gebracht wurde, hat man etwas gelüftet. Die Luft in diesen Baracken war daher so schlecht, daß oft Gefangene bewußtlos wurden. Da sie auch keinen Ausgang hatten traten Ausschläge auf und andere Erkrankungen. Die Einsperrung erfolgte in den Monaten Juni bis September 1936, ein zweites Mal Februar bis April 1937. Die Juden sind in drei Kategorien eingeteilt: Politische Juden, Rasseschänder, jüdische Emigranten. VII. Kompagnie: Sie besteht aus drei Korporalschaften oder Stuben mit politischen Gefangenen, die vierte Stube umfaßt die arischen Emigranten; in der fünften Stube befinden sich die wegen eines Vergehens gegen den§ 175 Inhaftierten. Die sogenannten Hundertfünfundsiebziger werden nur zu Kiesarbeiten mit den Juden zusammen verwendet. VIII. Kompagnie; In den beiden ersten Korporalschaften sind Politische. Es ist die sogenannte Zugangskompagnie. Jeder, der nach Dachau kommt, kommt zuerst in diese Abteilung. Hier wird er so lange beiaasen, bis er für eine der anderen Kompagnien eingeteilt ist Daher sind diese beiden Stuben meist nicht voll. Die dritte Korporalschaft setzt sich aus ehemaligen Strafgefangenen zusammen, meist vielfach vorbestraften Verbrechern, die zur Sicherheitsverwahrung verurteilt sind. Auch in der vierten und fünften Korporalschaft befinden sich noch Leute zur Sicherheits- verwahrung. doch sind sie hier gemischt mit Asozialen, die eigentlich in die II. Kompagnie gehören, aber hier untergebracht sind, weü die II. meist überfüllt ist. In der letzten Kompagnie, die eigentlich nicht als volle Kompagnie betrachtet wird, befinden sich die Invaliden und die Kranken. Ihr gehört auch der frühere sozialdemokratische Reichstagsa/bgeordnete Kurt Schumacher an. Sie sind in der Baracke X untergebracht. In dieser Baracke befindet sich auch die Kantine und die Bibliothek. Die Invaliden werden zu leichteren Arbeiten herangezogen, so z. B. zur Bibliothekhilfe, zum Strümpfestopfen, zum Küchendienst usw., sofern sie nicht im Krankenrevier liegen und zu keiner Arbeit fähig sind. Kennzeichnung der Gefangenen: Alle Gefangenen sind je nach ihrer Abteilung, zu der sie gehören, durch farbige Stoffstreifen auf den Kleidern gekennzeichnet. Die Streifen sind fünf bis acht cm breit. Zwei sind unterhalb der Knie um die Hosen genäht, zwei an den Armen unterhalb des Ellenbogens und einer befindet sich auf dem Rücken. Die folgende Aufzählung aus dem Gedächtnis ist möglicherweise nicht in allen Punkten ganz genau: Politische: Rote Streifen und am Rük- ken senkrecht. Arbeitszwang: Blaue Streifen und quer. § 175; Rote Streifen mit schwarzen Punkten. Zweitmalige: Rote Streifen und quer. Sicherheitsverwahrung: Grüne Streifen und quer. Politische Juden: Rote Streifen mit gelben Punkten. Jüdische Emigranten: Rote Streifen mit blauen Punkten. Rasseschänder: Gelbe Streifen mit roten Punkten. Bibelforscher: Rote Streifen mit... Punkten und quer. Arische Emigranten: Blaue Streifen und am Rücken senkrecht. 11. Die Arbeitseinteilung: Alle Gefangenen im Lager müssen arbeiten, Das Lager hat eigene Wirtschaftsbetriebe, und zwar 1. Betriebe, die für den Eigenbedarf des Lagers und 2. Betriebe, die für Bestellung von auswärts arbeiten. Für den Eigenbedarf arbeiten die»Kommandanturbetriebe«, für auswärts arbeiten die»Wirtschaftsbetriebe«. Die Kommandanturbetriebe sind viel kleiner als die Wirtschaftsbetriebe, umfassen aber fast die gleichen Arbeitsgruppen. Die Arbeitsgruppen werden»Arbeitskommandos« genannt. Es gibt eine Schreinerei, Schlosserei, Schmiede, Schneiderei, Schusterei, Bäckerei, Metzgerei usw. Am größten ist die Schreinerei. Dort wird für das MUitär gearbeitet. Auch Möbel für die SS-ITührer werden hergestellt. Die Arbedtsleiter dieser Betriebe sind Gefangene. Der Leiter der Schreinerei ist z. B. der Kommunist Ewald Thunig. Er wurde einmal aus der Schreinerei versetzt und mußte dann wieder dorthin zurückgebracht werden, weil nach seinem Weggang alles durcheinander kam. Es wird gesagt, daß gute Spezialarbeiter nicht aus Dachau entlassen werden, weil man sie nicht entbehren will. Nicht zuletzt deshalb befinde sich z. B. Thunig noch immer in Dachau. Jeder, der nach Dachau eingeliefert wird, muß zuerst in die Kiesgrube. Ist alles geprüft und hat man festgestellt, wofür er zu gebrauchen ist, so wird er einem Arbeitskommando zugeteilt. Die Gefangenen treten früh morgens um 7 Uhr in Kompagnien auf dem Appellplatz an. Dann werden sie zu den einzelnen Arbeits- kommandos zusammengestellt und rücken in die Betriebe ab. Dort gibt es keine Trennung der Gruppen. Nur die Juden und die Zweitmaligen fehlen. Die Gefangenen arbeiten lieber in den Wirtschaftsbetrieben als in der Kommandantur, denn sie bekommen vormittags ein Stück Brot mit Wurst, nachmittags nur Brot. Im Kommandanturbetrieb gibt es nur einmal ein trockenes Stück Brot. Die Arbeitszeit dauert im Sommer von 6 Uhr früh bis 10 Uhr und von 3 Uhr bis 6 Uhr abends. Im Winter von 7 Uhr bis%12 Uhr und von 1 Uhr bis%5 Uhr. Da meistens dringende Bestellungen vorliegen, werden diese Arbeitszeiten in den Betrieben sehr unregelmäßig eingehalten. Viele Ueberstunden, besonders in der Schreinerei, müssen geschoben werden. Oft wird bis 10 Uhr nachts gearbeitet. Die Ausbeutung der Gefangenen ist ungeheuer. Die dürftige Nahrung, die sie bekommen, läßt sie nicht zu Kräften kommen, und so sind alle immer todmüde, wenn sie am Abend heimkommen. Im Gegensatz zu den Gefängnissen bekommen sie für ihre Arbeitsleistung kein Geld. Auch die Essensrationen sind bei schwerer Arbeit nicht besser und größer. III. Die H'adie Das Wachbataillon Dachau der SS ist 900 Mann stark. Alle Tage wird ein anderer Sturm zur Wache kommandiert. Er hat die Gefangenen auf ihrem ganzen Weg zu begleiten. Die Bewachung ist stark. Die übrigen Angehörigen des Wachbataillon machen miütärische Uebungen und haben, sofern sie nicht als Lagerposten eingeteüt sind, dienstfrei. Das Wachbataillon ist jetzt motorisiert. Die Behandlungsmethoden den Gefangenen gegenüber sind sehr unterschiedlich. Die ausgesprochenen Schikanierer haben abgenommen. Dafür gibt es viele, die ihre Unlust zum Wachdienst an den Gefangenen auslassen. Vielen ist auch das ewige Schikanieren schon langweilig geworden. So wird z. B. festgestellt, daß der SS- Mann Steinbrenner, der ein Schrecken des Lagers war, sich geändert hat. Er ist interesselos geworden und läßt die Gefangenen in Ruhe. Er wohnt in der Wehrmühle, gleich beim Lager. Dort wohnen Leute der Wachmannschaft, die verheiratet sind. Der Lagerführer Weißenborn, der vom 20. Aprü 1936 bis in den Herbst das Kommando inne hatte, hat viele Verschärfungen verfügt. Er hat auch die Tafeln in der neutralen Zone eingeführt. Sie sind schwarz und tragen einen Totenkopf mit der Warnung:»Bei Betreten wird sofort geschossen!« Unter Weißenborns Lagerführung hat sich auch folgendes zugetragen: Im Oktober 1936 wurde ein Mann von etwa 55 bis 60 Jahren eingeliefert. Er wurde gleich nach der Einlief erung von den Posten schikaniert. Am dritten Tage seiner Anwesenheit mußte er wegen irgendeiner geringfügigen Sache strafexerzieren. Der SS-Mann, der ihn bewachte, schrie ihm immer gemeine Ausdrücke zu und forderte ihn auf, bessere Kniebeugen zu machen. Als er wieder ein gemeines Wort sagte, antwortete ihm der alte Mann:»Du könntest mein Bub sein, Du frecher Lausbengel.« Der Posten wollte ihn daraufhin festnehmen und der Mann hob die Hand, als ob er den Versuch machen wollte, sich zu wehren. Er wurde sofort niedergeschlagen und abgeschleift. Am Abend ließ der Lagerführer antreten und gab ungefähr folgende Erklärung ab:»Ich mache Buch darauf aufmerksam, daß im Lager das Standrecht besteht, heute nachmittag hat eine solche Kreatur die Hand gegen einen Posten erhoben. Ich teile Euch mit, daß der Mann bereits eine Leiche ist. Merkt Euch das.« Bei den großen Umbauten im Lager wurde auch eine Gasmaskenversuchskammer gebaut. In jeder Woche werden dort einige Tage Gasmasken der SS ausprobiert und auch Uebungen abgehalten. Diese Einrichtung wird aber fast ausschüeßüch von von nommen. urteilt. ,, Tscheka- Methoden" » Es geht darum, Verhältnisse und Tatsachen aufzuzeigen, die beweisen, daß im Herzen Europas, sich Justizverhältnisse entwikkelt haben, die mit den Maßstäben europäischer Zivilisation und Rechts überlieferung nicht mehr zu erfassen sind.<< So schreibt der» Völkische Beobachter< in der tschechischen Cayenne SS- Abteilungen aus München benützt. Daß| Gefangene nur jeden zweiten, in manchen ganze Stube antreten. Es wurden alle geGefangene als Versuchsobjekte benützt Fällen jeden dritten Tag etwas zu essen. fragt, ob sie von dem Gefangenen X eine worden wären, ist nicht bekannt. Gurke geschenkt bekommen hätten. Der Die Strafexekutionen werden im Hofe Betreffende trat vor und meldete sich ohne Es kommt öfter vor, daß SS- Leute vor den Bunkern durchgeführt und finden Argwohn. Daraufhin wurde auch er, obanderen Abteilungen in das Lager ungefähr alle 14 Tage statt. Man läßt alle wohl er seine Unschuld beteuerte, zu 25 strafversetzt werden. Der Dienst im Lager Fälle zusammenkommen. Die Durchfühgilt durchaus nicht als angenehm. Die SSPeitschenhieben und 8 Tagen Bunker verrung der Bestrafung geht folgendermaßen Leute aus dem Wachbataillon Dachau vor sich. Der Gefangene muß sich vor werden, wenn sie sich als geeignet erweieinem Holzbock aufstellen. Das ist ein Wer heimlich über den Kompagniefühsen, meist in die politische Polizei über- eigens angefertigter Stuhl, der eine Höh- rer schimpft, wer seine Mitgefangenen, einem Artikel, der die Ueberschrift trägt: etwas Verbotenes tun, nicht» Die Tscheka- Methoden lung hat, in die der Bauch gelegt werden wenn sie IV. Die Religion muß. Die beiden Arme und die Füße hän- denunziert, wird ebenfalls mit Bunker be- Polizei.<< Sperrungen wie im Original. abwärts und werden festge- straft. Man hält sich dabei nicht an die Der Kirchenbesuch, der zu Anfang ohne gen nach Schwierigkeiten war, ist heute zu einer schnallt. Dem Gefangenen wird vor der Strafordnung, die im Lager aufgehängt ist. Für kleine Vergehen, z. B. schlechtes mutigen Tat geworden. An einem Sonntag Auspeitschung noch einmal die Strafe verunkorrektes Maschieren Die>> Köln, Volksztg.<<( 11. 6.) ängstigt ist evangelischer Gottesdienst, am näch- lesen. Bei dem Strafvollzug sind anwesend Bettenmachen, stundenlanges Strafexerzieren sich um das Ansehen Frankreichs, das durch sten katholischer. An dem evangelischen der Oberführer, der Lagerführer, der Rap- etc., wird gefährdet ist und verweist Kirchenbesuch nehmen immer ca. 40 bis portführer und ein Sturm SS als Zeugen, befohlen. In den meisten Fällen liegt über die Bagnos vor. darauf, wie energisch neuerdings wieder 50 Gefangene teil. Das ist wenig bei 2000 damit keine Miẞhandlungen geschehen«. haupt kein Grund zur Bestrafung Gefangenen. Dem Besuch der evange- Gefangene sind nicht zugegen. Die Aus- Man braucht nur dem Wachposten nicht zwei beachtliche Franzosen die Beseitigung lischen Kirche setzt man keine Schwierig- peitschung erfolgt durch die beiden Kom- recht zu gefallen, und schon bekommt man dieser Strafhöllen fordern: keiten entgegen, wohl aber dem Besuch pagnieführer Spatzenegger und Remmele. 50 Kniebeugen mit einem Pickel rechts aufgebrummt. der katholischen. Jeder Besucher des ka- Manchmal, wenn diese vom Schlagen müde und links in der Hand tholischen Gottesdienstes wird von dem sind, müssen auch SS- Männer eingreifen. Das früher oft angewandte» BaumanbinKompagnieführer aufgeschrieben. Am Während des Strafvollzugs behält der Ge- den« hat man jetzt aufgegeben. Die StraMontag werden dann diese Kirchenbe- fangene seine Kleider an. Strafen von mehr fen haben noch eine schlimme Nachwirsucher zum Strafexerzieren verurteilt. Das als 50 Peitschenhieben werden in Raten kung: Jede Lagerstrafe verlängert die ist nun eine Regel geworden, die allen be- verabfolgt, immer wenn die Wunden vom Schutzhaft um ungewisse Zeit. kannt ist. Diese Maßnahme hat die Be- ersten Schlagen gerade vernarben. Vor der sucherzahl der katholischen Kirche rasch Auspeitschung findet eine ärztliche Unterherabgesetzt. Heute gibt es noch zwei un- suchung statt, die feststellen soll, ob der entwegte Kirchenbesucher. Sie wissen, daß Gefangene physisch in der Lage ist, die ca. 22 m breit und 3 m lang. Es befindet sie es büßen müssen, aber sie gehen doch. Strafe zu ertragen. Es ist bisher noch kein sich darin eine Holzpritsche. In der Mitte Fall bekanntgeworden, wo der Arzt eine Alle 14 Tage kommt der katholische Pfarrer für diese beiden, die neben der Strafe auch noch den Spott verschiedener Mitgefangener ertragen müssen. Bestrafung verhindert hat. Nach der Auspeitschung werden die Gefangenen in den Bunker geworfen, wo man sie sich selbst überläßt. Die übrigen Gefangenen sehen von den Strafhandlungen nichts, aber sie hören jedesmal die gellenden Schreie der Gequälten. In Dachau gibt es z. Zt. zweierlei Bunker. Sogenannte Strafbunker und isolierte Bunker. Die Strafbunker sind fensterlos, des Fußbodens ist ein eiserner Ring ein» Valent führt als Gründe sowohl den Sühne- und Abschreckungszweck der Strafe als auch den Gesichtspunkt der Besserung der Verurteilten ins Feld, unterläßt es aber nicht, darüber hinaus auch auf die Gefährdung der französischen Interessen und des Rufes Frankreichs infolge des Bestehens dieser Strafkolonien hinzuweisen. Womit er das Richtige getroffen haben dürfte.<< Von den deutschen Konzentrationslagern schweigt die gleichgeschaltete Presse. Womit auch sie das Richtige getroffen haben mag. Denn ins französische Bagno kann einer nur gelangen, wenn er ein nach Recht und Gesetz verurteilt worden ist. In das deutsche KZ gelangt einer ohne Gerichtsurteil, wenn er gegen ein Verbrechen die Stimme erhebt. In Cayenne gibt es selbst für Mörder ein geschriebenes Recht, das es im KZ nicht einIm mal für die Unschuldigen gibt. Dafür gelassen, an den der Hälftling mit einem Schwerverbrechen begangen hat und Fuß angekettet wird. Der Boden ist aus Beton. Die isolierten Bunker haben ein Fenster über der Gangtür. Es dringt dämV. Die Bestrafung merndes Licht durch den Gang herein. Im Viele Menschen denken heute, daß in Raum befinden sich ein Hocker, eine Pritden Konzentrationslagern alles in Ordnung sche und Dampfheizung. Der Fußboden ist Einige Beispiele mögen zeigen, in wel- aus Holz. Die Zellen sind sauber. gekommen ist und daß die sadistischen Quälereien aufgehört haben. Es ist rich- chen Fällen die Peitschenbestrafung an- Augenblick sind ungefähr 25 isolierte Bun- existiert ungehemmtes Prügelrecht für die tig, daß die willkürliche Abschlachtung geordnet wurde. Ein Gefangener, der von ker vorhanden. von Gefangenen heute nicht mehr so ge- Beruf Gärtner ist, mußte außerhalb des übt wird wie in der ersten Zeit. Erstens Lagers in den Wohngärten der SS arbeisind die Kerkermeister selber des Schla- ten. Er bekam von einer Frau ein Päckgens müde geworden und zweitens hat sich chen Tabak geschenkt. Da er Nichtraucher Das braunen Verbrecher, die auf die Unschuldigen Einer der Bunkerwächter ist der be- losgelassen werden. Wozu also Bagno? rüchtigte SS- Mann Kannschuster. Wenn er deutsche Cayenne tuts viel besser. besoffen ist, was öfter vorkommt, so macht er sich manchmal ein Vergnügen daraus, seinen großen scharfen Hund bei Nacht in Stark retouchiertes Weltbild die Strafbunker zu lassen. Er öffnet die Es wird kaum ein Jude in der Welt zu eine gewisse> Ordnung im Strafvollzug ist, verkaufte er den Tabak an seinen Mit durchgesetzt. Aber das System, das da an- gefangenen und kaufte sich für das Geld gewandt wird, und das man Ordnung Brot. Das wurde dem Blockführer gemel- Tür des Bunkers und hetzt seinen Hund einer Strafe verurteilt, ohne daß die deutnennt, birgt so viel des Grausamen und det und dieser veranlaßte die Bestrafung: auf die Gefangenen, die nicht ausweichen schen Zeitungen sich des Falles liebevoll anBösen in sich, daß von einer Milderung 25 Stockschläge und 8 Tage Bunker. können, weil sie an der Kette liegen. Der nehmen.» Ein jüdischer Gauner in nicht die Rede sein kann. Im Dezember 1936 waren einige Ge- Hund fällt die Gefangenen an, springt an Budapest liest man dann etwa als fett Es gibt zwei verschiedene Strafarten: fangene als Maurer beim Bau der Auto- ihnen hinauf und reißt ihnen die Kleider gedruckte Ueberschrift, oder» Ein echter das Strafexerzieren und die Prügelstrafe garage über dem Kantinenkeller beschäf- vom Leibe. Am anderen Tag können die Jude in Bombay mit nachfolgendem Bunker. Mit jeder Prü- tigt. Dabei erwischten sie aus dem Keller Wäscheabholer die zerrissenen und bluti- Moritz aus New Jersey stiehlt gelstrafe ist heute auch Bunker verbunden. einige kleine Büchsen kondensierte Milch gen Kleiderfetzen sehen. Das Schreien der Truthähne< usw. usw. Der Gefangene, der sich ein Vergehen hat und eine Dose saurer Gurken. Zwei der so Mißhandelten dringt bis in die Barak- handlungen gegen sogenannte Arier werden zuschulden kommen lassen, das» mit Straf- Gefangenen haben diese Dosen entwendet. ken und ist in der Nacht schrecklich an- nur erwähnt, wenn besonders schwere Vergehen oder besonders interessante Begleitexerzieren nicht mehr gesühnt werden Alle fünf beschäftigten Arbeiter jedoch zuhören. umstände zu verzeichnen sind. Die Absicht ist deutlich. Im deutschen Leser soll die kann«, wird heute zur Prügelstrafe verur- wurden bestraft. Jeder von ihnen erhielt Alle drei Wochen werden den Gefanund das Urteil schriftlich festgesetzt. Als der Verurteilten hatte einem Kameerwischt oder Die Gerichtsverteilt. Dabei wird ein Aktenstück angelegt 50 Hiebe und 14 Tage Bunker. Einer genen die Haare kurz geschoren. Nur zwei Vorstellung erweckt werden, daß 90 ProNormalstrafe gelten 25 Hiebe mit der Peit- raden eine Essiggurke geschenkt. Da durften bisher ihre natürliche Haarfrisur zent aller Verbrechen in der Welt sche und 8 Tage Bunker. Zweiter Straf- man Gurken auch in der Kantine behalten: der Bruder des Münchner Ober- auf das Konto der Juden zu setgrad sind 50 Hiebe und 14 Tage Bunker. kaufen der Empfänger bürgermeisters Fiehler und du Moulin zen seien. Freilich bleibt dann noch die Das geht bis zu 100 Hieben und 4 Wochen nicht, daß diese Gurke gestohlen war. Bei Eckart. ( Wird fortgesetzt.) Frage offen, wo gerade in Deutschland soviel Bunker. Bei 8 Tagen Bunker bekommt der der Untersuchung dieses Falles mußte die 2 Dutzend Kriegsgründe Ihr habt uns wiedermal alle beleidigt, im Süd, Ost, West, Norden, zu Meer und zu Land. Der Eine von Euch hat uns genannt, sonstwie der Zweite von Euch hat die Kirche verteidigt, erkannt. sen kann, ahnte >> Bremst mehr ausländische Stücke zu zuirgendeine ungeahnte Frucht an. Denn die Bremserei ist schuld daran, daß kein bildender Künstler bei uns mehr etwas wagt, so daß unsere Kunst oft droht, charakterarm zu werden. Nein soll unsere Kunst sich frei entfalten, dann, bitte, bremst sie nicht noch mehr!< einer rein arische Verbrecher herkommen. kost verzichtet werden. Wenn das Landestheater in diesem Punkt nachgibt, verdient es die staatliche Unterstützung nicht mehr, und der Staat wird nicht zögern, in diesem Falle auch die Unterstützung zu streichen. Damit hätte Koburg kein Theater mehr. Es ist traurig, daß diese Zeilen geschrieben werden müssen... von wie es eine Notrufe der Kunst » Elementare Kunstfeindschaft<< die Kunst nicht noch mehr...<< Bei einer Kundgebung der Reichstheaterkammer in Düsseldorf versprach Göbbels in einer Rede den Künstlern eine baldige Es darf nicht sein, daß eine ein maAltersversorgung und gab nebenbei zu, daß Göbbels aber behauptete in Düsseldorf die Frage des Nachwuchs es noch immer wiederum, nie sei die Kunst so gefördert und lige Wiederholung der Walküre< mit einer der besten deutschen Sändie wir just als Blendwerk des Satans Sorge bereite, da die angehenden Künstler nie sei das Volk so an die Kunst herangeführt einem leegerinnen als Gast vor ( lies: die braunen Stipendiaten!) meist nicht worden, wie unter Hitler. Mit Hilfe ren Haus stattfinden muß und den rechten Eifer zum Lernen mitbrächten.> weitgespannten Organisation sei es in kaum vor wenigen Wochen passiert ist Aufführung des» Thomas Paine« eine Der Dritte hat irgendwo auf uns geschos- Er hielt auch den Zeitpunkt für gekommen, geahntem Umfange gelungen, die breiten MasTageseinnahme 5( fünf!!!) Mark bringt.<< sen ins Theater zurückzuführen....< In welZwar hat's niemand gesehen und keiner lassen und den Spielplan der Bühnen vor allem che Theater, in welche Schmarren, und unter > Thomas Paine< stammt vom Staatspreiszugunsten französischer gehört, und englischer welchem Druck? kann man da nur fra- träger Johst. Der für die Nazis deutscheste und der Schuß ging daneben doch wir Stücke aufzulockern. Er gestand:» Es kann nicht bezweifelt werden, daß auf bestimmten chere Zeugen als den Propagandi, und gen. Es gibt ja noch unverdächtigere, ehrli- Komponist Wagner und Hitlers Leibbarde sind verstört die von beiden mochte das Publikum nichts wisder leichteren Unterhaltung künden etwas anderes. Wir greifen ein klas- sen. Nur wo der Zwang der Göbbels- Organieinige andere Länder uns noch überlegen sind. sisches Beispiel heraus und gehen damit bis sationen straff funktioniert, wird>> das Volk und bis Ihr uns alle mit Kniefall beschwört. Auch da müssen wir alle Anstrengungen ma- in den März zurück, weil der März bekannt- an die Kunst herangeführt...< Die> Kölnichen, den Vorsprung einzuholen...< Daß lich ein sehr guter Theatermonat ist. sche Volkszeitung vom 17. 3. bemerkte zu Daß wir Euch bis jetzt nicht in Stücke auch das Gesellschaftsstück völlig Mitte März erließ das Landestheater in Ko- dem Koburger Notschrei, daß es sich leider geschlagen, fehlt, verschwieg er. Diese Lücke sollen die burg in der Presse eine Kundgebung, die nicht um einen vereinzelten Fall handelte: beweist nur, wie friedlich wir eigentlich sind. Ausländer ausfüllen helfen. Ort der Handlung einem Notschrei glich. Der die Kriegsgründe lagern schon greifbar im Paris da darf schon einiges kritische pas- teilte mit, daß die für Ostern geplante AufSpind. sieren, während ein deutscher Autor kaum führung von Wagners> Siegfried< ausfallen Zwei Dutzend auf einmal. Und Ihr dürft wagen kann, die griechischen Götter zu verEuch fragen, spotten; man weiß ja nie, ob die Neuheiden Aufführung( am Sonntag zu schlecht geweob heut oder morgen das Tänzchen be- dabei getroffen werden. sen seien. Und weil die> beschämende Leere< ginnt. im Zuschauerraum und ruhen nicht eher, bis Feindblut geflossen Gebieten Die geistige Strangulierung hat einen Grad erreicht, daß ein braunes Blatt, Los! Wartet nicht, bis wir die Sturmglocke wie die> Essener Nationalzeitung aufschreit: ziehen, und wartet nicht, bis uns der Veitstanz befällt. Ihr habt uns beleidigt, gebt Waffen und Geld, gebt Eisen und Kupfer und gebt Kolonien, sonst brennt erst ein Schuß ab dann brennt die Welt. und » An allen Ecken und Enden wird jedem Kunstschaffenden ins Handwerk gebremst. Er darf dies nicht und er soll jenes lieber auch nicht. Hier Bestimmungen und dort Anordnungen; meist sind sie wohl leider nötig wenn sie es aber nicht sind, dann bitte laßt auch die abwegigen Blüten sich aus eigener Kraft verblühen; vielleicht setzt doch noch müßte, Intendant weil die Einnahmen der Walküre>> eine beredte Sprache für das Interesse an dem gewaltigsten und deutschesten Opernwerk in Koburg gesprochen hat... Das Landestheater hat in dieser Spielzeit einen kulturell und künstlerisch hochstehenden Spielplan gebracht, der dabei nach allen Richtungen farbig und interessant war. Das wird selbst der Dauermeckerer zugeben müssen. Allerdings mußte manchmal auf allzu seichte, natürlich sehr gewünschte UnterhaltungsWenn > Uns sind Fälle bekannt, in denen die Theater, wenn auch ohne die Flucht in die Oeffentlichkeit, sich dieselben Sorgen um einen Kulturspielplan machen wie die Intendanz in Koburg. aber eine Bühne, die trotz beschränkten Mitteln nicht auf ihre Kulturaufgabe verzichten will und wegen ihrer beschränkten Mittel ein so anspruchsvolles Werk wie die> Walküre>> nur einmal geben kann, auch dieses eine Mal. von ihrem Publikum im Stich gelassen wird, dann ist dies ein bedenkliches Zeichen, zumal der Hinweis auf die allzu seichte Unterhaltungskost sehr deutlich die Ursache dieser Publikum sflucht vor der Kunst erkennen läßt. Das Unterhaltungsbedürfnis wird da zur Gefahr, WO es zum grundsätzlichen Mißtrauen gegen das Künstlerische führt. Das Der Spiegel J. Offenbach und seine Zeit. Jede Kunstgattung ist an bestimmte soziale Bedingungen gebunden. Das bürgerliche Drama konnte erst entstehen, als die feudale Gesellschaft von der bürgerlichen abgelöst wurde. Die Heraufkunft der Operette setzte eine Gesellschaftsordnung voraus, die sich operettenhaft betrug und sich dessen bewußt war. Ein Schriftsteller von Geblüt, S. Kracauer, stellt diese Operettenhaftigkeit des französischen zweiten Kaiserreichs in den Mittelpunkt eines Buches über Jacques Offenbach.( Allert de Lange, Amsterdam). Indem er den Zusammenhang von Genie und Milieu nachspürt, entsteht nicht nur ein fesselndes Lebensbild des groBen Musikers, sondern auch eine Biographie dieser Gesellschaft, man könnte sagen: eines ganzen Zeitalters, wenn das Frankreich von damals dem Kontinent politisch, wirtschaftlich und geistig nicht immer noch weit voraus gewesen wäre. Dieser Abstand, dieser Vorsprung erst machte wohl die Selbstpersiflagen des damaligen Frankreich möglich, und in dieser Atmosphäre gediehen die Offenbachiaden. Es bleibe dahin gestellt, ob Kracauers Meinung, wonach sich der Meister der satirischen Operette erst in diesem Klima voll entfalten konnte, richtig ist. Von Haus aus gehört Offenbach zu den Unpolitischen, und die Atmosphäre bestimmt unter Umständen zwar die Richtung der künstlerischen Entwicklung, aber nicht Qualität, Gewicht und sonstige Entfaltungsmöglichkeiten eines Talents. Das Alterswerk> Hoffmanns Erzählungen< beweist ja doch wohl, daß Offenbachs Genie auch auf tragischem Boden hätte. wachsen können. Wir wissen wenig von den nur schwer kontrollierbaren Beziehungen zwischen Genie und Umgebung, wir wissen vor allem nie, wie es hätte kommen können, wenn es anders kam. Kracauer legt einen zu feinen soziologischen Instinkt an den Tag, als daß er solche Imponderabilien übersehen könnte. Die zeitgemäße Frau Warum wir die nachstehenden Zitate bringen? Um zu zeigen, womit man sich drüben im Blätterwald die Zeit vertreibt. Da hat das » Berliner Tageblatt< die Frage aufgeworfen, wie sich der Dorfgasthof zur mondänen Dame begreiflicherweise Fingernägel und hohe Absätze| Strecke brachte, worauf die untrennbaren Attribute von Kokotten alles weitere meistens unterblieb. sind... Gut angezogene Frauen aber Jeckels Rede kaum braucht gelesen habend, man nicht gleich mit scheelen Augen anzusehen.<< schlägt der Hitlermann den» Fridericus< auf Doch kaum hat der SS- Mann die warme und vernimmt die Verdammung dieses» Mannzu verhalten hat. Folgendes ist laut» Berliner Lanze genossen, die in seinem Leiborgan für weibes<, samt derer, die Tageblatt< im Dritten Reich möglich geworden: >> die Sache total vorbei begriffen haben und die aus den deutschen Frauen und Mädchen nun am liebsten ein Amazonenheer machen möchten, mit dem man selbst den Teufel aus der Welt schlagen könnte.<< Folgt ein Gewitter gegen alle Parolen, die zum weiblichen Sportabzeichen führen. Kunstseide und elegante Frauen eingelegt wird, da stößt sein blaues Auge auf eine > Frau Y, die Werbeberaterin, durch ihren Beruf an modernste, ele- Rede, die der SS- Führer Jeckeln in Braungante äußere Aufmachung gebun- schweig gehalten hat. Thema: Die zeitgemäße den, betritt eine kleine Gaststätte in der deutsche Frau. Dies zu sein, ist drüben offenProvinz X... In der Provinzgaststätte fällt bar sehr schwierig, denn dieser SS- Führer denkt wieder anders als sein Organ und wen- Schluß: det sich laut United Preẞ gegen gepflegte Frau Y. auf. Der Wirt ist auf seine Stammkundschaft angewiesen, er ist auch nicht in der Lage, nachzuprüfen, ob die Besucherin aus beruflichen Gründen die auffällige Frauenschönheit: Kleidung trägt.... Er ist also, soll nicht der Ruf seines Unternehmens leiden und er Geschäftsschädigung riskieren, genötigt, Frau Y.( in taktvoller Weise allerdings) zu verstehen zu geben, daß er leider außerstande ist, ihren Wünschen nach Speise, Trank und Beherbergung zu entsprechen...< >> Die Frau eines SS- Mannes müsse in jeder Weise einwandfrei sein. Frauen, die schön zu tanzen verstehen, brauche Deutschland nicht, wohl aber die Frauen, durch sportliche Leistungen ihre Gesundheit unter Beweis stellen können. Das Sportgerät sei für die Gesundheit der Frau weit wichtiger als der Lippenstift. Man werde von der künftigen Frau des SS- Mannes demnächst auch den Besitz des Sport- Abzeichens fordern.<< Der > Faßt man all diese schönen Ratschläge zusammen, so ergeben sie den gemessenen Befehl: die Frau vermännliche sich! Die Frau sei unweiblich! Man kann nicht nur im knorrigen Eichenwald umherlaufen. Man muß anstatt bloß Kraft und Stärke, auch Anmut und Lieblichkeit sehen. Deshalb schuf der Herrgott neben den Eichen die Blumen. Deshalb formte er aus der Rippe des Mannes das Weib.<< Denn im Laufe von vier Jahren wurde So schwankt der Kampf zwischen Amadie Landbevölkerung durch das Blubozone, Muttertier und Normaltyp hin und her. geschwätz derart verwirrt, daß die allein reiFortgesetzt muß revidiert werden. Aber sende Frau eine verdächtige Erscheinung geJede SS- Frau eine Amazone; erst wenn niemand darf gestehen, daß die Natur auf worden ist, namentlich wenn sie nicht in sie 4.50 springt, ist sie richtig. Legt sie nach braune Reglementierungen pfeift und die Nagelschuhen auftritt. Gut, daß es ein SSdem Gepäckmarsch gar noch die Riesenwelle mannigfachsten Typen schafft, um Organ gibt, so hier darzutun vermag, welch hin und zerquetscht sie dem Manne bei nach- zum Ziele zu kommen. Vier Jahre steht das ritterliches Herz auch im rauhen Kämpfer folgender Umarmung ein paar Rippen, so ist Dritte Reich und hat schon allerhand Modelle schlagen kann. Mächtig wirft sich das hochrassiger Nachwuchs garantiert. So war fabriziert: Germanisches Gretchen, Zuchtkuh, » Schwarze Korps« vom 10. 6. in die Spalten: es ja wohl auch damals mit Gunthern seiner, Amazone, Frau in Kunstseide. Bei Emmys > Elegante Frauen sind nur den Sittdie jeglichen Buhlen vorher erst mal im Ring- Brillanten, es ist in Deutschland nicht leicht, lichkeitsschnüfflern verdächtig, für die Kunstseidehemden, gepflegte kampf per Untergriff oder Doppelnelson zur eine» zeitgemäße Frau< zu sein... Br. beim Landgericht Staatsstreich gewissermaßen Modell gestan-» Frontkämpfer«-Meeting und bei keinem Ausden hat. Der moderne Offenbach fehlt noch, stellungsbesuch dem fremden Besucher vorweil die faschistische Despotie finsterer ist, geführt werden dürfte, ist jetzt das Urteil, als alle Despotien des 18. Jahrhunderts zu- das ein» Sondergericht<< sammen genommen und weil sie am Ende München fällte und in der letzten Nummer des wirtschaftlichen Liberalismus steht, indes vom» Deutschen Strafrecht<< im Wortlaut zitiert wird. Irgend ein Gauner hatte Wohnungsdiebstähle verübt, in dem einen Falle ein Handtäschchen mit Geld geklaut, im anderen Falle gleich eine ganze Einkaufstasche mit inliegendem Portemonnaie mitgehen heieinmal wenn von » Der Angeklagte hat in diesen Fällen vorgetäuscht, ein Parteiamt zu bekleiden, das ihm die Befugnis gab, einzelnen Volksgenossen Auskunft über andere Volksgenossen zu erlangen. Die Leute, an die sich der Angeklagte dabei gewandt hat, haben sich auch auf Grund seines Vorbringens für verpflichtet gehalten, die zu geverlangten Aufschlüsse ben. Der Angeklagte hat in diesen Fällen die gleiche Wirkung erzielt und auch erzielen wollen, wie in dem Falle, in dem er sich als Beamter im eigentlichen Sinne ausgab. Daher... usw.< das zweite Kaiserreich in den Gründer- Taumel dieser liberalistischen Wirtschaft hinein Ohne Zweifel jedoch wurden die OffenDarum ist die Symbolik bachiaden erst im gegebenen Klima möglich gerissen wurde. für den Faund sind schon darum ein Abbild des zweiten eines vieldeutigen Schwankes Aus Lüge, Bluff und Putsch schismus auch viel gefährlicher als alle Of Ben. Er hatte das angedreht, indem er sich Kaiserreichs. es konnte fenbachiaden für einen Staatsstreichler sein eine Naziuniform besorgt hatte, in dem war dies Blendwerk entstanden; weltwirtschaft- einen Falle sich vorstellte als>> von der politisich halten dank der Angst des Bürgertums konnten, der in den Strom und Kleinbürgertums vor dem Massentritt lichen Aufschwunges geriet. Wenn schen Leitung der NSDAP« geschickt, in dem So befundsgetreu attestiert das MüncheAngstschweiß- Atmoder Arbeiterbataillone. Orpheus in der Un- unsere Krisen- Diktatoren als Zeus, anderen Falle als» Beauftragter der Kreis- ner Sondergericht die terwelt ist ein operettenhaftes Spiegelbild Jupiter etc. entgöttert werden, von leitung München der NSDAP<, und so Erkun- sphäre, die eine Partei- Tyrannis nun schon dieser operettenhaften Götterdämmerung. ihnen gesungen werden kann:» Als ich noch digungen über Untermieter in den Wohnun- seit Jahr und Tag um sich zu verbreiten verDemütigst steht man da jedem GauOffenbachs. Spottlieder» machen sich über Prinz war von Arkadien< ist es mit ihrer gen, in denen er so brauchbare Sachen mit- steht. wenn Schon darum nahm, gewissermaßen» dienstlich vornahm. ner, solche Dinge lustig, die sich in den Schein Herrlichkeit sehr rasch aus. nur im Indianerkostüm der der Heiligkeit hüllen. Aufgeblähte Würde, kann Offenbach in braunen Zonen nicht ge- Nun stand der Kerl vor dem genannten Son- Nazis angeschwirrt kommt, zur Verfügung. hohle Autorität und angemaßte Gewalt, duldet werden. Br. Brandy. dergericht und dieses trug kein Bedenken, Ihn die Treppe mit Schwung hinunterbeförsie haben nichts zu lachen, wenn er sie laihn wegen» Amtsanmaßung zu verurteilen, dern könnte ja unter Umständen als chend entzaubert... so, als ob sich der Gauner als>> öffentlicher schlag gegen den nationalsozialistischen Beamter<< ausgegeben habe. Die Begründung Staat« zuchthaus- und handbeilwürdig ausfür diese Gerichtsentscheidung aber ist nun fallen... Wer könnte jetzt daran zweifeln, eben die klassische Pointe dieser ja wohl daß Deutschland in der Tat als der» ruhigste Staat der Welt<<, um mit Göbbels zu reden, Diese Biographie liest sich wie ein guter, flüssiger Roman, geschichtsmäßige dessen wie Momentaufnahmen aus Terrorien Alles zittert vor Uniformen in HitlerDeutschland, Formulierungen und Fassungen sitzen, der Leisten im Schuh. Und da sich Geschichte wiederholt, denkt man oft an mittel- So ganz aufschlußreich über den Werkeleuropäische Gegenwart, der Napoleons tag in einer Diktatur, der freilich auf keinem sonst so gar nicht erschütternden Begebenheit. Sie führt nämlich in jenem Urteil wörtlich an: dasteht!? hat nichts mehr mit berechtigter und not- und Zeugnissen vergleiche man die verloge-| nalsozialistischen Monatsheften« Konkurrenz| 1928 wendiger Entspannung zu tun, sondern es nen Tiraden der braunen Kunstfeldwebel. ist das erste Anzeichen einer el e me ntaren Kunstfeindlichkeit, gegen deer " >> Anren Verbreitung nicht schnell genug Dämme Wilhelm Stapel in Ungnade zukaufen. Das ist nicht geglückt. Und nun der Judenfrage allein durch den rechten Takt errichtet werden können, Die Kölnische Volkszeitung ist ein sehr das vorsichtiges, ängstliches Blatt. Wenn schon von» Publikumsflucht vor der Kunst< und ähnlichem spricht, müssen die Zustände toll sein. Der Schluß lautet: der gefallen Der Eher- Verlag im Kampf mit der Konkurrenz. Wer da glaubt, es käme im Dritten Reich bloß darauf an, ein guter hitlertreuer Hakenkreuzler und absolut gleichgeschaltet zu sein, wer das glaubt, der irrt sich ganz ent>> Hier zeigen sich noch Probleme allgemeinen Kunsterzie. hung, die nicht damit gelöst sind, daß man den Satz> die Kunst muß wieder zum schieden. Wenn z. B. eine sogenannte» KulturVolk finden< zum abertausendsten zeitschrift<< noch so nazistisch ist, so ist sie mal wiederholt. Die Kunst Richard deshalb der herrschenden Clique noch lange Wagners um noch einmal auf den Fall nicht genehm. Das wird sie vielmehr erst >> Walküre« und» Siegfried« zu kommen galt von je und gilt heute besonders als dann, wenn sie im Eher- Verlag erscheint und eine Erfüllung der im deutschen Volk diesem einige Gelder einbringt. Daß lebendigen künstlerischen Ideale.<< Hauptaktionär des Eher- Verlages Wenn Göbbels der Adolf nein mit gar das alles anhat Stapel einmal gewagt der Meimacht. Seit Jahr und Tag bemüht sich der nung Ausdruck zu geben, daß man die Juden Eher- Verlag Stapels> Deutsches Volks- nicht einfach totschlagen bezw. ins Ghetto tum<< aus dem Felde zu schlagen bezw. auf- sperren solle, sondern daß» die rechte Lösung hat Hitlers Kulturpapst und Großinquisitor gefunden werden könne. Das schrieb Stapel Alfred Rosenberg( der Herausgeber der 1928 und es hat ihn natürlich nicht gehindert, >> Nationalsozialistischen Monatshefte!<<) einen hinterher den Streicherschen Stürmer- Antiseiner wohlabgerichteten Spürhunde vorge- semitismus wacker mitzumachen und 1931 schickt, einen Pg. Mathes Ziegler, und dieser zu' schreiben, daß nach der» nationalen ReZiegler hat auf allerhöchsten Befehl die sen- volution« Einstein und andere Juden aufgesationelle Entdeckung gemacht, daß der be- hängt werden müssen! Ach, die Freude am rühmte nazistische Vorkämpfer Wilhelm Sta- Judenhängen kann den Stapel nun nicht mehr pel in Wirklichkeit ein liberalistischer» in- retten! Rosenberg verlangt den Skalp des stinktloser Literat« ist.» Literat<<- Stapel Konkurrenten. hat bekanntlich als einer der allerersten damit angefangen, diese Berufsbezeichnung als Schimpfwort zu gebrauchen und damit gegen die Brüder Mann, gegen Emil Ludwig, Kerr und andere zu Felde zu ziehen. Nun bekommt ers im Blatt des großen Konkurrenten Rosenberg schwarz auf weiß, daß er selbst ein » Literat« ist und obendrein ein» instinktloser«. In einem viele Seiten langen Artikel des Ziegler wird er fast durchgängig> der Literat Stapel< genannt! von den Massen erzählt, Hitler heißt, dürfte sich wohl inzwischen herdie seine Zwangsorganisationen gelegentlich umgesprochen haben. Desgleichen, daß die ins Theater dirigieren, wenn er den Künstlern kostspieligen Produkte dieses Verlages dem baldige Altersfürsorge verspricht und um ihre deutschen Volk mit sanftem, Sympathien für den braunen Zwangsstaat betZwang in den Bücherschrank nicht sanftem telt, so will er darüber hinweg täuschen, daß diktiert werden, Geschäft ist Geschäft... die braune Knebelung der Kunst ein breites Herr Wilhelm Stapel hat Kunstpublikum in das grundsätzliche Miẞscheinend noch immer nicht begriffen. Und trauen gegen das künstlerische« geradezu ge- darum ist er nun in bedenkliche Nähe des drängt hat. Die Degradierung der Kunst Konzentrationslagers gerückt. zum Knecht des Despotismus muß jeden Wagemut, jede Buntheit des Theaters, jeden Anlauf zur Wahrhaftigkeit ersticken. >> Neuen Wiener Tagblatt<( 17. 3.) wird aus Berlin geschrieben: Dem >> Die Berliner Theatersaison 1936/37 kann man wohl als die dürftigste seit der Ausdehnung der staatlichen Aufsicht auf das Kunstschaffen bezeichnen.<< >> Wir sind großzügig genug, Vergangenes ruhen zu lassen, wenn deutsche Menschen aus innerer Ueberzeugung den Weg zum Führer gefunden haben... Stapel hat bisher seine damaligen Anschauungen nicht widerrufen. Dies mag er für sich als Charakterstärke buchen, er darf sich jedoch nicht wundern, wenn wir daraus Folgerungen ziehen. Und diese Folgerungen sind eindeutig!... Wir möchten Wilhelm Stapel an dieser Stelle dringend nahelegen, auf den Ruhm eines Wissenschaftlers im Staate Adolf Hitlers zu verzichten!<< » Der Literat Wilhelm Stapel könnte Nun weiß Stapel also woran er ist. Sogar sich viele Plattheiten ersparen, wenn er die Chance von Eher aufgekauft zu werden sich der Erkenntnis erschließen wollte, daß ist ein für allemal dahin. Stapel muß sich nicht eine abstrakte deutsche Geistigkeit entscheiden, ob er sein vom Bannfluch geDeutschland gerettet hat, sondern einzig und allein die Bewegung Adolf Hitlers.<< Das ist noch die mildeste Tonart, die RoWorin besteht sein Verbrechen? Er ist weiß Gott kein Meckerer, kein Miesmacher. Sondern ein begeisterter Lobsänger des Hitlerregimes, zu dessen geistigen Bahnbrechern senbergs Ziegler anschlägt! er schon gehörte, als die Herren Johst und Blunck noch bei» jüdisch- marxistischen« Redaß er Nein, Stapels daktionen hausieren gingen. Untat besteht ganz einfach darin, Dies das Resultat nach vier Jahren brau- eine Zeitschrift herausgibt, die den im Eherner>> Kunstförderung«. Mit diesen Stimmen Verlag erscheinenden parteioffiziellen>> Natiotroffenes>> Deutsches Volkstum< gratis und franko verschwinden lassen oder ob er täglich und stündlich mit der Möglichkeit rechnen will, den von ihm so gehaßten und besich kämpften» marxistischen Volksverrätern<< im Konzentrationslager Gesellschaft zu leisten... Moral: Du sollst deinen Führer nicht nur wagt, oder über die Undiskutierbarkeit der lieben, sondern auch fürchten! Und vor allem: Vorschläge selbst.<< Du sollst ihm nicht ins Verlegerhandwerk K, K. pfuschen! >> Man weiß nicht, worüber man mehr wundern soll, über die Unbekümmertheit, mit der Stapel der Politik des Nationalsozialismus Vorschriften zu machen Welcher Vorschläge? In grauer Vorzeit Die Sklaverei der deutschen Arbeiter Arbeitsbuch und Arbeitsbuchkartei ein Jahresbericht der Schande Nachdem die Arbeitsbuchpflicht in einzel- auf Grund der Göring- Verordnungen zur rückzubehalten, ist zum Kernstück dieser wesen nie üppiger geblüht hat als gegennen Berufen über ein Jahr und allgemein seit> staatlichen Planung des Arbeitseinsatzes< ganzen Einrichtung geworden. Zynisch wärtig im Dritten Reich, obgleich ein Arbei34 Jahr in Kraft ist, gibt der Münchener Ar- unerläßlich sind. schreibt der Verfasser: terkind heut mehr denn je die Wege nach beitsamtdirektor einen Bericht über die daoben verbaut findet, sieht sich die» Deutmit gemachten Erfahrungen. In den einleische Wochenschau< doch genötigt, tenden Bemerkungen über den Zweck dieses vorbeugend zu protestieren: Gesindebuchs gibt der Verfasser zu, daß es im Dritten Reich freie Arbeiter nicht mehr geben kann. >> Für all diese staatlichen Eingriffe beim Arbeitseinsatz bildet das Arbeitsbuch und die für die Fortführung der Arbeitsbuchkartei vorgeschriebenen Veränderungsanzeigen schon heute ein unentbehrliches Hilfsmittel.<<< >> Diese mächtige Waffe der Zurückbehaltung des Arbeitsbuches in Ausnahmefällen, die bei landwirtschaftlichen Jahresarbeitsverträgen äußerst einschneidend wirken kann, stellt sicher, daß Arbeiter oder Angestellte nur nach ordnungsgemäßer Lösung des Arbeitsverhältnisses ihren Arbeitsplatz verlassen.<< Diese mächtige Waffe« der Unternehmer, >> Ein Wunsch ist allerdings nur unvoll- die bekanntlich nicht nur für die Landwirtkommen erfüllt worden, von dem die ersten schaft sondern für alle KriegswirtschaftsbeVersuche zur Einführung des Arbeitsbuches triebe gilt, ist ein technisches Hilfsmittel, ausgegangen waren: für die Bekämpfung des Unterstützungsmißbrauches.<< um jede Bewegungsfreiheit der Gefolgsleute Es wird dazu vorgeschlagen, neben den zu unterbinden. So bestätigt der Bericht über Beschäftigungsvermerken für die Gelegen- die bisherige Praxis des Arbeitsbuches unsere heitsarbeiter noch besondere Verdienstbe- hier ausgesprochenen Befürchtungen. ArDie Nazis haben inzwischen entdeckt, daß >> Die staatliche Lenkung des Arbeits- das Arbeitsbuch neben dem Hauptzweck einer einsatzes brachte weitgehende Eingriffe in Arbeits- Stammrolle auch noch geeignet sein die Freiheit des Einzelnen bei Verwendung könnte, die Rentenquetscherei in der Sozialseiner Arbeitskraft.... Im Interesse einer versicherung zu erleichtern. nach höheren staatspolitischen Gesichtspunkten ausgerichteten Arbeitseinsatzpolitik mußten vom Einzelnen oft schwerwiegende Opfer gefordert werden.<< Hinsichtlich der Eingewöhnung neue Einrichtung« unterscheidet der Verfasser zwischen Unternehmern und Arbeitern. Man könne feststellen, an die » Der Staat als dauernder Schützer und Betreuer des Erbguts hat ja schließlich kein Interesse daran, daß der Beamte nur bequemer lebt von höherer Besoldung, weil er verheiratet ist! Er hat auch kaum ein bleibendes Interesse daran, daß dieses oder jenes Kind, das sich als begabt erweist,» geförderte und in sogenannte» höhere« Stellungen gebracht wird, sondern sein bleibendes Interesse gehört eben der Erhaltung des wertvollen Erbgutes! Und zu diesem gehören vor allem auch feinste seelische Eigenschaften, die im brutalen Lebenskampf mit hemmungslosen Elementen, die mit allen Mitteln» nach oben« streben, verlorengehen können.<< >> daß die Unternehmerschaft scheinigungen einzutragen. Zusammenfassend beitsbuch und Arbeitsbuchkartei sind typisch Die>> Deutsche Wochenschau< hat recht. trotz der teilweise recht bedeutsamen Mehwird alsdann festgestellt, daß sich rung der Verwaltungsarbeit die eminenten das für das Regime der faschistischen Diktatur. Nicht» dies oder jenes begabte Kind« darf in Vorteile des Arbeitsbuches schnell erkannt Arbeitsbuch>> als vorzügliches Mittel be- Es duldet nur Knechte diese Diktatur wird einem dem Erb- und Rassenwahnsinn verfalwährt<< habe, um dem» Vertragsbruch« vor: nur so lange eine freie Regierung sein, als lenen Staat nach oben streben. Die Zukunft Denn wenn gleich keine anderen als die zubeugen. Das Vorrecht des Unternehmers, es ihr gelingt, das deutsche Volk unfrei zu gehört vielmehr den Bonzenkindern, vorgeschriebenen Eintragungen gemacht wer- das Arbeitsbuch seines Gefolgsmannes zu- halten. den dürften, so gebe doch das Arbeitsbuch, weit besser als alle Zeugnisse, über die Person des Inhabers Aufschluß. Da neben den Beschäftigungszeiten auch bei mehr als einmonatlicher Arbeitslosigkeit entsprechende Notizen des Arbeitsamtes in das Arbeitsbuch gemacht würden, so verfüge der Arbeitgeber bei Neueinstellung über wertvolle Unterlagen. hat.< Bei den Arbeitern hat der Herr Arbeitsamts- Direktor scheinbar eine gleiche Begeisterung für dieses Arbeitsbuch nicht vorgefunden, er schreibt: >> Demgegenüber hat es freilich schon mancher Arbeitnehmer peinlich empfunden, daß man im Arbeitsbuch auch sehr zwischen den Zeilen lesen kann, daß man z. B. aus Zeitabschnitten, die weder als Beschäftigungsverhältnis noch durch die Zeiten der Arbeitslosigkeit nachgewiesen werden, Schlüsse ziehen kann auf Freiheitsstrafen oder doch auf Zeiten der Untätigkeit.<< Was hier>> zwischen den Zeilen< gelesen werden kann, dürfte wohl dem Zweck des » Arbeitsbuches« am meisten entsprechen. Da hat der Verfasser weiter entdeckt: Ein Staatseat von Göcings Guaden! Der Bischof Berning geht unter die Protestler kenbau«-Politik auftreten, bei denen edelstes> Erbgut« vorausgesetzt wird. Die Praxis lehrt, daß die Spitzen des Dritten Reiches der gleichen Auffassung sind. nur Der Mann mit den 100.000 Ohren In Reih und Glied der deutschen katholi- giererei im Dritten Reich einen zuverlässigen Herr Alfred Rosenberg ist bekanntlich schen Kirchenpotentaten, die jetzt nachein- Informator aus erster Quelle zu besitzen. Der kein Minister, sondern ein schlichter ander am Massengrab ihrer eignen» Brük- Preußische Staatsrat war seit seiner Grün- brauner Parteibonze. Das hindert ihn jedoch berechtigte aber dung noch weniger zusammen, als sein Pen- nicht, im Hotel» Adlon« zu Berlin die Ausstark verspätete Proteste gegen ihren Kon- dant, der Deutsche Reichstag, der es in vier landsdiplomatie feierlich zu>> empfangen<. kordatspartner Hitler vorbringen und im übri- Hitler- Jahren noch nicht auf sechs Sitzungen Auf den letzten dieser Empfänge bekamen gen sich scheuen, in der Geistlichentracht gebracht hat. Die Diäten litten unter dieser die Herren Diplomaten einen Vortrag des überhaupt noch ihr Haus zu verlassen, um famosen autoritären Kurzarbeit zwar ebenso Gauleiters Dr. Alfred Meyer( Gau Westfalennicht vom braunen Pöbel und Hitlers SS auf- wenig bei den braunen Prominenten, die noch Nord) vorgesetzt. Laut Bericht der>> Nationalgegriffen und, wie>> Marxisten« oder» Rassen- das> M. d. R.< auf ihrer Visitenkarte führen, sozialistischen Monatshefte< erzählte dieser schänder<<, mit entsprechenden Schildern um wie bei den Staatsrätlern des Hern Göring, Meyer u. a. das folgende: den Hals durch die Gassen und Gossen ge- die meist aus Gauleitern und weniger aus schleift zu werden, hat sich jetzt auch Herr Kirchenlichtern bestehen. Was mag Herr Berning, seines kanonischen Zeichens Bi- Berning schon für Informationen nach Rom schof von Osnabrück, beigesellt. Im Marien- geschickt haben? Wo ist das Schlimmere<<, gnadenort in Rulle bei Osnabrück hat er eine Ansprache an katholische Jungmänner gehalten, die angesichts der modernen Christenverfolgungen der Hitlerschen Gestapo in dem flammenden Ausruf gipfelte:» Zeigt Mut, >> Unangenehm wirkt sich für ledige ihr katholischen Männer!«. So beweibliche Arbeitsbuchinhaber u. a. auf Seite 2, Spalte 4, der Eintrag des Fami- richten es die katholischen Zeitungen außerlienstandes( ledig, verheiratet usw.) im Zusammenhang mit der darunter stehenden Zahl minderjähriger Kinder aus.<< Mancher Betriebsführer scheue sich nämlich, ein>> Mädchen mit einem ledi gen Kind« einzustellen. Trotz der allgemein» bejahenden« Haltung zum Arbeitsbuch hätten aber die Arbeitsämter über die Durchführung noch sehr zu klagen. Vor allem würden die Veränderungsanzeigen nicht genügend gemacht. Die Betriebsführer beachteten zu wenig, daß über jeden Arbeitsbuchpflichtigen eine Arbeitsbuch- Karteikarte geführt werden muß, das dieser Würdenträger auf doppeltem Boden verhindert hätte? » Ich habe hunderttausende Augen, die in meinem Hoheitsgebiet nach dem Rechten sehen, hunderttausende Ohren, die am Herzen des Volkes liegen und mir in kürzester Zeit berichten, wo wirtschaftliche Schwierigkeiten entstehen, wo die Lebensmittelpreise ungerecht sind, wo Lebensmittel knapp sind, das Volk der Schuh drückt!< WO Sieh mal, Herr Meyer ist indiskret! Man erfährt von ihm, daß es in Deutschland wirtschaftliche Schwierigkeiten, ungerechte Preise und Lebensmittelknappheit gibt. Daß seine hunderttausende Ohren und Augen gar nicht der der Erforschung dieser Nöte, sondern Spitzelei und der Meckererjagd dienen, hätte er ebenfalls ruhig ausplaudern dürfen. Die Diplomaten, vor denen er sprach, sind nämlich so wie so im Bilde... Neuer Vorwärts Das Kapitel Berning wäre halb so gräßlich, wenn es nicht auch so unendlich komisch wäre! Fragt sich freilich, wie weit der Katholizismus als eine moralische Macht von solcher grausigen Humoristica profitiert. halb Deutschlands. Der Herr Bischof Berning Allen Ernstes geht jetzt durch katholische hat dieser seiner Inanspruchnahme des Mu- Kreise außerhalb des Hitlerschen Zugriffes tes- anderer noch den Satz hinzugefügt: die Version, der preußische Ministerpräsident » Und darum kämpfen wir Bischöfe für die Göring betreibe den Rausschmiẞ Rechte der Freiheit unserer Kirche...<< Bernings aus diesem seinem Staatsrat, Herr Bischof Berning scheint ein Mann zu weil sich die Voraussetzungen seiner» Besein, der um es ganz gelinde auszudrücken rufung« geändert hätten, was ja wohl auch von seinem Schöpfer ein wenig impulsiv so stimmt. Ob das wahr ist, steht dahin. Göausgestattet und ausgerüstet worden ist, so ring geriert sich gern mit Seitenblicken auf daß er unter dem Eindruck des Heute des den an seiner Massenbasis verklammerten größeren von Gestern total vergißt und auch Führer< als Repräsentant der alten Orddamit rechnet, daß es seine Zeitgenossen eben nungsmächte in Deutschland; und vielleicht Denn der Herr Bischof hat er grade deshalb seine eignen Gedanken Gozialdemokratisches Wochenblatt so halten möchten! scheint bei dieser seiner Rulle'schen rethori- zu diesem> Kulturkampf«, der Rivalen und Herausgeber: Ernst Sattler; verant>> die beim Umzug aus dem Arbeitsamtsbe- schen Fulminanz völlig des Bewußtseins ver- intimen Feinden, wie Göbbels, aber auch noch wortlicher Redakteur: Wenzel Horn; zirk dem Arbeitsbuchpflichtigen nach- lustig gegangen zu sein, daß er ja nicht nur höheren, doch schon das Genick brechen könnDruck:> Graphia<; alle in Karlsbad. wandert. Mit der Führung der Arbeits- Würdenträger seiner Kirche, sondern minde- te. Es wäre also umgekehrt grade eher mög- Zeitungstarif bew. m. P. D. ZI. 159.334/ VII- 1933. buchkarte verfolgt das Arbeitsamt das bedemselben Maße auch Groß- lich, daß Herr Göring den von solchem hohen Printed in Czechoslovakia. Kontrollpostamt: rufliche Schicksal des Arbeitsbuch- stens in inhabers ständig, auch ohne daß dieser Mameluk des Dritten Reiches ist Seegang bedrohten Staatsrat zu halten ver- Poštovní úřad Karlovy Vary 3. wegen Unterstützung mit dem A.A. in und zwar ganz aus freien Stücken! Vor sucht; im Hinblick auf Kommendes näm- postamt Karlsbad 3. Berührung kommt.<< vier Jahren hat er sich von Herrn Göring in lich... Wichtiger als dies wäre es freilich zu Der>> Neue Vorwärts« kostet im EinzelBisher hatten die Arbeitsämter mit dem dessen Staatsrat feierlich aufnehmen las- erfahren, was der hochwürdige Herr Staats- verkauf innerhalb der CSR Kč 1.40( für ein Arbeiter nur zu tun, soweit sie sich um des- sen! Er hat bis heute und bis zu dieser seiner rat nun eigentlich selbst Quartal bei freier Zustellung Kč 18.-). Preis zu tun gedenkt! der Einzelnummer im Ausland Kč 2.-( Kč sen Arbeitsvermittlung oder Unterstützung Ruller Gnadenortsrede davon allmonatlich Sollte es genug sein, anderen in punkto Mut 24.- für das Quartal) oder deren Gegenwert kümmern mußten. Jetzt dagegen steht jeder tausend Reichsmark eingeheimst, so viel, daß Vorhaltungen zu machen? Wo hätte grade in der Landeswährung( die Bezugspreise für Arbeiter, ob beschäftigt oder arbeitslos un- davon sechs kinderreiche Arbeiterfamilien Herr Berning den Beweis erbracht, daß wir das Quartal stehen in Klammern): Argentinien Pes. 0.30( 3.60), Belgien: Belg. Frs. 2.45( 29.50), ter der ständig en Kontrolle. Die hätten leben können. Als preußischer Staats- Bischöfe für die Rechte der Freiheit der Bulgarien Lew 8.-( 96.-). Danzig Guld. 0.45 Arbeitsämter sind zu einer Arbeitspoli- rat hat er Konzentrationslager Kirche kämpfen> Die Zahl der Anzeigen, die das Arbeits- ter und bespuckter Gefangener stand... Ist hören, die Hauptfigur einer wilden Posse mit- Polen Zloty 0.50( 6.-), Portugal Esc. 2.( 24.-), Rumänien Lei 10.-( 120.-), Schweamt erhält, müßte überall bedeutend grö- der Herr Bischof so kurzen und simplen Ge- abzugeben, die Herr Hitler vor einem Welt- den Kr. 0.35( 4.20), Schweiz Frs. 0.30( 3.60), Ber sein, als die Zahl der Anzeigen, die das freilich kaum alle Spanien Pes. 0.70( 8.40), Ungarn Pengö 0.35 die Krankenkassen im Bezirk erhalten. In dächtnisses und so unbegrenzt naiver Gemüts- publikum aufführt, dieser grausamen ( 4.20), USA 0.08( 1.-). Wirklichkeit liegen die Dinge überall um- verfassung, daß er glaubt, daß die Männer, einzelnen Rüpelszenen gekehrt...< an deren Tapferkeit er da appelliert, davon Posse so recht verstehen mag? schon gar nichts mehr wissen? Der Registrierapparat scheint also nicht zu funktionieren. Die verschiedenen Anzeige- Herr Berning hat, wie uns einmal glaubpflichten, die den Betrieben aus der Vier- haft aus katholischem Kreise gesagt wurde, jahresplan- Bürokratie erwachsen, haben sich der ob dieser seiner Ernennung zum Göring'derart gehäuft, daß einem allzu gewissenhaf- schen> Preußischen Staatsrat< einigermaßen ten Betriebsinhaber neben diesen kriegswirt- bestürzten Kurie in Rom versichert, er könne schaftlichen Pflichten keine Zeit verbleibt, das durchaus verantworten, weil es gälte, sein Geschäft zu betreiben. Die Unternehmer Schlimmeres zu verhüten und mindestens auch werden daher nochmals gemahnt, den Ar- die Kirche ein Interesse daran haben müsse, Begabtenauslese eines AufgabeEinzahlungen können auf folgende Postscheckkonten erfolgen: Tschechoslowakei: Zeitschrift> Neuer Vorwärts< Karlsbad. Prag 46.149. Oesterreich:> Neuer Vorwärts< KarlsDer>> SA- Mann< war taktlos genug zu be- bad. Wien B- 198.304. Polen:> Neuer Vorwärts< haupten, im Dritten Reich komme es allein Karlsbad. Warschau 194.797. Schweiz:> Neuer Vorwärts< Karlsbad. Zürich Nr. VIII 14.697. auf die Befähigung an, und ein begabter Ungarn: Anglo- Čechoslovakische und Prager Arbeitersohn könne mehr werden als der Creditbank Filiale Karlsbad. Konto> Neuer weniger taugliche Sohn eines Generals oder Vorwärts< Budapest Nr. 2029. Jugoslawien: eines Generaldirektors. Anglo- Čechoslovakische und Prager CreditObgleich diese Behauptung unwahr ist, wärts<, Beograd Nr. 51.005. Genaue Bezeich bank. Filiale Belgrad, Konto» Neuer Vorbeitsämtern die Anzeigen zu machen, wie sie durch solche Teilnahme an der aktiven Re- obgleich das Protektions- und Privilegien- nung der Konten ist erforderlich.