Neuer Vorwärts Sozialdemokratisches Wochenblatt Nr. 227 SONNTAG. 17. Okt. 1937 Aus dem Inhalt: Immunität für Ley Sozialisten und Krieg Betrogener Mittelstand Deutsches Geld in Brasilien Verlag: Karlsbad, Haus„ Graphia" Preise und Bezugsbedingungen siehe Beiblatt letzte Seite Rooseveltreden nach Deutschland! Wer den Frieden retten will, muß den Völkern die Wahrheit sagen Am 4. August 1914 bekam in einer nigswusterhausen eine allbekannte sen verschickte und Abdrücke jedem, Ja, würden die Diktaturen zu der bürgerlichen Redaktion in Berlin ein Stimme anbrüllt. Man kann in London der sie verteilen will, zur Verfügung Einsicht gebracht, daß sie ihre Völker Redakteur einen Weinkrampf. Er und Kopenhagen, in New York und stellte? Wie wäre es, wenn die Sende- von der Wahrheit nicht abschließen schlug mit dem Kopf auf die Tisch- Kapstadt nicht spazieren gehen, ohne stationen rings um Deutschland gebe- können, sie würden ihre ganze Politik platte und schrie:» Das ist doch alles auf die Spuren der nazistischen Pro- ten würden, die Rede mehrmals zu ver- ändern müssen, und der Hauptpfeiler. nicht wahr! Das kann ich nicht! Das paganda zu stoßen. Aber wenn Roose- schiedenen Tageszeiten in guter deut- ihrer Macht käme ins Wanken. kann ich nicht!<< velt spricht, ist es im deutschsprachi- scher Uebersetzung wirksam vorzutra- Mehr als das! Ihre KriegsvorbereiDarauf der Chefredakteur mit mild- gen Rundfunk Europas still davon, gen väterlichem Ernst:» Es ist Krieg! Jetzt und es dauert ein paar Wochen, bis die Es ist das nur ein Beispiel. Ebenist es Pflicht zu lügen!<< Gestapo irgendwo im Bettstroh verborWie viele Szenen dieser Art mögen gen einen Abdruck der Rede findet. Sogut wie Deutschland könnte hier Itasich in den letzten Jahren in deutschen Dann Gnade Gott dem Unglücklichen! Blum, Chamberlain oder der Papst. lien stehen, ebensogut wie Roosevelt, wieder abgespielt haben? Wieder ist Lügen Pflicht. Ist auch wieder Krieg? Redaktionsstuben Muß das so sein? tungen würden auf das Gründlichste gestört sein. Denn nur ein blindes Volk. kann man in einen gewissenlosen Krieg hineintreiben, ein sehendes nicht. Die Lüge brütet den Krieg aus. Die Wie wäre es z. B., wenn sich der Ja, wie wäre es, wenn man einmal Wahrheit tötet ihn im Keim. amerikanische Botschafter beim Aus- alle friedlichen Machtmittel der Demoum in die Wer den Frieden retten will, der Ja, und abermals ja! Es ist Krieg. wärtigen Amt erkundigte, warum die kratie anwenden würde, Man kennt die famose Theorie des Rede seines Chefs in keiner deutschen Lügenmauer, die die Diktaturen um- muß diejenigen wieder sehend machen, trefflichen Himmler von den vier Zeitung steht? Wie wäre es, wenn die gibt, eine ordentliche Bresche zu schla- denen die Augen verbunden sind. Wer Fronten: Land, Wasser, Luft und dann amerikanische Regierung erklärte, sie gen? den Frieden retten will, muß den Völdie vierte, die innere. An dieser vier- betrachte das Verbot als einen un- Es würden, gewiß, alle alten Diplo- kern die Wahrheit sagen. ten Front tobt seit viereinhalb Jahren freundlichen Akt? Wie wäre es, wenn maten Kopf stehen, aber die Folgen Um der Wahrheit, um des Friedens schon der Krieg, um ihn auf den an- die Botschaft die Rede drucken ließe, wären dessenungeachtet ungemein willen: die Rooseveltreden deren drei gründlich vorzubereiten. Die sie an ein paar hunderttausend Adres- heilsam. nach Deutschland! Wahrheit ist der Todfeind derer, die den Krieg wollen, darum wird sie seit viereinhalb Jahren gehetzt, niedergeschlagen und auf der Flucht erschossen. Ist sie aus den deutschen Hirnen ausgerottet, dann ist es so weit. Deutsches Geld und deutsche Waffen Man stelle sich vor, irgendein gewöhnlicher Sterblicher hätte in Berlin Nazi finanzieren brasilianische Faschisten- Eine Interpellation in der Bundeskammer eine Rede gehalten wie neulich Roosevelt in Chicago. Man würde ihn in das nächste Konzentrationslager bringen, an den Block schnallen und so lebhaften Bedauern Himmlers . SO ränität durch die Nationalsozialisten be- den der in eine politische Partei Titel einer Anleihe, die zur Deckung ihrer politischen Propaganda dienen, von einer ausländischen Bank diskontieren läßt?<< mn. Rio de Janeiro, Ende September.| nen Landsleuten in Südbrasilien zu überDie Empörung der brasilianischen Oef- mitteln!<< fentlichkeit über die Tätigkeit der national- Andere brasilianische Zeitungen sind in lange prügeln, bis er das Horst- Wes- sozialistischen Auslandsorganisation hält ihren Ausdrücken noch viel schärfer und sellied singt. unvermindert an und wird durch das Be- sprechen davon, daß es nicht angängig sei, Die Interpellation des Deputierten Mit dem Präsidenten der Vereinig- kanntwerden von immer neuen Dingen, die den» banditismo« der Nationalsozialisten Café Filho behauptete also nicht mehr und ten Staaten kann man sicher zum die Verletzung der brasilianischen Souve- nach Brasilien zu verpflanzen. Dem Faß nicht weniger, als daß eine der ReichsBoden ausgeschlagen haben aber regierung unterstehende Bank, die sich nicht verfahren. Also muß man es weisen, angestachelt. Auch diesmal geben einige Tatsachen, die durch eine in der schon in Spanien im Zusammenhang beim Göbbels bewenden lassen und wir nur Presseäußerungen wieder, die kon- brasilianischen Bundeskammer einge- mit der Vorbereitung der Francodie Wiedergabe der Rede verbieten. servativen Organen entstammen, weil sie brachte Interpellation bekannt geworden Revolte unliebsam bemerkbar gemacht Und der Präsident, das freige- noch mehr als die viel erbitterteren Mei- sind. Wir lassen diese Interpellation des hatte, die Finanzierung der Wahlpropaganwählte Oberhaupt der mächtigsten Na- nungsäußerungen linksgerichteten Abgeordneten Café Filho wörtlicher da einer politischen Partei Brasiliens vortion der Erde, läßt sich das gefallen? Presse zeigen, wie groß die Miẞstimmung Uebersetzung folgen: nehme. Die brasilianische Presse unterJa, er läßt sich das gefallen, denn auch ist. Die einflußreiche» Folha da Manhas, » Ich beantrage, daß das Präsidium der nahm sofort eine Reihe von Bemühungen, er ist der Gefangene jener die demo- die in Sao Paulo erscheint, schrieb unter Kammer von dem Finanzminister Aus- um die Richtigkeit der in der Interpellation kratische Welt beherrschenden Theo- anderem: künfte einholt über das folgende: enthaltenen Angaben nachzuprüfen, und rie, nach der jedes andere Verhalten A) Ob es Wahrheit ist und ob davon das konnte in kürzester Zeit nachweisen, daß eine Einmischung in fremde AngeleBankenkommissariat Kenntnis hat, daß der Abgeordnete Café Filho richtig genheiten sein würde. die Accao Integralista Brasileira Anleihe- informiert worden war. Die Leiter der titeln im Gesamtbetrag von sechstausend Filiale Rio de Janeiro des deutschen Bankcontos de reis ausgegeben hat, die sie institutes mußte das auf Vorhalt ebenfalls >> emprestimo patriotico«< nennt und die zugeben. Unter anderem stellte sich die dazu bestimmt sind, die Kosten ihrer po- erstaunliche Tatsache heraus, daß die erlitischen Propaganda für die Bundes- wähnte» Patriotische Anleihe« der brasipräsidentenwahlen zu bestreiten; lianischen Integralisten erst im Jahre 1942 Accao Integralista Brasileira bei der stehende Bank war also, gegen ihre sonBanco Allemao Transatlantico stigen Geschäftsmethoden bereit, unter eingereicht und von ihr diskontiert wor- außergewöhnlich günstigen Bedingungen den sind; Anleihestücke zu belehnen, auf die keine » Der Fall der Nationalsozialisten von Rio Grande do Sul ist bekannt: sie schickten einen Repräsentanten nach Deutschland, um geMerkwürdige Welt! meinsam mit Vertretern der ehemaligen deutWenn ein Staat, ohne sich in fremde schen Kolonien an einem Kongresse der deutAngelegenheiten zu mischen, Kanonen schen Faschisten teilzunehmen. Die Organigießt, mit denen er 120 Kilometer über sation der Anhänger Hitlers in Südbrasilien die Grenze schießen kann, so kann der ist in jeder Hinsicht umfassend: es fehlt nicht andere, gleichfalls ohne sich in fremde einmal eine militärische Organisation als AusAngelegenheiten zu mischen, Kanonen druck der Ideologie, die aus dem Reich zu B) ob diese Titel von den Mitgliedern der fällig ist. Die der Reichsregierung untergießen, die 140 Kilometer weit schie- uns gebracht worden ist. Die Frage mit allem Ben. Ernste prüfend, kommen wir zu dem ErgebAber der ungeheuerlichen, die Welt mis, daß Brasilien je eher, desto besser Maßüberflutenden Lügenpropaganda der regeln gegen diese Mißbräuche ergreifen muß, Diktaturen können die Demokratien bevor diese durch ihre Generalisierung un- C) welchen Betrag diese Transaktion der einzige brasilianische Bank auch nur einen nicht die Stimme der Wahrheit entge- erträglich werden! Ohne die Gesetze der Gastgenstellen, ohne sich in fremde Ange- freundschaft zu verletzen, können wir nicht legenheiten einzumischen. Und wenn dulden, daß exotische Ideologien(> ideologias schließlich doch ein verantwortliches exoticas<<) in den deutschen Siedlungen proStaatsoberhaupt eine Rede hält, die pagiert werden, um auf diese Weise zu einer überall gehört werden sollte, dann darf Spaltung innerhalb dieser beizutragen. Wir A) sie dennoch nicht zur Kenntnis der- unterscheiden nicht die Fremden, die zu uns jenigen gelangen, an die sie gerichtet kommen, um gemeinsam mit uns an dem Fortist. Das Verbot, sie zu verbreiten, wird schritt Brasiliens zu arbeiten nach ihrer polistillschweigend hingenommen, weil tischen Ueberzeugung! Wir fordern nur man sich doch nicht in die Angelegen- durchgreifendes Gesetz, das all die unerträgheiten eines fremden Staates einmi- lichen Mißbräuche unmöglich macht. Uniforschen kann. mierte Milizen dürfen ebensowenig geduldet B) In der Tat, merkwürdige Welt! werden wie der Gebrauch von Abzeichen und Man kann an gewissen Tagen nicht Insignien ausländischer militärischer Organiden Rundfunk andrehen, ohne daß sationen. Das deutlichste Beispiel für dessen einen von irgend einer Nebenwelle Notwendigkeit ist der Fall Rio Grande do C) Berlin, Hamburg, Heilsberg, Leipzig, Sul: ein deutscher Faschist reist nach Berlin, München, Frankfurt, Mühlacker, Kö- um eine Order Hitlers zu empfangen und seiein zum Banco Allemao Transatlantico zugunsten Milreis Vorschuß gegeben hätte! der Accao Intergralista Brasileira erUnter diesen Umständen nimmt es reicht hat? nicht Wunder, wenn die brasilianische OefDie Fragen an den Justiz- und In- fentlichkeit konstatiert, daß die Integralinenminister hatten folgenden Inhalt: sten die Form der» Anleihe<< nicht ob der Justizminister davon Kenntnis be- wenigsten deswegen gewählt haben, um sitzt, daß die Anleihetitel des»> emprestimo auf eine relativ unauffällige Weise eine patriotico«< der Integralistischen Aktion, deutsche Bank an der Finanzierung ihrer die von deren Parteimitgliedern indossiert Bewegung, teilnehmen zu lassen. Allerdings wurden, von der Banco Allemao ist durchaus möglich, daß auch die andere Transatlantico bevorschußt wer- in Brasilien niedergelassene deutsche Bank, die Banco Germanico, ähnliche Geden; ob diese Transaktionen bloß durch die schäfte gemacht hat. Bis zur Stunde Banco Allemao Transatlantico geschehen konnte noch nicht ermittelt werden, ein oder auch von anderen ausländischen Ban- wie großer Teil der Anleihe von insgesamt ken durchgeführt werden; sechs Millionen Milreis( ein Betrag, der an was die Regierung, nachdem sich die Kaufkraft ungefähr 2,5 Millionen SchweiRichtigkeit der Informationen heraus- zer Franken entspricht) von der Banco gestellt hat, zu der Tatsache sagt, daß Allemao Transatlantico bevorschußt wor . den ist, um geringe Summen kann es Entdoktorung sich aber nach allem, was man gehört hat, nicht handeln! Die Rache des Systems Die Rache ist beDie deutschen Stellen versuchen nun, Die deutschen Universitäten haben vom die Zusammenhänge zu verwischen und zu Reichsinnenministerium Auftrag erhalten, vertuschen, indem sie behaupten, auch an- einen Rachefeldzug gegen akademische Emidere Bankinstitute hätten mit dem» em- granten zu veranstalten. prestimo patriotico« der Integralistischen scheiden: man erkennt ihnen den DoktorAktion zu tun gehabt. Das ist insofern titel ab, indem man sie für» des Tragens richtig, als einige kleinere brasilianische eines deutschen akademischen Grades unwürBanken mit der Einziehung der fälligen dig« erklärt. Was würdig ist und was nicht, sind. Beträge beauftragt worden Die darüber ist mit den akademischen Bütteln Banco Allemao Transatlantico ist aber eines unwürdigen und unmoralischen Systems die einzige ausländische Bank, die keine Diskussion möglich. der faschistischen Bewegung Hilfe hat angedeihen lassen, und sie ist vor allem die einzige Bank überhaupt, die die Anleihetitel bevorschußt hat. Diese Maßnahme hat bisher einige führende Sozialdemokraten betroffen, so die Genossen Curt Geyer und Paul Hertz. Sie wird jetzt allgemein schematisch durchzum >> Reichsfinanzschule< in am 9. Meersburg Erinnerungsmarsch einen gestattet werden kann, auch der November zugelassen werden.<< andere tun darf. Wenn zum Beispiel dem SA- Mann, der betrunken über die Straße Denn wenn die Gestapo nicht neunzehn torkelt, erst im Wiederholungsfalle aus Tage Zeit hätte, genaueste Nachforanzustellen, könnte im dem Verhalten schlimme Folgen entste- schungen hen werden, so müßte ein solcher Vor- Bürgerbräukeller nach der Decke geschossen gang für den obersten Richter der Par- oder zum Erinnerungsmarsch der BlutordensRöhm Auf inhaber nebst Gefolge zugelassen tei sofort verhängnisvoll werden. der anderen Seite müssen einem Mann, werden. Je älter die Kämpfer, desto größer der sich um die Bewegung oder das Volk die Angst vor ihnen. schon große Verdienste erworben hat, - zurück in den Betrieb! und der darum einen wichtigen Platz in Frauen der Gemeinschaft einnimmt, unter Um- Rin in die Kartoffeln, raus aus den Kartoffeln! ständen Dinge nachgesehen werden, die Bei der feierlichen Eröffnung der neuen der Allgemeinheit im Hinblick auf die Erhaltung der Art nicht zugebilligt wer- hat Staatssekretär Reinhardt eine Rede den können.<< gehalten, in der er u. a. die Neuerungen erEs ist ohne weiteres klar, worauf sich läuterte, die vom 1. Oktober an bei der GeDie brasilianische Oeffentlichkeit ist geführt, und erstreckt sich auch auf gänz- diese Stelle bezieht. Die Offiziere der währung von Ehestandsdarlehen darüber um so empörter, als immer häu- lich unpolitische Familienangehörige. So ist Wehrmacht haben sich über den Alko- gelten. Er sagte: Herrn Ley befiger die Möglichkeit eines inte- der Tochter des Vorsitzenden der Sozialde- holismus des gralistischen Putsches erörtert mokratischen Partei Deutschlands, Hans Vo- schwert, desselben Mannes, der jetzt in wird und mehrmals Feststellungen gel, Dr. Frieda Vogel, von der Univer- Berlin den Herzog von Windsor empfangen über deutsche Waffenliefe- sität Gießen der Doktortitel aberkannt wor- und herumgeführt hat. Herr Buch hat die rungen an die Integralisten getroffen den, nachdem sie vor einiger Zeit ausgebür- Aufgabe gehabt, vor den Offizieren der worden sind. Die brasilianische Presse gert worden ist. Frieda Vogel lebt seit Jah- Wehrmacht Entschuldigungen alkoholischen Exzesse des stellt darum folgende Frage: ren in Skandinavien von ihren Eltern ge- chen, für die trennt, erhält sich mit hauswirtschaftlichen Herrn Ley und eine Begründung dafür zu diskontiert die Banco Allemao TransArbeiten, und betätigt sich nicht politisch. geben, warum Herrn Ley nicht das geatlantico etwa deswegen die Partei. Dennoch verfolgt sie als Tochter ihres schieht, was einem gewöhnlichen Parteianleihe der Integralistischen Aktion, Vaters der Haß des Systems. soldaten der NSDAP bei so alkoholischen die erst in fünf Jahren fällig ist, weil In dieser kleinlichen Rache gegenüber Exzessen vielleicht geschehen würde. sie mit dem Erfolg eines Putsches unpolitischen Familienangehörigen zeigt sich rechnet und dazu die Rückzahlung die Niedrigkeit des Systems. durch den brasilianischen Staat, etwa in Form von Baumwoll. und Manganerzlieferungen, erwartet? -Immunität für Ley Erinnerungsmarsch auszuspre>> Demgemäß werden mit Wirkung vom 1. Oktober d. J. an Ehestandsdarlehen auch dann gewährt, wenn dic künftige Ehefrau nicht aus ihrem bisherigen Arbeitsverhältnis ausscheidet. Den bereits verheirateten Frauen, die Ehestandsdarlehen erhalten haben, ist mit Wirkung von heute an bis auf weiteres erlaubt, wieder erwerbstätig zu werden.< Damit ist alles umgeworfen worden, was bei der Gründung dieses Darlehensbetriebes mit viel schönen Reden gepriesen wurde. > Hausfrauen sollt ihr wieder sein!« rief man den Ehestandsanwärterinnen zu,» nicht mehr mit Steckbrief am fließenden Band, an der Maschine stehen, während daheim der Haushalt verkommt und die Kinder von der Gasse erzogen werden. Das Frauen zurück ins Haus!<< » Alle Inhaber des Blutordens( auch Jetzt ist der totale Vordiejenigen, die auf Grund ihrer führenden war einmal. Stellung in Partei, Staat und Wehrmacht krieg ausgebrochen, jetzt heißt es die Stelan sich zur Teilnahme verpflichtet len besetzen, die von den Arbeitsdienst- und oder befohlen sind) die an den VerWehrpflichtigen, von den Rüstungs- und anstaltungen des 8. und 9. November 1937 In der deutschen Presse wird bekanntEr darf exzedieren. Der oberste Partei- gegeben: richter bestätigt es. Diese Frage wird um so dringlicher gestellt, als die brasilianische Oeffentlichkeit Mitte September von einem sehr geheimUnter den geheimen Vorträgen aus nisvollen Schmuggel von deutscher Munition auf dem Dampfer denen wir weitere Veröffentlichungen folbefindet sich ein Vortrag » Ararangua« erfahren hat. Und Und zwar gen lassen handelt es sich um Munition, die in Röhren des obersten Parteirichters der NSDAP, versteckt war, die sogar, um die Behörden Walter Buch, über die Parteigerichtszu täuschen, mit einer bestimmten Sorte barkeit der NSDAP. Darin heißt es: Stempelmarken beklebt worden waren. Die Erbitterungen der brasilianischen Bevölkerung über diese nationalsozialistische Manöver ist außerordentlich groß. Man ist jedoch mehr empört als nervös, weil man die feste Ueberzeugung besitzt, daß die braunen Pläne erfolglos sein werden. Man weiß auch genau, wie aufmerksam die Vereinigten Staaten von Nordamerika die Entwicklung in Brasilien und die Versuche der Nationalsozialisten, auf die brasilianizu gewinnen, sche Innenpolitik Einfluß beobachten, und das dient ebenfalls zur Beruhigung. » Ich komme zu der Einsicht, daß im Gegensatz zu der deutschen Redensart, was dem einen recht ist, ist dem anderen billig, das römische Wort:>> Quod licet Jovi, non licet bovi!« das richtige ist. Es ist nicht so, daß das, was dem die in der Hauptstadt der Bewegung teilneh- Zwangsarbeitern geräumt wurden, und in der Ersatzstoffindustrie men, haben ausnahmslos bis späte- neuen Stellen stens zum 20. Oktober 1937 an das dazu. Also:» Frauen, raus aus dem Amt für den 8. und 9. November 1923 in Haus! Zu kochen gibt es ohnehin nicht viel, München, Residenz, Kaiserhof, schriftlich zu melden: a) ihre jetzige genaue und eure Kinder erziehen wir, daß es auf den Anschrift, b) Nummer ihres Blut- HJ- Schießständen nur so kracht!<< ordensausweises. Wer diese hiermit bindend vorgeschriebene Meldung unterläßt, kann weder zum Appell im Bürgerbräukeller am 8. November abends, noch vergeht! Aus großer Zeit > Besuchen Sie das neue ten Reich gibt es bekanntlich keine Not und Deutschland!« so lauten einladend die keine Arbeitslosigkeit mehr. Hitler hat allen Plakate der deutschen Fremdenwerbung, die Brot und Erwerb verschafft. Es herrscht soin allen Reisebüros zu sehen sind. Ein Skandi- gar regelrechter Ueberfluß, denn wie könnten Die unmittelbare Folge dieser Ereig- navier, der der Aufforderung Folge geleistet die braunen Anführer sonst wohl Millionen nisse ist nicht nur eine wachsende Antipathie gegen Deutschland, sondern auch gegen die in Brasilien lebenden Deutschen. Sehr viele Brasilianer vermögen nämlich nicht zwischen der Reichsregierung und dem deutschen Volke zu unterscheiden. Die Feigheit und Charakterlosigkeit des der überwiegenden Teils in Brasilien lebenden Deutschen beginnt sich bereits bitter zu rächen! Daß die fortgesetzte nationalsozialistische Einmischung in die brasilianische Innenpolitik und in die Organisationen der Teutobrasileiros solche Konsequenzen haben würde, war allerdings für jeden vernünftigen Menschen schon längst klar! Sieg Heil stell die Platten ab! hinein den Führer und Sieg- Heilrufe« zu hatte, Stockholmer schildert im » Social- und aber Millionen Reichsmark für das SchauDemokraten die eigenartigen Begriffe von gepränge ihrer Feste und Feiern verpulvern Höflichkeit und Gastlichkeit, die man im und einen Prunkpalast nach dem andern Dritten Reich ausländischen Gästen gegen- bauen?( Von den Milliarden, die die Aufüber an den Tag legt. Er hatte das zweifel- rüstung kostet, ganz zu schweigen.) hafte Glück, sich in Berlin gerade zur Zeit Nichtsdestoweniger wird auch diesmal des Mussolini- Besuchs aufzuhalten. Aus sei- wieder zum> Winterhilfswerk« aufgerufen und nem aufschlußreichen Bericht sei der folgende jedem Deutschen anbefohlen, sich womöglich Passus wiedergegeben: noch ausgiebiger als in den Vorjahren an dem Dabei wird jedes neue Prinzip jeweils für tausend Jahre in Kraft gesetzt. Wie die Zeit jenem Vorwand unser Land besuchen, eine und lebhafte Tätigkeit zur Durchsetzung Propagierung gewisser Absichten entfaltet haben. Alle möglichen eigenartigen Leute, die sich als Jäger, als Pflanzen- oder Inund sich dem sektensammler ausgeben äußeren Anschein nach nur mit harmlosfriedlichen Dingen beschäftigen, haben versucht, bei uns Fuß zu fassen. Diese Leute haben unterirdische faschistische Organisationen gegründet und sind teilweise auch der Militärspionage verdächtig.<< Der Abgeordnete ersuchte die Regierung, diesem unterirdischen Treiben erhöhte Aufmerksamkeit zu widmen und entschiedene Abwehrmaßnahmen zu ergreifen... * * * Auch der Tabak wird autark. Die Dresdner Zigarettenfabrik Delta, die es > An dem Tag, an dem der Duce in der großen Feldzug gegen Hunger und Kälte< augenscheinlich von Göbbels gelernt hat, wie Reichshauptstadt erwartet wurde, wurde zu beteiligen. Da stimmt also irgend etwas man geschmackvolle und in den Grenzen der ich vor 7 Uhr morgens in meinem Hotelzimmer von zwei SA- Leuten geweckt. Sie nicht. Wozu ein Feldzug gegen die Not, die Wahrheit sich haltende Reklame macht, läßt öffneten ganz einfach meine Tür, schlugen der Führer doch angeblich beseitigt hat? Der in den deutschen Zeitungen ganzseitige Indie Hacken zusammen und riefen mit er- Leitartikler des> Berliner Tageblatts« sieht serate erscheinen, die mit Riesenlettern einen hobenen Armen: Heil Hitler! Darauf stell- sich veranlaßt, auf diese naheliegende Frage Appell an die Raucher richten: ten sie mit mir ein Verhör an, eines der vielen tausend Verhöre, die an diesem Tag eine Antwort zu erteilen, die immerhin tief alle reisenden Ausländer und Touristen über genug blicken läßt: sich ergehen lassen mußten. Ich erklärte, daß mein Besuch in Berlin von ganz und gar privater Natur sei und weigerte mich im übrigen, diejenigen ihrer Fragen zu beantworten, die mir allzu indiskret und aufdringlich zu sein schienen. Und sie hatten weiß Gott eine ganze Masse solcher Fragen an mich zu richten. Nach langem Hin und Her beschlossen die beiden Herren, von > Die Zahl der Betreuten, so sagt man wohl, sei laufend im selben Verhältnis zurückgegangen, in dem Deutsche wieder ihr Brot selbst verdienen konnten. Das ist unrichtig. Denn wenn das Winterhilfswerk in den ersten Jahren naturgemäß seine Hilfsmittel vornehmlich den Arbeitslosen zugeführt hatte, so erwies sich doch bald schon eine wachsende Zahl derer hilfsbedürftig, die trotz ihrer Arbeit die durch den Winter sich erhöhenden notwendigen Lebenshaltungskosten nur schwer tragen konnten.< > Raucher! Schluß mit dem gedankenlosen» Paffen«, diesem wahllos mechanischen Drauflosrauchen, wie es die Nervosität der früheren Jahre mit sich gebracht hat! Ein neues Zeitalter gesteigerten Lebensgefühls ist angebrochen! Wir haben neu sehen, neu denken, neu fühlen gelernt, wir wollen nun auch neu, nämlich mit Sinn und Verstand und mehr Genuß rauchen lernen! Wir stehen heute am Beginn einer neuen Rauch- Epoche!< Soweit die Reklame der geschäftstüchtigen einer Verhaftung gnädig abzusehen. Sporenklirrend und mit erneutem HeilDelta- A.- G. Der Zufall wollte es, daß ich just Hitler- Ruf zogen sie von dannen, um ihre in derselben Zeitung, in der jenes Inserat sich über eine ganze Seite breitmachte, auch eine Neugier anderen Ausländern zu widmen.. Eine kleine Weile später ertönte vom KorriAlso: früher hungerten und froren die Ar- kleine, bescheiden versteckte Notiz fand, aus dor her ein furchtbares Geschrei. Zwei alte Damen riefen gellend um Hilfe. Ich stürzte beitslosen. Jetzt aber haben diese Menschen der Näheres und Realeres über die verkündete es ihnen ermög- neue Rauch- Epoche zu erfahren war. Im Zuge nach draußen, um zu sehen, was los sei. Arbeit bekommen, die die Es stellte sich heraus, daß die beiden alten licht, genau so zu beginnen und zu frieren wie des Vierjahresplans soll nämlich jetzt Frauen, die da laut lamentierten, Lands- vorher. Das ist der schlichte Tatbestand, auf Tabakeinfuhr mehr und mehr gedrosselt und erschrocken. Durch Stiefelgetrampel und den sich bei näherem Hinsehen das ganze der Deutsche soll angehalten werden, autarHeil- Hitler- Rufe waren sie aus dem Schlaf deutsche Wirtschaftswunder< reduziert. leute von mir waren. Sie waren zu Tode Eine der Frauenschaftsführerinnen aus Hindenburg, die am Breslauer Sängerfest teilgenommen hat, erzählt mit Entsetzen ihren Pginnen, was sie kurz vor der>> FühSie reransprache« erlebt habe. war in der Nähe eines SA- Zuges aus Oberschlesien untergebracht, wo auch ein besonderes Zelt aufwelches niemand gestellt war, in Alles erwartete durfte. unaufhörlich waren die verzeichnen. Man wollte den Anwesenden vordemonstrieren, welche große Sehnsucht bei den Teilnehmern für Adolf Hitler besteht. Wie überrascht war aber die Frauenschaftsführerin, als sie es erleben mußte, daß einige SA- Männer in das Zelt stürzten und eintrichterdort anwesenden ten, stelle doch die Platten ab, der schon! Sie Führer spricht doch machte also die Feststellung, daß die Beifallskundgebung für den» geliebten Führer< nicht von der Menge der Teilnehmer, sondern mittels Platten durch Lautsprecher übertragen wurden und daß die Meldung zur Einstellung der Platten im besagten Zelt nicht rechtzeitig eingegangen ist. Dieses Erlebnis hat auf die Frauen- Möglichkeit, wenigstens einen leisen Begriff schaftsführerin einen großen Eindruck ge- von den urwüchsigen Sitten und Gebräuchen macht und sie unterstrich den Pginnen, daß der braunen Kulturerneuerer zu bekommen. es scheint, daß wir alle von der NSDAP betrogen werden. SA- Männern den ㄓ geweckt worden, und als sie die Augen aufmachten, stand eine ganze Schar SA- Leute mitten in ihrem Zimmer, um dort zu halb- Nazi agenten in Finnland. Nachnächtlicher Stunde eine Durchsuchung vor- dem man erst kürzlich in England und Schwezunehmen. Es kostete viel Mühe, die vom den der Wühl- und Spitzelarbeit von GestapoSchreck ganz verstörten Greisinnen notdürftig zu beruhigen. Obwohl sie eine lange agenten auf die Spur gekommen ist, scheinen und anstrengende Reise hinter sich hatten, ähnliche Entdeckungen auch in Finnland beverließen sie auf der Stelle das Hotel und vorzustehen. Ein Mitglied des finnischen Parfuhren mit dem nächsten Zug heim nach laments, der Abgeordnete Cay Sunddem Norden...< Die nach Deutschland reisenden Ausländer ström, richtete an die Regierung eine Anhaben für ihre guten Devisen jedenfalls die frage, in der es unter anderem heißt: ken heimischen Tabak zu rauchen. >> Es wird gelingen, den deutschen Tabak so zu verbessern, daß er gern gekauft wird. Der deutsche Tabak soll kein Ersatz sein, sondern eine urwüchsige deutsche Produktion. Man will unter anderem, de utschen Virginia- Tabak herausbringen. Die irreführende Aufschrift> rein Uebersee< muß verschwinden, denn wir haben allen Grund, auf den deutschen Tabak, der in den Waren enthalten ist, infolge seiner Güte stolz zu sein.<< Darum, deutscher Raucher, mache Schluß mit dem gedankenlosen Paffen fremdvölki>> Zielbewußte Aufwiegelungsarbeit wird von den faschistischen Mächten in vielen schen Tabaks und befreunde Dich im Zeichen Ländern betrieben. Auch in Finnland ist der neuen Rauch- Epoche mit echt pommersolche Wühlarbeit zu spüren. Es ist konsta- schen Virginiakraut! Jeder Lungenzug tiert und von einem Teil der Tagespresse Stück Arbeitsdienst am Vierjahresplan! aufmerksam notiert worden, daß auslän# * * Winterhilfe für wen? Im Dritdische Faschisten, die unter diesem oder KK ein Bornemouth und Scarborough Labour für Rüstungen— Konservative gegen Hitlers Kolonialforderungen. Wie der Tag von der Nacht, so unterscheidet sich die diesjährige Konferenz der Labour-Party in Bomemouth von jener, die vor einem Jahr in Edinburgh abgehalten wurde. Edinburgh bot ein Bild der Zerfahrenheit, der Unsicherheit und Ratlosigkeit, das jeden Freund der englischen Arbeiterbewegung erschrecken mußte. Seitdem scheint sich an der Partei ein Wunder der Verjüngung vollzogen zu haben, ihr ganzes Verhalten scheint gestrafft, entschlußbereit und verantwortungsbewußt, wie nur je in der besten Zeit. Die Konferenz hat zunächst den Anhängern der Einheitsfront durch einen überwältigenden Mehrheitsbeschluß die Aussichtslosigkeit ihrer Bestrebungen vordemonstriert und sie dann in den Parteivorstand— dem im kommenden Jahr an Stelle Daltons George Dallas präsidieren wird— aufgenommen. Die Parteiführung gewinnt in dem Rechtsanwalt Stafford Gripps und dem Professor Harold L a s k i gewiß zwei sehr eigenwillige Mitglieder, aber doch zugleich einen glänzenden Redner und einen bedeutenden Theoretiker... Mit einer ähnlich erdrückenden Mehrheit — 2,167.000 gegen 228.000 Stimmen— bestätigte die Konferenz den Beschluß des Parteivorstandes, der sich für eine konstruktive j Außenpolitik unter Beibehaltung und Fortführung der Aufrüstung erklärt. Die Opposition kämpfte in zwei verschiedenen Fähnlein; das eine unter Führung des greisen Lansbury kann sich aus religiösen Gründen nicht zur Verteidigung bekehren, denn— sagt Lansbury—»wer das Schwert führt, muß durch das Schwert umkommen«, die andere, von Aneurin B e v a n geführte, vertrat die Meinung, daß unter der gegenwärtigen Regierung, als Protest gegen sie, jede Rüstung abgelehnt werden müsse. Beide Redner kamen über einen Achtungserfolg nicht hinaus. Ihnen trat die große Autorität Noel Bakers entgegen und das starke Temperament Fred Walkers /von der Metallarbeitergewerkschaft.>Wir sind«, sagte Walker,»als eine verantwortliche Partei internationalen Organisationen angegliedert und wissen, daß sich andere Völker sicherer fühlen, wenn England bewaffnet ist, denn England ist die Mutter der Demokratie und hat immer für demokratische Freiheit gestanden:»Sollen wir etwa«, rief er,»Indien aufgeben, damit Deutsche, Italiener und Japaner dort einmarschieren können?« »Daily Herald« sagt in einem abschließenden Artikel, mit dem Herzen sei die Partei ganz mit Lansbury, wenn er gegen den Wahnsinn des Völkermordens donnert, aber ihr Hirn sage ihr, daß die Nation nicht wehrlos gelassen werden dürfe in einer Welt, deren Freiheit und Zivilisation von skrupellosen Diktatoren und blutigen Tyrannen bedroht sei. Alles in allem kann man wohl sagen, daß die Labour Party im letzten Jahr eine Menge zugelernt hat. Hitler und Mussolini haben sich als gute Lehrmeister erwiesen. Auch die konservative Parteikonferenz in Scarborough zeigte, wenn auch nicht in dem Maße wie die Labourkonferenz in Bomemouth. ein gegenüber dem Vorjahr verändertes Verhalten. Auf der Konferenz von Margate waren noch einige Redner aufgetreten, die dafür eintraten, daß Deutschland einen Teil seiner früheren Kolonien als Mandatsgebiet zurückgegeben werde. Diesmal fand eine Resolution, die alle Kol oni al forde r u n g e n Deutschlands rundweg ablehnte, einstimmige Annahme. Auf der anderen Seite freilich wurde der repräsentative Posten eines Präsidenten der konservativen Organisationen mit Lord Londonderry besetzt, dessen Sympathien für Hitler bekannt sind. Zusammenfassend kann man sagen, daß jetzt— es war nicht immer so— Labour gegenüber den Diktaturstaaten, besonders Hitlerdeutschland, eine viel klarere und ent- schlossenere Haltung einnimmt als die regierende konservative Partei. Das Satirspiel zu den englischen Parteikonferenzen bot diesmal der deutsche Rundfunk, er posaunte in mehreren Sendungen triumphierend in die Welt hinaus, daß der»Manchester Guardian« die Kolonialforderungen der Hitlerregierung zustimme. In Wirklichkeit verhält sich die Sache so: in der konservativen Kolonialresolution wurden die Liberalen und Sozialisten wegen ihrer angeblich unsicheren Haltung in der Frage des Empire angegriffen, wodurch sich das große Uberale Organ zu einer Antwort her- Rooseyelt gegen die Diktatoren Welche Siegesaussiditen haben die Angreifer noch? Die Rede Roosevelta gegen die Diktaturstaaten, gegen Deutschland, Italien und Japan, die Friedensstörer und Vertrags. brecher, kommt in einem Augenblick, in dem die internationale Spannung zu einer Entscbeddung drängt Chamberlains Bemühungen, durch seinen Briefwechsel mit Mussolini zu direkten Verhandlungen zu gelangen, sind gescheitert: die deutsch. italienische Intervention in Spanien hat sich, unbekümmert um die auf Wunsch beliebig oft gegebenen Zusicherungen, aufs neue verschärft, und England und Frankreich sehen sich vor die Frage gestellt, ob sie Spanien, seine Inseln und die nordafrikanische Küste zu einer italienisch-deutschen Herrschaftszone werden lassen sollen. Das wäre die Verwandlung des Mittelmeeres, der lebenswichtigen Verbindung Englands mit seinem Empire, in einen italienischen See, die Zerschneidung der Kommunikationen Frankreichs mit seinen Kolonien und die Gefährdung der Mobilmachung des französischen Heeres. Mit anderen Worten: es handelt sich für England und Frankreich um die Erhaltung ihrer Großmachtstellung, ja um die Erhaltung ihrer Existenz überhaupt, denn nach Verlust der Sicherheit ihrer Seever. bindungen wären beide Staaten der aggressiven Macht Deutschlands und Italiens völlig ausgeliefert. Die jetzige Bedrohung ist deshalb für sie noch gefährlicher als die von 1914. Darum können sie der Entscheidung nicht ausweichen. Sie müssen versuchen, die Zurückziehung der»Freiwilligen«, das heißt den Rückzug der Deutschen und der Italiener aus den wichtigen strategischen Positionen zu erreichen. Ilaher die Aufforderung Englands und Frankreichs an Italien, in Verhandlungen über die Zurückziehung der Truppen einzutreten. Italiens Antwort sucht neben der Heranziehung Deutschlands neuen Zeitgewinn zu erlangen, um unterdessen die italienische Position in Spanien auszubauen, sie womöglich durch den Sieg Fran. cos zu einer ungemein starken zu gestalten. Für England und Frankreich ist es umgekehrt vielleicht der letzte Moment, die Angreifer zum Rückzug zu bewegen. Dabei darf man sich keinen Elusionen hingeben. Der Entscheid über den Kon. flikt, von dessen Ausgang Krieg oder Frieden der Welt abhängt, hängt heute im wesentlichen von dem Urteil ab, das die beiden Diktatoren— Mussolini und Hitler — sich über ihre militärische Sphäre gebildet haben. Denn es sind nur die Chancen des Sieges und sonst nichts, die in ihre Erwägungen eingehen. Diese Chancen sind aber sehr wesentlich dadurch bestimmt, welche Hilfsmittel England und Frankreich zur Verfügung stehen. Denn diese bestimmen neben anderem auch die Dauer des Krieges. Müssen die Diktaturen mit einem längeren Kriege rechnen, so sind ihre Siegesaussichten minimal. Deshalb kommt der Stellungnahme Roosevelts große Bedeutung bei. Die Haltung der Vereinigten Staaten war seit Kriegsende die einer absoluten Isolierung. Sie haben die Aufgabe ihrer auswärtigen Politik darin erblickt, die Vereinigten Staaten unter allen Umständen aus jedem künftigen Krieg fernzuhalten. Daher die Ablehnung des Eingriffs in den Völkerbund und der Teünahme an dem internationalen Schiedsgerichtsverfahren, die sich allmählich immer mehr zur Ablehnung jeder politischen Zusammenarbeit mit außeramerikanischen Mächten steigerte. Die Debatten um die Außenpolitik hatten nur die beste Wahrung der Neutralität zum Inhalt, diese selbst schien das anerkannte, seit der Niederlage Wilsons von keinem Politiker mehr angezweifelte Ziel. Freilich war in der letzten Zeit eine gewisse Unterströmung unverkennbar. Auch in den Vereinigten Staaten wurde die Frage aufgeworfen, ob in der Tat der Angreifer dieselbe Unterstützung, ja unter Umständen eine größere Unterstützung durch die amerikanische Neutra- lität erfahren sollte als der Angegriffene. In dem am 1. Mai in Kraft getretenen Neutralitätsgesetz sind Bestimmungen enthalten, die in Wirklichkeit im Falle eines europäischen Krieges die Angegriffenen— Frankreich und vor allem England— gegenüber den Angreifern begünstigen. Zwar hat der Kongreß dem Wunsche Roosevelts, dem Präsidenten weitgehende Vollmachten über die im Falle eines außeramerikanischen Krieges zu ergreifenden Maßnahmen zu geben, nicht stattgegeben. Es treten vielmehr eine Reihe von Maßnahmen— Verbot der Ausfuhr von Kriegsmaterial, Verbot von Kreditgewährung usw.— automatisch in Kraft, sobald der Präsident einen»Kriegszustand« festgestellt hat. Der Präsident ist auch verpflichtet, eine Liste von Waren aufzustellen, deren Ausfuhr auf amerikanischen Schiffen den Frieden der Vereinigten Staaten gefährden könnte. Aber die Ausführung solcher Wa. ren— man denke an kriegswichtige Rohstoffe oder Lebensmittel— kann dann von den kriegführenden Staaten gegen Barzahlung auf ihren eigenen Schiffen vorgenommen werden, und das bedeutet in der Praxis die Bevorzugung des goldreichen und seemächtigen Englands und des verbündeten Frankreichs. Aber die Anwendung dieses Neutralitätsgesetzes erweist sich als sehr bedenklich in dem Krieg, den Japan gegen China unternommen hat und der unmittelbarer und augenscheinlicher als ein europäischer wichtige Interessen der Vereinigten Staaten bedroht. Denn die Aus. fuhr auf eigenen Schiffen gegen Barzahlung kann zwar für Japan in Betracht kommen, aber kaum für China. Deshalb hat Roosevelt bisher gezögert, das Beste. hen eines»Kriegszustandes« zu verkünden und deshalb sucht er jetzt das amerikanische Volk davon zu Uberzeugen, daß die unterschiedslose Neutralitäts- und Isolierungspolitik gerade mit dem Ziel der Kriegsverhütung unvereinbar werden kann. Roosevelt beschränkt sich dabei nicht etwa— und aus guten Gründen— auf den fernöstlichen Krieg. Er sucht vielmehr die Ueberzeugung zu wecken, daß der Bruch der Verträge die Beseitigung der internationalen Rechtsordnung, kurz, die Praxis der Diktaturen, wenn man sie gewähren läßt, schließlich zu immer mehr sich ausdehnenden Konflikten führen muß, die endlich auch die Vereinigten Staaten selbst ergreifen müssen. Die»nachgerade epidemisch werdende Gesetzlosigkeit in der Welt«, für die Roosevelt nicht nur die japanischen Ueberfall. und Mordmethoden, sondern auch die Torpedo- und Luftangriffe im Mittelmeer als Beweise ansieht, machen die Isolierungspolitik immer unwirksamer. Deshalb befürwortet er etwas Neues, den Entschluß»zur Verfolgung einer Politik des Friedens und zur Annahme aller praktischen Maßnahmen, die eine Verwicklung des Landes in einen Krieg mit seinen Gefahren für die Wohlfahrt des ganzen Volkes abwenden können.« In Deutschland und Italien, wo man die Rede bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt hat, sucht man sie zu bagatellisieren; man rechnet auf den Widerstand der Isolierungspolitiker und der so verachteten Pazifisten, und, wenn überhaupt, will man ihr Bedeutung nur für das Verhalten gegen Japan beimessen. Aber das heißt die wirklichen Ursachen dieser Wendung verkennen, die in der Aenderung der außenpolitischen Situation der Vereinigten Staaten zu suchen ist. Vor einiger Zeit führte ein Aufsatz in der sehr zu beachtenden Zeitschrift»Foreign Affairs« aus, daß eine gleichzeitige Bedrohung des britischen Reiches im Fernen Osten, im Mittelmeer und in der Nordsee für die Ver- inigten Staaten unweigerlich die-Gefahr mit sich bringe, in einen allgemeinen Krieg hineingerissen zu werden. Eine Zerstörung der britischen Machtstellung würde auch für Amerika gleichbedeutend sein mit dem Zusammenbruch der gesamten internationalen Rechtsordnung, auf der seine Position in der Welt beruhe, und deshalb könnte es einem entscheidenden Angriff auf England niemals untätig zuschauen, sondern würde an seiner Seite durch die Macht der Verhältnisse zum Krieg gezwungen werden. Das ist die Erkenntnis, die im zunehmendem Maße sich auch den verantwortlichen Politikern in den Vereinigten Staaten aufdrängt. Aus diesen realen Interessen der amerikanischen Außenpolitik und nicht nur aus rechtlichen und moralischen Erwägungen, eine so große Rolle auch diese spielen, ist die Stellungnahme Roosevelts entsprungen, und deshalb ist die Hoffnung nicht unbegründet, daß sie sich auch allmählich im amerikanischen Volk trotz der entgegenstehenden Strömungen durchsetzen wird. Auf alle Fälle aber bedeutet Roosevelts Rede und die Solidaritätserklärung des amerikanischen Außenamts mit dem Völkerbund in der Verurteilung Japans eine deutliche, in einem wichtigen Moment erfolgte Warnung an die europäischen Diktatoren. Entfesseln sie den Krieg, so müssen sie mit der Gegnerschaft der Vereinigten Staaten rechnen, und die Geschichte des letzten Krieges hat gezeigt, daß die moralische Verurteilung und der sittliche Abscheu der amerikanischen Demokratie, schließlich auch zur entscheidenden Tat führen kann. Für den Ausgang des Konfliktes um Spanien hat Roosevelt vielleicht einen entscheidenden Beitrag geliefert. Dr. Richard Kern. ausgefordert fühlte. Aus ihr herauszulesen, daß es die Kolonialforderungen Hitlers unterstütze, war nicht leicht, der deutsche Rundfunk brachte das Kunststück trotzdem fertig. Es gibt kaum ein englisches Blatt, das den Kampf gegen die Hitlerei schärfer führt als der»Manchester Guardian«. Keine Zeile, kein Wort davon darf nach Deutschland dringen. Aber kaum steht ein Satz in ihm, der dem System zu passen scheint, so brüllen ihn schon alle Lautsprecher in die Welt hinaus. 4us der ¥olksgemein«cbatf( ausgestoßen.., Weil bei einem jüdischen Arzt In Behandlung Der Vertrauensrat der Borsig-Kokswerke in Hindenburg gibt der Belegschaft der Abteilung Skalley-Werke bekannt, daß der Lokomotivführer Emanuel Alscher und der Tischler Josef Wilk für ein halbes Jahr aus der Volksgemeinschaft ausgeschieden sind, weil sie sich von einem jüdischen Arzt behandeln ließen. Wohlgemerkt wird dieser jüdische Arzt aber nach wie vor von der Be- triebskrankenkaase beschäftigt, woran sich der Vertrauensrat nicht stößt. Diese Bekanntmachung hat in der Belegschaft eine große Begeisterung hervorgerufen, man fragt gegenseitig, ob man nicht aus der Volksgemeinschaft hinaus will, es sei doch jetzt dazu die beste Gelegenheit gegeben, man brauche sich nur jüdisch behandeln zu lassen. Alscher und Wilk wefden nämlich weiter auf ihren früheren Arbeitsstellen beschäftigt und die Arbeitsfront versäumt es auch nicht, ihnen die Beiträge abzuziehen, nur in der »Volksgemeinschaft« dürfen sie nicht sein. Sie verhehlen den Kameraden nicht, daß sie sehr gern der Volksgemeinschaft fernbleiben möchten, wenn sie nur von der Winter. hiife und sonstigen Zwangsbeiträgen verschont blieben. „GeVährlidi leben.. SA im Dreck, die Bonzen im Speck »Die Zahl der bisher bekannt gewordenen Todesfälle bei Gepäckmärschen usw., von unerkannten oder später auftretenden Schädigungen gar nicht zu reden, ist ungewöhnlich hoch. Hier muß Abhilfe geschaffen werden und nötigenfalls die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden.« So ein Herr Dr. Weiß von der»SA-Gruppe Hessen« in einem Artikel der»Deutschen Medizinischen Wochenschrift« vom 1. Oktober 1937 über»Aus dem Aufgabengebiet des SA- Arztes«. Aber zu den»Verantwortlichen«, die sicher in gar keiner Weise von verkrüppelten SA-Männern oder von den Hinterbliebenen solcher, die bei jenen»Gepäckmärschen usw.« auf dem Felde der Ehre blieben, zur Rechenschaft gezogen werden könnten, gehört unter keinen Umständen der Hauptverantwortliche, nämlich der derzeitige SA-»Stabschef« Lutze, Nachfolger des seligen Röhm. Denn er konnte noch nicht einmal von einem ganz befugten deutschen Steueramt irgendwie zur Rechenschaft gezogen werden, das jüngst wegen Vermögenszuwachssteuer bei ihm bescheiden anfragt«, weil es doch durch einen Einbruch in seiner VUla in Berlin herausgekommen war. daß dieser Herr Lutze seit einiger Zeit sich eben diese Luxuswohnung zugelegt, also doch wohl großen Vermögenszuwaohs erlitten hat. Herr Lutze ließ nämlich dem Steueramt mitteilen, daß ihm die Prachtvilla der»Führer« persönlich geschenkt habe. Den Gepäckmarsch möchten wir wirklich erleben, bei dem also der Herr Lutze stirbt! Kanonen wichtiger als Mittelstand >Bedenkt man noch, daß das Warenhaus der Ruin des gewerblichen Mittelstandes ist, daß das Warenhaus in der grausamsten Weise Hausarbeit ausnützt, ebenso wie das Personal, daß das Hauptarbeitsgebiet der billige Schund ist, während die besseren Artikel meist teurer sind als in gediegenen Fachgeschäften, so rechtfertigt sich hieraus unser scharfer Kampf gegen die Warenhäuser. Wir sehen auch in diesen Einrichtungen eine besondere Organisationsform der zinskapitalistischen Idee, die nicht der wirklichen Bedarfsdeckung dienen, sondern hauptsächlich riesige Gewinne für die Aktionäre der Waren. häuser abwerfen sollen.« Das ist zu lesen in Gottfried Feders Schrift»Das Programm der NSDAP und seine weltanschaulichen Grundgedanken«. Diesem Piogramm entsprechend wurden in der Sturmund Drangzeit der»nationalen Revolution« die Horden der SA weniger gegen die Warenhäuser selbst als gegen ihre Kunden aufgeboten. Schluß mit den Warenhäusern, rettet den Mittelstand, war die Parole, aber es war dem nationalsozialistischen Regime weniger darum zu tun, dem Mittelstand zu helfen, als .hn als Kanonenfutter im Kampf um die Mächtbehauptung zu benutzen. Jetzt geht es den Warenhäusern immer besser und dem Mittelstand immer schlechter. »Etwa seit Mitte vorigen Jahres«, schreibt der Deutsche Volkswirt« am 3. September 1937,»haben die Umsätze der Warenhäuser in den meisten Abteilungen wieder den Anschluß an die aufsteigende Umsatzentwicklung der Fachgeschäfte des Einzelhandels gefunden, wenngleich sie immer noch etwas zurückblieben.« Der Vorsprung der Fachgeschäfte ist aber inzwischen eingeholt worden.»Im ersten Halbjahr 1937 lagen die Umsätze der Warenhäuser um 7.9 Prozent und die der Kaufhäuser, die man zum Teil; als Warenhäuser ohne Lebensmittelabteilung ansehen muß, um 9.9 Prozent über dem Vorjahrstand, während die Fachgeschäfte im Ge- samtdurchschnitt eine Umsatzsteigerung tun 10 Prozent aufwiesen.« DerKampfgegen die Warenhäuser ist also liquidiert, und nachträglich erfährt man auch, daß die Rettung des gewerblichen Mittelstandes nur Vorwand, die Enteignung der jüdischen Warenhausbesitzer zugunsten einiger Nazifavoriten der eigentliche Zweck der Üebung gewesen ist.»In früheren Jahren hat man,« gesteht der»Deutsche Volkswirt«,»die i Warenhäuser bekämpft, weil ihre Wettbewerbs- und Werbeformen vieles zu wünschen übrig ließen, und weil sie dadurch die mittelständischen Fachgeschäfte in Bedrängnis brachten. Namentlich in den Krisenjahren hatten sie infolge ihres schnelleren Warenumschlags die Möglichkeit, ihre Preise rascher zu senken als ihre Konkurrenz. Dies alles, verschärft durch die Tatsache, daß sie sich vielfach in jüdischen Händen befanden, rief eine wachsende Abneigung gegen sie hervor und veranlaßte Schutzmaßnahmen zugunsten de« übrigen Einzelhandels. Inzwischen sind die Ursachen, die zum Kampf gegen das Warenhaus nötigten, zum größten Teil beseitigt. Das Eigentum an diesen Unternehmungen ist weitgehend, ihre Leitung fast restlos in arische Hände übergeleitet.« Inzwischen hat sich die Machtlage des Regimes und damit auch seine Haltung zum Mittelstand wesentlich geändert. Das nationalsozialistische Regime ist stark genug, daß es sich leisten kann, die Schichten, die es zur Macht gebracht haben, aber jetzt imbequem geworden sind, ihrem Schicksal zu überlassen. Der K leinhandel war in der Krise eine Zuflucht für viele, die ihre Arbeit verloren hatten. Nach einer Statistik der Reichsarbeitsgemeinschaft»Handel« waren 1936 in 793.000 Einzelhandelsbetrieben 1.862.000 Personen beschäftigt, das sind durchschnittlich also etwa zwei Personen je Betrieb einschließlich des Betriebsinhabers. In diesen Zahlen sind aber die Hausiergeschäfte nicht enthalten. An der Anzahl der Emzelhandelsgeschäfte überwiegt also bei weitem der Anteil der sogenannten Einmannbetriebe, d. h. der vom Inhaber und seinen Angehörigen allein geführten Geschäfte. Die Ueberfülle kleiner Existenzen, die alle auf Kosten der Verbraucher ihr Leben fristen wollen, verschärft die vom Regime selbst zugunsten der wirtschaftlichen Mobilmachung verursachte Teuerung. Der amtlichen Unterbindung von Preiserhöhungen auf Kosten der Handelsspanne sind die durchrationalisierten Großbetriebe besser gewachsen als das große Heer des Kleinhandels. Weil die Parole: Herunter mit den Löhnen schwer durchführbar ist. wenn nicht die Teuerung in erträglichen Grenzen gehalten wird, weil sonst also die Aufrüstung nicht durch Ausbeutung finanziert werden könnte, muß der Kleinhandel den Warenhäusern und nicht die Warenhäuser dem Kleinhandel weichen.»Der deutsche Volkswirt« spricht das unumwunden aus: »Der größere Ehnzelhandelsbetrieb ist nun einmal in gewissen Fällen leistungsfähiger und gerade für den Vertrieb von einfachein Massenwaren unentbehrlich. So wird es sich als notwendig erweisen, die Tätigkeit des Warenhauses nicht weiter einzuschränken, sondern ihm Spielraum zur Entfaltung seiner Leistungsfähigkeit im Dienste der Preispolitik und damit der Volksgemeinschaft zu lassen... So werden die Einwände, die früher gegen Waren- und Kaufhäuser aus volkswirtschaftlichen und kulturellen Gründen vorgebracht werden konnten, unter den heutigen volkswirtschaftlichen Bedingungen und gegenüber der heutigen Erscheinungsform dieser Einzelhandelsbetriebe mit Recht von einer neuen Betrachtungsweise abgelöst. Die künftige Entwicklung der Waren- und Kaufhäuser ist daher anders zu beurteilen. als es noch vor einigen Jahren der Fäll war.« Eine von der Forschungsstelle für den Handel angestellte Untersuchung hat ergeben, daß der Großbetrieb dem kleinen Geschäft fast in jeder Hinsicht überlegen ist und daß »an der gesamten Umsatzsteigerung die Unternehmungen mit den größten Umsätzen überdurchschnittlich teilgenommen haben, während die kleinen Gruppen unter dem Durchschnitt lagen«. Das zeigt, daß der Kleinhandel gegenüber dem amtlichen Preisdruck wenig widerstandsfähig ist. Nach dem Grundsatz: Was fällt, soll man auch noch stoßen, wird ein wahrer Vernich tu ngsfeld- zug gegen die einstso gehätschelten Kleinhandelsbetriebe geführt. Das Gesetz von 1934, das die Errichtung von Kleinhandelsgeschäften von behördlicher Genehmigung abhängig macht und bisher sehr nachsichtig gehandhabt worden ist, wird neuerdings mit aller Schärfe durchgeführt. Die Polizeibehörden haben bereits zu Beginn dieses Jahres in der Presse und in Bekanntmachungen davor gewarnt, die Gesetzesbestimmungen, die die Eröffnung von Geschäften von staatlicher Genehmigung abhängig machen, unbeachtet zu lassen. Wer eine Ehnzelhandelsverkaufsstelle eröffnen oder übernehmen will, darf mit der Verkaufstätigkeit erst beginnen, wenn er die erforderliche Genehmigung in Händen hat. Die Polizei ist andernfalls berechtigt, das Geschäft zu schließen, ohne daß der Betroffene Schadenersatzansprüche geltend machen kann. Besonders scharf wird gegen den Hauslerhandel vorgegangen. Hier wird nicht nur die Eröffnung, sondern auch die Weiterführung von amtlicher Genehmigung abhängig gemacht. Man müßte annehmen, daß der Andrang zum Kleinhandel, der unter dem doppelten Druck von Rohstoffmangel und Preisvorschriften zu leiden hat, nicht besonders groß sein kann. Man will aber, wie das Streben nach Verminderung der Hausierer zeigt, den Zugang zu der im Dritten Reich allerdings mehr als fragwürdigen Selbständigkeit des Kleinhandels gänzlich versperren, weil man alle brauchbaren Arbeitskräfte in die Fabriken zwingen will. Der Mangel an verwendbaren Arbeltskräften bedroht die Aufrüstung. Im »Völkischen Beobachter« vom 5. August wird die Säuberung der Wirtschaft von»übersetzten Berufen« gefordert und besonders auf den Einzelhandel verwiesen, der mehr als 3 Millionen Menschen beschäftigt. Im»Deutschen Volkswirt« vom 3. September 1937 wird unzweideutig ausgesprochen, daß die von Feder einst geforderte »schärfste Berücksichtigung aller kleinen Gewerbetreibenden« fallen gelassen wird, weil Hitler Arbeitssoldaten braucht. Eis heißt im »Deutschen Volkswirt«: »Nachdem an die Stelle der Massenarbeitslosigkeit geradezu ein Mangel an noch verfügbaren Arbeitskräften getreten ist, entfällt auch die Notwendigkeit, lebensunfähigen Betrieben des übersetzten Einzelhandels einen besonderen Schutz angedeihen zu lassen: vielmehr ist es jetzt notwendig, alle an anderen Stellen entbehrlichen Kräfte einer produktiven Verwendung zuzuführen und durch höchste Leistung auf eine Senkung der Kosten- und der Handelsspanne hinzuwirken, damit in einer Zeit anziehender Preise eine möglichst preiswürdige Versorgung des Volkes erreicht wird.« Wenn Kanonen wichtiger sind als Butter, so sind sie auch wichtiger als Mittelstandsrettung. G. A. F. Paradies der Folterknedite Silllidikeifsverbredier und»Staafs�einde« auf einer Stufe Durch die Hitlerpresse macht jetzt eine Verfügung des Reichsjustizministers Gürtner die Runde, nach der—»im Rahmen des Vier- jahresplanes«— mehr als bisher Strafgefangene des Dritten Reiches zu Außenarbeiten herangezogen werden sollen. Begründet wird diese Maßnahme mit dem Fächarbeiterman. gel innerhalb der Kriegskonjunktur. Aber auch in der Landwirtschaft fehlt es bekannt. lieh dauernd an Arbeitskräften, die das System nur sehr mangelhaft durch Improvisationen der Leuteverachickung in allen möglichen Zwangsorganisationen, durch Soldatenbeurlaubungen und ähnliches ersetzen kann. Der Reichsjustizminister hat darum angeord. net, daß Strafgefangene vor allem als Erntearbeiter, auch bei der bevor. stehenden Zuckerrübenemte, verwendet und an einzelne»Reichsnährstandsbetriebe« gewissermaßen aufgeteilt werden sollen. Die Verfügung zeigt den ganzen Opportunismus des Systems, wo seine Kriegskonzeption zur Debatte steht. Denn an sich soll nach nationalsozialistischer»Weltanschauung« der Strafvollzug gegenüber dem Rechtsbrecher so hart und so abschreckend als möglich sein; und danach ist auch nach der»Machtübernahme« die Zuchthauspraxis gründlich»er. neuert« worden. Die Einzelhaft ohne sinn. hafte und ablenkende oder gar erzieherische Beschäftigung des Gefangenen— also die Kasematten- und Verließpraxis eines halb- mittelalterlichen Strafvollzugs, der»Bunker« schlechthin, ist wieder zu hohen Elhren gelangt. Nun aber lockert das System die An. staltsdisziplin an einer Stelle stärker, als es sogar der frühere demokratische und humane Staat tat; einfach deshalb, weil es eine aktuelle Staatsräson so empfiehlt und Gering auf keinen Rüstungsarbeiter verzichten will. Daß unter den obwaltenden Umständen, bei der völligen Militarisierung des deutschen Strafvollzugs und seiner Rückkehr zum all. gewaltigen Profoß und Schließer die Strafgefangenen diese»Notstandsmaßnahme« als eine große Erleichterung ihres Loses empfinden müssen, geht aus dem Kommentar der Verfügung mit aller Deutlichkeit hervor; er bestimmt ausdrücklich, daß nicht alle Zuchthausinsassen der erlösenden seelischen Wirkung der»Außenarbeit« teilhaftig werden dürfen und daß die Auswahl der zu dieser Arbeit Zugelassenen sich nach dem jeweils geringeren Grad der Gemeinheit des Deliktes richten soll, auf Grund dessen sie sitzen. In jedem Falle und generell sind nicht zugelassen: Sittlichkeitsverbrecher und— politische Gefangene! Bei letzteren will Herr Gürtner nur dann Aus. nahmen gestatten, wenn es sich nur um »Mitläufer« handelt,»von denen eine weitere staatsfeindliche Betätigung nicht zu erwar. ten« sei! Das Ganze— gewriß nur eine Einzelheit in einem ganzen System— spricht Bände für den sadistisch-psychopathischen Grundzug dieser»nationalen Erhebung«, den das Hitlersystem deshalb nie verleugnen kann, weil er von vorneherein ihren Urhebern mit an Reitpeitsche und SA-Revolver klebte. Der politische Gegner darf nicht mehr Chancen als der Kinder. Schänder haben! Wie viele»Staats- feinde« in deutschen Zuchthäusern, die nicht nur»Mitläufer« sind oder was die braune Justizdime als solche ansprechen will, begraben sind, verrät keine Statistik. Eis ist bekannt, daß der Chef.Büttel des Regimes, der SS. und Gestapo-Häuptling Himmler, sich öffentlich brüstet, in bezug auf die Praxis de« Bekanntgebens von Polizei- und Justizaktionen gegen»Staatsfeinde* von der Uebung seines Vorgängers Diehl abgekom. men zu sein und daß keine Zeitung mehr ein auch nur annäherndes Bild über die Tätigkeit etwa des»Volksgerichtshofes« oder der »politischen« Strafkammern im Reich geben darf. Die Zahl derer, die jetzt als abgeurteilte Demokraten, Sozialisten, Pazifisten, Katholiken, Bekenntnistreue oder etwa auch Bibel. forscher hinter deutschen Kerkermauern in einer Reihe mit Notzuchtsverbrechern oder Päderasten rangieren, geht jedoch sicher in die Zehntausende. Dem Gürtner aber, der ja auch noch andere handfeste Verdienste ums Zustandekommen des Dritten Reiches hat, darf man dankbar sein dafür, wie unverblümt und wahrheitsgetreu er. wenn auch nur durch eine Kleinigkeit, den Geist dieses seines »Fiih restaates« enthüllt hat. Juda gegen Italien! Eine neue Korruption der Mittelmeerprobleme Die»Achse« hat, wie man weiß, in weltanschaulicher Hinsicht trotz aller Uebung immer noch eine problematische Stelle: das ist die Rassentheorie. Zur Feier des Duce- Besuchs hat die nationalsozialistische Presse einen langen Artikel Mussolinis über die Prinzipien des Faschismus, veröffentlicht, in dem sich auch nicht ein Wort über die Notwendigkeit der Reinerhaltung der romanischen Rasse befindet. Der Ftlhrer Italiens wrill »seine« 40.000 Juden keineswegs verjagen, nimmt Beteuerungen über die unbedingte Staatstreue seiner jüdischen Untertanen— Generale und hohe Verwaltungsbeamte befinden sich darunter— gern entgegen und tauscht mit dem Oberrabbiner Händedrucke. Rosenberg, der Gestrenge, müßte im Grunde seinen»Mythos« zitieren und Mussolini in die Linie jener weißen Juden einreihen, die wegen ihrer rassischen Instinktlosigkeit Schädlinge an den Volkswurzeln sind. Aber es gibt heute im faschistischen Italien gewisse judenfeindliche Strömungen, die dem Nationalsozialismus zu einigen Hoffnungen Anlaß geben. Vor kurzem erschien in Rom ein umfangreiches Werk;»Gli Ebrel in Italia«. Eis zitiert die italienischen Juden vor dem Richterstuhl des Autors Paolo O r a n o. Der Jude, das sind die Leitideen des Buches, maße sich an, in religiöser und in rassischer Hinsicht zu einem»auserwählten Volke« zu gehören. Das sei für Italien unannehmbar. Das jüdische Volk stehe damit In unlöslichem Widerspruch zum universalen Rom: denn Romanität habe von jeher bedeutet und werde immer bedeuten»F u- sion aller Rassen und Religionen, weil es ein imperiales und über den allzu engen Bezirk einer Rasse weit hinausgehendes geistiges Ethos ist.« Man sieht; auch für diesen italienischen Judengegner gibt es keine ethnologisch oder soziologisch bestimmte Rassenfrage. Er hat als Maßstäb nichts anderes als das staatspolitische Interesse des Faschismus und läßt nach dem Vorbilde seines Herrn und Meister« jeden Juden gelten, der sich zu ihm bekennt— wobei man am der Frage, ob sich bei dem Kunterbunt des italienischen Völker- gemischs und bei der totalen Dunkelhaarigkeit eine rassische Auslese überhaupt ermöglichen ließe, nicht ganz vorübergehen kann. Aber es finden sich andererseits in dem Werke Oranos viele Stellen hochpolitischer Natur, über die sich die braune Publizistik herzlich freut. Er stellt fest, daß die italienischen Juden unter zionistischem Einfluß mit dem neuen Erbfeind Italiens, mit England, im engen Bündnis seien. Israel habe sich, so schreibt er wörtlich, m i t Albion verbunden, um die koloniale Mittelmeerpolitik des imperialen Italien zu durchkreuzen. Deshalb solle jetzt in Palästina ein neuer jüdischer Staat konstruiert werden, bei gleichzeitiger Vertreibung der Araber, mit denen Italien In bester FTeundschaft lebe. Die Harmonie zwischen dem Judenfreundlichen England und dem englandfreundlichen Judentum sei zugleich mit einer»bewußt antideutschen Politik« verbunden. Aus diesen Gründen ergebe sich für Italien die Notwendigkeit, so fährt Orano fort, gemeinsam mit dem nationalsozialistischen Deutschland Front zu machen gegen das »umstürzlerische, Staats- und religionslose, internationale und bolschewistische Judentum«. Er fordert zugleich zur Vertreibung der deutschen Emigranten auf, die auf italienischem Boden Zuflucht gesucht hätten, weil das in Widerspruch zur deutsch-italienischen FTeundschaft stehe. Bei aller Vernachlässigung des»Rassenkriteriums«, die ihn zum Kummer der braunen Publizistik dazu verführt, die Juden immer wieder zu einer»FVsion« mit dem Faschismus zu ermahnen, ersetzt Orano diesen Mangel durch stramme politische Haltung. Seine Theorie des englisch-jüdischen Bündnisses zur Niederzwing üng Italiens im Mittelmeer hat gute Aussichten, der Außenpolitik des Dritten Reichs neue Argumente zu liefern. Wie aber ist es mit den Juden, die sich ausdauernd dem Jüdischen Staat widersetzen? Sind sie nicht geheime Verbündete Italiens, würdig, in die Faschio eingereiht zu werden? Trotz der Klärungsversuche Oranos sind die Probleme zwischen Romanität und Semitismus immer noch recht abenteuerlich. H. Nr. 227 BEILAGE llcutflocmörfs 17. Oktober 1937 Sozialisten und Krieg Aus Karl Kautskys neuem Budi Wie haben sich die sozialistischen Denker und Politiker von der Hussitenzeit bis zur Gegenwart gegenüber den Problemen des Krieges verhalten? Auf diese für uns alle und für die Zukunft der Welt wichtige Frage gibt Karl Kautsky, der unermüdliche Lehrer des Sozialismus, in 702 Seiten seines neuen Buches Auskunft. Das Buch heißt»Sozialisten und Krieg« und ist im Verlag Orbis in Prag ersch'enen. Von dem Geist, der die historische Darstellung durchleuchtet, geben die folgenden Zitate eine kleine Stichprobe: Jeder Sozieli-.t ist Menschenfreund Thomas Mores Utopier hassen den Krieg, wissen aber kein Mittel, ohne ihn auszukommen, da sie ja nicht allein auf der Weit sind, von nicht kommunistischen Staaten umringt werden. Sie üben sich sehr eifrig im Kriegswesen, und zwar nicht nur die Männer, sondern auch die Frauen. Und sie führen Krieg nicht nur, um einen Angriff auf das eigene Gebiet oder das einer befreundeten Nation abzuwehren, sondern auch»um ein von Tyrannei bedrücktes Volk, dessen sie sich erbarmen, vom Joche des Tyrannen und von der Sklaverei zu befreien, was sie aus reiner Menschenliebe unternehmen«. Also sie führen nicht bloß Verteidi. gungs-, sondern auch Propagandakriege. Trotzdem widerstrebt More im Grunde seines Herzens dem Blutvergießen, als wahrhafter Sozialist, also Menschenfreund. Nicht jeder Menschenfreund ist Sozialist, aber jeder Sozialist ist Menschenfreund. Die Humanität ist der Ausgangspunkt jedes sozialistischen Denkens. Pazifisten im Kriegsfieber Als Kinder der Aufklärung blieben die französischen Revolutionäre Gegner des Krieges, doch auch diesmal erlag die Theorie der Praxis, als es 1792 zum Kriege der Revolution gegen die verbündeten Monarchen Europas kam. Das Kriegsfieber erfaßte von da an immer mehr die Verfechter der revolutionären Grundsätze. Der Widerspruch zwischen pazifistischen Grundsätzen und kriegerischem Wesen unter den radikalen Republikanern Frankreichs überdauert die Revolution, sowie das Kaiserreich und die folgenden Regierungen. Freie Männer im freien Staat Staatswirtschaft gab es schon im grauen Altertum, aber sie war, wie jeder Großbetrieb damals, auf der Unfreiheit der Arbeiter begründet. Was der moderne Sozialismus anstrebt, ist die Wirtschaft freier Männer im freien Staat, ist, soweit sie Staatswirtschaft ist, Wirtschaft des Arbeiterstaates, in dem vollste Bewegungsfreiheit für alle Arbeitenden besteht — und wer gehört in einem solchen Staate uicht zu(jgjj Arbeitenden! Schicksal der Revolutionen Bisher ist noch jede Revolution anscheinend gescheitert, mit den Augen ihrer Zeitgenossen gesehen. In keiner haben sich die Revolutionäre als solche dauernd behauptet. Entweder wurden sie früher oder später niedergeschlagen oder sie wandelten sich. Das hat verschiedene Ursachen. Kerne der bisherigen Revolutio. nen war das Werk einer einzigen Klasse. Eine Revolution ist bisher stets nur unter Umständen möglich gewesen, unter denen sich die verschiedensten Klassen gegen eine Regierung zusammenfanden, so daß diese keinen Boden mehr im Volke hatte. Ist das alte Regime gestürzt, dann begännen die Gegensätze der Klassen hervorzutreten, die an der Revolution teilgenommen haben. Außerdem war die Notlage, die durch das alte Regime geschaffen worden, viel zu tiefgehend, als daß sie mit einem Schlage hätte beseitigt werden kön- nen. So nützt sich jede revolutionäre Regierung mit der Zeit, oft sehr rasch ab, ein Teil der Revolutionäre sieht sich enttäuscht, entzieht ihr das Vertrauen, sucht ein Kompromiß mit den gegenrevolutionären Faktoren, oder wendet verbittert allen Bestrebungen nach sozialer Verbesserung den Rücken. Hoffnung auf Krieg!? Bürgerkriege und Revolutionskriege sind oft unvermeidlich gewesen. Sie waren vielfach das einzige Mittel, an Stelle einer brutalen Gewaltherrschaft eine friedliche Demokratie zu setzen oder diese gegen eine Vergewaltigung zu verteidigen. Aber wir dürfen nie vergessen, daß jeder Krieg ein Uebel ist, auch der um die Freiheit. Wir mußten ihn bisher mitunter um der Freiheit willen in Kauf nehmen, wir haben aber gar keinen Grund, einen neuen Krieg zu ersehnen oder gar herbeizuführen, in der Erwartung, dadurch das Kom- | men der Freiheit zu beschleunigen. Revolutionen— immer anders I Auch das gewaltigste Genie kann sich die Zukunft kaum in anderen Formen vorstellen, also solchen, die uns durch die Erfahrungen der Vergangenheit gezeigt werden. Was noch nicht da war, ist nicht gut vorstellbar. So erwarten auch die Revolutionäre regelmäßig die nächste ReMißachtung der Demokratie Es gibt selbst unter den Sozialdemokraten Leute, die die Demokratie geringschätzen. Sie lehnen die Demokratie nicht ab, betrachten sie aber als bloße theoretische Liebhaberei einiger unpraktischer alter Stubengelehrten, als eine Liebhaberei, die der Prüfung an der Hand der tatsächlichen Erfahrungen einer reiferen Jugend nicht standhalte. Öder als das Produkt geistiger Unselbständigkeit und Schwächlichkeit, die sich ängstlich an die Legalität klammere und jede Illegalität verurteile, auch dann, wo diese allein uns vorwärts bringe. Manche endlich sehen das Proletariat in der Rolle eines überlegenen Pädagogen, der die unartigen Jungen der Bourgeoisie zu besseren Manieren zu erziehen hat. Aus Nachsicht begnügt er sich zunächst mit den milden demokratischen Zuchtmitteln. Aber wenn diese nicht ausreichen, dann droht der Schulmeister, zur scharfen Zuchtrute der Insurrektion oder des Generalstreiks zu greifen. In der Zeit der zweiten Internationale gab es so kuriose Sozialdemokraten noch Die Stimme von USA BLASPHEMV! H&T FIT WR WUMfi i'AKS* Der berühmte Zeichner Low veröffentlicht in der englischen Presse die obenstehende Karikatur. Sie bezieht sich auf die Tatsache, daß die Rede Roosevelts in den Diktaturländern nicht veröffentlicht werden darf. Der Text unter dem Bild lautet:»Lästerung! Nicht geeignet für junge Ohren!« Im Bild:»Roosevelts Rede, in der die friedliebenden Nationen aufgerufen werden, zusammen gegen die Angreifer-Staaten zu handeln, wurde in Japan»passend zusammengeschnitten« und in Deutschland und Italien fast gänzlich von der Zensur unterdrückt.« volution, auf die sie rechnen, werde ebenso aussehen wie die vorhergegangene. Nur die Revolutionäre würden diesmal klüger sein. Doch jede kommende Revolution nimmt andere Formen an als ihre Vorgängerin. »Klassenkampf« nach Papageienart Eis war eine große wissenschaftliche Leistung von Marx und Engels, daß sie die Rolle der Klassenkämpfe in der Geschichte darlegten. Aber es ist durchaus nicht marxistisch gedacht, wenn man meint, es genüge, das Wort»Klassenkampf« auswendig zu lernen und es nach Papageienart immer wieder in die Welt zu schreien, um alle Probleme des Erkennens der Vergangenheit und der Gestaltung der Gegenwart zu lösen. Es gibt zeitweise geistige Strömungen, die nicht auf einzelne Klassen beschränkt sind, sondern eine ganze Nation oder doch fast ihre Gesamtheit mit sich fortreißen, durch Verhältnisse bestimmt, die auf alle Klassen wirken, sie alle � bestimmtem Sinne anregend. Meist sind es Ausbrüche allgemeiner Verzweiflung, allgemeiner Furcht vor einer Gefahr oder allgemeiner Flucht zu einem Retter, bei dem allein man sein Heil sucht. Derartige geistige Ausbrüche erweisen sich als unwiderstehlich, lähmen jene, die sich ihnen zu wider. setzen suchen. nicht. Die Mißachtung der Demokratie fand man nur bei Anarchisten. Furcht vor Invasion Wohl fürchtet die Masse den Krieg, aber noch mehr die feindliche Invasion sowie die Niederlage. Ist der Krieg einmal ausgebrochen, dann ist die größte Sorge der Bevölkerung vor allem die, alle Kraft aufzubieten, den Feind am Eindringen in das eigene Land zu hindern und ihm die Möglichkeit zu nehmen, dem Volk unerträgliche Bedingungen aufzuerlegen, etwa einzelne seiner Teile einer Fremdherrschaft zu unterwerfen. Diese Befürchtungen sind oft phantastisch übertrieben. Ehe Panik bei Ausbruch eines Krieges fördert das Aufkommen der sinnlosesten Vorstellungen über die schwarzen Absichten des Landesfeindes. Je größer die Panik, je rasender der Sturm, der bei Kriegsbeginn die Massen aufwühlt, desto mehr geschieht das in einer Weise, die Haß und Wut gegen den Landesfeind aufpeitscht und die hingehendste Förderung, nicht Störung der Landesverteidigung als heiligste Pflicht jedes Nationsgenossen erscheinen läßt. Bei Ausbruch eines Krieges wirkt nicht nur die Strenge des Kriegsrechts, sondern auch die Volksstimmung derart, daß eine kriegführende Regierung nie stärker ist als in einem solchen Moment. Nie ist es schwieriger, ihr entgegenzutreten, nie weniger möglich, sie wirksam zu hemmen. Proletarische Revolution? In Wirklichkeit zerfällt der nichtproletarische Teil der Bevölkerung in sehr verschiedene Klassen und Schichten mit mannigfachen, oft sehr gegensätzlichen ' Interessen, von denen manche mit den proletarischen übereinstimmen. Der proletarische Klassenkampf besteht nicht in einem allgemeinen und unterschiedslosen Kampf gegen alles, was nicht proletarisch ist. In seinen Anfängen und für lange Zeit gehört zu seinen wichtigsten Mitteln des Aufstiegs das Zusammenwirken mit manchen Klassen, Schichten und Parteien der nichtproletarischen Welt. Herauszufinden, mit welchen Schichten oder Parteien.man zusammenzuwirken hat, wann und in welcher Weise, das wird eine der unerläßlichsten, aber freüich auch schwierigsten Aufgaben der Führer proletarischer Massen und Parteien. Je größer die Aufgaben, die zu lösen j waren, desto weniger konnten sie bei den bisherigen Machtverhältnissen der Klassen und Parteien gelöst werden durch die Taktik des Alles oder Nichts, des Ablehnens* jedes Zusammenwirkens mit anderen Klassen oder Parteien. Durch reine Klassen. aktionen des Proletariats konnten manche kleinere Teilreformen durchgesetzt werden, kein gewaltiger Umsturz des Staates. Gerade die reine KlassenpolL tik konnte bisher praktisch bloß reformistisch sein. Jede wirkliche Revolution entsprang aus dem Zusammenwirken verschiedener Klassen gegen einen gemeinsamen Feind an der Spitze des Staates. Es hat bisher noch keinen sieghaften Barrikadenkampf gegeben, bei dem Proletarier allein gefochten hätten. Stets kämp- ten auch Kleinbürger und Intellektuelle mit oder unterstützten die Kämpfenden durch lebhafte Sympathie. Das gleiche gilt auch vom Massenstreik. Nicht Haß— Mitleid! Das deutsche Volk ist nicht besser, aber auch nicht schlechter als die anderen modernen Völker. Es gilt, die Feindseligkeit der anderen Nationen gegen die deutsche zu überwinden. Das kann wirksam und dauernd und ohne Katastrophen nur geschehen durch das Absterben des preußischen Militärgeistes im deutschen Volke. Das wurde durch die Weimarer Republik eingeleitet. Der Oberösterreicher Hitler will den alten Militärgeist der Preußenmonarchie in den deutschen Seelen wieder lebendig machen, aber der Nationalsozialismus läßt ihn erstehen in rohen und primitiven Formen, denen gegenüber das Regime Wilhelms und Bethmanns noch als ein hochkultiviertes erscheint. Das ist nicht der Weg, die Freundschaft und das Vertrauen der andern Völker zu gewinnen. Doch verdient das deutsche Volk darob nicht Haß sondern Mitleid. Nicht alles verstaatlichen! Was die moderne sozialistische Bewegimg anstrebt, ist nicht die Aufhebung jeglichen Privateigentums. Vor allem nicht die des Eigentums an den Mitteln persönlichen Konsums. Aber auch nicht jeglichen Privateigentums an Produktionsmitteln. Die sozialistische Bewegung geht hervor aus der für die Masse der Bevölkerung immer unerträglicher werdenden kapitalistischen Ausbeutung, Ausbeutung der Lohnarbeiter einerseits, der Masse der Konsumenten anderseits durch das Monopol an Produktionsmitteln, das die' Kapitalisten,, hier inbegriffen die Großgrundbesitzer, durch das Privateigentum an den großen Produktidhsmitteln besitzen. Diese Monopolstellung dadurch aufzuheben, daß das Privateigentum an den Monopolen besei. tigt wird durch deren Uebergang in gesellschaftliches Eigentum, das ist das wich. tigste Ziel des Sozialismus. Vergesell- schaftlichung der großen Monopole, das ist also eine der wichtigsten Aufgaben der ökonomischen Entwicklung unserer Zeit — aber auch ihrer politischen Elntwick- lung. Denn der Staatsgewalt fällt bei der Lösung dieser Aufgabe die entscheidende Rolle zu— das haben Marx und Engels schon früh erkannt. Diesen Satz hat leider eine simplistische Auffassung in der Weise gedeutet, als müßten alle Produktionsmittel und ebenso die Leitung der ganzen Produktion verstaatlicht werden. Nichts irriger als das. Engels selbst hat sich wiederholt gegen diese Auffassung gewendet. Er ebenso wie Marx haben nie die Verstaatlichimg aller Produktionsmittel verlangt. Von vornherein nicht die der Kleinbetriebe, aber auch für die Großbetriebe sprachen sie stets nur von ihrer Vergesellschaftlichung, ihrem Gemeinbesitz, nicht ihrer Verstaatlichung. Die Aufgabe der Internationale Nicht das Mittel der Diktatur, das heißt, der gewaltsamen Unterdrückung einer wehrlosen Mehrheit durch eine bewaffnete Minderheit, auch nicht die Diktatur des Proletariats wird die Masse der Menschen zu höheren Lebensformen emporführen, sondern nur ihre freiwillig anerkannte Führung durch die proletarische Demokratie, das heißt, durch das zum Bewußtsein seiner gesellschaftlichen Louis Gillet, angesehener Publizist, Mitglied der Akademie Francaise, ging zur Zeit der Olympiade nach Deutschland, und zwar im Auftrage des»Gringoirec, eines Wochenblattes der Rechten. Er schrieb Reportagen, sie erschienen gesammelt unter dem Titel >Llcht und Schatten in Deutschland«. (Rayons et ombres d'Allemagne. Edit. Flammarion.) Diese Veröffentlichung in Buchform hat eine Vorgeschichte.»Gringoire« nämlich, der ursprüngliche Auftraggeber, weigerte sich, die ihm eingesandten Reiseberichte abzudrucken.»Gringoirec hat gewisse Sympathien. Eis scheint, daß Gillet in Deutschland zuviel des Schattens und zu wenig Licht gefunden hat— wenigstens nach der Ansicht der Redaktion des Rechtsblattes. In Wirklichkeit geht Gillet in seiner Bereitwilligkeit, den Machthabern des Dritten Reiches anständige Motive, einen uninteressierten patriotischen Eifer zuzubilligen, sehr weit. Er bewundert die Wiederaufrüstung. Deytschland scheint ihm, seit es sein militärisches Prestige wiedergewonnen hat, liebenswerter. Immerhin, er ist dessen nicht ganz Aufgaben gelangte, geschulte und frei sicher. Er erinnert an das Wort eines Offi Licht und Schatten organisierte Proletariat. Es zu dieser Führung fähig zu machen, ist die unerläßliche Forderung aller, die am Aufstieg der Menschheit mitarbeiten wollen. Unter den Aufgaben, die dabei die soziale Entwicklung unserer Tage aufwirft und die über das Bereich des reinen Klas. senkampfes weit hinausgehen, ja mehr als je fast alle Menscheen aller Klassen aufs tiefste interessieren, ist die Erhaltung des Weltfriedens die wichtigste geworden. Fast alle Menschen dürsten heute nach dem Frieden, verabscheuen den Krieg. Nur noch wenige Gewalthaber bedrohen den Friedenszustand. Aber es sind dieselben Gewalthaber, die alle proletarische Freiheit, jeden proletarischen Aufstieg bedrohen und deren größter Feind das nach ungehemmter Entfaltung seiner Kräfte strebende Proletariat ist. Und darum fällt dem internationalen Proletariat und seiner Organisationen, der sozialistischen Internationale, die Aufgabe zu, den Kampf um den Frieden so intensiv und mit solcher geistiger Ueberlegenheit zu führen, daß es dabei zum Führer der Menschheit wird. Dieser Kampf um den Frieden wird gleichzeitig ein Kampf um die Freiheit in allen Staaten sein müssen, ein Kampf um internationale Demokratie. Lelstungskampf »Die nationalsozialistische Bewegung als die das Volk führende Schicht wird den einzelnen fortan nicht nur nach seiner beruflichen Fähigkeit bewerten, sondern sie wird ihn auch fragen;»Was hast du für die Vermehrung deines Volkes getan?« (»Nationalsozialistische Beamtenzeitung« Oktober 1937.) ziers, von dem Stendhal berichtet: nach dem russischen Feldzug 1812 sei die Iphigenie Racines eine minder schöne Tragödie gewesen. So habe er selbst als Sieger im Jahre 1918 Wagner, den er in der Jugend verehrte, verstaubt, ja wohl gar lächerlich gefunden. Angesichts der enormen militärischen Anstrengungen Deutschlands vermutet Gillet, daß er nunmehr Wagner wieder mit mehr Respekt hören würde. Man ist zwar ein wenig erstaunt, daß eine geistige Leistung — nach Gillet— des unsichtbaren Beistandes eines wohlausgerüsteten Heeres bedürfe, aber immerhin, wenn zwischen dem Kriegspotential und der Wirkung eines nationalen Standardwerkes eine Beziehung bestehen sollte, stände es schlecht um die Reichswehr. Wir finden am Ende dieses Buches Herrn Gillet ungerührt in Bayreuth. » Gillet bewegt sich mit Aufmerksamkeit und Einfühlungsvermögen in jener Welt der Uebertreibungen und Widersprüche, die das heutige Deutschland darstellt. Er kennt' Deutschland nicht erst seit 1933, er hat die, Möglichkeit, das Heute mit dem Gestern zu| vergleichen. Insofern er Poet ist, weiß er auch, was in den Seelen vorgeht. Mit unvoreingenommener Ausführlichkeit berichtet er � zwar, wie der Nationalsozialismus eine »Rasse von Gentlemen« erziehen wolle, indem er den Geist echter Kameradschaft zwischen Handarbeiter und Geistesarbeiter usw. usw.— wir wissen Bescheid. Gillet, nachdem er nun ein Arbeitsdienstlager besucht hat, schildert das so: »Da sehe ich diesen Zug von prächtigen Jungen, die im Schlamm des Grabens herumpanschen.(Es handelt sich um Entwässerungsarbeiten.) Was habe ich nicht alles an schönen Redensarten gelesen über Kameradschaft und Heiligkeit der Arbeit. Welche Beziehung besteht zwischen dieser Aufgabe, mit der Akkordarbeiter zu beschäftigen wären und der wirklichen Arbelt des Landwirts? Ich denke an die Rasenflächen von Eton und die jungen Leute bei Kipling. Welcher Engländer käme auf den Gedanken, Gentlemen zu formen, indem er sie im Schlamm einer trüben Wasserrinne herumwühlen ließe, welcher Engländer glaubte, man könne diese Bande von Sumpfenten in Herren verwandeln. Ich frage einen meiner jungen Freunde, er ist Westfale, intelligenter Nazi, gebildet und gemäßigt. Nennen wir ihn Ulrich. Er war unter den ersten, die ihren Arbeitsdienst abgeleistet haben, noch als das nicht obligatorisch war. Er bewahrt keine unangenehmen Erinnerungen an diese Zeit. Er leugnet nicht, daß das System vormilitärischen Charakter hat. Schließlich, eine Disziplin ist notwendig, und man hat noch keine anderen Organisationsformen gefunden als die des Klosters oder der Armee. Aber er betont besonders den sozialerzieherischen Nutzen. Darüber möchte ich nun genaueres hören. Unter den Männern seines Zuges, waren da einige, die»zum Boden zurück«gekehrt sind, die Bauerntöchter geheiratet haben? Er gibt zu; nein. Bäuerliche Berufungen haben sich nicht herausgestellt. Eine andere Frage. Unter seinen Kameraden aus dem»Volk«, sind da welche, die seine Freunde geworden sind, die er nicht aus den Augen verloren hat, die an ihn schreiben? Er zögert und antwortet: ja, zwei. Einer ist Setzer, der andere Pastor. Das war vor einem Jahr. Kürzlich traf ich anläßlich der Olympiade meinen jungen rheinischen Freund. »Eli. sieh da, Ulrich! Was gibt es Neue«? Was ist aus dem Setzer geworden, Ihrem Kameraden? Schreibt er? Wann haben Sie die letzte Postkarte bekommen?« Der junge Mann lächelt, errötet mit einem etwas genierten Gesicht. Sehen Sie. Ulrich, das hatte ich mir gedacht. Sie brauchen mir nicht zu antworten. Ich weiß, was ich wissen wollte.« * Wenn Gillet in dieser Weise zuschaut, welche Wirklichkeiten denn nun hinter den Schlagworten stehen, sagt er uns natürlich nichts Neues. Sein Urteil schwankt zuweilen, man hat kapitelweise den Eindruck, es kommt darauf an. mit wem er zuletzt gesprochen hat. Die Aktion»Schönheit der Arbeit« z. B., ein billiges Fassadenmanöver, verfängt bei ihm, und man kann an diesem Buch studieren, welche Propagandalügen wirken, auch auf einen Fremden wie diesen, der unter Beweis stellt, daß er kritischer Beobachtung fähig ist. Aber kehren wir zu dem Beobachter Gillet zurück. Man hört bei ihm, wie sich die Söhne des Grafen Keyserling entwickelt haben oder wie sich Gerhard Hauptmann im Vestibül des Adlon macht, das sind Berichte, die sich böswilliger lesen lassen, als sie von Gillet selbst gemeint sind. Er schüdert ein nächtliches Fest bei Görlng, wir lassen es in der Uebersetzung folgen. Der Deutsche, der das Brot der Fremde ißt, mag— mit Unwillen— in dieser Darstellung ein Zuviel an Poesie bemerken, wenn man aber davon absieht, ist das Zeugnis des Zeitgenossen, Gillets Zeugnis, vernichtend genug. »Wir waren für sieben Uhr eingeladen, aber ich aß zu Abend auf dem Lande, so kam ich erst ungefähr gegen Mitternacht. Das Fest ging zu Ende, die Menge der Tischgäste hatte sich schon zurückgezogen. Da und dort aßen noch Gruppen, an Tischen, die zur Hälfte abserviert waren, Paare standen für Augenblicke auf, um auf einer Fläche inmitten des Rasens zu tanzen. Ein stilles Becken, geometrisch und steinern, gab der belebten Szene ein Element von Schatten und Schlaf, auf der Oberfläche des Wassers schwammen Blumenkränze. Arkaden mit Fackelleuchtern umrahmten den reizvollen und seltsamen Platz. Die Nacht ist es, in der Deutschland sein eigentlichstes Wesen entfaltet, in der Nacht atmet dieses große Land, das vom Genie der Schatten überfallen ist, aus.allen Poren seinen finsteren Zauber. Ohne Zweifel ist das nächtliche Berlin nicht mehr das, was es vor einigen Jahren war, selbst nicht mehr in den Tanzdielen und Bars des Kurfürstendamms, diesem berühmten Korso des Vergnügens. Aber die alte Verbindung bleibt, der Pakt mit der Nacht, der den Kerzen, den Liedern und dem Marschtritt der Fackelzüge eine so fremdartige Schönheit leiht, wenn lange infernalische Menschenzüge sich durch die nassen und spiegelnden Straßen bewegen, ein Drache mit einem Kamm aus Flammen. Batterien von Scheinwerfern, auf den Dächern des Luftfahrtministeriums untergebracht, schütten einen Schneefall von Licht über einen zweiten Garten, der sich an den ersten anschließt, auch er eingeschlossen von Fackelleuchtem und klosterartigen Arkaden. Alte Grabfiguren von liegenden Schläfern, die aufrecht an die Wand gestellt worden sind, Bischöfe und mltrageschmückte Aebtc, werfen ihre Mumienblicke auf das Hin und Her der Schatten, die Lebende zu sein vermeinen. Trauben von Lampions, wie sie der Luftballonverkäufer unserer Kindheit an einem Stocke trug, hängen an den Bäumen und verbreiten eine leichte Trunkenheit. Den Hintergrund des Gartens nehmen die Zelte eines ländlichen Jahrmarktes ein; 1830 oder Deutschland vor hundert Jahren. Man findet da die Schwarzwaldbude, in der Pflaumenschnaps, Himbeergeist und Kirsch ausgeschenkt werden, ein Dampfschiff auf dem Rhein ist zu sehen, Holzpferde eines Karus- sels und natürlich auch ein bayrisches Bräu. Reizende Postillone, wie kleine rote Teufel, mit Spitzenjabots und Manschetten, schlendern Arm in Arm mit Dandys in Gehröcken und Pantalons, sie gehören zur Truppe der Oper, alles Tänzerinnen, alles Ballettratten, die soeben ein Schauspiel gegeben haben, das der Höhepunkt des Abends gewesen sein mag. Ich hatte Unrecht, so spät zu kommen. Jetzt zerstreut sich die Schar, und Der Zauberlehrling »Zur Schonung von Lebensmitteln hat die Fachschaft»Artistik« eine Anordnung erlassen, die auf das strengste die Verwendung von Lebensmitteln— als Beispiele werden Eier, Milch usw. genannt— bei der Vorführung von Kunststücken und Spaßen von Clowns, Zauberkünstlern auf Varietdbühnen verbietet.« Meldung aus Berlin. Milch und Hering, seltener schon Butter, Walfischtran und Seetang dienen uns zum Futter. Was autark macht, ehre man im Lande, und damit zu zaubern, gilt hinfort als Schande. Mit den Eüem wie ein Clown jonglieren, bis sie sich als Pünktchen in der Luft verlieren; Butter kitzeln, daß sie artentwurzelt plötzlich als Kanone aus der Tonne purzelt; Speck und Schmerfett, alle leckren Sachen zum Verschwinden bringen und noch drüber lachen; Vieh verhexen, Ochsen, Kühe, Kälber, alles das darf künftig nur Herr Darre selber. A Lindhorst. Führers Niederlage Die Entarteten siegen. In seiner Münchener Unkunst-Rede verhieß Hitler, er werde Ordnung in die deutsche Kunst bringen, wie er Ordnung in die Politik gebracht habe. Es war voraus zu sehen, daß der Kollaps mit einer Niederlage enden mußte. Schon in der nächsten Nummer des»Schwarzen Korps« begann die Revidierung der Rede. Natürlich dürften blaue Schatten über einer Wiese oder über einer Kuh liegen, so habe es der Führer nicht gemeint. Dafür leisteten sich braune Bonzen in der Provinz die tollsten Eskapaden a la Hitler. »Dementsprechend hat der Nationalsozialismus rücksichtslos mit dem 11 bera- lis tischen Kulturbegriff aufgeräumt... Die reine Form endete im formalen Experiment: Statt grüner Wiesen malte man rote Wiesen, statt brauner Kühe sah man blaue Kühe, und schuf solcherart»entartete Kunst«, verkündete z. B. Reichskulturwalter Moraller vor preußischen Kreiskulturleitern. Doch das Debakel ließ sich nicht aufhalten. Barlach und Franz Marc wurden in aller Stille aus der Ausstellung der»Entarteten« entfernt. In der gleichgeschalteten Presse gab es ehrende Rezensionen einer BerUner Corlnth-Ausstellung, als Corinth bereits an der Wand der Entarteten hing. Die DAZ vom 29. August brachte einen Aufsatz über zwei BUder van Goghs, ein Kinnhaken für den Führer. Das Wesentlichste: Van Gogh habe nicht nur äußere»Wirklichkeit« gegeben und gerade darin bestehe»die Tiefe dieser Kunst... Kunst ist eben immer mehr als Kunst... Niemals kommt es van Gogh auf die bloße Darstellung äußerlich sichtbarer Dinge an. In dem Mittel der Farben sucht er eine Innenwelt oder eine geistige Welt in die Anschaubark eit zu bringen...< Neunzig Prozent derer, die in der»Entarteten« hängen, werden damit gegen den Dilettantismus des Führers verteidigt. So steigerte sich die Meuterei bis zur offenen Revolte, die kürzlich auf dem»Tag der Reichskammer der bildenden Künste« in Düsseldorf ausbrach. Landeskulturalter Brouwers sagte dort unter dem Beifall der Versammelten nach dem Bericht der DAZ vom 8. Oktober: »Es könne sein, daß mancher Künstler nach der Eröffnung des Hauses der Deutschen Kunst in München nicht mehr den Mut habe. Neues zu schaffen. Diejenigen aber, die in München ausgestellt seien, mögen nicht glauben, daß damit ihr gesamtes Schaffen sanktioniert worden sei. Aber auch jener Künstler brauche nicht zu verzweifeln. dessen Werke in der„Entarteten Kunst« ausgestellt seien. Es müsse innerhalb der deutschen Künst- lenscbaft auch eine größere Duldsamkeit an Stelle eines gewissen Künsterneides treten. Manchmal seien in den einzelnen Städten die Eingaben so primitiv gewesen, daß man von einer deutschen Kunst nicht mehr sprechen könne.« Ob er nun mit dem Künstlerneid den Führer oder seinen Ziegler oder beide gemeint hat— in jedem Falle hat Brouwers mit seiner Polemik die Meinung der wirklichen Künstlerschaft ausgedrückt. Und in jedem Falle bedeutet diese schon nicht mehr verschleierte Fronde eine hahnebüchene Niederlage des führerischen Primitivismus. Denn diese Fronde ist nur denkbar, wenn ein beträchtlicher Teil der oberen Nazibonzerle dahinter steht. Die Mehrheit der Reichskulturkammer plus Göbbels weiß, daß die von Hitler in München abgesteckte Banausenllnie nicht zu halten ist und man fragt sich nur, wie der angerichtete Flurschaden unauffällig auszubessern wäre. Deutsdie Kunst »Einer breiteren Oeffentlichkeit sind die Aquarelle und Zeichnungen bekanntgeworden. die der Führer vor dem Kriege und an der flandrischen Front gemalt und gezeichnet hat. Auch daß er persönlich die Grundrisse und Aufrisse zahlreicher Bauten entworfen hat, die das Bild unserer großen Städte verwandeln, wissen wir. In künstlerischen Fragen hat der Führer keine Begutachtung von dritter Seite nötigt: er urteilt selbst... Viele derjenigen, die beute über einen jungen Künstler entscheiden sollen, haben doch selber noch die Jugendsünde des Jugendstils auf dem Gewissen und möchten sich jetzt wohl überschlagen vor lautef angelesenem und angelerntem völkischem Edlekult. Sie werden besonders gern Worte des Führers zitieren, aber es ist noch lange nicht gesagt, daß sie damit auch seinen Geschmack richtig treffe n.« (»Preußische Ztg.«, 5-/9. 1937.) Besuch Ein Deutschlandfahrer erzählt. In den scheinbar kleinen Dingen des Alltags steckt oft eine grimmigere Ironie als in großen Ereignissen, und an einem Stück die Reste des Balletts zirkulieren zwischen den Eingeladenen, schwimmen zwischen den Gästen der Tafel und der Walzer wie die Reste eines Blumenstraußes auf einem nächtlichen See. Erstaunlicher Karneval. An diesem Abend scheint es, als ob Deutschland träumt, als ob es sich gehen läßt. Elegante Flieger in weißen Leinwanduniformen, sportlich und schnell, als hätten sie Flügel an den Sohlen, führen die roten Teufelchen, zeigen sich um die Damen bemüht. An diesem Abend ist es Dienst zu gefallen und eine Atmosphäre von �galantem Deutschland« zu schaffen. Wir sind, vergessen wir es nicht, bei dem Herrn der Luft. Um uns daran zu erinnern, hat man eine Flugzeuggondel als Schaukel aufgehängt. Von einem surrenden Propeller getrieben stürzt sie, wendet sich, führt Loopings aus, arbeitet sich ab wie eine irrsinnige Hummel, die man mit einem Nagel an die Wand geheftet hat. Die neugierigen Schönen lassen sich von ihren Kavalieren hierher führen. Die Erschütterung des Fluges veranlaßt sie, gellende Schreie auszustoßen. Ich muß sagen, daß ich wenige Menschen In dieser Menge kenne, die Deutschen, die mir nahe stehen, halten sich von der Olympiade fem, sie meiden den Umgang mit den Machthabera. Es ist ein seltsamer Eindruca. durch dieses Fest wie ein beziehungsloses, ja fast wie ein unsichtbares Wesen zu irren. Ich betrete zuerst das Palais, in dem alle Kronleuchter brennen und das der Gesellschaft als Foyer gedient haben mag. Niemand begegnet mir, ich gehe durch eine Flucht von Sälen in Weiß und Gold, nüchtern und würdig. an der Wand prachtvolle gewirkte Tapeten aus Beauvais, strahlende Rubens, lyrisch und wollüstig,»Venus und Adonis«, seidene und perlmutterne Körper, süßes Duo der Liebe, bezaubernde Cranachs, Jungfrauen aus Holz, wurmstichig und vergoldet, königliche Kleinigkeiten, ohne einen Mißgriff gewählt. Weiterhin dann in dem Raum, in dem der Minister arbeitet, Hunderte von Fotografien, auf einem Tisch, an der Wand hinter dem monumentalen Armseasel, Fotografien, die über seine Freundschaften, seine Reisen, seine Gesandtschaften aussagen, von seiner öffentlichen Existenz erzählen und die private erraten lassen, das Journal eines Lebens, das Kämpfe, Politik, Kabalen, Theater und Leidenschaften erfüllt haben. Ich kehre in den Garten zurück und bewege In Gedanken diese Bilder, die würdig wären, von Walter Scott beschrieben zu werden oder die man In den Memoiren Marbots erwarten könnte. Plötzlich, ohne daß ich ihn gesucht habe, da ist er, sechs Schritte von mir entfernt. Ganz in Weiß steht er da, neben seiner zweiten Frau, der Schauspielerin Sonnemann, inmitten eines Cercles von Eingeladenen. Ich unterscheide undeutlich sein Gesicht, das im Halbdunkel bleibt, aber ich habe Zeit, den Umriß seiner Persönlichkeit zu studieren. Er hält sich aufrecht, ist untersetzt, unbedeckten Hauptes, etwas kleiner als seine Frau, macht die Honneurs und spielt die Rolle des Hausherrn. In der Nähe eines Tisches, der mit Gegenständen bedeckt ist, ruft er nach einer Nummernliste Namen auf. Er spricht mit viel Sanftheit, ohne Bewegungen, fast ohne die Stimme zu erheben, die von einer sonderbar samtenen, schmeichelnden Färbung ist. Der General ruft die jungen Mädchen, eine nach der anderen, wie man Tauben zähmt, seine Frau verteilt lächelnd die Gewinne. Der fürchterliche General scheint Freude an dieser Szene zu finden. Da ist er noch einmal, der Hausherr, in vollem Licht diesmal, in einem kleinen Saal, der ganz angefüllt ist mit Jagdtrophäen, und den ein schwungvoller Rubens schmückt(wo nimmt er sie nur alle her?). Er macht den Gastgeber gegenüber einem Herrn in Smoking, der niemand anders ist als der König Boris von Bulgarien. Da ist die Rede von niedergemetzelten Hirschen, von Renntieren, Elchen, Karibus, von Verwandten des Hirsches, die längst aus unseren Wäldern verschwunden sind. Noch ganz bei dem Gegenstand seines Gesprächs, tritt er liebenswürdig auf mich zu und fragt unvermittelt:»Sie sind Jäger?« Glücklicherweise bin ich aus einem Land, in dem das Weidwerk viel gilt und wo die Hetzjagd auf den Hirsch ein Ritus und eine Religion ist. Aber wie hätte ich ihm erklären können, daß man es bei uns für einen Mord halten würde, auf das edle Her zu schießen und daß die einzige ehrenhafte Art, den Hirsch zu jagen, die ist, bei der man ihn zum Lauf zwingt und ihm mit der blanken Waffe begegnet. Draußen dauert das Fest an. Immer neue Paare bewegen sich auf der Tanzfläche. Bis zur Morgendämmerung werden die alten nachdenklichen Bischöfe, die mitrenge- schmückten Aebte mit ihren steinernen Augen zusehen, wie weißgekleidete Flieger flirten und wie zu zweien auf dem Rasen die Ballettratten schlendern, Fantasiepostillone, kleine, berauschte Mäuschen als»Fashionab- les 1830« verkleidet. Deutschland hat an diesem Abend blenden wollen. Vielleicht hätte man in London oder in Wlndsor mehr Diamanten gesehen, mehr edle Steine, Reiher und Diademe,—■ mehr Etiquette, mehr Zeremoniell, mehr Stil, aber ohne Zweifel auch weniger Luxus, weniger Ueberfluß. weniger Einfälle und Unvorhergesehenes. Wieviel Millionen kostet diese Nacht Neros? »Nur die ruinierten Länder gestatten sich solche Launen«, spottet Doktor Schacht, dem es obliegen wird, die Rechnung zu begleichen.« M. F. Der dritte Mann Einen dritten Mann braucht man beim Skat. In Hitlerdeutschland auch bei einer neuen Art des Doppelkopf- oder Ja- nusspieles. Aber davon später. Zunächst braucht man ihn wie gesagt beim Skat, und darum würzt ein SS-Mann des Sturmes 5/75 seine Erinnerungen an den Mussolini-Besuch in Berlin(»Völkischer Beobachter« Nr. 275) mit den Worten: »Die Zeit vergeht beim Singen, Essen, Skatspielen und dann vor allem beim Putzen.« Nämlich die Zelt vor dem Eintreffen des Duce und seines Ehrenkorporals. Beim Skatspiel fallen Ausdrücke wie:»Untern Tisch! Geschnitten! Auf ihn! Krepieren soll das Aas!« Bei dem Appell, der sich dem Skatspiel anschloß, scheint es nicht sanfter zugegangen zu sein: »Der Sturmbannführer hält uns nochmals einen Vortrag über unsere Aufgaben, nicht ohne die»allerfinstersten« Strafen für ein Versagen in Aussicht zu stellen.« Untern Tisch! Dann lenkt der Sturmbannführer ein und gibt die genauen Spielregeln für das Doppelkopf- oder Janus- spiel bekannt, von dem wir schon sprachen: »Jeder dritte Mann, erklärt er, steht mit dem Gesicht zur Bevölkerung, um etwaige Durchbruchsversuche blumenbewaffneter Kinder oder gar Blume n- würfc oder ähnliche»A 1 1 e n- täte« begeisterter Volksgenossen zu verhindern. Und jeder weiß, daß gerade dieser»dritte Mann« ein besonderer Vertrauensposten ist.« Ein besonderer Vertrauensposten mit den allerfinstersten Strafen im Hintergrund, ein Spiel mit Kontra, Re und Bockrunde. In diesem Sinne auf zum Brandenburger Tor!« Drei Tage lang umsäumte eine unendliche Mauer von SS-Männern die Straßen.« Es wird abgezählt:»Eins, zwei, drei— kehrt. Eins, zwei, drei— kehrt.« Zahlenreizen. Unseren unglücklichen Skatspieler trifft natürlich das Los des dritten Mannes. Nase und Revolver ins Publikum, dem»w i r jimmer die Sicht wegnehme n«. Der Blumensträuße wegen, denn wer nichts wer- jfen darf, braucht auch keine Aussicht. Der Dritte Mann klagt: »Heute bekomme ich den Führer und den Duce nicht zu se- h e n.« »Vor der Haustür verreckt«, nennt man das beim Skat. Oder»Ihre Sorgen, Herr...« »Als das Brausen der Heilrufe endlich immer näher kommt, starre ich in die jubelnde Menge. Die Kameraden rechts und links greifen in mein Koppel, wie ich selbst nach beiden Seiten mich in den Koppeln meiner Nebenmänner verankere. So stehen wir, eine unzerreißbare schwarze Kette.« Und verhindern die Durchbruchsversuche blumenbewaffneter Kinder. Mehrere Reihen stark,_ ineinanderge- |hängt, schwer bewaffnet. Denn wenn Kinder richtig losgelassen sind- werden sie zu Hyänen. Selbst Sonderzüge muß man vor ihnen schützen— aller paar Schritte ein i dritter Mann mit Kanone. Wer nicht trumpfstark genug ist, muß vorsichtig spielen. Wäh- | rend hinter ihm die Hohe Führerschule ge- i ritten wird, glotzt und blufft der dritte Mann ins Publikum. »Jetzt ist der Jubel anscheinend auf dem Höhepunkt. Ich fühle es förmlich, wie die Heilrufe über mich hinwegbrausen. Und als die Begeisterungswelle weiterrauscht, ' und das Dröhnen in meinem Ohr abebbt, weiß ich, daß der Führer mit seinem hohen Gast eben an mir vorbeigefahren ist.« »Hinter mir vorbeigefahren«, meint er. »W ir kriegen ja nischt zu sehen, aber ihr SS-Männer, ihr habt ja immer die besten Plätze«, murrt auf dem Heimweg ein Begeisterter.»An den dritten Mann denkt er nicht!« beklagt sich der Doppelkopfspieler. Im Gegenteil! Das Volk denkt Tag und Nacht an den dritten Mann. Wenn es nicht an ihn dächte, würden viel mehr Blumen geworfen werden. H— n. Elektrokrieg. Von Kurt Doberer, dem durch das sensationelle Buch»Todesstrahlen« bekannt gewordenen Autor, ist im Saturn- Verlag, Wien, ein neues Buch»Elektrokrieg« erschienen. Diese Arbeit befaßt sich mit der Mobilisierung der Elektrizität als Kriegswaffe, einem Problem, das 1 durch die in Sicht tretende Erschöpfung der i Erdölfelder, mit der Wucht seiner ganzen I Konsequenzen vor unsere Generation rücken 1 wird. I>ie braune Ausridilimg Kulturgut Die»Neuausrichtung« des deutschen Kulturgutes wächst jetzt auch der Reichs schrift- tumskammer über den Kopf; ihr Präsident weist in einem Rundschreiben darauf hin, »daß manche Herausgeber von Schulbüchern, Sammelwerken, Anthologien, Liederheften und ähnlichen Werken mit den großen Kunstwerken unseres Volkes ohne die nötige Ehrfurcht umgehen. Die Namen der Dichter werden falsch oder verstümmelt wiedergegeben, Strophen werden ausgelassen, ohne daß dies durch eine ausdrückliche Bemerkung angegeben wird, ja, sogar Veränderungen des Wortlautes werden vorgenommen und damit deutsches Kulturgut verfälscht oder verstümmelt. Der Präsident der Reichsschrifttumskammer macht darauf aufmerksam, daß dies ein rechtlich verbotener Eingriff in das Wesentliche eines Kulturgutes darstellt, und sieht sich genötigt, zukünftig in diesen und in ähnlichen Fällen vor unnachsichtlichem Zugreifen nicht zurückzuschrecken.« Welcher Herausgeber von Anthologien soll im Dritten Reich heute wissen, was noch erlaubt ist?! Fällt er in Ungnade, wenn er die Freiheitslieder der Vormärzler in einer Reihe mit den braunen Gesängen bringt? Darf er den ganzen Glaßbrenner servieren und in welcher Form, mit welcher Vorrede? Darf er noch zugeben, daß die Loreley von Heinrich Heine stammt? Gehört die Loreley überhaupt noch zum deutschen Kulturgut? Und wie steht es, wenn der Rundfunk ab und zu die Namen jüdischer Künstler verschweigt? Wer soll sich zurecht finden unter einem System, in dem es von Fallen und Selbstschüssen nur so wimmelt! Butter enthüllt sioh mitunter der Jammer eines ganzen Volkes. Ab und zu fahre ich über die böhmische Grenze nach Chemnitz zu meiner Verwandtschaft. Was nimmt man heute ins Dritte Reich mit? Natürlich Fressalien. Würste, Fettiges, seit einiger Zeit wird auch Brot be- . gehrt. So fuhr ich vor einer Woche wiedermal los, packte meinen Koffer aus, großes Freßpaket mit einem böhmischen Brot. Bs wurde gegessen und ich erzählte von meiner verflossenen Rückfahrt, vor einigen Monaten, als die Kirschen noch hingen. Wie da zwei Leute ruhig neben mir gesessen, man sprach über dies und das, harmlose Sachen.»So so, aus Leitmeritz sind Sie? Schöne Gegend, ja...« Bis wir über die Grenze waren. Da gings los. Da begann bei den Zweien ein Geschimpfe gegen das Dritte Reich, gegen die Bonzen, daß ich die beiden nicht wieder erkannte. Na ja, sagte ich mir, wenn jahrelang alle Ventile verrammelt sind, da droht natürlich der Kes- sel zu platzen. So erzähle ich, greife nach der Wurst, schneide wieder vom Brote herunter und meine Verwandtschaft stiert über den Tisch, so. als ob sie auf Kohlen säße. Was denn, denke ich, glauben die mir nicht? Und kaue und erzähle weiter. Der eine meiner beiden Reisegefährten mochte früher Reichsbannermann gewesen sein. Er kannte die großen Aufmärsche der Republik, die Fahnen, die langen harten Kolonnen der Windjacken. Im vergangenen Sommqr wandert er im Erzgebirge, von dort ins böhmische Mittelgebirge. In Aussig sieht er Fahnen aus den Fenstern b�'gen, die rotblauweiße und rote Fahnen drei Pfeilen. Er schaut, schaut, kann sich nicht satt sehen, und frühere Zeiten steigen in seiner Erinnerung herauf. Da rollen Trommeln, kommen näher, Musik tönt, Menschen voran, Menschenmassen säumen die Straßen, Fahnen tauchen auf, rote Fahnen mit den drei Pfeilen— und dann lange, unabsehbare Kolonnen hinter drein. Blaue Hemden, rote Schlipse, Windjacken, rote Wehrmänner, Arbeiterjugend, Turner, Sportler, Mädchen und Frauen, eine mächtige Kundgebung der sozialistischen Arbeiterschaft. Er steht und starrt, hört das Lied»Brüder, zur Sonne, zur Freiheit«, hat feuchte Augen, grüßt mit erhobener Faust: Freiheit! Und aus dem Zuge, von den Häusern dröhnt es ihm entgegen: Freiheit! Ihm ist, als begänne sein Leben von neuem, es gibt kein Ende für uns. denkt er, wir bleiben, wir kommen stärker wieder, uns gehört die Zukunft, wir marschieren noch immer, das Dritte Reich ist nicht Europa, uns gehört die Zukunft... Meine Verwandtschaft schaut auf. Die Schilderung bat auch sie gepackt. Wir vergessen das Kauen. Eine Wedle sagt niemand etwas. Unsere Augen glänzen.— Bis ich wieder zum Brote greife. Da rückt die Frau des Hauses wieder unruhig einher und die anderen stieren beschämt, verlegen auf den Tisch hinab. Ich schaue mich um. Merkwürdig sind die Leute im heutigen Deutschland. Alle Fenster zu, wer soll denn da mithören? Ich dämpfe die Stimme und erzähle weiter, erzähle von dem anderen Reisegefährten. Der hatte einen Buben in der Schule. Eines Tages kommt der Bub atemlos nach Hause. Vater, sagte er, wer ist größer, Jesus oder Hitler? Der Vater bremst seinen Zorn. Warum? fragt er. Der Führer von den Hitler-Pimpfen bet gesagt: Hitler ist größer als Jesus, denn Hitler ist auch von Gott gesandt, aber er Ist kein Jude. Und der Lehrer? Der hat nicht gewußt, was er dazu sagen sollte. Er bat nur gemeint, das gehöre in die Religionsstunde, jetzt aber sei Geschichtsunterricht... Ein Lehrer kann nicht wagen, sich richtig zu seinem Gott zu bekennen, und der Vater hat auch auaweichend antworten müssen, weil er von der Schulbehörde schon einmal verwarnt worden ist. Meine Verwandtschaft nickt und wie ich wieder zum Messer greife, stiert wieder alles über den Tisch. Jetzt versuche ich es mit den Flüsterwitzen, die ich von den beiden in der Elsenbahn hörte. Der Komiker Valentin hat in München gesagt: Früher gings uns gut, heute gehts uns besser, es wäre aber besser, wenns uns wieder gut ginge... Aber niemand von meiner Verwandtschaft lacht, alle starren zum Brot, nach dem ich gerade wieder langen will, und in die Frau kommt endlich Bewegung.»Josef«, sagte sie bittend, schiebt das Brot weg und legt die Hand bittend auf meinem Arm,»du kannst von eurem guten Brote bei euch daheim so viel essen wie du willst. Sei so gut und laß uns das. Koste mal unseres...« Nimmt das angeschnittene Brot, streichelt es:»Schönes Brot, schönes Brot...« Und verschwindet damit in der Richtung Küche; vor mir lag das andere, grau, klumpig und mit Wasserwellen. Sagt ich nicht, in den scheinbar kleinen Dingen des Alltags steckt mitunter grimmigere Ironie als in den großen Ereignissen. B. L. Ein Labetrunk Richard E w i n g e r, prominent unter den neudeutschen Poeten, übergibt mit seiner jüngsten Publikation»Das Gedicht« folgende Verse deri Oeffentllchkeit: O. daß wir erst erstanden wären aus Phrase, Fratze, Lug und Schein, aus Tümpel, Tünche, Schmach und Schminke,— hell wie der Quell, daraus ich trinke! Iß, trink, dich labend, werde stark,(?) Jungvolk, es ist nicht aller Tage Abend, und wir brauchen Mark! Wenn die Jugend, sich labend, nicht nur »Mark«, sondern auch Devisen produzieren könnte, dann wäre das ein weiteres starkes Plus für den Vierjahresplan. Aber etwas fällt auf. Warum sollen»wir« noch heute aus Tümpel, Fratze, Lug und Schein»erstehen«, wovon wir doch bekanntlich seit 1933 erlöst sind? Ewlnger scheint persönlich noch nicht an aller Tage Abend angelangt zu sein. H o sie wieder an g elanggf sind Am 4. Oktober sprach Baidur von Schi- rach in der Reichsakademie für Leibesübungen vor den deutschen Untergauführerinnen des BdM. Wie die deutschen Zeitungen berichten, sagte er; »Es sei falsch, zu fordern, Mädel sollten sich nicht mit geistigen Dingen beschäftigen. Es sei nun einmal nicht wahr, daß Männer nur mit. ausgesprochen dummen Frauen glücklich werden.« Was für neuartige, geniale Einfälle so ein »Jugendführer« doch hat. Sein eigener Urgroßvater könnte ihn darum beneiden. Entziehung der Sozialrenten nach Gesinnung Der braune Terror in der Sozialversicherung mehr. Wer den bestimmten Wisch nicht Nach der Weimarer Verfassung( Art. 161)| tenden Anordnung des Innenministers ab-| beschäftigten Firmen innerhalb dieses Zeitdiente die Sozialversicherung zur Erhaltung hängig. Hätte man aber in dem Gesetz vom raumes kaum noch ein weiteres Wachstum zu hat, wer keine bestimmte Berechtigung bekundet, der kann zusehen wie er zurechtder Gesundheit und Arbeitsfähigkeit, zum Dezember 1936 statt vom Ruhen von der verzeichnen gewesen. Die Zahl der Firmen kommt. Wer sich mit dem Amtsschimmel Schutz der Mutterschaft und zur Vorsorge Entziehung der Rente gesprochen, dann( einschließlich der ungefähren Gesamtzahl nicht verträgt und die einschlägigen Begegen die wirtschaftlichen Folgen von Alter, stände dem> Staatsfeind<<, wie jedem Ver- der in ihnen beschäftigten Arbeiter) beträgt stimmungen nicht erfüllt, ist von vorneweg ausgeschaltet. Das wissen wir am Schwäche und Wechselfällen des Arbeits- sicherten der Rechtsweg offen, den die Ver- für 1936 nämlich 16.449( im vorangegangenen besten, die wir vielleicht durch Zufall lebens. Es waren Leistungen einer echten sicherungsordnung in diesem Falle vorsieht. Jahr 16.099); wenn also schon eine Zunahme, durch das Gestrüpp hindurchgekommen Volksgemeinschaft an den einzelnen Volks- So aber verfügt der Innenminister willkür- so nicht mehr als eine solche von drei Pro- sind und irgendeinen wohlklingenden akaso zent. Dagegen war eine weitere deutliche Zu- demischen Titel zu führen die Ehre haben.<< genossen. Es ist mit eine der schlimmsten lich und endgültig, es gibt keinen noch faschistischen Entartungen, daß die Nazis geringen Rechtsschutz. nahme der Betriebsunfälle( in der chemi- Was für» Scheine, Ausweise, Zeugnisse<< auch die geringste soziale Fürsorge unter Diese Rente» ruh t«, denn der Staats- schen Industrie von besonders tragischer Be- sind hier Um gemeint? Parteiausden brutalsten Gewissenszwang gestellt feind hat kein Rechtsmittel zur Anfechtung, deutung für die Betroffenen) zu verzeichnen, weise,» Dienst«-Nachweise, Arierhaben. Der Parteistaat des Dritten Reiches die Rente wird gleichzeitig entzogen« nämlich von 60.1 auf das Tausend der ver- zeugnisse bis zu Abraham, Zuhat mit dem» Gesetz über die Aenderungen hinsichtlich der Art wie das> Ruhen< zu- sicherten Arbeiter auf 62.01. Das ist ein vol- verlässigkeitsbescheiniguneiniger Vorschriften der Reichsversicherungs- stande kommt. Der Kommentar sagt, daß les Dreißigstel mehr und auf die Zahl der Be- gen sämtlicher brauner Formaordnung vom 23. Dezember 1936( RGBl. I dieser§ 615 a eine Einschränkung des Ren- triebe angewendet, müßte es besagen, daß tionen nebst ihren Untergliede1128) den Gipfel der Gemeinheit erklommen. tenanspruchs» ganz eigener Arte dar- fast genau doppelt so viele Firmen, als wirk- rungen, Erbgesundheitsbelege lich hinzugekommen sind, anmeldepflichtig und Ehetauglichkeitsscheine bei der Versicherung geworden wären. Dort wird bestimmt: § 615 a, Abs. 1 RVO: Die Rente ruht, wenn der Berechtigte sich nach dem 30. Januar 1933 im staatsfeindlichen Sinn betätigt hat.< In einem soeben veröffentlichten Kommentar wird der witzige Versuch unternommen, die> Rechtsnatur< dieses schamlosen Rechtsbruches zu erläutern. Zunächst wird mitgeteilt, daß die Versicherungsträger schon bisher>> auch ohne ausdrückliche gesetzliche Grundlage die Rentenzahlungen an Versicherte eingestellt haben, die sich gegen den Geist der Gemeinschaft vergangen haben.<< Das» Ruhen der Versicherungsleistung« erstreckt sich auf die Invaliden- AngestelltenKnappschafts- und Unfallversicherung. stelle. >> Völlig neu ist die Regelung, daß das Ruhen durch eine rechtsgestaltende Anordnung einer Obersten Reichsbehörde herbeigeführt wird und daß seine Dauer nicht von einem bestimmten Tatbestand abhängig ist, sondern in das Ermessen der anordnenden Behörde gestellt ist.<< Also nackte Willkür und brutale Entrechtung des Versicherten. Das Theater spielt sich immer nach dem Kommentar so ab, daß der Versicherungsträger zunächst die Rente nach dem kann es sich nicht handeln. Denn all diese Der wahre Sinn der Ziffer enthüllt sich Dokumente wurden gerade vom NS- Stuaber erst, wenn man bedenkt, daß schon dentenbund seit jeher gefordert, gelobt im Jahre 1935 tatsächlich die Un- und gehätschelt. Wenn diese Organisation fallziffer auf mehr als das Dop- also klagt:» Es ist tatsächlich irgendetwas vorhitlerschen Jahre im Gange, was uns nicht behagt, wogegen wir pelte der gestiegen war, also ein Wachstum, das mit gutem Recht etwas einzuwenden haben<, tatsächlich ein Unikum der gegenwärtigen dann kann man nur annehmen, daß einige. deutschen Sozialverhältnisse darstellt. Als völlig verkalkte Professoren, Prüfungsausderart fatal sieht denn auch die Erscheinung schüßler oder Stipendienwächter noch immer BefähigungszeugGesetz gemäß bewilligt, denn erst nach Be- sogar die» Chemische Zeitung< als Interessen- Semesternachweise, wissentenorgan des Unternehmertums, das sich am schaftliche Hitler- Rüstungsboom wenigstens mit Reichs- nisse und ähnliche liberalistische Mätzchen Das bankwechseln bereichert. Sie meint, daß sie verlangen. ist natürlich verdammensdaher rühre, daß heute, im Vierjahresplan, wert, es paßt, wie das zitierte Blatt richtig >> nicht mehr dieselben Anforderungen an die bemerkt,» nicht in den Garten, den der Fühwilligung kann sie» ruhen«. Erhält die Versicherung Kenntnis von einer staatsfeindlichen Betätigung, so veranlaßt sie das Verfahren beim Reichsarbeitsminister. Der KommenNach dem Kommentar ist der Tatbestand tar spricht von der Gefahr, daß infolge der Qualität des einzustellenden Personals gestellt rer angelegt hat<. nach dem Gesetz nicht die staatsfeindliche Betätigung als solche,» sondern die staatsfeindliche Gesinnung, die zum Ausdruck kommt.<< Schon auf Grund eines Verdachts wird vom Versicherungsträger(§ 615 a, Abs. 2/3) das Verfahren auf Ruhen eingeleitet. der Rente > Was als staatsfeindliche Betätigung im Sine des§ 615a, Abs. 1, anzusehen ist, bestimmt das Gesetz nicht.<< lich ist.< Dauer des Verfahrens die Rente unter Umständen trotz der staatsfeindlichen Betätigung noch eine gewisse Zeit ausgezahlt werden könnte. Aber das Dritte Reich ist korrekt und sagt: » Dieser Nachteil(?) kann dadurch ausgeglichen werden, daß vom Reichsarbeitsminister das Ruhen der Rente auch für eine zurückliegende Zeit angeordnet wird. Der Rentenberechtigte hat dann während der zurückliegenden Zeit die Rente zu Unrecht bezogen und ist zur Erstattung verpflichtet.<< Diese ganze recht- und gesetzwidrige Rentensperre für Versicherte die eine den Nazis unerwünschte Gesinnung haben, verstößt auch gegen alle internationalen Verträge, die eine Reihe von Staaten mit Deutschland abgeschlossen haben und die auf Gegenseitigkeit beruhen. Aber frech erklären die Nazis: > Würden internationale Vereinbarungen, die in Deutschland Gesetzeskraft erwürden«. Das ist sicher richtig und würde die Verantwortung der Rüstungstreiber für das Lohnkürzung bei Benutzung einer Fremdsprache! Den Sozialverbrechen genügend festhalten. erschöpft diese Feststelvollen Tatbestand Die Baufirma Peters, die zur Zeit in lung freilich keineswegs. Denn auch ein völlig» qualifiziertes<« Personal würde den An- den Borsig- Kokswerken in Hindenburg übersogenannte forderungen dieser Ausbeutung unter Militär- wiegend Polen und Tschechen, aufsicht in keiner Weise mehr gewachsen sein Minderheitsangehörige beschäftigt, hat Anund durch eine entsprechende Anzahl von fang September an ihre Belegschaft einen Explosionen, Säuretode, Giftlungen auf die Erlaẞ herausgegeben. in dem sie ihren Arder Arbeit nunmehrige, die gewerkschaftslose, die glück- beitern verbietet, sich während in polnischer oder tschechischer liche Zeit reagieren müssen. Sprache zu unterhalten. Es handelt sich um sogenannte Volksdeutsche jenseits der Grenze, die nun mit der zugeteilten ArAlarich ein marxistischer Jude! beit unzufrieden sind und in der Sprache Wieso das Römerreich zusammenbrach beohne weiteres Neuer Vorwärts Die Feststellung des Tatbestandes erfolgt auch nicht durch den Versicherungsträger, sondern der Reichsminister des Innern hat willkürlich im Einvernehmen mit dem Reichsarbeitsminister endgültig zu entscheiden, vorliegt.< » ob staatsfeindliche Betätigung Das Verfahren zur Ermittlung der staatsihrer Heimatländer an den deutschen Arfeindlichen Betätigung und die Entscheidung liegt, wie ausdrücklich betont wird, allein in beitsverhältnissen Kritik üben. Diese Kritik der Hand des Innenministers. Lediglich die Ein Mann mit dem höchst verdächtigen wird jetzt bei Anwendung einer> FremdAnordnung für das Ruhen der Rente liegt Namen Fried hat in Hitlerdeutschland ein sprache mit dem Abzug von zwei Stundendann formal beim Reichsarbeitsminister. Die langt haben, Bestimmungen über eine Buch geschrieben, das sich betitelt» Der Auf- löhnen bestraft, gewissermaßen eine LohnNichtanwendung der amtliche Begründung des Gesetzes erwähnt, erörterten stieg der Juden<( Goslar 1937). Von der kürzung auf Umwegen. Dieser Erlaß wird daß der Begriff>> staatsfeindliche Betätigung< Ruhensbestimmungen( wegen staatsfeind- üblichen antisemitischen Schundliteratur der strikt gehandhabt und wer sich gegen diese licher Betätigung Die Redaktion des N. V.) Hitlerei hebt es sich durch eine gewisse Abzüge wehrt, der kommt dem Beamtengesetz entnommen ist. Der enthalten, so würden diese VertragsbestimKommentator schließt daraus, daß ähnlich mungen als Sonderregelung dem Gesetz v. Originalität der Auffassung ab. Herr Fried zur Entlassung. dem Beamten auch der Versicherte seiner 23. Dez. 1936 vorgehen.< duldet nicht, daß die Juden nur heutzutage Rente verlustig geht, wenn eine» marxisti- Es gibt natürlich kein internationales Ab- Weltherrschaftspläne« haben, sondern sche Betätigung« vorliegt. Staatsfeindliche kommen, in dem eine solch unmenschliche weist es klipp und klar, daß das schon vor Betätigung ist danach Aushungerung unliebsamer Rentenempfänger Jahrtausenden so war. Woran ist zum Bei> ein Tun, das für Bestand und Sicherheit auch nur erwähnt würde. Es klingt wie eine spiel das römische Weltreich zusammenge des Staates oder der Partei gefähr- Verhöhnung der internationalen Vertrags- brochen? Nur, selbstverständlich, an den JuSozialdemokratisches Wochenblatt kontrahenten, wenn weiter erklärt wird, daß den! Folgendermaßen lichtvoll und eines > Im Sinne des§ 615 a ist also eine par- diese Abkommen lediglich Herausgeber: Ernst Sattler; veranteine Gleichstel- Mommsens würdig, gibt sich da römische Ge- wortlicher Redakteur: eifeindliche Betätigung der eigentlich Wenzel Horn; staatsfeindlichen Betätigung gleichzustellung der Ausländer mit den Inländern vor- schichtsbetrachtung( wir folgen der begei- Druck:> Graphia; alle in Karlsbad sterten Kritik des Buches im letzten Heft Zeitungstarif bew. m. P. D. Zl. 159.334/ VII- 1933. von Geist der Zeit<,> Organ des Deutsch- Printed in Czechoslovakia. Kontrollpostamt: Poštovní úřad Karlovy Vary 3. AufgabeAkademischen Austauschdienstes<<): postamt Karlsbad 3. » Jetzt können wir auch verstehen, daß Der» Neue Vorwärts« kostet im EinzelCicero wegen der Verteidigung eines ge- verkauf innerhalb der CSR Kč 1.40( für ein wissen Flaccus, der sich vor Gericht we- Quartal bei freier Zustellung Kč 18.-). Preis gen angeblicher Judenverfolgung zu ver der Einzelnummer im Ausland Kč 2.-( Kč antworten hatte, ein Jahr später in die 24.- für das Quartal) oder deren Gegenwert Verbannung geschickt und seine Villa bis in der Landeswährung( die Bezugspreise für auf den Grund niedergebrannt wurde.< das Quartal stehen in Klammern): Argentinien Pes. 0.30( 3.60), Belgien: Belg. ( 24-), Brasilien 1 Milreis( 12.-), Frs. 2 Bulgarien Lew 8.-( 96.-). Danzig Guld. 0.45 ( 5.40), Deutschland Mk. 0.25( 3.-), Estland Endlich erfahren wir( bei Fried nämlich!), E. Kr. 0.22( 2.64), Finnland Fmk. 4.-( 48.-), daß der römische Adel allmählich völlig Frankreich Frs. 1.50( 18.-). Großbritannien verjudete und nach einer kurzen semiti- d 4.-( Sh. 4.-), Holland Gld. 0.15( 1.80). Itaschen Schreckensherrschaft das römische lien Lir. 1.10( 13.20). Jugoslawien Din. 4.50 ( 54.), Lettland Lat. 0.30( 3.60), Litauen Lit. Imperium zusammenbrach.< 0.55( 6.60). Luxemburg B. Frs. 2.45( 29.50), Da möchte selbst dem alten Felix Dahn Norwegen Kr. 0.35( 4.20). Oesterreich Sch. ein Akt der der Rauschebart im Grabe noch elektrisch 0.40( 4.80). Palästina knistern! Als wir ihn als Jungen lasen, war Polen Zloty 0.50( 6.-), Portugal Esc. 2.es noch der Alarich, sozusagen Standarten-( 24.-), Rumänien Lei 10.-( 120.-), Schweführer bei den Goten, der das römische Welt- den Kr. 0.35( 4.20), Schweiz Frs. 0.30( 3.60), Spanien Pes. 0.70( 8.40). Ungarn Pengö 0.35 reich nur so umlegte. Und wir dachten im-( 4.20), USA 0.08( 1.-). len.< Obwohl der Versicherte durch besondere Beitragsleistung die Gemeinschaftsleistung der Sozialversicherung erst ermöglicht hat, wird ihm die wohlerworbene Gegenleistung der Versicherung einfach geraubt, wenn er nicht bereit ist, durch Anerkennung der faschistischen Partei zum Gesinnungslumpen zu werden. Das nennt sich» Rechtsnature im Nazistaat. sehen. » Da nun staatsfeindliche Betätigung auch und gerade bei Inländern das Ruhen der Rente zur Folge hat, ist es keine unzulässige Benachteiligung der ausländischen Staatsangehörigen, wenn auch ihnen gegenüber diese Vorschriften angewandt werden; die Ausländer werden damit nur, wie es in den Verträgen bestimmt ist, den deutschen Reichsangehörigen gleichgestellt.<< Die ganze Verlogenheit dieser Gesetzgeber äußert sich in dem weiteren Kommentar. Verträge sind für Hitler- Deutschland Fetzen Es wird nach den sonstigen Bestimmungen Papier. Dennoch wird man die europäischen der RVO unterschieden zwischen einem Ru- Regierungen und auch das Internationale hen oder einer Entziehung von Renten. Arbeitsamt fragen müssen; soll dieser neue Eine Rente» ruht« ohne besonderen Rechtsakt Akt der Herrschaft des Terrors und der Geautomatisch, wenn ein bestimmter Tatbestand setzlosigkeit wiederum widerspruchslos hineingetreten ist, z. B. Verbüßung einer Frei- genommen werden. Hier liegt ein Fall eklaheitsstrafe, Zusammentreffen mit anderen Ren- tanten Vertragsbruches und ten usw. Ruhen einer Rente heißt, daß der Barbarei vor, der so ungeheuerlich ist, daß Anspruch grundsätzlich weiter besteht und es diesmal nicht bei der moralischen Verlediglich die Erfüllung vorübergehend aus- urteilung bleiben sollte. geschlossen ist. Sobald der für das Ruhen maßgebliche Tatbestand aufhört, wird die Der Arbeiter Rente ohne besonderen Rechtsbescheid wieder gewährt. Die Entziehung einer Rente dagegen erwird In dem Kommentar nun die Frage aufgeworfen, ob das> Ruhen< der Rente wegen staatsfeindlicher Betätigung ein» echtes« Ruhen ist? duktion. Nein, nicht allein das können wir verstehen, sondern noch weit mehr. Zum Beispiel: stellungen... Weniger Zeugnisse? des P. Pf. 0.020( 0.216), mer, daß dieser Alarich in der Nähe Einzahlungen können auf folgende Postheutigen Kötzschenbroda geboren sein müßte. scheckkonten erfolgen: Tschechoslowakei: bezahlts! Nichts von alledem! Alarich und Seinesglei- Zeitschrift» Neuer Vorwärtse Karlsbad. Prag chen waren galizische Juden! Derart enden 46.149. Oesterreich: Neuer Vorwärtse Karlsbad. Wien B- 198.304. Polen:> Neuer Vorwärts< folgt jeweils durch rechtskräftigen Entzie- Die Unfallziffer in der deutschen Giftgaspro- also unsere liberalen Jugendträume und-VorKarlsbad. Warschau 194.797, Schweiz:> Neuer hungsentscheid. Vorwärts Karlsbad Zürich Nr. VIII 14.697. Rumänien: Anglo- Čechoslovakische und Prager Creditbank, Filiale Bukarest, Konto > Neuer Vorwärts<, Bukarest Nr. 2088. >> Die Bewegung, das Zentralorgan des Ungarn: Anglo- Čechoslovakische und Prager Creditbank Filiale Karlsbad Konto> Neuer NS- Studentenbundes, klagt: Vorwärts Budapest Nr. 2029. Jugoslawien: > Es ist eine Sintflut über uns ge- Anglo- Čechoslovakische und Prager Creditkommen in Scheinen, Ausweisen, bank. Filiale Belgrad. Konto Neuer VorZeugnissen, Berechtigung s- wärtse, Beograd Nr. 51.005. Genaue Bezeich nachweisen und dergleichen Dingen nung der Konten ist erforderlich, Nach der Zeitschrift» Die Chemische Industrie« in Deutschland, die in ihrer letzten Nummer Rechenschaft über den Stand der durch die HitMan gibt im Kommentar zu, daß es sich einschlägigen Produktion der Rente lersche Aufrüstung gerade mit» kriegswichviel mehr um eine Entziehung handelt, als um ein bloẞes Ruhen. Sowohl tiger Erzeugung in früheren Jahren bereits der Beginn, wie das Ende dieser Sperre sprunghaft gesteigert einer Rente ist nämlich von der rechtsgestal- Jahr 1936 gibt, ist in bezug auf die Zahl der im verflossenen