assirter JOURNAL ANTIHITLERIEN Journal social- démocrate destiné zur die zwischalin Pohat chen Chichen osse as er hunDiese nzugeJetzt der Hen. gevjetseine ende was enteibe nerussidie von die das wore Gercht, die hten, ssen, ihre eres ängt, 1 der der popeTvor gsten Staa esem poti: t den I and Vorder ihre Zur was Die noch rn. ). Ge lichte n Zullten, I dem chrif Unterman Kinn unZeiten Krieg, die SO lamag gen unreck' s haFühd das utschharen Klingden e nur 1, und alle < t das Kraraben merRION Neuer Vorwärts Sozialdemokratisches Wochenblatt EN AVANT! Hebdomadaire en langue allemande Redaktion und Verlag: 30, Rue des Ecoles, Paris- 5. Téléphone: Odéon 42-58 aux réfugiés de langue allemande Nr. 328 SONNTAG, 1. Oktober 1939 Aus dem Inhalt: Trauer um Otto Wels 90 Milliarden Vorkriegskosten Propaganda ohne Wirkung Prix: ffrs. 1,50 Die russische Machtpolitik Die Bedeutung der russischen Intervention für das kommende Deutschland Der Einmarsch der russischen Ar- der grössten Bedeutung. Die Enthül- sich um eine einheitliche sowjetrussi- eine grenzenlose geistige Verwirrung mee in Polen am Morgen des 17. Sep- lung des waren Wesens des Sowjetstaa- sche Linie, nicht um eine speziell sta- hervorgerufen, nicht nur bei einem Teile der Arbeiterbewegung, sondern tember ist die Krönung des Verrats, der tes hat eine reinigende Wirkung für linistische handelt. mit dem Abschluss des deutsch- russi- alle sozialistischen Anschauungen, für Der russisch- polnische Krieg vom vor allem auch bei einem Teile der schen Paktes vom 24. August begonnen die Arbeiterbewegung der ganzen Welt Jahre 1920 war ein Revanchekrieg, und deutschen Intellektuellen, die sich in hat. Dieser Dolchstoss in den Rücken und vor allem für die kämpfende deut- schon damals hat die russische Macht- der Weimarer Republik als schärfste der verzweifelt kämpfenden polnischen sche Opposition. Sie wird eine grosse politik auf eine Teilung Polens zwi- Kritiker der Republik und der SozialArmee hat grosse Wirkungen. Wir er- Wirkung auf die politische Zukunft schen Russland und Deutschland abge- demokratischen Partei von links her örtern die militärischen und machtpoli- Deutschlands nach dem Ende des Krie- zielt. Damals hat der deutsche Aussen- gebärdet haben und sich dennoch dabei tischen Wirkungen nicht, wir beschrän- ges haben. minister Simons über einen Vertrag mit geistig verstrickten in die Zweckideoloken uns darauf, die folgenden Gesichts- Wir sehen heute die Kritik gerecht- Russland verhandelt, der nach dem gie eines fremden Staates, dessen Polipunkte aufzuzeigen. fertigt, die wir von je her an der russi- Siege Russlands Deutschland den Kor- tik gerade auf die Revancheideen jener Es ist sichtbar geworden, dass der sche Diktatur geübt haben. Wir haben ridor zurückgeben sollte. Dieser Vertrag rechtsgerichteten Kreise spekulierte, deutsch- russische Pakt eine Geheim- mit allem Nachdruck behauptet, dass ist nicht ratifiziert worden, weil vor der die diese Intellektuellen besonders unklausel über eine Teilung Polens zwi- die kommunistische Internationale und Ratifizierung die Russen geschlagen nachgiebig zu bekämpfen vorgaben. Dieschen Deutschland und Russland ent- die kommunistischen Parteien Instru- wurden. Damals wurde die deutsche se Intellektuellenschicht hat sich spähält. Ob die militärische Demarka- mente der russischen Staatspolitik, der kommunistische Partei für die Zwecke ter in der Emigration als die Repräsentionslinie, die inzwischen gezogen wor- reinen Machtpolitik des Sowjetstaates des russischen Revanchekrieges einge- tantin des wahren besseren Deutschland den ist, bereits die endgültige Auftei- gewesen sind. Wir haben uns durch die setzt unter der Parole:„ Verhindert auszugeben versucht. lung Polens darstellt, muss abgewartet Tatsache nicht täuschen lassen, dass französische Munitionstransporte durch Sie hat ihre Hinneigung zum Komwerden. Der deutsch- russische Pakt die russische Machtpolitik es zeitweilig Deutschland!" Es wurde darüberhinaus munismus und ihre Willfährigkeit gewar also kein„, Nichtangriffspakt", son- für opportun hielt, sich in die Reihe der der vergebliche Versuch unternommen, genüber der russischen Politik auch dern ein Bündnis im Geiste Hitlers, konservativen Mächte zu stellen. Es gab die gesamte deutsche Arbeiterbewegung nicht aufgegeben, als die Moskauer Prodas der gemeinsamen Beraubung genügend Tatsachen, die für das Wei- für die Zwecke des russischen Re- zesse Licht auf das wahre Wesen der eines Dritten gedient hat. Woraus man terleben der russischen Machtpolitik vanchekrieges zu mobilisieren. Die In- russischen Diktatur warfen. Jetzt ist schliessen muss, dass die Deklamatio- im Sowjetstaat sprachen. Die eine Tat- gerenz der russischen Machtpolitik auf ganz klar: die brutale Machtpolitik des hen der russischen Staatsmänner in sache war der erste russische Krieg ge- die deutschen inneren Verhältnisse hat Sowjetstaates gegen Polen ist das geGenf und anderswo zwischen 1934 und gen Polen im Jahre 1920, die zweite die seitdem nie aufgehört. Die russische naue Spiegelbild der brutalen Machtpo1939 über den Frieden, die Demokratie, brutale Vergewaltigung Georgiens. Es Politik spekulierte für ihre Zwecke so- litik, mit der innerhalb der herrschendie Freiheit der Nationen und über die wird gut sein, darauf hinzuweisen, dass wohl auf die linke Arbeiterbewegung den Schichten Sowjetrusslands um die Unteilbarkeit des Friedens ebenso beide Kriege nicht von Stalin, sondern als auch auf den Revanchewillen der Herrschaft gekämpft worden ist. Der Zwecklügen gewesen sind, wie die zahl- von Lenin verantwortet werden, dass es deutschen Rechten. Sie hat jedenfalls Amoralismus der inneren russischen reichen Friedensreden und sonstigen Ehrenworte Hitlers. die und Propaganda ohne Wirkung Bohles braune Netz zerreisst Eine zweite Wirkung des russischen Vorstosses nach Polen ist es, dass die Argumente Hitlers, mit deren Hilfe er die Schuld am Kriege Polen zuzuschieben suchte, vollkommen zerfetzt worden sind. Die Tatsache, dass er bereits Die Dependancen des Dritten Reiches, die keine Realität hinter den aufgeblasenen Landes durchzusetzen. Das Parlament am 24. August einen Vertrag über die Bohle in aller Welt errichtet hat, wurden deutschen Auslandsorganisationen und lehnte es ab, ihm auf diesen Weg zu folAufteilung Polens in der Tasche hatte, in diesen ersten Kriegstagen vom Winde ihrem Geschrei stand, zeigt ihr lautloser gen, und er musste zurücktreten. Mit ihm straft ebenso die sogenannten deut- verweht. Mehr als tausend Angestellte und Zusammenbruch bei Beginn des Krieges. wurde der Verteidigungsminister Pirow schen Vorschläge an Polen Lügen wie Zehntausende von freiwilligen Helfern arDie deutsch- englische Freundschaftsor- aus der Regierung entfernt. Er hat im voReichstagsrede Hitlers, und seine beiteten in Deutschland seit Jahren daran, ganisation ,, The Link" hat sich zwei Tage rigen Herbst eine Europareise unternomjüngste Rede in Danzig. Die kurzen in allen Ländern Stützpunkte der Hitler- nach Beginn des deutsch- englischen Krie- men und dabei den deutschen Kolonialwünerrichten. Auslandsdeutsche ges schamvoll aufgelöst. In der Schweiz schen mehr Verständnis entgegengebracht, entschlossenen Erklärungen, mit politik zu denen Mr. Chamberlain und M. Dala- wurden mit allen Mitteln nationalsozialiwagt niemand mehr ein ,, Fröntler" zu sein. als der Mehrheit seiner Landsleute recht dier auf die Danziger Rede geantwortet stischen Terrors Propaganda- und Kein Ruf der Sympathie, oder auch nur war. Der neue Premierminister General haben, lassen erkennen, dass man Hit- sich als zugänglich erwiesen, wurden beSpionagetätigkeit gepresst. Ausländer, die des Verständnisses oder der Entschuldi- Smuts, der Führer der englandfreundlichen ler und seiner Diplomatie kein einziges stochen, anderen, gung für Deutschland kommt aus Südame- Partei stellte sich und das Land an die naiveren Ausländern Seite Grossbritanniens gegen Deutschland. rika, wo die deutschen Stipendiaten vom Wort mehr glaubt. wurde geschmeichelt. Sie wurden zu In- Erdboden verschwunden sind, während Zu der parlamentarischen Mehrheit, die Eine dritte Wirkung ist, dass der formationsVortragsreisen nach sich die Regierungen rüsten, um auf der hinter ihm steht( 85 gegen 67 Stimmen) ge, Angriffs- und Eroberungscharakter des Deutschland eingeladen, oder ihre Bücher bevorstehenden panamerikanischen Kon- hören auch die Abgeordneten der südafriHitler- Krieges vor der ganzen Welt wie wurden im Dritten Reich gegen hohes Ho- ferenz ihr wirtschaftliches Schwergewicht kanischen Labour Party. Vor dem deutschen Volke klargeworden norar verlegt. Ihre Gegenleistung bestand) ist. Volke lens Was immer auch dem deutschen von der Hitler- Propaganda gesagt oder zu im Lob Hitlers und seiner Diktatur. Während das deutsche Volk hungerte und sich nur schlecht kleiden konnte, wurgeschlossen haben, dass Hitler zur zeigt, auch Die südafrikanische Union hat ebenso schale zu werfen. wie die anderen englischen Dominions Deutschland den Krieg erklärt. Als daraufDie vordem von Bohles Agenten unter- hin der Führer der nationalsozialistischen stützten Araber in Palästina haben Frieden Propaganda, der deutsche Konsul Lierau Werden mag, die Tatsache ist dem deut- den von seiner Regierung riesige Beträge schen Volke bekannt, dass Hitler und für die Zwecke der Auslandspropaganda mit den Juden geschlossen. Sie stellen sich das Land verlassen musste, hat er seine Stalin einen Vertrag zur Aufteilung Po- vertan, sinnlos vertan, wie sich jetzt ebenso wie die Araber in Aegypten und Tätigkeit auf typisch nationalsozialistische im Irak an die Seite Grossbritanniens. Die Weise abgeschlossen. Mit der Drohung, vom nationalsozialistischen Durchführung dieses Vertrages Polen Standpunkt aus. Für die deutschen Agen- Hitlerregierung verbirgt ihre Enttäuschung dass bald ein deutscher Gouverneur in die angegriffen und dass Stalin ihm militä- ten war es nur eine Geldfrage, und nicht über die Haltung der Araber keineswegs südafrikanische Union kommen werde, rische Hilfe geleistet hat, dass schliess- eine Frage ihrer politischen Kunst, in Süd- Sie liess im deutschen Rundfunk voll Un reiste er ab. Imponiert wird er damit nielich beide Angreifer sich die Beute geamerika, unter den Arabern, in den ehe- mut erklären, dass England die Unterstüt- mand mehr haben. Und dieser Traum eines teilt haben. Damit steht die Frage der maligen deutschen Kolonien und in vielen zung der arabischen Welt nur durch Beste- nazideutschen Konsuls von seiner glorreianderen Ländern mehr oder weniger zwei- chung und Einschüchterung erhalten habe. chen Rückkehr nach Südafrika wird sich Verantwortung offen vor dem deut- felhafte Elemente zu finden, die durch eine Sie zieht damit vermutlich von ihren eige- ebenso in ein Nichts auflösen wie das schen Volke. Dem deutschen Volke diese lebhafte Hakenkreuz- Propaganda ihr Land nen Propagandamethoden einen voreiligen ganze grosse und kostspielige braune Netz Verantwortung klar aufzeigen, heisst beunruhigten. Das ihm die gegen Hitler zeigen. der wahre Wesen des Sowjet- Staates und Stalinschen wahn zu steigern. Das positivste Ergebnis Schluss auf die der Engländer. Bohles. In der Politik ist nicht alles gut In der Südafrikanischen Union, in die was teuer ist. Hohle Propaganda ohne Notwendigkeit der Erhebung ihrer Tätigkeit im nationalsozialistischen Sinn waren die Berichte, die darüber in ein besonders grosser Teil der deutschen grosse Idee, auch wenn viel Geld für sie der Goebbels- Presse erschienen, und die Ausgaben für Auslands- und Kolonialpro- ausgegeben wird, ist ein Schwert aus Pappe, Kriegsausbruch eine neue Regierung gebil- verführen kann, mit dem aber kein Krieg In Wirklichkeit hat das Werk Bohles nur det. Der seitherige Premierminister und geführt werden kann, weder gegen eine Diktatur mehr möglich den Hass gegen das Dritte Reich in allen Führer der nationalen Buren, General Hert- grosse Idee noch gegen eine wirkliche Die vierte Wirkung ist, dass von jetzt ab keinerlei Täuschung über das mit dazu beitrugen, den deutschen Macht- paganda geflossen ist, wurde gleich nach das nur Unkritische zu Machtillusionen ist. Dieser vierte Punkt ist für uns von Ländern verstärkt. Dass keine Macht und zog, versuchte eine Neutralitätspolitik des Macht. Politik ist dem Amoralismus seiner Aussenpolitik ebenbürtig. Jetzt ist diese Intellektuellenschicht verstummt. Es gibt in dieser Schicht bekannte Namen, keine Parteikomraunisten, die bisher nicht ein einziges Wort des Protestes gegen den russischen Verrat gewagt haben. Diese Männer werden jedenfalls in Zukunft nicht mehr als Werkzeug einer fremden Machtpolitik Verwirrung in die Reihen des besseren Deutschland tragen können. Wenn aus diesem Kriege ein freies Deutschland aufersteht, wird es mit der Ingerenz der russischen Politik auf die inneren Verhältnisse Deutschland ein für alle mal zu Ende sein. Das ist der eine Reinigungspro- zess, der jetzt angebahnt ist. Der andere ist geistiger Natur, er bezieht sich auf die Reinigung der sozialistischen Idee von allen grob mechanischen, machtpolitischen und antihumanitären Elementen. Der Bolschewismus war eine auf die Spitze getriebene Theorie des sozialen Machtkampfes, die mehr bakunistische als marxistische Elemente enthielt, und in der.alles Geistige reduziert war auf die Motive von Kampf, Sieg, Macht und Herrschaft. Das sogenannte„Vaterland der Arbeiter" ist nichts anderes als eine despotische Staatswirtschaft, in der alles Sozialistische auf die reine Nützlichkeitsphäre reduziert ist, ohne dass die Nütz- lichkeitswerte als Bedingungen für höhere Werte gelten. An die Stelle der höheren Werte des Sozialismus— Freiheit, Persönlichkeit— sind in diesem System die überkommenen Ideen asiatisch-despotischer Herrschaft und des altrussischen Imperialismus getreten, sie bezeichnen die Zwecke, denen die Wirtschaftsorganisation in Russland wahrhaft dient. Dort in Russland gibt es weder für die deutsche Arbeiterbewegung, noch für die gesamte deutsche freiheitliche Opposition etwas zu be- grüssen oder zu bejahen, geschweige denn etwas zusehen, wovon sie lernen könnte. Die Hemmung der freiheitlichen und humanitären Weiterentwicklung der sozialistischen Idee durch den russischen Einfluss ist zu Ende, ein Prozess der Trübung, Ablenkung und Verfälschung der sozialistischen Idee ist abgeschlossen. Man wird uns nicht mehrSowjetrussland als Schutzmacht der kommenden deutschen Demokratie empfehlen, oder als Vorbild für die Erhebung gegen Hitler und für den Aufbau eines neuen freiheitlichen Deutschland, man wird nicht mehr diktatorische Planwirtschaft und Sozialismus verwechseln, und man wird uns nicht mehr ein Bündnis mit Sowjetrussland für das kommenden Deutschland empfehlen. Und schliesslich ist ein Gespenst gebannt, mit dessen Hilfe die Hitlerpolitik lange Zeit ihre Geschäfte besorgt hat, das Gespenst: Nach Hitler kommt der Bolschewismus. Nach Hitler? Aber nein, mit Hitler und durch Hitler kommt der Bolschewismus— das heisst, es ist gekommen die Expansion der russischen Machtpolitik nach Westen und die Ausbreitung des russischen despotischen Systems nach Westen. Hitler selbst hat diese Expansion nach Westen gerufen. Es liegt in der Logik der Dinge, dass jedes Nachfolgeregime in Deutschland, das sich bewusst von der Hitlerpolitik abkehrt, sich nicht als Bundesgenosse dieser russichen Expansion nach Westen, sondern als Riegel dieser Expansion fühlen wird. Hitler hat diese Expansion gerufen, weil ihm für seinen Revanchekrieg gegen Frankreich und England jedes Mittel recht ist, weil er selbst weiss, wie er dem englischen Botschafter sagte, dass er nichts zu verlieren habe, das heisst, dass er sich ohne Krieg ebenso verloren wusste wie mit Krieg. Der Nationalbolschewismus hat in Deutschland nach 1918 immer als letzte Ausflucht nationalistischer Verzweiflung gegolten, und der Hitler-Stalin-Pakt ist der Ausfluss der Hitlerverzweiflung. Das bedeutet: die Hemmung der russischen Expansion nach Westen und die Verhinderung des Uebergreifens des Bolschewismus auf Deutschland erfordert den Sturz Hitlers, die entschlossene Abwendung der deutschen Politik von nationalistischen Expansionsideen und von Revanchegelüsten. Und die Zukunft des Kommunismus in Deutschland? Eine kommunistische Partei in einem befreiten Deutschland wäre nur möglich in trauter Bundesge- nos�enschaft mit einer extrem nationalistischen und imperialistischen Partei, Oironlk der Woche Die Bedrohung der neutralen Länder Montag, 18. September 1939 Die englische Regierung gibt nach dem sowjetrussischen Angriff auf Polen eine Erklärung ab, in der sie feststellt, dass die von Russland angegebenen Gründe den Einmarsch in Polen nicht rechtfertigen, und dass Englands Entschlossenheit zur Erfüllung seiner Verpflichtungen gegenüber Polen und zur Fortsetzung des Krieges sich nicht geändert hat. Der Schweizer Regierung wird von England mitgeteilt, dass die britische Regierung alles tun werde, um den ernsthaften Handel der neutralen Länder zu erleichtern und die freundschaftlichen Beziehungen mit ihnen aufrecht zu erhalten. Dagegen werde sie Deutschlands Bemühungen, durch Vermittlung der neutralen Länder Waren und Material zu importieren, zu durchkreuzen suchen. Im Saargebiet ist in den Gruben und Hochöfen, die im Bereich der französischen Geschütze liegen, die Arbeit eingestellt worden. Dienstag, 19. September 1939 Hitler hält in Danzig eine Rede, in der er Polen als den Angreifer bezeichnet. Es sei nicht wahr, dass Deutschland seine Herrschaft bis zum Ural ausdehnen wolle. Russland und Deutschland seien sich in ihrem Kriegsziel einig. Der Brandherd in Polen müsse ausgelöscht werden. Weder gegen Frankreich noch gegen England verfolge er Kriegsziele, und das Missverständnis zwischen Deutschland und Italien sei beseitigt. Wenn der Krieg fortgesetzt werde, um das deutsche Volk von ihm zu trennen, so müsse man die Deutschen für dumm oder charakterlos halten. Es werde auch nach-drei, vier, sechs, sieben Jahren keine Kapitulation der Deutschen geben. Der Bürgermeister von Warschau Stephan Scarzynski erklärt in einer Radioansprache, dass die Bevölkerung Warschaus entschlossen ist nicht zu kapitulieren. „Wir glauben, dass unser Opfer nicht vergeblich sein, und dass unser Blut den Sieg mit entscheiden wird." Deutschland richtet eine Drohung an die neutralen Länder, vor allem an die Oslo- Mächte, auf deren Rohstofflieferung es angewiesen ist. Es bezeichnet sich als nicht geneigt, auch nur die geringste Abweichung von der Neutralität zu gestatten, auch wenn sie gewaltsam erzwungen sein sollte. Die nordischen Staaten beschliessen auf einer Konferez in Kopenhagen eine strikte Neutralitätspolitik zu treiben und ihren traditionellen Handel mit allen Kriegführenden aufrecht zu erhalten. England führt Verhandlungen mit den Regierungen verschiedener neutraler Länder über die Durchführung der Blockade gegen Deutschland ohne Schädigung des Handels und der Wirtschaft der neutralen Staaten. Die Leitung der französischen Gewerkschaften lehnt die Zusammenarbeit mit allen ab, die den Stalin-Hitler Pakt und den Einfall der Roten Armee in Polen nicht verurteilen wollen oder können. Mehrere französische Abgeordnete der kommunistischen Kammerfraktion sind aus der KPF ausgetreten. Romain Roland bekundet in einem Schreiben an Daladier seine absolute Zugehörigkeil zu dem für die Freiheit kämpfenden Frankreich. Die sozialistische Partei der Schweiz hat den Nationalrat Leon Nicole aus Genf ausgeschlossen. Benesch richtet durch Rundfunk einen Appell an das tschechische Volk, in dem er zum Widerstand gegen die Barbarei des Hitlersystems auffordert. ♦ ♦ * Mittwoch, 20. September 1939 Chamberlain proklamiert im englischen Unterhaus als Kriegsziel der Alliierten die Befreiung Europas von der ständigen Furcht vor einem deutschen Angriff und die Wahrung der Unabhänigkeit und Freiheit der Völker Europas. Die Hitlerrede in Danzig habe an der Notwendigkeit dieses Kampfes nichts geändert. Die polnische Regierung hat sich nach Bukarest begeben. Tschiangkaischek erklärt in einer Rede vor dem chinesischen Nationalen Volksrat in Tschungking, dass China, dessen mili tärische Kraft sich in den letzten Monaten verdoppelt habe, während die Japans sehr geschwächt sei, den Widerstand gegen Japan fortsetzen werde. Die Einsetzung einer neuen chinesischen Strohmännerregierung durch Japan werde Kraft und Willen des nationalchinesischen Widerstandes nicht beeinflussen. V Donnerstag, 21. September 1939 Der rumänische Ministerpräsident Coli- nesco wird auf einer Bukarester Brücke von mehreren Mitgliedern der Eisernen Garde überfallen und durch elf Schüsse getötet. Einige Augenblicke danach dringen Mitglieder der Eisernen Garde in die Bukarester Sendestation und verkünden im Radio die Ermordung des Ministerpräsidenten durch die Eiserne Garde. Einer der Mörder wird unmittelbar nach der Tat verhaftet. Zwei haben Selbstmord begangen. Sieben weitere Mitglieder der Eisernen Garde haben ihre Mittäterschaft gestanden. Sie wurden nachts um halb elf Uhr an den Ort ihres Verbrechens geführt und dort hingerichtet. Neben ihre Leichen wurde ein Schild aufgestellt: „Ein solches Ende nehmen Verräter und Feinde des Vaterlandes." In Rumänien wird eine neue Regierung gebildet, an deren Spitze General Argeseanu steht. Goebbels erklärt gelegentlich eines Empfangs der Vertreter der Auslandspresse, dass Deutschland keipe Angriffe gegen die belgische, holländische oder luxemburgh sehe Neutralität plant. Die Zahl der letzten Verhaftungen m Böhmen und Mähren wird von Goebbels auf „nur" 5 000 geschätzt, davon 800 allein in Prag. Daladier antwortet in einer Rundfunkansprache auf Hitlers Danziger Rede und weist das Angebot, Frankreichs Grenzen zu respektieren, zurück, weil.jeder Franzose weiss, dass Hitler, sobald er könnte, Frankreich vernichten würde, so wie«r Oesterreich, die Tschechoslowakei und Polen vernichtet hat. Erst wenn Frankreich sich wieder sicher fühlt, wird fS Frieden schliessen. Das Land will sieb nicht weiter durch unaufhörliche Drohungen alarmieren lassen. Roosevelt fordert in einer Eröffnung5' anspräche den amerikanischen Kongre55 zur Abänderung des kürzlich beschlossenen Neutralitätsgcsetzes auf. Freitag, 22. September 1939 Nach dem Attentat auf den rumänisch� Ministerpräsidenten werden nicht nur die Mörder in Bukarest hingerichtet. Auch in mehreren Provinzstädten Hess die rumänische Regierung Mitglieder der Eisernen Garde erschiessen. General von Frilsch, der frühere Oberbefehlshaber der deutschen Armee, den Hitler im Februar 1938 zusammen mi' Blomberg abgesetzt hat, ist, wie das den'" sche Hauptquartier meldet, vor Warsch3*1 gefallen. V Sonnabend, 23. September 1939 Der Oberste Sowjet ordnet weitere bilisierungen in Russland an. Die Deiiiialfront Aus Deutschland wird berichtet, beträchtliche Teile der Bevölkerung seien aufgebracht über die reiche Zahl der Nazibonzen und Funktionäre, die sich daheim in festen Posten verschanzt haben. In den Ohren des Volkes klingen noch die Tira- ■ den von der Schönheit des gefährlichen j Lebens, von der hohen Moral des Soldatischen und der Grösse des Mannes, der das , Kriegerschicksal liebt. Als Nietzsche seine Philosophie von» Gefährlichleben entwickelte, da meinte er jvor allem:„mit sich gefährlich leben.." Mit sich zu ringen um Wahrheit und Erkenntnis und sei sie noch so tödlich für die innere Bequemlichkeit und Sattheit. Er konnte kaum ahnen, dass einmal eine Sorte Menschen, die sein Wort am pathetischsten okkupierten, das„mit sich gefährlich leben" als verkappte Opposition verfolgen und die grosse sittliche Forderung zum platten militaristischen Idol verdrehen würden, so, als sei der Tod zwischen Gasbomben die höchste Gunst des Schicksals. Nun zählen die Frauen daheim die Männer und siehe: den stärksten Prozentsatz der Heimkrieger stellen die braunen Todesprediger. Sie dienen dem Vaterland wie einst Frick in Pirmasens. Während die anderen im Osten und Westen in den Tod geschickt werden, zieht die Bonzerie es vor, an der Heimatfront zu kämpfen. Dort muss das Volk überwacht werden, weil es der meckerischen Ansicht ist, all die Prediger des Soldatischen müs- sten sich eigentlich zum Heldentod begeistert drängen. Wir geben zu, dass zu diesem Verharren an der Gestapofront ein Mut seltener und arteigener Art gehört. Jahrelang den Frontsoldatengeist in allen j Tönen gepriesen und gefeiert, jahrelang das „Sterben fürs Vaterland" als der Güter höchstes besungen zu haben und dann hingen zu bleiben, um die zu überwachen und zu füsilieren, die immer noch nicht dran glauben wollen— dazu gehört der Mut von Gaunern, die Stirn von Menschen, die längst keine mehr sind. „Man sollte es nicht glauben", schrieb das„Schwarze Korps" vor Monaten erst, „aber es ist so: es gibt in Deutschland Menschen, die Angst vorm Tode haben..." Wie geht es den Herren? Sind sie noch alle da? Dias deutsche Volk wird gut zählen. Die heroischen Worte der Bonzerie j waren zu gross, ihre heldischen Forderungen an die anderen zu laut. Der Prozentsatz ihrer Toten müsste jetzt eigentlich schon Aneldereif sein. Doch das Gros dieser Bonzerie bleibt bei seiner Gewohnheit, dem i Vaterland an jener Front zu dienen, wo der Gegner keine Waffen hat, und täglich hunderte Gefangener gemeldet werden könnten, wenn sie gemeldet würden. Und idie ganz oben erwarten den Tod heroisch in gut ausgebauten Heldenkellerp. Vielleicht ahnte das SS-Organ dieses Phänomen im voraus, als es über die Angst vorm Tode klagte. Festspiele Wie aus dem englischen Weissbuch her- |Vor geht, wurde dem englischen Botschafter in der letzten Unterredung von Hitler versichert: er sei in erster Linie Künstler und werde nach Liquidierung der deutsch- polnischen Affaire sich mehr seinen künstlerischen als politischen Aufgaben widmen. Wir halten uns nicht bei dieser pathologischen Arroganz und Selbstbeweihräucherung auf. Bemerkenswerter �ocb ist die dabei an den Tag gelegte dun"11 dreiste Bauernschlauheit, mit der difsf kriminelle Psychopath die Welt noch 1111 mer glaubt übers.Ohr hauen zu könn�j Da er seinerzeit in München versic151! hatte, nach Angliederung der sudetend� sehen Gebiete gäbe es für ihn in Eur0)jf keine territorialen Ansprüche mehr, ni"5� eine neue Variante her. Aber sie ist r'1t nicht neu, auch sie ist schon verbrauc"� Es war im Mai dieses Jahres, als Göbvf. auf einer Kulturtagung losprotzte, deutsche Friedenswille sei schon aus, kulturellen Sommerprogramm zu ersel", Festpiele in Salzburg, in Wien, in-, r, chen, in Heidelberg, in Köln. Festsp1 überall und überall grosse Kulturba".. e Die deutsche Presse musste das friedljj;. Thema in Artikeln behandeln. Zur s �e(i Zeit schacherte Ribbentrop bereits mit. Russen über das Fell Polens. Und in Bulletin der Obersten Heeresleitung,„r kürzlich veröffentlicht wurde, steht und deutlich, dass diese Heeresleitu".-.� Hitlers Auftrag bereits im Frühjahr Angriffsplan gegen Polen ausarbeitetr-�j, des Göbbels seinen Festpielrummel wickelte. Dahinter vollzog sich der• marsch gegen die„befreundete Nah Die Dummdreistigkeit des Regimes ist 3|ä Laufe der Zeit noch grösser geworden die kitschige Selbstgefälligkeit des fn" den Dilettanten, .neto* Berichtigung. In unserem FeU1 7ci|t' „Deutsche Bilder"(N. 327) ist eine � weggefallen, zwischen den letzten zWeInlic') sätzen fragt der Novize:„Und wenn � in Dachau die Kommunisten fragen einer Partei der direkten Nachfolger von Hitler, Göring, Ribbentrop und Genossen. Heute sind die deutschen Kommunisten dank Stalin die direkten Bundesgenossen von Hitler und Ribbentrop. Wer glaubt, dass es nach diesem Kriege in einem befreiten Deutschland eine sol- Iche Partei geben darf, geben kann, geben wird? So wenig, wie heute in Frankreich eine kommunistische Partei möglich ist, so wenig wird sie in einem befreiten Deutschland möglich sein. Wir wissen, dass wir unsere Blicke weit vorausschicken in die Zukunft, wenn wir diese Wirkungen des Einmarsches der russischen Truppen in Polen i"1 »i diskutieren. Manche Voraussage manchem voreilig erscheinen. Aber � wollen klarmachen, was wir wollen. was wir nicht wollen: wir wollen Je e0, falls in einem neuen, anderen, bess j, ,. � j rtiss1' freieren reden! Deutschland nicht C. G- Die BeteetKinig: von Otio Wels Trauerfeier in Paris- Die internal ionale trauert Otfo Wels ist tot. Um die Mittagstunde des 20. September versammelt sich im Krematorium des Pere Lachaise eine grosse Trauergemeinde, um dem Mann i die letzte Ehrung zu erweisen, der sein ganzes Leben der deutschen und der internationalen Arbeiterbewegung gewidmet hat und dessen Name in der Geschichte des Befreiungskampfes der Arbeiterklasse fortleben wird als einer der grossen Namen des demokratischen Sozialismus. Es ist ein leuchtender Septembertag. Ueber den alten Bäumen dieses historischen Friedhofes liegt die erste Herbststimmung. Noch grünt und blüht es ringsum, aber man ahnt bereits die grosse Stille des Winterschlafs der Natur. Die Klänge der Orgel schwingen in der Halle. Wie oft haben sie in der letzten Zeit den Raum erfüllt, um einen der Unseren zu beklagen. Otto Bauer, Jean Longuet, Kurt Löwenstein. Sie alle Wurden aus einem Leben des Kampfes und der Arbeit gerissen, und immer blieb in den vordersten Reihen unserer Bewegung eine grosse schmerzende Lücke zurück. Und nun trauern wir um Otto Wels. Lnfassbar der Gedanke, dass er nie mehr Unter uns sein wird, unfassbar die Vorstellung, dass alles, was seine starke Persönlichkeit verkörperte, sein Wissen, seine Erfahrung, seine Sicherheit, seine Menschlichkeit, uns für immer fehlen Werden. Und das in einem Augenblick, da es in Europa brennt, da die Völker erfüllt sind von dem Bangen vor dem Brauen des Krieges und gleichzeitig von der Hoffnung auf das Ende des Wahnwitzes und der Barbarei des Hitlerismus. Vor uns leuchten die roten Fahnen der Seine-Fedöration, die Farben, die Unsere Geschichte, unsere Hoffnung und Unseren Sieg verkünden, aber sie kön- Uen in dieser Stunde das schmerzerfüllte Gesicht des Krieges nicht verdecken. Da sitzt Toni Wels, die Frau, die ein Menschenleben lang Otto Wels durch e'n Leben des Kampfes tapfer und nim- Uiermüde begleitete. Ihre Freunde sind an ihrer Seite, aber ihre Kinder und Kindeskinder leben weit, unendlich weit von hier hinter der Mauer aus Stahl und Beton, von Tod und Verderben, die Hitler zwischen den Völkern errichtet hat. M'issen sie, dass ihre Mutter und Gross- Uiutter in dieser Stunde allein für im- •Uer Abschied nehmen muss von dem �ater und Grossvater? Da ist der alte Liebermann, da ist Kursky vom„Bund" in Polen. Sie sind Sekommen, um dem grossen Internationalen Otto Wels die letzte Ehre zu erweisen. In ihren Herzen vermählt sich nie Trauer um den toten Kameraden mit ''em Schmerz über das namenlose Unglück, das ihr Land und ihr Volk, unsere Polnische Bewegung in diesen Tagen �imsucht. Da spricht Abramowitsch, ('er russische Sozialdemokrat. Er feiert Gtto Wels, den hilfreichen Freund der •"Ussischen Soziademokratie in ihrer schwersten Zeit, Otto Wels, der in dem Augenblick starb, als die Armee Stalins verzweifelt kämpfenden Polen in 'Ion Rücken fiel. So steht die letzte Feierstunde für 0Uo Wels im Schatten des grossen tra- S'schen Geschehens, das jetzt vor unse- Augen abrollt. Und dennoch, die Hoffnung auf die Lebenskraft und den �'og unserer Ideen bleibt auch in dieser �tunde lebendig. Trotz alledem: Dein Leben, Otto Wels, war nicht umsonst SMebt. Die sterbliche Hülle mag verge- "en, das Werk wird bestehen. Diese Zu- Versicht, eine Zuversicht aus dem glei- c'hen Geist geboren, der Otto Wels bis '•Um letzten Atemzug erfüllte, lebt in �eu Reden von Hans Vogel und Leon 8/«m. Noch einmal ertönt die Orgel. Dann jjürd die Urne zum Wagen getragen. L'n letzter Gruss und Händedruck der '"'"eunde, und wir fahren durch die ß'osse Stadt, deren Gesicht jetzt so er.nst und herb geworden ist, zu dem Millen verträumten Friedhof am Wal- �esrand. Blumen, leuchtende, herrliche Blumen bedecken das Grab. Hier wird ruhen, was an Otto Wels vergänglich war, bis zu dem Tag, an dem wir seine Asche heimbringen in ein freies Deutschland, in ein Deutschland des Friedens und des Sozialismus. Trauerrede llans Vogels Wir lieben, und was wir geliebet, [das lebt Das lebt, bis uns selbst das Leben zerrint Nicht alle sind tot, die begraben [sind. Dieses Dichterwort gilt ganz besonders für Otto Wels, dessen leibliche Ueberreste wir heute den reinigenden Flammen übergeben. Wir sehen ein Leben erlöschen, dessen Wirken ganz erfüllt war für die deutsche und internationale Arbeiterbewegung, ein Leben, überströmend von einem unbändigen Glauben an die Grundsätze der Menschlichkeit und Gerechtigkeit, der Freiheit und des Sozialismus, wobei für ihn Sozialismus immer gleichbedeutend war mit der Verwirklichung des wahren Humanitätsideals. Mit Otto Wels ist ein grosser Politiker des demokratischen Deutschlands und doch zugleich ein guter Europäer und der beste Internationale dahingegangen, ein unermüdlicher und unerschütterlicher Vorkämpfer der Freiheit und des Sozialismus, ein wahrer Volksmann. Dabei haben ihn zwei menschliche Eigenschaften zu allen Zeiten besonders ausgezeichnet: Treue und Mut. Otto Wels war stets treu seiner Sache, treu seinen Freunden— mir selbst war er Kamerad, einen besseren findst Du nicht— und er war treu sich selbst. Treu seiner Partei, treu den Arbeitern, von denen er selbst einer war, und zu denen er sich bis zu seinem letzten Atemzuge zählte. Mehr als einmal war ihm ein Ministeramt angetragen, mehr als einmal hat ihn die Partei gedrängt, das Angebot anzunehmen, immer lehnte er ab, er wollte in seiner Partei bleiben, in der er die Wurzeln seiner Kraft fühlte. Er hielt seinen Arbeitern die Treue auch dann, wenn dies mit wirtschaftlichem und finanziellem Nachteil für ihn verbunden war. Ich denke dabei unter anderen an eine entscheidende Episode seines Lebens. Otto Wels war in seinem Fache ein äusserst tüchtiger Arbeiter. Deshalb hat ihm sein letzter Arbeitgeber gerade in dem Augenblick die gutbezahlte Stelle eines Werkmeisters angeboten, als ihm seine Gewerkschaft das Angebot machte, die ganz schlechtbezahlte Stelle des Sekretärs für den Verband zu übernehmen. Er hat keinen Augenblick gezögert, die Stelle der Gewerkschaft anzunehmen zum grossen Vorteil für seine spätere politische Laufbahn, in der er sich zu allen Zeiten den realpolitischen Blick erhalten hat. Und dann sein Mut! Er zeigte Mut auch dann, wenn dieser Unpopularität auslösen konnte, auch dann, wenn damit für ihn die Gefährdung der Freiheit und des Lebens verbunden war. So gebührt ihm der Ruhm, Führer und Vorbild jener zu sein, die bereit waren, den Kampf gegen Hitler und sein Regime unter allen Umständen, auch den schwierigsten, fortzusetzen, Er war es, der trotz aller Warnungen, dass er nicht lebend aus dem Reichstage käme, und trotz der Bestürmung vieler seiner jüngeren Reichstagskollegen, ihnen diese Aufgabe zu überlassen, im März 1933 in der Reichstagssitzung die Kampfansage der Sozialdemokratischen Reichstagsfraktion an Hitler abgab, die mit der Erklärung begann:„Freiheit und Leben kann man uns nehmen, die Ehre nicht!" Otto Wels war immer ängstlich darauf bedacht, die Ehre der von ihm vertretenen Bewegung zu wahren. Er konnte dabei sogar hart und verletzend sein, doch die ihn kannten, wuss- ten, dass es niemals seine Absicht war, die Person zu treffen, dass für ihn die Sache über allem stand. Wer mehr um ihn war, konnte immer wieder beobachten, wie leid es ihm tat, jemanden verletzt zu haben; immer wenn er es erkannte,*war er bereit, dem davon Betroffenen Genugtuung zu geben. Ein edler, guter Kern in einer rauhen Schale, aber treu in allem und bis zum Letzten. Treu auch seinem Volke und stark in seinem Glauben an das neue bessere Deutschland. Ja, er war ein guter Deutscher, und so beheimatet er sich im Exil, in der Tschechoslovakei fühlte, so sehr er die grossherzige Gastfreundschaft der französischen Republik geschützt und gepriesen hat, ging es ihm wie einem anderen bedeutenden deutschen Flüchtling, quälten ihn ebenso wie Heinrich Heine die Gedanken an Deutschland. Immer war es sein Wunsch, den Sturz des Hitlerregimes zu erleben und an dem Aufbau des neuen besseren Deutschlands noch seinen Teil beitragen zu können. Seinen Teil beitragen zu können, wobei er, der er förmlich die Geschichte der deutschen Sozialdemokratie verkörperte, nicht danach geizte, auch dann noch Führer seiner Partei zu sein, als einer unter den Zehntausenden, deren stilles Heldentum er auf der Reichskonferenz der Sozialdemokratischen Partei am 26. April 1933 so beredt gepriesen hat. „Auf dieses Heldentum", so sagte er damals,„wollen wir unsere Blicke richten, solange unsere Kräfte reichen, ihm nachstreben. Dann werden wir unsere grosse Idee und damit die Kräfte unserer Bewegung über den reissenden Strom der Zeit zu den Ufern einer besseren Zukunft hinübertragen und allem die Stirn bieten, was da auch kommen mag." Welch grosse Bescheidenheit seiner Person, und welch absolutes Vertrauen in seine über alles geliebte Bewegung.• Vom ersten Tage der Emigration an und während der ganzen sechseinhalb Jahre hindurch hat Otto Wels immer den Grundsatz vertreten, dass die Auslandsarbeit der Partei mit dem Gesicht nach Deutschland betrieben werden müsse. Mit dem Gesicht nach Deutschland ist Otto Wels gestorben, ohne dass es ihm vergönnt war, das neue bessere Deutschland zu erleben, in den Kreis seiner Söhne, seiner Schwiegertöchter und Enkelkinder, in die grosse Familie seiner Freunde und Kameraden zurückkehren zu können. Bis zuletzt hat er sich gewehrt gegen die Grüber, die die Strassen begrenzen, die heute die Völker Europas begehen, doch schied er mit der Ueber- zeugung, dess diese Strassen trotz allem zu Freiheit und Gerechtigkeit, Menschlichkeit und Sozialismus führen werden und führen müssen. Freiheit und Gerechtigkeit, Menschlichkeit und Sozialismus, erstrebte er nicht nur für sein eigenes Volk, sondern für alle Völker, die guten Willens sind. Ja, Otto Wels war ein guter Deutscher, Darüber hinaus aber galt sein Wollen und Wirken der gesamten Menschheit. Immer wieder hat er sich auf den grossen Sozialisten und Franzosen Jean Jaures berufen, der einmal den klassischen Satz geprägt hat, dass ein wenig Internationalismus den Menschen vom Vaterland entferne, viel Internationalismus aber zu ihm, dem Vaterland, führe. So haben wir in Otto Wels immer einen guten Menschen, einen grossen Politiker des demokratischen Deutschlands, einen Vorkämpfer der Freiheit und des Sozialismus, und einen wahren Internationalen kennen und schätzen gelernt. Sollen wir sein Scheiden von uns beklagen, sollen wir weinen? Jedem Leben ist ein Ziel gesetzt, am Ende ist entscheidend, ob das Leben auch wert war, gelebt zu werden. Dein Leben, lieber Otto, war nicht umsonst gelebt. Es wird in uns allen, auch bei den Freunden in Deutschland, die an ein neues besseres Deutschland und an ein friedliches Zusammenleben der Völker glauben, weiter wirken. Wir wollen nicht klagen und weinen, dafür uns aber geloben, in Deinem Geiste-weiterzuwirken und gleich Dir, bis zum Letzten der äussersten Pflichterfüllung nachzukommen. So glauben wir, nicht nur Dir, sondern auch Deiner lieben Toni, ohne deren weitgehendes Verständnis für die grosse Last Deiner Arbeit und Verantwortung Du Deine schwere Aufage nie hättest erfüllen können, am besten unseren Dank abzustatten. Ja, nicht alle sind tot, deren Hügel sich hebt. Auch Du, lieher Otto, lebst und wirkst in uns weiter. Und alle, denen Deine Liebe und Deine Sorge galt, sollen auch unserer Liebe und Sorge teilhaftig werden. Heute übergeben wir Deine Asche der Erde Frankreichs, de mLande der Freiheit und der Menschenrechte, das Dir im letzten Jahre Deines Lebens Asyl gewährte. Aber es kommt der Tag, an dem wir sie heimholen werden in ein neues Deutschland der Freiheit und des Sozialismus, für das Du gelebt und gekämpft hast und für das bis zur Erfüllung weiterkämpfen zu wollen, wir Dir hiermit geloben. nie Rede von Leon Blum Leon Blum führte anlässlich der Einäscherung Otto Wels' ungefähr folgendes aus; „Bei der Beerdigung von Otto Wels kommt mir die Erinnerung an einen un- vergesslichen Tag. Es war vor acht Jahren. Ich wohnte in Berlin der Beisetzung Hermann Müllers bei. Ich habe den grossen Zug erlebt, habe erlebt, wie Hunderttausende von Arbeitern dem Zuge folgten, am Reichstag hielt das Gefährt mit der Bahre Hermann Müllers einen Augenblick. Und jetzt ist sein Freund Otto Wels in Paris gestorben. Ich habe Otto Wels persönlich vor dem Kriege nicht gekannt. Ich habe ihn, glaube ich, kennengelernt bei der Internationalen Tagung in Frankfurt, die der Wiedervereinigung der deutschen Sozialdemokratie und dem Ausbau der Internationale galt. Es ist von manchem der deutschen Sozialdemokratie der Vorwurf gemacht worden, dass sie im Jahre 1933 nicht energisch genug Hitler bekämpft habe und dass sie es nicht verstanden habe, seinen Machtantritt zu verhindern. Ich glaube das nicht, aber die Geschichte wird später einmal Aufklärung über die Ereignisse bringen. Was ich aber zu sagen wünsche, ist, dass Otto Wels von einem unbesiegbaren Mut beseelt war. Otto Wels war jederzeit bereit, alles herzugeben für seine Bewegung. Er war kein Theoretiker, er war in des Wortes wahrstem Sinn eip Chef der Arbeiter. Er war selbst Arbeiter und er hat nie den Kontakt zu den deutschen Arbeitern verloren. Ich sehe vor mir viele Freunde, denen Frankreich als letztes ein Gastland geworden ist, und ich habe schon so manchen teuren Freund aus den Reihen der einzelnen Parteien beerdigen müssen u. a. Turati, vor einigen Monaten Otto Bauer und jetzt Otto Wels., Ich wende mich an meine deutschen Freunde, die einen leidenschaftlichen Kampf gegen Hitler führen, die selbst Verfemte sind, die aus ihrem Lande flüchten mussten und die in Frankreich ihren Kampf fortsetzen. Ihre Aufgabe ist heute nicht mehr die Aufgabe eines einzelnen Volkes. Sie ist eine Menscheits- aufgabe geworden. Es gibt gewiss neutrale Staaten, die sich aus dem gigantischen Ringen fernhalten wollen, aber es gibt in diesen Staaten keine neutralen Arbeiter. Sie sind mit ihrem ganzen Herzen bei unserem Kampf, der darauf abzielt, das Tyrannen- tum in Europa zu beseitigen, unter dem es sich nicht mehr leben lässt." Beileiüsiknnclffebnnffen l>le Intcrnallonale trauert Die Sozialistische Arbeiter-Internationale hat in Otto Wels einen ihrer Besten verloren. Otto Wels war es, der nach dem grossen Krieg entscheidend mithalf am Wiederaufbau der internationalen Beziehungen. Otto Wels gehörte zu den Männern, die im Jahre 1923 die Einigung der Sozialistischen Arbeiter-Internationale vollzogen. In den letzten zwanzig Jahren seines Lebens galt ein grosser Teil seiner Kraft und seines Wirkens der internationalen Organisation und den internationalen Aktionen der Arbeiterbewegung. Seine letzte Reise unternahm er, um an der Sitzung der Exekutive der Sozialistischen Arbeiter- Internationale teilzunehmen. Obwohl schon damals schwerkrank, nahm er die Last der Reise auf sich, um in einer ernsten Situation für die Internationale ihren Beratungen selbst beizuwohnen. Die Anerkennung und die grosse Wertschätzung, deren sich Otto Wels in der internationalen Arbeiterbewegung erfreute, offenbarten sich auch am Tage seines Todes. An der Trauerfeier auf dem Pere Lachaise nahmen teil: für die Sozialistische Partei Frankreichs(SFIO): die Genossen Leon Blum, S. Grumbach, Evrard, Suzanne Buisson, Andre Blumel, Charles Pivcrt und zahlreiche andere führenden Genossen der französischen Partei, für die Latour Party Grossbritanniens: Genossin Dhonau, für die Belgische Arbeiterpartei; Genossin Isabelle Blum, für die Sozialistische Partei Italiens: die Genossen Nenni und Modigliani, für die Sozialistische Arbeiterpartei Spaniens; die Genossen Cordero, Lamoneda und Huerfa, für die Sozialdemokralische Partei Busslands: die Genossen Abramowitsch, Jugow, Nikolajewski und die Genossin Dan. für die Auslandsvertretung der österreichischen Sozialisten: die Genossen Deutsch. Seiler und Pollak, für die Tschechoslovakisehe Sozialdemokratische Arbeiterpartei; der Genosse Gustav Winter, für die Deutsche Sozialdemokratische Arbeiterpartei in der Tschechoslovakei: der Genosse Goldschmidt, für die Sozialistische Partei Polens: der Genosse Liebcrmann. für d:e So- zialistische Partei Georgiens; der Genosse Gvardjaladzi. für den Internationalen Gewerkschaftsbund: der Genosse Stolz. Die Sozialistische Arbeiter-Internationale hatte ein Telegramm, unterzeichnet von Genossen Dr. Friedrich Adler und Genossen Van Roosbroeck, geschickt, in dem es heissl: „Wir vernehmen m'* lobhaffem Schmerz den Tod von Otto Wels, der sein ganzes Leben der Arbederklasse gegeben hat, und der mit«einer