JOURNAL ANTIHITLERIEN Journal social-democrate destine aux refugies de langue allemande EN AVANT! Hebdomadaire en langue allemande Redaktion und Verlag: 50, Rue des Ecoles, Paris-5. Telephone: Odeon 42-58 Nr. 330 SONNTAG, 15.. Oktober 1939 Aus dem Inhalt: Die Internationale und der Krieg Krieg ohne Eisen? Der Grossadmiral Prix: Ars. I.&O Kein Hitlerfrieden fl�er für Frieden und Freiheit in Furopa Als Hitler in Deutschland zur Macht tarn, standen einer rational geführten deutschen Politik und Handelspolitik �he Wege in die Welt offen— sie brauchte sich diese Wege nur nicht selbst zu versperren. Das Hitlersystem bat die Wege Deutschlands in die Welt versperrt. Heute ist Deutschland eine belagerte Festung, um die sich der Ring immer enger schliesst. Hinter der �eichtagsrede Hitlers stand die Furcht vor dieser Tatsache, noch mehr aber die Furcht, dass das deutsche Volk diese Lage erkennen könnte. Der �leisterlügner Europas bemüht sich Verzweifelt, durch seine Reden und durch seine Propaganda die wuchtigen Schritte des Schicksals zu übertönen, das unerbittlich herannaht. Welch ein Zusammenbruch der Machtillusionen! £hen noch schien der Weg frei zu sein ins Mittelmeer und nach dem Nahen �sten; dann, nach dem Abschluss des Perfiden Paktes mit Russland, schien die Herrschaft im Baltikum gesichert— V'nd nun ist das alles vorbei, trotz der 'nilitärischen Niederwerfung Polens. b-ng und immer enger zieht sich der hing um Deutschland. Wir können uns Vorstellen, mit welchem Entsetzen deutsche Nationalisten, die deutsche Expan- s'onszicle im Osten bejahten, ohne da- m Hitlers Methoden zu hilligen, das Vordringen Russlands im Baltikum, in •hilen und gegen Südosten ansehen. Al- 'cs, was dem deutschen expansiven Na- '■onalismus, der der Mntterboden des �'tlersystems gewesen ist, vorschwebte, "Ü von Hitler verspielt worden. Hitler steht mit dem Rücken an der Wand. Diese Wandlung der Situation hat N'ch seit dem Uebcrfall auf Prag vorbereitet. Wir glauben indessen, dass V'e dem deutschen Volke in seiner Ge- Saiutheit noch nicht ins Bewusstsein gekommen ist. Noch wird man im deut- vchen Volke die heutige Lage ansehen wie jene Zeiten der internationalen Spannungen, die immer einem abenteu- erlichen Verstoss Hitlers gefolgt sind, �bne dass sich ernste Folgen ergeben biilten— so nach der Rheinlandbeset- 2üng, nach dem Ueberfall auf Oester- re'ch. nach dem Raub des Sudetenlan- ?es. Das Opfer liegt wieder— diesmal ist es p0ien— die Welt ist in Waf- �eii und in Erregung, aber Hitler wird es schon gelingen, sich mit List durch- Winden bis zu seinem nächsten Vor- stoss. Dem deutschen Volke die Lage 50 darzustellen, ihm zu verbergen, dass in einem ernsten Kriege gegen überlegene Gegner ist, das ist der wahre �'On der Hitlerrede. Es bleibt Hiller nur noch der Ausfall aus der belagerten Festung nach Wes- JpH. Er weiss, dass er nicht, gelingen kann. Was aber den Kanonen nicht ge- 'ngen kann, gelingt vielleicht listigen V�orten? Vielleicht gibt es immer noch ■�ute in England und Frankreich, die sich täuschen lassen? Vielleicht lässt J|ch die englische und die französische Politik durch geschickte Einwirkung "'af die dcfaitislischen Kräfte in beiden J-ändern in Verwirrung bringen? Viel- e'eht, xyenn man alle Register zieht, man heuchlerisch einige Gesichls- Pankte missbraucht, die den demokratischen Kräften teuer sind, wenn man die Magie des blossen Wortes„Frieden" benutzt, kann man die Gegner überlisten, dass sie zunächst einmal die Belagerung aufgeben, und dann kann man weiter sehen? Der Erfolg würde jedenfalls sein, dass das deutsche Volk weiter getäuscht werden könnte. Das ist der Sinn der Hitlerschen Formel:„Die Aufrechterhaltung des Kriegszustandes im Westen ist undenkbar." Sie ist in der Tat für Hitler undenkbar. Sie ist für ihn tödlich. Sie bedeutet zugleich die Aufrechterhaltung der Blockade. Kriegszustand im Westen und Blok- kade bedeuten für Hitler den Zwang zum Material- und Abnützungskrieg, bedeuten die schonungslose Enthüllung der Schwächen der deutschen Scheinautarkie und der unzureichenden Grundlagen der deutschen Kriegswirtschaft. Die Aufrechterhaltung des Kriegszustandes im Westen setzt an die Stelle des deutschen Riesenhluffs die Probe auf die wirklichen Machtverhältnisse. Diese Probe muss desillusionie- rend auf alle wirken, die in Deutschland der Hitlerpsychose verfallen sind oder die unter dem Eindruck seiner Teilerfolge stehen, deren episodischer Charakter jetzt klar wird. Mit der Auf- rechterhaltung des Kriegszustandes im Westen bricht die gesamte politische Konzeption Hitlers und seiner Bande zusammen. Sie war gegründet auf die Lokalisierung des Krieges, auf eine Aufeinanderfolge von lokalisierten Kriegen gegen Schwächere, auf die Hinnahme der Ergebnisse solcher Aktionen durch die übrigen Grossmächte. Die Aufrecht- erhaltung des Kriegszustandes im Westen bedeutet, dass das kollektive Interesse aller gegen eine Aufeinanderfolge deutscher Angriffe erkannt ist und zur Grundlage der Abwehr wie der Wiedergutmachung gemacht wird. Der Krieg wird somit um die Verwirklichung der Grundgedanken des Völkerbundsstatuts geführt, um eine europäische Rechts- ordnung gegenüber der anarchischen Gewaltpolitik des Hitlersystems. Die Wahrung der Interessen der demokratischen Mächte und des Grundgedankens einer europäischen Rechtsordnung liegt in den Händen der kriegführenden Regierungen in Frankreich und in England. Sie zerreissen durch die Darstellung der wirklichen Lage die Sophistik der Hitlerrede. Kaum eine andere Hitlerrede war so innerlich widerspruchsvoll wie diese, und es könnte locken, diese innere Verlogenheit Punkt für Punkt zu zeigen. Welch ein Thema, dass der Mann, der seit Jahren durch seinen Göring verkünden lässt:„Kanonen statt Butter", nun, wo wirklich geschossen wird, in die heuchlerische Frage ausbricht;„Soll denn das Vermögen der Völker in Granaten verpulvert werden?" Aber das ist nicht das wesentliche. Dus wesentliche ist, dass die Annahme der Hitlerordnung für Ost- jmd Südosteuropa— und das ist seine wahre Friedensbedingung— die Wiederaufrichtung einer europäischen Rechtsordnung auf der Grundlage der Freiheit unmöglich machen würde. ** * Wir richten deshalb unseren Blick auf den Osten und auf die Absichten, die Hitler für jene Gegenden hegt. Er hat in seiner Rede Anspruch darauf erhoben, dass er in diesem Teile Europas i Ordnung geschaffen habe und weiter I Ordnung schaffen werde, dass er dieses Gebiet, soweit er es bereits beherrscht, erst entwicklungs- und lebensfähig gemacht habe, dass nur die Beherrschung dieses gesamten Gebiets im Einvernehmen mit Russland der wirtschaftlichen und kulturellen Entwicklung der Völker, die es bewohnen, den Weg öffne. Er setzt ganz eindeutig der Versailler Ordnung eine Hitlerordnung entgegen. Es geht nicht um die Methoden, mit denen er die Hitlerordnung durchzusetzen versucht hat und weiter versucht, so empörend und verbrecherisch sie auch sind, es geht um das Prinzip und jdie Ergebnisse. Die Versailler Ordnung i beruhte auf dem Selbstbestimmungsrecht der Völker. Sie ruhte auf freiheitlichen und demokratischen Prinzipien, auf dem Glauben an den Aufstieg der Völker dank ihrer inneren Kräfte, auf dem Wunsche, nationalen Selbständigkeitsdrang zu befriedigen, um die Kräfte der Völker nach innen frei zu machen und eine Ordnung des Friedens in Europa zu gründen. Die nationalstaatliche Organisation des Völker Europas sollte zur Grundlage einer europäischen Verfassung werden. Zu dieser europäischen Verfassung gehörte die Anerkennung des Satzes, dass nicht nur Grossmächte Lebensrecht haben, sondern auch die kleineren Stuaten, und dass die kleineren Staaten ebenso zum europäischen Gleichgewicht beitragen wie die Grossmächte. Hitler will an die Stelle dieser freiheitlichen Ordnung die Beherrschung der kleineren Staaten und Völker durch den deutschen Machstaat setzen, an die Stelle der freien Entwicklung dieser Völker das Diktat des Eroberers, der nicht nur in die staatliche Ordnung und die Wirtschaft dieser Völker dirigiernd, Wie leben Im ersten Monat des ersten Weltkriegs fiel der Führer der Sozialdemokratischen Partei Dr. Ludwig Frank. Nach dem ersten Monat des zweiten Weltkrieges sind die Führer der Nazis sämtlich noch lebendig. Man versteht jetzt, warum sie das 1 schlichte' Denkmal, das die Stadt Mannheim ihrem Abgeordneten Ludwig Frank errichtet hat, zerstören Hessen. Kein Eiorbeer Hitler hat sich in seiner Reichstagsrede seiner humanen Kriegsführung in Polen gerühmt. Die Verlogenheit dieses Selhst- lobs schreit gen Himmel. Einwandfreie neutrale Zeugen haben bekundet, mit welcher Grausamkeit dieser Krieg geführt worden ist. Der frühere polnische Generalkommissar in Danzig, Herr Chodacki, hat in einem Aufsatz seine Erfahrungen bei Kriegsausbruch in Danzig geschildert. Sein diplomatisches Personal ist von SS-Banditen so misshandelt und gefoltert worden, wie deutsche politische Gefangene in deutschen Konzentrationslagern. Aus einem eigenen Bericht, der uns zugegangen ist, sehen wir, dass 35 polnische Postbeamte, die nach der Kapitulation der polnischen Hauptpost in Danzig gefangen genommen worden sind, von SS-Leuten sofort erschossen worden sind. Warum hätte man auch annehmen sollen, dass sie im Kriege weniger grausam sein würden als vor dem Kriege? „Das deutsche Soldatentum"— so sagte Hitler—„hat sich den Lorbeerkranz wieder fest ums Haupt gelegt. Das bindet fester als jede staatsrechtliche Konstruktion." Der Lorheerkranz von Polen scheint uns eher ein brennender Reif der Schande zu sein. Noch niemals aber hat Hitler so klar zu erkennen gegeben, was die eigentliche Verfassung seines Systems ist. Die Gemeinsamkeit des Verbrechens hält ihn und seine Bande zusammen— und das bindet in der Tat fester als jede staatsrechtliche Konstruktion. Ein Argument Die deutsche Propaganda bemüht sich, die Schuld am Kriege auf England zu wälzen. Sie sagt dem deutschen Volke:„Was hat England mit Polen zu tun? Warum kann England uns nicht in Ruhe lassen?" Dieses Argument— so lesen wir in der „Times"— hat in Deutschland selbst bei Gegnern des Nazisystems einigen Eindruck hervorgerufen. Wäre diese Mitteilung der„Times" richtig, so wäre es um so notwendiger, dem deutschen Volke zu sagen, dass es ganz andere und schwerwiegendere Argumente gibt, als machtpolitische und geographische. Die Propaganda des Hitlersystems hat sieh seit sechs Jahren bemüht, im deutschen Volke alle rechtlichen und moralischen Erwägungen zu töten. Dass die Freiheit, sowohl die, Freiheit des deutschen Volkes wie(He Freiheit und das Selhst- bestimmungsrecht aller Völker, nicht ein reiner Nützlichkeitswert ist, sondern ein übergeordneter Wert an sich, dass das Recht nicht eine Sache des Nutzens ist, sondern eine Sache der privaten wie der internationalen Moral, das ist es, was das deutsche Volk wieder lernen muss. Solange es zusieht, wie seine Regierung über Recht und Freiheit hinwegschreitet, solange es nicht erkennt, dass der Rechtsbruch, der Meineid, und der Raab internationale Verbrechen darstellen und niemals mit wahrhaft nationalen Interessen identisch sein können, solange ist auch eine Wiedereingliederung des deutschen Volkes in die Gemeinschaft einer europäischen Rechtsordnung nicht möglich. Es ist deshalb zwecklos, mit der deutschen Propaganda zu diskutieren auf der Ebene des machtpolitischen Anspruchs des Hitlersystems und seiner Auffassung„Recht ist, was dem deutschen Volke nützt". Gegenüber dieser Propaganda gilt es, die Heiligkeit des Rechts und der moralischen Werte zu betonen. Man kann damit keine subversiven brutalen Machtinstinkte entfesseln— aber man kann den Prozess der geistigen Gesundung fördern, ohne den ein wahrer Frieden nicht möglich sein wird. Diese Propaganda des Rechts und der Moral muss allerdings unerbittlich sein, so dass das deutsche Volk begreift, dass sich jede Schuld auf Erden rächt, und dass, wer zur Gewalt gegen das Recht greift, durch die Gewalt umkommen wird. und das heisst hier raubend eingreift, sondern der sie sogar von ihrem Boden losreissen und nach seinem Gutdünken aussiedeln und verpflanzen will— im Interesse des Macht- und Ausbeutungswillens des sogenannten Herren- volkes, oder besser gesagt, im Interesse der Herrenkaste, die das sogenannte Herrenvolk selbst beherrscht. Er will eine Ordnung schaffen, in der alle Vorteile dem Herrenstaat zukommen und alle Lasten den ausgebeuteten Völkern. Die Hitlerordnung führt nicht zu einem freien Zusammenleben der Völker, sondern zur Wiederaufrichtung einer Herrschaftsordnung, in der die kleineren Völker durch die grösseren rücksichts los ausgebeutet werden. Mit einem Wort: ein Teil Europas soll als Kolonie für Deutschland dienen. Was solche Herrschaft für die eroberten und ausgebeuteten Völker bedeutet, ist ohne weiters klar. Aber nützt sie dem deutschen Volke? Die Aufrechterhaltung eines solchen Herrschaftsverhältnisses setzt voraus, dass der Herrenstaat dauernd als Militärstaat organisiert bleibt, um jederzeit Freiheitsbewegungen der Unterdrückten niederschlagen und sein Herrschaftssystem nach aussen sichern zu können. Wir stossen hier auf die innere unlösbare Verbindung zwischen der wirtschaftlichen Autarkie, der Organisation der gesamten Wirtschaft als Kriegsmaschine und der Diktatur im Innern. Das System, das die Freiheit fremder Völker vergewaltigt, muss um der Aufrechterhaltung seiner Herrschaft willen dauernd alle freiheitlichen Kräfte im eigenen Volke nieder halten, es muss dauernd die Arbeit und den Wohlstand des eigenen Volkes der Organisation der Kriegsmaschine opfern. Nutzen hat von einem solchen System, das zum fluchwürdigsten und kulturwidrigsten gehört, das es gibt, nur eine Herrenkaste. Ein Blick auf Deutschland genügt, um die Wahrheit dieser Sätze zu zeigen. W as hilft es dem Deutschen, wenn er sich als Herr über Tschechen, Slovaken, Polen fühlen kann, und doch selbst einem würdelosen Leben der Sklaverei unterworfen ist; wenn er für den Kriegssold eines gewöhnlichen Soldaten arbeiten muss, weil anders dieses Herrschaftsverhältnis nicht aufrechterhalten werden kann? Er wird ebenso ausgebeutet wie der beherrschte Fremde— aber den Nutzen hat die Herrenkaste der Führer der nationalsozialistischen Partei. Dort ist nicht nur die Macht konzentriert, dort sammelt sich in persönlichen Riesenvermögen der Reichtum, der aus der organisierten Ausbeutung des eigenen Volkes und der unter worfenen Völker fliesst. Es steht ganz ähnlich in Sowjetrussland. Dort erhebt sich eine dünne, politisch- bürokratisch- technokratische Oberschicht himmelhoch über das Lebensniveau des Volkes, auch dort ist die diktatorisch geleitete Organisation der Wirtschaft zum Dienst an einer Kriegsmaschine und zur Bereicherung der Herrenkaste geworden. Dort ist das übernationale Herrschaftssystem, das .Hitler anstrebt, bereits verwirklicht. Dort herrscht anstelle der freien Entwicklung der Völker, die in diesem Riesenreiche wohnen, ein Ausbeutungsund Herrschaftsverhältnis, das alles nach unten nivelliert. Was ist unter der Herrschaft des Kriegskommunismus und später des diktierenden roten Militärkommunismus aus Ländern wie Georgien, der Ukraine, Turkestan geworden! Diese Militärdiktaturen, die alles dem Machtzweck unterordnen, ertöten jede Freiheit, jede innere gesellschaftliche Bewegungsfreiheit und damit alle aufstrebenden, selbständigen kulturellen Kräfte der Völker, die sie in ihrem Griff haben. Das ist die Ordnung, die Hitler im Osten und Südosten Europas an die Stelle einer Ordnung setzen will, die auf die Selbständigkeit und die Freiheit der Nationen gegründet war. Er hat in seiner Rede behauptet, dass nur so Leben und Existenz dieser Völker gewährleistet werden könne. Er rühmt sich, dass er in den eroberten Staaten Unordnung, Not, Erwerbslosigkeit beseitigt habe. Wir können uns vorstellen, mit welchen Gefühlen man in Wien, im Sudetenland, und vor allem in Prag diese ungeheuerliche Behauptung gehört hat! Werfen wir nur einen Blick nach Böhmen. Das tschechische Volk ist regelrecht ausgeraubt worden und wird täglich weiter mit allen jenen raf- Chronik der Woche Hitler fiirc'htet den Kriesr der Westmächle Sonntag, 1. Oktober 1939 Der englische König hat die der Jahres klassen 1918 und 1919 angehörenden jungen Männer zum Heeresdienst einberufen. Dienstag, 3. Oktober 1939 Chamberlain erklärt im Unterhaus, das am Freitag abgeschlossene deutsch-russische Abkommen werde weder Englands Kriegspolitik noch seine Kriegsziele ändern. Die panamerikanische Konferenz- in Panama schloss ihre Tagung mit Beschlüssen über die wirtschaftliche Zusammenarbeit der amerikanischen Staaten, mit einer Erklärung ihrer strikten Neutralität und mit der Festlegung einer Sicherheitszone in den amerikanischen Gewässern. General Franca kritisiert den deutsch- russischen Pakt und den Einbruch Russlands in Europa. Durch eine Amnestie werden 250 000 politische Gefangene in Spanien aus den Gefängnissen befreit. Mittwoch, 4. Oktober 1939 Daladier erklärt die ausserordentliche Session des Senats und der Kammer für geschlossen. Durch diese Massnahme wird die Jmmunität der Abgeordneten aufgehoben. Mussolini läss nach der Rückkehr des Grafen Ciano aus Berlin mitteilen, dass Italien beim gegenwärtigen Stand der Dinge keine Initiative zu einer Friedenskonferenz ergreifen wird. Donnerstag, 5. Oktober 1939 Lettland musste ebenso wie eine Woche zuvor Estland einen sogenannten Beistandspakt mit Russland unterzeichnen. Danach erhält die Sowjet-Union das Recht 1. in den lettischen Häfen Libau und Windau Basen für ihre Kriegsmarine einzurichten, 2. in Lettland russische Flughäfen zu bauen, 3. russische Küstenartillerie längs der lettischen Küste zwischen Libau, Windau und Pitrags aufzustellen und 4. russische Garnisonen in Lettland zu unterhalten. In Frankreich ist ein grosser Teil der kommunistischen Gemeindeverwaltungen aufgelöst worden. Hiller nimmt in Warschau eine Parade deutscher Truppen ab. Freitag, 6. Oktober 1939 Hitler hält im Reichstag eine Rede, in der er Polen einer gewissenlosen Kriegführung beschuldigt und Deutschlands Grossmut im Kriege preist. Das polnische Problem müsse ebenso wie das südosteuropäische durch Umsiedlun'g der einzelnen Nationen von Deutschland im Einvernehmen mit Russland gelöst werden. Gegenüber England und Frankreich habe er ausser der Rückkehr der deutschen Kolonien keine Forderungen. Eine Konferenz wäre zweckmässig, doch könne sie nicht unter dem Lärm der Waffen zusammentreten. Sonnabend, 7. Oktober 1933 Im japanischen Aussenministerinm werden mehrere hundert Beamte durch Beamte einer anderen Richtung ersetzt. Auch der japanische Botschafter in Berlin General Oschima wird zurückgerufen. sein Lebenselemcnt. Raeder ist jener jener deutschen Seeoffiziere, die wie einst Tir- pitz zu lügen verstehen, dass sich die Balken biegen. In der Weimarer Republik war Raeder Chef der Ostscestation. Er war einer der Verschwörer gegen die Republik- .Sein Treueid diente ihm dazu, zu verbergen, dass die Ostseestation ein einziger Herd des Treubruchs der Lüge, der Verschwörung war. Eben darum ist er heute unter Hitler Grossadmiral. Aus der Lüge und dem Treubruch ist das Hitlersysfem geboren worden. Warum sich wundern, dass einer seiner Geburtshelfer lügt, dass sich die. Balkan biegen? Der fnrossadniiral Die deutsche Admiralität hat mit dreister Stirn bestritten, dass der englische Passagierdampfer.Athenia" von einem deutschen Unterseeboot torpediert worden sei. Sie hat diese Lüge auch dann noch aufrecht erhalten, als einwandfreie Zeugenaussagen vorlagen. Da eine Lüge immer die andere nach sich zieht, hat die deutsche Admiralität beschlossen, die erste Lüge durch eine zweite Lüge glaubhafter zu machen. Grossadimral Raeder hat dem amerikanischen Marineattache mitgeteilt, dass der amerikanische Passagierdampfer„Iro- quois" von den Engländern torpediert werden würde, so wie die„Athenia" von den Engländern torpediert worden sei. Die Lüge ist nirgends geglaubt worden. Die Engländer haben indessen nicht glauben wollen, dass der deutsche Grossadmiral, der Chef der Flotte, ein ehemaliger kaiserlicher Offizier, sich selbst zum Werkzeug dieser Lüge gemacht habe. Sie haben in einer schneidend-scharfen Erklärung die kriminelle Mentalität der Nazibande gekennzeichnet und ihrer Empörung über Raeders Verhallen Ausdruck verliehen. Warum die Verwunderung? Der Grossadmiral Raeder gehört zur Hitlerbande. Er ist auf Gedeih und Verderb mit ihr verbunden— und die Lüge ist seit langem Belogen und betrogen Das deutsche Volk wird belöget! und betrogen. Das vornehmste Instrument der Lüge ist der deutsche Rundfunk. Wir hörten kürzlich den Ministerialrat Fritzschc. der sich mit dem Seekrieg und mit dem ersten Lord der englischen Admiralität Churchill beschäftigte. Die Tonart dieser Rundfunkansprache war unbeschreiblich-— wir übertreiben nicht, wenn wir sagen, dass sie die Einführung des Ganoventons in die Politik bedeutet. Mit ebenso unbeschreiblicher Dummheit log dieser Mann, dass England keine Truppen nach dem Kontinent geschickt habe und keine Truppen schik- ken werde. Aus seinen Worten musste ei® deutscher Hörer, der von objektiven Nachrichten abgeschnitten ist, entnehmen, dass die englische Kriegsvorbereitung nur Kulisse sei. Wir fühlten uns an die Leichtfertigkeit erinnert, mit der deutsche Politiker des Kaiserreichs den Eintritt der Vereinigten Staaten von Nordamerika in den Krieg in1 Jahre 1917 beurteilt haben. Einer von ihnen sagte damals:„Die Amerikaner? Sie können nicht fliegen, sie können nicht schwimmen, sie werden nicht kommen." Sie kamen aber doch, und als der Krieg verloren warschrieen die gleichen Politiker auf: ,,Wir sind belogen und betrogen worden." Balö wird das deutsche Volk erkennen, wie es heute belogen und betrogen wird. Die naiven Politiker des Kaiserreichs waren gutgläubig, sie nahmen die Zwecklügen der Militärs als Wahrheit hin. D''' Lügner im deutschen Rundfunk sind nicht gutgläubig— sie wissen, dass sie das Volk belügen. finierten Methoden geplündert, die der deutschen Kriegswirtschaft zu eigen sind. Sein wirtschaftliches Eigenleben ist dahin. Seine Arbeiter müssen Sklavenarbeit für die deutsche Kriegsmaschine verrichten. Das nennt Hitler eine lebensfähige Ordnung! Wenn der Krieg zu Ende sein wird und die Demobilma- chung beginnt, wenn die ungeheuerlich aufgeblähte Rüstungswirtschaft stillstehen wird und das wirtschaftliche Leben wieder auf Friedensbedürfnisse umgestellt werden muss, dann wird man sehen, was die Hitlerordnung wirklich bedeutet: Die Verschleuderung des Vermögens des deutschen Volkes und der unterworfenen Völker, die Verarmung, die Anarchie an Stelle einer organischen Ordnung. Von Frieden und fruchtbarer wirtschaftlicher Entwicklung kann auf der Grundlage der Hitlerordnung keine Rede sein. Der Freiheitswille der unterdrückten Völker lässt sich für die Dauer nicht unterdrücken. Aber auch davon abgesehen: Wenn Deutschland und Russland jetzt daran gehen wollen, die ganze Zone von selbständigen Staaten, die nach 1918 geschaffen worden ist, ihrem Einfluss zu unterwerfen und untereinander aufzuteilen, so schaffen sie damit die Voraussetzungen zu einem Zusammenstoss zwischen den Teilungsmächten. Die Versailler Ordnung in Ost- und Südosteuropa hatte einen Wall gegen den Pangermanismus wie gegen den Panslawismus geschaffen. Im Hitlersystem ist der Pangermanismus wieder aufgelebt und die heutige Politik Stalins ist offenkundig panslawi- stisch. Im Augenblick hat der Panslawismus ohne Schwertstreich grosse Erfolge gegenüber dem Pangermanismus erzielt Die drei Randstaaten, die für die Beherrschung der Ostsee von grosser Bedeutung sind, sind von Hitler an Russland ausgeliefert worden. Darin liegt ein Keim künftiger Konflikte, ebenso wie in der Tatsache, dass das grossdeutsche Reich Hitlers heute fast dreisig Millionen Slawen umfasst. Selbst wenn man nur den Osten und Südosten ins Auge fasst und den Westen ganz vernachlässigt, erkennt man, dass der Hitlerfrieden dazu führen müsste, dass Deutschland und Russland sich für alle Zukunft argwöhnisch und das heisst bis an die Zähne gerüstet einander gegenüber stehen. Das ist es aber gerade, was Hitler unter Ordnung der Binnenwirtschaft versteht, nämlich eine Ordnung unter dem Gesichtspunkt des Krieges bei aufgeblähter Rüstungswirtschaft und fortschreitender Inflation. Das heisst eine Ordnung, bei der das Volk und die gesamte Wirtschaft dem Diktat des reinen Machtzweckes untergeordnet sind. Wollte man den Versuch machen, die sogenannte Hitlersche Ordnung auf den Frieden umzustellen, so würde sie krachend zusammenbrechen. Der Sinn seiner Ordnung ist die dauernde Bereitschaft zum Kriege. Das ist nun aber gerade das, was die grossen demokratischen Völker des Westens und die kleineren Nationen in Europa nicht wollen. Sie wollen den Frieden, sie wollen arbeiten und wirtschaften für friedliche Bedürfnisse, sie wollen ihre Politik und ihre Handelspolitik auf Rationalität gründen und nicht auf den Machtwahn. Alle Tiraden Hitlers gegen den Versailler Vertrag schaffen die Tatsache nicht aus der Welt, dass der Versailler Vertrag der Entwicklung des Ostens und Südostens Europas in Frieden und Freiheit die Tür geöffnet hat, die Hitler jetzt wieder zuschlagen möchte. Der Weg zu friedlichem vernünftigem Zusammenleben der Völker in Europa führt nicht über die Hitlersche Machtpolitik. sondern über die Grundgedanken einer Ordnung auf Grund des Selbstbestimmungsrechtes der Völker. Die Wiederherstellung der von Hitler eroberten Staaten, die Wiederherstellung der Freiheit der unterdrückten Völker ist eine Voraussetzung eines dauernden Friedens in Europa. Die Existenz einer polnischen und einer tschechoslowakischen Regierung in Paris zeigt, dass die Zerstörung der auf das Selbstbestimmungsrecht der Völker gegründeten Ordnung durch Hitler nur eine Episode bleiben wird. Das deutsche Volk muss begreife11' dass seine Interessen die gleichen sind wie die Interessen der jetzt unterdrück' ten Völker, dass seine eigene Freiheit nur wieder hergestellt werden und nur bestehen kann, wenn auch die Freiheit kleinerer Völker geachtet wird, wenn es sich wieder in das europäische Gleich" gewicht eingliedert, in dem der Starke nicht den Schwachen zertreten darf- ohne selbst in den Abgrund zu stürzen- Die Weimarer Republik hat währen'' der ganzen Dauer ihrer Existenz die neue europäische Ordnung anerkannt- nicht aus Ohnmacht, sondern weil sie ihre Politik auf Einsicht und Vernunft gründete. Nach dem Sturze Hitle[s muss jede Nachfolgeregierung 177 Deutschland, die den Interessen df* deutschen Volkes wahrhaft dienen tn1"' zu dieser Politik der Vernunft zurück' kehren. Sie muss anerkennen, dass der Weg zu einer friedlichen europäischen Ordnung über die Freiheit der Volke1 führt. Sie muss deshalb alles weit v0,1 sich weisen, was Hitler jetzt als die P®' litik Deutschlands bezeichnet. Jed freiheitliche Nachfolgeregierung Deutschland wird verstehen, dass Achtung vor der Freiheit anderer in die Völker das beste Fundament für die eigerie Freiheit ist. Aus solchen Erwägunp6'7 haben wir noch vor dem Ausbruch de® Krieges erklärt, dass für uns eine in' grale Wiederherstellung der tschechn slowakischen Republik eine VoraussC� zung des wahren Friedens in Europ' ist. Aus den gleichen Erwägungen es für uns selbstverstän'dlich, dass d' staatliche Selbständigkeit des P0!"� sehen Volkes wieder hergestellt werde� muss, in voller Unabhängigkeit l1� Souveränität und nicht in Gestalt 1 gend eines Protektorates, aus den nlc chen Erwägungen sind wir nicht teigänger des grossdeutschen Re�1