JOURNAL ANTIHITLERIEN Journal social-democrate destine NOUVEL"EN AVANT!" Hebdomadaire en langue allemande Redaktion und Verlag: 30, Rue des Ecoles, Paris-5. T�liphone: Odeon 42-58 aux refugies de langue allemande Nr. 340. SONNTAG, 24. Dezember 1939 Aus dem Inhalt: Deutsche Weihnachtseinkäufe Wiedersehen mit Berlin Kriegsloehne in Deutschland Prix:(Trg. 1,50 Zwischenakt in Genf Wir waren und wir bleiben Anhänger des Völkerbundes. Wir haben in seiner Errichtung, dem grossen Werk des grossen Demokraten Wilson, den bedeutendsten Fortschritt gesehen, den der Kriegsausgang gebracht hat, die Institution, unentbehrlich für die Schaf- lung der kollektiven Sicherheit, dieser Voraussetzung für die Aufrechterhaltung des Friedens in kontinuierlicher Schöpfung und steter Anpassung an die sich ändernden realen Verhältnisse. Wir waren Anhänger des Völkerbundes gegen die Deutschnationalen, die gegen den„Bund der Sieger" ihre Angriffe richteten, und das Zusammengehen mit Sowjetrussland der Verständigung mit Frankreich vorzogen; wir Waren für den Völkerbund gegen Bol- sehewiki, Kommunisten und manche direr„linkssozialistischen" Nachbeter, die den„Bund der imperialistischen Häuber" bei der Arbeiterschaft zu diskreditieren versuchten, um den künftigen Krieg, die Voraussetzung der '.Weltrevolution" vorzubereiten. Wir waren für eine konsequente und entschlossene Völkerbundspolitik, wenn bitweise französische und englische Regierungen vermeintlich näherliegenden, vermeintlich realen Interessen einor sogenannten Machtpolitik Grundsätze der Völkerbundspolitik zum Opfer brachten, und wir haben das Verderben vorausgesagt, als die Neutralen an- ängen, nach dem Versagen der Gross- 'Wächte deren Politik nachzunahmen ünd statt ihre Kräfte zu vereinen, um sich der Politik der Zerstörung zu wi-j dersetzen, selbst alles zur weiteren Aushöhlung des Völkerbundes taten und sich in eine Neutralität flüchten woll- 'en, deren Aufrechterhaltung nur möglich gewesen wäre, hei einem ungestör- leii Funktionieren des Völkerbunds, bei Aufrechterhallung der kollektiven Si- cberheit. Denn wenn die Ereignisse der letzten Zeif eines gelehrt haben, so ist es wohl dies, dass nicht nur der Frieden, sondern die blanke Existenz, die Freiheit Urid die nationale Unabhängigkeit der kleineren Staaten nur erhalten werden bann, wenn ein Völkerbund, eine kraftvolle internationale Friedensorganisa- I'on vorhanden ist, während die Kleinstaaten sonst zu Schutzgebieten der sich feindlich gegenüberstehenden I'rossmächte herabsinken, wie es vor der Errichtung des Völkerbunds der ball war, oder gar ihre Selbständigkeit völlig einbüssen. Der Völkerbund ist freilich kein � undermittel, keine Patentmedizin für die Heilung aller Uebel, die aus dem Nebeneinander souveräner Staaten mit den Spannungen, die sich aus der } erschiedenheit ihrer Grösse, des Grads ihrer Entwicklung, der Konfiguration 'bres aus ihrer Geschichte stammenden lerritoriaIen Gefüges und den sozialen Spannungen im Innern und nach Aus- spn ergeben können. Er ist eine Institu- Ron, eine politische Einrichtung, deren jA'Ivbsamkeit wie die aller politischen Einrichtungen davon abhängt, welchen Gebrauch die Menschen davon machen. Aber wie ein Parlament nicht an sich Die Aeclitung� des» Angreifers; Heim Ins Reich Die ju�oslavisclie lllnderlieit will nicht Wir erhalten von befreundeter Seite einige Nachrichten über die Lage der deutschen Minderheit in Jugoslawien. Diese Minderheit zählt etwa 450 000 Leute, wovon 300.000 die Vojvodina bewohnen, während die Uebrigen in Kroatien und im slowenischen Gebiet leben. Dem gegenüber gibt es ca 150.000 Jugoslawen im jetzigen Reich, meistens Slowenen in Kärnten und Kroaten im Burgenlande. Die Nachricht, dass Hitler bestrebt ist, auch diese deutsche Minderheit ins Reich übersiedeln zu lassen, hat die jugoslawische öffentliche Meinung mit einstimmigem Jubel empfangen, da die Haltung der Führer dieser Minderheit seit einigen Jahren sehr frech und drohend war. Man war froh, diese Minderheit los werden zu können. Hingegen spürt man keine Begeisterung in der deutschen Minderheit selbst. Diese ist meistens witrschaftlich gut siluiert, erfreut sich einer relativen politischen und kulturellen Freiheit und besonders seil dem Regierungsantritt von Stojadinovic, aber auch nach seinem Fall unter dem jetzigen Regime Cvetkovic geht es ihr so gut, dass sie an der Auswanderung nur verlieren könnte. Deswegen fand sie auch genug Mut, gegen jene Absicht öffentlich zu protestieren. So liest man z. B. in der Zeitung die„Donau'', die in Apatin erscheint: „So sieht man die Lage in Berlin. Was aber die Deutschen von Süd-Ost- Europa dazu zu sagen haben', wird man erst erfahren, wenn die Sache ernst wird. Inzwischen sehen wir schon jetzt, dass viele, die den Mund voll von Liebe zum Reich hatten und sich als einzige, patentierte deutsche Patrioten gebürdeten, jetzt gegen die Uebersiedlung Stellung nehmen." Die„Deutschen Nachrichten" von Agram versuchen die ganze Sache ironisch zu betrachten, erklären die Nachricht als ausgedacht und ersuchen die Behörden nicht zu erlauben, dass darüber geschrieben wird. Mindestens sei die Nachricht so verfrüht, dass sie keinem deutschen Patrioten Freude bereiten könne. Der„Slawoni- sche Volksbote" erklärt, die Uebersiedlung könnte höchstens kleine, zerstreute Gruppen betreffen, nicht aber Sprachinseln in Süd-Ost-Europa, wo Deutsche in kompakten Siedlungen leben. Das folgende Flugblatt zirkuliert jetzt unter den Deutschen Jugoslawiens. Es ist so symptomatisch, ob es aus offizieller Naziquelle stammt oder nicht, dass es eine Veröffentlichung verdient: „EIN REICH, EIN VOLK, EIN FUEHRER" Deutsche Volksgenossen „Enger denn jemals sind heute alle Deutschen, im Reiche und ausserhalb des Reiches, um ihren Führer Adolf Hitler geschart. In diesem Kampfe, den uns unsere Feinde aufgezwungen haben, wird Deutschland alle seine Gegner siegreich zu Boden zwingen. Auf den Ruinen Europas wird Deutschlands Weltherrschaft neues Leben und neue Ordnung schaffen. Der von Vorsehung und von Gott uns gegebene Führer weiss, was er will. Eins ist das Gebot der schicksalsreichen Stunde: Disziplin und Gehorsam. Und Gehorchen ist Eure erste Pflicht. Deutsche ausserhalb der Reichsgrenzen, der Führer braucht Euch heute im Dritten Reich. Fast dreissig Millionen Slawen haben wir heute unserem Reich ein. 1 verleibt. Einen Teil davon werden wir mit Deutschen aus anderen Gegenden umtauschen. Den anderen Teil dieser Slawen werden wir durch deutsche Arbeit und deutsche Kraft aufbrauchen und aufreiben. Dazu braucht der Führer Euer Werk und Eure Arbeit. Zu diesem Ende werden heule die Deutschen aus Südtirol und die Deutschen aus den baltischen Ländern wieder ins Reich zurückgerufen. Endlose Züge und ganze Flotten sind in Bewegung. Freudig und begeistert folgen alle dem Rufe ihres Führers. Ein epochaler Vorgang wie ihn die Welt seit der Völkerwanderung nicht gesehen hat ist im Zuge. Es geht um Deutschlands Ehre, Grösse und Macht. Zu diesem Ende werden auch die Deutschen aus Jugoslawien wieder in ihr Stammesland zurückkehren. Deutsche Volksgenossen Jugoslawiens. Der Führer ruft Euch. Ihr habt als Glieder des grossen deutschen Volkes schon längst Eure Ergebenheit und Treue und Disciplin bewiesen. Heute geht der Ruf an Euch: Zurück ins Deutsche Reich, zurück ins Land der Väter. Verkauft Eure Güter und was Ihr an Habe nicht mitnehmen könnt und kehrt zurück ins Grosse Deutsche Reich. Tut das jetzt, sobald als möglich. Ihr könnt es jetzt in Ruhe und ohne Ueberhastung tun. Aber tut es sofort. Wenn einmal das Gebot ergeht, dann werdet Ihr über Nacht dem Gebote folgen müssen, und dann wird es keine Zeit mehr geben. Ihr tut es heute in Eurem Interesse. Später werdet Ihr es mit Ueber- stürzung und grossen Verlusten tun müssen. Arbeilet dem vor in Eurem Interesse. Und wer nichts hat an Erdgütern, der kann und soll sofort nach Deutschland ziehen. Der Führer wartet auf Euch. Er braucht Euch zur Ehre und zur Grösse Deutschlands. Es geht um Deutschlands Weltmacht. Wie ein Stahlblock wird das Dritte Reich mit über 100 Millionen Deutschen mitten im Herzen Europas stehen und der Welt Frieden diktieren, den deutschen Frieden. Die Zeiten der Vcrsailler Diktatur sind vorüber und nimmer werden sie wiederkehren. Verkauft Eure Güter und was Ihr nicht mitnehmen könnt, löst Euch los von fremder Scholle und kehrt heim ins deutsche Reich, in Euer Reich. Die Parteileitung." Alle Nachrichten aus Ungarn berichten einstimmig, dass in der deutschen Minderheit Ungarns, die sich auch mit Uebersiedlung bedroht sieht, eine wahre Panik herrscht. Viele Deutsche versuchen jetzt ungarische Namen und Vornamen zu erhalten und zahlen sehr viel dafür, um von den ungarischen Pfarrern oder Notaren Beweise ihrer ungarischen Abstammung zu erreichen. Nicht einmal prononcierte Nazis unter ihnen haben Lust, nach Deutschland überzusiedeln. gut oder schlecht, nützlich oder schädlich ist, seine Wirksamkeit vielmehr davon abhängt, welchen Gebrauch die Wähler von ihrem Recht machen, so ist auch das Versagen des Völkerbundspolitik nicht Schuld der Institution, sondern der Wähler, das heisst in diesem Fall Schuld der zweideutigen, inkonsequenten Politik der Grossmächte zuerst, die zwischen dem Rückfall einer mit halben Mitteln betriebenen Machtpolitik alten Stils und der neuen Politik hin und her schwankten, der „Neutralen" sodann, die diesen gefährlichen Schwankungen nicht ihre eigene koordinierte Politik entgegenzusetzen wussten. So wenig aber der Antiparla- mentarismus der Frühzeit der Arbeiterbewegung ein Weg zu politischem Ein- fluss sein konnte, so wenig wäre die Preisgabe des Volkerbunds ein Weg zur Sicherung des Friedens, zur Sicherung der nationalen Existenz. Wie immer der künftige Friede beschaffen sein mag, welche Friedensgarantien er auch enthalten mag, der Friede bleibt kontinuierliche Schöpfung, bleibt Sache menschlicher Politik, menschlicher Einwirkung; er ist nicht Folge mechanischer Regelung, nicht automatisches Produkt irgendeiner, noch so klug ausgedachten Institution, sondern Ergebnis ihrer Benutzung. Eine andere Politik hätte mit derselben Institution des Völkerbunds, trotz ihrer Unzulänglichkeiten, ganz andere Resultate erzielen, die Wiederaufrüstung Deutschlands, die Besetzung des Rheinlands, die Vertragsbrüche sehr leicht verhindern können. Und wie immer die Zukunft des Kontinents nach dem Siege der Alliierten gestaltet wird, einer institutionellen Grundlage für europäische Zusammenarbeit, einer Einrichtung für kollektive Sicherheit wird die Menschheit nicht mehr entbehren können und nicht entbehren wollen. Deshalb sehen wir trotz mancher entgegenstehenden Bedenken in der Resur. rektion des Völkerbundes ein günstiges Ereignis. Gewiss, es bleibt ein monströses Ergebnis, dass der Völkerbund bei seinem ersten Zusammentreten nach dem Kriege nicht ausdrücklich und mit der Entschiedenheit, zu der ihn sein Statut verpflichtet, gegen den Angriff Hitler-Deutschlands Stellung genommen hat. Es wirkt nicht erhebend, dass fünf Neutrale, die freilich der Hitler- Drohung am meisten ausgesetzt sind— Belgien,, Luxemburg, Holland, Däne. mark, Schweden— von vornherein sich gegen jede Erörterung des deutschen Verbrechens ausgesprochen und darauf bestanden haben, dass nur der Angriff Sowjetrusslands erörtert werde, wie die Anrufung des Völkerbundes durch Finnland es bedingte. Aber es bleibt die Tatsache, dass der Völkerbund Russland als Angreifer verurteilt, die Mitgliederstaaten aufgefordert hat, einzeln Finnland mit allen Mitteln zu unterstützen, und schliesslich den Ausschluss Russlands aus dem Völkerbund ansgesprochen hat. Gewiss ist es nicht erhebend, dass in der Vollversammlung nicht weniger als neun Staaten— die drei skandinavischen, die drei bal- tischen, Griechenland, Bulgarien und China— sich der Abstimmung enthalten haben und es zeigt die grosse Schwäche des Völkerbundes, dass er keine kollektiven Massnahmen, keine gemeinsam durchzuführenden Sanktionen beschlossen hat. Diese Schwäche ist die Folge der Politik, die die Grossmächte und die Neutralen in der ganzen Zeit vor dem Ausbruch des Krieges getrieben und die sich jetzt gerächt hat. Aber unter den so geschaffenen Umständen war der Beschluss des Völkerbundes nun einmal das Aeusserste, das zu erreichen war, und niemand, der die hohe Bedeutung bejaht, die Moral und Bechtsgefühl trotz allem für das Verhalten der zivilisierten Menschheit haben, wird die Wichtigkeit dieser Aechtung des Angreifers verkennen. Die Gegner der Anrufung des Völkerbunds, die namentlich in der französischen Presse zu Wort kamen, machen geltend, dass sein Beschluss in die Irre führen könne. Indem er den russischen Angriff verurteile, ohne den Hitler- Deutschlands zu nennen, der das Vorgehen Stalins erst ermöglicht hat, verschiebe er die Verantwortlichkeiten und bezeichne Sowjetrussland statt Hitler- Deutschland als den Hauptfeind. Dieser Kontroverse liegt eine andere, wesentlichere und wichtigere zugrunde: das Urteil über die weitere Entwicklung der russischen Politik. Ist das Bündnis Hitler-Stalin bereits so festgefügt, dass es die dauernde Zusammenarbeit zwischen den beiden Mächten, auch ihr militärisches Zusammenwirken in naher Zukunft bedeutet, oder bleibt die Aussicht, dass Stalin nur beschränkte Ziele verfolgt, in einem Rahmen, die ihn den Krieg mit den Westmächten vermeiden lässt? Je nach Beantwortung dieser Fragen befürworten die Einen eine Politik, die es vermeidet, Stalin noch mehr an die Seite Hitlers zu drängen, während die Anderen, von der Unvermeidlichkeit des Zusammenschlusses überzeugt, Russland als offenen Gegner anzusehen bereit sind. Die englische und die französische Regierung haben in Genf die richtige Taktik gewählt. Sie sind für die Verurteilung des russischen Angriffs eingetreten, aber sie haben in ihren Erklärungen keinen Zweifel gelassen, dass Hauptschuldiger und Hauptfeind Hitler ist, dessen Niederwerfung Bedingung und Voraussetzung für die Neuordnung Europas und die Sicherung der Unabhängigkeit der kleinen Staaten sei. Jedoch überlassen sie es dem Lauf der Ereignisse, die definitive Gestaltung ihrer Beziehungen zu Russland zu bestimmen. Dass Stalin jedes Kompromiss mit Finnland verwarf, dass er im Gegensatz zu seinem Verhalten zu den baltischen Staaten hier auf völlige Unter- iwerfung und Okkupation ausgeht, spricht mit grosser Sicherheit dafür, dass er auch an den finnischen Grenzen nicht Halt machen, dass er seinen Angriff gegen Norwegen und Schweden vortragen wird. Das aber muss Deutschland auf den Plan rufen, das sich in Skandinavien seinen Teil der Beute sichern will, wie es Russland in Polen getan hat. Die Kooperation Deutschlands und Russlands über den Bereich Finnlands hinaus würde aber nicht nur die These derer sehr festigen, die das enge Bündnis Hitlers und Stalins, die militärische Zusammenarbeit eingeschlossen, für gewiss halten, sondern auch objektiv für die Westmächte eine neue Situation schaffen; die eisfreien Häfen des Eismeeres, ein wichtiger Abschnitt des Atlantischen Ozeans, die Rohstoffe Skandinaviens wären in der Hand eines offenen und eines kaum mehr verhüllten Feindes. Erst diese Situation, wenn Stalin sie herbeiführt, würde die Westmächte zur neuen Stellungnahme zwingen. Unterdessen hat aber dieser Lauf der Ereignisse eine sehr wichtige Verzögerung erfahren. Der Widerstand Finnlands hat alle russischen Erwartungen auf eine rasche Ueberwältigung des kleinen Gegners über den Haufen geworfen. Die russische Kriegsführung hat auffallende Mängel, zumindest der Führung und der Organisation der Roten Armee enthüllt. Aus dem in Moskau verkündeten Triumphzug ist nichts geworden. Unterdessen können die Mächte durch Lieferung von Material und durch Entsendung von Freiwilligen Volk in Lumpen Zerrissene molilen- zerfelzle Wintermäniel- Scbrumpf- *väsclie Im Dritten Reich wird jetzt ein besonders fauler Trick gegen die Bevölkerung ausgespielt. Man gibt sich den Anschein, als sei Deutschland— genau wie die westlichen Demokratien— aus einer echten Friedensversorgung in die Kriegsversorgung hinübergewechselt, als sei vor Kriegsbeginn alles Wünschenswerte vorhanden gewesen und als könne man aus diesem Grunde vom deutschen Volk den Einsatz gewisser Reserven erwarten. So schreibt z. B. die ,, Frankfurter Zeitung" vom 2. Dezember, es könne„ohne weiteres angenommen werden", dass ein grosser Teil der Bevölkerung noch über gebrauchsfähiges Schuhzeug verfüge. Es sei deshalb zu be- grüssen, dass man die Schuhversorgung nicht wie den Kleiderbezug durch ein Punktsystem, sondern durch die Ausstellung von Sonderbezugsscheinen geregelt habe. Es dürfe wohl erwartet werden, dass niemand einen Bezugsschein beantrage, der noch ausbesserungsfähiges Schuhzeug besitze. Diese Erwartung wird sich wohl erfüllen, denn viele Deutsche, vor allem viele Arbeiter, werden die Schnüffelei der Verfeilungsbeamten mehr fürchten als zerrissene Sohlen, dass aber ein grosser Teil der Bevölkerung nach fast siebenjähriger Hitlerherrschaft noch über ausreichendes Schuhwerk verfügen soll, ist ein Märchen. Das deutsche Volk ist abgerissen und zerlumpt in diesen Krieg ge-, trieben worden. Der„Völkische Beobachter"— gleichfalls vom 2. Dezember— gibt in der Form eines„Appells" eine etwas gewundene Erklärung zur Schuhfrage ab. Es sei leider nicht möglich, beim Leder eine weitgehende Auffeilung in Qualitäten vorzunehmen. Der Bedarf der Wehrmacht übersteige ohnehin schon die Produktion, es sei also zunächst nicht möglich, etwa zweitklassige Lederarten— d. h. Ersatzleder— für den Zivilbedarf zur Verfügung zu stellen. Die Bevölkerung müsse sich gedulden. Aus diesem weitschweifigen Gestammel ist zu ersehen, dass es neue Schuhe gegenwärtig überhaupt nicht zu kaufen gibt, und dass selbst die Soldaten zum Teil in Ersatzstiefeln herumlaufen. Um den „Appell" nicht allzu pessimistisch zu gestalten, versichert der„Völkische Beobachter" allerdings, mit den Schuhreparaturen stehe es„viel besser", hier erleichtere der „Einsatz von hochqualifizierten Werkstoffen" die Befriedigung des Bedarfs. Die Wirklichkeit rechtfertigt diesen Optimismus nicht. Es gibt in Deutschland gegenwärtig einen Run auf die Schusterläden, deren Vorräte aufgebraucht und deren Inhaber zu einem Grossteil mobilisiert sind. Von den angekündigten„hochqualifizierten Werkstoffen"— es handelt sich in erster Linie um Lederfaser— ist noch nichts zu sehen. Man nagelt sich alte Fahrradreifen auf die Sohlen, und vielleicht haben die Leute genau wie 1918 zum Holzschuh zurückkehren müssen. Mit den Textilstoffen steht es nicht viel besser. Wintermäntel und Bettwäsche werden nicht„auf Punkte", d. h. auf Kleiderkarte geliefert, auch sie sind dem Bezugscheinzwang unterworfen. Wie muss wohl ein Bettbezug aussehen, wenn er als„nicht mehr ausbesserungsfähig" anerkannt werden soll! Dafür wird auf die Klciderkar- ten teurer Schund geliefert, der bei der ersten Wäsche und vor allem beim Bügeln die Form verliert.„Schrumpf wäsche" nennt man diese Artikel im Volksmund. Kein Wunder, dass in der deutschen Presse gewisse Inserate auftauchen, die in einer Art neudeutscher Geheimsprache ab- gefasst und für Ausländer schlechthin unverständlich sind. So liest man in der „Frankfurter Zeitung" vom 3. Dezember: „Hersteller von Austauschwerkstoff für Sohlleder gesucht." Werkstoff— gut, daran hat man sich gewöhnt. Was aber ist„Austauschwerkstoff"? In der gleichen Ausgabe suchen eine grosse, seit siebzig Jahren bestehende Exportfirma für hunderte von Artikeln und ein kapitalkräftiges Hamburger Nahrungsmittel-Importhaus„passende Umstellung". Umstellung worauf, und Spezialisten Finnlands Widerstand verlängern, wenn auch das Rechtsgefühl noch offenere und wirksamere Hilfe wünscht. Russland hat nicht einmal ein Recht zum Protest, da es ja nach Stalins Behauptung sich nicht im Krieg mit Finnland befindet. Der— freilich wie teuer erkaufte— Zeitgewinn in Finnland bedeutet auch die erzwungene Verschiebung aller Pläne, die Deutschland gegen Holland und Bei. gien, die Deutschland und Russland auf dem Balkan gehegt haben mögen. Und unterdessen arbeitet die Zeit für die Alliierten... Die Schwierigkeiten der Roten Armee mögen schliesslich die wenn es nichts zu handeln gibt? Unter Chiffre wird ein bezugsscheinfreies Handwaschmittel angeboten, für das genügend Rohstoffe vorhanden seien. Es wird in der Anzeige ausdrücklich darauf hingewiesen, dass es sich„weder um Sand, noch um Sägemehl handelt".— Was zu haben ist, sind offenbar Kunstschätze. Der Generalstaatsanwalt in Düsseldorf kündigt die Zwangsversteigerung von 700 Gemälden, meist neuzeitlicher Meister an. Diebesgut aus ehemals jüdischem Besitz natürlich. Hitler hat vor Jahren im vertraulichen Gespräch zu seinen Komplizen gesagt, er betrachte den Frieden nur als einen Waffenstillstand. Er werde den Krieg von 1914 da fortsetzen, wo er 1918 abgebrochen worden sei. Und dieses Versprechen hat er ausnahmsweise wirklich gehalten. Der deutsche Versorgungsstand gleicht dem von 1918 aufs Haar, und es wird den Nationalsozialisten der Dolchstosslegende zum Trotz gelingen, die Folgerichtigkeit des ersten deutschen Zusammenbruchs durch die Herbeiführung eines zweiten zu beweisen. Wiederselien mit Berlin Die Nazidichter, die solange nach Blut und Boden riefen, bis nun endlich der Boden Europas mit dem Blut der Opfer getränkt wird,— die Nazidichter sind zumeist daheimgeblieben. Sie haben die Aufgabe, der inneren Front Begeisterung einzuimpfen,— ein Bemühen, das auch dann vergeblich bliebe, wenn die Herren etwas begabter wären. Die Blubodichter sitzen daheim. Immerhin: es gibt Ausnahmen. Euringer zum Beispiel, der vielmals preisgekrönte, war in Polen mit dabei. Aber man hat ihn bereits wohlbehalten wieder heimgeschickt. Und nun dichtet er schon wieder Blubo. Im Hamburger Fremdenblatt/ Nr. 306/ schildert er unter dem Titel„Wiedersehen mit Berlin" die Eindrücke seiner Heimkehr. Sie geben uns tiefen Einblick in das Gemütsleben eines braunen Dichters und Helden: „Auf Dienstfahrt. Im verdunkelten Abteil. Losgelöst von der Truppe... Erstmals sind wieder Frauen um mich. Dasselbe Erstaunen wie damals/ im Weltkrieg /, dass es dies Wohlige noch gibt, dies sammelweich Nachbarliche, das in Dunkelheit und Engnis ungewollt den Arm an dich schmiegt. Man nützt es nicht aus. Aus Anstand. Aus Achtung vor der Wehrlosigkeit. Oder ist man älter geworden? Uebrigens ahne ich, die Menschheit wird lernen, auch der Nachtseite dieses Krieges rasch ihre Lichtseifen abzugewinnen." In Dunkelheit und Engnis schmiegt ungewollt ein Frauenarm sich an Euringer. Euringer nutzt es nicht aus. Aus Anstand! Oder ist Euringer älter geworden? Es dürfte das Letztere infrage kommen. Aber der nicht anständiger, nur älter gewordene Blubogeniesser ahnt, dass die Menschheit es lernen wird, der Nachtseite des Krieges Lichtseiten abzugewinnen. Nachdem Euringer also schon auf der Heimfahrt uns als Dichter und Charakter den traditionellen Brechreiz erregt hat, steigt er in Berlin aus dem Zug. Was fällt ihm als erstes auf? „Als erstes in Berlin fällt mir auf: musterhafte Ehrenbezeigungen. Auch in finsterster Dunkelheit. Auf Schritt und Tritt klappen die Hacken, sticht die Hand an die Feldmütze hoch. Ein ausgezeichnetes Symptom innerer Zucht. Die Leute könnten sich wirklich drücken; kein Mensch könnte sie zur Rede stellen. Aber nein, sie grüssen straff ein Achselstück, das sie bestimmt nicht sehen. Sie grüssen den Umriss des Vorgesetzten, der kaum als Umriss erkennbar ist. Ein ausgezeichnetes Symptom." Dass Berlin hungert, dass graue, müde Hoffnungslosigkeit über den Menschen liegt, dass die Stimmung nicht der von 1914 sondern der von 1917 gleicht, davon nimmt Euringer natürlich nicht Notiz. Als erstes fällt ihm auf, dass ein Umriss dem andern im Dunkel Ehrenbezeugungen erBedenken Stalins gegen einen eigenen Krieg noch verstärken. Die englische und französische Regierung handeln deshalb weise, wenn sie in diesem Krieg mit seinen unvor- aussehbaren Möglichkeiten die Entscheidung nicht forcieren, sondern sie im Bewusstsein ihrer wachsenden Stärke abwarten. Die Beschlüsse von Genf mit ihrer Verurteilung des zweiten Angreifers sind keine Schwächung ihrer Stellung gegen den ersten Angreifer, dessen Schuld für den Erkennenden wie den Naiven gerade durch den Angriff auf Finnland erst recht evident geworden ist. Eine Verhinderung der weist. Sonst fällt ihm nichts auf. Euringer lieflert mithin ein ausgezeichnetes Symptom innerer Zucht., Bleibt er nun daheim? Oder geht er nach Westen? Hm, das kommt darauf an. Einerseits— andrerseits. „Unser Standpunkt ist eindeutig der: Wir danken für jede Art Denkmalsschutz. Wir wünschen nicht reklamiert zu werden... Andrerseits dürfen die Musen nicht schweigen, weil nun die Waffen sprechen. Der Künstler hat seine Mission, seine Funktion erst recht im Kriege. Es muss die Form gefunden werden, die uns unserm Dienst nicht entzieht und uns doch in stiller Stunde ermündigt, unser Wort zu sagen. An verantwortlicher Stelle finde ich Verständnis für diesen Standpunkt." Man wird für Euringer und seinesgleichen schon eine Form finden. Er kann beruhigt sein. Und darum kann er sich abschliessend die folgende Erkenntnis leisten: „Durch unser Weltkriegsschrifttuifl haben wir so viel von dem vorweggenommen, was nun wiederum erlebt wird, dass Nerven und Gemüt eigenartig präpariert sind. Das furchtbare wirkt seltsam natürlich." Euringers Nerven und Gemüt sind eigenartig präpariert. Das Furchtbare erscheint ihm natürlich. Ein ausgezeichnetes Symptom der totalen Barbarei. Xurück xur Penne Wenn arme Teufel früher alte Kleider tauschen oder verkaufen wollten, so gingen sie auf„die Penne". Dort konnte man abgetragene Schuhe usw. gegen noch abgetragenere oder besser erhaltene eintauschen. Man zahlte eine Kleinigkeit drauf oder bekam etwas heraus, je nach denn Diese Stätten waren tragikomische, traurige Ausschnitte aus der untersten Armut: Bilder aus dem Lumpenproletariat. Jetzt werden in deutschen Städten solche Tauschbüros für Allerältestes eingerichtet. „Getragene Schuhe mit Fleck gegen getragene Schuhe ohne..." Ein ganzes Volk sinkt in die trollhafte, unterweltliche Pen- nenödnis, die alte Handwerksburschen aus ihrer Jugendzeit her kennen.„Guterhaltener Miedergürtel gegen gestopfte Daraen- strümpfe..." Ununterbrochen wächst drüben der Respekt vor altem Volksgut. IM«* Kravalte Arbeit, Freiheit, Wohlstand, Güferreich- tum versprach Hitler einst dem deutschen Volke in allen Tönen. Nach sieben Jahren brauner Erneuerung legt das System dem rationierten Untertan ein fabelhaftes Weibnachtsgeschenk auf den Tisch: eine Kra- vatte oder ein Paar Strümpfe. Bezugsscheinfrei zu kaufen. Die Kravatle ist gu' gewählt, man weiss, was sie in der Gangstersprache bedeutet: der Griff nach der Gurgel. Sieben Jahre genügten den Braunen, um die Reichtümer Deutschlands völlig zu verwirtschaften. Nach sieben Jahren schon dreht das tausendjährige Reich seinen Untertanen die Kravatte. Die Nazipresse feiert die„frohe Botschaft" wie eine säkulare Tat. Die Kravatte wird mit Hohn gedreht. Deutscher Flüsterwitz: Wir haben das beste Staatssystem— in der Demokratie sorgte sich keine Regierung um unsern Schlips. Für Leichtgläubige. Die russischen Legationen haben den deutschen Geschäftsreisenden, die voller Hoffnungen gen Ostland reisen wollten, die Erteilung der Einreisevisen abgelehnt. Die Deutsche Arbeitsfront aber hält noch bei einem früheren Stadium der deutsch-russischen Beziehungen. Sie fordert Ingenieure, Werkmeister, Handwerker und Handelsangestellte auf, nicht nur in Abendkursen russisch zu lernen, sondern die von der Arbeitsfront in Hohenstein im Taunus eingerichtete Sprachschule zu besuchen, weil sich ihnen, wenn sie dort gut russisch gelernt haben, eine grosse Zukunft eröffne. Stellungnahme des Völkerbunds wäre eine schwere Verletzung des sich aufbäumenden Rechtsgefühls der Welt gewesen, die namentlich in den amerikanischen Staaten von schlimmer Wirkung gewesen wäre. Aber im Kriege zählen letzlich nur die Taten und die Beschlüsse des Völkerbunds sind nur ein Zwischenspiel zwischen den Schlachten. Was immer Stalin, in das gefährliche Abenteuer verstrickt, das Finnland schon jetzt für ihn bedeutet. schliesslich tun mag, der Hauptfeind bleibt Hitler und ihn schlagen heisst zugleich Stalin treffen. Dr. Richard Kern. Chronik der Woche Russlands Ausschluss aus dem Völkerbund Montag, 11. Dezember 1939 Im Völkerbund, dessen Tagung von dem norwegischen Delegierten Hambro geleitet wird, begründet der flnnländische Gesandte Holsti den Appell an die Hilfe der anderen Völkerbundstaaten. Es wurde beschlossen, die russische und die flnnländische Regierung zur sofortigen Einstellung der Feindseligkeiten und zu Verhandlungen unter den Auspizien des Völkerbundes aufzufordern. Finnland erklärt sich zur Annahme dieses Vorschlages bereit. Die norwegische Regierung hat die Evakuierung der im Norden in der Nähe der finnländischen Grenze(gelegenen Bezirke angeordnet. Der schwedischen Regierung wurden sowohl von Deutschland wie von England Beistandspakte zum Schutze der Bergwerksbezirke angeboten, doch wurden die Anerbieten beider Regierungen zurückgewiesen, Ein Oberbefehlshaber der schwedischen Streitkräfte ist ernannt worden. Damit wurde eine Massnahme getroffen, die nach dem schwedischen Gesetz für den Fall des Krieges oder der Kriegsgefahr vorgesehen ist. Die finnländischen und die schwedischen Goldreserven sind zum grossen Teil in die Vereinigten Staaten von Amerika transportiert worden. Die Sowjetregierung Hess in London und in Paris gegen die Verschärfung der Blok- kade gegen Deutschland protestieren. Dienstag, 12. Dezember 1939 Die Sowjetregierung teilt dem Völkerbund mit, dass sie jede Diskussion der finnländischen Frage ablehnt. Sie beruft sich dabei auf ihren am 5. Dezember zum Ausdruck gebrachten Standpunkt, dass sie nur die sogenannte„Volksregierung Kuusinen" anerkenne, mit der sie sich nicht im Kriege ' befinde. Die schwedische Regierung ist umgebildet worden. Der Sozialdemokrat P. A. Hanson bleibt Ministerpräsident, aber an die Stelle des sozialdemokratischen Aus- senministers Sandler tritt der seitherige Gesandte Schwedens in Oslo Christian Günther. Dem aus dreizehn Personen bestehenden Kabinett gehören fünf Sozialdemokraten an. Mittwoch, 13, Dezember 1939 Das englisch-französische Wirtschaftsabkommen wird durch eine Deklarierung der"Währungssolidarität zwischen beiden Ländern erweitert. Das Verhältnis zwischen Franc und Pfund wird stabilisiert. Beide Länder stellen sich gegenseitig ihre Währung ohne Goldzahlungen zur Verfügung. Die Ausgaben für den gemeinsamen Kampf werden im Verhältnis zwei zu drei zwischen Frankreich und England gefeilt. Zur schwedischen Kriegsmarine wurde eine grosse Anzahl Techniker einberufen. Donnerstag, 14. Dezember 1939. Der Völkerbund nahm eine Entschlies- sung an, durch die Russlands Handlungsweise gegen Finnland feierlich verurteilt wird. Die Sowjetunion habe sich damit selbst aus dem Völkerbund ausgeschlossen, so dass sie dem Bund nicht mehr angehöre. Alle Völkerbundsstaaten werden aufgefordert, Finnland Beistand zu leisten. Die technische Hilfe des Völkerbundes wird dazu zur Verfügung gestellt. Chamberlain teilt mit, dass die englischen Verluste in den ersten drei Kriegs- monaten sich auf 2 100 Mann belaufen. In den ersten drei Monaten des Weltkrieges von 1914 betrugen die englischen Verluste ungefähr 12 500 Mann. Die rumänische Regierung hat wegen zahlreicher Brände in Petroleumlagern im Bezirk Ploeschti verschärfte Wachmass- nahmen mit Strafandrohungen angeordnet. Freitag, 15. Dezember 1939 Ein englisch-französisches Gewerkschaftskomitee wurde unter Führung von Sir Walter Citrine und Leon Jouhaux gebildet. Es hat die Aufgabe übernommen, die Rechte der Arbeiter und ihre Arbeitsbedingungen aufrecht zu erhalten und gleichzeitig den Notwendigkeiten der Kriegswirtschaft der Alliierten Rechnung zu tragen. Der ersten Tagung in Paris werden weitere regelmässige Zusammenkünfte folgen. Das Vermögen des emigrierten Grossindustriellen Fritz Thyssen, das auf 200 Millionen Mark geschätzt wird, ist beschlagnahmt worden. Sonntag, 17. Dezember 1939 Dem deutschen Schlachtkreuzer Admiral Graf Spee, der nach einer Schlacht mit drei kleineren englischen Kreuzern in schwer beschädigtem Zustand in den Hafen von Montevideo geflüchtet ist, wurde die Aufenthaltsfrist auf 72 Stunden beschränkt. Die notwendigen Reparaturen konnten in dieser Zeit nicht durchgeführt werden. Da die Engländer inzwischen noch Verstärkung erhallen hatten, schien eine neue Seeschlacht so aussischtslos, dass der deutsche Schlachtkreuzer von | seiner eigenen Mannschaft versenkt wurde. Die Regierung von Uruguay hat in London und in Berlin wegen der Verletzung ihrer Hoheitsgewässer durch das Seegefecht, das unmittelbar vor der uruguayischen Küste stattfand, protestieren lassen. Alle amerikanischen Staaten erklärten sich mit der Regierung von Montevi- | deo solidarisch. Ley,„bleibt in Kraft." Aber er hätte auch erwähnen sollen, dass der Jugendschutz die Jugend nicht schützen, sondern nur für den Kriegsdienst freimachen soll. Die Hitlerjugend wird nämlich für den Kriegsdienst ausgebildet und zum Kriegshilfsdienst herangezogen. Es sind dafür besondere Führerscbulen der H. J. eingerichtet worden. Herr Ley behauptete auch in seinem Aufruf, von den Vollmachten des Kriegswirtschaftsgesetzes sei nur ein Teil in Anspruch genommen worden und man sei mit dem Lohnstop ausgekommen. Man kann ihm diesmal sogar glauben, denn die Locklöhne, gegen die das Regime seit Jahren ankämpft und denen mit der Kriegswirtschaftsverordnung der letzte Stoss versetzt werden sollte, sind im Kriege erst recht unentbehrlich, schon deshalb, weil angesichts des wachsenden Bedarfs und des wachsenden Mangels an Fachkräften der bürokratische Apparat der Arbeitsämter versagen muss. Mag Hitler den Arbeitern Löhne entziehen oder die entzogenen Löhne wieder zugestehen, in keinem Falle geschieht es um der Arbeiter selbst willen, die in jedem Fall für Hitler nichts sind als willenlose Instrumente einer tollgewordenen Machtgier. G..4. F. Itrlegslftline In Deutecliland Wenig Lolaii, mehr Arbelt Hitlers Sozialpolitik diente niemals der Fürsorge für die Arbeiter, sondern war immer nur ein Mittel der Kriegsvorberei- lung. Mit der Verkündung des Vierjahresplanes setzte auch die sozialpolitische Vorbereitung auf den Krieg mit aller Kraft ein. Damals verbot Hitler die Erhöhung der Tariflöhne. Der Lohnstopp sollte die Kosten der militärischen und wirtschaftlichen Mobilmachung auf Kosten der Arbeiter verbilligen und zugleich ihren Verbrauch zugunsten der Bewaffnung drosseln. Die nationadsozialistische Wirtschafls- theorie nennt das; Abschöpfung der Kaufkraft. Der Druck auf den Lohn war zugleich ein Zwang zur Mehrarbeit. Nur wer mehr arbeilen wollte, konnte mehr verdienen als den normalen Tariflohn und trotz Teuerung einigermassen„durchhallen". Aber der Lohnstop, zunächst eine erwünschte Gewinnquelle für die Unternehmer, wurde ihnen schliesslich zum lästigen Hemmnis. Denn im Fieber der Kriegsrüstung wurden in den Waffen- Und Ersatzstoffabriken mehr Menschen gebraucht, als die vorhandene Reserve arbeitsgeschulter Männer und Frauen hergeben konnte. Die Ware Mensch wurde fast noch seltener als Kupfer und Kautschuk. •Man musste alle Energie und allen Erfindungsgeist anwenden, um dem Konkurrenten nicht nur die nötige Menge Eisen, sondern zugleich die Facharbeiter wegzuschnappen, die zu seiner Verarbeitung unentbehrlich sind. Die Facharbeiter wurden liil sogenannten Locklöhhen, also dem Befehl des Lohnstops zuwider, einem Unternehmer durch den anderen entzogen und dadurch die Rangordnung der Kriegswichtigkeit von Staatsauflrägen, die man bei der Rohstoffverteilung aufs strengste innezuhalten suchte, durcheinander gebracht. Dieser im Interesse der deutschen Kriegsmacht unerwünschten Verteuerung Und Fluktuation der Arbeitskräfte sollte ein für alleraal ein Ende bereitet werden. Mit der Verordnung über die Lohngestaltung wurde jede Aenderung der Arbeitsbedingungen untersagt, die nicht von den Treuhändern der Arbeit gutgeheissen war. Damit war das Wegengagieren zwar erschwert, aber längst nicht unterbunden, denn die verfügbaren Fachkräfte wurden immer seltener, die Heeresaufträge immer Zahlreicher und ihre Ausführung immer dringlicher. Daher wurde die Ermächtigung der Behörden zur Ueberwachung des Arbeitsmarktes noch erweitert. Sie hatten jetzt nicht nur jede Veränderung der Arbeitsbedingungen, sondern für die meisten Und kriegswichtigsten Industriezweige auch jede Veränderung des Arbeitsplatzes zu bewilligen. Kein Arbeiter durfte ohne, Kenntnis und Erlaubnis des Arbeitsamtes eine Arbeit annehmen oder verlassen, eingestellt oder gekündigt werden. Zugleich wurde die Arbeitskraftreserve gestreckt und neue Arbeitskraftreserven zur Stärkung von Hitlers Kriegsmacht erschlossen. Der Achtstundentag wurde offflziell abgeschafft, nachdem längst von den Unternehmern unter stillschweigender Duldung dei Nazibehörden der Zehnstundentag zur Regel gemacht worden war. Mit der Arbeitszeitordnung wurde der Zehnstundentag legalisiert. Der Achtstundentag, praktisch beseitigt, behielt nur noch die Funktion einer Grundlage für die Lohnberechnung. Die acht Stunden überschreitende Arbeitszeit sollte, von der AUsnahme der Arbeiten von besonderer Kriegswichtigkeit abgesehen, mit einem Aufschlag von 25% über den Tariflohn abgegolten werden, nicht um der Arbeiter selbst willen, sondern um einen Anreiz zur Steigerung der Arbeitsleistung zu schaffen, die man brauchte, um ein Höchstmass von Kriegsrüstung mit einem Mindesmass an| Aufgebot von Menschen zu bewältigen. Schiesslich wurde die Arbeitsdienstpflicht und die Arbeifsbuchpflicht für alle Männer und Frauen eingeführt, und man sollte 1 meinen, dass damit die Herabwürdigung des Menschen zum Arbeitssklaven vollendet war und in dieser Richtung zu tun fast nichts mehr übrig blieb. Schon die ersten Tage des Krieges haben aber gezeigt, dass die Sozialpolitik vor! dem Kriege nur die Voraussetzung für die Sozialpolitik im Kriege geschaffen hat. Es : galt nunmehr, die Kriegslöhne einzuführen. Die Zuschläge für Uebcrstunden und für Nacht-, Sonn- und Feiertagsarbeit, die (bis dahin in keiner Tarifordnung hatten fehlen dürfen, weil sie leistungssteigernd wirken und Arbeitskräfte ersparen sollten, hatten sich als Mittel der Kriegsvorbereitung bewährt, waren aber nun zu einer! Gefahr für die Führung eines Krieges von längerer Dauer geworden. Man fürchtete, dass durch sie der Krieg zu teuer und dass die Mehrverdienste die Ratonierung stören würden. In einem Artikel der „Frankfurter Zeitung"(21.11.39)„Die geradlinige Sozialpolitik" heisst es, es sei zu erwarten gewesen,„dass die kriegs- � wirtschaftliche Umstellung in sehr viel mehr Betrieben eine Ueberschreitung des als Norm geltenden achtstündigen Arbeitstages und so vielleicht in manchen Gruppen eine plötzliche Steigerung des Einkommens mit sich bringen werde. Sie wäre aber wirtschaftspolitisch unter Umständen (n einem Augenblick, in dem eine Ausdehnung des privaten Verbrauchs unter keinen Umständen in Frage kam, unerwünscht gewesen". Dieser unerwünschte Teil des Lohnes wurde also abgebaut. Mit der Kriegswirtschaftsverordnung vom 4. September wurden die Zuschläge für Mehrarbeit, Sontags-, Feiertags- und Nachtarbeit verboten. Damit keine Minute für die Kriegsproduktion verloren gehe, wurde der Urlaub abgeschaft, das Prunkstück der nationalsozialistischen Sozialpolitik und eines der beliebtesten Objekte der Nazipropaganda im In- und Ausland. Die Befugnisse der nationalsozialistischen Arbeitsmarktbehörden wurden noch erweitert. Sie haften jetzt nicht nur Arbeitsbedingungen gutzuheissen, sondern selbst festzusetzen. iSe wurden ermächtigt,„Tarifordnungen, Löhne, Gehälter und sonstige Arbeitsbedingungen mit bindender Wirkung nach oben festzusetzen und Massnahmen zum Abbau überhöhter Löhne zu treffen". Damit wollte man vor allem den Locklöhnen zu Leibe gehen. Diese Methode des Durchhaltens hat sich aber offenbar nicht bewährt. Man musste einsehen, dass der Bogen überspannt und etwas zuviel Kaufkraft abgeschöpft worden war. Was der direkte Lohnabbau übriggelassen hat, wurde dem Arbeiter durch den Kriegszuschlag auf die Lohnsteuer und die wachsende Teuerung genommen. Man fürchtete offenbar, dass die Missstimmung der Arbeiter darüber, dass von den Wohltaten des Nationalso- zialzialismus nichts übriggeblieben war als die Mehrarbeit und die Lebensmittelkarten, zum Rückgang der Arbeitsleistung führen könnte. Daher musste sich Leg cntschlicssen, einen Aufruf an die Arbeiter zu richten, und darin zu verkünden, dass ein Teil des Lohnabbaues wieder rückgangig gemacht werden soll. Die Zuschläge� für Nacht- und Feiertagsarbeit dürfen wieder gezahlt werden, und im nächsten Jahr soll es wieder Urlaub geben. Auch l eberstunden dürfen wieder bezahlt werden, aber nun ist der Achtstundentag endgültig beseitigt und der Zehnstundentag zum normalen Arbeitstag bestimmt worden. Der Arbeiter muss also für denselben Lohn, für den früher 8 Stunden gearbeitet hatte, 10 Stunden arbeilen. Die neunte und zehnte Stunde werden nicht mehr bezahlt, sondern nur noch die elfte und zwölfte, aber auch davon können von den Treuhändern Ausnahmen bewilligt werden. Für die Verlängerung der unbezahlten Arbeitszeit sollen die Arbeiter durch warmes Mittagbrot aus der Werkküche entschädigt werden, wofür allerdings die Fleisch- und Fettkarten der Werkküche abgeliefert werden müssen. Die Frauen sollen nicht in der Nacht arbeiten dürfen, aber auch davon kann in Ausnahmefällen mit Zustimmung der Treuhänder abgewichen werden.„Der Jugendschutz", sagt der Herr IM« Ulnrlclitungfsnclle Die deutsche Hinrichtungsmaschinerie arbeitet fieberhaft weiter. In der Woche vom 27. November bis zum 3. Dezember sind 12 Todesurteile vollstreckt worden. In vier Fällen handelte es sich um Plünderungen während der Verdunkelung, in zwei Fähen um Plünderungen im geräumten Gebiet, in zwei Fällen um Brandstiftungen auf landwirtschaftlichen Gütern. Weiter sind als Delikte„Raubüberfälle und Vergewaltigungen während der Verdunkelung" angegeben. Wieweit hier politische Vergehen zu ehrenrührigen Verbrechen umgefälscht worden sind, um die Bevölkerung über das Anwachsen der oppositionellen Bewegung hinwegzutäuschen, ist natürlich nicht feststellbar. Die„Westfälische Landeszeitung" vom 8. Dezember gibt 5 Todesurteile bekannt, die alle an einem Tag vollstreckt worden sind. Es handelt sich um zwei„Hoch- und Landesverräter", einen Sittlichkeitsverbrecher, einen Brandstifter und einen Einbrecher, der das Delikt während der Verdunkelung begangen hat. Die „Frankfurter Zeitung" vom 5. Dezember meldet die Hinrichtung einer Frau, die eine Scheune angezündet hat. Am 7. Dezember werden drei vom Sondergericht Berlin gefällte Todesurteile bekanntgegeben. Zu den Verurteilten zählt ein 17jähri- ger Junge, dem die ErJeichterungen der Jugendgesetzgebung versagt worden sind,„da seine geistige Entwicklung einem über Achtzehnjährigen gleichzustellen sei". Der Bursche hat einen Raubüberfall begangen. Er war zehn Jahre alt, als Hitler die deutsche Jugend unter seine Fittiche nahm. Da mag er wohl Zeit gehabt haben, sich„geistig" zu einem Räuber zu entwickeln, der es mit jedem Erwachsenen aufnehmen kann. Nur ist es nicht seine Schuld. Die deutschen Zuchthäuser, die bereits überfüllt sind, müssen immer neue Häftlinge aufnehmen. Wie die„Westfälische Landeszeitung" vom 8. Dezember mitteilt, ist in Düsseldorf wieder ein Arbeiter zu einem Jahr Zuchthaus verurteilt worden, weil er einen ausländischen Sender abgehört hat. Der 71jährige Karl Diefze aus Frankfurt erhielt(i Jahre Zuchthaus und 500 000 Mark Geldstrafe wegen„Volksverrats", Devisenverbrechens und einer falschen eidesstattlichen Versicherung. Dietze, der einige überseeische Kaffeeplantagen be- siass, ist angeblich„steuerunehrlich" gewesen und hat der Reichsbank anmeldepflichtige Dollarbeträge verschwiegen. „Mildernde Umstände", so heisst es im Gerichtsbericht. „wurden dem Angeklagten trotz seines hohen Alters versagt, da er in hartnäckiger Weise geleugnet und eine ausgesprochene Tvampfstellung gegen das Gericht emgenommen habe." Der Angeklagte wird sich der anmeldepflichtigen und nicht angemeldeten Beträge erinnert haben, die auf den Auslandsguthaben seiner Führer zu finden sind. Aber das ist keine Entschuldigung. Es wird in Deutschland kaum ein todes- und zucht- hauswttrdigcs Verbrechen geben, dessen sieh nicht der eine oder der andere alle Kämpfer schuldig gemacht hätte. Aus Lettland sind nunmehr 48 000 Deutsche abgeschoben worden, womit die Räumung der„deutschen Wacht im Osten" für diesen Teil beendet wäre. Laut Berliner Presse hat das„Sondergericht Bromberg" in den zehn Wochen seiner Tätigkeit rund 80 Todesurteile wegen angeblicher„Ermordung Volksdeutscher" gefällt, während 700 Morde noch„der Aufklärung harren"... An diesem Beispiel ist zu ermessen, mit welcher Bestialität die Ausrottung der Polen betrieben wird. Dentüclie Weilinaclitseinkänfe Sorten der deutschen Frauen In vergangenen Zeiten waren es nur die Geldsorgen, die der wohlgelaunten Geschäftigkeit der 20 Millionen deutschen Hausfrauen, die in den Tagen und Wochen vor Weihnachten mit ihren Einkaufszetteln von Laden zu Laden eilten, ein Ende bereiten konnten Heute sind diese Geldsorgen nicht geringer, aber sie verblassen neben den anderen Kümmernissen, die den Frauen von den ersten Weihnachtsvorbereitungen während des Hitlerkrieges aufgebürdet werden. An Ueberlegungen und an einen Einkaufszettel ist schon garnicht mehr zu denken. Nimm was du kriegen und bezahlen kannst, das ist die einzige Maxime, die heute für Einkäufe in Deutschland gilt. Zunächst einmal müssen alle Sonderzuweisungen wahrgenommen werden. Eine Krawatte pro Mann, ein Paar Strümpfe pro Frau, die auf einen Sonderabschnitt der Kleiderkarte zu Weihnachten verkauft werden. Dann für zwanzig Pfennig Näh- Stopf- oder Stickfaden. Mehr gibt es nicht und wochenlang konnte man überhaupl kein Nähmaterial bekommen. Vanille, Zimmt, Nelken und andere Gewürze, die es seit Kriegsausbruch nicht mehr gab, sind nun in kleinen Quantitäten vorübergehend zu haben. Sie müssen den Geschmack von Fisch- und Milcheiweiss überdecken, das in diesem Jahr zum Weihnachtsgebäck verwendet werden muss, weil Fett und Eier fehlen. Dann muss die Jagd nach dem Weihnachtsbaum frühzeitig begonnen werden, denn es sind den einzelnen Orten nur knappe Kontingente zugeteilt worden und nur kleine Bäumchen. Das Aufstellen von Weihnachtsbäumen auf öffentlichen Plätzen und auf Bahnhöfen ist wegen der Holzknappheit ausdrücklich untersagt worden. Die Fleischkarte der ersten Januarwoche kann bereits vor Weihnachten zu Einkäufen benutzt werden, was zur Hebung des Weihnachtsgeistes dienen soll, wie das Propagandaministerium ausdrücklich verkünden lässt. Der Neujahrsgeist wird durch diese Fleischkartendiskontierung vermutlich weniger gehoben. Lebkuchen, Schokolade und Backwaren mit Schokoladen- guss sind in der Theorie auf Lebensmittelkarten, also in kleinen Mengen zu haben — in der Praxis sind sie jeweils ausverkauft. Zigarren dürfen nicht mehr als fünf Stück abgegeben werden und nur an Männer. Die Zigarrenhändler geben die paar Zigarren nur ihren Stammkunden. Eine Sonderzuweisung von Zigarren an Nazibonzen wurde in der Weise legalisiert, dass ganze Kistchen Zigarren verkauft werden dürfen, wenn der Preis der einzelnen Zigarre höher als fünfzig Pfennig ist. Der Einkauf einfacher Gebrauchs- und Geschenkartikel wurde durch verschiedene amtliche Verordnungen gedrosselt. Die Kaufhäuser durften keine Sonderauslagen zu Weihnachten machen. Der traditionelle grosse Weihnachtsmarkt im Berliner Lustgarten ist in diesem Jahr verboten. Den Soldaten dürfen keine Weihnachtspakete von Organisationen geschickt werden. Die Verordnung verbietet das zwar nur den christlichen Wohlfahrtsorganisationen und der Heilsarmee, denen auch die sonst an Weihnachten üblichen Sammlungen untersagt wurden. Da es ausser diesen Wohl- fahrtsorganisationen aber nur noch nationalsozialistische gibt, liegt es in der Hand der Nationalsozialisten, zu bestimmen, ob die Soldaten über die Familienpäckchen hinaus etwas zu Weihnachten bekommen. Neben den Verkaufsbeschränkungen und Drosselungen wird in grossen Gruppen von Waren, die während des Krieges nicht mehr ersetzt werden können jetzt geradezu ein Ausverkauf veranstaltet. Die Ab- stossung dieser Waren soll den gesamten Handel vereinfachen, ihn zu einem möglichst einheitlichen und übersichtlichen Verteilungsapparat für den notwendigsten Lebensbedarf im Krieg zusammenschrumpfen lassen. In der Presse wird das bereits als erstrebenswerte Entwicklung diskutiert. Die„Deutsche Allgemeine Zeitung" kündigt an, dass es wahrscheinlich möglich sein wird, nach Weihnachten einen grossen Teil der Geschäfte zu schliessen, weil ihre Lagerbestände doch; nicht mehr aufgefüllt werden können. Die Inhaber dieser Geschäfte sehen mit Zittern und Zagen jedem Kunden entgegen, der durch seine Einkäufe die Liquidierung ihres Unternehmens beschleunigt. Bei vielen Waren ist die Auswahl schon sehr beschränkt, so bei Handlaschen, Gürteln und anderen Lederwaren und vor allem auch bei Schuhen, die es ohnedies nur bei äusserster Notwendigkeit und nur auf Karten gibt. Die Schuhfabriken arbeiten seit Kriegsbeginn nur noch für das Militär. Für eilige Schuhreparaturen fordern die Schuster mindestens vier Wochen Zeit. Gesohlt werden die Schuhe mit einem Ersatzstoff, der aus zusammengepressten Fasern von altem Leder besteht. Porzellanfabriken nehmen kaum mehr Bestellungen an und die Auswahl in den Geschäften ist bereits beschränkt, während von Keramikwaren offenbar ein grosser Vorrat vorhanden war. Papeteriewaren sind sehr knapp. Die Papierfabriken sind zu einem grossen Teil auf die Herstellung von Zellwolle für Heeresbedarf umgestellt worden. Beinseidene Konfektionswaren, Spitzen und Spitzendeckchen, die ohne Karten gekauft werden können, sind noch in reicher Auswahl vorhanden. Schmuck- und Silberwaren kann man zwar noch kaufen, aber nur zu masslos überteuerten Preisen. Für goldene Gegenstände muss die gleiche Menge Alt- oder Bruchgold abgeliefert werden. Ebenso kann man Grammophonplatten im allgemeinen nur kaufen, wenn man alte Platten in gleicher Zahl abgibt. Unter den Toilettenartikeln fehlen Seife und die meisten alkoholhaltigen Parfüms. Gross ist offenbar noch der Vorrat an Photoapparaten, Grammophonen, Musikinstrumenten und Radioapparaten. Die grossen Radioapparate werden beim deutschen Ausverkauf wahrscheinlich überhaupt übrig bleiben, da heule der Ankauf eines Apparates, mit dem Auslandsender gehört werden können, mehr Mut erfordert, als die meisten Käufer aufbringen., Presse und Rundfunk empfehlen, zu Weihnachten Bücher zu schenken. Bei den deutschen Verlegern, die sich seit 1933 bei der Herausgabe von Büchern mehr von ihrer Devotion vor Goebbels als von ihrem literarischen Gewissen leiten Hessen, türmen sich die bisher unveräusserlichen Restauflagen bergehoch. Das ist neben dem bornierten deutschen Nationalismus mit einer der Gründe, weshalb demnächst die Werke englischer und französischer Autoren, die schon jetzt kaum zu haben sind, ganz aus dem Buchhandel zurückgezogen werden sollen. Das Propagandaministerium gedenkt bei seiner weihnachtlichen Einkaufsdiri- gierung auch der lieben Kleinen. Es empfiehlt„zur Entwicklung des nationalen Geistes der Kinder" Spielsoldaten, Kanonen, Unterseeboote und alles, was zu einem frisch-fröhlichen Nazikrieg gehört— und alles aus Ersatz. Metall und Holz müssen gespart werden. Mit Kunstharzpresstoff wird der ganze Kinderkrieg betrieben. Der Clou des diesjährigen Spielzeuggeschäftes ist ein Miniaturtank. Während er fährt, schiesst er selbsttätig. Seine Panzerplatten bestehen ebenfalls aus Kunstharzpressstoff. Der goldene Sonntag Die Nazipresse wettert gegen den Andrang des Publikums zu den Weihnachtskäufen. Aus propagandistischen Gründen musste das Regime wenigstens zum„Fest des Schenkens" die Lager etwas auffüllen. Nun setzte der Sturm ein, zumal sich das durch die Demokratie verdorbene Volk noch immer einbildet, Schaufensterauslagen seien zum Anlocken da. Ein Redner des Reichsfinanzministeriums drohte, wenn das Publikum mit seinen Käufen sich nicht massige, müssten neue Steuern her, um die Spar- und Hamstergelder zu erfassen.—■ Der Fluch wider die Käufer, das Ersuchen, den„goldenen Sonntag" zum blechernen zu machen und nicht durch Kauflust zu entweihen— welch eine groteske Erneuerung des Weihnachtsfestes. Altes Brauchtum, auf neu gewendet. Kämpfe(laholni Der Stuttgarter Gauleiter Murr hat 35 den Kriegsschauplatz Innerdeutschland durchstreifenden deutschen Journalisten erklärt, 50 Prozent der nationalsozialistischen Parteimitglieder seien mobilisiert. Im übrigen hätten gerade die letzten Monate bewiesen, wie wichtig die Tätigkeit der nationalsozialistischen Führer im Innern des Landes sei. Die 50 Prozent glaubt dem Gauleiter Murr zwar niemand— aber dass die Heimkrieger täglich wachsenden Schwierigkeiten standzuhalten haben, ist nicht zu bestreiten. Aber die Sterne Die Schweizer Presse meldet, dass Hitlers bisheriger Leibastrologe, Dr. Martin Huber, ins Konzentrationslager Buchenwald geschafft worden ist, weil er dem Führer düstere Ereignisse prophezeit hat. Man kann die Uhr in die Pfandleihe tragen, weil einem der Zeitlauf nicht schnell genug ist, Man kann das Barometer zerschlagen, weil einem das Wetter nicht hell genug ist, man kann den Laufburschen schelten und plagen, weil einem der Chef nicht reell genug ist, man kann dem Glaser den Lohn versagen, weil einem das Taglicht nicht grell genug ist. Nur sei man nicht zu tief berührt, wenn alles das nicht weiter führt. V Jüngst hat ein Tyrann seinem Leibastrologen Huld, Freiheit und Ehre und Atzung entzogen. Der Seni in seiner Genauigkeit halle ihm mehr als genug prophezeit. Vom Mars— so gestand dieser Tollpatsch ganz offen— sei etwas Gedeihliches nicht zu erhoffen, auch trete Saturn in das zehnte Haus und sehe wie Wallensteins Grossmutter aus. Kurzum, der Herr Huber, so hiess das Orakel, entdeckte am Sternhimmel Makel um Makel. Nur dass er sich selbst ins Verderben ritt, das teilte sein treuloser Stern ihm nicht mit. Nun sitzt er, der Huber. Und was ist ge- , wonnen? Er sitzt, doch es kreisen unzählige Sonnen und Monde und Sterne im weiten Raum. Wer fängt sie, wer hängt sie, wer hält sie im Zaum? Wir wissen nicht, was die Gestirne uns , schenken, wir wissen nicht, ob ihre Strahlen uns lenken. Nur eines ist klar wie der klarste Kristall: wir lenken die Sterne in gar keinem Fall. Das verbittert und ängstigt und quält den Despoten, hält gerne den Sternen das Kreisen verboten. Doch da sich Saturn der Beharrung erfrecht, büssl Huber, sein schwacher, geschlagener Knecht. V Man kann sich die eigene Weste beflecken, weil einem die Welt nicht gemein genug ist. Man kann seinen Spiegel mit Schmutz bedecken, weil das eigene Lärvchen nicht fein genug ist, Man kann eine Maus aus dem Loche schrek- ken, weil man selbst zum Verkriechen nicht klein genug ist, Man kann seinen Seni ins Zuchthaus stekken, weil einem das Sternbild nicht rein genug ist. Nur sei man nicht zu lief berührt, wenn alles das nicht weiter führt. Tannenbaum ISütO Ort: deutsche Kleinbürgerstube. Die Mutter strickt, der dreizehnjährige Fritz bebändert einen Weihnachtskranz, der von der Decke herabhängt. Fritz: Und damals gab es soviel Seife und Zucker und Butter, wie du wolltest? — Mutter; Ja doch.— Fritz(mit den Attrappen spielend): Und Christbäume, Kerzen, Silberpapier und vergoldete Aepfel und Zuckerzeug, soviel man wollte?— Mutter: Ja doch. Schrei nich so.— Fritz: Das waren die vierzehn Jahre der Schmach, nich wahr? Da gabs noch die Juden, dann kam der Führer und rettete uns von dem Schacher und Handel und rationierte alles, sagt unser Lehrer. (Schlendert zum Rundfunk, stellt an.) Mutter: Spiel nich am Radio rum.— Fritz: Ist doch bloss Musik.(Träumerisch) Schöne Musik, hör doch, Mutter.— Mutter: Ja wohl, so kommt das Ausland, sagt der Blockwart. Immer abdrehn, wenn schöne Musik kommt, sonst wird uns der Apparat weg genommen, sagt er. Stell ab. Fritz(stellt ab, wieder am Kranz): Und die Kinder konnten damals soviel spielen, wie sie wollten und es gab noch keine Hitlerjugend?— Mutter: Frag nich soviel! Du wirst uns noch mal um Kopf und Kragen fragen!— Fritz: Und damals durfte jeder laut sagen, was er dachte, Mutter? Durfte einer auch sagen, die Regierung is ein Affe?— Mutter: Wenn du jetzt nich dein Maul hältst--(Pause). Fritz; Der Kurt Fritzsche meint, damals durftest du dir soviel Kleider kaufen, wie du bezahlen konntest und es gab keine Haussuchung, wenn du ein Paar Schuhe holtest; dann kam der Führer und rettete uns vorm Bolschewismus.— Mutter: Renne nich soviel mit dem Fritzsche rum, geh lieber öfter in die HJ, wie dein Bruder. Der bringts noch mal zu etwas, du nicht. — Fritz: Wenn jetzt der Rupprecht käme und ich dürfte mir was wünschen, ich tät sagen: Soviel Radio aufdrehn wie ich will und was ich will. Das müsste fein sein— lauter fremde Länder hören.— Mutter(seufzend): Mit dir werd ich noch meine Not haben. Andere Jungens, wie dein Bruder, die sind schon Scharführer und tragen Schiessauszeichnungen— und du träumst dir Märchen zusammen, egal Märchen. Es klingelt, die Mutter schrickt zusammen, geht und öffnet. Herein; der Blockwarf. Beide begeben sich in die Küche. Blockwart: Wie gehts? Der Mann im Westen, die Mutter einkaufen, da spielt der Fritz am Radio— schon hat ers Ausland.— Mutter: Oh Gott, der Lausejunge. Wenn denn?— Blockwart: Gestern. Erschrecken Sie nicht gleich, so schnell melde ichs nich nach oben. Aber mehr in die Kandarre nehmen, den Jungen. Dem Grossen mehr Erziehungsgewalt übertragen, solange der Vater fehlt. Mutter: Ach Gott, was soll aus dem Jungen blos werden? Sie sind doch Beamter, ein gebildeter Mann— was soll aus einem Jungen werden, der egal fragt? — Blockwart: Sehn Sie sich vor. Was fragt er denn?— Mutter: Wie es früher war und was es alles gab. Blockwart: Faul, ganz faul. Das kann mal einen Historiker geben.— Mutter: Ist das sehr schlimm?— Blockwart: Wenn ein Tischler einen Schrank macht oder ein Schuster Schuhe, da kann ihm nix passieren, nich? Aber wenn einer die Vergangenheit beschreiben soll-- merken Sie was?— Mutter: Um Gotteswillen... Manchmal phantasiert er Märchen zusammen: wenn er sich was wünschen dürfte und so...— Blockwart: Falls Sie nich gut aufpassen, kann sogar ein Dichter draus werden. Mutler(erschrocken): Dichter? Ist das schlimmer als Historiker?— Blockwart: Wenig Unterschied. Der eine schreibt Geschichte, der andere Geschichten. Wie leicht kann da was passieren. Mit dem Gefrage fängts an.— Mutter: Ja doch, aber schliesslich heisst es ja wohl, Jesus habe seine Lehrer auch durch sein Gefrage in Erstaunen versetzt, nich?— Blockwart: Na und? Wie gings weiter? Wolln Sie ihren Jungen am Kreuze sehn? Aufpassen, sag ich, der Teufel der Schmachzeit ist noch nich tot. Wiedersehn! Er geht ab. Die Mutter setzt sich in die Küche, starrt in den Abend hinaus, bis ein Schlüssel knarrt und der älteste Sohn Gustav eintritt. Gustav(sechzehn, in HJ=KIuft, das Koppel abschnallend); Heil Hitler. Warum schaust du so miess drein, Mutter? (Schneidig) Mehr deutsche Fröhlichkeit! Weiss alles. Habe den Blockwart eben getroffen. Keine Bange, Intellektueller wird Fritz nich. Nur über meine Leiche.— Mutter: Und über meine. Hab schon mit meinen Brüdern genug Pech. Der eine malt heimlich verbotene Kunsl, der andere ist auch nich normal: er grüsst mit Guten Tag...— Gustav: Fritz wird gebimst, dass es kracht. Hab schon mit un- serm Gruppenführer gesprochen. Frits kommt in den ersten Zug, da giebts Grup- penkeile, wenn er schwänzt. Joden Tag Instruklionsstunde. Da fragen die andern und er hat nur zu antworten. Geht in Ordnung.(Ruft zur Tür hinaus) Fritz, antreten! Fritz erscheint in der Küchentür, kindlich verlegen lächelnd. Gustav: Schlapper Hund. Raff das Ge- friss zusammen! Und wenn ich dich mit dem Fritzsche noch mal sehe, giebts Senge. Sein Vater ist diese Nacht abgeholt worden.— Fritz: Warum denn? Die haben doch gar kein Radio?— Gustav: Schnauze! Geht das gottverfluchte Gefrag® schon wieder los? Ist das deutsche Weihnachtsstimmung? Mal alle herhörn!(zieht ein Papier aus der Brusttasche). Hier die Parolen für heute abend: Von sieben biä acht essen(korrigierend) bei uns bis halb acht, wir schieben unser bisschen Futtef in einer halben Stunde runter; dann bis neun Uhr Sender Königswusterhausen: Deutsche Weihnachtsbräucbe. Von neun bis halb zehn Bescherung mit Volksliedern. Der Kranz ist mit elektrischer Birne zu bestrahlen, Kerzen gabs nich. Ab halb zehn Radio-Fortsetzung„Deutsches Gemüt", mit Ansprache von Rudolf Hess und Soldatenliedern. Anschliessend: schlafen gehen. Alles klar? Mutter(stolz); Wenn wir dich nich hätten! Du kannsts noch mal bis zum Hauptmann bringen. Guck dirn an, Fritz! Gustav: Antreten zum Abendessen!— Vom Hofe her klingt ein Radiolied: O Tannenbaum, o Tannenbaum... R. G. Imp. Union, 13, rue Mechain, Paris, Le Girant; Albert MARlObi«