JOURNAL ANTIHITLERIEN Journal social-democrate destin� aux refugies de langue allemande NOUVEL"EN AVANT!" Hebdomadaire en langue allemande Redaktion und Verlag: 30, Rue des Ecoles, Paris-5. Tel6phone: Odeon 42-58 Nr. 349. SONNTAG, 25. Februar 1940 Aus dem Inhalt: Berlin im Kriege Rassenlehre über Bord Thyssens Geld in Nazitaschen Görings Angstschrei Die Furcht vor der Blockalle Am 15. Februar hat der Feldmarschall Göring in seiner Eigenschaft als Diktator der deutschen Wirtschaft eine Rede an die Landwirte gehalten, die in mancher Beziehung recht aufschlussreich ist. Die deutsche Agrarproduktion war bei Kriegsausbruch nach sechs Jahren Darre-Wirtschaft in eine ausgesprochene Krise geraten. Die Nachfrage der Rüstungsindustrie nach Arbeitskräften hatte zu einer nicht einzudämmenden Landflucht geführt. Nach den Angaben des Reichsnährstandes selbst fehlten mindestens dreiviertel Millioneen Landarbeiter. Dies war um so bedenklicher, als es gerade an qualifizierten Arbeitern mangelte. So fehlten die Melker und die erfahrenen Wärter, was zu einem Rückgang der Viehzucht führte. Am schlimmsten war der Mangel fühlbar bei den arbeitsintensivierten Kulturen, den Rüben-, Hanf-, Flachs- und Oelsaatenbau. Die Tendenz zum Uebergang zu einer mehr extensiven, arbeitsparenden Wirtschaft war deutlich sichtbar, wie wir das im„Neuen Vorwärts" vom 30. Juli 1939 an Hand amtlichen Materials ausführlich geschildert hatten. Görings Rede hatte keinen anderen Zweck, als dieser Tendenz entgegenzutreten. Diesmal schimpfte er nicht, er drohte kaum, er versprach und beschwor: „Alles, was überhaupt menschenmöglich ist, wird geschehen. Kapitulieren werden wir keinesfalls. Auch das Landvolk darf nicht kapitulieren. Wenn einzelne Schwächlinge Euch sagen, Ihr werdet ja gar nicht den Dünger bekommen, den man Euch verspricht, so sage ich Euch, Ihr werdet den erforderlichen Kunstdünger doch bekommen." Diese Bemerkungen sind recht interessant. Denn bisher war von einem Mangel in der Düngerversorgung nie die Rede gewesen. Die jetzt zugestandenen Schwierigkeiten sind zunächst wohl auf die Störungen im Transport zurückzuführen, bedingt durch die Herunterwirtschaftung des Eisenbahnsystems und ausserordentlich gesteigert durch die Kriegsansprüche und die Kälte. Aber noch wichtiger ist etwas anderes. Die deutsche Produktion sichert den Bedarf an Kali und Stickstoff in reichlichem Masse; aber der für die V irkung des Kunstdüngers unentbehrliche Bedarf an Phosphaten kann in Deutschland nicht erzeugt, er musste immer eingeführt werden. Diese Zufuhr ist durch die Blockade zum grössten Teil unterbunden. Der Phosphatmangel war schon im letzten Krieg eine der Ursachen, weshalb der Ernteertrag in den beiden letzten Kriegsjahren um 40 Prozent heruntersank. Lassen sich also die Transportschwierigkeiten vielleicht mildern, mögen auch die Phosphatvorräte, die bestimmt keinen grossen Umfang haben können, für das kommende Landwirtschaftsjahr halbwegs reichen, so wird der Phosphatmangel auf die Dauer nur immer stärker fühlbar werden— eine wichtige Wirkung der Blockade. Schon aus diesem Grunde ist es nicht wahr, wenn Göring verkündet: „Der Weg zur intensiven Wirtschaft ist frei und wird freigemacht werden. Jeder Hektar deutschen Bodens muss ausgenutzt werden. Wer extensive Wirtschaft betreibt, versündigt sich am deutschen Volk. Deutsche Bauern: Werdet mir nicht zaghaft. Da sagt vielleicht dieser oder jener: ,Wir haben Rüben angebaut, und ein Teil dieser Rüben steckt heute noch im Boden.' Ich weiss das. Aber das ist ja nur ein verschwindend kleiner Prozentsatz(?) Was bedeutet dieser kleine Prozentsatz zu dem, was geborgen worden ist. Ihr könnt und müsst Euch aber darauf verlassen, dass im kommenden Jahre keine Rübe mehr im Boden stecken bleiben wird,(?) Wer aber dadurch finanziellen Schaden gehabt hat, der wird, dafür werde ich sorgen, einen gerechten finanziellen Ausgleich erhalten." Göring verlangt eine Ausweitung des Oelfruchtbaus um nicht weniger als mindestens 200 000 Hektar, Verstärkung des Hackfruchtbaues um 10— 15 Prozent und Verwandlung von Grünland in Ackerfläche. Für die Umwandlung eines Hektars Grünland in Ackerland wird eine Prämie von 240 RM gezahlt. Das ist aber nicht alles. Als wichtigste Frage sieht Göring die Steigerung der Milch- und Butterproduktion an. Deshalb wird der Preis für die Vollmilch um 2 Pfennige pro Liter und der Butterpreis um 20 Pfennige pro Pfund erhöht. Dieser Beschluss entgegen allen feierlichen Versprechungen, den Preis dieser unentbehrlichen Lebensmittel nicht zu erhöhen, zeigt, wie drohend gerade der Rückgang auf diesem Gebiet geworden ist. Göring gesteht es selbst. „Ich hatte es mir vorgenommen, unter keinen Umständen Preiserhöhungen zuzulassen. Nach langem Hin und Her und nach vielen Beratungen mit Eurem Reichsbauernführcr(Darre) habe ich mich dazu entschlossen. Ich war mir klar, dass es eine Milchpreiserhöhung nur dann geben darf, wenn es unbedingt nötig ist. Diese Notwendigkeit besteht." Aber den Bauern, die durch die Preiserhöhung zu vermehrter Rindviehhaltung bewogen werden sollen, werden gleichzeitig neue Entbehrungen an ihrer eigenen Ernährung auferlegt. Und nicht zu knapp.„Es sind bis jetzt drei Milliarden Liter Milch im Jahr in Eigenbetrieben verbraucht worden. Von jetzt an müsst ihr an zwei Milliarden Liter im Eigenverbrauch ersparen." Die Bauern bekommen also jetzt mehr Geld für ihre Milch, aber sie sollen selbst zwei Drittel weniger Milch als bisher trinken. Ob sie sich hei dem rasch zunehmenden Warenmangel für das Geld etwas Nützliches werden kaufen können, steht dahin: aber sicher ist, dass sie mehr hungern müssen. Göring hat also ganz recht, wenn er den Bauern sagt:„Die Preiserhöhung ist kein Geschenk für Euch. Sie soll Euch lediglich die sichere Plattform für die verstärkte Milchwirtschaft geben." Der Konsument wird nicht hesser behandelt. Für ihn und zugleich für das Wesen der berühmten„Volksgemeinschaft" hat Göring folgende wirklich offenherzige Formulierung; „Wer begütert ist, soll Butler kaufen; wer aber weniger begütert ist, soll für seine Butterkarten Margarine nehmen. Die technischen Einzelheiten dafür werden noch bekanntgegeben werden... Indem der Begüterte den erhöhten Butterpreis bezahlt, hilft er uns, die deutsche Fetfwirtschaft verstärken....Ist das etwa unsozial? Das deutsche Volk weiss es ja nun schon: Nicht das ist sozial, was gerade bequem ist. Sozial ist, dass man für die Zukunft schafft." Görings Rede, die Goebbels nur mit vielen Weglassungen, z.B. auch der oben angeführten Wendungen zu veröffentlichen gestattete, ist ein einziger Angstschrei. Es ist die Furcht vor„Englands Fettblockade", die aus ihm spricht. Und in der Tat, neben dem Mangel an Petroleum, Eisenerz und Phosphaten ist die Fettlücke mit der schwächste Punkt in der deutschen Kriegswirtschaft. Wird der Appell Görings, werden die ausgesetzen Prämien und die Preiserhöhungen im Kriege das Wunder bewirken, das alle Massnahmen Darres während der sechs Friedensjahre nicht herbeiführen konnten? Wir haben gesehen, dass der Rückgang der intensiven Wirtschaft erzwungen war durch den Arbeitermangel. Wenn Göring den Bauern sagt, sie müss- ten jetzt doppelt so viel arbeiten wie im Frieden, auch die Frauen dürften davon keine Ausnahme machen, so muss das selbst von den treuesten und einfältigsten seiner Zuhörer nur als Hohn empfunden worden sein. Denn schon im Frieden war infolge der Landflucht die Arbeitslast des Bauern und seiner Frau ins Unerträgliche gewachsen und gerade diese Ueberlastung wurde in der nationalsozialistischen Presse selbst als eine grosse Gefahr geschildert. Göring hat auf die Verwendung der polnischen Kriegsgefangenen und der nach Deutschland zwangsweise importierten tschechischen und polnischen landwirtschaftlichen Arbeiter verwiesen. In der deutschen Presse ist von einer Million solcher Arbeiter die Rede gewesen. Stimmte das, so wäre das zahlenmässig der Ersatz für die im letzten Friedensjahr mangelnden Arbeitskräfte, ohne Berücksichtigung der Qualität. Aber seitdem muss die Mobilisierung in den Bestand der Bauern und Landarbeiter grosse Lücken gerissen haben. Dazu kommt noch die Requisition der Pferde und Traktoren. Der Ersatz von Arbeitskraft durch Maschinerie, der im Frieden propagiert wurde, machte schon damals nur ganz langsame Fortschritte, da die Maschinenindustrie Jahre zur Lieferung brauchte. Die Möglichkeit zur Intensivierung ist deshalb im Krieg nicht vorhanden, der Preisanreiz wird vergeblich bleiben, die deutsche Landwirtschafts- erzougung wird nicht steigen, sondern sinken, die Einschränkungen nicht geringer, sondern härter werden. Gewiss ist es nicht so, dass die deutsche Ernährungslage schon in kurzer Zeit zur Kapitulation, vor der Göring immer wieder warnte, führen müsste. Nach zwei sehr guten Erntejahren ist der deutsche Brotgetreidebedarf zunächst gesichert. Aber indem es Göring selbst als entscheidend bezeichnet, im Fett- und Fleischbedarf, wird die Lücke sich nicht schliessen, sondern sich erweitern, und man weiss aus den Erfahrungen von 1917 und 1918, was das bedeutet. Von einem hat Göring geschwiegen, von der Hilfe, die Russland bringen soll. Und in diesem Schweigen ist mehr Wahrheit als in all den Versicherungen und Versprechungen, die der Wirtschaftsdiktator für eine Steigerung der landwnrtschaflichen Produktion gegeben hat. Dr. Richard Kern. Ra�en lehre— ein erleflisrtcp Traum Rie Trümmer lies hraunen Rassismus „...So haben wir also die romantischen Ideen, die sich um das Scheingebilde der germanischen Vetternschaft rankten, sang- und klanglos zu begraben. Das übervölkische Germanentum der Gegenwart hört auf, etwas anderes als eine Schulweisheit der vergleichenden Sprachforscher zu sein..." („Schwarzes Korps", 1. 2. 1940) Wirth, Leers, Günther fliegen in den Karzer, müssen nachsitzen, umlernen. Sie begegnen sich im Karzer mit Alfred Rosenberg. Das„Schwarze Korps" greift an und ein. Der Leitartikel ist betitelt:„Aus— der i Traum", nämlich der Traum vom germanischen Vetter, vom rassenverwandfen, arteignen England. Sein Germanentum ist jüdisch überlagert, nicht durch Vermischung— ach, wenn es nur das wäre! Nein, dem Talmudismus seiner Religion, „der Dogmatik der anglikanischen Hochkirche und der Wesensart des englischen Puritaners" ist das germanische Volk zum Opfer gefallen: „Das Gebilde ihres Glaubens fusst unmittelbar und fast ausschliesslich auf dem alten Testament, aber nicht wie die christlichen Konfessionen es für sich auslegen, sondern fast ausschliesslich auf seiner ursprünglichen Bestimmung als altjüdisches Gesetzbuch.... Man war der auch uns durchaus richtig dünkenden Meinung, dass auf weite Sicht allein die Rasse den Glauben prägen könnte, und man kam damit nicht zurechf, dass das germanische Angelsachsentum Träger einer jüdischen Glaubensgenossenschaf l und Erbe der Auserwähltheit durch Jahve sein sollte. Also könnten, da an dem Glauben nicht zu rütteln war, die Engländer unmöglich Germanen sein!" Aber sie sind Germanen, die Geschichte und die Körpermerkmale beweisen es. Noch schlimmer: „Bleiben wir bei dem Geremanentum unserer Schulweisheit, so müssen die Briten gar die germanischsten unter allen Gegenwartsgermanen sein. Aber sie sind die Probe aufs Exempel. dass unsere Schulweisheit der Rassenlehre nicht mehr standhält." Was also muss dieser Schulweisheit hinzugefügt werden? Olle Kamellen: das Gesetz des Milieus und der Auslese. Infolge insularer Vereinsamung wurde in England falsch ausgelesen: „Nicht der ehrliche, starke Bauer hatte Aussicht, das Leben einer reichen Nachkommenschaft zu sichern und den Geburtensieg davonzutragen, sondern sein Bruder Jakob, der verschlagene und gewitzte Händler, der die Fesseln der bescheidenen Insel sprengte, schachernd dieMeere befuhr und die Kunst erlernte, andere für sich arbeiten zu lassen. Und indem er sich immer wieder mit den Töchtern der gleichfalls Erfolgreichen, der Gleichgesinnten und Gleichartigen verband, prägte er jene Wesensart des britischen Volkes, die der des Juden so nahe verwandt ist." Kurz und gut: sie wurden das,„was unser Volksmund in tiefer Weisheit einen weissen Juden nennt." Die Arteigenen aber— „...die Erben der nordischen Rassenrichtung wurden verdrängt, verstreuten sich als ewige Wikinger über die Welt, vermoderten als Landsknechte des Spe- kulantentums auf den Schlachtfeldern des handels- und händelsüchtigen Imperialismus." Ergo, die körperlichen Merkmale einer Rasse können sich so rein als möglich erhalten, wenn auch die seelischen über Bord gehen. Die bisherige„Schulweisheit" der Leers und Günther betonte das Umgekehrte: die körperlichen Rassenmerkmale können „überlagert" werden, aber charakteristische seelische Merkmale konservieren sich unausrottbar. Namentlich bei der germanischen Rasse, die für den braunen Rassismus die hochwertigste ist. Aus auch dieser Traum. Nichts vom Mythos steht mehr gerade, denn hinter dem neurassistischen Revisionsversuch erheben sich neue unbequeme Fragen: Warum liess sich gerade im Lande der germanisch Reinrassigsten kurzerhand der„Held" vom puritanischen Händler verdrängen? Mehr wusste der Held mit seinen Waffen nicht auszurichten? Neigt etwa die germanische Rasse ebenso zum Händlertum wie gewisse„minderwertige Völker"? Und wenn nicht mehr das Blut, sondern die Auslese, das Milieu entscheidend sind: wie steht es mit den Skan. dinaviern? Sind sie nicht ähnlich vereinsamt und befahren die Meere, wie der englische Vetter, indes auch ihre Helden auf europäischen Schlachtfeldern modern? Hochverdächtig sind sie schon längst. Und könnten nicht die Juden— das Blut ist, wie England zeigt, leider wenig, Umgebung und Geschichte offenbar alles— könnten die Juden nicht genesen, wenn sie in entsprechendes Milieu kämen und von der Geschichte entsprechend ausgelesen würden? Dem„Schwarzen Korps" schwant die verheerende Tragweite seiner Ketzerei, es beugt vor: die Erkenntnis der britisch-germanischen Fragwürdigkeit sei vorläufig„zu neu, und sie widerspricht zu sehr unserer Schulweisheit, als dass wir sie von heute auf morgen hinnehmen könnten wie eine neue Mode..." Was also gilt einstweilen? Das Nichts. Der ideologische Scherbenhaufen auf der ganzen Linie. Denn die Sache mit dem „jüdischen Bolschewismus" harrt ja auch dringend einer Revision. Die einzige„arteigene" Theorie, mit der sich der Nazismus auf internationalen Kongressen gebrüstet hatte, liegt endgültig in Trümmern. Die Wissenschaft hat den Schwenkungen und Schwankungen des totalen Staates zu dienen. Schon kündigt die SS-Zeitung an, „dass Völker romanischer Sprache, ja selbst das ferne Volk der Japaner, in seiner Art, die Welt zu erschauen und innere Haltung zu nehmen, uns ungleich näher stehen können" als gewisse germanische Völker. Blut und Boden— das war einmal. Wenn die Geschichte es will, haben Grosslügen noch kürzere Beine als kleine Lügen. R. G. Thyssens Geld in MaKitaselien Wie die]%azis sich induslrlelle Vermögens aneignen Die Flucht Thyssens ist der deutschen Oeffentlichkeit lange Zeit verschwiegen worden. Man wollte offenbar nicht, dass sich das deutsche Volk darüber unerwünschte Gedanken macht. Es weiss, dass es ohne den„Einsatz" von Thyssens Geld und Einfluss kein Drittes Reich gäbe und dass er und sein Industriereich zu den besonders begünstigten Favoriten der Rüstungskonjunktur gehören. Welch anderen Grund jetzt, da es ernst wird, das Weite zu suchen, könnte er haben als den, dass er als Ergebnis nicht den Endsieg, sondern eine furchtbare Katastrophe voraussieht. Aber man hat sich nun doch entschlossen, dem deutschen Volke die Kenntnis dieser Flucht nicht mehr vorzuenthalten. Sie ist ihm sogar amtlich zur Kenntnis gegeben worden, nämlich durch den Deutschen Reichsanzeiger, dem man entnehmen konnte, dass Fritz Thyssen und seine Frau ausgebürgert sind. Es stellt sich aber heraus, dass diese Ausbürgerung keine Strafe für Verrat an dem Führer ist, sondern einen sehr handgreiflichen Zweck verfolgt, der sich in Markbeträgen ausdrücken lässt, und zwar in reichlich hohen. Die Ausbürgerung Thyssens sollte einen Rechtsvorwand für den Raub seines Vermögens schaffen, aber nicht etwa zugunsten des nationalsozialistischen Staates, sondern zum privaten Nutzen von ein paar führenden Nazis aus der Rhein-Ruhr-Gegend. Wie das vor sich gegangen ist, kann man gleichfalls dem Deutschen Reichsanzeiger entnehmen. Man erfährt dort, was die Herren mit der Thyssen& Co. A.G. Mülheim-Ruhr und aus ihr gemacht haben. Diese Firma ist nicht mit dem grossen Industriewerk der August Thyssen-Hütte identisch, die längst nicht mehr Fritz Thyssens Eigentum ist, sondern seit Gründung des Slahlvereins diesem gehört. Zur Gründung dieses grössten schwerindustrieL len Trusts Europas hatten sich einige rheinisch-westfälische Grosskonzerne zusammengetan, von denen Thyssen der grösste war. Die Gründerfirmen wurden nicht miteinander fusioniert, sondern blieben weiter bestehen. Sie übertrugen den weitaus grössten Teil ihrer Betriebe ihrer gemeinsamen Gründung, den Vereinigten Stahlwerken. Fritz Thyssen wurde Vorsitzender ihres Aufsichtsrats, Albert Vogler ihr Generaldirektor. Sie teilten sich in dieser Eigenschaft in die Leitung des Stahltrusts. Die Betriebe des Thyssen-Konzerns, darunter die August Thyssen-Hütte, hatten aufgehört rechtliches Eigentum der Familie Thyssen zu sein. Der Familienbesitz beschränkte sich auf die Thyssen& Co. A.G., die ausser einigen unverritzten Kohlenfeldern keine Betriebe besitzt, sondern nur Aktien der Vereinigten Stahlwerke, mit denen sie für die Ueberlassung ihrer Werke an den Stahlverein bezahlt worden ist, und andere Beiteiligungen. Es entfiel allerdings allein auf Thyssen vom Nennwert des Stahlvereinskapitals fast ein Drittel, von 925 etwa 260 Millionen Mark. Die Thyssen& Co. A.G. produziert also nichts. Sie hat keine andere Funktion als die, die Beteiligungen der Familie Thyssen zu verwahren und die Dividenden darauf einzuziehen. Dieses Unternehmen, das nichts unternimmt, haben sich die Nazis angeeignet. Die Hauptversammlung, der also Fritz Thyssen nicht mehr beiwohnen konnte, hat „beschlossen", den Namen Thyssen aus der Firma auszulöschen und sie in Rheinisch- Westfälische Industriebeteiligungs-A. G. umzutaufen. Als Vorsitzender des Aufsichtsrats wird Fritz Thyssen von Gauleiter Staatsrat Terboven-Essen persönlich ersetzt. In den Aufsichtsrat ist ferner Regierungspräsident Egger-Reeder-Köln eingezogen. Eine sehr interessante Figur in diesem neuen Aufsichtsrat ist auch Korvettenkapitän Otto Steinbrinck, der stellvertretender Vorsitzender des Aufsichtsrats geworden ist. Er war bisher Generalbevollmächtigter der Fr. Flick A.G., in der die weit verzweigten Interessen des Herrn Friedrich Flick zusammengefasst sind, der wie kein anderer seine schwerindustrielle Hausmacht im Dritten Reich ausdehnen und befestigen konnte. Dabei dürfte der Herr Korvettenkapitän a.D. eine nicht geringe Rolle gespielt haben, denn er war zugleich Hitlers Vertrauensmann für besonders heikle Geschäfte. Die„Frankfurter Zeitung" machte am 16. Juli 1937 die geheimnisvolle, aber vielsagende Bemerkung, das Werden des„industriellen Erbhofes" Flicks sei besonders interessant„hinsichtlich der Wechselbeziehung zwischen Wirtschaft und Staat, die gerade im Falle Flick keineswegs in einseitiger Richtung liegt". Bei diesem Geschäft auf Gegenseitigkeit zwischen Flick und den Nazis dürfte der Korvettenkapitän a.D. die lohnende, aber nicht nur für ihn lohnende Vermittlung übernommen haben. Die„Frankfurter Leitung", die am 2. Februar sein Ausscheiden aus der Flick-Gruppe meldete, leistete sich zugleich die diskrete Andeutung, er habe auch in dieser Eigenschaft (nämlich als Flicks Vertrauter und Mitglied der Aufsichtsräte seiner sämtlichen Gesellschaften)„wiederholt Aufträge erfüllt, die öiaht im eigentlichen Zusam- ' menhang mit den Angelegenheiten dieser Gruppe standen", und sie weiss zu melden, dass sein Ausscheiden„wegen Ueber- nahme eines besonderen staatspolitischen Auftrages" erfolgt sei. Der neue Aufsichts- |ratsposten kann das nicht sein, denn dort gibt es nur Tantiemen einzustecken. Aber wenn sich die„Frankfurter Zeitung" so zurückhaltend über die veügangene und künftige Mission des Korvettenkapitäns | äussert, so darf man annehmen, dass es [sich um nicht ganz saubere Geschäfte handelt, die er für die Naziklique besorgt und für die er mit einer Sinekure belohnt wird. Von den fünf Aufsichtsratsmitgliedern der ehemals Thyssenschen Familienunternehmung sind also drei waschechte Nazis. Um diesen Raub mit einem Schein von Ehrbarkeit zu umgeben, hat man von den beiden übrigen Aufsichtsratsmitglie- dern den einen einem Mitglied der Familie Thyssen, Frau Julius Thyssen, Juliane, geb. Rentelen, den anderen dem Geheimrat Dr. Kastl belassen, dem ehemaligen Syndikus des Reichsverbandes der deutschen Industrie, der politischen Organisation der deutschen Grossindustrie in der Weimarer Republik. Welch grausames Schicksal trifft die einst so selbstherrlichen Ruhrmagnaten! Sie verfügten über Kenntnisse und Erfahrungen und verstanden etwas von Geschäften. In ihren Klubsesseln machen sich jetzt Naziburschen breit, die nichts wissen, deren einzige Qualität ihre moralische Hemmungslosigkeit ist und die die Posten bevorzugen, wo es nichts zu tun gibt als sich die Taschen zu füllen. G. A. F. Der dentüiclie Treck Die Wolhynlen-Deutscben Ende des 18. Jahrhunderts wanderten westdeutsche Bauern nach Wolhynien und Galizien aus. Katharina(die Grosse) brauchte Siedler in den fruchtbaren Weiten Russlands. Deutsche Bauern hatten nichts zu verlieren als die Ketten des feudalen Absolutismus und freies Land zu gewinnen, das ihnen Katharina verhiess. Sie siedelten zwischen dem Bug und den Ro- kitnosümpfen, schufen sich eine neue Heimat, ihre Kinder wurden Russen mit deutschem Idiom. Der Weltkrieg kam, der Zarismus misslraute ihrer Herkunft und zwang sie, mit ihren Panje-Wagen in endlosen Kolonnen gen Osten zu ziehen, in die Steppen Sibiriens. Viele gingen dabei zugrunde. Als der Krieg zuende war, wanderten die Verjagten wieder zurück in ihre wolhynische Heimat. Sie„verkrallten sich in den Boden, den ihre Väter mit dem Pfluge urbar gemacht hatten und der ihnen zur Heimat geworden war...", wie der „Völkische Beobachter" vom 29. Januar so schön sagt. Aber das Verkrallen in den seit mehr denn hundert Jahren angestammten Boden nützte ihnen nichts, denn was Blut und Boden ist, bestimmt der Führer. Lassen wir den„Völkischen Beobachter" weiter sprechen: „Der Führer hat sie zurückgerufen... Und wieder holten sie ihre kleinen Wagen aus dem Schuppen, rüsteten sie auf lange Fahrt, zum letzten deutschen Treck, hinter die schützenden Grenzpfähle des grossdeutschen Reiches. Es ist ihre letzte Fahrt, unternommen in einer Zeit von historischer Bedeutung... Der Reichsführer SS und Chef der deutschen Polizei, Heinrich Himmler, ist nach Deutsch-Przemysl gekommen, um den letzten deutschen Treck im Namen des Führers zu empfangen.. Und die hungernden, erfrorenen Horden sahen staunend auf diese neuen Herren, die so wohlbehütet in....warmen Pelzen stacken: der Chef der deutschen Polizei, begleitet von einer Serie Oberbonzen, die von Seiss-Inquart bis zum SS-Brigadefüh- rer Globocnigg reichte, dazu Himmlers persönlicher Stab. Auf dem Bahnhof von Ra- dymno wurde diese Wolke brauner Schranzen„begrüsst von der sowjetrussischen Umsiedlungskommission", die ihre Freude über den Schacher aussprach; es handelt sich ja nur um ein paar lumpige hunderttausend Menschen, die man von der heimischen Scholle jagt und über„die deutschrussische Interessengrenze" herüber und hinüber wirft. Dafür erleben sie die Genugtuung, vom„Völkischen Beobachter" also angesungen zu werden: „Mancher Panje-Wagen fuhr in Wohl- hynien ab, und als er über die Grenze kam, war die Familie um einen Kopf zahlreicher geworden. Ihre Mütter sagen es mit gesenkler Stimme, machten nicht viel Aufhebens davon und lächeln beglückt. Und wenn sie es auch nicht sagen, so sind sie sicherlich stolz darauf, auf dem letzten deutschen Treck einem Kinde das Leben gegeben zu haben, in einem Winter, der mit seiner Kälte Bäume gebrochen hat." Nur die braune Füllfeder fror nicht ein, sie sass im Warmen. Den„Volksdeutschen" aber half es nichts, dass die Bäume brachen, sie mussten in den harten Winter hinaus, mit Kranken und schwangeren Frauen, hinweg vom urbar gemachten Land, mussten 200 Kilometer südwest- wärts pilgern. Es wurde wirklich für viele der„letzte Treck", die tapfere Füllfeder verschweigt, wieviele tot ankamen oder sich den Rest holten. Vor hundertvierzig Jahren entwander- ten ihre Vorväter dem heimischen Tyrannen, sie gingen und kamen freiwillig. Heute reicht sie ein Despot dem anderen weiter wie Heringe—„zum letzten deutschen Treck..." Wenn aber der Krieg zuende ist und die vertriebenen Polen wieder in ihre Heimat zurückkehren, dann beginnt der deutsche Treck von neuem. Der Treck der Südtiroler, der Deutschbalteu, Deutschrussen, Deutschpolen. Es wird ein„Treck" von Aberhun- derttausenden sein, sie werden nicht wissen, wohin wandern, wovon leben. Wieder werden unzählige daran zugrunde gehen und die Worte„Heim ins Reich" dürften ihren Kindeskindern noch wie ein Höllenfluch im Gedächtnis brennen. Besiedluns Schlafe mein Kindchen, ruhig und tief, drüben im Spindchen schlummert ein Brief. Wer ist's gewesen, der ihn uns schrieb? Kannst noch nicht lesen, schlafe mein Lieb. W ar mal ein Bube, grad so wie du, schlief in der Stube, grad so wie du. Wer kam ihn holen? Ist nicht mehr da. Drüben in Polen haust die SA. Schlaf ohne Sorgen, heut ist noch Zeit, schlafe nur, morgen sind wir schon weit. Möchten gern bleiben, wer hat die Macht, uns zu vertreiben, wer hat's erdacht? Drüben in Polen wartet ein Haus. Wer hat's gestohlen, wer zog hinaus? Uns wird's gegeben, bringt uns kein Glück. hehrst du im Leben jemals zurück? Schlafe mein Kindchen, ruhig und tief, drüben im Spindchen schlummert ein Brief. Wer ist's gewesen, der ihn uns schrieb? Kannst noch nicht lesen, schlafe mein Lieb. RäiilierafeAinnuiter In einem Brief an ein Naziorgan befasst sich ein deutscher Soldat mit der Frage „Was wird nachher?" Der Mann, der die Beamtenkarriere einschlagen will, schreibt: „...Schon jetzt habe ich mich entschlossen, mich in das ehemalige polnische Ge- biet zu melden, wohin es auch sein mag. Mein tapferes Weib, das stets opferbereit mit unseren drei Kindern an meiner Seite steht, hat mir freudig zugestimmt... Die Kinder sollen dort eine neue deutsche Heimat haben. Ein Elternhaus werden wir ihnen bauen mit einem Garten ringsum, mit Hühnern und sonstigen Kleintieren. Es wird schon noch Freizeit geben für diese Nebenbeschäftigung. Und als Beamte werden wir aus der polnischen Wirtschaft eine deutsche machen. Das ist jetzt mein Herzenswunsch und Lebensziel." Es ist der Herzenswunsch eines räuberischen Landsknechts, der seinen Anteil von der Beute erwartet. Weil sie fremde Sender abgehört hatten, wurden Georg Kaiser aus Wyhlen zu 1 1/2 Jahren Zuchthaus, Joseph Sigl aus Obertrum in Bayern zu 3 Jahren, 6 Monaten Zuchthaus verurteilt. Berliner Pläne gießen«Ho Neutralen Eine wahre Flut von deutschen Geschäftsleuten und Bankiers ergoss sich iB den letzten zwei Wochen nach Holland- Die Deutschen setzten dort ihren holländischen Geschäftsfreunden auseinander, dass nur der Kriegswille der Westmächte normalen Geschäftsbeziehungen im Wege stehe, dass aber der ganze Krieg sinnlos sei, weil die Alliierten ihre Armeen doch nicht opfern wollen für den aussichtslosen Versuch, die Siegfriedlinie zu durchbrechen. Zum Schluss wurden die holländischen Ge- schäftsleute gebeten, an einer Konferenz der Neutralen teilzunehmten, die am 2. März in Berlin vonstatten gehen soll, vorausgesetzt, dass sich bis dafiin noch Neutrale finden, die bereit sind, an einer Theatervorstellung im Zeichen des Hakenkreuzes mitzuwirken. In Prag ist am 27. Januar der„erste Appell der SS aus dem gesamten Protektorat" veranstaltet worden. Die Himmler-Truppe ist auf dem Altstädter Ring aufmarschiert. Fackeltragende HJ-Einheiten säumten den Platz.— Neben dem Dauerterror die Dauerprovokation, die immer neue Zornausbrüche der tschechischen Bevölkerung hervorrufen und damit den Vorwand für immer neue Terrorakte liefern soll. Und In zehn«fahren? Eine Generalion deufselier Wlssensoliaftler fällt aus Der„Deutschen Allgemeinen Zeitung" hat ein Studiendirektor Dr. Mühl aus Itzehoe die Darstellung eines Gesprächs eingeschickt, das er selbst mit einem Bannführer der HJ geführt hat. Uns erscheint dieser Dialog, der am 31. Januar 1940 in der„Deutschen Allgemeinen Zeitung" veröffentlicht worden ist, so aufschlussreich, dass wir ihn hier wenigstens auszugsweise wiedergeben wollen. Da der Raummangel uns gezwungen hat, grössere Streichungen vorzunehmen, möchten wir bemerken, dass der Direktor es nicht an gelegentlichen Verbeugungen vor dem Hitlersystem fehlen lässt, Verbeugungen, ohne die ihn das Gespräch allerdings Kopf und Kragen gekostet hätte. Wir haben das Beiwerk weggelassen und— ohne den Sinn im mindesten zu entstellen— nur das Kernstück wiedergegeben, das unsern Lesern ein ungefähres Bild der psychologischen Situation vermitteln wird, in der sich Jugend und Lehrerschaft der Höheren Schulen im Dritten Reich heute befinden: Bannführer:„Heil Hitler! Herr Direktor, ich komme zu Ihnen, um mich einmal mit Ihnen persönlich auszusprechen über die Beurlaubung Ihrer Schüler für die HJ-Lehr- gänge. Ich habe recht grosse Schwierigkeiten, meine Unterführer für diese Lehrgänge freizubekommen..." Direktor:„Gerade der Lehrer, der sich für das Mitkommen aller Schüler verantwortlich fühlt, wird die Frage, ob eine Beurlaubung möglich ist, am gewissenhaftesten prüfen..." Bannführer:„Immer wieder erklären mir tüchtige und zuverlässige Unterführer, die Freude der Teilnahme an den Lehrgängen der HJ würde ihnen durch die Schwierigkeiten, die es dabei mit der Schule und im Gefolge davon auch wohl noch zu Hause gäbe, beeinträchtigt. Haben Sie eine Erklä- rung dafür?" Direktor:„Jugend ist Jugend, und Schüler bleiben Schüler. Nicht jeder hat es mit der Nacharbeit und dem Wiedereinholen des Versäumten sonderlich eilig... Die letzte Ursache ist darin zu suchen, dass die HJ- Führer— wie sich von selbst versteht— nicht immer im Schulsinne auch die fähig sten Schüler sind..." Bannführer:„Legt die Schule nicht immer noch zuviel Gewicht auf das Wissen, anstatt die charakterliche Wertung, wie die neue Auslese und, soviel ich weiss, auch Ihr Minister sie fordert, endlich an die erste Stelle zu setzen?" Direktor:„Die neue Schule bemüht sich sehr um die Persönlichkeitserziehung der ihr anvertrauten Jugend... Aber gerade weil die Gewöhnung an geistige Zucht und die Entwicklung der geistigen Kräfte auf der Höheren Schule eine der höchsten Möglich. keiten zur Formung des jungen Charakters darstellen, dürfen wir das Kind nicht mit dem Bade ausschütten und meinen: Das Geistige sei nun das Allerncbensächlich- ste..." Bannführer:„Na, schliesslich machen wir in der HJ ja auch nicht nur„Links um" und„Rechts um"..." Direktor:„Wir können, glaube ich, unter den HJ-Führern in ihren Beziehungen zur Schule mehrere Gruppen unterscheiden. Die erste Gruppe bilden die, die auf der Schule gut mitkommen, das Zeug zum HJ-Führcr haben und Lust und Liebe dafür mitbringen. Von ihnen brauchen wir nicht zu reden. Der zweiten Gruppe fällt das Mitkommen bei uns ebenfalls leicht, sie wäre auch durchaus für den Führerdienst in der HJ qualifiziert, aber sie hält sich aus irgendwelchen Gründen zurück." Bannführer:„Ich weiss, dass es manchmal schwer hält, durchaus geeignete Jungen dafür zu gewinnen, den ihnen zugedachten Führerposten zu übernehmen, doch Wenn sie dann mit Ausflüchten kommen, Verzichten wir schon lieber ganz. Es sind doch nicht die rechten Kerle." Direktor:„Es sind häufig die Sonderbegabungen, die schon in der Reifezeit anfangen, sich zu qualifizieren: Techniker, junge Künstler, Musiker, angehende M is- senschaftler auf allen Gebieten. Sie machen gern und pflichtbewusst ihren Dienst 'n der HJ, aber einem Führerposten weichen sie aus, weil sie einfach den Rest ih- cer freien Zeit retten wollen. Die dritte Rruppe: Schulbegabung, aber keine Befähigung für die Aufgabe der Jugendführung, können wir übergehen. Die vierte Gruppe ümfasst diejenigen, die auf der Schule nur durch stete und treue Arbeit ohne Schwie- cigkeiten weiterkommen, bis- zu denen, de- "en selbst bei gutem Willen das Mitkommen schon schwer fällt, die aber die Fähigkei- 'en, die Sie fordern müssen, durchaus mit- hrlngcn. Schliesslich die fünfte und letzte Chronik der Woche Der Fall« Altmark» und die«kandinavische IVeulralifät Sonnlag, 11. Februar 1940] Das Buch Rauschnings, des emigrierten Ein deutsch-russisches Handelsabkommen! ehemaligen nationalsozialistischen Senatsist nach monatelangen Verhandlungen in 1 pcäsidenten von Danzig,„Gespräche mit Moskau abgeschlossen worden. Danach soll; Hitler". das im Auftrag eines amerikani- Russland, soweit bis jetzt bekannt ist,'eben Verlags in der Schweiz in deutscher Naphta, Mineralien und Futtermittel im Uebersetzung erschien, ist auf Drängen der Werte bis zu einer Milliarde Mark liefern, deutschen Regierung von der Schweizer und Deutschland verpflichtet sich, mit Regierung beschlagnahmt worden. Werkzeugen, Industrieprodukten und Aus- Die italienische Regierung hat die Jahrrüstungen zur Pelroleumraffinerie zu he- gänge 1919 und 1920 einberufen. zahlen. Ausserdem sieht der Vertrag die Lieferung der Einrichtungen zur Buna-Fabrikation vor. Die Laufzeit des neuen Abkommens ist auf ein Jahr bemessen. Die nach dem Vertrag auszutauschende Warenmenge entspricht ungefähr dem deutsch- russischen Aussenhandel im Jahre 1932. Montag, 12. Februar 1940 Die ersten australischen und neuseeländischen Truppen sind in Suez eingetroffen. Sie werden in die ihnen zugewiesenen Ab- Mittwoch, 14. Februar 1940 Finnländische Patrouillen stellten fest, dass in dem eisfreien Hafen von Liiniha- mari, nördlich von Petsamo, mehrere deutsche Schiffe, darunter ein grosser Tanker an der Versorgung der Sowjetarmee mit Kriegsmaterial mitwirken. Die Russen errichten eine Befestigungslinie an der russisch-rumänischen Grenze, in der Ukraine-, im Kaukasus und am Schwar spräche die deutschen Bauern auf, doppelt soviel zu arbeiten wie in Friedenszeiten und weitere Opfer auf sich zu nehmen. Freitag, 16. Februar 1940 In Bulgarien demissionierte die Regierung Kjosse Iwanoff. Es wurde eine neue Regierung unter der Ministerpräsidentschaft des bulgarischen Gelehrten und seitherigen Unterrichtsministers Bogdan Fi- low gebildet. In Schweden wurden alle Hausbesitzer gesetzlich verplichtet, bombensichere Luftschutzkeller anzulegen. Sonnabend, 17. Februar 1940 Das bewaffnete deutsche Hilfsschiff „Alt mark" wurde von dem britischen Zerstörer„Cossack" in einem norwegischen Fjord überwältigt. Das deutsche Schiff hatte von dem Kreuzer Graf Spee, dem es schnitte im.milleren Osten"einrücken, um zen Meer. An den Vorarbeiten sind deutsche a,s Hilfsschiff zugeteilt war, mehr als 300 dort die Reserven der Alliierten im Orient Militär-Ingenieure beteiligt. gefangene britische Matrosen übernommen. zu verstärken. nie Jnnnner h.hon„wmoi, Es versuchte, sich der britischen Verfol- Igung durch eine Fahrt durch die norwegischen Hoheitsgewässer zu entziehen und einen deutschen Hafen zu erreichen. Die norwegischen Behörden haben auf eine Durchsuchung des Schiffes verzichtet und es bei seiner Fahrt längs der norwegischen Donnerstag, 15. Februar 1940 Küste von zw, ei norwegischen Kanonen- Finnland erhielt von der französischen t)00,en})e"'eitcn lassen. Regierung seit 15. Januar wiederholt grosse D'c deutsche Regierung liess in Oslo Munitionslieferungen und letzthin mehrere hundert Jagdflugzeuge sowie schwere Geschütze und vor allem Tankabwehrgeschütze. Auch hundert italienische Flug- In Schweden wurde eine polizeiliche Durchsuchung aller Büros und Zeitungen der kommunistischen Partei durchgeführt. Es wurde viel Material beschlagnahmt, das gegcnvtfiH'f? geprüft wird. Einige Verhaftungen wurden bereits vorgenommen. Der Führer der amerikanischen Silberhemden. William Pelley, der Hitler als sein politisches Vorbild bezeichnet, ist verhaftet worden. Von der New Yorker Polizei, die 19 000 Mann stark ist, gaben 1 000 Mann auf eine Umfrage des New Yorker Bürgermeisters, La Guardia, an, dass sie zur„Christian Front" gehören, einer nazistischen Organisation, deren Führung kürzlich verhaftet worden ist. In Buenos Aires wurde der frühere Naziführer Heinrich Jürgens, der Angaben über die Naziumtriebe in Argentinien gemacht hatte, von zwei Nazis überfallen und schwer verwundet. Die Japaner haben abermals die den Franzosen gehörende Jün-nan-Bahn in Südchina bombardiert. Der emigrierte deutsche Grossindustrielle Fritz Thyssen wurde ausgebürgert. energisch gegen den ungenügenden Schutz des deutschen Hilfsschiffes„Altmark" in den norwegischen Hoheitsgewässern protestieren und sie verlangt von der norwe*- zeuge sind in Finnland eingetroffen. Aus fischen Regierung die schnellste Repara- Spanien ist Kriegsmaterial unterwegs nach Dienstag, 13. Februar 1940 Der Präsident der Republik Lettland hielt eine alarmierende Rundfunkansprache, in der er mitteilt, dass die Situation für das Land überaus ernsthaft sei, dass die Landesverteidigung verstärkt werden müsse. Er fordert die Bevölkerung auf, sich Brotgetreide, Lebensmittel und Saatgut für ein Jahr an einem sicheren Ort bereit zu stellen. Finnland. In England sind Werbebüros für Freiwillige nach Finnland eingerichtet worden. Den über 27 Jahre alten Engländern wird die Erlaubnis zum Eintritt in eine ausländische Armee erteilt. Die schwedische Regierung teilt in einem amtlichen Kommunique mit, dass sie Finnland zwar wiederholt wichtige Waren geliefert habe, dass sie Arbeiter nach Finnland sandte und dass sie auch Vereinbarungen über die Pflege finnländischer Verwundeter getroffen habe. Eine Verpflichtung zu militärischer Hilfeleistung übernehme sie indessen nicht, weil Schweden eine vorsichtige Haltung einnehmen müsse, um nicht in den Krieg hineingezogen zu werden. Göring forderte in einer Rundfunkan- tur der„Altmark" und die Bestrafung der Schuldigen. Die deutsche Protestnote schliesst mit der Drohung, dass die Lage sehr ernst sei und die schwersten Folgen haben könne. Sonntag, 18. Februar 1940 Die Regierung Grossbritanniens fragte bei der norwegischen Regierung an, wie es kommt, dass bei der Durchsuchung des deutschen Hilfsschiffes„Altmark", zu der die norwegischen Behörden nach internationalem Recht verpflichtet waren, die gefangenen britischen Matrosen nicht entdeckt wurden. Die englischen Matrosen, die von der britischen Flotte aus der Gefangenschaft auf dem deutschen Hilfsschiff„Altmark" befreit wurden, sind in dem schottischen Hafen Leith angekommen. Gruppe. Das sind unsere eigentlichen Schmerzenskinder, denen das Urlaubsgesuch häufig abgeschlagen werden muss. Denn ihr Unterscheidungsmerkmal von den übrigen ist der ausgesprochene Mangel an schulischer Einsatzbereitschaft. In der HJ aber finden sie ein Feld für ihren Betätigungsdrang und auch für das zuweilen in ihnen steckende nicht geringe Selbstbe- wusstsein und Geltungsbedürfnis. Leider sind manche von ihnen bei dem Missverhältnis, das sich in ihrer Meinung über den Wert der Schule und HJ gebildet hat(und an dem wir sicher schuld sind) des Glaubens, sie müssten gute Zeugnisse und Versetzungen schon als Belohnung für ihren Einsatz in der HJ bekommen, und da das selbstverständlich nicht geht, bleiben zuweilen Verstimmungen nicht aus." Bannführer;„Ist nicht im Augenblick wirklich die schulische Ausbildung weniger wichtig und notwendig als die Erfüllung der dringendsten vaterländischen Gegen warfspflichten?... Sehen Sie alles nicht doch wieder zu sehr als Schulmann? Dürfen wir nicht auf die staunenswerten Leistungen unserer Wissenschaft und Technik im, Aufgabenreich des Vierjahresplanes und jetzt wieder in unserem Abwehrkampf mit Stolz und Zuversicht blicken?" nuität im geistigen Leben wird zu den fürchterlichsten Erbteilen gehören, die Adolf Hitler dem von ihm geplünderten und entstellten Volke hinterlässt. E�bentüinltlclkarfen für Hunde Direktor:„...Die Grundlage des Könnens und Wissens all der zahllosen Kräfte, die jetzt dort angesetzt sind, und ohne die ein solches Werk ebenfalls unmöglich wäre, stammen noch aus der Schule vor dem Weltkrieg und der Nachweltkriegszeit! Se hen Sie sich die Geburtsjahre der entscheidenden Männer an! Und wie in einer Klasse, so steht es um diese Grundlagen in einem ganzen Volk: Nur aus hohem Durchschnitt erwachsen die eigentlichen Spitzenleistungen. Und dafür tragen wir Schulmänner unserem Führer gegenüber die Verantwortung." Damit hat der Direktor in kaum verbrämter Form zugegeben, dass durch die braune Entartung eine Lücke in die geistige Entwicklung des deutschen Volkes gerissen worden ist, die nicht wieder gutgemacht werden kann. Eine Generation von Wissenschaftlern fällt in Deutschland aus, und die Zerstörung der Konti- Hcrmann Göring, der Herr der deutschen Wirtschaft, ist berühmt für die unsägliche Liebe, die er zwar nicht den Menschen, dafür aber den Hunden entgegenbringt. Schon lange wollte es ihm schier vor Gram das Herz abdrücken, dass auch der letzte deutsche Untertan stolz die Lebensmittelkarte in der Hand schwenken konnte, während die armen Hunde nichts hatten als ihre blecherne Steuermarke. Diesem Mangel ist nun endlich abgeholfen worden. Die deutschen Hunde erhalten künftighin ihre Lebensmittelkarten, die ihnen Anrecht auf den Bezug von Hafer- oder Gerstenmehl geben. Ein Sonntagsbraten wird ihnen nicht zugeteilt, aber die Fleischer dürfen die Abfälle markenfrei den Hunden überlassen. Aber natürlich wird bei den Lebensmittelkarten für Hunde nicht eine so öde Gleichmacherei betrieben wie bei den Lebensmittelkarten für Menschen. Hier wurden die Rassenprobleme, die manchmal auch bei den Hunden nicht ganz eindeutig zu lösen sind, endlich einmal grosszügig angefasst. Die Lebensmittelkarte wird zugestanden: erstens und vor allem den Jagdhunden, zweitens den Hunden, die einen reinrassigen Stammbaum nachweisen können und drit tens will man die Hunde, die von Berufs wegen blinde Menschen führen, aus reiner Gutmütigkeit nicht verhungern lassen, obgleich sie nicht immer der eigentlichen Hundearistokratie zuzurechnen sind. Alle übrigen armen Pinscher, alle Spitzpudeldachse bekommen nicht einmal eine Lebensmittelkarte mit einem„J" und mit entsprechend knapper Belieferung. Diese proletarischen Köter haben sich zum Heil der hündischen Rassenlehre weiterer Nahrungsaufnahme zu enthalten. Sollten sie dem Gö- ringschen Plan kein ausreichendes Verständnis entgegenbringen und etwa gar noch weiter Appetit bekunden, so fällt das unter das Heimtückegesetz und wird schwer bestraft. Clocliltols hat Kuinmor Goebbels hat sich in der ihm eigenen anmutvollen Weise seinen Kummer von der Seele geredet über die neueste Phase Hitlerscher Entschlusslosigkeil, die gegenwärtig die nationalsozialistischen Führer des Dritten Reiches denerviert. Diesmal ziert sich Hitlers Intuition gar zu lange vor ihrem Erscheinen. Goebbels hat Auslandsjournalisten eingeladen und man kann im„Popolo di Roma" lesen, dass er zu Beginn seiner Zweck. Plauderei eine kleine Führcrlegende gestartet hat. Er hat von Hitlers spartanischem Lebenswandel erzählt, von seinem täglichen Eintopfgericht, von seinem Verzicht auf gesellschaftliche Empfänge, ja sogar von seinem Entschluss, keine Konzerte mehr zu besuchen und auf Kinovorstellungen zu ver- ziehten.„Diese Verzichte ermöglichen dem Führer die tiefste Konzentration", so schloss Goebbels die Einleitung und gab damit das Stichwort für die bestellte Frage nach den Gerüchten über eine deutsche Frühjahrsoffensive. Darauf.antwortete Goebbels mit dem treuherzigen Tonfall eines in allen Hinterhältigkeiten wohlgeübten Bösewichts: „Noch wissen wir nicht, ob unser Führer Entschlüsse gefasst hat, doch wissen wir bereits, dass seine Entscheidungen diesmal die Frucht so langer und genauer Ueberlegungen sein werden, wie sie der Führer noch niemals zuvor angestellt hat." Der Meckerer wird im Dritten Reich langsam zur umworbenen Persönlichkeit. Wir finden im„Schwarzen Korps" vom 25, Januar das folgende Inserat; „Jeder sagt, selbst auch der Meckerer, König-Pilsener schmeckt stets leckerer. Braustätte König-Brauerei K-G, Duisburg-Beek." Die spezielle Beackerung dieses Kundenkreises scheint sich zahlenmässig zu lohnen. Aus Stettin wurden in der Nacht vom 12. zum 13. Februar 1 300 Juden ausgetrieben und nach Lublin verschickt. Sie muss- ten unverzüglich ihre Wohnungen verlassen und ihren ganzen Besitz zurücklassen, der beschlagnahmt worden ist. Berlin im Kriegte Bindrucke und Beobaclitunsren eines Aussrevi änderten „Am zweiten Weihnachtsfeiertage hatte ich endlich die rettende Grenze hinter mir. Keine braunen und schwarzen Uniformen mehr, keine Zollfahndungsstellen, keine Gestapo und keine Soldaten, deren Transporte die Bahnhöfe und Züge beängstigend füllten: noch heute, nach einigen Wochen, habe ich die seelische Anspannung dieser Tage nicht überwunden. Ich kaufte mir am ersten Grenzbahnhof einen Stoss Zeitungen. Ich verschlang alle Nachrichten wie ein seit langem geistig Ausgehungerter. Dabei wollte es der Zufall, dass ich auf die Bemerkung des Berliner Korrespondenten eines neutralen Blattes stiess:„Berlin hat in seinem äusseren Bilde(/egenwärtig eine starke Aehn- Uchkeit mit Moskau." Es gibt vielleicht keinen treffenderen Vergleich für die Verwandlung, die sich in Berlin seit Kriegsbeginn vollzog und sich eigentlich schon lange vorbereitet hat. Das öffentliche Leben Berlins ist„genormt". Die Massen füllen die Strassen wie ehedem, aber sie geben, als hätten sie alle bestimmte Marschbefehle in der Tasche, eilig und freudlos und„ausgerichtet". Sie erscheinen geschäftig, ohne dass man erkennen kann, welche Geschäfte sie so ruhelos treiben. Teile dieser Masse sind, äusserlich gesehen, auch SS, SA und Soldaten aller Grade. Aber sie gehören innerlich nicht zu ihr. Es sind Fremdkörper, und so werden sie auch empfunden. Hier Parteiuniformen, dort Zivil: dazwischen ist ein eiserner Vorhang errichtet worden, in dessen Nähe sich niemand heranwagen möchte. Die SS und SA-Leute sind der lebendige Ausdruck der unüberbrückbaren Gegensätze dieser sogenannten Volksgemeinschaft. Die Trennung gebt durch alle sozialen Schichten, durch alle menschlichen Bindungen und durch die Familien. Die bisherigen Blockwarte, die Häuser und Wohnungen zu kontrollieren haften, sind abgelöst worden von SS-Leuten, die für die Aufrechterhaltung der Stimmung der Bevölkerung verantwortlich sind und kurz vor meiner Abreise. wie jedermann wusste, einen regelmässigen Kurierdienst zur Gestapo organisiert hatten. Selbst im privatesten Gespräch von scheinbar Vertrauten bleibt immer der Zweifel bestehen, wo die echte Ueberzeu- gung beginnt oder die Tarnung aufhört. Wenn sich jemand mit einer kritischen Meinung vorwagt, so ist hundert gegen eins zu wetten, dass er plötzlich aufhört mit der Bemerkung:„Ich möchte mir doch lieber nicht den Mund verbrennen." Flucht in den Wunderglauben Ich weiss, dass meine Generation, diejenige über 35 Jahren, den Krieg einhellig hasst und fürchtet. Hier ist man sich in allen Bevölkerungsschichten darüber klar, dass ein unbegreifliches Wunder geschehen müsste, wenn Deutschland in diesem Kriege bestehen sollte. Aber daneben blüht in den seltsamsten Variationen reiner Wunderglaube. Sonst ganz vernünftige Leute wispern sich militärische Geheimnisse in die Ohren, mit deren Hilfe England sturmreif gemacht werden würde. Besonders die Frauen in den klein-bürgerlichen Schichten entlasten sich damit von ihren täglichen Ernährungssorgen. Aber alles, was Stimmung betrifft, steht hier auf schwankendem Boden. Die ersten deutschen Niederlagen werden, wie mir das aus unzähligen Gesprächen deutlich wurde, zu seelischen Einstürzen von noch unvorstellbarer Tiefe führen. Die Jugend Aber immer wieder: ganz anders ist es bei der Jugend, und hier kann ich leider auf Grund der von mir gemachten Erfahrungen auch die arbeitende Jugend nicht ausschliessen. Hier hat die nationalsozialistische Erziehung, die der Phantasie Beschäftigung gab und zugleich sehr nüchtern die Aufstiegsmöglichkeiten des Einzelnen fixierte, den Krieg zum befohlenen Opfergang geadelt. Diese jungen Menschen werden sich genau so hinmähen lassen wie vor fünfundzwanzig Jahren die Jugend von Langemarck. Wenn ich daran denke, wie es möglich sein soll, diese Jünglinge und diese Mädels mit den harten und kalten Gesichtern, für die die Humanität zur dekadenten Vergangenheit gehört und denen Toleranz Schwäche bedeutet, zum Glauben an den Wert und an die Würde des Menschenwesens umgebildet werden können, dann sehe ich die deutsche Zukunft düster verhangen. Ich will von einigen Details berichten Die Versuche, den unvergessenen Gruss „Gott strafe England" wieder aufleben zu lassen, sind erfolglos geblieben. Meine vierzehnjährige Tochter musste ihn mit ihren Klassenkameradinnen wiederholt in der Schule üben. Die Wirkung war bescheiden. Eine Freundin meiner Tochter sagte:„Warum soll Gott England strafen? Wir Deutschen strafen England". Der Appell an Gott ist nicht mehr aktuell, es sei denn, dass der Führer und seine Lobredner ihn hin und wieder notwendig haben, um die„Vorsehung" zu zitieren. Graf Spee Am 17. Dezember hatte sich der deutsche Panzerkreuzer Graf Spee in der Bucht von Montevideo versenkt. Vor den Auslagen des„Völkischen Beobachters" in der Leipziger Strasse drängte sich eine grosse Menge, um die Einzelheiten nachzulesen. Ich stand 15 Minuten in ihrer Mitte und hörte in dieser ganzen Zeit auch nicht ein einziges Wort, das als Meinungsäusserung gewertet werden könnte. Stumm und scheinbar teilnahmslos nahm man die Nachrichten vom Untergange einer der wichtigsten Flotteneinheilen Deutschlands entgegen. Unter den Linden zog am gleichen Vormittag ein langer Zug schwerer Panzerwagen vorbei. Wieder das gleiche, teilnahmslose Schweigen der Strassenpassanten; vor dem brausenden Geräusch drückten sich Frauen ängstlich an die Häuserwand. Das Problem Russland Unendlich viel ist in den Wochen seit Kriegsbeginn in allen Bevölkerungsschichten das Problem Russland diskutiert worden, und zwar seltsamerweise mit viel grösserer Offenheit als andere politische Fragen. Eine Beobachtung, die mir wichtig zu sein scheint: in den sogenannten bürgerlichen Kreis'en, fand ich viel weniger innere Auflehnung gegen das Bündnis ah in der Arbeiterschaft. Dort glaubt man, dass die neue Allianz durch die Auseinandersetzung mit England erzwungen worden sei, und die Blockade durchbreche; hier innerhalb der Arbeiterschaft fürchtet man viel mehr die allmähliche Durchsetzung mit bolschewistischer Praxis, die „still" schon längst begonnen habe. Grosse Teile der Arbeiterschaft, auch dort wo früher ein starker kommunistischer Ein- fluss vorhanden war, sehen heute in der Verbindung zwischen Nationalsozialismus und Bolschewismus eine Verlängerung des Terrors und der sozialen Unterdrückung. Durchhalten Von psychologischer Bedeutung für die Art, wie sich in diesen Jahren eine Pseu- do-Autorität des braunen Regimes herausgebildet hat, möchte ich aus eigenem Erleben zwei charakteristische Beispiele anführen. Ein höherer Beamter in einem Reichsministerium, keineswegs eingeschriebenes Mitglied der NSDAP, antwortete mir, als ich in den ersten Kriegswochen vorsichtige Bedenken über die unbedingte Gefolgstreue des Volkes aussprach: „Ich begreife Sie nicht. Wenn das Volk nicht durchhalten will, muss es gezwungen werden. Wenn es in einem Hause brennt, kann nicht jedes Mitglied der betroffenen Familie mitreden, wie gelöscht werden soll. Da muss einer da sein, der bestimmt und entscheidet. In der Kriegsfamilie spricht der Vater das letzte Wort und damit basta." Mit einer solchen Bana- lität� zog sich der Mann aus der Verlegenheit. Eine Waschfrau, die sich ihrer Jugendfreundschaft mit einem bekannten Naziführer rühmte, bezeugte mir gegenüber ihren Stolz auf ihre drei Söhne. Zwei von ihnen standen im Felde; der dritte, ein etwas verzärteltes Sorgenkind, erhielt nach langen Laufereien der Mutter einen guten Posten bei der SA. Eines Tages erzählte mir die Frau weinend, dass ihr Jüngster schwerverletzt im Hospital liege und später in eine Irrenanstalt eingeliefert werden solle. Einigen Andeutungen der Frau entnahm ich, dass es sich um eine homosexuelle Geschichte gehandelt, und dass der normal veranlagte Junge nicht so gewollt hatte, wie einer seiner Vorgesetzten. Aber bei allen Wehklagen und Anklagen hütete sich die Frau, den Namen dieses Vorgesetzten zu nennen, obwohl sie ihn genau kannte. Ihre Anhänglichkeit an das Regime berührte das bitlere Erlebnis nicht im mindesten. Mitten in ihrem Gejammer sagte sie nur:„Wenn Hitler das wüsste!" Seine Autorität war durch Mutterschmerz nicht anzutasten... Räubergesinnung Im November 1939, ein Jahr nach dem Judenpogrom, ereignete sich in meiner Nachbarschaft der folgende Fall: Ein SS- Mann hatte„dienstlich" an einer Haussuchung in einer jüdischen Familie teilgenommen. Am nächsten Tag erschien er am Familientisch in einem nahezu neuen grauen Anzug. Der Vater, ein alter" Magistratsbeamter, fragte seinen Sohn nach der Herkunft dieses Anzugs, worauf dieser lächelnd ! erwiderte:„Judenbeilte!" Daraufhin verlangte der Vater die sofortige Ablieferung des Anzugs:„Denn ich dulde in meinem Hause keinen Dieb." Es kam zu einer heftigen Auseinandersetzung, wobei der Sohn seinen Vater mit„Massregeln der SS-Führung" bedrohte. Am folgenden Tage erschien in der Wohnung des Beamten ein SS-Gruppenführer und forderte den alten Mann unter barschen Drohungen auf, sich sofort bei seinem Sohne zu entschuldigen, da er die Ehre der SS verletzt habe. Obwohl der alte Mann diesem Verlangen willfahrte, wurde noch ein Disziplinarverfahren gegen ihn eingeleitet. In der magistralen Verwarnung hiess es wörtlich, dass der Beschuldigte sich einer„Verächtlichmachung einer staatlich anerkannten Gliederung der Partei" schuldig gemacht habe. Der Mangel In einer Berliner Grossmarkthalle erlebte ich acht Tage vor Weihnachten eine Szene, die über die Gedanken der breiten Schichten der Bevölkerung mehr aussagt, als es lange Stimmungsbilder zu tun vermögen. An diesem Tag sollte es im Turnus der Woche Schweinefleisch geben. Die Belieferung entsprach jedoch bei weitem nicht der Nachfrage. Da ertönte von einem Fleischerstande aus Frauenmunde der laute Ruf:„Heut haben uns die Juden das Schweinefleisch weggegessen". Die Ironie dieses Satzes hatte eine wahrhaft zündende Wirkung und wurde zur Parole des Morgens. Unter höhnendem Lachen ging sie von Mund zu Mund, bis schliesslich die Schupo, übrigens ohne sonderlichen Nachdruck, die wachsende Unruhe einzudämmen versuchte. Erbitternd wirkt, dass die sogenannten besseren Viertel Berlins, in denen die neue Aristokratie aller parteigenössischen Grade (nächtig ist, viel stärker beliefert werden als die Stadtteile mit ärmerer Bevölkerung. In den eleganten Delikatessengeschäften ist der„Dienst am Kunden" nach wie vor stark entwickelt. Hier hat man für die Frau SS-Obergruppenführer A. und ihre Freundin, die Frau Oberstudienrat B., immer noch etwas Apartes im Kühlschrank: feinste Wurstsorten, stark assortierten Aufschnitt mit geräucherter Gänsebrust. Unter den Damen der Beamten und Neureichen des Dritten Reiches geht die Kunde, wo es dies und jenes an wohlschmeckenden Dingen gibt bei der Strickerei„für unsere Feldgrauen" oder auch am Bridgetisch von | Mund zu Mund. Kostenfragen spielen bei diesen Empfehlungen keine Rolle. Der„Vornehmste" aus der obersten Ftth- . rergarnitur ist in diesen Kreisen unbestrit- tenermasseu Hermann Göring. Seine Prunkliebe wird ihm auch dann als repräsentatives Plus angerechnet, wenn sie ohne alle Skrupeln befriedigt wird. Auf Karinshall liegt seit kurzem ein Gästebuch auf, dessen kunstvoll ziselierter Einband aus purem Golde ist. Der Schöpfer dieses Beispiels 'deutscher Goldschmiedearbeit ist ein bekannter Künstler, der sich als fanatischer Nationalsozialist bekannt gemacht hat. Kurz nach dem polnischen Feldzuge kam dieser Auftrag Görings, dem mehrere Goldplatten beigefügt waren. Dem Goldschmiedemeister, dem es wirtschaftlich nicht sonderlich gut geht, wurde das Honorar jedoch vorenthalten: er solle sich mit der„Ehre" begnügen und mit der Reklame, das ein solch hoher Auftrag gerade auf ihn gefallen sei... Diese Geschichte ist Stadtgespräch, und nach allem, was man überjjewisse Teppicheinkäufe weiss— von den Gemälden aller Meister auf Karinshall, die früher in deutschen Museen hingen, gar nicht zu reden— ist sie genau so glaubhaft wie vieles andere, was andern Menschen mit den Begriffen einer normalen Rechtsordnung unglaubwürdig erscheint. Die Korruption Aus meinem eigenen Erlebniskreise vor meiner Auswanderung möchte ich den Beweis liefern, in welcher Weise das Naziregime und die Korruption miteinander verwandt und verschwägert sind. Nach unendlichen Gängen von Amt zu Amt, gelangte ich, um meine Auswanderung über das neutrale Ausland vorzubereiten, endlich in den Besitz des grossen und kleinen Unbedenklichkeitsvermerks der Finanzämter. Die Reichsfluchtsteuer war bezahlt; bis zum letzten Kaffeelöffel und Taschentuch waren alle Werte verzeichnet, die ich mitnehmen wollte; endlich funktionierten auch Zollfahndungsstelle und Devisenstelle mit ihren Bewilligungen. Von einem nicht unbeträchtlichen Vermögen war nichts mehr übriggeblieben. Mehr als zehn Mark hätte ich ohnehin nicht mitnehmen können. Zwei Tage vor meiner Abreise erschien an einem frühen Morgen ein junger Mann iin meiner nahezu leeren Wohnung. Er legitimierte sich als Beamter der Reichs- tluchtsteuerbehörde. In auffallender Vertraulichkeit setzte er sich neben mich, bat höflich um die Erlaubnis, eine Zigarette rauchen zu dürfen— worauf er mit einer Schimpferei auf das Dritte Reich und auf die braunen Führer begann, wie ich etwas Aehnliches noch niemals gehört habe. Er sprach in einem solch verbissenen, scheinbar echten Hohne über die Kriegstreiber, persiflierte Goebbels und Göring und versetzte mich dadurch in eine immer stärkere Verlegenheit. In der Annahme, einen gewöhnlichen Provokateur vor mir zu haben,, suchte ich auszuweichen und zu widersprechen. Als ich ihm sagte, dass mein vom Gericht bestimmterTreuhänder die für mich fällige Reichsfluchtsteuer bereits geregelt habe, brach mein Besucher die Unterhaltung ziemlich unvermittelt ab und verschwand. Meinem Treuhänder, dem ich sofort Bericht erstattete, war es klar, dass es sich um einen gewöhnlichen Erpresser gehandelt hat. Er gab mir folgenden Rat: „Tun Sie nichts in dieser Angelegenheit. Auch ich werde keine Anzeige erstatten. Mit solchen Sachen hat man heute noch furchtbare Scherereien. Wer weiss, ob der Mann nicht irgendein Beamter war, der Ihren Fall genau kannte und für sich noch etwas privat herausschlagen wollte. Und wenn es gar ein Pg. war, dann folgt für den Leidtragenden das dicke Ende nach. Was haben Sie eine Anzeige noch nötig, da Sie doch Deutschland bald verlassen!" Ich bin diesem erfahrenen Rate eines äusserlich getreuen Nationalsozialisten gefolgt, aber ich hörte, dass er bei einem eingeschüchterten Auswanderer mehr Glück hatte als bei mir. Seine Beute betrug hier zweitausend Mark. Am Tage nach diesem Vorgang erschienen zwei Gestapobeamte. Sie traten überaus schroff auf und erklärten, mit einer Haussuchung beauftragt zu sein, da gegen mich der Verdacht der Devisenschiebung vorliege. Der eine suchte mich durch Fragen auszuhorchen und mir Fallen zu stellen, während der andere mich scharf ansah, um aus meinem Mienenspiel mein schlechtes Gewissen zu erkennen. Bei der anschliessenden Haussuchung wurde natürlich nichts gefunden— ausser einer bisher unkontrolliert gebliebenen, im Jahre 1908 herausgegebenen Ausgabe des grossen Brockhaus, den ich mitnehmen wollte.„Der Brockhaus bleibt hier. Diese Ausgabe ent- [ sprich/ nicht den nationalsozialistischen j Richtlinien über das deutsche Schrifttum. Sie haben die 16 Bände samt dem Ergänzungsband morgen früh abzuliefern." Was blieb mir übrig? Noch am Nachmittag packte ich den Brockhaus in eine Droschke, fuhr zur zuständigen- Bezirksstelle der Gestapo und überraschte das Büro nicht wenig mit dem mächtigen Bücherstapel. i Die von mir geforderte Ablieferungsbescheinigung wurde mir demonstrativ versagt. Das Kleinbürgertum für Hitler Wenn ich gefragt werde, wo der Nationalsozialismus nach wie vor eine starke | Anhängerschaft besitzt, so kann ich auf Grund eigener Erfahrungen immer nur sagen: im Kleinbürgertum. Dabei muss diese Kennzeichnung im weitesten Sinne begriffen werden. Sie umfasst Kleinhändler, Wirte, Beamte aller Grade, Angestellte und Spezialisten. Dabei sind gewisse Gruppen der höher qualifizierten Arbeiterschaft nich' ausgeschlossen, die in ihrer Denkweise und in ihrer Lebensform betont das kleinbürgerliche Vorbild nachahmen. In diesen Schichten mischen sich primitiver Gefühlspatriotismus in seltsamer Weise mit dein Glauben an die Gewalt. Wie der Nationalsozialismus immer mit Wunschbildern und Fluchtgedanken des Kleinbürgertums en8 verbunden war, so gilt das erst recht für Berlin, das in vielen Beziehungen trotz weH- städlischer Tünche eine kleinbürgerliche Stadt geblieben ist. BEZ U GSBEDIN G UN GEN Der NEUE VORWAERTS kostet Einzelnummer Argentinien Belgien Brasilien Bulgarien Estland Pinnland Frankreich Orossbrit Holland Italien Jugoslav. Lettland Litauen Luxemburg Norwegen Palaestina Portugal Ruraaenlco Schweden Schwelt Ungarn USA \m Vi�' Uli»!*: 3.6« 24- 13.— 96.- 3.64 48.— 18.- rS« 13.2« 66« 'i.s« OÜ« 24— 120— 4 3.6« 4�« 1.— Imp. Union, 13, rue Mßchain, Paris. Le Girant: Albert MARI01'*