JOURNAL ANTIHITLERIEN Neuer Vorwärts Sozialdemokratisches Wochenblatt NOUVEL" EN AVANT!" Hebdomadaire en langue allemande Redaktion und Verlag: 30, Rue des Ecoles, Paris- 5. Téléphone: Odéon 42-58 Journal social- démocrate destiné aux réfugiés de langue allemande Nr. 351. SONNTAG, 10. März 1940 Aus dem Inhalt Tagebuch des Henkers Der groesste Raub der Weltgeschichte Volkswagen im Himmel Krise der Neutralität Neutralitätsprobleme der kleinen und grossen Mächte Tagebuch des lenkers 8. Februar Wie die braune Mordjustiz rasf Ein halbes Jahr währt jetzt der Krieg... Für wen hat die Zeit gearbeitet? Deutschland hat Polen, den schwachen Gegner, niederwerfen können. Aber der starke Gegner blieb von jedem Angriff verschont. Die Front im Westen Hörndler aus Schwabach, der im Oktober war von Anfang an erstarrt. Hier ver1 Hinrichtung. 1939,, dreimal Frauen in räuberischer Abharrt der Krieg bis jetzt in der VorbeHingerichtet wurde der vom Sonderge- sicht und unter Ausnützung der Dunkelreitung eine Vorbereitung nach aus richt Hannover wegen homosexueller Ver- heit überfallen hatte". gebrochenem Krieg von bisher beispiel- führung Minderjähriger zum Tode verurloser Dauer. Die Zeit dafür gewonnen teilte Erich Kohlberger aus Konitz. zu haben, ist unbestreibar der grosse Vorteil der Alliierten. Denn Deutsch9. Februar 14. Februar 19. Februar 3 Hinrichtungen. Es wurden drei Todesurteile des Sondergerichts Königsberg vollstreckt. Der erste Verurteilte, Anton Rafalski aus Allenstein, hatte ,, den Wehrsold, den ihm 1 Hinrichtung, 4 Todesurteile. durchfahrende Frontsoldaten gaben, daVollstreckung des Todesurteils gegen mit er ihn an ihre Angehörigen schicke, den 21 jährigen Josef Baumann aus Trier. unterschlagen und vergeudet". Der zweite, temberg ,,, nützte die in Ostpreussen inDas Posener Sondergericht fällte vier folge der Truppenansammlung vorübergeüber den Stand vom Sommer 1939 hat lich, Majewicz und Walczak, die sich an- zu aus, um Frontsoldaten zu betrügen und steigern können, nach dem Entzug von der zu bewuchern". Der dritte Verurteilte, ein Am gleichen Tage wurde Heinz Müller geblich am 1. September 1939 an Millionen Arbeitskräften und nach der aus Höhr- Grenzhausen hingerichtet. Delikt:» Misshandlung von Volksdeutschen" be- Jude namens Hans Blumenthal ,,, hat durch Drosselung seiner Einfuhr durch die Landesverrat. Blockade. land war vorbereitet; es war minde- 4 Hinrichtungen, 1 Todesurteil. stens seit 1936 in voller Kriegswirt- Das Urteil des Sondergerichts Berlin ge- Delikt: Raubüberfall unter Ausnützung der Christian Rein aus Oberdigisheim, Würtschaft; man kann mit Fug bezweifeln, gen Andry Sidor, 24 Jahre alt, Vasil Sabor, Dunkelheit. ob es die eigentliche Kriegsproduktion 22 Jahre alt und Michael Repko, 18 Jahre nach der Mobilisation noch wesentlich alt, ist vollstreckt worden. Die drei Verur Todesurteile gegen die Polen Szyfter, Wa- hend eingetretene Warenverknappung dafallen und beraubt. Das Sondergericht Köln verurteilte Ernst Barwig aus Hagen- Haspe wegen versuchten Einsbruchsdiebstahls unter Ausnützung der Dunkelheit zum Tode. 10. Februar teiligt haben. 1 Hinrichtung. 16. Februar Hingerichtet wurde Max Wilke aus Berlin- Köpenick, der sich gegenüber der. Mutter eines im Polenfeldzug gefallenen Soldaten wahrheitswidrig als ein Kamerad fortgesetzte fahrtseinrichtungen geschädigt". Betrügereien Kriegs- Wohl1 Todesurteil. 23. Februar Das Sondergericht Berlin I fällte das Todesurteil gegen den 16 jährigen Claus Ganz anders war die Lage der Alliierten. Sie waren nicht so ,, erzbereit" wie Deutschland. Der Feldzug in Polen gab ihnen die notwendige Zeit. Ungestört konnte die Mobilisierung durchgeführt, die Wirtschaft auf den Krieg umgestellt Hinrichtung des vom Sondergericht des Sohnes ausgegeben und so einige Wert- Kienscherper, der am 5. Februar seine werden. Seitdem ist ihr Kriegspotential Nürnberg zum Tode verurteilten Eugen gegenstände erschwindelt hatte. von Woche zu Woche gewachsen; es hat den deutschen Vorsprung, der auf ein1 Hinrichtung. Mutter ermordet hatte. zelnen wichtigen Gebieten bestand, be- bruar enteignet und der öffentlichen während des ersten Halbjahres von den Anfang an spielt, bei dem Grossmächte reits eingeholt, und überflügelt das deut- Bewirtschaftung" unterworfen worden. Alliierten organisiert und in fortschrei- wie Japan, die Vereinigten Staaten, Itasche Potential je länger je mehr. Viel- Die Durchführung der Enteignung un- tendem Mass durchgeführt wird. In ih- lien und juristisch Russland ausleicht wird ein künftiger Historiker kon- tersteht einem Generalvertreter. Dieser rer weiteren Entwicklung stösst sie auf serhalb des Krieges geblieben sind, hat statieren, dass das Opfer Polens den kann aber auch die bisherigen polni- das Problem der Neutralen. den kleinen Neutralen sehr gegen ihren Sieg der Alliierten gesichert hat. schen Besitzer zwingen, auf ihrem Grund Denn das Problem der Neutralen ist Wunsch und gegen ihr Interesse entGewiss, auch Deutschland sucht die zu bleiben und ihn nach den amtlichen in diesem Krieg von ganz anderer Be- scheidende Schlüsselstellungen gegeben. Zeit zu nützen. Soweit es die unterwor- Vorschriften zu bestellen nämlich so deutung als im letzten. Einmal gab es Dabei verknüpfen sich strategische und fenen Gebiete- Böhmen, Mähren, Slo- lange bis ein deutscher Siedler gefunden damals keine neutralen Grossmächte, wirtschaftliche Interessen zu einem unwakei und Polen nicht einfach aus- ist, der den Polen ersetzt. Man kann sich bis auf die Vereinigten Staaten, die zuflösbaren Ganzen. Schwedens Eisenraubt, versucht es deren Wirtschaft für vorstellen, mit welchem Eifer der neue schliesslich gleichfalls die Neutralität erzlieferungen an Deutschland sind für seinen Kriegsbedarf zu organisieren. Die Staatssklave den Boden bestellen, mit aufgaben; das heisst aber, es gibt in dem dessen Kriegführung einfach unentAufgabe ist leichter auf dem industriel- welcher Sorgfalt er Vieh und Geräte be- jetzigen Krieg Mächte, die hinter das, behrlich, würden sie verhindert, so wäre len Gebiet. Die Produktion der grossen handeln wird, um möglichst gute Ueber- was sie als ihr Neutralitätsrecht in An- Deutschland in einigen Monaten nicht Industriewerke Böhmens oder Polnisch- schüsse für den verruchten Peiniger zu spruch nehmen wollen, eine grosse mi- imstande, seine Rüstungsindustrie im Oberschlesiens lässt sich ohne allzu erzielen! Man darf zuversichtlich hof- litärische Macht einsetzen können. Dar- notwendigen Umfange aufrechtzuerhalgrosse Schwierigkeiten auf den deut- fen, dass die Politik die Wirtschaft er- auf müssen die Kriegführenden in ganz ten. Schweden und Norwegen sind aber schen Rüstungsbedarf umstellen und schlagen wird. Zudem zieht die Dikta- anderer Weise Rücksicht nehmen als zugleich die Durchgangsländer, durch stösst hier nur auf die Hemmungen der tur hunderttausende, insgesamt wohl früher. Zweitens ist die Funktion der die allein Finnland die nötige TruppenRohstoffbeschaffung und die Unwillig- über eine Million, agrarischer Arbeits- kleinen Neutralen weit bedeutungsvoller hilfe von den Alliierten gebracht werkeit der in Sklaven verwandelten Arbei- kräfte aus den tschechischen, slowaki- geworden. Die Neutralität Belgiens den könnte. Fällt aber Finnland, dann ter und Angestellten. Viel schwieriger schen und polnischen Agrargebieten wurde im letzten Krieg nicht wegen der gerät Skandinavien so oder so in Abist die Ausbeutung des Agrargebiets. heraus, die die fehlenden deutschen wirtschaftlichen Bedeutung des Landes hängigkeit von Russland und DeutschNach der Verwüstung des Krieges, nach Landarbeiter ersetzen sollen. Auch dies von Deutschland vergewaltigt, sondern land, die damit unumschränkte Verfüden Härten dieses ausserordentlichen muss dazu beitragen, dass die Ernte- aus rein militärischen Erwägungen, um gung über das wichtige Rohstoffgebiet Winters hätten die Feldarbeiten in Po- ergebnisse dieser Gebiete sehr stark ab- das beste Aufmarschgebiet gegen Frank- erhielten. Und ähnlich liegen die Verlen an sich schon sehr stark im Rück- sinken werden, um so mehr da das blok- reich zu erhalten. Die Türkei und Bul- hältnisse auf dem Balkan. Rumänien, stand bleiben müssen. Mit seinem Ger- kierte Deutschland auch nicht imstande garien, Griechenland und Rumänien um nur dies zu nennen, ist nicht nur an manisierungszwang hat Hitler diese ist. den notwendigen Dünger bereitzu- schlossen sich aus ihren eigenen macht- sich wichtig für die Petroleumzufuhr Schwierigkeiten noch ungeheuer ver- stellen. politischen Gesichtspunkten den Krieg- nach Deutschland; seine Stellung würde Auf keinen Fall ist die Produktions- führenden an, und der Druck, den die auch militärisch von grosser Wichtigmehrt. Viele tausende Polen sind aus den Westprovinzen vertrieben worden, steigerung, die Deutschland in dem Kriegführenden auf sie ausgeübt hatten, keit bei einem Konflikt mit Russland. um Raum zu schaffen für die gewaltsam eigenen Wirtschaftsraum erzielen könn- entsprang militärischen und nicht wirt- Die Krise der Neutralität der Kleindahin verpflanzten Balten, Deutsche aus te, für die Kriegsführung, wenn sie erst schaftlichen Erwägungen. Natürlich staaten wird so zu einer notwendigen Ostpolen, Südtiroler. Württemberger und zu den grossen Materialschlachten ge- hatte die Stellungnahme dieser Länder Folge der Konstellation dieses Krieges. Badenser, die zum Teil gar keine Land- führt irgendwie ausreichend. oder ihr späteres Schicksal im Kriege Jetzt, gerade mit Abschluss des ersten Eine solche Umsiedlungs- Deutschland bleibt nicht nur auf die auch wirtschaftliche und bisweilen Halbiahrs, tritt aber auch ein ernstes politik würde selbst in normaler Zeit Aufrechterhaltung, sondern auch auf die bedeutsame Folgen; aber sie waren Neutralitätsproblem zunächst zu einem gewaltigen Produk- Steigerung der Einfuhr kriegswichtiger nicht die Ursachen, die sie in den Krieg Grossmacht betrifft. England und tionsrückgang führen müssen. Wie nun Waren angewiesen. Deshalb ist die zogen. Frankreich haben als Repressalie gegen gar im Kriege! Aber damit nicht genug. Durchführung der Blockade ein kriegs- Ganz anders diesmal. Die eigentüm- die Verwendung magnetischer Minen Das gesamte polnische Bauernland in wichtiger Faktor von allergrösster Be- liche Konstellation dieses Krieges, bei Anfang November die Verhinderung jeden eingegliederten Ostgebieten" ist deutung. Diese wirtschaftliche Kriegs- dem bis jetzt der Wirtschaftskrieg, die der Ausfuhr deutscher Produkte be-durch einen Erlass Görings vom 20. Fe- führung ist auch bisher die einzige, die Blockade, eine so gewichtige Rolle von schlossen. Um den betreffenden Länwirte sind. hat, auf, das eine dern Gelegenheit zu anderer Versorgung zu lassen, wurde eine Frist gesetzt, die am 2. März abgelaufen ist. Dadurch wird vor allem die Kohleversorgung Italiens betroffen. Italiens Kohlenproduktion beträgt ungefähr 1— 2 Millionen Tonnen, sein Verbrauch 12— 13 Millionen Tonnen. Italien importiert etwa 4 Millionen Tonnen aus England, 8 Millionen Tonnen aus Deutschland, davon etwa die eine Hälfte zu Lande, die andere über Rotterdam auf dem Meereswege. Deutschland kann die Zufuhr zu Lande wegen der Beanspruchung der Eisenbahn nicht wesentlich steigern, die Meereszufuhr wird von England jetzt verhindert. Eine Anzahl Kohlenschiffe, die aus Rotterdam ausgefahren waren, sind auf italienische Weisung wieder in den Hafen zurückgekehrt, um der Beschlagnahme zu entgehen. England ist bereit, die fehlende Kohlenmenge Italien zu liefern. In Devisen kann Italien nicht zahlen, jedenfalls nicht die ganze Summe. England hat sich einverstanden erklärt, Erzeugnisse der italienischen Schwerindustrie in Zahlung zu nehmen, Italien wollte aber nur Agrar- produkte liefern, die England, soweit es deren überhaupt bedarf, aus dem eigenen Empire beziehen kann. An dieser Differenz ist eine Vereinbarung bisher gescheitert, die Verhandlungen sollen aber fortgesetzt werden. Für Deutschland wäre die Unterbindung der Kohlenlieferungen ein schwerer Schlag. Italien ist ein wichtiger Lieferant. Am 26. Februar wurde nach langen Verhandlungen ein neuer deutsch- italienischer Handelsvertrag abgeschlossen, demzufolge Deutschland für 3 Milliarden Lire Waren an Italien liefern und für 2 1/2 Milliarden Lire von Italien beziehen sollte. Die Unterbindung der Kohlentransporte würde Deutschland nicht nur ein wesentliches Zahlungsmittel nehmen, sondern auch für Italien den Vertrag viel wertloser raachen. Die Blockade Deutschlands würde wesentlich enger. Man darf auch vermuten, dass Deutschland aus Italien hicht nur Produkte der italienischen Schwerindustrie erhalten hat, sondern auch manche ausländische Waren, die es auf andere Weise kaum beziehen kann. Es ist also eine wichtige Phase in der erweiterten Durchführung des Wirtschaftskrieges, die sich jetzt ankündigt. Wie bei allen Problemen der sogenannten Neutralität handelt es sich nicht allein um eine Rechtsfrage, sondern um eine Machtfrage. Auch hier verknüpfen sich zugleich die wirtschaftlichen unauflöslich mit den militärischen Interessen zu einem Ganzen. Und die Entscheidung wird diesmal um so schwerwiegender, da es eine Entscheidung zwischen Grossmächten ist. Dr. Richard Kern Chronik der Woche EeMe Krie�«(a�unsr der Infernafionale Propaganda anw Antraf Das Bekanntwerden der deutschen Schandtaten in Polen hat die Herren des Dritten Reiches nervös gemacht. Mächtige Männer des Auslandes fordern Wiedergutmachung, die Weltpresse berichtet in einer Form, die unangenehm an die Vorbereitung einer Rechnung gemahnt, die Deutschland demnächst präsentiert werden soll. Das deutsche Volk horcht auf. Es hat vor fünfundzwanzig Jahren erfahren, dass eine solche Rechnung am Ende des Krieges vorgelegt wurde und von ihm selbst bezahlt werden musste. Es beginnt misstrauisch auf die Taten jener zu blicken, die sich heute noch seine Führer nennen. Misstrauen des Volkes, das ist eine Schwierigkeit, für deren Beseitigung im Dritten Reich das Propagandaministerium zuständig ist. Es hat sein Werk bereits begonnen. Zunächst wurde ein Beruhigungsversuch durch Aufstellung einer Gegenrechnung unternommen. Die gesamte Goebbelspresse hallt wider von dem Geschrei über die zahllosen Greuel, die in Polen— angeblich an Deutschen— begangen wurden. Wer ausführliche Greuelgeschichten als zu aufregend, oder wer Zahlenangaben als zu nüchtern ablehnt, der kann im„Völkischen Beobachter" eine kosmetischhistorische Version auf sich wirken lassen.„Alles was hier(in Polen) geschieht und geplant wird, ist nichts weiter als die zielbewusste und sorgfältige Säuberung des deutschen Antlitzes, das diesem alten ostgermanischen Siedlungsraum seil seinem Eintritt in die Geschichte für alle Zeiten aufgeprägt ist, von der grellen und Sonntag, 15. Februar 1940 Die Exekutive der Sozialistischen Arbeiter-Internationale hielt in Brüssel eine Tagung ab, an der die Vertreter der sozialistischen Parteien der demokratischen Länder Europas teilnahmen. Die Gesichtspunkte der Sozialisten in den neutralen und in den kriegführenden Ländern wurden in eingehender Diskussion dargestellt. Zum neuen Präsidenten der Internationale wurde Camille Huysmans gewählt. Zwischen Deutschland und Italien wurde ein Handelsvertrag für das kommende Jahr abgeschlossen. Er sieht die Lieferung von sieben Millionen Tonnen Kohlen vor, von denen vier bis fünf Millionen auf dem Seeweg nach Italien geschickt werden müssen. Die Schwierigkeiten des Transportes sollen auf Italien abgewälzt werden. Der Wert des von den Südtirolern zurückgelassenen Besitzes wurde nach langwierigen Verhandlungen mit etwas mehr als sieben Millionen Lire angesetzt. Die jugoslawische Polizei hob in der slowenischen Stadt Celje eine deutsche Gestapo-Zentrale aus. Zehn Deutsche wurden verhaftet. Alle hatten falsche Dollarnoten in ihrem Besitz. Sie gaben bei ihrer Vernehmung an, dass sie die Tätigkeit der Deutschen in Jugoslawien zu überwachen hatten. Auf den Protest der schwedischen Regierung wegen der Bombardierung des schwedischen Dorfes Pajala liess die Sowjetregierung erklären, dass kein russisches Flugzeug Pajala überflogen habe, und dass es sich offenbar um eine„böswilige Erfindung" einer englischen Nachrichtenagentur handle. Die schwedischen Zeitungen bringen Bilder des bombardierten Dorfes. Das erste Kontingent kanadischer Flieger ist in England angekommen. Montag, 26. Februar 1940 Vom schwedischen Reichstag wurde die Devisenbewirtschaftung zum Schutze der Gold- und Devisenreserve des Landes beschlossen. Mit der Aussiedlung von 600 000 Weissrussen und Ruthenen, die nach dem Stalin- Hitler-Abkommen aus dem von Deutschland okkupierten Polen in die Sowjetunion auszuwandern haben, ist begonnen worden. Der ganze Transport soll in wenigen Tagen beendet sein. Für die noch in Lodz lebenden Juden haben die deutschen Besatzungsbehörden ein Ghetto eingerichtet. Dienstag, 27. Februar 1940 Die Schiffsverluste der Handelsflotte der Alliierten und Neutralen wurden in einem offiziellen deutschen Communique für die Zeit von Kriegsbeginn bis zum 20. Februar 1940 mit 469 Schiffen und einer Gesamttonnage von 1,81 Millionen Tonnen angegeben. Die französische Admiralität bezeichnet diese Zahlen als falsch und gibt folgende Verluste an: Frankreich 14 Schiffe (66 120 t), England 157 Schiffe(590 419 t), Neutrale 141 Schiffe(408 590 t), also insgesamt 312 Schiffe(1 065 129 t). Rumänien hat weitere Reservistengruppen einberufen. Das Land wird im März zwei Millionen Mann unter den Fahnen haben. Mittwoch, 28. Februar 1940 Die amerikanische Luftpost nach Europa wurde auf den Bermuda-Inseln wiederholt von den Engländern zensuriert. Es sollen sich in der Post hohe, für Deutschland bestimmte Werte befunden haben, die von den Engländern beschlagnahmt wurden. Es wird zwischen Amerika und England über diese Angelegenheit verhandelt, doch werden die amerikanischen Flugzeuge auf ihren Flügen nach Europa vorläufig keine Zwischenlandung auf den Bermuda-Inseln mehr vornehmen. Eine Blockade von Murmansk wird von einem ganzen Geschwader englischer Kriegsschiffe durchgeführt, um den Verkehr deutscher Schiffe durch die norwegischen Küstengewässer von und nach Murmansk zu unterbinden. Der Verkauf des Memoirenbuches des früheren preussischen Ministerpräsidenten Otto Braun ist durch eine im Reichsanzeiger publizierte Verordnung im Dritten Reich verboten worden. Donnerstag, 29. Februar 1940 Der französische Ministerrat beschloss die allgemeine Einführung von Lebensmittelkarten, sowie die Durchführung einiger Einschränkungen in der Ernährung, im Alkoholkonsum und in der Benzinzuteilung. Ein gewerkschaftliches Hilfskomitee für Finnland wurde in Frankreich gebildet. Es will dem flnnländischen Volk materielle Hilfe bringen und ausserdem die französischen Arbeiter über den„bolschewistischen aufdringlichen, entstellenden polnischen Schminke." Noch grösser als im Reich selbst ist die Angst unter den Deutschen, die von Hitler nach Polen geholt worden sind, wenn sie plötzlich an das Ende des Krieges denken und an die Stunde der Abrechnung, die für sie die Stunde der Vertreibung und der Heimatlosigkeit sein wird. Selbstverständlich prasselt über diese Gruppe der„Volksdeutschen", die Hitler bereitwillige Helfer waren und die als die ersten Opfer mit ihm fallen werden, ein doppelter und dreifacher Segen aus den Händen von Joseph Goebbels. Hier werden die Mittel angewendet, die in der deutschen Arbeitsfront gegen die Arbeiter praktiziert wurden. Man lässt die Leute möglichst nicht zu Atem und zur Selbstbesinnung kommen. Ihre Arbeit wird genau geregelt und ihre Freizeit ebenfalls. Sie werden in einem Dickicht von Order und Gegenorder eingefaneen, sodass sie ständig in Spannung gehalten werden. Sie müssen die deutschen Gesetze kennen lernen und die polnischen Anbau- oder Marktverhältnisse, die östlichen Handelssitten und die nationalsozialistischen Gedankengänge. Wenn sie von einem Kursus zum andern eilen, so werden ihre Blick auf den Strassen eingefangen von grossen Plakaten, die Goebbels speziell für Polen herstellen liess. Auf den Plakaten wird die ganze Schuld, die diese Deutschen bereits auf sich lasten fühlen, den Engländern zugeschoben. Vor einem rauchenden Trümmerhaufen Warschaus steht Cham- berlain und es wird ihm auseinandergesetzt:„Das ist Ihr Werk, Mr. Chamber- lain." Oder die Deutschen rufen angesichts des zerstörten Landes:„Wir haben gewarnt!", oder andere Plakate versuchen die Angst zu beschwichtigen:„Niemals wird die Sikorski-Gruppe nach Polen zurückkehren." In den beiden in Polen erscheinenden Goebbelsblättern, in der „Warschauer Zeitung" und im„Nowy Kurjer Warszawski" ist der immer wiederkehrende Refrain:„Polen kann nie- mals Hilfe von England oder Frankreich erwarten." Mit dieser Propaganda wird versucht, den Baltendeulschen, den Bauern aus Wolhynien und den beutegierigen Zuzüglern aus dem Reich Mut zuzusprechen, dass sie sich nicht durch Gewissensbisse oder durch Angst vor dem Kriegsende im Genuss der gestohlenen polnischen Habe beeinträchtigen lassen. Befreiungskampf" Stalins in Finnland durch Filmvortrüge aufklären. Die Hinrichtungen und Ausweisungen von Polen werden von den Deutschen in beschleunigtem Tempo fortgesetzt. Zwei bekannte polnische Industrielle wurden erschossen, weil sie es ablehnten, an Stelle ihrer polnischen Nationalität die deutsche anzunehmen. Aus Lodz sind in den letzten Tagen sechstausend angesehene Familien verjagt worden. Freitag, 1. März 1940 Die finnländische Regierung liess dem Sekretariat des Völkerbundes eine Note überreichen, in der auf die Kriegsmethoden Russlands, auf das Bombardement offener Städte und Dörfer, Schulen und Krankenhäuser imd unbewaffneter Zivilpersonen hingewiesen wurde. In einer zweiten Note wurde von der Verletzung der Neutralität der Aalands-Inseln, die durch die Genfer Konvention von 1921 garantiert war, Kenntnis gegeben. Die deutschen Eisenbahnen haben die Uebernahme rumänischer Waggons abgelehnt, in denen Lebensmittel nach Norwegen und Schweden über Stettin gesandt werden sollten. Offenbar wurde in Berlin oder Moskau angenommen, dass es sich um Sendungen für Finnland handelte. Die englischen Gewerkschaften haben eine Geldsammlung für das finnische Volk eingeleitet. Die Sendung von„Liebesgaben-Paketen" von Holland nach Deutschland hat in den letzten Wochen einen solchen Umfang angenommen, dass sich die holländische Regierung entschlossen hat, nur noch Päckchen bis zum Höchstgewicht von drei Kilogramm und nur von Privatpersonen an private Empfänger in Deutschland zuzulassen. Das Wrack des deutschen Kreuzers„Ad- mirat Graf Spee" wurde von Deutschland an argentinische Metallwerke verkauft. Sonnabend, 2. März 1940 Ein belgisches Flugzeug ist über belgischem Territorium von einem deutschen Flugzeug abgeschossen worden. Der belgische Flugzeugführer wurde getötet. Zwei weitere belgische Flugzeuge wurden beschädigt. Der belgische Aussenminister hat gegen diesen Neutralitätsbruch protestiert. unbescholtenen Mädchen, welches das 16. Lebensjahr noch nicht vollendet hatte, gegenüberstand.— Urteil; ein Jahr drei Monate Gefängnis. („Hessische Landeszeitung" 13. Jan. 1940.) «plol im Vrrpnhaii!« Am„Tag der deutschen Polizei"— 17. und 18. Februar— sind in Deutschland wie alljährlich„freiwillige Spenden" er- presst worden. Diesmal hat man als Abzeichen viele Millionen Miniaturpolizisten aus Kunstharz verkauft, und zwar„alle Einzelformationen der Polizei". Die bunten Figuren, so pries der„Völkische Beobachter" am 17. Februar die Ware, ,.s>nd wie Zinnsoldaten aufstellbar. Jeder kann also einmal, wenn er Lust dazu hat,„Polizei spielen", und nach eigenem Wunsch und Belieben ganze Polizeiabteilungen aufmarschieren lassen." Und die SS-Hilfspolizei dazu. Wer einigen Hausfleiss auf das sinnige Spiel verwenden will, baut sich ein komplettes Konzentrationslager dazu mit elektrisch geladenem Stacheldraht, Maschinengewehrtür- men, Bunker und Galgen. Nur Vorsicht, dass nichts passiert! Kunstharz entzündet sich manchmal. Gefülilvolle Einkaufen scheint heute in Deutschland nicht mehr einfach ein Handel zu sein— Ware gegen Geld— sondern eine Sache, die tiefere Gefühlsregionen aufwühlt als Einkaufslasche und Portemonnaie. Die „Reichsfrauenführerin" hat zehn Einkaufsgebote erlassen und davon beschäftigen sich allein drei mit den Gefühlen, die zwischen Hausfrau und Kaufmann sein oder nicht sein dürfen. Es heisst im Gebot Nummer drei kurz und derb:„Die einkaufende Hausfrau soll keine Anbiederungsversuche gegenüber dem Kaufmann machen." Umgekehrt wird im achten Gebot dem Kaufmann zur Pflicht gemacht,„dass er bis zur letzten Minute liebenswürdig bleibt" und das neunte Gebot fordert ihn auf„seine persönlichen Sympathien und Antipathien nicht zu deutlich zum Ausdruck zu bringen." Pnichljalirmädrhen Frau Klara Rosenau aus der Hampel- bergstrasse in Sprottau, Gattin eines Studienrates, war wegen fortgesetzter körperlicher Verletzung, begangen an ihrem Pflichtjahrmädel, angeklagt. Sie hatte das erst 14 Jahre alte Kind Tag für Tag geschlagen, ihm die Ohren blutig gerissen, ihm Verletzungen mit einem Teppichklopfer und mit einer Kohlenschaufel beigebracht und ein Auge blau und blutig geprügelt.— Urteil: ein Monat Gefängnis. („Schwarzes Korps" 8. Febr. 1940.) Der verheiratete unvorbestrafte E. B. aus Froschhausen hat sich mehrere Male an einem in seiner Familie aufgenommenen Pflichljahrmädchen vergangen. Es muss gesagt werden, dass er hier als Erzieher einer abhängigen Person, einem Werfskala Im„Völkischen Beobachter" vom 20. Februar liest man: „Es werden immer die besten Jungen und Mädel sein, die sich zum Landdienst der HJ melden, die als Führer und Führerinnen einer Landdienstschar auf deutschen Bauernhöfen arbeiten, um später dann vielleicht Wchrbauern und Bäuerinnen zu sein und damit ewig neues Bauerntum zu begründen."« Andere Jungen und Mädchen mögen machen, was sie wollen, sie mögen sich zu Gelehrten oder Künstlern, Erfindern oder Forschern entwickeln— die„Besten" sind sie bestimmt nicht. Eine Dienststraf Ordnung für die weiblichen Angehörigen des Reichsarbeitsdienstes ist erlassen worden. Sie wird in den Schulungslagern der Lagerführerinnen eifrig einstndiert, auf dass die zukünftige Lagerführerin keine Strafmöglichkeit aus- lässt. Goering enteigne! die polni�elien Arbeiter Der js�rösste Raub der Welt�escbiclite Die Henkersknechte Hitlers, die in Po-| len ihre blutige Arbeit verrichten, sind nicht die dafür Verantwortlichen, sondern nur die Beauftragten eines kalt berechnenden Machtgierigen, der Hassgefiihle entzündet, um sich ihrer als Mittel für langgehegte Pläne zu bedienen. Die wohlorganisierte Menschenjagd auf die polnische Intelligenz und ein Terror von beispielloser Grausamkeit, bestimmt, die Widerstandskraft des polnischen Volkes zu brechen, sind nur der erste Teil eines Programms zur völligen Versklavung Polens. Es folgt die Enteignung der polnischen Bevölkerung und die Verwandlung der ihres Besitzes und ihres Erwerbs Beraubten in Hitlers Arbeitssklaven. Göring hat eine Verordnung über die öf-; fentliche Bewirtschaftung für Land- und Fortswirtschaftsbetriebe in den dem Reich angegliederten Ostgebieten erlassen. Davon werden alle landwirtschaftlichen Betriebe betroffen, die am 1. September 1939 nicht im Besitz von Volksdeutschen waren, also alle, die einem Polen gehören. Die endgültige Enteignung des landwirtschaftlichen Grundeigenturas wird zwar nicht ausdrücklich verkündet, es wird aber von der „Inbesitznahme" durch einen von Göring zu ernennenden Generalverwalter gesprochen. Diese Inbesitznahme ist aber ganz offenbar nur die Vorstufe der völligen Expropriation. Die bisherigen Eigentümer werden mit Gefängnis und Geldstrafen, in schwereren Fällen mit Zuchthaus bedroht, wenn sie ein Inventarstück der Verfügungsgewalt des Generalverwalters zu entziehen versuchen, die demnach unbeschränkt ist. Er darf die Grundstücke nicht verkaufen, kann aber sonst nach Gutdünken mit ihnen verfahren, also jeden Gutsbesitzer und Bauern jederzeit von Boden und Hof verjagen. Die bisherigen Eigentümer müssen ihr Gut bis zur Uebernahme„ordentlich verwalten", d. h. solange es dem Generalverwalfer gefällt, sie nicht daraus zu vertreiben. Bis dahin sind sie Expropriierte auf Urlaub. Die Nazis können sich rühmen, damit einen der gewaltigsten Raubzüge der Weltgeschichte vollbracht zu haben. Die landwirtschaftliche Nutzfläche des von Deutschland annektierten Teil Polens beträgt etwa 13 Millionen ha, das ist fast die Hälfte der Nutzfläche des Altreichs. Auf das von Hitler annektierte Gebiet entfielen von der gesamten polnischen Getreideernte des Jahres 1936 etwa 7,7 Millionen Tonnen, das ist etwa ein Drittel der deutschen Getreideernte von 1938. 1938 wurden in Deutschland 51 Millionen Tonnen Kartoffeln geern- tel, in dem von den Nazis beherrschten Polen 1936 etwa 21 Millionen Tonnen. Vor allem ist es wohl der grosse polnische Viehbestand, der den Appetit Görings reizt. Der polnische Viehexport war relativ bedeutsamer als die Getreideausfuhr. Göring hat in seiner Rundfunkansprache an die deutschen Bauern gedroht, ihnen die zugesagte Erhöhung der Milch- und Butterpreise ohne Gnade wieder zu entziehen, wenn sie nicht durch Enthaltung vom Genuss der selbsterzeugten Milch 2 Millionen Liter Milch er- soaren. Warum sollte Göring davor zurückschrecken, erst recht die polnischen Bauern hungern zu lassen, um die heimische Fett- und Fleischlücke zu verengern. Allein der Rindviehbestand im polnischen Machtbereich der Nazis betrug 1936 etwa die Hälfte des deutschen. Es gab 1938 in Deutschland 19,9, in dem an Hitler anheimgefallenen Polen 1936 9,3 Millionen Stück Rindvieh. Was man mit dem polnischen Boden vorhat, ist nicht zweifelhaft. Die polnische Landwirtschaft ist vielfach rückständig. Ihre Erträge lassen sich durch intensivere Bewirtschaftung beträchtlich steigern. Man wird zu diesem Zwecke die deutschen Bauern, die man aus Wolhynien und Gali- zien, aus dem Baltikum und aus Deutschland selbst herausgezogen hat und noch herausziehen will, nach Polen verpflanzen. Ras Ergebnis einer Untersuchung, die der Reichsbauernführer Darre von seinem Reichsnährstand vornehmen Hess, hat ergeben, dass nicht weniger als 400 000 Bauernfamilien aus Württemberg, Baden, Hessen, aus Franken und der Oberpfalz, aus Südhannover und Westfalen, von Rhein Und vom Main„aussiedlungsfähig" sind Und im neueroberfen Osten angesiedelt ■Werden können. Was wird aber mit den Polnischen Bauern geschehen, die man von Heim und Acker verjagt? Der„angegliederte" Osten hat eine Bevölkerung von 20 Millionen, davon etwa 15 Millionen auf dem Lande. Man kann nicht alle durch Er- sehiessen oder durch Hunger zur Strecke Eningen. Man wird sie in Arbeitssklaven verwandeln, die unter der Knute des deutschen Herren frohnen müssen, der sie völlig rechtlos gemacht hat und über ihr Leib Und Leben verfügt, wie über eine Sache. Sie sind weniger als Leibeigene, die doch "nmerhin eigenen Boden bebauen konnten. Was man mit den Polen vorhat, geht schon daraus hervor, dass Himmler, der Chef der deutschen Polizei und der SS, zum „Reichskommissar für die Festigung des deutschen Volkstums im Osten" ernannt worden ist. Wie diese Germanisierung im Zeichen Himmlers betrieben werden soll, wird durch die Art gekennzeichnet, wie die deutschen Siedler für den Osten ausgewählt werden. Himmler hat für die Ansiedlung von Handwerkern im Osten Richtlinien erlassen, wonach diese nicht nur und vielleicht nicht einmal hauptsächlich Häuser bauen, Pferde behufen, Traktoren reparieren sollen, sondern für Aufgaben bestimmt sind, die Himmler politische nennt. Wer den Nazijargon kennt, weiss was das besagen will. Diese Handwerksgesellen müssen wohl ausser in ihrem Beruf noch ein zweites Gesellenstück als Kerkermeister in einem Konzentrationslager abgelegt haben, um als Siedler in Polen ausersehen zu werden. Noch deutlicher wird die Rolle, die die Siedlerkandidaten im Osten spielen sollen, in einem Aufruf an die Hitlerjugend ausgedrückt, der in Baldur von Schirachs Spe- zialorgan„Wille und Macht" abgedruckt ist. Dort wird die landgeborene und die landwillige städtische Jugend aufgefordert, sich bei der nächsten HJ-Dienststelle zu melden, um„zum nächstmöglichen Zeitpunkt" in den Osten verschickt zu werden. Der Reichsjugendführer hat im Einvernehmen mit Himmler eine„Siedlernachwuchsstelle Ost" eingerichtet, wo die siedlungswillige Jugend„für die besonderen wirtschaftlichen und politischen Aufgaben im Siedlungsgebiet ausgebildet werden soll." Es bestehe schon jetzt fortlaufender Bedarf an Wirtschaftsführern und Wirtschaftsgehilfen, aber„die eigentliche Be- siedelung wird bis nach Beendigung des Krieges zurückgestellt."* Soll also die siedlungsbereite Hitlerjugend vorläufig nur ausgebildet und erst nach Kriegsende in Polen eingesetzt werden? Keineswegs. Denn„die jetzt schon verfügbaren Kräfte werden benötigt, um die ordnungsgemässe Bewirtschaftung der Betriebe sicherzustellen. Hier hat der Siedler die beste Möglichkeit, das Land und die gegebenen wirtschaftlichen Bedingungen kennen zu lernen. Hier besteht auch in höchstem Masse die Möglichkeit der täglichen Bewährung im politischen Einsatz". Die.siedlungsbereite Jugend wird also den„neuen Adel" der überlegenen Rasse bilden, der entweder aus Gestapobeamten besteht oder sich im Dienste der Gestapo betätigt. Das ist ein neuer Beilrag zur Verderbnis des nationalen Geistes der deutschen Jugend, die das Regime züchten muss, um sich an der Macht zu halten. Das polnische Beispiel, so grausig es ist, hat doch die eine gute Seite, eine Warnung für die übrige Welt zu sein, der praktisch demonstriert wird, was aus ihr wird, wenn es Hitler gelingt, seinen Lebensraum noch weiter auszudehnen. G. A. F. Wahrheit wider W illen Was das« Soliwarze Korps» verrät Was der„Stürmer" seit jeher für die Juden war, das ist das„Schwarze Korps", die Zeitschrift der SS, nach und nach für die sogenannten Arier geworden: ein gefürch- tetes Denunzianten- und Erpresserblatt. Die Zeitschrift nimmt kleine Missetäter aufs Korn, prangert sie womöglich mit Namen und Adresse an und erreicht so, dass ihnen der Prozess gemacht wird. Gewöhnlich handelt es sich um Menschen, die sich die Privatrache irgendeines SS-Mannes zugezogen haben, und wenn die SS-Redaktion nicht selbst erpresst, so leistet sie mindestens den befreundeten Erpressern Hilfsstellung. Häufig werden auch ganze Gruppen von widerborstigen oder unvorsichtigen Volksgenossen abgekanzelt. Dann kann man mit einiger Bestimmtheit darauf rechnen. dass die Einzelfälle, auf die es dem SS-Organ ankommt, in einer der nächsten Nummern an die Reihe kommen. Interessant ist, welches Thema augenblicklich im Anprangerungsrepertoire die Hauptrolle spielt. Es geht um die Hamsterer und Schieber und um jene Meckerer, denen die Rationen zu klein sind. Beim genauen Hinsehen entdeckt man, dass trotz des tausendmal grösseren Terrors, trotz Henker und Konzentrationslager die Lebensmittel- und Bezugsscheinschiebung ge nau so munter blüht wie anno 1917/18. Da ist z. B. die Gruppe der„Schweine- mäsfer", über die es in der Nummer vom 1. Februar heisst: „Es gibt plötzlich Städter, die unter die Schweinezüchter gegangen sind. Zwar wissen sie nicht, wo bei einem Schwein hinten und vorn ist. und wollten sie es füttern, so würde selbst das Schwein da gegen aufbegehren. Aber sie züchten Schweine, weil an einem Schwein markenfreie Eisbeine hängen. Natürlich halten sie es nicht auf dem Balkon oder in der Badewanne. Sie sind ja so klug: sie halfen es in Pension bei einem lieben Bekannten auf dem Lande. der sich auf den Umgang mit Schweinen versteht." Zwar habe der Reichsnährstand einen Riegel vorgeschoben, indem er die Bestim mung erliess, dass nur der eine Haus- Schlachtung vornehmen dürfe, der das Schwein drei Monate lang selbst gefüttert habe. Aber die„Eisbeinjäger" erfanden einen Ausweg. Jetzt kaufen sie beim Bauern ein Schwein, mieten einen Stall, nehmen die Viehmagd teilweise in ihre Dienste und lassen das Schwein in ihrem Stall und in ihrem Auftrag füttern.„Und dann ist Schlachtfest". Der Sport scheint schon einen ziemlichen Umfang angenommen zu haben, denn das„Schwarze Korps" mahnt besorgt: „Eines Tages sind die städtischen .Schweinezüchter' Legion. Und da die Schweine leider nicht von der Luft leben, sondern von unserm Gesamtvorrat an Futtermitteln, werden dementsprechend die legal gefütterten Schweine weniger werden, und so werden dann die lieben Hamsterer richtig ein Loch in unsere Ernährungsdecke gefressen haben." Ebenso sei es mit den Amateuren der Hühnerzucht. Nicht selten werden in Inseraten einige 100 Mark Darlehen zur Errichtung einer kleinen Hühnerfarm„gegen laufende Abgabe von Schlachtgellügel" gesucht. „Eines Tages sind zehntausend Leute mit Überflüssisen Geldvorräten wohlbestallte Hühnerzüchter aus der Ferne, oder es tun sich Pensions-Hühnerfarmen auf, so wie es einmal die Schwindelbctriebe der Pensions-Pelztierfirmcn gab." Kurz— die Zustände werden denen gegen Kriegsende und während der Inflation immer ähnlicher. Auch das kommt offenbar nicht selten vor, dass ein Bauer bei einer Fabrik eine Werkzeug-Bestellung aufgibt und hinzufügt; „Werde Ihnen als Entgegenkommen 2 bis 3 schöne junge, fette Gänse übersenden zu Ende der Woche." In dem besonderen Falle, den das „Schwarze Korps" sich vornimmt, hat der Fabrikant, offenbar ein SS-Führer, ein sittlich entrüstetes Antwortschreiben geschickt, wohin es führen solle, wenn solche Angebote Schule machten? Das Bäuerlein fleht erschrocken: „Bitte, mir mein Anbieten nicht übel zu deuten, denn ich wollte Ihnen damit nur eine Gefälligkeit anbieten, da mir bekannt ist, dass in den Industriekreisen grosser Lebensmittelmangel herrscht... Sie wollen mir, Herr, schon deswegen entschuldigen. Ich komme ja heute überhaupt nicht mehr mit als Vater von 7 Söhnen, wo 6 zum Heeresdienst einberufen sind und ich ein kranker Mann bin, der schon den vorangegangenen Weltkrieg mitgemacht hatte." Und der SS-Fabrikant schliesst die Debatte: „Die Sache betrachte ich nach Ihrer Erklärung als erledigt, zumal Sie die Ehre hoben, dass sechs Ihrer Söhne dem Vaterland dienen. Zu meinem Hausstand gehören auch 6 Kinder und 2 Enkel, zusammen also zehn Personen und, obwohl wir in keiner Weise Selbstversorger sind, langt es grossartig. Wenn Ihnen jemand solche Dinge zuträgt, dass in der Industrie Mangel an Lebensmitteln sei, den zeigen Sie sofort rücksichtstos an. Das sind Lumpen und Saboteure." Auch im Volke ist man allgemein der Ansicht, dass es bei der SS noch immer „grossartig langt". V Besonders übel spielt das SS-ßlatt einer biederen Hausfrau mit, die mit vollem Namen und voller Adresse genannt und als „Lotti, die Prunksüchtige" bezeichnet wird. Dabei hat die Prunksüchtige nur versucht, von ihrer ehemaligen Hausangestellten, die ihr offenbar mit einem Kostüm durchge bräunt ist, einige„Punkte" der Kleide. farte zu erbitten. Ein solcher Brief— da;. „Schwarze Korps" druckt deren vier nach — sieht so aus: „Liebe Luise! Ich habe mich noch einmal erkundi"! und wurde mir gesagt, dass es auch Punkte von mehreren Karten sein können. also brauchen die Punkte nicht alle von Ihrer Karte zu sein. Vielleicht hat Ihre Grossmutter einige Punkte übrig; uenn die trägt doch Tracht." Das Mädchen dürfte einen SS-Bräutigam haben, und so hat sich das„Schwarze Korps" der Punkte angenommen. Der Staatsanwalt, so meinte das Blatt, werde der Prunksüchtigen„den Rest sagen". Und wenn dass„Schwarze Korps" dieser Meinung ist, wird der Richter wohl einer Ver. urteilung nicht ausweichen können, auch wenn er, was die Kleiderkarte seiner eigenen Frau anlangt, befangen ist. V Wir sehen aus all dieser Punktrichferei nur, wie weit die Unzufriedenheit und öle Schieberei in Deutschland gediehen sind, obgleich SS und SA so tapfer auf dem inneren Kriegsschauplatz kämpfen. von Magdeburg in einer Ansprache an Käufer und Verkäufer: Es sei die Pflicht eines jeden Käufers, schimpfende, kritisierende Leute scharf zu beobachten, sich ihre Worte gut zu merken und die Kritikaster zur Strecke zu bringen. Wer sich Schimpfereien schweigend und passiv mit anhöre, mache sich mitschuldig. Auch die Verkäufer seien mitverantwortlich für alles, was in ihrem Laden geredet werde; sie müssen dem Publikum die Ursachen der wirtschaftlichen Schwierigkeiten loyal klar machen, die Kritikaster scharf zurückweisen und im Wiederholungsfalle anzeigen. Der Vortrag schloss:„Die Meckerer müssen mit allen Mitteln ausgerottet werden!" Demnach sollen also künftig auch diejenigen zur Rechenschaft gezogen werden, die sich Meckereien schweigend anhören. Schweigen, bisher letzte Zuflucht des deutschen Untertanen, soll nunmehr als Opposition geahndet werden. Schweigen wird Silber, reden Blech. Was jedoch ist Mek- kerei? Was fängt man mit den Schwejks an? Wo hört das erlaubte Gefrage, das erlaubte Gerede auf und wo fängt die Kriti- kasterei an? Das Regime züchtet eine Vielzüngigkeit, die schon längst nicht mehr greifbar ist. KKrafliarct« Äcli woiaren Der Kampf an der inneren Front tobt sich vor allem in den Geschäften aus, überall dort, wo die Waren fehlen oder Schlange gestanden wird. Der Krieg gegen die Mek- kerer nimmt im Rundfunk die schärfsten Formen an. So donnerte der Gauleiter Krüppel al« Arbeltstsklaven Der„Reichsbund der Körperbehinderten" brüstet sich in seinem Fürsorgejahresbericht für das Jahr 1939 damit, dass sich die„Gesamtzahl der Betreuungen um etwa 30 Prozent, d. h. auf über 510 000 erhöht hat." Was diese Nazi-Zwangsorganisafion unter„Betreuung" versteht, geht aus dem anschliessenden Text hervor. Wir zitieren die Essener„National-Zeitung" vom 21. Februar: „Die Umschuluneen und Berufsausbildungen. das wirtschaftspolitische Bestreben, Körperbehinderte auch zu Facharbeitern oder angelernten Arbeitern auszubilden. ersahen sogar eine Zunahme von 230 Prozent." Das heisst es sind wiederum viele tausend Leidende, denen der Arzt früher einmal Arbeitsunfähigkeit bescheinigt hatte, zu Zwangsarbeitern gemacht worden. Und zwar dürfte es sich diesmal ausschliesslich um Schwerkranke handeln, um das letzte Aufgebot, denn alle leichteren Fälle sind schon in den vorhergehenden Jahren„ausgesiebt" worden. Am liebevollsten nimmt sich der Bund seiner Jugendlichen an: „Die Tätigkeit des Bundes kann sich hier immer mehr darauf beschränken, ausschliesslich für den richtigen Einsatz seiner jugendlichen Mitglieder zu sorgen." Von Heil- und Erholungskuren ist in dem Zeitungsbericht kein Wort zu finden. Diese Erleichterungen sind bekanntlich den„Erbgesunden" vorbehalten, von denen noch Kinder zu erwarten sind oder die zum mindesten felddicnstreif gepflegt werden können. D�r llcl(«eher „Es war im Jahre 1938... Damals lebten wir noch mitten im Frieden, aber der Führer ahnte wohl schon, dass eine Zeit kommen würde, da Neider und Hasser des jüdisch versippten Weltkapitalismus das deutsche Volk zum Kampfe zwingen würden." (Aus dem Leitartikel der„National-Zeitung", Essen, vom 18. Februar 1940). Die deutsche Erpressung auf dem Balkan macht Fortschritte. So hat z. B. eine deutsche Firma mit der Errichtung eines grossen Schlachthauses und einer Konservenfabrik in der Nähe von Belgrad begonnen, deren Gesamtproduktion für den Export nach Deutschland bestimmt ist. Dcutoclier Alltag Vom deutschen Alltag wollt ihr wissen? Oh, er ist unerhört reich an Abwechslungen, von denen wir früher nie geträumt. Von mir ist nicht viel zu melden, ich stehe an der Drehbank und falle abends todmüde ins Bett. Dafür erzähle ich euch den Tag meiner Schwägerin, der Frau Müller. Es ist morgens. Sie sitzt am Tische und dreht einen Brief zwischen den Fingern. Von ihrem Manne. Es ginge ihm soso, es sei sehr kalt in Polen und demnächst kämen sie vielleicht nach Westen.„Schreibe mir, wie Deine Zeit vergeht..." Ihre Zeit? Sie fährt vom Stuhle auf und schaut nach dem Wecker. Gleich acht Uhr. Der Vormittag rast davon. Der Frost hat Blumen auf die Fensterscheiben geblasen. Sie nimmt einen Sack, zieht den Kinderwagen aus dem Keller und fährt davon, die verschneite Vorortstrasse entlang, zum Kohlenhändler. Unterwegs, an der Haltestelle der Elektrischen, trifft sie die Anna mit ihrem Jungen. Er hat schwere Grippe, mit Stechen in den Brust und soll ins Krankenhaus. d• w i i i.- ji■ i,■■ Schenkt mir etwas, schenkt mir etwas, Beim Kohlenhändler sieht es aus wie im- ri„-„ c- _ ,.... schenkt mir einen kleinen Sieg. mer. Eine lange Schlange bis auf die..,,,, ,. s,, i..,,-.1 Wart doch sonst nicht ohn Erbarmen, Strasse hinaus. Manche stehen schon seit,.,.,....... früh sieben Uhr. Zwei Stunden harrt Frau � ich hoch und hoher stieg, toffeln, die Schuhe, die Kohlen, das Strickgarn, die Engländer. „Wieviel Punkte haben Sie noch auf Ihrer Karte?" Keine sagt etwas richtig zu Ende. Alle fragen sie so halb, ob es wahr sei, dass dies oder jenes--. Zu der einen ist der Lehrer gekommen.„Zur Befragung". Das Töchlerchen sollte einen Aufsatz schreiben. Thema: Heim ins Reich. Da stand nicht genug drin. Nun sollte der Lehrer ausforschen, wieso das Mädchen so schlecht informiert sei. Schweigen. Ein Aufruf an die Frauen hat in den Blättern Haar? Da wird sogar die Frau Scharführer still. Sie zehrt immer noch von den Siegen in Polen, allmählich wird sie nachdenklicher. So reisst es uns immer zwischen Hoffnung und Beklemmung hin und her, und das ist das Schlimmste. Die Lampe wird angezündet, die Luft ist stickig, niemand wagt das Fenster zu öffnen. Man hört den Mann nebenan nach Hause kommen. Ein paar Minuten später steht er bei den Frauen im Zimmer und will einen Vortrag über die Aufgaben der „,, n t t u i Ii» i Heimatfront beginnen. Er ist beim Volksgestanden:„Opfert euer Haar dem Vater- ,,.__.„,.. Den Konf rasieren lassen damit es meldedienst- Wo er hinkommt' schwelgt uen ivopt rasieren lassen, aamii es Fmn Müllpr nackt ihre Flickerei und I Tcnnichp piht Flip Frnnpn Inchpn alles- 1 rau MUller paCKt Uire IMlCKerei UH 1 land" Filz und Teppiche gibt. Die Frauen lachen mit schiefen Gesichtern, dann versickert die Heiterkeit. Wenn es nun zur Pflicht gemacht wird, zum Gesetz? Wir haben soviel Unmögliches erlebt— warum sollte geht. Mag er über sie melden, was er will, sie ist müde. Oben setzt sie sich an den Tisch, liest wieder im Brief ihres Mannes.„Schreibe das nicht kommen? Den Trauring, die Kin- mir, wie Deine Zeit vergeht..." Sie hat. Mondes. der, den Mann hergeben— und nun das heute die üblichen vergeblichen Gänge be-i sorgt und ist so müde, als läge eine Wäsche von zwei Tagen hinter ihr. Der Tag rinnt zwischen den Fingern hindurch. Was soll sie ihm schreiben? Die einfache Wahrheit fiele unter das Gesetz gegen die „Schwächung der deutschen Widerstandskraft"... Der Uhrzeiger steht zwischen sechs und sieben. Bald wird der Kleine heraufkommen und essen wollen. Kein bisschen Schmalz im Hause. Bald wird der Grosse aus der Fabrik kommen— ob es wohl in der Kantine etwas gegeben hat? Sie hängt sich den alten Mantel um, stützt den Kopf in die Hand. Schwer zieht er nach unten. Müde, ohne gearbeitet zu haben. Was soll sie schreiben? Sie greift zur Feder, sinnt, die Lider gehen nach unten, sie schläft ein. Draussen haucht der Frost ans Fenster. Die Eisblumen blühen und funkeln im kalten Licht des aufziehenden M. B. Der Pazifist Müller. Der Schnee liegt auf der Strasse in hohen, langen Haufen. Als sie drankommt, gibt es für jeden noch einen Viertelzentner. Sie fährt nach Hause. Eine Schar Männer schaufelt Schnee in hohe Lastwagen. Greisenhafte Leute dabei. Juden, von SS überwacht und angetrieben. Frau Müller sieht daran vorbei, wie die meisten Menschen. Daheim ist es kälter als vorher.-Die drei Etagen vom ganzen Haus sitzen unten im Parterre beisammen. Sechs Frauen und Kinder. Sie können jetzt immer nur ein oder zwei Zimmer im Hause heizen. Das geht reihum. Auf der Treppe hört sie, Seefisch sei angekommen. Hin zum Fischladen, eine Viertelstunde weit. Die Schuhe vom Aeltesten nimmt sie anch mit. Die Sohlen sind runter, er läuft bald auf den Strümpfen. Der Seefisch war schon weg. Die ganze Schlange musste wieder ohne heimgehen. Das einzige, das Frau Müller mit nach Hause brachte, waren die Schuhe. Kein Schuster nahm sie an. Auch die haben sich Listen angelegt. Sie übernehmen nur noch Reparaturen für ihre festen Kunden. Wir sind auf keiner Liste, weil unsere Schuhe bis jetzt immer der Nachbar repariert hat. Der steckt seit vier Wochen in der Kaserne# Unterwegs stiess sie wieder auf die Anna. Der Bub war noch immer dabei. Wangen und Augen fieberten. In zwei Krankenhäusern sind sie gewesen. Alles besetzt. Zuviel Kranke. Vielleicht würde morgen etwas frei, einige lägen im Sterben... Der Vormittag geht zur Neige. Sie sucht daheim ihren Mantel zu flicken, aber er will nicht länger mitmachen, überall schimmern dünne Stellen durch. Dann kommt der Kleine aus der Schule. Zwei Stunden haben die Kinder im Kalten gesessen, dann hat sie der Lehrer heimgeschickt. Der Junge muss gleich Essen holen, aus der Gemeinschaftsküche, vorn an der Ecke, wo das Restaurant geschlossen wurde. Kartoffeln sind seit einer Woche verschwunden. Was es in der Küche gibt, hat noch keine klare Benennung. In Milch aufgeweichtes Brot mit Zwiebeln, zu Beefsteck gebraten. Ein Trost, dass man noch vor einigen Wochen auf dem Dorfe einen Rucksack voll Aepfel holen konnte. Nachmittags fährt sie in die Stadt, um den Mantel gegen einen neuen einzutauschen. Aber die dort hängen, die sind offenbar nur zum Angucken. Die Mittelgrösse gibt es nicht, vielleicht kämen sie in zwei Wochen herein, und dieser da hielte ja noch einige Wochen aus... Die Elektrische fährt seltener und ist übervoll. Frau Müller bekommt Eisbeine. Durch die Für- stenstrasse zieht ein Trupp, der sieht aus wie Fastnacht. Sammler in alten Kostümen, wie früher die Stadtpolizisten und Nachtwächter einhergingen. Sie läuten mit Klingeln, sie trommeln und verlesen vor den Häusern irgendein Papier; ein Polizeihund läuft nebenher, der trägt eine Sammelbüchse um den Hals. Wirft einer was hinein, so macht er Männchen. Die neue Sammelei für die Winterhilfe, die Hitlerjugend zieht nicht mehr. Sie muss Schnee schaufeln oder Schlange stehen. Als sie daheim anlangt, ist es Zeit zu dem, was man in anderen Ländern Kaffeetrinken nennt. Alle Zimmer kalt. Sie geht herunter ins Parterre, in das geheizte Zimmer. Der Kleine hockt in der Fensterecke und macht Schularbeifen. Der Ofen ziemlich heruntergebrannt, es bleiben noch fünfzehn Grad. Sechs Frauen stopfen, flik- ken in der Nähe des Ofens. Das Garn geht aus, die Rationen werden immer kleiner. Das Dritte Reich stapelt seine Wolle. Frau Müller ist müde, hört nur so halb hin. Das Gerede geht sehr durcheinander. Die Kar- und jetzt schiesst ihr auf mich Armen. Sagtet sonst doch: Bitte sehr! Schenkt mir einen kleinen Sieg. Sagtet sonst doch: Willst du mehr? Schenkt mir etwas, schenkt mir etwas, schenkt mir noch ein einziges Land! Hat die Welt sich so verwandelt? Steht mit einemmal in Brand, Hab sie doch wie sonst behandelt, schenkt mir noch ein einziges Land. Sagt denn keiner: Nimm diEs dochl? Fragt denn keiner: Und was noch? Schenkt mir etwas, schenkt mir etwas, schenkt mir eure Sympathie. Hab doch stets auf euch geschossen, und bisher geschah es nie, dass mein Toben euch verdrossen. Schenkt mir eure Sympathie! Weckt euch nicht mehr mein Geschrei? Schreckt's euch nicht mehr! Ist's vorbei? Schenkt mir etwas, schenkt mir etwas, schenkt mir Eisen, schenkt mir Geld! Wie-— ihr wollt nicht? Schufte, Lumpen, wie verrottet ist die Welt, morgen schlag ich sie in Klumpen. Aber heute— schenkt mir Geld, dass ich Waffen kaufen kann, mit euch Laffen raufen kann. Nun, das„klare Bild" wurde allerdings da und dort einigermassen getrübt. In Zwecken dienen, seit langem stillgelegt, da selbst die Arbeiten an den Parteipalästen Amsterdam z.B. sehr energisch vom Pu- unterbrochen worden sind, gibt es für diese geheimnisvolle Gieschäfti)gkeit in Fallersleben nur eine Erklärung: in diesem Riesenwerk soll wohl etwas fabriziert werden, aber kein Volkswagen, sondern etwas„Lebenswichtiges". Die durch Erpressung geworbenen und durch Erpressung zur Weiferzahlung gezwungenen Besteller müssen also ihre Groschen für einen ganz anderen Zweck hergeben, als ihnen ursprünglich vorgeschwatzt worden ist. Sie werden nie etwas für ihr Geld sehen oder doch: wenn sie zum Himmel blicken, sehen sie dort die Kriegsflugzeuge, die von ihrem Geld gebaut worden sind. Das„Volkswagenwerk" ist eine der grössten deutschen Flugzeugfabriken. blikum. Als dort im„Don Carlos" der Düsseldorfer Marquis Posa seine Forderung nach Gedankenfreiheit vom Stapel Hess, hagelte es Zwischenrufe:„In Deutschland auch! Wie stehts mit der Gedankenfreiheit in Deutschland?" Der „Völkische Beobachter" schweigt sich über den Skandal aus, dafür konnte man im ausländischen Rundfunk hören, dass der Krawall nur durch polizeiliches Eingreifen und Verhaftungen zu bannen war. Wann aber wird endlich das Stück mit den gestohlenen holländischen Uniformen zu sehen sein? Unter den„seltsamen Abenteuern", in die die„kühnen Gesellen wohlgemut segeln", wird doch nicht etwa auch ein bisschen Spifzelei und Bestechung zu verstehen sein? Die Hedln-Groteske In wenigen Zeilen Der„Kulturpreis der SA" wurde seinerzeit für ausgesprochen braune Parteikunst eingerichtet. Dieses Jahr wurden folgende Dilettanten davon betroflen: Schenkt mir etwas, schenkt mir etwas, schenkt mir doch ein wenig Glück. Seid doch eine schlechte Rasse, schiess ich, schiesst ihr gleich zurück, hasst mich nur, weil ich euch hasse. Schenkt mir doch ein wenig Glück. Will, ihr Leute, keinen Krieg, nur die Beute, nur den Sieg. Feige Horden— habt doch Mut, tasst euch morden, seid so gut! Sven Hedin ist von den Zweifeln, die er nach dem Ueberfall auf Polen in den| Herybert Menzel für sein„gesamtes Schaf' Hitlerschen Friedenswillen gesetzt hatte, fen", Elk Eber für„hervorragende Front- offenbar wieder genesen. Die Unferhal- hilder aus dem Weltkrieg und aus dem tung, die er mit dem Führer in Berlin Feldzug der 18 Tage" und SA-Truppfüh- gepflogen, scheint dem fremdrassigen rer Lauer für die„Reichsparteitags-Fan- Ehrenarier lindernder Balsam gewesen zu fare" und für das SA-Liederbuch. Zu seinem 75. Geburtstag nahm er In Sofia wurde eine deutsche Buchaus- Stellung eröffnet und in Szegedin desgleichen„zur Feier der 500. Jahreswende der Erfindung des Buchdrucks".— Die hitlerdeutsche Knebelung des Buchdrucks wird aus dem Inhalt der ausgestellten neudeutschen Bücher ersichtlich sein. Dop Ipoianlsolio Doeasns Das Wandern ist nicht nur des Müllers Lust, auch der deutsche Pegasus kann auf grosse Fahrt gehen. Mit welchem Heroismus dieser beflügelte Pg. solches besorgt, das besingt der„Völkische Beobachter" vom 17. 2.; „So segelten die kühnen Gesellen wohlgemut in die unbekannten Fernen hinaus, aus denen ihnen seltsame Abenteuer, zackiges Gebirge und stille, blühende Inseln wie im Traum allmälich entgegendämmerten", heisst es in Eichendorffs„Meerfahrt". An dieses Wort muss man denken, wenn man liest, mit welcher Selbstlosickeit sich deutsche Autoren auch im Krieg bereit erklären, dem Ausland Kunde von deutscher Gegenwartsdichtung, deutscher Kultur zu übermitteln..." Man atmet auf. Es klang erst so, als liefen sie ferne Eilande auf Wiking-Drachen an oder lebten gefährlich in U-Pira- lenbooten, stattdessen versuchen sie nur selbstlos,„den fremden Hörern von den deutschen Kulturwerten einiges mitzuteilen"—■wozu angesichts der neudeutschen Geistesödnis allerdings einiger Mut gehören mag. Sie lesen tapfer vor: der kleinbürgerliche Dichter August Hin- richsen und der„Bildhauer und Dichter Prof. Anton Kluge" in Holland, Friedrich Schnack in Rumänien, Prof. Obenauer tBonn) in Oslo, ein dichtender Ostpreusse in Kopenhagen, während in Barcelona deutsche Wagnergastspiele gestartet werden und das Düsseldorfer Schauspielhaus mit Don Carlos in Holland gastiert. „Mitten im Kriege gibt so der deutsche Geist Kunde von seinem Walten und übermittelt dem Ausländer zugleich ein Jclares Bild von der Entwicklung der deutschen Kultur, die auch in so ernsten Zeiten unentwegt und unge hemmt sich entfaltet..." sein. vom Schlächter Polens ein„in herzlichen Worten gehaltenes Glückwunschtelegramm" entgegen, ebenso„das Grosskreuz des Verdienstordens vom deutschen Adler". Ministerialrat Ziegler(Propagandaministerium) überreichte ihm das erste fertige Blatt des Zentralasien-Atlasses, der mil Unterstützung der deutschen Forschungsgemeinschaft nach den Forschungsergebnissen Hedins„als Krönungswerk seiner Lebensarbeit" herausgebracht wird. Na also, dafür kann ein Friedensfreund wie Hedin schon wohlwollend zusehen, wie Finnland zerstört und Europa vom Friedenskanzler in Brand gesteckt wird. In Schweden nimmt den verkalkten Wichtigmacher ohnehin keiner mehr politisch ernst. »op grosse Refrusf Dop VolkNwagon Im lllniinol BdM-Reichsrcferentin Dr. Jutta Rüdiger hat einen mehrtägigen Besuch bei der rumänischen Staatsjugend abgestattet, wobei„vor zahlreichen hohen Gästen" die beiden Filme der HJ„Der Marsch zum Führer" und„Glaube und Schönheil" gezeigt wurden.— So ähnlich haben es sich die Gründer der Eisernen Garde immer gewünscht. Die Essener„National-Zeitung" vom 21. Februar versichert: „An der Schaffung des KdF-Wagens wird rastlos weitergearbeitet. Auch die Bauarbeiten im KdF-Wagenwerk und in der KdF-Stadt werden ohne jede Einschränkung weitergeführt." Also dürfen die Besteller, die dazu gezwungen werden, ihre Raten pünktlich weiter zu zahlen, auf eine Lieferung der ihnen rechtmässig zustehenden Wagen rechnen? Nein: „Begreiflich ist es, dass über den Beginn der Produktion und die Auslieferung an die Besteller jetzt nichts gesagt werden kann, denn es ist nicht mehr als selbstverständlich, dass im Kriege alle anderen Arbeitern und Lieferungen vorgehen müssen. Die KdF-Wagen-Käufer werden daher gut tun, wenn sie daran denken, dass diese Lieferungen gegenwärtig für das deutsche Volk nicht lebenswichtig sind und dass zu einem Zeltpunkt, zu dem die ganze zivile Kraftfahrt aus Gründen der unabweisbaren Kriegs- notwendigkeifen stillgelegt wurde, die Zahl der zivilen Kraftfahrzeuge nicht vermehrt werden kann. Auch die Rohstoffrage darf bei der Beantwortung der gestellten Fragen nicht übersehen werden, denn es ist sehr gut denkbar, dass Deutschland seine Stahlproduktion jetzt an einer anderen, wichtigeren Stelle braucht." Und dennoch wird„rastlos weitergearbeitet?" Und dennoch werden„die Bau arbeiten ohne jede Einschränkung weitergeführt"? Da alle Bauten, die nicht„lebenswichtigen", d. h. kriegswichtigen Dor L.obonsxiveok Die„National-Zeitung" vom 13. Februar schreibt: „In England lungert die Jugend herum. ohne Ziel und Pflicht... Nun sehen wir die deutsche Jugend. Sie sammelt wie sonst auf den Strassen, sie macht ihren Dienst wie sonst." Die deutschen Kinder marschieren. schiessen und sammeln, die englischen gehen in die Schule. Die Faulpelze. Mönche vor Gericht! Der grosse Tatsachenbericht über die Koblenzer Unzuchtprozesse nach den Akten mit Bildern. 7.50 RM. Linke& Co.. Buchhandlung, Halle/S., Abt. 21. Inserat aus dem„Schwarzen Korps" BEZ UGSBED1N G UN GEN Der NEUE VORWAERTS kostet Einzel- DUfflmer Im Vier- Ulj*W: S.W 24.— 12.— 86— 2.8* 48.— 18.— Ys» 13 2« 8 60 4!!?« 0.210 21— 120.— 4.20 3.60 4.20 1.— Imp. Union, 13, rue Möcha'n, Paris. Le Girant: Albert MARION-