utschland-Bericht der Sopade Mai/Juni 1934 Prag, am 26. Juni 1934 Inhaltsübersicht Teil A: Nachrichten und Berichte A 1 1° Allgemeine Stimmung 1 Das Hamstern 5 Die Miesmacher-Aktion 7 unter den Arbeitern 0 unter den Arbeitslosen lo im Mittelstand 11 Die Stimmung lunter den Bauern 13 [unter den Gebildeten 16 Lin der Jugend 18 Hoffnungen und Erwartungen 19 Die Vorgänge hinter den Kulissen 22 II. Die Wirtschaft 25 1. Die Arbeitsschlacht 25 Neue Methoden 26 Der Arbeitsdienst 28 Die Landhilfe 29 Das Antreibersystem 31 Der Bluff 31 2. Die Aussenhandelskrise 33 3. Aus den Betrieben 35 Die Vertrauensratsmahlen 37 III. Sozialpolitik und Spendenwirtschaft 41 IV. Wehrmacht, Polizei, Wehrverbände 43 1. Wehrmacht 43 2. Polizei 44 3. Wehrverbände 45 Inhaltsübersicht Teil B: Uebersichten I. Die aussenpolltische Entwicklung 1. Die internationale Wandlung 2. Wesen der deutschen Aussenpolitik 3. Der Gang der Ereignisse 4o Ist der Krieg unvermeidlich? B 1 1 14 II. Die innenpolitische Entwicklung 1. Die Welle des Optimismus 2. Die Schwächen des Regimes 3. Die Stützen des Regimes 4. Die Aussichten der Reaktion 15 16 22 24 III. Indirekte Rüstungen 1. Staatliche Rohstoffbewirtschaftung 2. Deutsche statt ausländische Rohstoffe 3. Die Organisation der Wirtschaft 4. Die Organisation der Bevölkerung 27 28 29 32 Teil C: Organisatorisches A 1 I. Allgemeine Stimmung: Der allgemeine Stimmungsumschwung, der bereits im vorigen Bericht festgestellt wurde, hält an und greift weiter um sich. Auch die meisterhafte Beherrschung der Propagandamaschinerie kann keine nachhaltigen Erfolge mehr erzielen. Ein Beobachter aus Ostsachsen berichtet: "Feste und Paraden wirken noch immer als stark belebendes Element. Die Begeisterung während des letzten Besuches Hitlers in Dresden war gross und erfasste auch indifferent gewordene Kreise. Zu bemerken ist jedoch, dass die Kampf injektion durch Feste und Aufmärsche von recht kurzer Wirkung ist, denn wenige Tage nachdem machte sich der graue Alltag mit der bestehenden Misstimmung und Unsicherheit wieder geltend." Alle Berichte stimmen darin überein, dass die Kritik sich manch- mal schon bis zu erstaunlicher Offenheit vorwagt. Ein Bericht aus dsm Rheinland(Mitte Juni) stellt fest: "Es ist ein Zustand eingetreten, den man noch vor 4 Wochen für unmöglich gehalten hätte. Vielfach ist man der Meinung, dass man deswegen so offen reden könne, weil, selbst für den Fall der Verhaftung und Bestrafung, die Sache nicht lange dauern könne, weil ja das Regime doch bald kaputt sei." Aehnlich äussert sich ein Bericht aus Baden: "Ganz allgemein heisst es, so kann die Sache nicht mehr weitergehen. Die Kritik versteckt sich durchaus nicht mehr, sondern wird offen, auch gegenüber SA-Leuten ausgeübt. Die Denunziationen werden nicht mehr so gefürchtet. Hieraus folgert man, dass die kritische Stimmung auf die HitleranhRnger sehr stark zurückwirkt und diese sich nicht mehr getrauen, Anzeige zu erstatten." Der Stimmungsumschwung kommt auch in einigen bezeichnenden Ausser- lichkeiten zum Ausdruck. Ein Bericht aus Südbayern meldet: "Ehemalige fanatische Nazi, die früher an jedem Fenster Riesenfahnen hatten, hängen heute nur mehr eine Fahne hinaus. Es ist zu beobachten, dass die Nazi selbst oft viel weniger dekorieren als die Leute, von denen man weiss, dass sie es nur aus Angst und Zwang tun." Ein Berichterstatter aus Ostsachsen: "Die Misstimmung gegen die NSDAP hat in der Bevölkerung auch eine gewisse Uniformmüdigkeit erzeugt. Noch bis in die ersten Wochen dieses Jahres haben sich die Hitlerianer dauernd in Uniform gezeigt. Seit Wochen ist das aber nicht mehr der Fall. Zu Hitlars Geburtstag sind in meinem Betrieb von über A-2- 2oo Angestellten noch nicht 30 in Uniform erschienen, obwohl ca. 50 in der SS und 40 in der SA sind." In einem anderen Bericht aus Ostsachsen heisst es: "Abgesehen davon, dass bei Festlichkeiten der Häuserschmuok verschwindet, kann man beobachten, dass nur wenig Hitleruniformen in den Grosstädten auf den Strassen sichtbar sind. Auch die Nichtabzeichenträger halten den Abzeichenträgern durchaus die Wage. Während noch vor ca. lo. Wochen in den Eisenbahnzügen derjenige auffiel, der kein Abzeichen trug, fällt heute derjenige bereits auf, der ein Abzeichen trägt." Die Folge ist, dass die Begeisterung immer mehr angeordnet wird. So wurde aus Dresden berichtet: "Die Beflaggung lässt in Dresden merklich nach. Vor allem verschwinden zuerst die Hakenkreuzfahnen, so dass oft die schwarz-weiss-roten Farben überwiegen. Für die Beflaggung anlässlich der Theaterfestwoche sind für die Innenstadt Anweisungen an die Hausbesitzer ergangen, wie sie zu flaggen haben. Dabei wurde ihnen vorgeschrieben, welche Anzahl Hakenkreuz-, schwarz- weiss-rote-, grün-weisse-(Landesfarbe), schwarz-gelbe-(Stadtfarbe) Fahnen sie herauszuhängen hatten und welche Grösse diese Fahnen besitzen mussten." �, in Hamburg Vor dem 1. Mai verbreitete die NS-Hago/einen Flaggen-Aufruf und eine Aufforderung zum Beitritt in die Arbeitsfront. Der beigegebene Fragebogen enthält auch folgende Fragen: "6. Flaggen Sie an nationalen Feiertagen? . Flaggen Sie die Hakenkreuzfahne? . Flaggen Sie lediglich schwarz-weiss-rot? Wenn ja, warum? 9. Hissen Sie beide Flaggen? fFahrradwimpel zählen nicht.)" Während im vorigen Bericht noch eindeutig festgestellt werden konnte dass Hitler von der Kritik ausgenommen wird, sind diesmal die Meldungen aus den verschiedenen Landesteilen darüber nicht mehr einheitlich. Aus dem Rheinland, aus Südwestdeutschland und aus Ostsachsen liegen noch Berichte vor, nach denen Hitler nach wie vor "als der ehrliche, aber überrumpelte Führer angesehen wird." Ein rheinischer Berichterstatter sagt: "Die Leute fragen sich, was soll nur werden? Was kann nach Hitler überhaupt noch kommen? Hitler muss es schaffen." Ein Bericht aus Südbayern: "Die Kritik des gemütlichen Münchner Kleinbürgers und Spiessers, der heute eigentlich am lautesten schimpft, liegt in dem gelassenen Ausspruch, den ein Friseur neulich zu seihem Kunden tat:"Ja, ja, unser Adoifi war scho recht, aber de um ean uma, de san lauter Bazi!" A-3- Dieser Bericht zeigt aber zugleich auch, dass die Stimmung nicht mehr allgemein für Hitler ist: "Mit Ausnahme einiger Berichte wird übereinstimmend gemeldet, dass Hitler noch immer grosse Verehrung geniesst. Eine Meldung aus Rosenheim besagt, dass vor einigen Wochen von Hitlers Gartenzaun bei seinem Landhaus in Hohensalzberg die Zaunlatten weggerissen wurden. Die Leute wollten dieses Holz als Reliquien weitergeben. Eine Frau hat buchstäblich die Erde weggekratzt, die Hitler auf seinem Weg zum Landhaus berührte. Allerdings kommen auch andere Meldungen. So aus Feilnbach bei Rosenheim. Dort machten 3 Bauern sich im Rausch schwer über Hitler her. Einer verlangte, dass man den Anstreicher davonhaue. Der Wirt konnte sich nicht anders helfen, als die Bauern zur Tür hinauszuwerfen. Die Polizei hat er nicht geholt, obwohl er früher ein eifriger Nazi war." Ein Berliner Beobachter betont, dass Hitler als Persönlichkeit nach wie vor grossen Eindruck mache. In Arbeiterkreisen sei sein Ansehen sogar noch gestiegen, in den Kreisen der evangelischen Kirche dagegen- wegen seiner unentschiedenen Haltung im Kirchenkonflikt- gesunken. Einige andere Berichte gehen schon weiter: Aus Südwestdeutschland: "Wenn dieser Vertrauensschwund auch nur noch Wochen weitergeht in diesem Tempo, dann muss etwas geschehen. Was geschieht, darüber lässt sich streiten. Die äusserste Grenze ist jedenfalls bald erreicht. Die Kritik macht auch vor Hitler nicht mehr Halt. Aus Westsachsen: "Die Stimmung ist im allgemeinen gegen die Nationalsozialisten gerichtet, zum Teil auch gegen den Führer, dessen unnatürliche Verherrlichung nachlässt." Aus Berlin: "Die allgemeine Misstimmung schreitet auch insofern fort, als jetzt Hitler nicht mehr von der Kritik ausgenommen wird. Wahrend bis vor 4 Wochen sich die Kritik noch in den Bahnen bewegte, dass er es an sich gut meine, aber schlechte Ratgeber habe, schimpft man jetzt auch schon über Hitler selbst und zwar auch in Arbeitsdienstlagern und in der SA. Auch dort erkennt man allmählich, dass Hitler keinen Sozialismus will." Die Ursachen der Misstimmung in der Bevölkerung liegen noch immer überwiegend im Bereich der engsten materiellen Interessen. Ein Berichterstatter aus Nord-Bayern sagt darüber: "Die Unzufriedenheit ist eine Folge der grossen Versprechungen die Hitler allen Kreisen vor seinem Machtantritt gemacht hat. Alle Unzufriedenen haben sich die Sache vor dem Umstürze anders gedacht und sich vielfach dabei selbst noch mehr erhofft, als ihnen Hitler versprochen hatte. Viele glaubten, dass die Aende- A-4- rung der Regierungsform auch eine wirtschaftliche Umwälzung, die Beseitigung ihrer Notlage, bringen werde. Da aber die finanzielle und wirtschaftliche Besserung keineswegs eintrat, im Gegenteil, durch neue Abzüge von Lohn, Gehalt und sonstigen Einkommen für Winterhilfe, Ledigensteuer, Haus- und Stras- sensammlungen, Eintopfsonntage und dergl. Betteleien eine Schlcchterstellung eintrat, stieg und steigt ständig die Erbitterung gegen das Dritte Reich." Aehnlich ein Bericht aus Westsachsen: "Dieser Stimmungsumschwung ist zu erklären aus der Nichteinlösung vieler Versprechungen, die die Nationalsozialisten vor ihrer Machtergreifung gaben und aus der Unfähigkeit vieler Hitleristen, die Aemter, die sie sich widerrechtlich angeeignet haben, auszufüllen." Aus dem Rheinland: "Der Unwille im Volk über das Missverhältnis zwischen Versprechungen und Leistung nimmt weiter zu. Die nicht mehr zu übertreffende Bonzokratie, die Korruption und die Sammelei tuen das weitere. Arbeitslosigkeit, geringe Entlohnung, bleiben ungelöste, aber für das Volk primärste Probleme." In einem ostsächsischen Bericht heisst es: "Vor allem spielt die Frage der Entwertung der Mark, das Rohstoffproblem, die eigene schlechte Lage �er Bevölkerung, die Scheinbeseitigung der Arbeitslosigkeit bei der Kritik eine Hauptrolle." Ein Bericht aus Westsachsen fügt diesen Ursachen noch den schlechten Ausgang der Vertrauensratswahlen hinzu. Aber dieser Bericht ist bisher der einzige, der feststellt:"Immer mehr wird den Menschen bewusst, was persönliche Freiheit ist und was sie verloren haben." Neuerdings wächst auch die Sorge vor dem kommenden Krieg. Neben einem Bericht aus Westsachsen äusserst sich ein Berliner Berichterstatter dazu: "Es ist aber bezeichnend, dass das Volk noch nicht erkannt hat, dass Deutschland erst durch die wahnwitzige Hitlerpolitik in diese verzweifelte aussenpolitische Situation geraten ist. Im Gegenteil, wenn über die Kriegsfrage gesprochen wird, äussern sich die einfachen Menschen immer so:"Die Feinde wollen es doch so, wir müssen uns doch verteidigen!" In der Arbeiterschaft beurteilt man die Entwicklung allerdings schon anders; wenigstens die älteren Arbeiter haben Erinnerungen an die Vorkriegs- und Kriegszeit." A" 5- Ein interessantes Sehlaglieht anf die Stimmung der Bevölkerung wirft ein Vorfalls der uns aus Berlin berichtet wird. "Der Magistrat hat beschlossen, eine grössere Summe Geldes zur Nachwuchsförderung bereitzustellen und für etwa 2.000(?) Binder zu sorgen. Rein arische und erbgesunde Familien mit 2 Bindern sind aufgefordert worden, für weiteren Nachwuchs zu sorgen. Jedes dritte Bind derartiger Fa&ilien wird im ersten Jahr eine monatliche Unterstützung von Mk. So.-, in den folgenden Jahren bis zur Schulentlassung eine monatliche Unterstützung von 2o.-Mk. erhalten. Den Familien ist weiter zugesichert worden, dass für diese Binder auch später bei der Berufswahl besonders gesorgt werde, und dass sie bei freiwerdenden Behördenstellen etc. bevorzugt berücksichtigt werden würden. Au� de� Stadtteil X entfielen nicht ganz 2oo derartige Unterstützungsstellen für dritte Binder, für die nun die Kandidaten gesucht wurden. Entsprechende Publikationen hatten den Erfolg, dass sieh insgesamt 4 Bewerber meldeten. Diese unerwartet geringe Anzahl wurde auch nicht grösser, als man die Gemeindeschwestern beauftragte, bei den einzelnen Faailien für die Aktion zu werben. Obgleich die Gemeindeschwestern die Aufgabe sehr ernst nahmen, stiessen sie Überall auf Ablehnung, die in manchmal nicht wiederzugebender Weise begründet wurdeg"Von dieser Regierung lasse ich mir nichts schenken", erwiderte ein arbeitsloser Familienvater. Ein zweiter, Vorsichtigerer meintex"Das ist doch noch sehr fraglich, ob in 9 Monaten diese Regierung noch am Ruder ist. Nachher sitzen wir da und die Versprechungen werden nicht gehalten." Ein Dritter, als Beamter diplomatisch, begründete seine Ablehnung damit s"Im Prinzip wäre ich selbstverständlich damit einverstanden, und ich würde solche Bestrebungen auch unterstützen; ich bin nation. eingestellt, aber, wissen Sie, ich bin Beamter und möchte nicht gern, dass in meinen Akten herumgeschnüffelt und vielleicht doch irgend eine nicht hundertprozentige Urgrossmutter gefunden wird. Beamtenakten müssen rein bleiben, ich möchte lieber verzichten."-Bis jetzt ist es bei diesen vier Kandidaten geblieben." Das MHamstern". In welchem Grade die Unsicherheit zugenommen hat, zeigt das dauernde Anwachsen der Angstkäufe. Diese Hamsterei- vor der in den letzten Wochen wiederholt die offizielle Presse und zahlreiche öffentliche Stellen vergeblieh gewarnt haben- ist nicht nur eine Folge des Devisenbankrotts, sondern wurzelt in der allgemeinen, weit verbreiteten Furcht vor einer Rohstoffknappheit, vor einer neuen Inflation, einem neuen Bfieg. Aus allen Landasteilen liegen Berichte vor, dass besonders Textilien und Schuhwaren, aber auch Lebensmittely wie z.B. Mehl, gehamstert werden. Wir greifen einige A-6= charakteristische heraus: Aus Berlin: "Die Leute fangen an zu hamstern. Z.B. versorgen sich Leute, die manchmal gar kein Auto oder Fahrrad haben, mit Auto- oder Fahrrad-Reifen. Die Geschäfte, die ausländische Erzeugnisse verkaufen, wie Kakao, Kaffee, Wolle, Leder, haben eine starke Geschäftsbelebung zu verzeichnen. Das Verbot der Auslieferung von Cummiwaren und die Verordnung zur Beimengung von Ersatzstoffen bei Gumri-Erzeugnissen schafft neuerliche Beunruhigung. Ein bezeichnendes Beispiel: In einer Verkaufsstelle von Woolworth gibt es einen Kasten mit einem Haufen von Lederstücken, aus denen sich die Käufer passende Abschnitte für Stiefelsohlen heraussuchen. Da mir auffiel, dass dieser Kasten jetzt sehr stark umlagert war, fragte ich die Verkäuferin nach dem Umsatz. Sie antwortete mir, dass sie jetzt den Kasten etwa lo Mal am Tage leer verkaufe, währen/ sie früher mit einem Kasten eine ganze Woche gereicht habe. Die Hamsterei hat auch auf Textilien übergegriffen. Es geht das Gerücht um, dass bei den neuen Stoffen, die jetzt hergestellt werden, schon 2o% Ersatzstoffe verwendet werden." Aus Leipzig: "Von vielen Seiten erfolgen Meldungen über Angstkäufe, besonders in Textilien, und über einen daraus entstehenden Warenmangel. So wird von einem Leipziger Warenhaus, das über 400 Angestellte hat, mitgeteilt, dass im letzten Monat zwar grosse Umsätze erzielt worden sind, dass die Firma aber keine Möglichkeit sah, die Läger aufzufüllen. Ein um Auskunft befragter Industrieller erklärte diese neuartige Erscheinung dahin, dass es sich nicht um einen tatsächlichen Mangel handele, sondern dass er nur scheinbar sei, weil vom Konsumenten angefangen, bis zum Einkäufer der Grossunternehmen jetzt jeder aus Furcht vor Lieferungsschwierigkeiten Einkäufe tätige, die vier- bis sechsfach über den wirklichen Bedarf hinausgingen." Aus Frankfurt a.Main wird uns von zwei grossen Textilfirmen berichtet, bei denen Angstkäufe einen derartigen Umfang angenommen haben, dass Ueberstunden gemacht werden mussten. An diesen Käufen seien auch gerade die Pg. beteiligt. Aus verschiedenen Landesteilen wird gemeldet, dass in der Bevölkerung das Gerücht umgehe, es würden in nächster Zeit wieder Bezugsscheine ausgegeben wie im Kriege und in der Reichsdruckerei würden schon Brotkarten in grossen Massen gedruckt. Ein Berliner Berichterstatter macht darauf aufmerksam, dass die erstaunliche Belebung der Abzahlungsgeschäfte- die z.B. auch schon im Handelsteil der"Frankfurter Zeitung" festgestellt wurde- eine Folge der Inflationsfurcht ist. Nach den Erfahrungen der letzten Inflation glauben viele Leute besonders schlau zu handeln, wenn sie Waren auf möglichst langgestreckte Raten kaufen. Auch die starke Belebung des Automobilabsatzes wird zum grossen Te: auf diese Weise erklärt. Die Miesmacher- Aktion: Unter der Ueberschrift"Entscheidungsschlacht gegen die Mies- macher und Kritikaster" schrieb der"Völkische Beobachter" am 4c Mai: "Beginnend mit den ersten Maitagen bis zum 3°. Juni sollen Versammlungen, Demonstrationen und Kundgebungen gleich einem Trommelfeuer das Volk aufrütteln gegen diese Landplage, die ein für allemal verschwinden muss. Nach den in Kampfzeiten geübten Methoden werden die Versammlungen alle erfassen bis ins letzte Dorf hinein mit jeder Woche in ihrem Tempo stärker, in der Unerbittlichkeit der Forderungen härter, an Durchschlagskraft und Erfolg alle bisher durchgeführten Aktionen in den Schatten stellend." In Wirklichkeit sieht diese Aktion nach den vorliegenden Berichten ganz anders aus. /�u� Südbayern wird berichtet, dass die Aktion mit Energie und Geschicklichkeit, aber ohne Erfolg durchgeführt werde. Aus allen anderen Landesteilen wird gemeldet, dass die Kampagne ohne jeden Schwung bleibt und alles andere als das angekündigte "Trommelfeuer" ist. "Diese Sache ist in der Ankündigung stecken geblieben", heisst es in einem Bericht aus Westsachsen,"Man hört nichts, sieht nichts von den angekündigten Massenversammlungen. Ab und zu liest man etwas in der Zeitung, aber sonst ist es still. Die Kundgebung gegen die Miesmacher in Leipzig war ein klägliches Fiasko. Hier zeigte sich, wie schwach die Versammlungen besucht werden, wenn niemand kommandiert wird und wenn die leiseste Lockerung im Versammlungsbesuch erfolgt. Die Kundgebung fand in der Ausstellungshalle 2o statt, die 8.000 Menschen fasst. Einige hundert Besucher verstreuten sich in der Halle." Bericht aus Hessen: "Die Aktion gegen die Miesmacher ist als fehlgeschlagen anzusehen. Die Versammlungen sind zum Teil hundsmiserabel besucht. Ein Beispiel: In Werdorf bei Wetzlar, in dem die Nazis am 12. November über 200 Stimmen bekommen hatten, waren zur Miesmacherversammlung ganze 19 Leute erschienen. Darauf brachte der"Wetzlarer Anzeiger" eine Notiz etwa des Inhalts: Die Bevölkerung von Werdorf solle sich endlich daran gewöhnen, dass die Kundgebungen gegen die Miesmacher keine Parteiveranstaltungen seien, sondern dass es sich um einen Kampf der Reihhsregierung für das deutsche Volk handele. A-8- In Offenbach/Main waren zur Miesmacherveranstaltung statt der erwarteten 15.000 nur 6.000 Besucher erschienen. Die Stirn- mung war überaus flau und nach der Versammlung gingen die Teilnehmer wie Schafe auseinander. Die Nazis sagen jetzt selber, es wäre doch besser gewesen, keine Versammlungs-Kampagne zu machen, sondern sich nur auf eine Presse-Aktion zu beschränken. Wir unter uns sind schon lange der Meinung, dass durch diese ganze Miesmacheraktion erst Miesmacher geschaffen werden." In Berlin und in anderen Grosstädten haben die Nazis zu folgendem Mittel gegriffen: In den Gaststätten ersch-nen kleine Trupps von SS-Leuten und r-lten kurze Ansprachen. In uieser Zeit sind die Türen der Lokale verschlossen und niemand darf den Raum verlassen. Die Stimmung unter den Arbeitern. Die Arbeiterschaft ist die Bevölkerungsschicht, die-das wurde schon im vorigen Bericht festgestellt- noch am meisten mit ihrer Kritik zurückhält. Nach den jetzt vorliegenden Berichten kann man die Arbeiterschaft in ihrer Stellung zum Hitler-Regime in drei Gruppen einteilen: Die erste Gruppe umfasst diejenigen Arbeiter, die durch Hitler Arbeit erhalten haben. Als ein Beispiel eine Feststellung aus einem rheinischen Bericht,(ähnliche Aeusserungen liegen aus Bayern, Sachsen und Westdeutschland vor): "Eine andere Grenze für die Mi sstimmung und die Erbitterung ist darin zu erblicken, dass docu noch in nicht wenigen Fällen Arbeitslose-langjährige und durchaus nicht gleichgeschaltete- wieder in Arbeit kommen und wenn sie auch nur eine geringe Summe Löhnung mehr erhalten als vorher Unterstützung, so sehen sie darin, dass sie wieder in Arbeit gekommen sind, doch einen Fortschritt oder eine Besserung, die ihnen eine gewisse Anerkennung entschlüpfen lässt." Die zweite Gruppe wird von den Arbeitern gebildet, die schon früher in Arbeit, zum Teil auch organisiert waren. Sie sind nach wie vor Gegner des Regimes, aber sie sind noch sehr vorichtig. Ein Bericht aus Hamburg sagt darüber: "Ein grosser Teil der alten organisierten Betriebsarbeiterschaft ist noch heute gegen die Regierung eingestellt. Er gibt sich nur den Anschein, als sei er vom Faschismus überzeugt, um nicht, wie das früher oft der Fall war, den Arbeitsplatz zu verlieren." Ein Bericht aus Südwestdeutsehland: A*9" "Am meisten schimpfen die SA-Leute. Unsere Leute sagen: Wir stehen dabei und freuen uns. Die Arbeiterschaft hat einstweilen noch das Gefühl, dass sie aus eigener Kraft das Regime nicht stürzen könnte, sie hofft noch immer vielmehr auf das Bürgertum und die Kräfte von rechts." Ein Bericht aus Südbayern: "Der Arbeiter klagt über die geringe Entlohnung. Dabei sind viele doch wieder froh, dass sie wenigstens Arbeit haben. Der Arbeiter bildet sich seine Meinung, die durchaus nicht günstig für die Machthaber ist, aber er behält sie für sich. Allgemein betrachtet scheint die Arbeiterschaft gegenwärtig in einem Zu° stände der Unsicherheit und des Wartens zu verharren. Es fehlt ihr der Glaube," Die dritte Gruppe schliesslich stellen jene Arbeiter dar, deren sozialistische Ueberzeugung in den Jahren vor 1933 so gefestigt war, dass sie auch heute davon nicht lassen können. Auch alle neuen Berichte stimmen darin überein, dass dieser Kern der früher organi� sierten Arbeiterschaft an seinen sozialistischen Auffassungen nach wie vor festhält. Und nicht nur festhält, sondern soweit wie irgend möglich auch zum Ausdruck bringt. Inwieweit das in den Betrieben sichtbar wird, soll an Hand der Betriebsberichte gezeigt werden. In° wieweit es ausserhalb der Betriebe sichtbar wird, dafür einige Bei" spiele: Bericht aus Berlin: am 1. Mai__ "Trbitz der starken Kontrolle sind/grosse Teile der BdtriebS" Arbeitprschaft in den Betrieben nicht auf das Temepelhofer Feld sondern zu den zahlreichen sozialistischen Maifeiern in der Umge" bung von Berlin gegangen. Viele Abteilungen der früheren SPD waren mehrere hundert Mann stark. Die Stimmung war dort keinesweg pessimistisch. Die Schmierigkeiten wirtschaftlicher Art der Regie" rung sind allgemein bekannt und erfüllen die Arbeiter mit Hoffnung auf Befreiung." Bericht aus Hamburg: "Am Himmelfahrtstag, einen Tag bevor sich der Todestag des Hamburger sozialdemokratischen Reichstagsabgeordneten Adolf Biedermann zum ersten Male jährte, gedachte die Hamburger Arbeiterschaft ihres Vertrauensmannes, der im Vorjahre angesichts der Schande des Nazi-Deutschlands seinem Leben ein Ende setzte. Ueber 5.000 Hamburger Männer und Frauen besuchten an diesem Tage die Grabstätte Adolf Biedermanns. Sie war über und über mit Blumen bedeckt. Unter der Fülle der Blumenspenden bemerkte man einen Kranz mit roter schleife und ein Blumengebinde. das die drei Buchstaben D.A.E.{Disziplin, Aktivität, Einigkeit) darstellte. Die stumme Demonstration währte den ganzen Tag und auch am darauffolgenden Todestage Adolf Biedermanns war das Grab das Ziel vieler friedhofsbesucher." Ein weiterer Bericht aus Hamburg: "In Hamburg starb vor ca. 3 Wochen ein alter Parteigenosse. Die NSBO wollten einen Kranz niederlegen, die Frau des Verstorbenen aber verbat es sich. Bei der Trauerfeier im Krematorium waren über 300 Parteigenossen anwesend. Es war die noch funktionierende alte Parteiorganisation, die die Veranstaltung durchführte. Ein Bezirksführer hielt eine Ansprache. Er gelobte im Sinne des Verstorbenen weiter zu kämpfen für Freiheit und Sozialismus und schloss mit dem Rufe"Freiheit!". Die ganze Trauerversammlung erhob sich und rief mit geballter Faust"Freiheit!" Von der Polizei wurde nichts unternommen." Dass aber auch ganz allgemein die Arbeiterschaft sich immer weiter vom Regime abzuwenden beginnt, geht aus der Tatsache hervor, dass es immer schwerer für die NSBO wird, die Belegschaften in die Betriebsversammlungen zu bringen, die oft überaus kläglich besucht sind. Ein bezeichnendes Beispiel stellt jene"Bekanntmachung" des Betriebszellenobmanns der Dürener Metallwerke dar, in der die Einladung zu einer Delegschaftsversammlung mit folgenden Drohungen gewürzt war(Original bereits in der"Deutschen Freiheit" vom 27/28. Mai veröffentlicht): "Da mir gemeldet wurde, dass es noch Belegschaftsmitglieder gibt, die sich weigerten, Karten zur Börger-Versammlung zu kaufen, sehe ich mich veranlasst, die Leute als Miesmacher anzusehen und werde gegen die Leute die Entlassung fordern, da sie dadurch beweisen, dass sie keine Interesse am Aufbau des Vaterlands haben. Es sind noch genug Volksgenossen auf der Strasse, die unserem Führer am Aufbau helfen, und wir dann auch verpflichtete sind, die Leute in unserem Betrieb zu nehmen, die mit uns kämpfen und gegen die Miesmacher auszutauschen sind. Die Amtswalter haben mir bis heute Mittag eine genaue Liste zu geben von denjenigen, die sich geweigert haben, diese Karte zu kaufen, damit ich sofort die nötigen Schritte unternehmen kann, wer nicht mit uns ist, ist gegen uns und dem bieten wir die Faust." Die Stimmung unter den Arbeitslosen: Hemmungsloser als die Arbeiter, die noch etwas zu verlieren haben, machen die Arbeitslosen ihrer Misstimmung Luft. Auf den Arbeitsämtern wird offener diskutiert als in den Betrieben. Aus Dresden wird z.B. berichtet: "Die Arbeiter und vor allem die Arbeitslosen zeigen ihre Unzufriedenheit ganz deutlieh. Der Arbeitsnachweis ist das Hauptquartier einer unserer Diskussionsgruppen und die Brutstätte für die Meckerei. Dort wird ganz offen über die Kürzung der Unterstützung, über die Preiserhöhungen und über alle gegen die A-11- Arbeiter gerichteten Massnahmen geschimpft. Allerdings haben die Natjonalsozialisten dagegen, wie am Donnerstag, den lo.5° festgestellt werden konnte, ein neues Mittel gefunden: Unter die in Gruppen diskutierenden Arbeiter mischen sich SA-Leute in Ziv&l, Auf ihrem Handteller haben sie mit Kreide ein Kreuz gemalt, das sie dann auf dem Rücken des Hauptmeckerers abdrücken. Geht der Betreffende dann an einem SA-Quartier vorüber, so wird er auf Grund des Zeichens hineingezogen und verdroschen. So erging es Mittwoch, dem Gen. X." Aber dieses Mittel scheint nicht zu helfen. Ein späterer Bericht aus Dresden stellt erneut fest: "Vor dem Arbeitsamt in Dresden ständige Diskussion der Arbeitslosen. Als Nazi bekannte Erwerbslose werden von unseren Leuten mit den Worten begrüsst:"Na, Du bist ja auch noch hier! Der Führer hat Dich wohl vergessen. Na, tröste Dich, uns geht es ja auch jeden Tag besser." Eine Folge dieser Auseinandersetzungen ist, dass die braunen Uniformen immer weniger, man kann sagen, fast selten werden. Die SA-Leute fürchten bereits dieses Spiesrutenlaufen." Aehnlich ein Bericht aus Chemnitz: "Die Diskussionen auf den Arbeitsämtern beginnen wieder, und die Erwerbslosen, die vergebens auf Arbeit gewartet haben, sehen im Witz und in der Ironie die Waffen, mit denen sie gegenwärtig gegen das Regime kämpfen. Aber auch ernstere und stark politisch gehaltene Diskussionen werden geführt." Sehr bezeichnend ist auch eine Meldung aus Berlin, die zeigt, dass die Atmosphäre der Unsicherheit und Feindseligkeit auf den Arbeitsämtern sogar schon die Beamtenschaft zu erfassen beginnt: "Auf den Arbeitsämtern herrscht eine trübe Stimmung. Es kommt jetzt schon wiederholt vor, dass die Beamten durchblicken lassen, dass ja auch ihre eigene Position gefährdet sei, denn die Mittel für die Erwerbslosenunterstützung seien ja bald am Ende." Die Stimmung im Mittelstand: Schon im vorigen Bericht ist festgestellt worden, dass die Misstimmung im Mittelstand am grössten ist und sich hier auch beson* ders ungeniert äussert. Ein Beispiel für die Offenheit kleiner Geschäftsleute selbst Fremden gegenüber aus Südwestdeutschland: "loh komme in einer fremden Stadt mit einem Friseur ins Gespräch und gebe mich ihm gegenüber als ein Hitler-Wähler aus. Wir stöhnen gemeinsam über die schlechten Zeiten und als er merkt, dass er in mir einen verständnisvollen Partner gefunden hat, holt er sogar seine Frau, damit sie von mir erfährt, wie ich über die Dinge denke. Schliesslich ruft er aus:"Siebenmal A-12- haben wir Hitler gewählt, aber im Leben nicht wiederi" Es sind durchweg sehr enge persönliche, materielle Beweggründe, die die Mittelständler zur Nörgerlei veranlassen. Ein Bericht aus Dresden sagt z.B.: "Der Besitzer des Hotels ein guter Bürger, ist vor allem durch die Krise im Hotelgewerbe und durch die hohen Sonderleistungen an die SA und SS unzufrieden. Monatlich muss er oft bis zu 15 Freiquartiere bereitstellen, das sind rund Mk. l2o,— die er einbüst. Der Mann, und damit der Kreis der Leute um ihn herum, ist heute vom Nationalsozialismus enttäuscht, was sich vor allem darin äussert, dass er alle möglichen Vorschriften umgeht. So werden z.B. oftmals Hotelgäste während ihres Aufenthalts polizeilich nicht angemeldet. Als ein weiteres Symptom ist die Abbestellung des"Völkischen Beobachters" zu werten." Aus Westsachsen und gleichlautend aus Hamburg wird berichtet: "Unter den Geschäftsleuten gährt es, weil die Nationalsozialisten immer noch nicht die Konsumvereine und Warenhäuser beseitigt haben. Mit Ingrimm sehen sei, dass nach wie vor, zum Teil noch stärker als früher, in den Warenhäusern und Konsumfilialen gekauft wird und dass die neuen Kleingeschäfte ehemaliger Marxisten eine gute Kundschaft bekommen haben." Aus Südwestdeutschland: "Unter den Kleingewerbetreibenden wächst die Misstimmung insbesondere auch deshalb, weil sie noch weniger Kredit bekommen können als früher. Ihre Kreditgesuche an die Sparkassen werden abgewiesen und sie fragen sich, wo bleibt nur das Geld?" Dazu kommen mancherlei besondere Ursachen, z.B. wird aus Kehl in Baden gemeldet, dass dort die Misstimmung besonders durch die Einstellung der Arbeiten am Flugplatz genährt worden ist. Der Bericht sagt: "Bei Beginn der Arbeiten am Flugplatz wurden die Geschäftsleute unter dem bekannten sanften Druck gezwungen, freiwillige Spenden in ziemlich hohen Beträgen zu leisten. Vor 14 Tagen wurden die betonierten Bauten durch Sprengungen niedergelegt und damit jedem Einwohner offensichtlich, dass das verausgabte Geld weggeworfen war. Hierüber grosse Empörung." Die Versammlungen der Innungen und der NS-Hago sind immer schlechter besucht. Aus der Pfalz: "In einer Versammlung der NS-Hago wurde 14 Tage vor Pfingsten der Referent niedergeschrieen. Zum Schluss weigerte sich der grosse Teil der Anwesenden das Horst-Wessel-Lied zu singen." <6 P � f A-13- Aus Kiel: "Bei einer Versammlung der Gastwirte in der Messehalle hatte sich der Saal schon während der Rede des Referenten über die Hälfte geleert, der Rest sass gelangweilt und wartete auf das Neue, was der Redner bringen sollte. Aber es waren nur alte Tiraden." Aus Ostsaehsen: "Bei den Innungsversammlungen, die Zwangsversammlungen sind, werden nach Beginn der Versammlung die Saaltüren durch Ordner geschlossen und bewacht, damit niemand den Raum verlassen kann." Aus allen Berichten geht aber auch hervor, dass diese Missstimmung im Mittelstand noch weit entfernt von einer politischen Zielrichtung ist."Die Geschäftsleute sind heute vollkommen enttäuscht", sagt der eben erwähnte ostsächsische Bericht,"und verhalten sich politisch völlig passiv." Dazu kommt die Angst vor dem Bolschewismus. Der ostsächsische Bericht sagt:"Das einzige, was viele Geschäftsleute veranlasst, den heutigen Kurs zu bejahen, ist die Angst vor dem Kommunismus." Dasselbe stellt ein Bericht aus Süd Westdeutschland fest, der zu folgendem bemerkenswerten politischen Schluss kommt: "Im Bürgertum wird am meisten geschimpft, dort bestehen auch die grössten Illusionen darüber, dass es bald anders werden muss Das ist aber nur ein Beweis dafür, dass das Bürgertum eben gar nicht politisch geschult ist." Die Stimmung unter den Bauern: Die Berichte stimmen auch diesmal darin überein, dass der Stimmungsumschwung auch auf dem Lande sehr fühlbar ist. Als Grund werden nach wie vor das Erbhofgesetz und die Schwierigkeiten und Nachteile der neuen Zwangswirtschaft angegeben."Auf dam Dorfe kann man geradezu", so berichtet man aus Schlesien,"von einer spürbaren Unruhe und Gereiztheit sprechen." Und aus dem Rheinland:"Die Hundsrückbauern hätten vor einem Jahr noch jeden totgeschlagen, der ein Wort gegen die Nazis gesagt hätte, jetzt sind sie masslos erbit nach tert.." Die Erbitterung ist so gross, dass es/3Tnem Bericht aus Ost Sachsen"schon sehr häufig vorkommt, dass durchziehenden und kampie renden SA-Leuten alles, sogar ein Strohlager verweigert wird." A-1�- Bim bezeichnende Einzelheit aus dem Ruhrgebiet: "Ein alter sozialdemokratischer Briefträger, der auf dem Lande Bestg-lgänge macht, hat in den ersten Monaten wütend und verknurrt den deutschen Gruss entboten. Die Bauern, die seine Einstellung kannten, haben sehr genau darauf geachtet, dass er seiner Grussverpflichtung nachkommt. Jetzt ist es umgekehrt. Der Briefträger macht sich einen Spass daraus, bei jeder Gelegenheit"Heil Hitler" zu rufen, die Bauern knurren höchst unwirsch eine Antwort." "Die Bauern schimpfen auch gegen Hitler", sagt ein Berichterstatter aus Westdeutschland," sie haben sich die alten Flugblätter der Nazis aufgehoben, die sie jetzt hervorholen und vergleichen." Aus der bayerischen Ostmark wird berichtet: "Durch.... im bayerischen Wald marschierte am Sonntag, den 27. Mai in der Morgenfrühe eine SA-Kolonne von ca. 3*000 Mann. Im dortigen Wirtshaus sassen an einem Tisch sieben Bauern, die sich über den Aufmarsch unterhielten."Wer nur das alles zahlt?- Wer anders wis mia!- Es geht net lang weiter so- werst sehn, des kimmt zu am Krieg- Und mir solin die Schädln hinhalten für die hohen Herrn- Der Hitler muss weiter- Der frisst uns no alle miteinander- Wenn mir das zuerst gwusst hättn- Jetzt is zu spät." So ging das Gespräch der Bauern. Der übelste Schimpfer war der Wirt, der sich so in Erregung sprach, dass seine Frau kam und ihn zur Ruhe mahnte mit den Worten:"Man kann nie wissen, wers hört." Darauf der Wirt:"Mir ist alles gleich, dann Sollns ml ein- sperrn. Wen jeder seine Meinung offen sagen würde, dann hättns gar net so viel Gfängnis wo sie uns einsperrn kanntn."- Auch in der Auslandspresse ist der Aufsatz"Meuterei?" des sächsischen Landesbauernführers Körner bekannt geworden, in dem behauptet wurde, es sei deutlich zu ersehen, dass hier nach ganz bestimmten Richtlinien gearbeitet würde und dass infolgedessen eine Zentrale vorhanden sein müsse, die innerhalb der Bauernschaft die Miesmacher mit Material versorge! Auch aus den grossen Anstrengungen, die gemacht werden, um die Misstimmung zu bekämpfen, geht hervor, wie ernst das Regime die Lage auf dem Lande ansieht. Aus Schleswig Holstein wird berichtet: "In diesen Orten sind nicht nur bei der letzten, sondern schon bei den Wahlen vor dem 5. März 1933 bis zu loo Prozent Nazistimmen abgegeben. Wenn jetzt grosse Kanonen der Nazis, Landrat Hans- Flensburg(ca. 26 Jähre alt), Oberpräsident und Gauleiter Lohse, Regierungspräsident Böhmker, Oberbürgermeister Brix-Altona, Bauernführer Struve, u.a., auf diese Dörfer müssen, ist es ein Zeichen, wie mies den Bauern sein muss." A-lg- Auf die Ursachen der Misstimmung auf dem Lande geht ein Bericht aus Südvestdeutschland näher ein: " Sowohl das Erbhofgesetz, als auch die Zwangswirtschaft für Milch, Butter und Eier erregt den Unwillen der Bauern. Der Bauer, der ja viel materieller eingestellt ist als andere Bevölkerungsschichten, sieht eben immer noch nicht die versprochenen Steuerermässigungen, immer noch nicht die versprochenen Schuldsenkungen. Statt dessen sieht er, dass weiter gepfändet wird und dass weiter Steuern eingetrieben werden. Die alten Bauern sind infolgedessen nicht mehr Anhänger Hitlers. Anders steht es bei den jungen, die als SA-Leute usw. noch enger mit dem System verbunden sind. Man kann schon jetzt oft feststellen, dass in den Bauernstuben die Hitlerbilder wieder verschwunden sind und durch Bismarckbilder ersetzt wurden. Man kann Bauern hören, die sagen: Unter den Roten war es doch nicht so schlimm. Die Bauern gehen zu früheren sozialdemokratischen Gemeinderäten, um sich Rat zu holen. Im Hanauer Kreis haben sich die Bauern an den Landrat gewendet, damit sie ihre sozialdemokratischen Gemeinderäte wieder bekommen. Ein Bauer sagte mir: "Früher konnte man doch mal zum Gemeinderat gehen und sich Auskunft holen, heute wird man von den jungen Schnöseln nur angebrüllt." Aehnliche Aeusserungen liegen aus allen anderen Landesteilen vor. Ein bezeichnendes Beispiel aus der Pfalz: "Die Marktregelung für Eier, Milch und Butter wird mit einer verblüffenden Rücksichtslosigkeit durchgeführt. Es kommt heute vor, dass Bauern Milch für den eigenen Bedarf um M Pfg. teurer kaufen müssen, als sie selbst bei der Ablieferung an die Zentrale erhalten. Auf den Märkten sind die gewohnten Bauernkörbe mit Butter, Rahm, Eiern, Handkäsen usw. verschwunden. Der sogenannte"Schwarzhandel" wird rücksichtslos bekämpft. Es darf nur noch in den hierzu errichteten Geschäften verkauft werden. Alle Bauern und Händler vom Land, die seit vielen Jahren in der Stadt ihre Milch absetzten, mussten dies jetzt aufgeben. Manche hatten sich erst vor kurzem auf Grund des Milchgesetzes einen neuen vorschriftsmässigen Wagen zugelegt. Das Geld ist verloren. Einige Tage vor Pfingsten wurde ein Bauer, der Milch bei der Zentrale ablieferte angezeigt, weil er eine Kanne"Schwarzmilch" mitführte, die er hintenherum verkaufen wollte. Die Kanne wurde beschlagnahmt, aber der Bauer war so empört, dass er die Kanne vor den Augen der Polizei ausleerte. Als bisheriger verdienstvoller Nazi wurde er zwar nicht sofort verhaftet, aber die Bestrafung wurde ihm angedroht. Eine Abordnung, bestehend aus zweifelsfreien Naziwählern, wurde kürzlich beim Sonderkommissar des Bezirkes vorstellig, um gegen die den Bauern empörenden Massnahmen zu protestieren." Dazu kommen jetzt die Sorgen vor der drohenden schlechten Ernte. Die Behörden müssen vor Notschlachtungen infolge Futtermangel warnen. In der Pfalz ist die Frühobst- und die Frohkartoffel-Ernte Ä-36 überaus schlecht ausgefallen. Auch von'den Bauern gilt: noch ist nicht klar, wohin sich diese Misstimmung einmal positiv politisch wenden wird."Sie wissen nicht, was sie wollen", sagt ein Berichterstatter aus Südbayern, "ihr Sehnen geht nach der"guten alten Zeit." Einstweilen scheint nur der Einfluss der Kirche dadurch zu gewinnen. Aus der Pfalz wird berichtet: "Mehr als zuvor gehen die Bauern in die Kirche. Sie reden von dem Beispiel der sieben mageren und fetten Jahre, rufen sich in Erinnerung bei ihrem Erzählen: 1911 war auch diese Trockenheit und diese Hitze und Missernte, dann kam 1912 diese Soldatenspielerei und die vielen Feste und 1913 kam der Krieg. Wie wird es diesmal? Wie wird es diesmal, so steht drohend die Frage unausgesprochen tagtäglich über allen Arbeiten und wie soll das noch weiter werden? ist der allabendliche Unterhaltungsstoff. Die Bauern schimpfen, auf wen? Sie schimpfen auf die Bonzen und Hochgekommenen. Sie schimpfen nicht auf Hitler! Hitler hat ihr unbeschränktes Vertrauen; sie glauben an ihn und bauen auf ihn. Er will nichts schlechtes, das geschieht gegen ihn. Er will helfen. Aber die Bonzen und Hochgekommenen verdrehen und hindern die Durchführung dessen, was er will." Aus Bayern: "Durch den Klerikalismus gestärkt, ist auch die Opposition der Bauernschaft weiter gewachsen. Man klagt über die Summen, die heute der Staat für Rüstungen ausgibt und die das arme Volk bezahlen muss. Angstvoll sieht heute auch der Bauer bereits am Horizont den neuen Krieg. Auf diesem Boden suchen die alten Führer der christlichen Bauernschaft wieder Einfluss zu gewinnen und nicht ohne Erfolg." Die Stimmung unter den Gebildeten: Aus dem Bericht einer Reise durch Deutschland("Neuer Vorwärts vom I0.6.): "Wieder anders ist die Haltung des besitzenden Bürgertums, der höheren Angestellten der Wirtschaft und auch mancher Mitglieder der freien Berufe, mancher Intellektuellen. Besonders die ersten beiden Gruppen sehen das Wirtschaftsleben, nicht nur einen Teilausschnitt, sondern sie übersehen das Ganze. Sie haben Fühlung mit dem Ausland und genug wirtschaftliche Kenntnisse um auch die Ursachen des Devisenschwundes und der Finanzkalamität zu kennen. Sie haben ein Heim, das erlaubt, auch im grösseren Kreise zu diskutieren. Hinzu kommt, dass man das Pöbelhafte der Partei sieht und hasst, und dass man die Gefahr eines Um- A-17- schlages-dort sagt man in den Bolschewismus, richtiger wäre in das vollendete Chaos- fürchtet." Ueber Lage und Stimmung der freien Berufe liegen mehrere übereinstimmende Berichte vor: 1. Bericht:"Die meisten jüdischen Aerzte können sich in den Grosstädten nicht mehr darüber beschweren, keine Patienten zu haben. Ihre Sprechzimmer sind voll von Demonstranten. Aber ihre Einkünfte sind gesunken, weil die Kassenpraxis ihnen fast überall entzogen worden ist. Selbst whwer- kriegsbeschädigten Aerzten schädigt man ihre Praxis. Das Verhältnis der arischen Aerzte gegen ihre jüdischen Kollegen ist nicht mehr so traurig wie in den ersten Monaten des Hitlerregimes. Arische Arzte bemühen sich teilweise, tüchtigen jüdischen Fachärzten Kundschaft zu vermitteln." 2. Bericht:"Während die Anwälte und Richter sich noch vor wenigen Monaten bei den Nationalsozialisten anbiederten, distanzieren sich jetzt sehr viele. Besonders das Gesetz über das Volksgericht schreckt viele ab. So mancher sieht an der Brutalisierung des Gerichtswesens, dass die Nazis am Ende sind. In den Anwaltszimmern, werden bereits wieder politische Debatten geführt. Die in der NSDAP organisierten Anwälte sind mit Parteiaufträgen so überbürdet, dass sie sehr oft in letzter Stunde allgemeine Prozesse an nicht nationalsozialistische Anwälte abtreten. Ueberraschenderweise wird auch der jüdische Kollege nicht mehr verachtet und in den Anwaltszimmern bildet er oft den linken Flügel der opponierenden deutschnationalen Anwälte. 3.Bericht:"Die Anwaltschaft ist höchst missgelaunt. Der ausserordentliche Rückgang der Agenda bei den Anwälten, zum Teil um die Hälfte bis Dreiviertel und noch mehr hat den Stand pauperisiert. Der Grund für den Rückgang der Anwalte- beschäftigung ist darin zu erblicken, dass der Vollstreckungsschutz für Schuldner gesetzlich sehr weit ausgebaut wurde und daher dem Publikum in zahlreichen Fällen das Prozessieren hierdurch verleidet wird. Zum anderen ist zu berücksichtigen, dass viele Kläger noch ausserstaatliche Eingriffe durch SA. usw. fürchten und daher ihr Verlangen, gegen Schuldner gerichtlich vorzugehen, aus Gründen der Vorsieht zurückstellen. Dazu kommt natürlich noch die allgemeine ungünstige Lage der Wirtschaft. Besonderen Unwillen bei der Anwaltschaft, aber auch bei den Beamten des Justizdienstes hat die vor einigen Tagen erlassene Verordnung über die Gleichstellung der NS-Rechtsberatungsstellen als Güte- und Vergleichsgerichte hervorgerufen, die befugt sind, geschlossene Vergleiche und Abkommen vor der Nazistelle sofort für vollstreckbar zu erklären. Dadurch wird den Anwälten voraussichtlich ein weiteres Gebiet entzogen und die auf ihren Beruf sehr stolzen Justizbeamten erhalten Nazi-Laien als Konkurrenten. Die noch zugelassene jüdische Anwaltschaft Sachsens, die bekanntlich unter erschwerenden Umständen um ihre Existenz zu ringen hat, wurde durch einen Ministerialerlass über die Bei- A-18- ordnung als Armenanwalt besonders hart betroffen, der ihr praktisch die Armensachen und damit eine ihrer Haupteinnahmequellen gänzlich entzieht." Von den Universitäten in Halle und Leipzig: "An den Universitäten ist seit Ostern ein grosser Stimmungsumschwung eingetreten. Die Studenten werden monarchistisch. Ihr Antisemitismus lässt nach. Vielfach suchen Studenten gesellschaftlichen Um ang mit Juden. Die jüdischen Studenten sind aber noch stark eingeschüchtert. So manchen von ihnen wäre mehr Mut zu wünschen." Allmählich erfasst der Stimmungswandel auch die Beamten. "Die Beamten sind innerlich zumeist nicht Nazis, sie machen eben z.T. widerwillig mit"(aus dem Rheinland)."Die Beamten sind abwartend, zeigen aber keine offene Sympathie für das Regime, teilweise wird der Hitlergruss sabotiert. Crosse Misstimmung herrscht über die neu eingestellten SA-Leute(aus Hamburg)."In Philologenkreisen ist man erbost über die Gleichschaltung mit den Volksschullehrern im NS-Lehrerbund"(aus Sachsen). In einem Bericht RMS Berlin heisst es: "Für die Reichsbankbeamten finden regelmässig politische Schulungsabende in den Tennishallen statt. Es werden Kontrollkarten ausgegeben, deren Abschnitte erst nach Schluss der Veranstaltung abgerissen werden. Die Beamten werden abgestossen durch das tiefe Niveau der Vorträge. Letzthin schloss ein Redner wörtlich:"Bis jetzt hat uns unsere grosse Schnauze geholfen. Sie wird uns auch weiterhelfen." Das nennt sich politische Schulung! Man kann sich die Wirkung auf die Beamten vorstellen." Die Stimmung in der Jugend: Aus dem schon erwähnten Reisebericht: "Die Jugend ist nach wie vor für das System; das Neue: das Exercieren, die Uniform, das Lagerleben, dass Schule und Elternhaus hinter der jugendlichen Gemeinschaft zurücktreten, all das ist herrlich. Grosse Zeit ohne Gefahr. Viele glauben, dass ihnen durch Juden- und Marxistenverfolgungen wirtschaftliche Wege geöffnet sind. Je mehr sie sieh begeistern, um so leichter sind die Examen, um so eher gibt es eine Stellung, einen Arbeitsplatz. Die bäuerliche Jugend lebt in der HJ und in der SA zum ersten Male mit dem Staat. Auch junge Arbeiter machen mit: "Vielleicht kommt doch eines Tages der Sozialismus, man versucht ihn eben auf eine neue Art, die anderen haben ihn bestimmt nicht gebracht, Volksgemeinschaft ist doch besser als unterste Klasse sein", so etwa denken sie. Die neue Jugend hat nie viel für Bildung und Lesen übrig gehabt, ietzt wird nichts mehr ver- A-19- langt, im Gegenteil, das Wissen öffentlicht verurteilt. Die Bitern erleben das mit. Man kann dem Kind nicht verbieten, was alle Kinder tun, kann ihn die Uniform nicht verweigern, die a die anderen haben. Man kann es auch nicht verbieten, das wäre gefährlich. Die Kinder und Jugendlichen verlangen nach der Anleitung der HJ dann von ihren Eltern, dass sie gute Nazis sind,dass sie Marxismus, Reaktion und den Umgang mit Juden aufgeben." Die Haltung der Jugend ist für den geschulten, politischen Beobachter ein Gegenstand ernster Sorge. Aus einem Münchner Brief: "Was soll aus uns werden, wenn es uns nicht gelingt, diese jungen Idealisten zu gewinnen. Ein solcher Junge, wenn er zu uns gehörte, wäre mir lieber wie 2o solche Kritiker, von denen doch keiner eine richtige Revolution macht, weil er Angst hat vor den Kugeln und vor dem Tod. Mich ekeln sie manchmal an, diese Greiner. Wie sie früher über unsere Bonzen geschimpft haben, so schimpfen sie heute über die Nazis und werden morgen über unsere sozialistische Diktatur schimpfen. Die Jungen und die Alten, das ist es eben, was die Nazis verstanden haben. Und die Jungen sind es, die die Begeisterung bei den Nazis in die Bude bringen. Alte Männer machen heute keinen Eindruck mehr. Der neue Rechtsrat unserer Stadt, der Stellvertreter des Bürgermeisters, ist jetzt 29 Jahre alt. Da liegt ein Problem. Fast möchte ich sagen: das Geheimnis des Nationalsozialismus ist das Geheimnis seiner Jugend. Die Kerle sind einfach so fanatisiert, dass sie an nichts glauben, wie an ihren Hitler. Mir kommt manchmal vor, als ob die nur durch einen Krieg zur Besinnung kämen." Hoffnungen und Erwartungen: Die ernste Sorge, die aus diesem Brief spricht, kehrt in vielen anderen Berichten wieder. Der Briefschreiber, ein 30 jähriger Techniker, spricht etwas aus, was bei vielen nur zwischen den Zeilen steht, wenn er sagt: "Wenn man so die Leute betrachtet, die da jammern, dann sind es die Rentner, die Geschäftsleute, die kleinen Beamten etc., aber, und das ist das Merkwürdige, fast lauter a 1 t e L e u t e. Die Jugend nörgelt nicht! Unsere Leute sind natürlich ausgenommen. Die begeistertsten Faschisten sind die Jungen zwischen 15 und 30 Jahren. Das gibt mir viel zu denken." Gewiss gibt es viele, die von der Welle des Optimismus stark erfasst sind."Wir sind vollbepackt mit Optimismus, ohne dass wir begründen könnten, warum"- ruft ein ehemaliger gehobener sozial- '„y .. A-2o- demokratischei- Funktionär aus, der nicht mehr zu den Jungen zu rechnen ist."'Vir müssen für 1934 mit der Katastrophe rechnen", ein anderer. Aber daneben mehren sich die Stimmen, die zur Vorsicht mahnen. In einem Bericht aus der Pfalz heisst es: "Mag die wirtschaftliche Schwierigkeit noch grösser werden, politisch ist die Macht noch unerschüttert und scheint unüberwindbar. Dieses Aussehen hat die ganze Lage mit darum, weil die Arbeiter zufrieden sind, dass sie arbeiten, dass noch mehr dazukommen, die Arbeit bekommen, und dass sie immerhin mehr an Lohn bekommen, als ehedem an Unterstützung." Meckern ja, aber darüber hinaus sich gegen das Regime auflehnen- soweit geht es noch nicht. Ein Beispiel für die vorsichtige und duldende Zurückhaltung, die noch immer geübt wird, bildet ein kleiner Vorfall, der von der Maifeier in Hamburg be- richtet wird: - "Als nach der Hitlerrede das Horst-Wessel-Lied gesungen wurde, unterliessen viele Teilnehmer den Hitlergruss. Ein Arbeiter wurde deswegen zur Rede gestellt, geschlagen und vom Platz verwiesen.(Am Tage darauf wurde ihm die Arbeitslosenunterstützung entzogen, aber eine Verhaftung erfolgte nicht). Der Vorfall stiess auf die volle Gleichgültigkeit der Umstehenden, die nicht mit dem Arbeiter sympathisierten, sondern sagten: Na ja, grüssen hätte er doch wenigstens können!" Es gibt zu denken, wenn in einem Bericht aus Westsachsen aus zwei verschiedenen Orten- Leipzig und Chemnitz- Formulierungen auftauchen, wie: "Mit grosser Schadenfreude verfolgt die Bevölkerung das Misslingen der verschiedensten Regierungsmassnahmen. Mit einem wahren Heisshunger stürzt sie sich auf das illegale Material und auf verbotene Zeitungen. So wurde z.B. nach dem Verbot der"Grünen Post" und der Ritualmordnummer des "Stürmer" auf die letzten Exemplare dieser Zeitungen direkt Jagd gemacht." "Man macht mit und tut so, als ob...", damit ist am besten die zur Zeit herrschende Stimmung in Deutschland zu charakterisieren. Aber gross ist bei vielen die Freude, wenn den Nationalsozialisten Massnahmen misslingen, und man ist auch nicht nur unter der Arbeiterschaft, zur Sabotage bereit." Schadenfreude und passive Ressistenz als Charakteristikum der Volksstimmung werfen ein bezeichnendes Licht auf die innere Schwäche der Opposition gegen das Regime. Diese innere Schwäche wird auch in einem Bericht aus Baden unterstrichen: A-21- "Auf die Frage an die Kritiker, wie sie sich die Veränderung der politischen Verhältnisse denken, erhält man jedoch nur ein Achselzucken. Man hofft auf den wirtschaftlichen Boykott und redet von einem Eingriff der Reichswehr. Jedenfalls sieht man nirgends klar und wartet so auf einen politischen Zufall. Eine Aenderung dieser Ansichten bahnt sich jedoch für den aufmerksamen Beobachter bereits an. Die Schätzung, dass bis zum Herbst die Dinge zum Aendern kämen, wird bereits pessimistischer. Stark mitgewirkt hat bei dieser veränderten Schätzung die Festsetzung des Abstimmungstermins an der Saar. Auch die Saar war neben der Reichswehr eine Hoffnung. Insbe- sonders war Frankreich eine Hoffnung. Dass Frankreich mitgestimmt hat bei der Festsetzung des Abstimmungstermins, war für weite Kreise, bis hinein in das Bürgertum eine Enttäuschung. Man ist jetzt zugänglicher für einen Hinweis, dass die Dinge nur in Deutschland selbst entschieden werden können. Und da kommt dann die entscheidende Wendung mit der Erklärung, wenn dem so ist, dann dauert es noch Jahre, bis das derzeitige System zusammenbricht." Die Gründe für diese innere Schwäche der Gegner des Regimes werden anschaulich aufgezählt in dem bereits mehrfach zitierten Reisebericht: "Es gibt in Deutschland nicht nur keine öffentliche Meinung, es gibt auch keine Gruppenmeinung mehr. Das Individium ist vereinzelt, denkt und urteilt für sich. Das gilt selbst für die Mitglieder der NSDAP. Die Zwangszusammenfassung in einer Organisation bedeutet in Wahrheit eine Atomisierung der politischen Be urteilung und Gesinnung. Nur ganz wenige haben die Möglichkeit der Information über die politische und wirtschaftliche Lage. Das Gemeinsame ist der Gleichtakt der Beine, die Unkenntnnis, der Mangel an politischem Willen und vielfach auch der Mangel an Charakter." Die wachsende Vorsicht in der Beurteilung der künftigen Entwicklung kommt auch in der Einstellung der Berichterstatter zu den Vorgängen im Lager der"Reaktion" zum Ausdruck. Ein Bericht aus dem Rheinland: "Unsere Genossen fragen, wie sie sich im Falle des Sturzes des Faschismus verhalten sollen. Sie sehen ein und wissen, dass wir noch nicht stark genug sind. Man rechnet, auch in unseren Kreisen, mit einer Militärdiktatur. Unsere Genossen erfahren aus Stahlhelmkreisen, dass man dort der Meinung ist, eine Militärdiktatur könne und werde sich auf den Stahlhelm stützen können. Man rechnet in ruhig urteilenden Kreisen mit einer baldigen offenen Krise bei den Nationalsozialisten. Ich berichte nur und mache mir diese Meinungen durchaus nicht zu eigen. Aber ich glaube nicht, dass wir ein Recht haben, diese Auffassungen völlig zu übergehen." A-22- Aus einem Bericht aus Westsachsen: "Die Hoffnung, dass Hitlers Totalitätsstaat in Bälde durch ein Regime der Wirtschaft und Reichswehr abgelöst würde, ist sehr gestiegen. Trotzdem rechnen Leute, die Einblick und politisches Urteil haben, damit, dass sich Hitler durch verstärkten Terror noch Jahre hält." Ein Bericht aus Südbayern: "Wenn sich der beste Teil des Proletariats heute nur zaghaft und tastend vorwärtsbewegt, so nur deshalb, weil dieser fortschrittlichste Teil der Gesellschaft sich nicht mit destruktiver Kritik begnügt, sondern mühsam jene Ideologie sucht, die den Faschismus überwindet. Die Kritik und Opposition der bürgerlich-kirchlich-monarchistischen Gruppen ist destruktiv. Darin liegt ihre Schwäche gegenüber dem Faschismus. Auch eine siegende Volksmonarchie- heute von vielen herbeigesehnt- wäre nichts anderes als der zweifelhafte Versuch, durch Ausnützung dieser negativen Kritik, über den Zusammenbruch des Hitlerismus hinaus- wenn auch in gern ilderter Form- die kapitalistische Gesellschaftsordnung uu erhalten." Die Vorgänge hinter den Kulissen: Unter diesen Vorbehalten werden die Nachrichten über den Stand der Gegenbewegung von rechts wiedergegeben. Ein Bericht aus Ostsachsen: "Auffallend ist die Bestimmtheit der Form, in welcher der Wechsel des Regimes angekündigt wird. So höre ich als Meinung einer"hochgestellten Persönlichkeit", dass die Hitlerherrschaft nur noch einige Monate dauern würde, dann trete er ab.. Im übrigen treiben die früheren"höchsten Herrschaften" eigene Propaganda. So hat der Exkronprinz an seinem Geburtstag allein seinen Gratulanten sein Bild mit Widmung gesandt." Ein Berliner Berichterstatter: "Ueber die möglichen Perspektiven der Entwicklung werden noch verschiedene Ansichten vertreten. Manche meinen, dass Hitler stark genug ist, auch einen wirtschaftlichen Zusammenbruch zu überstehen. Andere sind der Meinung, dass Hitler noch den Winter über regieren wird, dass aber dieser Winter so schwer werden würde, dass dann der Zusammenbruch des Regimes zwangsläufig werde. Ich selbst bin der Ansicht, dass die Reaktion das Regime bald ablösen wird und weise dafür auf das Zusammentreffen der drei bekannten Vorgänge hin: Oldenburg* Januschau und Papen haben Hindenburg nach Neudeck geholt, um ihn den Berliner Einflüssen zu entziehen. Röhm ist in Krank- A-23- heitsurlaub gegangen und die SA ist zum ersten Male allgemein in Urlaub geschickt worden. Verbindungsleute zur Reichswehr rechnen nicht mit einer allmählichen Ablösung des Regimes, sondern mit einer gewaltsamen Umwälzung, in deren Verlauf Hitler verhaftet und eine neue Regierung, die sich auf die Reichswehr stützt, an die Macht kommen wird." Aus einem weiteren Berliner Bericht geht hervor, dass man allgemein seine Hoffnungen auf die Reichswehr setzt. Der neue Chef der Heeresleitung, General Fritsch, sei kein Nationalsozialist, sondern sähe die Dinge rein unter militärischen Gesichtspunkten. Infolgedessen lehne er die SA ab. Die Meinung gehe vielfach dahin, dass Röhm aus seinem Urlaub nicht zurückkehren werde, und dass es im Grunde überhaupt mit der Machtstellung der SA zu Ende sei. Hinden- burg, der neuerdings wieder etwas frischer geworden sei, stehe auf der Seite der Reichswehr und Hitler sei bei seinem Flottenbesuch von den Generälen und Admiralen bearbeitet und für die militärische Auffassung der Situation gewonnen worden. Es wird damit gerechnet, dass in kurzer Zeit ausser Röhm auch Ley und Darre über die Klinge springen müssten. Die Regierung werde dann nach den Wünschen der Reichswehr, des Grossbürger- und des Grossagrariertums umgebildet werden. Natürlich werde Hitler, auf dessen Prestige man angewiesen sei, an der Spitze bleiben. Ausser dem würden Gering und Goebbels, jener als Vertrauensmann der erwähnten Kreise, dieser als Hitlers Intimster mit von der Partie sein. Auch mit einer Beteiligung Brünings an der Regierung sei ernsthaft zu rechnen. Ein dritter Berichterstatter aus Berlin sieht schliesslich die Dinge folgendermassen: "Haupttriebkraft für eine kommende Umwälzung ist im wesentlichen die Wirtschaft, d.h. die prominenten Führer der Industrie, die in grösster Sorge wegen der Entwicklung des Aussenhandels, der Behandlung der Unternehmer durch die Nationalsozialisten und der schon eingetretenen schweren Wirtschaftsschädigung sind. Sie fürchten, dass es zu einer irreparablen Schädigung der deutschen Gesamtwirtschaft kommt, wenn sie nicht eine Kursänderung erzwingen. Sie können sich in grossem Umfange auf den Reichswehrkörper verlassen, in dem der sogenannte Schleicherkreis wieder ausserordentlich stark an Ansehen gewonnen hat, ohne dass Schleicher selbst Anspruch auf Führungsrechte haben dürfte. Die provokante Strafversetzung von Reichenaus, der nach Halle abkommandiert wurde,(seine beiden Söhne sind Sturmbannführer beider SA.) ist Ä-24- ein erneuter Beweis für die Absichten und die Kräfte der Bendlerstrasse." Inwieweit die Absichten der Unternehmer festere Gestalt angenommen haben, ist noch unbekannt. Es scheint aber, dass diese Kreise den Plan haben, unter dem neuen Regime Parteien, also auch die nationalsozialistische zu verbieten, dass aber die Deutsche Arbeitsfront aufrecht erhalten und nur die jetzige unqualifizierte Führerclique entfernt werden soll. Man denkt in diesen Kreisen anscheinend zu versuchen, die früheren freigewerkschaftlichen Führer zu bestimmen, in die Führung einer künftigen deutschen Arbeitsfront einzutreten. In der hohen Bürokratie spricht man zum Teil mit einem verblüffenden Zynismus davon, dass es sich doch um nichts allzu ausserge- wöhnliches handele. Es müssten doch bloss einige Herren in der Reichsregierung ausgewechselt werden, um die Absichten der opponierenden industriellen Kreise erfolgreich durchzuführen. t—* 25*" II. Die Wirtschaft 1. Die Äybeitssoh�aehtg Im vorigen Berieht sind die verschiedenen Methoden aufgezählt worden, die bisher bei der Durchführung der Arbeitsschlacht zur Anwendung kamen. Schon jetzt ist zu übersehen, dass einige dieser Methoden sieh als unwirksam oder gar schädlich erwiesen haben. So dürfte es angesichts der wachsenden Export- und Devisenschwierigkeiten kaum möglich sein, das. beliebte Verfahren fortzusetzen- das der Führer der gewerblichen Wirtschaft Keppler noch Ende Mai als Dauermassnahme empfohlen hat- Arbeitslose den Betrieben aufzudrängen ohne Rücksicht darauf, ob wirklich Arbeit für sie vorhanden war. Von sehr begrenzter Wirksamkeit war die Methode der Reparaturzuschüsse. Es gab eine kurze Zeit eine Hochkonjunktur in Häuserrepa&aturen, aber der allgemeine Baumarkt wurde nicht belebt. Seit die Zuschüsse sich erschöpfen, treten- nach dem Bericht der Reichsanstalt- wieder Entlassungen ein. Wie selten Neubauten sind, zeigt ein Beispiel aus Liegnitz. In dieser Stadt mit 73.ooo Einwohnern wurde Ende Mai von den Zeitungen gemeldet, dass der erste Neubau in diesem Jahre errichtet wird2 Meldungen über völliges Darniederliegen der Neubautätigkeit liegen uns ferner aus Frankfurt, Offenbach und Eiel vor. Jetzt wird das Geld knapp. Die Aktion droht abzulaufen, bevor die erstrebte Ankurbelung erreicht ist. Schon sind die Fristen für die Reparaturzuschüsse und für das Reinhardt-Programm bis zum 31. März 1935 gestreckt werden. Reichsfinanzminister von Krosigk hat angekündigt, dass im nächsten Jähre- abgesehen von der Fortführung der Autostrassenbauten neue Arbeitsbesehaffungsprogramme nicht aufgestellt werden sollten und daher gewisse Mittel in Reserve gehalten werden müssten. Der Gauwirtschaftsberater von rnpLandeshauptmann Dr. Jarmer führte vor einigen Wochen auf einer Stettiner Arbeitstagung ausx Man müsse sieh dabei darüber klar sein, dass man ausser für diese Erwerbslosen auch noch vorbeugende Massnahmen für die jetzt bei Notstandsarbeiten Beschäftigten treffen müsse, die im Laufe einiger Monate nach dem Aufhören der Grundförderung durch das Reich an anderer Stelle in den Arbeitsprezess eingeschaltet werden müssten. Zur Frage A<-< 26 der Unterstützungen durch das Reich wies der Gamvirtschaftsberater darauf hin, dass von dieser Seite die Hilfe nur gering sein könne. Bei der Rgntenbankkreditanstalt und bei der Oeffa ständen nur noch sehr beschränkte Mittel zur Verfügung. Die Reichsanstalt meldete am 8. Juni, dass"durch Einschränkung der Notstandarbeiten loo.ooo Notstandsarbeiter entlassen worden sind," sodass nur noch Soo.ooo Notstandsarbeiter beschäftigt blieben. Aus verschiedenen Landesteilen wird über Einschränkung oder Einstellung von Notstandsarbeiten berichtet; so aus Pommern, aus der Pfalz; aus Schlesien wird gemeldet: "In Breslau-Tachansch wurden Reparatur- und Ausbauarbeiten an der Strasse nach Althof-Nass eingestellt, weil die Mittel erschöpft sind und neue nicht flüssig gemacht werden können. Ebern wird eine Siedlung von primitiven Holzhäusern errichtet. Auch hier sind die Arbeiten, weil keine Mittel mehr vorhanden, eingestellt worden." Aus Chemnitz(Sachsen): "Beim Autostrassenbau Chemnitz, vom Bismarkturm nach dem Raben— steinerwald, wurde früher in 2 Schichten gearbeitet, seit ungefähr 1 Monat aber nur noch in einer Schicht.-Der Autostrassenbau Chemnitz, Richtung Further und Auerswalder-Flur, sollte beginnen. Die Landwirte durften nicht mehr bestellen. In den letzten Tagen erhielten sie aber mitgeteilt, dass der Baubeginn noch nicht erfolgt und die Felder doch noch bestellt werden könnten. Bachregulierung der Chemnitz. Am 6.4. wurde im ersten Bauabschnitt begonnen. 24o Wohlfahrtserwerbslose erhielten Arbeit. Ihr Verdienst ist um ein geringes höher als die früher von ihnen bezogene Unterstützung. Der zweite Bauabschnitt, für den die Stadtverordneten vor längerer Zeit bereits 17.ooo RM. bewilligten, liegt immer loch brach. Aehnlich ist es mit dem Schlämmen des Chemnitzer Sohlos-ceiches. 7oo Arbeiter wurden eingestellt. Von Woche zu Woche fanden Entlassungen statt. Die Arbeiterzahl sank immer mehr und kürzlich wurde das Schlämmen überhaupt abgebrochen. Ein heissumstrittenes Bauprojekt war in Chemnitz seit Jahren das neue Schwimmhallenbad. 1929 begann die Arbeitermehrheit in Chemnitz den Bau des Bades. Die Bürgerblockmehrheit, die nach 1929 vorhanden war(einschl. der Natsoz.), stellte den Bau ein. Vor Wochen wurde der Bau fortgesetzt. Annäherend 7oo Arbeiter wurden eingestellt. Vor kurzem waren aber nur noch 25o beschäftigt." Neue Methoden: Je mehr der Zeitpunkt heranrückt, an dem die Mittel der Arbeitsschlacht erschöpft sind, ohne dass der Ankurbelungszweck erreicht ist, um so mehr müssen die Strategen der Arbeitsschlacht zu neuen Methoden greifen. Dabei wird es allerdings kaum möglich sein, den bequemen Aus- 2* weg zu beschreiten� den der landrat von Neuwied(Rheinprovinz) entdeckt hat. Unter dem 16. Mai richtete der Herr Landrat an die"erwerbslosen Volksgenossen" eine Bekanntmachung, in der es hiesss "Auf die Dauer kann den arbeitenden Volksgenossen nicht zugemutet werden, dass sie Erwerbslose mitschleppen, die sehr gut selbst noch arbeiten können und bei gutem Willen auch Arbeit finden....... Ich erwarte, dass in den nächsten Wochen auch die letzten Erwerbs� losen im Kreise sich Arbeit beschafft haben werden.... Wir sind keine Rentner- und Fürsorgeanstalt, sondern ein Staat der Arbeit und der Pflichterfüllung.... Ich erwarte von jedem Volksgenossen, dass er sieh seiner Pflichten der Allgemeinheit gegenüber jeder Zeit bewusst ist, Auf einen mindestens ebenso genialen Ausweg ist man in Pommern ge� kommen. Unser Berichterstatter teilt mits "Die Arbeitsbeschaffung in Pommern stockt, da Mittel für die Fortführung der Arbeiten nicht mehr zur Verfügung stehen. Man geht jetzt dazu über, Arbeitslose auf dem Wege der Pflichtarbeit für die Samm= langen heranzuziehen. Arbeitslose, die sich weigern, diese Arbeit zu erledigen, werden mit 6 Wochen Unterstützungsentzug bestraft." Welche neuen Methoden bei ddr Umstellung der Arbeitsschlacht bevor- zugt werden sollen, geht am deutlichsten aus dem"Göring-Plan" hervor. Aus den Knittelversen der Gpossplakate in nüchterne Prosa übersetzt, sieht der Plan vors 1< Die jungen Leute aus den Betrieben sollen aufs Land geschickt werden. 2. 3, 4< Die jungen Arbeiterinnen sollen Hausarbeit machen. Berufstätige Ehefrauen sollen sich an den Kochtopf zurückziehen. Bei der Arbeitsvermittlung soll keine Rücksicht mehr auf Berufsausbildung und bisherige Tätigkeit genommen werden. Die gesetzliehe Grundlage für die Abschiebung der Erwerbslosen und der jungen B@triebsarbeiter auf das: lache Land bildet das Gesetz zur Regelung des Arbeitseinsatzes vom 15. Mai. Unter dem Vorwand eine: grosszügigen"Umschiehtung unserer Bevölkerung von der Stadt auf das Land" und um einem mysteriösen Mangel an Landarbeitern abzuhelfen, werden jetzt in allen Landesteilen die jugendliehen Betriebsarbeiter zwischen 18 und 25 Jahren unter stärksten Druck gesetzt, ihre Arbeitsplätze für ältere Erwerbslose freizumachen und aufs Land zu gehen. Dasselbe geschieht bei Handwerksgesellen und Arbeiterinnen. Arbeiter und Arbeiterinnen, die früher in der Landwirtschaft tätig waren, werden aus gewerblichen Betrieben entlassen. Gleichzeitig werden die Arbeitslosen auf ihre"Arbeitstauglicbkeit" H—. ärztlich unteraucht, um auf diese Weise einen Vorwand für ihre Abschiebung in die allgemeine Fürsorge zu schaffen. In Offenbach am Main ging den Arbeitslosen folgendes Dokument zus "Akt. Nr.... Sie werden ersucht, sich umgehend bei dem hiesigen Arbeitsamt unter Vorlage dieses Schreibens für die Landhilfe/ den freiwilligen Arbeitsdienst zu melden. Dabei wird bemerkt, dass denjenigen, die dieser Maldung ohne triftigen Grund(Krankheit) nicht nachkommen, die Unterstützung sofort eingestellt und nur noch in Form geschlossener Fürsorge(Veraorgungsheim) gewährt wird. Ausser Krankheit oder ganz besonderen Familienverhältnissen können keine Ableh- nungsgründe angenommen werden. Städt. Wohlfahrts-& Jugendamt Arbeitafürsorgestelle." Der Arbeitsdiensts Reiehsarbeitsführer Hierls"Es muss jetzt der Uebergang zur allgemeinen Arbeitsdienstpflicht mit aller Tatkraft eingeleitet werden!" Die- se Tatkraft sieht folgendermassen auas 1. Die Behörden entlassen ihre 18- r 5 jährigen Beamten und Angestellten mit dem Bemerken, dass sie erst nach Erlangung eines Ar- beitspassea wieder eingestellt werden könnten.(Einen Arbeitspass erhält nur, wer mindestens 1/2 Jahr Arbeitsdienst geleistet hat.) 2. Auf den Arbeitsämtern werden die Jugendlichen bis 25 Jahren aufgefordert- unter Zurückhaltung ihrer Stempelkarte- in den Arbeitsdienst einzutreten oder auf die Unterstützung zu verzichten,(s. oben) g. Eg werden Arbeitsdienstlager für junge MäLchen errichtet. 4. Die Dienstdauer bereits eingestellter Dienstwilliger wird von 1/2 Jahr auf ein ganzes Jahr ausgedehnt. 6. Bericht aus Leipzigs"Im Bibliographischen Institut hat die Ge- sehäftsleitung die Ostern ausgelernten Lehrlinge und Lehrmädchen für den freiwilligen Arbeitsdienst angemeldet, ohne dass sie gefragt worden sind. Eg wurde ihnen das Versprechen gegeben, dass sie nach Ablauf des Arbeitsdienstes wieder eingestellt werdeh." 6. Berieht aus Bremens"Junge Seeleute bis zum 25. Lehensjahr werden jetzt yus den Sehiffsbesatzungen ausgeschieden und kommen in einen besonderen Arbeitsdienst. Dafür werden teilweise ältere arbeitslose Seeleute eingestellt. Die jungen Männer kommen auf auäbesserungsbedürf- tige Handelsschiffe, die sie neu herzurichten haben. In Hamburg und Bremen sind so ca. 1c Schiffe in Arbeit. Der äussere Zweck"Arbeitsdienst" ist jedoch nur eine Tarnung. Tatsächlich sind diese Schiffslager für junge Seeleute schwimmende Kasernen. A= 29= Ea ist nur fraglichg wie lange dieses immerhin ziemlich kostspie= lige Verfahren der Entlastung des Arbeitsmarktes durchgeführt werden kann. Schon tauchen auch hier finanzielle Schwierigkeiten auf. Ein Bericht aus Westsachsen besagts "Die Finanzierung verschiedener Arbeitslager ist gefährdet. So ist u.a. bekanntp 1. dass das Arbeitsdienstlager in Stollberg das verschuldetste Arbeitslager in Sachsen ist. Bei den Schulden handelt es sich vornehmlich um Lederschulden. 2. soll das Arbeitslager in W. nach einer Mitteilung des Kreisverbandsleiters Hess- Plauen im Handwerkerverband der Schuhmacher ebenfalls in grosser Finanznet sein. Die monatelange Pumperei erregte den Protest der Lieferanten,, besonders der Fleischer und Bäcker. Die sofortige Bezahlung der Waren ist noch nicht gesichert." Ein Bericht aus Erfurt(Thüringen) meldet ebenfallss "Es bildete sich ein Gläubigerverein der Arbeitsdienst- und Konzentrationslagerp weil die Zahlungen der Lagerverwaltungen äusserst zu wünschen übrig lassen. Die Kaufleute bekommen für gelieferte Waren kein Geldp sondern mitunter Steuergutscheinep mit denen sie natürlich ihren Verpflichtungen den Lieferanten gegenüber nicht nachkommen können. Bei natsoz. Sammlungen weisen die Kaufleute den Sammlern sehr oft ihr Guthabenkonto vor und geben nichts für die Sammlung." Die �andhilfes Staatssekretär Reinhardt kündigte in einer Rede vom 9. Juni an, dass die Zahl der Landhelfer und Landhelferinnen, die gegenwärtig 116.eoo betrage, um weitere Soo.ooo vermehrt werden soll. Die Hitler- Jugend hat sich)ereits dieser Aufgabe angenommen, um"durch Eingliederung der Landjugend und Landhelfer das grosse Bindeglied zwischen der Jugend der Gposstädte und der Jugend des Landes zu schaffen." Ueber die Beschaffenheit dieses Bindegliedes geht aus den Berichten folgendes hervors Preising(Bayern)s"Hier setzte man mit der Abschiebung zur,Land- hilfe" am rücksichtslosesten ein. Wer etwas gegen die Abschiebung einzuwenden wagte, bekam kurzerhand keine Unterstützung mehr. So mussten auch MädelSp die schon 6 Jahre als Verkäuferinnen in diesem Bernfe stehen, zur"Landhilfe" abwandern. Dabei musste ein mir bekanntes Mädel mit den Bauernburschen gehwere Holzstöcke heraushacken. Sie mühte sieh bei dieser ungewohnten Arbeit solange ab, bis sie sieh vor Ueberanstrengung nicht mehr rühren konnte. Erst auf die Beschwerde eines Arztes konnte sie von dieser Arbeit befreit werden." A" So" (Saehgan)3 AT-beitslesea nntep 25 Jahren wurden vorgemerkt. Ein Teil wurde zur Landhilfe in Orte des Leipziger Bezirkes gesehiekt. Aueh nach Ostpreussen werden JugeL.lliehe als Landhilfe versehidkt. Selbst Saisonarbeiter müssen zur Landhilfe gehend wenn sie nieht die Unterstützung verlieren wollen. Eppendorf und Umgebung(Sachsen) s Seit längerer Zeit meutern die Bauern und die Jugendliehen gegen die Landhilfe. Die Bauern sind unzufrieden darüberg dass sie Jugendliche als Landhilfe nehmen müsseng obwohl sie sie nicht voll beschäftigen können. Sie betrachten die Jugendlichen oft als M�nBütze FresserM. Die Jugendlichen sind unzufrieden darüberp dass man sie zu einer Arbeit zwingtg zu der sie keine Zuneigung habeng und dass sie so miserabel entlohnt werden." Ostsachsens"Alle Arbeiterinnen unter 25 Jahren werden aufge- f ordert g aufs Land zu gehen und ihren Arbeitsplatz Männern freizumachen. In den grösseren Betriebeng so bei Küttner in Pirnäg wurde den jungen Arbeiterinnen mitgeteiltg dass sie aufs Land gehen müssteng da sie sonst ohne Unterstützungsanspruch entlassen würd'en'."'ly